Nesser, Hakan – unglückliche Mörder, Der

Eine Mordserie, doch kein Serienmörder. Ein Täter ohne Skrupel, doch zugleich auch ein Opfer. So verzwickt können skandinavische Krimis sein, und so gut, dass man süchtig danach wird.

Dieser Roman ist himmelweit entfernt von irgendwelchen Abenteuergeschichten, die Handlung spielt im grauen November einer Kleinstadt. Dennoch entwickelt sich ein Drama, das es mit etlichen Thrillern aufnehmen kann.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist einer der interessantesten Krimiautoren Schwedens. Dort gilt er als der unumstrittene Star des Genres, wohl neben Mankell. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen, wurden vielfach übersetzt und bereits verfilmt. Er lebt in Uppsala.

Alle seine Bücher erscheinen bei [btb,]http://www.btb-verlag.de einer Tochter der Random-House-Bertelsmann-Gruppe.

* Das grobmaschige Netz (1993; Det grovmaskiga nätet)
* Das vierte Opfer (1994; Borkmanns punkt)
* Die Frau mit dem Muttermal (1996; Kvinna med födelsemärke)
* Der Kommissar und das Schweigen (1997; Kommissarien och tystnaden)
* Der unglückliche Mörder (1999; Carambole)
* Das falsche Urteil (2000; Återkomsten)
* Münsters Fall (2000; Münsters fall)
* Der Tote vom Strand (2002; Ewa Morenos fall)
* [Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=422 (2003; Svalan, katten, rosen, döden)
* [Sein letzter Fall]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=592 (2004; Fallet G)

Homepage des Autors: http://www.nesser.se

_Handlung_

Es ist eine neblige, nasskalte Nacht, als der Mörder – wir erfahren lange Zeit nicht seinen Namen – seine Stammkneipe verlässt, erheblich angetrunken. Der Regen fällt in Strömen, als der Junge seine Freundin verlässt, den letzten Bus verpasst und die paar Kilometer Landstraße nach Hause in Angriff nimmt. Als der Mörder den Aufprall hört, ist es natürlich bereits zu spät – der Junge hat tödliche Verletzungen erlitten. Der Fahrer traut sich nicht, ihn zur Polizei oder ins Krankenhaus zu bringen. Wozu das eigene Leben zerstören? Andere Autos fahren achtlos vorbei. Lieber Fahrerflucht begehen und alles vergessen.

Leider ist das Vergessen alles andere als einfach. Die Todesnachricht ist in allen Medien zu hören, schließlich ruft auch noch die Mutter des Jungen den Mörder auf, sich der Gerechtigkeit zu stellen. Vergebens. Schon gar nicht, als sich der Mörder in eine unglücklich verheiratete Frau verliebt. Die Krankenschwester Vera Miller eröffnet ihm eine rosige Zukunft voller Hoffnung – dumm nur, dass sie noch verheiratet ist. Da erhält er einen Brief: Entweder 10.000 Gulden oder die Wahrheit fliegt auf.

Ganz cool zahlt der Mörder erst einmal, dann bringt er den Boten des Erpressergeldes um, den er für den wirklichen Erpresser hält. Unglücklicherweise handelt es sich bei diesem Handlanger um Kommissar van Veeterens Sohn Erich. Der Kommissar, die Hauptfigur zahlreicher Nesser-Krimis, ist untröstlich und strebt nach Rache. Leider tappt die örtliche Polizeitruppe vorerst völlig im Dunkeln.

Der Mörder ahnt noch nicht, dass seine Feigheit noch zwei anderen Menschen den Tod bringen und sein eigenes Leben zugrunde richten wird. Denn wenige Tage nach Erichs Tod erreicht ihn ein zweiter Brief des Erpressers: Er verlangt nun 200.000 Gulden für sein Schweigen. Die folgende Kurzschlusshandlung wird dem Mörder schließlich zum Verhängnis (obwohl noch 120 Seiten vergehen müssen, bis das Buch endet).

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel des Romans lautet „Carambole“, zu deutsch etwa „Karambolage“. Damit ist nicht etwa ein Verkehrsunfall gemeint, sondern das Spielprinzip beim Billard. Stößt man eine Kugel an, trifft man auch andere damit – und so weiter. Genauso ergeht es dem Mörder mit seinen Morden. Was zunächst noch als Unfall abgetan werden konnte, führt durch die Erpressung zum ersten vorsätzlichen Mord. Um sich zu schützen, ist der nächste Mord nötig und so weiter – Karambolage.

Auch Notwendigkeit? Der Mörder fasst es so auf, dadurch wird er zu einer tragischen Figur, ungefähr wie Schillers „Wallenstein“, das Opfer politischer Mächte und Machinationen. Zunächst fällt es uns schwer, den Mörder als Opfer zu sehen, und doch stimmt es.

Natürlich sind auch die Toten und ihre Angehörigen Opfer. Kritisch wird es jedoch, als Kommissar Van Veeteren, der große alte Mann, auf Rache für den Mord an seinem Sohn sinnt, also selbst Täter wird. Gerechtigkeit, Justiz und Recht – diese Begriffe geraten nun ins Zwielicht. An welchem Punkt beginnt ein Opfer, zum Täter zu werden – und umgekehrt? Diese Frage könnte als zentrales Thema dieses Buches betrachtet werden.

Natürlich erzählt Nesser noch viel mehr. Von den Hoffnungen des Mörders, den Ahnungslosigkeiten und abstrusen Ideen der Schnüffler, von ahnungslos-überraschten Zeugen, von Erich van Veeterens ungeborenem Kind. Offenbar dreht sich die Handlung wie ein Wirbelwind des Leids spiralförmig auf einen Punkt am Abgrund zu. Man kann sich des Verdachts nicht entziehen, dass solches Geschehen in vielen Städten der Welt tägliche Routine ist, ob uns dies gefällt oder nicht. Was aber würde uns davor schützen? Liebe, Glaube, Hoffnung? All dies kommt unter die Räder und ist doch das einzige, das dagegen hilft: Menschlichkeit.

Dass Nesser ein ausgezeichneter Erzähler ist, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Er verrät nur das Nötigste, charakterisiert seine Figuren aufs Genaueste, ohne zu schwafeln, und führt die Handlung mit Bedacht auf eine überraschende Konsequenz hin. Kurzum: beste Krimitradition. Bei Nesser besteht hohe Suchtgefahr.

Das Einzige, was mich störte, waren die grauen, trostlosen Tage, die man in diesem Buch ständig vorgesetzt bekommt. Nun ja: Im November lebt keiner im Norden in einem Rosengarten. Und es gibt ja immer noch andere Bücher, die sonniger sind.