Michael Marcus Thurner – Perry Rhodan: Schwarze Saat (Dunkelwelten 1)

Über das Volk der Onryonen ist nicht viel bekannt, da sie auf weit verstreuten Dunkelwelten leben, wo sie vor dem Zugriff Fremder geschützt sind. Doch nun wollen die Onryonen des Planeten Jolyona die Beziehungen zur Erde verbessern, und Perry Rhodan übernimmt die Verhandlungen. Auf der Dunkelwelt haben sich noch andere, seltsame Lebensformen entwickelt, die in den Tiefen des Planeten existieren. Es stellt sich heraus, dass es jahrzehntausende alte Verbindungen zur Erde gibt, und Perry Rhodan stößt auf eine Gefahr, die er selbst vor langer Zeit durch eine Zeitreise ausgelöst hat …

(Verlagsinfo)

Die unermessliche Vielfalt des galaktischen Lebens macht auch vor der Besiedlung sogenannter Dunkelwelten nicht halt – Welten, die einst ihre Sonnensysteme verließen und sich auf die lange, dunkle Reise durch die Leere des Kosmos begaben. Perry Rhodan, der unsterbliche Mensch von der Erde, findet sich stets an den Brennpunkten des Zusammenlebens wieder. Und so ist es kein Wunder, dass eine vermeintlich trockene Diplomatenmission auf eine der Dunkelwelten nicht nur zur Integration dieses Neulings in die galaktische Gemeinschaft dient, sondern Rhodans Anwesenheit gleich Auslöser für das Erwachen einer uralten Macht ist. Und plötzlich geht es um das Überleben einer Zivilisation und auch um das seinige.

So unheilvoll liest sich die Zusammenfassung des neuesten Taschenbuchs aus der Schmiede der größten Science-Fiction-Serie der Welt. Ob sich diese Spannung halten lässt und tragfähig für diesen 400-Seiten-Roman ist, beurteile ich zum Schluss. Fangen wir vorne an:

Perry Rhodan ist eine Marke, die ihre lange Laufbahn in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts begann. Bücher wurden damals vorwiegend für Leihbüchereien gedruckt; die frei verkäufliche Literatur erfolgte meist in Form von Heftromanen, gerade, was die Veröffentlichung einheimischer Romane anging. Perry Rhodan ist also ein Produkt seiner Zeit, und es erscheint auch heute noch allwöchentlich als Heftroman dieser unendlichen Serie, käuflich zu erwerben im Zeitschriften-, nicht im Buchhandel. Doch ist es schöne Tradition, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Ableger in Taschenbuchform zu produzieren. So gibt es eine Reihe von eigenständigen Taschenbüchern und diverse Taschenbuch-Spin-Offs.

Michael Marcus Thurner: Schwarze Saat
Robert Corvus: Schwarze Frucht (Juni 2019)
Madeleine Puljic: Schwarze Ernte (August 2019)

Aktuell liegt also der erste Band einer Trilogie vor, die sich mit den im Serienverlauf immer wieder erwähnten, aber kaum näher beleuchteten Dunkelwelten beschäftigt. Aufhänger ist ein relativ neues Milchstraßenvolk, die Onryonen, die sich über Jahrtausende auf den Dunkelwelten versteckten und seit einiger Zeit eine maßgebliche Rolle im galaktopolitischen Geschehen spielen.

Robert Corvus äußerte erstmals den Gedanken, „mal ein Taschenbuch über Dunkelwelten“ zu schreiben. In Zusammenarbeit mit dem Chefredakteur der Serie Klaus Frick, dem Serienautor Michael Marcus Thurner und Madeleine Puljic, einer Autorin, die bisher am Rhodan-Ableger „Neo“ mitwirkte, entstand so die vorliegende Trilogie als locker durch einen dünnen roten Faden verbundene Einzelromane nach dem Gusto des jeweiligen Autors. Michael Marcus Thurner macht den Anfang mit „Schwarze Saat“:

Zu diplomatischen und wirtschaftlichen Verhandlungen begeben sich Perry Rhodan und einer seiner ältesten Freunde, Homer G. Adams, auf die Dunkelwelt Jolyona. Dort werden sie alsbald in die eskalierenden Differenzen zwischen den einheimischen Onryonen und den irdischen Migranten verwickelt. Um hier an Einfluss zu gewinnen, interessiert sich Rhodan neben der allgemein üblichen Schaureise über und durch die Welt auch für eine unterfinanzierte Archäologin, die irgendwie mit den betroffenen Menschen in Verbindung zu stehen scheint. Bald beginnt sich ein Netz an Intrigen und Machtspielchen anzudeuten, dem Menschen hier zum Opfer fallen sollen.

