Orson Scott Card – Play Kosmos. Planetenspiele. Stories aus der Welt von Übermorgen


Planetenspiele: viel Licht und viel Schatten

Nur dem äußeren Anschein nach ist Andrew Wiggin, genannt Ender, ein ganz normaler Junge. Tatsächlich hat man ihn dazu auserwählt, zu einem militärischen Genie zu werden, das die Welt braucht, um einen übermächtigen Feind zu besiegen. Aber Enders Geschichte verläuft anders, als es die Militärs geplant haben. Völlig anders …Dieser Erzählband enthält noch rund ein Dutzend weitere verblüffende Erzählungen wie diese.

Der Autor

Orson Scott Card wurde 1951 in Richland, Washington, geboren. Er erlangte einen legendären Ruf im Science Fiction-Genre, als er mit den ersten beiden Bänden der ENDER-Serie zweimal hintereinander den Hugo- und den Nebula-Award gewann.

Er hat bislang über 50 Romane geschrieben, etliche Kurzgeschichten, ein Dutzend Theaterstücke, ein Musical, hunderte von Hörspielen und mehrere Drehbücher für Videospiele. Sein umfangreiches Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, er selbst kommt des Öfteren zu Conventions in Europa. Und er hat, wie man hört, es geschafft, dass Andreas Eschbachs Roman „Die Haarteppichknüpfer“ im April 2005 in den USA erscheint – im Hardcover.

Er ist Vater von sechs Kindern , von denen eines an Zerebralparese starb. Heute lebt er mit seiner Frau Kristine und seiner jüngsten Tochter in Greensboro, North Carolina. Zwischenzeitlich stand er der „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ (vulgo: Mormonen) nahe, hat sich aber inzwischen von ihr abgewandt. Aber es erklärt, warum er sich mit allen, selbst den obskursten Büchern der Bibel (Neues und Altes Testament sowie die Apokryphen) hervorragend auskennt.

Die Erzählungen

1) Enders Spiel (Ender’s Game, 1977)

Nur dem äußeren Anschein nach ist Andrew ‚Ender‘ Wiggin ein ganz normaler Junge. Er soll zu einem militärischen Genie werden, das die Erde benötigt, um einen fremden, übermächtigen Feind zu besiegen. Der gerade mal elf Jahre alte Ender glaubt, dass er sich und seine Rotte in einer Art Spiel sowie in Simulationen für den Krieg mit den sogenannten Krabblern trainiert.

Keiner hat je zuvor so schnell gelernt, und keiner hat ständig die Regeln gebrochen, um die Gegner unter vielerlei Bedingungen zu besiegen. Ender freundet sich mit „Bohne“ an, einem gerade mal sieben Jahre alten Genie, das die seltsamsten Einfälle hat. Aber auf Bohne kann sich Ender ebenso verlassen wie auf seine Rotte. Er steigt quasi von der Klippschule zur Kommando-Schule auf, stets betreut von einem Leutnant und dessen Befehlshaber. Nun lehrt Ender selbst Kampftaktik.

Doch eines Tages, nach harten Tagen langen Trainings, merkt Ender, dass etwas anders ist: Es gibt Zuschauer, die zur Kommandoschule angereist sind. Und das zweite, was sich geändert hat: Diesmal geht es um eine ganze Welt des Feindes. Aber ist sie echt oder simuliert?

Mein Eindruck

Die Erzählung ist nah an den Figuren, so dass der Leser mit ihnen fühlt. Das gilt natürlich besonders für die Hauptfigur – ein elfjähriger Junge, der zwei schweißtreibende Trainingskämpfe pro Tag bestreiten muss. Kein Wunder, dass er bald völlig fertig ist. Warum Andrew Wiggins so genial als Taktiker ist, wird erst in der Romanfassung begründet, in der Story von 1977 aber noch nicht. Deshalb kommen dem Leser seine Leistungen nicht ganz plausibel vor.

Die Pointe kommt natürlich erst ganz zum Schluss: Alle Kämpfe waren keine Simulationen, sondern echt, wurden also gegen echte Feinde ausgefochten. Wie Enders Sim-Aktionen durch ein Vermittlungssystem in reale Kampfaktionen übersetzt werden, wird in der Story ebenfalls nicht erklärt. Erst die finale Schlacht um die Welt der Feinde, so erfährt Ender, war völlig real. Ender ist entsetzt, denn nun hat er die Auslöschung eines ganzen Volkes auf dem Gewissen. Wie sehr ihn diese Schuld des Xenozids belasten muss, fällt keinem der Vorgesetzten und der Zuschauer auch nur im entferntesten ein. Wie es Ender gelingt, diese Schuld abzutragen, schildern die nachfolgenden Romane.

