McKinley, Tamara – Lied des Regenpfeifers, Das

Olivia Hamilton kehrt 1947 aus London nach Australien zurück. Begleitet von Giles, einem Freund aus Kindertagen, will sie dem Geheimnis ihrer Geburt nachspüren. Denn seit dem Tod ihrer Mutter Eva weiß sie, dass sie adoptiert war, eine Entdeckung, die sie tief verstört. Nicht einmal Giles, der die junge Frau innig liebt, findet noch Zugang zu ihrem Herzen.

Auf der Suche nach ihrer wahren Herkunft folgt Olivia Evas Spuren und ist schon bald gefesselt von dem Leben dieser außergewöhnlichen Frau. (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte ihre Kindheit im Outback. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land, von dem sie so mitreißend zu erzählen weiß. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen ist als Fernseh- und Theaterdarstellerin ebenso erfolgreich wie als Moderatorin im Rundfunk. Auch ihre Synchronstimme ist vielen Hörern vertraut. (Verlagsinfo)

Die Übersetzung stammt von Rainer Schmidt, die gekürzte Fassung und Hörspielbearbeitung von Antje Nissen. Regie führte der Produzent Marc Sieper.

_Handlung_

Am 10. März 1896 erleidet das Auswandererschiff „S.S. Arcadia“ in schwerer See Schiffbruch vor der westaustralischen Küste. An Bord ist Eva Hamilton, die ihrem Gatten Frederick gefolgt ist, der als Landvermesser im Auftrag das Land erkunden soll. Während Frederick Eva in ein Rettungsboot setzen kann, wird er selbst von einem riesigen Brecher über Bord gespült. Eva ist verzweifelt und wird von einer Frau namens Jessie getröstet, die später zu ihrer engsten Freundin wird. Nur fünfzehn Überlebende finden an den Strand. Da nähert sich ein Pferdewagen aus dem Nichts. An Bord ist Frederick!

1947 kehrt ihre Tochter Olivia zurück in die australische Heimat. Sie hat während des Krieges als Krankenschwester gearbeitet und sich mit Giles, einem Freund aus Kindheitstagen, der im Krieg einen Arm verlor, auf den Weg gemacht, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Denn nach dem Tod ihrer Mutter in London ein Jahr zuvor fand sie in einem Geheimfach des mütterlichen Schreibtischs ein Dokument, das sie als Adoptivtochter ausweist. Sie ist erschüttert. Doch wer sind ihre wahren Eltern? Nur wenn sie die Vergangenheit kennt, denkt sie, kann sie Pläne für die Zukunft machen. Sie ahnt nicht, dass Giles sie aus tiefster Seele liebt.

In Olivias Bestimmungsort Trinity, der an der nordöstlichen Küste nahe Cairns liegt, lebt seit ein, zwei Jahren auch Maggie Finlay. Sie ist sauer, dass der Besitzer des Hotels, in dem sie als „Mädchen für alles“ arbeitet, Sam White, zum Angeln gegangen ist und den ganzen Krempel ihr überlassen hat. Sam hat sich ebenfalls in den Jahren, in denen er im Krieg gedient hat, verändert. Er ist 42 und immer noch unverheiratet. Kein Wunder, dass sich Maggie Chancen bei ihm ausrechnet.

Da kommt Olivia mit Begleiter hereingeschneit. Maggie gibt ihnen zwei gute Einzelzimmer – aha, nur ein „Freund“? Nachdem Sam White Olivia begrüsst hat, fährt sie auf ihren ersten und wichtigsten Trip. Er führt sie zu den Stanfords, doch Irene Stanford ist weggezogen, und so fährt sie ihr mit Giles nach. Auf der Delorraine-Farm begrüßt sie freundlich der sechzig Jahre alte William, Irenes Mann. Er erkennt Olivia sogar, obwohl sie Jahre weg war.

Doch Irene Stanford ist das genaue Gegenteil Williams: kalt, abweisend, habgierig und wer weiß was noch alles. Olivia übergibt ihr ihr Erbteil: ein paar Schmuckstücke. Irene lässt sich kaum dazu herab, danke zu sagen. Giles ist erstaunt, als Olivia ihm erzählt, dass Irene ihre Schwester sei. 1901 wurde sie geboren und 18 Jahre später Olivia. Doch Frederick, Evas Mann, hat nie von Olivias Existenz erfahren, denn da war er bereits tot, umgekommen im Busch, den er erkunden sollte.

Giles kommt an dem großen Altersunterschied der beiden Schwestern etwas spanisch vor. Nicht nur ihm, sondern auch uns. Dass hierauf noch viele weitere Überraschungen folgen, dürfte klar sein. Insbesondere dann, als sich Olivia mal etwas eingehender mit Maggie unterhält.

_Mein Eindruck_

Die Erforschung der eigenen Herkunft ist ein spannendes Thema – ich weiß beispielsweise bis heute nicht, wer mein Urgroßvater väterlicherseits war. Hoffentlich irgendein Landesvater! Doch für Olivia gestaltet sich die Suche nach sich und ihrer wahren Familie ziemlich spannend, so dass dieser Handlungsstrang die volle Aufmerksamkeit des Lesers/Hörers erfordert.

|The Searchers|

Parallel wird die Geschichte von Maggie Finlay erzählt, die aufgrund dieses Umstands wohl in irgendeiner Beziehung zu Olivia stehen dürfte – ich verrate nicht, in welcher. Das Los Maggies ist wesentlich härter als Olivias und soll hier nicht näher wiedergegeben werden: eine Vergewaltigung und die Begegnung mit den Eingeborenen spielen eine Rolle. Maggie hätte ihren Sam allemal verdient.

