Michael Scott – Der unheimliche Geisterrufer (Die Geheimnisse des Nicholas Flamel 4)

Heroische Fantasy an der Grenze zur SF

Flamel Nr. 4: Das Monster aus der Finsternis

Die Zeit läuft ab für den Alchemysten Nicholas Flamel! Mit knapper Not konnten Flamel und die Zwillinge wieder zurück nach San Francisco fliehen. Doch auch hier gibt es kein Ausruhen. Um ihren Feinden entgegentreten zu können, muss Josh in der Feuermagie ausgebildet werden. Und kaum beherrscht er sie, verschwindet er spurlos.

Sophie ist zutiefst erschüttert, als sie herausfindet, dass erneut ihr Gegenspieler John Dee hinter dem Verschwinden ihres Bruders steckt. Der dunkle Magier hat nun jegliche Skrupel verloren: Mit Joshs Hilfe will er etwas Uraltes aus dem Geisterreich herbeirufen. Ein Wesen, das die Macht hat, selbst das Ältere Geschlecht zu töten – ganz sicher aber Josh. (Verlagsinfo)

Das Buch eignet sich für jugendliche Leser ab 14 oder 15 Jahren, aber mein zwölfjähriger Neffe hat damit ebenfalls keine Schwierigkeiten.

Der Autor

Michael Scott ist einer der profiliertesten und erfolgreichsten Autoren Irland und ein international anerkannter Fachmann für mythen- und kulturgeschichtliche Themen. Seine zahlreichen Fantasy- und Science-Fiction-Romane für Jugendliche wie für Erwachsene veröffentlichte er in mehr als zwanzig Ländern. Scott lebt und schreibt in Dublin.

Der Nicholas-Flamel-Zyklus:

1) Der unsterbliche Alchemyst
2) Der dunkle Magier
3) Die mächtige Zauberin
4) Der unheimliche Geisterrufer
5) Der schwarze Hexenmeister
6) Die silberne Magierin (erscheint 25.2.2013 in D)

Was bisher geschah

Juni 2007. Eigentlich wollten die Zwillinge Sophie und Josh Newman in den Sommermonaten nur ein bisschen Geld verdienen. Josh arbeitet in einer kleinen Buchhandlung und Sophie im gegenüberliegenden Coffee Shop. Als sie bei einem Überfall auf die Buchhandlung dem Besitzer Nick Fleming zur Seite eilen, ahnen sie noch nicht, in welches Abenteuer sie sich begeben. Nick Fleming entpuppt sich als der unsterbliche Alchemyst. Und nun hat jemand den CODEX gestohlen, das er für seine Unsterblichkeit braucht: sein alter Widersacher Dr. John Dee.

Doch Dee handelt im Auftrag der Dunklen Älteren, der Erstgewesenen, die vor Jahrtausenden die Erde beherrschten. Sie wollen sie zurückhaben und die Menschen unterjochen. Was sie brauchen, um Erfolg zu haben, sind die letzten beiden Seiten des CODEX. Die Jagd danach führt nach Paris, wo Nicoló Machiavelli Dr. Dees Verbündeter wird.

Doch Josh und Sophie, die Flamel begleiten, sind Kinder der Prophezeiung, die über schlummernde magische Kräfte verfügen. In Kalifornien wurde Sophies Magie erweckt, in Paris die von Josh. In einem Kampf bei Notre Dame verlieren sie ihre Mitstreiterin Scathach und treten den Rückzug an.

Im dritten Band flüchtet das magische Trio ausgerechnet nach London, die Heimat von Dr. Dee. In England gibt es zahlreiche Dunkle Ältere, Erstgewesene und ihre Diener. Schon in den ersten Stunden ihrer Ankunft müssen sie sich zur Wehr setzen. Doch in London sollen sie das dritte Element der Magie lernen: Nach Luft und Erde ist nun Wasser an der Reihe.

Im vorliegenden 4. Band haben es Flamel und seine Crew nach San Francisco geschafft. Doch dort taucht auch der zum Outlaw erklärte John Dee auf und schmiedet finstere Pläne, den Untergang der Welt, zumindest aber der Stadt herbeizuführen. Aber dazu braucht er mehr Macht – Macht, wie sie Josh Newman besitzt …

Um die Hintergründe hinsichtlich der Unsterblichen, Erstgewesenen und Dunklen Ältesten zu verstehen, verweise ich höflich auf meine Berichte zu Band 1, 2 und 3.

