Neue Welt-Kriegs-Ordnung

Der Autor des Buches, auf das nachfolgend Bezug genommen wird, ist Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und seine Arbeit ist die wohl erste wirkliche politische Analyse der neuen Weltlage nach den Attentaten auf das World Trade Center, das als Standard- und Nachschlagewerk bezeichnet werden kann.

Die neue Weltordnung beginnt nicht mit den Anschlägen, sondern lange zuvor. Erstes Zeichen ihrer Effektivität war allerdings der Jugoslawienkrieg, wo die völkerrechtswidrige Komplizenschaft anderer Staaten von den USA erfolgreich eingefordert wurde und auch das heute noch funktionierende personifizierte antiserbische Feindbild vom „Diktator Milosevic“ aufgebaut wurde. Mit dem Verfahren gegen ihn ging es der USA vor allem darum, nachträglich eine Legitimation für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien zu erhalten. Zum anderen wird eine Verurteilung von Milosevic und anderen jugoslawischen Repräsentanten als Kriegsverbrecher ein Zeichen für die Zukunft setzen: Den Repräsentanten aller Staaten, die sich den USA in irgendeiner Weise entgegenstellen, wird damit vor Augen geführt, auf wessen Seite in jedem dieser Fälle das Recht ist, wer im Rahmen der „Neuen Weltordnung“ über das Völkerrecht bestimmt und mit welchen Nachdruck dieses „Recht“ gefunden und vollstreckt wird. Dass Milosevic und seine Staatsorgane die ihm von der NATO und der Bundesregierung angehängten Verbrechen größtenteils gar nicht verübt haben, will bis heute niemand wirklich wissen.

Auch nach dem Inferno vom 11. September standen die Täter innerhalb von Minuten fest. Und obwohl die US-Regierung bis heute der Öffentlichkeit jeden Beweis für ihre Behauptung, Bin Laden sei es gewesen, schuldig geblieben ist, bestreitet die Friedensbewegung auch dieses Mal die Schuldzuweisung nicht, sondern ruft wieder nur nach anderen als militärischen Waffen zum gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Nachhilfeunterricht für die westlichen Bevölkerungen wäre dringend angeraten.

Nach dem Scheitern des Kommunismus sind natürlich die Ideologien des Islam die einzigen nennenswerten Kräfte, die sich der neuen Ordnung der globalisierten Welt – mit Amerika an der Spitze – entgegenstellen. Verschärft wird das Ganze von Ideen wie denen Huntingtons, der die Nachfolge von Oswald Spengler angetreten ist. Dieser war zwar kein Nationalsozialist, gehörte aber zu den geistigen Wegbereitern des Nationalsozialismus. In seinem „Untergang des Abendlandes“ ging er von acht Hochkulturen mit eigenen Zivilisationen aus, zwischen denen keine Verständigung oder Übergänge möglich seien. Deswegen sah er nur die Möglichkeit des Krieges als ewige Form höheren menschlichen Daseins und Deutschland wurde damals die Rolle zugewiesen, die letzte Entscheidungsschlacht für das Abendland zu führen.

Huntington setzt bei solchen Kulturmodelle an und befindet, dass der Westen kein heutiges Problem mit gewalttätigen islamistischen Minderheiten hat, sondern dass das Christentum und der Islam bereits seit 1400 Jahren im Krieg miteinander stünden. Der Konflikt liegt aber in der Ähnlichkeit der monotheistischen, missionarischen gemeinsamen Merkmale, in denen kein anderer Glaube gestattet ist. Die analogen Konzepte des „Dschihad“ und des „Kreuzzugs“ unterscheiden diese beiden Religionen zusammen mit dem Judentum von allen anderen Kulturen.

Die seit der Kolonialisierung Arabiens sich immer mehr zuspitzende Lage eskalierte endgültig mit der Einmischung des Westens in den afghanischen Bürgerkrieg durch die Sowjetunion und das militärische Engagement der USA im ersten Golfkrieg 1990/91, wo diese in einem inner-islamischen Konflikt intervenierte. In Huntingtons „Kampf der Kulturen“ geht es allerdings dennoch auch um machtpolitische und ökonomische Interessen. Der Golfkrieg war der erste um Ressourcen geführte Krieg zwischen Kulturen nach dem Kalten Krieg. Es ging darum, ob der Großteil der Erdölreserven der Welt von der saudi-arabischen und von Emirats-Regierungen kontrolliert würde, deren Sicherheit von der westlichen Militärmacht abhing, oder von unabhängigen antiwestlichen Regierungen.

