Mark Brandis – Testakte Kolibri 2 (Folge 6)

Tödliche Weltraumträume

Das Jahr 2124: Der Prototyp „Kolibri“ ist eine Sensation – der erste Raumschifftyp, der in allen Elementen, unter Wasser, in der Luft und im Weltraum reisen kann. Mark Brandis wird beauftragt, als Projektleiter eine mysteriöse Pannenserie aufzuklären, die einen Testpiloten nach dem anderen umbringt. Die VEGA (siehe unten unter „Hintergrund“) braucht den Erfolg, und der Druck steigt. Brandis begibt sich selbst in Gefahr, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen … (Verlagsinfo)

Der Autor

Nikolai von Michalewsky (1931-2000) war bereits Kaffeepflanzer, Industriepolizist, Taucher und Journalist gewesen, als sein erster Roman 1958 veröffentlicht wurde. Am bekanntesten wurde er ab 1970 mit den Mark-Brandis-Büchern, der bis heute (nach Perry Rhodan) mit 31 Bänden erfolgreichsten deutschsprachigen SF-Reihe.

Seine konsequente Vorgehensweise, Probleme der Gegenwart im Kontext der Zukunft zu behandeln, trug Michalewskys Serie eine treue Leserschaft und hohe Auflagenzahlen ein. Seine besondere Zuneigung galt besonders dem Hörspiel. Er gehörte zu den meistbeschäftigten Kriminalhörspiel- und Schulfunkautoren Deutschlands. (Verlagsinfo)

Die Inszenierung

Die Macher und Regisseure sind Interplanar.de:

Joachim-C. Redeker: Sounddesign und Musik
Redeker und Balthasar von Weymarn: Produktion, Regie und Schnitt

Jochim-C. Redeker, geboren 1970, lebt seit 1992 in Hannover. Gelernt hat er das Produzieren in der SAE Frankfurt, seither arbeitet er als Tonmeister für Antenne Niedersachsen. An zwei Virtual-Reality-Projekten hat er als Sounddesigner gearbeitet. Er gibt Audio- und Hörspielseminare und arbeitet als Werbetexter und Werbesprecher für zahlreiche Unternehmen sowie für Kino- und Radiowerbung. Musikalisch betreut er neben seinen eigenen Projekten auch Jingle- und Imageproduktionen. Bereits 1988 brachte ihm eine frühe Hörspielarbeit mit Balthasar den Sonderpreis der Jury für akustische Qualität beim Maxell-Momentaufnahmen-Wettbewerb ein.

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, lebt seit 2006 im Taunus bei Frankfurt. Ausgebildeter Dramaturg und Filmproduzent (Filmstudium Hamburg); arbeitet auch als Skriptdoktor, -autor und Ghostwriter für Unternehmen wie Bavaria Film, Odeon Pictures, Tandem Communications, Storyline Entertainment u. a.

Die Aufnahmeleitung lag in den Händen von Thomas Weichler.

Das Hörspielmanuskript schrieb Balthasar v. Weymarn nach dem gleichnamigen Roman von Nikolai von Michalewsky.

Die Sprecher und ihre Rollen:

Michael Lott spricht: Commander Mark Brandis
Wolf Frass: Prolog
Peter Bieringer: William Stafford
Dorothea Anna Hagena: Ruth O’Hara, Brandis‘ Gattin
Marion von Stengel: Henri Vidal
Frank Thomé: Manuel Vargas
Stefan Peters: Adjutant
Gerhart Hinze: John Harris, Direktor von VEGA
Christian Lessiak: Sven Osberg
Siegrun Sträter: Louise Barley
Olaf Reichmann: Anthony Richardson
Detlef Bierstedt: Dr. Jefferson Greene
Ozan Ünal: Boleslaw Burowski
David Nathan: Grigori „Grischa“ Romen
Katinka Jaekel: Rosanna Jordan
Holger Umbreit: Cpt. Robert Monnier
Ulrike Kapfer: Iris
Joachim-C. Redeker: Arzt

David Nathan ist die deutsche Stimme von Johnny Depp, Christian Bale und anderen, Detlef Bierstedt ist die deutsche Stimme von George Clooney.

