Walther, Christian C. – zensierte Tag, Der

Pünktlich zum dritten Jahrestag des Anschlags auf die Twin-Towers des WTC veröffentlicht der |Heyne|-Verlag das Buch „Der zensierte Tag“ von Christian C. Walther. Der Titel lässt es bereits vermuten, dass dieser von der offiziellen Darstellungsweise augenscheinlich nicht viel hält. Kritische Betrachtungsweisen zum 11. September 2001 gibt es mittlerweile zuhauf. Die meisten davon werden als Spinnerei von unter Paranoia leidenden Verschwörungstheoretikern geschmäht. Gelesen und diskutiert werden sie dennoch gern – wenn auch manchmal hinter vorgehaltener Hand. Fest steht: Die Vorgänge des denkwürdigen Tages sind noch nicht hinreichend erklärt, zu viele Lücken und Fragen tun sich weiterhin auf, daher ist der Untertitel „Wie man Menschen, Medien und Maschinen manipuliert“ recht passend gewählt.

_Corpus Delicti_

Wohl kaum eine Publikation zu explizit diesem Thema kommt ohne zumindest eine grobe Beschreibung der politischen Szene Amerikas und die mannigfaltigen Verquickungen mit der amerikanischen Wirtschaft aus. So natürlich auch hier. Die ersten Seiten rufen ein leicht prickelndes Déjà-vu auf der Haut hervor, oder anders ausgedrückt: Just another von Bülow. Wirklich? Nicht ganz. Allein schon stilistisch unterscheiden sich die beiden, auch wenn sich die dargebotenen Zusammenhänge auf den ersten Blick gleichen. Logisch. Der zweifelhafte Background und die dubiosen Verbindungen von „Dubya“ und Konsorten sind mittlerweile hinreichend (auch von so genannten „seriösen“ Quellen) belegt. Auf das in letzter Zeit immer mehr in Mode kommende „Bush-Bashing“ verzichtet Walther jedoch und reitet nicht gierig auf jedem noch so kleinen Fehltritt des weltweit in Ungnade gefallenen Präsis rum. Auch Antiamerikanismus weist er von sich.

Im Folgenden entfernt und distanziert er sich auch noch von den derzeitig gängigen Konspirationsaposteln. Scheinbar. Der lockere Schreibstil, gewürzt mit Wortwitz und gelegentlichen Zynismuseinlagen, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass er sich Elemente ihrer Verschwörungstheorien durchaus in Teilen zu Eigen macht, sie jedoch leicht variiert. Immerhin nimmt seine – wie er selbst schreibt – spekulative Rekonstruktion nur knappe drei Seiten in Anspruch. Wobei er sich trotzdem auf die Kernsätze einiger alteingesessener Konspirationspäpste stützt, also ferngesteuerte Flugzeuge, die zudem nicht diejenigen sind, die offiziell in die Türme bzw. ins Pentagon gerauscht sind etc. Klar, dass auch das (angeblich physikalische unmögliche) Zusammensacken der Twin-Towers und des ominösen Gebäudes WTC 7 thematisiert wird. Von dort aus soll die Fernsteuerung vorgenommen worden sein.

Als Beweis dafür, dass die Flugzeuge gar nicht diejenigen waren, in denen die vermeintlichen Attentäter eincheckten, sondern speziell umgebaute Militärmaschinen, dienen in der Hauptsache Fluglotsen-Protokolle über die Flugrouten der Attentatsmaschinen und der aufgestiegenen Abfangjäger. Ein sehr unscharfes Foto kurz vor dem Einschlag soll untermauern, dass dieses kein ziviles Passagierflugzeug ist. Gerade Letzteres ist aber wirklich so unscharf, dass man sich an UFO-Sichtungen erinnert fühlt. Besonders stichhaltig ist dieses Bild als Beweismittel so ohne weiteres nicht. Oft genug haben sich solche Aufnahmen als Fake herausgestellt. Aus gutem Grund werden – zumindest vor deutschen Gerichten – Bilddokumente nur in absoluten Ausnahmefällen als Beweismittel zugelassen. Das Bild ist hinlänglich bekannt, gilt als authentisch, ist aber dennoch oft kontrovers diskutiert worden. Wer weiß schon, ob es nicht doch (von wem auch immer) manipuliert und in Umlauf gebracht wurde?

Wo andere Autoren die Anwesenheit der 19 mutmaßlichen Attentäter (und zum Teil sogar die Existenz der Al-Qaida als solches) komplett verneinen und sich in allerwüsteste Thesen verstricken, bezweifelt Walther deren Teilnahme an der Aktion nicht – wohl aber deren Kenntnis der Ereignisse, die da auf sie zukommen sollten. Sehr befremdlich ist in der Tat das Auffinden von persönlichen Gegenständen und anderen Indizien, die so deutlich auf Al-Qaida hinweisen. Wo doch alles andere an persönlichen Gegenständen (und sogar die Leichen) der restlichen Passagiere an Bord angeblich vollkommen vernichtet wurde. Insofern riecht das Ganze schon danach, als sollte hier absichtlich eine Spur gelegt werden, um den Verdacht gegen die fraglichen Terroristen zu erhärten.

Also doch eine groß angelegte Verschwörung aus dem Inneren? Seiner Meinung nach eher eine in kleinem, überschaubarem, erlauchtem Kreis von Drahtziehern, die aus den Anschlägen ihren Nutzen ziehen und somit ein Motiv haben. Das unterstellte Motiv? Handfeste wirtschaftliche und geo- bzw. auch innenpolitische Interessen, getarnt unter dem Deckmäntelchen der Bekämpfung islamistischer Terrorzellen. Dieser Vorwurf ist weder neu noch von der Hand zu weisen. Stichhaltig nachweisen lässt er sich indes nicht – jedenfalls nicht nach der derzeitigen Informationslage. Es bleibt Vermutung, wenn auch einiges dafür spricht.

Eine globale Konspiration würde jedoch alleine an der menschlichen Natur scheitern, denn je mehr potenzielle Mitwisser vorhanden sind, desto schwieriger ist es dichtzuhalten. Von der schier unlösbaren Aufgabe, so viele Verschwörer zu koordinieren, einmal ganz zu schweigen. Zu komplex, um durchführbar oder gar glaubhaft zu sein. So weit seine Zusammenfassung. Schon recht, da ist was Wahres dran, doch auch sein Szenario erfordert eine schier unüberschaubare Logistik und macht es aus den gleichen Gründen ebenso unwahrscheinlich. Die angebotenen Quellen im Netz sind verifizierbar, doch ist es ein Leichtes, sich aus der Fülle von Informationen eine Hypothese zusammenzustricken, die zu den Fakten passt – hundert Prozent wasserdicht sieht anders aus.

Gegen eine Verstrickung des kompletten Regierungsapparats, Geheimdienstes, Militärs, FAA und FBI spricht die Tatsache, dass die Behörden teilweise gegeneinander arbeiten und zu widersprüchlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen/Ergebnissen kommen – ja geradezu ein Konkurrenzkampf zwischen den Instanzen tobt. Eine übergeordnete, offizielle Aufklärungskommission wurde nur widerwillig und unter Druck eingesetzt, der sind jedoch weitgehend die Hände gebunden und sie hat nur Zugriff auf Protokolle und Aussagen, die auch wir Normalsterbliche entweder über die Presse oder das Internet einsehen können. Eine Menge aufschlussreicher Akten liegen aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen unter Verschluss. Kein Ruhmesblatt, fürwahr. Wenn schon keine Verschwörung zugrunde liegen mag, dann muss man aber den amerikanischen Behörden zumindest Dilettantismus und aktives Werfen von Nebelkerzen bei der Aufklärung vorwerfen.

Ein weiterer Hauptanklagepunkt sind weniger die augenscheinlichen Versäumnisse der amerikanischen Regierung, sondern die Art der Berichterstattung und somit das, was wissentlich oder unwissentlich dank der Massenmedien in den Köpfen der Menschen verankert wird. Ständige Wiederholungen von Falschinformationen machen sie zwar keinen Deut richtiger, doch werden sie gemeinhin als die „Wahrheit“ akzeptiert. Ein altbekanntes Phänomen, nicht nur in diesem Fall. Auch wenn später berechtigte Zweifel auftauchen oder gewisse Dinge nachweislich einfach unter den Teppich gekehrt wurden. Vieles von dem, woran sich offiziell als Erklärung geklammert wird, erweist sich auf den zweiten Blick als physikalisch oder logisch schwer erklär- und manches gar als nicht haltbar.

Es kriegen nicht nur die Boulevardpresse à la |Springer| & Co. ihr Fett weg, sondern Walther prügelt vorzugsweise auf das Nachrichtenmagazin |Der Spiegel| ein. Womit wir beim abschließenden Thema Medienschelte angelangt wären. Doch nicht nur Print- und TV-Medien sollen sich an die Nase fassen, sondern auch gerade wir Konsumenten, die wir danach verlangen, nur leicht verdauliche und verständliche Kost vorgesetzt zu bekommen. Die Kritik an unserer auf Kommerz und Manipulation ausgerichteten Medienwelt (und damit uns selbst) ist nicht unberechtigt und das Plädoyer, den eigenen Verstand öfter zu gebrauchen und nicht alles unbesehen zu schlucken, ehrenrührig. Allerdings dürfte die Zielgruppe dieses Appells nicht zur Leserschaft solcher Bücher gehören, weswegen er ungehört verhallen wird.

_Fazit_

Indem es gekonnt polemisiert und überzogen formuliert, lässt sich das 400-Seiten-Werk locker-flockig lesen. Auffällig jedoch ist, dass der beißende Rhetorikhammer immer dann verstärkt ausgepackt wird, wenn die Luft für die unglaublich klingenden Komplott-Hypothesen merklich dünner wird. Dabei sind einige Gedankengänge gar nicht mal so abwegig und bedürften dieses Tunings eigentlich nicht, eine sachliche Schilderung der oft fragwürdigen Umstände und Zusammenhänge des 9/11 wäre der Sache meiner Ansicht nach dienlicher gewesen.

Das Buch wird die Fronten von Konspirologen und deren Gegnern nicht aufweichen und die Gemüter wieder mal erhitzen. Die zugrunde liegenden Quellen sind verifizierbar, bieten Stoff zum eigenen Nachdenken, präsentieren aber auch nur einen Ausschnitt der Gesamtbilds. Um definitiv zu sagen: „So (und nicht anders) war es!“, reichen die Indizien indes bei weitem nicht aus. Summa summarum muss sich jeder doch wieder aus den zugänglichen Versatzstücken ein eigenes Bild zusammenschustern – auch aus den hier so gescholtenen Massenmedien. Werden wir je die ganze Wahrheit erfahren? Zu hoffen bleibt es …

Alexander, Lloyd – Taran – Der schwarze Kessel

Dies ist der zweite Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das magische „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Doch die friedliche Zeit, die auf das Ende seines ersten Abenteuers folgt, hat jäh ein Ende, als sich verschiedene hohe Herrschaften auf dem Gehöft von Dallben und Taran einfinden. Fürst Gwydion hat eine Ratsversammlung einberufen. Der Feldherr von Hochkönig Math fordert die anderen Fürsten auf, auf eine gefährliche Mission ins Reich Annuvin des Todesfürsten Arawn zu ziehen. Solange Arawn mit Hilfe des magischen schwarzen Kessels weiterhin Zombiekrieger erzeugen könne, werde Prydain nicht sicher sein vor seinem Angriff. Und in letzter Zeit sei Arawn dazu übergegangen, nicht nur Tote zu Kesselkriegern zu machen, sondern auch Lebende.

Auf dem Feldzug gerät Taran ständig mit dem hochmütigen Prinzen Ellidyr aneinander, der es wirklich auf den „Schweinejungen“ abgesehen hat. Und auch um den Feldzug ist es nicht gut bestellt, denn als Doli, der Zwerg, der sich unsichtbar machen kann, vom Dunklen Tor, dem Eingang zu Annuvis, zurückkehrt, erzählt er, dass der schwarze Kessel gar nicht dort sei, wo man ihn erwartet habe. Er ist weg!

Doch ein weiterer Zwerg namens Gwystyl beziehungsweise dessen Rabe Kaw wissen, wo der Kessel jetzt ist: in den Marschen von Morva. Und wer wohnt dort? Drei alte Weiber namens Orddur, Orgoch und Orwen, die über Zauberkräfte verfügen. Tarans Gefährten und er selbst entgehen nur dem traurigen Schicksal, gefressen oder als Kröten zertreten zu werden, da Taran erwähnt, dass er in der Obhut des Zauberers Dallben lebt. Die drei Hexen erinnern sich sehr gut an das Knäblein Dallben: Sie haben es selbst aufgezogen.

Zwar entdecken die Gefährten den schwarzen Kessel tatsächlich auf dem Grund und Boden der Hexen, doch das nützt ihnen gar nichts. Sie bekommen ihn nur gegen einen hohen Kaufpreis: Taran muss die Spange des Wissens hergeben, die ihm der Barde Adaon, der Sohn des Oberbarden Taliesin, in Verwahrung gegeben hatte.

Doch das ist noch gar nichts gegen den Preis, den der schwarze Kessel für seine Zerstörung fordert: Ein lebendiger Mensch muss freiwillig in den Kessel springen, dieser werde daraufhin zerbersten. Tatsächlich: Hämmer und Stangen richten gegen das magische Monstrum nichts aus, und so müssen ihn die Gefährten durch die Lande zu Fürst Gwydion schleppen, denn der werde schon Rat wissen.

Allerdings haben sie die Rechnung ohne den Ehrgeiz des Prinzen Ellidyr gemacht.

_Mein Eindruck_

Das Buch lässt sich ohne weiteres in nur fünf Stunden lesen, und doch hat der Leser das Gefühl, eine ausgewachsene, tiefgehende Geschichte erfahren zu haben. Das liegt daran, dass es hier nicht mehr darum geht, Wissen und Gefährten zu erwerben, um schließlich damit den eindeutig erkennbaren Gegner von der Gegenseite zu überwinden.

Diesmal sind die Gegner in den eigenen Reihen zu finden: falscher Ehrgeiz und mehrfacher Verrat vereiteln um ein Haar den Erfolg der Guten, die auf der Seite von Recht und Gesetz stehen; Fürst Arawn tritt überhaupt nicht in Erscheinung, allenfalls seine Häscher, die Kesselkrieger. Und so müssen schon bald die Besten dafür büßen, unter ihnen der kluge, seherisch begabte Adaon. Und obwohl er die nahe Zukunft kennt, überlässt er Taran die Entscheidung, wie man weitermachen will: zurück zu Fürst Gwydion oder doch in die Marschen von Morva?

Dieses Taran-Abenteuer ist sowohl sehr spannend als auch anrührend. Das Fazit, das Gwydion und Taran am Schluss ziehen, ist relativ niederschmetternd: Dies ist also die Welt eines Mannes, eine Welt aus Verrat, Blut, Niedertracht und falschem Ehrgeiz. Kann dies alles sein? Nicht wenn man dem Pfad der Ehre und der Wahrheit und der Liebe folgt.

Doch Liebe hat Taran noch nicht kennengelernt, allenfalls indirekt durch Adaon. Der war nämlich mit Prinzessin Arian Llyn verlobt, und das Unterpfand ihrer Liebe war eben jene Spange, die Taran für den Zauberkessel hergeben musste.

So erwirbt ein Symbol der Liebe ein Werk des Bösen, um dieses der Vernichtung zuführen zu können. Nur ein weiteres Opfer kann die Vernichtung vollbringen. Doch die Wahl des Freiwilligen fällt ganz anders aus als erwartet.

_Unterm Strich_

„Der schwarze Kessel“ ist ein spanenndes Abenteuer, das bereits mehrere unerwartete Wendungen in Tarans Entwicklung enthält und den Helden reifen lässt. Wir wissen immer noch nicht, wer er in Wahrheit ist: ein Findling, aufgezogen von einem anderen Findling, nämlich Dallben. Angesichts der Weisheit und Gerissenheit des Erzählers ist nun mit allem zu rechnen, wenn es in die nächsten drei Abenteuer geht (siehe oben).

Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Gefährliche Suche (Die Spiderwick-Geheimnisse 2)

Die Spiderwick-Saga wird fortgesetzt: Drei junge New Yorker sind mit ihrer Mutter in einem uralten Haus gelandet, indem es offenbar nicht mit rechten Dingen zugeht. Und wenn Jared das Handbuch über Fabelwesen nicht so besitzergreifend behalten hätte, wären auch nicht die Kobolde gekommen und hätten Simons Katze entführt …

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der American Library Association als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

_Handlung_

Im ersten Band der Spiderwick-Saga geschah Folgendes: Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick.

In der verborgenen Bibliothek findet Jared ein Rätsel und woanders das Buch selbst: „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“. Das Wichtelmännchen Thimbletack hat Jared gewarnt, das Buch loszuwerden, doch der wollte nicht hören. Nun muss er die Folgen tragen.

Auf der Suche nach seinem verschwundenen Kater Tibbs ist Simon, Jareds Bruder, an den Rand des Gartens geraten. Jared sieht gerade noch, wie Simon mit den Armen fuchtelt, als kämpfe er mit etwas Unsichtbarem. Dann ist sein Bruder verschwunden. Was tun?

Von Thimbletack besorgt sich Jared einen sehenden Stein, den er in ein altes Monokel einsetzt. Jetzt vermag er die „fantastische Welt um sich herum“ wahrzunehmen. Doch da Jared nicht sehr freundlich zu dem Wichtelmännchen war, ist Thimbletack sauer – so muss Jared mit Mallory alleine losziehen.

Leichter gesagt als getan, denn als erstes werden sie von eine Horde Kobolde angegriffen, die sie nur mit Mallorys Florett vertreiben können. Die Kobolde wollten das Handbuch. Als sie ihnen in den düsteren Wald folgen, stoßen sie auf einen gefährlichen Troll, das Versteck der Kobolde und einen zwielichtigen Helfer. Nun muss Jared zeigen, ob er seinen Bruder vor dem Gefressenwerden retten kann.

_Mein Eindruck_

Nachdem im ersten Band der Spiderwick-Saga der Schauplatz innerhalb des Hauses erkundet und eine erste Freundschaft geschlossen wurde, ist es nun an der Zeit, die nächste Umgebung zu erforschen. Dabei spielt die richtige Wahrnehmung eine entscheidende Rolle, um in der Fabelwelt bestehen zu können. Nicht umsonst heißt dieses Abenteuer im Original „The seeing stone“. Dabei handelt sich um eine magische Sehlinse aus Stein, die Jared vom Wichtel Thimbletack erhält.

Zack, schon erweitert sich der Horizont. Leider nicht immer zu Jareds Vergnügen. Er nimmt nun auch die Gefahren des nahen Waldes wahr. Die Kobolde, die bei ihm aufmarschieren, sind nicht die fröhlichsten Gesellen, die man sich vorstellen kann: Sie haben seinen Bruder Simon als Hauptgang bei einem Lagerfeuergelage ausersehen. Und Simons Katze war die Vorspeise …

Wie man sieht, geht es nun ans Eingemachte, denn mit den bislang recht witzigen Elfen im Spiderwick-Haus ist nun Schluss. Die Welt da draußen hält Wunder ebenso bereit wie Schrecken. Zum Beispiel einen ausgewachsenen Greif, den sich die Kobolde schnappen wollen. Aber mehr darf nicht verraten werden.

