Buchwurminfos III/2005

Die Auseinandersetzungen zur _Rechtschreibreform_ nehmen kein Ende. Derzeit werden erneut die neuen Regeln überarbeitet und vereinheitlicht, wobei der tatsächliche Schreibgebrauch berücksichtigt wird. Viel Zeit bis zum 1. August, wenn das Regelwerk verbindlich für die Schulen in Kraft treten wird, bleibt aber nicht mehr. Ob es gelingt, den erbitterten Kampf um die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung zu beenden, ist noch offen. Klar ist schon jetzt, dass auf jeden Fall aus den bisherigen Modifikationen ohnehin wieder Änderungen bei den vorliegenden Titeln der Schulbuchverlage erforderlich sein werden. Unter den Schulbuchverlegern gehört Verleger Michael Klett allerdings auch weiterhin zu den Gegnern der ganzen Reform, die er für unsinnig hält. „Mich ärgert auch der Eingriff in die Sprache mit politischer Macht. Als Unternehmer bin ich geschädigt durch die dauernden Änderungen, die wirtschaftlich unnötig sind“.

Der Börsenverein beschäftigt sich plötzlich auch mit der _Türkei und der Debatte um deren EU-Beitritt_. Nur vier Prozent lesen dort laut Statistik gelegentlich ein Buch. Das Lesen wird vom türkischen Staat nicht gefördert. Erschwerend kommt auch hinzu, dass ein funktionierender Buchhandel samt Vertrieb nur in Großstädten wie Istanbul, Ankara, Izmir, Bursa und Antalya vorhanden ist. Die Verlage stehen wirtschaftlich entsprechend auf schlechten Beinen, da sie auch von staatlicher Seite keine Unterstützung erhalten. Der türkische Staat ist selber Verleger und produziert über Ministerien und Institute sehr viele Bücher und ist der größte Konkurrent der privaten Verlage. Der türkische Verlegerverband hat gerade mal 230 Mitglieder und ist nicht professionell organisiert. Interessant ist auch, dass trotz der engen Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei keine deutschen Schriftsteller in der Türkei bekannt sind. Das gilt umgekehrt aber genauso für die türkischen Autoren in Deutschland. Dass sich das ein wenig ändert, versucht der schweizerische Unions-Verlag zu erreichen, der im Herbst mit einer zwanzigbändigen „Türkischen Bibliothek“ startet. http://www.unionsverlag.com/info/tbdefault.asp

Paulo Coelhos im April erschienene Novelle [„Der Zahir“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3257064640/powermetalde-21 (auf deutsch bei |Diogenes|) ist _im Iran verboten_ worden.

Die „_SZ-Cinemathek_“-Reihe mit DVDs ist gut gestartet. 20.000 Kunden der „SZ“ hatten in den ersten vier Wochen bereits die ganze Edition beim _Süddeutschen Verlag_ komplett abonniert. 60.000 Stück der jeweiligen Filme wurden an den Handel geliefert. Der empfohlene Preis von 9,90 Euro wurde dort aber schnell unterschritten. In Worms zuerst bei „Drogerie Markt Müller“ mit 7,90 Euro, worauf einige Wochen später andere Händler wie „Weltbild“ – die zuerst den empfohlenen Preis einhielten – schnell nachzogen und ebenfalls reduzierten. Es war auch ein Versuch, DVDs im Buchhandel zu etablieren, aber Buchhandlungen können diese Preiswettbewerbe der Mediamärkte einfach nicht mithalten. Nach den erfolgreichen Starts der Buch-, Klassik- und Spielfilm-Editionen wird der der Süddeutsche Verlag nun bald auch schon die Pop-Edition mit Songs herausgeben. Diese Zusatzgeschäfte – bis 2007 sind 25 Projekte geplant – haben dem Medienkonzern 2004 einen Umsatz von 26 Millionen Euro erbracht. Allein die „SZ-Bibliothek“ wurde achtzigtausendmal abonniert und insgesamt sind mehr als zehn Millionen Bücher abgesetzt worden. Die Verkäufe der CD-Editionen zur klassischen Musik werden auf 75.000 beziffert und die Zahl der verkauften DVDs ist nach wenigen Wochen bereits auf über 600.000 Exemplare gestiegen.

Und im Sommer starten nun auch Comic-Sammel-Editionen. „_Bild_“ präsentiert in Zusammenarbeit mit „_Weltbild_“ eine zwölfbändige Reihe mit Klassikern des Genres. Die „_Frankfurter Allgemeine Zeitung_“ wird eine Reihe „Meilensteine der Comic-Literatur“ in Kooperation mit der Stuttgarter _Panini-Gruppe_ herausgeben. Und bei der „_Berliner Zeitung_“ ist auch eine neunteilige Comic-Edition geplant.

_ALDI_ hat bereits mehrfach Hörbücher verkauft, aufwendige Hörspiele in diesem Preis-Leistungs-Verhältnis hat es jedoch noch nie gegeben. Die _Hörbuch-Edition_, die ALDI zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) herausbringt, umfasst acht Titel.

Das Magazin „_Focus_“, das sich auf den Frankfurter und Leipziger Buchmessen für Hörbücher in den letzten Jahren sehr stark eingesetzt hat, wird im Oktober ins Download-Geschäft einsteigen. Bislang gibt es zwei weiter Audiobook-Portale: http://www.audible.de und http://www.soforthoeren.de

In den Buchwurm-Info I/2005 berichtete ich über die „_Andere Bibliothek_“: |Eines der niveauvollsten Buchprojekte „_Die Andere Bibliothek_“ war vor einigen Jahren an den Eichborn-Verlag gegangen und wurde dort von _Hans Magnus Enzensberger_ verlegt. Dessen Vertrag geht noch bis 2007, aber er möchte nun vorzeitig beenden. Damit wird auch unwahrscheinlich, dass die Reihe überhaupt ihre Fortsetzung über das Jahr 2006 hinaus finden wird. _Franz Greno_, zuständig für die ästhetische Gestaltung dieser Reihe, geht von ihrem Ende aus, signalisiert allerdings auch, dass es in neuen Konstellationen zu einer Fortführung kommen wird.|
Nun steht die Fortführung fest. Enzensberger wird Herausgeber der „_Frankfurter Allgemeinen Bücherei_“, einer Buchreihe der _FAZ_. Die Ausstattung besorgt Franz Greno. Start ist im Herbst mit monatlich einem Band. Die Titel der Bibliothek sind bereits für die nächsten 48 Monate im Voraus geplant. |Eichborn| reagiert noch gelassen auf diese Ankündigung, denn bis September 2006 gehen noch deren Verträge mit entsprechenden Autoren. Über eine vorzeitige Beendigung wurde mit Enzensberger noch keine Einigung erzielt. Das FAZ-Projekt wird Eichborn sehr genau im Sinne des Wettbewerbsrechts prüfen und wenn die Reihe Ähnlichkeiten mit der „Anderen Bibliothek“ aufweisen sollte, auch entsprechend rechtlich vorgehen.

Nach dem geglückten Start mit der „Brigitte“-Hörbuch-Edition steigt die Frauenzeitschrift mit der _Brigitte-Edition_ nun auch ins Buchgeschäft ein. Ende August erscheint eine zunächst auf 26 Titel beschränkte vierzehntägige Reihe. Die Titel wurden von Elke Heidenreich ausgewählt. Bewusst wird man sich aber von den Niedrigpreis-Bibliotheken abheben: Die Bücher, die mit Halbleinen-Einband und Lesebändchen ausgestattet sind, kosten zehn Euro pro Band. Zurückhaltend ist man auch bei der Startauflage mit 50.000 Exemplaren. Vertriebspartner im Buchhandel ist der |Hanser|-Verlag.

_Random House Deutschland_ hat wie erwartet ein sattes Plus im Umsatz. 2004 wurde dieser im Vergleich zum Vorjahr um rund 57 Millionen Euro gesteigert. Das Plus ergibt sich durch die Anfang 2004 getätigten Verlagszukäufe von _Heyne_ und _Südwest_. Angaben zum Gewinn werden aber nicht gemacht. Der Umsatz von insgesamt 195,8 Millionen Euro betrifft nur die Bundesrepublik. Im Hardcover liegt das Plus bei sieben Prozent, im Jugendbuch bei mehr als 30 Prozent und vor allem im Hörbuch wurden mehr als 50 Prozent erwirtschaftet. Der Umsatz bei den Taschenbuchverlagen allerdings stagniert, was Random House unter anderem auf die Billig-Hardcover zurückführt. Im Herbst startet allerdings ein weiterer neuer Verlag: _Page & Turner_, der klassische Unterhaltungsliteratur in bibliophiler Ausstattung präsentieren wird. Neben den Publikumsverlagen wie Goldmann, die eine große thematische Bandbreite haben, wird Page & Turner mit einem geschlosseneren Programm aufwarten.

Nach dem Tod von Karl Blessing führt nun _Ulrich Genzler_ den _Blessing Verlag_ weiter. Genzler ist bereits Leiter des Heyne-Verlages. Seine Laufbahn begann der 49-Jährige bei der Verlagsgruppe Bertelsmann. 1997 wechselte er dann zu Heyne. Mit dem Erwerb des Verlages durch die Bertelsmann-Buchtochter Random House kehrte er 2003 gewissermaßen zu den Anfängen zurück. Die kraftvolle Tradition amerikanisch-angelsächsischer Erzähler wird ebenso wie die etablierten Programmlinien mit Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt und Journalisten wie Frank Schirrmacher als Autoren auch künftig bei Blessing beibehalten.

Einige Zeit war der _Pendo-Verlag_ aus der Schweiz stillgelegt. Nun hat der frühere Chef von Ullstein-Heyne-List, Christian Strasser, die Verlagsleitung übernommen. Ullstein-Heyne-List hätte komplett an Random House gehen sollen, aber das Bundeskartellamt ließ dies nicht zu. So war dann ein Teil an Bonnier gegangen. Das Angebot auf Rückverkauf von Christian Strasser und anderen ehemaligen Mitarbeitern von Ullstein-Heyne-List hatte Random House ausgeschlagen. Pendo war zuletzt eine Tochter des Eichborn-Verlages und wurde Ende Mai 2004 geschlossen. Zum 1. Oktober startet der Verlag jetzt wieder neu mit literarischem Programm, Sachbuch und Lebenswissen. Eichborn kümmert sich allerdings weiterhin um die Herstellung und die Rechte und Lizenzen.

Der Frankfurter _Campus-Verlag_ begeht 30-jähriges Jubiläum. Die Themen des Verlages haben in den letzten Jahren eine Wandlung erhalten. Mittlerweile werden mehr als 50 Prozent des Umsatzes durch Lebenshilfe-Ratgeber erwirtschaftet. Auch die Hörbücher sind bei Campus im Aufwind. Das traditionelle Programm dagegen ist in der Wissenschaft bei Geschichte und Soziologie ähnlich dem von Suhrkamp oder C.H. Beck. Mit den Wirtschafts- und Bewerbungsbüchern rangiert man auf Platz zwei hinter Gabler.