Hintergrund

Die Venus-Kolonie

Die Chinesen errichteten auf dem Mars die erste Kolonie, deshalb wollte die westliche Union lieber die Venus besiedeln. Erst mit der Entdeckung einer chemischen Konstante Mitte des 21. Jahrhunderts gelang ein Durchbruch, und seither macht die Zersetzung von Schwefelsäure und Kohlendioxid in der Venus-Atmosphäre Fortschritte, wird aber erst Ende des 22. Jahrhundert abgeschlossen sein. Aufgrund der hohen Oberflächentemperatur von zunächst 450 °C und der langen Venustage (1 Tag entspricht 5832 Stunden) war und ist eine Besiedlung nur in Polnähe möglich. Bis 2095 wurde eine Strafkolonie unterhalten. Ein Schirm wurde errichtet, Forscher und Zivilisten folgten. Bodenwärme wurde in Energie umgewandelt, und die Venuskolonie prosperiert. (aus dem Booklet, abgewandelt)

VEGA

Die Strategische Raumflotte (SR) lagerte 2106 ihre Entwicklungsabteilung auf die Venus aus. Die zuständige Agentur ist die VEGA, kurz für Venus-Erde-Gesellschaft für Astronautik, mit immerhin 8000 Mitarbeitern. Direktor der VEGA ist seit 2122 der ehemalige Major (SR) und Commander (VEGA) John Harris. Die Routen der Testflüge für die Neuentwicklungen sind streng geheim, da die Prototypen als begehrte Beute sowohl für die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR) und die Europäisch-Amerikanisch-Afrikanische Union (EAAU), aber auch für Raumpiraten gelten. Offiziell gilt die VEGA als neutral, aber ihre Auftraggeber waren bislang immer die SR und die Raumfahrtbehörde der Union.

Handlung

Mark Brandis ist neue Projektleiter für die Erprobung des Allzweckflugzeugs „Kolibri“. Doch nach dem publik gewordenen Tod von fünf Testpiloten steht er unter besonderem Druck, die Ursache für den Triebswerksausfall bei den Tauchgängen herauszufinden. Könnten die Störsendungen einer Station auf dem Meeresboden im Testgebiet dafür verantwortlich sein? Marks Chef Harris will einen Schwarm abgerichteter Delfine dorthin schicken, um die Station zu erkunden.

Am nächsten Tag taucht Manuel Vargas – und die Katastrophe passiert. Das Triebwerk lässt sich nicht regulär starten. Als das Metall seiner Kabine unter dem Wasserdruck zu knacken beginnt, dreht Vargas durch. Henri Vidal hat Mark zuvor informiert, dass Vargas im Krieg gefoltert wurde, mit Lichtentzug, Einzelhaft, Wasserfolter usw. Vargas rastet aus und drückt den Knopf für den Alarmstart. Sein „Kolibri“ trägt ihn zu den Sternen …

Allmählich gehen Mark die Testfahrzeuge und -piloten aus, deshalb bekommt er Nachschub. Die neue Testpilotin Jordan ist nach einem schweren Unfall vom Kopf abwärts mit Prothesen versehen und folglich schmerzunempfindlich. Ob das ein Vorteil ist, fragt sich Mark. Feststeht, dass sie ein emotionaler Eisberg ist und sich rasch unbeliebt macht. Zwischen ihr und Vidal kommt es zu einer Prügelei, in deren Verlauf Vidal einen antiken Revolver zieht …

Auf dem Mondstützpunkt geraten sich Chefkonstrukteur Dr. Green und Ex-Pilot Boleslaw Burowski in die Haare. Green bekniet Mark, das Projekt zu beenden, bevor noch mehr Piloten sterben. Doch Boleslaw Burowski insistiert vehement, dass angesichts aller anderen Weltprobleme nur die Kolibris den Menschen eine Hoffnung geben, dass es besser werden könne. Man dürfe das Projekt auf keinen Fall einstellen. Mark beendet den Streit und geht zu Harris: Er will sein Amt niederlegen. Harris lehnt rundweg ab. Das Projekt habe jetzt oberste Priorität erhalten, denn das Militär will den Kolibri als Aufklärer einsetzen, also nicht auf fremden Planeten. Angesichts der permanenten Anschläge auf Einrichtungen der Union müssen wohl die Republiken dahinterstecken. Schon wieder Krieg?