Der im Kampf der Kulturen erscheinende islamische Fundamentalismus muss natürlich als Ergebnis der Begegnung mit dem Kolonialismus und Neo-Kolonialismus gesehen werden. Er steht am Ende der geschichtlichen Wirkung der ehemaligen Kolonialmächte und des Westens der letzten rund 150 Jahre, in denen das „islamische Haus“ gründlich umgeräumt wurde. Das Feindbild vom „Islamischen Fundamentalismus“ ist nur möglich, da der Islam als statische Religion und Kultur im Sinne von Rückständigkeit und Barbarei gesehen wird und die Einwirkung des „Westens“ als Vermittlung der „Moderne“. Das ist aber nicht tatsächlich so, denn es gibt in der arabischen Welt auch Marxisten, revolutionäre Demokraten, linke Liberale usw., und diese sind immer der eigentliche Feind der USA gewesen. Gegen diese Kräfte wurde der islamische Fundamentalismus durch die USA mobilisiert und aufgerüstet.

Die Militarisierung des islamischen Fundamentalismus ist eine besondere Leistung der Führung der USA in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewesen. Auch die israelische Führung hatte den Islamismus, speziell die |Hamas|-Bewegung, zunächst begünstigt, weil sie die Hauptgefahr in den nationalistischen Kräften der PLO sah. Der israelische Geheimdienst Mossad hat in diese Richtung eine Reihe verdeckter Operationen durchgeführt und islamische Gruppen in einem solchen Ausmaß durchsetzt und unterwandert, dass – gerade auch in der Gegenwart – schwer auszumachen ist, wer die eigentlichen Drahtzieher terroristischer Aktionen von Palästinensern sind. Hier muss die gleiche Frage gestellt werden wie beim Anschlag vom 11. September, wer die eigentlichen Nutznießer sind. Die Rolle von Mossad und CIA bleibt immer verschwiegen.

Die alten Kolonialstaaten verteidigten – trotz UNO und Völkerrecht – das „Besitzrecht“ an ihren Kolonien, und die Länder der „Dritten Welt“ konnten ihr von der Weltgemeinschaft formal verbürgtes nationale Existenzrecht nur durch entschlossenen Widerstand durchsetzen. Die Rechtfertigung für barbarische Bombenkriege mit völkerrechtlich geächteten Splitterbomben gegen eine elendes und zerstörtes Land wie Afghanistan, das keinen Krieg erklärt hatte und überhaupt keinen Krieg führen wollte und sich auch kaum wehren kann, ist eine schwierige Aufgabe. Deswegen wird solch ein Land dann zum Hort von etwas außergewöhnlich Bösem gemacht, das die ganze Welt in tödlicher Weise gefährdet. Dieses Böse macht man in einer Person fest: Osama Bin Laden. Dieser wird von den |Taliban| beschützt und diese wiederum regieren über das afghanische Land. Also wird mit allen Mitteln das Land zerbombt, um die Taliban zu vernichten und damit wird auch Bin Laden getötet. Und dann hat man sein weltweites Netzwerk vernichtet. Ziemlich simpel, solche absurden Rechnungen.

In der Realität hatte Bin Laden nur eine geringe Rolle bei den Taliban gespielt und wurde von den USA zur Hauptfigur aufgewertet. Pervers ist natürlich, dass die Taliban in heutiger Form von den USA gegründet wurden, die mit CIA und Pakistans ISI den afghanischen Dschihad in einen globalen Krieg aller islamischen Staaten gegen die Sowjetunion verwandeln wollten. Der islamische Dschihad wurde von den USA und Saudi-Arabien zu einem bedeutenden Teil mit den Fonds finanziert, die der Drogenhandel im Goldenen Halbmond abwarf. Die US-Waffenlieferung an die Mudschaheddin wurden kontinuierlich erhöht und die CIA spielte bei der militärischen Ausbildung die Schlüsselrolle.

