Michael Hardwick – Dr. Watson

Unterhaltsame Memoiren: Watson, Frauenfreund und Sucher

In dieser aufrüttelnden Autobiografie legt Dr. John H. Watson die Wahrheit gänzlich offen, seine schottische Abstammung, die bürgerlichen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, ein finsteres Erbe sowie die familiären Zerwürfnisse, die ihn nachhaltig prägen sollten; nicht zu vergessen die ironischen Umstände, die seinen beruflichen Werdegang lenkten – erst Doktorand, dann Kriegsarzt und zuletzt Assistent eines Detektivs.

Ihre schicksalhafte Begegnung, die das Ende dieses Buches markiert, fungiert als stimmiger Abschluss jener frühen Kapitel in Watsons Leben, gibt aber natürlich auch den Startschuss für die Abenteuer, mit denen Millionen von Lesern längst vertraut sind.
(Aus der Verlagsinfo)

Der Autor

Der britische Autor Michael Hardwick (1924-1991) wurde im englischen Leeds geboren und verbrachte wie Dr. Watson einen Großteil seines Lebens auf Reisen. Er verfasste von Kindesbeinen an Texte und arbeitete später als Zeitungsjournalist, war führender Drehbuchautor, Leiter des Bereichs Drama bei der BBC und Theaterschriftsteller. Aus seiner Feder stammen Hunderte von Skripten für Radio- und Fernsehproduktionen.

Ab 1963 verdingte er sich gemeinsam mit seiner Frau Mollie als freies Autorenteam, das über hundert Bücher veröffentlichte, angefangen bei literaturwissenschaftlichen Studien über Biografien und Romane bis hin zu Umsetzungen zahlreicher Filme und TV-Serien, darunter „Das Haus am Eaton Place“, „Das Hotel in der Duke Street“, „Der Mann, der König sein wollte“ (mit Sean Connery und Michael Caine) und „Die Vier Musketiere – Die Rache der Mylady“.

Hardwick wurde von der amerikanischen Sherlock-Holmes-Gesellschaft „Baker Street Irregulars“ mit dem „Sign of the Four“ ausgezeichnet, für Verdienste um das Erbe des unsterblichen Detektivs. Sein Roman „Prisoner of the Devil“ (1979) wird von vielen Fans als der beste Holmes-Roman angesehen, der seit Doyles Tod verfasst wurde. Seine Verbundenheit mit Dr. Watson nahm beinahe unheimliche Züge an und ermöglichte ihm, sich mit ihm zu identifizieren und ihn glaubhafter zu beschreiben als jeder andere Schriftsteller – außer Doyle selbst.

Er veröffentlichte auch „The Complete Guide to Sherlock Holmes“ (1969), „The Private Life of Sherlock Holmes“ (1970),„The Private Life of Dr. Watson” (1985) sowie “Sherlock Holmes: My Life and Crimes” (1984), eine Autobiografie (!) des Helden. Sieben Jahre lang war er der führende Drehbuchautor und Leiter des Bereichs „Drama” bei der BBC. „The Revenge of the Hound“ (1987) erschien beim BLITZ-Verlag ebenso auf Deutsch wie „Sherlock Holmes und die Spionin“.

Mollie Hardwick, seine inzwischen ebenfalls verstorbene Frau und Mitarbeiterin, war die Ko-Autorin bei der Übertragung der TV-Serie „Upstairs, Downstairs“ (Sammelband 1975) und des Billy-Wilder-Films „The Private Life of Sherlock Holmes“ in Buchform.

Handlung

Eine Menge Unwahrheiten und Verdrehungen sind über Dr. John Hamish Watson und Sherlock Holmes im Umlauf – findet Dr. Watson. Deshalb sieht er sich bemüßigt, endlich mal klar Schiff zu machen und die Wahrheit zu erzählen. Die ist mitunter unangenehm. So etwa die unleugbare Tatsache, dass Watson aus einer alten schottischen Familie stammt, in deren Adern ein Quentchen spanisches Blut fließt. Ein Schiffbrüchiger der spanischen Armada überlebt 1588 lange genug, um im katholischen Schottland Nachkommen zu zeugen. Seine Landsleute, die im protestantischen England Schiffbruch erlitten, wurden hingegen gemeuchelt.

