Monteleone, Thomas F. – Blut des Lammes, Das

_Zwielichtig: Jesus Reloaded_

Geheim agierende, skrupellose Kräfte im Vatikan führen einen vermessenen Plan durch: Sie klonen Jesus – oder zumindest denjenigen, den sie dafür halten. Aber als der Klon nach 30 Jahren ungewöhnliche Kräfte an den Tag legt, sind sie sich nicht mehr so sicher, ob es sich um den Messias handelt – oder um den Antichrist …

_Der Autor_

Thomas F. Monteleone, geboren 1946, schrieb ab 1972 richtig gute Science-Fiction-Storys, die sogar zweimal mit Nominierungen für den |Nebula|-Preis geehrt wurden, doch seine Romane waren mehr an populären Themen orientiert und in keiner Weise herausragend. Um 1980 herum wandte er sich dem Genre Horror/Dark Fantasy zu und produzierte mit „Night Things“ (1980) und der Fortsetzung „Night Train“ zwei durchschnittliche Romane. Für „Das Blut des Lammes“ erhielt er 1992 den begehrten |Bram Stoker Award|. „The Resurrectionist“ (1995) und „Night of Broken Souls“ (1996) folgten. Seit 1990 gibt er die „Borderlands“-Anthologien von thematisch nicht verbundenen Horrorerzählungen heraus.

_Handlung_

Peter Carenza ist ein gut aussehender, beliebter Jesuitenpriester in seinem New Yorker Kirchenbezirk. Mit seinen dreißig Jahren hält er sich immer noch recht fit. Als er abends noch einmal das Haus verlässt, um Bier zu kaufen, wird er jedoch von einem farbigen Straßenräuber gestellt, der sein Geld fordert. Als Peter nur 20 Dollar vorzuweisen hat, will ihn der enttäuschte Räuber erschießen. Der vor Angst schier erstarrte Peter hebt die Hände vors Gesicht und schreit „Nein!“ Womit er nicht gerechnet hat: Ein weißer Blitz streckt den Räuber nieder und verkohlt ihn restlos. Entsetzt läuft Peter zu seinem älteren Kollegen Pater Sobieski.

Die Kunde von diesem seltsamen Vorfall – Blitze aus heiterem Himmel? – ereilt auch die TV-Journalistin Marion Windsor. Als sie am Tatort eintrifft, macht ein Junge gerade seine Aussage gegenüber der Polizei. Er ist der einzige Augenzeuge, aber natürlich glaubt ihm keiner die Sache mit dem Blitz. Nur Marion. Und der Kleine weist sie auch auf den Priester hin, der einem Kollegen die verkohlte Leiche zeigt, so als wolle er dessen Unglauben ausräumen. Marion wird klar, dass die unglaubliche Angelegenheit doch der Wahrheit entsprechen könnte. Sie recherchiert weiter.

Unterdessen erleidet die Nonne Schwester Etienne in Italien einen schweren Schwächeanfall. Ihrer Mutter Oberin erklärt sie, eine schreckliche Vision gehabt zu haben. Eine Vision vom Ende der Welt, und sie sei daran mitschuldig. Hängen Carenzas schreckliches Erlebnis und ihre Vision zusammen?

Als Peter Carenza auf Sobieskis Geheiß im Vatikan eintrifft, glaubt er, er habe es mit einem Komitee für die Prüfung von Wundern zu tun. Er ahnt nicht, dass endlich eingetreten ist, worauf die Herrschaften – darunter ein Kardinal der Kurie – rund dreißig Jahre lang gewartet haben. Denn Peter ist das Ergebnis eines gewagten Experiments.

_Mein Eindruck_

Der Roman liest sich ungewöhnlich flüssig, und schon nach wenigen Tagen sind die 800 Seiten verschlungen. Doch bleibt irgendetwas vom Inhalt hängen? Mal sehen.

In der ersten Hälfte baut unser braver „Pater Peter“, wie er von den Medien anbiedernd genannt wird, seine Reputation als Wundertäter und Botschafter der Menschenliebe stetig aus. Er gewinnt Jünger wie Marion Windsor und eine ganze Menge Anhänger. Das verschafft ihm aber auch einen mächtigen Feind in dem Televangelisten Freemason Cooper. Diesen macht er in einer Fernseh-Talkrunde ziemlich zur Schnecke, so dass Coopers Rache unausweichlich ist.

Um es seinem großen „Vorbild“ – wenn nicht sogar Vater – Jesus Christus gleichzutun, tritt Peter auf einem Musikfestival auf, das große Ähnlichkeit mit Woodstock anno 1969 hat und das auf gleiche Weise droht, im Chaos zu versinken. Eine halbe Million Menschen können einfach nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Nötigsten versorgt werden.

Doch bevor Peter diese gefährliche Situation rettet, treten zwei wichtige Ereignisse ein. Er wird zunächst zum Mörder an seinem engsten Freund Dan Ellington, weil er fürchtet, dessen Loyalität zu verlieren (nicht weil Dan mit Marion anbandelte). Und als Peter, von Entsetzen und Zweifel über seine Tat erfüllt, in die Wüste von Colorado (Painted Desert) flüchtet, erscheint ihm der Versucher, der ihm große Macht verspricht. Zunächst lehnt Peter ab, aber was später passiert, erfahren wir nicht.

