Nemenyi, Geza von – Heilige Runen

Bei den Runen handelt es sich um die Schriftzeichen unserer germanischen Vorfahren, die für magische Zwecke und schriftliche Mitteilungen benutzt wurden. Eine Rune bezeichnet immer gleichzeitig einen Laut sowie einen bestimmten Begiff – so steht beispielsweise die Rune *Berkanan einerseits für den Laut b und andererseits für die Birke einschließlich ihrer symbolisch-mythologischen Bedeutung. Die Runen sind in wissenschaftlichen und esoterischen Kreisen in Bezug auf Alter, Herkunft und Deutung heftig umstritten, wobei die Diskussionsbeiträge fast immer vom weltanschaulichen Hintergrund des jeweiligen Protagonisten geprägt sind. Die Germanen selbst betrachteten – wie die Edda-Überlieferung und einige Runeninschriften übereinstimmend berichten – diese Zeichen als „reginnkunum“, d.h. götterentstammt. In der Edda wird der Ekstase-, Sieg- und Weisheitsgott Odin als Schöpfer der Runen dargestellt. Der bislang älteste anerkannte Runenfund ist die Fibel von Meldorf, die in das Jahr 50 n.Zw. datiert wird. In der Wikingerzeit wurde das ältere Futhark (Runenreihe) von 24 Runen auf 16 Runen verringert – ein Rätsel, weil der Lautstand sich eigentlich erhöht hatte.

Das vorliegende Buch ist „aus der Sicht eines heidnischen Priesters geschrieben“. Geza von Nemenyi gehört zu den bekanntesten und interessantesten Vertretern der naturreligiösen Szene in Deutschland. Seine „Germanische Glaubensgemeinschaft“ (GGG) kann sich offiziell darauf berufen, das Erbe der von Ludwig Fahrenkrog im Jahre 1908 gegründeten Organisation fortzuführen, die sich eine Rückkehr zur altgermanischen Religion auf die Fahnen geschrieben hatte. Zuletzt geriet Geza von Nemenyi ins Kreuzfeuer wegen eines Aufrufes zum Zusammenschluß der traditionell-germanisch orientierten Heiden, die bestimmte von ihm favorisierte Glaubensvorstellungen als allgemeinverbindlich akzeptieren sollten. Diese Vorstellungen bilden auch den Hintergrund von „Heilige Runen“.

Aus der Flut der esoterischen Literatur zum Runenthema ragt das Buch durch den Materialreichtum und den Bezug auf die historischen Quellen heraus. Im Grunde lässt sich an deutsch erschienenen Büchern damit nur noch Edred Thorssons „Runenkunde“ vergleichen. Man muss die Ansichten des Autors nicht teilen, um Gewinn aus seiner mit viel Fleißarbeit zusammengetragenen Sammlung der Runeninschriften, der Runenlieder, der Codicies, der Stellen aus den Island-Sagas und anderer Überlieferungen zu ziehen. Insbesondere gibt es einige selten gedruckte Belege aus der altenglischen Dichtung zu lesen.

Ebenso bezieht Geza von Nemenyi die von den völkischen Runenokkultisten Kummer und Marby in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Runenstellungen oder Runenyoga ein. Hierbei stellt man die jeweilige Rune mit dem Körper nach und intoniert den Runennamen. Sogar die Runenstabkalender des späten Mittelalters werden erklärt, welche sonst in den Runenbüchern kaum auftauchen.

Selbstverständlich enthält dieses Buch Erläuterungen zu den einzelnen Runen, ein Kapitel über die germanischen Mythen, die den Umkreis der Runen bilden, über das Orakelverfahren und über die Verwendung der Runen zu magischen Zwecken. Nach dem Bericht des Tacitus wurde das Orakel bei den Germanen mit Loshölzchen durchgeführt, die aus dem Holz eines Fruchtbaums geschnitzt waren, z.B. der Buche, wovon noch unser Wort Buchstabe zeugt. Dabei hob der Priester oder Familienvater mit zum Himmel gerichteten Blick nacheinander drei Runen auf, die sich vielleicht auf die drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, bezogen – also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die bei Tacitus (und auch bei Caesar) erwähnten „notae“ (=Zeichen) auf den Hölzchen waren vermutlich Runen.

Eine Überfülle an Informationen also – und man sollte eigentlich zufrieden sein. Aber leider finde ich hier Behauptungen, die mir schlicht und einfach die Haare zu Berge stehen lassen. Bei allem Respekt vor dem Autor muss ich doch sagen, dass man nicht einerseits über die Phantastereien einiger Runenokkultisten herziehen kann, um andererseits selbst Ähnliches zu verfassen. So fällt schon unangenehm auf, dass der Autor sich nicht an die (allerdings spät) überlieferte Bezeichnung der aettir (Unterteilungen der Runenreihen) hält, die eindeutig von Frøys aett (der Fruchtbarkeitsgott Frey), Hagals aett (ein Beiname Odins?) und Týs aett (der frühere Himmelsgott und spätere Kriegsgott Tyr) sprechen. Geza von Nemenyi nimmt mit Hilfe äußerst zweifelhafter Etymologien einfach eine ältere Einteilung für die Runenreihe in Wodans (Odin), Donars (Thor) und Tius (Tyr) Runen an. So wird dann auch aus der ersten Rune des Frøys aett *Fehu, die für Viehstand, Besitz, Fruchtbarkeit steht, einfach der „Lufthauch“, um sie mit Odin in Verbindung bringen zu können. Mal abgesehen davon, dass das natürlich im Widerspruch zur Überlieferung der Runenlieder steht, ist gerade diese Rune auf einem der Blekinger Steine für einen Fruchtbarkeitszauber verwendet worden. Die überlieferte Bedeutung des Runennamens lässt der Autor nur noch als jüngere sekundäre Anfügung gelten.

Genauso bleibt die Annahme eines Lehr-, Wehr- und Nährstandes bei den Germanen, deren spezifische Einweihungen durch die jeweiligen Runenreihen symbolisiert werden, eine reine Spekulation. Außer durch das eddische Merkgedicht „Rigsþula“ (vermutlich erst im Hochmittelalter entstanden) wird eine solche gesellschaftliche Gliederung von der Überlieferung nicht bestätigt. Es gab bei den Germanen eine Unterteilung in „nobiles“ (Edle, Adlige), Freie und Unfreie, wobei die „nobiles“ bei den einzelnen Stämmen unterschiedlich stark von den übrigen Freien abgehoben waren. Für einige Stämme, insbesondere die Schweden, die Ostgermanen und die Angelsachsen, sind heilige Königsgeschlechter überliefert, die ihren Ursprung auf Götter zurückführten. Die von Geza von Nemenyi im weiteren gebrachte Beschreibung der angeblichen Einweihungswege der Stände ist nur noch pure Erfindung.

An anderer Stelle wird behauptet, dass unseren germanischen Vorfahren der Frieden wichtiger gewesen wäre als der Krieg. Wenn man die Quellen kennt, mutet dieser Satz fast wie ein Witz an. Ich denke, man kann die Behauptung wagen, dass gerade für die Germanen der Krieg eine der heiligsten Angelegenheiten darstellte – die wichtigsten germanischen Werte waren kriegerische Tugenden. Die Religion und Spiritualität der Germanen hatte zweifelsohne einen kriegerischen Charakter. Zum zweiten darf man nicht vergessen, dass die Germanen eine andere Vorstellung von Frieden hatten als wir. Frieden meinte in erster Linie die aktive Hilfe der Verwandten untereinander – nicht etwa die Abwesenheit von Konflikten. Also bitte! – macht aus unseren Vorfahren keine friedliebenden Gutmenschen!

Es überrascht mich, hier den slawischen Stamm der Wenden so-mir-nichts-dir-nichts als Nachfahren der ostgermanischen Wandalen wiederzufinden. Seitenlang operiert der Autor mit dieser These, ohne dass der Leser darüber aufgeklärt wird, wie er dazu kommt. Erst auf Seite 349 findet sich der kurze Absatz mit der Behauptung, dass es in der Missionierungszeit üblich geworden wäre, heidnische Ostgermanen als „Sclaven“ zu bezeichnen, woraus sich später unter Wegfall des c das Wort „Slawen“ gebildet hätte. Natürlich ist es legitim, eine solche der üblichen Lehrmeinung widersprechende These zu vertreten. Aber man darf nicht vorraussetzen, dass der Leser das einfach schluckt. Es fehlt schlicht ein Kapitel, in dem diese These begründet wird.

Der Gerechtigkeit halber will ich aber noch erwähnen, dass nicht alle Spekulationen des Autors so verstiegen sind wie die bislang genannten. Vielfach regen seine Behauptungen zum Nachdenken an und enthalten originelle Ansätze – so z.B. in seiner Zuordnung der Runen und germanischen Götter zum Jahreskreis oder bei einigen unorthodoxer Deutungen von Runeninschriften. Die Aufteilung der Runen dagegen auf die ohne Runennamen überlieferten sogenannten „Zauberlieder“ in der Edda entpuppt sich wieder als sehr fragwürdig, wobei der Autor zumindest interessante Gedanken entwickelt, die nicht gänzlich von der Hand zu weisen sind.

Im übrigen bin ich im Gegensatz zu Geza von Nemenyi nicht der Meinung, dass man sich wie der Gott Odin in der Edda fastend drei oder neun Tage an eine Esche hängen muss, um die Runen zu erfahren. Für einen Menschen unserer Zeit mit den heutigen Konditionierungen, Prägungen, Verspannungen usw. wäre es wohl sinnvoller, stattdessen ein paar Tage meditierend und kontemplierend in magischer Zurückengezogenheit zu verbringen. Aber gut – darüber lässt sich streiten…

Ich wiederhole es noch einmal – alles in allem ragt das Buch trotz seiner gröberen Fehler qualitätsmäßig aus der Fülle esoterischer Literatur zu den Runen heraus. Ich wünsche diesem Buch kritische Leser, die nicht bedenkenlos alles für erleuchtete Weisheit halten, was der Autor hier von sich gibt. Diese Leser aber werden Gewinn aus „Heilige Runen“ ziehen können.

Akron – Dantes Inferno

Mit der „Göttlichen Komödie“ schuf Dante Alighieri ein bild- und wortgewaltiges Epos, einen umfassenden Spiegel seiner Zeit, der theologische, weltliche und unbewusst seelische Dimensionen mit Titanenschritten durchmaß, zugleich seine Gegenwart wie auch Vergangenheit manifestierte und ein spirituelles Kulturgemälde schuf, das sich auflehnend rebellisch präsentierte, doch stets befangen blieb in den Grenzen, den die kirchlichen Machthaber seiner Zeit setzten: Eine Hölle, die Mittel zum Machtzweck war, nicht allegorisches Instrument der Selbsterkenntnis innerer Seelenräume, wenngleich Dante selbst es ist, der an der Seite seines Seelenführers Vergil die infernalen Unendlichkeiten durchmisst. Dante gelang es zwar, einen Zwischenweg zu finden, blieb jedoch auf die instrumentalisierten Höllenvorstellungen seiner Zeit beschränkt, die bereits tausend Jahre zuvor erste Beschreibungen erhielten, und diente somit letztlich und weniger gewollt den Zwecken der Machtobrigkeit, indem die Schrecken der christlichen Hölle visualisiert wurden, in einem epochalen Meisterwerk, das die kulturellen Wandlungen überdauerte und spätere Zeiten ebenso prägte, wie es selbst von früheren Zeiten geprägt war.

Charles F. Frey alias Akron stellt die Frage, inwiefern eine solche Darstellung aber heutigentags noch bedeutsam und glaubwürdig sein kann, über eine rein kulturhistorische Betrachtung hinaus; in einer Zeit, die spirituelle Umbrüche mit sich brachte, die durch das theologische Bild von Sünde, Hölle, Sühne und Bestrafung nicht mehr in ihrem Innersten erreicht werden können. Während Dante noch im weitesten Sinne die Hölle im Äußeren fand und beschrieb und dabei die inneren Dimensionen eher sekundär streifte (wenngleich man ihn als den christlich-theologisch orientierten Freud seiner Epoche betrachten mag), wendet sich Akron, der im Gegensatz zu Dante auf den Arbeiten von Freud, mehr noch Jung oder Strauß-Klöbe und ihrer Nachfolger aufbauen kann, explizit den inneren Höllenräumen zu. Die inneren Ängste vor Teilen unserer Lebens- und Erfahrungswelt erschaffen die Höllenqualen, die uns peinigen; und Verdrängungsmechanismen sowie die verschämte Hinwendung zu den lichten Vorhöfen unserer Schattenwelten sind nicht der Schlüssel, die Türen zu diesen im Dunkeln verborgenen Räumen zu öffnen, um uns der eigenen Hölle zu stellen und sie als Teil der Ganzheit menschlicher Gedankengebäude zu erfassen, zu integrieren und mit ihnen zu arbeiten; um eine holistische Persönlichkeit ausformen zu können, den dämonischen Bildern ihren Schrecken zu nehmen, der Hölle entrinnen zu können, die uns in uns selbst einkerkert.

Um sich bei dieser inneren Betrachtung nicht in sich selbst zu verlieren, bedient sich Charles F. Frey gleichsam Dantes Vergil eines inneren Führers, in diesem Falle seines alter ego „Akron“, der zugleich künstlerisches Pseudonym ist. Unter diesem Namen gelangte der Autor zu einiger Bedeutung, als er gemeinsam mit H. R. Giger „Baphomet“ erschuf, das Tarot der Unterwelt, das auch die Aufmerksamkeit der Sittenwächter auf sich zog, denn wer Giger kennt, weiß, dass sich diese Kunstdarstellungen stets und bewusst am Rande zur Pornographie bewegen. Gleichsam wird der Leser auch in „Dantes Inferno“ und seinen Illustrationen fündig werden, doch dazu später mehr. Akron brachte außerdem „Das Astrologie-Handbuch“, „Partnerschafts-Astrologie“ und gemeinsam mit Hajo Banzhaf „Der Crowley-Tarot“ heraus. Der schweizerische Schriftsteller, Essayist, Schattenarbeiter und Magier-Philosoph verwendet sein profundes astrologisches Wissen, um daran seine persönliche Darstellung von Dantes Inferno auszurichten und dem Werk Struktur zu geben, an dem sich auch der Leser besser orientieren kann, um sich selbst in seinem Lesen zu erkennen. Dabei ist es nicht nötig, selbst Kenntnisse in Astrologie zu haben, diese dient nur als Orientierungsmuster und bietet dem Eingeweihten zusätzliche Erkenntnismöglichkeiten. Wechselseitige Befruchtungen zwischen Tiefenpsychologie, Astrologie oder I Ging sind übrigens nicht unüblich.

Diese Ansätze für Akrons Werk sind es noch nicht, die „Dantes Inferno“ so bedeutsam und ungewöhnlich machen. Die tiefenpsychologischen Inhalte zeugen von erstaunlich intuitiver Kenntnis der inneren Welten und sind eine enorme Erkenntniserweiterung auch für den Leser. Doch die wirkliche Tiefe des Werkes liegt in der Beschreibungsweise selbst. Charles F. Frey schreibt ein Buch, in dem er selbst ein Buch schreibt, während er mittels seines alter ego in innerem Dialog steht und zugleich die multiplen Persönlichkeitsmuster durchwandert, sich selbst aus vielfacher Perspektive erlebt, mit den verschiedensten Aspekten seiner Psyche kommuniziert, um sich dann wiederum über die erlebten Bilder und ihre Betrachtung (und die Betrachtungsweise) mit sich selbst bzw. Akron auszutauschen, nur um durch die, sagen wir einmal, betrachtende Betrachtung der Betrachtung durch sich selbst zu fallen, die beschränkenden Muster dualer Denkwirklichkeiten zu durchbrechen und ihre Sinn heuchelnden Gaukeleien zu entblößen. Klingt verwirrend? Ist es auch. Und wie. Akron verwirrt unsere linearen Lesegewohnheiten und er verwirrt unsere vergeblichen Versuche, klare Strukturen und zweiwertige Betrachtungslogiken aufbauen zu wollen. Dies gelingt bildgewaltig und mit erlesen wohlgesetzten Worten, allerdings auf einer archetypischen Komplexitätsebene, die gezwungen ist, unsere gewohnten Denkmuster zu verlassen, um nicht am surrealen und unbewusst wirksamen Charakter dieser Schriftschöpfung zu zerschellen. Bilder in Bildern, Handlungen in Handlungen, Betrachtungen in Betrachtungen und Metaebenen der Analyse, die letztlich doch nur wieder in sich selbst und in den untersten Schichten des Begreifens enden.

Und so gibt es mannigfaltige Wege, dieses Buch zu lesen und verstehen zu wollen. Man kann versuchen, alle Handlungsfäden nachzuvollziehen und die komplexen, oftmals paradoxen und an Zen-Koans gemahnenden Satzmuster logisch zu analysieren. Dafür muss man das Buch definitiv regelrecht studieren, die Teile und das Ganze mehrfach lesen und während des Lesens zahlreiche Verständnis- und Betrachtungsebenen betreten. Man kann das Buch auch zunächst im Stück durchlesen und sich darauf beschränken, die perspektivisch wechselnden Bilder auf sich (und das Unterbewusste) wirken zu lassen. Oder man kann sich auf die Illustrationen von Voenix konzentrieren und diese für sich deuten. Oder alles zugleich oder nacheinander. In jedem Falle ist die Lektüre alles andere als leicht zugänglich, und man sollte sich, obwohl eine phantasievolle Erzählhandlung geboten wird, darüber klar sein, dass bis hin zu den Reaktionen, Emotionen und Dialogsätzen zwischen Charles/Akron und seinen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen alles konstruiert ist und auch konstruiert und überdimensional (im mehrdeutigen Sinne) wirkt; ein wenig wie die alt-philosophischen (inneren) Dialoge (bzw. abwechselnden Monologe) mit einem Mentor, deren Konzepte auch in „Sophies Welt“ Anwendung fanden.

