Michael Scott – Der dunkle Magier (Die Geheimnisse des Nicholas Flamel 2)

Die abenteuerliche Jagd nach dem magischen Buch, mit dem allein Nicholas Flamel sich seine Unsterblichkeit erhalten kann, geht weiter! Flamel und die Zwillinge Josh und Sophie sind nun in Paris gelandet, der Geburtsstadt Flamels. Nur ist Nicholas´ Heimkehr alles andere als friedlich, denn Dr. John Dee – der dunkelste aller dunklen Magier – hat in Paris in dem skrupellosen Niccolò Machiavelli einen gefährlichen Verbündeten. Dee und Machiavelli beschwören nicht nur alle Mächte der Unterwelt, es gelingt ihnen auch noch, Josh auf ihre Seite zu ziehen und Zwietracht zwischen den Zwillingen zu säen. Höchste Zeit, dass Sophie in der zweiten magischen Kraft ausgebildet wird: der Feuermagie. Und es gibt nur einen in Paris, der sie darin ausbilden kann: der Graf von Saint-Germain – Alchemist, Abenteurer und Geheimagent! (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für jugendliche Leser ab 14 oder 15 Jahren, aber mein zwölfjähriger Neffe hat damit ebenfalls keine Schwierigkeiten.

Der Autor

Michael Scott ist einer der profiliertesten und erfolgreichsten Autoren Irland und ein international anerkannter Fachmann für mythen- und kulturgeschichtliche Themen. Seine zahlreichen Fantasy- und Science-Fiction-Romane für Jugendliche wie für Erwachsene veröffentlichte er in mehr als zwanzig Ländern. Scott lebt und schreibt in Dublin.

Der Nicholas Flamel Zyklus:

1) Der unsterbliche Alchemyst
2) Der dunkle Magier
3) Die mächtige Zauberin
4) Der unheimliche Geisterrufer
5) Der schwarze Hexenmeister
6) Die silberne Magierin (erschien 25.2.2013 in D)

Was bisher geschah

Juni 2007. Eigentlich wollten die Zwillinge Sophie und Josh Newman in den Sommermonaten nur ein bisschen Geld verdienen. Josh arbeitet in einer kleinen Buchhandlung und Sophie im gegenüberliegenden Coffee Shop. Als sie bei einem Überfall auf die Buchhandlung dem Besitzer Nick Fleming zur Seite eilen, ahnen sie noch nicht, in welches Abenteuer sie sich begeben. Nick Fleming entpuppt sich als der unsterbliche Alchemyst. Und nun hat jemand den CODEX gestohlen, den er für seine Unsterblichkeit braucht: sein alter Widersacher Dr. John Dee.

Doch Dee handelt im Auftrag der Dunklen Älteren, der Erstgewesenen, die vor Jahrtausenden die Erde beherrschten. Sie wollen sie zurückhaben und die Menschen unterjochen. Was sie brauchen, um Erfolg zu haben, sind die letzten beiden Seiten des CODEX. Die Jagd danach führt nach Paris, wo Nicoló Machiavelli Dr. Dees Verbündeter wird.

Doch Josh und Sophie, die Flamel begleiten, sind Kinder der Prophezeiung, die über schlummernde magische Kräfte verfügen. In Kalifornien wurde Sophies Magie erweckt, in Paris soll nun die von Josh erweckt. Aber warum muss sein Lehrer ausgerechnet der Kriegsgott Mars sein?

Handlung

Durch ein Dimensionsportal sind die Zwillinge mit dem Alchemysten Nicholas Flamel und einer keltischen Kriegerin vom kalifornischen Ojai nach Paris geflohen, also 6000 km weiter nach Osten. Hier herrscht noch finstere Nacht, und die Umgebung ist kühl: das Innere der schönen Basilika Sacre-Coeur. Aber wenigstens sind sie der Verfolgung von John Dee entkommen, der in Ojai sogar die Toten wiederauferstehen ließ.

