Sander, Roman (Hg.) – Holmes und der Kannibale (Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek Band 2)

Gary Lovisi: Holmes und der Kannibale („The Loss of the British Bark Sophy Anderson“, 1992), S. 7-57: Im winterlichen London des Jahres 1887 verfolgen Holmes & Watson einen Menschen fressenden Serienmörder, der als Schiffbrüchiger auf den Geschmack gekommen ist …

Gary Lovisi: Mycrofts großes Spiel („Mycroft’s Great Game“, 2003), S. 59-95: Im Frühjahr des Jahres 1891 sieht sich Mycroft Holmes, der zum Wohle des britischen Empire Ränke auch mit Unterstützung krimineller Elemente schmiedet, gezwungen, seinen obsessiv Verbrecher jagenden Bruder Sherlock auf eine falsche Fährte zu locken, die diesen ausgerechnet in die Arme seiner Erzfeinde laufen lässt …

Barrie Roberts: Das Rätsel des Addleton-Fluches („The Mystery of the Addleton Curse“, 1997), S. 97-129: Ein altes Grab birgt ein wahrlich strahlendes Geheimnis, das Unglück und Tod über den bringt, der es aufzudecken wagt; erst Sherlock Holmes, der nicht an das Übernatürliche glaubt, kommt dem Rätsel auf die Spur …

Martin Baresch: Das späte Geständnis im Mordfall Mary Watson (2003), S. 131-157: Im Frühsommer des Jahres 1912 wird Sherlock Holmes in seinem Altersruhesitz in Sussex von der lange verdrängten Wahrheit überfallen, dass Mary, die geliebte Gattin seines Gefährten Dr. Watson, vor zwanzig Jahren einem Mord zum Opfer fiel, in den beide Freunde verwickelt sein könnten …

Geoffrey Landis: Die einzigartigen Verhaltensmuster der Wespen („The Singular Habits of Wasps“, 1994), S. 159-186: Im Frühjahr 1888 treibt in den Gassen von Whitechapel Jack the Ripper sein Unwesen, den Sherlock Holmes als wahrlich unmenschliche Geißel der Menschheit entlarvt …

(Storynachweis: S. 187; Die Autoren: S. 188/89)

Arthur Conan Doyle hätte sich gewundert – und geärgert. In einer der hier versammelten „neuen“ Geschichten lässt ihn der Verfasser persönlich auftreten und erklären, ihm seien seine historischen Werke stets wichtiger gewesen als die Holmes-Storys, die er eher als (einträgliche) Gedankenspielereien betrachte. Dies entspricht der Wirklichkeit, doch leider (oder glücklicherweise) ist das Publikum störrisch und urteilt nach eigenem Ermessen. So liest heute kaum mehr jemand Doyles Lieblingsbücher, während Sherlock Holmes triumphiert.

Er ist ohnehin auf seinen geistigen Vater schon lange nicht mehr angewiesen. Noch zu Doyles Lebzeiten entstanden die ersten Holmes-Pastichés im Stil des Meisters. Nach 1930 nahm deren Zahl beständig zu. Doyles Geschichten vom Meisterdetektiv sind formal wie inhaltlich recht einfach strukturiert und leicht nachzuahmen (oder zu parodieren). Ehrfürchtig oder spottlustig versuchten sich auf der ganzen Welt Autoren an Sherlock Holmes. Bemerkenswertes und Eigenartiges entstand dabei – Holmes-Geschichten, die das Original übertrafen, es geschickt oder plump imitierten, mit ihm ’spielten‘ und den starren Formeln neues Leben einhauchten.

In „Holmes und der Kannibale“ finden wir sämtliche Varianten. Gary Lovisi belegt mit den beiden ersten Storys das Wider und Für einer Holmes-Nachschöpfung. Die Titelgeschichte ist Doyle pur: die fast ängstliche Rekonstruktion einer Erzählung wie „Der Vampir von Sussex“, die Holmes auf das (vermeintlich) Übernatürliche, auf jeden Fall aber viktorianisch Erschröckliche treffen lassen. „Holmes und der Kannibale“ soll wirken wie Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben. Ob dies Lovisi, dem Verfasser, gelungen ist, muss offen bleiben. Der Übersetzer war seiner Aufgabe jedenfalls nur zum Teil gewachsen – das Bemühen ums nostalgisch Altmodische bleibt allzu spürbar in der steifen Mischung aus Altem und Neuem.

Lovisi selbst ist es, der belegt, wie man es besser macht: „Mycrofts großes Spiel“, einerseits die flotte und gelungene Neuinterpretation einiger zentraler Holmes-Klassiker, ist andererseits keine Geschichte, die Doyle selbst so hätte schreiben können und wollen. Sie entstand viel später im 20. Jahrhundert und in wissender Rückschau auf die historischen Verhältnisse um 1890. Doyle hätte Mycroft niemals als skrupellosen Zweckpolitiker dargestellt, der planmäßig illegale und unehrenhafte Methoden zur Sicherung des Empires einsetzt und sogar seinen Bruder betrügt. Solche Kritik wäre dem viktorianischen Zeitgenossen Arthur Conan Doyle wie Landesverrat erschienen. Er glaubte fest an die Rechtmäßigkeit des Systems (dessen Schattenseiten ihm freilich nicht fremd waren). Der Realität sah er sich nicht verpflichtet. Außerdem hielt sich Doyle an einen strengen moralischen Kodex. Nicht von ungefähr ließ er Holmes nie gegen Jack the Ripper antreten, obwohl die beiden schließlich „Zeitgenossen“ waren. Dies blieb Doyles Nachfolgern überlassen. In diesem Band ist es Geoffrey Landis, der sich des Ripper-Motivs bedient – das freilich auf recht unerwartete Weise. (Michael Dibdin zeigte da 1978 weniger Zurückhaltung und identifizierte in „The Last Sherlock Holmes Story“ – dt. „Der letzte Sherlock-Holmes-Roman“ – den völlig wahnsinnig gewordenen Meisterdetektiv selbst als Ripper …)

Auch „Das Rätsel des Addleton-Fluches“ würde ohne die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft als Story nicht funktionieren. Der Leser der Jetztzeit kennt schon nach wenigen Seiten die Lösung des Rätsels. Nun liegt der eigentliche Reiz darin zu beobachten, wie Sherlock Holmes in Unkenntnis der Fakten die Indizien zu einem Bild zusammensetzt, das ihn nachvollziehbar logisch darauf schließen lässt, was sich da in dem alten Grab verbirgt. Darüber hinaus wartet „Das Rätsel des Addleton-Fluches“ mit einer hübschen Schaueratmosphäre in winterlicher Mooreinöde auf, die schon den „Hund der Baskervilles“ eindrucksvoll zur Geltung brachte.

Mit Martin Baresch (der auch zwei der hier besprochenen Geschichten übersetzte) versuchte sich ein deutscher Autor an Sherlock Holmes. „Das späte Geständnis im Mordfall Mary Watson“ kann sich sehen bzw. lesen lassen, auch wenn die Auflösung der (unnötig) kompliziert verschachtelten Handlung nur bedingt gerecht werden kann. Auch die Prämisse stimmt nachdenklich: Ausgerechnet Sherlock Holmes soll einen Nervenschock erlitten haben, der sich erst nach zwei Jahrzehnten zu lösen beginnt? Zwar geht es um den Mord an Watsons Ehefrau, den unter anderen Verdächtigen auch Holmes selbst begangen haben könnte. Dennoch ist ihm in seiner wechselvollen Karriere wesentlich Schlimmeres ohne gravierende Folgen zugestoßen. Mycroft Holmes und Arthur Conan Doyle werden eher schlecht als recht in den Plot gezwungen. Und schließlich: Ist Watson wirklich so tumb, dass er sich beim Anblick seiner von Bienen zerstochenen Gattin mit der Diagnose „Lungenkollaps“ zufrieden gegeben hätte? Nichtsdestotrotz ist „Das späte Geständnis …“ eine lesenswerte Story, weil sie das typische Fanzine-Niveau deutscher Genregeschichten weit hinter sich lässt und eine bemerkenswerte stilistische Sicherheit erkennen lässt.

Geoffrey Landis lässt schließlich jede Ehrfurcht vor den alten Formen fahren. „Die einzigartigen Verhaltensmuster der Wespen“ ist pure Spielerei, welche die Regeln der kriminalistischen Deduktion außen vor und Holmes & Watson in eine Science-Fiction-Invasion außerirdischer „Schlupfwespen“ geraten lässt. Bei der wilden, blutigen Jagd, in der Holmes unfreiwillig die Rolle von Jack the Ripper übernehmen muss, werden unsere Helden von einem angehenden jungen Schriftsteller namens H. G. Wells unterstützt, der seine Erfahrungen 1897 in einen Romanbestseller namens [„Krieg der Welten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1475 einfließen lassen wird – ein hübscher Gag am Rande, der die „historische Relevanz“, die vielen Neo-Doyles sehr wichtig ist, zusätzlich ad absurdum führt.

|Anmerkung|

Normalerweise versorgt der BLITZ-Verlag ein einschlägiges Publikum mit SF- und Horrortrash, der hübsche Titel wie „Die Mordanaconda“, „Retortenmonster“ oder „Sturm auf den Feuerwall“ trägt. Zwischen diesem liebenswerten Unfug verstecken sich einige Reihen, die nicht nur anspruchsvoller wirken, sondern es sogar sind. „Sherlock Holmes Criminal Bibliothek“ ist eine noch junge Schöpfung, die – vorausgesetzt wird die Akzeptanz einer literarischen Seltsamkeit, die auf der künstlichen Wiederbelebung eines längst untergegangenen Kapitels der Krimigeschichte basiert – ausschließlich „neue“ Holmes-Romane und Storysammlungen präsentiert. Solche Werke sind auch in Deutschland seit Doyles Tod immer wieder erschienen, aber erst der BLITZ-Verlag unternimmt es jetzt, etwa zweimal im Jahr gezielt Nachschub an Holmesiana zu liefern. Die (Erst-)Auflage beträgt jeweils 999 Exemplare, das Layout ist hübsch nostalgisch, der Kaufpreis beläuft sich auf günstige 9.95 Euro. Unter diesen Umständen kann der Sherlock-Holmes-Fan praktisch nichts falsch machen, wenn er hier zugreift.

Neal Stephenson – Diamond Age – Die Grenzwelt

Bilderbücher für Millionen: geniale Vision

Für „Diamond Age“ wurde Neal Stephenson von den amerikanischen SF-Lesern mit dem HUGO Award 1996 ausgezeichnet und kam auch bei den deutschen Lesern ganz gut an, landete allerdings nicht unter den ersten Plätzen des Kurd-Laßwitz-Preises, der von der deutschen SF-Kritik vergeben wird. Der Verlag stellt Stephenson in eine Reihe mit Quentin Tarantino – ein Versuch, dem Roman bereits jetzt Kultstatus anzudichten. Und ein Grund mehr, diesem Werk kritisch zu begegnen.

Handlung

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Anna Gavalda – 35 Kilo Hoffnung

Mit „35 Kilo Hoffnung“ begibt sich die französische Bestsellerautorin Anna Gavalda auf für sie eher ungewohntes Terrain. Kennt man sie hierzulande vor allem wegen ihrer beiden Romane „Ich habe sie geliebt“ und „Zusammen ist man weniger allein“ sowie aufgrund des Erzählbandes „Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet“, so hat sie 2004 mit „35 Kilo Hoffnung“ ein nicht minder bemerkenswertes Kinderbuch vorgelegt, das der WDR als Hörspiel produziert hat.

Beachtenswert ist dieses 51-minütige Hörspiel schon deswegen, weil es zweisprachig produziert wurde. CD 1 enthält die deutschsprachige Fassung, CD 2 die französische. So bekommt die schöne und herzliche Geschichte um den dreizehnjährigen David eine zusätzliche praktische Seite. Man wird ganz nebenbei dazu ermuntert, seine Französischkenntnisse ein wenig aufzupolieren.

„35 Kilo Hoffnung“ dreht sich um den Schulversager David. David hasst die Schule wie nichts anderes in seinem Leben. Von Anfang an war die Schule ihm eine Gräuel. Seine Leidenschaft gilt eher dem Basteln. Schon seine Vorschullehrerin bescheinigt ihm in seinem Zeugnis: „Dieser Junge hat ein Gedächtnis wie ein Sieb, Finger wie eine Fee und ein riesengroßes Herz.“ Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf. David bastelt mit viel Geschick und Liebe, während er in der Schule auf ganzer Linie versagt – in den Sprachen, in den Naturwissenschaften und vor allem beim Sport.

Niemand nimmt die kindliche Bastelleidenschaft von David so recht ernst, mit Ausnahme seine Großvaters Léon. Zusammen verbringen die beiden viel Zeit im Werkzeugschuppen des Großvaters – für David die schönsten Momente seines Lebens. Opa Léon versteht David. In den gemeinsamen Bastelstunden kann David seine Schulsorgen für eine Weile vergessen. Doch die Probleme lassen sich nicht immer verdrängen. Als David mit dreizehn wieder einmal von der Schule fliegt und kaum eine andere Schule Interesse daran zeigt, den Versager aufzunehmen, wird die Lage ernst.

David kann sich keine Schule vorstellen, in der er sich wohlfühlen würde, außer vielleicht das technische Internat, dessen Broschüre David in die Finger bekommt. Aber das ist viel zu weit weg. Noch bedrückender wird die Lage, als Opa Léon plötzlich schwer krank wird. Wie soll es für David nur weitergehen?

Mit ihren bisherigen Romanen hat Anna Gavalda bereits sehr viel Gespür für ihre Figuren und deren Gefühlswelt bewiesen. Diese Feinfühligkeit wird auch beim Hören von „35 Kilo Hoffnung“ sehr greifbar. Anna Gavalda beweist erneut, dass sie ein Händchen für ihre Figuren hat und ein nicht minder ausgeprägtes Talent, Geschichten auf so menschliche Art und Weise zu erzählen, dass einem warm ums Herz wird. Wie so oft bei Anna Gavalda, geht es um einen Menschen in einer Problemsituation. Im Falle des dreizehnjährigen David drückt der Schuh in Sachen Schule, und die Art, wie Anna Gavalda dies dem Leser/Hörer vermittelt, wirkt sehr überzeugend und plastisch.

Davids Probleme mit der Schule werden sehr greifbar. Er ist nicht dumm, nur interessiert ihn das ganze Treiben in der Schule einfach nicht. In der Vorschule war er noch recht glücklich – kein Wunder bei einer Lehrerin, die sagt, dass jeder Tag, an dem man etwas mit seinen Händen erschafft, ein guter Tag ist. Für David gilt diese Philosophie schon, seit er denken kann, und so wirkt der rührende Moment, in dem David sich von seiner Vorschullehrerin verabschieden muss, wie eine Offenbarung an die erste große Liebe.

Danach geht es für David bergab. Er fügt sich nicht in die Klassengemeinschaft ein und flüchtet sich in die Rolle des Klassenclowns. Mit den Lachern auf seiner Seite, will er sich wenigstens ein Mindestmaß an Respekt verschaffen, denn wirklichen Respekt bekommt er sonst nur von Opa Léon. Die Eltern sind ratlos im Umgang mit David. Sie suchen nach Gründen für Davids Schulprobleme, gehen mit ihm von Arzt zu Arzt und versuchen ihm verzweifelt mit Druck Arbeitsmoral beizubringen – erfolglos.

Davids Gedanken in all diesem Chaos vermittelt Anna Gavalda sehr eindringlich. David wirkt wie mitten aus dem Leben gegriffen. Er hat Probleme, mit denen sich viele Kinder identifizieren können, so dass Anna Gavaldas Erzählung gerade auch für Kinder eine echte Bereicherung darstellt.

David nimmt sein Schicksal schließlich selbst in die Hand, anstatt sich weiter treiben zu lassen, und diese Entwicklung wirkt bis ins Mark glaubwürdig. Davids Geschichte ist weniger eine, die durch Problemschilderungen bedrückt, sondern mehr eine, die durch Problemlösungen Hoffnung aufkommen lässt und durch die Authentizität von Geschichte und Figurenzeichnung wird diese Hoffnung besonders greifbar.

Das Besondere an Anna Gavalda ist auch stets ihre Art zu erzählen. „Zusammen ist man weniger allein“ wird im Verlagstext beispielsweise mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ vergleichen. Die Poesie und Detailverliebtheit, die Anna Gavalda in ihrer Erzählweise an den Tag legt, lässt sich in der Tat mit den Darstellungsweisen von Jean-Pierre Jeunet bei „Amélie“ vergleichen. Und genau diese Poesie und Detailverliebtheit macht „35 Kilo Hoffnung“ ebenso wie die übrigen Gavalda-Erzählungen so unglaublich liebens- und lesenswert.

