Michael Crichton – Beute (Prey)

Eigentlich als Wohltäter entwickelte Mini-Maschinen machen sich selbstständig und offenbaren dabei ihre Zweit-Wurzel als Instrumente eines zukünftigen Krieges, der im Mikrokosmos stattfinden soll … – Diese Schauermär wird als „science thriller“ verkauft und ist eine mit Klischees gespickte Variation bekannter Spannungselemente, die vor allem aufgrund der Prominenz ihres Verfassers zum Bestseller hochgehypt werden konnte, der tatsächlich nur Highspeed-Leerlauf bietet.

Das geschieht:

Vor kurzem gehörte Jack Forman noch zu den Prinzen von Silicon Valley. Mit 40 Jahren zwar schon ein wenig zu angegraut, um mit den jugendlichen Selbstausbeutern Schritt zu halten, galt er trotzdem aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung als brauchbares Arbeitspferd. Forman koordinierte die Erstellung komplexer Programme, mit denen sich biologische Prozesse simulieren lassen. Die Erschaffung eines digitalen Ameisenstammes war weit gediehen, als Jack seinen Chef bei krummen Geschäften erwischte. Er verletzte den Ehrenkodex seiner Branche, als er ihn anschwärzte, wurde zur Strafe entlassen und auf eine Schwarze Liste geschäftsschädlicher Wahrheitsapostel und Spielverderber gesetzt. Seither spielt Jack den Hausmann für seine drei Kinder und Gattin Julia, die als Karrierefrau bei Xymos Technologies glänzt, einer Firma, die in „molekularer Produktion“ macht, d. h. sogenannte Nanomaschinen herstellt: Apparate von der ‚Größe‘ einzelner Moleküle = so winzig, dass sie durch die Körper kränkelnder Menschen geschickt werden können, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Jack ist aber nur bedingt stolz auf seine erfolgreiche Ehefrau. Julia benimmt sich merkwürdig, ist schroff und abweisend zur Familie und praktisch ständig im Büro. Jack vermutet eine Affäre, nachdem er sie bei einigen Lügen ertappt hat. Die Wahrheit entdeckt Jack erst, als sich die Ereignisse überschlagen. Xymos heuert ihn als Berater an, denn in der geheimen Fertigungsstätte der Firma in der Wüste von Nevada geht Unheimliches vor. Genialität, Gleichgültigkeit und menschliches Versagen haben einen digitalen Golem geschaffen: Von ungeduldigen Geldgebern unter Druck gesetzt, haben Xymos-Wissenschaftler auf dem Weg zur funktionstüchtigen Nanomaschine Abkürzungen genommen. Sie ließen sich bei der Produktion jener Rohmoleküle, aus denen die kleinen Wunderwerke montiert werden, durch manipulierte Bakterien unterstützen. Man wählte eine Spezies aus, die gut in den Eingeweiden warmblütiger Lebewesen existieren kann.

Was dabei entstand, wissen die modernen Frankensteine selbst nicht genau, was fatal ist, als ein Schwarm dieser Nanomaschinen durch einen technischen Defekt ins Freie gelangte. Dort hat er nicht nur überlebt, sondern zeigt deutlich, dass er über Intelligenz verfügt. Die einzelnen Maschinchen arbeiten als Verbund, und sie sind brandgefährlich: Xymos bastelt nämlich auch an molekülkleinem Kriegsgerät, das jetzt seine Effizienz nicht im Nahen Osten bei der Bekämpfung terroristischen Natterngezüchts, sondern in Gottes Vereinigten Staaten unter Beweis stellt …

Wissenschaft im Zeitalter globaler Konsumtauglichkeit

Wie bekämpft man einen Feind, den man nicht sehen kann? Gar nicht, wie jedermann (und jede Frau) bestätigen wird, der (oder die) wieder einmal von Schnupfenviren attackiert wurde, gegen die immer noch kein Kraut gewachsen ist. Unsichtbar bedeutet also längst nicht ungefährlich – und genau das ist die Prämisse, auf der Bestsellerautor Michael Crichton seinen Wissenschafts-Thriller „Beute“ fußen lässt.

Es fängt gut an: als stimmiges Psychogramm eines Mannes, der sich als hochbezahlter Spezialist stets über die Widrigkeiten des arbeitenden Pöbels erhaben fühlte, bis ihm die Rezession, vor der wir heute alle gleich sind, schließlich doch ein Bein stellt. Nun liegt er verwirrt am Boden und bemüht sich, die Scherben seiner Existenz zusammenzukehren. Crichton ist boshaft und witzig genug, ihn dies politisch höchst unkorrekt als Hausmann nicht überwinden, sondern durchleiden zu lassen – der ewige, heute ängstlich unterdrückte, aber offensichtlich weiterhin präsente Albtraum des (US-amerikanischen) Mannes vor dem matriarchalischen Ende der Welt.

Allmählich mischen sich Vorzeichen unguten Treibens in die ohnehin brüchige Familienidylle. Wieder einmal haben Wissenschaftler Gott gespielt und sich dabei denkbar dämlich angestellt. Das scheint Crichton, der Schriftsteller, imitieren zu wollen, indem er keine Spuren legt, die sacht für Thrill und Stimmung sorgen, sondern ausnahmslos jede zukünftige Verwicklung so durchsichtig anlegt, dass noch der dümmste Leser merkt, in welche Richtung dieser (schlappe) Hase läuft. Es gibt es nicht die kleinste Überraschung, stumpf arbeitet sich der Verfasser von A nach B vor, dann weiter nach C … und dann ist eigentlich Schluss: Sobald wir die einsame Forschungsstation in der Wüste erreicht haben, bricht die Geschichte zusammen. Man merkt förmlich, wie Crichton die Lust verliert. Öde Hollywood- Routine dominiert nun die erst recht vorhersehbare Handlung. (Zur Erinnerung: Michael Crichton ist auch ein durchaus erfolgreicher Drehbuchautor und Filmregisseur, dem 1972 mit „Westworld“ sogar ein Klassiker des Science Fiction-Kinos glückte.) Da wird viel gerannt und gestorben, doch daraus entstehen nur noch Leerlauf und Langeweile.