2) Königsfleisch (Kingsmeat)

Auf der Abbey-Kolonie des Imperiums herrschen seit 22 Jahren Sitten, die den Gesetzen des Imperiums widersprechen. Eines Tages landeten nämlich zwei Aliens und unterjochten die Bevölkerung. Jeden Tag schnappten sie sich einen der Bauern und aßen ihn oder sie. Da erbot sich einer der Bauern, ihnen bei dieser Aufgabe zu helfen. Später kannte man ihn nur noch unter der Bezeichnung „Der Schäfer“.

Jedes Mal, wenn die beiden Alien-Majestäten Appetit auf etwas Menschenfleisch hatten, begab sich der Schäfer hinaus ins Dorf und holte sich das gewünschte Körperteil: einen leckeren Oberschenkel, einen knackigen Hintern. Diesmal wird eine schöne, weibliche Brust bestellt. Er findet eine junge Frau, die ihr Baby im Kleiderschrank versteckt hat. Doch ihn interessieren weder Baby noch Frau, sondern ihre Brüste. Mit seinen Alien-Mitteln betäubt er die junge Frau und holt sich das Gewünschte, indem er die Schnittstellen sofort kauterisiert. Während die Majestäten das Mahl genießen, geht das Baby fortan leer aus: Die Quelle seiner Nahrung wurde fortgenommen.

Als ein Raumschiff des Imperiums landet, werden die Majestäten getötet und entsorgt. Im Körper der Königin werden zuvor tausende von Föten entdeckt – und sofort vernichtet. Die Dörfler sind an ihren zahlreich fehlenden Körperteilen schnell zu erkennen. Dann eröffnet die Mannschaft eine Gerichtsverhandlung, um Recht zu sprechen und gegen jedermann Gerechtigkeit zu üben. Mensch-Maschine-Schnittstellen gewähren direkten Zugang zu den Erinnerungen. Doch welches Urteil mag es wohl für den Schäfer geben?

Mein Eindruck

In nahezu biblischem Tonfall erzählt die Geschichte von einem Judas, der sich als Segen erweist. Der Schäfer bewirkte ja, dass die unterworfenen Kolonisten nicht einer nach dem anderen getötet, sondern lediglich um je einen ihrer Körperteile beraubt wurden, weshalb sie länger überlebten. Über die Gerechtigkeit des Urteils darf allerdings trefflich gestritten werden.

3) Atemübungen (Deep Breathing Exercises)

Dale ist ein Ehemann und Angestellter, der sich leicht ablenken lässt. So fällt ihm beispielsweise auf, dass seine Frau Colly und ihr gemeinsamer Sohn Brian im gleichen Rhythmus ein- und ausatmen. Wenige Stunden später sind beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da fällt ihm der Zusammenhang noch nicht auf. Den stellt er erst her, als er seine Eltern zu Besuch kommen und ihr Flugzeug auf dem Rückflug bei der Landung zerschellt. Auch sie atmeten im Gleichtakt, und nun sind sie tot.

Fortan lauscht Dale stets auf das Unisono-Atmen seiner menschlichen Umgebung. Als dies in einem vollbesetzten Restaurant passiert, rennt er sofort hinaus auf die Straße, ohne zu zahlen. Der Chefkellner folgt ihm, sein Geld verlangend. Da explodiert das Restaurant, und das Haus stürzt zusammen. „Sie wussten es, sie wussten!“ schreit der Maitre. Es gibt eine Gerichtsverhandlung, und Dale wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Allerdings wird er sein Zuhause nie wieder sehen.

