Neal Shusterman – Die Hüter des Todes (Skythe 1)

Skythe

Band 1: „Die Hüter des Todes“
Band 2: „Der Zorn der Gerechten“ (März 2018)

Rowan stammt aus einer so großen Familie, dass er von seinen Eltern so gut wie nicht beachtet wird, obwohl er sich ein wenig Zuwendung durchaus ab und zu wünschen würde. In der Schule dagegen ist er gern unauffällig und zurückhaltend, denn das schützt vor unliebsamen Überraschungen. Zumindest glaubt er das.
Citra dagegen kommt aus einer kleinen Familie und hat eine enge Bindung zu ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder. Außerdem besitzt sie einen gewissen Ehrgeiz und eine recht unverblümte Art.

Daß beide letztlich doch unerwünschte Aufmerksamkeit erregen, liegt an zwei Eigenschaften, die sie trotz aller Unterschiede gemeinsam haben: Mitgefühl und ein ausgeprägtes Gespür für Richtig und Falsch. So kommt es, dass ein mächtiger Skythe sie beide zu seinen Lehrlingen wählt.

In der Welt, die Neal Shusterman in Scythe zeichnet, gibt es keinen Hunger, keine Krankheiten, keine Kriege und keine Verbrechen mehr. Selbst den Tod haben die Menschen besiegt. Das Leben der Menschheit scheint perfekt. Gäbe es da nicht das kleine Problem mit der Überbevölkerung … Denn obwohl niemand mehr sterben muss, werden durchaus noch Menschen geboren.

Um das Bevölkerungswachstum zumindest teilweise einzudämmen, wurde das Skythetum gegründet: Menschen mit besonderer moralischer Integrität und Empathie wurden dazu auserkoren, eine gewisse Anzahl von Menschen pro Jahr „nachzulesen“, was lediglich ein beschönigender Ausdruck für töten ist. Die Personen und die Todesart dürfen sie selbst wählen, allerdings muß ihre Wahl zufällig sein und darf nicht von Geschlecht, Aussehen, sozialem Status oder Rassenzugehörigkeit abhängig sein.

So weit, so gut. Das Problem ist nur, dass die Skythe keiner externen Kontrollinstanz unterstehen. Denn der einzige, der dazu in der Lage wäre, ist der Thunderhead, eine allwissende Maschine mit einem Funken Bewusstsein, die alle Belange des menschlichen Lebens regelt – außer der Frage, wer sterben soll und wer nicht. Die Gründer des Skythetums waren der Ansicht, eine solche Entscheidung bedürfe eines Gewissens, und könne deshalb nicht von einer Maschine gefällt werden. Der geneigte Leser weiß natürlich schon, worauf das hinausläuft: eine perfekte Welt ist immer nur so perfekt wie diejenigen, die darin leben.

Also geraten Citra und Rowan mit Antritt ihrer Lehre in eine Art Parallelwelt hinein, die mehr Ähnlichkeit hat mit der sogenannten Sterblichkeitsära als mit der Welt, in der sie aufgewachsen sind. Es gibt Intrigen, Erpressung, Willkür und Machtmissbrauch. Und obwohl beide nur Lehrlinge sind, werden sie bereits jetzt gezwungen, Stellung zu beziehen.

Rowan hat dabei mehr Schwierigkeiten als Citra, nicht nur, weil er zugegebenermaßen den schwereren Part abbekommen hat, sondern auch, weil er etwas in sich entdeckt, was er eigentlich zutiefst ablehnt. Citra ist da gefestigter, vielleicht, weil sie aufgrund ihrer ehrgeizigen Natur genauer weiß, wohin sie will.

Leider ist die Charakterzeichnung nicht so eindringlich und intensiv geraten, wie sie es hätte werden können. Trotzdem fand ich sie ganz ordentlich, vor allem im Hinblick auf Rowan, aber auch bezüglich der Nebenfiguren wie Goddard, der High Blade oder Volta.

Da die Fortsetzung der Geschichte bereits angekündigt ist, war klar, dass zumindest einer der Protagonisten überleben musste. Allerdings war völlig offen, wer von beiden das sein würde, und auch sonst hat mich das Ende des Buches überrascht. Ich kann nicht sagen, dass es überhaupt so etwas wie einen Showdown gab, dennoch war es ein ziemlicher Paukenschlag, da die Wendung am Ende völlig unerwartet kam.

Alles in allem gefiel mir das Buch ziemlich gut. Wer es mit viel Spannung und Action mag, der wird hier kaum auf seine Kosten kommen, denn Kampfszenen gibt es nur wenige und kurze, und die Massennachlesen werden zum Glück lediglich völlig detailfrei konstatiert. Auch von dem, was man üblicherweise als Spannung bezeichnet, bietet das Buch nicht wirklich viel, denn Citras Flucht nach Südamerika ist ebenfalls nur kurz, umfasst lediglich zwei Kapitel, und die Intrigen innerhalb des Skythetums zeichnen sich nicht durch übermäßige Raffinesse aus.

Was ich an dem Buch fesselnd fand, waren die ethischen Fragen, die sich auftun, sollte es der Menschheit eines Tages wirklich gelingen, den Tod zu überwinden! Wer entscheidet darüber, welche Menschen sterben und welche nicht? Nach welchen Kriterien? Und wozu sollte man überhaupt den natürlichen Tod ausschalten wollen, wenn das Ergebnis am Ende ist, dass man gezwungenermaßen Menschen auf unnatürliche Weise in den Tod schickt?

Aus den Spannungen und Widersprüchen, die sich aus dieser Situation ergeben, entsteht meines Erachtens der eigentliche Sog, den dieses Buch entfaltet.

Neal Shusterman stammt aus Brooklyn und hat nicht nur eine Vielzahl von Büchern geschrieben, von denen einige mit Preisen ausgezeichnet wurden, sondern auch Theaterstücke, Drehbücher, Musik und Games. Nach seiner Vollendet-Trilogie ist Skythe der zweite Zyklus von ihm, der in deutscher Sprache erscheint, gleichzeitig wird offenbar bereits an der Verfilmung desselben gearbeitet. Der zweite Band von Skythe erscheint im März dieses Jahres unter dem Titel „Der Zorn der Gerechten“.

Gebundene Ausgabe 528 Seiten
Originaltitel Arc of a Skythe
Deutsch von Pauline Kurbasik und Kristian Lutze
ISBN-13: 978-3-737-35506-3

http://www.storyman.com
https://www.fischerverlage.de/verlage/fischer_sauerlaender/

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