McDermid, Val – Echo einer Winternacht

1978. In einer eisigen Winternacht wird im schottischen St. Andrews eine junge Frau erstochen. Vier Studenten, alte Freunde, finden die Sterbende, können ihr Leben aber nicht mehr retten. Doch seitdem werden sie von Medien, Polizisten und Verwandten der Toten verdächtigt.

Und 25 Jahre später beginnt ein Unbekannter, späte Rache zu üben: zwei der vier Freunde sterben. Ein Albtraum beginnt. Wird es den beiden Überlebenden gelingen, sich und ihre Familien vor dem Rachefeldzug des Unbekannten in Sicherheit zu bringen? Sie machen sich daran, die fast verjährte Tat endlich aufzuklären, denn nur so kann der Wahnsinn gestoppt werden.

|Die Autorin|

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den |Gold Dagger Award| der britischen |Crime Writers‘ Association|. (Verlagsinfo)

Für „Echo einer Winternacht“ wurde sie kürzlich mit dem amerikanischen |Barry 2004 Award| in der Kategorie „Best British Crime Novel“ ausgezeichnet. Der „Barry Award“ wird von der amerikanischen Krimizeitschrift „Deadly
Pleasures“ in verschiedenen Kategorien verliehen. Bei den Recherchen hat sie auf juristischen Rat zurückgegriffen. Denn das schottische Recht weist doch einige Unterschiede zum englischen auf, die für die Geschichte von Bedeutung sind.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-„Tatort“-Serie den |Deutschen Fernsehpreis|.

Bär hat bislang vier Hörbücher nach Krimis von Håkan Nesser gelesen, die bei |Random House| erschienen sind.

_Handlung_

Ein Mann steht im November 2003 am Grab von Rosemary Duff im schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews. Er erinnert sich an jene schicksalhafte Winternacht vor 25 Jahren, als man Rosemary fand …

|16. Dezember 1978|

Vier Studenten, die seit Kindheitstagen Freunde sind, machen auf dem Hallow Hill, einem alten keltischen Friedhof in St. Andrews, eine grausige Entdeckung: Sie finden den blutüberströmten Körper der jungen Rosemary Duff. Die vier Freunde – Ziggy, Gilley, Mondo und Weird – können Rosies leben nicht mehr retten. Gilley läuft zu einer in der Nähe parkenden Polizeipatrouille (es gibt zu wenig Benzin, um durch die Straßen zu patrouillieren) und holt Hilfe. Doch zusammen mit dem Polizisten James Lawson kann er nur noch Rosies Tod feststellen.

Leider sind die ersten Zeugen automatisch auch die Tatverdächtigen, und so werden sie nacheinander von der Polizei in die Mangel genommen. Die Vernehmungen führt Barney Maclennan, doch sie führen nur zu zwei Festnahmen: Die Jungs haben Drogen genommen und sich einen Landrover ohne Wissen des Besitzers „ausgeliehen“, um damit Mädchen von einer Party „nach Hause zu bringen“.

Doch trotz ihrer Beteuerungen, nichts mit dem Mord zu tun zu haben, geraten sie unter Verdacht. Nicht nur das grausige Erlebnis selbst, sondern auch die Vorverurteilung durch Polizei, Medien und Einwohner der Gegend, nicht zuletzt durch Rosies zwei gewaltbereite Brüder Colin und Brian, verändern das Leben des Quartetts und stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe.

Der Fall fordert ein zweites Opfer: Officer Barney Maclennan überlebt seinen Einsatz bei der Rettung von Mondo nicht, der in die eiskalte See gesprungen war, um sich umzubringen. Und wie man munkelt, hat Mondo sogar Maclennan auf dem Gewissen, denn er trat nach dem Polizisten, so dass er zurück in die tobende See fiel. Jede Hilfe kam zu spät.

|November 2003|

Fünfundzwanzig Jahre später rollt die Polizei von St. Andrews unter Leitung von Assistant Chief Constable James Lawson alte Mordfälle wieder auf. Darunter auch den von Rosemary Duff. Dabei sollen neue kriminaltechnische Methoden eingesetzt werden. Doch was heißt schon „eingesetzt“? Aus Geldmangel werden nicht alle möglichen Methoden benutzt, sondern nur die gängigsten, so etwa die DNA-Analyse.

Doch leider müssen die Polizisten erstaunt feststellen, dass die Kartons mit den Beweisstücken aus dem Jahr 1978 verschwunden sind. Durch Zufall ist Rosies Strickjacke, die man später gefunden hatte, im Karton für 1980 gelandet: In ihr finden sich Spuren einer speziellen Farbe, die für Bootsanstriche verwendet wird. Diese Analyse führt aber nicht die Polizei durch …

Es scheint jemanden zu geben, der seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat: Ziggy, inzwischen erfolgreicher Kinderarzt, kommt in Seattle beim Brand seines Hauses in den Flammen um. Sein Lebensgefährte Paul Martin verständigt Gilley. Gilley, das ist Alex Gilbey, lebt seit 25 Jahren mit Mondos Schwester Lynn zusammen. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet und erwarten nun voll Vorfreude die Geburt ihres ersten Kindes. Die Nachricht von Ziggys Tod erschüttert sie.

