Walter Moers – Adolf: Der Bonker

Das geschieht:

Berlin, Ende April 1945. Der Krieg ist für das Deutsche Reich an allen Fronten längst verloren, der Feind steht bereits hinter den Toren der Hauptstadt Berlin. Dort sitzt in seinem „Bonker“ Adolf, die Nazi-Sau, einst „Größter Feldherr aller Zeiten“, nun ein geschlagener Diktator, der partout nicht einsehen will, dass seine Herrschaft zu Ende ist.

Keiner nimmt Adolf mehr Ernst. Der britische Premierminister Winston Churchill spielt ihm fiese Telefonstreiche, auf die der humorlose Tyrann stets hereinfällt. Freundin Eva Braun schläft mit jedem außer ihm, für den nur maulige Vorwürfe abfallen, wann der lästige Krieg endlich vorüber sei. Ehemalige Kampfgefährten wie Hermann Göring, Benito Mussolini oder der japanische Kaiser versuchen den störrischen Diktator zur Kapitulation zu bewegen. Aber sowohl sie als auch der Tod, Gott oder Michael Jackson, die in ähnlicher Mission im „Bonker“ auftauchen, bleiben erfolglos.

Einsam und von allen Getreuen verlassen, steht Adolf nur Schäferhündin Blondie unerschütterlich zur Seite, doch auch deren Motive stellen sich als nicht so uneigennützig heraus wie ihr geplagter Herr es sich wünscht …

Matte Runde 3

Aller guten Dinge sind eben doch nicht zwangsläufig drei: Adolf im „Bonker“ ist – es sei vorweggenommen – nicht mehr so witzig wie in seinen früheren Abenteuern („Äch bin wieder da!“, Piper Nr. 4397; „Äch bin schon wieder da!“, Piper Nr. 4370). Seit 2001 lässt der Karikaturist/Cartoonist Walter Moers, der immer für eine witzige Tabuverletzung gut ist, „Adolf, die Nazi-Sau“ Abenteuer der besonders aberwitzigen Art erleben. Er kann dabei auf das Unbehagen setzen, das sich in Deutschland zuverlässig einstellt, wenn die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ansteht. Wie verhalte ich mich dabei als ,guter‘ Deutscher’? Allzu weit verbreitet ist folgende Reaktion: Am besten auf Nummer Sicher gehen, eine betroffene Ernstmine aufsetzen und mit Grabesstimme an die Schrecken der Vergangenheit erinnern.

Diese Haltung ist angesichts der durchaus konkreten deutschen Verpflichtung, mit der spezifischen Vergangenheit dieses unseres Landes zu leben, durchaus angebracht bzw. zu achten, wenn sie im ehrlichen Empfinden wurzelt. Sie ist jedoch nicht verpflichtend, und sie stößt ab, werden Interesse und Anteilnahme nur geheuchelt, weil das Protokoll es verlangt, oder die Nazi-Verbrechen als moralische Keule für die Durchsetzung eigener Ziele eingesetzt werden. In diesem Fall kommt die Möglichkeit hinzu, sich medienwirksam schockiert zu zeigen, weil mit dem Entsetzen Scherz getrieben wird.

Doch die Beantwortung der Frage, ob man so etwas ‚darf‘, ist auf keinen Fall solchen Gruppen zu überlassen. Walter Moers hat sich aufs Glatteis gewagt. Er ist damit kein Vorreiter, denn im Ausland werden die Nazis seit jeher mit Hohn und Spott übergossen, ohne dass der moralische Untergang der Menschheit auf diese Weise erkennbar beschleunigt wurde. „Frühling für Hitler“ heißt ein bei Kritik und Publikum erfolgreiches US-Musical; eine derbe Komödie, die keinen Gag auslässt, um sich über die Nazis oder besser: über die Probleme des Umgangs mit den Nazis lustig zu machen. Filme wie „Der große Diktator“(1940) und „Sein oder Nichtsein“ (1942) gehören zu den Klassikern der Kinogeschichte.