Schema-F-‚Bestseller‘

Wie so oft ist Crichton alten Sünden verfallen: Er hat nicht nur einen Roman, sondern gleich die Drehbuch-Vorlage für den bereits geplanten Film geschrieben. Normalerweise sind dies zwei recht unterschiedliche Medien, aber wieso sich die Arbeit unnötig schwer machen, wenn man auch so doppelt abkassieren kann? Die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, mit der Crichton seine gutgläubigen Leser, wird diesem spätestens offenbar, wenn er (oder sie) mit einem Finale abgespeist wird, das an hirnloser Dürftigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Sinnlose Taten, dämliche Dialoge, leblose Action-Szenen – Crichton will nur noch irgendwie zum Ende kommen; er hat längst aufgegeben, dies in Würde und einigermaßen logisch zu schaffen, und schämt sich nicht einmal, früher aufwändig begonnene, dann irgendwann abgewürgte Handlungsstränge in einem angeklebten Nachwort zu ‚erklären‘.

Crichton-Sünde Nr. 2 ist das schamlose Plagiat des eigenen Werkes. Dieser Mann schien über ein nur begrenztes schriftstellerisches Talent zu verfügen, vor allem aber unter einem gravierenden Mangel an Fantasie zu leiden. Immer wieder staubte er dieselben wenigen Ideen ab, schraubte sie in leicht veränderter Reihenfolge zusammen und meinte ernsthaft, dies werde niemand merken. „Beute“ ist nichts als eine Neuauflage des Crichton-Frühwerks „The Andromeda Strain“ (1970, dt. „Andromeda – Tödlicher Staub aus des All“), verquickt mit dem Drehbuch zum Crichton-Film „Runaway“ (1984, dt. „Runaway – Spinnen des Todes“). High-Tech-gerüstete Forscher, die ihr blaues Wunder erleben, konnten (oder mussten) wir zum ersten (und besten) Mal in „Congo“ (1980, dt. „Expedition Kongo“) und seither immer wieder („Sphere“, dt. „Die Gedanken des Todes“, in den beiden „Jurassic-Park“-Romanen oder in „Timeline“) verfolgen.

Die desaströse Schlampigkeit der zweiten Buchhälfte lässt sich auch in der Figurenzeichnung verfolgen. Während Jack Forman als sympathischer Protagonist sorgfältig aufgebaut wird und überzeugen kann, agieren in der Wüste Nevadas ausschließlich eindimensionale Pappkameraden. Die nanotechnisch aufgerüstete Julia ist eine reine Lachnummer, ihr Ende nicht tragisch, sondern plump auf den (Schau-) Effekt getrimmt und absolut kalt lassend.

Push-Bestseller

Michael Crichton (1942-2008) hatte 2002 als Autor einen Status erreicht, der seine Werke aufgrund ihrer Verkaufszahlen über schnöde Kritik erhob. „Beute“ hat wie jedes Buch von Michael Crichton spätestens ab „Jurassic Park“ mehr mit der Wunderwelt maßgeschneiderter Mikro-Maschinen gemeinsam, als dies auf den ersten Blick sichtbar wird. Dieses Buch wurde kühl am Reißbrett entworfen. Lange bevor es überhaupt geschrieben war, wurde es beworben. Die Filmrechte gingen für eine Fantasiesumme an Hollywood, was endgültig den Status von Michael Crichton dokumentiert, der nicht nur ein Schriftsteller, sondern ein mächtiger Mann in der Unterhaltungsindustrie war.

Weder Inhalt noch gar Qualität spielten innerhalb dieses Marketing-Konzeptes eine Rolle: Das Produkt „Beute“ wurde als globaler Bestseller für den Weihnachtsmarkt des Jahres 2002 entwickelt. In dieser Hinsicht hat die Branche viel von Hollywood gelernt. Dort ist man schon seit Jahren dazu übergegangen, selbst mittelprächtige Filme in möglichst hohen Kopienzahlen in die Kinos zu pressen: Der erste Ansturm der Neugierigen sorgt dann für hohe Besucherzahlen, bevor die Mundpropaganda womöglich ihr kassengiftiges Werk tut.

Diese Strategie funktioniert auch auf dem Buchmarkt: „Beute“ erschien praktisch in allen Industriestaaten dieser Erde gleichzeitig. Kein niederträchtiger Kritiker konnte so z. B. dem deutschen Verlag in die Suppe spucken. Daher wurden gleich zwei Übersetzer auf „Beute“ losgelassen, um ja keine Zeit zu verlieren. Sie haben ihre Arbeit zur angenehmen Abwechslung zumindest so erledigt, dass sich das Ergebnis ohne jenes Stöhnen lesen lässt, das üblicherweise solche Hauruck-Aktionen begleitet. Nichtsdestotrotz überwiegt die Enttäuschung über die zum Medienhype aufgeblähte Zeit- und Geldverschwendung, die dieses krude Werk darstellt.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: Prey (New York : HarperCollins 2002)
Übersetzung: Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann
www.randomhouse.de/goldmann

E-Book: 1046 KB
ISBN-13: 978-3-641-13535-5
www.randomhouse.de/blessing

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