Der sechste _Harry Potter_-Band bei Carlsen erscheint am 1. Oktober zum Ladenpreis von 22,50 Euro. Die Startauflage beträgt zwei Millionen Exemplare. Die Buchhandlungen erhalten kein Remissionsrecht. Von den bisherigen fünf deutschen Potter-Bänden wurden bislang 21 Millionen Exemplare verkauft. Weltweit beläuft sich die Zahl der verkauften Potter-Bände auf ca. 260 Millionen Exemplare in 61 Sprachen.

Der Verlag _Fantasy Productions_ startete mit dem Titel „Vor Adam“ von Jack London die Taschenbuchreihe „_Paläo Fiction_“, Geschichten aus der Vorzeit. Unterstützt wird die Reihe vom Neanderthal-Museum in Mettmann.

Der verstorbene _Papst Paul II._ begeisterte sich für Literatur und schrieb selber Lyrik, Dramen und Texte. Von ihm selber sind 62 Werke derzeit allein in deutscher Sprache lieferbar. Dazu kommen mehr als 100 Buchtitel, die sich mit seiner Person befassen. Nach seinem Tod im April aktualisierten die Verlage natürlich ihre Biografien und Bildbände. Mit dem gewaltigen Ansturm der Kunden hatten sie allerdings nicht im stattgefundenen Ausmaß gerechnet. Natürlich folgten dann auch schnell die Titel vom und über den neu gewählten Papst _Johannes Ratzinger_, von dem vor seiner Wahl bereits 29 geschriebene Bücher vorlagen und zählt man seine Ko-Autor-Titel hinzu, kommt man sogar auf 57 Titel. In vielen Buchhandlungen waren diese sofort ausverkauft; zwar lässt der Ansturm natürlich bald wieder nach, aber wenn der Papst im Sommer nach Köln kommen wird, erwartet der Handel die nächste Nachfrage-Welle. Ratzinger hat ein regelrechtes „Chart-Wunder“ vollbracht. Mit gleich vier Titeln war er in die Verkaufshitlisten eingedrungen, mit seiner „Einführung ins Christentum“ auf Anhieb auf Platz 1 der Sachbuch-Charts und bescherte damit dem Kösel-Verlag zum ersten Mal einen Nummer-1-Titel. Ratzinger ist der erste Autor, dem es gelang, aus dem Stand heraus mit vier Positionen die Bestseller-Listen erobern zu können. Was man von dem nun neu stattfindenden Dialog mit Religionen erwarten darf, zeigt beispielsweise eine meiner früheren Rezensionen zu [„Glaube, Wahrheit, Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=165 eines jener Bücher, die jetzt auch in den Bestseller-Listen stehen.

Im April verstarb _Marie Louise Fischer_ im Alter von 82 Jahren. Die Autorin hat mehr als 150 Liebesromane und 75 Kinderbücher verfasst, die in bis zu 23 Sprachen übersetzt wurden, und erreichte mit ihrer Trivialliteratur damit ein Millionenpublikum. Allein in Deutschland verzeichnete sie eine Gesamtauflage von mehr als 70 Millionen Büchern.

Am 22. April ist im Alter von 98 Jahren _Erika Fuchs_ gestorben. Sie war die erste Chefredakteurin des „Micky Maus“-Magazins, langjährige Barks-Übersetzerin und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Am 17. März ist der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1982 _George F. Kennan_ im Alter von 101 Jahren gestorben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der einflussreiche US-Diplomat einer der Initiatoren des so genannten Marshall-Plans zum Wiederaufbau Europas. Als Gegner der atomaren Aufrüstung quittierte er später den diplomatischen Dienst, wirkte als Wissenschaftler und Publizist. Seine Einsicht, dass der Massenexport von Waffen in andere Länder, insbesondere in die Dritte Welt, Frieden verhindert, ist aktueller denn je. Auch in den vergangenen Jahren hat sich Kennan immer zu Wort gemeldet und vehement gegen Massenvernichtungswaffen ausgesprochen.

Am 7. April ist _Heinrich Hugendubel_, der sicherlich bedeutendste deutsche Buchhändler, im Alter von 68 Jahren verstorben. Er führte das 112-jährige Buchhandels-Imperium bereits in vierter Generation. Gegenwärtig zählt das Unternehmen 32 Filialen an 16 Standorten, ist mit 50 Prozent an Weltbildplus beteiligt, hält 40 Prozent Beteiligung an Orell Füssli in der Schweiz und ebenso je 50 Prozent an den Verlagen Ariston, Diederichs, Irisiana und Kailash. Nach seinem Tode bleibt das Unternehmen in fünfter Generation bei der Hugendubel-Familie.

Die Deutsche Bibliothek soll umbenannt werden in _Deutsche Nationalbibliothek_. Das sieht ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vor, den das Bundeskabinett am 11. Mai unter Federführung von Kulturstaatsministerin _Christina Weiss_ beschlossen hat. Das „Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek“ kann in seiner Neufassung erst in Kraft treten, wenn nach den parlamentarischen Beratungen auch der Bundestag zustimmt.

Zwar hatte der für nächstes Jahr gekündigte Frankfurter Buchmessendirektor _Volker Neumann_ bereits den künftigen Direktor _Jürgen Boos_ an seiner Seite, aber die Messe 2005 sollte noch die Messe von Neumann sein. Dennoch hat er nach all den nicht endenden Querelen nun sein Amt vorzeitig zum 30. April niedergelegt. Mit der neuen Leitung soll die Messe ab 2006 noch internationaler als bisher werden. Man ging nun ein Joint-Venture mit dem Südafrikanischen Verlegerverband für eine _Buchmesse in Kapstadt_ ein. Bislang galt die internationale Buchmesse in Harare (Simbabwe) als potenzielle Leitmesse für die schwarzafrikanischen Länder. Die neue Messe ist besonders für die englischsprachige Welt interessant, ebenso aber auch für die indischen Verleger – ein großer Teil der Bevölkerung Südafrikas ist indischer Herkunft. Neben der Fachmesse wird es ein großes Lesefestival geben. Betreffs der Leseförderung werden Schulen und Universitäten einbezogen und es wird große Events fürs Publikum geben. Die südafrikanische Regierung unterstützt die Messe, um das Lesen zu popularisieren und die Alphabetisierung voranzutreiben. Schriftsteller aus der ganzen Welt sollen nach Südafrika kommen. Die Frankfurter Messe war bereits Pate bei der Gründung der _Buchmesse in Budapest_ und insgesamt in den 90er Jahren im osteuropäischen Raum stark engagiert. Das waren allerdings alles Starthilfen. Für die wirtschaftliche Beteiligung der Frankfurter Buchmesse ist nun Kapstadt das erste Beispiel. Gleichzeitig wird versucht, von dieser Plattform aus ein noch stärkeres Engagement afrikanischer Verleger in Frankfurt zu gewinnen und Autoren von internationalem Rang aus Südafrika noch stärker an Frankfurt zu binden. Südafrika gilt auch als geplantes Gastland für die Frankfurter Buchmesse. Weitere solcher Joint-Ventures sind in Planung, denn man will das Knowhow nun auch international vermarkten.

Die Einladung des diesjährigen Gastlandes _Korea_ bleibt weiterhin ernüchternd. Nach all den schon geschilderten Vorfällen hat nun Nordkorea endgültig seine Teilnahme abgesagt und damit ist auch der große politische Versuch, kultur- und friedenspolitisch für dieses geteilte Land Akzente zu setzen, vollkommen gescheitert. Ungeachtet der Absage versucht die Messeleitung zusammen mit Südkorea Nordkorea zu bewegen, diese Absage wieder zurückzunehmen. Neben diesem Gastland-Gerangel wird die begonnene Kooperation mit der Filmindustrie fortgeführt und ausgebaut, wobei sich vor allem auf die Zusammenarbeit mit der „Berlinale“ gestützt wird. Und dies soll in den nächsten Jahren noch internationaler werden. Weiteres Beispiel solcher Kooperationen ist die Zusammenarbeit mit der Nürnberger Spielwarenmesse.

Neu im Netz sind nun drei Landesverbände des Börsenvereins: http://www.boersenverein-hessen.de, http://www.boersenverein-rheinland-pfalz.de und http://www.boersenverein-saarland.de.
|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net. |

Jungstedt, Mari – Den du nicht siehst

_Sommer in Gotland_

Helena Hillerström und ihr Lebensgefährte Per Bergdal machen Kurzurlaub in ihrem Ferienhaus auf Gotland und feiern mit Freunden eine kleine Party, zu der auch Helenas guter Freund Kristian Nordström eingeladen ist. Als sie ausgelassen mit Kristian zu tanzen beginnt, entreißt Per seine Freundin aus Kristians Armen und zerrt sie auf die Veranda. Dort schlägt er sie und beendet damit die zunächst so heitere Party. Als Helena am nächsten Morgen vor Per erwacht, geht sie mit ihrem Labradorhund Spencer am Strand spazieren. Im Nebel sieht sie nicht, wie sich ihr Mörder langsam nähert … Kurz darauf findet ein Spaziergänger ihre Leiche im Wald.

Nun beginnen für Anders Knutas und seine Kollegen von der Gotländer Polizei die Ermittlungsarbeiten. Zunächst wird Per Bergdal als Tatverdächtiger festgenommen, auch wenn Knutas an dessen Unschuld glaubt. Doch als die zweite Frauenleiche entdeckt wird, während Bergdal in Untersuchungshaft sitzt, muss von einem Serientäter ausgegangen werden, der sich noch in Freiheit aufhält.

Der Journalist Johann Berg ist zusammen mit seinem Kameramann Peter Bylund nach Gotland gereist, um vor Ort über die Morde zu berichten. Dabei lernt er Emma Winarve kennen, eine gute Freundin Helenas, die noch unter dem Verlust ihrer Freundin leidet. Während Johann sich Hals über Kopf in Emma verliebt, beginnt es in deren Ehe zu kriseln.

Als die dritte Frau brutal ermordet wird, gerät Knutas immer mehr unter Druck, die Touristensaison auf der malerischen Ferieninsel steht bevor, doch wächst die Angst unter der Bevölkerung, sodass die Urlauber auszubleiben drohen …

_Eine Schnitzeljagd_

Mit „Den du nicht siehst“ hat Mari Jungstedt einen spannenden und temporeichen Debütroman vorgelegt, der auf vielversprechende Fortsetzungen hoffen lässt. Ähnlich wie ihr schwedischer Kriminalautorkollege Henning Mankell verschwendet auch Jungstedt anfangs keine Zeit, kurz stellt sie das erste Opfer vor, um dann auch sogleich den Mörder zuschlagen zu lassen. So gibt es im gesamten Buch keine einzige Durststrecke, stetig baut Jungstedt mehr Spannung auf, indem sie ihren Lesern nach und nach immer mehr Details über den Mörder präsentiert, die zum Miträtseln animieren und dem Leser tatsächlich schon früh die nötigen Informationen zuspielen, um den Mörder etwa auf der Hälfte des Buches zu entlarven. An dieser Stelle merkt man dann auch, dass die Autorin ihre Schnitzeljagd noch nicht so ausgefeilt inszeniert wie erfahrene Kriminalautoren, die ihre Leser gekonnt an der Nase herumführen können.

