Norbert Hummelt – 1922. Wunderjahr der Worte

Zeitpanorama: Literaten in kritischer Zeit

Aufbruch in die Moderne. 1922 ist ein Jahr von unglaublicher schöpferischer Energie: ein Wunderjahr der modernen Literatur. Eine Fülle literarischer Werke erscheint, die den Gang der Weltliteratur verändern.

In Paris wartet James Joyce voller Ungeduld auf die ersten Exemplare seines »Ulysses«. Virginia Woolf ist in London dabei, sich ihren eigenen Raum zu erschreiben. Rainer Maria Rilke vollendet, was er einst auf Schloss Duino begonnen hat. Katherine Mansfield steckt ihre ganze Kraft in ihre Short Stories. Und im englischen Seebad Margate findet T.S. Eliot radikale Töne für das widersprüchliche Lebensgefühl des noch jungen 20. Jahrhunderts.

Quer durch Europa begleitet Norbert Hummelt diese Autoren und Autorinnen durch ein aufregendes Schaffensjahr und fängt dabei die spannungsgeladene politische Stimmung der Zeit ein. (Verlagsinfo)

Der Autor

Norbert Hummelt (* 30. Dezember 1962 in Neuss) ist ein deutscher Dichter, Übersetzer und Kulturjournalist.

Inhalte

Auch das Jahr 1922 beginnt gemäß dem gregorianischen Kalender am 1. Januar (der julianische Kalender legt Neujahr im Gegensatz dazu auf den 7. Januar) und konsequenterweise hält sich der erzählende Autor an die Reihenfolge der Tage dieses Jahres, so dass jeder Leser eine klare Vorstellung davon hat, an welcher Stelle in diesem „Wunderjahr“ sich die Berichterstattung gerade befindet. Die Einteilung der Hauptkapitel orientiert sich an den Monaten, zwölf an der Zahl (der Mondkalender hat ja dreizehn). Es ist eine erzählende Berichterstattung, und folglich hat der Erzähler die vollständige Herrschaft über das, was es zu erzählen gibt. Und das ist eine ganze Menge.

Joyce

Die erwähnten Wunder betreffen die Literatur. Zu jedem „Wunder“ gibt es mindestens einen Akteur. In der Mehrzahl handelt es sich um SchriftstellerInnen. Allen voran James Joyce, dessen „grässliches Buch“ mit dem antiken Namen Ulysses die Literaturszene dies- und jenseits des Atlantiks aufwirbelt und ungebildete Kritiker („Wer ist denn diese Penelope, die da immer auftaucht?“) in Verlegenheit bringt: „Ulysses“ enthält Bordellszenen und besagte Penelope ist MOLLY Bloom, Leopold Blooms werte Gattin – und nicht etwa MILLY Bloom, ihre Tochter! Blöd, wer die beiden verwechselt.

Lange Jahre hat der Sprachlehrer Joyce damit gekämpft, das Ithaka-Kapitel schrieb er am Schluss, doch nun kämpft er mit den Druckfahnen seiner Drucker, die zu seinem Leidwesen mit Fehlern gespickt sind. Die ersten Exemplare des Hardcovers erhält Sylvia Beach von „Shakespeare & Company“ in Paris, wo Joyce mit seiner Familie lebt. Zwei weitere, korrigierte Auflagen sollen folgen.

T. S. Eliot

Ebenso in Kämpfe verstrickt ist der Amerikaner Thomas Stearns Eliot, doch er hat in dem Amerikaner Ezra Pound einen Mitstreiter gefunden. Es ist Pound, der aus den vielen Einzelteilen zu „The Waste Land“ ein zusammenhängendes Poem schmiedet, das mit „April“ anfängt und mit dem Gesang „Shanti“ endet. Nach und nach enthüllt der Erzähler, worin das Geheimnis dieses Poems besteht: in der sexuellen Impotenz des Autors, wenn er mit seiner Frau Vivien zusammen ist. Schon nach einem Jahr wird sie „krank“ und legt sich einen Lover zu, einen aus dem Londoner Bloomsbury-Kreis.

Virginia Woolf

Dieser ist von Virginia und Leopold Woolf gegründet worden. Virginia ist von „Ulysses“ wenig beeindruckt, doch viel mehr interessieren sie die Kurzgeschichten dieser Neuseeländerin namens Katherine Mansfield. Diese erstklassig formulierten Erzählungen machen Virginia rasend vor Neid und spornen sie dazu an, ein ganz anderes Buch zu schreiben als den angefangenen Roman: „Jacobs Zimmer“ soll ein Klassiker werden, denn der Text ist multiperspektivisch erzählt, ähnlich wie „Ulysses“. Doch zuerst muss sie ihre Variante der Spanischen Grippe überwinden.