Es geht nicht nur ums Öl, sondern auch um den internationalen Drogenhandel, zwei Drittel des Opiums im Wert von mehreren Milliarden Dollar werden dort produziert. Mit diesem Drogenhandel wurden auch die Bosnische Moslemische Armee und die Kosovo-Befreiungsfront UCK finanziert und ausgerüstet. Auch in Tschetschenien wurden die Hauptführer der Rebellen, Schamil Basajew und Al Khattap, in CIA-geförderten Lagern in Afghanistan und Pakistan ausgebildet und indoktriniert. In grausamer Ironie wird aber der islamische Dschihad von der Regierung Bush als eine Bedrohung Amerikas dargestellt und für die terroristischen Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich gemacht. In der Realität sind dieselben Organisationen aber das Schlüsselinstrument der militärisch-geheimdienstlichen Operationen der USA auf dem Balkan und in der früheren Sowjetunion.

Der islamische Fundamentalismus in Gestalt der Taliban ist natürlich zu verurteilen. Er war das strengste islamische System in unserer Welt. Vor allem Frauen wurden unterdrückt wie nirgends. Sie durften ihre Häuser nicht verlassen, weswegen 25.000 Familien von Kriegerwitwen den Hungertod starben. 80 Prozent der Afghanen gehören allerdings der sunnitischen |Hanafi|-Sekte an, der liberalsten aller vier sunnitischen Schulen. Das Glaubenssystem ist dezentral organisiert. Seit Jahrhunderten wollte der traditionelle afghanische Islam deswegen ein Minimum an Staat. Auch sind die Sufi-Orden recht bedeutend, die sich schon seit dem Mittelalter in Reaktion auf Autorität und Gesetz bildeten. Die afghanischen Mullahs waren nicht dafür bekannt, dem Volk den Islam aufzuzwingen und haben sich 1979 auch nicht den radikalen Mudschaheddin-Parteien angeschlossen. Der Durchbruch des islamischen Fundamentalismus Afghanistans kam nicht aus der Historie des Landes, sondern vornehmlich aufgrund der US-Tätigkeiten.

In den Kämpfen gegen eine vom CIA militarisierte Taliban hatte die traditionelle islamische Führerschaft allerdings keine Chance und verlor die zahlreichen Bürgerkriegskämpfe innerhalb des Landes. Es war wie überall in der arabischen Welt. Der Genius der frühen muslimischen-arabischen Zivilisation – die multikulturelle und multireligiöse Vielfalt, die Vielvölkerei – wurde durch eine brutale Diktatur mit engstirniger Theologie, gegründet durch den Westen, ersetzt. Damit die USA dann diese Stellung ins Gegenteil verkehren und zum Beginn eines weltumspannenden Krieges zu machen konnten, mussten sie alle Elemente der Wahrheit herausfiltern, entfernen und ins Gegenteil umformen.

Wenn man jeden anklagte, der Bin Laden gefördert hat, dann würden die USA in enger Verbundenheit mit Saudi-Arabien und Pakistan auf der Anklagebank ganz vorne sitzen und die Taliban nur am Rande. Bin Laden zu finden – tot oder lebendig – war der größte und kostspieligste Misserfolg in der bekannten Militärgeschichte, geprägt von ungewöhnlicher Dummheit, Peinlichkeit und Lächerlichkeit und – angesichts der sinnlosen Vernichtung unschuldiger Menschen und ihrer Existenzgrundlagen – von äußerster Gewissenlosigkeit und Brutalität. Wenn es aber wirklich darum gegangen wäre, die entscheidende Brutstätte von Bin Laden zu treffen, dann hätten die USA Pakistan bombardieren müssen.

Tatsächlich schien der ehemalige CIA-Mann Bin Laden 1998 umgekippt zu sein, indem der den Dschihad gegen Amerika ausrief und versuchte, einen Dachverband „Internationale islamische Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter“ zu organisieren. Deren Manifest orientierte sich allerdings auf Aktionen im arabischen Raum, dessen islamische heilige Orte seit Jahren von den USA besetzt sind und dessen Reichtum geplündert wird. Auf diese Organisation aber bezieht sich interessanterweise das Feindbild der USA gar nicht, sondern sie wählten stattdessen ein ominöses Netzwerk „Al Quida“. Irgendwie scheint das bedrohlicher zu klingen, obwohl die Übersetzung einfach „die Datenbank“ bedeutet (wörtlich: die Basis von Daten). Hinter einer solchen Datei verbirgt sich für die Amerikaner eine streng geheime Terroristenorganisation. Sachlich ist das völlig abwegig, denn in dieser Datei sind lediglich alle Dschihadisten erfasst, die im Auftrag der USA gegen die Sowjetunion gekämpft hatten.

