Miller, Walter M. – Lobgesang auf Leibowitz

_Ewiger Science-Fiction-Klassiker_

„Leibowitz“ gilt als Meisterwerk der modernen Science-Fiction. Das liegt einerseits an dem großartigen Stil, zum anderen aber auch am folgerichtigen, dreistufigen Aufbau und am Thema des Romans. Millers Helden sind nicht etwa die agierenden Personen, sondern die Menschheit und ihre Geschichte im Allgemeinen. Der Autor transponiert die Geschichte der letzten 2000 Jahre einfach in die Zukunft, von den Fünfzigern aus gesehen.

_Der Autor_

Walter M. Miller jr. wurde 1923 in New Smyrna Beach in Florida geboren, wurde Ingenieur und war Flieger bei der US Air Force im Zweiten Weltkrieg. Dabei zerbombte er u. a. das Kloster Monte Cassino in Italien. Die Besichtigung des zerstörten Gebäudekomplexes nach dem Krieg beeindruckte ihn tief. Nach seinem dreiteiligen „Leibowitz“-Roman (1955-57) schrieb er mehrere hervorragende Novellen.

Auf Wunsch vieler Leser und seines Verlegers schrieb er einen Parallelroman zu „Leibowitz“, dessen Manuskript man fast vollendet in seinem Schreibtisch fand, als er 1996 Selbstmord begangen hatte: „Saint Leibowitz and the Wild-Horse Woman“ („Ein Hohelied für Leibowitz“). Miller hatte großen Einfluss auf viele US-SF-AutorInnen.

Für den vorliegenden Roman erhielt Miller den |Hugo Gernsback Award| der amerikanischen SF-Leser im Jahr 1961, einen der zwei wichtigsten Preise im Genre.

_Handlung_

Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt, die zuvor als Novellen im „Magazine of Fantasy and Science Fiction “ erschienen waren. „Fiat Homo“ (1955) schildert die Welt 600 Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg, der den größten Teil der Menschheit vernichtet hat. Bruder Francis Gerard ist Novize im „Albertinischen Orden von Leibowitz“ in einem Kloster im Südwesten der ehemaligen USA.

Eines Tages hat er in der Wüste eine merkwürdige Begegnung mit einem Pilger, durch den er einen alten Bunker entdeckt. In diesem findet er eine Blechschachtel mit alten Papieren, darunter eine offensichtlich wertvolle Blaupause mit mit dem Namen I. E. Leibowitz darauf. Isaac Leibowitz war ein Physiker, der nach dem Holocaust und der darauf folgenden Zeit der Simplifikation, einer antiintellektuellen Bewegung mit Bücherverbrennungen, sein Heil in der Religion suchte und einen Orden gründete, der sich die Konservierung des menschlichen Wissens zur Aufgabe machte. Zur Zeit Bruder Gerards hegen und pflegen die Mönchen Vorkriegsdokumente, wissen aber kaum noch, was sie da tun.

Die Blaupause von Leibowitz erregt im Kloster großes Aufsehen, und da man den Klostergründer gern als Heiligen sähe, wird auf die Duplikation des Fundes großer Wert gelegt. Francis verbringt mit dem haargenauen Abzeichnen fünfzehn Jahre. Schließlich bricht er nach New Rome an der Ostküste auf, um dort sein Fundstück zu präsentieren, was die Heiligsprechung von Leibowitz nach sich zieht.

Der zweite Teil, „Fiat Lux“ (1956) – Es werde Licht -, in dem man langsam zur Wissenschaft zurückkehrt, spielt wiederum etwa 600 Jahre nach dem ersten und markiert nach dem Mittelalter quasi eine neue Renaissance. Die nomadischen Stämme sind sesshaft geworden, mehrere Staaten haben sich entwickelt. Während man im Kloster mit elektrischem Licht (lat.: lux) experimentiert, schwelen die ersten Konflikte zwischen Kirche und Staat.

Der dritte Teil, „Fiat Voluntas Tua“ (1957) – Dein Wille geschehe – beschreibt eine Welt etwa 1800 Jahre nach dem Atomkrieg. In einer zyklischen Geschichtsbewegung hat die Zivilisation wieder die Stufe erreicht wie 1800 Jahre zuvor. Der aufgeklärte Staat hat die Kirche in den Hintergrund gedrängt, und ein neuer Atomkrieg droht. Schließlich tritt das unvermeidlich Erscheinende erneut ein; während die Bomben fallen, brechen die Mönche des Klosters mit einem Raumschiff zum Stern Alpha Centauri auf. Aus dem Licht der von ihnen wiederentdeckten Elektrizität ist schließlich doch der Atomblitz geworden.

_Anmerkungen_

Ironischerweise weist er der römisch-katholischen Kirche eine ähnliche Rolle zu, nur dass ihre Reliquien diesmal wissenschaftlichen Ursprungs sind. Entsprechend von zentraler Bedeutung ist daher das Verhältnis Kirche – Wissenschaft. Miller teilt sarkastische Seitenhiebe nach beiden Seiten aus.

Das zyklische Geschichtsbild ist als sehr pessimistisch, ja geradezu deterministisch aufgefasst worden. Doch man bedenke: „Leibowitz“ entstand zu einer Zeit – Mitte der Fünfziger – als der Widerstand gegen das atomare Wettrüsten immer stärker wurde. Hiroshima warf lange Schatten. Von daher ist das Buch auch als Warnung zu verstehen. Dieser Roman gewann 1960 den HUGO Award (ironischerweise ein Jahr nach dem Debakel mit Heinleins [„Starship Troopers“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=495 und wird von vielen Kritikern als einer der besten Science-Fiction-Romane überhaupt angesehen.

Die Ausgabe von 2000 enthält ein kluges Vorwort von Carl Amery, einem katholischen Religionkritiker und SF-Autor (gestorben 2005), der schreibt, das Lesen dieses Buches habe seine Arbeit verändert. Deswegen habe er die zwei Romane „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975) und „An den Feuern der Leyermark“ geschrieben.

|Originaltitel: A Canticle for Leibowitz, 1959
Aus dem US-Englischen übertragen von Jürgen Saupe und Walter Erev|