R.M. Rilke

Mehrere Dichter ziehen sich in Türme zurück, um von der turbulenten Weltgeschichte möglichst verschont zu bleiben. Besonders erfolgreich ist dabei Rainer Maria Rilke, der im Schweizer Kanton Wallis einen Wohnturm gefunden hat, der ihn nicht nur zu mehr als zwei Dutzend Sonetten, sondern auch zu einem knappen Dutzend „Duineser Elegien“ inspiriert. Wobei das Schloss Duino natürlich ganz woanders liegt. Täglich erstattet er seinen Mäzeninnen Bericht und schickt ihnen die Früchte seiner Arbeit: Ihr Geld ist wahrhaft gut angelegt.

W.B. Yeats

Der irische Autor William Butler Yeats ist schon mit 30 ein Klassiker. Er hat die Irische Renaissance initiiert, zahlreiche keltische Legenden und Märchen ausgegraben sowie viele Gedichte in der alten Zeit spielen lassen („Wandering Aengus“ und viele weitere). Nun bezieht er in Irland einen alten Turm, den einst die Wikinger, die Dublin gründeten, errichtet haben. Dummerweise liegt der Turm direkt neben einer Brücke, die die IRA-Kämpfer für strategisch wichtig halten und die sie deswegen sprengen wollen. Freundlicherweise geben sie den Turmbewohner vor der Sprengung Bescheid, so dass diese das Nötigste retten können. Aber die Brücke muss nun mal weg.

Zu seinem wachsenden Entsetzen muss Yeats mitverfolgen, wie sich seine um Unabhängigkeit kämpfenden Freunde Michael Collins und Eamon de Valera, Irlands erster Präsident, zerstreiten, dann verfeinden. Während Collins den politischen Kompromiss sucht, gründet de Valera die Irish Republican Army, die IRA. Collins wird bei einem IRA-Attentat erschossen, und es gibt schon wieder einen neuen Präsidenten.

Kafka & Co.

Viele weitere Geistesgrößen werden erwähnt, so etwa Franz Kafka, der in den Bergen den Roman „Das Schloss“ beginnt, oder Dr. med. Gottfried Benn, ein Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der mit seiner Geliebten die Berliner Abende verbringt, wenn er mal keine Gedichte schreibt. Weitere Autoren sind der homosexuelle Stefan George, dessen Stil mittlerweile schal und altbacken wirkt, Thomas Mann, der seine republikanische Gesinnung entdeckt, und Bertolt Brecht, der mit zwei Stücken, „Trommeln in der Nacht“ und „Baal“ Furore macht.

Albert Einstein, der sich auf Vortragsreise in einem absolut begeisterten Japan befand, hat seit der Veröffentlichung seiner Speziellen Relativitätstheorie anno 1905 und der anschließenden Allgemeinen Relativitätstheorie eine erfolgreiche USA-Tournee hinter sich. Jetzt begibt er sich auf eine Vorlesungsreise ins Herz des Erzfeindes: Paris. Weil er weiß, wie man klar, deutlich und vor allem auf Französisch komplizierte Physik erklärt, sieht seine Vortragsreihe einen regelrechten Ansturm. Nur seine Gegner kreiden ihm an, dass er wieder einen deutschen statt seines bisherigen Schweizer Passes hat.

Die französischen Nationalisten verhindern auf der Genua-Konferenz, dass das besiegte Deutschland auch nur einen Centime Nachlass von seinen Reparationsverpflichtungen erhält. Die Amis glänzen durch Abwesenheit. Doch die Russen machen den Deutschen ein verlockendes Angebot: Im Rapallo-Vertrag räumen sie sich gegenseitig die Meistbegünstigtenklausel ein. Die Alliierten sind verschnupft. Die Zeppeline fliegen noch, doch in Italien putscht sich ein gewisser Benito Mussolini an die Macht, der sich später „Duce“, also Führer, nennen lässt. Wie Hitlers Schergen die SA, jagt er die Sozialisten Kommunisten und Gewerkschafter.

Kleine Welt: Neuss 1922

Franziska Kemmering ist ein Dienstmädchen aus der Arbeiterklasse. Sie hat es nicht leicht – und überhaupt nichts mit Literatur am Hut. Sie muss, um mit Näharbeiten, etwas zu verdienen, in den Nachbarort gehen – eine Art von Fahrzeug hat sie nicht. Zuerst stirbt ihre Mutter, dann die hundertjährige Großmutter. So bleiben der Vater und der Bruder Vinzenz, mit denen sie im Elternhaus leben kann.