Unter Fachleuten ist auch die Einflussnahme einer Al Quida wie auch einer „Islamischen Front“ auf die begangenen Anschläge – speziell auch die des 11. September – mehr als umstritten. Vor allem gehört die weltweit funktionierende Kommandozentrale, die in Afghanistan gesessen habe, der Welt der Märchen an. Unsinnig ist es auch, eine Beteiligung der Taliban an internationalen Aktionen zu behaupten. Die Taliban hätten Bin Laden auch ausgeliefert, aber ihre Bedingung, dass ihr Regime dafür anerkannt würde, wurde nicht erfüllt. Der unbedeutende Bin Laden war längst zur Belastung für sie geworden.

Im Zuge der Neuen Weltordnung gilt es aber auch ebenso, den Blick von diesen Krisengebieten auf die Innenpolitik der westlichen Ländern zu werfen. Bush hat mit einem Ministerium für Heimatschutz und Staatssicherheit (Jahresbudget 38 Milliarden Dollar, über 170.000 Mitarbeiter) ein perfektioniertes Spitzel- und Denunziantensystem geschaffen, wo schätzungsweise 12 Millionen „Heimatschützer“ bei der Überwachung ihrer Nachbarn und Kollegen tätig sind. Nach dem Anschlag 2001 wurden neue Militärgerichte gegen terrorismusverdächtige Ausländer geschaffen. Solche Sondergerichte hat es bisher nur für die Aburteilung von Nazi-Saboteuren im Zweiten Weltkrieg gegeben. Die Öffentlichkeit wird völlig ausgeschaltet. Sie erfährt nicht, wer verhaftet wird (mittlerweile einige tausend in den USA lebende Araber und Angehörige anderer Volksgruppen), und das Strafmaß, der Ort und die Zeit der Verurteilung bleiben verborgen. Die Urteile gehen bis zur Todesstrafe. Während ansonsten bei Militärtribunalen Einstimmigkeit gefordert wird, reicht hier eine Mehrheitsentscheidung zur Verurteilung aus. Mit dieser Verordnung ist ein Standard eingeführt worden, der nur in Militärdiktaturen üblich ist. Die Sondergerichte können weltweit abgehalten werden. Weder Senatoren noch Mitglieder des Repräsentantenhauses wurden vor der Einführung von Bush zu diesen Gesetzen in irgendeiner Weise überhaupt konsultiert.

Eigentlich ist die imperiale Strategie der USA auch darin deutlich zu sehen, dass selbst nach dem Ende des Kalten Krieges amerikanische Truppen im Ausland stationiert bleiben. Nach dem Wegfall des Erzfeindes aus dem Kalten Krieg sind die Amerikaner auf ein monsterhaft konstruiertes Feindbild angewiesen, um die Strukturen zur endgültigen Durchsetzung der Weltvorherrschaft auszubauen. Jedem, der sich bemüht, die Hintergründe zu durchschauen, müsste das alles eigentlich ersichtlich sein. Aber die Manipulierung und Gedankenkontrolle funktionieren, die Masse fällt auf die ihren eigenen Interessen entgegenstehende Politik herein und glaubt an die konstruierten Lügengespinste. Von einem Krieg gegen den Terrorismus zu sprechen ist einfach nur Propaganda, solange der Krieg nicht wirklich gegen den Terrorismus zielt.