Im Grunde längst bekannt

Diese Klasse erreicht die „Adolf“-Reihe und speziell „Der Bonker“ indes nicht. An hintergründigem, knochentrockenem, tiefschwarzem Humor fehlt es dem Werk neben deftigem Klamauk keineswegs. Moers beschränkt sich nie darauf, politisch korrekten, chronisch entrüsteten Tugendwächtern und -bolden einen tüchtigen Tritt in die Kniekehlen zu verpassen. Ihm fällt wirklich Komisches ein, sein Wortwitz ist beachtlich, der dreiste Einsatz absurder Anachronismen zwerchfellerschütternd: Der „Bonker“ liegt irgendwie im Kriegsabseits, denn es ist für Adolfs zahlreiche Gäste kein Problem, ihn daheim zu besuchen; Adolf liest den „Playboy“, Winston Churchill narrt den „Föhrer“ per Handy; im Prolog erscheint ihm der Popmusiker Prince als Flaschengeist. Was immer dem Gag hilft, wird von Moers skrupellos zum Einsatz gebracht. Das (positiv) Bemerkenswerte daran ist, dass er aus der Liste jeweils möglicher Gags überdurchschnittlich oft jene wählt, mit denen man als Leser nicht rechnet.

Leider fesselt Adolf uns damit wie gesagt nicht mehr so stark wie bei seiner ersten Wiederkehr. Der Überraschungseffekt ist dahin, doch während Moers dies in „Äch bin schon wieder da!“ durch eine in ihrem Wahnwitz schlicht geniale „Story“ abzufangen wusste, erschöpft sich „Der Bonker“ im Recyceln bekannter Szenen und Scherze. Göring, Mussolini, selbst Michael Jackson hatten ihren Auftritt schon. Gandhi, der Tenno oder Churchill bieten nur Variationen des Bekannten.

Fatalerweise verzichtet Moers darüber hinaus darauf, seine Geschichte als Comic zu erzählen. Er legt „Der Bonker“ sehr textlastig als Theaterstück an. Seine Komik basiert jedoch im hohen Maß auf seinen im trügerisch „einfachen“ Zeichenstil gehaltenen Nasenfiguren, deren Ausdruckskraft immens ist. Auch wenn wieder aberwitzige Dialoge zum Lachen reizen, fehlt doch die optische Ergänzung.

Ein weiterer Kritikpunkt richtet sich gegen die „Story“: Sie fehlt. „Der Bonker“ ist eine lockere Zusammenstellung eigentlich isolierter Gags, was sich auch daran erkennen lässt, dass die Geschichte irgendwann abbricht. Ein Es funktioniert nicht, das letzte Bild zum Höhepunkt zu stilisieren, zumal sich der Schlussgag schon relativ früh abzeichnet.

Adolf, der niedliche Massenmörder

Adolf, die Nazisau, ist keine Parodie des echten Adolf Hitler; auch wenn es naheliegt dies anzunehmen, wäre es grundfalsch. Auch die reale Vergangenheit dient Moers nur als Steinbruch. Für Adolf entleiht er der Person und der Persönlichkeit Hitler „typische“, d. h. bekannte Elemente: Bärtchen und Frisur, die „einprägsame“ Stimme („Man moß ämmer das Ohr am Pols der Zeit haben, sonst äst man als Potäntat rockzock weg vom Fenster“), aber auch Gesten, Charakterzüge und Überzeugungen, die er geschickt ins Lächerliche zieht. Über diesen engstirnigen, ignoranten, beschränkten Wicht, dieses rundum komische kleine Licht lässt sich lachen: „Äch hab doch bloß einen Weltkrieg verloren! Churchill verarscht mäch am Telefon! Dieser verröckte Inder [Gandhi] gäht mir auf die Nerven! Eva fickt mät allen, bloß nächt mät mir! Mein Wintergarten äst am Arsch, ond der Tenno will mäch mät Blausäurekapseln vergäften – was för einen Grond sollte äch denn haben, mich aufzoregen?!“

Moers baut indes kleine Widerhaken ein; immer wieder gibt es Szenen, die Adolf als Rassisten, skrupellosen Massenmörder und rücksichtsfreien Eroberer zeigen; das Lachen bleibt einem hier im Halse stecken. Adolf ist in der Tat eine Nazi-Sau, kein Sympathieträger und völlig untauglich als Ikone einer angeblich glorreichen Vergangenheit.

Manchmal gelingt Moers Großes: Auf einer der letzten Buchseiten sieht man einen riesigen Globus, vor dem ein von sich selbst beeindruckter Adolf steht. Den Kontinenten und Ländern hat er neue Namen gegeben, doch bei näherer Betrachtung hat er einfach sein kleingeistiges Nazi-Deutschland auf die ganze Welt übertragen. Aus Grönland wurde Sylt, aus Australien Thüringen; Russland mutierte zu „Baltisch-Sibirien“, Südamerika zu Bayern usw.: Adolf hat die Erde erobert, ihr aber rein gar nichts Neues bringen können. Mit diesem Bild bringt Moers die geistig-kulturelle Nichtexistenz des echten Hitler genau auf den Punkt.

