Miller, Frank / Mazzuchelli, David / Lewis, Richmond – Batman – Das erste Jahr

„Batman – Das Erste Jahr“ behandelt, wie der Titel schon sagt, das erste Jahr, in dem der psychopathische Superheld in Gotham City in Erscheinung tritt.

_Die Story_ dürfte den meisten bekannt sein: Der Millionenerbe Bruce Wayne verlor mit sechs Jahren beide Eltern, die von einem Straßenräuber erschossen wurden. Von nun an hat sein Leben für ihn jeglichen Sinn verloren, bis er sich eines Tages entschließt, den von Verbrechen und Korruption geschüttelten Großstadtmoloch Gotham City zu „säubern“.

Frank Miller schreibt jedoch weder ein glorioses Heldenepos, noch das tragische Psychogramm eines Opfers, das zum Täter wird. In erster Linie schreibt er eine ganz normale schwarze Kriminovelle, die ziemlich hard-boiled daherkommt, sich jedoch durch sehr gelungene Charakterentwicklungen auszeichnet und so wohltuend vom Einerlei der bunten Heftchen abhebt.

Bezeichnenderweise beginnt die Geschichte mit keiner heißen Actionszene und auch nicht mit einer plumpen Vorausdeutung auf den späteren Batman, sondern (wie ein Film) mit einer realistischen, grauen und recht ernüchternden Szene, in der ein gewisser James Gordon aus Chicago am tristen Bahnhof von Gotham City ankommt, wo er demnächst seinen Dienst als Lieutenant der Polizei verrichten wird.

Miller und sein Zeichner Davie Mazzuchelli erschaffen auf hervorragende Weise von Anfang an eine eigentümliche Atmosphäre der Stadt, die den Leser im weiteren Verlauf der Geschichte immer stärker in den Bann zu schlagen vermag. Das Bild einer Stadt voller Entfremdung setzt sich im Kopf des Lesers in dem Maße zusammen, in dem die Illusionen und die noch recht neutrale Erwartungshaltung Gordons mehr und mehr den Frustrationen des harten Alltags weichen müssen.

Die später eingeführte, stark einseitige Perspektive des Bruce Wayne ist es aber, die den Wahnsinn dieser Stadt noch stärker aufzeigt und ein endgültig düsteres Bild der Metropole zeichnet; es ist jedoch eine Perspektive, die schon so gebrochen erscheint, dass man als Leser allmählich zu zweifeln beginnt, ob man hier die ganze Wahrheit gezeigt bekommt.

Dieser Wayne ist nämlich keineswegs ein überlegener Moralist mit harten Methoden, sondern ein arroganter Schnösel, den die Schuldgefühle gegenüber seinen Eltern keineswegs davor bewahren, die Ausgestoßenen der Gesellschaft pauschal als Abschaum zu betrachten. Erst als er sich hinab begibt in ihre (Halb-)Welt, dämmert es ihm unbewusst, dass es sich um Menschen handeln könnte, die genauso ihre Motive haben wie jeder andere auch. Das führt noch längst zu keiner Wandlung; wäre das der Fall, würde Batman auch recht schnell unglaubwürdig. So aber erleben wir ihn beim Training, beim Räsonieren, beim Planen, beim Repräsentieren und natürlich dann doch beim Kämpfen als einen innerlich zerrissenen Menschen, der sich äußerlich (auch vor sich selbst) aber immer zu rechtfertigen weiß.

Gordon ist ebenso ein Mensch mit Fehlern und dunkler Vergangenheit. Er eignet sich recht schnell die illegalen Methoden seiner Kollegen an, wird hart und abgebrüht, versucht den Job nicht an sich ranzulassen und seine schwangere Frau aus allem rauszuhalten. Und beginnt eine Affäre mit einer Kollegin. Er stellt nach und nach fest, dass sich sowohl Kollegen und Vorgesetzte als auch der Bürgermeister selbst tüchtig schmieren lassen, und es kotzt ihn an. Schon bald ist er recht unbeliebt und beginnt notgedrungen, Verbündete gegen die internen Intrigen im Polizeiapparat zu suchen. Er stellt fest, dass die Korruption zum Himmel stinkt, die meisten Verdächtigen jedoch Protektion von oberster Stelle genießen.

Als Batman seine nächtlichen Streifzüge und aufsehenerregenden Selbstjustizaktionen beginnt, ist es Gordon, der ihn bekämpfen soll. Anfangs nimmt er diesen Job an wie jeden anderen. Doch nach und nach beginnt er an den Methoden der Polizei zu zweifeln, zumal einige Leute den Fledermausmann offenbar unbedingt tot sehen wollen, obwohl dieser bisher stets darauf achtete, niemanden zu töten …

Ein interessanter Nebenstrang ist der einer Prostituierten, die eines Tages beschließt, ihr Leben zu ändern. Noch im selben Jahr tritt nach dem Mann im unheimlichen Fledermauskostüm eine zweite kostümierte Gestalt in Gotham Citys Polizeiberichten in Erscheinung: Eine Fassadenkletterin, die sich ihre Opfer stets unter den reichsten Verbrechern der Stadt auswählt.

Derweil muss Batman sich Gedanken um seine Sicherheit gegenüber dem immer rücksichtsloseren Polizeiapparart machen, und nach einem ersten „Presse-Erfolg“ auch um sein Image, als er mit der katzenhaften Fassadenkletterin in Verbindung gebracht wird. Auch Gordon, der bisher als erfolgreicher Einsatzleiter unter dem Schutz der öffentlichen Meinung stand, wird die Luft dünn. Nachdem er bereits von oben eine „inoffizielle Abmahnung“ wegen „unkollegialen Verhaltens“ bekam, wird nun seine Frau bedroht …

_Die Zeichnungen_ von Mazzucchelli sind recht schlicht gehalten, aber dennoch wirkungsvoll. Die teils nur schemenhaften, teils stark eingetuschten Bilder bringen die desolate Nachtstimmung ausgesprochen realistisch rüber. So richtig beeindruckend wirken sie aber erst durch die perfekt auf diesen Zeichenstil abgestimmte Farbgebung (Richmond Lewis), bei der im jeweiligen Panel meist ein bestimmter Ton in diversen Schattierungen dominiert und so nahezu jedes Bild mit einer zu eben diesem passenden, flächigen Eintrübung zusammenhält und atmosphärisch verdichtet.

Den Actionszenen kommt besonders ihre drastische Schemenhaftigkeit zugute, die diese Momentaufnahmen blitzschneller Entscheidungen und Reaktionen von der Alltagsrealität deutlich abhebt. Die Gewalt bricht stets als dunkle Bedrohung in das Geschehen ein.

Hier erweist sich David Mazucchelli als Meister der dramaturgischen Licht- und Schattengebung. Bemerkenswert sind auch die Zwischentitel, deren grundlegende Schwarzweiß-Technik aufgebrochen wird, indem Detailausschnitte auf beeindruckende Weise durch Einfärbungen in den Focus genommen werden, fast so, als blicke man durch ein Zielfernrohr.

Frank Millers Verdienst aber ist es, die Handlungsstränge auf spannende Weise miteinander zu verweben und so nicht nur ein psychologisch nachvollziehbares Handlungsgerüst, sondern auch eine komplexe Darstellung seiner Kulisse zu liefern.

Wie es scheint, ist es nämlich erst diese dämonische Stadt, die die Personen zu dem gemacht hat, was sie sind. Für mich ist Gotham City der wahre (Dark) Star dieser Erzählung.

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