Anna Gavalda beschreibt die banalsten Alltäglichkeiten mit einer solchen Poesie, dass man als Leser ständig in sich hineinschmunzeln muss. Genauso ergeht es einem beim Hören von „35 Kilo Hoffnung“. Auch hier zaubert die Autorin dem Hörer ein fast permanentes Lächeln ins Gesicht. Und ich für meinen Teil muss gestehen, dass ich beim Ansehen von „Die fabelhafte Welt der Amélie“ jedes Mal genau das gleiche Lächeln im Gesicht trage.

Anna Gavalda unterstreicht die Erzählung mit einem feinen, fast zärtlichen Sinn für Humor und offenbart so ihr großes Herz für die Entwicklung ihrer Figuren. Diese gehen uns im Verlauf der Geschichte wirklich nah. Ich habe bislang kaum eine Autorin erlebt, die mir so zielsicher und ohne Kitsch und Überdramatisierungen ein paar Tränen entlocken kann. Anna Gavaldas gefühlvolle Art zu erzählen, wird auch in der Hörspielproduktion von „35 Kilo Hoffnung“ spürbar.

Die Hörspielproduktion des WDR weiß Anna Gavaldas Erzähltalent sehr schön erlebbar zu machen. Besonders die musikalische Untermalung prägt sich ein. Sie greift wunderbar die Emotionen auf, die die Erzählung mit sich trägt, und macht sie noch greifbarer. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern unterstreicht die Geschichte dezent und mit viel Gefühl. Auch die eingebundene Geräuschkulisse bleibt bei dezenter Untermalung, ohne zu viel Raum einzunehmen. So verbleibt der Erzählung viel Raum, sich zu entfalten und auf den Hörer zu wirken. Auch die Sprecherleistungen bieten keine Gelegenheit zur Kritik. Die Stimmen passen wunderbar zu den Figuren. Das gesamte Hörspiel erscheint ähnlich gefühlvoll inszeniert, wie die Geschichte geschrieben ist.

Was mich etwas verwundert, ist die Tatsache, dass es sich bei diesem zweisprachigen Hörspiel nicht um eine deutsch-französische Koproduktion handelt. Auch der französische Teil wurde vom WDR produziert und in exakt gleicher Weise inszeniert wie die deutschsprachige Variante. Dialoge, Musik, Geräuschkulisse – alles ist komplett analog zur deutschen Fassung, abgesehen davon, dass aus David plötzlich Grégoire wird. Das hat den Vorteil, dass sich das Hörspiel beim mehrmaligen Hören recht gut zum Aufpolieren eingerosteter Französischkenntnisse eignet. Selbst wer nicht bzw. nicht mehr viel Französisch spricht, verliert den roten Faden nicht, wenn er zuvor die deutsche Fassung gehört hat. Der französische Teil wurde mit Muttersprachlern aufgenommen und auch hier passen die Stimmen der Sprecher sehr gut zu ihren Rollen.

Bleibt alles in allem ein sehr guter Eindruck zurück. Mit „35 Kilo Hoffnung“ beweist Anna Gavalda auf eindrucksvolle Art, dass ihre feinfühlige und herzliche Erzählweise auch wunderbar für Kindergeschichten funktioniert – Kindergeschichten wohlgemerkt, die auch Erwachsenen ebenso viel Freude bereiten können. Mit der gleichnamigen WDR-Produktion legt der Audioverlag eine Hörspielvariante vor, die die Geschichte sehr schön vermittelt und in der Anna Gavaldas zu Herzen gehende Art zu erzählen ihre Entsprechung findet. Einen besonderen Reiz hat dabei sicherlich auch die zweisprachige Produktion, bietet sie doch genau den verlockenden Anreiz, den ich gebraucht habe, um endlich den jahrelang halbherzig gepflegten Vorsatz, meine völlig eingerosteten Französischkenntnisse wieder ein wenig auf Vordermann zu bringen, in die Tat umzusetzen. Merci beaucoup!

2 CDs: CD1: Deutsch / CD2: Französisch

Als Audio-Ausgabe derzeit nicht erhältlich! (Stand: Juni 2016)

Als Buch erschienen bei Ars Edition und unter anderem bei amazon zu bekommen:

Arthur C. Clarke – Die letzte Generation

Sir Arthur C. Clarke ist einer der Großmeister der Science-Fiction. Seine literarische Vorlage verfilmte Stanley Kubrick 1968 mit großem Erfolg als „2001 – Odyssee im Weltraum“.

„Die letzte Generation“, obwohl bereits Anfang der Fünfziger veröffentlicht, avancierte Ende der sechziger Jahre zum Kultbuch von Studenten. Kein Wunder: Es geht unter anderem um die Beendigung von Kriegen, und die USA befanden sich mitten im Vietnam-Konflikt.

_Der Autor_

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Krock, Jeanine – Wege in die Dunkelheit. Ein Vampirroman

Jeanine Krock hat mit ihrem Romandebüt „Wege in die Dunkelheit“ (die Ähnlichkeit des Titels mit dem Urgestein aller Vampirportale – pathwaytodarkness.com – ist nicht von der Hand zu weisen) einen dichten und wirklich spannenden Vampirroman vorgelegt, der gleichzeitig einen Einblick in die Gothic-Szene der 80er Jahre bietet und fast nebenbei einen ganzen Vampirmythos aufbaut. Daher bleibt kaum verhüllt, „wo“ die Autorin herkommt: Gothic-Szene und Vampirwirklichkeit bedingen sich in „Wege in die Dunkelheit“ gegenseitig – die Faszination an der dunklen Seite der Existenz, das theatralische Pathos, das Kokettieren mit melancholischen Zuständen und tiefen Gefühlen bringen Vampire und Mitglieder der Subkultur unweigerlich zusammen.

Die Geschichte startet in Deutschland mit dem jungen Nik, der auf einem Konzert an die überirdisch schöne Shamina gerät. Selbige Shamina ist natürlich eine Vampirin und ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts grünäugig, sinnlich und unwiderstehlich. Nik ist sofort Feuer und Flamme und vergisst darüber seine – zugegebenermaßen – nervtötende Freundin Katharina. Shamina wiederum, durchaus von Nik angetan, hat keine Möglichkeit, aus den Verpflichtungen ihres Vampirismus auszubrechen, wird sie doch von ihrem Master Sylvain aufgefordert, ihm bei der Vernichtung eines urbösen Vampirs zu helfen.

So wandert die Handlung von der westdeutschen Provinz ins brodelnde Berlin, ins absolut überschäumende London und auf Sylvains englischen Landsitz. In Flashbacks erfährt der Leser darüberhinaus so einiges über die handelnden Vampire. Vor einer farbenfrohen historischen Kulisse gibt es da rauschende Feste und Straßenräuber, unsterbliche Diener und einen nie enden wollenden Vorrat an Blut.

Es ist schwierig zu entscheiden, wo man bei „Wege in die Dunkelheit“ ansetzen soll. Das Buch ist so voll von Ideen, Handlungssträngen und Themenkomplexen, dass man daraus ohne Probleme eine ganze Romanreihe hätte machen können, ohne dass dem Leser langweilig würde. Mehr noch, es hätte der Autorin die Möglichkeit gegeben, bestimmte Situationen nicht nur anzureißen und den historischen Hintergrund der Vampire deutlicher auszuleuchten. So aber werden ganze Handlungsstränge (beispielsweise Shaminas Vampirwerdung) nur kurz rekapituliert und damit Potenzial verschenkt. Ebenso ergeht es dem eigentlichen Knackpunkt des Romans, nämlich der geplanten Vernichtung des Oberschurken Ludovico, die blass und schablonenhaft bleibt und auf minimalem Raum abgehandelt wird. Auf die Charakterisierung der Gefahr, die von Ludovico (der nie wirklich auftaucht) ausgehen soll, wird überhaupt keine Tinte verwandt und man wird den Eindruck nicht los, dass er nur ein |plot device| ist, um die Vampire zusammenzuführen.

Wirklich gelungen ist dagegen die Beschreibung der deutschen und englischen Subkultur. Von der Darstellung von Bands bis zur ausführlichen Beschreibung von Hairstyles und Klamotten ist alles vertreten. Der dazugehörige Lebenstil komplett mit übertriebenen Gefühlen und plötzlichen Liebesbezeugungen durchtränkt den gesamten Roman und man ist klar im Vorteil, wenn man eine Gothic-Affinität besitzt. Ansonsten kann einem beim hohen Pathos-Grad schnell schwindelig werden. Hier werden sich jedoch auch die Leser finden, für die „Wege in die Dunkelheit“ wie auf den Leib geschneidert ist. Das Buch ist eine relativ unverhüllte, zweihundert Seiten lange Wunschvorstellung vom Vampirismus, die sich nicht damit abmüht, die damit verbundenen Problematiken zur Sprache zu bringen. Krocks Vampire sind durchweg menschenliebende Humanisten, die zur Blutbeschaffung natürlich nie jemanden töten würden – zumindest wenn es sich um die richtige Gruppe Menschen handelt. Einen Pulk Skins genüsslich um die Ecke zu bringen, bereitet ihnen dagegen keine moralischen Kopfzerbrechen.

Für Anhänger der schwarzen Subkultur sollte „Wege in die Dunkelheit“ also ein wahres Fest sein, der Durchschnittsleser wird aber ebenso gut unterhalten. Trotz der Schwächen (und der positiven Schwäche, dass das Buch ruhig hätte länger sein können), schafft es Krock, den Leser zu fesseln und zu unterhalten und ein breites Panoptikum an Schauplätzen und Figuren zu präsentieren. Die Verbindung des Vampirthemas mit der Gothic-Szene ist für das deutsche Genre ein Novum und schon daher die Lektüre wert.

Was abschließend noch erwähnt werden sollte, ist, dass dem Roman ein wirkliches Lektorat fehlt. Nicht nur hätte das den Stil an einigen Stellen geglättet, sondern dem Buch auch sonst eine „runde“ Form gegeben. Scheinbar war man sich aber bei |Ubooks| nicht ganz sicher, ob man nun die neue oder alte Rechtschreibung benutzen solle. Und um eine Entscheidung zu vermeiden, wurde einfach alles durcheinander verwendet. Das Gleiche gilt für die Zeichensetzung, besonders, wenn es um die wörtliche Rede geht. Da werden munter verschiedene Anführungszeichen verwendet, ohne darauf zu achten, wie diese mit den normalen Satzzeichen korrespondieren sollten. Man muss kein Grammatikgenie sein, um über solche wilden Satzkonstruktionen Verwunderung zu empfinden.

Cook, Thomas H. – Taken – Unter fremden Sternen (Band 2)

Nachdem der [erste Teil]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1477 von „Taken“ eigentlich nur eine Art Einleitung war, um die Hintergründe der Generationen überspannenden Geschichte deutlich zu machen, geht es nun beim zweiten Teil „Unter fremden Sternen“ schon etwas mehr in die Tiefe, weil hier die ersten Spätfolgen des UFO-Absturzes über Roswell im Jahre 1947 sichtbar werden. Dementsprechend gibt es auch eine ganze Riege neuer Hauptakteure, weil man mittlerweile schon im Jahre 1980 angelangt ist und die alten Helden entweder schon verstorben oder in einem für die Geschichte nicht mehr relevanten Alter sind.

Die wichtigste Figur ist jedoch auch schon aus dem ersten Roman bekannt, nämlich Jacob Clarke, der Sohn des Außerirdischen John und der Farmerin Sally, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten ihn ja schon im ersten Teil mit dem militärischen Geheimdienst in Konflikt geraten ließen. Ein weiterer Bekannter ist Jesse Keys, der Sohn des im Krieg entführten Russell, dessen Schicksal von Bedeutung ist, denn er konnte der Bedrohung aus dem All nicht mehr entkommen. Aber vor allem geht es hier bereits um die dritte Generation und somit um die Kinder von Jesse und Jacob, die im Endeffekt das Ziel des langfristig angelegten Plans sind …

_Story:_

Nach eltichen Jahren kehrt der mittlerweile verheiratete Jacob mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern in sein Elternhaus zurück. Jacob hat sich schwer verändert, ist seit einiger Zeit nämlich tatsächlich dazu imstande, ein normales Leben zu führen. Dort trifft er nicht nur auf seine beiden Geschwister, sondern auch auf eine sterbende Mutter, deren Tod letztendlich auch Jacobs Kräfte schwächt und sich auf sein Verhalten auswirkt. Sein Bruder hat seine Zweifel bezüglich UFOs derweil komplett abgelegt und beschäftigt sich seit geraumer Zeit intensiv mit dem Phänomen. Dabei gelingt es ihm sogar, Eric Crawford das geheime Projekt aus den Händen zu reißen, und bis auf das Geschenk seines Vaters verliert Crawford schließlich sämtliche Unterlagen und Beweisstücke über die Aliens. Eric taucht eine Zeit lang unter, soll aber später noch groß in Erscheinung treten …

Erics Tochter Mary hat sich ebenfalls dem Thema gewidmet und geht dabei über Leichen. So freundet sie sich mit Dr. Wakeman an, der inzwischen große Fortschritte bei der Analyse der gefundenen Aliens gemacht hat und hinter das Geheimnis der eingepflanzten Sensoren gekommen ist. Er hat herausgefunden, dass die betroffenen bzw. entführten Personen allesamt einen Sender ‚eingebaut‘ bekommen haben und für die Außerirdischen jederzeit aufspürbar sind. Dies hat sich Wakeman selber zunutze gemacht und eine Karte erstellt, mit Hilfe derer er ebenfalls genau nachsehen kann, wo sich die Menschen mit diesem Sender derzeitig befinden. Als es Wakeman schließlich noch gelingt, das Signal abzuschirmen, macht er den größten Coup, denn so kann er die Aliens täuschen.

Nach und nach entwickelt sich die ganze Geschichte, wobei Charlie, der Sohn des entführten Jesse Keys, sowie Jacobs Tochter Lisa am Ende die wichtigste Rolle übernehmen, denn wie sich herausstellt, sollen die beiden laut dem Plan der Aliens ein gemeinsames Kind zeugen, welches schließlich menschliche und außerirdische Eigenschaften und Fähigkeiten miteinander verbinden soll. Und der Plan gelingt tatsächlich; das Kind, Allie, wird schnell zum begehrtesten Wesen auf dem ganzen Planeten und alle machen Jagd auf sie. Selbst ein gewisser Eric Crawford taucht plötzlich wieder auf der Karte auf …

_Bewertung:_

Im zweiten Teil laufen viele Geschichten parallel, und auch wenn das oben Angeführte ein wenig konfus klingen mag, so gelingt es Thomas H. Cook dieses Mal viel besser, die Geschichte spannend und logisch zu erzählen. Im Gegensatz zum ersten Buch werden hier nicht bloß Fakten aneinander gereiht, sondern wirklich erzählt. Sehr angenehm ist dabei, dass sich die einzelnen Zeitsprünge in Grenzen halten, die Geschichte also in einem recht limitierten Zeitrahmen stattfindet – auch hier sehe ich eindeutige Vorteile zum ersten Buch.

Vor allem aber erscheint mit dem zweiten Teil langsam aber sicher alles logisch. Die vielen Optionen, die sich mit dem ersten Buch aufgetan haben, werden hier tiefgreifender beschrieben und ihr Zusammenhang deutlicher und verständlicher herausgestellt. Trotzdem muss man den Inhalt des ersten Bandes aber kennen, um der Story in „Unter fremden Sternen“ folgen zu können.

Man könnte also behaupten, dass „Wir sind nicht allein“ die etwas mühselige Einleitung für die ‚richtige‘ Geschichte ist, die erst jetzt beginnt, dafür aber dann auch sofort sehr spannend wird, vor allem, weil so viele Dinge zunächst offen bleiben und sich eine ganze Reihe neuer Optionen infolge des teuflichen Plans der Aliens ergeben.

Bei dem Eindruck, dass ich die TV-Serie in diesem Fall bevorzuge, bleibe ich dennoch, denn Steven Spielberg hat hier wirklich etwas Einzigartiges kreiert, das sich eben besser in bewegten Bildern als in der von Thomas H. Cook beschriebenen Story verstehen lässt. Dennoch finde ich dieses zweite Buch sehr gelungen und toll erzählt, kann es also als Alternative zum Fernsehereignis auch bedenkenlos empfehlen.

http://www.vgs.de/taken.jsp

John Darnton – Neandertal – Tal des Lebens

Ich habe mich schon immer für unsere haarigen Vorfahren interessiert – vielleicht verraten sie uns etwas über uns selbst, das inzwischen verschüttet ist und das wir vergessen haben. Hominiden-Stories gibt es schon eine ganze Menge. Eine der besten stammt von William Golding: „The Inheritors“, „Die Erben“. Doch Darntons „Neandertal“ ist auch ziemlich gut.

