Norbert Sternmut – Schattenpalaver. Gedichte

Die Sternmut-Lese des Jahrgangs 2012

Aus den „Sprachschatten“ von anno 1989 ist 2012 inzwischen ein „Schattenpalaver“ geworden. Doch wer hier mit wem während einer „Wortrast“ palavert, muss sich erst noch herausstellen. Im zweiten Teil des Bandes, der den ominösen Titel „Brennstabm“ trägt, treibt der Autor die Sprache experimentell an ihre Grenzen.

Inhalte

Teil 1: „Wortrast“

In Teil 2 findet sich ein Gedicht über den Tod von Amy Winehouse, in Teil steht der Nachruf für Rory Gallagher, den irischen Rockgitarristen (1948-1995). Für ihn wurde in den Städten Ballyshannon und Belfast jeweils eine Statue aufgestellt und im Dubliner Temple Bar Viertel gibt es eine Rory Gallagher Corner zu bewundern – mit einer Gitarre auf dem Dach. Die Verehrung ist bei Sternmut in seinem „Blues für Rory Gallagher“ (S. 28) anders geartet:

Auf den Saiten,
Der Bühne der Zeit
Im Geräusch vibriert
die Nacht, unhörbar,
Du, Rory.

Hiel[t]st dich***
An der Gitarre fest,
Spieltest dich aus,
Warst vorhanden
Dem Verhängnis,

Im Hemd, kariert,
Umringt am Abgang
Der Bühne, endlich,
Wie du warst,
Im Blindwurzelwerk,
Schattenspiel der Fische.“

*** Im gedruckten Text fehlt das T.

Meinem Lieblingsgitarristen hätte ich einen feinfühligeren Nachruf gewünscht, aber jedem das Seine: Der Gitarrist wird nur als auf der Bühne präsent wahrgenommen, doch war Gallagher bestimmt auch (in Irland) ein sehr geselliger Typ. Und anders als das „Schattenspiel“ suggeriert hinterließ Gallagher eine sehr solide und anhaltende Erbschaft. Der englische Eintrag der Wikipedia zählt alle entsprechenden Zitate und Hommagen (https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Rory_Gallagher&action=edit&section=10) auf.

Auf S. 38 wird eine weitere Ikone geehrt, wenn auch etwas indirekt: „Mein Onkel nach Tati„:

„Das Haus mit der Fontäne,
Der Mann mit dem Obst
Kommt pünktlich.

(Ich werd nie fertig.)

Das ist mein Bruder,
Der einzige, den ich habe.

(Wir haben keine Zeit, brauchen
Keine Teppiche oder Bettvorleger)

Gerard, komm her,
Sag der Dame guten Tag.

Hier der Mixer, die Spülmaschine
Die Waschmaschine
Gestatten Sie, na,
Was macht die Börse.

Da kann man nur
Die Nerven behalten.“

Diese humorvoll-ironische Text ist ungewöhnlich verständlich, wenn auch, wie stets, sehr assoziativ in seinen Metaphern bzw. Zitaten.

In vielen weiteren Gedichten findet sich der Sternmut, wie er seit 1989 arbeitet. Die Metaphern sind die aus den vorherigen Gedichtbänden vertrauten: Schatten, Rand, Licht, Schlange, zahllose Umschreibungen für Tod und Grab, aber auch für Liebe und die Sterne. Naturphänomene bilden den Schwerpunkt. Es gibt aber auch, wie erwähnt, zahlreiche Persönlichkeiten.

Im titelgebenden Text „Wortrast“ (S. 26) verweist der Autor – ob absichtlich oder versehentlich – sogar auf seinen eigenen Gedichtband „Lichtpausen“ von 1994.

Wortrast

Im Gedicht: Wort auf Wort,
Lichtschein, Schneebett,
Und die bescheidene
Wortrast:
Lichtpause:
Hier kommt kein Wort:
(Krume oder Sternhaufen.)
Bleibt Ort und Gedanke
Wortlos.“

Ähnlich wie Hölderlins „Hälfte des Lebens“ ist das Gedicht in zwei Hälften geteilt: in den Teil, wo im Lichtschein das Gedicht Wort für Wort entsteht, andererseits die Lichtpause = Nacht, in der die Gedanken wortlos bleiben. Nun geben die Wörter Ruh, und die Träume (Krume = Grab, Sternhaufen = Ewigkeit) halten Einzug. Eines schönes Beispiel, wie man die Situation des lyrischen Ichs in wenigen Zeilen zusammenfassen kann.

Teil 2: Brennstabm

Auf 13 Seiten treibt der Autor hier die deutsche Sprache an die Grenze ihrer Verständlichkeit. Mithilfe des Prinzip der Lautersetzung entstehen aus bekannten Wörtern die groteskesten Formungen und Fügungen. Kostprobe gefällig?

Sonnengetünch

Unsinnbehalftert, stimmverfachtet,
Saftbefruchtet.