Das Besondere an Neuss und dem ganzen Erftkreis: Es ist von belgischen Truppen besetzt. Die sind mit den Franzosen ins Land gekommen, um sich die linksrheinischen Gebiete, das Saarland sowie das Ruhrgebiet unter den Nagel zu reißen. Diese Gebiete sollen die hohen Reparationen mitbegleichen, bei denen das Deutsche Reich Mühe hat, sie abzustottern. Die Franzmänner lassen nicht mit sich reden: Obwohl das ganze Jahr hindurch über Reparationen und deren Verringerung verhandelt wird, mauern sie. Zusehends steigt die Inflation, und als auch noch die Amerikaner den Stecker ziehen und ihre Kredite streichen, kennt die Geldentwertung kein Halten mehr: Bald wird ein Laib Brot eine Billion Reichsmark kosten. Erst die Rentenmark macht diesem Spuk ein Ende.

Dass dieser Zustand kaum deutsche Freunde kennt, leuchtet ein. Aber auch jeder Politiker, der einen Erfolg zugunsten der Republik erringt, muss mit Feindseligkeiten rechnen, denn für die Rechtsextremen ist der status quo ein Geschenk: Die Besetzung der Ruhr treibt ihnen die Reaktionären, Veteranen und Revanchisten in die Arme. Als Außenminister Walter Rathenau mit den Sowjets einen Handelspakt schließen kann, wird er wenig später auf offener Straße in Berlin-Grunewald von einem Killerkommando erschossen. Das Attentat erschüttert nicht nur die Republik, es macht Schlagzeilen in der ganzen Welt. Die Attentäter werden gefasst und vor Gericht gestellt, zuvor erschießt sich einer gleich selbst.

Franziska ist von diesen weltgeschichtlichen Ereignissen nur am Rande berüht, aber sie verliert ihre Stelle und nagt wie der Rest der Familie am Hungertuch. Ein belgischer Verehrer schickt ihr Eau de Cologne. Als sie das Grab ihrer Mutter auf dem Friedhof besucht, spricht ein Deutscher sie an. Er hat nur einen Arm, den anderen hat er bei Weltkriegskämpfen im Elsass verloren. Nach mehreren Monaten heiraten Franziska und der Weltkriegsveteran einander. Ein Glück, denn ohne dieses Ereignis hätte es den Autor nicht gegeben, um uns diese Geschichte zu erzählen, die gleichrangig neben allen anderen Geschehnissen steht.

Mein Eindruck

Die Geschichte der Franziska Kemmering wirkt wie ein in das Panorama der Wunderdinge eingeschmuggelter Roman des Autors, doch allmählich zeigt sich, wie notwendig dieses Puzzleteil ist. Da Franziska die Großmutter des Autors ist bzw. sein wird, bildet ihr Lebenslauf einen Spannungsbogen, der das ganze Buch zusammenhält. Statt in zahllose Einzelstränge auseinanderzufallen, hält der Spannungsbogen die Kapitel zusammen.

Worin besteht die Spannung, mag sich der Leser fragen. Sie beruht auf der Frage, ob die ledige junge Frau dieses Jahr überleben wird. So vieles spricht dagegen, und an einer Stelle wird sogar angedeutet, dass sie, wie so viele Vorgänger („Der letzte seines Stammes“) ins Wasser der Erft gehen könnte, um ihrem aussichtslosen Elend ein Ende zu setzen. So unwahrscheinlich es wirkt, so gelingt es ihr doch, die Kurve zu kriegen und eine Familie zu gründen – aber erst auf den letzten Metern, also Ende des Jahres. In einem Epilog werden alle losen Fäden zu einem Abschluss gebracht, so dass aus der gewaltigen Erzählung eine runde, zufriedenstellende Sache wird.

Die Literaten

Anhand der Auswertung unzähliger Briefe und anderer Dokumente setzt der Autor die Lebensläufe der oben genannten Literaten zusammen, als wären es Handlungsverläufe. Doch Obacht! Mitten im Absatz kann der Akteur wechseln, und ich ertappte mich einmal dabei, von Joyce auszugehen, während die männliche Crew schon zu Eliot gewechselt hatte. Auch in der weiblichen Crew heißt es aufpassen, wie leicht ließe sich Virginia (Woolf) mit Vivien (Eliot) verwechseln? Auch Gräfin Rutherford, Eliots abtrünnig werdende Mäzenin, sowie eine gewisse Ottoline Morell spielen im englischen Team mit. Tante Josephine spielt im irischen Team und ist ihrem Neffen James gar nicht wohlgesonnen.