Zu Voenix und seiner visuellen Umsetzung sollte ich noch einige Worte anmerken. Allein die visionäre Kraft der zahlreichen Bilder (70 teils ganzseitige, teils farbige Illustrationen) des charismatischen Künstlers (der als Autor durch „Magie der Runen“, „Weltenesche – Eschenwelten“, „Im Liebeshain der Freyia“ oder „Tolkiens Wurzeln“ Anerkennung fand) ist eine Erlebensebene für sich. Symbolbehaftet und ausdrucksstark umgesetzt, unterstützen Voenix‘ Werke den Leser auf seiner Reise in die Unterwelt des Untergründigen. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass Voenix und Akron gemeinsam eine hochwertige Comic-Serie herausbringen, die auf „Dantes Inferno“ basiert und ebenso betitelt wurde. Eine brillante Arbeit, die ihr euch unbedingt ansehen solltet. Ebenso wie das Buch „Dantes Inferno“ natürlich, Akrons bedeutsamstes Werk, wie er es selbst sieht. Eine ungewöhnliche Erfahrung auf 400 gebundenen Seiten, darauf ausgerichtet, die gewöhnliche und gewohnte Alltagslogik zu zersetzen und zu unterwandern, das rationale Verstandesdenken an seine Grenzen zu führen, um innere Barrieren aufzulösen und Horizonte zu öffnen. Wir lesen uns wieder bei „Inferno II: Das Auge der Hölle“.

Homepage von Akron: http://www.akron.ch
Homepage von Voenix: http://www.voenix.de
[Vorwort von Akron]http://www.akron.ch/verlag/vorwort.htm (Die Rechtschreibfehler der Netzversion sind in der Druckversion nicht vorhanden.)
[Akron’s Biografie]http://www.newaeon.de/newaeon/index.php?act=view__location&location__id=6505
[Templum Baphomae in New Aeon City]http://www.newaeon.de/newaeon/index.php?act=view__location&location__id=5037

Eddings, David – Kind der Prophezeiung (Belgariad)

David Eddings wurde am 7. Juli 1931 geboren. Man kann ihn schon allein deshalb als einen „Altmeister“ der Fantasyliteratur bezeichnen. Mit seiner Frau Leigh hat er seit 1973 bis heute zahlreiche Fantasyzyklen geschrieben, deren bekanntester die Belgariad-Saga ist.

Eine Welt ohne Orks und Elfen… und dennoch klassische Fantasy? Die Welt, die der Belgariad- und der Malloreon-Saga zugrunde liegt, ist geprägt von ihrer seltsamen Geographie und Theologie: So gibt es sieben Götter, die jeder ein Menschenvolk regierten und ihm ihre Charakteristiken aufprägten. Nur ein Gott, Aldur, war anders. Er nahm sich einige wenige Schüler, wie Garath, die ihm dienten und zu mächtigen Magiern wurden. Aus Garath wurde der Magier Belgarath, der zusammen mit seiner Tochter Polgara schon seit Jahrtausenden das Schicksal der Welt mitgestaltet.

Auch unter Göttern sind Eifersucht und Neid keine Fremdwörter: So versuchte der Gott Torak ein mächtiges Artefakt seines Bruders, das Auge Aldurs, zu rauben. Er wurde von Belgarath und einem Heer der Anhänger aller anderen Götter gestoppt, die ungeheure Macht des Auges zerriss jedoch die Welt in einen großen West- und einen Ostkontinent. Torak konnte von seinen Magierschülern gerettet werden und schläft nun an einem unbekannten Ort, während sein Volk, die Angarakaner, „Murgos“ in Anlehnung an ihre Hauptstadt genannt, bis zum heutigen Tag den meisten anderen Völkern verhasst sind – aus gutem Grund, säen sie doch nach wie vor Zwietracht und streben danach, ihren Gott wieder auferstehen zu lassen. Das Auge Aldurs wird auf der „Insel der Stürme“ von einem Hüter bewahrt, denn es kann nur noch von einem Nachfahren der nahezu ausgelöschten Linie des Königs von Riva und Belgaraths Tochter Beldaran berührt werden.

Eines Tages gelingt es dennoch einem Diener Toraks, das Auge zu stehlen. Damit wäre die Prophezeiung, alle Völker des Westens können in Frieden leben, solange das Auge Aldurs ruht, gebrochen… Torak droht wiedererweckt zu werden.

Belgarath und Polgara lebten jahrelang als alter Geschichtenerzähler und Haushälterin unter den Menschen, um den jungen Garion zu behüten. Dieser spielt eine wichtige Rolle in einer Prophezeiung, wie man die Welt noch vor Torak retten kann. Denn wie man bald unschwer erraten kann, wird Garion zu Belgarion, Hüter des Auges und machtvoller Magier.

Vorerst ist er ein überforderter kleiner Junge, der gar nicht so recht weiß wie ihm geschieht, als seine Tante Pol und Onkel Wolf sich langsam als mehr entpuppen als sie zu sein scheinen. Zusammen mit einigen schillernden Charakteren, die in den Augen Belgaraths den Schlüssel zu der Erfüllung der Prophezeiung zur Rettung vor Toraks bieten, wird Garion auf die Spur von Grolimpriestern und vor allem dem mysteriösen Murgo Asharak angesetzt, die den Leser in den Folgebänden in die zahlreichen Länder dieser Welt mit ihren archetypischen und sehr unterschiedlich charakterisierten Völkern entführt.

Trotz des Verzichts auf die fantasytypischen Rassen wie Orks, Elfen und Zwerge erkennt man die Grundzüge eines klassischen Fantasyzyklus: Der Hinterwäldler, der mit tapferen Mitstreitern loszieht, um die Welt zu retten und bedeutender ist als er selbst zuerst weiß, kommt sowohl im „Rad der Zeit“ von Robert Jordan als auch Tolkiens „Herr der Ringe“ und zahllosen anderen Werken der Fantasyliteratur vor.

„Kind der Prophezeiung“ ist nicht in sich abgeschlossen, es ist nur der Auftakt zu dem fünfbändigen Belgariad-Zyklus, der einem genauso langen Folgezyklus, der Malloreon-Saga, und Prequels über Belgarath und Polgara vorangeht.

Mit Magie geht Eddings zu Beginn sehr sparsam um, oft werden subtile Beeinflussungen hypnotischer Art wahren „Wundern“, wie Verwandlungen Belgaraths in einen Wolf oder Polgaras in eine Eule, vorgezogen. Später nimmt die magische Komponente mehr Raum ein, je mehr Garion sich zum Zauberer mausert.

Erzählerisch ist die Geschichte sehr linear gehalten, auch die Intrigen sind nicht annährend so verschlungen wie bei moderner Fantasy, wie George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“-Zyklus. Ebenso haben die Charaktere zwar Tiefe und Stärken und Schwächen, sind jedoch eindeutig in „Gute“ und „Böse“ aufteilbar, somit eher in der Schwarz-Weiß-Liga des Herrn der Ringe als in der modernen Grauschleier-Fantasy zu finden.

Sprachlich ist Eddings deutlich leichtere Kost als der Herr der Ringe: Dialoge der Hauptfiguren machen den größten Teil des Buches aus, auf Kosten detaillierter Ortsbeschreibungen und nur konzentriert lesbarer Hintergrundinformationen. Hier kann man wirklich verschlafen im Bett drüberlesen; da die Storyline schnörkellos und geradlinig ist, kann man ihr problemlos folgen.

Viel Raum wird dem Humor gegeben, der sich aus dem Zusammenspiel der Charakteren wie Polgara und ihrem Vater Belgarath ergibt. Besonders Polgara hat ihre Eigenheiten, Ecken und Kanten, an denen sich andere Protagonisten und der Leser stoßen können.

Einen breiten Charakter-Pool stellen die Begleiter der Drei dar: Der cherekische Krieger Barak, der verschlagene drasnische Gauner Silk, sowie der simple und grundehrliche sendarische Schmied Durnik sind typische Vertreter ihrer Völker. Genauso wie alle Murgos hinterhältige Lügner und Hetzer sind, die nur Übles im Schilde führen. Zum Glück sind die Figuren alle mit ihren Besonderheiten versehen, sonst würde ich diese Schemata als ziemlich langweilig empfinden.

Erwähnenswert: Liebesgeschichten werden alle recht harmlos gehalten, ebenso hält sich Eddings bei den Kämpfen zurück – diese werden selten detailliert und brutal beschrieben, sind allerdings auch nicht seine Stärke und nicht gerade packend geschrieben, wie es ein R.A. Salvatore z.B. tun würde. Leider wirkt der meist einem harten Kampf folgende ironische Kommentar (meist vom gaunerhaften Silk oder dem tapferen Mandorallen) mir stets ein bisschen zu aufgesetzt, um wirklich als humorig durchzugehen.

Eddings hat eine große, schöne Fantasywelt geschaffen, die zu den besten des Genres zählt. Leider nichts für Gelegenheitsleser: Wer nur den ersten Band liest, hat noch nicht viel erlebt. Seine Charaktere kann man lieben, die schöne Zauberin Polgara und der stets etwas arrogante Mandorallen haben es mir besonders angetan. Alle Bücher sind in verständlicher Form geschrieben und sehr gut übersetzt, die Originale sprachen in den USA sehr viele Leser an, es handelt sich um keine besonders anspruchsvolle, aber dafür um eine verdammt gute und unterhaltsame Serie.

Es geht also auch ohne Elfen und Orks – dennoch fand ich Raymond Feist’s Midkemia-Romane einen Tick besser, da sich der Charme Polgaras und der anderen Akteure im Verlauf des Zyklus etwas abnutzt und dann eine eher einfache und seichte Handlung bleibt. Komplexere Handlung und Intrigenspiele sowie ausgefeiltere Charaktere bietet George R.R. Martin.

Wem jedoch der „Herr der Ringe“ als Buch manchmal zu langatmig war, sollte zugreifen: Auch für ungeübte Leser ist Eddings sehr gut genießbar, kurz ist sein Werk jedoch keinesfalls – unbedingt alle fünf Bände des Zyklus lesen!

Hier liegt auch ein weiteres Problem: Die 5. Auflage der Belgariad-Saga erschien 2001, bei Amazon konnte man im September 2003 nur noch vier der fünf Bände erwerben. Erstaunlich ist, das trotz der 5. Auflage die Bücher immer noch schlampig lektoriert sind: Buchstaben werden oft ausgelassen oder gedreht, manchmal findet sich auch ein sinngemäß falsch übersetztes Wort.

Zum Abschluss noch ein paar frei übersetzte Worte von Eddings über sein eigenes Werk:

„Ich habe eine Welt erschaffen, die es so nicht geben könnte, mit ungewöhnlichen Religonen und noch ungewöhnlicherer Geologie (Anm.: Der vom Auge Aldurs geteilte Kontinent ist gemeint). Mein Magiesystem ist sehr pragmatisch – viele Erklärungen, wie Magie funktioniert, sind ziemlich absurd, aber die Charaktere glauben daran und zweifeln nicht, und so ergeht es dann auch dem Leser. Vielleicht ist das die „wahre“ Magie. Das ist die grundlegende Formel für Fantasy. Ein bisschen Magie, gemischt mit einigen entwickelbaren archetypischen Mythen, lass die Hauptfiguren schwitzen und sich plagen und im unpassendsten Moment hungrig werden, garniere das Ganze mit einer gewaltigen und umfangreichen Vorgeschichte und lass der Handlung ihren Lauf.“

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Philipp, Günter – Klavierspiel und Improvisation

Die erste Version dieses Buches, das damals noch den Namen „Klavier – Klavierspiel – Improvisation“ trug, wurde von Günter Philipp im Alter von 57 Jahren veröffentlicht.

Schon zu dieser Zeit konnte er mehr als nur einige Erfahrungen in der Musikwelt vorweisen: So studierte er an der Leipziger Hochschule sowohl Grafik und Buchkunst als auch Musik und übernahm auch bald an derselben Schule einen Lehrauftrag als Dozent. 1972 verließ er dann die Leipziger Uni und wandte sich der Dresdener Uni zu, an der er Dozent für Klavierspiel und Improvisation wurde. Aber natürlich lehrte er die Musik nicht nur, sondern machte auch selbst eine ganze Menge davon: So zum Beispiel über 450 Rundfunk- und Schallplattenproduktionen sowie zahlreiche Auftritte und Aufführungen. Auch die wissenschaftlichen Studien ließ er nicht zu kurz kommen und so hatte er eine ideale Grundlage, um sein Wissen und seine Erfahrungen niederschreiben zu können.

Leider hatte er dabei nicht die Freiheiten, die ein Autor heute genießt, denn er hielt sich ja zur Zeit der DDR im Osten auf. Deshalb musste seine erste Veröffentlichung einige Zensuren erleiden oder enthielt einige aufgezwungene Aussagen, wie zum Beispiel Zitate des Chefideologen Kurt Hager. Doch das wurde natürlich bei der ersten Gelegenheit nach der politischen Wende 1989 wieder umgeändert, so dass sich in der mir vorliegenden neuen Auflage vom Jahr 2003 keine Spuren der Kontrollen in der damaligen DDR mehr entdecken lassen.

Das Buch ist mit seinen an die 800 Seiten in Din-A4-Größe aber sicher kein Buch, das man einfach mal so durchlesen kann – sondern eher ein Nachschlagewerk, das sich hervorragend dafür eignet, wenn man seine Kenntnisse in den verschiedenen Bereichen, die mit Musik und vor allem mit dem Klavierspiel zu tun haben, auffrischen möchte. Vor allem das beigefügte ausführliche Stichwortverzeichnis hilft dem Leser sehr, sich in der Fülle der Informationen zurechtzufinden, wenn man Antwort auf bestimmte Fragen sucht. Und wenn man dann doch vorhat, diesen Brocken Papier längere Zeit am Stück in den Händen zu halten, sollte man für die zweieinhalb Kilo vielleicht noch ein paar Muckis mitbringen und keine schwächlichen Ärmchen haben wie bei meinereiner.

Auch für Leute, die einfach nur ein wenig Interesse an Musik haben und eine einfache Lektüre über ihr Hobby erwarten, ist dieses Buch mit Vorsicht zu genießen. Denn eigentlich wurde es hauptsächlich für Musikstudenten, Musiklehrer und Pianisten geschrieben, die sich für Interpretations- , Unterrichts- und Improvisationsfragen interessieren. Deshalb ist man auch in manchen Kapiteln ohne ein Fremdwörterlexikon verloren, wenn man kein Experte in diesem Gebiet ist. Vor allem das Kapitel über Interpretationen zu lesen ist nicht gerade entspannend, wenn man ständig über „agogische Freiheiten“, „Semantik“ oder „immanente konstruktive und expressive Tendenzen“ stolpert.
Thematiken, wie ‚Psychologische Grundlagen der Instrumentalpädagogik‘ oder ‚Grundbegriffe des Einzelunterrichts‘ sind da schon wesentlich einfacher zu lesen und auch für rein pädagogisch Interessierte sicherlich interessant.

Auch besteht das Buch nicht nur aus knochentrockenen wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern enthält auch zur Auflockerung und zum besseren Verständnis immer wieder anschauliche Fallbeispiele. Natürlich muss man hier auch die erklärenden Zeichnungen und Bilder, sowie die über 400 Notenauszüge erwähnen, die Günter Philipp für dieses Buch ausgesucht hat.

Sogar ein recht ausführliches Kapitel über die Methodik des elementaren und auch des fortgeschrittenen Unterrichts ist in diesem Buch enthalten. Hier geht es zum Beispiel um die Unterrichtsgestaltung für Anfänger, bis hin zu Fingerübungen und Anweisungen über die richtige Handhaltung oder den Einsatz der Pedale.

Ja, sogar Hygiene spielt bei dem Musiker eine Rolle, sodass diese hier extra aufgeführt wird, obwohl hier nun eher Gesundheitserhaltung durch „Schlaf, Ernährung und aktive Erholung“ gemeint ist und weniger die Reinlichkeit des Musikers im Mittelpunkt steht. Aber auch von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zum Beispiel durch Stress, Lampenfieber oder andere Faktoren, ist die Rede. Dabei handelt Günter Philipp aber nicht nur die Aspekte solcher Einwirkungen ab, sondern versucht auch immer einige Tipps zur Problemlösung zu geben.

Da man ja aber doch nicht immer alleine musiziert, wurden auch Themen wie Spielen mit gesanglicher Begleitung oder im Ensemble in diesem Buch bedacht. Auch die anderen Kapitel, in denen es zum Beispiel um ‚Improvisation‘ (wie ja schon der Titel vermuten lässt) , um ‚Akustik‘, ‚Mikrofontechnik‘, oder das ‚Spiel im Studio‘ sowie um den Aufbau und die Eigenschaften des Klaviers geht, dürfen natürlich in so einem Werk nicht fehlen und finden sicher auch bei einigen Leser regen Anklang.

Fazit: Wie oben schon angesprochen, ist dieses Buch sicher für Leute – wie zum Beispiel Studenten, oder Lehrer – die sich in der gehobeneren und komplizierteren Musikwelt zurechtfinden, ein sehr gutes und ausführliches Nachschlagewerk, während ein Ottonormalmusikliebhaber wahrscheinlich so seine Probleme mit diesem Schinken haben könnte.

Tolkien, J. R. R. – Hobbit, Der

In „Der Hobbit“ erzählt J. R. R. Tolkien die Geschichte des Hobbits Bilbo Beutlin. Hobbits sind nur etwa halb so groß wie Menschen und noch kleiner als Zwerge. Es ist gar nichts von Zauberei an ihnen, außer die alltägliche Gabe, rasch und lautlos zu verschwinden.

Eines Morgens bekommt Bilbo Beutlin überraschenden Besuch von Gandalf, dem Zauberer, und dreizehn Zwergen. Die dreizehn Zwerge, unter der Führung von Thorin Eichenschild, wollen versuchen, dem Drachen Smaug den Schatz wieder abzunehmen, den dieser dem Großvater von Thorin, dem König unter dem Berge, vor langer Zeit geraubt hatte. Zu diesem Zweck benötigen die Zwerge jedoch einen erfahrenen Meisterdieb, der sie unterstützen soll. Obwohl Bilbo gar keine Erfahrung als Meisterdieb und eigentlich auch überhaupt keine Lust auf ein Abenteuer hat, erklärt er sich bereit, die Zwerge auf ihrer Queste zu begleiten.

Damit beginnt eine gefahrvolle Reise quer durch die Nebelberge und den unheimlichen Nachtwald zum einsamen Berg, wo Smaug und der Schatz warten.
Am Anfang eher eine Belastung für die Zwerge, entwickelt sich Bilbo im Laufe der Reise zu einem erfahrenen Abenteurer, der mit Witz, Verstand und der Hilfe eines Ringes, der seinen Träger unsichtbar macht, seine Gefährten aus so mancher Gefahr rettet.

