Navarro, Julia – stumme Bruderschaft, Die

Auf den Turiner Dom wird – nicht zum ersten Mal – ein Brandanschlag verübt. Die Feuerwehr erscheint auch diesmal rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Der bedeutendste Schatz des Doms, das heilige Grabtuch Christi, bleibt unversehrt. Allerdings wird im Kirchenschiff die Leiche eines Mannes entdeckt, dem die Zunge herausgeschnitten wurde …

Besteht ein Zusammenhang zwischen ihm und einem in Turin Inhaftierten, dem ebenfalls die Zunge fehlt? Kommissar Marco Valoni vermutet es. Bei seinen Ermittlungen unterstützen ihn u. a. die Archäologin Sofia Galloni und die Journalistin Ana Jiménez. Allmählich stellt sich heraus: Zwei konkurrierende Geheimbünde wollen das Grabtuch jeweils für sich. Dieser brutale und blutige Kampf reicht bis zu den Anfängen des Christentums zurück. Die Kontrahenten schrecken vor Mord nicht zurück.

_Die Autorin_

Julia Navarro, geboren 1953, ist „politische Journalistin“ und arbeitet für renommierte Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender Spaniens. Mit ihrem vorliegenden literarischen Debüt gelangte sie auf die Bestsellerlisten ihres Landes. (Verlagsinfo) Dass sich Felipe Gonzalez, der frühere Regierungschef, lobend äußerte, schadete sicherlich auch nicht.

_Der Sprecher_

Johannes Steck, 1966 in Würzburg geboren, studierte nach seiner Ausbildung zum Theatermaler an der Schauspielschule in Wien. In der ARD-Produktion „In aller Freundschaft“ spielt er „Dr. Achim Kreutzer“. Für den |Audiobuch|-Verlag hat er u. a. [„Welt in Angst“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=880 von Michael Crichton gelesen. (Verlagsinfo) Regie führte Heiko Schlachter.

_Handlung_

Der erste der vier Handlungsstränge beginnt keineswegs im Turin der Gegenwart, sondern im 1. Jahrhundert in Anatolien. Abgarus, der König von Edessa, schreibt an Jesus von Nazareth, um den Wunderheiler und Gottessohn zu bitten, ihn von einer Geschlechtskrankheit zu kurieren. (Natürlich drückt er sich etwas vornehmer aus.) Diesen Brief soll Abgarus‘ Jugendfreund Josar überbringen. Dieser war Zeuge des Wunders von Lazarus. Als Lohn will Abgarus sein Reich mit Jesus teilen.

In seiner Antwort, die wieder der treue Josar überbringt, erwidert Jesus wider Erwarten, er entsage der Welt, prophezeit sein eigenes Schicksal. Doch er kündigt einen Jünger an, der bald den König besuchen werde. Danach geschieht alles so, wie es bei Matthäus nachzulesen ist, und Josar wird Augenzeuge – vom letzten Abendmahl bis zur Grablegung. Der Kaufmann Joseph von Arimathia hat Jesu Leichnam in feines Tuch gehüllt. Nachdem Jesus nach drei Tagen die Fliege gemacht hat, nimmt Josar das Grabtuch an sich und bringt es seinem Freund und König nach Edessa.

Fest von seinem Glauben an Jesu Macht überzeugt, hüllt er Abgarus in das Grabtuch ein, auf dem die Gestalt und das Gesicht des Gottessohnes zu sehen sind. Das Wunder geschieht und Abgarus genest. Doch was soll nun mit der Reliquie geschehen? Das könnte ein Problem werden, denn Reliquien haben die leidige Eigenschaft, Gläubige in Scharen anzuziehen und Ungläubige zur Weißglut zu treiben. Abgarus lässt Josar zunächst einen genauen Bericht der Ereignisse anfertigen und vervielfältigen. Dieses Evangelium ist sozusagen die Echtheitsbescheinigung für das Tuch.

Für das Tuch selbst lässt der König einen Tempel errichten und die Reliquie von einer Bruderschaft bewachen. Wie notwendig dieser Schutz ist, erweist sich schon bald, als Mano, Abgarus‘ Sohn, den Sturz seines Vaters in Gang setzt …

20. Jahrhundert: Turin, Rom, New York City etc.

Spezialdezernent Marco Valloni ist erleichtert: Nach einem Brand in der Kathedrale von Turin, bei dem das Chaos ausbrach, stellt sich heraus, dass der größte Schatz der Kirche, das berühmte Grabtuch Christi, immer noch an seinem Platz ist. Was ihn jedoch stört, ist die Tatsache, dass dies bereits der dritte Brand binnen weniger Jahre gewesen ist. Einen Möchtegerndieb hat er selbst festgenommen und in den Knast geschickt. Da der Häftling allerdings weder über Zunge noch Fingerabdrücke verfügt, ist weder seine Identität festzustellen noch ein Geständnis aus ihm hervorzulocken.