Dublonen

Am 7. Juli 1852 geboren, beschäftigt daher schon früh die spanische Seite seiner Abstammung Johns Phantasie, und zusammen mit seinem älteren Bruder Henry buddelt er zu gerne am Strand nach Dublonen einer versunkenen spanischen Galeone. Wie es ihm sein Vater, ein betuchter Immobilienmakler, vorhergesagt hat, finden die beiden Jungs – nichts, außer dem einen oder anderen nutzlosen Stück Treibgut. Aber als Inselbewohner spürt John die Anziehungskraft des Meeres immerzu.

Alkohol

Seine Mutter, eine geborene Hamish und Arzttochter aus dem südenglischen Bagshot in Surrey, wird von John sehr geliebt, beginnt aber zunehmend unter dem Alkoholismus ihres Mannes zu leiden. Dieser verliert sogar seine Anstellung und wird ausbezahlt, wovon sich zwar eine Weile, aber nicht ewig leben lässt. John ist schockiert, Henry bleibt gelassen, doch er ahnt etwas. Aber was können die Jungs schon unternehmen? Nichts.

Die bedrückende Entwicklung der Dinge erhält eine unerwartete Wendung, als der amerikanische Laienprediger Henry Beecher zu Besuch nach Schottland und Nordengland kommt, um für die Sache der Nordstaaten zu werben, die gegen den Sklaven haltenden Süden der USA in den Krieg gezogen sind. Beechers Predigt ist wie Musik, und er gestikuliert bezaubernd wie ein Magier oder Schauspieler. Zu seiner Verwunderung bemerkt John, dass seine Mutter von diesem Mann geradezu hingerissen ist.

Ehebruch

Und als Beecher nach einem zweiten Besuch in die USA zurückreist, folgen ihm die Watsons – Zufall oder Notwendigkeit, fragt sich John. Sie reisen über Halifax und Boston zu Tante Pansy in New York City, einer strengen alten Jungfer, die nicht gut auf Mutter zu sprechen ist. Hier verschwinden Johns Vater und Bruder, um in Kalifornien nach Gold zu schürfen. Diese Erfahrung ist niederschmetternd, auch für John. Ein Lichtblick ist nur, dass Mr. Beecher so nett ist, Mutter eine Stellung als Sekretärin anzubieten.

Dass viel mehr dahinter steckt, merkt John erst, als die beiden eines Tages aus dem Obergeschoss herabkommen und Mr Beechers Hand um Mutter Taille geschlungen ist. Sie haben ein Verhältnis, und es ist beileibe nicht das erste, das Beecher anfängt. Er sieht sich einem Prozess wegen einer früheren außerehelichen Affäre ausgesetzt. Währenddessen reisen John und seine Mutter unter sehr veränderten Umständen zurück nach England, wo sie bei den Hamishs in Surrey unterkommen. Mutter wird fortan sehr schief angesehen. Sie ist eine „gefallene Frau“.

Sex

Weil sein Großvater Mediziner ist und viele Freunde hat, gelingt es ihm, John, der den Wunsch, Arzt zu werden, von Mr. Beecher nachdrücklich bestätigt bekommen hat, auf einem Internat für medizinischen Nachwuchs unterzubringen. Hier weiß sich John seiner Haut zu erwehren und steigt rasch in die erste Mannschaft des Rugby-Teams auf. Er nimmt einen weichlichen Mitschüler namens Phelps gegen die Rowdys der Schule in Schutz und erhält zum Dank Vergünstigungen.

Dazu gehört unter anderem ein Schreiben, das ihm einen Vorwand bietet, samstags mit der drallen und robusten Putzmamsell Aggie die öffentlichen Vergnügungsgärten eines Lords zu besuchen. Hier verliert John, der von Aggies zupackender Art des Küssens begeistert ist, seine Unschuld. Dass sie eine Gelegenheitsprostituierte ist, die für ihren „Onkel“ arbeitet, darf ihn nicht stören, findet sie. Schon nach wenigen Wochen hat sie „einen Braten in der Röhre“ – zum Glück nicht von John, beruhigt sie ihn, sondern vom „Onkel“. Derart zum Mann gemacht und von Liebesschwärmerei kuriert, stürzt sich John in seine Hausarbeiten und wird zum gefürchtetsten Rugby-Spieler der ganzen Schule.