Nachdem der Techniker Richardson keine Fehler an Marks Kolibri gefunden hat, testet Mark den Vogel selbst, geht auf Tauchtiefe 2500 Meter – dort versagt der Antrieb. Nun sitzt der Projektleiter in der Patsche. Ein Rettungsschiff braucht zu lange, um zur Unglücksstelle zu gelangen, also muss er selbst Maßnahmen ergreifen, bevor ihn beim Sinken der Wasserdruck zerquetscht wie eine Fliege. Aber wenn er den Knopf für den Alarmstart drückt, könnte er zwischen Sternen enden, wie der arme Vargas …

Mein Eindruck

Die Lage auf dem Erprobungsstützpunkt spitzt sich zu. Flug für Flug steigt die Nervosität unter den Testpiloten – und die Opferzahl. Wie viele Piloten ist Mark zu opfern bereit, bis das Flugzeug für serienreif erklärt wird? Hier stellt sich nicht nur die Sinnfrage: Welchem Zweck dienen das Flugzeug und das Projekt? Stehen noch die Politiker von VEGA dahinter oder schon die Militärs der Raumflotte?

Mark diskutiert mit den technischen Verantwortlichen, aber die springen einer nach dem anderen ab, denn sie können die Opfer nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Deshalb ist die Beendigung von Marks Ermittlung hinsichtlich der Ursache für die Ausfälle des Triebwerks unter Wasser vordringlich und muss schleunigst erfolgreich beendet werden. Das gibt der Handlung einen kriminalistischen Anstrich.

Natürlich war von Anfang an vorauszusehen, dass es schließlich den Ermittler selbst erwischt: Mark findet sich in der gleichen Patsche wieder wie all die anderen Opfer. Die Ursache bleibt weiterhin rätselhaft, denn er hat ja selbst Hand angelegt bei der Überholung seiner Maschine. Dass ihm die Rettung gelingt, seinem Freund Grischa Romen jedoch nicht, darf der Hörer aller Erfahrung nach zwar erwarten, doch der Eintritt dieser Ereignisse bleibt immer noch spannend.

Das Schicksal Grischas ist nicht nur tragisch und anrührend, sondern auch von bitterer Ironie: Die Akte „Kolibri“ war bereits geschlossen, als er startete, denn der Saboteur ist gefunden worden. Nach dem Motto: Wenn du denkst, es ist alles vorüber, gibt dir das Schicksal nochmal einen Tritt in den Hintern, nur zur Erinnerung, wozu es imstande ist.

Die Inszenierung

Geräusche

Die Geräuschkulisse erstaunt den Hörer mit einer Vielzahl mehr oder weniger futuristischer Töne, doch wenn man ein Fan von SF-Fernsehserien ist, dann dürfte einen dies nicht gerade umhauen, sondern eher ganz normal vorkommen. Vor allem das Dröhnen, Zischen und Jaulen von Düsen ist regelmäßig zu hören, was ja auch naheliegt.

Ungewöhnlich sind eher Sounds, die an das Brutzeln von Eier erinnern, an stockende Klänge – das lässt aufhorchen. Hier haben die Macher dazugelernt. Der gute Sound trägt dazu bei, den Hörer direkt ins Geschehen hineinzuversetzen, und das kann man von den wenigsten SF-Fernsehserien behaupten. Ich fand es beispielsweise ungewöhnlich, eine Episode ohne jedes Wort beginnen zu lassen, sondern eine Minute lang Töne zu kombinieren, so etwa Delphinpfeifen, Walgesänge, Gluckern und Ähnliches.

Die meisten SF-Serien wie etwa „Classic Star Trek“ oder „Raumpatrouille Orion“ sind viel zu alt für solchen Sound, und „Babylon 5“ oder „Andromeda“ klingen zwar toll, spielen aber in abgelegenen Raumgegenden, wo irdische Ereignisse kaum eine Rolle spielen. Dadurch hebt sich „Mark Brandis“ im Hörspiel bemerkenswert von solchen TV-Produktionen ab, von SF-Hörspielen ganz zu schweigen. Nur Lübbes „Perry Rhodan“ kann in dieser Liga mitspielen. Auch das Design von verzerrten Meldungen ist ähnlich professionell gehandhabt. Ein Satz kann mittendrin seine Klangcharakteristik ändern – faszinierend.

Die Sprecher

Diese Folge, Teil zwei von „Testakte Kolibri“, beginnt mit einer Rekapitulation des ersten Teils. Dramaturgisch ist dies als Tagebucheintrag des Titelhelden umgesetzt. Ruckzuck ist der Hörer wieder auf dem Laufenden.

Die Dialoge belegen die Verhaltensweisen von Erwachsenen statt von Jugendlichen. Man nimmt den Figuren jetzt ab, dass sie über Krieg und Frieden sowie den Tod von Menschen zu entscheiden in der Lage sind. Die Ernsthaftigkeit von „Raumpatrouille Orion“ ist mittlerweile mit der schnellen Handlung von „Perry Rhodan“ bestens kombiniert.