Man weist ihn in eine psychiatrische Anstalt ein. Dale gewöhnt sich ein, und das Leben gefällt. Gerade als die TV-Nachrichten eine Sondersendung über einen Raketenabschuss bringen, merkt Dale, dass alle Patienten im Wartesaal im Gleichtakt atmen…

Mein Eindruck

Hierin steckt eine wertvolle, wenn auch bittere Lehre. Im letzten Augenblick seines Lebens fällt Dale auf, was er die ganze Zeit falsch gemacht hat: Er hat zwar die Gabe der Voraussicht gehabt, damit aber nur ein einziges Leben gerettet, nämlich das des Oberkellners im Restaurant. Er hat zwar eine einzigartige Erkenntnis erlangt, aber nichts daraus gemacht. Nun ist der Dritte Weltkrieg ausgebrochen, doch er selbst ist gefangen in einer Anstalt, aus der es kein Entkommen gibt. Er ist zwar geistig gesund, wie sein Therapeut sagt, aber leider ein „Risiko“ für die Allgemeinheit. Jeder Leser muss daraus seinen eigenen Schluss ziehen.

4) Die Zeitspieler (Closing the Timelid)

Gemini, Orion und die anderen feiern eine ausgelassene Party. Hauptattraktion ist das Spiel „Zeitspringen und Sterben“ mit der Zeitklappe…. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, also vor langer, langer Zeit, fährt Rodney Bingley seinen Laster eine kurvenreiche Bergstraße hinunter. Es ist dunkel, und nur die Scheinwerfer erhellen die Straße. Da springt plötzlich ein Junge vor seine Motorhaube, der Körper wird erfasst und knallt in die Windschutzscheibe. Geschickt steigt Rod aus, doch wo eigentlich eine Leiche hätte sein müssen, entdeckt er nur eine Delle auf seinem Kühlergrill. Als nächstes taucht ein nacktes Mädchen auf und tut das gleiche – ohne jede Spur zu hinterlassen. Mit den Nerven am Ende fährt weiter. Es wird nicht der letzte Zwischenfall…

Es klopft an der Tür. Es ist die Polizistin Mercy Manwool von der Zeitpolizei. Die Kanadier von der Zeitpatrouille haben sie um Amtshilfe gebeten. Doch Orion, der Besitzer dieses Hauses, kann ihr belegen, dass er gegen kein Gesetz verstößt: Dieser Fahrer sei eh schon tot, denn er werde gleich in einen Abgrund stürzen. Tja, und die Partygäste amüsieren sich prächtig mit dem Sterben à la 20. Jahrhundert. Doch Gemini bittet Orion, das Zeithologramm „vorwärtszuspulen“ – Rod Bingley verhält sich nicht wie erwartet. Gleich darauf wird Orion verhaftet. Doch das ist nicht das Ende…

Mein Eindruck

Der Autor schreibt in seinem Nachwort über die Ursprünge der Erzählungen und was dann mit ihnen geschah. Mit „Zeitspieler“ wollte er eine Predigt halten, wonach diese Art von Hedonismus – oder Hedonismus allgemein – „eine Art von Selbstvernichtung“ sei. Nun, als Mormone und Theaterregisseur liegen ihm Predigten quasi im Blut. Zum Glück hört sich die Geschichte nicht wie ein Sermon an, sondern hat einen Anfang, eine Mitte und ein recht überraschendes Ende.

5) Meine Lektion in Gen-Ethik (I put my blue genes on)

Eine Expedition von Kolonisten kehrt nach 800 Jahren des Nichtkontakts zur guten alten Erde zurück. Wohlweislich ziehen sie ihre Schutzanzüge an. Man kann ja nie wissen. Die Erde hat sich beträchtlich verändert. Sie scheint vor allem von einer Art Erbsensuppe bedeckt zu sein, in der wer weiß was brodelt. Immerhin: Es gibt noch Amerikaner.

Die Amis leben in einem unterirdischen Stützpunkt, denn sie führen einen biologischen Krieg gegen die verdammten Kommunisten aus Russland: „Lieber tot als rot!“, lautet ihre Devise. Nach einer gewissen Quarantänezeit erhalten die Forscher eine Führung durch die Bunker und Korridore. Was sie vorgetragen bekommen, lässt sie das Schlimmste befürchten. Die Amis haben fortwährend an ihrer eigenen DNS herumgepfuscht, um sie resistent gegen die russischen Seuchen zu machen.

