Michael Crichton – The 13th Warrior / Der 13. Krieger

Beowulf in einer arabischen Kulturreportage

Im Jahr 922 verschlägt es den arabischen Höfling Ibn Fadlan, der im Auftrag des Kalifen von Bagdad unterwegs ist, in die nordischen Länder. Er sieht sich veranlasst, sich dem Helden Buliwyf und dessen elf Kriegern anzuschließen, um eine schlimme Bedrohung von König Rothgars Land abzuwenden: einen Feuerdrachen und einen Stamm von Kannibalen…

Der Autor

Michael Crichton wurde 1942 in Chicago geboren und studierte in Harvard Medizin. Crichton, der seit Mitte der Sechzigerjahre Romane schrieb, griff immer wieder neueste naturwissenschaftliche und technische Forschungen auf. Für die international erfolgreiche TV-Serie „Emergency Room“ schrieb er das Drehbuch. Seine Thriller – darunter „Dino Park“, „The Lost World“, „Enthüllung“, „Der 13. Krieger“ und „Next“ – wurden auch als Filme Erfolge. 27 Romane und mehr als 100 Mio. verkaufte Bücher stehen für sein Werk. Er starb im November 2008 im Alter von 66 Jahren. (abgewandelte Verlagsinfo)

Handlung

Ein klitzekleines Schäferstündchen mit einer Schönen, die die Frau eines anderen ist, wird Ibn Fadlan zum Verhängnis. Der Höfling des Kalifen von Bagdad soll die Stadt verlassen. Ein Vorwand ist schnell gefunden: Er soll dem König der Bulgaren eine Botschaft des Kalifen überbringen. Der Haken dabei: Die Bulgaren leben anno 922 irgendwo an der oberen Wolga, also mehrere tausend Kilometer entfernt. Ibn Fadlan, der sich in sein Schicksal fügen muss, will er nicht geköpft werden, beschließt, einen genauen Reisebericht zu verfassen, ganz egal, welchen Schrecken er begegnen und welche Unannehmlichkeiten er dafür erdulden muss.

Nordmänner

Er schließt sich einer Karawane an, die mehrere Arten von Geschenken mit sich führt, mit denen sich die fremden Völkern bestechen lassen, darunter auch Seide. Nach der Durchquerung der Gegend der recht unreinlichen Turk-Völker gelangt die Karawane, die entlang des Kaspischen Meeres an den Unterlauf der Wolga. Auch hier leben recht gewöhnungsbedürftige Stämme, doch unser Chronist achtet auf Ehrbarkeit, was die Frauen angeht, und auf Sauberkeit, was die Körperhygiene angeht.

Die Wolga ist der mächtigste Strom in dieser Gegend und wird regelmäßig von Nordmännern befahren, die entweder im Reich der ihnen verwandten Rus oder nach Konstantinopel unterwegs sind. Die Waräger-Garde des Königs von Byzanz besteht ebenfalls aus Nordmännern. Schließlich lernt Ibn Fadlan an einem Handelsplatz die kleine Kriegergruppe des Recken Buliwyf kennen, und weil dessen Jarl Herger Latein spricht, kann er sich mit ihm gut unterhalten.

Ein anderes Boot ist aus dem Norden gekommen und als Bote seines Königs Rothgar hat dessen Sohn Wulfgar mit Buliwyf gesprochen: Der König erbitte die Hilfe des Recken als Beistand, um sein Land von einem schrecklichen Übel zu befreien. Doch Buliwyf befragt zunächst die Schamanin, die die Runen wirft. Diese bestimmt, dass der Recke mit seinen elf Kämpen nach Norden fahren könne, dass aber ein dreizehnter Krieger sie begleiten müsse, und der müsse ein Fremder sein. So wird also Ibn Fadlan rekrutiert. Widerstand ist zwecklos, und der Einwand, er könne nicht kämpfen, wird nicht gelten gelassen. Die Schwertkunst könne man ja schließlich erlernen.

König Rothgar

Die Weiterreise führt unseren Chronisten am Reich der Bulgaren vorbei in die düsteren Wälder des Nordens, dann hinaus auf die Ostsee, bis er nach Trelburg (Trelleborg) in Lande der Dans (Dänemark) gelangt. Zu seinem Erstaunen ist dies eine Festung, aber kein Handelsplatz. Die Reise geht weiter nach Norden, wo die Küste neblig und steil wird, umzingelt von Seeungeheuern (Walen). König Rothgar Herold empfängt die Besucher – und lässt sie erst einmal vor der riesigen Halle Hurot warten. Eine solch demütigende Behandlung sind die immerhin herbeigerufenen Gäste nicht gewöhnt.