Handlung

Im Pamirgebirge von Tadschikistan verschwindet unter geheimnisvollen Umständen der Paläontologe Prof. Kellicut. Als letztes Lebenszeichen schickt er ein Paket. Der Inhalt: ein überraschend gut erhaltener Schädel eines Neandertalers, einer menschlichen Spezies, die seit 40.000 Jahren als ausgestorben gilt. Doch das Alter des von Kellicut geschickten Schädels beträgt nur 25 Jahre! Eine geschickte Fälschung? Oder die Bestätigung einer unglaublichen Vermutung – dass nämlich ein Stamm dieser Hominiden bis heute überlebt hat?

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Priest, Christopher – Amok-Schleife, Die

_Showdown mit dem Amokläufer_

Eine FBI-Agentin ermittelt hinsichtlich Übereinstimmungen zwischen mehreren Amokläufen. Sie gerät in die Welt der simulierten Extreme Experiences, kurz ExEx: extreme Erfahrungen. Aber einer der Killer spürt sie im Netz der ExEx auf und setzt ihr hart zu.

_Der Autor_

1943 in Cheshire/England geboren, veröffentlichte Christopher Priest 1966 seine erste Erzählung „The Run“ in dem Science-Fiction-Magazin „Impulse“. In der Folge publizierte er verstärkt in „New Worlds“, jenem Magazin, das unter Michael Moorcock zum Bannerträger einer „neuen Art Science-Fiction“, der sogenannten „New Wave“, werden sollte. Priest jedoch sieht sich selbst nicht als Teil der New Wave, sondern als eigenständiger Autor.

1970 erschien sein erster Roman „Indoctrinaire“, der schon in der Szene aufhorchen ließ. Mit dem klassischen Katastrophenroman „Fugue for a Darkening Island“ (1972; „Die schwarze Explosion“) und dem Hard-SF-Roman „The Inverted World“ (1974, dt. als „Der steile Horizont“ bei |Heyne|) schrieb sich Priest in die erste Reihe der britischen Genre-Autoren.

Die zwei nächsten Romane waren eher Rückgriffe auf Bewährtes: „The Space Machine“ (1976, „Sir Williams Maschine“) lehnte sich an H. G. Wells‘ Klassiker „The Time Machine“ an. Und „A Dream of Wessex“ (1977; „Ein Traum von Wessex“, 1979) basiert auf der Idee der totalen Simulation einer Welt, die Daniel F. Galouye in „Simulacron-3“ (verfilmt als „The thirteenth Floor“ und als „Welt am Draht“) entwickelt hatte.

Inzwischen hat Priest weitere Romane und Erzählungen im deutschen Raum veröffentlicht:

– Die stille Frau (The quiet woman, 1990)
– Das Kabinett des Magiers (The prestige, 1995)
– Die Amok-Schleife (The Extremes, 1998)
– Der Traumarchipel

Für seine Erzählhaltung hat Priest den Ausdruck „Visionärer Realismus“ geprägt: „visionär“ insofern, als er radikale Ideen, die unausführbar sind, vorbringt, und realistisch, weil er sich der Erzähltechniken der Science-Fiction bediene. Diese Erzählhaltung sei sowohl resümierend, was die bisherigen Werke der Science-Fiction anbelange (BEschreibend), als auch VERschreibend, insofern als sie alle Einengungen des Genres durch Begriffe ablehne und vielmehr einbeziehend wirken wolle.

Der Ausgangspunkt für „Die Amok-Schleife“ ist ähnlich wie in „Ein Traum von Wessex“ die Technik für eine totale Simulation der Realität. Hier wie dort hat sie ihre Tücken.

_Handlung_

Teresa Simons wurde zwar in Großbritannien geboren, wanderte dann aber mit ihren Eltern – der Vater diente beim Militär – in die Vereinigten Staaten aus. Nach vielen Jahren kehrt Teresa in ihre Heimat zurück. Genauer gesagt in die kleine Stadt Bulverton an der Kanalküste. Was will die ältliche Dame hier bloß?, fragen sich nicht nur die Inhaber und Betreiber des Wirtshauses, in dem sie im Voraus ein Zimmer gebucht hat. Und auch dem Leser wird lange Zeit nicht klar, was Teresa hierher getrieben hat.

Aber sie schnüffelt herum, denn schließlich ist sie eine ausgebildete FBI-Agentin. Sie fragt die Leute, was bei dem Amoklauf passiert ist, der vor wenigen Jahren Dutzende von Einwohnern aus heiterem Himmel das Leben gekostet hat. Auch ihre Wirtsleute sind Leidtragende: Sie mussten das Gasthaus von den getöteten Eltern übernehmen, der Inhaber eine Karriere in London abbrechen. Der Amokläufer war damals ein gewisser Gerry Grove, und er schoss auf alles, was sich bewegte, kaltblütig, wie man sich erzählt. Teresa studiert den exakten Ablauf jenes Amoklaufs, so als ob sie das Geschehen simulieren oder nachstellen wolle.

Und genau das ist Teresas Aufgabe auch in den Staaten gewesen: Sie wurde darauf geschult, Feuergefechte mit Kriminellen zu simulieren – aber nicht am Fernseher, sondern mit Hilfe einer weitaus fortschrittlicheren Virtual-Reality-Technik: der Extreme Experience, kurz ExEx genannt. Bei einer ExEx sitzt Teresa nicht nur in der ersten Reihe: Sie wird quasi auch selbst getötet, wenn der Kriminelle auf ihr virtuelles Alter Ego schießt! Dass das ganz schön stressig wird, kann man sich leicht vorstellen.

Vor kurzem hat Teresa herausgefunden, dass die Schießerei, bei der ihr Ehemann getötet wurde, größe Ähnlichkeit mit dem Ablauf des Amoklaufs in Bulverton hat. Wenn sie die Ursachen in England aufdecken kann, gelingt es ihr vielleicht auch, die Ursache für den Tod ihres geliebten Mannes herauszufinden und endlich mit ihrem tiefen Kummer fertig zu werden.

Doch es kommt anders, als sie erwartet hat. In einem Gebäude vor den Toren der Kleinstadt stößt sie auf ein kommerzielles Institut, das so etwas wie eine Spielhalle für ExEx-Spieler ist. ExEx wird zur ihrer Verblüffung auf der ganzen Welt vermarktet und in immer realistischeren Varianten genutzt, von einer wachsenden Zahl von Usern. Jeder, der das nötige Kleingeld hat, kann seinen täglichen Amoklauf absolvieren. Und so arbeitet sich auch Teresa in ExEx-Spiele ein. In diesen Szenarien begegnet sie Gerry Grove, dem Killer von Bulverton, ebenso wie ihrem Mann – sie ist schwer erschüttert, denn Grove benutzt sie, und ihr Mann verbannt sie.

Im ExEx ist Teresa nicht nur passive Konsumentin, sondern Akteurin: Bei jedem Besuch erzeugt sie Hyperlinks. Je mehr Hyperlinks existieren, desto wichtiger und bekannter ist eine Figur oder ein Ereignis. Erstaunt stellt sie fest, dass sie selbst im ExEx so etwas wie ein Pin-up-Girl ist: eine Celebrity. Ihre zunehmende Verstrickung in die Ebenen der virtuellen Realität von ExEx haben jedoch eine Konsequenz, mit der Teresa nicht gerechnet hat: Sie kommt nicht mehr heraus, sondern hängt in einer Schleife fest.

Ein Showdown mit Gerry Grove und dem Mörder ihres Mannes ist unausweichlich …

_Mein Eindruck_

Chris Priest hatte sich bereits als Drehbuchautor für David Cronenbergs Film „eXistenZ“ einen Namen gemacht, der ja auch mit virtuellen Realitätsebenen spielt. Doch während die Pseudorealität bei Cronenberg skurril bis putzig aussieht, ist sie bei „Amokschleife“ zunächst recht unscheinbar. Alle Aspekte der fiktiven Realität werden vom Autor/Erzähler sehr genau beschrieben. Man fühlt sich sicher in dem, was er uns erzählt und dem, was Teresa sowie ihre Gastwirte erleben.

Dass dieses Gefühl der Sicherheit und Normalität trügerisch ist, merkt der Leser allerdings viel zu spät. Zusammen mit Teresa befinden wir uns dann schon in den Labyrinthen der ExEx-Welten. Hier ist es durchaus interessant: Teresa entdeckt nicht nur, wer Gerry Grove ist, sondern beispielsweise auch, was eine Pornodarstellerin bei ihrer Arbeit empfindet. Sex mit Lust zu genießen, ist etwas Neues für sie, und das praktiziert sie auch in der Realität, als ihr die Gelegenheit geboten wird.

|Columbine, Littleton, Erfurt – Bulverton|

Teresa ist von Kindesbeinen an mit Waffen vertraut: Ja, sie hat sogar einmal auf ihr Spiegelbild geschossen und geglaubt, sie habe ihre Schwester erschossen. Auch in der Simulation der ExEx kann sie gut mit Knarren umgehen und sich virtuell ein ganzes Arsenal zulegen. Das Problem nicht nur für sie besteht darin, ExEx und Wirklichkeit zu trennen. Die Realität ersten Grades verliert die Härte und erscheint beliebig. Häufig wendet Teresa ihren Wagen und fährt in die Gegenrichtung, so als wolle sie eine Spielebene erkunden. Doch nur in der ExEx ist Teresa unverwundbar, nicht jedoch in der Realität ersten Grades.

Als Gerry Grove Amok lief, glaubte er sich ebenfalls noch in der ExEx und erschoss seelenruhig ECHTE Menschen, als ob er Spielfiguren vor sich habe. Wo ist sein Gewissen geblieben? Dachten das die zwei Schüler an der Columbine High School von Littleton ebenfalls, als sie über ein Dutzend ihrer Mitschüler abknallten und dann sich selbst? Dachte das der Amokläufer von Erfurt, bevor er sich den Gnadenschuss gab? Um ein Gewissen zu haben, muss man sich offenbar in der Realität ersten Grades befinden. In der ExEx braucht man es nicht.

|Die Aufhebung der Zeit|

Je länger Teresa in der ExEx bleibt, desto mehr verschwimmen auch die Grenzen zwischen dem, was war, und dem, was ist. Tatsächlich werden Vergangenheit und Gegenwart mit zunehmender Verstrickung in die ExEx zu einem Kontinuum, in dem sich Teresa zu bewegen lernt. Sie beugt die ExEx-Landschaft ihrem Willen und erhascht dadurch einen Blick auf eine Zukunft, die für sie |und| für ihren getöteten Mann eine gemeinsame eXistenZ erlaubt.

|Die deutsche Ausgabe|

Für diesen 1998 veröffentlichten Roman erhielt Priest den |James Tait Black Award| und wurde für den |Arthur C. Clarke Award| nominiert – zwei der wichtigsten Literaturpreise in Großbritannien, neben dem |Whitbread Award| und dem |Booker Prize|. Kein Wunder, dass der |Heyne|-Verlag für seine damals ambitionierte Science-Fiction-Reihe sofort zuschlug.

Schon das Titelbild finde ich sehr gelungen: ein schönes Frauengesicht (Thora Birch aus „American Beauty“?) wurde überlagert mit transparenten Karten des Himmels und einem DNS-Strang. Damit nicht genug: Sämtliche kleinen a-Lettern wurden in Kapitelüberschriften und Abschnittstrennern durch das @-Zeichen ersetzt.

Die Übersetzung besorgte Usch Kiausch sehr professionell; dabei hat sie auch diverse Wortspiele, die Priest so liebt, in Fußnoten erklärt.

Der Ausgabe ist ein längeres Interview beigefügt, das Kiausch und Sascha Mamczak, der Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe mit Priest im Oktober 200 geführt haben: „Science Fiction als ‚Literatur des visionären Realismus'“ (siehe meine Erläuterungen unter „Autor“). Darin spricht Priest über „Die Amokschleife“, aber auch über andere Romane: sehr aufschlussreich.

_Unterm Strich_

Wieder mal ein typischer Priest: sehr leicht zu lesen, aber schwer zu begreifen – jedenfalls ab einem gewissen Punkt. Für jeden Leser liegt dieser Punkt woanders, je nach Vorstellungsvermögen. Priest fordert dieses Vorstellungsvermögen auch diesmal wieder bis zum Maximum. Dennoch war mir stets möglich, mit den Erfahrungen, die Teresa Simons macht, Schritt zu halten und sie einzuordnen – selbst wenn die eigene Schullogik etwas anderes behauptet und am laufenden Band „Stop! Wrong way!“ kreischt.

Wie gesagt, ist das Thema des Romans ein sehr ernstes. Ähnlich wie Michael Moore in „Bowling for Columbine“ fragt Priest nach den Urachen des Waffenwahns und der sich häufenden Amokläufe. Er stellt eine Verbindung zu simulierten Realitätsebenen, den Extreme Experiences, her. In der Tat ergeben sich daraus sehr beunruhigende Schlussfolgerungen, über die man nachdenken sollte.

Wer sich an Bruce Sterling heranwagt und die Science-Fiction von Ursula K. Le Guin erkundet hat, wird auch diesen intellektuell anregenden Roman lieben. Wer lieber auf Actiongetümmel und Space-Operas steht, sollte die Finger von „Amokschleife“ lassen und sein Gehirn woanders abgeben. Bei Priest wird es nämlich gebraucht.

|Originaltitel: The Extremes, 1998
Aus dem Englischen übersetzt von Usch Kiausch|

Williams, Tad – Insel des Magiers, Die

_Die Glorie der Magie, von unten betrachtet_

Tad Williams, Autor von „Otherland“ und der Osten-Ard-Trilogie, erzählt die Geschichte von Shakespeares Drama „Der Sturm“ neu aus ganz anderem Blickwinkel: dem des hässlichen Hexensohnes Caliban. Für das, was ihm der Magier Prospero und seine Tochter Miranda angetan haben, will sich nun Kaliban 25 Jahre später rächen. Aber hat er überhaupt Recht? Darf er den Mord an Miranda begehen? Der Leser muss entscheiden.

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José als Robert Paul Williams geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Der brennende Mann“ (beide bei |Klett-Cotta| verlegt; Ersterer erscheint im Herbst ebenfalls beim |dtv| in preisgünstigerer Neuauflage). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“, sein neuer Zyklus ist „Shadowmarch“.

_Vorgeschichte_

Die Handlung spielt vor dem Hintergrund jener weltbekannten Geschichte, die William Shakespeare in seinem Theaterstück „Der Sturm“ (The Tempest, 1611) erzählt. Nur zur Auffrischung des Gedächtnisses noch einmal die wichtigsten Fakten: Ein Schiff gerät in einen Sturm und sinkt, die überlebenden See- und Edelleute aus Mailand und Neapel erkunden die unbekannte Insel, auf der sie gestrandet sind.

Hie leben aber bereits einige Leutchen. Herrscher der Insel ist Prospero, eine Art Magier. Er hat hier seine Tochter Miranda aufgezogen, die aber leider etwas unschuldig, rein, keusch und naiv geraten ist – eben eine Jungfrau. Von ihr stammt der berühmte Vers über die „brave new world“: pure Selbsttäuschung. Prospero gebietet dem Geist der Lüfte Ariel, um seinen Willen auszuführen und mit den Neuankömmlingen nach Belieben zu verfahren.

Natürlich gibt es auch eine Nachtseite der Insel, sozusagen die Ureinwohner. Das sind die „Hexe“ Sycorax und ihr hässlicher Sohn Caliban, den sie angeblich mit einem Meeresungeheuer gezeugt hat. Er ist eine Mischung aus Mensch und Tier, ein dunkler Erdgeist vielleicht – der Interpretationen sind Legion. Und von Caliban handelt das vorliegende Buch.

_Handlung_

|Rahmenhandlung 1|

25 Jahre später. Nachts taucht am Hafen von Neapel ein unheimliches Wesen auf, das in Mantel und Kapuze gehüllt ist und nach dem Schloss fragt. Schon bald hat Caliban die Schlossmauern erklommen und linst in die Zimmer der beiden Kinder von Miranda, in die er sich seinerzeit unsterblich verliebt hatte. Sie hat einen jungen Sohn, Cesare, und eine mannbare Tochter, Giulietta, die schon bald verheiratet werden soll. Leider hält Giulietta überhaupt nichts von ihrem Bräutigam in spe und bereitet ihrer Mutter einigen Verdruss.

Da taucht Caliban nächtens in Mirandas Schlafzimmer auf und zwingt die Erschrockene, sich seine Geschichte anzuhören. Diese bildet den zentralen Teil des Romans. Danach will er die Zuhörerin umbringen, als Strafe für ihren schändlichen Verrat, den sie in seinen Augen vor 25 Jahren an ihm beging.

|Binnenhandlung|

Calibans Mutter wurde zunächst als Hexe aus ihrer Heimat, dem heutigen Algerien, vertrieben und schwanger in einem Boot auf dem Meer ausgesetzt. Sie landete auf der einsamen Insel, die nie einen eigenen Namen trägt, und bringt ihr Kind zur Welt. Mit Kräutern und so weiter kennt sie sich aus. Da man ihr leider die Zunge herausgeschnitten hat, damit sie niemanden verfluchen könne, kann sie ihrem Sohn auch keine Sprache beibringen. Ihre Frustration macht sie jähzornig, und schon bald muss der namenlose Junge zusehen, wie er sich auf der Insel alleine die Zeit vertreibt.