Als Bilbo und die Zwerge schließlich nach vielen bestandenen Abenteuern am einsamen Berg ankommen, muss sich zeigen, ob ein Meisterdieb einen Drachenschatz stehlen kann.

„Der Hobbit“, zum ersten Mal 1937 erschienen, ist J. R. R. Tolkiens erstes nichtwissenschaftliches Buch. Ursprünglich als reines Kinderbuch und zum eigenen Vergnügen geschrieben, ist es der Vorläufer zur großen „Herr der Ringe“-Trilogie. Bilbo findet hier den „Einen Ring“, Saurons Ring, der aber noch nichts Unheilvolles an sich hat, sondern eher ein wertvolles Hilfsmittel für Bilbo darstellt. Auch erfährt man noch nichts über die komplexe Geschichte von Mittelerde, jedoch werden bereits fast alle wichtigen Bewohner Mittelerdes kurz vorgestellt. So lernt man die Hobbits kennen, Gandalf den Zauberer, die Zwerge, die Elben und ebenso die Orks.

Tolkien, 1892 in Bloemfontein in Südafrika geboren, lehrte viele Jahre als Professor für englische Sprache und Literatur in Oxford. Der Sprachwissenschaftler, der in seiner Gesellschaft die Verwurzelung in Mythen vermisste, hatte bereits vor dem „Hobbit“ mit der Erschaffung einer völlig autonomen Phantasiewelt begonnen, die nicht nur eine eigene Schöpfungsgeschichte, sondern auch eine über viele Zeitalter währende Historie aufweist, mitsamt ihren Völkern, eigenen Sprachen und einer eigenen Geographie. Er verstarb 1973, nach kurzer Krankheit, in einem Krankenhaus in Bournemouth, England.

Das Hörspiel wurde 1980 für den Westdeutschen Rundfunk entwickelt. Eng an der Buchvorlage angelehnt, jedoch um einige unwichtige Szenen und überflüssige Erklärungen gekürzt, gelang es den Produzenten, die spannende Atmosphäre des Buches vollständig einzufangen. Die durch die verschiedenen Sprecher sehr lebendig gestalteten Dialoge geben dem Hörer das Gefühl, direkt mit Bilbo und den Zwergen an der Reise teilzunehmen. Man merkt zwar, dass „Der Hobbit“ als Kinderbuch geschrieben worden ist, daran kann auch die gestraffte Hörspielversion nichts ändern; „Der Hobbit“ erzählt aber trotz allem auf wunderbare Weise, wie der so unwahrscheinliche Held Bilbo Beutlin über sich selbst hinauswächst und schließlich alle, einschließlich sich selbst, überrascht.

Das Hörspiel besteht aus vier CDs mit insgesamt 270 Minuten Spieldauer. Besonders schön sind die beigefügten Booklets. Neben Informationen zu den Sprechern des Hörspiels, kann man in einer Kurzbiografie die wichtigsten Daten über Tolkiens Leben nachlesen oder sich in den Stammbäumen von Bilbo und Thorin über deren Vorfahren informieren. Zwei kleine Karten, eine Auenland-Karte und eine Mittelerde-Karte sowie kurze Informationen über Hobbits, Zwerge, Orks und das Land Mittelerde runden das Ganze ab.

Die Sprecher sind:

Erzähler: Martin Benrath
Bilbo Beutlin: Horst Bollmann
Gandalf: Bernhard Minetti
Bombur: Herbert Grünbaum
Thorin: Heinz Schacht
Gollum: Jürgen von Manger
Balin: Wolfgang Spier
Erste Spinne: Uta Hallant
Zweite Spinne: Liselotte Rau
Gloin: Herbert Weissbach
Dwalin: Friedrich W. Bauschulte
Waldkönig/Meister: Heinz Theo Branding
Dori/Fili/Kili/
Kommandant/Flösser: Rolf Schult

Mehr Information zu J. R. R. Tolkien gibt es unter:
http://www.tolkiengesellschaft.de

http://www.hoerverlag.de

Schätzing, Frank – Tod und Teufel

Im Jahre 1260 zieht Jacob, genannt „Der Fuchs“, seine Bettel- und Stehlrunden durch Köln, um zu überleben. Sein Leben ist bis auf „Dieb! Dieb!“-Rufe recht ereignislos – bis er sich eines Tages an die verlockenden Äpfel des Erzbischofs wagt und damit leider zur falschen Zeit am falschen Ort ist.
Vor seinen Augen wird der Kölner Dombaumeister Gerhard Morart von der sich noch im Bau befindlichen Kirche in die Tiefe gestürzt. Und als wäre das nicht schlimm genug, kann Jacob es sich nicht verkneifen, dem Sterbenden noch die letzten Worte abzunehmen, was dafür sorgt, dass der Mörder ihn sieht und Jagd auf ihn macht.
Gerüchten folgend war Morart mit dem Teufel im Bunde und von daher steht für Jacob fest, dass eben dieser ihm nun auf den Fersen ist. Trotzdem gelingt ihm um Haaresbreite die Flucht, was ihm ermöglicht, seinen beiden Freunden Tillmann und Maria von dem Mord zu berichten. Seine Verstörtheit ist komplett, als Zeugen auftauchen, die von einem Unfall, einem Fehltritt des Dombaumeisters, reden, denn er selbst war der einzige Zeuge des Geschehens. Kurz darauf sind Tillmann und Maria tot und Jacob muss um sein Leben rennen.

In dieser mehr als unglücklichen Situation macht er die Bekanntschaft einer höchst interessanten Familie, bestehend aus Richmodis von Weiden, ihrem Vater Goddert und ihrem Onkel Jaspar Rodenkirchen. Während ihr Vater lieber dem Weinkellerinhalt seines Bruders frönt und unsinnige Gelehrtendiskussionen mit diesem ausficht, kümmert Richmodis sich um seine Arbeit als Färber.
Der Physikus, Doktor und Dechant Jaspar entschließt sich nach genauerer Prüfung von Jacobs Intellekt und weil er sich eine anspruchsvolle Abwechslung verspricht, dem Fuchs zu helfen. Und die soll er auch bekommen, denn nach dem Aufspüren der angeblichen Zeugen zeigt sich schnell: Mit diesem Killer ist nicht zu spaßen. Die Zeugen sind kurz darauf tot und der Mörder steht mit beiden Beinen mitten in Jaspars Haus.
Ganz langsam wird den Beiden klar, dass Gerhards Ermordung nur ein lästiges Hindernisbeseitigen war, denn die mächtigste Patrizier-Familie in Köln, die Overstolzen, hat ein viel höheres Ziel…

Frank Schätzing hat mit „Tod und Teufel“ ein wirklich gelungenes Debüt hingelegt. Wie schon bei Kinkels „Die Puppenspieler“ findet sich auch hier eine perfekte Vereinigung von interessantem Geschichtsunterricht und spannender Story. Wir können Neues über die Kreuzzüge lernen (denn der Herr Jaspar Rodenkirchen hat dazu seine ganz eigene Meinung), erfahren die Entwicklung des Kölner Handels und warum sich Päpste, Könige und Erzbischöfe nie einig waren – egal, worum es ging -, wer mit wem was getan hatte und welche Auswirkungen es auf Köln hatte. Und wir laufen natürlich immer vor dem unheimlichen Mörder davon, rätseln, was die Overstolzen vorhaben und lernen vor allem unsere vier „Helden“ lieben.

Die Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet, besitzen Ausdruckskraft und überzeugen durch eine immense Lebendigkeit. Aufgeteilt in zwei gegensätzliche Lager, geht das Bild eines einzelnen Helden verloren, auch in „gut und böse“ kann man sie nicht grundsätzlich einordnen, denn Schätzing versteht es, dem Leser beide Parteien näher zu bringen, durch häppchenweise eingestreute Hintergründe der Personen, durch lehrreiche Gespräche und durch einen glänzenden Schreibstil.
Doch Glanzlicht der Charaktere sind die oben bereits erwähnten unsinnigen Diskussionen zwischen Goddert und Jaspar, die einfach herzerfrischend und liebenswürdig sind und den Leser zum Lachen bringen. Köstlich!
Kurzum: Ganz und gar empfehlenswert!

Frank Schätzing, 1957 in Köln geboren, studierte Kommunikationswissenschaften, ist Mitbegründer und kreativer Geschäftsführer der Kölner Werbeagentur „INTEVI“ und Mitbegründer der Musikproduktion „Sounds Fiction“. Nach dem Erfolg von „Tod und Teufel“ folgten 1996 der Krimi „Mordshunger“, 1997 die Kurzgeschichtensammlung „Keine Angst“ und der Psychothriller „Die dunkle Seite“ und 2000 der Politthriller „Lautlos“.
„Tod und Teufel“ und „Keine Angst“ gibt es auch als Hörbücher, die der Autor selbst liest und für die er auch die Musik mitkomponierte.

Homepage des Autors: http://www.frank-schaetzing.com

Perutz, Leo – Meister des jüngsten Tages, Der

Ah – endlich mal wieder ein richtig spannender Roman, der einen Schlaf und Zugfahrt vergessen lässt! Aber das Schöne dabei ist in erster Linie, dass diese Geschichte verschiedene Bedeutungsebenen hat, zum Nachdenken anregt und von einem souveränen Umgang mit der deutschen Sprache zeugt – also kein elender Schmöker sondern Hochliteratur. Gerade die Sprache schafft es, mehrere ganz unterschiedliche Stimmungsbilder einzufangen. Einmal hat sie etwas von der Exaktheit der Detektivgeschichten eines Arthur C. Doyle oder Gilbert K. Chesterton, ein andermal steht die psychologische Betrachtung des Innenlebens der Hauptperson im Vordergrund, dann wieder wechselt Traumartiges mit Realistischem.

Der Roman hat schon einige Jahre auf dem Buckel – die Erstauflage erschien 1923 – und lässt sich nicht so einfach kategorisieren. Leo Perutz ist in der deutschen Literaturgeschichte kein Unbekannter – zwar kann sich seine Fama nicht mit der eines Thomas Mann vergleichen, aber seine vornehmlich historischen Romane wie „Der Marques de Bolibar“ oder „Nachts unter der steinernen Brücke“ haben einen Platz in der Ruhmeshalle der Vorreiter des modernen Romans gefunden. Und eben da hinein gehört auch „Der Meister des jüngsten Tages“. Wobei wir hier keinen historischen Stoff vor uns haben – auch wenn es einen historischen Bezug gibt. Jorge Luis Borges bezeichnete den „Meister“ als einen der besten Kriminalromane der Welt; Perutz selbst behauptete, er habe nie einen solchen geschrieben. Man kann von einem psychologischen Roman reden, von einer Detektivgeschichte oder gar im modernen Sprachgebrauch von einem „Mystery Thriller“. In dieser Aufzählung darf dann nicht die „Gothic Novel“, also der Schauerroman, vergessen werden. Oftmals gemahnt der „Meister“ an das Werk Edgar A. Poe’s – ja geradezu an eine Verquickung der rationalen Kriminalerzählungen mit den phantastischen Gruselgeschichten. Die im Buch erwähnte Farbe „Drommetenrot“ hat übrigens sogar Eingang in einige Ästhetiktheorien (z.B. Adorno) gefunden. Auf dem Buchdeckel wiederum wird „das mögliche Ergebnis eines Fehltritts von Agatha Christie mit Franz Kafka“ angekündigt. Nun, auch das ist nicht falsch…

Die Geschichte spielt im Jahre 1909 in Wien. Der Ich-Erzähler Freiherr von Yosch gerät in den Strudel einer seltsamen Selbstmord-Serie. An einem Abend wird er von seinem Freund Dr. Gorski gebeten, bei einem privaten Hauskonzert in der Villa des gemeinsamen Bekannten Eugen Bischoff als Violinenspieler auszuhelfen. Eugen Bischoff ist ein bekannter Hofschauspieler und der Mann der ehemaligen Geliebten des Freiherrn. Er berichtet der versammelten Gesellschaft die Geschichte eines Seeoffiziers, dessen Bruder völlig grundlos Selbstmord beging. Der Offizier stellte daraufhin Nachforschungen an, lebte das Leben seines Bruders mit allen Details nach und tötete schließlich sich selbst durch einen Sprung aus dem Fenster – obwohl der geladene Revolver, den er besaß, in einer Schublade greifbar nahe lag.
Nachdem Eugen Bischoff von Dr. Gorski überredet wurde, eine Kostprobe seiner neuen Theaterrolle zu geben, benimmt sich der Schauspieler sonderbar erregt und verschwindet in seinem Pavillon, um sich zu schminken. Unser Ich-Erzähler geht während dessen draußen im nächtlichen Garten spazieren, da die Anwesenheit seiner ehemaligen Geliebten in ihm intensive schmerzliche Gefühle erweckte. Plötzlich fallen zwei Schüsse. Der Schauspieler hat Selbstmord begangen – den ersten Schuss feuerte er allerdings auf die Wand des Pavillons ab. Bei dem Toten wird die Tabakspfeife des Freiherrn von Yosch gefunden. Sofort verdächtigt ihn der Bruder des Toten, den Selbstmord des Eugen Bischoff forciert zu haben. In der Verwirrung behält als Einziger der Ingenieur Solgrub einen klaren Kopf – begabt mit einem ausgeprägten analytischen Verstand übernimmt er sozusagen die Rolle des Sherlock Holmes in diesem Buch. Solgrub und Dr. Gorski forschen parallel zu dem von Selbstzweifeln gequälten Freiherrn nach einer Lösung des Rätsels und stoßen auf ein uraltes Geheimnis…

Dass die Lösung des Falles nicht im Bereich des Gewöhnlichen liegt, wird schon im Vorwort deutlich, in dem der Ich-Erzähler sagt: „Und es ist nicht vorüber, nein, noch immer ist es nicht vorüber, aus ihren Tiefen steigen die Bilder auf und dringen auf mich ein, nachts und am hellen Tage – jetzt freilich, dem Himmel sei Dank, nur blass und schattenhaft, nur wesenlose Schemen. Er schläft, der Nerv in meinem Hirn, aber sein Schlaf ist noch immer nicht tief genug. Und manchmal fasst mich eine jähe Angst und treibt mich ans Fenster, es ist mir, als müsse dort oben das furchtbare Licht in ungeheuren Wellen über den Himmel rauschen, und ich kann es nicht fassen, dass über mir die Sonne steht, von silbernem Dunst verhüllt, von purpurnen Wolken umdrängt oder einsam in der unendlichen Bläue des Himmels, und rings um mich her, wohin ich blicke, die uralten, ewigen Farben, die Farben der irdischen Welt. Niemals mehr hab’ ich seit jenem Tag das grauenvolle Drommetenrot gesehen. Aber die Schatten sind da, sie kommen immer wieder, sie haben mich umstellt, sie greifen nach mir – werden sie niemals aus meinem Leben verschwinden?“ (S. 8 f.)

Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn schließlich will ich euch nicht die Spannung nehmen. Vielleicht noch so viel: Die Aufhellung des Rätsels lässt ebenfalls ganz unterschiedliche Deutungen zu. An dieser Stelle kommt es auf den Leser an: Wie will er diesen Roman lesen? Ich habe mich entschieden, in ihm vor allem eine Aussage über die Verbindung von Religion und Kunst zu erblicken – über die Sehnsucht des Künstlers nach den Visionen und „Gesichten“…

Autorenkollektiv – Karfunkel Nr. 48

Kaum zwei Tag lang ist es her, da bracht bei Dämmerung des Morgens der Bote eilenden Fußes die frisch von Schreibern aufgesetzte Nummero 48 der Zeitenschrift KARFUNKEL an meine Wohnstatt, mir zu gefallen und Verzücken wachzurufen. Und so nehm‘ ich dies nun als Gelegenheit zupass, Euch ein weit’res meiner bevorzugten Magazine vorzustellen, denn diese Ausgabe hat es wieder kräftig in sich, da konnte ich schlicht nicht widerstehen, den Federkiel zu zücken und Euch folgend Worte kund zu tun.

Die KARFUNKEL ist nun seit mehr als zehn Jahren im Bereich von Mittelalter, „erlebbarer Geschichte“ und Reenactment-Bewegung unterwegs und für die Fans dieser Bereiche mit Schweiß und Herzblut bei der Sache. Und spätestens seit der Jubiläumsausgabe diesen Jahres ist die Qualität, aber durchaus auch die Quantität des gebotenen Materials, allein schon in der wundervollen und makellosen Aufmachung, so überragend, dass ich ruhigen Gewissens behaupten kann, kein wirklich vergleichbares Magazin benennen zu können. In hervorragendem Druck, liebevoll gestaltetem Layout und einer schon erschlagenden Bilderfülle präsentiert die KARFUNKEL allerlei aus vergangenen und heutigen Tagen.

Geschichtliche Essays und Biografien, Handwerkskünste, Kampf- und Kriegshandwerk, Veranstaltungsberichte und -hinweise (In Sachen Veranstaltungskalender ist die Zeitschrift unangefochten Informationsträger Nummer Eins.), Notenblätter, Rezensionen, Interviews, Traditionen und Kultur der Alten Zeit, Kräuterkunde und Rezepte und dergleichen noch viel mehr werden alle zwei Monate in zunehmender Güte auf mittlerweile 122 Seiten präsentiert. Und zur Kurzweyl darf natürlich auch ein Preisrätsel für Kenner nicht fehlen, das es allerdings meist wirklich in sich hat.

Außerdem betätigt sich die Redaktion mit ihren Partnern seit geraumer Zeit als Verlag für allerlei ausgezeichnete Bücher, Infomaterialien, Info-ROMs, Kalender, Veranstaltungsführer usw. und betreibt über ihre Homepage einen mittelalterlich orientierten Web-Radiosender. Zusammen mit ihrer Netzpräsenz ist die KARFUNKEL so mit den Jahren zu dem zentralen Forum für die mittelalterlich interessierte Gemeinde im deutschsprachigen Raum schlechthin avanciert. Mit einer Auflage von inzwischen satten 24.000 Exemplaren bei über 6.000 Abonnenten macht sich das Magazin präsent und ist inzwischen für schlappe 4,60 Euro auch in den meisten größeren Zeitschriftenläden zu erstehen. Zwischenzeitlich gab es auch die erste prall gefüllte CODEX-Sonderausgabe zum Thema „Wikinger“, die ich demnächst hier näher vorstellen möchte.