Unter Terrorismus versteht man neuerdings auch nur Handlungen, die gegen die USA und ihre Verbündeten begangen werden, die zahlreichen eigenen Terrorakte bleiben ausgeklammert. Diese eigenen Programme basieren auf nationalsozialistischen Vorbildern: Offiziere der deutschen Wehrmacht wurden um Rat gefragt und deren Handbücher benutzt, um weltweit aufständische und rebellierende Gruppen mittels counter-insurgency zu bekämpfen. Diese Aktionen aufzuzählen wäre zu mühsam. Es reicht von Kuba über Nicaragua – wo die illegale Gewalt der USA vom Weltgerichtshof erfolglos verurteilt wurde – bis hin zur Zerstörung der pharmazeutischen Fabrik im Sudan. So grausam der Anschlag aufs World Trade Center auch war, ist er kaum vergleichbar mit viel weiter reichenden Aktionen der USA zuvor.

Nur als Beispiel soll nochmals die Fabrik im Sudan dienen, die 90 Prozent der pharmazeutischen Medikamente im Sudan herstellte und aufgrund deren Fehlen dann nach vorsichtigen Schätzungen bereits innerhalb eines Jahres Zehntausende an den Folgen sterben mussten. Als unmittelbare weitere Folge dieser Bombardierung mussten die Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter evakuieren, weswegen nach Schätzungen der UNO zweieinhalb Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Solche Aktionen sind genauso terroristisch und verheerender wie der World-Trade-Anschlag. Der Unterschied ist allerdings, dass die Täter bekannt sind.

Wenn sich die Bürgerrechtsbewegungen angesichts der 11.-September-Attentate mit Kritik und Aktionen weiterhin so zurückhalten, verstärkt sich nur mehr der Kreislauf der Gewalt und sie helfen zudem den reaktionärsten Gruppen im politisch-ökonomischen Machtsystem, deren Pläne durchzusetzen, die der amerikanischen Bevölkerung und dem Ausland großen Schaden zufügen und sogar das Überleben der Menschheit bedrohen. Die in den USA herrschenden Gruppen haben den Kräften der „Anti-Kriegspartei“ ohnehin ebenso den Krieg erklärt, da diese der Verwirklichung ihrer aggressiven Ziele weit hinderlicher sind als irgendwelche „Terroristen“. Diese Machthaber haben der Vernunft und dem Gewissen den Krieg erklärt. Alle demokratischen und friedliebenden Gruppen, denen bisher noch nicht offen dieser Krieg erklärt wurde, müssen diese Situation begreifen und dürfen nicht abwarten, bis sie auch unmittelbar betroffen sind.

Die Chance des weltumspannenden Kriegsabenteuers der USA liegt darin, dass sie übertrieben haben könnten. Die Familie Bush hat, wie Mathias Bröckers es aufzeigt, eine sehr merkwürdige Geschichte. Großvater Prescott Bush war Vermögensverwalter von Fitz Thyssen, einem der Hauptfinanziers von Hitler. Prescot wurde 1942 in den USA verurteilt. Georg Bush sen. hat als Chef der CIA in den 70er Jahren Saddam Hussein als starken Mann gegen den Iran aufgebaut. Als US-Präsident zog er gegen ihn in den Golfkrieg. Bush jr. hat das Geld für seine erste Ölfirma in den 70er Jahren von einem Vermögensverwalter der Bin-Laden-Familie erhalten. Im Januar 2001 hatte die frisch installierte Bush-Regierung FBI und CIA angewiesen, alle Untersuchungen in Sachen Bin Laden einzustellen. John O`Neill, Top-Bin-Laden-Fahnder, schmiss daher im Juli 2001 frustriert seinen Job. Er starb als Sicherheitschef im WTC. Dies nur als eines der unzähligen Verschwörungspuzzles.

Jedem ist klar, dass es in den Konflikten vornehmlich ums Öl geht. Die USA sind entschlossen, diese Ressourcen unter ihre Kontrolle zu bringen, potenzielle Konkurrenten auszuschalten, die Region politisch und militärisch für sich zu sichern und Transporte von den Ölfeldern zu den in Frage kommenden Häfen bereitzustellen. Die derzeitige Kampagne wird von einer Fraktion aus der Energiewirtschaft angeführt, zu der die Bush-Familie gehört. Zusammen mit den Rüstungsfirmen hat es diese Gruppierung geschafft, sowohl Bush sen. als auch seinen Sohn an die Spitze wählen zu lassen. Die Leute hinter Bush jun. sind diejenigen, die die amerikanische Administration führen.