Schon bald entdeckt er Mächte, die größer und stärker sind als er. Da ist zum einen eine riesige Eiche in einem grünen Wiesental, das durch eine Dornenhecke abgeschlossen ist. Nur unter Schmerzen gelangt der Junge an diesen Ort des Friedens. Wie ihm auffällt, raunt der Baum ihm etwas zu, und seine Späher – ein Eichhörnchen, ein Vogel – spionieren dem Jungen hinterher. Später wird sich erweisen, welches Wesen im Baum eingeschlossen ist.

Der wichtigste Widersacher des Jungen ist jedoch ein weibliches Wildschwein, eine Bache, die mit ihren Frischlingen die Pfade durch den Dschungel beherrscht und jeden angreift, der auch nur so tun könnte, als wolle er ihren Jungen etwas antun. Die Bache fügt dem Jungen eine tiefe Demütigung zu, so dass er ihren Tod beschließt. Unter Einsatz einer Fallgrube und Verwendung eines Spießes gelingt es ihm, die Widersacherin zu Tode zu bringen. Fortan fühlt er sich als schuldiger Mörder, keineswegs selbstgerecht. Wenig später stirbt auch seine Mutter an einer Verletzung.

Deshalb ist ihm die Ankunft Mirandas und ihres gebildeten Vaters doppelt willkommen. Die zehnjährige Blondine verkörpert die Unschuld in jeder Hinsicht: körperlich, geistig wie auch moralisch. Sie hilft, seine schuldhaft gefühlte Existenz zu erleichtern. Ganz anders Prinzessin Mirandas (= die Bewundernswerte) Vater Prospero (= der Gedeihliche): Der einstige Fürst von Mailand, der von seinem Bruder verjagt wurde, ist in seinem Exil Calibans Mutter sehr ähnlich. Er lehrt den Jungen, den Miranda und er als „Caliban“ bezeichnen, die Sprache als Verständigungsmittel und nimmt ihn als Diener und Handlanger gnädig in seine Dienste. Dabei hatte doch Caliban zuvor die gesamte Insel gehört! Er steckt den nackten Jungen in Kniehosen und zivilisiert ihn, wie Robinson Crusoe seinen Kannibalen Freitag erzog. Aus „cannibal“ wird in Prosperos Verdrehung wirklich „Caliban“.

Dennoch gestalten sich die folgenden Jahre für Caliban glücklich, besonders wegen des unschuldigen Zusammenseins mit Miranda. Prospero jedoch lehrte Caliban die Zwiespältigkeit der Sprache: dass Lügen Masken sind. Beim Bau eines Hauses wird Caliban lediglich noch als Arbeitssklave geduldet, während der Fürst in seinem Labor Stoffe zusammenbraut, die fürchterlich stinken. Miranda ist oft in ihrer Kammer versteckt und wird vom Vater eifersüchtig bewacht.

Das Ende des Glücks kommt rasch und katastrophal über die Insel. Caliban entdeckt die junge Prinzessin, wie sie nackt unterm Wasserfall badet. Ihre weiblichen Rundungen erregen ihn auf bislang unbekannte Weise, doch er zeigt sich nicht, aus Angst vor Prosperos Reaktion. Als er ihr sein Paradies mit der Eiche zeigen will, zerreißt sie ihr Kleid an den Dornen. Als er sie lieben will und beinahe vergewaltigt, läuft sie davon. Der Zorn Prosperos, dem sie ihr Leid klagt, ist fürchterlich: Er schlägt Caliban zum hässlichen Krüppel, als dessen Inbegriff er bei Shakespeare auftaucht.

Nicht genug damit, erobert Prospero nun auch Calibans „Paradies“ und befreit den Geist in der Eiche: Es ist Ariel, ein fieser Luftgeist, der es vermag, Caliban fürchterliche Schmerzen zu bereiten und ihn damit zu allen Arbeiten zu zwingen, die Prospero verlangt. Durch seine Dienste hofft Ariel, in naher Zukunft aus Prosperos Diensten entlassen zu werden, was dann ja auch eintritt.

Denn nun besteht Ariels Hauptjob darin, mit den Gestrandeten aus Mailand und Neapel nach Belieben zu verfahren und die bekannten Resultate herbeizuführen: Prospero erhält sein Königreich zurück, Miranda ehelicht den Prinzen Ferdinand von Neapel und wird später die Königin, die von Caliban Besuch erhält. Und dieser selbst? Er bleibt zurück und grämt sich über Mirandas Verrat.

|Rahmenhandlung 2|

Nun ist es an der Zeit, Miranda zu töten, um die Rache zu vollziehen. Da tritt eine unerwartete Wendung ein …

_Mein Eindruck_

Wie schon seine High Fantasy über die drei Großen Schwerter Memory, Sorrow und Thorn – die Osten-Ard-Trilogie – Tolkien korrigierte und indirekt kritisierte, bildet auch „Die Insel des Magiers“ sowohl Revision als auch Kritik an Shakespeares Darstellung der Ereignisse auf Kalibans Insel. Der deutsche Titel stellt die Verhältnisse auf den Kopf und unterläuft exakt Calibans/Williams‘ Bemühung, die wahre Geschichte durch Neu-Erzählen zu revidieren. Da hat der deutsche Übersetzer seinem Autor einen Bärendienst erwiesen.

Williams‘ Dekonstruktion von „Der Sturm“ läuft auf eine Umbewertung der Figur des weisen, väterlichen Magiers hinaus, wie sie bereits Peter Greenaway in seinem stilistisch einfallsreichen Film „Prospero’s Books“ unternommen hat. Prospero erscheint uns durch Kalibans rechtfertigende Darstellung als ein finsterer, engstirniger Saruman, der es versteht, andere in seine Dienste zu zwingen und auszubeuten. Er selbst ist dabei keineswegs kreativ, sondern lediglich eine Art frühkapitalistischer Unternehmer.

Was er wirklich kreiert, sind Lehmklumpen, die er in Bewegung versetzt und tanzen lässt, so dass es aussieht, als besäßen sie ein eigenes Leben. Dieser Subkreator ist also lediglich ein Herr über Golems, die nach getaner Arbeit wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückfallen. Dass er Wesen wie Caliban ebenso behandelt, liegt nahe. Auch Miranda, seine eigene Tochter, ist ihm lediglich Mittel zum Zweck. Durch die Heirat mit dem Thronerben von Neapel verschafft sie ihm, wie es einst die Habsburger im 13. Jahrhundert taten, Macht und Einfluss.

Ist dies also die „brave new world“, die Miranda in Skakespeares Worten so lobt? Mitnichten! „Calibans Stunde“, so der Originaltitel, dient dazu, diese Darstellung, diese Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern und alle Bilder zu zerfetzen, die sich hoffnungsvoll an sie knüpfen. Denn der Preis der Erschaffung dieser Welt ist viel zu hoch: Calibans moralische und körperliche Zerstörung, seine Enteignung, Ausbeutung und Entsorgung (er wird zurückgelassen).

Die Frage ist also für Williams, ob sich für dieses Wesen eine Art Wiedergutmachung rechtfertigen lässt: Die Rache in Form des Mordes an Miranda wäre das. Oder ob es vielleicht doch noch für Caliban eine Art Erlösung von der Vergangenheit geben kann, sozusagen eine unverhoffte, quasi göttliche Gnade. Die Antwort auf die zweite Frage, so viel darf ich wohl verraten, lautet „ja“. (Profis brauchen nur Rahmenhandlung 1 + 2 zusammenzuzählen, um auf die richtige Lösung zu kommen.)

_Unterm Strich_

Der Kurzroman ist ein Buch, das vom Leser Mitdenken erfordert. Es enthält nur relativ wenige anschauliche Szenen und noch viel weniger Dialoge. Es eignet sich daher überhaupt nicht für eine Dramatisierung à la Shakespeare. Vielmehr ließen sich leicht die wichtigsten Statements Kalibans, des Alleinerzählers, zu einem philosophischen Essay zusammenfassen. Über diesen ließe sich dann trefflich disputieren.

Man merkt schon, worauf ich hinaus will. Die Lektüre ist nur mäßig spannend, weder abenteuerlich noch sinnlich, außer an gewissen Stellen. Als Abenteuerstory scheitert das Buch also auf ganzer Linie, und ich musste mir das Gähnen mehrmals verkneifen. Als Kritik an einem literarischen Hauptwerk und dessen Revision wie auch als Kritik an der Ethik des modernen Frühkapitalisten à la Prospero durch einen enteigneten und ausgebeuteten „Angehörigen der Arbeiterklasse“ funktioniert das Buch nur eingeschränkt. Denn wenn der Leser diese Kritik unbesehen übernähme, müsste er ja wohl auch Calibans Rache sanktionieren: den geplanten Mord an Miranda. Ob das wohl in jedermanns Sinne wäre? Der Leser darf dem Mitleid heischenden Psychologisieren des Autors nicht auf den Leim gehen.

Aber es gibt einen Ausweg, den der Autor aufzeigt. Theatermäßig ausgedrückt, handelt es sich um einen |deus ex machina|, moralisch ausgedrückt um eine Gnade von erlösender Kraft, sowohl für Miranda (sie ist dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen) als auch für Kaliban, denn er muss nun nicht noch mehr Schuld auf sich laden; er kann den Mord umgehen und obendrein etwas gewinnen.

Und so bleibt der Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Das ist der Zweck der Übung: Wo Gefühle nicht entscheiden helfen, muss der Kopf angestrengt werden. Und auf dieser Ebene kommt der philosophische Essay zu seinem Recht.

|Originaltitel: Caliban’s Hour, 1994
Aus dem US-Englischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring
Mit Illustrationen des Autors|

Isau, Ralf – unsichtbare Freund, Der (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)

Der Kreis der Dämmerung:

Band 1: „Das Jahrhundertkind“
Band 2: „Der Wahrheitsfinder“
Band 3: „Der weiße Wanderer“
Band 4: „Der unsichtbare Freund“

Endlich hat David sich der Frage nach der Zerstörung des Fürstenrings zugewandt, nur um in jeglicher Hinsicht einen Rückschlag einzustecken! Der Ring hat nicht einmal die Andeutung einer Beeinträchtigung abbekommen, stattdessen haben die Experimente Belials Schergen auf den Plan gerufen. David muß schleunigst untertauchen.

Aber wenigstens ein Gutes ist dabei herausgekommen: Sein Freund Lorenzo di Marco, zu dem der Kontakt während des Zweiten Weltkriegs komplett abgebrochen war, ist wiedergefunden und begleitet David nun nach New York, um seine Recherchen für David dort weiter zu betreiben.

David ist zunächst noch einmal in Südamerika unterwegs, denn ein Gespräch mit dem nach jahrelanger Suche endlich aufgetriebenen von Papen hat ihm in einigen Punkten die Augen geöffnet. Kaum aus Südamerika zurück, verlangt die Kuba-Krise seine volle Aufmerksamkeit. Das eigentliche Ziel des Interesses jedoch sind die Qumram-Rollen, von denen David sich Aufschluss über frühere und vielleicht auch jetzige Versammlungsorte des Kreises der Dämmerung erhofft. Seine Suche führt ihn über Griechenland und Russland in die Türkei. Die Reise lüftet das Geheimnis der einfachen Siegelringe, aber nicht das um den Fürstenring. Und die letzten beiden Logenbrüder des Kreises sind wie vom Erdboden verschluckt! David tritt auf der Stelle, und die Zeit läuft ihm davon …

Nachdem die ersten drei Bände des Zyklus einen Zeitraum von lediglich knapp sechzig Jahren behandelten, rechnete ich schon fast damit, dass die Handlung bereits weit vor dem Jahrtausendwechsel enden würde. Das sollte sich als Irrtum herausstellen.

Bei Davids Rückkehr aus der Türkei schreibt der Autor das Jahr 1982. Die darauf folgenden Jahre werden durch die Zusammenfassung verschiedener Eckdaten recht straff zusammengefasst. Erst im Jahr 1995 geht die Handlung mit Davids letzter Japanreise wieder mehr ins Detail. Die letzten hundertfünfzig Seiten umfassen dann die extrem kurze Zeitspanne von nur neun Monaten, vom April bis zum 31. Dezember 1999.

Davids Charakter macht in diesen letzten vierzig Jahren keine großen Wandlungen mehr durch. Erwachsen ist er schon, leidgeprüft auch, und für das Entwickeln von Schrullen, wie alte Leute es häufig tun, hat er gar keine Zeit. Auch körperlich bleibt er überraschend jung, im Alter von fünfundneunzig Jahren wirkt er noch wie ein Fünfzigjähriger, was wohl zu seinen Gaben als Jahrhundertkind gehören dürfte, denn die Lebensspanne von hundert Jahren wäre wohl kaum diese hundert Jahre wert, wenn davon zwanzig Prozent oder gar mehr durch Gebrechlichkeit beeinträchtigt wären.

Trotzdem ist David gegen Ende seines Lebens auf ein wachsendes Heer von Helfern angewiesen. Getarnt als Nachrichtenagentur, sammeln eine Menge Leute für ihn alles an Informationen, was zu kriegen ist. Dazu gehören neben Lorenzo und Ruben inzwischen auch Dee-Dee und Davy, zwei junge Computer-Freaks, die für ihn, wenn nötig, auch mal in fremde Rechner einbrechen. Denn der Giftgas-Anschlag in Tokyo geht David nicht aus dem Sinn, und tatsächlich ergibt die Recherche Ungeheuerliches …

Ob das Szenario, das Isau da entwirft, so wirklich möglich ist, dürften noch nicht einmal Koryphäen der Wissenschaft beantworten können, denn das Thema selbst ist längst nicht genügend erforscht. Davon ganz abgesehen, enthält die Sache einen kleinen Logikfehler: Wenn die Basis zur Vernichtung, die Zündschnur quasi, bereits verlegt ist, wie Kellipoth sagt, was sollte es dann nutzen, wenn David das Zünden der Lunte verhindert? In den folgenden Jahren nach der Jahrtausendwende kann jeder beliebige Unfall die Lunte nachträglich in Brand setzen! – Erstaunlicherweise hat David diese Erkenntnis selbst bereits im Zusammenhang mit dem Giftgasanschlag in Tokyo geäußert! Das Ende der Geschichte ist, zumindest im Hinblick darauf, deshalb nicht ganz befriedigend ausgefallen.
Die Erwähnung des Pik-Ass zu einem Zeitpunkt, da David es noch gar nicht erhalten hat, war wohl ein Lapsus des Lektorats, und die Äußerung bezog sich auf das Kreuz-Ass, das David von Südamerika nach Rom gelotst hat.

Verwunderlich erschien mir dagegen, dass der Kreis auch nach den Ereignissen, die ihn bereits mehrere seiner Brüder gekostet hat, immer noch nicht zu wissen scheint, welche außergewöhnlichen Gaben David besitzt! Eigentlich sollte man meinen, dass der mächtige Lord Belial das mal rauskriegt und die Übrigen über die Einzelheiten informiert. Allgemeine Warnungen dürften aufgrund Davids unübersehbarer Erfolge ziemlich überflüssig sein!
Ebenso verwundert hat mich der Fatalismus, mit dem Davids Angehörige die Meldung hingenommen haben, er sei im Pazifik gefallen. Sie alle wussten von Davids Lebensaufgabe und seinen Fähigkeiten. Eine solche Meldung hätte ich nur angesichts seines Leichnams geglaubt!

Auch mit dem Epilog hatte ich gelinde Schwierigkeiten. So relativ nach Einstein auch alles sein mag, wie immer David es geschafft haben mag: Eine Doppelexistenz über mehrere Jahrzehnte, ohne dass irgendwelche Behörden, Banken, Versicherungen oder sonstige Leute damit ein Problem bekommen und die Sache auffliegt, das kommt mir doch sehr unwahrscheinlich vor! Andererseits haben wir es hier nicht umsonst mit Fantasy zu tun, also sei David die Entschädigung für seinen langen Kampf gegönnt.

Trotz dieser kleinen Mängel fand ich das Buch im Ganzen gelungen. Spätestens nach der Kuba-Krise geht es ans Eingemachte, und vor allem auf den letzten 150 Seiten zieht die Spannung deutlich an. Nicht allein deshalb, weil David die Zeit davonläuft, sondern auch, weil der Leser zum ersten Mal nicht weiß, worum es diesmal wirklich geht und wie es endet.

Insgesamt gehört der Kreis der Dämmerung zu den besten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Isau hat seine fantastischen Elemente geschickt mit der historischen Realität verwoben, seine fundierte Recherche zu den beschriebenen Geschehnissen war dazu die beste Grundlage. Entstanden ist daraus eine intelligente und faszinierende Geschichte, die durchaus deutlich Stellung zu den Ereignissen und Entwicklungen des Jahrhunderts enthält, und das ganz ohne Polemik oder erhobenen Zeigefinger. Ein echter Leckerbissen, sowohl für Freunde des Fantasy-Genres als auch für Liebhaber des Historienromans.