Ja, Literatur ist ein Teamsport, und zwar ein komplizierter. Die Spielregeln ändern sich gerade, und es wird getrickst, dass dem Leser Sehen und Hören vergeht. Eliot ist ein Paradebeispiel. Obwohl noch bei der Lloyd’s Band angestellt, versucht er mit Gräfin Rutherfords Geld ein Literaturmagazin namens „Criterion“ auf die Beine zu stellen. Als Beiträger schreibt er sogar Hermann Hesse an, der aber in der Schweiz lebt. Dann hebt Eliot einen weiteren Plan aus der Taufe. Um sich von dem Bankjob loszueisen, erbittet er eine Art Ablösegeld – u.a. von den Woolfs. Als von Bankausstieg nichts zu sehen ist, werden die Woolfs sauer: Die 500 Pfund können sie abschreiben.

Dass auch Rezensenten zum Team-Spiel gehören, hat sich anno 1922 als Marktgesetz etabliert. Dies- und jenseits des Atlantiks heimsen Eliot und Joyce Rezensionen ein und verfolgen den Spielstand genau. Eliot ist dabei besonders rührig. Sobald eine positive Rezension von „The Waste Land“ im „Dial“ usw. erschienen ist, organisiert er einen Vorabdruck – aber gleich zweimal. Die Amerikaner kriegen das Vorrecht, danach erst erscheint der Vorabdruck im „Criterion“, erst danach folgt das Buch. Gräfin Rutherford ist „not amused“ über die Verwendung ihrer Gelder, sie stänkert. Kann Ezra Pound, der treue Mitstreiter, die Lage retten? Eliot hofft es. Wir drücken ihm die Daumen.

Ganz andere Nöte hat Rilke. In seinem Walliser Wohnturm hat er die Klassik nicht wie Eliot, Woolf und Joyce nicht abgeschafft, sondern wiederbelebt. Klassischere Sonette und Elegien wird man selten finden. Der Ton ist nicht hoch, er ist erhaben; und die Engel, die darin auftauchen, jubilieren. Doch war der Februar ein Jubelmonat, so gerät der Frühling und Sommer zu einer Zeit der Brache. Der Grund: Der Aufenthalt einer bestimmten jungen Frau mitsamt Tochter stört die Muse beim Küssen. Kaum sind die beidem Herbst abgereist, so packt die Muse zu und Rilkes Kreativität verströmt sich in der Übersetzung der Gedichte von Paul Valery.

Textschwächen und -stärken

S.71: „Es war ein Sonntag, als Orpheus vorläufig fertig hatte.“ Diese Formulierung klingt – sicherlich mit voller Absicht – nach BAYERN-MÜNCHEN-Trainer Trappatoni.

S. 78: Beispiel für Ironie im Übergang von Rilke zu Joyce: „Mit allen Augen sieht die Kreatur / das Offene“, dichtet Rilke. Und dann: „James Joyce, der mit allen Augen immer schlechter sah…“

S. 161: falsche Silbentrennung: „Lieblingsd-roge“.

S. 163: Beispiel für Komik: Ernest Hemingway, der rasende Reporter, wird in einem Hotelzimmer fast durch einen explodierenden Boiler getötet. Nicht lustig!

S. 279: Ein weiteres Beispiel für Komik: „Virginia Woolf hat es nun doch getan. Sie hat den ‚Ulysses‘ zu Ende gelesen und, wie nicht anders zu erwarten war, damit ihren Reizdarm strapaziert. Eine Fehlzündung, notiert sie am 6. September in ihr Tagebuch, nicht ohne Genie, aber von der minderen Sorte.“

S. 398: Joyce parodiert Eliots „Waste Land“ in dessen erstem Abschnitt: Statt „April is the cruellest month“ (siehe Chaucer!) heißt es bei Joyce: „Rouen is[t] the rainiest place.“ Das T dürfte überflüssig sein.

Unterm Strich

Dieses einzigartige Buch, das sich auf ein einziges Jahr beschränkt, vermittelt dem literarisch beschlagenen Leser eine Panoramasicht auf die literarischen wie auch weltgeschichtlichen Ereignisse und Prozesse. Schon nach wenigen Hauptkapiteln bzw. „Monaten“ wird klar, dass das Wunderjahr nicht nur herausragende Werke hervorbrachte, sondern dass diese kleine zeitliche Epoche in besonderem Maße privilegiert war. Faschisten nördlich wie südlich der Alpen bereiten die Zensur, Verfolgung und schließlich physische Vernichtung der linksgerichteten Kräfte in der jeweiligen Gesellschaft vor. Danach wie auch schon davor werden Werke wie „Ulysses“ und „The Waste Land“ nicht mehr publizierbar sein, ja, selbst die Verleger müssen um ihr Leben fürchten.