Nicht so ausgefeilt wie die Hauptfigur sind die Nebendarsteller. Moers skizziert sie dennoch in treffenden Umrissen. Eva Brauns hirnlose Ignoranz, Görings egoistische Gier, Mussolinis substanzlose Protzerei – immer gibt es Verbindungen mit der historischen Realität, die neben dem unmittelbaren Bild- und Wortwitz eine hintergründige zweite Ebene kluger Sarkasmen entstehen lässt.

Exkurs: Erfolg im 21. Jahrhundert – ein Fließband-Produkt?

„Adolf“ ist zum „Kult“ geworden, „Kult“ wird heute vor allem mit „Marktwert“ übersetzt. „Adolf“ hat eine Fangemeinde, die ungeduldig auf neue Abenteuer wartet. Dass einem Kultschöpfer nach famosem Start womöglich nichts wirklich Originelles mehr einfällt, entfällt längst als Hindernis für eine Fortsetzung des lukrativen Spektakels. „Der Bonker“ bietet nüchtern betrachtet 80 mehr als großzügig bedruckte Seiten, die sich problemlos in zwanzig Minuten lesen lassen. Das reicht selbst für ein Moers-Werk nicht aus, denn für knapp 15 Euro verlangen die Leser einen angemessenen Gegenwert. Also fügt man dem „Bonker“ Gimmicks bei. Es gibt Schnittmuster: Man kann Adolf, Eva & Co. ausschneiden und nachbasteln, um das Geschehen im „Bonker“ nachzuspielen. Glauben Verfasser und Verlag ernsthaft, dies werde jemand tun? Vielleicht bastelt sich ein „Adolf“-Fan aus den Figuren ein Mobile, doch selbst das ist unwahrscheinlich. So bleibt wohl als Grund für diese „Zugabe“ nur die Gelegenheit, die Seitenzahl zu erhöhen.

Gimmick 2 besteht aus einer DVD, auf der ein Musik- und Videoclip gespeichert wurde. Adolf singt und tanzt – sogar in 3D – im Bad seines „Bonkers“. Das ist einmal ganz niedlich anzuschauen und anzuhören, aber das war’s dann auch: „Ich hock in meinem Bonker“ ist weder als Song noch als Filmchen ein Werk von nachhaltigem Unterhaltungswert.

Fazit: „Der Bonker“ ist ein Buch (bzw. Büchlein), das definitiv seine Meriten hat, man sich jedoch auch als Moers-Fan lieber schenken lassen sollte. Kauft man es selbst, ist die Gefahr des Ärgerns groß, vergleicht man den Spaß mit der Tiefe des Lochs, den der Erwerb in die Geldbörse reißt. Aber die „Adolf“-Welle rollt. Bis sie sich bricht und ausläuft, lässt sich noch eine Menge Fan-Geld destillieren.

Autor

Walter Moers wurde 1957 geboren. Bis zu seinem 28. Lebensjahr schlug er sich mit diversen Jobs mehr schlecht als recht durch. 1985 machte er sein Hobby zum Beruf: Moers erzählte gern Geschichten in Bildern, wobei er einen einzigartigen Stil entwickelte, der durch die Reduktion auf das Wesentliche beeindruckt. „AHA!“ wurde sein Debütwerk und in seiner Mischung aus Witz und Respektlosigkeit typisch für den „anarchistischen“ Moers. Die Schraube zog er mit seinen auf Konfrontation und Tabubruch setzenden, dabei in ihrem entlarvenden Sarkasmus treffsicheren Reihen um das „Kleine Arschloch“ (seit 1990) und „Adolf, die Nazi-Sau“ (seit 2001) an.

Schon 1988 zeigte sich Moers von seiner anderen Seite. Mit der Figur des Käpt’n Blaubär schuf er einen modernen Klassiker des Kinderbuchs, der es inzwischen ins Fernsehen und ins Kino geschafft hat. Seit 1999 ist Moers zudem als Romanautor tätig. Mit „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ begann er eine Serie sehr erfolgreicher Romane aus der Märchenwelt Zamonien, die sich an Jugendliche ebenso wie an Erwachsene wenden.

Paperback: 80 Seiten
http://www.piper-verlag.de

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