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing. Aus seiner Feder stammen außer der Neschan-Trilogie und dem Kreis der Dämmerung unter anderem „Der Herr der Unruhe“, „Der silberne Sinn“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Das Museum der gestohlenen Erinnerungen“. In der Reihe Die Legenden von Phantásien ist von ihm „Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erschienen. Im Juli dieses Jahres kam der erste Band der Chroniken von Mirad unter dem Titel „Das gespiegelte Herz“ heraus, im September wird „Die Galerie der Lügen“ herausgegeben. In der Zwischenzeit arbeitet der Autor an den Folgebänden der Chroniken von Mirad.

Taschenbuch 510 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-15321-3

http://www.luebbe.de/
http://www.isau.de/index.html

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


http://www.isau.de

Festa, Frank (Hg.) – Omen – Das Horror-Journal Nr. 2

Dem Vorwort des Herausgebers Frank Festa (S. 4/5), der sich für die Leserresonanz auf den ersten Omen-Band bedankt und dem Horror auf dem deutschen Buchmarkt eine optimistische Prognose stellt, folgt mit „Mister Bradbury“ (S. 25-28) ein erster Bericht der „Omen-USA-Korrespondentin“ Paula Guran, die einen öffentlichen Auftritt des Phantastik-Veteranen Ray Bradbury erlebte. Auch die nächsten drei Beiträge stammen von Guran: ein „Interview mit Clive Barker“ (S. 49-69), gefolgt von einer „Ergänzung“, die dem Schriftsteller den Maler und Zeichner Barker zur Seite stellt: „Die Kunst des Clive Barker“ (S. 89-96). Schließlich gibt es ein „Interview mit Neil Gaiman“ (S. 97-104). Konstantin Paustowski erinnert an das unglückliche Leben und das reiche Werk des russischen Schriftstellers Alexander Grin (S. 115-133). Dirk Berger führt das dritte Interview dieses Journals mit Tim Powers (S. 150-165).

|Storys:|

– Brian McNaughton: Meryphillia („Meryphillia“, 1990, S. 7-28): Ein weiblicher Friedhofsghoul verliebt sich in einen überspannten Dichter und beweist eindrucksvoll, dass Liebe tatsächlich durch den Magen gehen kann …

– Howard Phillips Lovecraft: Pickmans Modell („Pickman’s Model“, 1927, S. 30-44): Die schrecklichen Nachtmahre, die ein junger Maler auf die Leinwand bannt, wirken nicht grundlos so lebensecht …

– Daniela Klug & Stefan Krüger: Jack, der U-Bahn-Klopfer (2005, S. 45-48): Ein gelangweilter Streckenwärter verfällt tief unter der Erde seiner Angst vor der Finsternis …

– Henry Kuttner: Das Geheimnis von Schloss Kralitz („The Secret of Kralitz“, 1936, S. 70-77): Der 21. Nachkomme eines verderbten Adelsgeschlechts lernt den Familienfluch kennen …

– John Metcalfe: Das Ödland („The Bad Lands“, 1925, S. 78-88): Eine Art Raumfalte verschafft dem nervenschwachen Kurgast Zugang in eine fremde Dimension, deren böses Herz er mit einem reinigenden Feuer auszubrennen gedenkt …

– Tim Powers: Wo sie lauern („Where They Are Hide“, 1995, S. 166-191): Kreuz & quer springt der Zeitreisende durch die Jahrzehnte und tilgt unerfreuliche Handlungsträger aus der Weltgeschichte, welche sich indes nicht kampflos verdrängen lassen, sondern als übellaunige „Zeitgeister“ in die Gegenoffensive gehen …

– William Hope Hodgson: Die Insel des Ud („The Island of the Ud“, 1912, S. 192-214): Auf einer einsamen Südseeinsel steht ein mit Perlen geschmückter Totempfahl, auf den es ein habgieriger Kapitän abgesehen hat; freilich steht allerlei Monsterpack zwischen ihm und dem ersehnten Reichtum …

Brian Calvin Andersons Kurzcomic „Teddybär“ (S. 105-114) erzählt von den Schrecken, die in einem nächtlichen Kinderzimmer hausen können …

Unter dem Titel „Fenster zur Phantastik“ rezensieren Jan Gardemann, Malte S. Sembten und Uwe Vöhl verschiedene deutschsprachige Horrortitel der vergangenen Monate (S. 134-149, 219-222). Diverse Leserbriefe, die Herausgeber Festa selbst beantwortet, schließen „Omen 2“ ab (S. 215-218).

|Darstellung|

Gleich vierfach ist Paula Guran mit einschlägigen Horror-Beiträgen vertreten. Warum dies so bzw. wer diese Dame eigentlich ist, enthält uns das „Omen“-Team vor. Daher muss man sich selbst schlau machen, was glücklicherweise einfach ist, da Ms Guran äußerst aktiv ist (vgl. http://www.darkecho.com/darkecho/web/about.html#guran ). Ihr Ruf als Genre-Expertin lässt sich demnach begründen, wichtiger sind aber wohl ihre Verbindungen zu Autoren, Regisseuren und anderen Horror-„Machern“. Die Interviews mit Barker und Gaiman wurden professionell geführt und sind informativ (wenn auch bereits leicht angestaubt), der Artikel über den Künstler Clive Barker fällt zwar sehr subjektiv aus (woraus die Verfasserin keinen Hehl macht), ist aber ebenfalls interessant. Missfallen erregt hingegen der Beitrag über Ray Bradbury, welcher an mittelalterliche Heiligenverklärung grenzt, aber immerhin sehr schön den US-amerikanischen Hang zur organisierten Gefühlsduselei („Dennoch waren wir zu Tränen gerührt. Wir nahmen mehr mit, als wir mitgebracht hatten. Wir waren inspiriert worden.“ – S. 28) verdeutlicht. Wohltuend sachlich und konzentriert befragt Dirk Berger einen offensichtlich gut gelaunten Tim Powers.

Erst irritiert, dann zunehmend ärgerlich macht die Lektüre von „Über Alexander Grin“. Der Anlass ist (wahrscheinlich) der Geburtstag dieses russischen Schriftstellers (1880-1932), der sich heuer zum 125. Male jährt. (Vermerkt wird das an keiner Stelle.) Natürlich braucht es keinen direkten Grund, um an den Verfasser phantastisch-romantischer Meisterwerke wie „Purpursegel“, „Tod durch Ratten“ oder „Wogengleiter“ zu erinnern. Dies sollte dann freilich nicht durch einen Artikel geschehen, der völlig veraltet und höchstens noch – wenn überhaupt – als zeithistorisches Dokument lesbar ist. Konstantin Paustowski (1892-1968) schrieb als strammer (bzw. vorsichtiger) Bolschewist in einer Sowjetunion, die „Abweichler“ auch in der Kunst planvoll mundtot machte. Aus dem Menschen und Schriftsteller Grin, der sowohl im Zarenreich als auch nach der „Revolution“ trotz eher hilfloser Anbiederungsversuche ein missachteter und verfolgter Außenseiter blieb, macht Paustowski nachträglich einen Kulturrevolutionär im Geiste Lenins. Auch sonst müssen die wenigen biografischen und literaturgeschichtlichen Fakten aus einem Wust von Politkitsch, paustowskischen Treuebekenntnissen zum Sowjetregime und schwülstig literarisierten Episoden der Grin-Vita geklaubt werden. Ob Paustowski einst so schreiben musste, ist an dieser Stelle irrelevant. Im 21. Jahrhundert und Jahre nach dem Ende der Sowjetdiktatur des Geistes dürfte es bessere Artikel über Grin und sein Werk geben. Falls dies nicht zutrifft, sollte man lieber selbst einen schreiben oder besser ganz darauf verzichten. Wer Grin war und was seine Arbeiten (nicht nur unter phantastischen Aspekten) zu etwas Besonderem macht, bleibt hier jedenfalls ungesagt.

Die Kurzgeschichten übertreffen den redaktionellen Teil an Qualität. (Halbwegs) Modernes (McNaughton, Powers) mischt sich mit Klassischem (Lovecraft, Kuttner, Metcalfe, Hodgson), wobei wie in „Omen“ Nr. 1 echte Neu- bzw. Wiederentdeckungen zu verzeichnen sind. McNaughton balanciert mit seiner Story um eine in Liebe entflammte Leichenfresserin und ihren spinnerten menschlichen Schatz auf dem schmalen Grat zwischen Ernst und Parodie, wobei der fabelhafte Schwarzhumor dem grotesken Geschehen eine ganz besondere Note (darf man sagen: „Hautgout“?) verleiht. Kuttner – hier mit einem ansehnlichen Lovecraft-Pastiche vertreten – ist schon lange vom deutschen Phantastik-Buchmarkt verschwunden, Metcalfe praktisch ein Unbekannter; in beiden Fällen ist dies eine Schande. Besonderes Lob verdient Tim Powers mit einer vertrackten Zeitreise-Story, die neben den Robert-A.-Heinlein-Klassikern „By His Bootstrap“ (1941; dt. „Im Kreis“) und „All You Zombies“ (1959; dt. „Entführung in die Zukunft“) ausgezeichnet bestehen kann.

Ob H. P. Lovecrafts x-fach nachgedruckte Story um den Monster-Maler Pickman unbedingt an dieser Stelle Wiederauferstehung feiern musste, ist eine Frage, die mancher Leser, der sie vielleicht doch noch nicht kannte, sicherlich anders beantworten wird als Ihr Rezensent. Unbeeinflusst davon bleibt „Pickmans Modell“ natürlich ein Klassiker mit ungebrochener Gruselwirkung (auch wenn die Auflösung wohl niemanden mehr überraschen kann). Apropos Auflösung: Endlich erfährt der Leser auch, was auf der „Insel des Ud“ wirklich geschah. Technische Probleme (oder übernatürliche Sabotage) machten in „Omen Nr. 1“ aus W. H. Hodgsons Meeresschauer unbeabsichtigt einen Zweiteiler. Nun folgen nicht nur die unter den Tisch gefallenen Seiten, sondern noch einmal die gesamte Story, was sicherlich die richtige Entscheidung ist.

Zu den weisen Entscheidungen muss man auch diejenige zählen, dem deutschen Gruselnachwuchs dieses Mal nur eine Gelegenheit zur Lautäußerung zu gewähren. Obwohl gleich als Doppelpack aktiv, gelingt (bzw. misslingt) dem Autorenduo Klug & Krüger mit „Jack, der U-Bahn-Klopfer“ nur eine bis ins vorhersehbare Finale spannungslose Fanstory im Groschenheft-Stil („Keuchend stieß er den Atem aus.“), die zwischen dem Porträt eines frustrierten Nine-to-Five-Arbeitsroboters und (wohl psychologisch angelegtem) Horror dahinschlingert. Ebenfalls überraschungsarm, aber ansprechend schwarzweiß und wortlos umgesetzt, präsentiert Brian Calvin Anderson die Mär vom Kinderspielzeug, in das der Teufel fährt.

Die Leserbriefe äußern (positive wie negative) Kritik zur „Omen“-Ausgabe Nr. 1; sie dienen gleichzeitig Herausgeber Frank Festa als Podium für allgemeine Aussagen zu Form und Inhalt des Journals. So nimmt er beispielsweise zur „Festa-Lastigkeit“ der im Journal vorgestellten Autoren Stellung, die er weder bestreitet noch zu ändern gedenkt. Das „Omen“ ist in der Tat Informations- und Werbeträger gleichzeitig, was uns in der Nr. 3 eine Art Brian-Lumley-Sonderausgabe bescheren wird: keine Ankündigung, die Anlass zur generellen Freude gibt, aber die Bedeutung dieses nicht gerade begnadeten, aber überaus erfolgreichen Verfassers gerade für den Festa-Verlag widerspiegelt. Diplomatisch und mutig zugleich nimmt der Hausherr außerdem Morgenluft witternden Nachwuchsautoren aus deutschen Landen den Wind aus den Segeln und bittet vor der Einsendung einer mit Herzblut geschriebenen, aber oft Hirnschmalz (& grammatische Grundregeln) entbehrenden Story noch einmal Selbstkritik walten zu lassen. Dem kann man sich als Leser nur anschließen.

Was die Rezensionen angeht, so befassen sich diese ausschließlich mit deutschsprachigen aber nicht von |Festa| verlegten Werken – eine Zurückhaltung, die hier eigentlich unnötig ist, da das hauseigene Programm viele Titel umfasst, die einer Besprechung eher Wert wären als die hier ausgewählten, meist deutlich mittelmäßigen Romane und Kurzgeschichtensammlungen.

Bleibt abschließend die schwer oder gar nicht zu beantwortende Frage, welche Nische das „Omen“-Journal auf dem sekundärliterarischen Horror-Sektor eigentlich einnimmt. Noch sind (zu) viele Beiträge – hier seien vor allem die Guran-Texte genannt – für diverse Websites und Webzines entstanden. Sie wurden sichtlich für den „schnellen Verbrauch“ geschrieben, verlieren rasch an Aktualität oder haben – wie Gurans Bradbury-Eloge – eher Blog-Charakter. Ein Journal, das nur einmal jährlich erscheint, sollte doch Themen finden, die eines Berichtes würdiger sind, um es etwas pompös auszudrücken. So wird aus dem „Omen“ jedenfalls kein deutsches „Weird Tales“! (Ausgespart bleiben von diesem Tadel die nicht deutschsprachigen Storys, deren Wahl – und Übersetzung – zu keinen Klagen Anlass geben.)

An der Überpräsenz von „zweitverwerteten“ Artikeln wird sich wohl zukünftig wenig ändern, da das „Journal“ einerseits sehr zeitaufwändig in der Zusammenstellung ist und andererseits nur von einem kleinen Team realisiert wird. Deshalb wird es wohl nichts mit umfassenden Blicken auf den Horror fremder Länder, auf dass wir in Deutschland wenigstens erfahren, was anderswo geschrieben und gelesen, uns leider jedoch in der Regel vorenthalten wird.

Dessen ungeachtet füllt das „Omen“-Journal hierzulande eine Lücke für den Genrefan, dem ansonsten nur die Möglichkeit bleibt, sich auf die Informationssuche in den Weiten des WWW zu begeben. Das ist – vor allem, wenn man des Englischen mächtig ist und ein bisschen Qualitätsstudium betreibt – eine ergiebige und verlässliche Quelle, aber auch der nicht konservative Horrorfreund liebt halt noch immer das Papier bzw. die gebündelte Lieferung von Hintergrundinfos. Deshalb trotz einiger kritischer Worte abschließend ein uneingeschränktes „Ja“ zum „Omen“.

Arthur C. Clarke – 2001 – Odyssee im Weltraum

SF-Klassiker: Der Weltraum als mystische Erfahrung

Dieser Roman erschien im gleichen Jahr wie der zugehörige Film: 1968. Aber die literarische Idee ist viel älter. Schon 1948 formulierte Clarke in seiner Kurzgeschichte „Der Wächter“ (The Sentinel) den Einfall, dass ein Sternenvolk der Menschheit zu Intelligenz verholfen habe und nach dem Ausgraben des Wächtersteins auf dem Mond erfahren würde, dass die Menschen die Raumfahrt entwickelt hätten.

Der Autor

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Patterson, James / Roughan, Howard – Honeymoon

_Die Schwarze Witwe spielt Katz und Maus_

Nora Sinclair wird von jedem Mann begehrt und von jeder Frau, die nicht selbstbewusst genug ist, beneidet: Sie ist schön, reich, erfolgreich – und hatte bereits drei Ehemänner oder Verlobte. Leider haben zwei davon bereits vorzeitig den Löffel abgegeben. Aber das ahnt Opfer Nummer 3 noch nicht, als er Nora eröffnet, er habe nun endlich das Geheimnis um ihre heimliche Ehe gegenüber einer großen Zeitung eröffnet. Das bringt Nora unvermittelt in Zugzwang. Der Ehemann sollte unverzüglich seine Lebensversicherung kündigen …

An Todesfall Nummer zwei nimmt die Versicherung des Verblichenen ungewöhnlich viel Anteil. Niemand verdächtigt Nora wegen irgendetwas. Doch für den Mann, der sich Nora gegenüber als Versicherungsvertreter „Craig Reynolds“ ausgibt, sind einige Umstände an diesem Todesfall verdächtig. Nora hingegen hat ein feines Näschen für Ermittler, die sich zu sehr für ihre Angelegenheiten interessieren …

|Hinweis|

„honeymoon“ nennt man im Englischen die Flitterwochen. Das Wort erhält im Verlauf der Handlung eine reichlich unheilvolle Zweitbedeutung.