Auf der anderen Seite schildert Thurner das Leben und die Exposition eines jungen Onryonen mit seinen adoleszenten Befreiungsbestrebungen und gleichzeitiger Beharrung auf alte Traditionen. Hier fokussiert Thurner auf das Verhältnis dieses Volkes zu einer bestimmten tierischen Lebensform, die im bisherigen Serienverlauf nie tiefer betrachtet wurde, und arbeitet so an der Charakterisierung der Onryonen. Außerdem werden der junge Mann nebst einer manipulativen jungen Dame zu Schlüsselfiguren des Romans.

Die Fokussierung Rhodans als Haupthandlungsträger ist ein Punkt, der bei derlei Spin-Offs oft benutzt und genauso oft kritisiert wird. Diese Figur ist eine seit den 1960ern beschriebene, und oft scheint es den Autoren schwerzufallen, ihm entweder neue Charakterzüge beizufügen oder aber auch, ihn der Vergangenheit entsprechend darzustellen. Er ist eine Überfigur, ein moralischer Riese, er trägt die Zukunft und die Vergangenheit der galaktischen Menschheit und blickt auf eine dreitausendjährige Erfahrung zurück. Er sollte mit jeder Situation zurecht kommen, mit jedem Charakterzug seiner Mitbürger, mit jedem Konflikt, jeder Allüre. Würde man ihn auf diese Art schildern, wäre er äußerst langweilig – und doch ist er ob seiner Eigenschaft als Namensgeber der Serie oft ein unabdingbarer Bestandteil eines Romans.

Dies führt zu der erwähnten Kritikfähigkeit Rhodans als Protagonist. Und auch im vorliegenden Roman handelt „der Terraner“ in den Augen eines mit dem Serienkosmos vertrauten Lesers eigentlich nicht befriedigend, andererseits vermeidet Thurner seine Überhöhung. Und so ist es hilfreich und ein oft verwandter Trick, Rhodan von anderen Figuren begleiten zu lassen, deren Sicht der Dinge sich weit freier und „menschlicher“ schildern lassen. Hier ist es vor allem der junge Hirte, der mit seiner sprunghaften Art eine emotionale Bindung am ehesten bedienen soll.

In Zusammenschau konnten mich die einzelnen Figuren in diesem Roman nicht endgültig überzeugen, ihre Motivation wurde teils sehr knapp geschildert, teils nicht in Kohärenz mit ihren Handlungen gesetzt. Zum Beispiel befreit sich der Junge mal aus dem Einfluss der Frau, um im nächsten Abschnitt wieder völlig naiv auf sie zu reagieren.

Dagegen ist die Darstellung der Dunkelwelt selbst und der Verbindung zwischen den Anoupi-Tieren und den Onryonen sehr schön gestaltet. Auch die Handlungsschnipsel um die inhaftierten Menschen sind, wenn auch klassisch, nett; die Geschichte um das Selbstfragment der uralten Macht führt schließlich zu einer Verbindung zwischen Rhodan und dem jungen Hüter. Man sieht, der Roman ist ziemlich zerfasert in unterschiedliche Stränge mit mehreren Vorhaben. Thurner will natürlich eine spannende Geschichte erzählen, die Dunkelwelten näher beleuchten, die Onryonen besser charakterisieren, einen alten Freund Perrys aus der Versenkung holen und auch noch ein bisschen Sense of Wonder über uralte Zusammenhänge erzeugen. Das sind große Ziele auf 400 Seiten, die zudem noch für serienfremde Leser verständlich sein sollen.

Ich denke, es hätte dem Roman eine stärkere Fokussierung gut getan. Gerade die Einführung des unbekannten Fremden bindet deutlich mehr Erklärbedarf, als dem Roman gut tut, so man die anderen Themen noch suffizient bearbeiten will. So bleibt bei mir ein unbefriedigtes „Fantasy-Gefühl“, erzeugt durch den treibenden Stoff für den Unbekannten, der nicht weniger als ein Stein der Weisen ist – und natürlich am Ende des Romans vernichtet wird. Man sollte hier weniger auf ausführliche Erläuterungsversuche denn auf „suspension of disbelief“ beim Publikum vertrauen, um dem erdrückenden Serienüberbau nicht zuviel Platz opfern zu müssen.

Insgesamt ein lockerer Roman mit interessantem Perry-Rhodan-Thema und interessanten Passagen, die in meinen Augen zu sehr unter dem Wunsch, mehr zu wollen als dieser Roman trägt, leiden. Ich bin trotzdem gespannt auf die beiden Folgebände, um das für diese Serie neue Konzept der lockeren Verbindung vor gemeinsamem Hintergrund beurteilen zu können. Das Format jedenfalls ist begrüßenswert.

Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN 978-3-404-20942-2
Bastei Lübbe, April 2019
Originalausgabe
Das Buch beim Verlag
Über Michael Marcus Thurner
Die Perry-Rhodan-Serie

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