Auffällig ist, wie viele Literaten Opfer von Krankheit und Entbehrung werden. Es sind Hungerjahre, und allerlei Ärzte und Wunderdoktoren (wie ein gewisser Gurdjieff) ringen darum, den Autoren und Autorinnen durch Diäten, Kuren, Freilufttänze zu Gesundheit zu verhelfen. Joyce ist ein Paradebeispiel für ernstzunehmende Ärzte, aber Mansfield, Vivien Eliot und V. Woolf fallen den Kurpfuschern zum Opfer. Mansfield überlebt -trotz der herrlichen Nackttänze an der frischen Luft – ihren Aufenthalt im Sanatorium Gurdjieffs nicht, Joyce stirbt anno 41 in der Schweiz, Virginia Woolf geht schließlich ins Wasser.

Ein deutsches Schicksal

Auch Franziska Kemmering ginge um ein Haar ins Wasser, doch sie kriegt die Kurve, heiratet, bekommt Kinder, schließlich auch die Mutter des Autors Hummelt selbst. Da dies nie sicher ist, entsteht ein Spannungsbogen, den der aufmerksame und einfühlsame Leser beklommen mitverfolgt.

Der Autor weiß das Schicksal seiner Großmutter sachlich zu erzählen, doch der Unterton der begleitenden und bedrohlichen Not ist für den feinfühligen Leser immer vorhanden. Franziska am Sterbebett ihr hundertjährigen Großmutter, Franziska am Grab ihrer Mutter, Franziska auf der Erft-Brücke, an der der Gedenkstein an „den Letzten seines Stammes“ erinnert, welcher Stamm auch immer dies gewesen sein mag (die Ubier waren’s wohl nicht, denn dieser Germanenstamm unterwarf sich so erfolgreich den Kölner Römern in Colonia Claudia Ara Agrippinensium alias Colonia oder CCAA, dass sein Überleben auf Jahrhunderte, ach was: Jahrtausende gesichert war.) Aber in Franziskas Heimat Neuss herrschten andere: Franzosen und Belgier, daher war Neuss praktisch Ausland in Deutschland. Solche Ironien finden sich in Hülle und Fülle, mal im-, mal explizit, mal amüsant, häufig aber tragisch.

Rote Fäden

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Mit diesem Motto von Wittgenstein eröffnet der Autor sein Buch. Doch listigerweise nimmt er diesen Satz auch gleich selbst an passender Stelle auseinander. Der Satz besagt nichts und ironischerweise doch alles: eben alles, was der Fall ist, wird vom Autor aufgegriffen und den literarischen Groß- und Kleinereignissen zugewiesen. Rote Fäden ergeben sich genug, so etwa beim Werdegang von Eliots „The Waste Land“. Wohl demjenigen Leser, der ein gutes Halbwissen über die erwähnten Werke der „klassischen Moderne“ mitbringt – den Rest liefert der Autor nach. Nicht aber irgendwelche Anmerkungen (was ja widersinnig wäre) oder gar ein Glossar. Was ein Sonett oder eine Elegie ist, muss der Leser selber wissen.

Am wertvollsten neben all diesen unterhaltsamen Aspekten, sind die detaillierten Analysen des Übersetzers von „The Waste Land“ durch den Autor selbst. Schon der Vergleich dieses Poems mit dem „Ulysses“ ist den Preis dieses Buches wert. Hinzukommen noch Analysen von „Jacobs Zimmer“, Mansfield Erzählungen, Rilkes Gedichten, Kafkas „Schloss“ und viele Texte, die heute klassisch sind, mehr.

Doch dieser potentiellen Erhabenheit tritt der Autor mit den vielen menschlichen, allzu menschlichen Biografiedetails entgegen: So hat etwa G. Benn eine reiche Sammlung von Geliebten, von abgelegten, reaktivierten, und wenn eine Tochter mal zu versorgen ist, dann schickt er sie ins Ausland, etwa nach Dänemark. Wer will, kann das Buch als Welttheater lesen, das wie immer einen kohärenten Sinn vermissen lässt, oder wie eine Familiengeschichte, aber spannend ist es allemal.

Gebunden: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3630876542

Luchterhand Literaturverlag

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