Mike Maurus – Mittelsturm (Fantasmania 1)

Auftakt zu einer phantastischen Fußball-Zaubertrilogie

Alles beginnt mit einer Wette. Lorenzo und William, Wunderstürmer und Torwart der Verdammten Rotznasen, entfachen bei einem verrückten Fußballspiel ein magisches Gewitter, das sie selbst und die gesamte Welt in Gefahr bringt. Im Strudel der Ereignisse geraten sie ins legendäre Königreich Fantasmanien, mitten in einen mystischen Krieg, der dort seit Jahrhunderten tobt… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Buch ab elf bis 13 Jahren.

Der Autor

Mike Maurus führt Regie bei Zeichentrickserien und animierten Kinofilmen. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern im Süden von München.

Die Fantasmania-Trilogie bei CBJ:

1) Fantasmania: Mittelsturm
2) Fantasmania: Jenseitsfalle
3) Fantasmania: TeamGeister

Handlung

Die freie Hafenstadt Arkanon liegt auf einer schmalen Landbrücke zwischen dem Adamantischen Ozean und dem Nordmeer, mit einem steilen Hügel auf der einen Seite und dem Wilden Wald auf der anderen. Der Wilde Wald ist durch einen mysteriösen Ausbruch von Magie entstanden und lässt keinen passieren, der nicht völlig lebensmüde ist. Er hat auch die einzige Straße, die über Land führt, zugewuchert. Nur auf einem kleinen Flecken können die Kinder der Stadt noch außerhalb des Stadions Fußball spielen. Klar, dass dieser Bolzplatz höchst begehrt ist.

Herausforderung

Die Verdammten Rotznasen sind zwar arme Vollwaisen, aber die besten Spieler der Stadt. Gespielt wird um Einsätze, etwa um einen wütenden Schafsbock. Lorenzo Mittelsturm, der Stürmer, und William, der Torwart, sind die Wortführer, aber auch sie spiel nur mit einem „Lumpenei“. Als daher die Jungs aus der Oberstadt aufkreuzen, die sich die Monster Soccers nennen, fällt Lorenzos Blick sofort auf deren Einsatz: einen nagelneuen, völlig runden, aus unverwüstlichem und total echtem Leder bestehenden Fußball. Der Anführer der Monster ist Fizzbert, der Sohn des reichsten Mannes in Arkanon: Baron Frasbert von Fresseisen. Er präsentiert nicht nur das edle runde Leder, sondern auch neun Eintrittskarten für ein öffentliches Turnier im Stadion. Den Rotznasen gehen die Augen über. Abgemacht!

Begabungen

Bei folgenden Kick erzielen die Monster Soccer Juniors kein einziges Tor. William, unser Chronist, hat als Torwart eine besondere Begabung – wie sie viele Kinder in Arkanon besitzen. Seine besteht darin, die Bewegungsrichtung von Dingen vorhersehen zu können, und zwar buchstäblich. Die besondere Begabung von Lorenzo, dem Stürmer, erlaubt es ihm, dennoch William immer wieder auszutricksen: Er täuscht und dribbelt, bis William ganz schwummrig im Kopf wird – dann haut er die Pille in ein völlig unerwartetes Eck. Im aktuellen Spiel umdribbelt „Mittelsturm“, wie seine Kumpel ihn nennen, eine ganze Reihe Gegenspiel, bevor er das Ei versenkt. Unnötig zu erwähnen, dass sich die Verdammten Rotznasen hinsichtlich des kommenden Turniers siegessicher fühlen.

Zu früh gefreut

Noch zwei Wochen bis zum Turnier. William kann nicht umhin zuzugeben, dass die Betreuung durch den Gegner vorbildlich ist. Ein junges schönes Mädchen namens Ariana, das sie ihre Milch-und-Honig-Fee nennen, notiert alle Bedürfnisse der Rotznasen, als da wären: Schuhe, Hosen, Trikots, Umkleide, Speiseraum, regelmäßiges Trainings und so weiter. Alle verlieben sich restlos in dieses Feenwesen.

Wettbetrug?

Doch zur gleichen Zeit geht mit den Wetten, die in der Stadt auf das Turnier abgeschlossen werden, etwas Merkwürdiges vor sich. Es gibt jede Menge schlechte Nachrichten zum Monster-Team, welches der Baron heimlich unterstützt – und jede Menge positive Nachrichten zu den Rotznasen. Als Folge kehren sich die Wettkurse um: Der Wetter bekommt schließlich für seinen Einsatz auf die Rotznasen nur noch das Anderthalbfache, wohingegen derjenige, der auf die Monster Soccer setzt, das Neunfache herausbekäme. Vollends anrüchig wird die Sache, als adlige Agenten Wechsel über 10.000 Goldstücke ausstellen, die auf den Grafen des benachbarten Reiches Monstrovia lauten. Ist das Wettbetrug, fragen sich die Rotznasen. Eigentlich nicht. Jeder darf setzen soviel er will.

