Jürgen Müller (Hg.) – Filme der 60er

113 Filme der 1960er Jahre werden in Wort und Bild vorgestellt. Sie gehören nach Auswahl der Autoren zu denen, die diese Dekade und ihr Kino nachhaltig prägten. Jeder Film wird kurz inhaltlich vorgestellt. Es folgt eine Interpretation bzw. Analyse, welche die besondere Rolle dieses speziellen Films in der Geschichte der 60er herausarbeitet. Dem Text eingefügt, aber nicht integral zu ihm gehörend, wurden Boxen, die zusätzlich über prägende Schauspieler und Regisseure, aber auch Drehbuchautoren oder Filmmusiker informieren. Weiterhin werden bestimmte Genres und Themenschwerpunkte behandelt. Sorgfältig ausgesuchte Bilder unterstützen und ergänzen die im Text getroffenen Aussagen.

Vorangestellt ist dem Hauptteil ein knappes aber kundiges Vorwort, das den roten Faden legt, indem es das Jahrzehnt ab 1960 überschaut. Seine Frühzeit sah den Niedergang des alten Hollywood. Wurden Filme bisher primär von einer kleinen Zahl großer Studios in eigenen Kinoketten produziert und vermarktet, brach dieses System nun zusammen. Die Maschinerie, die viele Jahre zuverlässig Filme in großer Zahl auf den Markt geworfen hatte, wurde quasi ersetzt von „freien“ Produzenten und Filmschaffenden, die sich selbst an die Realisierung von Kinofilmen machten; die Studios verlegten sich auf Vermarktung und Vertrieb dieser Streifen. Aus den Ruinen des alten wuchs ein „New Hollywood“. Ähnliche Entwicklungen ließen sich auch in der übrigen (Film-)Welt feststellen. In Frankreich gab es eine „Nouvelle Vague“, in England ein „New British Cinema“, in Deutschland einen „Neuen Deutschen Film“.

Die Rückkopplungen zwischen diesen „neuen Kinos“ waren enorm und wurden Stil bildend. Wie ganz selten zuvor griff Hollywood – eher der Not als der Überzeugung gehorchend – Anregungen aus Europa und auch Asien auf. Die „historischen“ Filmschaffenden dieser Ära tragen dennoch keine amerikanischen Namen, sondern heißen Jean-Luc Godard oder François Truffaut, Michelangelo Antonioni oder Federico Fellini. Ihre Filme transportierten ein neues Lebensgefühl, das sich deutlich von der angeblich „geordneten“ Welt absetzte, welche zumindest aus filmischer Sicht politische oder soziale Konflikte sorgfältig aussparte.

Der Krieg in Vietnam, die Rassenunruhen, das Aufbegehren einer Jugend, die sich nicht mehr von der Eltern- und Großeltern-Generation gängeln lassen wollte – diese und andere zeitgenössische Revolten und Befreiungsversuche flossen jetzt ins Kino ein. Dieser Prozess zog sich hin; von „Frühstück bei Tiffany“ bis „Easy Rider“ war es ein weiter Weg, den „Filme der 60er“ mit allen Abzweigungen und Sackgassen sehr genau nachzeichnet.

Was auf den ersten Blick recht willkürlich anmutet – die Zuweisung 113 zwischen 1960 und 1970 gedrehter Filme in die Kategorie „Filme der 60er“ – erweist sich als wohl durchdacht. Das alte Kino geht, ein neues kommt; das informative Vorwort weiß es deutlich zu machen (ohne indessen zu verschweigen, dass auch jetzt nicht alles Gold ist was glänzt – „Opas Kino“ war nie wirklich tot, sondern gönnte sich eine Atempause, um die Vorherrschaft wieder zu übernehmen, als auch die neuen Helden müde wurden).

Die Auswahl erfasst jene Filme, die „man“ kennt, schätzt und die man daher in einem Buch dieses Themas auch erwartet. Interessant sind darüber hinaus Titel, die überraschen: Filme wie „Casino Royale“, „Was geschah wirklich mit Baby Jane“ oder „Meine Lieder – meine Träume“, die man nicht unbedingt mit „Filmkunst“ assoziiert. Doch es geht den Verfassern tatsächlich um die Ära der 1960er Jahre – und die wird eben nicht nur von Sturm-und-Drang-Werken wie „Die Verachtung“, „The Knack“ oder eben „Easy Rider“, sondern auch von den Mischungen aus Alt und Neu, aus Traditionellem und Modernem geprägt.

„Filme der 60er“ gelingt die Wiederbelebung einer wichtigen Kinoepoche. Die Texte sind kurz, aber ihre Verfasser kommen auf den Punkt. Sie werten in der Rückschau, d. h. mit dem Wissen um die drei Jahrzehnte Filmgeschichte nach 1970. Den zeitgenössischen Stimmen wird aber ebenso Raum geboten: Außerhalb des Haupttextes gestellte Zitate spiegeln die Kritik aus der Entstehungszeit der einzelnen Filme wider. Der Kontrast zwischen Damals und Heute ist oftmals gravierend und für sich aufschlussreich. Vor allem wird deutlich, dass nichts so rasch altert wie der Skandal; Ingmar Bergman musste in „Das Schweigen“, einem bleischweren skandinavischen Seelentrip, nur sekundenkurz blanke Busen aufblitzen lassen, um Journalisten, Medienwächter und Tugendbolde auf Monate zu beschäftigen. Auch dafür gab es Gründe, die über die der Leser zuverlässig und spannend in Kenntnis gesetzt wird.

Das bemerkenswerte Fotomaterial wurde hier schon mehrfach gerühmt. Es wurde den jeweiligen Filmen entnommen und verfügt folglich nicht über die Schärfe und Qualität von Standaufnahmen, sondern wirkt – verstärkt durch das Großformat – körnig und leicht unscharf. Auch das ist nicht immer dem Ausgangsmaterial geschuldet, authentisch, denn so sah oder sieht man die ausgewählten Filme im Kino; nicht selten korrespondiert die Hochglanz vermeidende filmische Darstellung mit der Story. Anders als im „alten“ Hollywood war „Hauptsache klar & deutlich“ kein Muss mehr auf der Leinwand.

Unterm Strich reiht sich „Filme der 60er“ vorzüglich in die anderen Bände dieser Filmbuchreihe („Filme der 90er“, „Filme der 80er“ und „Filme der 70er“) ein. Auch sie wurden vom Kunstkritiker (Dr.), Ausstellungskurator und Dozenten für Kunstgeschichte (an der TU Dresden) Jürgen Müller herausgegeben. Der |Taschen|-Verlag hat sich wiederum viel Mühe mit der „Verpackung“ gegeben: „Filme der 60er“ wurde mit einem ungewöhnlichen Flexcover ausgestattet. Erstaunlicherweise hält dieser das schwere Kunstdruckpapier, ohne dass der Buchrücken beim Blättern nachgibt. Innen wirkt das höchst lebendige Layout niemals gewollt „künstlerisch“ oder verwirrt gar in dem Versuch, sie zu beeindrucken, die Leser. Angesichts solcher Qualitäten (und bei einem Umfang von mehr als 600 Seiten) ist der Kaufpreis durchaus moderat. „Filme der 60er“ ist keine rasch und möglichst billig zusammengestoppelte Devotionaliensammlung zur Filmgeschichte, sondern ein Sachbuch, das informiert und unterhält – und auch noch in repräsentativem Gewand daherkommt.

Taschenbuch: 640 Seiten
Taschen Verlag; Auflage: 1. (2004)

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