Noon, Jeff – Pollen

_Bizarr-komische Zukunftsvision_

Der phantastische Roman „Pollen“ bildet den zweiten Band der sogenannten Manchester-Trilogie von Jeff Noon, die mit „Gelb“ begann und mit „Nymphomation“ abgeschlossen wurde:

[Gelb]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1403 (O-Titel: Vurt)
Pollen (Pollen)
Nymphomation (immer noch nicht übersetzt)

Inzwischen hat Noon, nicht faul, bereits einen weiteren Science-Fiction-Roman vorgelegt: „Automated Alice“ („Alice im Automatenland“). Außerdem erschienen bis 2004:

Pixelsalat (O-Titel: Pixel Juice)
Needle in the Groove (unübersetzt)
Falling out of cars (dito)

_Handlung_

Manchester in der nahen Zukunft. Die virtuelle Realität des Vurt beherrscht die Ideen und Träume der Menschen in der verfallenden Großstadt. In den Vurt kann man sich per drogengetränkter Federn begeben – manche sind gelb und tödlich, manche nur hip. Aus dem Vurt kommen seltsame Wesen, über den Vurt können manchen Menschen besser kommunizieren – per Telepathie – als mit den armen vurt-losen, daher quasi feder-losen Dodos.

Es gibt eine Vorstufe des Vurt, den Shadow. Er funktioniert mit Empathie. Sibyl Jones ist eine Shadowpolizistin und ein Dodo. Sie kommt einer Mordserie auf die Spur. Ihre Ermittlungen werden allerdings von der eigenen Behördenspitze behindert. Dort ist man nicht daran interessiert, den Mord an einem harmlosen Taxifahrer aufzuklären. Allerdings hatte der Cabby zwei merkwürdige Passagiere, die aus dem Niemandsland außerhalb der Stadt kamen und nun verschwunden sind. In seinem Mund wächst eine Pflanze.

Auch die Xcab-Fahrerin Boda ist an der Aufklärung des Mordes interessiert: Der tote Cabby war ihr Freund. Er hatte zwar Frau und Kind, aber Boda ficht das nicht an. Boda hat den Stadtplan Manchesters über den Vurt quasi eingebaut, über den Vurt steht sie auch mit der Zentrale in Verbindung.

Wie sich herausstellt, ist die Zentrale namens Columbus in einer Allianz mit der Polizeispitze und mit einem Vurtwesen, das sich als „Herrscher des Hades“ beschreiben ließe. Es war eines der Passagiere des toten Cabby. Der andere ware seine junge Braut, Persephone. Sie wollen mit den Pollen der Pflanzen, den sie verbreiten, den Vurt der Stadt übernehmen.

Im einzigen Piratensender Manchesters spielt der DJ Gumbo-Ya-Ya Oldies aus den Golden Sixties und verkündet täglich den steigenden Pollengehalt in der Luft. Gumbo scheint ständig auf Hasch high zu sein – ein wahrer Lichtblick, dieser Typ, in der grauen, bedrohlicher werdenden Vurtualität der anderen. Gumbo bringt Bodas Anliegen, die Suche nach ihrem Cabby, zur Sprache. Und er findet heraus, dass Sibyl Jones ihre Mutter ist.

Im weiteren Verlauf der Handlung – der hier nicht veraten werden soll – vereiteln Boda, Gumbo, Jones, all die Vurtwesen, die Robohunde und die Zombies mehr oder weniger gemeinsam den Erfolg der Intrige von Hades, Persephone, Columbus und Polizeispitze.

_Mein Eindruck_

Die Manchester-Trilogie – und so auch „Pollen“ – gehört sicher zu den innovativsten und phantasievollsten Büchern in der SF der letzten Jahre. Zum Glück hält sich Noon nicht mit den technischen Feinheiten der Polleninvasion aus dem „Vurt“ auf, sondern weiß dem Leser die Innenwelt der Charaktere nahe zu bringen, allen voran das Schicksal von Sibyl Jones und Boda.

So wird aus seiner Geschichte nicht ein Spiel um seiner selbst willen, sondern ein Drama mit menschlicher und sogar tragischer Tiefe – mit einem Hauch von Philip K. Dick und William Gibson. Empfehlenswert für Leser, die nicht vor dem Ungewöhnlichen und Unwissenschaftlichen zurückschrecken.

Die Übersetzung von Ute Thiemann transportiert – wie schon in „Gelb“ – die Sprache und Noons Wortschöpfungen kongenial ins Deutsche.