In diesem Roman sind es also nicht die ganz subtilen Hinweise, die den Täter erahnen lassen, sondern konkrete Informationen, die schnell in die richtige Richtung weisen. Auch streut Jungstedt zwischendurch kursiv gedruckte Abschnitte ein, die uns in die Gedanken des Serienmörders hineinversetzen und seine Motive und Teile seiner Vergangenheit erkennen lassen. Während Anders Knutas und seine Kollegen also lange im Unklaren gelassen werden über die Verbindungen zwischen den Opfern, ahnt der Leser bereits den Zusammenhang und ist dem Ermittlungsstand der Polizei dadurch meist weit voraus. Knutas tappt lange Zeit im Dunkeln, da die Polizei nur wenige Spuren finden kann und dem Tatmotiv und Mörder kaum auf die Schliche kommt. An mancher Stelle hätte ich mir diese Schnitzeljagd etwas raffinierter gewünscht, denn den ermittelnden Beamten werden zu wenige Beweisstücke geliefert, um wirklich intensiv nach dem Mörder fahnden zu können.

Den Spannungsbogen lässt die Autorin geschickt ansteigen, denn nach dem ersten Mord werden zunächst einige interessant erscheinende Personen vorgestellt und ein paar falsche Fährten ausgelegt, bevor es dann auch bald zum zweiten Mord kommt. Mari Jungstedt verschwendet wirklich keine Zeit, schreibt nur kurze Kapitel und lässt genau im richtigen Moment den nächsten Mord geschehen, um ihre Leser so sehr an das Buch zu fesseln, dass einem beim Lesen die Finger kribbeln und das Herz zu rasen beginnt. Die Autorin lässt eine dermaßen spannungsgeladene und düstere Stimmung aufkommen, dass man gebannt ist von der Erzählung und das drohende Unglück spüren kann.

_Aufkeimende Liebe_

Umrahmt wird die spannende Kriminalgeschichte von dem Kennenlernen zwischen Emma Winarve und Johann Berg, die sich im Laufe der Ermittlungen und von Johanns Nachforschungen für seine Fernsehberichte begegnen und sogleich ihre gegenseitige Anziehung spüren. Doch Emma ist verheiratet und Mutter von zwei kleinen Kindern, sodass ihr schlechtes Gewissen sie zunächst von Johann fernhält und an ihrer Ehe festhalten lässt. Aber gerade die schrecklichen Ereignisse sind es, bei denen ihr fürsorglicher Ehemann Olle ihr nicht genügend Rückhalt geben kann, sodass Emma sich in Johanns Arme flüchtet. Mari Jungstedt nimmt sich viel Zeit, um diese beiden Personen, ihre Gedanken und Gefühle vorzustellen.

Auf der einen Seite haben wir den ehrgeizigen Journalisten Johann Berg, der sich seinen geheimen Informanten zunutze macht, um als Erster brisante Details veröffentlichen zu können, die die Polizei aus ermittlungstechnischen Gründen gerne zurückhalten würde. Johann handelt hier teilweise sehr rücksichtslos und ist nur auf seine eigene Karriere bedacht, die er egoistisch vorantreiben will. Erst als er Emma kennen lernt und sich in sie verliebt, zeigt er seine menschlichen Charakterzüge. Auf der anderen Seite haben wir die einst so glückliche Emma Winarve, der nach dem Mord an ihrer besten Freundin zum ersten Mal bewusst zu werden scheint, dass ihre Ehe ihre besten Tage offensichtlich schon gesehen hat. Erst die tragischen Ereignisse und die Begegnung mit Johann rütteln sie auf und lassen sie nachdenklich werden; Jungstedt beschreibt gekonnt Emmas zwiespältige Gefühle und lässt bis zum Schluss offen, für welchen Mann Emma sich entscheiden wird.

Gegen Johanns und Emmas detailreiche Vorstellungen rückt Anders Knutas fast schon in den Hintergrund, obwohl er die Ermittlungen leitet und somit eine zentrale Stellung einnimmt. Doch auch Knutas erhält seinen Raum in dieser Erzählung, er wird uns sehr realistisch präsentiert, mit einem ausgefüllten Privatleben, einer verständnisvollen Ehefrau und mit aufkeimenden Zweifeln und einer Verzweiflung angesichts der schrecklichen Geschehnisse auf der idyllischen Ferieninsel. Knutas ist ein Hauptkommissar, der trotz seiner Arbeit immer Mensch geblieben ist. In seiner Darstellung gefällt Knutas gut, sodass ich gern mehr über ihn lesen möchte.

In ihren Ausführungen offenbart Mari Jungstedt ein Talent für Personenbeschreibungen und die realistische Wiedergabe menschlicher Gefühle. Besonders eindrucksvoll gelingen ihr die Schilderungen von Emmas Trauer, die sich in vielen Passagen wiederfindet, beispielsweise in dieser: |“Im Moment musste sie alle Kraft aufwenden, um durchzuhalten. Um nicht zusammenzubrechen. Sie musste sich um die Kinder kümmern. Um Sara und Filip. […] Aber wie sollte Emma das alles schaffen? Natürlich würde der Schock irgendwann abklingen. Würde die Trauer weniger greifbar sein, aber sie vermisste Helena so sehr, dass es wehtat. Und damit würde sie nicht so schnell fertig werden. Und wie sollte sie verarbeiten, was hier passiert war? Dass ihre allerbeste Freundin auf eine Weise ermordet worden war, die sonst nur in Filmen vorkam?“| In diesen Momenten kann der Leser Emmas Trauer und Verzweiflung praktisch selbst mitfühlen, man möchte Emma in den Arm nehmen und trösten, so sehr lässt Jungstedt uns trotz der an sich so schnörkellosen Sprache Anteil haben an den Gefühlen ihrer Protagonisten.

_Ein beachtliches Debüt_

„Den du nicht siehst“ ist ein temporeicher Kriminalroman, der seine Leser gekonnt fesseln kann, sodass man nicht umhin kommt, das Buch so schnell wie nur irgend möglich durchzulesen. Mit fast zittrigen Händen hält man den Roman, während es einem kalt den Rücken herunterläuft, weil man das drohende Unglück fast schon körperlich spürt. Mari Jungstedt weiß ihre Leser mitzureißen und zu unterhalten, sie baut eine bedrohliche Atmosphäre auf und entwickelt glaubwürdige Charaktere, mit denen man fühlt und über die man mehr lesen möchte. Die Schnitzeljagd ist nicht ganz so ausgefeilt, wie man sich das gewünscht hätte; leider schafft Jungstedt es nicht, den passionierten Krimileser an der Nase herumzuführen, denn mit seinem ersten Tipp kann man den Mörder korrekt entlarven. Dennoch bleibt „Den du nicht siehst“ ein beachtlicher Erstlingsroman, der auf mehr hoffen lässt.

John MacLachlan Gray – Der menschliche Dämon

Inhalt

London ist 1852 ein Schmelztiegel unzähliger Menschen, die meist mehr schlecht als recht ihr Leben fristen. Unter ihnen: Edmund Whitty, Sonderberichterstatter des „Falcon“, ein überarbeiteter, unterbezahlter, verschuldeter Zeilenschinder, der Tragödien, spektakuläre Unfälle und Verbrechen publizistisch ausschlachtet. Die ständige Jagd nach der nächsten Sensation hat ihn zermürbt, den Katzenjammer betäubt er mit Alkohol und Drogen, Schuldeneintreiber jagen ihn.

Lange hat der Frauenmörder „Chokee Bill“ die finsteren Gassen der Slums unsicher gemacht. Jetzt wartet er in der Todeszelle auf den Henker. Allerdings leugnet er, ein Serienmörder zu sein. Whitty besucht Bill – eigentlich William Ryan –, hört seine Geschichte und wird nachdenklich. Zwar glaubt er dem Mann nicht unbedingt, aber er braucht dringend eine neue Story. John MacLachlan Gray – Der menschliche Dämon weiterlesen

Gerritsen, Tess – Meister, Der

Der Bostoner Frauenmörder, der in [„Die Chirurgin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189 sein Unwesen trieb, hat einen Nachahmer, einen Lehrling, gefunden. Und nach seinem Ausbruch tut er sich mit ihm zusammen. Detective Jane Rizzoli befürchtet das Schlimmste und wird nicht enttäuscht.

Hinweis: Weil dies die Fortsetzung von „Die Chirurgin“ ist, ja vielleicht sogar das Mittelstück einer Trilogie (das legt der Schluss nahe), lohnt es sich, den Vorgängerband gelesen zu haben, bevor man sich auf dieses Buch einlässt.

Inzwischen hat Gerritsen schon wieder zwei Romane mit Rizzoli vorgelegt: [„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451 und „Schwesternmord“.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department, gefolgt vom neuesten Fall „Schwesternmord“.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Detective Jane Rizzoli ist den Händen des Serienmörders, der als „der Chirurg“ berüchtigt war, entkommen, doch sie trägt noch die Spuren seiner „Behandlung“ an sich: Ihre Hände sind voller Narben – sichtbare Spuren ihrer seelischen Verletzungen. Nun sitzt der Killer, der Boston unsicher gemacht hat, seit einem Jahr hinter Gittern und Jane sollte eigentlich ruhig schlafen können. Tut sie aber nicht: Ein unsichtbares Band verbindet weiterhin den Killer und sein Opfer und beschert ihr Albträume.

Und nun hat er einen Lehrling gefunden: Der Unbekannte überfällt stets nur Paare, von denen die Frau besonders schön ist. So etwa Gail Yeager aus der Vorstadt Newton: blond, attraktiv, wohlhabend. Der Täter band ihren Ehemann, den Chirurgen Richard, auf einem Stuhl im Wohnzimmer fest und zwang ihn, die Vergewaltigung seiner Frau mit anzusehen, bevor ihm die Kehle durchgeschnitten wurde. Diese Machtausübung bringt den Kriminalpsychologen dazu, dem Täter den Spitznamen „Dominator“ zu verleihen.

Von seiner Frau fehlt jede Spur, doch ihr Nachthemd liegt säuberlich zusammengefaltet im Schlafzimmer, besudelt mit ihrem Blut. Rizzoli findet durch Zufall einen Spermafleck auf dem Teppich. Es ist die gleiche DNA, die man in ihrer Leiche findet, die Tage später in einem stillen Waldstück von einem Jogger gefunden wird. Der Täter hatte die Frau auch noch nach ihrem Tod missbraucht.

In der Nähe des Fundortes stoßen Spürhunde auf die stark verwesten Überreste einer zweiten Frauenleiche. Ähnlichkeiten mit dem Fall Gail Yeager deuten auf einen Serienmörder hin. Und das zusammengefaltete Nachthemd ist eine Unterschrift: die des „Chirurgen“. Der Dominator ist also der Lehrling des „Meisters“. Jane Rizzoli fühlt sich nicht mehr sicher in ihrer Wohnung.

Außerdem ist ein zwielichtiger Mitarbeiter bei ihren Ermittlungen aufgetaucht: Gabriel Dean behauptet, er arbeite für das FBI und hat sogar den entsprechenden Dienstausweis, aber sein Verhalten entspricht dem eines Angehörigen des Marine Corps, eines Soldaten. Und wieso wurde Dean auf Veranlassung des Senators von Massachusetts hinzugezogen?

Als Warren Hoyt, der „Chirurg“, aus der Haft entkommen kann und ein erneuter Mord Boston erschüttert, wird Jane Rizzoli klar, dass sich die beiden Killer zu einem Team zusammengetan haben. Und dass Hoyt eine Sache zu Ende bringen will, an der er gehindert worden war: Aber wird Rizzoli in ihrer Wohnung sicher sein?

