Mende Nazer / Damien Lewis – Befreit. Die Heimkehr der Sklavin

Inzwischen ist Mende Nazer befreit und hat nur noch einen Wunsch – ihre Familie wiederzusehen. In ihrem Debütroman „Sklavin“ schildert sie ihre dramatische Geschichte, in der sie als Kind verschleppt und von ihrer Familie getrennt wurde, um als Sklavin ihr Dasein zu fristen – und das im 21. Jahrhundert! Nazers Geschichte ist erschütternd, ergreifend und fast unglaublich. Später kommt sie zu einer Familie nach London, mitten in die westliche und ach so fortschrittliche Welt, doch auch dort wird sie weiterhin als Sklavin gehalten. Allerdings gelingt ihr dann die Flucht. Um all dies zu verarbeiten, schreibt sie ihr Buch „Sklavin“, das den Leser sprachlos und nachdenklich zurücklässt. Ein Wunsch jedoch ist für Mende Nazer bis zum Erscheinen ihres ersten Buches nicht in Erfüllung gegangen: Das ersehnte Wiedersehen mit ihrer Familie, von der sie inzwischen weiß, dass sie alle noch leben und sie vermissen. Um dieses Wiedersehen dreht sich nun ihr zweites Buch „Befreit“.

Mende Nazer ist berühmt, sie hat derweil ihren britischen Pass erhalten, um den es auch genügend Aufregung gegeben hat, von denen sie in „Sklavin“ berichtet. Mende reist durch die ganze Welt, hält Vorträge über ihr Leben als Sklavin im 21. Jahrhundert und erreicht dadurch immer mehr Menschen, die sich vorher gar nicht vorstellen konnten, dass es so etwas heutzutage überhaupt noch gibt. Und nun ist ihr größer Wunsch in greifbare Nähe gerückt: Gemeinsam mit einem Filmteam und ihrem guten Freund Damien Lewis, der auch Ko-Autor ihrer beiden Bücher ist, will Mende in den Sudan fliegen, um dort ihre Familie zu treffen. Doch dort herrscht noch Krieg, außerdem ist Mende im Sudan eine persona non grata, da sie die Missstände aufgedeckt und ihre Geschichte erzählt hat. Sie hat in den Nubabergen viele Feinde, die von ihrer Einreise selbstverständlich nichts wissen dürfen, also ist ein neutraler Treffpunkt mit ihren Eltern ausgemacht, der allerdings in letzter Minute noch verändert werden muss. Mende ist am Ende ihrer Nerven, denn die Straßen vom Dorf ihrer Eltern zum geheimen Treffpunkt sind überflutet, der Weg viel weiter und die Reise damit kaum schaffbar. Werden ihre Eltern es überhaupt zum Treffpunkt schaffen?

Die Zeit läuft Mende und dem Filmteam davon, denn erst kurzfristig kann Mende über Satellitentelefon Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen und vom neuen Treffpunkt erzählen. Auch ihre Familie hat Angst, dass die Straßen unpassierbar sind und sie Mende verpassen könnten. Doch dann ist der Augenblick gekommen, in dem Mende ihre Eltern und Geschwister wieder in die Arme schließen kann. Kaputt, aber überglücklich treffen sie bei Mende ein und versuchen, die verlorene Zeit wieder gutzumachen. Aber viele weitere Unwägbarkeiten und Probleme stellen sich dieser Familienzusammenführung in den Weg. Immer mehr Besucher verlangen Mendes Aufmerksamkeit und trennen sie von ihrer Familie, sie will ein Flüchtlingslager besuchen, aber das Auto ihrer Eltern gibt den Geist auf, und dann tauchen auch noch Probleme mit dem Rückflug auf. Das Wiedersehen mit ihrer Familie scheint für Mende unter einem unglücklichen Stern zu stehen, denn eigentlich möchte sie doch nur so viel Zeit wie möglich mit ihren Eltern und Geschwistern verbringen.

Mit ihrem Erstlingswerk „Sklavin“ hat Mende Nazer eindrucksvoll auf sich und die schlimme Lage im Sudan aufmerksam gemacht. So erschütternd war die Geschichte, dass ich sie innerhalb eines Tages verschlang. Auch wenn ihre Bücher literarisch sicherlich nicht die ausgefeiltesten sind – obwohl sie ja einen Ko-Autor an ihrer Seite hat -, so spricht ihre Geschichte doch für sich. Nur leider gelingt ihr das in der Fortsetzung „Befreit“ nicht ganz so überzeugend. Das ganze Buch dreht sich um Mendes Besuch im Sudan und die dort auftauchenden Schwierigkeiten, die Mende immer mehr verzweifeln lassen. Kleinigkeiten sind es, die Mende in große Krisen stürzen, was nicht immer nachvollziehbar ist, denn ihren starken Charakter hat sie doch vorher schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Inhaltlich ist das vorliegende Buch recht dünn. In aufschweifender Weise berichtet Mende von den Planungen der Sudanreise, von den Dingen, die zu bedenken sind und von der dortigen politischen Lage. Schon seit Jahren herrscht im Sudan Krieg, sodass sich die Reise alles andere als einfach gestaltet. Mende Nazer erzählt von den Nubabergen, sie stellt uns ihre Lieblingsgerichte vor, die ihre Mutter und Schwester extra für sie zubereitet und mitgebracht haben. Wir machen Bekanntschaft mit einer „nubafressenden Riesenspinne“, die halb Spinne und halb Skorpion und zudem höchst giftig ist. All dies ist mit zahlreichen schwarzweiß Fotos belegt, die Mende, ihre Familie und die Menschen zeigen, denen sie im Sudan begegnen. Auch einige Hochglanzfotos unterstreichen das Familienwiedersehen und geben dem Leser einen guten Eindruck von den Nubabergen und Mendes Familie.

Auch wenn Mende Nazer viel Hintergrundwissen über den Sudan, die dortige Kultur und Religion, die dort herrschenden Zustände und vor allem über das Elend, das viele Flüchtlinge erleiden müssen, berichtet, packt das Buch leider nicht ansatzweise so sehr wie „Sklavin“. Es ist eher eine Mischung aus abenteuerlichem Reiseroman und einer Familiengeschichte, die aber doch nur einen recht speziellen Lesergeschmack treffen dürfte. Wahrscheinlich wird es viele Fans des ersten Buches geben, die nun auch zur Fortsetzung greifen, doch funktioniert die Mischung im zweiten Buch meiner Meinung nach nicht so gut, da sie thematisch schon recht weit von „Sklavin“ entfernt ist und es auch viele Dopplungen gibt. So trifft Mende auch im zweiten Buch Menschen, denen Schreckliches widerfahren ist, Menschen, die überfallen und vergewaltigt oder verschleppt worden sind. Also Menschen mit fast genau dem gleichen Schicksal, das auch Mende widerfahren ist und über das sie im ersten Buch ausführlich berichtet hat.

Für den Leser, der sich für den Sudan interessiert, dürfte „Befreit“ eine gute Ergänzung zu Mende Nazers erstem Werk sein, doch Nazer-Fans sollten nicht blind zur Fortsetzung greifen, sondern sich vorher gründlich überlegen, ob sie Mendes Familientreffen auf knapp 350 Seiten ausgebreitet wirklich lesen wollen. So bleibt am Ende doch ein gemischtes Gefühl zurück. Uninteressant fand ich „Befreit“ nicht, aber inhaltlich gibt es für mich doch zu wenig her für ein vergleichsweise umfangreiches Buch.

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
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