Und weil das alles noch nicht programmfüllend genug ist, wurde der aktuellen Ausgabe ohne Aufschlag die erste CD der Zeitschrift, „Abmorgenland“, beigefügt, mit über 77 Minuten Mittelaltermusik, gespielt von einem Dutzend Bands auf einundzwanzig Stücken. Entstanden ist diese Neuerung in Kooperation mit Dattelschlepper und Furunkulus Bladilo sowie dem Engagement der beteiligten Bands. Der Schwerpunkt liegt hier bei authentischer Mittelaltermusik, zumeist mit orientalischem Einschlag (dem Konzept von Dattelschlepper und dem Sampler-Titel entsprechend), aber auch einige der beliebten und gut tanzbaren Spielmannslieder sind vertreten und so manch namhafte Truppe fand den Weg auf diesen Silberling, den man auch separat erwerben kann. Einige Lieder wurden eigens für dieses Projekt geschrieben, andere Stücke wurden von den Bands konzeptionell umgestaltet. Eine echte Respektarbeit jedenfalls und allemal ungewöhnlich, zumal die CD keine Auswirkung auf den Zeitschriftenpreis hatte, niemand dafür Gage verlangte und die derzeitige Auflage von 25.000 frisch gedattelten Silberscheiben in Eigenregie aufgezogen und produziert wurde. Details zur CD-Belegschaft findet ihr [hier]http://www.powermetal.de/cdreview/review-3092.html bei uns.

Doch nun zunächst genug des enthusiastischen Lobgesangs von mir und im Detail zum Inhalt dieser Ausgabe:

* Frauen auf Kreuzzügen – Streiterinnen Christi auf dem Weg nach Jerusalem?
* Gratis-CD: Abmorgenland – Dattelschlepper Vol. 1 (21 Mittelalter-Titel)
* Kundt und Wissen: Anne de Bretagne
* Kirchliche Feste im Mittelalter – Allerheiligen, Allerseelen und St. Martin
* Schinderhannes – Ein raubender Held?
* WaffG für living history – Das neue Waffengesetz
* Gesten • Zeichen • Rituale – Die verschlüsselte Sprache der öffentlichen Inszenierung im Mittelalter
* Die Kleider von Alpirsbach – Ihre Geschichte und Reproduktion & Schnittmuster: Alpirsbacher Hemd
* Die Vandalen – Ausstellung in Schloss Bevern
* Hexenverfolgung – Teil 1: Eine geheimnisvolle Hexensekte – Theologen und ihre Phantasien
* Noten: Mir ist das Herz so wunt
* Kraut und Wurz – Minze
* Der Mont Saint-Michel – Wo der Himmel die Erde berührt
* Religion und Kult der Römer
* Terminübersicht 2003
* Spürnasen für alte Rezepte – Schiffswracks und Weißkohlsuppe
* Selbermachen: Mittelalterliche Langzinkenkämme
* Lesepult
* Hörbar
* Von Begebenheyten
* Anno Domini (Veranstaltungsberichte)
* Preisrätsel

Homepage der KARFUNKEL: http://www.karfunkel.de

Wehrli, Reto – Verteufelter Heavy Metal

Ein Sachbuch zu unserem innig geliebten Musikgenre steht diesmal auf dem Rezensionsprogramm. Und welch edler Fund überdies! „Verteufelter Heavy Metal – Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz“ – Der auf den ersten Blick irreführende Titel scheint auf ein weiteres Hetz-Pamphlet hinzuweisen, das im Metal das Wirken Satans ausmachen möchte. Doch mehr als weit gefehlt; das Wörtchen „Fundamentalismus“ sollte stutzen lassen und ein Blick auf Buchrückseite sowie Inhaltsverzeichnis räumt dann jeden Zweifel aus, welche Seite dieses scheinbar endlosen Feldzuges für Anstand und Moral in diesem Werk unter Beschuss stehen wird. Zudem erschien Reto Wehrlis umfassende Schrift im Telos-Verlag, geführt von Dr. Roland Seim, der auch im Netz durch verschiedene Anti-Zensur-Webseiten präsent und wirkungsvoll in Aktion tritt. Wehrli selbst ist Psychologe, scheinbar eine für die Thematik unwesentliche Fachausbildung, doch auch hier: weit gefehlt. Die psychologischen Aspekte in dieser ganzen Streit-Thematik sind absolut wesentlich, und da sich der Autor seit fast zwanzig Jahren mit dem Phänomen Heavy Metal – selbst ein kritischer und merklich kundiger Fan – befasst und zudem das Augenmerk fachkundig auf Medienzensur richtet, sind hier optimale Voraussetzungen für eine vielversprechende Auseinandersetzung gegeben.

„Verteufelter Heavy Metal“ ist ein Fachbuch, eine wissenschaftliche Studie und Arbeit, die durchaus voraussetzungsvoll ist und sich gelegentlich in akademischen Ausdrucksformen ergeht, aber dennoch in erfrischender und faszinierender Weise geschrieben wurde, stets begleitet von einem geradezu sarkastischen Unterton und persönlichen Einwürfen, ohne dadurch unsachlich zu werden. Und die Sachlichkeit hat es in sich: Im Gegensatz zu den oberflächlichen Anwürfen der fundamentalistischen Apologeten und staatlichen Kontrollinstanzen ist hier jedes Faktum sorgsam recherchiert und durch unzählige Quellen belegt. Ein endloses Literaturverzeichnis sowie ein ausgiebiges Sachwortregister und Autorenverzeichnis runden die Wissenschaftlichkeit der Arbeit ab. Wehrli bemüht zudem ausgiebig Originalquellen sowie sorgsame Eigenrecherchen und vermeidet es, Aussagen von Abgeschriebenem abzuschreiben, wie dies so gern und bequem anderenorts praktiziert wird – was die ärgsten Peinlichkeiten verursacht und zu Gelächter einlüde, wären die Folgeerscheinungen nicht gar so unerfreulich. Kulturhistorische Details, psychologische, soziologische, politische und musikwissenschaftliche Informationen in Hülle und Fülle porträtieren ein umfassendes Bild von Rock- und Metal-Szene, moderner Musikentwicklung, Medienlandschaft, Moralgebäuden und Zensurbemühungen.

Zensur? Minderheiten- und Randgruppendiskriminierung? In einer Demokratie? Gar in Deutschland? Unsinn! möchte der Leser an dieser Stelle vielleicht abwinkend ausrufen. Nun, gesetzlich gibt es eine Zensur natürlich nicht, doch betrachtet man sich die reale Umsetzung verschiedener Grundrechte wie Meinungs­- und Religionsfreiheit usw. genauer, hat man vielleicht eine Andeutung davon, wie es mit zensorischen Maßnahmen aussieht. Hier kann man vielleicht eher von einer gezielt aufgebauten ‚Filterung‘ sprechen, einer geradezu automatisierten und durch Zwänge und Gegebenheiten bestimmten Selbstkontrolle – allerdings nicht ganz so freiwillig, wie die bekannte Kontrollinstanz dies namentlich vermuten lassen möchte. Die Demokratie ist hier gezwungen, subtiler vorzugehen, doch die Wirkungsweise ist effektiver als man glauben würde. Bis zu direkten Zugriffen, Polizeirazzien etc. reicht das Repertoire der besorgten Ordnungsinstanzen in der Musik- und Kunstlandschaft allerdings ebenfalls, auch wenn der Durchschnittsbürger solche Szenarien allzu leicht ins Reich der paranoiden Phantasterei verbannen möchte. Wehrli geht hierauf ausführlich und mit belegten Fallbeispielen vor allem aus den USA (wo Bücher-Barbecue ein recht beliebtes Spektakel zu sein scheint; ein Schelm, wer dabei Parallelen zieht), Skandinavien und dem deutschsprachigen Raum ein, doch dazu später mehr, zunächst der Reihe nach zum Buchinhalt (Ihr merkt, ich könnte mich diesmal wieder etwas ausführlicher auslassen. Ich hoffe, der Kaffee steht griffbereit.):

Bereits der Einleitungstext meißelt zentrale Probleme und Fragwürdigkeiten im Umgang mit der Thematik des Heavy Metal und seiner Subkultur heraus, von Gesellschaftsunterwanderung und Amoralität bis hin zu Satanismusprojektionen und der Frage, wie gesichert und vertrauenswürdig so manche Studie sein mag, die sich letztlich auf nichts als urbane Mythen berufen kann.

Damit überhaupt fachkundig auf die zentralen Themen eingegangen werden kann, muss zunächst abgeklärt und analysiert werden, wovon überhaupt die Rede sein soll und worum es sich beim Heavy Metal eigentlich handelt. Dazu bietet Reto Wehrli in den ersten vier Kapiteln einen ausführlichen Überblick zur musikwissenschaftlichen Entwicklung des Metal, zur kulturhistorischen Bedeutung und Einordnung, zu den verschiedenen Metal-Stilen, zur Subkultur und den damit verbundenen soziologischen, politischen und psychologischen Mustern. Hierbei wird, das muss angemerkt werden, deutlich, durchaus nicht einseitig argumentiert und so manche Skurilität, (chauvinistische) Klischeelastigkeit und Blöße der Metal-‚Philosophie‘ aufgezeigt. Für jeden Metal-Fan eine bildende Bereicherung und für jeden Schimpftiradenkanonier Pflichtlektüre, denn wie sagte Dieter Nuhr so beflügelnd: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!“

Wie wenig Ahnung die Ankläger im Regelfall von ihrem Streitobjekt haben, zeigt Wehrli in einem Hauptblock des Buches, nachdem er mit Kapitel 5 vorweg einige der beständig gleichen Kernvorwürfe und interessante Statistiken und Begebenheiten kurz als Appetizer anreißt. In diesem zentralen und sehr umfangreichen Kapitel „…And Justice for All“ gibt der Autor einen Überblick über alle historisch wesentlichen Bands, die für die Thematik bedeutsam sind, von den BEATLES 1960 bis zu MARILYN MANSON 1989. Die Großmeister des Heavy Metal fehlen dazwischen natürlich auch nicht. Dabei wird jeweils die Bandgeschichte präsentiert, teils mit interessanten Details gespickt, sowie die jeweils mit der Band verknüpften Skandale, Prozesse und zensorischen Maßnahmen aufgeführt. Zugleich wird der Großteil dieser Anwürfe als unsinnig zerpflückt, prozessierte Texte im Original verglichen und interpretiert, beschlagnahmte Platten-Cover präsentiert und desgleichen mehr. Da wird es manchmal schwierig, den Text im Auge zu behalten, da der Kopf beständig in ungläubigem Staunen (oder Entsetzen?) hin und her geschüttelt wird. Bei soviel kirchlichem, staatlichem, in jedem Falle aber amtlichem Stumpfsinn musste meine Schreibtischkante arg leiden, da ich mich veranlasst sah, allzu oft mit einem Homer Simpson’schen „Nein!“ auf den Lippen die Stirn gegen selbige zu schlagen. Kann man für geistige Schmerzen eigentlich Schadensersatzforderungen einklagen?

Auf den offenbar fragwürdigen geistigen Zustand der Ausführenden solch fabulöser Hexenjagden geht Wehrli angebrachterweise später noch ein, doch zunächst widmet er sich einer der beliebtesten urbanen Legenden des Heavy Metal: der „Backward Maskings“ oder unterschwelligen Botschaften. Hier wird zum ersten Mal in der mir bekannten Fachliteratur wirklich wissenschaftlich argumentiert. Dies mit der durch keinen Gegenbeleg zu entkräftenden Folgerung, dass diese heiß geliebten „Satansbotschaften“ etwa so wirkungsvoll sind wie Hufeisen über der Haustür und in den meisten Fällen überdies gar nicht vorhanden und krampfhaft in Gehörtes hineininterpretiert – da kann man die Tonspur noch so besessen [sic] rückwärts laufen lassen. Darauf geht der Autor bei den einzelnen Bands und im Verlauf des Buches gelegentlich jeweils noch ausführlicher ein.

Es schließt sich ein wahres Genusskapitel an, in dem sich Wehrli nun genauer den Gegnern des Heavy Metal widmet, sie institutionell und psychologisch durchleuchtet und die Beweggründe aufzuspüren sucht. Traditionalisten, Fundamentalisten, Christensekten und Anthroposophen bilden hier den Schwerpunkt.

Hernach folgt ein ausführliches Rezensionskapitel, in dem der Autor die führenden und gern als Fachreferenz herangezogenen Pamphlete, Entschuldigung, Fachbücher über Rock, Metal und ihr satanisches Wirken komplett und genüsslich zerpflückt und dabei nicht im geringsten zimperlich oder verbal zurückhalten verfährt. Da kommt Freude auf.

Die folgenden beiden Kernkapitel widmen sich nun den Zensurinstanzen und ihrem Wirken sowie den einzelnen Zensurfällen, die bedeutsam waren. Hier gibt es übrigens allerlei Bild- und Schriftmaterial für Genießer zu begutachten. Da das meiste davon indiziert wurde, wundert es mich, dass diese schwer beschaffbaren Quellen hier in dieser öffentlichen Form herangezogen werden konnten, ohne die Fürsorge des Großen Bruders auf den Plan zu rufen. In jedem Falle: Respekt! Da gehen einem wahrhaft die Augen über und die permanente Scheibenwischergeste beim Lesen ist vorprogrammiert; man mag kaum glauben, zu welchen Einzelfällen es dabei auch hier in deutschen Landen kam, aber auch die Lage in Übersee wird natürlich ausgiebig beleuchtet. Wehrli wirft auch einen vielsagenden Blick auf andere Medienbereiche, vornehmlich Horrorfilme und Comics. Auch da gibt es allerlei Auswüchse von beiden Seiten der Front.

Das letzte Kapitel vor dem nachdenklichen Schlusswort richtet den Blick gen Norden, zu den Auswüchsen des Metal-Underground in Skandinavien. Hier gibt es dann tatsächlich einmal Grund zu aufrichtig angebrachter Sorge, denn was sich hier in einer Vermischung aus Pseudosatanismus, Nationalsozialismus und hartem Metal zusammengebraut hat und auch vor Folgeerscheinungen in Deutschland nicht Halt machte, ist in der Tat erschreckend. So werden also wirkliche Problemzonen, wie eingangs schon angemerkt, nicht ausgeblendet oder beschönigt. Was glänzend und völlig daneben ist, wird von Wehrli ebenso beim Namen genannt wie er dies bei den etwas fehlgeleiteten Metalgegnern und Randgruppenhetzern (Gesellschaftliche Feindbilder sind noch immer eines der wirksamsten Werkzeuge der Macht.) zuvor tat. Allerdings kommt auch hier letztlich zum Ausdruck, dass nicht der Metal, wie gern angeführt, das ursächliche Problem, sondern nur ein Symptom der Krankheit ist, von deren Wurzeln die Gesellschaft anklagend ablenken möchte, um sich nicht mit den wahren Pathologien ihres Daseins befassen zu müssen.

Alles in allem ist „Verteufelter Heavy Metal“ zum Thema das zweifelsohne umfassendste und bestrecherchierte Werk im Buchsektor. Für den Fan finden sich zahllose Fakten und Details und die Aufmerksamkeit für Problemzonen der scheinbar freien Demokratie wird deutlich geschärft. Für Szenegegner ist dieses Buch unverzichtbar, wenn sie ernsthaft an einer Diskussion interessiert sein sollten und bestrebt sind, sich mit wahrhaften Hintergründen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Betrüblich ist, dass dieses Mitte 2001 erschienene Buch noch immer in der ersten Auflage von 750 Exemplaren steckt, während allerlei Schundwerke sich zu Zehntausenden verkauft haben und als Referenzmaterial herhalten müssen. Auch preislich bewegt sich das Buch im grünen Bereich, denn die 400 kleinstbedruckten Seiten mit mehr als 100 Abbildungen entsprechen etwa dem Umfang eines 800-seitigen Taschenbuches. Und für Fachliteratur, gerade von Kleinverlagen, sind die Kosten normalerweise geradezu exorbital. In jedem Falle: Zwei enthusiastisch erhobene Daumen für diese Glanzleistung.

Grobes Inhaltsverzeichnis:

Intro
1. Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal
2. „Stampfen, Toben, Fäuste schwingen“ – Eskapismus als Lebensrealität
3. Schwer und leicht, schwarz und weiß
4. „Recognize your age – it’s a teenage rampage!“
5. „Sex, Gewalt und Satanismus“: Auf jeder Platte ein Dämon!
6. „…And Justice for All“: Die verteufelten Bands im Überblick
7. Der Satan kommt von hinten: ‚Backward Maskings‘
8. Jäger des verlorenen Schamgefühls – Wer sind die Gegner des Heavy Metal?
9. Am Anfang war das letzte Wort: Bücher gegen den Heavy Metal
10. Wer zensiert was? Die Unterschiedlichkeit des Unzulässigen
11. Große allgemeine Verunsicherung! Musikzensur in Deutschland
12. Auswüchse aus dem Untergrund
13. Schluss
Literatur
Diskografien
Autorenverzeichnis
Register

Verlags-Homepage: http://www.telos-verlag.de

_Nachtrag:_ Am 21. März 2005 erschien die stark erweiterte Neuauflage des Buches.

Reto Wehrli: Verteufelter Heavy Metal – Skandale und Zensur in der neueren Musikgeschichte
Münster: Telos Verlag 2005, 2. Auflage (März)
ISBN [3-933060-15-X]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/393306015X/powermetalde-21
740 Seiten
ca. 300 Abbildungen
Bilderdruckpapier, broschiert, Farbcover
Format: 21 x 15 cm
Bibliographie, Diskographie
EUR 37,50
http://www.telos-verlag.de/seiten/buch5rw.htm

Joachim Bumke – Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter

Der zuletzt in Köln Literaturgeschichte des Mittelalters lehrende Professor Joachim Bumke ist jedem Studenten der älteren Germanistik ein Begriff: Seine in der „Sammlung Metzler“ erschienene Einführung in die Epen des Wolfram von Eschenbach („Parzival“) gehört zum unverzichtbaren Standardrepertoire des Studierenden. Dadurch neugierig geworden, habe ich mich auf dieses Buch gestürzt, als die Gelegenheit da war, es zu rezensieren.