Aber stimmt das, was man ihnen erzählt? Beim Datenabgleich entdecken sie eine Zone im Zentrum der Anlage, die man ihnen vorenthalten hat. Als es einen Alarm wegen einer Explosion gibt, sehen die Forscher die Gelegenheit gekommen, bis zu dieser ominösen Zone vorzudringen. Was sie dort finden, übertrifft ihre schlimmsten Alpträume…

Mein Eindruck

Die zunehmend gruselige, aber durchweg in humorvollem Ton gehaltene Erzählung prangert die Möglichkeiten der DNS-Verschmelzung, die schon anfangs der achtziger Jahren abzusehen war, an und malt die Folgen in schaurigen Farben aus. Kinder etwa werden nicht mehr heterosexuell gezeugt, sondern in Gläsern gezogen, wie einst bei Aldous Huxley in „Brave New World“ (1932). Und was das so aus Flaschen gezogen, hat nichts Menschliches mehr an sich – ist aber biologisch gesehen sehr wehrhaft…

Der psychologische Hintergrund für die Story ist typisch für die Reagan-jahre: Die Sowjetunion ist das „Reich des Bösen“ und verdient es, zerstört zu werden. Folglich sind die hier beschriebenen Amerikaner total paranoid. Man sollte meinen, dieser Geisteszustand wäre mittlerweile überwunden, aber wenn man Donald Trump zuhört, bekommt man daran ernste Zweifel: Er schürt Paranoia, wo und wie er nur kann.

6) Die Erinnyen auf der Toilette im 4. Stock (Eumenides in the 4th floor lavatory)

Der technische Zeichner Howard ist von seiner Frau Alice aus dem Haus geworfen worden. Er hat etwas Schlimmes getan, sieht er ein, etwas Schlimmes mit, ja, mit seiner 14-jährigen Tochter Rhiannon. Er bestraft sich selbst, in dem er ein Zimmer in einem schäbigen Mietblock bezieht. Wenigstens kennt und erkennt ihn hier niemand.

Doch das Versteckspiel gelingt ihm nicht lange. Als er nach einer langen Party in der Firma nach Hause zurückkehrt, kommt er an der Toilette vorüber, die sich auf dem Gang befindet statt in seinem Zimmer. Er erhascht einen Blick auf das Gesicht eines Kindes, das in der Kloschüssel steckt. Statt es wie in New York City üblich zu ignorieren und sich um seinen eigenen Kram zu scheren, bleibt er stehen und geht in die Toilette. Nein, er ist kein Ungeheuer, er kümmert sich.

Er empört sich über den fühllosen Menschen, der das Kind da hineingesteckt hat. Sobald er das Kind aus der Kloschüssel gezogen, drückt er es an sich. Schmerzen! Seine Finger und Zehen sind in Wahrheit Flossen mit Saugnäpfen und stechen ihn, um ihn auszusaugen. Es hängt wie eine Klette an ihm. Es kommt zu einem Kampf, bis es ihm schließlich, sich von dem DING zu befreien.

Doch es bleibt in seinen Gedanken und Träumen. Als er am nächsten Morgen den Vorhang öffnet, ist es wieder da. Nicht von einem Messer zerstückelt, und in Einzelteilen entsorgt, wie er sich erinnert, sondern vollständig, mit Flossen, Saufnäpfen und allem. Und mit boshaften Blick schlägt es seinen Kopf gegen die dünne Scheibe des Fensters, bis das Glas bricht…

Mein Eindruck

Das Wesen ist die Verkörperung einer Erinnye, einer Rachegöttin. Zwar ist sie nur Howards Einbildung, doch Howard hat vieles erlebt und getan, für das er bereuen und büßen möchte. Er ist ein Manipulator von Gefühlen, Menschen, Vorgängen. Dass er seinen Vater angeblich getötet und seinen besten Freund benachteiligt und mit seiner Tochter geschlafen hat – er bereut zutiefst.

Aber erst, als er im Krankenhaus mit Schnittwunden eingeliefert wird. Was wird wohl Alice zu ihm sagen, wenn man ihn bei ihr ablädt? Kann Rhiannon ihrem Daddy vergeben? Und dann sind da noch die Kindwesen, die gierig über seine Bettdecke krabbeln…

Die Erzählungen schildert eindringlich die Gewissensqualen eines Vaters, der mit seiner Tochter geschlafen hat. Doch ist nur der jüngste Anlass zur Buße und seelischen Selbstgeißelung. Immerhin: Selten habe ich so gruselige Rachegöttinnen beschrieben gesehen.