Im Grummstimmel,
Wer umflichte
Die Summel zum Half,

Betüncht uns,
Frucht uns an,

Sacht, was grünt,
bestürnt,

Beflucht uns absult.“

Das mutet wie eine Spielerei an, doch der Wahnsinn hat Methode: Alle hellen Vokale und Umlaute (ö, ü) werden durch U ersetzt. Das Ergebnis klingt dumpf und düster. So etwa auch im Text über den Tag, als Amy Winehouse starb: „Das eine Luch, / das andere Lumpen, / Im Weltwummel.“ Immer wieder wird ein „-el“ eingefügt. Und zwar nicht, um einen Jambus oder Trochäus zu ermöglichen.

Das scheinbare Gestammel zeigt sich am konsequentesten in Text Nr. 12:
Hurnrind

Abgewundet die Stülpe,
Die Sulpe,
Falsrippe,
Die uns zugrandet, abstrichlich,
Wuchelt,
Dem Summel das Grummel,
Dem Grammel und Stammel,
Dem Sammel
Dem Stummel der Rede.“

Text 13 nimmt an diesem Spiel mit der Sprache nicht mehr Teil, als wäre er ein Kommentar darauf:

Sprechen im Gebirg

Darüber setzt sich Rinnsal
Zu Rinnsal an den Tisch.

Sucht nach dem Wort,
Das uns verbindet,
Nach der Loslösung, stromabwärts,
Im Wortschwalm,
Murmelnd,
Mit offenem Mund
Im Gedicht
Die Ansprache
Der Wurzel.

(Ganz ohne Metapher)
Über die Sandburgen
Grashüpfer, damals,
Die Bedeutung
des Himmels
Der Zufriedenheit
Der Kröte im Teich.“

Hier sucht das lyrische Ich nach dem absoluten, dem wahren Wort, „das uns verbindet“, nach der Wurzel. Der Weg führt aus dem Gebirge hinunter an den Teich, wo das kindliche Ich zwischen Sandburgen und Grashüpfern lag und nach der „Bedeutung des Himmels“ fragte und sich über das zufriedene Grinsen der Kröte wunderte. Dort existiert noch Unschuld, wo Wort und Welt eins sind. Nur hier, an diesem magischen Ort, existiert Wahrheit.

Mein Gesamteindruck

Amy Winehouse, Rory Gallagher, Jacques Tati – die Welt der Persönlichkeiten hat Eingang gefunden in die ansonsten von Naturbeobachtungen geprägte Welt des lyrischen ichs. So viele sind gestorben, und auch das Ich fühlt sich nicht mehr sonderlich lebendig. Es ist die Zeit der Distel (S. 15), die sich mit Stacheln gegen die Unbill der Welt zu wehren weiß.

Da ist es gut, dass es noch das Du gibt, in dessen warmen Armen das geschundene Ich Trost, Rast und Lust findet. Die Lust ist allerdings verklausuliert formuliert, damit der Zensor nicht zuschlägt: „Im Blutzwang der Säule / Versteift sich die Vorstellung / Aus dir und mir.“ Die Vor-Stellung darf man wohl wörtlich nehmen.

Das Gedicht „Muttersprachs“ (S. 11) verweist bereits auf das , was im zweiten Teil mit der „Mutter / Sprache“ angestellt: In „Brennstabm“ wird sie an die Grenze ihrer Verständlichkeit geführt, bis die groteske Verzerrung verdeutlicht, wie willkürlich die Prägungen der deutschen Sprache sind: „verdreifelt, vervierfelt, verfünfelt“ , das einfache Wort „verzweifelt“ wird ad absurdum geführt und so die Wurzel „verzweifelt“ offengelegt: Was hat der Zweifel mit der Verzweiflung zu tun, fragt sich dann der Leser.

Man sieht: Hier gibt es einige sprachliche und gedankliche Entdeckungen zu machen. Was ein wenig fehlt, ist die große, starke Emotion. Es ist wohl deshalb kein Zufall, dass das bei Sternmut übliche Langgedicht, seine Version von Celans „Todesfuge“, hier durch Abwesenheit glänzt. Statt dessen findet sich hier eine experimentelle Spielerei, wie ich sie in keinem anderen Sternmut-Band gefunden habe.

Für Sternmut-Kenner wie auch für solche, die ihn kennenlernen wollen, eignet sich die Lese des Jahrgang 2012 gleichermaßen.

Der Autor

Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Ludwigsburg bei Stuttgart und arbeitet als Sozialpädagoge. Der Theaterautor, Rezensent, Maler, Lyriker und Romanschreiber erhielt Stipendien vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Gerlingen. Er veröffentlichte zwanzig Einzeltitel seit 1980 und ist in über 50 Anthologien vertreten. Als Maler trat er mit 75 Ausstellungen an die Öffentlichkeit.

Der gelernte Werkzeugmacher wurde nach einem Studium zwischen 1982 und 1987 Sozialpädagoge und ist seit 1993 in verschiedenen Bildungsinstitutionen tätig. Mehr Infos gibt’s auf seiner Website www.sternmut.de und in der Wikipedia ((https://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Sternmut)) .