Die Botschaft hier ist klar, Herr Kommissar: Nur zusammen sind wir stark! Und so ist Jared, der unzufriedene Eigenbrötler, wieder einmal auf fremde Hilfe angewiesen, will er seinen Bruder retten. Er braucht seine ältere Schwester, einen Grünen Kobold (Merke: Nicht alle Kobolde wurden gleich geschaffen!) und jede Menge Grips. Eine wichtige Lektion für alle jungen und jung gebliebenen Leser, auf unterhaltsame Weise vermittelt.

|Gestaltung|

Wieder sind die Illustrationen von Tony DiTerlizzi sehr gelungen, jedenfalls mit Ausnahme des Greifs. Im Text hat das Fabelwesen einen Falkenschnabel, doch auf den Bildern scheint ihm ein gewöhnlicher Gockel vom Misthaufen das Fresswerkzeug vererbt zu haben. Der Text, den Holly Black beigesteuert hat, ist nun auf das Notwendigste verdichtet. Manchmal sogar so sehr, dass sich der Leser wünscht, es ginge ein wenig ausführlicher, denn die gute Mallory ist beileibe nicht oft genug „im Bild“, um eine glaubwürdige Mitspielerin abzugeben. Die ganze Action ist auf Jared zugeschnitten, und das finde ich ein wenig unfair.

Die äußere Gestaltung des Buches ist wieder mal vom Feinsten, aber das habe ich ja schon beim ersten Band geschrieben. Daher brauche ich nicht nochmals alle Details zu wiederholen. Bitte um Vergebung. Der günstige Preis von knapp acht Euro erstaunt mich daher immer wieder – im positiven Sinne.

_Unterm Strich_

Der zweite Band der Spiderwick-Geheimnisse enthüllt uns die nähere Umgebung des von Fabelwesen bewohnten Anwesens. Diesmal sind die Zeitgenossen von Jared & Co. aber weniger friedlich, und spezielle Methoden der Wahrnehmung und des Teamworks sind zu entwickeln.

Die gediegene Gestaltung des Buches, der kurzweilige, groß gedruckte Text und ganz besonders die schönen Zeichnungen tragen zur puren Lesefreude bei. Am Schluss gibt es, wie schon in Band 1, wieder einen Teaser …

|Hinweis: mehr Fabelwesen next time!|

Im nächsten Band treten ein Waldelf auf sowie ein Phooka. Ein Phooka ist ein schwarzes Pferd, das der irischen Sage nach denjenigen in die Irre führt, der ihm blindlings folgt. Na, und wie ein Waldelf aussieht, kann man sich ja (fast) denken – jedenfalls nicht wie Orlando Bloom!

http://www.spiderwick.de

H. P. Lovecraft – Schatten über Innsmouth

Ein junger Mann reist in eine einsame Hafenstadt, die von Teufelsanbetern bewohnt wird. Die angeblichen Nachtmahre entpuppen sich als überaus handfeste und gar nicht übernatürliche Zeitgenossen … – Dieser (Kurz-) Roman von H. P. Lovecraft (1890-1937) ist ein Kernstück des Cthulhu-Mythos’, der die Erde als Spielball übel wollender kosmischer Mächte sieht. Er bietet eher atmosphärische als handlungsbetonte Phantastik, wirkt aber in diesem Rahmen wahrlich unheimlich und ist von beinahe dokumentarischer Überzeugungskraft.
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Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Ein neuer Stern leuchtet am Himmel der Cyberpunk-Literatur: Richard Morgan synthetisiert in seinem Debüt-Roman den guten alten Cyberpunk im Stile William Gibsons mit einer Detektivgeschichte, die aus der Feder Raymond Chandlers stammen könnte, zu einem exzellenten Cyberkrimi. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) wurde mit dem |Phillip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Im 26sten Jahrhundert – die Menschheit hat sich über die Galaxien ausgebreitet und ferne Planeten kolonialisiert – hat die Wissenschaft erreicht, was Religionen nur in Aussicht stellen konnten: |das ewige Leben|.

Die Informationstechnik ist an ihrem Höhepunkt angelangt – sie ist in der Lage, das menschliche Bewusstsein in einer Datenbank zu speichern und zu jeder Zeit in einen beliebigen Körper – |Sleeve| genannt – herunterzuladen. Ein |kortikaler Stack|, der im Nacken platziert und an das zentrale Nervensystem angeschlossen ist, fungiert dabei als Speichermedium. Mit dieser Technologie ist der Tod nicht mehr als ein düsterer Schatten vergangener Epochen. Oder doch?
Solange der |kortikale Stack| im Todesfall intakt bleibt, kann jedes Bewusstsein wieder in die Datenbank geladen und zu einem späteren Zeitpunkt |resleevt| werden. Wird der Stack jedoch beschädigt oder gar zerstört, so tritt der |Reale Tod| ein und die Existenz der betreffenden Person ist unwiderruflich beendet. Nur die wenigsten Menschen – jene, welche über das nötige Kleingeld und das entsprechende Maß an Macht verfügen – können sich eine permanente externe Speicherung in einer privaten Datenbank leisten. Sie sind die |Meths| – die Methusalem – deren subjektives Leben Jahrhunderte währt. Je nachdem, in welchen Abständen ein |Meth| sein Bewusstsein extern speichert, verliert er bei einem realen Todesfall nur einige wenige Tage seiner Erinnerungen …

Hier beginnt unsere Geschichte. Laurens Bancroft, ein Meth, dessen subjektives Leben bereits dreieinhalb Jahrhunderte andauert, wird tot in seiner Villa aufgefunden – neben ihm liegt seine eigene Waffe. Sein Kopf und mit diesem der kortikale Stack sind völlig zerstört. Die Abteilung für |organische Defekte| der Polizei von Bay City ermittelt jedoch nur oberflächlich und legt den Fall nach kürzester Zeit zu den Akten – Selbstmord.
Für Bancroft, der umgehend resleevt wird, scheint dieser Tatbestand unvorstellbar, weiß er doch um seine externe Speicherung – doch die einzige Person, die außer ihm Zugang zu seinen Waffen hatte, ist die Frau, mit der er seit hundertfünfzig Jahren verheiratet ist. In der festen Überzeugung, dass weder seine Frau noch er selbst diese Tat begangen haben, heuert er den Privatdetektiv Takeshi Kovacs an, um die Arbeit der Polizei zu einen befriedigenden Ende zu bringen und den wahren Täter zu ermitteln. Genauer gesagt holt Bancroft ihn dank seiner ausgezeichneten Beziehungen aus der Einlagerung in Kanagawa, hundertsechsundachtzig Lichtjahre von der Erde entfernt, wo Kovacs, dessen letzter Auftrag mit seinem Ableben endete, in der Einlagerung verweilt und eine weit über hundertjährige Strafe verbüßt. Der Vertrag läuft zunächst auf wenige Wochen, beinhaltet jedoch bei erfolgreichem Abschluss die Annulierung der restlichen Einlagerungsstrafe, einen Rücktransfer auf seinen Heimatplaneten – Harlans Welt – in einen Sleeve seiner Wahl und eine Gutschrift von 100.000 UN-Dollar. Widerwillig nimmt Takeshi Kovacs die Ermittlungen auf …

Richard Morgan (* 1965 in Norwich, England) studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach lange Zeit als Englischlehrer an der |Strathclyde University| in Glasgow. Sein Erstlingswerk schrieb er neben seiner Lehrtätigkeit, an den Abenden und Wochenenden. Ein Leben als Vollzeit-Autor kam für ihn damals noch nicht in Betracht, war er doch fast 15 Jahre Lehrer und mit seinem Job durchaus zufrieden. Auf die Frage, wann und warum er zu schreiben begann, antwortete Richard Morgan in einem Interview für das „Crowsnest SF e-magazine“: |“Ich denke, ich hatte die gleiche Motivation, wie Asimov – Ich schrieb, weil ich gerne las und ich wollte meine eigenen Geschichten für mich selbst verfassen. Das ist etwas, das bis in meine Kindheit zurückgeht. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwas geschrieben habe. (…)“|
Heute verdient Richard Morgan sein Geld ausschließlich als freier Schriftsteller. Leider liegen von den beiden letzten Romanen noch keine deutschen Übersetzungen vor. 2003 erschien „Broken Angels“, der zweite Roman um Takeshi Kovacs und im Frühjahr dieses Jahres „Market Forces“, ein Globalisierungsthriller, der sich jedoch nicht mit den Abenteuern unseres Protagonisten befasst. In der Enstehung befindet sich derzeit der dritte Takeshi-Kovacs-Roman.

Doch nun zurück zum Debütroman …

Richard Morgan beschreibt diesen Roman in einem Satz als |“eine beeindruckend brutale Tragödie über das Wesen der Macht und wie sich zukünftige Technologie darauf auswirken mag.“|

Die düstere und weitestgehend pessimistische Zukunftsvision, die Richard Morgan in dieser Geschichte zeichnet, reflektiert durchaus seine eigene Weltanschauung. Eine |best-case|-Zukunft zu entwerfen, ergibt für ihn keinen Sinn, da ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass die Menschheit nicht im Stande scheint, aus irgendeiner Situation das Beste zu machen. So gesehen ist die Welt, in der Kovacs lebt, allerdings kein |worst-case|-Szenario, sondern schlicht eine Extrapolation des derzeitigen menschlichen Strebens.

Wenige Jahrhunderte humanitären Denkens stehen gegenüber den Aeonen, in denen unsere Rasse ihren animalischen Trieben freien Lauf gelassen hat. Anstatt jedoch diesen geistigen Wandlungsprozess voranzutreiben und die immer komplexeren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu hinterfragen, flüchten sich viele in die – seit langem obsoleten – Gefilde des |das-geht-mich-doch-nichts-an|-Denkens und laufen mit Scheuklappen durch unsere Welt. Zudem hat uns die Technologie in den letzten hundert Jahren mit ihrer rasanten Entwicklung in die Lage versetzt, unsere Zivilisation mitsamt der menschlichen Rasse zu unterjochen oder gar zu vernichten. In seinem Roman nimmt sich Richard Morgan einer möglichen Entwicklung unserer heutigen Welt an:

Daten sind – wie auch heute – eines der wichtigsten Handelsgüter. Doch die Technologie ist noch einen Schritt weiter; sie ist im Stande, selbst den Menschen (das |Humankapital|) in Bits und Bytes zu speichern und reduziert ihn somit nun auch physisch auf seinen reinen Datengehalt – ein Großteil der Menschheit verkommt ergo zu einer handelbaren Ware von meist minderem Wert. Nur die wenigsten Menschen sind unabhängig und vermögend genug, um diese |technischen Meisterleistungen| nach freiem Willen nutzen zu können.

Diese wenigen Menschen, die Meths, haben beinahe unbeschränkten Zugriff auf die Angebotspalette der Sleeves – selbst die Körper anderer Menschen sind für sie nicht unantastbar. Die Versuchung ist groß, kann doch nun jegliche Handlung – auch ein Verbrechen – in einem Körper verübt werden, dessen registrierter Besitzer vorübergehend in einer privaten Datenbank oder einer Virtuellen Realität verweilt, ohne sich dieses Umstandes unmittelbar bewusst zu sein. Das perfekte Verbrechen?

Wegen der ermöglichten Unsterblichkeit ist ein Wechsel in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft auf natürlichem Wege undenkbar. Daraus folgt, dass sich für die Meths im Laufe der Jahrhunderte die Wahrnehmung der Welt verändert; sie wird zu einem Spielplatz, auf dem mit immer neuen perfiden Manipulationen der Umwelt und der Menschen dem eigenen Degenerationsprozess Einhalt geboten werden soll – das Leben muss doch schließlich noch etwas zu bieten haben. Doch welche Möglichkeiten ergeben sich, um Menschen zu kontrollieren oder zu quälen?

„Ein meisterhaftes Beispiel für einen Cyberkrimi … Der letzte Debütroman, der ähnlich aufregend war, dürfte William Gibsons |“Neuromancer“| gewesen sein.“ (Zeitschrift |Phantastisch|)

Normalerweise halte ich nichts von derartigen Vergleichen, muss in diesem speziellen Falle jedoch zustimmen – beinahe 20 Jahre nach dem „Neuromancer“ erblickt ein Roman das Licht des deutschen Buchhandels, der eine ähnlich düstere Zukunftsvision ausmalt wie Gibsons Erstlingswerk dereinst. Dabei nimmt Morgan den Faden von einer der Informationstechnologie unterworfenen Welt auf und spinnt ihn ein weiteres halbes Jahrtausend in die Zukunft. Während es im „Neuromancer“ noch einzigartig war, dass ein Daten-Cowboy von einer KI digitalisiert und in einem Computerkonstrukt gespeichert wird, ist es fünfhundert Jahre später völlig normal. Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Abstieg der menschlichen Zivilisation weiterzudenken.

Neben dieser thematischen Kohärenz der beiden Romane kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu – wie einst |Case| im „Neuromancer“, so nimmt uns auch Takeshi Kovacs mit auf eine atemberaubende Reise in eine Welt der Mächtigen und der Ausgestoßenen. Beide Protagonisten gehörten einmal zum Besten, was der |Abschaum der Menschheit| hervorgebracht hat, bis sie, vom System fallen gelassen, ganz nach unten stürzten. Bevor jedoch ihr Ruf in den Nebeln der Zeit vollends verblasst, werden sie vom Schicksal wieder empor gerissen und bekommen eine zweite Chance. Nun könnte der geneigte Leser ob dieser vielen Parallelen dem Irr-Glauben verfallen, Takeshi Kovacs sei nur eine futuristische Kopie von Case – vielmehr drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass der Archetyp des Anti-Helden prädestiniert dazu ist, die Misere derer zu verdeutlichen, die entweder wegen ihrer niederen Abstammung oder aber durch vermeintliche Fehler im System dazu verdammt sind, täglich um ihre Existenz zu kämpfen. Im Gegensatz dazu verblasst das Geschrei der Mächtigen zum Gezänk kleiner Kinder, die sich im Sandkasten um eine Schaufel streiten.

Als Drittes fesselt und hypnotisiert „Das Unsterblichkeitsprogramm“ seine Leser ebenso wie damals der Urvater des Cyberpunk. Die erstklassig extrapolierte Technik, die düstere und kantige Erzählweise, welche das Leben am Bodensatz der Gesellschaft wunderbar widerspiegelt, wie auch die durch Sex und Gewalt dargestellten animalischen Triebe, die allen Gesellschaftsschichten immanent sind, verleihen dem Roman den betörenden |neuromantischen| Flair.

Wer sich bis heute noch immer der Illusion der Massenmedien hingibt und sich in einer nahezu |heilen Welt| wähnt, für den wird dieser Roman eine rein fiktive Geschichte beherbergen, die jeglicher gesellschaftskritischen Grundlage entbehrt. Jenen unter euch, die ihren Blick vor der Misere des sozialen Wandels und der fortschreitenden Degeneration unserer Gesellschaft jedoch nicht verschließen, mag dieser Roman in überzeichneter Form eine Welt offenbaren, die aus der unseren durchaus hervorgehen könnte.

Viel Spaß beim Lesen.

_Quellen:_
[Interview für Crowsnest SF e-magazine]http://www.computercrowsnest.com/sfnews/newsd0202.htm
[Interview für Infinity+ e-magazine]http://www.infinityplus.co.uk/nonfiction/intrm.htm

Godman, Peter – Vatikan und Hitler, Der – Die geheimen Archive

Zu den unrühmlichsten Kapiteln der katholischen Kirchengeschichte gehört das Schweigen des Papstes Pius XII. zur Judenverfolgung im so genannten Dritten Reich. Zwar gibt es auch Stimmen in der Forschung, die Pius zugute halten, dass er durch geheime Hilfsaktionen das Leben Tausender Juden gerettet habe. Doch die Frage bleibt: Warum hat der mächtigste Mann der katholischen Kirche nichts gegen den Rassenwahn der Nationalsozialisten unternommen? Der neuseeländische Historiker Peter Godman geht in seinem Anfang 2004 bei |Droemer| erschienenen Buch „Der Vatikan und Hitler“ dieser Frage nach.

Wie Hitler, der ja selbst katholisch getauft war, zur Kirche stand, war kein Geheimnis. Auch seine Vorhaben zur „Selektion der Rassen“ waren hinlänglich bekannt. Darüber hinaus gab es auch Warnungen von engagierten Katholiken, besonders deutlich die der Karmeliternonne Edith Stein, die später in Auschwitz umkam. Sie schrieb 1933 in einem Brief an den Vorgänger von Papst Pius XII., Pius XI.: „Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers …?“ Doch im Vatikan arbeiteten an den maßgeblichen Stellen kaum Männer, die der Nonne Gehör schenkten. Dies wird deutlich durch Godmans Skizzierung der theologisch-politischen Charaktere in der engsten Umgebung des Papstes. Ein latenter Antisemitismus bei den Vertretern der Kurie tat ein Übriges.

Bevor Eugenio Pacelli 1939 Papst Pius XII. wurde, war er Staatssekretär von Papst Pius XI., in dessen Regierungszeit das Reichskonkordat fiel. Dieses sollte die katholische Kirche in Deutschland vor dem Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Regimes bewahren. In seinen letzten Lebensmonaten verfasste Papst Pius XI. die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die bisher als klare Verurteilung des Nationalsozialismus durch Pius XI. galt, des Papstes, der früher gegen die Nationalsozialisten recht milde verfuhr. Peter Godman zeigt, dass diese Enzyklika schon vom Papst sehr behutsam formuliert war – von „Häresie“ oder „Ketzerei“ etwa ist überhaupt nicht die Rede – , doch sie wurde von seinen Beratern noch weiter abgeschwächt.

Pacelli, von Haus aus Jurist, hatte das Reichskonkordat ausgearbeitet und war auch sonst ideell seinem Vorgänger eng verbunden. Godman legt dar, dass Papst Pius XI. die wahren Feinde der katholischen Christenheit ganz woanders sah als nun gerade im nationalsozialistischen Deutschland. Da war zunächst der Bolschewismus in der Sowjetunion, gegen den das totalitäre Regime in Deutschland ein Bollwerk zu sein versprach. Dann gab es auch noch die Protestanten, die er als „zersetzende Kraft“ bezeichnete, daneben noch Freimaurer, Liberale und Sozialisten, die die klerikale Ordnung unterwanderten. Pacelli sollte als Pius XII. im Jahr 1949 für die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei die Exkommunikation androhen.

Wie wenig der deutsche Nationalsozialismus und sein Rassenwahn für die römische Kurie in den dreißiger Jahren zum Thema wurde, zeigt Godman am Beispiel des ehemaligen Kardinalstaatssekretärs Rafael Merry Del Val, der 1930 – wenige Monate vor seinem Tod – gegen „eine der abscheulichsten und bösartigsten Verirrungen unserer Zeit“ zu wüten begann. Gemeint waren weder Nationalsozialismus, Faschismus, noch Kommunismus, sondern – das Nacktbaden. Nach Merry Del Vals Tod wurde dessen „Vermächtnis“ eifrigst erfüllt. „Heiliges Offizium und Staatssekretariat begannen nun, mit einer Effizienz zusammenzuarbeiten, die ohne jeden Zweifel beweist, dass Kooperation durchaus möglich war“, schreibt Godman. Selbst in Berichten aus Deutschland, die Cesare Orsenigo, päpstlicher Nuntius in Berlin, an Rom sandte, wurde kein Thema häufiger behandelt als eben der Nudismus.