Das war anno 1997, als Marco 50 Jahre alt war und schon damals das Dezernat für Kunstdelikte im römischen Innenministrium leitete. Seinem Team gehören mehrere Polizisten und Kunstexperten an. Was aber die Ermittlungen stets ein wenig behindert, ist die undurchsichtige Hierarchie der römisch-katholischen Kirche, insbesonders seitens des Turiner Kardinals und seiner Untergebenen. Wer weiß da schon, wer für welche Hintermänner arbeitet? Pater Yves Charney beispielsweise: ein Bursche, der viel zu sportlich aussieht, als dass er nur ein harmloses Mönchlein sein könnte.

Auch diesmal findet sich wieder ein Mann mit herausgeschnittener Zunge und abgebrannten Fingerspitzen. Leider auch noch mausetot. Als Brandursache wird Kurzschluss ermittelt. Als Marcos Kollegin, die schlaue Dottoressa Sofia Galloni, gegen den Bauunternehmer ermittelt, stößt sie in Umberto dall’Acqua nicht nur auf einen sehr attraktiven (ledigen!) und mächtigen Firmenboss mit besten Verbindungen, sondern auch auf den Kopf einer Organisation, deren Ziele ihr vorerst verborgen bleiben. Aber alle Angehörigen dieser Bruderschaft scheinen keusch zu leben und Archäologie zu betreiben.

Es ist der Vorschlag von Sofia, den inhaftierten Stummen als Trojanisches Pferd zu benutzen, um an dessen Auftraggeber heranzukommen, die ja wohl auch mit dem neuesten Brand zu tun haben müssen. Und so kommt es, dass sich drei oder mehr Organisationen gleichzeitig auf den Tag und die Stunde vorbereiten, in der dieser potenzielle Verräter die Mauern des Gefängnisses von Turin verlässt.

Wie sich herausstellt, wird dieser Tag für viele Beteiligte nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch den Tod bringen. Auch für Marco und Sofia?

_Mein Eindruck_

Offensichtlich hat der gigantische Erfolg von Dan Browns Megaseller [„The Da Vinci Code / Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 zahlreiche Autoren und Autorinnen davon überzeugt, dass in der Verbindung aus Gegenwart und mysteriöser Vergangenheit eine wahre Goldgrube liegt. Wer findig genug ist, dem dürfte es ja wohl auch gelingen, einen weiteren Stollen in diesen Goldberg zu treiben und sein Scherflein an Tantiemen davonzutragen.

Der Roman von Julia Navarro ist lediglich ein weiterer Versuch, eine Kopie von Dan Browns erfolgreicher Kombination aus Kunstgeschichte, Zeichenlehre und Religionsmystik anzufertigen. Die „politische Journalistin“ aus Spanien mag über die Recherchefähigkeiten verfügen, um die notwendigen Fakten aus aller Herren Länder zusammenzutragen. Doch wenn es darum geht, eine knackige Thrillerstory zu zimmern, erweisen sich ihre kreativen Fähigkeiten als begrenzt. (Damit steht sie allerdings nicht allein – so viel zu ihrer Entschuldigung.)

Es ist ja alles schön und gut, wenn die Männer stark, entschlossen und verschlagen sind, doch die Frauen müssen intelligent, entschlossen und obendrein auch noch schön genug sein, um diesen Herrschaften Paroli bieten zu können. Klischees feiern ein festliches Stelldichein.

Das wäre ja gut zu ertragen, wenn der Plot ein bisschen weniger vorhersehbar wäre. Schon zu Beginn wissen wir, dass es um den Besitz oder Nichtbesitz des Grabtuches geht. Allmählich bildet sich zwei konkurrierende Bruderschaften heraus, von denen die eine die titelgebende stumme ist. Wie es zur Entstehung der beiden Sekten kam, habe ich oben zu skizzieren versucht. Die Autorin flicht die Szenen, die deren Werdegang durch zwei Jahrtausende Christentum nachzeichnen, nach und nach ein, ungefähr so, wie Sofia recherchieren würde. Am Ende ihrer Ermittlungen genügt ein Sätzchen, um all diese Szenen als bekannt vorauszusetzen und mit der Gegenwart zu verknüpfen. Das ist dramaturgisch geschickt gemacht und erspart dem Leser die langen ermüdenden Monologe, die wir aus „Sakrileg“ kennen.

Es gibt jedoch einen Aspekt, der der Autorin zur Ehre gereicht: Sie weiß ja, dass wir wissen, dass die Wissenschaft das Grabtuch als aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammend identifiziert hat. Wo also ist das echte, originale Grabtuch aus dem 1. Jahrhundert abgeblieben, das sie zu Beginn so schön eingeführt hat? Ganz einfach: Das Turiner Grabtuch muss eine Kopie sein. Damit schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens ist die Christenheit beruhigt, denn nun könnte sich das neuere Grabtuch ja doch als wundermächtig und verehrungswürdig erweisen, und zweitens eröffnet sich uns nun ein weiteres Rätsel: Wer hat das Original und wo befindet es sich heute?