Etliche Jahre später wird John Aggie Brown wiedersehen und nicht bloß eine, sondern mehrere Überraschungen erleben …

Mein Eindruck

Sein Lebenslauf führt Watson nach dem Abschluss des Studiums nach Australien: Dort will er seinen Vater und seinen Bruder Henry wiederfinden. Vater hat nämlich geschrieben, doch was er schreibt, klingt gar nicht gut. In Australien erlebt Watson eine echte Räuberpistole, denn er fällt einem Wegelagerer in die Hände: seinem Bruder! Beide werden von der Nationalgarde aufgegriffen, die sie am liebsten aufknüpfen würde. Watsons Geschichte klingt einfach zu unglaubwürdig: Um die halbe Welt reisen, nur um den Vater zu finden? Nur durch einen guten Leumund, der sich für ihn verbürgt, entrinnen Watson und sein Bruder dem Strick.

Noch ein wenig irrer ist der Grund, warum Watson nach Afghanistan geht. Als Holmes ihn in der allerersten Szene der allerersten Erzählung „A Study in Scarlet“ am Neujahrstag des Jahres 1881 sieht, sagt er ja gleich die berühmten Worte: „Ich sehe, Sie waren in Afghanistan…“ Der Grund, warum Watson überhaupt in den Krieg gegen die wilden Paschtunen ziehen will, ist „natürlich“ eine Frau: Aggie Brown. Denn der „Braten in ihrer Röhre“ sieht Watsons Bruder Henry wie aus dem Gesicht geschnitten aus – sein eigener Sohn! Dass Aggie von Heirat und Adoption rein gar nichts wissen will, treibt Watson erst in den Suff und dann in den Krieg.

Afghanistan

Das wilde Afghanistan – es wird wie aus eigener Anschauung geschildert, und der Autor schrieb ja auch das Drehbuch zu dem Sean-Connery-Film „Der Mann, der König sein wollte“, welcher genau dort spielt. Als Pufferstaat zwischen dem Zarenreich und Britisch-Indien ist das Land von strategischer Bedeutung. Dumm nur, dass sich die Stammesfürsten nicht so recht mit den Briten anfreunden können.

Watson erlebt die vernichtende Niederlage der britischen Truppen, darunter viele Inder und Einheimische, bei Maiwand hautnah mit und erhält dort zwei Verwundungen. Dass es zwei sind, soll erklären, warum es bis dato Verwirrung darüber gegeben hat, ob er nun an der Schulter oder am Fuß verwundet wurde. Conan Doyle hat die Verwundungen offenbar mal so und mal so beschrieben. Doc Watson bzw. der Autor macht der Verwirrung ein Ende: Beides ist richtig.

Spannungsbögen

Am Schluss, wenn Watson wieder in Merry Old England ist, um zu genesen, kommen zahlreiche Spannungsbögen zu ihrem Abschluss. Aggie Brown hat ihren letzten Auftritt, und Watson findet neue Freunde am Varieté. Dann aber trifft er Holmes. Und etwas in ihm hat sich schon immer nach ihm gesehnt, so dass ihre Freundschaft lebenslang anhält. Hier lässt der Autor ganz nebenbei ein Stückchen Privatpsychologie mit einfließen, das mir aber durchaus eingeleuchtet hat.

Wir alle werden von Vater und Mutter geprägt, und wenn eines der Elternteile oder gar beide ausfallen, dann sehnen wir uns nach einem Ausgleich oder einem Ersatz. Watson nun findet in Holmes einen väterlichen Freund, der ihm ersetzt, was der eigene Vater ihm entrissen hat: Integrität, Autorität, Kameradschaft. Und da Holmes so gar nicht auf Damenbekanntschaften steht, kommen er und der mit Damen bestens vertraute Watson nicht in die Quere.

Damen

Dass Watson dem schönen Geschlecht so zugetan ist, hat er Aggie Brown zu verdanken, erfahren wir. Überall, wo er hinkommt, selbst auf einem Linienschiff, mangelt es Watson, dem schmucken Schiffsarzt mit dem Körperbau eines Rugbyspielers, nicht an Damen, die ihm zugetan sind. Er könnte sich jederzeit mit einer von ihnen zur Ruhe setzen. Die Liste möglicher Titel für erotische Erzählungen ist lang – und amüsant. Stellvertretend für alle Damen gibt Watson jedoch nur seine Begegnung mit der berühmtesten Schauspielerin seiner Zeit zum Besten: Sarah Bernhardt. Dieses Abenteuer sollte man jedoch selbst lesen: köstlich.