Als kurz darauf auch Mondo Opfer eines Mordanschlags wird, kommt Alex ins Grübeln. Alex wird den Gedanken nicht los, dass es sich um Racheakte handelt. Kein Wunder, denn auf den Begräbnissen seiner zwei Freunde taucht jedes Mal ein Kranz auf, auf dessen Schleife „Rosemary zum Gedächtnis“ steht. Zusammen mit Weird, der inzwischen ein frommer Fernsehprediger in Georgia, USA, geworden ist, gehen sie zu Account Lawson und fordern ihn zum Handeln auf. Wer steckt hinter der Anschlagsserie? Sie werden die nächsten sein, wenn die Polizei nichts unternimmt.

Und als tatsächlich nichts geschieht, schaltet er Mondos Witwe und deren lesbische Geliebte Jackie, eine freie Journalistin ein, um eigene Ermittlungen anzustellen. Schon bald stößt er auf eine Spur, die in eine unerwartete Richtung weist …

_Mein Eindruck_

Val McDermid verfügt über großartige Fähigkeit, eine ganze kulturelle Ära wiederauferstehen zu lassen. Die längst vergangenen Tage von 1978, als Pink Floyd und David Bowie noch Idole waren (nach denen sich Mondo und Ziggy benannten), lässt sie wieder lebendig werden: lange Partys, viele weiche Drogen und mehr oder weniger willige Mädchen. Zu denen allerdings nicht die arme Rosie Duff gehörte.

Da McDermid selbst aus der Region um St. Andrews stammt, fällt es ihr nicht schwer, auch die Eigenarten der Bewohner dieser Region anschaulich deutlich zu machen – und das sind nicht immer positive. Rosies Brüder Brian und Colin gehen schon mal einen Schritt zu weit. Vor allem haben sie etwas gegen Schwule wie Ziggy. Da stehen sie allerdings nicht alleine, wie Alex Gilbey an den erstaunten Mienen seiner Freunde Mondo und Weird abliest. Dass Ziggy schwul ist, wussten sie nicht. Und Ziggy wollte nicht, dass sie es erfahren, denn sie halten ihn jetzt für „krank“. Und er sieht seine medizinische Laufbahn nicht zu Unrecht gefährdet.

„Schwulenklatschen“ – noch heute ein beliebter „Sport“ in manchen konservativen Gegenden, und zwar nicht nur im Wilden Westen, wo Schwule an den Wagen gebunden und zu Tode geschleift worden sind. Colin und Brian stecken Ziggy „nur“ in ein altes Verlies der Burg von St. Andrews. Als Ziggys Schwulsein bekannt wird, verliert Mondo seine Freundin. Als ob er infiziert wäre oder so. (Das führt zu seinem Selbstmordversuch.) Dass Ziggys Vater Jude ist und eine Katholikin geheiratet hat, macht Ziggy nicht beliebter – wenn er das irgendjemandem verraten würde. Es ist kein Wunder, dass er nach Amerika auswandert, an die Westküste, wo es bereits tolerante Schwulen-Gemeinschaften gibt.

Aber auch mit dem heterosexuellen Alex Gilbey verfahren die Einwohner nicht zimperlich. Seine Kommilitonen, insbesondere die für hochnäsig gehaltenen Engländer aus dem Süden (die ’sassenachs‘) schlagen den Schotten zusammen. Er schlägt denn auch keine Akademikerlaufbahn ein wie Mondo, sondern wird Fabrikant von Glückwunschkarten. Nicht gerade der tollste Beruf, aber er nährt seinen Mann, wie seine ebenfalls berufstätige Frau Lynn, eine Gemälderestauratorin, sicher feststellen würde.

Was aber dem Leser bzw. Hörer weitaus merkwürdiger vorkommt als das stockkonservative Verhalten gewisser Leute, ist das Verhalten der Polizeibehörden. Nicht nur, dass eine Patrouille nicht patroulliert, sondern praktisch Wache steht, wundert etwas. Auch dass Beweisstücke im Laufe der Jahre spurlos verschwinden, spricht nicht gerade für Sorgfalt im Job. Dass Colin und Brian Duff nur verwarnt werden, wenn sie Weird krankenhausreif schlagen und Ziggy im Verlies verschwinden lassen, ist noch rätselhafter.

Nicht ganz nachvollziehen kann Alex, warum Lawson, Ermittlungsleiter im Jahr 2003, seine Leute auf Spurensuche setzt, statt sie auf Interviewtour zu schicken. Und warum erzählt Barney Maclennans Bruder Robin brühwarm, wer seinen Bruder auf dem Gewissen hat? Man könnte beinahe auf die Idee kommen, Lawson habe etwas zu verbergen. Doch die Mordserie, der Ziggy und Mondo zum Opfer fallen, lenkt Alex und Weird, die sich Gedanken machen könnten, von solchem Verdacht ab.