Gedeckt durch den Krieg in Afghanistan, haben die USA inzwischen die weitreichende Kontrolle über jene drei islamischen Nationen bekommen, die in der Nähe der kaspischen Ölfelder liegen: Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien. Die ganze Region ist jetzt unter amerikanischer Herrschaft, sowohl politisch als auch militärisch. Alle potenziellen Konkurrenten, Russland und China eingeschlossen, sind beiseite gedrängt. Damit ist es nunmehr auch möglich, die lange geplante Erdöltrasse durch Afghanistan zu realisieren. Das reicht den USA aber längst nicht. Sie sind es gewohnt, mit militärischer Gewalt und Geld überall abhängige Regierungen zu installieren. Eine Pipeline um den Iran herum ist lang, eine mitten hindurch wäre viel kürzer. Dazu muss nur das Ayatollah-Regime beseitigt und durch eine pro-amerikanische Regierung ersetzt werden. Dies ist ebenso geplant wie es der jetzige Krieg gegen den Irak seit langer Zeit war, für den es keine schlüssigen Argumente gibt. Die Neue Weltordnung steht vor ihrem finalen Durchbruch mit dem Preis des unglaublichen Zivilisationsbruchs. Die „Achse des Bösen“-Liste ist lang und verspricht einen langen Krieg (und auch Atomerstschläge sind kein Tabu mehr, selbst nicht gegen Länder, die selbst nicht über Nuklearwaffen verfügen). Genannt werden als Angriffsziele neben Russland und China auch der Irak (inzwischen geschehen), Iran, Libyen, Syrien und Nordkorea. Pakistan natürlich ebenso, wenn es unsicher würde.

Mit dem Anschlag auf das World Trade Center und der dann verlangten „Antiterror-Allianz“ verschafften sich die USA den Freibrief, den sie benötigten. Mit dieser überraschend aus der Taufe gehobenen „Koalition“ ist ein Modell für die künftige Form der Weltbeherrschung geschaffen worden: uneingeschränkte Dominanz der USA, ohne bestimmte, gemeinsam festgelegte Prinzipien und Regeln – eine Art weltumspannender Absolutismus, wie er in religiösen Phantasien oder reaktionären Utopien beschrieben wird. Der faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt hat 1922 in seiner „Politischen Theorie“ definiert: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. George W. Bush hat diesen über die gesamte Weltgesellschaft verhängt.

Die Souveränität einzelner Staaten wurde prinzipiell aufgehoben, insofern militärische Operationen gegen „Terroristen“ dies erforderlich erscheinen lassen. Die Kampagne gegen den internationalen Terrorismus stellt einen Eroberungskrieg mit vernichtenden Konsequenzen für die Zukunft der Menschheit dar. Dieser von den USA und Großbritannien geführte Kreuzzug verstößt gegen das Völkerrecht und stellt eine Verletzung des Wortlauts der Charta der Vereinten Nationen dar. Er ist nicht nur illegal, sondern kriminell. Er erfüllt den Tatbestand dessen, was bei den Nürnberger Prozessen als schwerstes Verbrechen galt: Verschwörung gegen den Weltfrieden. Die politischen und militärischen Machthaber der USA vergehen sich nicht nur am eigenen Volk und den vom Krieg unmittelbar betroffenen Völkern, sondern auch an jenen, deren Regierungen sie als Komplizen in ihre Kriegsverbrechen einspannen und zu Mitschuldigen werden lassen. Sie vergehen sich an der Weltgemeinschaft, an der Menschheit.

So weit mein Versuch, die politische Faktenlage aufzulisten. Hinsichtlich der Gegenentwürfe zur neoliberalisierten und globalisierten Welt setzt sich der Autor Professor Sauermann aber auch ausführlich mit Kritikern wie Noam Chomsky und Chalmers Johnson sowie mit Bassam Tibi, Samuel Huntington und Hardt/Negri auseinander. Eine mehr als wichtige Studie, gerichtet an alle Menschen auf der Welt, die noch den Mut und die Kraft haben, sich den destruktiven Kräften entgegenzustellen.

_Ekkehard Sauermann
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Die Polarisierung nach dem 11. September 2001
579 Seiten, Paperback, |Atlantik| 2002
ISBN 3-926529-43-1 _