_Mein Eindruck_

Mich hat gleich der Titel gestört: Warum muss die deutsche Ausgabe „Der Meister“ heißen, wenn das Original „The Apprentice“ also „Der Lehrling“ betitelt ist? Aber das war ja schon bei „Die Chirurgin“ so – nur dass „The Surgeon“ im Englischen sowohl weiblich als auch männlich sein kann (besonders hinterlistig, nicht wahr?).

Insgesamt bringt dieser Folgeband nicht viel Neues: einen Nachahmungstäter, der eine mindestens so fiese Masche wie „Der Chirurg“ draufhat. Interessant sind vielmehr zwei Figuren, die in Rizzolis Umfeld auftauchen. Dr. Isles wird – halb ironisch, halb ehrfürchtig – „Die Königin der Toten“ genannt: Sie ist die Gerichtsmedizinerin, die Rizzoli wertvolle Erkenntnisse liefert. Sie erinnert mich an Kathy Reichs, ebenfalls eine Krimiautorin.

Und dann gibt es da noch Gabriel Dean, den FBI-Agenten, der mit sehr vielen Geheimnissen hinterm Berg hält. Zu vielen Geheimnissen, als dass die aufbrausende Rizzoli ruhig bleiben könnte, als sie ihm auf die Schliche kommt. Sie würde ihn wohl am liebsten umbringen, wenn da nicht ihre Vorgesetzten wären, die Dean dabeihaben wollen. Der Typ ist derartig ruhig und beherrscht, dass er nichts dabei findet, bis in Rizzolis Privat-, wenn nicht sogar Intimsphäre vorzudringen. Das kann nur zu zweierlei Dingen führen: Tod – oder Liebe.

Im Mittelpunkt der Schilderungen steht daher die sich rasch entwickelnde Beziehung zu Dean, denn er hat erkannt, was Rizzoli um keinen Preis wahrhaben will: dass sie ein Opfer ist und unbedingt Hilfe benötigt. Da beißt er aber auf Granit – jedenfalls die meiste Zeit. Denn die Polizistin ist stur entschlossen, weiterhin „ihren Mann zu stehen“ – ihre ausschließlich männlichen Kollegen in der Mordkommission der Boston P.D. beobachten jede ihrer Bewegung, lauern auf jeden Fehler – wie soll man dabei nicht paranoid werden? Und prompt macht Rizzoli einen Fehler in der Einsatzleitung – das kostet einen Kollegen, den übergewichtigen Korsak, fast das Leben. Ein weiterer Vorwurf, den sich Rizzoli machen kann. Sie muss auf die harte Tour lernen, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Die Handlung kreist um mehrere Mordfälle und plätschert ohne den verreisten Thomas Moore so vor sich hin, ohne dass die Spannung anstiege. Ich befürchtete schon, dass es das gewesen sein könnte. Erst die letzten 50-60 Seiten reißen das Buch dann wieder auf das erhoffte Niveau: Dean wusste, wer die verweste zweite Leiche war! (Und ich werde mich hüten, mehr darüber zu verraten.)

_Unterm Strich_

„Der Meister“ ist ein weiterer kompetenter Unterhaltungsthriller aus Tess Gerritsens Schreibfabrik. Wer spannende Unterhaltung sucht, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Allerdings hatte ich etwas wie eine schockierende Neuauflage von „Die Chirurgin“ erhofft und wurde darin enttäuscht. Wer genügend Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen mitbringt, wird den Doppelmorden dennoch ein leises Grauen und Prickeln abgewinnen können.

Sprachlich ist Gerritsen auch etwas Neues gelungen: Sie lässt die Polizisten eine Gerichtsmedizinerin als „Königin der Toten“ titulieren – macht sie nun Anne Rice mit deren „Königin der Verdammten“ Konkurrenz?

Und zum anderen gibt es nun eine makabere neue Definition von „Fingerfood“. Das sind ja bekanntlich kleine Appetithäppchen, so etwa bei Stehempfängen oder Vernissagen. Leider sind es diesmal die Finger selbst, die das Food darstellen – für die wilden Tiere, die die im Wald abgelegten Frauenleichen angeknabbert haben. Wohl bekomm’s!

|Originaltitel: The Apprentice, 2002
Aus dem US-Englischen übertragen von Andreas Jäger|

Brust, Steven – Phönix

_Unterhaltsam: James Bond in der Fantasywelt_

Ein Königsmord, den Vlad Taltos begeht, löst einen Krieg aus, doch das ist noch gar nichts gegen das, was seine Frau Cawti anstellt: Sie führt die Revolution in der Hauptstadt an. Vlad würde gerne etwas unternehmen, um sie wieder aus dem Gefängnis zu holen, aber dummerweise hat jemand einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt. Doch wer steckt dahinter?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein Flugdrache der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh fliegen, mit seinem Herrn Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Diese Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

Ach ja: Endlich erfahren wir auch etwas über die Götter. Sie sind an allem schuld.

_Handlung_

Vladimir Taltos ist ein erfolgreicher Auftragskiller in der „Organisation“. Im Vorgängerband „Teckla“ ist ihm ein beträchtlicher Gebietszuwachs gelungen: Ihm unterstehen nun Süd-Adrilankha und somit die Arbeiter- und Elendsviertel der Hauptstadt der Dragaeraner. Allerdings hat sich damit auch eine Menge Ärger eingehandelt, wie sich nicht erst jetzt zeigt.

Denn wie schon in „Teckla“ kommt es in diesem Viertel des Proletariats zu Aufständen, die von Revolutionären geschürt werden. Eine von ihnen ist Cawti, Vlads Frau, ebenfalls eine Attentäterin. Da aber Unruhen schlecht fürs Geschäft sind, gerät Vlad immer wieder mit Cawti aneinander. Um die Zukunft seiner Ehe steht es nicht sonderlich gut. Sein Job macht ihm keinen Spaß mehr.

Deshalb ist er relativ froh über die Abwechslung, die sein neuester Auftrag mit sich bringt. „Ich sandte ein Gebet an [meine Schutzpatronin] Verra, die Dämonengöttin, und bereitete mich darauf vor, meinen Angreifern gegenüberzutreten. Dann passierte etwas Ungewöhnliches. Mein Gebet wurde erhört.“

Verra erteilt Vlad den Auftrag, einen König zu töten. Nicht irgendeinen, sondern den von Grünwehr, einem benachbarten Inselreich. Einer Göttin kann man bekanntlich einen Wunsch nicht so leicht abschlagen, und so setzt Vlad auf die Insel über, wo der König in einem stattlichen Dorfhaus wohnt. Der Haken an dem Auftrag ist der, dass hier keine Magie funktioniert. Vlad erfährt erst später, dass der so genannte Phönixstein, aus dem die halbe Insel besteht, jede Magie, die das Imperium bereitstellt, unwirksam macht.

Dieser Umstand macht auch die Befreiung Vlads so schwierig, nachdem er erfolgreich den Auftrag ausgeführt hat, dann aber bei einem geheimnisvollen Trommler seinen Häschern in die Hände gefallen ist. Die Verhörmethoden der Grünwehrer sind einfach lachhaft. Sie hatten noch nie mit einem Attentäter zu tun. Im Knast bringt der miteingefangene Trommler, er heißt Aibynn, Vlad gerne das Trommeln bei. Erst als es Loiosh gelingt, Vlads Freunde und Frau zu verständigen, gelingt die Befreiung, mit prä-imperialer Magie.

Die Grünwehrer lassen aber die Schande nicht auf sich sitzen und erklären dem Imperium den Krieg. Sie bereiten eine Invasion vor. Folglich braucht die Imperatorin, die hübsche Zerika, neue Truppen, und sie lässt ihre so genannten „Presspatrouillen“ besonders in Süd-Adrilankha Männer zwangsverpflichten. Dass das böses Blut erzeugt, ist klar, und Cawti trägt ihren Teil dazu bei. Schon bald sitzt auch sie im Knast. Vlad muss bei der Imperatorin vorsprechen, um sie herauszuholen.

Doch Aufruhr und Krieg sind ganz schlecht fürs „Geschäft“, findet die „Organisation“ (lies: Mafia). Sie stellt Vlad ein Ultimatum: Entweder er bringt Cawti dazu, mit dem Aufstand aufzuhören, oder er wird „außer Dienst gestellt“. Vlad versucht herauszufinden, wer für den Mordauftrag gegen ihn verantwortlich ist. Damit sticht er aber in ein imperiales Wespennest.

Zum Glück fällt ihm ein raffinierter Plan ein, um sämtliche Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Doch der Plan wird nur gelingen, wenn alle seine Freunde mithelfen. Und wenn auch die Grünwehrer mitspielen. Wogegen es wohl einige Widerstände geben dürfte.

_Mein Eindruck_

Ich habe auch dieses Taltos-Abenteuer in nur zwei Tagen verschlungen. Ich bin ja schon seit Beginn der Serie ein Fan des unkonventionellen „Hauptdarstellers“: ein James Bond in einer Fantasywelt, wenn auch ohne die obligatorischen Bond-Girls, das ist genügend Stoff für unterhaltsame Lektüreabende. Die Bindungen, die er an seine Frau Cawti entwickelt hat (sie rettete ihm einmal das Leben), lassen ihn wesentlich verantwortungsbewusster und zielstrebiger, mitunter sogar dickschädeliger handeln als seinen Film-Kollegen. Seine Sturheit, die sich auch als Loyalität zu Cawti interpretieren lässt, beeindruckt selbst die Imperatorin.

|Überraschungen und andere göttliche Momente|

Der Mann versteht zweifellos sein Handwerk, das des fachgerechten und effizienten Tötens. Dennoch gibt es immer wieder ein paar Dinge, die ihn aus dem Konzept bringen. Diese Dinge tragen in der Regel zur Erzeugung von Ironie und der Erheiterung des Lesers bei. Da wäre einmal das erhörte Gebet. Damit beginnen die ganzen Malessen, mit denen sich Vlad in der Folge herumschlagen muss. So ein göttlicher Mordauftrag, sollte Vlad wohl annehmen, dürfte seine Gründe haben. Wie sich hinterher im Gespräch mit der Göttin selbst erweist, hat aber auch sie die Folgen nicht so ganz durchdacht und ein paar Umstände übersehen. Merke: Götter sind weder allwissend noch allmächtig, sondern einfach nur personifizierte Mächte.

Dass Götter wie jene in der Antike auch Kinder haben können, verwundert im Grunde nicht. Doch als Vlad erfährt, dass seine gute Bekannte Aliera, die mit dem Morganti-Schwert, die Tochter von Göttin Verra ist, fällt er glatt aus allen Wolken. Er kann es Aliera heimzahlen, indem er ihr von ihrer Tochter Devera erzählt – die sie zu diesem Zeitpunkt AUF DER ERDE noch gar nicht hat, wohl aber in der göttlichen Dimension (wo immer das auch ist). Nun ist die Reihe an Aliera, überrascht zu sein.

