Oakes, Terry – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der Weg des urzeitlichen Menschen über die Erde wird in diesem Sachbuch nachgezeichnet. Ganze Kontinente galt es zu betreten, zu erforschen, zu besiedeln. Immer trafen die Neuankömmlinge dabei auf tierische Ureinwohner, die zwar nicht besonders schlau, aber entweder schmackhaft oder wenig erfreut über konkurrierende Nachbarn waren. Auf jeden Fall waren sie groß und mit scharfen Zähnen oder Klauen ausgestattet, was der Geschichte des Homo Sapiens ihre ganz eigene Prägung verlieh. „Menschen gegen Monster“ folgt der komplexen Evolution unserer Vorfahren, die einher geht mit ihrem Siegeszug über den Planeten Erde. Die Kapiteln zeichnen den zeitlichen Ablauf nach.

Kapitel 1: Der Mensch ist nach Ansicht der modernen Forschung in Afrika „entstanden“. Sechs Millionen Jahre ist es her, dass dort durch dichten Urwald ein kleines Tier sprang, aus dem sich später Affen und Menschen entwickelten. Bis es soweit war, mussten beide der heimischen Großfauna ihren Tribut zollen. Nach Ansicht der Forschung war es vor allem die Angst, die unsere Vorfahren über Äonen vor ihren überlegenen (und hungrigen) Gegnern ausstanden, welche einerseits das Hirn zwecks Gegenwehr wachsen ließ, während sich andererseits die Erinnerung an die Schmach, ständig gejagt und gefressen zu werden, genau dort einprägte. Deshalb „wissen“ wir instinktiv noch heute, dass um einen Löwen lieber einen Bogen zu schlagen ist, während sich dieser daran „erinnert“, dass sich die leckere Beute von einst erst zu einer Landplage und dann zu einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Ähnlich „denkt“ der Elefant, der (angeblich) nicht vergessen kann, dass sich der zweibeinige Nachbar irgendwann Waffen ausdachte, die es möglich machten, ein viel größeres und stärkeres Tier in einen leckeren Braten zu verwandeln …

Kapitel 2: Vor 60.000 Jahren war es dann soweit: Der Mensch verfügte über das (geistige) Rüstzeug und die Entschlossenheit, über den afrikanischen Tellerrand zu schauen. Wie es aussieht, war es Australien, das man zuerst ansteuerte; Europa lag zwar näher, wurde aber gerade wieder einmal von Eiszeit-Gletschern blockiert. Die Vorfahren der heutigen Aborigines stellten ihre Intelligenz und Entschlossenheit deutlich unter Beweis, denn Australien war damals wie heute ein Inselkontinent, der sich nur per Boot erreichen ließ. Sie erreichten eine Welt, die an einen fernen Planeten erinnerte, denn sie wurden u. a. erwartet von straußengroßen Enten und gelenkbuslangen Waranechsen …

Kapitel 3: Vor 35.000 Jahren war es dann soweit – das Eis über Europa zog sich zwar nicht zurück, aber es konnte den Menschen nicht mehr stoppen. Köpfchen und Kleidung zeichneten Siedler aus, der ganz sicher keine grunzenden Höhlenbewohner waren. Das war nur gut so, da man in der neuen Welt viele unerfreuliche alte Bekannte fand: Vor dem Menschen hatte die afrikanische Großtierwelt Europa als Lebensraum entdeckt. Löwen, Hyänen, Bären, Elefanten, Nashörner – sie waren alle schon da, nur dass sie in der Kälte an Größe, Haaren und Selbstbewusstsein noch zugelegt hatten …

Kapitel 4: Vor 13.000 Jahren ging der Mensch daran, den riesigen amerikanischen Doppelkontinent unter die Lupe zu nehmen. Die größte Landnahme, seit er Afrika verlassen hatte, fand unendlich lange vor Kolumbus statt. Die Monster warteten auch hier schon, aber inzwischen hatte ihr zweibeiniger Kontrahent längst gelernt, solche Kämpfe für sich zu entscheiden; selbst elefantengroße Faultiere und andere bizarre Ungetüme wurden jetzt über kurz oder lang ausgerottet.

Kapitel 5: Blieben noch die letzten weißen Flecken. Die Polynesier übernahmen es, sich den Rest der Erde untertan zu machen. Großinseln wie Madagaskar, Neuseeland oder Hawaii wurden vergleichsweise spät, d. h. manchmal erst vor wenigen Jahrhunderten besiedelt. Da blieb den Menschen wenig Zeit, die vor Ort gefundenen Monster auszurotten. Aber sie hatten sich weit entfernt von den ängstlichen Duckmäusern aus Ur- Afrika, so dass sie die letzten faszinierenden Großtiere der Eiszeit gerade noch umbringen konnten, bevor sich der Naturschutzgedanke manifestierte …

Ein abschließendes Kapitel versucht auszuwerten, was uns im Schnelldurchlauf vorgestellt wurde: Hat die (eiszeitliche) Welt den Menschen oder hat der Mensch die Welt geprägt? Der kaum überraschende Schluss bejaht beides, nur dass sich das Schwergewicht stetig verschob. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto souveräner wusste der Mensch seine Position zu behaupten. Aus der Beute wurde im Laufe von Äonen der Nachbar und schließlich der Herr – ein unduldsamer Herr, der seine Ressourcen allzu oft unbedacht vernichtete, statt sie einzuteilen. Der Kampf „Menschen gegen Monster“ ging daher ausnahmslos mit dem „Sieg“ der Zweibeiner zu Ende. Bis es so weit war, musste freilich viel blutiges Lehrgeld gezahlt werden. Das schärfte den Intellekt, so dass wir Menschen den „Monstern“ viel zu danken haben: Ohne sie wären wir wohl nicht sehr weit gekommen, sondern würden womöglich weiterhin in einem warmen Land von Ast zu Ast springen …

Der Weg des Menschen über die Erde, bevor sie ihm „gehörte“, die einzelnen Stationen fassbar gemacht mit Hilfe der ursprünglichen Bewohner, die ihm das Leben schwer machten, es aber gleichzeitig erst möglich machten: „Menschen gegen Monster“ ist trotzdem ein „Locktitel“, erdacht anscheinend aus dem Gedanken heraus, dass man Naturwissenschaft heutzutage „spannend“ verkaufen muss, um ihr ein nach ständigen Sensationen gierendes Publikum zu gewinnen.