Irreführung

Es ist ausgerechnet Ariana, das Feenwesen, das den Rotznasen die Augen öffnet. Einen tag vor dem Turnier, so berichtet sie, sollen Schlägertrupps des Barons dafür sorgen, dass besonders William und Lorenzo, die beiden Asse der Rotznasen, außer Gefecht gesetzt und vom Sheriff gefangengenommen würden. „Außerhalb der Stadtmauern?“ wundert sich William. „Dort ist der Sheriff gar nicht zuständig.“ Als ob dies irgendeinen Unterschied machen würde.

Ariana bietet den beiden Assen an, sie für eine Nacht an einen sicheren Ort zu führen. Geblendet von ihrer Güte und Schönheit sowie der eigenen Verliebtheit folgen ihre Lorenzo und William bis in die obskurste Gasse an der Hauptstraße, weiter bis zum verrufenen Friedhof und sogar ins Dunkel eines Hünengrabes. „Hier ist der geheime Eingang, der ins Innere der blutenden Burg führt“, verspricht sie. Sie wären ja elende Feiglinge, wenn sie ihr nicht beweisen könnten, dass sie genauso viel Mut haben wie so ein zartes Mädchen, nicht wahr?

Überraschung

Durch Grüfte und Gräber führt der Weg, bis sie schließlich in die große Halle der Burg gelangen. Hier verwandelt sich Ariana auf einmal in ein höhnisch keifendes Weib, das sie erst mit einer Armbrust bedroht, bevor es sich in ein Monster verwandelt. William sagt, er hätte auf die Monsterjägerinnen, die tags zuvor zum Bolzplatz gekommen waren, hören sollen. Ihre Anführerin Nica war sicher, dass es in Arkanon ein verkapptes Ungeheuer gebe. Tja, und da steht es nun direkt vor seiner Nase!

Doch bevor es sie fressen kann, tauchen ein großer, grüner Troll und kleiner, spitzköpfiger Kobold auf, um Ariana von ihrem Vorhaben abzubringen. Es gebe nämlich einen Boss, mit dem es nicht vereinbart war, die zwei kleinen Rotznasen umzulegen. Zusammen vertreiben sie die Gestaltwandlerin, die sie Arachnua nennen. Lorenzo und William entkommen, doch ihr Ziel ist leider sehr vorhersehbar: die Kneipe „Miese Muschel“, wo sie gearbeitet haben. Arachnua ist schneller als sie und empfängt sie mit ihrer Armbrust.

William sieht gerade noch, wie die Armbrust zu ihm herumschwenkt. Bevor Lorenzo sie aufhalten kann, feuert Arachnua den Bolzen ab – mitten auf Williams Brust…

Mein Eindruck

Die Existenzform als Geist bereitet Will doch einigen Kummer, doch die Immaterialität hat auch gewisse Vorteile: Er kann durch jede Tür oder Mauer sausen, wie es ihm gefällt. Es ist ein interessanter Roter Faden, als Will entdeckt, dass es ihm unter ganz bestimmten Umständen gelingt, Gegenstände anzuheben und Wurfgeschosse abzuwehren. Aber worin diese bestimmten Bedingungen bestehen, muss er erst zusammen mit Lorenzo im Experiment herausfinden.

Glubschnak und Schnick haben die beiden fußballernden Rotznasen zur Burg des Zauberers Merellyn geführt. Dieser soll ihnen Antworten liefern und sie überhaupt erstmal lehren, sich in Fantasmanien zu behaupten. Zu ihrem bedauernden Erstaunen müssen sie feststellen, dass Merellyn zwar eine patente Haushälterin mit dem schönen Namen Myrabella hat, selbst aber ständig in anderen Dimensionen unterwegs ist. Doch nur er kennt das Rezept, wie man den Verband herstellt, mit dem Lorenzos verletztes Knie wiederhergestellt werden kann. Nur gut, dass auch ein Herr Rosenholz Beistand leistet, ein ehemaliger Lehrer, der nun auch geisterhafte Eigenschaften besitzt. (Ob es für Lehrer, Haushälterinnen und Zauberer reale Vorbilder gibt, überlasse ich der Phantasie des Lesers.)

Dieser Mittelteil des Buch wusste mich nicht gerade mit Stringenz zu überzeugen. Vieles wirkt beliebig, denn es gibt in Fantasmanien kein Gesetz. Und in Ermangelung eines Gesetzes oder eines Kodex verfügen die Auftritte der zahlreichen Phantasiewesen über keine innere Notwendigkeit. Sie tauchen vielmehr vor allem dann auf, wenn es Lorenzo und Will nützt, obwohl die beiden Jungs gar nicht aus Fantasmanien stammen (glauben sie jedenfalls).

Da der Zauberer nicht sonderlich hilfreich ist, suchen die Jungs Hilfe bei einem verborgenen Buch namens Macronomicon (in Anlehnung an Lovecrafts „Necronomicon“). Doch es ist hinter sieben Pforten weggesperrt und von Ketten und Schlössern zugeschlossen. Im letzten Teil des Romans finden die beiden Jungs Wege, um das Buch zu befreien. Dabei überwinden sie ihre eigenen Grenzen und Mängel. So gelingt es etwa Will, trotz seiner Immaterialität Dinge zu bewegen. Wie schafft er das bloß, fragen sich die beiden. Seit kurzem legt Lorenzo magische Fähigkeiten an den Tag, die er von Merellyn erlernt hat. oder hat er etwa magische Gene?