Joachim Bumke – Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im Hohen Mittelalter weiterlesen

Autorenkollektiv – Aufklärungsarbeit Nr. 12

Unsere Gesellschaft befindet sich in einer kritischen Umbruchsphase, die nahezu alle Lebensbereiche betrifft und derzeit insbesondere durch die politischen Entwicklungen allen Grund zu skeptischer Reflektion gibt, zumal Zweifel an der Wirklichkeit demokratischer Grundsätze mehr als angebracht sind. Es ist wichtig, dass in dieser Zeit – die von gesteuerten Massenmedien zentral beherrscht wird, welche absichtsvoll die öffentliche Meinung lenken, die Bildungsinhalte bestimmen sowie Denken und Moral in nutzbringende Richtungen bewegen – unabhängige Meinungsorgane gibt, die alternative Sichtweisen und Hintergrundinformationen verfügbar machen. Nur so ist es möglich, sich ein differenziertes Gesamtbild zu verschaffen und eine Einsicht zu bewirken, die nicht bereits einseitig vorbestimmt ist, da es ohne verschiedene Sichtweisen und Faktenquellen keine Alternativen und Wahlmöglichkeiten (auch im Sinne demokratischer Informationsbildung) gibt. Eines dieser Medien, die sich der unkonventionell nicht-angepassten Meinungsbildung verschrieben haben, ist das Magazin [Aufklärungsarbeit]http://www.aufklaerungsarbeit.de , das seit März 2003 auch am Kiosk zu erwerben ist und inzwischen mit hoher Auflage an die deutschsprachige Bevölkerung herantritt.

Ein zentraler Punkt der kritischen Berichte, Kommentare und Essays dieser Zeitschrift ist die politische Information über Missstände und Bedenklichkeiten, die sich aus den globalen Entwicklungen in neuerer Zeit ergeben haben, im Schwerpunkt natürlich rund um alles, was mit 9/11 und den Folgekriegen zu tun hat. So wird über Zensur (die es ja natürlich offiziell gar nicht gibt, ebenso wie die Meinungs- und Religionsfreiheit so schön idealistisch im Grundgesetz zu finden ist – und leider auch nur dort auf dem Papier) informiert, über Begebenheiten und Hintergründe, die aus den Mainstream-Medien gezielt herausgehalten werden, über Kontrollversuche der Machthaber, über alternative Medizin und Spiritualität, über Militärprojekte, Vernebelungsversuche von Big Brother und über alternative Geschichtsdarstellungen, wie sie von den Siegern und Gewinnern des globalen Machtwettstreites nicht gern erwähnt gefunden werden, über Grenzwissenschaften bis hin zu Paläo-SETI und UFO-Forschung. Wer das alles ohnehin für spinnerten Verschwörungsquatsch hält, kann sich jetzt natürlich den restlichen Text ersparen und sich wieder vor den Fernseher klemmen für seine tägliche Dosis Hirnbrei – Big-Brother-Konzepte als unterhaltsames Medienspektakel für die gelangweilte Masse, perfider geht’s kaum noch.

Als Autoren konnte die „Aufklärungsarbeit“, die ihrem Namen alle Ehre macht, treffend das Motto „Information statt Desinformation“ gewählt hat und monatlich erscheint, so illustre Personen – zumeist Buchautoren – gewinnen wie Jo Conrad, Jan Udo und Johannes Holey, Andreas von Rétyi, Wolfgang Eggert, Jürgen Elsässer, Armin Risi, Hans Tolzin oder Dieter Rüggeberg. Wer sich eingehender mit alternativer und unabhängiger Wahrheitsfindung befasst hat, wird mit diesen Namen bereits vertraut sein.
Seit kurzer Zeit gibt es über die Webseite auch einen [Buchversand]http://aufklaerungsarbeit.pilt.de/ mit vielfältigen Veröffentlichungen zu diesen Bereichen und teils wenig bekannten Schriftwerken.

In dieser Ausgabe Nummer 12 vom Juli 2003, die diesmal einen deutlich spirituellen Schwerpunkt hat, findet ihr folgende Artikel:

_Virus in der Matrix_
G8-Gipfel in Evian
Die Programmierer der Neuen Weltordnung suchen den Fehler ihres Systems.
Ein politischer Kommentar von Jürgen Elsässer.

_Das Inschallah-Phänomen_
oder: „Wer denkt denn da?“
Gedanken zu Determinismus und Freiem Willen von Raphaela Nießen.

_Placebo-Effekt und die Wirklichkeit_
Ein interessanter Bericht über Forschungsergebnisse, die Erstaunliches über die Fähigkeit der Menschen offen legen, was Selbstheilung und die Erschaffung der eigenen Realität anbelangt. Von Jo Conrad.

_Jesus – Sie wollten einen anderen Messias_
Teil 2 eines langen Essays über eine alternative Darstellung des historischen Jesus, über Interpretationen der Bibel, Übersetzungsprobleme und theologische Konsequenzen. Von Johannes Holey.

_Jesus – Der erstgeborene Sohn Gottes_
Jesu Identität aus vedischer Sicht – ein theologischer und religionswissenschaftlicher Vergleich von Armin Risi.

_Kurzmeldungen_
… zu aktuellen Geschehnissen und politischen Entwicklungen.

_ Die Soldaten haben Angst, nachts nach draußen zu gehen_
Ein Erlebnisbericht aus dem besetzten Irak und Hintergrundinformationen von Robert Fisk.

_ Verschollen in der Sahara_
Spuren, die uns offiziell nicht gezeigt werden.
Eine skeptische und sorgfältig recherchierte Betrachtung zum Entführungsdrama in Algerien von Udo Schulze.

Körperausdruck und Persönlichkeit oder: _Erkenne dich selbst_
Teil 1 einer Persönlichkeitsanalyse fünfer Arche-Typen von Barbara Thielmann.

_M wie … Möllemann_
Eine Analyse der Hintergründe des Todes von Jürgen W. Möllemann. Von Barbara Thielmann.

Homepage des Magazins: http://www.aufklaerungsarbeit.de
Zur Bestellseite der Aufklärungsarbeit geht es [hier]http://www.aufklaerungsarbeit.de/kontaktabo.php entlang.

Huff, Tanya – Blutzoll

„Blutzoll“ beginnt mit einem grauenhaften Mord in der U-Bahn von Toronto. Vicki Nelson, ein früheres Mitglied der Mordkomission und jetzt Privatdetektivin, wird durch einen Hilfeschrei des Opfers alamiert. Sie kommt aber zu spät, denn der Mörder ist bereits fort und seinem Opfer, einem jungen Mann, ist nicht mehr zu helfen.

Der Mord in der U-Bahn ist der Auftakt zu einer schrecklichen Mordserie, die in den nächsten Tagen die Stadt erschüttert. Weitere Menschen fallen dem Mörder zum Opfer und werden alle mit herausgerissener Kehle und völlig blutleer zurückgelassen. Die Morde werden zwischen zwölf und ein Uhr nachts verübt und am Tatort gibt es keinerlei Spuren, die auf den Täter schließen lassen. Außerdem gibt es keine Augenzeugen und eine Verbindung zwischen den Opfern ist nicht erkennbar. Die Polizei steht vor einem Rätsel, doch für die Presse ist schnell klar: „Vampir sucht Stadt heim!“

Dabei ahnt niemand, dass tatsächlich ein Vampir in Toronto lebt. Henry Fitzroy, ein fast 500 Jahre alter Vampir, ist aber in keiner Weise für die Morde verantwortlich, sondern bemüht sich, ein völlig unauffälliges „Leben“ als Schriftsteller zu führen. Er glaubt, dass ein wahnsinniger Vampir in sein Revier eingedrungen ist und die Morde verübt. Besorgt, dass die Aufmerksamkeit der Menschen auf ihn gelenkt werden könnte, beschließt er den Schuldigen zu finden und zu vernichten.

Auch Vicki Nelson, die Privatdetektivin, versucht den Mörder im Auftrag der Verlobten des ersten Opfers zu finden.
Weder der Vampir noch die Privatdetektivin können ahnen, dass noch etwas viel grauenhafteres als ein wahnsinniger Vampir die Morde verübt und dass sie ihre Kräfte vereinigen müssen, um die Stadt vor dem Untergang zu bewahren.

Tanya Huff ist mit „Blutzoll“ ein Vampir-Roman der Extraklasse gelungen. Anders als in den Büchern von Anne Rice steht jedoch nicht der Vampir im Mittelpunkt. Die Hauptfigur des Romans ist ohne Zweifel Vicki Nelson, ehemals die beste Ermittlerin der Mordkomission, die jedoch durch eine Krankheit, die sie langsam erblinden lässt, gezwungen wurde, ihren Job aufzugeben und nun als Privatdetektivin arbeitet. Dabei bleibt der Vampir Henry Fitzroy aber keine schemenhafte Nebenfigur, sondern wird genauso lebendig charakterisiert wie Vicki. Die Autorin stützt sich bei seiner Darstellung teilweise auf den von Bram Stoker aufgestellten Vampirmythos, hat aber auch eigene sehr originelle Ideen.
Spannung, ein intelligenter Plot, glaubwürdige Charaktere, eine geradlinige Story und eine gehörige Portion Humor machen „Blutzoll“ zu einem schauerhaft-schönen Mix aus Krimi und Horror-Roman.

„Blutzoll“ bildet den Auftakt einer fünfteiligen Serie um die Privatdetektivin Vicki Nelson und den Vampir Henry Fitzroy. Bisher sind drei Teile davon auf deutsch erschienen: „Blutzoll“, „Blutspur“ und „Blutlinien“. Der vierte Teil „Blutpakt“ erscheint im November, ebenfalls beim Feder & Schwert Verlag. Mit 12,95 Euro sind die Bücher ziemlich teuer, bieten aber eine wirklich gute Aufmachung: große Schrift, festes weißes Papier und ein tolles Cover-Bild.

Tanya Huff wurde 1957 in Halifax geboren und ging als eine der ersten Frauen Kanadas zur Canadian Naval Reserve, der kanadischen Marine. Sie lebt heute irgendwo im Nirgendwo Kanadas in der Nähe von Toronto mit ihrer Gefährtin Fiona Patton, einer Menge Katzen und einem Chihuahua.

Homepage der Autorin: http://www.meishamerlin.com/TanyaHuff.html

Iles, Greg – Infernal

Die Kriegsfotografin Jordan Glass stößt auf eine bizarre Gemäldeserie. Eine der im todesähnlichem Schlaf dargestellten Frauen ist ihre verschwundene Schwester Jane. Zusammen mit dem FBI stößt Jordan auf vier Verdächtige in New Orleans: Alle sind Kunstmaler. Wissen sie, ob Jane bereits tot ist? Lebt sie wieder Erwarten noch? Plötzlich wird Jordan selbst zum Ziel des Serienmörders.

Greg Iles wurde in Deutschland geboren und verbrachte seine Jugend in Natchez am Mississippi. 1983 beendete er sein Studium an der University des Staates Mississippi, seither widmet er sich dem Schreiben. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit seinem Roman „@E.R.O.S.“ finden sich seine Werke in den Bestsellerlisten. Zu dem Film „24 Stunden in seiner Gewalt“ mit Kevin Bacon und Courtney Love schrieb Iles das Drehbuch, das auf seinem Roman beruht.

Als die Fotografin Jordan Glass für Buchrecherchen ein Museum in Hongkong besucht, erleidet sie den Schock ihres Lebens: Die aktuelle Gemäldeausstellung des Kunstmuseums zeigt eine Serie von nackten Frauen, die zu schlafen scheinen. Doch sie sind so blass, dass sie genauso gut tot sein könnten. Und das Gesicht einer dieser Frauen ist ihr eigenes: das ihres eineiigen Zwillings Jane. Auch die anderen Besucher des Museum erleiden einen Schock: Da hängen Bilder von nackten, möglicherweise toten Frauen an der Wand, und plötzlich spaziert eine der Totgeglaubten mitten unter ihnen umher… Als Jordan aus dem Chaos, das ihr Erscheinen verursacht hat, entkommen kann, schnappt sie sich den erstbesten Flieger, der sie in die Staaten bringt und ruft das FBI an.
Ihre Schwester Jane ist bereits über ein Jahr verschwunden – entführt, wie man glaubt. Und nun könnte das in Hongkong entdeckte Gemälde der endgültige Beweis sein, dass sie tot ist. Schon lange arbeitet daher Jordan mit Stellen des FBI in Quantico zusammen. Jordans Schreck sitzt tief, doch sie kann ihn bezähmen: Als Kriegsfotografin hat sie schon so ziemlich jede Horrorszene erlebt, die man sich vorstellen kann; auch am eigenen Leib…

Sofort fliegt sie nach New York City, um den Händler zu treffen, der dem japanischen Besitzer der Museumsbilder die Gemälde verkauft hatte: Christopher Wingate. Doch kaum ist sie mit ihren hartnäckigen Reporterfragen ein Stück weit in die Vorgeschichte der Gemälde eingedrungen, als in der Galerie Feuer gelegt wird. Sie entkommt mit knapper Not dem Inferno, doch Wingate schafft es nicht. Ein Besuch bei einem von Wingates Kunden, dem Exilfranzosen Marcel de Becque, verläuft ziemlich ergebnislos: Er hatte die ersten fünf Bilder gekauft, doch nicht auch jenes bekommen, das Jane zeigt.

Die Spur der in Hongkong sichergestellten Bilder führt über extrem seltene Pinselhaare direkt an die Universität von New Orleans, die Tulane University. In dieser Stadt hatte Jane mit ihrer Familie gelebt, hier hatte Jordan mal bei einer Tageszeitung gearbeitet. (Und hier kennt sich der in Mississippi aufgewachsene Autor hervorragend aus.) Zusammen mit FBI-Leuten, dem Special Agent John Kaiser und dem Psychologen Dr. Arthur Lenz, darf Jordan an den Verhören von vier Verdächtigen teilnehmen, darunter einem weltbekannten Kunstmaler namens Wheaton. Ist Jane noch am Leben? Als Jordan bereits glaubt, ihre Nachforschungen würden ergebnislos verlaufen, verschwindet eine der Verdächtigen direkt vor den Augen ihrer FBI-Beschatter. Wenig später wird ein perfekt organisierter Angriff auf Jordan und ihre FBI-Beschützerin ausgeführt. Nur gut, dass auch John Kaiser in der Nähe ist…

Ich habe seit einiger Zeit keinen derart spannenden Thriller mehr gelesen. Nach dem furiosen Auftakt, der zur Hauptsache aus der erschütternden Entdeckung von Janes Bild und dem Brand in Wingates Galerie besteht, gerät die Handlung erst einmal in ruhigeres Fahrwasser. Die Befürchtung, die Verhöre der vier Verdächtigen könnten sich als falsche Fährte erweisen, die der Autor ausgelegt hat, um uns irrezuführen, bewahrheitet sich nicht: Hier sind wir schon genau richtig. Die Lage spitzt sich bereits nach 250 bis 300 Seiten einigermaßen zu, als Jordan brutal angegriffen wird, wobei ihre Beschützerin ihr Leben opfert. Von da an überschlagen sich die Informationen und Ereignisse, bis zu einer langen und beklemmenden Passage, in der sich Jordan hilflos in den Gewalt des Mörders wiederfindet und erfährt, wie alles begann. Nach dem obligatorischen Showdown findet eine doppelte Wiederauferstehung statt. Mehr darf ich nicht verraten.

Menschlich anrührend ist der Roman in sehr vielen Szenen, ganz gleich, ob es sich um die Ich-Erzählerin Jordan Glass geht oder um die gewaltsam verwaiste Familie ihrer Schwester. Hilfe und Beistand findet die 40-jährige Jordan, die sich in ihrer Arbeit verloren hat, bei Special Agent John Kaiser. Nach einigen zaghaften Annäherungsversuchen, die immer wieder von dienstlichen Anrufen unterbrochen werden, finden die beiden schließlich zueinander, um gemeinsam einen Neuanfang zu wagen. Ungewöhnlich an der mittlerweile gewohnten Plottidee des psychisch abnormalen Serienmörders ist das Milieu, in dem der Täter zu suchen ist. Die Kunstmalerei war bislang nicht besonders dafür bekannt, Schauplatz blutiger Morde oder anderer Kapitalverbrechen zu sein. Prompt kommt auch hier der Verweis auf Oscar Wildes berühmte Novelle „Das Bildnis des Dorian Gray“, in dem der „Titelheld“ einen Mord begeht und sich danach ewige Jugend verschafft – zumindest vorerst. Greg Iles verrät große Detailkenntnisse, für die er sich bei den konsultierten Sachverständigen am Schluss des Buches artig bedankt.

Oftmals das Sorgenkind bei Romanen mit solch spezialisierten Fachbereichen, wie sie hier auftreten, ist die Übersetzung diesmal ausgezeichnet gelungen. Anders als bei Tom Clancys letztem Buch hat auch das Lektorat keine Fehler übersehen. Obwohl ich den Übersetzer Axel Merz nicht gerade als den Allerbesten seines Fachs kennengelernt habe – er übertrug den kompletten Armageddon-Zyklus von Peter F. Hamilton ins Deutsche -, so hat diesmal die möglicherweise bessere Bezahlung als beim Taschenbuch für einwandfreie Arbeitsergebnisse gesorgt. Schon lange habe ich den Eindruck, dass Hardcover-Übersetzungen eine höhere Qualität besitzen als Taschenbücher. Ausnahmen wie Clancy bestätigen die Regel.

„Infernal“ ist ein kompetent gebauter und sehr spannend erzählter Thriller, der mit ähnlichen Elementen umgeht wie etwa „Sieben“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ und damit Erfolg hat. Nur dass seine Figurenzeichnungen außer bei der Hauptfigur nicht besonders tiefgründig sind. Jordan und ihre Familie erhalten eine eigene Historie, die psychologisch untermauert wird und für eine subtile Spannung sorgt. Daher versteht man auch, warum Jordan so sehr bemüht ist, die Wahrheit über Janes Schicksal herauszufinden: Sie muss sich selbst retten, bevor sie zusammenbricht. Nun könnte man noch meinen, die Morde an den „Schlafenden Frauen“ wären sinnlos, weil sie von einem psychisch Gestörten begangen werden. Dem ist keineswegs so – die Botschaft, die Iles geschickt verpackt hat, lautet wie folgt: Je höhere Preise Gemälde mit bestimmten Motiven erzielen können, desto mehr wird das entsprechende Angebot zunehmen: das Gesetz von Nachfrage und Angebot. Schlecht für die Opfer: Erst als die nackten Frauen realistisch so dargestellt werden, als befänden sie sich im Todesschlaf, steigen die Preise rasant in die Höhe: Das letzte Gemälde bringt fast zwei Millionen Dollar! Kunst killt.