Sie ahnen nicht, dass Dee inzwischen seinen Kollegen Nicolo Machiavelli angerufen und auf sie angesetzt hat. Machiavelli, schon immer ein Intrigant der Top-Liga, ist Chef des französischen Geheimdienstes und erklärt die Neuankömmlinge kurzerhand zu Terroristen. Im Handumdrehen ist die Basilika von Hundertschaften Polizei umstellt. Der Unsterbliche wirkt seine Magie …

Ein seltsames Geräusch lässt die Besucher aufhorchen. Es stellt sich als ein Golem aus Kerzenwachs – und in der katholischen Kirche gibt es jede Menge Kerzen – heraus: ein Tulpa. Als er sie angreift, erweisen sich die Schwerter und Kampfhölzer der Kriegerin Scathach als nutzlos. Erst ein mächtiger Zauber, den Sophie aus den Erinnerungen der Hexe von Endor hervorkramt, bereitet der Gefahr ein Ende: Das Wachs zerschmilzt…

Aber jetzt ist Sophie sehr erschöpft. Wie soll sie es bloß schaffen, ihre kleine Truppe durch die Polizeilinien zu schmuggeln? Schon steigt Machiavelli mit einem triumphierenden Lächeln die tausend Stufen zur Kirche empor. Da signalisieren Flamels flinke Finger in Zeichensprache die Lösung. Sophie konzentriert sich. Auf einmal entsteigen ihren Fingern dicke weiße Nebelschwaden, die sich die Treppe hinter schlängeln und alsbald die Sicht versperren. Was jetzt, Signore Machiavelli?

Auf Zehenspitzen schleichen sich die amerikanischen Flüchtlinge die Treppen hinunter …

Mein Eindruck

Dieser zweite Band ist ebenso spannend wie der Erste, wenn nicht sogar noch besser. Denn nun muss der Autor nicht mehr viel Neues einführen, sondern kann auf dem ersten Band aufbauen. Die ganze Hierarchie der Älteren, Dunklen Älteren, Erstgewesenen und so weiter braucht er nicht mehr zu erklären. Das bedeutet für den Leser, dass er den ersten Band auf jeden Fall kennen muss.

Wieder wird die Geschichte sowohl aus der Sicht der Zwillinge und aus dem Blickwinkel der Magier erzählt. Die Fähigkeiten von Sophie, die ja die Luftmagie beherrscht, werden durch den Grafen Francis St. Germain erweitert, indem er ihr die Beherrschung des Elementes Feuer beibringt. St. Germain ist als Unsterblicher eine wirklich gelungene Figur: Er ist ein Popstar und von Fans umringt, für die er gerne neue Songs komponiert.

Doch gerade das Komponieren erweist sich als verhängnisvolle Schwäche – die er zum Teil durch seine Gattin Johanna von Orleans alias Jeanne d’Arc ausgleichen kann. Auch sie verfügt über magische Kräfte und hat die Kunst des Schwertkampfs von keiner Geringeren als Scathach erlernt, der uralten keltischen Kriegerin.

Sophies Zwillingsbruder Josh hingegen ist unheimlich neidisch auf seine Schwester. Seitdem sie „erweckt“ worden ist, ist sie stark verändert und verfügt über Kräfte und Fähigkeiten, die er auch gern hätte. Als ihm Nicholas Flamel das Elementarschwert Clarent anvertraut und Josh dieses erstmals erfolgreich einsetzt, durchfließt ihn eine solche Lebensenergie, dass er diese Erfahrung immer wieder machen möchte. Das Schwert erweitert die Grenzen, die ihm als Mensch gesetzt sind. Dass Scathach und Johanna die Waffe nicht einmal anfassen wollen, sollte ihm jedoch zu denken geben. Liegt etwa ein Fluch darauf? (Mehr dazu in Band 3.)