Zusammen mit dem geretteten und befreiten Macronomicon sowie Merellyns Weisheit spüren die Jungs dem Ursprung des Ewigen Krieges nach, der in Fantasmanien für so viel Unglück und leiden sorgt. Würde man die Ursachen des Krieges beseitigen, so überlegt man, müsste auch Merellyn nicht dauernd magische Feuerwehr spielen und durch die Dimensionen düsen. Wie sich herausstellt, fällt dabei Lorenzo eine Schlüsselrolle zu. Denn seine Eltern scheinen keineswegs unscheinbare Bauern oder Schiffer gewesen zu sein, sonst magische Persönlichkeiten von höchstem Rang…

Dickens revisited

Dieser Plot könnte zwar aus dem 19. Jahrhundert stammen und von Charles Dickens erdacht worden sein. Doch die erzählerische Umsetzung ist frisch, einfallsreich und frech in ihrer Ausdrucksweise – eben ganz 21. Jahrhundert. Zahlreiche Seitenhiebe auf gewisse Missstände in unserer Welt entgehen dem aufmerksamen jungen Leser sicherlich nicht, so etwa die üble Ausbeutung der Waisenjungs in der Kneipe Zur Miesen Muschel. Auch die Manipulation von Fußballwetten dürfte nicht unbekannt sein. Dass die rebellischen Rotznasen gegen die hochnäsigen Baronsschützlingen gewinnen müssen, versteht sich von selbst. Doch der Baron hat ein paar üble Tricks auf Lager…

Die Aufmachung

Die schön aufgemachte Ausgabe weiß sogar noch im Taschenbuchformat das Auge zu erfreuen. Die Zeichnungen stammen alle von versierten Autor. Jedes Kapitel wird mit einer eröffnet und ein weiteres Motiv läuft auf jeder Seite mit, so dass man fast ein Daumenkino nutzen könnte. Die Landkarte von Arkanon steckt voller netter Details. Ein umfangreiches Glossar klärt den Leser über die Fülle von Figuren, Orten und Ereignissen auf, die im Buch eine Rolle spielen.

Unterm Strich

Die Abenteuer der Verdammten Rotznasen dürften nicht nur jeden jungen Fußballfan bestens unterhalten, sondern jedes Kind, das weiß, wie es ist, ohne Eltern aufzuwachsen. Waisen müssen kleine Rebellen sein, sonst gehen sie unter. So müssen sie etwa gegen Barone wie den fiesen Baron Frasbert von Fresseisen bestehen, aber auch gegen großmächtige Zauberer wie Merellyn, der nicht wenig Ähnlichkeit mit einem gewissen Gandalf hat.

Waisenschicksal

Unwillkürlich denkt der erwachsene Leser an „Oliver Twist“, doch Maurus‘ Garn ist wesentlich bunter und einfallsreicher. Waisen sind nicht im Vordergrund, sie bilden den Hintergrund – und das aus einem ganz bestimmten Grund: Die Suche nach den Eltern ist ganz eigener Antrieb, der teilweise für die Dynamik der Handlung sorgt. Diese Suche wird zu einer Erforschung der Vergangenheit des ewigen Krieges, der in Fantasmanien tobt. Ein Bruderkrieg, wie sich herausstellt, und Lorenzo spielt dabei eine ganz besondere Rolle. Diesen krieg zu beenden, erfordert sicherlich mindestens einen weiteren Band.

Das Zauberbuch

Mir hat die Lektüre in der ersten Hälfte viel Spaß bereit, denn die Einfälle sprühen nur so. Die zweite Hälfte spielt in Fantasmanien, und hier treten sehr viele Fantasy-Gestalten auf – zu viele, um plausibel zu sein. Ihre Auftritte wirken beliebig, denn es mangelt an einer inneren Notwendigkeit für ihre Existenz. Einzige Ausnahme: das Buch Macronomicon, das eine eigene Intelligenz besitzt und nach Freiheit strebt. Bei seiner Befreiung spielen Lorenzo und Will eine Schlüsselrolle.

Ausblick

Dieses letzte Fünftel des Buches ist recht spannend geschildert, verlangt aber wiederum nach einer Fortsetzung: Es gibt jetzt mehr Fragen als das Macronomicon beantworten kann. Wird der böse Lord Mundovoros, der Weltverschlinger, das Kommando über Fantasmanien übernehmen? Und wo ist der verschollene Lord Oberon abgeblieben, wenn man ihn braucht? Doch es besteht Hoffnung: Wie es scheint, spielt der neue magische Sport des FUSSBALLS, den Lorenzo und Will lehren, eine bedeutende Rolle in der Zukunft des Phantasiereiches…

Taschenbuch: 411 Seiten
ISBN-13: 978-3570280041

www.randomhouse.de

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