7) Die Götter sind sterblich (Mortal Gods)

William Crane ist schon an die neunzig Jahre alt, und da er nach dem Tod seiner Frau das Gefühl hat, nichts mehr zu verlieren und zu hoffen zu haben, beschließt, die Aliens zu ärgern. Die Aliens sind vor Jahren friedlich auf der Erde gelandet, haben ein paar Kinkerlitzchen verschenkt (aber keinen Überlichtabtrieb) und haben auf der ganzen Welt Gebäude errichtet, die einer Kirche, einer Moschee oder einem Tempel verdächtig ähneln. Wie können sie es bloß wagen?! Aber immer wieder gehen Menschen dort ein und aus, um mit den Fremden zu sprechen. Worüber?

Vom Friedhof neben dem echten Mormonentempel in Salt Lake City geht William in das Gebäude der Fremden, wo er schon erwartet wird. Eine große Amöbe spricht mit ihm durch ihren Stimmübersetzer und setzt sich zu ihm die „Kirchen“-Bank. Ja, man habe ihn beobachtet und erwartet. Er fragt, wieso sie überhaupt hierher, auf die Erde, gekommen seien, über all die Lichtjahre hinweg, über mindestens 500 Jahre lang.

Die Antwort verwundert ihn: „Weil ihr Menschen etwas habt, was uns fehlt: den Tod.“ Na, so was, meint William grantig, aber ob der Tod eine solch tolle Errungenschaft wäre. Er selbst fühlt den Sensenmann jeden Tag um sich herumschleichen. „Ja, aber wirklich“, meint der freundliche Alien und winkt mit einem Scheinfüßchen. „Aufgrund ihrer Sterblichkeit streben die Menschen als einzige bekannte Spezies danach, etwas an ihre Mitwelt und die Nachkommenschaft weiterzugeben, damit man sich an sie erinnert, wenn sie gestorben sind.“ Dinge wie Kunstwerke, Architektur, Literatur, Weisheiten und Erkenntnisse und vieles mehr. „Ihr seid wahre Götter für uns.“

Als William Crane sieben Monate später den Tod nahen spürt, begibt er sich zu den Fremden in ihr Haus. Die merken sofort, was mit ihm los ist und eilen in Scharen herbei, um ihm zu huldigen. Was für eine einzigartige Gelegenheit! Zufrieden haucht William seinen letzten Atemzug aus…

Mein Eindruck

In der Erzählung geht es um (fast) alles, was dem Autor wichtig ist: Weisheit, Erkenntnis, ein Gotteshaus für die religiöse Gemeinschaft, Werte, die aus der menschlichen Bedingtheit (Sterblichkeit usw.) resultieren, Verehrung vielleicht, aber viel Frieden und Weitergabe. Der übliche Rahmen, in dem der Autor dies alles vollzogen sieht, ist sowohl die Familie als liebende Schicksalsgemeinschaft als auch die religiöse Gemeinde als Glaubensgemeinschaft.

Diesmal jedoch dreht er den Spieß humorvoll um und lässt die Menschen von Aliens verehren. Das ist sowohl anrührend als auch klug. Der einzige andere Autor, der mir mit dieser Haltung bekannt ist, ist JRR Tolkien. (OK, vielleicht auch noch sein Kumpel C.S. Lewis.) Für Tolkien waren die ersten Menschen die „Kinder der Sonne“, denn für Elben und Zwerge hatte die neu geschaffene Sonne noch nicht geschienen (nur die Sterne am Himmel und die Diamanten in den Höhlen). Das Geschenk, das der Schöpfer Iluvatar den Menschen zusammen mit dem Sonnenschein machte, war die Sterblichkeit. Sie haben es, wie sicherlich bekannt, auf höchst zweifelhafte Weise verwendet.

8) Quietus (Quietus)

Als der Selfmademan Mark Tapworth in seinem feudalen Büro einen momentanen Blackout erleidet, hält er es für besser, lieber nach Hause zu gehen, als noch bis spät abends zu arbeiten. Seine Angestellten sehen ihn mit Erleichterung früher gehen als sonst. Zu Hause sitzt seine Frau Mary Jo, wie immer mit verweinten Augen. Was mag nur los sein mit ihr, wundert sich Mark, und wo sind die Kinder?