In dem Bermuda-Dreieck der weiblichen Hauptfiguren fehlt noch Irene Stanford, die offenbar einiges zu verbergen hat. Es wird deutlich, dass die Elterngeneration – vor allem Eva Hamilton – ständig unter der Furcht vor öffentlicher Brandmarkung lebte, wenn eine Frau ein uneheliches Kind erwartete. Aus diesem sozialen Druck ergeben sich die Wirrungen, die Olivia aufzudecken sucht.

|Bitte etwas mehr Action!|

Man braucht sich aber keine Sorgen darüber zu machen, dass die Autorin es bei einer schicksalsträchtigen Suche bewenden lässt. Für einen Australienroman wäre das zwar typisch – alle sind auf irgendeine Weise miteinander verwandt, berichtet die Autorin – doch das wäre für eine anständige Story doch ein etwas dünner Plot. Was fehlt, ist etwas Action.

Australien ist kein Kontinent, der nicht mit sich spaßen lässt. Im Gegenteil: Er fordert jedem, der sich hier niederlassen will, das Allerletzte ab. Wasser oder vielmehr der Mangel daran ist oftmals das bestimmende Element im Überlebenskampf. Eva Hamilton erleidet Schiffbruch, ihr Gatte kommt bei der Wassersuche im Busch ums Leben. Und im dritten Viertel des Romans wird das scheinbare Paradies, das Olivia und Maggie in Trinity gefunden zu haben glauben, von einer Art Hurrikan heimgesucht – Stürme, die in dieser Weltgegend „Zyklone“ genannt werden. Die Bewohner drohen nun unter zu viel Wasser zu ersaufen.

Der Tropensturm wirbelt nicht nur das Leben der Menschen in Trinity durcheinander, sondern auch das von Irene Stanford … Die Autorin lässt hier die Natur mal wieder Schicksal spielen, und der Sturm ist ebenso Naturgewalt wie Symbol für die Fährnisse des Lebens in Australien.

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen verfügt über eine ziemlich tiefe Stimme, die sie jedoch sehr gut zu modulieren weiß. Sie kann einfühlsam, traurig, empört oder verzweifelt klingen. Daher ist keinerlei Musik nötig, um die entsprechenden Emotionen im Hörer zu wecken. Man folgt ihrem Vortrag mit erhöhter Aufmerksamkeit – nicht nur, weil drei Hauptfiguren mit ihren jeweiligen Begleitern auftreten, sondern auch weil die vorgetragene Geschichte so bewegend ist. Ich musste allerdings feststellen, dass Jeseline Gassen beim Aussprechen bestimmter Laute ihren Gaumen knacken lässt. Nach einer Weile des Zuhörens fällt dieses bedeutungslose Geräusch doch etwas auf, und ich musste mich zwingen, es nicht weiter zu beachten.

_Unterm Strich_

Tamara McKinley ist keine langjährige Verwalterin mündlicher Überlieferung wie ihre australische Kollegin Patricia Shaw. Dass sie sich dennoch mit den Lebensläufen und Schicksalen australischer Einwanderer auskennt, stellt sie eindrucksvoll mit „Das Lied des Regenpfeifers“ unter Beweis. Ihre Frauenfiguren stammen aus achtbaren Familien, doch mitunter stoßen ihnen hässliche Dinge zu. Die ständige Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung durchzieht alle bürgerlichen Lebensläufe, als befänden sich die Frauen noch mitten im tiefsten 19. Jahrhundert.

Romantisch verklärte Räuber und Banditen kommen hier ebenso wenig vor wie heroische Erforscher des fünften Kontinents (Frederick scheitert im Busch). Und unter den Männer gibt es ebenso feine Kerle wie charakterlose Dreckschweine, die Frauen nur zwecks Lustgewinn ausbeuten und sie dann sitzen lassen. Dass auch Frauen schlechte Menschen sein können, belegt Irene Stanford, doch wie Olivia herausfindet, hat Irene eine verdammt gute Entschuldigung.

Der Schicksalsroman dürfte vor allem Frauen ansprechen, ganz einfach deshalb, weil alle Hauptfiguren Frauen sind. Und die kommen voll auf ihre Kosten. Liebe, Drama, Verbrechen, Überraschungen – es ist alles drin. Weil sich aber das Geschehen zwischen 1898 und 1948 nur in den bürgerlichen Schichten abspielt, wird die das Land formende oberste Schicht ebenso ausgeblendet wie die später (z. B. von Peter Carey) romantisch verklärte Unterschicht der Arbeiter und Outlaws, von den Aborigines ganz zu schweigen. Folglich lernt die Leserin/Hörerin die Geschichte des Landes durch solche Romane nur unvollständig kennen.

Die Autorin kann allerdings nicht kaschieren, dass der Text viele sprachliche Klischees enthält, die offenbar zu einem Frauenschicksalsroman ebenso gehören wie ein Deckel auf den Topf – und in eben dieser Weise müssen alle Frauen am Schluss ihren Traummann finden. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, bis der- oder diejenige das einsieht. Und Irene erhält ihre verdiente Strafe, keine Sorge. Der gekürzte Text des Hörbuchs wird von Joseline Gassen bewegend und spannend, einfühlsam und modulationsreich vorgetragen.

|Originaltitel: Undercurrents, 2004
277 Minuten auf 4 CDs|

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