McDermid ist es gelungen, ihre Geschichte nicht nur zu einem gut funktionierenden Krimi mit Thriller-tauglichem Herzschlagfinale zu machen. Sie hat einen Entwicklungsroman über vier Angehörige einer bestimmten Generation geschrieben. Und dies sind die besten Geschichten: Der Leser bzw. Hörer nimmt nicht nur am Schicksal der vier „Laddies aus Kirkcaldy“ teil, sondern versteht auch ihr soziales Umfeld, in dem ein Mord wie der an Rosie Duff geschehen konnte, ohne dass er ein Vierteljahrhundert lang aufgeklärt wurde.

In Anspielung auf kurz zurückliegende Hexenjagden auf Pädophile in England (ca. 2002) macht sie klar, dass es latenten Hass gegen Randgruppen wie Schwule, Juden, Schotten, Katholiken und was nicht alles gibt. Und dass kaum etwas dagegen unternommen wird, diese Spannungen abzubauen. Zweitens wird deutlich, dass selbst die modernsten kriminalistischen Methoden wie die DNA-Analyse nicht zum Erfolg führen, wenn sie von den Leuten, die sie anwenden sollen, systematisch sabotiert werden.

Wer soll die Wächter bewachen?, fragten sich schon die alten Römer. Die Frage ist natürlich bis heute aktuell. Ganz besonders brisant wird sie innerhalb der Handlung, als es im Finale darum geht, den wahren Mörder zu verhaften. Die Polizistin, an die sich Alex wendet – er zeigt ihr sogar den Beweis dafür -, weigert sich rundweg und erklärt ihn für geistesgestört: ein klarer Fall von Kadavergehorsam. Lieber lässt sie es darauf ankommen, dass ein Unschuldiger getötet wird. Dass genau das passiert, dürfte jeden redlich denkenden Leser & Hörer zur Weißglut bringen.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär gelingt es gut, die Figuren zum Leben zu erwecken. Manche Figuren sprechen betont langsam und bedächtig, andere wieder schnell und in geschliffener Ausdrucksform. Besonders gefiel mir die Stelle, als Bär den Klang nachahmt, den ein Sprecher mit gebrochener Nase – es ist der zusammengeschlagene Weird – hervorbringt. Wie Bär das gemacht hat, versuche ich mir vorzustellen. Hat er sich etwas vor den Mund oder die Nase gehalten?

Die Fülle der Figuren in dem Buch dürfte so manchem Leser/Hörer zu schaffen machen. Leider gibt es weder im Buch noch im Hörbuch einen Liste der „dramatis personae“. Im Hörbuch bin ich durch die Ortswechsel mehrmals ins Schleudern geraten. Dass Ziggys Begräbnis in Seattle stattfindet und Mondo in Glasgow lebt, kapierte ich erst nach einer ganze Weile und wiederholtem „Zurückspulen“ der CD. Hier hilft es wohl, wenn sich der Hörer ein paar Notizen macht.

Im Übrigen ist das Hörbuch ebenso spannend zu hören, wie das Buch zu lesen ist, mit dem ich es vergleichen konnte. Natürlich wurde wieder der rote Faden herausgearbeitet und bis zu dessen logischem Ende verfolgt, das in einem dramatischen Finale gipfelt. Ich hätte der Geschichte noch stundenlang zuhören können. Doch das Hörbuch ist wirklich nur 5 CDs lang: 354 Minuten, knapp sechs Stunden.

_Unterm Strich_

Wie schon beim genialen „Die Erfinder des Todes“ ist Val McDermid auch mit „Echo einer Winternacht“ ein unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen, an dessen Verlauf der Leser /Hörer wirklich Anteil nimmt. Das Schicksal der vier Freunde und insbesondere das von Alex Gilbeys Familie liefert den roten Faden, an dem sich die Handlung orientiert.

Doch gibt es eine parallele Handlung, die ich hier aus Geheimhaltungsgründen verschwiegen habe, um die Spannung nicht zu verderben. Und im Zusammenspiel erzeugen die beiden Handlungsstränge eine Dynamik, die schnurstracks auf das dramatische Finale hinführt.

Das Hörbuch hat mich zufrieden zurückgelassen. Besonders die Vortragskunst Dietmar Bärs weiß ich inzwischen zu schätzen. Er hat ja auch einige Van-Veeteren-Romane Håkan Nessers aufgenommen. Stets wird deutlich, dass er sich anstrengt, die Figuren zum Leben zu erwecken und den Hörer an ihrem Schicksal Anteil nehmen zu lassen. Er kommt ohne Musik oder Soundeffekte aus. Aber das geht in Ordnung. Die Geschichte kann für sich stehen und braucht keine unterstützenden Maßnahmen.

Dieses Hörbuch hat sich meine Höchstwertung verdient.

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