_Der Autor_

James Patterson, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Seine letzten Romane vor [„Lifeguard“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1508 waren „3rd Degree“, „Sam’s Letters to Jennifer“, „London Bridges“, „Honeymoon“, „Maximum Ride“ und „4th of July“. Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Howard Roughan lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Connecticut. Er ist der Autor der Romane „The Up and Comer“ und „The Promise of a Lie“.

_Handlung_

Nora Sinclair ist eine aufstrebende und sehr schöne Innenarchitektin in New York City. Sie hat ein kleines Problem: Sie hatte eine sehr traurige Kindheit und Jugend, die sie, nachdem ihre Mutter in den Knast musste, in Waisenheimen verbrachte. Sie sah mit an, wie die Mutter ihren Vater tötete, das kann ganz schön verstörend wirken und trägt nicht gerade dazu bei, Vertrauen in die Menschen zu setzen.

Besonders, was Männer betrifft. Inzwischen hat Nora gelernt, reiche Männer als Quelle von Vergnügen und Geld zu benutzen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sie eine hervorragende und somit kaltblütige Schauspielerin ist. Wer sagt denn, dass man nur einen Mann zur gleichen Zeit haben darf? Und irgendwie muss man die Kerle auch wieder loswerden, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben.

Gleich in der ersten Szene schleppt sich einer der Kerle – es wird wohl Ehemann Nr. 1 sein – im Todeskampf ins Badezimmer, wo er verendet. Wie konnte es nur dazu kommen? Und vor allem: warum? Das sind die spannenden Fragen, die erst im Laufe der Handlung beantwortet werden, wenn wir Nora, die Schwarze Witwe, etwas näher kennen lernen.

Als Nora gerade ihren Verlobten Connor Brown abserviert hat – das Gift im Essen ist nicht nachzuweisen -, taucht dieser Versicherungsmensch auf, der sich Craig Reynolds von der |Centennial One| nennt. Er behauptet, Nora sei die Begünstigte von Connors Lebensversicherung, und ihr stünden 1,9 Mio. Dollar zu. Peanuts gegen das, was Nora bereits von Connors Schweizer Nummernkonto auf die Cayman-Inseln transferiert hat! Und unangenehm obendrein, denn Reynolds will auf Geheiß seines Bosses John O’Hara ein paar Nachforschungen anstellen.

Wir werden ziemlich stutzig, als dieser Reynolds von seinem Boss angerufen wird – und dieser Susan heißt. Auch mit dem Versicherungsbüro in der Stadt, wo Connor Brown lebte, stimmt etwas nicht, wie Nora ein wenig spät, fast |zu| spät herausfindet: Es gibt nur eine Mitarbeiterin, die keine Ahnung hat, und Reynolds ist nie anzutreffen. Dennoch läuft eine ordentliche Ermittlung, bei der Reynolds die angebliche Klientin beschattet und mit einer Digitalkamera fotografiert. Dabei lernt er auch die Schwester des Toten, Elizabeth Brown aus Kalifornien, kennen. Aber er muss stets an die weisen Worte seines seligen Vaters denken: Manchmal ist nichts so, wie es zu sein scheint.

Für Reynolds – und seine Susan – stellt sich die Frage, ob Nora Connor getötet hat (aber womit?) oder wirklich ein reines Gewissen hat. Um das herauszufinden, muss er der Lady auf den Zahn fühlen. Susan sieht es gar nicht gern, dass ihr Mitarbeiter der Klientin so auf die Pelle rückt. Sie würde jedoch komplett ausrasten, wenn sie erführe, dass Mr. Reynolds seine Hormone nicht im Zaum halten konnte und mit der schönen Nora in der Kiste gelandet ist – die ganze Nacht hindurch.

Am nächsten Tag kocht Nora wie allen ihren Männern auch Craig ein schönes Omelett – nach Art des Hauses. Als er einen Erstickungsanfall erleidet, kommen ihm ernste Zweifel an Noras Unschuld.

_Mein Eindruck_

Die ganze Handlung besteht aus einem ausgetüftelten Katz-und-Maus-Spiel, einem sehr amerikanischen Spiel. Doch wer ist die Katze und wer die Maus? Wenn Nora Sinclair alias Olivia Sinclair ihre Männer reihenweise abserviert, entsteht der Eindruck, sie wäre die Katze. Doch dann taucht dieser Craig Reynolds alias John O’Hara auf, der genauso viel auf dem Kasten hat wie Nora. Natürlich denkt er, er wäre die Katze und sie die Maus, die er mit Leichtigkeit zur Strecke bringt.

Typisch männliche Selbstüberschätzung! Susan (auch ihre Identität ist eine Überraschung) versetzt ihm sofort einen Dämpfer für sein aufgeblasenes Ego. Dennoch weiß er nicht, ob er Nora bewundern soll, weil sie ein mindestens ebenso guter Schauspieler ist wie er selbst. Er ist ein Undercover-Agent, okay, aber diesmal ist mit dem „cover“ auch das Betttuch gemeint. Und was Fahrkünste und Action-Initiative anbelangt, so zeigt ihm Nora, wo der Hammer hängt. So ein armer FBI-Agent, der hat’s schon schwer.

Man merkt dem Buch an, dass es nicht von James Patterson ist, sondern vom Meister lediglich gründlich überarbeitet wurde: Die Kapitel sind gewohnt kurz und stets auf den Punkt gebracht, an dem der Leser unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Auch ein ziemlich schräger Humor („under-cover agent“, „honeymoon“) spielt durchweg eine amüsante Rolle.

|Sympathy for the devil|

Aber der Schwerpunkt der Handlung liegt – und das ist für Patterson untypisch – auf diesem Katz-und-Maus-Spiel, dem Krieg der Geschlechter, dem Wettstreit der Schauspieler. Wie so oft ist von Anfang an klar, wer der Täter, der Schurke im Stück ist. Das Perfide ist jedoch, dass der Leser allmählich dazu gebracht wird, Sympathie mit der Serienmörderin Nora zu empfinden. Ganz besonders dann, als sie erkennt, dass sie (wieder einmal) die Hintergangene und Gejagte ist. Sie ist diejenige, deren Herz (wieder einmal) gebrochen wurde. Als sie den Spieß umdreht, sind wir völlig auf ihrer Seite und wir blicken mit sehr gemischten Gefühlen auf das, was der Gesetzeshüter John O’Hara tut.

Die Story entfaltelt sich anfangs nur langsam und recht verzweigt. Dass dies planvoll und mit hinterlistiger Absicht so angelegt ist, erweist sich im letzten Viertel des Romans, als es eine Überraschung nach der anderen hagelt. Denn John O’Haras Ermittlung gegen Nora Sinclair hat einen viel weiter reichenden Hintergrund: O’Hara ist Anti-Terrorexperte …

|Kein typischer FBI-Thriller|

Zu Beginn machte ich den Fehler, eine Story zu erwarten, die ähnlich aufgebaut ist wie „Lifeguard“ (siehe dazu meine Rezension). „Honeymoon“ – wieder so ein super-ironischer Titel! – steigert sich ganz langsam zu einem packenden Finale hin. Und obwohl es sich im Grunde um einen FBI-Thriller handelt, hat die Story einen völlig anderen Schwerpunkt – siehe oben. Etwas Ähnliches hat der Leser vielleicht schon in „Body of Evidence“ gelesen, der mit Madonna (ziemlich schlecht) verfilmt wurde: ein erotischer Thriller, in dem der männliche Ermittler in die „tender trap“ fällt, die die weibliche Täterin für ihn aufgestellt hat.

Was ich immer wieder an Pattersons Kooperationsthrillern bewundere, ist die kenntnisreiche und (zu)treffende Beschreibung von Örtlichkeiten wie Ladengeschäften, Museen, Ortschaften und Verkehrswegen. Diese Realia verleihen der Handlung einen Anstrich von Glaubhaftigkeit und Authentizität, selbst wenn das Geschehen schon ans Unwahrscheinliche und Bizarre grenzt.

|1A-Infos über Land und Leute|

Patterson selbst lebt in Südflorida und kann ausgezeichnet über diese Gegend schreiben, so etwa in „Lifeguard“. Sein Ko-Autor Andrew Gross lebt in New York City, aber nicht er schreibt über die Stadt in „Honeymoon“, sondern Hoaward Roughan, der in Connecticut lebt – quasi um die Ecke. Die Ko-Autorin Maxine Paetro wiederum schreibt über San Francisco, mit ebenso großer Kenntnis über Land und Leute. Wer also noch etwas Insiderwissen über diese Gegenden und Städte mitnehmen möchte, der kann sie in Pattersons Thrillern abholen.

|Offene Fragen|

Die Erzählweise bringt es mit sich, dass Spannung durch Rätsel erzeugt wird, und diese Rätsel wiederum auf einem Informationsdefizit beruhen: einem Mangel an Beweisen etc. In der Regel werden in Pattersons Romanen alle offenen Fragen beantwortet, wie sich das gehört, um den Leser zufrieden zu stellen. Doch nicht in „Honeymoon“. Ziemlich gegen Schluss führt O’Haras Weg ihn in die Klapsmühle. Dort lebt Nora Sinclairs Mutter seit mehreren Jahren. Nora besucht sie einmal im Monat und bringt ihr dabei Kriminalromane mit.

Nachdem Nora bei ihrem letzten Besuch fast einen Nervenzusammenbruch hatte, beschloss ihre Mutter, ihr das Geheimnis jener Mordnacht zu enthüllen, in der Nora ihrer Mutter beim Töten zusah. (Und wenn sie dies kann, dann kann sie ja wohl auch nicht verrückt sein, oder? Warum also versteckt sie sich in der Anstalt?) Der mütterliche Brief wird jedoch abgefangen – durch einen so unwahrscheinlichen Zufall, dass er unplausibel erscheint. Das ist aber unwichtig. Wichtig ist, dass wir das Geheimnis nie erfahren. Ist der Autor gemein zu seinen Lesern?

_Unterm Strich_

Nach einem langsamen, behutsam aufgebauten Anfang gewinnt die Handlung mit dem Auftritt von Ermittler Craig Reynolds recht schnell an Spannung. Sobald er sich mit der Serienmörderin eingelassen hat, geht es um Leben und Tod, für ihn wie auch für Nora. Wer wird gewinnen, wer lacht zuletzt? Diese Fragen werden erst ganz am Schluss beantwortet und erzeugen einen Spannungsbogen vom zweiten Drittel bis zum Ende.

„Honeymoon“ ist spannende, sinnliche und stellenweise sehr ironische Lektüre. Ich habe lediglich einen genauer gezeichneten biografischen Hintergrund der beiden Hauptfiguren vermisst. In dieser Hinsicht ist „Lifeguard“ besser.

Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ lässt sich sicherlich zu den Literaturklassikern zählen. Geschrieben 1899, wird das Werk auch heute immer wieder neu verlegt, gelesen, adaptiert, neuinterpretiert und verfilmt. Mit der Ausgabe vom Juni 2005 legt der |dtv| nun eine komplette Neuübersetzung von Conrads bekanntestem Werk vor.

„Herz der Finsternis“ ist eine klassische Rahmenerzählung. Kapitän Marlow ist mit ein paar anderen Männern an Bord einer Hochseeyacht auf der Themse unterwegs. Sie warten auf die einsetzende Flut und während sie warten, beginnt Kapitän Marlow eine Geschichte zu erzählen, die vor Jahren passierte und die er seitdem im Stillen mit sich herumgetragen hat.

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Oakes, Andy – Drachenaugen

Acht Leichen sind der Anfang. Es ist tiefe Nacht, als man die toten Körper am Ufer des Huangpu Jiang entdeckt. Ein groteskes, schreckliches Bild: Die Toten sind aufs Ärgste verstümmelt und gleichzeitig mit Eisenketten aneinander gefesselt. Ein unwirkliches Rad der Brutalität. Sun Piao, Hauptkommissar bei der Mordkommission von Shanghai, übernimmt den Fall. Und bereits am Tatort kündigt sich an, dass hier etwas unter der Oberfläche gärt, was nicht ans Licht kommen soll.

Zuerst ist es nur der Polizeipathologe, der sich weigert, die Toten zu untersuchen und auch Sun dazu rät, von der Sache abzulassen. Als dann auch noch einige hohe Kader am Ufer des Huangpu auftauchen und sich in die Ermittlungen einmischen, wittert Piao großen Ärger auf sich zukommen. Doch diesmal wird er nicht nach den Vorgaben des Systems handeln. Diesmal wird er sich nicht unterordnen und einfach abnicken, was seine Vorgesetzten ihm diktieren. Er ist fest entschlossen, die Hintergründe der Tat ans Licht zu zerren und in der korrupten, verkorksten Welt Shanghais ein einziges Mal für Gerechtigkeit zu sorgen. Zusammen mit seinem Kollegen Yaobang beginnt er auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Doch schnell wird klar, dass hier äußerst einflussreiche Kräfte gegen die beiden Ermittler der Mordkommission stehen. Niemand will sich mit den Leichen abgeben, von keiner Seite kommt Unterstützung, die dem Fall auch nur im Entferntesten angemessen wäre. Lediglich die amerikanische Regierungsbeamtin Barbara Hayes scheint an der Lösung des Falls interessiert. Der Grund: Ihr Sohn ist einer der Toten. Allmählich entsteht vor den Augen des ungleichen Dreier-Gespanns ein grobes Bild – doch ergeben sich daraus am Ende immer nur neue Fragen. Was hatten die fünf Kriminellen, der amerikanische Student, der Archäologieprofessor und die schwangere Unbekannte gemeinsam, vom kalten Tod im Huangpu einmal abgesehen?

Für langes Grübeln bleibt wenig Zeit, denn schon bald müssen Hayes, Piao und Yaobang erkennen, dass sie durch ihre Nachforschungen sich und ihre Mitmenschen in größte Gefahr bringen. Die Zahl der Toten wächst, je tiefer sie graben. Dunkle Mächte stellen sich ihnen versteckt hinter Masken in den Weg – Schweigen und Tod sollen den Huangpu-Vorfall ins Vergessen führen …

Andy Oakes, geboren 1952, hielt sich einst im Zusammenhang mit geheimen Rüstungsprojekten für zwei Jahre in China auf. Er lernte hier neben Regierungsvertretern vor allem auch das lebendige Alltagsleben der Millionenmetropole Shanghai kennen. Später arbeitete er als Fotograf und Geschäftsführer einer Franchise-Firma, heute ist er Jugendberater und lebt in East Sussex. „Drachenaugen“ ist sein erster Roman und wurde ein voller Erfolg. Lobende Kritiken und ausgezeichnet mit dem |European Crime and Mystery Award| der SNCF, aber vor allem ein gelungenes wie fesselndes Machwerk.

Oakes erzählt eine Geschichte von Mut und Trotz gegen große Widerstände. Eine Geschichte vom Menschen, der versucht, sich einen letzten Rest von Eigensinnigkeit, Freiheit und Stolz zu wahren. Shanghai bietet hierfür ein ideales Bühnenbild, ein facettenreicher Ort der Gegensätze, Licht, Schatten, Trauer. In einer Welt, die abweichende Verhaltensweisen rigoros zu ahnden scheint, versuchen die Protagonisten Piao und Yaobang, den Kopf über Wasser zu halten und ein Stück weit gegen den Strom anzuschwimmen. Kein einfaches Dasein, das merken die Charaktere, vor allem aber merkt dies der Leser schnell.

Oakes schildert die Misslichkeiten des Lebens in einer sehr poetisch-metaphorischen Art und Weise, die den Leser stundenlang an das Buch zu fesseln vermag. Man wähnt sich bald selbst auf den regennassen Straßen Shanghais, zwischen Imbissbuden und Wolkenkratzern, zwischen Verfall und einem kleinen Rest Hoffnung.

„Drachenaugen“ ist keine leichte Kost; Oakes präsentiert ein dunkles, verwaschenes Gemälde, welches wenig Rücksicht auf seine Figuren nimmt. Trotzdem wohnt dem dunklen, grauen Schreibstil ein starkes Faszinationsmoment inne. Der Plot selbst wartet mit einigen Überraschungen auf – auch wenn man zum Ende hin den Eindruck gewinnt, der Autor spränge etwas zwanghaft vom Hundertsten ins Tausendste. Hier fühlt man sich als Leser ein wenig überrumpelt und leicht verloren zwischen den verschiedenen Machenschaften der Gegenseite. Von Schreibstil und kreierter Atmosphäre her ist „Drachenaugen“ jedoch definitiv zu empfehlen.

_Michel Bernhardt_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Stephen Baxter – Anti-Eis

Wasser vom Mond

Der Brite Stephen Baxter bewegt sich mit seinen Romanen in der Gesellschaft der Größen des Genres: H. G. Wells, Arthur C. Clarke und Heinlein (der frühe). Diese Autoren extrapolierten die gesellschaftlichen Folgen einer wissenschaftlichen Entdeckung und schilderten sie auf unterhaltsame Weise.