Was sich Josh nun am meisten wünscht, ist die Erweckung durch einen der Älteren. Doch Nicholas Flamel kennt so ein Wesen nicht. Als die Gegenseite ihm anbietet, ihn zu so einem Älteren zu führen, zögert Josh kaum eine Sekunde. Er ahnt, dass er sich in große Gefahr begibt …

Die Gegenseite

Der Feind schläft nicht, wie Machiavellis Auftauchen beweist, und hat die Gruppe schon bald geortet. Nicht lange, dann ist auch John Dee, der teuflische Magier, in der Seine-Metreopole angekommen. Hier hat er seine Magie von Nicholas Flamel, dem Alchemysten, erlernt und ihn erstmals hintergangen, um größer als Flamel zu werden – und seinem Meister, einem unbekannten Dunklen Älteren, besser zu dienen. Vereint wollen die Magier gegen Flamels Gruppe vorgehen, doch etwas kommt dazwischen.

Machiavelli hat Hilfe herbeigerufen, die völlig außer Kontrolle gerät: Die drei Walküren hassen Scathach seit uralter Zeit, weil diese einst ihre Königin Brynhildr ermordete, um die Walküren-Tyrannei über die Menschen zu beenden. Die Walküren wiederum haben ein Maskottchen dabei, das sie nun vorschicken: einen veritablen Drachen aus der Sage, den „Leichenverschlinger“ Nidhogg. (In den nordischen Texten lautet sein Name „Nidhöggr“, aber Briten können ja kein Ö schreiben oder aussprechen, daher wird ein O draus.)

Es kommt in St. Germains Haus zu mehreren packenden Duellen, die das actiongeladene letzte Drittel einläuten. Die finale Schlacht findet dann auf dem Vorplatz von Notre-Dame statt, dem uralten Zentrum des Paris-Vorläufers Lutetia. Und Lutetia ist jedem Asterix-Leser wohlbekannt: Es war die Hauptstadt der römischen Provinz Gallia. Notre-Dame, so erfahren wir aus dem Nachwort des Autors, steht auf den Überresten eines alten Jupiter-Tempels.

Unheimliches

Der Weg von St. Germains Haus zur Kirche Notre-Dame führt für alle Beteiligten einige der unheimlichsten Orte, die Paris zu bieten hat: die Katakomben und die Kanäle. Die Katakomben sind mit den Knochen von sieben Millionen Toten angefüllt, wie uns der Autor freundlicherweise erklärt, und entsprechend gruselig. Das System der Tunnel ist mindestens ebenso so ausgedehnt wie das der Abwasserkanäle, die man sich hochmodern und geräumig vorstellen darf. Einige haben sogar Straßennamen. Leider sind nur wenige Tunnel den Touristen zugänglich.

Wie auch immer: Der Zweck des Besuches in dieser Unterwelt ist die Begegnung mit einem der Älteren, wie schon erwähnt. Wer genau das ist, darf hier nicht verraten werden. Aber als Sophie die an sie übertragenen Erinnerungen der Hexe von Endor durchforstet, erschauert sie vor Entsetzen – und würde Josh am liebsten sofort dort mit aller Gewalt herausholen …

Die Zauberin

Im ersten Band hat John Dee es geschafft, Flamel von seiner Frau Perenelle zu trennen und die Zauberin in eine Zelle auf der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz zu sperren, die in der Bucht von San Francisco liegt. Normalerweise würde sich Perry, wie die Zwillinge sie nennen, aus eigener Zauberkraft befreien, doch eine Sphinx ist ihr Wächter, und die zieht ihr alle Magie aus der Aura ab.

Nun findet Perenelle in dem riesigen Komplex zwei unwahrscheinliche Verbündete. Mit ihnen kann sie der Morrigan entgegentreten, die Dee ausgesandt hat, um Perenelle zu liquidieren. Ihre Verbündeten werden im dritten Band noch eine wichtige Rolle spielen, um ihr zur Flucht von der Insel zu verhelfen.

Die Übersetzung

Bertelsmann alias Random House alias CBJ hat sich bei der Ausstattung der sechs FLAMEL-Bände nicht lumpen lassen. Jede gebundene Ausgabe weist einen Schutzumschlag im Prägedruck auf, der mit Goldfarbe geschmückt ist. Diese Goldfarbe wird für die vier Symbole in den Ecken des Titelmotivs benötigt.