Godman zeigt die persönlichen, politischen und ideologischen Verflechtungen der Angehörigen der römischen Kurie und vor allem der beiden während des Faschismus und Nationalsozialismus herrschenden Päpste. Seine Recherchen belegen, dass es für Pius XI. und Pius XII. wenig Entschuldigungen für ihr Handeln gibt. Dennoch kommt Godman in seiner gut lesbaren und detailfreudigen Studie weitgehend ohne Häme aus. Ergänzt wird das Buch durch einen ausführlichen Anhang in Deutsch und Latein mit Auszügen aus vatikanischen Schriften jener Zeit. Godmans Werk ist ein für politisch und kirchengeschichtlich Interessierte unbedingt lesenswertes Buch.

_Doris Marszk_

Gemmell, David – Rabenherz (Rigante 3)

„Rabenherz“ stellt den dritten Roman des |Rigante|-Zyklus von David Gemmell, einem der führenden Autoren der Heroic Fantasy, dar. Die Geschichte spielt im feudalen Mittelalter, nicht mehr zur Zeit des alten Roms und seiner Kaiser; ein gewaltiger Zeitsprung.

Seit Kelten-Hochkönig Connavar und sein Bastardsohn Bane in den beiden Vorgängern die Armeen von Stone (Rom) besiegten, sind 800 Jahre vergangen.

Nun ist ein Zeitpunkt gekommen, an dem ähnlich der realen Geschichte nicht mehr die Römer, sondern die Engländer, in diesem Falle die „Varlish“, über die Riganten herrschen. Eine Ironie des Schicksals … Die Riganten werden unterdrückt und ihrer eigenen Kultur beraubt, von den Besatzern wird aus ihrem legendären König Connavar „Con of the Vars“ gemacht, ein angeblich varlischer Prinz …

Die Kultur und Geschichte der besiegten Rigante wird systematisch absorbiert, verändert oder verleugnet. Die Keltoi, jetzt Highlander, werden als minderwertig angesehen, benachteiligt und unterdrückt.

Die druidische Religion der naturverbundenen Rigante wird vom Christentum, hier der „Quelle“, nach und nach verdrängt, die Magie des Landes geht zurück und nur wenige Rigante besitzen noch druidische Gaben.

So etwas schreit geradezu nach einem Aufstand à la Braveheart – der Kessel beginnt zu kochen …

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Spätantike
Band 1: [Die Steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Sword in the Storm)
Band 2: [Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Midnight Falcon)

Mittelalter
Band 3: Rabenherz (Ravenheart)
Band 4: Stormrider – noch nicht übersetzt

_Freiheitsliebende Highlander und gerissene Landlords_

Befreiten sich die Rigante, der führende Stamm der Highlander in Gemmells alternativem Britannien, im Vorgänger von den Römern, ist die Lage 800 Jahre später wesentlich düsterer:

Varlische (britische) Landlords herrschen über die Highlander-Stämme, ihre ruhmreiche Geschichte wird umgeschrieben oder verleugnet, die enge Verbindung der Highlander zu den „Sidhe“ genannten Naturgottheiten und ihrer Magie ist ebenfalls nicht mehr gegeben.

Der gewaltigste Unterschied ist jedoch: Es fehlt der große Nationalheld, es gibt keinen Connavar oder Bane, der die Highlander eint und die Invasoren vertreibt. Denn Lanovar, ein ferner Nachfahre der Linie Connavars, wurde von dem „Moidart“ genannten Landlord von Burg Eldacre verraten und ermordet, als er Frieden schließen wollte. Allerdings hatte dieser einen guten Grund zum Grollen: Lanovar hat den Moidart mit seiner Frau Rayena betrogen, und diese ist nun schwanger – ob vom Moidart oder Lanovar, das weiß keiner …

Lanovar stirbt, ohne seinen illegitimen Sohn jemals gesehen zu haben. Seinem zweiten Sohn, Kaelin, einem reinrassigen Rigante, gibt er den Seelennamen „Rabenherz“ und bittet seinen hünenhaften Freund Jaim Grymauch, für ihn zu sorgen.

Die Reiter des Moidart überfallen die Rigante, es kommt zu Blutvergießen, Kaelins Mutter wird getötet, er selbst von seiner Tante Maev gerettet. Derweil arrangiert der Moidart selbst ein Attentat auf seine eigene treulose Frau und tötet sie, schiebt die Schuld Rigante-Attentätern zu. Seinen Sohn bringt er nicht um – er hat zwar die grün-goldenen Augen Lanovars, jedoch hatte die Großmutter des Moidart ebenfalls solche Augen … ungewiss, ob der kleine Gaise sein Sohn ist, lässt er ihn leben.

Liebe oder Zuneigung wird er jedoch nicht erfahren, der Moidart wird ihn alleine aufwachsen lassen und ihm jegliche Anerkennung verwehren. An und für sich schon ein grausamer und kaltblütiger Mann, wird der Moidart zum Fluch für die Riganten, denen in den Städten das Tragen von Waffen und ihren Clanfarben verboten ist. Einzig die „Schwarzen Riganten“ in den nördlichen Highlands sind stark genug, die Durchsetzung des Gesetzes auf ihrem Gebiet durch die Truppen des Moidart zu verhindern.

Kaelin und Grymauch müssen bald Eldacre verlassen, denn Kaelin hat die Soldaten, die seine Freundin Chara vergewaltigten und ermordeten, getötet und verstümmelt, Jaim bei den Hochlandspielen den varlischen Box-Champion besiegt. So fliehen sie in die Highlands, zu den gesetzlosen Schwarzen Riganten, mit deren Anführer Call Jace Kaelin bald Bekanntschaft machen wird …

_Starke Charaktere, aber keine abgeschlossene Handlung_

Eine klassische Konfliktsituation, die geradezu nach einem Volksaufstand und einem Freiheitshelden schreit – auf diesen wird man jedoch vergeblich warten, denn im Gegensatz zu den in sich abgeschlossenen Vorgängern ist „Rabenherz“ nur in Verbindung mit dem zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht übersetzten „Stormrider“ eine wirklich abgeschlossene Geschichte.

So schafft „Rabenherz“ vielmehr die Grundlagen und führt die wichtigsten Figuren wie den Moidart, Maev und Kaelin sowie Jaim Grymauch ein. Diese Figuren geben dem Buch auch weitgehend seinen Charme und Charakter. Jaim Grymauch zum Beispiel ist ein riesiger Highlander, hat ein Herz wie ein Bär und ist sowohl bei Rigante als auch einigen Varlish sehr beliebt, obwohl er ein Säufer, Viehdieb und Rumtreiber ist. Maev Ring ist Jaims heimliche Liebe, eine Highlander-Geschäftsfrau, die so erfolgreich ist, dass ihr Erfolg sie zum Objekt des Neids und der Willkür der Varlish machen wird – denn keinem Rigante ist viel Besitz erlaubt.

Die wohl faszinierendste Figur ist jedoch der „Moidart“ genannte Herr von Burg Eldacre: Der raffinierte und kaltblütige Landlord ist ein faszinierender Bösewicht. Hart, aber nicht ungerecht, grausam und zugleich ein begnadeter Künstler. Das klingt recht 08/15, nicht wahr? Ist es aber nicht, der Moidart offenbart viele Facetten im Laufe des Buches, und im abschließenden Band der Rigante-Saga legt er noch einmal zu, soviel sei vorab versprochen.

Kaelin Ring wird im Laufe des Romans einen „kleinen“ Aufstand starten. Wie er sich zum neuen Anführer der Rebellen aufschwingt und wie er seit frühester Jugend bereits in der Schule gegen die Varlish rebelliert, stellt den Kern der gerne in den Hintergrund tretenden Rahmenhandlung dar. Denn sein Halbbruder Gaise Macon, der uneheliche Sohn Rayenas und Lanovars, wird erst in „Stormrider“ zusammen mit ihm zum Kampf gegen den Moidart und neue Feinde blasen, die erst gegen Ende dieses Romans auftauchen werden. Die Saga nimmt hier einige überraschende und gelungene Wendungen, die man nach dem sehr linearen und relativ handlungsarmen „Rabenherz“ nicht erwarten würde.

_Nur die erste Hälfte der Geschichte_

Die Figuren und die Geschichte sind mitreißend, Spannung satt wird geboten. Mystische Elemente sind in „Rabenherz“ im Gegensatz zu den Vorgängern weniger vertreten. Interessant auch der erfrischende Zeitsprung, Ähnliches hat Gemmell im |Stones of Power|-Zyklus mit dem unerwarteten Wechsel vom arthurianischen Britannien zu einem postapokalyptischen Wilden Westen schon einmal getan. Mir persönlich gefiel das antike Szenario des Rigante-Zyklus besser, jedoch haben Gemmells mittelalterliche Riganten-Charaktere ihren eigenen Charme und sind, insbesondere der Moidart, differenzierter und interessanter gezeichnet. Der Freiheitskampf-Gedanke wird hier wesentlich deutlicher hervorgehoben, eine gewisse Anlehnung an „Braveheart“ ist gegeben, die jedoch in „Stormrider“ zu einer unerwarteten Wendung und einem völlig anderen Szenario und Finale führt, das mir gut gefiel.

Das große Problem von „Rabenherz“ ist: Der Roman ist nur ein Auftakt, zwar ein furioser, aber ohne „Stormrider“ nur halb so gut. Trotzdem ist der Roman so spannend, dass man ihn in einem Stück verschlingen kann, und mit „Stormrider“ wird noch einmal ein Scheit mehr in das Feuer geworfen. Zum Glück ist die Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem Moidart und Gaise Macon keine Neuauflage der Probleme zwischen Connavar und Bane, wie ich befürchtete!

Die Übersetzung ist Irmhild Seeland wieder einmal sehr gut gelungen, einige schwer zu übersetzende Eigennamen, wie die der Landlords (Moidart, Pinance), wirkten jedoch stets ein wenig unpassend auf mich.

Der Roman ist emotional ausgesprochen mitreißend, kann so den Mangel an äußerer Handlung kompensieren und dafür mit hervorragenden Charakterisierungen glänzen und die Grundlage für ein packendes Finale des |Rigante|-Zyklus legen.

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Band 1: [„Die Steinerne Armee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522
Band 2: [„Die Nacht des Falken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169
Band 3: [„Rabenherz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498
Band 4: [„Sturmreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2961

Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Eine unglaubliche Entdeckung (Die Spiderwick-Geheimnisse 1)

In diesem Buch beginnen die spannenden und kuriosen Abenteuer dreier Geschwister. Sie kommen aus der Stadt, müssen sich aber mit den Wundern und Gefahren des Landlebens herumschlagen. Und natürlich mit Elfen, nicht zu vergessen!

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der |American Library Association| als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

_Handlung_

Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick.

Es sieht wie eine Ansammlung übereinander gestapelter Hütten aus, findet Jared. Und ist mindestens hundert Jahre alt. Und die Wände müssen hohl sein, nach den Geräuschen zu urteilen, die er darin hört. Als Mallory wagemutig mit dem Besenstiel ein Loch in die Wand haut, wird dahinter etwas sehr Merkwürdiges sichtbar: eine winzige Wohnung mit ulkigem Inventar – und ganz bestimmt nicht für Menschenkinder gemacht. Aber wofür dann?

Am nächsten Morgen weckt Jared und Simon ein schrilles Kreischen von ihrer Schwester. Jemand hat ihre Haare am Rahmen ihres Bettes festgebunden. Nein, so etwas haben die beiden noch nie gesehen. Wer oder was kann so etwas nur tun, und warum? Weil Mallory die Wand eingeschlagen hat? Das ist ja wohl lächerlich!

Als Jared erkundet, wohin der Speisenaufzug führt, landet er in einem geheimnisvollen Zimmer, aus dem keine Tür hinausführt. An der Wand hängt ein Porträt seines ehrwürdigen Ahnen Arthur Spiderwick, und auf dem Sekretär liegt ein altes, vergilbtes Blatt Papier. Darauf steht ein Rätsel, und obwohl Jared eigentlich nicht der Bücherwurm der Familie ist, muss er sofort das Rätsel lösen.

Hoch oben im obersten Kämmerchen des Hauses landet er endlich vor einer großen Truhe. Er strengt seinen Grips an und findet darin ein Buch. Es ist das allerseltsamste Buch, das er jemals gesehen hat. Es handelt von Elfen.

_Mein Eindruck_

So beginnen die Abenteuer mit den Elfen in Haus Spiderwick und seiner düsteren, wilden Umgebung. Diese Abenteuer erstrecken sich über mindestens sechs Bände, alle davon sehr schön illustriert und buchbinderisch wertvoll gestaltet (Fadenbindung – wo gibt’s das heute noch?). Der Illustrator Tony DiTerlizzi bedankt sich für die Inspiration dazu bei Arthur Rackham, einem der berühmtesten Zeichner für Kinderbücher aus der viktorianischen Ära. Rackham illustrierte beide Bücher über „Alice im Wunderland“ und natürlich auch „Grimms Märchen“ (sehr schön in der |Heyne|-Ausgabe).

Das klingt nach einem netten Bilderbuch, und das ist es auch. Es eignet sich wohl ab sechs bis acht Jahren – leider fehlt hier ein Hinweis vom Verlag. Mallory ist jedenfalls schon 13 und kann immer noch etwas mit dem Elfenbuch anfangen. Ältere Leser finden die Bilder vielleicht hübsch, aber die Handlung ist für sie wohl nicht so der Hit. Kinderkram, oder?

Das sollten sie sich noch einmal überlegen. Die Welt, in der die drei Kinder sich nun bewegen, ist nach der Scheidung der Eltern psychologisch aus dem Gleichgewicht geraten. Und zudem geraten sie selbst aus der Moderne in eine entrückte Vergangenheit, in der sie mit Fabelwesen konfrontiert werden – eine Welt der Schatten und des Zwielichts, Raum für Fantasie. Kein Wunder, dass sie selbst ein wenig seltsam werden. Die Charakterisierung ist ungewöhnlich gut gelungen.

Jared beispielsweise ist keineswegs der brave Streber und Mamis Liebling, sondern ein jähzorniger Kerl, der sich gerne prügelt und auf andere wenig Rücksicht nimmt. Das wird ihm noch sehr leid tun. Simon hingegen, sein eineiiger Zwillingsbruder, ist ganz vernarrt in Tiere, denen er all seine Liebe gibt. Er hütet zwei Mäuse, Jeffrey und Lemondrop. Als sie von den Elfen entführt werden, startet er eine enorme Suchexpedition. Ihre Schwester Mallory ist auch nicht gerade pflegeleicht. Schon ein wenig abgebrüht und desillusioniert, übt sie sich im Fechten mit dem Florett, was das Zeug hält. Wohl dem, der so eine wehrhafte große Schwester hat!

Ihre Mutter hat zwar keinen Namen, aber dafür größte Autorität. Sie führt das Regiment im Spiderwick-Haus. Allerdings hat sie mit ihren drei Rangen alle Hände voll zu tun. Und als sich die Elfen einmischen, geht es im Haus bald drunter und drüber.

|Elfenpack macht Schabernack|

Denn dies sind nicht die Elfen, von denen Tolkien erzählt, auch nicht irgendwelche kuscheligen Fabelwesen aus dem Zauberwald, wie etwa Peter Pans Tinkerbell. Manche der zahlreichen verschiedenen Elfengattungen sind nicht gerade gut auf die menschlichen Eindringlinge zu sprechen. Da gibt es Wichtelmännlein, Irrwichte, die krötenartigen Kobolde – und im Waldbach lauert sogar ein Troll.

Dies sind Gestalten aus der Dark Fantasy, wie sie beispielsweise C. J. Cherryh in „The Dreaming Tree“ geschildert hat. Doch anders als bei Cherryh fehlen hier die Hochelben völlig. Winzig sind die meisten Elfen, den Pixies und Brownies der englischen Volkssagen näher als Tolkiens Erfindungen. Doch wer weiß, was noch alles kommt? Die Saga hat ja erst begonnen.

_Unterm Strich_

Schade nur, dass die Abenteuer jeweils nur 128 Seiten lang sind. Davon entfallen rund 20 Seiten auf Vor- und Abspann, und vom Rest wiederum etwa die Hälfte auf Illustrationen. Kein Wunder also, dass ein Erwachsener solch ein Buch binnen einer Stunde gelesen hat. Die Sprache ist einfach genug, und die Übersetzerin Anne Brauner hat das Original angemessen übertragen.

Aber das Buch ist ja für Kinder gedacht, nicht für Erwachsene. Die große Schrift eignet sich ideal zum Vorlesen beim Zubettgehen, so reicht das Buch locker für eine Woche. Und wenn ein Kind die Geschichte nicht glauben will, na, dann liefert das entsprechende Bild den Beweis, dass es Elfen geben muss. Irgendwo, äh … Vielleicht in Amherst, Massachusetts. Oder so.

Da das erste Abenteuer relativ schnell endet, freut man sich schon gespannt auf das nächste. Und das führt den jähzornigen Jared tief in den Wald, zu den Kobolden. Es ist höchste Zeit, dass er seine Lektion lernt.

http://www.spiderwick.de

Richard Matheson – Echoes: Stimmen aus der Zwischenwelt

Das geschieht:

Es beginnt als Spiel unter Nachbarn und Freunden, die eine lahme Party in Gang bringen möchten: Tom Wallace, Mitarbeiter einer Werbeagentur, erklärt sich bereit, das Versuchskaninchen für Philip, den jüngeren Bruder seiner Ehefrau Anne, zu spielen. Der junge Psychologiestudent möchte seinen Schwager hypnotisieren. Wider Erwarten gelingt das Experiment, und Tom macht sich zur Belustigung der Gäste durch allerlei suggerierte Mätzchen lächerlich.

Tom hat längst vergessen, dass sein Großvater als Medium bekannt und gefürchtet war. Nun tritt der Enkel unfreiwillig in seine Fußstapfen und entwickelt sich zum Gedankenleser, was nicht nur Anne oder Söhnchen Richard missfällt. Tom leidet unter seiner Gabe, denn wer möchte schon wissen, was seine Mitmenschen wirklich denken; besonders, wenn diese in der Nachbarschaft wohnen und unsympathisch wirken wie Harry Sentas, der grobschlächtige Hausvermieter, oder Frank Wannamaker, der seine Ehefrau Elizabeth nicht nur betrügt, sondern wahrscheinlich auch schlägt. Richard Matheson – Echoes: Stimmen aus der Zwischenwelt weiterlesen

Spinrad, Norman – Transformation, Die

Eigentlich hat es den Künstleragenten Texas Jimmy Balaban nur in die tiefste Provinz verschlagen, weil er mit seiner neuesten Eroberung auf der Flucht vor dem Privatdetektiv seiner Noch-Ehefrau ist. Während der abgrundtief schlechten Talentshow des ortsansässigen Hotels bemerkt er den Komiker Ralf, der nicht nur durch einen sicheren Auftritt und gutes Timing aus der Masse hervorsticht – Ralf behauptet, er stamme aus der Zukunft, nur habe ihm sein Manager versprochen, ihn im Jahre 1969 in Woodstock aus der Zeitmaschine treten zu lassen.