Ein weiteres Joker-Element in der Handlung stellt der schweigsame Trommler Aibynn dar. Er musste zusammen mit Vlad von Grünwehr flüchten. Vlad hat ein ziemlich zweispältiges Verhältnis zu ihm. Vlad hatte sich in einem Baum vor Aibynns Hütte vor seinen Verfolgern versteckt, doch der „Traumgras“-Rauch benebelte ihn derart, dass er zu Boden stürzte – womit seine Schwierigkeiten anfingen. Ob Aibynn nicht auch noch ein Spion der Grünwehrer ist, ist Vlad die meiste Zeit nicht klar. Als Aibynn schließlich auch vor der Imperatorin trommeln darf, befürchtet Vlad daher ein Attentat. Sein Einschreiten rührt die Imperatorin; er hat bei ihr einen Stein im Brett. Als Pointe kommt dann schließlich die Szene, in der es Aibynn gelingt, nur mit Trommeln die Dimension zu wechseln. Für dieses Teleportieren brauchen die Leute von Dragaera immer die Magie, und hinterher ist ihnen schlecht. Aibynn zeigt Vlad, dass es auch anders geht, und ohne Nebenwirkungen. Ein ironischer Kommentar auf die ach so hoch geschätzte Macht der Magie.

|Lektüreerlebnis|

Nach einem spannenden Auftakt auf der magielosen Insel Grünwehr beschäftigt sich Vlad erst einmal mit alles anderem als toten Königen. Ich fragte mich, wohin das führen sollte. Doch Vlads Recherchen nach dem Verantwortlichen für den Mordauftrag gegen ihn gleichen einer Stufenleiter, die bis zur höchsten Instanz führt. Sein Kampf für die Freiheit seiner Frau ist eng damit verknüpft, denn die „Organisation“ macht ihn für Cawtis Verhalten haftbar. Dadurch gerät er jedoch mitten in das blutigste Massaker der „Revolution“, an das er sich später nur bruchstückhaft erinnern kann. Uns bleibt also das Schlimmste erspart.

[SPOILER!]

Wie sich das für ein gut geschriebenes Buch gehört, führt die Handlung wieder zurück zum Ausgangspunkt, um ein paar lose Fäden zu beseitigen: ein genialer Showdown beim neuen König von Grünwehr ist die Folge. Dass Vlad dafür vom Imperium belohnt wird, fasst er selbst als lästig auf und setzt der Ironie wirklich die Krone auf. Er wollte eigentlich nur ein gewöhnlicher Attentäter bleiben, nun jedoch macht ihn die Imperatorin zu so etwas wie einem Ritter, als wäre er einer von diesen hochnäsigen Dragaeranern. Also wirklich!

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen, was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Brusts fiktionale Welt ist vielschichtig, besser ausgetüftelt als die übliche Sword & Sorcery und viel enger unserer eigenen Welt verwandt. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einiges in der Bluse, sondern auch noch einen spitzen Dolch im Gewande. Diesmal kommen die Göttin Verra, ihre Tochter sowie die Imperatorin hinzu – eine Menge mächtige Weiblichkeit, mit der sich Vlad auseinandersetzen muss.

Wahrscheinlich sind noch einige wertvolle Einsichten über grundlegende Dinge wie Liebe und Hass sowie die Wechselwirkungen von Machtanwendung in dem Buch verborgen, doch diese Dinge auszugraben, überlasse ich Leuten mit mehr Geduld. Ich fand jedenfalls „Phönix“ eine recht kurzweilige Lektüre, die dem Leser durch unkonventionellen Handlungsverlauf und ungewöhnlich gezeichnete Charaktere stets ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abverlangt. Die vielen ironischen und lakonischen Dialoge haben sicher auch dazu beigetragen, dass das Buch schnell gelesen war.

|Look & Feel|

Die Cover-Art der |Klett-Cotta|-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Phönix“ zeigt vor dem Hintergrund, in dem einen grünen Jhereg-Flugdrachen zu sehen ist, einen golden Brocken Stein. Der sieht zwar aus wie Pyrit („Katzengold“), soll aber wohl den im Buch erwähnten Phönixstein darstellen. Dieser wehrt Zauberei ab und scheint weitere erstaunliche Eigenschaften zu besitzen.

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

Bisson, Terry – Talking Man

_Viele wundersame Dinge_

Terry Bisson kennt sich mit Kentucky- und Tennessee-Whiskey (was ist nun Scotch und was Bourbon?), mit allerlei Schießprügeln und natürlich mit dem Tabakanbau aus. Dass er von von all diesen Dingen und noch ein wenig mehr ausgezeichnet zu erzählen versteht, beweist er in dem vorliegenden Roman. Dem Leser sei auch seine preisgekrönte Storysammlung „Die Bären entdecken das Feuer“ (Heyne 06/5994) empfohlen.

_Handlung_

Williams ist ein junger naiver Tunichtgut, aber er kennt sich mit Autogetrieben aus. Doch er hätte nicht die Abkürzung nehmen sollen. So landet er nämlich beim Schrotthändler Talking Man (TM), um ein Ersatzteil zu kaufen – oder vielmehr landet er bei dessen 16-jähriger Tochter Crystal, da sich TM gerade aus dem Staub machen musste, weil er von einer weißhaarigen Frau und zwei Killern verfolgt wird.

Aus reiner Sympathie zu der jungen hübschen Crystal folgt er ihrem Vater, zunächst nur bis zur nächsten Stadt, aber dann scheint sich die Welt immer mehr zu verändern: Die Brücken über den Mississippi sind eingestürzt, und in Oklahoma heißt die einzige Stadt Tulsa, gleich dahinter kommt Mexiko. Stets pleite, schlägt sich das unschuldige Pärchen nur mit der Kreditkarte von Williams Vater durch, verpasst meistens nur um Haaresbreite den gesuchten TM, doch Crystal wird zweimal niedergestochen von den Killern. Merkwürdig, dass sie nicht an einem Stich ins Herz stirbt, nicht wahr?

Weiter geht die Verfolgungsjagd an einem niedergebrannten Denver vorbei über die verminte kanadische Grenze bis zum Nordpol. Dort wartet in der grauen Stadt Edminidine der Brunnen zwischen den Welten, und es kommt zum Showdown zwischen TM, den das Pärchen aufgesammelt hat, und den Gegnern. Die weißhaarige Frau, Dgene, ist eine Zauberin wie Talking Man, doch sie will mit Hilfe des Ungewesenen die Welten zerstören, wohingegen sich TM in seine Welt verliebt hat.

_Fazit_

Auf knapp 200 Seiten erzählt Bisson eine romantische Liebesgeschichte, ein Road Movie, eine Alternativweltgeschichte und ein Fantasy-Epos vom Kampf zwischen Gut und Böse, Sein und Nichtsein. Aus Banalem macht er Unheimliches, und Unheimliches erscheint banal. Die für Städter komischen Dinge nimmt er völlig ernst, etwa den Tabakanbau in Kentucky – ein sehr beschwerliche und komplizierte Angelegenheit, wie es scheint. Das komplizierte Innenleben von Auto- und Flugzeugmotoren hingegen wird zu einer einfachen Sache, sobald Talking Man Hand anlegt.

Diese und noch viel mehr wunderbare Dinge machen „Talking Man“ zu einem vergnüglichen Leseerlebnis.

|Originaltitel: Talking Man, 1986
Aus dem US-Englischen übertragen von Irene Bonhorst|

Brennan, Herbie – Purpurkaiser, Der (Faerie Wars 2)

In [„Das Elfenportal“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=313 hat der junge Henry tatkräftig dabei mitgeholfen, das Elfenreich, dessen Kronprinz er zufällig im Garten gefunden hat, vor einem Bürgerkrieg zu bewahren.

Jetzt ist er auf dem Weg zu Mr. Fogarty’s Haus. Mr. Fogarty hat ihn gebeten, dort nach dem Rechten zu sehen und seinen Kater Hodge zu füttern. Denn Mr. Fogarty ist nicht mehr allzu oft zu Hause, seit er Torhüter im Kaiserpalast des Elfenreiches ist. An diesem Tag jedoch ist er zu Henrys Überraschung da, unter anderem, um ihm mitzuteilen, dass er, Henry, zu Kronprinz Pyrgus‘ Krönung eingeladen ist. Dessen Vater, der Purpurkaiser Apatura Iris, war nämlich bei Henrys letztem Besuch im Elfenreich ermordet worden.

Selbstverständlich nimmt Henry die Einladung begeistert an. Seine Begeisterung wird allerdings schwer gedämpft, als Pyrgus‘ Schwester Holly Blue auftaucht und ihm mitteilt, dass jemand vorhat, ein Attentat auf Pyrgus zu verüben. Während Mr. Fogarty Blue zurück ins Elfenreich folgt, muss Henry erst noch nach Hause und dafür sorgen, dass seine Mutter und seine Schwester ihn nicht vermissen, solange er fort ist. Das ist weiter kein Problem, nur ist leider der Portalöffner, den Mr. Fogarty gebaut hat, aus seinem Schrank verschwunden!

Während Henry in Mr. Fogartys Haus zurückkehrt und dort haareraufend versucht, so gut wie möglich einen neuen Portalöffner nachzubauen, überstürzen sich im Purpurpalast die Ereignisse: Lord Hearstreak strebt immer noch nach der Macht im Reich. Es ist ihm gelungen, an Pyrgus Stelle dessen kleinen Bruder Comma als designierten Purpurkaiser durchzusetzen und, da Comma noch nicht mündig ist, sich selbst als Reichsverweser! Pyrgus, Blue und Mr. Fogarty werden in die Verbannung geschickt. Als Henry endlich im Purpurpalast eintrifft, haben einige äußerst merkwürdige Veränderungen stattgefunden …

Vorweg gesagt: Auch die Fortsetzung des „Elfenportals“ ist eine höchst amüsante Lektüre! Der Leser begegnet sämtlichen Figuren wieder, die bereits den ersten Band so bunt und lebendig machten.

Brimstone, der Leimfabrikant, ist auf der Flucht vor dem Dämonenfürst Beleth bei einer grässlichen alten Vettel untergetaucht, die ihn ständig mit Knochensuppe füttert! Nicht ohne Hintergedanken, wie sich zeigt, denn eines Tages macht sie Brimstone das erstaunliche Angebot, ihn mit in ihr idyllisches, kleines Landhaus zu nehmen und nur noch die besten Speisen für ihn zu kochen, wenn er einwilligt, sie zu heiraten. Brimstone zögert, stimmt letztlich aber zu, mit dem Hintergedanken, sie danach so bald wie möglich umzubringen. Die Hochzeitszeremonie ist kaum vorrüber, da beginnt zwischen den beiden ein Wettlauf, wer wen zuerst umbringt!

Brimstones Teilhaber Chalkhill, den Prinzessin Blue als Spion Hearstreaks entlarvt hat, sitzt im Kittchen. Hearstreak lässt ihn dort schnurstracks herausholen, denn er will, dass Chalkhill Pyrgus für ihn tötet, und zwar während der Krönungsfeierlichkeiten. Chalkhill wird eine Tarnung verpasst, die allerdings nur mäßig funktioniert, weil Chalkhill ein schrecklicher Trampel ist und sich einfach nicht richtig bewegen kann. Ein Wurm soll ihn unterstützen, der in seinem Körper platziert wird. Chalkhill stimmt nur ungern zu, und kaum sitzt der Wurm in ihm drin, erfährt er auch schon, dass er ihn gar nicht mehr braucht, weil die Sache abgeblasen wurde. Fortan läuft Chalkhill mit einem unerwünschten Gast in seinem Hinterteil herum, der ihm ununterbrochen das Hirn vollquasselt. Aber es kommt noch schlimmer!