Das Rätsel löst sich, als sie am anderen Ende der reich verzierten und mit Gold und Silber geschmückten halle den König erblicken. Er ist verhärmt und sieht krank aus. An Kriegern sind nur der Herold selbst und ein Prinz zu erblicken. Offenbar hat ein unsichtbarer Feind bereits alle anderen Krieger dahingerafft. Draußen auf einer Weide haben sie seltsamen Krallenspuren und ein Idol gefunden, das eine Fruchtbarkeitsgöttin darstellt. „Wendol“ murmeln die Nordmänner Buliwyfs.

Prinz Wiglif ist der einzige andere Krieger, der überlebt hat. Er hat drei seiner Brüder getötet, und Wulfgar ist seinen Nachstellungen entkommen, indem er die Wolga befahren hat. Er flüstert seinem Vater ständig ins Ohr und schürt Misstrauen gegen die Neuankömmlinge. Buliwyf lässt sich nichts anmerken, wenn er beleidigt wird. Er bittet darum, die Halle für den nächsten Angriff der „Wendol“ verwenden zu dürfen, um diesen eine Falle zu stellen. König Rothgar gewährt die Bitte und zieht sich mit seiner Gattin zurück.

Nächtlicher Angriff

Der Nachtruhe ist ein Gelage vorausgegangen, an dem vor allem alte Männer teilnahmen. Ibn Fadlan ist aufgefallen, das sich Buliwyfs Männer sehr zurückgehalten haben, was den Konsum von berauschendem Honigwein (Met) angeht. Nun legen sie sich zur Ruhe und tun so, als ob sie schliefen. Mehrere Männer schnarchen und schnaufen ordentlich, aber das kann unseren wackeren Araber nicht täuschen.

Als sich ein ekelerregender Aasgeruch bemerkbar macht, ist ein Grunzen wie von Schweinen zu vernehmen. An den vier großen Türen der Halle wird gekratzt. Offenbar sind die Wendol bereits angekommen und bereiten sich zum Angriff vor. Buliwyf weckt seine Männer und holt sein großes Schwert Runding aus der Scheide. Als die Tür aufgebrochen wird, stürzen aus der Dunkelheit stinkende Ungeheuer in die Halle. Mit Gebrüll stürzen sich die Kämpfer ihnen entgegen. Buliwyfs Schwert schlägt einen Arm ab, doch das Ungeheuer geht nicht zu Boden. Ein weiteres Ungeheuer der Wendol schlägt Ibn Fadlan mit seinem gewaltigen Arm, dass er an die Wand geworfen wird und das Bewusstsein verliert. Schreie, Schmerz, dann Dunkelheit…

Mein Eindruck

Jeder TV-Glotzer kennt die Verfilmung durch John McTiernan, in der Antonio Banderas die Rolle des Ibn Fadlan spielt. McTiernan hat die Buchvorlage erheblich gestrafft und fast sämtliche Berichtdetails, die Ibn Fadlan getreulich einflicht, weggelassen. Der Film konzentriert sich daher völlig auf einige wenige kulturelle Details der sogenannten Nordmänner, so etwa das – keineswegs verbotene Trinken von Met.

Erotik

Was die Verfilmung durchgehend weglässt, ist die selbstverständliche Nutzung von Frauen zum sexuellen Vergnügen. Mit diesen Frauen sind in erster Linie Sklavinnen gemeint, wovon es bei allen Völkern, die dem Chronisten begegnen, stets genügend gibt. Mitunter werden aber auch verheiratete und andere freie Frauen dem Reisenden angeboten, und das wohl vor allem im Hinblick auf die Eindämmung der Inzucht. Ein begrenzter Genpool sorgt früher oder später dafür, dass Gene für die Mikroben- und Virenabwehr geschwächt werden. Ein Fremder, wie es „Nummer 13“ darstellt, war daher stets willkommen. (Das Christentum hat dazu leider eine restriktive Einstellung.) Das wissen bis heute junge Frauen, die kein Opfer von Inzucht werden wollen und sich durchaus mal in den sprichwörtlichen „tall dark stranger“ verlieben.