Seit 1980 hat Sternmut eine ganze Reihe von Lyrikbänden veröffentlicht, darunter die von mir vorgestellten Bücher „Photofinish“, „Triebwerk“ und „Absolut, du“. In dem Band „88 Rätsel zur Unendlichkeit“ arbeitete er mit dem Grafiker Volker Funke zusammen: Die Rebus-artigen Rätselgrafiken harmonierten mit den frei assoziierenden Gedichttexten Sternmuts. Eine Webseite ergänzte das multimediale Werk auf der Zeit angemessene Weise.

Auf der Prosaseite in eine Romantrilogie hervorzuheben, zu der „Der Tote im Park“ (1999), „Marlies“ (2003) und „Norman“ (2008) gehören. „Wildwechselzeit“, ein Tagebuch-Roman über die Beziehung zu Christof Schlingensief und dessen Tod, sorgte für lebhafte Debatten. Eine Reihe von z.T. phantastischen Erzählungen erschienen in dem Band „Das Zeitmesser“ (Rainar Nitzsche Verlag, Kaiserslautern, 1997).

Werke

• Augen und Steine. Gedichte 1984, Hutters-Verlag, ISBN 3-88877-039-4.
• In hundert Jahren. Gedichte 1984, Hutters-Verlag, ISBN 3-88877-040-8.
• Goldene Zeiten. Theaterstück 1985, Der Karlsruher Bote, ISBN 3-88256-178-5.
• Lauf der Dinge. Gedichte 1987, Hutters-Verlag
• Sprachschatten. Gedichte 1989, Verlag Edition Thaleia, ISBN 3-924944-16-4.
• Lichtpausen. Gedichte 1994, Verlag Günther Dienelt, ISBN 3-88397-153-7.
• Verfrühtes Auslösen des Zeitraffers. Gedichte 1995, Verlag Edition Thaleia, ISBN 3-924944-28-8.
• Sternmut. Gedichte 1996, Röhn-Verlag, ISBN 3-931796-15-9.
• Das Zeitmesser. Kurzprosa 1997, Verlag Rainar Nitzsche, ISBN 3-930304-21-X.
• Photofinish. Gedichte 1997, Verlag Edition Thaleia, ISBN 3-924944-36-9.
• Absolut, Du. Gedichte 1998, Verlag Edition Thaleia, ISBN 3-924944-42-3.
• Der Tote im Park. Roman 1999, Wiesenburg Verlag, ISBN 3-932497-28-7.
• Trainingscenter. Theaterstück 2000, Theaterboerse
• Metallica. Theaterstück 2001, Theaterboerse
• Keine Regeln für Sina. Roman 2001, Betzel Verlag, ISBN 3-932069-82-X.
• Marlies. Roman 2003, Wiesenburg Verlag, ISBN 3-932497-89-9.
• 88 Rätsel zur Unendlichkeit,Lyrik-Grafik-Kunstdruckband. Bilder von Volker Funné.[9] Wiesenburg Verlag, 2004, ISBN 3-937101-35-7.
• Triebwerk. Gedichte 2005, Verlag Edition Thaleia, ISBN 3-924944-69-5.
• Seelenmaschine. Gedichte 2006, Wiesenburg Verlag, ISBN 3-939518-34-4.
• Norman. Roman 2008, Wiesenburg Verlag, ISBN 978-3-939518-94-5.
• Fadenwürde. Gedichte 2009, POP Verlag, ISBN 978-3-937139-67-8.
• Nachtlichter. Gedichte 2010, POP Verlag, ISBN 978-3-937139-87-6.
• Wildwechselzeit -Tagebuch einer Beziehung. Roman 2011, Wiesenburg Verlag, ISBN 978-3-942063-25-8.
• Spiegelschrift. Gedichte 2011, POP Verlag, ISBN 978-3-86356-007-2.
• Schattenpalaver. Gedichte 2012, POP Verlag, ISBN 978-3-86356-032-4.
• Zeitschrunden. Gedichte 2012, edition monrepos, ISBN 978-3-86356-045-4.
• Nachbrenner. Gedichte 2013, edition monrepos, ISBN 978-3-86356-081-2.
• Sonnwend. Gedichte 2014, edition monrepos, ISBN 978-3-86356-092-8.
• Pfeilschrift -Reflexionen über die Liebe. Gedichte und Prosa 2015, Wiesenburg Verlag, ISBN 978-3-95632-284-6.
• Atemecho. Gedichte und Bilder 2016, edition monrepos, ISBN 978-3-86356-110-9.
• Totentango. Gedichte und Bilder 2017, edition monrepos, ISBN 978-3-86356-145-1.
• Strahlensatz. Gedichte 2018, Edition Monrepos, ISBN 978-3-86356-199-4.
(Quelle: Wikipedia)

Taschenbuch: 108 Seiten
ISBN-13: 9783863560324

www.pop-verlag.com

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