Die Übersetzung

Der Text ist nahezu frei von Druckfehlern. Mir ist nur ein einziger aufgefallen. Dafür vertut sich der ungenannte Übersetzer jedoch mehrfach in seiner Wortwahl. Männer erzählen einander nicht „Gefälligkeiten“, sondern Nettigkeiten, und auch nicht „Stilblüten“ werden zum Besten gegeben, sondern Anekdoten. Es gäbe noch einige weitere Beispiele aufzuführen, aber diese zwei Hinweise sollen genügen, den Leser auf diese Eigenart der Übersetzung aufmerksam zu machen. Ansonsten jedoch las sich der Text ausnehmend gut und flüssig.

Unterm Strich

Ich habe die Memoiren von Sherlock Holmes‘ Freund und Chronisten mit großem Vergnügen binnen weniger Tage gelesen. Der Autor hat es verstanden, die zentralen Motive, die für Watsons Leben bestimmend sind, in Spannungsbögen umzumünzen, die er einen nach dem anderen zu Ende führt. Das sorgt nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für Spannung und Zusammenhalt der Erzählung. Der ganze Text wird auf diese Weise kompakt und stabil.

Anhand des Schicksals seiner eigenen Familie und seiner Wenigkeit kann Watson ein ganzes Zeitalter einfangen. Der amerikanische Bürgerkrieg wirft ebenso seine Schatten auf England wie der Krimkrieg und die zwei Kriege in Afghanistan. Der Autor verliert zwar kein Wort über die schweren Wirtschaftskrisen, die nach einer Gesetzesänderung kurz vor Watsons Geburtsjahr (1849, Corn Laws) folgten und zum Ausgang des Jahrhunderts zu einer Depression führten. Aber das interessiert uns auch nicht. Denn Watsons Schicksal und das seiner Familie steht im Vordergrund.

Wer schon immer vermutete, dass Watson dem „holden Geschlecht“ sehr zugetan sei, sieht sich hier vollauf bestätigt. Er lässt nichts anbrennen, kann man sagen. Es ist vielmehr der umgekehrte Fall, der bei ihm für Frust sorgt. Die Künstlerin Sarah Bernhardt hat ihre ganz eigene Vorstellung von dem, was ein Rendezvous ausmacht, und Aggie Brown, die Teilzeithure, will Watson partout nicht „ins Unglück stürzen“, sondern ihren eigenen Weg alleine gehen. Die Damen, auf die es ankommt, haben also ihren eigenen Kopf und sie wissen ihn durchzusetzen. Watson sieht seinen Sohn niemals von Angesicht zu Angesicht. In gewisser Hinsicht ist das traurig, andererseits hätte es seine Holmes-Chroniken eine ganz andere Richtung verliehen.

Solche und andere Wendungen sorgen für reichlich Abwechslung in Watsons Lebensgeschichte. Ich fand sie daher sehr unterhaltsam, amüsant, aber auch anrührend. Wenn Watson seinen Vater schließlich in einem australischen Goldgräbernest findet und ihm die letzten Worte sagen kann, könnte man glatt zum Taschentuch greifen. Immer wieder zieht Watson seine Lehren aus solchen Begegnungen; immer wieder gibt er dem spanischen Blut in seiner Familie die Schuld. Auf diese Weise hat jeder Leser, jede Leserin etwas von seinem Buch. Ich kann es wärmstens empfehlen.

Für Holmes-Fans ist es natürlich Pflichtlektüre. Aber eine, die sich lohnt. Der Fan beachte folgenden Hinweis des Verlags: „Dr. Watsons Bericht wurde zur Gänze mit dem gegenwärtigen Stand der Holmes-Forschung abgeglichen und offiziell beglaubigt von Dame Jean Conan Doyle, der Tochter des berühmten Schriftstellers.“

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: The private life of Dr. Watson, 2003
ISBN-13: 978-3898403818

www.blitz-verlag.de