Ich habe den Roman in nur drei Tagen gelesen, wobei ich in der letzten Sitzung die restlichen 300 Seiten einfach am Stück lesen musste. Das Buch ist zu spannend, um es einfach zwischendurch mal weglegen zu können. Die Mühe hat sich gelohnt. Ich bin rundum zufrieden mit dem Buch.

Homepage des Autors: http://www.gregiles.com

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nyary, Josef – Vinland-Saga, Die

Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Wikinger Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika landeten, wenn auch in einem nördlicheren Teil.

Der 1944 nahe Berlin geborene Joseph Nyary, heute als freier Journalist in Hamburg tätig, hat sich diesem weitgehend unbeschriebenen Blatt in der Geschichte der Nordleute angenommen: Wo bei Frans G. Bengtsson’s Klassiker „Die Abenteuer des Röde Orm“ die Raubfahrten der Wikinger nach England, Spanien und sogar in die Flüsse Russlands die Grundlage bildeten, verschiebt Nyary die Handlung weit in den Westen: Grönland, Island und eben Neufundland/Labrador als „Vinland“ sind Handlungsorte seiner Wikinger-Saga.

Basierend auf der Saga des legendären „Erik dem Roten“ wird berichtet, wie es zur Entdeckung Vinlands kam: Auf der Heimfahrt von einem Raubzug in Bremen kommt das Schiff Bjarne Herjulfssohns vom Kurs ab, er verfehlt Grönland und wird an die amerikanische Küste abgetrieben, traut sich dort jedoch nicht an Land und segelt zurück. Seine Gefährten nimmt er unter Eid, ihre Entdeckung vorerst geheim zu halten: Gerade eben erst haben die Herjulfssohns auf Grönland einen günstig gelegenen Hof erworben, der Hauptumschlagsplatz für den Handel der von Erik dem Roten entdeckten Eisinsel ist.

In einer Ironie des Schicksals sollen zwei Gefangene des Bremen-Raubzugs die Geschicke Grönlands für immer verändern: Mit Tyrker kam ein christlicher Priester ins Land der Heiden, der Eriks Sohn Leif das Leben rettet und bald große Missionierungs-Erfolge verbucht. Die schöne Nonne Frilla wird von ihrem Bruder, dem Ritter Dankbrand, gesucht, zudem ist der Wikinger Aris Bardssohn, der Held der Geschichte, auch ganz vernarrt in sie. Leider hat sie der übelste Nordmann überhaupt, der Berserker Thorhall, seinem Freund Erik zum Geschenk gemacht. Doch hängt der Haussegen schief, die Frau Eriks des Roten ist unheimlich sauer auf ihn, und die ohnehin sehr willensstarke Frilla muss ausziehen und erhält ihren eigenen Hof.

Leif Erikssohn wird der erste sein, der von dem Geheimnis Vinlands erfährt. Zusammen mit dem Bischof Tyrker wird er dorthin segeln und als Christ wieder nach Grönland heimkehren, sehr zum Missfallen seines Vaters Erik und seines Freundes, des Urtypus des rauhen Nordmanns, Thorhall.

Weitere Fahrten Bjarne Herjulfssons und Thorfinn Karlsefnis folgen, und die Wikinger stoßen schließlich auf Indianer. Durch die tückische uneheliche Tochter Frillas und Eriks, die ganz und gar nicht fromme Freydis, kommt es zu Kämpfen mit den Rothäuten. Schließlich geht sie gar mit Thorhall gegen die christlichen Wikinger in Vinland vor…

Wer erwartet, dass ein großer Teil der Geschichte in Amerika spielt, liegt falsch. Der Konflikt zwischen den die Asen anbetenden und den bekehrten Wikingern nimmt große Teile des Buches ein, und spielt sich weitgehend auf Grönland und vor Norwegens und Irlands Küsten ab. Dabei steht der urige Thorhall für die alten Götter, Frilla und Tyrker für das Christentum und unser Held Aris Bardssohn ist Atheist. Mit Erik dem Roten und Thorhall trägt er wegen Frilla manchen Strauß aus, und die Fahrt Eriks nach Vinland ist eher Folge der Spannungen in Grönland und geradezu Nebenhandlung, wie auch alle weiteren Fahrten anderer Wikinger recht knapp abgehandelt werden. Der Kontakt der Wikinger mit den Indianern und Eskimos wird sehr oberflächlich und auf recht wenigen Seiten abgehandelt. Hier wusste der Autor nicht, Prioritäten zu setzen. Das lustige Wikingerleben und die metaphernreiche Sprache werden sehr gut rübergebracht von Bjarnes Gefährten mit illustren Namen wie Sven Stinkhals (wg. Mundgeruchs), Ulf Mädchenauge und dem grindigen Gorm. Als genretypisch und immer wieder unterhaltsam empfand ich die Auslegungen und schlauen Sprüche der Nordleute zu verschiedenen Naturereignissen, hier hat sich Nyary nicht lumpen lassen.

Manchmal schoss er jedoch über das Ziel hinaus, wenn seine Wikinger ihren Skalden den Schneid abkaufen und mehr reimen denn sprechen:

S. 648:
„Gorms Haar war gleichfalls weiß wie Schnee und sein Gesicht zeigte Runzeln wie ein vertrockneter Apfel. Die Kraft des Grindigen schien jedoch ungebrochen und sein Durst ungelöscht, denn er leerte sein Trinkhorn schneller als ein Igel ein aufgeschlagenes Ei.“

„In seinen Reden aber ähnelte er einem christlichen Priester in keiner Weise. ‚Bei Hengstes Hoden und Gletscherbärs Glied!‘ schimpfte er laut. ‚Das Bier ist sauer wie Altweibermilch!'“

„Durch Saufen und Fressen wird viel Weisheit vergessen.“
„Mancher denkt nicht weiter als ein fettes Schwein springt.“
„Spart’s der Mund, so frißt’s der Hund!“
„Volle Töpfe, leere Köpfe.“

Das mag lustig sein, aber seitenweise solche Simpelreime können den Leser schon etwas irritieren. Der Knackpunkt ist jedoch, dass die Oberflächlichkeit der Vinlandexpeditionen dem Buch das Genick bricht – ab der Buchmitte hat Nyary wohl seine besten Ideen bereits aufgebraucht, und er setzt auf nordische Mystik: Thorhalls Bruder Magog ist ein leibhaftiger Troll, Tyrker wird Asgard und das Reich der Hel gezeigt, Erik der Rote und Bjarne Herjulfssohn eilen als Wiedergänger (von den Toten auferstandene) umher und Leif darf um eines chronologischen Zusammenhangs willen ein halbes Jahr in der Höhle einer Wölwa (Hexe) abtauchen…

Das Buch ist historisch sehr exakt, das Auftauchen solch übernatürlicher Phänomene zu schalen Zwecken wie dem Schließen einer kleinen zeitlichen Lücke, die nur aufmerksamen Lesern auffällt, sowie die Einbindung eines wiedergekehrten Toten als Stichwortgeber und viele andere der phantastischen Dinge zeigen eigentlich nur, wie verzettelt auch Nyary seine Ausflüge nach Vinland durchführte: Die zweite Buchhälfte erleidet handlungsmäßigen Schiffbruch und entsetzt durch die aufgesetzt wirkenden phantastischen Elemente.

Ich kann das Buch nur Wikingerfreunden empfehlen, die den bereits verfilmten Klassiker „Röde Orm“ und ähnliche Werke wie das besser gelungene „Die Männer vom Meer“ von Konrad Hansen gelesen haben. Unterhaltsam und lustig, mit einem deutlichen Qualitätsknick ab der Mitte und einem unausgegorenen Ende, kann man der Vinland-Fahrt dennoch nicht ihren Reiz absprechen. Leider kommt sie nicht an Nyary’s beste Romane wie „Nimrods letzte Jagd“ heran. Dazu fordert sie dem Leser auch sehr viele Vorkenntnisse der nordischen Edda ab, und geizt mit Erklärungen: So kann ich nur vermuten, dass ein „Ägirshirsch“ wohl einen hörnertragenden Narwal darstellen soll. Deshalb nur eine Empfehlung für Nordleute, die bereits alle Klassiker des Genres gelesen haben – die vorhandenen Schwächen und die hohen Voraussetzungen an das Wissen des Lesers sind jedoch eine klare Abfuhr für Wikinger auf ihrem ersten Raubzug in dieser Romangattung.

Kress, Nancy – Moskito

In der Region um Washington, D.C., bricht eine Seuche unter der schwarzen Bevölkerung aus. Der Erreger dieser schrecklichen Malaria, die zum Gehirnschlag führt, ist jedoch genmanipuliert. Handelt es sich also um eine Biowaffe? Doch wer hat sie entwickelt? Die Regierung, das Militär, Terroristen, Saddam? – Obwohl der Roman bereits 1998 erschien, wirkt er heute geradezu prophetisch. Und er ist außerdem spannend zu lesen, wofür ich daher lediglich drei Tage brauchte.

Die 1948 geborene Amerikanerin Nancy Kress gehört zur ersten Garde der wichtigen Science-Fiction-Autoren. Nachdem sie zunächst (ab 1981) mit drei ungewöhnlich konstruierten Fantasyromanen debütiert hatte, errang sie 1988 mit dem Science-Fiction-Roman „Fremdes Licht“ erste Auszeichnungen. Darin erforschen Aliens die Aggressivität der menschlichen Spezies anhand der Auseinandersetzungen zwischen zwei Menschengruppen in einer Versuchsanordnung. In „Schädelrose“ erforschte sie die Konsequenzen einer AIDS-ähnlichen Krankheit, die Erinnerungen dezimiert. Ein neuartiges Experiment soll Abhilfe schaffen, allerdings um einen hohen Preis. Ihr bestes Werk bislang ist jedoch die Trilogie „Bettler in Spanien“, „Bettler und Sucher“ und „Bettlers Ritt“. Darin treten genetisch veränderte junge Menschen, die fortan keinen Schlaf benötigen, gegen den Rest der Menschheit an. Die Autorin erörtert die ethische Verpflichtung, die solch eine genetisch bedingte Überlegenheit mit sich bringt, eingebettet in eine spannende Handlung. Die Romane „In grellem Licht“, „Verico Target“ und dessen Fortsetzung „Moskito“ stellen ebenfalls das gesellschaftskritische Engagement der Autorin unter Beweis. Obwohl diese Romane als kriminalistische Thriller aufgebaut sind, hebt Kress damit doch erfolgreich warnend die Hand und sagt uns: „Geht hier besser nicht entlang.“ In dieser Haltung, diesem Anliegen trifft sie sich mit einem der besten britischen Science-Fiction-Autoren, John Brunner. Dessen Öko-Horrorvision „Schafe blicken auf“ vermag auch heute noch, 30 Jahre nach der Veröffentlichung, heftig zu berühren.

Doch nun zum vorliegenden Roman: Eines Tages bekommt Robert Cavanaugh, ein uns bereits aus „Verico Target“ bekannter Special Agent des FBI, den besorgten Anruf einer Krankenschwester: Ob er sich wohl mal darum kümmern könnte, warum in letzter Zeit so viele Schwarze mit Gehirnschlag eingeliefert würden? Ob das nicht etwas zu besagen habe? Da Cavanaugh in seinem neuen Büro in Maryland Süd, wo sehr viele Schwarze leben, sowieso nichts Wichtigeres zu tun hat, kümmert er sich darum – und sticht in ein Wespennest. Schon nach wenigen Tagen sind bereits mehrere Dutzend Menschen an völlig überraschend aufgetretenem Gehirnschlag gestorben oder liegen mit schwerer Hirnschädigung im Koma. Es handelt sich ausnahmslos um Farbige oder Inder aus einer bestimmten Gegend. Doch erst als ein farbiger Präsidentschaftskandidat, der Senator von Pennsylvania, an einem Gehirnschlag stirbt, kümmert sich auch die Medizin intensiv um die Aufklärung der Ursache des Phänomens. Im eilends einberufenen Krisenstab sitzt auch Robert Cavanaugh.

Die Fakten sind folgende: Nach 50 Jahren ist wieder einmal die Malaria in den USA ausgebrochen. Als wäre diese Nachricht nicht Schrecken erregend genug, finden die Seuchenspezialisten heraus, dass der Malariaerreger genmanipuliert ist: Er greift ausschließlich Träger der so genannten Sichelzellenanlage an, die ihren Träger eigentlich vor Malaria schützen soll. Der Erreger zerstört solche roten Blutkörperchen, die eine Sichelform aufweisen und das entsprechende Gen haben, von innen heraus und verursacht gezielt im Gehirn eine Blutung: Der Tod schlägt aus heiterem Himmel zu, so etwa mitten auf der Autobahn.

Dass eine derart raffinierte Tötungsmethode auf eine natürliche Mutation zurückzuführen sein soll, geht auch der Seuchenspezialistin Melanie Anderson vom Seuchenzentrum in Atlanta nicht in den Kopf. Die farbige Wissenschaftlerin sieht nicht nur sich selbst, sondern ihre Brüder und Schwestern (sie war mal bei den Black Panthers) bedroht. Für sie ist der Ausbruch der Epidemie, die von der Anopheles-Mücke übertragen wird, ein Biowaffenkrieg, der von der Regierung gesteuert wird. Mögliches Ziel: der Völkermord an einem Teil der schwarzen Bevölkerung, eventuell auch in Afrika. Leider hat sie dafür keinerlei Beweise. Robert Cavanaugh greift jedoch den Hinweis auf. Dummerweise bekommen die Medien Wind von der Geschichte, und schon bald überschlagen sich die Ereignisse: Die Politik des FBI verlangt, dass die kompetentesten Leute, wie etwa Cavanaugh, die unnützesten Jobs erledigen müssen, aber die unnützesten Leute an die große Glocke gehängt werden. Die FBI-Führung demonstriert ihre Besorgnis, hat aber selbst nach Wochen nur einen einzigen unschuldigen Verdächtigen vorzuweisen. Die Aussagen gegen den Wissenschaftler Donohue sind fingiert. Brisantes Detail: Er ist selbst zu einem Teil ein Schwarzer – warum sollte er seine Brüder umbringen wollen?!

Cavanaugh darf inzwischen sämtliche rassistischen Radikalengruppen Marylands abgrasen. Nach wenigen Wochen sind bereits über hundert Menschen gestorben, und eine neue Malaria-Ausbreitungswelle steht bevor. Da kommt Robert Cavanaugh ein aufgeweckter (schwarzer) Schuljunge zu Hilfe, der ein ernsthaftes Faible für die kleinen Plagegeister hat: Moskitos sind Earl Lesters Steckenpferd. Die Spur führt zu einem nahe gelegenen Militärstützpunkt – und zur CIA, die dort ein Geheimlabor unterhält.

Wie immer hat Nancy Kress auch diesmal ihre Story klug ausgedacht und spannend inszeniert, so dass ihr Roman es mit den Könnern des Thrillergenres durchaus aufnehmen kann – Leuten wie Jeffery Deaver etwa. Mit diesem teilt sie sich auch die Vorliebe für wissenschaftliche Detailarbeit. Ein Indiz führt zum nächsten, bis ein Puzzle entstanden ist, dessen Bild bzw. Schlussfolgerung unausweichlich ist. Und dennoch warten auch in dieser Phase noch Überraschungen auf die Helden.
Unter all dieser Jagd nach wissenschaftlichen und anderen Indizien könnte der Human Interest verloren gehen, so befürchtet man. Doch eine Reihe von kurzen Kapiteln, die als „Interim“ betiteln sind, schildert schlaglichtartig Aspekte und wichtige Ereignisse aus dem Leben der von der Malaria Betroffenen. (So etwa den Gehirnschlag des Fahrers eines Touristenbusses mitten auf der Autobahn, was natürlich zu einer Katstrophe führt.) Auch dies ist ein Kniff, dessen sich John Brunner in seinen großen Romanen bedient hat, besonders in „Morgenwelt“ („Stand on Zanzibar“, 1968).
Die Story ist besonders zu Beginn sehr spannend erzählt, geradezu filmreife Szenen folgen in raschem Tempo aufeinander. Doch dann gerät die Handlung in ruhigeres Fahrwasser, und menschliche Aspekte der Ermittler Cavanaugh und Anderson treten in den Vordergrund. Weil sie aber allen Widrigkeiten trotzen, denen sie begegnen, ist ihnen letzten Endes ein Erfolg gegönnt, und der Leser ist überrascht, wie die Lösung dieses Puzzles lautet.

Die Aktualität des Romans ist durchaus gegeben. Das Buch erschien in den USA 1998, also lange vor dem für die USA so schrecklichen Jahr 2001, aber bei uns rund vier Wochen nach dem 11. September. Zuerst ereigneten sich die vier Anschläge in New York City und Washington, D.C., dann, kurz darauf, tauchten die Anthrax-Briefe auf und töteten weitere Menschen. Anthrax ist eine Biowaffe wie die im Roman erfundene genmanipulierte Malaria.
Nun braucht man nur Zwei und Zwei zusammenzuzählen: Würden ausländische Terroristen mit Sympathisanten in den USA (wie Al-Qaida oder IRA) auf amerikanischem Boden eine solche Biowaffe entwickeln, könnten sie jederzeit zuschlagen – etwa um zahlreiche Schwarze zu treffen und so üble Rassenunruhen auslösen.
Kress zeigt auf, dass es genügt, einen bestimmten Prozentsatz der Bevölkerung zu töten, um eine Regierung zu stürzen. Nicht nur in den USA, sondern auch in England oder in einem Land Afrikas. Dass dies keine leere Behauptung ist, dürften die Geschehnisse in mehreren Staaten Zentral- (Kongo, Ruanda) und Westafrikas (Liberia) belegen. Die AIDS-Epidemie führt bereits jetzt dazu, dass die Regierungsstreitkräfte kaum noch in der Lage sind, ihre Sollstärke zu halten. Gefährdet ist besonders Botswana.