Dass etwas nicht in Ordnung ist, merkt Mark spätestens, als er in seinem Schlafzimmer einen Sarg stehen sieht. Wer zum Teufel würde es wagen, ihm einen Sarg in die Wohnung zu stellen? Als Mary Jo danach fragt, meint sie, der Bischof, der morgen die Beerdigung vornehme, habe es für angebracht gehalten, den Sarg vorsorglich hier aufzubahren. Als er sie nach den Kindern fragt, läuft sie heulend in ihr Zimmer. Da fällt es ihm reumütig ein: Sie haben ja gar keine Kinder, denn nach ihrer Fehlgeburt wurde Mary Jo die Eileiter zugebunden. Unter dem Fehlen der Mutterschaft hat sie immer gelitten.

Am nächsten Morgen weigert sich Mark aufzustehen und ins Büro zu gehen. Er ist zu müde. Mit dem Blick auf den Sarg, kommt ihm dieser irgendwie willkommener vor. Ausruhen, die Augen zu machen, die Dunkelheit ihn umfangen lassen – das wär’s doch. Als er in den Behälter für seine sterbliche Hülle steigt, hört er zum ersten Mal eine Mädchenstimme in seinem Haus: Es ist Amy. Dann kann David nicht weit sein. Mark kann Mary Jo lachen hören, als er die Augen schließt…

Mein Eindruck

Wie schon erwähnt, ist die Familie als Schicksalsgemeinschaft und Zentrum von Identität und Erneuerung eines der zentralen Themen für den Autor. In Marks Familie hängt der Haussegen allerdings schief: keine Kinder. Der Großteil der Geschichte liest sich wie eine unheimliche Gespenstergeschichte, mit Mark als Geist. Doch als die Kinder wirklich auftauchen und sich über den „alten Mann“ wundern, scheint dies nicht mehr die richtige Erklärung zu sein. Was die plausibelste Lösung auf das Rätsel ist, muss jeder Leser selbst entscheiden.

9) Alles nur Spaß, dachten die Affen (The monkeys thought ‚t was all in fun)

Alice wird von ihren Eltern in Biafra einem weißen Reporter und dessen Frau übergeben, damit diese sie retten und nach Amerika bringen. Denn die Eltern leben in Biafra, das gerade von den erobernden Truppen Nigerias unterworfen wird, wobei alle Ibo, also auch Alices Eltern, getötet werden. Alice wächst auf und wird eine intelligente, aufgeweckte Frau. Doch ihre Träume erinnern sie daran, woher sie kommt.

Sie lernt, ein Kurierschiff zum Mars zu fliegen. Da bekommt sie von IBM-ITT den Auftrag, zu einem Riesenasteroiden zu fliegen, der plötzlich in einer Umlaufbahn um die Erde aufgetaucht ist, und ihn zu untersuchen. Zusammen mit ihrem Assi und geliebten, dem Kopiloten Danny, und zwei anderen, Roj und Roz, erkundet sie das schweigende Objekt, das überraschend umfangreich ist. Erst als sich Alice mit einer ganz bestimmten Geschwindigkeit auf die Oberfläche stürzt, gibt diese nach. So gelangt ihr Schiff ins Innere des Himmelskörpers.

Er besteht aus Millionen von Zellen, scheint aber völlig unbewohnt zu sein. Man Milliarden von Siedlern von der überfüllten Erde hierherbringen und so die alte Terra entlasten, den Menschen neue Hoffnung schenken. Sie muss an Biafra denken und ihre Eltern. Sie alleine kann dieses Kunststück nicht vollbringen: Es würde mehr als 500 Jahre dauern. Also braucht sie von einem Oberboss finanzielle Hilfe…

Doch der Himmelskörper, den man allgemein „den Ballon“ nennt, ist keineswegs unbewohnt, wie sie dachte, sondern wird in der innersten Zelle von programmierten Wesen mit einem Schwarmbewusstsein bewohnt. Sie erzählen sich fortwährend Geschichten, die sie davor warnen, was Schlimmes passieren könnte: von den Massen, den Herren und den Schöpfern. Und die Massen haben sie wenige Jahre später im Übermaß „an Bord“…

Mein Eindruck

Der Autor gehörte zu den Mormonen, die als „Heilige der letzten Tage“ verfolgt wurden und sich auf einen Exodus nach Utah begeben mussten. Noch heute ist die Mormonen-Uni nach Brigham Young, einem der Anführer des Trecks, benannt. Um einen Exodus in ein vermeintlich gelobtes Land geht es auch in die Erzählung. Die Vertriebenen (aus Biafra usw.), die unterdrückten Minderheiten, die Entrechteten und Ausgebeuteten – sie alle sollen auf dem Ballon eine zweite Heimat finden. Das klappt ja auch zunächst. Doch nach 100 Jahren kommt die Antwort, die Alice immer gesucht hat: Wer hat uns eigentlich dieses Geschenk zu welchem Zweck gemacht?