Balaban nimt den seltsamen Kauz unter Vertrag, der sich bald zum Star mausert und mit „Ralfs Welt“ eine eigene TV-Show zur besten Sendezeit bekommt. Der Science-Fiction-Autor Dexter Lampkin lässt sich überreden, Texte für die Show zu schreiben. Er entwickelt die Details der düsteren Zukunft, aus der Ralf zu stammen behauptet.

Lampkin hat vor Jahren mit dem Roman „Die Transformation“ sein idealistisches Hauptwerk geschrieben, in welchem die Menschen Signale von einer unwesentlich weiter entwickelten extraterrestrischen Spezies empfangen, die ihre Probleme mit der Umweltzerstörung, Atomkraft und Gentechnik nicht in den Griff bekommen hat. Es scheint ein allgemeines Phänomen zu sein, dass Zivilisationen in einem gewissen Entwicklungsstadium sich selbst durch die eigene Unvernunft zerstören. Einige Wissenschaftler fassen da den Plan, der Menschheit dieses Schicksal zu ersparen und entwerfen eine falsche Aliengottheit, die der Allgemeinheit den Weg in die lichte Zukunft weisen soll. Der Roman war ein Verkaufsflop, aber Lampkin ist der Glaube geblieben, Science-Fiction könne die Welt verändern.

Zweite wichtige Person in der Kreativzone der Show ist Amanda Robin, eine New-Age-Anhängerin, die in Ralf eine Manifestation des Zeitgeistes sieht. Beide, Lampkin und Robin, meinen mit „Ralfs Welt“ Einfluss auf die Menschen nehmen zu können. Ralf selbst wirkt fast wie eine leere Leinwand, auf die sie ihre Vorstellungen projizieren können: Ralf ist ebenso sehr Abgesandter einer kaputten Zukunft, der die Menschheit auf den richtigen Weg führen will, wie auch Avatar des Zeitgeistes, ein neuer Messias, der x-te Versuch nach Prometheus, Jesus Christus und JFK – oder vielleicht auch nur ein durchgedrehter Provinzkomiker.

Richtig klar wird dies nie. Eine Zeitlang funktioniert die Sendung gut, erfüllt Ralf die unterschiedlichen in ihn gesetzten Erwartungen – bis er immer mehr über seine Rolle hinauswächst.

Spinrad hat mit „He walked among us“, so der Originaltitel, ein sehr ambitioniertes Werk verfasst, das weit mehr als andere Bücher, die dieses Etikett aufgeklebt bekommen haben, die Bezeichnung „Roman des neuen Jahrtausends“ verdient. Es ist ein großer Rundumschlag, den Stand der modernen Zivilisation betreffend. Die ökologischen und wirtschaftlichen Probleme sind ja schon oft thematisiert worden, Spinrad geht allerdings noch weiter, indem er hinterfragt, was für den Einzelnen überhaupt Realität ist.

Deshalb ist „Die Transformation“ auch wieder ein Medienroman – und ähnlich wie Spinrads letztes Werk dieser Art, „Bilder um 11“, ist er bei allen brillant gestalteten Szenen doch etwas anstrengend. Voraussetzung für das Lesen ist der Glaube, eine solche Einpersonensendung wie „Ralfs Welt“ könne wirklich eine größere Menge von Menschen bewegen. Spinrad packt eine Menge kluger und auch streitbarer Ideen in seinen sehr umfangreichen Roman, den man gern hier und da etwas kürzen dürfte. Gerade in der Phase, bevor sich Ralfs Wandel vom Komiker aus der Zukunft zu einer ernsthafteren und undurchschaubareren Person ganz vollzieht, ist „Die Transformation“ ziemlich zäh. Man kann Spinrad auch eine gewisse Selbstverliebtheit in seinem Roman nicht absprechen. Neben dem Gehalt an Ideen fällt überdies wieder einmal Spinrads Fähigkeit auf, glaubhafte und auch sehr unterschiedliche Charaktere zu schaffen.

Ein zweites großes Thema sind die Science-Fiction und ihr Fandom. Hier ist Spinrad richtiggehend gallig: Lampkin erträgt Cons, wie die meisten Autoren, nur in einer Mischung aus Bekifft- und Betrunkensein. Die meisten Fans sind zwar überdurchschnittlich intelligent, fallen aber sonst durch unglaubliche Körperfülle, eng beieinanderstehende Augen, seltsame Aufmachung und pure soziale Inkompetenz auf. Auf den Conventions kann ein Autor sich kaum vor Groupies retten. Andererseits glaubt auch ein Dexter Lampkin an die Macht der Literatur, glaubt er, mit seinen Büchern, mit Science-Fiction die Menschen nicht nur zum Nachdenken sondern auch zum Handeln zu bringen.

Das Buch ist nichts für Zartbesaitete: Gerade in der Nebenhandlung um Lotter Lotti, die von Crack abhängig wird und am Tiefpunkt ihrer Existenz im Gewirr der New Yorker U-Bahn-Tunnel eine Begegnung der dritten Art mit Ratten hat, geht es sowohl im Inhalt als auch im Stil äußerst heftig zur Sache.

Wer sich auf die Reise in „Ralfs Welt“ einlässt, kann etliche faszinierende Stunden mit Spinrads Roman verbringen. Man muß sich jedoch einige Erholungspausen gönnen; der Wiedereinstieg wird einem durch die etwas redundante Art des Erzählens, bei der etliche Einzelheiten an späterer Stelle noch einmal wiederholt werden, erleichtert. Und man sollte auch als Fan das Fandom nicht nur mit größtem Ernst betrachten können.

Übrigens ist „Die Transformation“ eine Originalausgabe – bis jetzt hat sich kein amerikanischer Verlag für das Manuskript finden lassen. In englischer Sprache wurde der Roman dann zwar 2003 veröffentlicht, aber auch nur im eBook-Format. Sehr lobenswert, dass der |Heyne|-Verlag sich nicht scheut, auch kontroverse und schwierige Romane zu veröffentlichen, denen aber wohl leider (wie Lampkins „Transformation“) ein breites Publikum versagt bleiben wird; bislang gab es auch, wie bei vielen Werken Spinrads, keine weiteren Auflagen des Romans.

_Andreas Hirn_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Reynolds, Alastair – Unendlichkeit

„Unendlichkeit“ – Space-Opera vom Feinsten, dachte ich gleich. Und es geht auch richtig gut und flott los: auf fremden Welten, mit Alien-Artefakten. Aber dann wurde die Welt, in der Handlung spielt, immer komplexer, je mehr Personal hinzukam und je mehr Details ich mir merken musste. Ich dachte, das könne nur besser werden. Aber als schließlich alle Hauptpersonen aufeinander trafen, wurde es richtig schwierig …

Drei Handlungsstränge führen aufeinander zu und bilden einen Knoten. Diese Stränge liegen zunächst jeweils mehrere Jahre auseinander, denn interstellare Reisen erfordern eine Menge Zeit. Bei der Inbezugsetzung der Stränge ist mithin Zeit ein wichtiger Faktor. Glücklicherweise sind alle Kapitel mit Jahreszahlen versehen: Wir schreiben die Mitte des 26. Jahrhunderts.

Dan Sylveste ist ein besessener Archäologe und stößt auf dem kolonisierten Planeten Resurgam (lateinisch für „ich werde wieder auferstehen“) im System Delta Pavonis auf die Hinterlassenschaft einer außerirdischen Zivilisation: zunächst auf einen beschrifteten Obelisken, Jahre später dann auf eine verschüttete Stadt und die Statue eines geflügelten |Amarantin|. Das ist insofern ungewöhnlich, da die Überreste der Amarantin allesamt flügellos waren.

Sylveste will die Wahrheit über das Schicksal der Amarantin herausfinden und koste es sein Leben oder das anderer. Mit einer Gruppe Kyborgs und leistungsfähigen Waffen macht er sich an die Arbeit, wird allerdings bald von einem politischen Umschwung auf Resurgam gestoppt. Er verbringt rund zehn Jahre im Gefängnis, als eine Art Internierter.

Auch sein Vater Calvin, der ein Dasein als Software und Holoprojektion fristet, kann ihm ein paar Hinweise geben, wer Dan am Weitermachen hindert: entweder eine alte menschliche Intelligenz oder eine außerirdische Macht. Hat diese verborgene Macht die blühende Astronomen-Kultur der Amarantin vor einer Million Jahren vernichtet? Gibt es vielleicht doch noch Amarantin?

Ana Khouri ist eine Auftragskillerin in Chasm City im System Epsilon Eridani (Planet: Yellowstone). Ihr Agent K. C. Ng verschafft ihr Aufträge, um reiche Bürger aus dieser Stadt am Abgrund zu töten. Die Opfer haben die Morde selbst in Auftrag gegeben; danach werden sie wiederbelebt – es ist eben ein besonderer Kick, ermordet zu werden.

Doch bei ihrem neuesten Auftrag gerät Ana in eine Art Hinterhalt: Eine hochgestellte Persönlichkeit namens ‚Mademoiselle‘ eröffnet Ana, dass sie hierhergelotst worden war, um in Mademoiselles Dienste zu treten. Aber warum sollte Ana das tun? Weil sonst Anas Mann, der sich in Mademoiselles Obhut im Kälteschlaf befindet, ein abruptes Ende fände – sehr überzeugend. Anas nächstes Opfer befindet sich im System Episilon Eridani und weiß nichts von ihrem Auftrag: ein Mann namens Dan Sylveste. Mademoiselle wird als Implantat in Anas Gehirn mitreisen.

Ilia Volyova ist Mitglied eines Triumvirats von interstellaren Händlern, „Ultras“, die das gigantische Lichtschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ kommandieren. Die „Sehnsucht“, die beinahe Lichtgeschwindigkeit erreichen kann, befindet sich auf dem Flug zum Planeten Yellowstone. Kapitän Brannigan liegt als Opfer einer bioelektronischen Seuche im Tiefkühlschlaf und kann Volyova leider nur wenig Auskunft darüber geben, was an Bord schief läuft. Doch der Name „Sylveste“ fällt.

Ilias Problem: Soeben musste sie ihren Waffenoffizier Boris Nagorny in eine lebensgefährliche Lage bringen, in der er auch prompt umkam. Er war durchgedreht, denn er sah sich von einem kybernetischen Virus namens „Sonnendieb“ verfolgt, der Nagornys Implantate infiziert hatte.

Kann Sylveste ihr verraten, was |Sonnendieb| wirklich ist? Nun braucht Volyova einen neuen Waffenoffizier und der ist, wie sich zeigt, Ana Khouri. Die Frage ist: In wessen Auftrag fliegt das offenbar schwer bewaffnete Lichtschiff nach Resurgam? Und was ist der wirkliche Zweck des Flugs?

Aus drei Strängen werden schnell zwei (Khouri + Ultras), und sobald die Ultras Dan Sylveste auf Resurgam geschnappt haben, wird daraus einer.

Um das sich nun daraus entfaltende Drama ein wenig zu verstehen, muss man noch ein paar ‚Querverbindungen‘ beachten. Keine Angst: Ich werde keine genauen Details verraten, wie es weitergeht. Der Autor lässt auf seine kunstvolle Art nur so viele Informationen heraus, dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Doch in der Personalliste zu Beginn des Buchs macht er paar wichtige Andeutungen.

Hinter ‚Mademoiselle‘ verbirgt sich die Astronautin Carine Lefevre. Sie ist eine alte Bekannte Dan Sylvestes: Zusammen erkundeten die beiden 200 Jahre zuvor den lebensgefährlichen Lascaille-Schleier, in dem sich eine Alien-Intelligenz (Amarantin, Sonnendieb – wer weiß?) verbirgt, die allgemein als „die Schleierweber“ bekannt ist. Doch Carine kam in den Schleiern um, jedenfalls nach Angaben des von Ultras geretteten Dan.

Mit Hilfe von Ana Khouri versucht ‚Mademoiselle‘ Carine, Dan am Betreten des Hades-Systems im Jahr 2566 zu hindern. Hades, ein dunkler Neutronenstern, ist die erloschene Nachbarsonne von Resurgams Sonne Delta Pavonis. Hades wird umkreist von einem Planeten namens Cerberus, der sich jedoch als hohle Welt mit Eigenschaften einer gigantischen Maschine herausstellt. (Zerberus war der Sage nach der dreiköpfige Hund, der das Tor zum Hades, der Unterwelt, bewachte.) Doch der Computervirus |Sonnendieb|, von den Amarantin-Schleierwebern geschickt, lockt Dan genau dorthin.

Hades und Cerberus sind Orte, die auf dem Obelisken der Amarantin eine besondere Bedeutung haben. In welchem Zusammenhang steht Cerberus mit dem Ereignis, das die Amarantin vor rund einer Million Jahren auslöschte?

Der Originaltitel des Buches lautet „Revelation Space“. Das All ist der Schauplatz, und die „revelation“, die Offenbarung, ist das, was die Handlung vorantreibt – und was das Interesse des Lesers wachhält. Der Autor erzählt seine Geschichte beeindruckend geschickt. In praktisch jedem Abschnitt, in jeder Szene gibt er uns eine weitere Information, die uns die Vergangenheit enthüllt und die Motivationen der einzelnen Handelnden. Aber nie so viel, dass wir uns den Rest zusammenreimen könnten. Diese Offenbarung ist unendlich – das rechtfertigt auch den deutschen Titel.

Abgesehen von der Schwierigkeit, den Überblick über das vielfältige Personal zu behalten, so hat mich doch das Verhalten der Menschen und der Aliens fasziniert. Die meisten Leute verhalten sich recht nachvollziehbar, was ihre Motive und Reaktionen anbelangt. Allerdings werden ständig neue Lügen aufgedeckt, so dass man mit neuen Überraschungen zu rechnen hat.

Doch es gibt auch Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, Kyborgs, zu denen vor allem die Ultras an Bord der „Sehnsucht“ zählen. Ob nun diese Kyborgs schneller reagieren oder bessere Entscheidungen treffen, ist gleichgültig, denn offensichtlich mangelt es ihnen an moralischen Grundsätzen: Sie folgen nur ihren wirtschaftlichen Interessen. Beruhigend zu wissen, dass auch diese Über-Menschen nicht allwissend sein können.

Und Maschinen, wie etwa die Raumanzüge, können durchaus menschliche Züge aufweisen; das gibt Anlass zu ironischen Aspekten. (Es fehlen nur noch philosophische Bomben, wie sie John Carpenter in „Dark Star“ zeigte.) Und dann gibt’s natürlich noch Aliens, aber leider bleiben sie die meisten Zeit obskur im Hintergrund, bis dann |Sonnendieb| auftritt. So bleibt bis zum überraschenden Schluss stets ein gewisses Geheimnis, das es zu lüften gilt.

Reynolds wird bereits mit Peter F. Hamilton und Stephen Baxter, Briten allesamt, in eine Reihe gestellt. Die Handlung umspannt Jahrhunderte und Lichtjahre, so weit, so gut. Auch die Technik ist so weit fortgeschritten, dass ein gewisser |sense of wonder| aufkommt. Und manchmal entsteht der Verdacht, dass einiges davon lediglich Gimmicks sind.

Doch leider kann Reynolds ebenso verwirrend wie Baxter in dessen „Manifold“-Romanen sein (siehe diese [Rezension.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 Die letzten 250 Seiten von „Unendlichkeit“ spielen ja nur noch auf der „Sehnsucht“ und auf Cerberus. Da sollte man meinen, es wäre einfach, der Handlung zu folgen. Leider haben sich die Akteure schon wieder in drei Parteien aufgespalten – es bleibt also spannend, denn die Frauen – also Volyova, Khouri und Sylvestes Frau Pascale – wollen verhindern, dass Sylveste, sein Vater-Hologramm Calvin und Volyovas Ex-Kollege Sajaki in den Planeten eindringen.

Je fremdartiger die Innenwelt von Cerberus wurde, desto anstrengender wurde das Lesen. Es kann also nicht so sehr an Reynolds Darstellung gelegen haben, sondern wohl eher an meiner mangelnden Vorstellungskraft. Ich musste mir jedenfalls öfters eine Pause gönnen. Mehr als 50 Seiten am Stück waren schon ziemlich heftig.

Vorstellungskraft alleine reicht nämlich für das Verständnis nicht aus. Reynolds ist ja Astrophysiker und setzt einiges an astronomischem und physikalischem Wissen voraus. Hinzu kommen aber auch noch Kenntnisse in Informatik und Biotechnik, die sich als nützlich erweisen, um die Kyborgwesen zu verstehen, seien sie nun mehr menschlich oder mehr maschinell.

Auch |Sonnendieb| selbst ist ein fremdartiges Wesen, das sich aber mit Hilfe der Metapher des „Virus“ gut verstehen lässt. Dieses Virus greift allerdings über Gehirnimplantate auch das Bewusstsein des infizierten Menschen an. Das müssen unsere realen Computerviren erst noch zustande bekommen – oder lieber doch nicht.

Action findet sich genug, um das Buch als Space-Opera zu qualifizieren. Nicht nur die Profi-Killerin Ana Khouri kann mit Ballermännern umgehen. Das Schiff der Ultras selbst ist bis zum Stehkragen mit Planetenzerstörern vollgestopft. Wenn sich so ein Teil dann unter |Sonnendiebs| Einfluss selbständig macht, ist das zwar erst einmal witzig (siehe „Dark Star“), aber nicht ganz ungefährlich.

Der Humor ist von der trockenen britischen Art. Wer mit den entsprechenden Redewendungen vertraut ist, wird die Idee dahinter mühelos entdecken. besonders Vater und Sohn Sylveste kabbeln sich ständig miteinander, was beispielsweise ihren zweitausend Kilometer langen Abstieg ins Innere von Cerberus kurzweilig macht.

Reynolds hat den Bogen in Sachen Dramaturgie raus: Tempo entsteht fast von selbst, sobald sich die Handlungsfäden verknüpfen und der Showdown nähert. Dabei verzichtet Reynolds meist auf überflüssigen Ballast an Astrophysik oder Historie. Zum Glück geht dies nicht auf Kosten der Charakterzeichnung – die Akteure stehen jederzeit im Mittelpunkt, anders als bei so manchem anderen Hardcore-Autor wie etwa Bear, Brin oder Benford (die so genannten „Killer-B’s“).

Die Übersetzung von Irene Holicki ist ausgezeichnet, wesentlich flüssiger zu lesen als etwa ihre Übertragung von Iain M. Banks Roman „Die Spur der toten Sonne“ („Excession“).

Banks ist das Stichwort, um den Schotten Reynolds mit seinem Landsmann Banks zu vergleichen: Beide zeigen handelnde Wesen unterschiedlichster Couleur unter den Bedingungen künftiger Raumfahrt. Allerdings tauchen Regierungen kaum bei Reynolds auf, während bei Banks die „Kultur“ eine dominierende Rolle spielt. Aber beide Autoren verleihen ihren Raumschiffen wunderschöne Namen wie etwa „Abschiedsmelancholie“ oder „Sensucht nach Unendlichkeit“.