Handlung

Die beiden Flamels und ihre Schützlinge Sophie und Josh sind ihren Verfolgern glücklich über das Portal in Stonehenge entkommen. In San Francisco trennen sich ihre Wege. Doch kaum sind die Zwillinge wieder am Haus ihrer Tante Agnes angelangt, als auch schon eine schwarze Limousine hält und Sophie vor Joshs Augen entführt wird! Josh ist einfach zu verblüfft, ein Ebenbild ihrer beider Freundin Scathach vor sich zu sehen, um rechtzeitig einzuschreiten, doch es handelt sich um Scathachs böse Zwillingsschwester Aoife, die mindestens ebenso alt – und ebenfalls ein Vampir ist.

Die Flamels betrauern gerade die Verwüstung ihrer Buchhandlung und ihre bibliophilen Schätze, als Josh hereinplatzt und sie um Hilfe bei der Suche nach Sophie bittet. Die beiden ahnen schon, wohin Sophie gebracht worden ist: in den Bootshafen von Sausalito, wo Aoife ihr Domizil hat. Auf einem der Boote hält Aoife jedoch Sophie keineswegs gefangen, und der schwarz gekleidete Fahrer der Limousine ist auch keineswegs ein Ninja, sondern der berühmteste Schwertkämpfer aller Zeiten: Miyamoto Musashi. Er nennt sich jetzt einfach „Niten“, nach seinem Schwertkampfstil der zwei Schwerter.

Aoife sucht nach ihrer verschwundenen Schwester Scathach, und die Flamels können ihr lediglich sagen, dass Scathach in einer vergangenen Epoche zusammen mit Jeanne d’Arc verschollen ist. Um sie dort wiederzufinden und zu retten, brauchen sie Hilfe von einem Älteren: Prometheus. Und den finden sie am unheimlichsten aller Orte: im Totenreich Hades …

Pleistozän (ca. 15.000 Jahre v. Chr.)

Scathach und Johanna von Orleans sind in Paris durch das Dimensionstor gegangen, doch sie sind nicht wie geplant in den USA, sondern auf einer baumlosen Ebene gelandet. Hier trachten ihnen Säbelzahntiger und Dire-Wölfe nach dem Leben. Sie alle bekommen von Scathach eins auf die Nase. Doch bald sind es so viele, dass sich die beiden Kämpferinnen in eine Höhle zurückziehen müssen. Sie staunen nicht schlecht, als der Mond aufgeht. Und dann noch einer und noch einer. Vier Monde schweben über dieser Erde – die mit Sicherheit nicht ihre eigene ist…

London

John Dee ist von seinem mächtigen Gebieter wegen seines wiederholten Versagens schwer bestraft und verstoßen worden. Er ist jetzt Utlaga, also vogelfrei. Jede übernatürliche Kreatur, die sich eine Belohnung verdienen will, ist hinter ihm her. Sogar der nordische Obergott Odin, der seine zwei Raben nach ihm ausgesandt hat, hat noch eine Rechnung zu begleichen, weil Dee die Weltenesche mit seinem Eisschwert Excalibur gemordet hat.

Dee hat allerdings eine Trumpfkarte in Gestalt der vier Elementarschwerter, die mittlerweile zu einer einzigen machtvollen Waffe verschmolzen sind. Und in Virginia Dare, einer Schülerin des Rattenfängers von Hameln und Zeitgenossin Dees aus dem 16. Jahrhundert, erringt er eine Verbündete, die mit ihrem Flötenspiel selbst die grässlichsten Kreaturen in den Schlaf schicken kann. Das einzige ihm verbliebene Dimensionstor, das Dee noch benutzen darf, ist das berühmt-berüchtigte Verrätertor im Londoner Tower …

San Francisco

Niccolo Machiavelli war im Auftrag Dees zur Insel Alcatraz gereist, um dort die gefangen gesetzte Zauberin Perenelle Flamel zu vernichten und die hier eingesperrten Monster auf die Stadt San Francisco loszulassen. Er fand die Lage jedoch dramatisch verändert vor: Perenelle entkommen, die Monster dezimiert – und er selbst mit Billy the Kid, einem Unsterblichen, auf der Insel gestrandet.

Billy ruft mit seinem Handy Hilfe in Gestalt eines Indianers. Black Hawk fährt die beiden an Land und von dort zu einem Älteren Wesen namens Kukulkan. Die von den Azteken und anderen Völkern als Gefiederte Schlange verehrte Gott Quetzalcoatl hält über die beiden Unsterblichen jedoch nicht Gericht, sondern will sie „bloß“ verurteilen. Machiavelli überzeugt ihn, dass er viel zu wertvoll ist, und versichert sich Kukulkans Unterstützung. Billy the Kid hingegen ist eine andere Sache: Billy macht sich den Gott zum Feind, was Machiavelli nicht sonderlich klug findet. Wie auch immer: Sie müssen jetzt die Flamels finden.