Glücklicherweise ist dies wohl der einzige billige Trick, denn im Buchinneren geht es wesentlich sachlicher zu. Schon im Vorwort relativiert der Verfasser die Bezeichnung „Monster“: Er definiert diese primär als Ausdruck einer Emotion, die unsere Vorfahren empfanden, die sich oftmals hilflos den Löwen, Säbelzahntigern und anderen Raubtieren ausgeliefert sahen. Gleichzeitig waren da die Mammuts, Auerochsen und andere schmackhafte Kreaturen, die sich einfach nicht kampflos in den Kopftopf werfen lassen wollten und erst durch wahre Knochenarbeit dorthin zu zwingen waren.

Vielleicht spricht man deshalb besser von „Großtieren“, die indes auch nicht ständig im Zentrum der Darstellung stehen. Tatsächlich versucht das Autorenteam, seine Leser kurz und knapp mit dem faszinierenden Phänomen der Erdbesiedlung vertraut zu machen. Die stellt sich aber nicht als ständiger Krieg gegen geifernde Ungeheuer dar. Statt dessen lernen wir, den Menschen als zunehmend klügeren und vor allem hartnäckigen Zeitgenossen kennen, der sich seine Nische erst sucht und später erobert.

„Menschen gegen Monster“ stellt uns dabei die erstaunliche Bandbreite der Ausgangssituationen vor. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, die pazifische Inselwelt: Stets mussten eigene Strategien entwickelt werden. Die unglaubliche Herausforderung weiß dieses Buch deutlich zu machen, indem es die unterschiedlichen Welten vorstellt. Die eigentlichen „Monster“ entpuppen sich dabei als extreme Kälte oder Hitze, scheinbar unüberwindliche Bergketten oder Wasserflächen und selbstverständlich zwischenmenschliche Konflikte, die unsere Spezies begleiten, seit es sie gibt.

„Monster“ sehen wir deshalb vergleichsweise selten. Da es sie nicht mehr bzw. nur noch als klägliche Knochenhaufen gibt, wurden sie mit Hilfe modernster Technik digital neu erschaffen. Dabei bediente man sich der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Geologen, Klimatologen, Biologen, Archäologen … Das Spektrum ist enorm, die daraus resultierende Arbeit gewaltig. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Zusammenführung des vorhandenen Wissens summiert sich zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Die darzustellende Zeitspanne ist gewaltig, die Materie komplex. Das führt zu Vereinfachungen, die den Fachmann sicherlich mehrfach die Stirn runzeln lassen. Aber auch der Laie merkt, dass ihm (oder ihr) manchmal Informationen fehlen. „Menschen gegen Monster“ ist vor allem eine Einführung, ein erster Überblick. Allzu simpel und oft sprunghaft rasen die Autoren durch die Zeit. Hier macht sich zudem bemerkbar, dass „Menschen gegen Monster“ das „Nebenprodukt“ einer Fernsehserie ist. Dieses Medium gibt seine Informationen durch Bild und Ton weiter und kann dabei „Tempo machen“, ohne den Zuschauer zu überfordern. Das Buch fordert mehr eigene Denkarbeit. Dies macht mehr Input und eine andere Art der Wissensvermittlung erforderlich. Hier ist „Menschen gegen Monster“ irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben.

Gut aufgewogen wird dieses Manko durch das fabelhafte Abbildungsmaterial. Gestochen scharfe, oft großformatige Farbfotos und sehr anschauliche Karten fesseln das Auge. Viel wurde dabei verständlicherweise aus den TV-Filmen übernommen. Das betrifft vor allem die aufwändigen Digitalbilder längst ausgestorbener Kreaturen. Von Kostenersparnis und „Serienproduktion“ kündet im Amerika-Kapitel auch die 1:1-Übernahme von Bildern aus dem BBC-Band „Wildes Amerika“.

„Menschen gegen Monster“ ist ein Gemeinschaftswerk von Terry Oakes, Amanda Kear, Annie Bates und Kathryn Holmes, ihres Zeichens Naturwissenschaftler bzw. Journalisten, die der Vermittlung von Wissen den Vorzug vor der Forschung gegeben haben. Das ist eine wichtige und auch schwierige Aufgabe: Sie schaffen eine Schnittstelle zwischen der Forschung und dem durchaus interessierten, aber oftmals überforderten Laien. Die vier Autoren – auch verantwortlich für die TV-Miniserie – leisten gute Arbeit, für die sie sich nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern die Urheber der vorgestellten Thesen und Erkenntnisse nennen. „Menschen gegen Monster“ – dies sei hier abschließend noch einmal in Erinnerung gerufen – ist trotz des reißerischen Titels und des leichten Tons ein Schnappschuss der aktuellen Forschung in ihren vielen unterschiedlichen Zweigen, deren Ergebnisse an dieser Stelle zusammengefasst und allgemein verständlich aufbereitet werden.