Noon, Jeff – Gelb

_Orpheus in der Drogenwelt: Trip mit Federn_

Der Manchester-Bürger (die Eingeborenen bezeichnen sich als „Mancunians“) Jeff Noon, ein Musiker, Maler und Bühnenautor, ist mittlerweile in der Phantastik-Szene ein erfolgreicher Senkrechtstarter mit vier veröffentlichten Romanen: „Gelb“, „Pollen“ und „Nymphomation“ bilden die Manchester-Trilogie.

Gelb (O-Titel: Vurt)
Pollen (Pollen)
Nymphomation (immer noch nicht übersetzt)

Inzwischen hat Noon, nicht faul, bereits einen weiteren Science-Fiction-Roman
vorgelegt: „Automated Alice“. Außerdem erschienen bis 2004:

Pixelsalat (O-Titel: Pixel Juice)
Needle in the Groove (unübersetzt)
Falling out of cars (dito)

Für „Gelb“, das im Oktober 1993 von einem kleinen unabhängigen Manchester-Verlag veröffentlicht wurde, erhielt er den |Arthur C. Clarke Award|; es wurde in mindestens 15 Sprachen übersetzt und gilt als das „Uhrwerk Orange“ der 90er Jahre. Zwischenzeitlich war es in zwei Ausgaben als |Goldmann|-Taschenbuch erschienen und zumindest auf der britischen Insel ein Bestseller.

_Handlung_

Scribble lebt im Manchester der nahen Zukunft, und das Einzige, was ihn sein tristes Dasein ertragen lässt, ist Vurt (von engl. „virtual“). Vurt ist der ultimative Kick, die perfekte Droge, ein Traumzustand, eine Realität für sich. Und Vurts, das sind verschiedenfarbige Federn, die sich der Junkie in den Mund steckt, um den Wirkstoff aufzunehmen – für jede Stimmung und jedes Bedürfnis das Passende. Nur von den gelben Vurts sollte man tunlichst die Finger lassen: Wer sich in ihre Welt begibt, riskiert, nie wieder zurückzukehren. So wie Desdemona, Scribbles verschwundene inzestuös geliebte Schwester.

Scribble muss also selbst an die höchst illegale Farbe herankommen, um Desdemona wiederzufinden, doch seine Chancen stehen schlecht. Noch weiß er nicht, dass dieser Kick nur mit etwas ganz Besonderem erkauft werden kann. Denn „Curious Yellow steht für die Vergangenheit, die schlimmstmögliche Version der persönlichen Vergangenheit“, sagt Jeff Noon in Interzone vom Oktober 1994. „Du kannst ihr nicht entrinnen, bis du dich ihr gestellt hast. Und wenn du mit ihr fertig geworden bist, lebst du. Wenn du’s nicht schaffst, stirbst du.“

Vurt ist eine eigenständige Realitätsversion, die die hiesige Realität durchdringt und umgekehrt. So tauchen etwa Traumschlangen auf, deren Biss tödlich ist und einen ins Vurt reißt. Nachdem Desdemona verschwand, tauchte bei Scribble ein Vurt-Wesen auf, das schlicht The Thing from Outer Space genannt wird. Es zu essen, befördert schnurstracks ins Vurt. Keiner Wunder, dass alle Dealer und Junkies hinter ihm her sind.

Das Vurt ist Teil der Kultur, ein Mythos, eine Art Magie. Nur noch wenige wissen um die Entstehung des Vurt: Miss Hobart zum Beispiel, und die Game Cat, die dem Leser alles über die Federn erklärt. Miss Hobart kontrolliert den Mechanismus des Austausches zwischen beiden Realitätsebenen, wie eine Art Schamane, der den Stamm in die Welt der Geister führt.

_Mein Eindruck_

Bizarre Handlungen werden von faszinierenden Figuren ausgeführt. Da sind zum Beispiel die zwei Späthippies oder Rastas, deren langes Haar zusammengewachsen ist, so verfilzt ist es. Als die Frau erschossen wird und stirbt, muss Scribble die schmerzhafte Prozedur des Haareschneidens übernehmen. Intelligente Robothunde scheißen auf den Teppich und nennen Scrible „Sir“. Ferngesteuerte Sonden und Geheimpolizistinnen tauchen auf – ein Hauch von Cyberpunk und Iain Banks‘ Culture.

In einigen Passagen erinnern die Übergänge und Figuren an Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“, an dessen eigenwilligen und rätselhaften Humor und metaphorische Gestalten. Insofern ist „Gelb“ nicht nur Post-Cyberpunk, sondern auch ein zutiefst moralisches Buch.

Ursprünglich sollte es ein Bühnenstück namens „The Torture Garden“ werden, inspiriert von dem gleichnamigen phantastischen Roman des 19.-Jh.-Franzosen Octave Mirbeau. Doch ein Hinweis William Gibsons auf diesen Roman verhalf „Gelb“ zur Geburt als das „Uhrwerk Orange“ der Neunzigerjahre. Kein Wunder, dass das erste Kapitel stark an den rasanten „Neuromancer“ erinnert. „Curiouser and curiouser“, wie Alice sagen würde.

|Originaltitel: Vurt, 1993
Aus dem Englischen von Ute Thiemann|