London

Der Graf von St. Germain ist ebenfalls auf der Suche: nach seiner Frau Johanna von Orleans. Zusammen mit seinem engen Mitstreiter, dem Ritter Palamedes, und dem Dichter William Shakespeare wagt er sich in einen sehr unheimlichen Wald. Hier herrscht der Grüne Mann, den man seit jeher Tammuz oder Cernunnos nennt. Zauberische Hamadryaden mit magischem Blick sowie mit Pfeil und Bogen bewaffnete Waldnymphen führen die Neuankömmlinge zu dem Älteren Wesen. Palamedes ist hier willkommen, und auch Will Shakespeare wird geduldet. Nicht so hingegen St. Germain: „Tötet den Mörder auf der Stelle!“, ruft der Gott erzürnt …

Mein Eindruck

Mit diesem Band wird die Reihe fortgesetzt, aber auch eine neue Trilogie angefangen. Weil viele neue Fäden in die Handlung geflochten werden müssen, ist die Handlung dementsprechend weitverzweigt. Erst im Folgeband und besonders im Schlussband werden alle Fäden zusammengeführt. Auf diese Finali freue ich mich jetzt schon.

Das heißt nicht, dass nicht auch der vorliegende Band ein Finale hätte, ganz im Gegenteil. Aber gemach: Zunächst müssen die erschöpften Flamels Kraft finden. Das gelingt ihnen im Reich des Hades, wo Prometheus sein Schattenreich errichtet hat. Er ist der Sage nach der Schöpfer der ersten Menschen. Er erschuf sie aus Lehm und mit Hilfe seiner feurigen Aura. Die Urmenschen existieren hier immer noch.

Aber das ist es nicht, weswegen die Flamels die Zwillinge hergebracht haben. Hier erlernt Josh die Magie des Feuers, und nach den Worten von Prometheus ist sie die mächtigste überhaupt (was andere Ältere sicher bestreiten würden). Eine besondere Rolle spielt jedoch ein Kristallschädel (siehe Titelbild unten Mitte): Es handelt sich um fortgeschrittene Magie der Archonen, die von Prometheus‘ Schwester Zephania, der Hexe von Endor, aus der „Stadt ohne Namen“ geraubt worden war. Nun erlaubt der Kristallschädel ihnen mitzuverfolgen, wohin Josh verschwunden ist.

Er fährt nach San Francisco – und hält seine Fahrt ebenso wie das Auto für einen Traum. Was er nicht ahnt: Sein erster Erwecker, Mars Ultor, hat seinen Verstand übernommen und bringt ihn zu Dr. John Dee. In der Stadt plant Dee einen ganz besonderen Coup, mit dem er sämtlichen Älteren in den Hintern treten will: Er will ein Monster aus einem Schattenreich herbeirufen, das einen unersättlichen Appetit hat – die Mutter des Vampirgeschlechts…

In Dees Firmenzentrale kommt es zu einem gewaltigen Showdown, als Sophie und Aoife es schaffen, zu dem Geisterrufer, der Josh nun ist, vorzudringen. Können sie ihm Einhalt gebieten?

Die Übersetzung

Bertelsmann alias Random House alias CBJ hat sich bei der Ausstattung der sechs FLAMEL-Bände nicht lumpen lassen. Jede gebundene Ausgabe weist einen Schutzumschlag im Prägedruck auf, der mit Goldfarbe geschmückt ist. Diese Goldfarbe wird für die vier Symbole in den Ecken des Titelmotivs benötigt.

Rechts oben ist Tammuz zu sehen, links daneben ein keltisches Symbol aus drei Spiralen. Unten rechts ist ein japanisches Schriftzeichen zu sehen, das vielleicht den Namen von Musashi bezeichnet. Links unten ist eine geringelte Peitsche zu sehen, die einen unentzifferbaren Namen trägt – und die von Sophie geschwungen wird. In der Mitte sieht man den erwähnten Kristallschädel und das Bild des Aztekengottes Quetzalcoatl alias Kukulkan.

Die Symbolik zieht sich durch bis ins Innere des Buches: Jedes Kapitel ist mit einer von zwei Reihen astrologischer und alchemistischer Symbole geschmückt. Da finden sich die Symbole für Frau/Venus ebenso wie für Mann/Mars oder auch Gold und so weiter. Ich musste an die Elbenschriften in Tolkiens Werken denken.