Hatte Baxter mit „Zeitschiffe“ bereits eine fulminante Fortsetzung zu dem Klassiker [„Die Zeitmaschine“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1414 vorgelegt, so unterhält er den Leser in „Anti-Eis“ mit einer kurzweiligen, aber auch zum Nachdenken anregenden Abwandlung von H. G. Wells‘ Klassiker „First Men in the Moon“ (man beachte das „in“, im Gegensatz zu Vernes „auf dem Mond“). Wie sich während der Lektüre herausstellt, ist Baxter auch ein Geistesverwandter von Michael Moorcock.

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Stöcklein, Verena / Plischke, Thomas – Terra Nova: Der Schwur des Sommerkönigs 1

Im Jahr 2656 hat sich das Antlitz der Erde grundlegend verändert. Nach der zweiten Sinflut ist der Meeresspiegel drastisch gestiegen, weite Teile Europas stehen unter Wasser und der Begriff „Britannische Inseln“ hat eine ganz neue Bedeutung gewonnen: Ganz Britannien ist in viele kleine Inseln zerfallen, London selbst ist eine einzige große Inselfestung geworden.

Auf dem Armut leidenden Kontinent kämpft die angelitische Kirche mit ihren Engeln und unzähligen Gläubigen gegen die |Traumsaat| genannten Dämonen der Hölle. Der Technologie der Britonen steht man ablehnend und feindselig gegenüber, ihrem Glauben an heidnische Götter und Götzen der keltischen Sagenwelt ebenso.

Darum hat man eine gewaltige, schwimmende Festung gebaut. Die |Terra Nova| soll unzählige Gläubige, Templer und Engel nach Britannien übersetzen, um das Gelingen der Invasion der Inseln sicherzustellen. Die Engelsschar des Michaeliten Lumael, dessen Gruppe der Leser begleiten wird, ist nur eine der vielen Engelsscharen, die sich an diesem Feldzug beteiligen. Tief im Feindesland dagegen spioniert der Sarielit Joel, eine Mission, die ihn in höchste Gefahr bringt: Er wird zum Mundschenk des Sommerkönigs, eines der höchsten Götzen der Britonen, auserwählt …

„Terra Nova“ erzählt zusammen mit dem noch nicht erschienenen „Terra Incognita“ die Geschichte dieser Invasion. Die Duologie spielt im |Engel|-Rollenspieluniversum von |Feder & Schwert|, ein auf Phantastik und Rollenspiel spezialisierter Verlag, der von |Wizards of the Coast| die D&D-Lizenz für Deutschland erhalten hat und bereits zuvor für die Übersetzung von |Dungeons & Dragons|-Romanen wie der Reihe [Der Krieg der Spinnenkönigin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=183 verantwortlich zeichnete.

Nicht-Rollenspieler können jedoch aufatmen, es sind keine der zahlreichen Bücher über die verschiedenen Engelsorden dieser Welt oder andere Sourcebooks, wie bei rollenspielbasierten Serien oft üblich, erforderlich, um „Terra Nova“ verstehen und genießen zu können. Die Autoren Verena Stöcklein und Thomas Plischke lassen die notwendigen Informationen elegant in die Handlung einfließen, die so mit einigen Aha-Effekten aufwarten kann und Interesse weckt.

Alleine die Idee des Engel-Universums hat ein hohes Unterhaltungspotenzial: Ein mittelalterliches Europa, in dem die Kirche noch stark ist, der Aberglaube weit verbreitet und der Teufel mit seinen Dämonen auf Erden wandelt. Die andersgläubigen Britonen setzen auf Technologie und heidnische Magie, Toleranz ist auf beiden Seiten nicht vorhanden, dafür sorgen die Priester beider Seiten mit markigen Predigten. Die von einer zweiten Sinflut heimgesuchte und durch sie veränderte Welt ist auf interessante Weise an unsere Geschichten und Sagen angelehnt, die in ihr verfremdet belebt und neu kombiniert werden. So wurden die Gralsburg oder der Gralsberg |Munsalvaesche| beziehungsweise |Montsalvasch| zum |Mount Salvage| umbenannt, während in |Roma Aeterna| der Chor der Sarieliten seine Ausbildung erfährt, neben den Gabrieliten, die mit Feuer und Schwert die Todesengel und somit die Kämpfer unter den Engeln stellen. Hier fließt das Rollenspielelement am stärksten ein, besteht doch die uns durch das Buch begleitende Engelsgruppe aus dem altbekannten Muster Kämpfer, Heiler, Magier.

Die Engel werden sehr menschlich dargestellt; so hat der Michaelit und Anführer der Schar, Lumael, panische Angst vor dem Wasser. Wie der Rest seines Engelsordens kann er jedoch für kurze Zeit jegliche Furcht unterdrücken, während die Gabrieliten mit Feuerschwert und feuerfester Rüstung ins Gefecht ziehen – auch hier sieht man das Regelwerk eines Rollenspiels hindurchscheinen, die zweigleisig erzählte Handlung schreitet jedoch flott voran und ist sehr abwechslungsreich, so dass dies nicht allzu störend wirkt.

In Britannien wird die Geschichte aus der Sichtweise von George, einem zuckerkranken Goldschmied, erzählt. Er kann nur durch das industriell hergestellte Insulin überleben, etwas, das es im angelitischen Europa nicht gibt, das alle Maschinen ablehnt. Als Angelit lebt er versteckt unter den heidnischen Britonen, die von keltisch angehauchten Druiden und Priesterinnen beherrscht werden. Weltlich werden sie von an altenglische Verhältnisse angelehnten „Thanes“ regiert, zwischen beiden Parteien kommt es immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten. Er soll dem Engel Joel als Partner zur Seite stehen, der ihn bitter nötig hat. Trotz aller Ausbildung und göttlichen Gaben mangelt es dem Engel an Kenntnis von Land und Leuten, sein überirdisch gutes Aussehen lässt sich zudem nicht verbergen und er wird zum Mundschenk des Sommerkönigs bestimmt, einem mächtigen Götzen der Britonen, was George an den Rand des Wahnsinns treibt. Konfliktpotenzial ist mehr als gegeben!

Interessant ist, dass die Engel sowie George durchaus kritisch reflektieren können, für was und gegen wen sie streiten. So sind nicht alle Engel aus Lumaels Schar angetan vom fanatischen Eifer der Templer und dem bevorstehenden Gemetzel, während Joel durch die Begegnung mit dem Sommerkönig in den Grundfesten seines Glaubens erschüttert wird. Wenig wird in diesem Band auf die Traumsaat-Dämonen eingegangen, er fokussiert das Geschehen stark auf die britannischen Inseln, auch treten interessanterweise weder Gott noch Teufel in Aktion und halten sich trotz aller übernatürlicher Präsenz im Hintergrund.

_Fazit:_

Auch wenn sich das Buch gezielt an Rollenspieler wendet und für das Engel-Rollenspiel wirbt, kann die fantasievolle Welt auch für gewöhnliche Fantasyleser einen Charme entfalten, dem man sich nicht entziehen kann. Wer D&D-Rollenspiele satt hat, bekommt hier eine frische und unverbrauchte Welt geboten, die sehr vielversprechende Ansätze bietet. Der Roman weist nur 259 Seiten auf, diese sind recht klein gedruckt, allerdings hervorragend gesetzt und so sehr gut lesbar – man könnte bei normaler Druckgröße von knapp 400 Seiten Umfang ausgehen, was die Qualität der Geschichte unterstreicht; ich hätte gerne noch weiter gelesen. Diese relative Kürze, verbunden mit den offenen Ende, stellt auch meinen Hauptkritikpunkt dar; man muss zwangsweise auch den zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht erschienenen zweiten Band, „Terra Incognita“, lesen.

Hervorheben möchte ich auch das hochwertige Erscheinungsbild des Romans: Alleine die ausgefallene schwarz-weiß-goldene Gestaltung des Covers im Stil des Engel-Universums macht einen außergewöhnlich guten Eindruck, der sich im sorgfältigen Lektorat und der liebevollen Gestaltung der Kapitelüberschriften bis hin zu den Seitennummern fortsetzt. Hier steht das Engel-Universum ganz in der Tradition von |Feder & Schwert|; die Zeiten schlecht übersetzter amerikanischer Rollenspielfantasy sind endgültig vorbei. Misslungen ist hingegen der viel zu verspielte Titelschriftzug des Romans: Weder „Terra Nova“ noch „Der Schwur des Sommerkönigs 1“ kann man auf Anhieb lesbar erkennen, hier sollte man in Zukunft nachbessern.

Die hochinteressante postapokalyptische Welt spielt gekonnt mit Mythen, Geschichte und Legenden und schafft so eine tolle Atmosphäre; die Liebe zum Detail zeigt sich nicht nur im Roman, sondern setzt sich auch in der wunderschönen optischen Gestaltung fort. Ich kann sie jedem Rollenspieler nur empfehlen, der einmal ausgetrampelte D&D-Pfade verlassen und etwas Neues ausprobieren möchte. Dieser gelungene Roman erweckt Interesse und macht Appetit auf mehr.

Homepage des Engel-Rollenspiels:
http://www.engel-net.com/

Homepage von Feder & Schwert:
http://www.feder-und-schwert.com/

Gaborit, Mathieu – scharlachrote Turm, Der (Im Reich des Feuervogels 1)

Leicht kann man bei der Übermacht an englischen Fantasy-Romanen vergessen, dass auch in anderen Ländern von fremden Welten, Magie und seltsamen Wesen erzählt wird. Selten genug veröffentlichen deutsche Verlage Romane aus dem französischen oder auch anderen Sprachräumen. Mathieu Gaborits Zyklus um das „Reich des Feuervogels“ ist eine solche Ausnahme.

„Der scharlachrote Turm“ ist der Auftakt der Geschichte und entführt uns auf eine Inselgruppe, deren Reiche nicht nur die Namen von Fabelwesen wie Greif, Drache und Einhorn tragen, sondern in denen auch tatsächlich solche Wesen mit den Menschen leben, ihnen die Magie geben und sie beschützen.

Einzig die Diener der Phönixe haben kein eigenes Reich gegründet. Ihre Gilde ist in allen Ländern beheimatet, denn die Feuervögel sind zum einen mächtiger als die anderen Fabelwesen, zum anderen aber auch nur von wenigen zu kontrollieren und zu bezähmen. Zu schnell kann Chaos und Vernichtung aus deren Feuer entstehen.

Der junge Januel ist ein solcher Diener, ein Phönike. Er wird im Turm von Sedana ausgebildet und hofft wie so mancher andere junge Alkoluth, für die Erweckungszeremonie eines Phönix erwählt zu werden. Doch es ist sein Kamerad Sildinn, der offiziell in die Hauptstadt des Greif-Imperiums geschickt wird, obwohl er die schwächeren Fähigkeiten besitzt.

Doch kaum ist dieser abgereist, wird Januel von seinem Meister Farel beiseite genommen und erfährt, dass er eigentlich an den Hof gebracht werden soll, doch dass es gefährlich sei, das offen zu tun. Er weiht ihn in schreckliche Geheimnisse ein. „Das Aas“, die Nachfahren und die Essenz pervertierter Fabelwesen, der Inbegriff des Bösen, ist auf dem Vormarsch und bedroht die anderen Reiche. Sie wollen Chaos und Tod über die Länder der Inseln bringen, und sie haben es auch auf die Phöniken abgesehen. Denn allein das Feuer der Phönixe kann dem Aas Einhalt gebieten …

Nach einer langen, gefahrvollen Reise kommen Januel und Farel am Hofe des Greifen-Imperators an. Sie hoffen, ein Beispiel setzen zu können, doch bei der Wiedererweckung des kaiserlichen Phönix kommt es zu einer Katastrophe …

Wenn ich früher französische Fantasy in deutscher Übersetzung gelesen habe, so war ich meist von dieser enttäuscht, da sie meist nur an versponnene exzentrische Kunstmärchen erinnerte.

Deshalb begann ich dieses Buch auch mit einer gewissen Skepsis zu lesen, wurde aber angenehm überrascht. Mathieu Gaborit gelingt es, vertraute Versatzstücke der Fantasy neu anzuordnen. Er konzentriert sich auf Fabelwesen, die in den meisten angloamerikanischen Romanen gerne vernachlässigt werden und begeht nicht den Fehler, sie zu vermenschlichen oder als bloße Tiere zu betrachten, wie es ebenfalls oft genug passiert. Zudem verknüpft er die Magie auf glaubwürdige und interessante Weise mit den verschiedenen Kreaturen, wobei vor allem die Phönixe eine Rolle spielen.

Januel wächst wie der Leser in die Geschichte hinein und lernt das auf leisen Sohlen heranschleichende und zielgenau zuschlagende Böse erst nach und nach richtig kennen. Er ist nicht von Anfang an der erfahrene Auserwählte, sondern macht eine Entwicklung durch, die ihn einerseits sehr schnell reifen lässt, andererseits aber auch von ihm verlangt, viele Eröffnungen sehr schnell zu verkraften und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu einzusetzen. Letztendlich gelingt es dem Autor auch hier, ein wenig abseits von ausgetretenen Pfaden zu wandeln und einige Dinge konsequent bis zum bitteren Ende zu führen.

Es ist also kein Fehler, den ersten Band genauer in Augenschein zu nehmen, wenn man einmal magiebetonte High-Fantasy fernab von den anglo-amerikanischen Gewohnheiten lesen will.

|Originaltitel: Les Chroniques des Feals 1: Coeur des Phenix
Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn|

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Wallace, Edgar – Hexer, Der

Inspektor Alan Wembury von Scotland Yard übernimmt den „R-Bezirk“ im Londoner Stadtteil Deptford. Der ist ein unruhiges Pflaster, in dem sich diverse Größen der Unterwelt behaglich eingerichtet haben. Zu ihnen gehört der halbseidene Rechtsanwalt Maurice Messer, der Polizei bekannt und verhasst als höchst eloquenter Streiter weniger für als gegen das Gesetz, dem er seine zwielichtigen Klienten vor den Schranken des Gerichts immer wieder zu entreißen weiß.

Dass Messer selbst ein Verbrecher ist, blieb bisher unbekannt. Der junge Johnny Lenley ist da besser im Bilde, schließt er doch gerade ein Geschäft mit dem Anwalt ab. Aus vornehmen Hause stammend, aber inzwischen völlig verarmt, will Johnny die Rückkehr in jene Kreise, denen er sich zugehörig fühlt, notfalls auf krummen Wegen erzwingen. Vor einiger Zeit hat er die berühmte Perlenkette der Lady Darnleigh gestohlen, deren Verkauf Messer als Hehler übernehmen soll.

Die Polizei ist misstrauisch aber machtlos, Inspektor Wembury zudem privat in den Fall verwickelt. Er kennt Johnny Lenley seit Jahrzehnten, desgleichen dessen blutjunge Schwester, die hübsche Mary, für die Wembury mehr als freundschaftliche Gefühle hegt. Messer verfolgt dagegen weniger ehrenhafte Absichten. Die Geldnot der Geschwister ausnutzend, stellt er Mary als seine Privatsekretärin ein. Als Johnny ihn durchschaut, lässt ihn Messer in eine Falle laufen, die ihn direkt ins Gefängnis bringt. Zwischen der unschuldigen Mary und ihrem schurkischen Arbeitgeber scheint nur noch Inspektor Wembury zu stehen aber der hält sich fern, weil er fälschlich glaubt, von Mary für die Verhaftung des Bruders verantwortlich gemacht zu werden.

Doch der lange Arm der Gerechtigkeit greift bereits nach Messer. Der hatte vor einigen Monaten Marys Vorgängerin vom Sekretärinnenstuhl auf sein Lotterbett gezogen, ausgiebig entehrt und dabei geschwängert. Erst (zu) spät besann sich Gwenda Milton ihrer Ehre und wählte (wie es sich gehört) den Freitod in der Themse. Das weckte den Zorn ihres Bruders, und der ist ein Gegner, den man ungern gegen sich aufbringt: Henry Artur Milton, genannt der „Hexer“, ist ein international bekannter und verfolgter Verbrecher. Als moderner Vigilant hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Bösewichter dieser Welt dort zu strafen, wo das Gesetz machtlos bleibt: Er bringt sie kurzerhand um und ist sehr erfolgreich dabei!

Dass Milton nach England kommen wird, gilt als sicher: Des Hexers Gattin Cora Ann ist bereits dort eingetroffen, Milton wird nicht lange auf sich warten lassen. Aber der Hexer trägt seinen Spitznamen nicht ohne Grund. Er ist ein Meister der Verkleidung und der Täuschung und tritt unter vielen Masken immer genau dort auf, wo ihn seine Verfolger am wenigstens vermuten …

„Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!“ Mit diesen großen Worten warb einst der |Goldmann|-Verlag für die zahlreichen Romane dieses Verfassers. Zur Dankbarkeit bestand Grund genug, denn über viele Jahrzehnte bildeten seine Werke nicht nur ein Standbein, sondern geradezu das Fundament des Hauses Goldmann. Die fünf Jahre nach dem II. Weltkrieg eingeführte Reihe der „Roten Goldmann-(Taschen-)Krimis“ gründete ihren Ruhm und ihren Erfolg auf Edgar Wallace; zeitweise stammte jeder zweite Band der Reihe aus seiner Feder.