Die Symbolik zieht sich durch bis ins Innere des Buches: Jedes Kapitel ist – auch im Taschenbuch – mit einer von zwei Reihen astrologischer und alchemistischer Symbole geschmückt. Da finden sich die Symbole für Frau/Venus ebenso wie für Mann/Mars oder auch Gold und so weiter. Ich musste an die Elbenschriften in Tolkiens Werken denken.

Der Text liest sich flüssig und flott, so dass die Geschichte wie im Flug vergeht. Über zwei Fehler bin ich dennoch gestolpert. Auf S. 78 steht ein Stilfehler: „einem alten Freund schlugen die Flamels eine solche Bitte nicht aus.“ Man kann einen Gefallen oder ein Angebot AUS-schlagen, aber eine Bitte wird AB-geschlagen.

Auf S. 409 unten steht ein fehlerhafter Satz: „Dee hatte keine Veranlassung, es ihr [zu] auf die Nase zu binden…“ Da wurde wohl beim Redigieren etwas übersehen.

Unterm Strich

Dieser zweite Band bringt die Geschichte wirklich gut voran, und ich habe das Buch in nur drei Tagen verschlungen. Nachdem sich Sophie und Josh als die prophezeiten Zwillinge herausgestellt haben, werden ihre überragenden magischen Kräfte eine nach der anderen „erweckt“. Sophie war im ersten Band dran, nun ist Josh an der Reihe.

Der seelische Preis für die Verwandlungen ist jedoch hoch, und wer weiß, was auf die beiden noch an Versuchungen und Schwierigkeiten zukommt. (Siehe dazu meinen Bericht über Band 3.) Denn die Gegenseite führt besonders Josh auf die „dunkle Seite der Macht“. Wird er ihr zum Opfer fallen? Wie kann Sophie ihn davor bewahren?

Action und Showdown

Nach einer spannenden Eingangsszene, die ich oben skizziert habe, und weiteren Vorgeplänkeln. Die sich ruinös auf diverse Örtlichkeiten auswirken, kehrt im Mittelteil ein wenig Ruhe ein. Sehr schön fand ich hier das Auftreten der beiden Unsterblichen Francis St. Germain, der jetzt ein Popstar ist, seiner Frau Johanna von Orleans, die eine bestens ausgebildete Schwertkämpferin ist.

Diese Fertigkeit braucht sie auch, als der Mittelteil mit einem furiosen Action-Auftakt endet und sich alles auf eine finale Auseinandersetzung zubewegt. Dort vereinen die beiden „erweckten“ Zwillinge erstmals ihre Superkräfte und es wird offenbar, wozu sie in der Lage sind. Sie können die Erde von den Älteren befreien – oder sie ins größte Unglück seit dem Dritten Reich stürzen. Welchen Weg sie nehmen werden, wird von den Magiern und Alchemysten bestimmt werden, die um sie ringen.

Botschaften

Der Autor macht mit dieser Geschichte deutlich, dass der jugendliche Leser, der sich in Sophie und Josh wiederfinden soll, die Wahl hat, sich für Gut oder Böse zu entscheiden. Was er für die richtige Wahl braucht, ist jedoch Wissen – Wissen um die eigenen Fähigkeiten und wie man sie einsetzen sollte. Können und Dürfen sind zwei paar Schuh‘, wird schnell klar.

Das wird zwar in jedem zweiten Comic als Botschaft vermittelt, doch Michael Scott macht aus deren Vermittlung eine Kunst und eine Wissenschaft. Der Leser lernt in jedem Fall mit. Eine der Lehren: Die Erde und ihre Zivilisationen sind viel älter, als wir ahnen. Und die Ignoranz der heutigen Erwachsenen ist viel größer, als wir wahrhaben wollen.


Info: The Secrets of the Immortal Nicholas Flamel – The Magician, 2008
Taschenbuch: 509 Seiten
Aus dem US-Englischen von Ursula Höfker.
ISBN-13: 978-3570401200
www.randomhouse.de/cbjugendbuch

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

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