Übermutter vs. Übermann

Auch in einer weiteren Hinsicht zeigt sich die Verfilmung als prüde, und das ist die Darstellung der Wendol-Mutter. Wie schon durch das Idol der schwangeren Frau mit den Riesenbrüsten, dem Inbild der Fruchtbarkeit, angedeutet, bildet das Stammesoberhaupt der Wendol das Gegenstück zum kranken König Rothgar. Sie muss als Oberhaupt des Feindes vom Helden erschlagen werden. Doch ein Zwerg sagt ihm seinen Tod bei diesem Unterfangen voraus. Buliwyf erfüllt dennoch seine Pflicht – und vergattert Ibn Fadlan, den „Schreiber des Klangs“, dazu, seine Heldentat aufzuzeichnen, denn nur so ist dem helden Unsterblichkeit sicher. Im Film stellt eine magere junge Frau Die Wendol-Mutter, die über keinerlei Sex-Appeal verfügt, dafür aber über umso mehr Schlangengift.

Neandertaler?

Die finale Attacke auf die Wendol-Mutter findet in einer waghalsigen Kletterpartie statt, der ein Tauchvorgang in eine Berghöhle folgt. Das ist genau die umgekehrte Reihenfolge des Verlaufs der Filmhandlung, bei der die Kämpfer durch ein Höhlenlabyrinth eindringen und bis zur Mutter vorstoßen. Ibn Fadlan erwähnt im Buch, dass alle Wendol ungewöhnlich stark behaart seien, was zur Vermutung Anlass gegeben haben soll, dass es sich bei diesem kannibalistischen Stamm um Überreste des Neandertalers gehandelt habe. Diese Streitfrage greift der Appendix auf und weist darauf hin, dass wir alle noch die Gene des Neandertalers in uns tragen. (Das dies von Vorteil sei, erörtert der Anhang nicht.) Immerhin zeigt der Autor, dass er auf der Höhe der anthropologischen Forschung seiner Zeit anno 1976 war. Im Nachwort der Film-orientierten Buchausgabe von 1992 stellt der Autor noch einige weitere Aspekte der Romanaussagen klar.

Die Erzählform

Der Autor will den Leser in der „Einführung“ davon überzeugen, dass es erstens ein Ibn-Fadlan-Manuskript gegeben habe, dass es zweitens durch verschiedene Bearbeiter, Finder, Kopisten, Herausgeber usw. verstümmelt und gekürzt worden sei – und dass drittens die vorliegende Form das Ergebnis eines Auswahlprozesses bilde. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Text am Schluss mitten im Satz abbricht. Da die Action vorüber ist und der Chronist zurückreist, ist das durchaus akzeptabel.

Ein wichtiges, notwendiges und unübersehbares Nebenresultat dieses Herausgabe-Prozesses ist die große Anzahl von Fußnoten. So mancher Leser mag nun genervt aufstöhnen, doch die Fußnoten dienen dazu, nicht nur den Anschein eines authentischen Berichtmanuskripts zu zementieren, sondern auch inhaltliche Erklärungen beizusteuern. Für letztere Anmerkungen (die einen Apparat überflüssig machen) sollte der Leser dankbar sein. Da dies der Bericht eines „culture clashs“ ist, sollte sich der westliche Leser bemühen, nicht nur die Wikinger zu verstehen, sondern auch die Araber jener Zeit (denn der Koran gilt ja bis heute als Richtschnur).

Humor

So werden zahlreiche kulturelle Besonderheiten erklärt, besondere Redewendungen mit Sinn versehen, aber die Fußnoten und Zwischentexte tragen noch ein weiteres Stilelement bei: Humor. In diesem Aspekt zeigt, wie weltgewandt Ibn Fadlan (bzw. sein Schöpfer) ist. Er ist immerhin ein Höfling der „Stadt des Friedens“ und kennt sich mit allen Witzen und Anekdoten bestens aus, denn er muss sie selbst entweder gehört oder zum Besten gegeben haben. Dazu gehört die witzige Geschichte von den Schuhen des geizigen Kaufmanns, die immer wieder zu ihm zurückkehren. Interessanterweise stößt die nette Anekdote bei den Nordmännern auf immer weniger Begeisterung, je schlimmer sich der Kaufmann in sein Schicksal verstrickt. Der Grund: Sie sehen sich lieber als Meister des Schicksals (Wyrd) statt als ihr Opfer oder gar Spielball.