„Unendlichkeit“ ist ein Roman für eingefleischte Science-Fiction-Leser mit Interessen – und weitreichenden Kenntnissen – in Naturwissenschaften und Informatik. Die Story selbst ist ja bereits recht interessant; sie erinnert zunächst an Jack McDevitts Archäologenroman „Gottes Maschinen“. Doch schon bald zeigt sich, dass das Panorama wesentlich größer ist und zunehmend technischere Dimensionen annimmt.

Spinrad, Norman – tropische Millennium, Das

Nach dem Fortschreiten der globalen Erwärmung herrschen in der Mitte des 21. Jahrhunderts katastrophale Zustände auf der Erde. In Libyen gelingt es Monique Calhoun, für das |Brot & Spiele|-Syndikat, dessen Angestellte und Bürger-Aktionär sie ist, ein weitaus besseres Geschäft mit (vordergründigen) Bewässerungsanlagen abzuschließen, als zu erwarten war. |B&S| schickt sie daraufhin nach Paris, wo sie für die diesjährige UNACOCS den VIP-Service betreuen soll. Diese UN-Konferenz beschäftigt sich mit dem Problem der globalen Erwärmung und den Möglichkeiten, das Klima wieder an das gewohnte Maß anzupassen.

Doch auch hier gibt es zwei Seiten; denn zwar gehören Afrika und Südamerika zu den Verlierern des Klimawandels, und auch die USA haben etwas verloren – Florida und Louisiana nämlich -, doch gibt es auch Gewinner. Paris zum Beispiel hat nun einen ganzjährigen Bilderbuchsommer, und auch den Nordeuropäischen Staaten und Sibirien kommt inzwischen eine ganz andere Bedeutung zu. Eine Bedeutung, die die Gewinner des Klimawandels nicht so einfach wieder hergeben wollen.

So entwickelt sich ein anscheinend undurchschaubares Intrigenspiel um die Möglichkeit eines Venuseffekts, der vielleicht von einem eventuell vorhandenen perfekten Klimamodell vorausgesagt werden könnte …

Mit dem „tropischen Millennium“ (naja, über die Qualität eines deutschen Titels kann man trefflich streiten …) beweist Norman Spinrad wieder einmal, dass er zum Besten gehört, was die internationale SF-Szene zu bieten hat. Dieses Gedankenspiel einer möglichen Zukunftsvariante ist hochinteressant, politisch brisant und teilweise mit einem bösem Sarkasmus behangen, wie ihn wohl nur Spinrad so meisterhaft beherrscht.

Gerade dieser Zynismus ist es, der diesen Roman höchst lesenswert macht. Hier gibt es nirgendwo ein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß. Alles versinkt in einem übergreifenden Grau. Die Syndikate sind internationale Konzerne, Aktiengesellschaften gleich, die je nach Satzung ihre Mitarbeiter zu sogenannten „Bürger-Aktionären“ und somit zu Anteilseignern machen. Soweit ist das ja nichts unbedingt Neues – doch die Syndikate haben es in sich. So gibt es zum Beispiel ein |Böse Buben|-Syndikat, das angeblich aus der Mafia und ähnlichen Vereinigungen heraus entstanden sein soll. Zu Anfang in Libyen plant man dann auch gleich, die angeblichen Bewässerungspläne der Wüste zum Hasch- und Marihuana-Anbau zu nutzen, ganz so, wie man dies von einer solchen Vereinigung erwarten sollte. Ebenso auch die Auftragsmorde. Doch hier trügt der Schein, verwischt das Schwarz zu Grau (dies genauer auszuführen würde bedeuten, einiges vom Lesespaß des Romans vorwegzunehmen).

Auch auf der anderen Seite, bei den Syndikaten, die die Erderwärmung bekämpfen wollen, ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die vermeintlich Guten wandeln sich zu den Bösen – oder vielleicht doch wieder zu den Guten?!? Das allumfassende Grau schlägt auch hier wieder zu. Dabei lässt Spinrad den Leser niemals längere Zeit in dem Gefühl, er wüsste nun, wer denn hier die „Guten“ sind und wer die „Bösen“. Geschickt hält er selbst seine Protagonisten in dieser Grauzone gefangen und entwickelt um sie eine furiose Handlung um Moral und Ethik – und der unterschiedlichen Sichtweisen hierzu.

„Das tropische Millennium“ ist dabei auch ein hochgradig politischer Roman, ohne wirklich Politiker als Charaktere zu schildern oder sie gar als Hauptpersonen anzubieten. Unwillkürlich fühlt sich der Leser an die reale Politik erinnert, wenn er bei dem einen Syndikat mal mit dem einen Aspekt sympathisiert und beim anderen halt mit dem anderen, ohne dass eines der Syndikate wirklich eine allumfassend vertretenswerte Stellung bezöge.

Dies alles verpackt Spinrad ein einen höchst interessanten und atemberaubend spannenden Roman – ohne dass er großartig irgendwelche Action-Elemente einsetzen müsste. Der Autor interessiert sich rein für die gesellschaftlichen Aspekte seiner Handlung – und reißt den Leser damit wesentlich mehr mit, als dies mit einer actionlastigen Handlung überhaupt möglich gewesen wäre. Es ist jedenfalls verdammt schwierig, diesen Roman aus der Hand zu legen, bevor man ihn beendet hat. Und wenn auf dem Klappentext die |San Diego Tribune| mit „Ein Roman, wie er aktueller nicht sein kann. Lesen Sie ihn, bevor der Meeresspiegel ansteigt“ zitiert wird, so habe ich dem eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Dieser Roman gehört eindeutig in das Bücherregal eines jeden Lesers anspruchsvoller SF! Und derjenige, der sich sonst mit gesellschaftspolitischen Schilderungen nicht so anfreunden kann, sollte zumindest einmal einen Blick in „Das tropische Millennium“ werfen.

Fazit: Ein weiteres Meisterwerk Norman Spinrads. Dieser sarkastisch-zynische Blick auf eine Gesellschaft, die innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts zu einem Grau-in-Grau mutiert ist, sollte in keinem Bücherregal fehlen. Zumal man sich die Frage stellt, wie weit die jetzige Gesellschaft von dieser Schilderung noch entfernt ist…

_Winfried Brand_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Moss, Tara – Freiwild

Immer mehr Studentinnen verschwinden spurlos vom Campus der |University of British Columbia|. Vermisstenmeldungen vergilben und werden vergessen. Dann werden drei Frauenleichen im Bergwald gefunden: Noch ist die Nachricht vom Nahatlatch-Serienmörder nicht in den Gazetten, doch Detective Andy Flynn und seine Kollegen vom |Vancouver Police Department| ahnen, dass der Frauenjäger bereits auf sein nächstes Opfer an der Uni lauert. Und hier studiert auch Andy Flynns Ex-Geliebte, das Supermodel Makedde Vanderwall….

_Die Autorin_

Tara Moss arbeitet als Fotomodell und Schauspielerin. Die gebürtige Kanadierin – vermutlich aus Vancouver – ist inzwischen australische Staatsbürgerin. In Australien spielt auch ihr erster Roman: „Der Fetisch-Mörder“. Darin tritt Makedde Vanderwall zum ersten Mal auf, und in „Freiwild“ wird des Öfteren auf die entsprechenden Geschehnisse verwiesen.

Es ist zwar nicht unbedingt nötig, „Der Fetisch-Mörder“ zu kennen. Aber ich fand es unbefriedigend, nicht über über die wichtigsten Fakten dieses ersten Falles informiert zu werden. So bleibt beispielsweise unklar, wie Makeddes Mutter Jane eigentlich ums Leben kam. Wir können es nur aus Makeddes Albträumen erschließen, doch die sind natürlich eine sehr subjektiv gefärbte Informationsquelle.

_Handlung_

Makedde Vanderwall, blond, jung, groß wie eine Amazone und schön wie der Sonnenaufgang – sagen alle -, verbirgt unter ihrer hübschen Schale schwere Sorgen. Wie ihr Vater und ihre Schwester ihr vorhalten, sollte sie unbedingt mehr Schlaf bekommen. Aber wie denn, wenn im Schlaf die Albträume lauern?

Makedde wäre im australischen Sydney beinahe das Opfer eines Serienkillers (s. o.) geworden, wenn nicht Detective Andy Flynn sie in letzter Sekunde gerettet hätte. Leider half er der Schönheit, aber nicht ihrer Mutter – für die kam jede Hilfe zu spät. Seitdem hat Makedde einen massiven Schuldkomplex, nicht nur ihrer verblichenen Mutter, sondern auch Andy gegenüber, dem sie nichts schuldig sein will. Zu einer Therapeutin will sie aber nicht. Noch nicht.

|So weit, so schlecht.|

Ein Jahr später versucht sie, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und forscht und büffelt für ihre Doktorarbeit in forensischer Psychologie. Deshalb besucht sie auch einen wichtigen Expertenkongress an ihrer Uni in Vancouver. Zu ihrem maßlosen Erstaunen taucht ihr ehemaliger Geliebter Andy Flynn ebenfalls hier auf, denn er begleitet einen der Redner, den Experten Robert Harris aus der FBI-Zentrale, um dessen Vortrag zu hören. Und vielleicht auch ein wenig, um Makedde wiederzusehen. Andy ist immer noch schwer in die Blondine verknallt, hält sich aber vornehm zurück. Doch als es notwendig wird, sie vor erneuter Gefahr zu warnen, kommt er deshalb beinahe zu spät.

Denn an der Uni von British Columbia verschwinden im Abstand weniger Monate Studentinnen spurlos. Erst kurz vor Andys Ankunft wurden von Hunden drei verwesende Leichen junger Frauen gefunden, tief im Bergwald von Nahatlatch. Allen hatte man in den Rücken geschossen. Harris ist wütend: „Nur ein Feigling tut so etwas.“

Doch der Jäger ist schon wieder auf der Lauer, und wir haben das Privileg, ihm bei der „Arbeit“ über die Schulter zu schauen. Sein neuestes Opfer ist die Studentin Debbie Melmeth, die von ihrem Freund sitzengelassen wurde und sich nun über ein wenig tröstende Gesellschaft freut. Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, mit Rohypnol bewusstlos gemacht und in eine Berghütte verschleppt zu werden. Dort gibt es ein böses Erwachen, denn ein Schuss in den Rücken wartet auch auf sie, nachdem der Killer sie gejagt hat.

Erst als sich Makedde mit dem gut aussehenden Bruder des Killers einlässt, gerät auch die Blondine ins Visier des Serienkillers. Ob Andy sie auch diesmal rechtzeitig vor dem Ende bewahren kann?

_Mein Eindruck_

Warum schreiben Topmodels Kriminalromane? Können sie nicht einfach wie andere Berufsgenossinnen Interview um Interview geben und danach die nächste Party besuchen? Brauchen sie auch noch Bücher, um sich zu vermarkten? Offensichtlich doch. Und was läge für eine gut verdienende Frau mit schriftstellerischen Ambitionen näher als einen Krimi zu schreiben? Schließlich werden Kinderbücher nur von den Royals geschrieben und solchen, die sich dafür halten – Madonna zum Beispiel. Profis schreiben Krimis.

Und wenn es schon ein Krimi sein soll, dann hat sich Frau Moss sicherlich mal im Markt umgesehen und sofort gemerkt, dass die wichtigsten Zutaten dafür ein unglaublich schönes Opfer und ein ebenso unglaublich skrupelloser Serienkiller sind. Dieser sollte jedoch nicht irgendein 08/15-Serienkiller nach Schema F sein, sondern der Moss-Schurke weist das wichtigste Merkmal auf, das ihn zu etwas Besonderem macht: eine psychologische Macke.

Nun kann der Laie natürlich behaupten, dass alle Serienkiller eine Macke haben müssen, wenn sie das tun können, was sie tun. Aber zum Glück ist dieses Thema genau der Bereich, mit dem sich die angehende forensische Psychologin Makedde Vanderwall befasst: die Psychologie eines pathologisch kranken Hirns. Mehr soll nicht verraten werden, sonst gibt’s einen Spoiler. Nur so viel: Auch die geistige Erkrankung des Killers ist zur Zeit sehr in Mode. Und als wäre das nicht genug der kriminellen Zutaten, hat er auch noch einen eineiigen Zwillingsbruder.

Als Folge dieser Stapelung von wirkungsvollen Ingredienzien rätselt der Leser eine ganze Weile herum, wer denn nun von all den zahlreichen Kandidaten der echte Täter ist. Daher kann die Autorin die Spannung um dieses Rätsel auch bis zum Schluss aufrechterhalten.

|Schnickschnack|

Wäre nicht die Schilderung der problematischen Psychologie der Heldin, so ließe sich der gesamte Roman auf 200 Seiten abhandeln. Da die Kapitel doch recht kurz sind, wäre die geeignete Fachkraft dafür James Patterson. Aber da nun mal die Autorin Tara Moss heißt, kommen Dinge darin vor, von denen sie am ehesten etwas verstehen dürfte: Foto-Shootings, Make-up-Sitzungen, Familientreffen, Selbstverteidigungskurse, Barbesuche, mehr oder weniger gelungener Sex in mehr oder weniger bewusstem Geisteszustand sowie jede Menge wissenschaftlich klingende Buchtitel, -zitate und -autoren.

|Endlich Action|

Der halbe Roman ist schon für Makeddes chaotisches Seelenleben draufgegangen, als endlich etwas Fahrt in die Handlung kommt. Die Polizei von Vancouver hat die Frauenleichen gefunden, analysiert und einen ersten Verdächtigen auf den Lügendetektor geschnallt. Doch leider ist die Heldin immer noch in größerer Gefahr, als Schlampe abgestempelt zu werden – welch grässliches Schicksal, vor allem offenbar in Vancouver – als vom Serienkiller ins Visier genommen zu werden.

Daher werden nun größere Geschütze aufgefahren und kleinere Kapitel-Brötchen gebacken. Und siehe da! Endlich kommt Leben in die Handlung, die Action beginnt anzurollen, und das Finale kommt am Horizont in Sicht. Wird der verschmähte Ex-Lover die Heldin retten? Oder wird sie sich rechtzeitig ermannen, Schlampe Schlampe sein lassen und dem Killer kräftig eins auf die Mütze geben? Nichts Genaues weiß man nicht, und das Ende soll auch unter keinen Umständen verraten werden.

_Unterm Strich_

Fans anregenden Krimistoffs dürfen hier gerne zugreifen. Sie werden inhaltlich sicherlich nicht überfordert werden, und das erforderliche Zeitkontingent dürfte zwölf Stunden wohl kaum überschreiten. Ideales Lesefutter also für Langstreckenflüge zu Fotoshootinglocations auf den (immer noch nicht abgesoffenen) Malediven oder den Jungferninseln (amerikanische oder britische, je nach Belieben und Männerbedarf).

Allen anderen Krimifans ist sicherlich schon gehaltvollere Krimikost geboten worden. Sie können an diesem Fastfood-Angebot beruhigten Gewissens vorübergehen. Doch wem „Der Fetisch-Mörder“ gefallen hat, wird sicher die Fortsetzung mit dem psychopathischen Waldschrat nicht verpassen wollen.

|Die Übersetzung|

Für Übersetzerin Christine Heinzius war es sicherlich die größte Herausforderung an dieser Arbeit, all die wissenschaftlichen Buchtitel in verständliches Deutsch zu übertragen. Der Rest dürfte wohl ein Klacks gewesen sein. Dennoch blieb mir die Frage nicht erspart, worum es sich bei einem „alkoholfreien Mineralwasser“ handeln könnte (S. 147). Sind nicht alle Mineralwässer alkoholfrei? Vielleicht handelt es sich aber um ein Club Soda, also um ein kohlensäurehaltiges Mineralwasser mit einer Zitronenscheibe drin. Da ist kulturelles Hintergrundwissen gefragt.

Auf Seite 298, kurz vor Erreichen der Ziellinie, stolperte ich über einen Anachronismus – es sei denn, die Sorge um die Ehre einer Frau gehört noch heute zum kanadischen Nationalsport. Die tödliche verwundete Psychiaterin Ann Morgan denkt an jene unselige Zeit zurück, „als sie glaubte, ihre Ehre noch retten zu können“. Schlampe oder nicht Schlampe, das ist hier die Frage. Wen’s interessiert. Die wahrscheinlichste Erklärung für diesen Schnitzer ist wohl, dass es sich um einen Druckfehler handelt: Es müsste statt „Ehre“ wohl „Ehe“ heißen. Dann wird auch für Nichtkanadier ein Schuh draus.

Kerr, Philip – zweite Engel, Der

Ein tödliches, sich global verbreitendes Virus hat die Menschheit in zwei Gruppen gespalten. Infizierte, die mit stark verkürzter Lebensdauer in heruntergekommenen Vorstadtghettos ein von Gewalt und Willkür geprägtes Leben fristen, und Nichtinfizierte, mit Privilegien ausgestattet und von den Aussätzigen weitestgehend isoliert in Luxus schwelgend. Da mit Hilfe eines Blutaustausches Infizierte geheilt werden könnten, ist die einzig wirklich zählende Währung Blut. Daran haben jedoch die elitären Bonzen kein Interesse und horten stattdessen ihr selbst gespendetes oder auch zusätzlich erworbenes Blut in gigantischen Depots.

Dallas, ein Computer- und Sicherheitsexperte, entwickelt komplexe und trickreiche Verteidigungsanlagen, um diese Blutbanken zu schützen. Als klar wird, dass seine Tochter an einer schweren genetischen Erbkrankheit leidet, die nur mit kontinuierlichen Bluttransfusionen gemildert werden kann, erklärt ihn sein Arbeitgeber zum Sicherheitsrisiko. Er würde für die Behandlung seiner Tochter mit der Zeit mehr Blut konsumieren als er sich leisten kann. Die Firma setzt den Killer Rimmer auf ihn an. In einer gnadenlosen Jagd gelingt es Dallas zunächst zu entkommen, doch Rimmer tötet seine Familie. Dallas schwört Rache und schmiedet einen Plan, die größte Blutbank auf dem Mond auszurauben. Dazu muss er den Supercomputer Descartes überlisten und, wie Theseus den Minotaurus, einen Roboter in einem finsteren und voll böser Überraschungen steckenden Labyrinth überwinden.

In großen Teilen erfreulich anspruchsvoll liest sich der Roman des Schotten und hebt sich im Niveau wohltuend von denjenigen seiner amerikanischen Kollegen ab, nicht zuletzt durch die zahlreichen Anspielungen auf klassische Philosophie beziehungsweise auf die griechische Mythologie und die Apokalypse. Den Titel „Der zweite Engel“ hat Kerr vermutlich der Johannes-Offenbarung entlehnt:
|“Und der zweite Engel goß aus seine Schale ins Meer; und es wurde zu Blut wie von einem Toten, …“| (Joh. Offb. 16,3; Luther-Fassung von 1984).