Ist also Peters Wundertat, als er den Arkansas-Fluss zu den dürstenden Festivalbesuchern „bringt“, eine gute Tat, also ein Wunder? Oder ist es vielmehr eine Fingerübung für die Katastrophen, die noch folgen sollen – denn dass bei der Überflutung rund 10.000 Menschen ihr Leben verlieren, kann ja nicht einfach ignoriert werden.

Und dann lässt uns der Autor einfach hängen. In der gesamten zweiten Hälfte erfahren wir fast nichts über die innere Wandlung von Peter, sondern können uns nur auf die Eindrücke Marions und Billys, seiner engen Vertrauten, verlassen. Peter ist zu seiner ehemaligen Geliebten kalt und abweisend, während die bösen Omen zunehmen. Billys Frau Laureen bringt eine Missgeburt zur Welt, die sofort weggebracht und vernichtet wird.

Weil wir über Peter im Ungewissen gelassen werden, steigt das Interesse am Treiben seiner Widersacher. Cooper schlägt endlich zurück: Am Tag des Weltgebets, am 25. Dezember 1999, also am Vorabend des Millenniums, soll der verhasste Pater sterben, der ihm so viele brave Spendenzahler abspenstig gemacht hat. Zugleich agiert der Agent des Vatikanklüngels, ein Top-Agent, zu Gunsten von Peter.

Als Peter an das Podest des Los Angeles Palladium Stadions tritt, um seine Form des Weltgebets zu verkünden, kommt alles zusammen. Wird dieser Ort zu Peters Golgatha? Oder kommt es zu seinem endgültigen Triumph über den Papst? Die wichtigste Frage lautet aber: Ist Peter der wiederauferstandene Jesus oder ist er der Antichrist?

|Die Übersetzung|

Karin König hat das Buch kompetent übersetzt, aber auch ihr können Fehler unterlaufen. So ist der Sitz von Freemason Coopers Organisation nie ganz klar: Heißt die Stadt in Alabama nun Bessemer (wie der Erfinder des Stahlgussverfahrens) oder Bessemet? Im ganzen Buch schwankt die Schreibweise.

Auf Seite 411 schreibt sie Francesco statt Freemason. Auf Seite 644 ist die Rede von „Bananenrepublik-Westen“. Offenbar ist Frau König nicht bekannt, dass es eine Kleiderladenkette namens |Banana Republic| gibt. Und die ist hier gemeint. Die Westen kommen nicht unbedingt aus einer Bananenrepublik, sondern wahrscheinlich aus China.

_Unterm Strich_

Dies ist keineswegs ein Vorläufer von „Lost Souls“, in dem ein junger Mann herausfindet, dass er der Antichrist ist. Vielmehr spekuliert der Autor auf der Grundlage einer enorm unwissenschaftlichen Klonzeugung darüber, ob dieser Klon nun Jesus oder Satan ist. Klarheit erhält der Leser erst im letzten Satz der letzten Szene mit Pater Peter.

Wie wohlfeil diese Spekulation letzten Endes ist, lässt sich daran ablesen, dass viele Amerikaner vom Ende des Jahrtausends eigentlich nur das Ende der Welt erwartet haben. Und prompt hat natürlich Peter Carenzas leibliche Leihmutter – eine italienische Nonne mit einem französischen Namen – Visionen vom Ende der Welt. Dumme Sache: Man schenkt ihr kein Gehör, denn niemand außerhalb des kleinen Verschwörerkreises darf von ihrer Rolle erfahren. Und den Verschwörern sagt sie nichts, weil ihre Botschaft nur für den Papst oder ihren Sohn bestimmt ist. Das führt also zu nichts außer zu dem Eindruck einer äußerst vagen Prophezeiung. Was uns leider überhaupt nichts hilft.

Der Autor zeigt allenfalls mit schöner Ironie, wie die hochfliegenden Pläne der Verschwörer, durch die Erschaffung eines Jesus-Klons die Welt zu retten, ihre eigene Organisation, nämlich die römisch-katholische Kirche, überflüssig machen. Und falls Peter vorhat, den Vatikan zu zerstören, so hat er das moralische Recht voll auf seiner Seite. Schließlich sind die Verschwörer skrupellose Killer, die jeden zum Schweigen bringen, der sie auffliegen lassen könnte. Dass ihr Agent in den USA Pater Dan Ellington aufs Grausamste foltert, belegt nur die Möglichkeit dessen, was passieren könnte, wenn es den Verschwörern gelingt, wie geplant den Jesus-Klon unter ihre Kontrolle zu bringen.

Spätestens in dieser schrecklichen Szene, so hofft wohl der Autor, sollte sich der Leser fragen, wer denn nun eigentlich „böse“ ist: der Vatikan mitsamt seinen hunderten von Geheimorganisationen oder ein gewisser Peter Carenza, der möglicherweise der Antichrist ist, eventuell aber nur wie einst der Nazarener gegen die Sünder im Tempel antritt?

Hinter dem an der Oberfläche halbwegs spannenden Mystery-Plot und der Millennium-Spekulation verbirgt sich also eine schöne Ironie ebenso wie harsche Kritik. Insofern ist der Roman weder besonders gut noch völlig schlecht, sondern durchweg unterhaltsam. Wer „Die Mothman-Prophezeiungen“ und „Lost Souls“ nicht übel fand, der könnte sich auch für „Das Blut des Lammes“ interessieren. Dass der Klappentext einen wichtigen Teil des Plots verrät, finde ich allerdings nicht besonders nett gegenüber dem Leser.

|Originaltitel: The blood of the lamb, 1992
Aus dem US-Englischen übersetzt von Karin König|