Angesichts der Fülle an mysteriösen christlichen Organisationen wie den Tempelrittern (vgl. Umberto Eco etc.), den Katharern (Gralslegende), diversen Kreuzfahrern (mehr Gralslegenden) und dem Opus Dei (steckt der Vatikan dahinter?) stehen den Spekulationen Tür und Tor offen. Fortsetzung folgt?

|Der Sprecher|

Dem Sprecher gelingt es, die durch die Klischees vorgegebenen Figuren einigermaßen zum Leben zu erwecken. Marco Valloni ist stets der brummige, knurrige und unzufriedene Commissario, der sich mit nervigen kirchlichen Hoheiten herumschlagen und dennoch seinen Job ordentlich tun muss. Seine Stimme ist entsprechend tief angelegt. Sein genaues Gegenteil stellt Dottoressa Sofia Galloni dar, die in einer Gelehrtenwelt agiert, die voller Geheimnisse steckt – und unerwartete Freuden bereithält, die auch auf zwei Beinen daherkommen können (Pinguine sind leider disqualifiziert, sorry). Ihre Stimme ist entsprechend höher angelegt. Allerdings ist diese Tonhöhe durch die männlichen Stimmbänder des Sprechers sehr begrenzt. Rufus Beck könnte in dieser Hinsicht sehr viel mehr Eindruck hinterlassen.

|Geräusche|

Vielen Szenen sind kurze Einblendungen von Geräuschen oder Klängen vorgeschaltet. Das kann den Hörer manchmal etwas verblüffen. Immerhin gibt zum Beispiel eine Klangcollage aus Verkehrsgeräuschen einen Hinweise darauf, dass die folgende Szene in unserer Gegenwart spielt. Anderen Szenen ist nur eine Art künstlicher Glockenklang vorgeschaltet – die Szene könnte aus der Vergangenheit stammen. In keiner Szene stört jedoch Hintergrundmusik beim akustischen Verstehen des Textvortrags. Somit gibt es in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten.

_Unterm Strich_

Wer „Illuminati“ und vor allem „Sakrileg“ mochte, der dürfte auch für „Die stumme Bruderschaft“ Interesse aufbringen. So lautet zumindest die Kalkulation der Autorin und ihres Verlags. Allerdings wird durch die – bis auf das Finale – unblutige Durchführung des Plots stark auf eine weibliche Leserschaft Rücksicht genommen. Und dass die Leidensgeschichte Jesu als historisch abgesegneter Aufhänger vorausgesetzt wird, stellt den ganzen Roman in die Ecke der gläubigen Katholiken, wie man sie besonders in Italien, Spanien und Frankreich wohl noch etwas häufiger als in protestantisch reformierten Ländern finden dürfte.

Wer diese beiden Faktoren als Hindernis empfindet, für den dürfte die Geschichte der beiden Tuchbruderschaften wenig Interesse bereithalten. Beiden Bruderschaften unterstellt die Autorin ehrenwerte Ziele, auch wenn sie vielleicht entgegengesetzt sind. Die katholische Kirche ist stets fein raus, auch wenn sich die Sekten auf ihrem Grund und Boden kloppen. Dass es zwei Tücher gibt, weiß sie gut zu verbergen.

Das actionreiche Finale liefert zwar einen Showdown, ist aber ein wenig kurz geraten – zumindest im gekürzten Hörbuch. Nun kommt auch der Thrillerfreund zu seinem Recht. Leider viel zu spät, meiner Ansicht nach, denn es fehlt an ausreichend vielen dramaturgischen Höhepunkten in der Mitte des Buches, um die Spannung auf einem gleich hohen Niveau zu halten.

|Handhabung|

Was mich bei der Handhabung dieses Exemplars genervt hat, war von vornherein die mindere Qualität der Jewelbox. Derart klapprige CD-Aufhängungen führen dazu, dass die CDs lose herumklappern und allzu leicht herausfallen können. Der Missstand ist auch nicht durch Zurückdrücken in die Halterungen zu beheben, denn es sind ja gerade diese, die so minderwertig produziert wurden.

Auch ein Booklet fehlt, doch bringt dieser Umstand der CD keinen Minuspunkt ein, denn viele andere Verlage (z. B. |Lübbe|) legen auch keines bei. Dadurch ist der Hörer auf eigene Notizen angewiesen, um sich über die Vielfalt des Personals einen Überblick zu verschaffen. Ein Booklet mit diesen Infos hätte hier aber zumindest einen Pluspunkt eingebracht.

|Originaltitel: La Hermandad de la Sábana Santa, 2004
405 Minuten auf 6 CDs|