Zusätzlich zu den altbekannten Figuren tauchen auch neue auf. Die Seidenherrinnen, die den Auftrag hatten, Holly Blues Garderobe für die Krönungsfeier herzustellen, erweisen sich unvermutet als nützliche Verbündete, und die grün gekleideten Krieger, die Pyrgus, Blue und Mr. Fogarty auf dem Weg ins Exil angreifen, stellen sich als Waldelfen heraus. Das bislang für rückständig und ärmlich gehaltene Volk entpuppt sich als hochtechnisiert, diszipliniert und schlagkräftig.

Mit ihnen gehen eine Menge neuer Ideen einher: die der besonderen Seide, die die Seidenherrinnen verarbeiten, und ihre verschiedenen Wirkungen, ein Obsidian-Labyrinth, eine Menge Magie wie schwebende Flöße zur Fortbewegung, Verschleierungszauber und vor allem das Durchschreiten von Wänden, aber auch überdurchschnittliche Waffen! Folglich wundert es nicht, dass, während die Unterstützung der Seidenherrinnen eher passiver Natur ist, die Königin der Waldelfen vor aktivem Eingreifen durchaus nicht zurückschreckt.

So kommt es, dass wieder mal eine Menge Leute kräftig damit beschäftigt sind, ihr eigenes Netz zu spinnen, und sich dabei ständig in die Quere kommen! Hearstreak will Pyrgus aus dem Weg räumen, Pyrgus will Hearstreak Hochverrat nachweisen und ihm den gestohlenen und missbrauchten Leichnam seines Vaters wieder abnehmen, Chalkhill will Hearstreak ein Schnippchen schlagen und Purpurkaiser werden, Brimstone will seinen Hals vor Beleth retten, Beleth will sich an Hearstreak rächen, der ihn nach der Panne mit der Bombe („Das Elfenportal“) hat hängen lassen, und die Königin der Waldelfen will ihren Wald von Dunkelelfen und Dämonen säubern.

Klingt verwirrend, ist es aber gar nicht! Die einzelnen Handlungsstränge wechseln ziemlich oft, doch sind die Erzählabschnitte äußerst kurz gehalten, sodass nicht die Gefahr besteht, bis zur Fortführung des Strangs vergessen zu haben, wie er geendet hat. Der Plot ist nicht übermäßig kompliziert, der scheinbare Widerspruch zwischen Attentat und Pyrgus‘ Absetzung löst sich recht bald auf. Die Jagd und ihre Verwicklungen jedoch bieten so viel Abwechslung, dass keine Langeweile aufkommt. Die überraschende Enthüllung, wer der Dieb des kaiserlichen Leichnams war, tat ein Übriges. Insgesamt höchst angenehm zu lesen, auch wegen des wohltuend guten Lektorats, das nur einen einzigen Fehler durchließ.

„Der Purpurkaiser“ ist eine würdige Fortsetzung des „Elfenportals“. Henrys Welt tritt diesmal zugunsten des Elfenreichs fast vollständig in den Hintergrund, was ich fast ein wenig schade fand. Die Spannungen zwischen den beiden so verschiedenen Welten, die im ersten Band für einiges Amüsement sorgten, kommen nur in dem kurzen Teil vor, wo Henry und Blue versuchen, Mr. Fogarty aus einer Polizeistation herauszuholen. Trotzdem war ich während der gesamten Lektüre dauernd am Schmunzeln und konnte so manches Mal auch lauthals lachen. Die Tatsache, dass Pyrgus ganz offensichtlich für die Prinzessin der Waldelfen schwärmt, sowie Hearstreaks unverminderte Ambitionen, an die Macht zu kommen, lassen darauf hoffen, dass Henry noch weitere Abenteuer im Elfenreich zu bestehen haben wird. Ich bin jetzt schon neugierig.

Herbie Brennan lebt und arbeitet in Irland, und das sehr fleißig. Er hat Unmengen von Büchern geschrieben, von Historik über Psychologie und Esoterik bis Fantasy, von Romanen über Kurzgeschichten bis zu Software, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Außerdem arbeitet er fürs Radio.

http://www.herbiebrennan.com
http://www.faeriewars.com
http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Jewgenij Samjatin – Wir

Freiheit vs. Zufriedenheit

1920 schreibt der Russe Jewgenij Samjatin (auch: Evgenij Zamjatin) seine Antiutopie (auch negative Utopie oder Dystopie genant) „Wir“ und nimmt damit in fast prophetischer Weise die Mechanismen der kommunistischen Diktatur in den sozialistischen Ländern vorweg.

Samjatin hatte seine eigene, von der offiziellen kommunistischen Linie abweichende Vorstellung von der Aufgabe eines Literaten. Dieser sollte zeitkritisch sein und über einen einmal erreichten Zustand hinausdenken können, anstatt ihn zu bestätigen. Er forderte die Eigenverantwortung des Künstlers bei der kritischen Darstellung gesellschaftlichen Lebens. Die Emanzipation eines Menschen und der Gesellschaft würde nur durch Infragestellung und Widerspruch erreicht werden.

Jewgenij Samjatin – Wir weiterlesen

Lehane, Dennis – Mystic River – Spur der Wölfe

Als Kinder waren sie Freunde – bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben – und ob einer von ihnen sterben wird.

Diesen Roman hat wieder mal Clint Eastwood – nach „Bloodwork“ – mit Starbesetzung in die Bildsprache des Films umgesetzt und zwei OSCARs dafür eingeheimst. „Mystic River“ heißt der Streifen. Dazu hat der |Ullstein|-Verlag eine neue Ausgabe von „Spur der Wölfe“ aufgelegt. Das Taschenbuch trägt im Gegensatz zur Hardcoverausgabe jedoch den gleichen Titel wie der Film: „Mystic River“. An diesem Fluss liegt Boston, Massachusetts.

|Der Autor|

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten sind „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ und [„Shutter Island“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150 „Mystic River“ ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|.

_Handlung_

Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.

Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel „The Flats“, das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der „besseren Leute“, The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.

Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point – er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Halbwaise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy hängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.

Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.

Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus‘ 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.

Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.

Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.

Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave – Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.

Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris‘ Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um – was? – zu vergessen?

Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.

_Mein Eindruck_

Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.

Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, so als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich – natürlich in seinen schizophrenen Albträumen – und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.

Die Bedeutung des Milieus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen „Helden“ empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt? Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in wenigen Tagen gelesen. Die Handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet – war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder waren es Mutwillen und Willkür?

„Mystic River“, so hat die amerikanische Kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerding wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht – keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch „Die Gangs von New York“ von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde. Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren – ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.

|Originaltitel: Mystic River, 2001
Übersetzung: Andrea Fischer|

Brust, Steven – Teckla

_Action: Der Attentäter als Konterrevolutionär_

Die Bauern und Proleten proben den Aufstand. In ihrem Viertel Süd-Adhrilanka werden Barrikaden errichtet. Und Vlads Angetraute Cawti beteiligt sich an diesen Machenschaften. Kein Wunder, dass Vlads Nerven Trampolin spielen. Denn er weiß: Es wird Blut fließen. Die Frage ist nur: Wessen wird es sein?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Dynastien aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Sie erlangen nach einer genau festgelegten Reihenfolge die Staatsmacht, um sie nach einer bestimmten Zeit wieder zu verlieren. Diese Abfolge des so genannten „Zyklus“, die in einer Art Merkvers (abgedruckt am Buchanfang) festgehalten ist, bestimmt das Schicksal der Welt. Dennoch versuchen die einzelnen Häuser, ihre Macht auszubauen.

Jedes Haus und jede Dynastie hat sich das Wappen und den Namen eines Tieres ihres Planeten zugelegt, und dessen Eigenschaften sind auf das Haus selbst übergegangen. (Liste siehe Schluss.) Der Jhereg-Clan, der Vlad Taltos aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht ein wenig außerhalb der Clan-Hierarchie. Dennoch: „Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“ (Brust)

Die kriegerischen Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Im Viertel Süd-Adhrilanka proben die Tecklas und Ostländer den Aufstand. Tecklas sind in der Hierarchie der Stände auf Dragaera so etwas wie Bauern und Pächter, Ostländer sind meist Proletarier. Zwei Männer, Kelly und Franz, leiten den Aufstand und „indoktrinieren die Massen“, wie Karl Marx und Friedrich Engels so schön sagen würden. Ihre Sache, der Kampf um mehr Rechte, hat durchaus etwas für sich. Leider kommen sie damit etlichen Leuten in die Quere. Unter anderem auch der Unterwelt, dem Jhereg.

Einer der Unterweltbosse, Herth, lässt Franz umlegen. Zunächst wurde Vlad Taltos dieser Job angeboten, aber der lehnte ab. Einen Ostländer-Landsmann umlegen? Kommt nicht in Frage. Später erscheint ihm Franz als Geist. Ein Zauberer zu sein, hat auch seine Nachteile.

Ernst nimmt Vlad den ganzen Aufstand sowieso erst, als seine Frau Cawti sich den Aufständischen anschließt und ebenfalls zu agitieren beginnt. Er fürchtet um ihr Leben, wenn der Jhereg zuschlägt und obendrein das Imperium für Ruhe sorgen will, indem es seine Phönixwachen ins Viertel schickt, um Kelly festzunehmen. Kelly ist schlau und bricht keine blutige Revolution vom Zaun. Er wartet darauf, dass sich andere Städte seiner Bewegung anschließen. Etwas frustriert findet Vlad heraus, dass Cawti seine Bemühungen überhaupt nicht konstruktiv findet. Schließlich zieht sie aus.

Indem sich Vlad eingemischt hat, geriet er in die Schusslinie des Jhereg-Bosses Herth. Der ist ebenso ein Zauberer wie Vlad selbst und nimmt ihn schwer in die Mangel. Nur die Tecklas und Cawti befreien ihn. Diese Demütigung kann Vlad nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem er sich bei seinem Großvater über die Geschichte der Aufstände in Adhrilanka erkundigt hat, fädelt er einen ebenso ausgetüftelten wie gewagten Plan ein, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Allerdings weiß er auch, dass Herth einen Attentäter auf ihn angesetzt hat.

_Mein Eindruck_

„Teckla“ ist wieder so ein Roman wie „Taltos“: Es braucht ziemlich lange, bis der Plot in die Gänge kommt. Nach einem viel versprechenden Auftakt von etwa 50 bis 70 Seiten beginnt der Plot nur noch um sich selbst zu kreisen. Das ist Vlads Aufklärungsphase und die Zeit des Waffenstillstands. Fast 130 Seiten Stillstand – mit einem kleinen Intermezzo in Herths Folterkammer – strapazieren den Geduldsfaden des Lesers bis zum Zerreißen. Endlich, um die Seite 200 herum, kristallisiert sich Vlads genialer Plan heraus, der denn auch zu einem guten Ende führt. Es bleiben nur wenige Leichen auf der Strecke.