Etwas ermüdend können zwar die zahlreichen Anmerkungen wirken, in denen Kerr die wissenschaftlichen Hintergründe zu erklären versucht, doch die fein durchdachte Geschichte mit der richtigen Dosis Spannung, faszinierenden Spekulationen in Richtung Nanotechnik und Quantenphysik, interessanten technischen Spielereien und einem überraschenden Schluss vertreibt die zähen Passagen zuverlässig und schnell. Dabei kann man auch gelassen über manche biologische Unstimmigkeiten hinwegsehen. Die Vermischung zwischen Fiktion und Realität mag zwar hin und wieder zu einer schwer nachvollziehbaren Logik führen, ist aber sehr unterhaltsam.
Eine Stelle, etwa in der Mitte des Buches, als sich der rachedurstige Dallas mit seiner Crew Richtung Mond aufmacht, um die |First National Blood Bank| auszurauben, erscheint sehr schwach. Der Stil verflacht hier merklich, die Dialoge zwischen den Hauptpersonen sind ziemlich banal und die Spannung kommt erst wieder, als sich der Bösewicht Rimmer eindrucksvoll zurückmeldet.
Hin und wieder mag man starke Ähnlichkeiten zu Dicks „Blade Runner“, „Total Recall“ und Gibsons „Neuromancer“ entdecken, doch auch wenn Kerr hier Vorbilder hatte, gelingt es ihm vortrefflich, sie mit seinen eigenen Ideen zu einem runden Gesamtbild zu verflechten. Ein prächtiges Buch, das in jeder guten SF-Sammlung einen Platz verdient hat:
„Seid guten Blutes“.

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Nachtrag: „Der zweite Engel“ erscheint derzeit zusammen mit „Game Over“ in einem Band bei |Wunderlich| zum Einzelbuchpreis. Zugreifen!

Algernon Blackwood – Besuch von Drüben. Gruselgeschichten

Inhalt:

Eine Sammlung acht klassischer Gruselgeschichten, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat:

Der Horcher (The Listener, 1907), S. 7-43: Der arme Schriftsteller bezieht eine ungewöhnlich billige Wohnung. Allerdings muss er die feststellen, dass der tragisch aus dem Leben geschiedene Vormieter sein Domizil noch nicht verlassen hat.

Die Spuk-Insel (A Haunted Island, 1899), S. 44-64: Auf eine Insel in der Wildnis Kanadas zieht sich ein Student zurück, um fern aller Ablenkung zu lernen. Dies missglückt, weil ihm geisterhafte Indianer auflauern.

Besuch von Drüben (Keeping His Promise, 1906), S. 65-82: Nach vielen Jahren treffen die Freunde Marriott und Field sich wieder. Erst spät erinnert Marriott sich ihres alten Schwurs: Wer zuerst stirbt, kommt den Überlebenden besuchen.

Gestohlenes Leben (With Intent to Steal, 1906), S. 83-110: Der große Abenteurer Shorthouse erfährt von einer Scheune, in der es umgeht. Für den neugierigen Geisterjäger und seinen Gefährten beginnt eine Nacht, an die sie noch lange denken werden – falls sie überleben.

Kein Zimmer mehr frei (The Occupant of the Room, 1909), S. 111-121: Minturn ist froh, in dem überfüllten Schweizer Hotel noch ein Zimmer zu bekommen. Die Vormieterin ist vor ein paar Tagen auf einer Bergwanderung verloren gegangen, doch in der Nacht zeigt sich, dass sie dem müden Reisenden näher ist als diesem lieb sein kann.

Ein gewisser Smith (Smith: An Episode in a Lodginghouse, 1906), S. 122-141: Es ist aufregend, ein Haus zu bewohnen, in dem ein Hexenmeister seine magischen Künste betreibt; das gilt ganz besonders dann, wenn dieser mächtigere Geister heraufbeschwört, als er unter Kontrolle zu halten vermag.

Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York (The Strange Adventures of a Private Secretary in New York, 1906), S. 142-181: Der wackere Shorthouse (s. o.) soll für seinen Brotherrn einen Erpresser austricksen. Dieser lebt in einem überaus einsam gelegenen Haus und lauert bereits darauf, seinem Gast den Aufenthalt unvergesslich zu gestalten.

Griff nach der Seele (A Psychical Invasion, 1908), S. 182-246: Ein übereifriger Schriftsteller versucht, seinen geistigen Horizont mit Hilfe von Drogen zu erweitern; tatsächlich öffnet er die Pforte zu einer Dimension böser Geister, von denen ihm einer nun im Nacken sitzt. Dr. John Silence, der berühmte Psychologe und Fachmann für das Okkulte, nimmt sich des Falles an.

Wo Geister richtig zur Sache gehen

Diesen „Besuch von drüben“ laden wir uns gern ein, wenn die Nächte wieder länger werden und zum Lesen einladen. Hier spukt es noch richtig, weil für den Verfasser nie der Wunsch, sich bei der Literaturkritik, die handgreiflich auftretende Gespenster nicht sonderlich schätzt, lieb Kind zu machen, im Vordergrund stand. Stattdessen wollte Algernon Blackwood sein Publikum unterhalten, ohne es gleichzeitig als Schar dummer Tröpfe abzuqualifizieren, denen es nur einen möglichst großen Schrecken einzujagen gilt.

Blackwoods Erzählungen sind deshalb spannend und unterhaltsam, denn ihr Verfasser war kein versponnener, weltabgeschieden hausender, sondern ein neugieriger, weit gereister Mann, der fest mit beiden Beinen im Leben stand. In gewisser Weise spiegelt „Besuch von Drüben“ sogar Blackwoods Biografie wider. Unglücklichen Familienverhältnissen entfliehend, reiste der junge Algernon nach Kanada („Die Spuk-Insel“, seine erste und schon meisterhafte Geistergeschichte überhaupt!) und ging später in die Vereinigten Staaten („Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“), wo er sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler versuchte. 1899 kehrte er nach England zurück, unternahm aber auch später ausgedehnte Europareisen („Kein Zimmer mehr frei“). Die daraus resultierenden Erfahrungen flossen in sein Werk ein: Jedem Leser ist sogleich klar, dass Blackwoods kanadische Wildnis oder seine Alpendörfer keine Hirngespinste sind.

Ist da noch etwas?

Diese Ortskenntnisse werden ergänzt durch ein immenses Wissen des Okkulten und Übersinnlichen, für das sich Blackwood seit seiner Kindheit brennend interessierte. Im Jahre 1900 trat er dem „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei, was seine mystischen Kenntnisse enorm erweiterte; „Ein gewisser Smith“ zeigt einen Magier bei der Arbeit, die dem Verfasser zumindest theoretisch vertraut war.

Hinzu tritt schließlich die Faszination über die neue, noch höchst umstrittene Wissenschaft der Psychologie. Blackwood glaubte an eine Welt des Okkulten, die bevölkert wird von bösen oder besser: der menschlichen Moral nicht unterworfenen, fremdartigen Geistwesen auf der einen und den klassischen Gespenstern auf der anderen Seite – Manifestationen im Leben wie im Tode kraftvoller, von starken Emotionen getriebener Seelen oder auch nur den Gefühlen selbst, die sich durchaus selbstständig machen und blindwütige („Gestohlenes Leben“) oder ziellose („Kein Zimmer mehr frei“), aber nicht wirklich intelligente Phantome formen können.

Alle diese Wesen leben normalerweise in ihrer eigenen Sphäre. Dort können sie zufällig gestört oder angelockt („Griff nach der Seele“), aber auch gezielt gerufen werden („Besuch von Drüben“, „Ein gewisser Smith“). Das theoretische Fundament, wie es hier skizziert wurde, lässt Blackwood in „Griff nach der Seele“ stellvertretend Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“ – eine Mischung aus Sigmund Freud oder C. G. Jung und Sherlock Holmes – erläutern. Blackwoods Konzept ist auch deshalb zu interessant, weil es schon deutlich die Grenzen der klassischen viktorianischen Schauerliteratur sprengt, die das Gespenstsein primär als Strafe für diverse Verfehlungen wertete, derer sich der Geist im Leben strafbar gemacht hatte.

Geister klassisch und modern

Der frühe Blackwood ist noch nicht gänzlich frei von dieser Haltung: Der unglückliche Blount in „Der Horcher“ hat sich seinem schrecklichen, ohne jedes eigene Verschulden erlittenen Schicksal durch Selbstmord entzogen. Weil er so Gott, der aus unerfindlichen Gründen ein natürliches aber qualvolles Ende für ihn vorgesehen hatte, ins Handwerk pfuschte, muss er seine nun doppelt elende Existenz im Tode fortsetzen: ein wahrlich alttestamentarische Weltsicht, die im Kontext freilich nicht zwangsläufig befürwortet, sondern von Blackwood, dem Okkultisten, der wahrlich kein Bilderbuch-Christ war, auch angeprangert wird.

Ein wenig aus dem Rahmen fällt die Story „Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York“. Hier lässt Blackwood das Grauen nicht schleichend auftreten, sondern entwirft – dem amerikanischen Schauplatz wohl angemessen – eine aktionsbetonte, teilweise witzig überzogene Grusel-Groteske im Stile Edgar Allan Poes. Zur Abwechslung wird nichts erklärt, sondern einfach nur geschildert. Dem Leser bleibt es dieses Mal selbst überlassen, sich einen Reim auf die Erlebnisse des unerschrockenen Jim Shorthouse zu machen.

Leider wird bei dieser Gelegenheit einer der weniger angenehmen Wesenszüge Blackwoods offenbar: Die Figur des Juden Marx trägt unverkennbar antisemitische Züge. Sollte dies keine ‚Zugabe‘ des Übersetzers sein, hätte der Verfasser der latenten, alltäglichen Judenfeindlichkeit der britischen Gesellschaft ein Denkmal gesetzt, so wie wenige Jahre später Hollywood Amerikas Indianer in aller vermeintlichen Unschuld als blutrünstige Wilde und Bilderbuch-Bösewichte zu missbrauchen begann. Unerfreulich bleiben die für die Geschichte völlig unnötigen und daher noch deutlicher ins Auge stechenden Unterstellungen aber allemal.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill in der Grafschaft Kent (heute ein Teil Londons) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die während dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, dem Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem sein Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, floss rasch in die Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller eine. Blackwood gehörte zu den Pionieren, die einen psychologischen Blick auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „Physican Extraordinary“ Dr. John Silence (1908), der sich am Vorbild Sigmund Freud orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattet war.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) alte Mann jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

Die Algernon-Blackwood-Sammlungen des Suhrkamp-Verlags:

(1969) Das leere Haus (TB 30 u. 1664/Phantastische Bibliothek 12 u. 339)
(1970) Besuch von Drüben (TB 411 u. 2701/Phantastische Bibliothek 10 u. 331)
(1973) Der Griff aus dem Dunkel (TB 518/Phantastische Bibliothek 28)
(1982) Der Tanz in den Tod (TB 848 u. 2792/Phantastische Bibliothek 83 u. 355)
(1989) Die gefiederte Seele (TB 1620/Phantastische Bibliothek 229)
(1993) Rächendes Feuer (TB 2227/Phantastische Bibliothek 301)

Taschenbuch: 247 Seiten
Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
http://www.suhrkamp.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Bandini, Ditte / Bandini, Giovanni – Drachenbuch, Das

Drachenerzählungen finden wir in allen Kulturen der Erde, und sie geben nach wie vor den Märchenforschern und Mythenkundlern Rätsel auf, die nicht eindeutig geklärt sind. In der christlichen Kultur vor allem mit dem Teufel gleichgesetzt, sieht es mit dem Drachen in anderen Kulturen – vor allem in China – ganz anders aus. C. G. Jung sah den Drachen als das Unbewusste und intuitiv Weibliche. Diesem Gesichtspunkt schließen sich viele an, indem sie dem Drachen das Dunkle zurechnen und die zahlreichen Drachentöter, wie den Heiligen Georg oder Siegfried, den Sonnen- und Lichtkräften zuordnen. Seit |Tiamat|, der ältesten Überlieferung einer drachenartigen Urgöttin Babylons, zieht sich die Geschichte der Drachen in verschiedensten Ausprägungen durch die Zeiten bis heute zu uns. Im deutsch-germanischen Sprachschatz ist der Begriff |Drache| dabei gar nicht mal so alt. Wir sprachen vom |Lindwurm|, ein Name, der sich vom althochdeutschen |lint| (= weich, zart, biegsam) und |wurm| (=Wurm, Schlange) ableitet.

Die beiden Autoren des „Drachenbuches“ bieten einen Einblick in die wundersame Welt der Drachen, der sich vor allem an eine jüngere Leserschaft richtet. Für Märchenfreunde, Hobbyritter und Fantasyfans ist es eine wahre Fundgrube.

Natürlich kommt der bekannteste Drachenkämpfer Siegfried auch nicht zu kurz und ist Gegenstand eines eigenen Kapitels. Für Leser in Worms ist dies deswegen interessant, da die verschiedenen Versionen der Sage detailliert dargestellt sind. Hier heißt bekannterweise der Drache |Fafnir|, der den Schatz der Nibelungen hütet. Neben dem Nibelungenlied gibt es mehrere Lieder der älteren |Edda|, den Völsungen, die Thidrekssage, das Lied des Hünen Seyfried, das zwar erst Jahrhunderte später aufgezeichnet wurde, aber in manchen Teilen genauso alt wie die altnordischen Dichtungen ist, sowie das umfangreiche Volksbuch von dem gehörnten Siegfried. Ausgerechnet im Nibelungenlied wird – anders als etwa in Wagners |Ring des Nibelungen| – Siegfrieds Drachenkampf nur am Rande erwähnt.

Neben den Mythen aus allen Kulturbereichen unserer Welt kommen auch die Randgebiete zur Sprache, wie zum Beispiel die Drachenadern, hierzulande eher als „geomantische Leylinien“ bezeichnet, die Dinosaurierforschung, der alchemistische Drache als Symbol des Zustands der unvollkommenen Materie, Drachen in Wappen, Kunst und Literatur. Lohnenswert ist die Aktualität, welche die Autoren in ihrem durchgehend und reichhaltig illustrierten Werk berücksichtigten, wodurch die modernsten Varianten in der Kinderliteratur von Michael Endes „Jim Knopf“, in dessen Gefolge Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ in den siebziger Jahren eine Flut von Kinderbüchern mit Drachen auslöste, bis hin zu den Drachen in der Fantasy ebenso Beachtung finden. Auch durch Filme wie „Dragonheart“ und die zahlreichen Fantasy-Rollenspiele bewirken Drachen noch heutzutage unverändert eine magische Faszination. Es gibt sie noch und sie sind erneut aus ihrem Teufelsloch, in dem sie so lange sitzen mussten, herausgekommen.

Interview mit Michael Marrak

Michael Marrak, Jahrgang 1965, lebt seit Anfang 2001 in Hildesheim bei Hannover und arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Illustrator. Seine erste Erzählung wurde 1990 veröffentlicht, seither erschienen zahlreiche Erzählungen und Illustrationen in Magazinen und Anthologien. 1997 debütierte er mit seinem ersten Roman „Die Stadt der Klage“. Ende 2000 erschien schließlich der Roman „Lord Gamma“, mit dem er ein Jahr später den Kurd-Laßwitz-Preis und den Deutschen Phantastikpreis für den besten deutschen SF-Roman des Jahres gewann. In „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ erschien 2002 der Roman „Imagon“, der ebenfalls den Kurd-Laßwitz-Preis für den besten Roman erhielt. Bei Bastei-Lübbe wurde „Imagon“ in diesem Jahr als Taschenbuch veröffentlicht.
Das Gespräch wurde Ende Mai geführt. Weitere Informationen zum Autor finden sich im Internet auf http://www.marrak.de.

Buchwurm.info:
In den letzten Jahren gab es zwei sehr erfolgreiche Romane von dir. Im Rückblick auf „Lord Gamma“ und „Imagon“: Hättest du den großen Erfolg der beiden Romane erwartet?

Michael Marrak:
Was „Lord Gamma“ betrifft: Nein. Ich hatte lediglich gehofft, dass sich deutlich mehr Leute für das Buch interessieren würden als die wenigen hundert Stammleser, die ich damals (in meiner Kleinverlagszeit) noch hatte. Die „Lord Gamma“-Originalauflage im Shayol-Verlag betrug gerade mal 300 Exemplare. Davon, dass der Roman zwei Jahre später als Buchtipp des Monats bei Lübbe veröffentlicht werden würde, träumte ich zu dieser Zeit noch nicht einmal. Im Mai 2002 erschien „Lord Gamma“ schließlich in fünfstelliger Auflage als Lübbe-Taschenbuch, und bereits im Startmonat verkauften sich knapp 4000 Exemplare. Erst da dachte ich: Oha, das könnte interessant werden …

Allerdings wehre ich mich gegen den Trugschluss, „Imagon“ und „Lord Gamma“ seien Erfolgsbücher, nur, weil ich für sie einige Preise erhalten habe. Erfolg hat nichts mit einem (zumal undotierten) SF-Literaturpreis zu tun. Erfolg rechnet sich in meiner jetzigen Situation als freier Schriftsteller einzig und allein durch Absatzzahlen und darüber, ob ein Buch für den Verlag rentabel ist oder der Autor schlicht und einfach seine Vorschüsse nicht einspielen kann, weil sich seine Bücher nicht verkaufen.

Das Schlimmste, was mir als Autor bei einem großen Verlag wie Lübbe passieren könnte, wäre, dass ich bei den Buchhaltern den Makel eines Autors bekomme, der seine Garantiesumme nicht wert ist. Seine Vorschüsse einzuspielen ist wichtiger als jeder eventuelle Preisgewinn eines Kurd Laßwitz oder was auch immer. Zumal sich die deutschen SF- und Phantastikpreise definitiv noch nie groß auf die Verkäufe ausgewirkt haben. Also bitte einem Buch nicht sofort einen Erfolgsstempel aufdrücken, nur weil „Literaturpreis“ draufsteht.

Buchwurm.info:
Was dachtest du, als „Lord Gamma“ rechtzeitig zum Kurd-Laßwitz-Preis nicht mehr lieferbar war?

Michael Marrak:
Ich habe mich geärgert. Bei der Preisverleihung in Dresden gab es das Novum, dass ein Phantomroman ausgezeichnet wurde: Die Originalauflage war vergriffen, die Neuauflage noch nicht erschienen. Zwar war damals bereits das Taschenbuch bei Lübbe geplant, aber bis zur Wiederveröffentlichung war es noch fast ein Jahr hin. Ich fürchtete, dass sich bis dahin kaum noch jemand an das Buch erinnern würde. Glücklicherweise war das am Ende nicht der Fall. Das Buch kletterte z. B. bei Amazon.de innerhalb weniger Tage bis auf Verkaufsrang 4. Ich war völlig baff, fand mein Buch plötzlich in Konkurrenz zu Romanen von Henning Mankell, Tom Clancy, Ken Follett und dem Dalai Lama. Das dauerte zwar nur zwei oder drei Wochen, begeisterte mich aber dermaßen, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes zum Ranking-Surfer mutierte …

Buchwurm.info:
„Abydos“ ist der Arbeitstitel deines kommenden Romans. In welche Richtung wird es diesmal gehen, nach den zwei sehr unterschiedlichen Vorgängern? „Lord Gamma“ ist erstklassige Science-Fiction, „Imagon“ eine Mischung aus SF und Wissenschaftsthriller, wobei man ihm eine deutliche Horror-Komponente nicht absprechen kann – Was kommt als Nächstes?