Die Moral von der Geschicht: Heimat darf man sich nicht schenken lassen, sondern man muss sie sich erwerben (siehe die Geschichte der USA). Und falls man sie doch als Geschenk annimmt, sollte man genau nachsehen, wo der Haken versteckt ist. Dies ist keine traurige, allenfalls eine tragische Geschichte, mit einer Moral. Aber es gibt Überreste, die weitergegeben werden: vor allem die Millionen Geschichten der Aussiedler werden über die ganze Galaxis verstreut. Das klingt für mich eher nach einem Trostpflaster. Einer der schwächeren Beiträge in diesem Auswahlband.

10) Der Porzellan-Salamander (The Porcelain Salamander)

Einst lebte das Schöne Volk im Schönen Land, weit entfernt von unseren Gefilden. Alle waren einigermaßen zufrieden, nur die kleine Kiren nicht. Denn auf dem elfjährigen Mädchen lag ein Fluch…

Als ihre Mutter im Kindbett gestorben ist, verflucht der trauernde Vater das Kind: „Mögest du immer schwach sein, bis du jemanden findest, bis du jemanden verlierst, denn du so liebst, wie ich deine Mutter geliebt habe.“ Die Umstehenden erbleichen ob dieses Fluches, der sich dann auch bald erfüllt. Denn im Schönen Land wirkt die Magie wirklich.

Der Vater bereut seine Wut und den Fluch schon bald, als er sieht, wie sein einziges Kind so schwach wie ein Kätzchen aufwächst. Immer versucht er, Kiren eine Freude zu machen, damit die Hoffnungslosigkeit in ihrem Blick verschwindet. Eines Tages kehrt er von seinen Handwerkerreisen mit einem Porzellansalamander zurück. Es ist ein magischer Salamander, denn der Magier Irvass hat ihn erschaffen. Und weil er ständig herumwuselt und Kiren so viel Freude an ihm hat, beginnt sie zu erstarken und schließlich mit ihm in den Wald wandern. Was keiner weiß (außer Irvass natürlich): Der Salamander kann sprechen. Und so wird er allmählich zu Kirens bestem Freund. Als er sie vor dem Biss einer giftigen Spinne bewahrt, ahnt sie, dass er sie liebt. Das gibt er allerdings nie zu.

Unterdessen ist Irvass gekommen, damit der Fluch sich auf eine Weise erfüllt, der Kiren erlöst. Deren Vater schaut hilflos zu, wie sich um Kiren und ihren lieben Salamander eine Mauer bildet…

Mein Eindruck

Der Autor hat dieses Märchen für seine Frau als Gute-Nacht-Geschichte erfunden. Das schreibt er in seinem Nachwort. Der märchenhafte Ton kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um eine sehr ernste Sache geht: Liebe und die Opfer, die sie fordert. Schon früh müssen erst Kirens Vater und schließlich sie selbst lernen, was es bedeutet, lieben zu können und diese Liebe zu verlieren.

11) Solo-Sonate (Unaccompanied sonata)

Christian Haroldson wächst im perfekten Staat auf. Schon im zarten Alter von sechs Monaten stellen die Ärzte an ihm ein musikalisches Hörvermögen fest, und mit zwei Jahren ist er soweit, dass er in einer Hütte im Wald sich selbst überlassen werden kann: Das Wunderkind soll mit seinem Allround-Instrument die Geräusche der Natur zum Anlass nehmen, eigene Stücke zu komponieren. Er ist ein Macher, während alle anderen entweder Wächter oder Untergebene sind. Er ist also privilegiert – unter einer Bedingung: Er darf sich nicht von anderen Machern beeinflussen lassen.