Der Roman hätte sich also actionmäßig auf 120 Seiten erzählen lassen: eine Novelle. Das war er vielleicht auch ursprünglich, denn es ist bekannte Praxis amerikanischer Autoren, zuerst eine Kurzfassung zu veröffentlichen – etwa für Anthologien und Taschenbuchmagazine – bevor sie sie zu einem Roman von wenigstens 300 Seiten ausbauen. Der Dumme ist jedoch der Leser: Er hat zwischen Auftakt und Finale eine Durststrecke zu überwinden. So auch in „Teckla“.

Thematisch gibt die Story durchaus etwas her: Vlads seriokomische „Behandlung“ des Phänomens der Revolution durch das Proletariat (genauer: ihre Vereitelung). Die Kritik der aristokratisch dominierten Stände-Hierarchie auf Dragaera. Das Zerreißen persönlicher und persönlichster Beziehungen wie etwa auch Vlads Ehe. Die historische Dimension der Aufstände, die bis in Vlads Familiengeschichte hineinreicht: Vlads Opa ist einmal Kampfgenosse Kellys gewesen.

Am interessantesten ist der Konflikt, in den Kellys Strategie Leute wie Vlad stürzt: Vlad muss sich entscheiden, auf welcher Seite er als a) Ostländer (Nicht-Dragaeraner), b) Jhereg und c) Edelmann und Hexer steht. Es gibt hierzu ein ausgezeichnetes Streitgespräch mit Kelly. Und es sieht nicht so aus, als würde Vlad dabei eine gute Figur machen.

Das alles hat durchaus etwas für sich, und der Autor schneidet das alles auch an. Er schafft es aber nicht, es in einen Spannungsbogen einzubinden, der den Leser bei der Stange hält. Vielleicht sind Revolutionen ja immer so langweilig, von nahem betrachtet. Erst als Vlad seinen Plan der Konterrevolution in die Tat umsetzt, ohne dem Leser allzu viel darüber zu verraten, kommt (wieder) Spannung auf.

_Unterm Strich_

Dramaturgisch gesehen ist dieser Schlussband der ersten Taltos-Trilogie der schwächste. An intellektuellem Gehalt ist er jedoch der ausgereifteste. Je nachdem, ob man nun auf Spannung Wert legt – wie ich etwa – oder auf die Aufarbeitung des Themas Revolution – finde ich auch nicht übel -, so wird man den Roman verwerfen oder willkommen heißen. Daher gibt es meinerseits entsprechende Abstriche beim Gesamteindruck. Begründung siehe oben.

Der Autor ist ungarischer Abstammung und stolz darauf. 1956 probten die Ungarn den Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer ihres Landes. Bekanntlich scheiterten sie damit. Die Frage ist also berechtigt, ob Brust mit „Teckla“ dieses Ereignis für sich verarbeitet hat. Anders als in der Geschichte geht Kellys Aufstand unblutig – nun ja, relativ unblutig zu Ende.

Die Übertragung ist Olaf Schenk wieder einmal ganz ausgezeichnet gelungen. Er setzt auch den leicht schnoddrigen Ton und die halb ernst, halb ironisch gemeinten Bemerkungen und Äußerungen eins zu eins um. Das zeugt von hervorragendem Sprachgefühl.

_Autor und Werke_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

_Die Liste der siebzehn Tierarten des Zyklus_
(Angaben von Steven Brust):

DRAGONS – stehen für KRIEG. Große Reptilien, die kein Feuer speien. Zu erkennen an den Tentakeln, mit denen sie übersinnliche Eindrücke aufnehmen.

LYORNS – Stehen für TRADITION. Sehen wie mittelgroße Hunde mit goldenem Fell aus, nur haben sie mitten auf der Stirn ein Horn.

TIASSAS – stehen für Beschleunigung und INSPIRATION. Große Panther mit fledermausartigen Flügeln.

HAWKS – stehen für NEUGIERDE. Alles vom Hühnerhabicht bis zum Adler.

DZURS – stehen für HELDENTUM. Große schwarze Tiger.

ISSOLAS – stehen für Etikette und ÜBERRASCHUNG. Leicht storchenhaft, nur dunkler und mit spitzerem Schnabel.

TSALMOTHS – bekannt für Unvorhersagbarkeit und AUSDAUER. Baumbewohnende Schildkröten.

VALLISTAS – stehen für AUFBAU und ABRISS. Amphibische Kreaturen, die an Strömen und Teichen leben.

JHEREGS – stehen für KORRUPTION. Kleine giftige Flugreptilien, die sich von Aas ernähren.

IORICHS – stehen für Gerechtigkeit und STRAFE. Große, langsame Flussreptilien, Pflanzenfresser. Gedächtnis wie ein Nashorn und Elefant, sehr nachtragend.

CHREOTHAS – stehen für die FALLE. Große fuchsartige Tiere, die mit Hilfe ihres Speichels Netze bauen, die stark genug sind, um Dzurs und manchmal auch einen Dragon zu verstricken.

YENDIS – stehen für HEIMTÜCKE und Irreführung. In Wüsten lebende Sandschlangen. Ihr Biss ist so leicht, dass kaum ein Tier bzw. Mensch ihn bemerkt, bis das Opfer wenige Minuten bis eine Stunde später zusammenbricht.

ORCAS – Unternehmensgeist und die gewalttätige Seite des Geschäftemachens.

TECKLAS – stehen für FEIGHEIT und Fruchtbarkeit. Kleine Feldmäuse aus den Salzmarschen.

JHEGAALAS – stehen für METAMORPHOSE. Leben in Sümpfen, erst als Eier, dann als Motten und schließlich als große Kröten.

ATHYRAS – das Haus der MAGIE. Eulenartige Vögel. Senden telepathische Signale aus, die ihre Beute anlocken oder Menschen in Furcht versetzen.

PHÖNIX – steht für Dekadenz und WIEDERGEBURT.

„Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“

Bishop, Michael – Graph Geigers Blues

_Des Kulturkritikers schlimmster Albtraum_

Xavier Thaxton ist ein vermögender Kulturkritiker bei einer Zeitung in der aufstrebenden Südstaaten-Stadt Salonika, der Metropole von Oconee, einem vom Autor erfundenen US-Staat. Xavier steht auf deutsche Klassikmusik und zitiert Nietzsche aus dem Effeff. Im Gegensatz zu seinen Redaktionskollegen verabscheut er Baseball, Comics und Popkultur, also die amerikanischen Vergnügungen. Kein Wunder, dass Xavier machmal schief angesehen wird. Als er seinen pubertierenden Neffen Mkhail, genannt El Mick, bei sich aufnimmt, wird sein Geschmacksempfinden auf eine harte Probe gestellt: El Mick steht auf Punk, Comics und zerfetzte Jeans.

Doch dann begeht er einen Fehler. Um Nietzsches Natur nah zu sein, badet er in einem einsamen, klar erscheinenden Bergsee. Wie sich später herausstellt, lagerten auf dessen Grund radioaktive Abfälle. Schon nach wenigen Monaten verändert sich Xaviers Gesundheitszustand auf dramatische Weise, und seine ebenso vermögende, doch weniger geschmackvolle Geliebte Bari, eine Designerin, beginnt sich ernsthaft Sorgen um Xavier zu machen, denn Xavier leidet unter dem, was er das „Philistersyndrom“ zu nennen beginnt: Bei guter Kultur wird ihm speiübel. Nur noch in den Niederungen der Kultur fühlt er sich behaglich, seinen Neffen an der Seite.

Schon bald begleitet er seinen Neffen zur Premiere neuer Comic-Figuren. Hier begegnet er seiner künftigen Verkörperung: Graph Geiger, der Kämpfer gegen Verbrecher und Umweltsünder, angetan mit schimmerndem Cape und Kapuze. Xavier besorgt sich die Glitzerkluft, und schon geht’s ihm besser. Es geht ihm so gut, dass er einen Mordanschlag überlebt. Sein Aufstieg als heldenhafte Geiger-Inkarnation ist nicht aufzuhalten.

Doch alles hat einmal ein Ende. Und so entwickelt sich die Geschichte sowohl zu einem Krimi – wer ist für das Verklappen von Atommüll in Bergseen verantwortlich – und zur Rührstory: Xavier schenkt sein schützendes Cape einem Rauschgiftopfer, das danach gesundet. Doch Xavier als Jesusverschnitt hat keine Chance: Binnen weniger Tage verfällt er und siecht dahin.

Xaviers Geschichte ist eine schwarze Komödie, eine Satire reinsten Wassers. Daran lässt Michael Bishop, der Autor des preisgekrönten Baseball-&-Frankenstein-Romans „Brüchige Siege“, keinen Zweifel aufkommen. Folglich sollte man die seltsamen Begebenheiten darin nicht allzu ernst nehmen, doch leider bleibt dem Leser stellenweise durchaus das Lachen im Halse stecken.

Sehr ironisch ist die gegenläufige Entwicklung von Xavier und El Mick. Xavier steigt in die Niederungen hinab und wird dafür mit Heldenstatus belohnt. Mikhail gibt seinen Nihilismus und Anarchismus auf und legt dafür einen guten Schulabschluss hin, findet am Ende sogar seinen gestorbenen Onkel einen „guten Kerl“. Das Dreieck komplettiert die undurchsichtige Bari, die Xavier zunächst verlässt, weil er sich auf seinen Heldentum etwas einbildet, dann aber zurückkehrt und ihn gar am Ende heiratet, als er seinem Beinahe-Mörder verzeiht und abzukratzen beginnt. Bari bietet also eine moralische Zensur der besonderen Sorte.

Diese Geschichte ist eines John Irving durchaus würdig. Bishop erzählt gebildet von den menschlich-allzumenschlichen Seiten seiner Figuren und Settings. Es ist geradezu eine Lust, seinen witzigen Formulierungen zu folgen: Sie tilgen durch ihre Ironie jeden Ansatz zu Klischeehaftigkeit und Rührseligkeit einer Seifenoper. Der deutsche Übersetzer bringt diesen Ton kongenial ins Deutsche herüber.

|Originaltitel: Count Geigers Blues, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Windgassen|

DBC Pierre – Jesus von Texas

Eigentlich hätte DBC Pierre ein Buch wie „Jesus von Texas“ gar nicht nötig gehabt. Wozu sich Geschichten ausdenken, wenn man eine Vita wie dieser Mann hat? Angeschossen, hoch verschuldet, ehemals drogen- und spielsüchtig, nach einem Unfall mit chirurgisch wiederhergestelltem Gesicht und Stationen als Filmemacher, Schatzjäger, Schmuggler und Grafiker. Zweifelsohne hätte eine Autobiographie hier ihren Reiz. Doch auch „Jesus von Texas“ hat seinen Reiz und dafür hat der Autor nicht ohne Grund 2003 den Booker-Preis verliehen bekommen.

_Shit happened_

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Hearn, Lian – Glanz des Mondes, Der (Der Clan der Otori Band 3)

Da ist er nun auch schon, der letzte Band um den Otori-Krieger Takeo von Lian Hearn. Nach dem beeindruckenden ersten Buch „Das Schwert in der Stille“ und dem ebenbürtigen, spannungsvollen Nachfolger [„Der Pfad im Schnee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=968 findet die dramatische Fantasy-Geschichte aus dem mittelalterlichen Asien hier ihr Ende, und wie schon bei den Vorgänger-Bänden lässt Hearn die Tragik der gesamten Handlung auch dieses Mal nicht außen vor. Im Gegenteil; es geht um ein finales Gefecht, um die entscheidende Schlacht, aber auch um die große, endlich vereinte Liebe mit all ihren Emotionen, aber eben auch mit all ihrer Trauer.