Nancy Kress ist ein spannender und kompetent geschriebener Wissenschafts-Thriller gelungen. Allerdings ist sie weit entfernt von Autoren wie Tom Clancy oder Michael Crichton, die auf Schockeffekte setzen und zudem einen Alleskönner als Helden präsentieren (z.B. Jack Ryan). Bei ihr sind Idealisten am Werk, die Gutes tun wollen, aber von den Umständen daran gehindert werden. Dass die von einer Biowaffe verursachte Seuche ihre Horroreffekte hat, ist nicht zu leugnen. Aber diese Szenen werden nicht ausgeschlachtet, um Sensationsgier zu befriedigen. Im Mittelpunkt steht die Puzzlearbeit von Kriminalisten und Epidemiologen. Das ist der Grund, warum sich der Roman nur eingeschränkt für Leser ohne Vorstellung von wissenschaftlicher Arbeitsweise eignet. Aber ein wenig Anspruch darf schon sein. Dass ihr Roman so prophetisch wirkt, hat die Autorin wohl selbst nicht geahnt.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Peterich, Eckart / Grimal, Pierre – Götter und Helden

Der Kunsthistoriker und bekannte Reiseschriftsteller („Rom“) Eckart Peterich sowie der Altphilologe Pierre Grimal lassen in diesem Buch die Vorstellungen dreier antiker Völker wieder lebendig werden: Peterich schreibt über Götter und Helden der Griechen und Germanen, während Grimal die Entwicklung der römischen Sagenwelt nachzuzeichnen versucht. Die Kapitel sind kurz und knapp gehalten, aber anschaulich, ja unterhaltsam geschrieben. Archaisierungen werden im Stil dabei ebenso vermieden wie Ironie oder aufgesetzte Peppigkeit.

„Götter und Helden“ kann als Lesebuch betrachtet werden – als ein Mittelding zwischen Lexikon und Abhandlung. Auffällig ist das warme Interesse, mit dem die beiden Autoren ihren Gegenstand beschreiben. Hier geht es also nicht um die sezierende Betrachtung akademischer Professoren, die die Anerkennung der Fachwelt zu ernten hoffen, sondern um eine echte Begeisterung für die antike Welt. Bei Peterich liest man beispielsweise, dass seine Beschäftigung mit dem griechischen Mythos dazu verhelfen soll, „einen Bruchteil mythischer Herrlichkeit in der Phantasie der Heutigen neu zu beleben“.

Die Welt der Griechen, Römer und Germanen steht am Anfang der zentraleuropäischen Geschichte. Hier begann das, was unsere europäische Identität ausmacht. Im Grunde müssten hier noch die Kelten genannt werden, deren Sagenkreise vor allem über die mittelalterliche Rezeption Einfluss auf unsere Kultur genommen haben (man denke an König Artus oder Parzival). Gleichwohl macht es Sinn, jene drei Völker in dieser Reihenfolge abzuhandeln – so wie die Römer vieles aus der griechischen Mythologie fortsetzten und umgestalteten, so übernahmen die Germanen die Idee des Imperiums von den Römern und gaben ihr einen neuen Inhalt.

Doch das vorliegende Buch weist hauptsächlich auf einen anderen Zusammenhang hin. Sowohl Griechen, Römer als auch Germanen nahmen ihren Ausgang von dem durch die Sprachwissenschaft erschlossenen Urvolk der Indogermanen oder Indoeuropäer. Dieses Volk saß vermutlich ursprünglich an den Nordmeeren. Aufgrund dessen lassen sich in den mythologischen Bildern und Inhalten so viele Ähnlichkeiten zwischen den meisten alteuropäschen Völkerschaften feststellen. Das Bild des siegreichen himmlischen Göttervaters ist eine solche typische Ähnlichkeit – es verkörpert sich im griechischen Zeus, im römischen Jupiter und im germanischen Wotan-Odin. Auch die göttlichen Zwillinge, die als Schützer wirken, sind eine gemeinsame indogermanische Vorstellung.

Im ersten Teil wird die griechische Sagenwelt beschrieben, die eine wichtige Inspirationsquelle gerade für deutsche Geistliche, Denker und Dichter gewesen ist. Deshalb finden wir im deutschen Sprachschatz auch eine Menge Metaphern, die sich auf diese Mythologie beziehen – beispielsweise die Binsenwahrheit, die Musen oder die Rede von den Argosaugen. Mit dem Bericht des Dichters Hesiod beginnt der bunte Reigen mythischer Gestalten: die Erde Gaia gebar aus sich selbst heraus, aber mit tatkräftiger Unterstützung der Liebeskraft Eros, den Himmel, Uranos, und das Meer, Pontos. Mit Uranos zeugte sie die einäugigen Erfinder der Blitze, die Kyklopen, und die Titanen. Als Uranos die Kyklopen in die Tiefe warf, erhob sich der Titan Kronos gegen seinen Vater und entmannte ihn mit einer Sichel, um nun selbst Götterkönig zu werden. Dem Blute des Uranos entstiegen die Erinnyen, die Göttinnen der Blutrache, und das Geschlecht der Giganten. Da der Vater seinem Sohn Kronos vorrausgesagt hatte, dass auch er von seinen Kindern enthront werden würde, verschlang Kronos die von ihm Gezeugten. Die Mutter Rhea aber versteckte den Zeus, der später die Titanen besiegen und den Olymp beherrschen sollte. Peterich beschreibt alle Götter des griechischen Pantheons: von Zeus, Artemis, Hera über Hermes bis zu Pan, den Gorgonen und den Dioskuren (Castor und Polydeukes). Ebenso werden die Heldensagen der Griechen vollständig abgehandelt: die Taten des Herakles und des Perseus, die Suche der Argonauten nach dem Goldenen Vlies und der durch Homer überlieferte Sagenkreis um den Trojanischen Krieg.

Pierre Grimal beschreibt im zweiten Teil den Werdegang der römischen Sagen. Ausgangspunkt dafür ist das Epos „Aeneas“ des römischen Dichters Vergil. Es erzählt wie Aeneas, Sprössling eines trojanischen Königshauses, nach der Zerstörung Trojas von den Göttern auf eine Irrfahrt geschickt wird, um eine neue Heimat zu finden. Mit dem von Aeneas abstammenden Geschlecht der Latiner aber begann die Geschichte Roms. Die Königstochter Rhea Silvia, zu den jungfräulich bleibenden Priesterinnen der Göttin Vesta gehörend, wurde von dem in sie verliebten Kriegsgott Mars am Flussufer überfallen und gebar aus dieser Vereinigung Zwillinge. Ihr Großvater war darüber erzürnt und setzte die Söhne seiner Nichte auf dem Fluss in einem Korb aus. Aber der Korb wurde von der Brandung ans Ufer getragen. Eine dem Mars heilige Wölfin zog beide Knaben auf. Grimal geht im weiteren auf die verschiedenen Versionen der Sagen ein. Er möchte zeigen, wie eng Mythen und Geschichte bei den Römern verbunden waren. Nach Grimal dienten diese Mythen in erster Linie der Erklärung historisch entstandener Bräuche und Gegebenheiten in Rom.

Der dritte Teil schließlich nimmt sich der Götter- und Heldensage unserer eigenen Vorfahren an – der Germanen. Aufgrund der reicheren Zeugnisse steht dabei die nordische Überlieferung im Vordergrund. Peterich berichtet über die Schöpfung der Welt aus dem gähnenden Nichts, dem Ginnungagap, und über die Geburt des ersten lebenden Wesens, des Urriesen Ymir aus dem Zusammenstoß von Feuer und Eis. Ähnlich wie im ersten Teil werden sämtliche Götter beschrieben: Odin, Thor (dem besonders viel Raum gewidmet wird), Frigg, Freyja, Frey, Njörd, Skadi, Baldur usw. Der Mythos vom Untergang der Götter, jene großartige germanische Religionsschöpfung, darf natürlich genauso wenig fehlen wie eine Beschreibung der neun Weltreiche und des Weltbaumes Yggdrasil. Bei der Wiedergabe der Heldensagen bezieht Peterich die deutsche und angelsächsische Überlieferung stärker mit ein: Nibelungenlied, Kudrunepos und der Beowulf werden in knappest möglicher Form nacherzählt. Natürlich hören wir auch vom nordischen Sigurd, dem Drachtöter, von Helgi, den seine Gattin mit ihrer Sehnsucht aus dem Grabhügel herbeiruft, vom Wikingerfürsten Frithjof, der durch die Schändung des Baldurtempels seine Geliebte verliert, um sie nach langem Suchen wiederzufinden. Das Prädikat „besonders wertvoll“ verdient der kleine Text am Ende des Abschnitts, in dem Peterich berichtet, aus welchen Quellen und mit welchen Methoden die germanische Glaubensgeschichte erschlossen werden kann.

Alles in allem also ein Buch, das den Freunden alteuropäischer Mythologie ans Herz gelegt sei und selbiges wohl höherschlagen lassen dürfte. Von allzu aufklärerischer Zudringlichkeit und Zweifelsucht findet sich hier glücklicherweise nichts – statt dessen darf man die alten Vorstellungen einfach genießen. „Götter und Helden“ ist ansonsten für Leser geeignet, die mit einer kurzen, prägnanten Darstellung ihr Allgemeinwissen auffrischen wollen, denen das Durchforsten von Lexika aber zu langatmig ist.

Leseprobe:
Odin, der Walvater
„Allvater nannten die Germanen ihren höchsten Gott, der bei den Deutschen Wotan, bei den Nordländern aber Odin hieß. In diesen Namen, die in unserem Worte „Wut“ nachklingen, lag einst der Sinn, daß Wotan-Odin Kräfte besitzt und verleiht, durch die in der Welt das Außerordentliche sich ereignet: rasende Kühnheit, die den Krieger unwiderstehlich macht, heilige Begeisterung und Besessenheit, in der Sänger und Seher das Höchste schauen. Denn Odin, der sieghafte Kämpfer, sucht, findet und kündet die höchste Weisheit; als Herr des Himmels und der Erde, als König der Götter und Menschen ist er kriegsgewaltig und zugleich wissend wie kein anderer. Dieser Gott der Schlachten, der auch Sieg- und Walvater heißt, schlägt seine Feinde mit blinder Furcht und nimmt ihren Waffen alles Macht, aber die Helden, die er beschützt, erfüllt er mit übernatürlicher Kraft, daß ihnen weder Eisen noch Feuer etwas anhaben können und sie auch waffenlos den Sieg erringen. Bei ihm liegen darum das Kriegsgeschick und das Todesschicksal. Er selbst nimmt am Kampfe nicht teil, aber mit seiner strahlenden Rüstung angetan reitet er auf dem achtfüßigen Roß Sleipnir, dem Raschdahingleitenden, über die Walstatt und zeichnet mit Gungnir, seinem wundermächtigen Speer, die Männer, denen er den Tod bestimmt hat. So ist Odin, auch Herr und König der Toten und vorallem der Einherier, die, von den Walküren entrückt, sich in Walhalla um ihn versammeln. An ihrer Spitze zieht er täglich zum Kampfe aus, und am Tage der Götterdämmerung wird er ihr Führer sein.“ (S. 185)

Cordy, Michael – Lucifer – Träger des Lichts

Eigentlich ist es ganz einfach: Man braucht nur das Headset mit dem Surround-Vision-Displayvisier und die dazugehörigen Kopfhörer aufsetzen, das Mikrophon und das Geruchspad in die richtige Position verschieben und man ist dabei: bei der virtuellen Echtzeit-Realität, im Optinet! Chatten mit Lesen und Schreiben? Veraltet! Nutzt einfach den hochentwickeltsten Computer, den es gibt: den Lucifer! Datenübertragung, -verarbeitung und -speicherung, Berechnungen der kompliziertesten mathematischen Gleichungen in Lichtgeschwindigkeit – mit Lucifer ist alles möglich.

Wovon ich hier eigentlich schreibe? Von der Nutzbarkeitmachung des Lichts, die in Michael Cordys neuem Wissenschafts-Thriller „Lucifer – Träger des Lichts“ bereits seit Jahren die Welt beherrscht. Möglich wurden damit technische Entwicklungen wie erwähntes Optinet. Oder der Neuro-Translator, ein Gerät, das menschliche Hirnströme speichert, verarbeitet und sogar verändern kann. Einsetzbar ist es zum Beispiel bei der Heilung von Phantomschmerzen, wo der Neuro-Translator die Schmerzsignale eindämmen oder vollkommen auflösen kann.
In diesem Zeitalter der höchsten technischen Stufe bleibt allerdings eine Frage nach wie vor unbeantwortet und somit auch weiterhin eine Glaubensangelegenheit: Was passiert nach dem Tod? Und auch da hat Lucifer seine Bytes im Spiel. Die Kirchen, wie wir sie kennen, sind so gut wie ausgelöscht. Nur die katholische Kirche kränkelt aufgrund ihrer ehemaligen Machtposition noch vor sich hin. Weltbeherrschend, übers Optinet spielend leicht zu erreichen, wacht die Kirche der Seelenwahrheit über ihre Schäfchen – dogmatisch, selbstgefällig und machtgierig, wie alle anderen Religionen zuvor auch. Doch der Rote Papst, das Oberhaupt, will noch mehr als eine millionenschwere Anhängerschaft – er will den Menschen ihre letzte Frage beantworten und damit wie Gott auf Erden wandeln.

Dr. Bradley Soames, der Bezwinger des Lichts und Erbauer von Lucifer, führt mit sterbenskranken Patienten Seelen-Experimente durch. Ihm ist es bereits gelungen, die Seele eines Menschen sichtbar zu machen, herauszufinden, dass jede Seele ihren eigenen „Code“ hat und es damit möglich wäre, hätte man diesen Code geknackt, sie im Jenseits anzurufen, also mit ihr zu kommunizieren. Das Problem besteht allerdings darin, dass er diesen Code nicht festhalten kann.
Als ihm auffällt, dass seine Mitarbeiterin Amber Grant immer zu dem Augenblick Phantom-Migräne bekommt, wenn ein Testpatient getötet wird, schickt er sie zu dem Neurologen Dr. Miles Fleming, dem Erfinder des Neuro-Translators.
Bereits in der ersten Nacht zeichnet das Gerät aufgrund einer Astralreise Ambers die Seelen-Welle auf.
Als Fleming seinem verunglückten Bruder mittels seiner Erfindung wieder zum Sprechen verhelfen will, geschieht das Unfassbare: Der Bruder stirbt und sechs Minuten nach seinem Tod spricht er durch den Neuro-Translator. Fleming, durch und durch Atheist, sucht Beweise für eine Fehlfunktion, entdeckt die Seelen-Welle und wird dabei von seiner Chefin Dr. Virginia Knight, der Leiterin der Klinik, gestört.
Knight, die eine fanatische Anhängerin des Roten Papstes ist und den Experimenten die Todespatienten zuführte, leitet die Entdeckung an Soames weiter, der daraufhin Amber als perfekte Testperson entführen lässt und ihre Seele zwingt, den Körper immer wieder zu verlassen, um die Frequenz festzustellen.
Fleming wird suspendiert und trifft bei seinen Nachforschungen auf Soames. Ohne ihn einzuweihen, bringt der Wissenschaftler Fleming dazu, für ihn einen leistungsstärkeren Neuro-Translator zu bauen, der schließlich zum Erfolg führt und damit den großen Tag des Roten Papstes möglich macht: Er, selbst im letzten Stadium seiner Krebs-Erkrankung, wird sich töten lassen, um aus dem Jenseits die Kunde zu verbreiten, dass seine Kirche die einzig Wahre ist und wer ihr folgt, wird erlöst werden und zu Gott in den Himmel kommen.
Doch was, wenn Gott nicht existiert?

Dann lesen wir einfach weiter Bücher über ihn und seine Engel. Und die lesen wir natürlich gerne, wenn sie auch noch so spannend sind wie „Lucifer – Träger des Lichts“. Dachte ich am Anfang, dies sei wieder mal einer dieser typischen Thriller über Satan und Sekten, kann ich jetzt sagen, dass zwar das Teufelchen seinen Hinkefuß nicht zu Hause lassen konnte, allerdings die Umsetzung einfach großartig ist, weil sie aus einem ganz anderem Blickwinkel stattfindet.

Stellt euch eine reichgedeckte Tafel mit lauter leckeren Sachen vor, und wenn ihr gerade von einem Gericht probiert habt, wird alles abgeräumt und mit genauso verführerischen Sachen neu gedeckt, wieder abgeräumt, bevor ihr alles probieren konntet. Dann kommen die ersten Gerichte erneut auf den Tisch und ihr könnt davon etwas mehr kosten, bevor alles wieder weg ist… Genauso füttert Cordy seine Leser an, die Kapitel sind durchgehend sehr kurz gehalten (4 – 5 Seiten), und enden immer an einer super spannenden Stelle, was das Weglegen so gut wie unmöglich macht.

Die technischen und physikalischen Details, die gerade im ersten Drittel des Buches zahlreich auftauchen, sind glücklicherweise optimal platziert und gut verständlich in die Story eingebaut. Wer sich gar nicht dafür interessiert und es überliest, hat trotzdem keinerlei Schwierigkeit, der Geschichte zu folgen. Gelungen!

Kleiner Schwachpunkt sind die Charaktere. Während Fleming und Grant einigermaßen nachvollziehbar strukturiert sind und somit eine Persönlichkeit rüberbringen können, bleiben diverse Charaktere, u.a. Knight und der Rote Papst selbst, blass und unausgefüllt und während der gesamten Lektüre fremd. Schade, müsste doch gerade der Rote Papst, dem eine ungeheure Anziehungskraft auf Menschen zugedichtet wird, beim Leser Faszination hervorrufen. Tut er leider nicht. Wer das allerdings zweihundertprozentig schafft, ist Soames. Auch er wirkt ständig zurückgesetzt und ohne Substanz, weckt jedoch gerade deswegen eine gewisse Neugierde und jedem ist sofort klar: mit dem stimmt etwas ganz und gar nicht. Bei ihm passt das Nicht-Greifen-Können seiner Figur wie die berühmte Faust aufs Auge.

Ein unzähliges „Daumen hoch“ geht an das Ende des Buches, das, wie ich glaube, nie und nimmer ein Leser vorhersehen kann. Mich hat es vollkommen überrumpelt, dachte ich doch ab der Hälfte des Romans, die Wahrheit längst erkannt zu haben – aber wie der Rote Papst bin auch ich auf die Nase gefallen. Ein Ausgang, der zum Philosophieren geradezu einlädt und das Attribut „genial“ – wie ich finde – absolut verdient.