Genau das passiert. Als er von einem hartnäckigen Zuhörer wider besseres Wissen eine Aufnahme von einem Typen namens Bach bekommt, hört er nur noch diese. Fortan meiden seine eigenen Kompositionen Choräle und Fugen – und das wird bemerkt. Die Strafe ist hart: Er geht aller Privilegien verlustig und wird LKW-Fahrer für eine Bäckerei. Doch es dauert nur wenige Monate, bis er in Joes Grillbar an einem alten, verstimmten Klavier zu hören ist. Seine Anhängerschaft findet seine Lieder schräg, aber traurig und irgendwie schön. Als dem Wächter dies zu Ohren kommt, verliert Christian seine Finger.

An der nächsten Station seines Leidenswegs komponiert er Lieder, die er in einem Trupp Straßenarbeiter erfindet und die sich in Windeseile über das ganze Land verbreiten. Als dies sein Wächter zu hören bekommt, fällt die Strafe aber ganz anders aus, als Chris erwartet hat…

Mein Eindruck

Der Autor kam auf die Idee zu dieser schönen Erzählung, als er sich fragte, was er täte, wenn man von ihm verlangen würde, das Schreiben aufzugeben. Sein Alter Ego Christian durchläuft eine Leidensgeschichte, doch er gibt seine einzigartige Gabe nicht auf und verändert so seine Mitmenschen.

Die denken zwar, sie seien glücklich, wie der Staat es verlangt, doch merken sie auch, dass die Traurigkeit von Christians Lieder ebenso glücklich machen kann. Seltsame Sache, finden die Wächter, das muss aufhören. Das Ende vom Lied: Sie machen Christian zu einem der Ihren. Ob das wohl ein kluger Schachzug war?

Die Übersetzung

Ich habe zahllose Druckfehler gefunden und es wäre sinnlos, sie aufzulisten. Was aber bemerkenswerter ist: Der Übersetzer schreibt immer „Billionen“, wenn eigentlich Milliarden gemeint sind (S. 184, 231, 242) und „Trillionen“, wenn Billionen gemeint sind. Das ist ein Anfängerfehler.

Das Gedicht „Menschen aus Blech“ am Anfang des Buches heißt im Original „Tin Men“. Damit bezieht sich der Autor auf den Blechmann im „Wizard of Oz“, der nach einem Herzen für sich sucht. Das dürfte wohl ein Wink des Autors mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl sein.

Unterm Strich

Einige dieser Erzählungen vom Ende der siebziger und dem Anfang der achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstehen zu fesseln „Enders Spiel“), viele anzurühren und ein paar sogar zu erheitern („Gen-Ethik“). Die Darstellungen, Motive und Themen erscheinen heute mitunter putzig, naiv oder gar peinlich, manche aber, wie etwa Alter und Tod, rühren heute noch an.

Vielfach zeigen sich die eigentümlichen Vorlieben des Autors, so etwa für Familie, Liebe, Glaube, Exodus, Gerechtigkeit und nicht zuletzt Kunst. „Solo-Sonate“ beschäftigt sich mit dem Wert, den ein Künstler zu seiner Gesellschaft bzw. Gemeinschaft beitragen kann, ähnlich wie es Ender für seine attackierte Welt tut.

Aber manche Geschichten wie etwa „Alles nur Spaß“ (dessen Titel mir nie erschlossen hat) und „Königsfleisch“ scheitern an ihrem eigenen Anspruch. Sicher, es geht um Gerechtigkeit und neue Hoffnung nach schweren Leiden, aber was dann geboten wird, ist zuviel des Guten. Vieles hängt davon ab, wie eine Geschichte erzählt wird. Der Autor ist ein hervorragender Geschichtenerzähler, wenn er gut ist, aber peinlich und nervend, wenn ihm eine Geschichte nicht gelingt. Nun, wo viel Licht ist, muss es auch viel Schatten geben.

Sehr nützlich fand ich das Vorwort von Ben Bova, der Card praktisch groß herausbrachte, und das Nachwort vom Autor selbst, der die Ursprünge seiner Geschichte erläutert.

Für die unzähligen Druckfehler und den Verständnisfehler (Billionen) gibt es Punktabzug.

Taschenbuch: 316 Seiten
Originaltitel: Unaccompanied sonata and other stories, 1981
Aus dem US-Englischen von R. W. Liersch
www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)