Horror

Wie der Film spart auch das Buch nicht mit Schauereffekten, doch diese werden stets aus zwei Blickwinkeln präsentiert: aus dem der Nordmänner und aus dem des Arabers. So findet eine ständige Relativierung statt. Wo sich Ibn Fadlan sofort übergibt (er „reinigt sich“), verziehen die hartgesottenen Krieger keine Miene, wenn sie etwa – vor der Ankunft in Rothgars Halle – ein überfallenes Bauernhaus betreten, in dem alle Leichen ausgeblutet und enthauptet worden sind. Auch die Angriffe verlaufen, wie oben angedeutet, völlig unterschiedlich. Wo Buliwyf zuschlägt, wird der Araber eher an die Wand geschleudert als selbst zuzuhauen.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Ohne es je explizit auszusprechen, wird aus Ibn Fadlan, dem höfischen Mann des Friedens, ein Kämpfer, der sich schließlich in die Höhle des Löwen wagt, spricht: in die Höhle der Wendol-Mutter. Im Film ist sein Werdegang viel expliziter dargestellt und auch mit einigen witzigen Szenen garniert. So schleift er etwa sein Breitschwert zu einem eleganten Säbel um. Aber die Wikinger haben einen erweiterten Begriff von einem „guten Mann“: Wie der vom Zaun gebrochene Zweikampf mit Ragnar, dem Komplizen des verschlagenen Wiglif, demonstriert, muss ein Mann in der Lage sein, seine(n) Gegner zu überlisten, bevor er ihn abschreckt oder besiegt. Tumbe Krampf reicht nicht, wie der arme Ragnar belegt: Er zerschlägt Hergers drei Schilde, bevor er selbst in einem Sekundenbruchteil geköpft wird. Herger hätte ihn jederzeit erledigen können. Im Film ist diese feine Actionszene eins zu eins umgesetzt worden. Dafür wird uns allerdings, wenn ich mich recht erinnere, Wiglifs unrühmliches Ende vorenthalten.

Unterm Strich

Action, Erotik, Humor, Kulturreportage – alle dies stellt das Buch dar, das für den bekannten Actionfilm mit Antonio Banderas die Vorlage lieferte. Dass von Erotik nicht viel zu sehen ist, geschah wohl aus Rücksicht auf die Altersfreigabe ab 12-13 Jahren. Im Buch verhält es sich genau umgekehrt. Kaum ein Kapitel, in dem sich die Nordmänner mit Sklavenmädchen vergnügen. Eines davon begleitet den vergifteten Buliwyf auf dessen letzter Reise…

Dass der Autor hier die Geschichte von Beowulf umgearbeitet und in ein erfundenes Manuskript umgeformt hat, fällt auf den ersten Blick nicht auf. Von Grendel ist nie die Rede, sondern vielmehr von „Wendol“ und einem Feuerdrachen namens Krogon. Buliwyf ist kein Sigurd- bzw. Siegfried-Verschnitt, sondern eine eigenständige Figur: Ein Held ist mehr als ein (gewöhnlicher) Mann und verrichtet Taten, die von Skalden oder Reportern wie Ibn Fadlan besungen oder weitergetragen werden.

In dieser Hinsicht ist der Roman zwar ein Epos, wird aber völlig anders vermarktet: als Kultur-Reportage, die entweder gefälscht oder verstümmelt auf uns Nachgeborene gekommen ist. Wie Crichton auf diese Idee gekommen ist, verrät er im Nachwort von 1992. Daraus ergab sich auch die Notwendigkeit, die ganze Quellenlage dafür zu erfinden. Was ist „verbürgt“, was erdichtet? Crichton verrät es hier. Aber ob man ihm trauen kann, ist offen. Halten wir es wie die Italiener: „Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden.“ Gut unterhalten verschlang ich den Roman in nur zwei Tagen. Es ist auch als optimale Lektüre im Flugzeug geeignet.

Taschenbuch: 278 Seiten
Sprache: Englisch
Originaltitel: The 13th Warrior (vormals „Eaters of the Dead“), 1976/92;
ISBN-13: 978-0345354617

http://www.randomhousebooks.com/

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