Insgesamt also ein Buch, zu dessen Anschaffung ich nicht nur Thriller-Lesern rate, auch wenn mit zwölf Euro ein happiger Taschenbuchpreis verlangt wird. Allerdings ist diese Ausgabe gleichzeitig die Deutsche Erstausgabe und dafür wiederum preisgünstig.
Und ich werde mich mal auf die Socken begeben, um Cordys weitere Bücher „Das Nazareth-Gen“ und „Mutation“ in die Hände zu bekommen.

Fosar, Grazyna / Bludorf, Franz – Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen

Der Schlaf gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Jeder Mensch verschläft rund ein Drittel seines Lebens, dabei ist aber das Schlafbedürfnis jedes Menschen individuell höchst unterschiedlich und sowohl durch seine Lebensumstände als auch genetisch bestimmt. Auch das Alter spielt eine große Rolle, so schläft ein Säugling ca. 16 Stunden, ein Kleinkind noch etwa 12 Stunden, ein Erwachsener 7-9 Stunden, während alte Menschen im Durchschnitt nur noch 6 Stunden Schlaf brauchen.
Schlafstörungen drohen heutzutage zu einer Volkskrankheit zu werden. Viele finden keine Erholung im Schlaf oder fühlen sich trotz ausreichenden Schlafes tagsüber müde. Dabei gibt es im Grunde genommen nur vier Ursachen für schlechten Schlaf: bestimmte Krankheiten (Schichtarbeiter-Syndrom, Schnarchen, Depressionen, nächtliches Zähneknirschen oder Allergien), Umweltfaktoren (Wettereinflüsse, Elektrosmog), Ernährungsfehler und psychische Probleme (beruflicher Stress, Sorgen, Ängste, Unfähigkeit vom Tagesbetrieb abzuschalten).
Grazyna Fosar und Franz Bludorf nennen in „Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ einige erfolgversprechende Möglichkeiten, die Schlafqualität zu verbessern. So bilden die „10 Gebote gesunden Schlafes“ und die „Stressless-Übung“ eine gute Grundlage für besseren Schlaf. Auch eine Veränderung der Schlafzimmereinrichtung kann schon Abhilfe bei Schlafstörungen schaffen.
Außerdem diskutieren die beiden Autoren den Einfluss bestimmter Umweltfaktoren wie Elektrosmog, Wettereinflüsse, Schumann-Erdresonanzfrequenzen (elektromagnetische Frequenzen, die aufgrund der Wettervorgänge in unserer Atmosphäre entstehen), Mond und Sonne auf die Qualität des Schlafes.

Wenn man es dann geschafft hat und endlich wieder gut schlafen kann, oder noch nie Probleme mit dem Schlafen hatte, gibt das Buch Einblicke in die Welt der Träume. „Spektrum der Nacht“ bietet dabei keine Deutung von Träumen nach Art herkömmlicher Traumbücher, sondern eine Anleitung, die Bedeutung seiner Träume selbst herauszufinden und zu verändern.
Ein Mensch träumt jede Nacht mehrmals, kann sich aber nicht immer daran erinnern, meist bleibt nur der letzte Traum kurz vor dem Aufwachen schwach in Erinnerung. Man kann jedoch seine Traumfähigkeiten trainieren, seine Traumerinnerung verbessern und unter Umständen erlernen, seine Träume bewusst zu erleben oder sie sogar verändern, das sogenannte Klarträumen. Klarträume erlauben es, neue Verhaltensmuster oder Bewegungsabläufe beim Sport zu trainieren oder bewusst im Traum auf Reisen zu gehen, z.B. nach New York. „Ein Klartraum ist ein Traum, in dem der Mensch weiß, daß er träumt, und sich zusätzlich der Tatsache bewußt ist, daß er in die Traumhandlung steuernd eingreifen kann.“

„Spektrum der Nacht: Gut schlafen – klar träumen“ ist ein gut zu lesendes Selbsthilfebuch für alle von Schlaflosigkeit oder Albträumen geplagten Menschen. Faszinierend ist jedoch vor allem die detallierte Anleitung zum Klarträumen. Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, seine Träume steuern zu können? Schritt für Schritt lernt man mit „Spektrum der Nacht“ seine Träume bewusst zu erleben und dann gezielt zu verändern. Von großer Hilfe dabei ist die dem Buch beigefügte „Dreamcard“, ein kleines Kärtchen im Scheckkartenformat, bedruckt mit den Worten: „Wach‘ ich oder träum‘ ich?“ Richtig angewendet, dient sie dazu, die Realität zu überprüfen und schnell festzustellen, ob man träumt.
Aber auch wenn man keine Schlafprobleme hat oder nichts an seinen Träumen verändern will, ist „Spektrum der Nacht“ ein wertvolles Nachschlagewerk zum Thema Schlafen und Träumen.

Grazyna Fosar und Franz Bludorf sind Physiker und Mathematiker sowie ausgebildete Heilpraktiker und Hypnosetherapeuten. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit sind Neue Physik, Geomantie und Bewußtseinsforschung. Sie sind Autoren mehrerer Bücher zu grenzwissenschaftlichen Themen. Starke internationale Beachtung fanden ihre Bücher „Vernetzte Intelligenz“ (siehe Rezension in unserer Bücherecke), „Das Erbe von Avalon“ und „Zaubergesang“. Weitere Titel u. a.: „Der kosmische Mensch“, „Reif für die Zukunft“, „Dialog mit dem Unsichtbaren“.

Homepage der Autoren: http://www.fosar-bludorf.com

Anton Szandor LaVey – Die Satanische Bibel & Rituale

Wenn heute der Reizbegriff „Satanismus“ angeführt wird, so schwingt stets die Reminiszenz an den „schwarzen Papst“ mit dem Wahlnamen Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) mit, der wie kein anderer zuvor die satanische Strömung in die Moderne und in das trübe Licht der Öffentlichkeit trug. Die Grundprinzipien und Wesenszüge dieser Ausrichtung lassen sich in nahezu allen Kulturen bis in die Anfänge zurück verfolgen und aufzeigen, und speziell im europäischen Raum erwuchs gerade um 1900 der „linkshändige Pfad“ (ein tantrischer Begriff) – der allerdings nicht schlicht mit dem Schlagwort „Satanismus“ gleichzusetzen ist, aber eine breite Basis damit teilt – aus vielerlei Orden und Gruppierungen zu einem gesellschaftlich merklichen Kraftstrom, verbunden mit Namen wie Hellfire Club, Golden Dawn, Ordo Templi Orientis, Fraternitas Saturni und all den Vermischungen und Splittergruppen, aber auch mit konkreten Namen wie natürlich Aleister Crowley, wenngleich dieser weder einen reinen Satanismus praktizierte noch speziell oder gar ausschließlich die Grundidee an sich voran tragen wollte.

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King, Stephen – Mädchen, Das

Muss man noch etwas über Stephen King sagen? Vermutlich nicht, nur dass der erfolgreichste Horrorschriftsteller sich in den letzten Jahren bemüht hat, nicht mehr nur Genre-Horror zu schreiben, sondern sein Spektrum Richtung klassischer englischer Erzählliteratur auszudehnen. Zu diesen – nicht immer einhellig begrüßten – Ausflügen gehören „Dolores“, „Der Buick“ und eben auch „Das Mädchen“. Schrecken und Grauen (keineswegs das Gleiche) haben viele Gesichter. Für King haben Monster ausgedient.

„Die Welt hat Zähne. Und mit denen beißt sie zu, wann immer sie will.“ Diese elementare und niederschmetternde Erfahrung muss in diesem Hörbuch ein Mädchen machen, das nur neun Jahre alt ist (und groß für sein Alter): Patricia McFarland. Kaum ist sie vom Weg abgewichen, zeigt sich eben jene Welt in den Wäldern auf gnadenlose Weise. Aber Trisha hält durch, gerade mal so. Dieses fabelhaft produzierte Hörbuch bietet die ungekürzte, musikalisch und akustisch untermalte Lesung zweier Spitzenkräfte der Sprecherszene: Joachim Kerzel und Franziska Pigulla.

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.
Joachim Kerzel ist die deutsche Stimme von Dustin Hoffman, Jack Nicholson und fast allen Stephen-King-Hörbüchern.

Zur Handlung: Die neunjährige Patricia McFarland geht auf einer Wanderung durch die westlichen Wälder und Vorberge Maines verloren. Eigentlich wollte sie ihrer Mutter und ihrem Bruder Pete, die sich vor lauter Streit nicht mehr an Trishas Existenz zu erinnern schienen, nur eins auswischen: Schaut, ich bin weg – macht euch in die Hosen vor Angst um mich! Es ist wie ein kleiner Selbstmord, mit einem Hilferuf als Botschaft. Doch aus dem kleinen Abstecher wird bitterer Ernst, als sich Trisha immer weiter im undurchdringlichen Urwald des westlichen Maine verliert, aus dem kein Weg herauszuführen scheint. Bis zu ihrer Rettung zehn Tage später verliert sie mehr als zehn ihrer mageren 44 Kilo! Mutterseelenallein kämpft sie sich durch eklige Sümpfe und Schwärme von Stechmücken. Und ein wildes Tier schleicht wie ein Gespenst um sie herum. Schließlich hat sie vor lauter Auszehrung und Krankheit Visionen, so etwa vom Gott der Verirrten, der aus Wespen zu bestehen scheint.

Einzig und allein ihr Walkman-Radio bewahrt sie vor dem Untergang. Sie hört die Reportagen von Baseballspielen in Boston, Massachusetts. Zu den Red Sox gehört ihr verehrter Lieblingsspieler Tom „Flash“ Gordon. Sie trägt eine von ihm signierte Baseballkappe und sein Trikot mit der Spielernummer 36 drauf. Sie muss immerzu an ihn denken und die Art, wie er nach einer erfolgreichen Aktion den Zeigefinger gen Himmel reckt. Auf wen oder was zeigt er da bloß? Auf Gott? Nach mehr als einer Woche, völlig entkräftet, beginnt Tom Gordon sie zu begleiten. Er erklärt ihr, wann ihre letzte Chance, dieses Todesspiel für sich zu entscheiden, gekommen ist: „Gott erscheint immer erst in der zweiten Hälfte des neunten [= letzten] Durchgangs“, also kurz vor Schluss. Und so kommt es, dass sich Trisha in einer schier übermenschlichen Anstrengung das Leben bewahren kann. Denn ihr Widersacher, den sie den „Gott der Verirrten“ nennt, stellt sich ihr in letzter Sekunde in den Weg. Aber Tom Gordon hat sie einen Trick gelehrt, mit dem sie sich zu wehren weiß.

Das Leben als tödliches Baseball-Match? Für die junge, tapfere Trisha schon. Und wie viele kleine Kinder reißen von zu Hause aus, weil ihre Eltern geschieden sind und sie die Trennung unerträglich finden, nur um dann in der Drogenszene oder Prostitution zu enden? Das Leben hat Zähne, und es beißt zu, wenn man es am wenigsten erwartet – diese Lektion bekommt Trisha am eigenen Leib zu spüren. Hier nimmt sich Stephen King ohne allzu viel Spezialeffekte des Schicksals der Opfer von gescheiterten Beziehungen an. Die Kinder sind zudem die schwächsten Opfer. Geliebte Idole wie Tom Gordon helfen offenbar nach Kings Meinung, einiges zu überstehen. Tom erzählt Trisha nicht nur vom Leben, sondern auch von Gott. Der hilft dir nur, wenn du bereit bist, dich nicht selbst aufzugeben. Und das schafft das kleine Mädchen – mit knapper Not. Der Glaube an Tom Gordons Gott steht ihrer Neigung entgegen, sich der Lockung des Gottes der Verirrten zu ergeben: der Verzweiflung durch das Aufgeben der letzten Hoffnung. So findet in ihr der ewige Kampf um das Festhalten an einem Sinn für das eigene Leben statt, den jeder, der in Not ist, ausfechten muss.

Es ist der erste, bislang ungenannte Gott, von dem sie als erstes abfällt, weil er sie nicht unterstützt. Es ist der Gott ihres Vaters. Larry Mcfarland, ein Alkoholiker vor dem Herrn, faselte Trish gegenüber etwas von dem „unterschwellig Wahrnehmbar“ vor. Im Original verwendete er wohl das Wort „subliminal“, korrekterweise. Aber im allgemeinen wird der christlich-jüdische Gott (Jahwe) als „das Sublime“ bezeichnet: das Erhabene, das zugleich Schrecken und Schönheit birgt (seit dem 17. Jahrhundert). Aber das „unterschwellig Wahrnehmbare“ ist nichts, auf das man wie Tom Gordon zeigen und sagen könnte: „Seht her – ich hab’s Gott gezeigt.“ Und einen solchen Gott braucht Trisha unbedingt. Denn sonst unterliegt sie, wie sich zeigt, den Schrecken und der Verzweiflung und der Selbstaufgabe, die ihr der Wespengott, der Gott der Verirrten, der „Herr der Fliegen“, anbietet.

In ihrer „rite of passage“ durchläuft Trisha die verschiedenen Stadien der Verzweiflung. Geprüft bis zum innersten Kern, muss sie sämtliche Werte, die ihr die Welt mitgegeben hat, auf den Prüfstand stellen und sich nach dem Ergebnis richten. Die Erkenntnis von Welt und Gott verwandeln sie völlig, und die Eltern, die an ihrem Krankenhausbett wachen, erkennen die neue Trisha kaum wieder – bis auf ihren Vater, dem sie eine Botschaft übermittelt, die nur ein Baseballfan versteht.

Trisha ist mit Sicherheit die glaubwürdigste weibliche Figur, die King je geschaffen hat, obgleich es sich zunehmend um eine metaphysisch stattfindende Reise handelt, die King erzählt. Seine Prosa war selten so angemessen und wirkungsvoll, auch wenn ab und zu auktoriale Absätze mit Erklärungen eingeschoben sind. Er scheut sich nicht, die peinlichsten Situationen zu schildern und bricht (nur amerikanische?) Tabus, wenn er ein kleines weißes Mädchen Wörter wie „Scheiße“, „Zum Teufel“ und sogar „Fuck you!“ sagen lässt. (Okay, diese Sachen hat sie eigentlich von ihrer Freundin Pepsi Robichaux.) Und er lässt sie sogar in ihre eigene Kacke fallen, wovon sie natürlich nie ein Sterbenswörtchen verraten würde. Die deutsche Übersetzung von Wulf Bergner nimmt ebenso kein Blatt vor den Mund. So geht nichts von der sprachlichen Wucht des Textes verloren, der sich kein Leser entziehen kann.

Die beiden Sprecher wechseln sich ab. Das Buch ist ja in „Durchgänge“ eingeteilt, also Innings wie bei einem zünftigen Baseballmatch. Jeder spricht ein oder zwei solcher Durchgänge. Man kann dadurch sehr gut ihre individuelle Vortragsweise vergleichen. Kerzels Stimme ist natürlich bassbetont, verfügt aber auch über die Fähigkeit, sich in erstaunliche Höhen emporzuschrauben, um Trishas Kinderstimme wiederzugeben. Man könnte nicht sagen, dass er bestimmte Passagen besser oder schlechter liest als seine Kollegin, aber er trägt den Text definitiv schneller vor. Ich hatte den Eindruck, dass er Reisepassagen bevorzugt, während Pigulla überlegende Passagen vorzieht, die Trishas ‚inner space‘ widerspiegeln. Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Sie wispert, kreischt, jauchzt und brüllt – Letzteres in jenes virtuelle Mikro, das die Basellballmatches in Trishas Walkman überträgt. Der Mikro-Effekt wird sehr wirkungsvoll eingesetzt. Meist sind es die bekannten Sportkommentatoren, die Trisha im Radio hört und die sie alle bewertet. Der Mikro-Effekt erlaubt es der Sprecherin, größte Lautstärke einzusetzen. Am besten hat mir gefallen, wenn sie Trisha „Yeah, baby!“ rufen ließ. Die Musik wechselt je nach Anlass und Stimmung – von Hardrock für Action bis hin zu heiterer, trauriger oder angespannter Instrumentierung. Zu den eingesetzten Geräuschen gehören Donnerschläge, aber auch das Zirpen von Grillen oder Heuschrecken – und natürlich Wespen…

Nach dem Epilog folgt noch ein Nachwort des Autors. Das wird von Ulrich Pleitgen gesprochen, was nirgends auf der CD vermerkt ist. King bedankt sich bei den Experten, ist aber selbst ein Fachmann für Baseball. Sein eigener Sohn Owen spielt(e) in der Little League mit – er könnte das Vorbild für Trisha gewesen sein.

Aufgrund der zahlreichen Effekte und der Musikuntermalung rückt dieses Hörbuch schon in die Nähe einer dramatischen Inszenierung, wie sie ein Hörspiel darstellt, nur dass im Hör- oder Radiospiel die Rollen von verschiedenen Sprechern vorgetragen werden. Aber auch so ist „Das Mädchen“ eine höchst dramatische Angelegenheit. Dass es Leser gibt, die diese Erzählung für das langweiligste Buch halten, das sie je von Stephen King gelesen haben, erscheint angesichts der Dramatik, die die Geschichte entwickelt, beinahe unglaublich. Wie auch immer: „Das Mädchen“ kann es an Grauen und Schrecken beinahe mit dem ebenso fabelhaft und effektreich inszenierten Hörbuch „Der Exorzist“ aufnehmen, das Kerzel alleine spricht. Wen diese Aussage verwundert, sei auf das Anhören des entsprechenden Hörbuchs verwiesen. Wer bei einer King-Story auf Berge von Leichen und das eine oder andere UFO oder Alien wartet, dürfte natürlich bitter enttäuscht werden. Das einzige Alien, das hier auftaucht, ist der Wespengott – und der befindet sich zu 99 Prozent in Trishas Einbildungskraft. Die Aliens, die sind wir selber. Was brauchen wir noch UFOs dafür?

Dieses Hörbuch ist ziemlich teuer: knapp 45 Euro. Dafür bekommt man schon eine Reihe von DVDs unter 10 Euro. Da aber dieses Buch aus dramaturgischen und ästhetischen Gründen bis auf weiteres nicht verfilmt werden dürfte, stellen Buch und Hörbuch die einzigen Medien dar, in denen man es genießen kann. In der jetzigen Form ist das Hörbuch jeden Cent wert, den man dafür ausgeben muss. In einer Zeit, in der sogar die meisten TV-Filme nur gekürzt gezeigt werden, bietet es zur Abwechslung mal ungekürztes Vergnügen an.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)