Auch Gewaltszenen an Bord von Raumfahrzeugen oder in Mannschaftsunterkünften sind nicht selten, so etwa zwischen Henri Vidal und Lt. Jordan, die ironischerweise beide Frauen sind. Der Gewalt geht ohne Ausnahme eine verbale Auseinandersetzung voraus, und sie hat immer personelle Konsequenzen. Daher ist Gewalt nicht um ihrer selbst willen inszeniert, sondern hat eine durchaus einsehbare Funktion.

Musik

Ja, es gibt durchaus Musik in diesem rasant inszenierten Hörspiel. Neben dem Dialog und den zahllosen Sounds bleibt auf der Tonspur auch ein wenig Platz für Musik. Sie ist wie zu erwarten recht dynamisch und flott, aber nicht zu militärisch – ganz besonders im Intro und in den Intermezzi. Sehr ungewöhnlich klingt der Walzer „An der schönen blauen Donau“. Wie jeder SF-Filmfan weiß, spielt dieser Walzer in Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ eine ganz besondere Rolle. Er ertönt, als die erste Raumstation in Sicht kommt: Die Objekte im Raum vollführen ihren Tanz gemäß den Newtonschen Gesetzen.

Ganz am Schluss erklingt ein flottes Outro, das den Ausklang zu dieser Episode bildet, bevor es zu einer langsam Hintergrundmusik abbremst. Diese läuft während der langen Absage, bei der sämtliche Sprecher und, wo sinnvoll, ihre Rollen aufgezählt werden. Den Abschluss bildet der Hinweis auf die nächste Folge mit dem Titel „Vorstoß zum Uranus“.

Das Booklet

Das Booklet bietet einen Überblick über die bereits erschienenen Folgen der Serie, über die Macher und über die Sprecherr. Darüber hinaus gibt es jeweils Zusatzinformationen, so etwa über die VEGA, über die Insel Espiritu Santu und über die Organisation Marenostro. Mehrere Begriffe aus der Fliegerei werden im Booklet zum ersten Teil erklärt. Zwei Biografien finden sich im Booklet zum zweiten Teil: zu Grischa Romen und zu Rosanna Jordan.

Unterm Strich

Ähnlich wie manche Handlungsstränge der „Perry Rhodan“-Hörspiele greift auch die Mark-Brandis-Serie politische Themen auf statt nun auf die Karte der abenteuerlichen Erforschung fremder Welten zu setzen. Das finde ich schon mal sehr löblich, denn so kann der Hörer die gezeigten Vorgänge mit seinen eigenen sozialen und politischen Verhältnissen vergleichen und sie, mit etwas Verstand, auch kritisch bewerten. In „Testakte Koibri“ bleiben die politischen Konflikte des beendeten Bürgerkriegs nicht in der Vergangenheit, sondern werfen einen langen Schatten. Mehr darf nicht verraten werden.

Das Hörspiel

„Mark Brandis“ ist als Hörspiel professionell inszeniert, spannend, stellenweise actionreich und mitunter sogar bewegend. Im Unterschied zu den ersten Folgen wurden nun mindestens zwei größere Dialogszenen eingebaut, die mir sehr gut gefallen haben. Sie charakterisieren besonders Mark Brandis als einen moral- und verantwortungsbewussten Erwachsenen, der auch mal seine Fehler korrigieren kann. In dieser Folge gerät er sogar schwer in die Bredouille.

Dies ist beruhigend weit entfernt von Kinderkram und rückt die Serie in die Nähe der POE-Hörspiele, die mir fast durchweg gut gefallen. In zehn Jahren wird man diese Serie als Vorbild für eine gelungene SF-Serie aus deutschen Landen auf gleicher Höhe mit „Perry Rhodan“ setzen. Und die Sammler werden sich die Finger danach lecken.

Gut finde ich, dass Universal Music jetzt den Vertrieb übernommen hat. Dadurch ist der Fortbestand der Serie wohl gesichert. Und nun kann man sich mit David Nathan (bekannt als „Johnny Depp“) und Detlef Bierstedt (bekannt als „George Clooney“) auch namhafte Synchronsprecher leisten, die ein wenig (?) mehr kosten als die bisher eingesetzten. Das kommt dem Wiedererkennungs- und Unterhaltungswert der Serie nur zugute.

Hinweis: Der Titel der Fortsetzung lautet „Vorstoß zum Uranus“.

51 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-8291-2314-3
http://www.folgenreich.de/markbrandis
http://www.interplanar.de

Landeplattform


http://www.universal-music.de/musik/hoerbuch/