Michael Marrak:
Ein recht umfangreicher, phantastischer Roman, den ich aus dem Stehgreif nur sehr schwer definieren kann. Es ist ein Synergy-Projekt – ein Crossover aus SF, Phantastik, Horror und Wissenschafts-Thriller mit einem deftigen Schuss Religion und altägyptischen Mythen. Ich tue mich mit dem Einordnen des Stoffes ein wenig schwer, doch man könnte ihn vielleicht als eine Mischung aus Ian McDonalds „Necroville“, Farmers „Flusswelt der Zeit“ und einer sehr modernen Version von Dantes „Göttlicher Komödie“ beschreiben – falls irgendjemand Wert auf derartige Vergleiche legt. „Abydos“ ist nicht ganz so hysterisch wie „Lord Gamma“, aber auch nicht mehr so kalt und bedrückend wie „Imagon“. Es wird – schon allein aufgrund des Handlungsumfeldes – ein sehr zynischer Roman mit einer gesunden Portion an schwarzem Humor … und knietief Blut … 😉

Buchwurm.info:
Abydos ist eine heilige Stadt in Ägypten, ihr wichtigstes Gebäude ist der Sethos-Tempel. Laut Legende hatte in Abydos die Auferstehung des Gottes Osiris stattgefunden, dessen Kopf hier begraben wurde. Ist „Abydos“ vielleicht doch nicht nur Arbeitstitel?

Michael Marrak:
Doch, im Grunde schon. Die Stadt wird lediglich hin und wieder unter ihrem alten ägyptischen Namen Abdju erwähnt (Abydos ist der Name, den die Griechen der Stadt gaben – wie auch der Großteil aller uns bekannten ägyptischen Namen und Begriffe erst von den Griechen geprägt wurde). Die antike Tempelstadt Abydos ist die einstige Heimat einer meiner Hauptfiguren und kommt u. a. in einer Rückblende vor, besitzt im Roman jedoch keine tragende Rolle. Der tatsächliche Romantitel erinnert mehr an eines der fünf Bücher Moses …

Buchwurm.info:
Die Erwartungen der Leser (und Redaktionen) bezüglich „Abydos“ sind durch deine bisherige Leistung sicher enorm. Belastet dich diese Erwartungshaltung?

Michael Marrak:
Nein, eigentlich nicht. Ich ziehe, wie es so schön heißt, mein Ding durch. Die einzige Belastung, die enorm ist, ist mein weiterhin schmerzendes Handgelenk. Leider hat die Operation vor anderthalb Jahren nicht die erhoffte Verbesserung gebracht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Buchwurm.info:
Ja, davon habe ich gehört. Du musstest die Arbeit an „Abydos“ zeitweise einstellen. Ich wünsche dir alles Gute für die Genesung! War es schwer, nicht schreiben zu können, oder hast du die Pause auch genossen?

Michael Marrak:
Genossen? Ich bin schier verrückt geworden! Die größte Pause gab es jedoch während der Arbeit an „Imagon“. Damals erwischte es mich mitten im Roman. Bei „Abydos“ konnte ich lediglich nicht mit dem Schreiben beginnen, was jedoch nicht weniger quälend war.

Das eigentliche Problem war, dass ich durch die lange Pause von fast einem Jahr irgendwann völlig den Faden verloren hatte und nicht mehr wusste, welches Projekt ich nun als nächstes anfangen bzw. zuende bringen sollte. Zu viel nutzlose Zeit bedeutet zwangsläufig, dass sich zu viele Ideen anstauen. Ich verlor das ursprüngliche Ziel aus den Augen, konnte mich monatelang nicht entscheiden, was ich als nächstes schreiben werde. Für eines der drei in Frage kommenden Romanprojekte fühlte ich mich noch nicht reif und vorbereitet genug, daher beschloss ich, zuerst noch ein Buch dazwischenzuschieben. Ich schrieb schließlich an einem Roman weiter, von dem ich überzeugt war, dass er der richtige sei und Lübbe gefallen werde. Tat er aber nicht, was sehr, sehr ärgerlich war. Stattdessen interessierte mein Lektor sich für ein Projekt, an dem ich nebenher arbeitete, sozusagen for my private satisfaction, ohne das Ziel, dieses Buch Lübbe anzubieten. Und falls doch, dann erst, wenn ich es mir vom Erfolg her leisten konnte, dem Verlag so etwas Abgedrehtes vorzulegen, ohne dafür gekreuzigt zu werden. Ich schrieb diesen Roman für mich, weil ich Spaß daran hatte, keinem Exposé oder Konzept folgen zu müssen, sondern mich von der Entwicklung der Handlung überraschen zu lassen. Und ausgerechnet dafür interessierte sich mein Lektor, weil er nach „Imagon“ gerne noch ein Buch bringen wollte, das eindeutiger in die SF-Reihe passt als das abgelehnte. Nun gut, dachte ich, kein Problem, soll mir recht sein. Also schickte ich ihm die ersten einhundert Seiten … Und was soll ich sagen? Das Ding gefiel ihm!

Ich erwarte von „Abydos“ nicht, dass es ein kommerzieller Erfolg wird, dazu ist der Roman zu schräg und zu … wie soll ich sagen? Grotesk? Absonderlich? Unkonventionell? Abgedreht? Gewisse Leute, die nach wie vor glauben, ich schreibe meine Bücher nur unter Drogen, werden sich durch diesen Roman zweifellos bestätigt fühlen. „Abydos“ ist Wasser auf ihre Mühlen.

Buchwurm.info:
Bei „Imagon“ stammt auch das Titelbild von dir – meiner Meinung nach übrigens sehr gelungen. Wirst du auch dein neues Buch selbst illustrieren?

Michael Marrak:
Das kann ich noch nicht sagen. Eventuell, falls mir etwas Passendes einfällt und gelingen mag. Allerdings habe ich vor einigen Wochen auch ein Wunschtitelbild an den Verlag geschickt, jedoch noch keine Reaktion darauf erhalten. Es ist von einem amerikanischen Illustrator und würde zu „Abydos“ passen wie kaum ein zweites. Mal sehen. Ich bleibe am Ball.

Buchwurm.info:
Was machst du, wenn du gerade mal keinen Bestseller schreibst?

Michael Marrak:
Korrektur: „Imagon“ ist (bisher) kein Bestseller, und ich denke, er wird sich im Gegensatz zu „Lord Gamma“ auch im eher begrenzten Rahmen dessen verkaufen, was von SF normalerweise umgesetzt wird. Ich kann mich natürlich irren und lasse mich gerne überraschen. Aber mal ehrlich: Die einzige „Bestsellerliste“, in die „Lord Gamma“ damals geklettert war, war die von Amazon.de. Für einen als SF ausgewiesenen Roman hat er sich wirklich außerordentlich gut verkauft, was nicht wenige überrascht hat. Ob „Imagon“ einen ähnlich erfolgreichen Weg einschlagen wird, bleibt abzuwarten. Das Lübbe-Taschenbuch ist ja erst seit kurzem erhältlich.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich bin ein klassischer Elfenbeinturm-Bewohner. Ein Stubenhocker, der sehr viel (und sehr intensiv) Musik hört, leider viel zu wenig Unterhaltungsliteratur liest und seit kurzem wieder als Illustrator arbeitet, um einen Ausgleich zum recht anstrengenden Schreiben zu haben. Falls ich lese (was ich eigentlich jeden Tag tue), dann zumeist der Recherche wegen, also Sachbücher, themenspezifische Internetartikel oder Magazine wie National Geographic (im Abo), PM, Sterne und Weltraum oder Kemet, ein Magazin zur Ägyptologie. Daneben bin ich leidenschaftlicher Filmegucker, und unser DVD-Player ist neben meinem Schreibrechner und der Stereoanlage wohl das am meisten ausgelastete technische Gerät im Haus.

Buchwurm.info:
Noch eine unvermeidliche Frage: Wie sieht dein täglicher Rhythmus aus? Oder hast du keinen?

Michael Marrak:
Ich habe keinen. Ich bin ein Chaot. Ich prügele mich 365 Tage im Jahr mit meinem inneren Schweinehund, finde täglich ebenso viele Ausreden, um mich vor dem Schreiben zu drücken, stehe mal morgens um fünf, mal mittags um zwei oder mal abends um acht auf, arbeite nur dann, wenn ich wirklich einen klaren Kopf habe und mich konzentrieren kann, und dann in der Regel in Exzessen, um anschließend wieder eine Schaffenspause einzulegen … Oder besser gesagt: in ein Schaffensloch zu fallen. Bis zum nächsten Schreibanfall. Dazwischen liegt ebenso viel Hysterie wie Depression, Euphorie, Trägheit und die Tatsache, dass wegen des schmerzenden Handgelenks (Karpaltunnelsyndrom) oft kein geregeltes Arbeiten möglich ist.

Buchwurm.info:
Im Juni soll die Primärarbeit an „Abydos“ beendet sein. Was kommt danach, und warum erscheint der Roman erst im Frühjahr 2005?

Michael Marrak:
Ich denke, nach „Abydos“ werde ich erst mal einen kurzen Jugendroman vollenden, auf den der Thienemann-Verlag bereits geduldig wartet. Die mir angebotene Chance, in diesem Genre Fuß zu fassen, möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Gleichzeitig werde ich elf oder zwölf meiner Erzählungen für eine Storysammlung, die Anfang/Mitte 2005 im Festa-Verlag erscheinen soll, zusammenstellen und überarbeiten. Bis zum Jahresende möchte ich mit beiden Projekten fertig sein, um mich danach jenem Roman zu widmen, mit dem ich bei Lübbe in die Allgemeine Reihe wechseln werde (das ist kein Wunschdenken, sondern bereits unter Dach und Fach). Ich arbeite sozusagen auf den nächsten Quantensprung hin. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik.

Der Grund, warum „Abydos“ erst in einem Jahr erscheint, liegt in der langen Vorlaufzeit des Verlags. Lektorat, Überarbeitung, Satz, Druck der Vorabexemplare für die Verlagsvertreter und die Medien, Werbung, Prospektpräsenz, etc. Das geht alles nicht so ratz-fatz wie in Kleinverlagen, in denen man das Manuskript abgibt und das Buch manchmal schon vier Wochen später gedruckt vorliegt. „Abydos“ ist ja nicht das einzige Buch, das im Mai 2005 bei Lübbe rauskommt. Es geht hier um die Koordination zahlloser Neuerscheinungen, und das meist über Jahre im Voraus.

Buchwurm.info:
Laut Homepage hast du Verträge bis einschließlich 2006. Darunter fallen die beiden (Tarn-)Titel „Abydos“ und „Gaia“. Wie lange braucht es durchschnittlich zur Veröffentlichung eines Romans?

Michael Marrak:
Ich kann bei dieser Frage nur von meiner eigenen Arbeit ausgehen und nicht für andere Autoren sprechen, die weitaus zügiger und beständiger arbeiten können. Ich schreibe wegen der Sache mit der Hand verhältnismäßig langsam, oder besser gesagt: in kleineren Häppchen. Der Vorteil: Ich kann mir für ein Buch mehr Zeit lassen. Der Nachteil: Ich brauche für einen Roman doppelt so lange wie Autoren, die einem geregelten Tagesrhythmus folgen und sechs bis acht Stunden am Tag schreiben können (wie ich sie darum beneide!). Der Vorteil des Nachteils: Ich werde niemals als Vielschreiber verschrieen sein, dessen Qualität auf Kosten der Quantität leidet. Das hat auch was. Ich möchte auch in zehn oder zwanzig Jahren noch zu meinen Büchern stehen können und nicht verschämt sagen müssen: „Das ist scheiße, aber ich hab das damals auch nur runtergehauen …“

Für einen Roman brauche ich in der Regel anderthalb Jahre. Eher zwei, da ich meist nicht allein an einem einzigen Projekt arbeite und in dieser Zeit noch die eine oder andere Erzählung schreibe. Nach Ablieferung des Manuskripts dauert es noch mal neun bis zwölf Monate, bis das Buch erscheint.

Buchwurm.info:
Ist „Gaia“ die momentan künftigste Planung (und worum handelt es sich dabei)?

Michael Marrak:
Was nach „Gaia“ kommt, weiß ich tatsächlich nicht. Und bevor du fragst: Dieser Arbeitstitel ist ebenso irreführend wie „Abydos“, umreißt aber grob das Spielfeld. „Gaia“ wird mehr oder minder ein SF-Roman werden, bei dem der SF-Aspekt jedoch sehr verhalten behandelt wird. Das vermeintlich Phantastische wird in ihm größtenteils auf Realität und tatsächlichen Gegebenheiten basieren. Er wird auf drei Kontinenten spielen, und das sowohl im 13. als auch im 21. Jahrhundert. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. „Gaia“ wird jedenfalls keinem meiner bisherigen Romane ähneln.

Der Roman wird frühestens Ende 2006 erscheinen, eher noch Anfang 2007, da ich wie erwähnt ein Jugendbuch dazwischenschieben will und zudem im September dieses Jahres für drei Monate nach Wien gehe. Das Kunst-Stipendium habe ich zugunsten von „Abydos“ bereits um ein halbes Jahr verschoben, und in den drei Monaten im Wiener Museumsquartier möchte ich mich mehr der bildhaften Kunst widmen als dem Schreiben.

Buchwurm.info:
Was machst du heute abend?

Michael Marrak:
Ich versuche endlich zu schlafen. Letzte Nacht hat’s nicht geklappt, da ich am Abend zuvor zweieinhalb Liter Cola getrunken hatte. Jetzt bin ich seit über dreißig Stunden wach und pfeife aus dem letzten Loch. Schon blöd, wenn man „light“ und „koffeinfrei“ miteinander verwechselt … Na ja, wahrscheinlich schreibe ich noch einen „Panorama“-Eintrag und guck später noch „Underworld“ als Betthupferl.

Buchwurm.info:
Ich wünsche dir dabei viel Spaß und weiterhin viel Erfolg mit deiner Arbeit! Vielen Dank für das interessante Interview! Ich glaube, nicht nur ich, sondern auch viele andere Leser warten gespannt auf dein nächstes Buch.

Michael Marrak:
Ich habe zu danken. Und was das nächste Buch betrifft: Ich bin am meisten gespannt, wie es endet …

Kurzbibiliographie:

„Die Stadt der Klage“
Roman, Edition Mono, Wien 1997

„Die Stille nach dem Ton“
5 Novellen, Edition Avalon, Berlin 1998

„Lord Gamma“
• Roman, Shayol, Berlin 2000
• Taschenbuchausgabe: Bastei Lübbe TB 24301, Bergisch Gladbach 2002

„Imagon“
• Roman, Festa, Almersbach 2002
• Taschenbuchausgabe: Bastei Lübbe TB 24325, Bergisch Gladbach 2004

„Die Ausgesetzten“
in: „Eine Trillion Euro“, Andreas Eschbach (Hrsg.),
Bastei Lübbe TB 24362, Bergisch Gladbach 2004

Foto: Irena Brauneisen, 2006. Quelle: marrak.de

Ringo, John – Invasion – Der Aufmarsch (Invasion 1)

Im Jahre 2011 werden drei Jahre lang eine Milliarde Alien-Soldaten der |Posleen| die Erde erobern wollen. So haben es die friedlichen Aliens der „Föderation“ den Oberhäuptern der G8-Staaten und Chinas angekündigt. Die Erdsoldaten sollen zuvor helfen, die Posleen abzuwehren. Doch es gibt einen Haken.

_Der Autor_

Der Amerikaner John Ringo war zunächst Fallschirmjäger in der Armee, bevor er sich der Militär-Science-Fiction zuwandte und mit seinem Invasions-Zyklus Erfolg hatte. Die Autoren der Military Science Fiction wie etwa David Weber oder Jerry Pournelle bilden international eine wachsende Community, die in regem Kontakt zueinander steht. Natürlich kennen sie auch Tom Clancy. Ringo lebt in Commerce, Georgia, mit seiner Familie. Wie ich schon vermutete, siehe unten, hat Ringo auch Fantasyromane verfasst. Mehr Informationen unter: http://www.johnringo.com/.

Der Zyklus |“Legacy of the Aldenata“| besteht aus folgenden Bänden:

– Invasion: Der Aufmarsch (06/6461) (ISBN 3453875397)
– Invasion: Der Angriff (3453879031)
– Invasion: Der Gegenschlag (345352005X)
– Invasion: Die Rettung (3453520173)

_Handlung_

Michael O’Neal, ein rechtschaffener Webdesigner und Autor von Militär-Science-Fiction mit einer Familie, traut seinen Ohren kaum, als ihn eines Morgens General Jack Horner anruft, sein alter Chef von der Army. Horner gibt ihm die Chance, bei einer geheimen Kommandosache mitzumachen und dabei Rang und Geld zu verdienen. Mighty Mike ist alles andere als begeistert.

Die geheime Kommandosache stellt sich als Alien-Invasion heraus, die es abzuwehren gilt. Na Prost, denkt sich Mike, das wird weder Sharon (seiner Frau) gefallen noch sonst jemandem – falls es überhaupt herauskommt. Der US-Präsident hat seine Kommandeure angewiesen, Stoßtrupps (Strikes) aufzustellen, um die |Posleen| auf den Welten der friedlichen Alien-Föderation auszukundschaften, die sich schon über 150 Jahre gegen die Eroberer wehren und Planeten um Planeten verlieren.

Der Präsi ist verständlicherweise besorgt, denn schon in fünf Jahren, also 2011, würden über Jahre verteilt rund eine Milliarde Posleen-Soldaten den Erdraum angreifen – sagen die |Galakter|. Die Eroberer haben bereits 72 Föderationswelten unter ihre Herrschaft gebracht, weil die friedlichen Föderationsspezies keine Agression kennen oder sie zumindest vehement ablehnen.

Die Aliens der |Himmat| sind beispielsweise so eingestellt, dass sie sich wie Chamäleons ihrer jeweiligen Umgebung anpassen, um sich unsichtbar zu machen. Die |Darhel|, |Tchpht| und |Indowy| sind ähnlich defensiv eingestellt und daher richten sie an die Erdlinge die Bitte, ihnen zu helfen. Allerdings haben sie insgeheim selbst Angst, dass sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Immerhin geben sie den terranischen Truppen galaktische Technologie (GalTech), mit der sie ihre militärischen Fähigkeiten auf fremden Planeten und im Weltraum erheblich verbessern können.

Und so kommt es, dass ein erstes Kommando auf dem Dschungelplaneten Barwhon landet, der angeblich noch nicht von Posleen erobert wurde. Sie erleben eine böse Überraschung. Und Mike O’Neal wurde dem ersten terranischen Raumschiff mit NATO-Truppen an Bord als ausbildender Berater für GalTech-Kampfanzüge zugewiesen, das zum angegriffenen Planeten Diess fliegt. Merkwürdig sind allerdings zwei Dinge: Die |Darhel|-Vermittler, die die Oberklasse der Aliens stellen und sämtliche GalTech liefern, haben die Terraner im Stich gelassen.