Fehler

S. 67: „nachdem Joni Mitchell seine Zusage wieder zurückgezogen hatte“. Dumm nur, dass Joni Mitchell eine Frau ist. Hätte die Übersetzerin mal ihren Namen nachgeschlagen, wäre dieser Fehler nicht passiert.

S. 309: „Soccer-Spiel“: Hierzulande besser unter der Zeichnung „Fußball“ bekannt.

S. 364: „Kommst du nicht mir?“ sollte heißen: „Kommst du nicht mit?“

S. 392: „Neureus und seine Töchter“. „Neureus“ sollte korrekt „Nereus“ heißen; seine Töchter sind die Nereiden.

Unterm Strich

Man muss die Handlung der Einzelbände wie einen einzigen zusammenhängenden Roman lesen. Die fünf Kräfte, die in den Zwillingen erweckt werden müssen, geben die Reihenfolge, der man folgen sollte, ebenso vor wie die Ereignisse der Vorgängerbände, auf die nachher ständig verwiesen wird. Kurzum: Man sollte die Bände in der richtigen Reihenfolge lesen.

Mit dem vorliegenden Band beginnt innerhalb des sechsbändigen Zyklus‘ quasi eine zweite Trilogie. Dementsprechend werden viele neue Fäden gesponnen, aber auch gespaltene wieder zusammengeführt. So etwa findet St. Germain wieder zu seiner Liebsten, Johanna von Orleans. Sie ist mit Scathach im Schattenreich eines unheimlichen Burschen mit einer Hakenhand gelandet, der sich Marethyu nennt: Tod. Zusammen mit seinen Besuchern, zu denen auch Will Shakespeare und der Ritter Palamedes gehören, hat er Großes vor: die Zerstörung von Danu Talis, der Heimat aller Älteren …

Die Dunklen

Die Dunklen Ältesten, die bislang Dees Herren gewesen sind, werden zunehmend ungeduldig, je näher Mittsommer, der 22. Juni, der Zeitpunkt ihrer Rückkehr zur Erde, näher rückt. Dass ihr Diener ständig versagt hat, ihre Widersacher zu beseitigen, macht sie nicht geduldiger, ganz im Gegenteil.

Die ständigen Misserfolge zwingen sie zu überstürztem Handeln. Dies wiederum lässt ihre Ängste und Motive sichtbarer werden. Die spannende Frage lautet also für alle Beteiligten: Warum haben die Dunklen Ältesten so große Angst vor den Zwillingen und den beiden Flamels? Und nun ist ihnen mit Dee auch noch der CODEX abhanden gekommen, mit dessen Hilfe sie auf die Erde gerufen werden können.

Offene Fragen

Um herauszufinden, wie die Antwort auf diese Frage lautet, muss der Leser wohl oder übel die nächsten Bände lesen. Das Finale des gesamten Zyklus kann praktisch nur in einer gigantischen Schlacht gegen die gesammelte Macht der Dunklen Ältesten bestehen. Noch zweifelt der Leser, dass die prophezeiten Zwillinge in der Lage sein werden, diese Schlacht zugunsten der Humani (Menschen) zu entscheiden. Doch je mehr Kräfte in den Zwillinge geweckt werden und je mehr Verbündete sie erhalten, desto besser sieht die Lage für sie aus. Andererseits bedeutet es nichts Gutes, dass sich Josh dem Feind angeschlossen hat und Dee hilft.

Lehrreich

Wie bisher bleibt die Handlung jedes Bandes spannend, unterhaltsam, anrührend und vor allem lehrreich. Ich kenne keine andere Serie, die derzeit läuft, die den jungen Leser (ab ca. 12 Jahren) mit so vielen Gestalten aus Mythos und Sage bekannt macht. Ohne jedes Glossar beschreibt der Autor jede dieser Figuren und ihre jeweilige Epoche nicht nur eingehend, sondern bewertet sie auch anhand ihrer Taten, ihrer Absichten und ihrer Beziehungen. Neu ist beispielsweise im vorliegenden Band, dass die Hexe von Endor, die Sophie all ihre Erinnerungen übertrug, die Schwester von Prometheus, dem Schöpfer der Menschen und Dieb des göttlichen Feuers, ist. Was dies für Sophie und Prometheus bedeutet, zeigt sich schnell, denn jede Neuheit wird sogleich umgemünzt, um die Handlung voranzubringen.

Für die Fehler im Text gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 431 Seiten
Originaltitel: The secrets of the immortal Nicholas Flamel 4 – The necromancer (2010)
Aus dem Englischen von Ursula Höfker
ISBN-13: 9783570401576

http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch

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