Mehr als vier Jahrzehnte wurden diese frühen Goldmann-Krimis immer wieder aufgelegt. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man in Deutschland die Begriffe „Wallace“ und „Krimi“ durchaus als Synonyme verstehen. In dieser Zeit entstanden auch die unzähligen Wallace-Kinofilme, die noch heute einen festen Bestandteil in den Programmplänen deutscher TV-Sender bilden. Generationen von Lesern, Kinobesuchern und Fernsehzuschauern wurden von Edgar-Wallace-Krimis geradezu geprägt.

Das ist heute schwer verständlich. „Der Hexer“ ist einer der bekanntesten Wallace-Thriller, doch die Lektüre lässt den Leser, der zuvor womöglich nie ein Werk dieses Schriftstellers gelesen hat, recht ratlos zurück. Nach einem recht verheißungsvollen Beginn, der das ganze nostalgische Inventar des britischen Kriminalromans zwischen den beiden Weltkriegen auffährt, tritt die Handlung bis zum spannungsarmen Schluss unverkennbar auf der Stelle. Sie verlässt bis auf wenige kurze Episoden nie die staubige Höhle des Übelfingers Messer, und die Protagonisten beschränken sich darauf, gern und ausgiebig zu reden … und zu reden … und zu reden. Kein Wunder, denn „Der Hexer“ hat das Licht der Künstlerwelt nicht als Roman, sondern als Theaterstück („The Gaunt Stranger“, 1925) erblickt, das vom geschäftstüchtigen Wallace später umgeschrieben wurde. Wie es seine Art war, hat er sich dabei auf die nötigsten Handgriffe beschränkt, das Honorar eingestrichen und zum nächsten Wettschalter getragen.

Während die (in jeder Hinsicht) blutleere Handlung besonders den irritiert, der die oben erwähnten Edgar-Wallace-Kinofilme kennt – offenbar haben die viel gescholtenen Zelluloid-Handwerker des deutschen Kinos vor der bleiernen Zeit des Autorenfilms doch etwas von ihrem Job verstanden -, ruft die schauerliche Figurenzeichnung echten Ärger hervor. Doppelt fremd muss uns heute die unglaubliche Popularität der Wallace-Krimis in Deutschland erscheinen, wenn wir mit den scherenschnitthaften Karikaturen konfrontiert werden, die der tiefsten Mottenkiste des Stummfilm-Melodrams entsprungen sind. Mary Lenley ist die hilflos-händeringende Schöne, die vom langweilig-edelmütigen Helden vor dem buschigbrauig-lüsternen Bösewicht gerettet werden muss. Nachdem er dies zum tausendsten Male versucht hat und sich doch wieder nicht getraut hat, dem Objekt seiner Bemühungen endlich seine Liebe zu gestehen, während dieses schlicht zu blöd ist, seine verzweifelten Anstalten zu deuten, hat man es einfach nur gründlich satt.

Der „Hexer“ selbst kann da das Eisen erst recht nicht mehr aus dem Feuer reißen. Das angebliche Genie des Verbrechens, Schrecken der Polizei diverser Kontinente, ist ein selbstgerechter und eingebildeter Rächer, unsympathisch dort, wo Wallace ihn faszinierend erscheinen lassen wollte, und als dunkle Heldengestalt denkbar ungeeignet.

Denn Edgar Wallace war das britische Pendant zum Groschenheft-Zeilenschinder späterer Jahre. Das ist eine provokante These, die sich allerdings allzu leicht belegen lässt. Der typische Wallace-Krimi entstand nach dem Baukasten-Prinzip. Drei, vier thematische Grundkonstellationen und einige wenige Knallchargen (zu den oben erwähnten Figuren gesellen sich da der rasende Reporter, der kauzige Adlige, der treuherzige Kleinkriminelle usw.) müssen ausreichen, knapp 200 Seiten zu füllen: Wallace hatte weder die Geduld noch vor allem die Zeit, sein zweifellos vorhandenes erzählerisches Talent zu entfalten. Seine zahllosen Gläubiger stets dicht auf den Fersen, diktierte er seine Bücher quasi direkt in die Druckerpresse. Trotzdem muss er lange Zeit einen Nerv berührt haben, auch wenn es heute schwer fällt zu entscheiden, welcher dies gewesen sein könnte. Ursprünglich muss es wohl der Reiz gewesen sein, den rasante Trivialliteratur durchaus ausstrahlen kann. Hinzu kam die pure Quantität der einschlägigen Titel: Wallace warf einen Thriller nach dem anderen auf den Buchmarkt. Dort kam man gar nicht umhin, diese Titel zur Kenntnis zu nehmen.

Im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit war es dann die Werbung, die erfolgreich „spannende Krimis mit Niveau“ ankündigte. Man macht sich heute keine Vorstellung mehr davon, wie dreist sich profitorientierte Verlage vor ihr Publikum hinstellen und ihm Qualität suggerieren konnten; es wurde geglaubt, so wie man tausend und zwölf Jahre vieles geglaubt hatte. Wer weiß denn heute noch, dass sich Goldmann z. B. offen damit brüstete, dem „harten“ Thriller à la Raymond Chandler oder Dashiell Hammett kein Forum zu bieten, weil diese gar zu deutlich die dunklen Seiten der zeitgenössischen Gesellschaft beleuchteten und einige soziale Sprengkraft besaßen. Die naiven Krimis des Edgar Wallace waren dagegen ungefährlich in einem Land, das nicht nur in der Politik der Devise „Keine Experimente!“ folgte; sie spielten in einem harm- und zeitlosen Märchenland, in dem Gut und Böse auf den ersten Blick zu erkennen waren, väterliche Polizei-Autorität für Zucht und Ordnung sorgte, die Frauen rein, die Männer hochherzig waren und der Schurke ganz sicher im Finale seine gerechte Strafe erhielt.

Dieselben Gründe, die einst Edgar Wallace die oberen Ränge der Bestseller-Listen garantierten, führten später zu seinem Fall. Auch in Deutschland, wo er ohnehin lange beliebter war als in seiner britischen Heimat, ist Wallace heute nicht vergessen, wurde aber von der Zeit endgültig eingeholt. Ein wenig erwachsener ist das lesende Publikum eben doch geworden. Sporadisch hält der Goldmann-Verlag seinem einstigen Goldesel die Treue und veröffentlicht einige Titel neu. Dabei wird auf den Nostalgie-Faktor gesetzt, und das ist wohl der richtige Weg, denn nur auf diese Weise lassen sich Geschichten wie der vom „Hexer“ noch unterhaltsame Seiten abgewinnen.

„Der Hexer“ erfuhr übrigens eine Fortsetzung; in diesem Punkt war Wallace ganz modern. „Again the Ringer“/“The Ringer Returns“ (dt. „Neues vom Hexer“, Goldmann-Krimi Nr. 5297) ist ein beinahe bizarres Werk; eine Sammlung von Kurzgeschichten um Henry Artur Milton, die der Autor durch schlampig formulierte überleitende Passagen notdürftig zu einem „Roman“ zusammengeklittert hat.

Clarke, Arthur C. / Baxter, Stephen – Licht ferner Tage, Das

_Das Ende von Jesus, wie wir ihn kennen_

Was wäre, wenn wir das Leben des Jesus Christus von Anfang bis Ende beobachten und nachprüfen könnten? Wäre dies das Ende der Katholischen Kirche, der Christenheit?

Zwei namhafte Science-Fiction-Schriftsteller haben sich – nach Bob Shaw 1966 – wieder einmal des Themas „Beobachtung der Vergangenheit ohne Zeitreise“ angenommen. Ihr Roman ist gespickt mit netten Ideen, erreicht aber in der Qualität der Handlung nur Mittelmaß.

_Die Autoren_

Sir Arthur C. Clarke, geboren 1917 in England, lebt seit den fünfziger Jahren in Sri Lanka. Seine besten und bekanntesten Werke sind „Die letzte Generation “ (Childhood’s End) und „2001 – Odyssee im Weltraum“. Ebenfalls empfehlenswert ist der Startband des RAMA-Zyklus: „Rendezvous mit 31/149“ (Rendezvous with Rama), von dem Morgan Freemans Filmproduktionsfirma seit Jahren eine Verfilmung vorbereitet. Übrigens erfand der Ingenieur Clarke schon 1947 das Konzept eines künstlichen Satelliten.

Sein Landsmann Stephen Baxter, geboren 1957, wuchs in Liverpool auf, studierte Mathematik und Astronomie und widmete sich dann ganz dem Schreiben. Mittlerweile zählt er zu den bedeutendsten Autoren naturwissenschaftlich-technisch orientierter Science´-Fiction. Baxter lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.

Seine Bücher werden häufig mit den Pionierwerken von Heinlein und Asimov verglichen. Das ist auch ganz in Ordnung, doch hat er keine Sympathien für Heinleins militaristische und libertäre Tendenzen und dessen Neigung zu dozieren. Ich sehe ihn daher vielmehr in der Nähe zu einem anderen Superstar des Genres: zu eben jenem Arthur C. Clarke. Mit ihm kooperierte Baxter schon mehrmals, so etwa in „Das Licht ferner Tage“ oder „Die Zeit-Odyssee“. In dieser Tradition popularisiert Baxter Ideen der Science-Fiction und der Naturwissenschaft. Hierzu gehört wohl auch seine Roman-Trilogie über Mammuts und ein Roman mit dem selbsterklärenden Titel „Evolution“.

Aber Baxter war zu Beginn seiner Autorenlaufbahn auch richtig anspruchsvoll. Sein mehrbändiger XEELEE-Zyklus stellt eine eigene Future-History dar, in der eine Galaxien umspannende Alienkultur, die Xeelee, mit den Menschen in Kontakt tritt. Sie treten in „Exultant“ wieder auf, dem zweiten Band seiner neuen Trilogie „Destiny’s Children“.

_Handlung_

Die Erde sieht sich in den dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts wieder mal einer schrecklichen Bedrohung gegenüber. Am 27. Mai 2534 wird ein riesiger Komet, genannt der „Wurmwald“, alles Leben auf der Erde auslöschen. Untergangspropheten frohlocken, und viele Zeitgenossen glauben, nun könnten sie entweder gleich den Löffel abgeben oder total über die Stränge schlagen. Dennoch läuft das antiquiert erscheinende Programm der bemannten Raumfahrt weiter.

Aus einer ganz anderen Ecke eröffnen sich jedoch neue Perspektiven. Sie werden, wie uns der Prolog klarmacht, dereinst die Welt retten. Da gibt es eine Art Ted Turner der Neuzeit, ebenfalls ein Nachrichtensendermagnat. Hiram Patterson gehört „OurWorld“ und sucht nach Möglichkeiten der Nachrichten- und Datenübertragung in Echtzeit, also ohne Satelliten und Kabel. Sein Sohn David soll ihm bei der Forschung und Entwicklung helfen. Doch David lebt in England, ist streng katholisch erzogen und von seiner Mutter darauf geeicht worden, seinen Vater, der seine Mutter im Stich ließ, zu hassen. Dennoch akzeptiert er ein „Angebot, das er nicht ablehnen kann“.

David ist Quantenphysiker und erforscht Wurmlöcher, also winzigste Verbindungen durch die Raumzeit. Voilà: eine stabilisierte Verbindung zur Nachrichtenübertragung! Wie sich zeigt, kann dieses steuerbare Auge auch in die Vergangenheit „sehen“. Zunächst nur wenige Tage, dann Monate, dann Jahre, schließlich Jahrtausende – und das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Die so genannte „WurmCam“ (von Wurmloch) ist ein Riesenerfolg: zunächst nur für OurWorld, dann für Historiker, dann für alle, die sich eine Armbanduhr leisten können, in die sie eingebaut werden kann. Ihre Anwendungsmöglichkeiten, auch zum Missbrauch, sind unabsehbar.

Doch Hiram hat noch einen zweiten Sohn, Bobby. Dieser ist loyal, doch nur deswegen, weil er schon bald nach der Geburt ein Kontrollimplantat eingesetzt bekommen hat, das seine Gefühle unterdrückt, u. a. die gegen den Vater gerichteten. Bobby lernt eine Journalistin, Kate, kennen unbd lieben, die ihn in die virtuelle Welt der VR-Sektengottesdienste einführt. Leider führt dies zwar zu einer tollen Sensationsgeschichte für Kate, aber sonst zu nichts. Erst als Kate nach dem Erfolg der WurmCam der Spionage verdächtigt und verhaftet wird, gerät Bobby in einen Interessenkonflikt mit seinem Vater. Dieser Konflikt eskaliert, als man ihm sagt, dass er ein Implantat trägt. Leider wird seine Gefühlswelt nicht so deutlich dargestellt, wie ich mir das gewünscht hätte.

Der Mittelteil ist den Forschungsergebnissen aus der „Zeitarchäologie“ mit Hilfe der WurmCam plus VR-Technik gewidmet: die Forscher sind quasi vor Ort – ganz nett, besonders für die Fans von Jesus Christus und Abraham Lincoln. Es trägt aber rein gar nichts zum Fortgang der Handlung bei. Lediglich wird klar, dass nun eine Ära der totalen Überwachung sämtlicher menschlichen Tätigkeiten anhebt. Dass Jesus irgendeiner der damals landläufigen Prediger in Galiläa war, war schon bekannt. Allerdings bieten das Buch auch eine verblüffend einfache Erklärung für Jesu Wunderheilungen. Leider hat Jesus bzw. Jehoschua nie eine der WurmCams, die ihn zu tausenden besichtigen, selbst zu Gesicht bekommen (Wurmlöcher sind viel zu winzig dafür) – seine Reaktion wäre interessant gewesen …

Nur David scheint sich weiterzuentwickeln. Er und Bobby lernen die Tochter seiner, Davids, Mutter kennen: Mary. Die ist auch nicht auf den Kopf gefallen! Mit ihrer Hackertechnik sowie der DNA-Verfolgungstechnik des FBI kann David die WurmCam wie ein sehendes Auge steuern – und stößt so auf Fakten, die Kate entlasten: Hiram hatte gegen Kate intrigiert. Bobby und die inzwischen befreite Kate gehen in den Untergrund. Nun, man kann sich ausrechnen, wie’s weitergeht.

Da sich die Autoren die ganze Zeit über redlich bemühen, dem Leser einen „sense of wonder“ zu vermitteln, fahren sie gegen Schluss großes Geschütz auf: eine WurmCam-Reise in die Erdvergangenheit, und zwar nicht nur ein paar Milliönchen von Jahren, sondern gleich vier Milliarden Jahre! Dies geht mit Hilfe der weiterentwickelten WurmCam, die Erbgut (DNA) bis in die fernste Vergangenheit verfolgen kann, als die DNA erst entstand. Interessante Entdeckung dabei: Unser Planet wurde in regelmäßigen Abständen von den Gletschern einer Eiszeit bedeckt und von Kometen malträtiert.

Die Entdeckungen aus dieser Reise führen u. a. offenbar nicht nur zur Rettung der maroden Umwelt der Erde, sondern auch zu einem Mittel, um dem Verhängnis des nahenden Kometen zu entgehen.

_Mein Eindruck_

Eine Reihe phantastischer wissenschaftlicher Entdeckungen wird den Verstrickungen des menschlichen Lebens gegenübergestellt. So lautet das Rezept des Romans, und das ist nur ein Aspekt, der ihn nicht gerade aus der Masse der Science-Fiction-Produktion heraushebt, in der dieses Verfahren zum Standard gehört. Den Ödipus-Konflikt, in den Bobby, und den Elektra-Konflikt, in den Mary verstrickt ist, kennt man schon aus anderen Romanen – und besser ausgeführt. Das soll aber nicht heißen, dass die Autoren daraus keine Spannung erzeugen können. Im Gegenteil: Beim Showdown in Sachen Hiram Patterson – eine Citizen-Kane-Figur – erhalten diese beiden Konflikte entscheidende Bedeutung.

Die zahlreichen Entdeckungen, die die Forscher in der Historie machen, sind für Amerikaner und gläubige Christen gleichermaßen interessant. Leider bin ich keins von beiden. Für mich waren daher die technischen Entdeckungen am interessantesten: die WurmCam, dann die verschiedenen Kontrolleinrichtungen, der DNA-Tracker, schließlich auch eine Art Unsichtbarkeits-Cape, das natürlich die Untergrundkämpfer Bobby, Mary und Kate gerne tragen. Zwar sind diese genial, aber leider viel zu selten. Und so konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen.

|Originaltitel: The Light of other Days, 2001
Aus dem Englischen übertragen von Martin Gilbert|