Noch seltsamer findet Mike aber die Tatsache, dass ihm der Befehlshaber der NATO-Truppen, Colonel Youngman, als Erstes einen Maulkorb verpasst: Mike darf nicht das tun, worin er gut ist, wozu man ihn hergeschickt hat und was die ungenügend ausgebildeten Truppen am dringendsten brauchen, wenn sie auf die Posleen treffen. Also entweder ist Oberst Youngman paranoid, superblöd oder hier läuft eine ganz krumme Geschichte. Aber Mike findet immer Mittel und Wege, den im Militärsystem eingebauten Irrsinn zu umgehen und eine katastrophale Niederlage auf Diess abzuwenden.

_Mein Eindruck_

Wie erzählt man eine in galaktischen Entfernungen stattfindende Invasion? An dieser Frage haben sich schon manche Autoren die Zähne ausgebissen. Doch manche haben auch mit ihrer jeweiligen Methode Erfolg gehabt. Die Kunst liegt in der Beschränkung: an Personal, an Blickwinkeln, an Zeit.

|Drei Schauplätze|

Und so hat sich auch John Ringo zu Herzen genommen, dass weniger diesmal mehr ist, wenn der Leser nicht völlig den Überblick verlieren soll. Nach einem ziemlich personalreichen ersten Viertel, in dem es von Obersten, Generälen und vor allem Sergeants nur so wimmelt, verengt sich das Geschehen in den Einsätzen auf drei Schauplätze: auf Diess, wo Michael O’Neal sein Bestes gibt; auf Barwhon, wo die Kundschafter zu Tierfängern umfunktioniert werden; und auf der Erde, wo sich First Sergeant Pappas, ein Vietnamveteran, mehreren Herausforderungen in Gestalt von Rekruten und korrupten Unteroffizieren gegenübersieht.

|Viele Blickwinkel|

An diesen drei Orten kann der Blickwinkel kurzzeitig wechseln, weg von der Hauptfigur hin zu einem Nebenakteur. Zu diesen gehören auch zwei hohe Befehlshaber der feindlichen Posleen. Es ist also nicht so, dass der Feind gesichtslos und sprachlos auftaucht, nur damit man ihn als Objekt auch ohne Skrupel abknallen kann. Dieser Feind hat eine deutlich definierte Befehlshierarchie, eine eigene Sprache und furchteinflößende Waffensysteme, die etlichem Gerät, das die Menschen aufzubieten haben, überlegen sind. Von der besseren Taktik ganz zu schweigen. Der Sieg, sollte er gelingen, wird auf jeden Fall nur unter größten Opfern zu erringen sein.

|Schriftsteller als Experten?|

Was den Leser stutzig macht, ist der Umstand, dass Mike O’Neal zwar der totale Experte für die von den Darhel gelieferten Gepanzerten Kampfanzüge (GAKs) ist, aber im Grunde doch nur ein Science-Fiction-Schriftsteller und Webdesigner mit früherer Militärerfahrung. Deswegen ist er nicht nur in den Augen der regulären Militärs wie Colonel Youngman ein völliger Außenseiter, sondern auch in unseren. An keiner Stelle wird gerechtfertigt, dass O’Neal aufgrund seiner Schriftstellerei eingezogen wird, sondern nur wegen seiner Militärerfahrung. Alles andere wäre auch etwas lächerlich. Warum sollten ausgerechnet Schriftsteller besser mit Aliens fertigwerden als Generäle? Vielleicht, weil sie verrückte Ideen haben? Wohl kaum. Das würde lediglich den Stoff für eine Satire liefern.

|Militärs|

Natürlich ist dies ein Militärroman, was sonst? Von Anfang an reden Soldaten und solche, die es mal waren, miteinander. Von Anfang an bis zum bitteren Ende spielen Ränge eine derart überragende Rolle, das sich der Zivilist wundert, wie sich ein Mann nur in solchen Befehlskettenzwängen einordnen kann. Aber nach ein wenig Murren – auch von Seiten Sharon O’Neals, die, obwohl zweifache Mutter, ebenfalls als Offizierin eingezogen wird – findet sich jeder in seine Rolle beim Barras. Schließlich gilt es, den Untergang der Erde abzuwenden, nicht wahr? Und da müssen wir schließlich alle zusammenstehen, sonst wären wir entweder Defätisten oder, noch schlimmer, bloß Lemminge, die in ihren Untergang rennen.

|Komik|

Es wundert nicht, dass es in diesen Büchern keine Protestmärsche und Demos gibt. Der Einzige, der was auf die Mütze bekommt, ist der Präsident: Der Alien von den Tchpht beleidigt ihn in einem fort als gierigen, tückischen Fleischfresser. Es muss aber wohl an der fehlerhaften Übersetzung liegen, nicht wahr? Und so macht der Präsi gute Miene zum bösen Spiel. Was auf den Leser komisch wirken könnte, mag aber auch einen realen Hintergrund haben: Was, wenn die Übersetzung keineswegs fehlerhaft ist und sich der Alien durchaus vor den Erdlingen fürchtet? Das Übersetzungsgerät stammt von den Darhel, und dass diese Kaufleute mit jedem in der Galaxis Geschäfte machen, ist bekannt. Aber vielleicht tun sie auch alles, um die terranischen Helfer einzuschüchtern, damit diese nicht auf die Idee kommen, den Darhel das sorgfältig verborgen gehaltene Oberkommando über die Föderation zu entreißen.

|Science-Fiction oder Fantasy?|

Das Buch liest sich, wie es einem Actionroman zukommt, zunehmend flotter, je mehr sich die Aktion von der Erde auf die Fremdwelten verlagert, raus aus den Befehlszwängen dahin, wo der Soldat sich als mannhafter Krieger beweisen kann. Und in diesen Kampfsituationen muss der Autor alles aufbieten, um beim Leser den Eindruck zu verhindern, hier könnte es sich um einen Fantasyroman à la Conan oder Alan Burt Akers („Kregen“) handeln. Daher werden technische Geräte wie die GKAs über ganze Abschnitte und Seiten hinweg beschrieben.

Leider ist die „science“ derart exotisch, dass der Erfolg dieser Mühe des Autors mitunter infrage gestellt ist. Mich hat es nicht gestört, denn die Übergänge zwischen Science-Fiction und Fantasy sind, frei nach Arthur C. Clarkes Axiom, fließend: |“Eine genügend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“|

|Led Zeppelin|

Das erweist sich ganz besonders an einer Stelle. Während die Schlacht um Diess tobt, tauchen O’Neal und seine Kompanie Versprengter auf der Flanke des Feindes auf, und zwar aus dem Meer: Durch die von den GKAs projizierten Hologramme glauben die Posleen, ein feuerspeiendes Meeresungeheuer greife sie von links an. Wie Recht sie haben. Noch besser als die visuellen Spezialeffekte ist der passende Soundtrack. Da der Autor offenbar ein Kind und Fan der siebziger Jahre ist, erdröhnt statt des Wagnerschen „Walkürenritts“ (in „Apocalypse Now“) der rockende „Immigrant Song“ der Kultband Led Zeppelin! „Hammer of the gods“, baby!

|Kipling|

Der Autor bemüht noch weitere Kulturjuwelen. Nicht zufällig heißt sein Roman „A hymn before battle“. Dies ist der Titel jenes langen Gedichts von Oberviktorianer Rudyard Kipling, das die kämpfende Truppe in allen Ecken und Enden des British Empire zur Schlacht ermuntert und dafür den Schutz und Segen des Schlachtengottes Jehova erfleht. Strophen dieses Gedichts werden über das ganze Buch verteilt. Pazifisten werden von diesen martialischen Ausrufen wahrscheinlich abgestoßen.

|Die Übersetzung|

Der Übersetzer Heinz Zwack hat zum größten Teil eine gute Arbeit abgeliefert. Nur in den seltensten Fällen sind ihm Formulierungen missglückt. Seine größte Leistung liegt aber wohl in der Zuordnung der amerikanischen Militärdienstgrade zu denen der Bundeswehr. Dazu gibt es eine tabellarische Übersicht am Schluss. Am Beginn des Buches erklärt ein kurzes Glossar die wichtigsten Abkürzungen.

|Ein Fehler?|

Eine merkwürdige Diskrepanz vermochte ich jedoch nicht aufzuklären. Die Handlungsstränge auf Terra, Barwhon und Diess laufen keineswegs gleichzeitig ab, sondern asynchron. Das macht normalerweise nichts, denn es gibt keine Wechselwirkungen. Mit einer Ausnahme. Wie erwähnt (unter „Komik“) mischt sich ein Alien in den Obersten Sicherheitsrat beim US-Präsidenten ein. Als Ergebnis fordert die Militärleitung die Beschaffung von zwei Exemplaren der feindlichen Posleen zu Forschungszwecken an: Wie soll man den Feind vernichten, wenn das eigene Waffenarsenal an ABC-Waffen wirkungslos verpufft?

Jetzt taucht ein Zeitproblem auf. Bis dieser Beschaffungsbefehl von der Erde über die Alienföderation nach Barwhon transferiert werden kann, vergeht ein gewisser Zeitraum. Warum, wird erklärt. Was mich stört, ist die Abfolge. Der Befehl erfolgt am 12. November 2007. Doch bereits am 12. Februar 2007 geht er auf dem Planeten Barwhon ein, damit ihn der Aufklärungstrupp ausführt. Tja, mir fehlt nun eine einleuchtende Erklärung, wie es sein kann, dass eine Botschaft rückwärts in der Zeit reist, und zwar gleich neun Monate. Einstein, hilf!

_Unterm Strich_

Ich habe diesen Roman in drei Tagen gelesen. Nach einem zähen Start verengt sich jedoch die Handlung auf das Geschehen an drei Schauplätzen, und der Leser kann sich voll auf die Action konzentrieren. Da das Personal recht zahlreich ist und es keine Namensliste im Buch gibt, empfiehlt sich auch das schnelle Lesen, sonst vergisst man die Namen vom Anfang und verliert schnell den Überblick. Das könnte relativ frustrierend sein … Zum Glück erweist sich die Action als fesselnd genug, um den an martialischem Geschehen Interessierten bei der Stange zu halten.

Das bedeutet nicht, dass diese Militär-Science Fiction für jeden Leser von Spannungsunterhaltung geeignet sei. Man benötigt im Gegenteil schon ein wenig Verständnis und Interesse an militärischen Dingen. Der Autor ist nämlich völlig ernsthaft bei der Sache, und das Einzige, worüber er sich lustig macht, sind Politiker und Bürokraten – hier hat er die Lacher auf seiner Seite. Ansonsten verrät er ein Faible für die Hierarchie beim Barras, aber vor allem für militärisches Spielzeug, allem voran für den gepanzerten Kampfanzug.

An vielen Stellen habe ich mich daher gefragt, warum diese Trilogie nicht in der Serie „Mechwarrior“ oder „BattleTech“ veröffentlicht wurde. Sie würde dort kaum auffallen. Vielleicht ist genau das der Grund: Separat veröffentlicht, ragt Ringos Trilogie aus der Masse der in Deutschland publizierten Science-Fiction heraus – als Negativbesipiel, wie |moderne| Science-Fiction |nicht| sein sollte.

Robert A. Heinlein – Starship Troopers – Sternenkrieger

„Vorwärts, ihr Affen! Wollt ihr ewig leben?“ Dieses Zitat von Unbekannt, 1918, dürfte mittlerweile unter den Zuschauern des Films „Starship Troopers“ ausreichend in Erinnerung sein. So animiert, stürmten die Gefreiten freudig in die Schlacht, und „Schlacht“ muss man es wirklich nennen, das Gemetzel, das John Rico und seine Mitstreiter unter den „Bugs“, den „Fehlern der Evolution“, anrichten – oder umgekehrt, denn die Arachniden schlagen gnadenlos zurück. Doch nun zum Roman:

Der Autor

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Maturin, Charles Robert – Melmoth der Wanderer

Gegen Ende es 18. Jahrhunderts erblickte in England das Genre der |gothic novel| den Buchmarkt und erfreute sich alsbald großer Beliebtheit. Zwar ging es darum, dem Leser wohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen, doch verdankte die |gothic novel| auch viel dem Gedankengut der Aufklärung und des Rationalismus. Oftmals wurde in den Romanen eine mystifizierte Welt vorgestellt, in der übernatürliche Dinge vor sich gingen, nur um am Ende mit natürlichen und rationalen Ursachen wegerklärt zu werden. Dem heutigen Leser mögen Romane wie Walpoles „The Castle of Otranto“ oder Radcliffes „The Mysteries of Udolpho“ kaum noch Schrecken verursachen. Zu allgemein bekannt sind die Konventionen des gotischen Schauers, als dass verlassene Burgruinen oder mondbeschienene Friedhöfe tatsächlich zum Fürchten wären. Doch dies heißt nicht, dass diese Romane nach 200 Jahren ihren Reiz verloren hätten. So wird auch „Melmoth der Wanderer“ von Charles Robert Maturin keinem Leser schlaflose Nächte bescheren, allerdings ist der Roman gleichzeitig ein besonders gutes Beispiel dafür, dass die |gothic novel| viel mehr bietet als den Schauer von Ruinen und alten Klöstern.

Maturin, 1780 in Dublin geboren, ist dem Liebhaber wohl höchstens durch „Melmoth der Wanderer“ (1820) oder sein Drama „Bertram“ (1816) bekannt, mit dem er noch zu Lebzeiten einen bescheidenen Erfolg erzielte. Sorgenfrei lebte er jedoch nie, meist musste er mit den bescheidenen Geldmitteln, die ihm zur Verfügung standen, genauestens haushalten. Sein erster Roman, den der Hilfsgeistliche Maturin noch ganz in der Tradition Radcliffes 1807 veröffentlichte, blieb weitgehend unbeachtet. Doch ein namhafter Rezensent fand sich dennoch: Der Schotte Walter Scott, der hauptsächlich mit phantastisch durchsetzten historischen Romanen Erfolg hatte („Waverley“ oder „Ivanhoe“ stammen aus seiner Feder). Scott setzte sich in Zukunft für Maturins Werk ein; er plante eine Biographie und eine Ausgabe von Maturins gesammelten Werken. Doch das Schicksal kam dem zuvor: Scotts Verlage gingen pleite und er musste die letzten Jahre seines Lebens buchstäblich um sein Leben schreiben, um die Schulden abzubezahlen. Maturin erging es finanziell kaum besser.

Seinem „Melmoth“ stellt er eine Vorwort voran, in dem er bündig zusammenfasst, was er im Roman auf fast 800 Seiten ausarbeiten wird: |“Gibt es in diesem Momente wol Einen unter uns“|, fragt er den Leser, |“ob wir uns gleich von dem HErrn entfernet haben mögen, nicht achtend Seines Willens und ohneingedenk Seines Worts – giebt es wol Einen unter uns, welcher in eben diesem Augenblicke und um der Eitelkeit menschlicher und irdischer Güter willen hingeben wollte die Hoffnung auf seine ewige Seeligkeit? – Nein, kein einziger ist hier, kein solcher Thor hienieden, und versuchte auch der Leibhaftige selbst, ihn in seine Fallstricke zu locken.“| Auf der Suche nach einer solche Person nämlich ist Melmoth, eine faustische Figur, die über 150 Jahre lang die Welt durchstreift, um Menschen zu versuchen. Melmoth selbst wurde von seinem Wissensdrang („Habe doch ach …“, hört man Goethe im Hintergrund deklamieren) dazu verführt, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Ihm wird Erkenntnis zuteil und eine verlängerte Lebensspanne. Doch am Ende der 150 Jahre wird der Teufel Melmoths Seele als Unterpfand einfordern. Außer natürlich, und das ist der entscheidende Unterschied zu Goethes „Faust“, Melmoth fände jemanden, auf den er seinen Kontrakt „übertragen“ könnte.

So zieht er denn durch die Welt, halb Mensch und halb Geist, und wendet sich an Menschen in verzweifelten Notlagen, um sie zu verführen, eine Linderung ihres Leides gegen ihre Seele einzutauschen. Bis auf eine indische Insel verschlägt es ihn, doch nirgends findet sich jemand, dessen Verzweiflung ihn zu solch drastischen Maßnahmen treiben würde. Und so muss Melmoth, nachdem die 150 Jahre abgelaufen sind, seine Seele dem Teufel überantworten und die Strafe für seinen Erkenntnisdrang annehmen.

Dabei ist Melmoth eine sehr widersprüchliche Figur. Er ist hin- und hergerissen zwischen Mitleid mit seinen Opfern und einem beißenden Zynismus gegenüber deren Notlagen. Doch seine Situation verlangt, zuerst an sich zu denken und so stürzt er auch Isidora, die Person, der er wohl die meisten Gefühle entgegenbringt, ins Unglück. Nachdem er sie heimlich geehelicht und geschwängert hat, sterben sie und ihr Kind in den Fängen der Inquisition, die das Kind für einen Satansbraten hält.

„Melmoth der Wanderer“ ist kein einfaches und schon gar kein geradliniges Buch. Es ist aufgebaut wie eine Matrioschka, eine dieser russischen Holzfiguren, in denen sich immer noch eine neue, kleinere Figur versteckt. So verschachtelt Maturin immer neue Erzählungen ineinander, stellt immer neue Schicksale und Verführungsszenen vor, bis der Leser den Überblick über die Erzählstruktur zu verlieren droht. Rahmen- und Binnenerzählungen sind nicht auszumachen, auch hat keine Erzählung wirkliche Priorität vor den anderen. Die verschachtelte Erzählstruktur gemahnt eher an einen überspannten Spleen des Autors, seiner Geschichte freien Lauf zu lassen und die Geschichten untereinander über komplizierte Gemeinsamkeiten zu verbinden. Melmoth, der alle diese Erzählungen als böser Geist heimsucht, bildet den roten Faden, die Verbindung zwischen all den menschlichen Schicksalen, die Maturin in weit ausholenden Handlungsbögen schildert. Und doch ist er es, den am Schluss das bedauernswerteste Schicksal ereilt, können doch alle anderen Charaktere auf ein besseres Dasein im Jenseits vertrauen.

Maturins groß angelegter Roman eignet sich kaum zum Gruseln. Stattdessen wechseln sich handlungs- und spannungsintensive Passagen mit philosophischen und gesellschaftskritischen ab. Besonders Maturins scharfe Religionskritik (auf die Katholiken und die Kalvinisten hat er es insbesondere abgesehen) scheint fast immer durch. Religion, für ihn das bloße Abarbeiten von Riten, stellt er einem natürlichen Glauben gegenüber, der durch ein tiefes Empfinden für Gott geprägt ist und ohne den Pomp katholischer Regeln auskommt. Allein seine deutlichen Ansichten zu Religion und Staatskirche machen „Melmoth der Wanderer“ zu einer lohnenden Lektüre.

Der |area|-Verlag hat eine ganze Reihe bekannter Horrorklassiker neu in preiswerten Hardcovern aufgelegt. Im Verlagsprogramm finden sich nicht nur moderne Autoren wie Clive Barker („Die Bücher des Blutes“) oder Dean Koontz („Nackte Angst“), sondern auch ältere Schriftsteller wie Matthew Gregory Lewis („Der Mönch“) oder eben Maturin. Damit werden diese Texte endlich wieder auf Deutsch verfügbar und für ein breites Publikum zugänglich. Es lohnt sich durchaus, sich durch die erschwinglichen Hardcover von |area| zu lesen. Die Auswahl des Verlags garantiert: Jeder Griff ein Treffer.