_Story:_

Endlich sind Takeo und Kaede vereint und können ihre lang anhaltende Liebe mit ihrer Hochzeit besiegeln. Doch in den Genuss ihres Familienglücks kommen sie nur für kurze Zeit, denn der Clan, der gegen diese Vermählung war, lässt ihnen keine ruhige Minute. Die Otori-Lords erkennen den Herrschaftsanspruch des jungen Kriegers nicht an und bereiten sich daher auf den Kampf gegen den Träger des legendären Schwertes Jato vor. Takeo stellt sich diesem Kampf und versammelt seine zahlreichen Anhänger um sich. Verbündet ziehen die Männer in den Kampf: für Gerechtigkeit, für Frieden im Land der Lords, für das Ende der Schreckensherrschaft des Clans und schlussendlich für den inneren Seelenfrieden, für die Liebe ihres Anführers zu der hübschen Gemahlin Kaede.

Doch bevor es überhaupt zur endgültigen Schlacht kommen kann, müssen die Krieger auf ihrem Weg in das von Feinden belagerte Land der verstorbenen Lady Maruyama einige harte Prüfungen bestehen und sich gegen die am Wegesrand lauernden Gefahren durchsetzen. Stets muss Takeo sich vor seinen Gegnern fürchten, denn die Schergen des Clans wollen nur eines: seinen sofortigen Tod und das Ende seines Freiheitskampfes.

Die Liebe zwischen Kaede und Takeo wird dabei erneut auf eine harte Probe gestellt, denn ihre Wege trennen sich sehr bald wieder. Doch ihre feste Entschlossenheit, ihr Mut, sich gegen das Böse durchzusetzen und damit auch für das gleiche Ziel zu kämpfen, bleibt ihr dauernder Antrieb, sich ihrer Verpflichtung zu stellen. Und nur so kann Takeos Prophezeihung, dass sich das Land unter ihm von Meer zu Meer in Frieden erstrecken wird, in Erfüllung gehen. Doch bis dahin haben der junge Kämpfer und seine Gattin noch einen langen, steinigen Weg zu bewältigen …

_Eindrücke:_

Wie nicht anders zu erwarten war, so ist auch „Der Glanz des Mondes“ ein unheimlich faszinierendes Werk geworden und in diesem Maße dann auch ein mehr als würdiger Abschluss dieser Trilogie. Trotzdem kann es im direkten Vergleich zu den beiden anderen Bänden nicht ganz mithalten, weil Hearn in diesem letzten, düstersten Teil nicht so ausschmückend und weitschweifig erzählt, wie man dies bislang gewohnt war. Es passiert in kürzester Zeit eine ganze Menge, und besonders im mittleren Teil des Buches, wo Hearn das Erzähltempo mächtig anzieht, fehlt ein wenig diese stille Romantik des ersten Teils, die ich aus heutiger Sicht immer noch am meisten bewundere.

Nichtsdestotrotz ist auch die Geschichte des dritten Buches einfach nur toll. Lian Hearn glänzt durch eine weit reichende Phantasie, Ideenreichtum im Bezug auf die verschiedenen Wendungen innerhalb der Handlung und einen erneut wunderschönen, wenngleich auch nicht mehr so detailverliebten Stil, der besonders den heimlichen Romantikern unter den Lesern sehr zusagen sollte.

Das Schöne dabei ist letztendlich, dass man nie so richtig ahnt, wie die Geschichte letztlich enden könnte, denn dort wo man zunächst denkt, die Auflösung des Ganzen zu kennen, ändert sich urplötzlich der Handlungsstrang und man steht wieder |tabula rasa| da. So bleibt das Buch immerfort auf dem Höhepunkt, und in dem Moment, in dem die finale Klimax abklingt, hat man auch schon die letzte Seite erreicht. Ist das nicht eine traumhafte Bestätigung für die Verfasserin?

Natürlich muss man die ersten beiden Otori-Bücher gelesen haben, um die Geschichte in ganzem Umfang zu verstehen, aber wenn dies bereits geschehen ist, wird man sich schnell in diesem Buch zurechtfinden und sich erneut in die Geschichte um Takeo und Kaede verlieben. Trotz ein paar hektischer Momente ist auch „Der Glanz des Mondes“ ein Traum von einem Buch und im Dreierpack mit den anderen beiden Bänden mein persönlicher Lesetipp im Bereich der nicht-standesgemäßen Fantasy.

Als Letztes noch ein kurzer Hinweis für diejenigen, die bereits länger vom Otori-Fieber gepackt wurden: Derzeit wird der erste Teil der Reihe in den Staaten verfilmt. Die Geschichte ist also doch noch nicht zu Ende …

http://www.otori.de/

Brown, Dan – Meteor

Ein neuer NASA-Satellit hat unter dem Eis der Arktis ein großes Objekt entdeckt. Rachel Sexton und andere Zivilisten werden auf Bitten des US-Präsidenten eingeflogen, um die Echtheit des Fundes zu bestätigen. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Felsbrocken a) um einen Meteoriten handelt und b) dass darin außerirdische Lebensformen als Fossilien eingeschlossen wurden. Die Begeisterung der Wissenschaftler ist ebenso so groß wie bei den NASA-Mitarbeitern. Der Präsident wird mit dieser Sensation sowohl die NASA retten als auch seinen Wahlkampf gewinnen.

Doch als der riesige Felsen gehoben ist und die Sektkorken knallen, macht einer der Wissnschaftler in dem nun offenen Schacht im Gletscher eine sehr beunruhigende Entdeckung. Doch keine Sorge, Mister President – der Mann befindet sich bereits im Visier einer gut bewaffneten Truppe, die dafür sorgt, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt derzeit an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

|Dan Brown bei Buchwurm.info:|
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687 (Hörbuch)
[Sakrileg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1064
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1115 (Hörbuch)

_Handlung_

PROLOG.

Der kanadische Geologe Charles Brophy hätte sich nicht träumen lassen, dass ihn in der endlosen Leere der arktischen Eiswüste bewaffnete Männer gefangen nehmen, an Bord eines Flugzeugs entführen und ihn dann mitsamt seines Hundegespanns aus ebendiesem Flieger stoßen würden …

HAUPTHANDLUNG.

Rachel Sexton ist die Tochter des wichtigsten Wettbewerbers bei den US-Präsidentschaftswahlen. Senator Sedgewick Sexton (er liebt die Alliteration) jedoch ist ein egoistischer Rabenvater, der bei seinem Rennen um die Präsidentschaft über Leichen geht. Er ist der schärfste Gegner der NASA, die seiner Ansicht nur Steuergelder verschleudert, die man dringend für Schulen benötigt. Seine Tochter geht ihm vorsichtshalber lieber aus dem Weg.

Rachels Ersatzvater ist William Pickering, der Direktor des National Reconnaissance Office (NRO), einer weltweit tätigen Regierungsbehörde, die sich der Sicherung der nationalen Sicherheit durch Informationsbeschaffung und -auswertung widmet. Rachel ist eine seiner intelligentesten Mitarbeiterinnen, und er ist ein aufrechter Streiter für die Gerechtigkeit und das Wohl der Nation. Denkt sie.

Während Rachel an Bord eines militärischen Düsenjets Richtung Nordpol jagt, fragt sie sich ernsthaft, warum sie sich nur vom US-Präsident Zach Herney hat breitschlagen lassen, auf diese Wahnsinnsmission zu gehen. Die F-16 landet mitten auf einem Gletscher bei Ellesmere Island, und – hol’s der Teufel! – der leibhaftige Administrator der Raumfahrtbehörde NASA holt sie ab. Nicht ganz freiwillig: Der Präsident hat ihn dazu gezwungen. Schließlich ist Rachel die Tochter seines schärfsten Kritikers.

Nach einem Spießrutenlaufen der Begrüßungen darf Rachel endlich einen Blick auf das werfen, worum es ihr am Ende der Welt eigentlich geht. Unter 65 Metern Gletschereis liegt ein Felsblock, der angeblich vor rund 300 Jahren als Meterorit aus den Weiten des Alls und hier auf die Erde stürzte. Was ihr die anderen zivilen Wissenschaftler – Eis-, Stein-, Ozean- und Erdgeschichtsforscher – berichten, ist ziemlich unglaublich. In dem Meteoriten sind Fossilien einer außeridischen Spezies eingeschlossen. E.T. ist eine Laus.

Die Eisforscherin Norah leitet die Hebung des Felsens aus dem Eis, denn sie ist auf eine geniale Idee gekommen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Man erhitzt den Brocken per Laserstrahl, bis das Eis darüber schmilzt und zieht dann kräftig nach oben. Dauert zwar ein Weilchen, aber es funktioniert. Schon bald kann der Ozeanforscher Michael Tolland, durch seine Dokuserie ein Fernsehstar, seine Kameras darauf richten.

Jetzt schlägt Rachels Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die Beweise zusammenzufügen und der versammelten Belegschaft des Weißen Hauses klarzumachen, dass es sich tatsächlich um einen Stein von den Sternen mit einer fremden Lebensform handelt. Tollands Doku dient nur als Illustration. Gesagt, getan. Und wenige Stunden später wird der Präsident der Nation diesen enormen Fund verkünden. Die NASA hat ihre Existenzberechtigung: Ihr neuer Polarbeobachtungssatellit war es, der den Felsen gefunden hat. Senator Sexton hätte ausgespielt. Herneys Wiederwahl wäre gesichert.

Was aber Rachel und ihre zivilen Kollegen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie alle werden scharf von jener Truppe bewaffneter Männer beobachtet, die auch den kanadischen Geologen eliminiert hat. Und als sich der Paläontologe über das Leuchten von Plankton in dem freigelegten Eisschacht wundert (was hat Salzwasserplankton in Süßwasser zu suchen?), ist es an der Zeit, dass das Spezialkommando dafür sorgt, dass die kommende Botschaft des Präsidenten in keiner Weise gefährdet wird.

Aber damit fangen die Probleme für Rachel natürlich erst an.

_Mein Eindruck_

Dieser Thriller ist schon ein verdammt clever erzähltes Stück Spannungsliteratur, und die kurzen Kapitelchen lassen den Leser durch deren reichlich eingesetzten Cliffhanger-Schluss rasch weiterblättern. Vordergründig geht es in der Story darum, wer der nächste US-Präsident wird: der Amtsinhaber Herney oder sein Herausforderer Sexton. Und in der Tat spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Organisationen eine abwechslungsreiche Hälfte der Handlung ab. Gabrielle Ashe, die junge engagierte Wahlhelferin Sextons, sieht sich bald mitten in einem Minenfeld, das zur Kampfzone geworden ist. Hier wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Willkommen in Washington, D.C.!

Aber das ist, wie gesagt, eben nur die eine Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte fokussiert sich auf das Geschehen um Rachel und ihre Wissenschaftskollegen. Sie decken die ungeheuerliche Täuschung auf, die der Meteorit darstellt – und werden doch selbst laufend hinters Licht geführt. Und selbst dann, wenn der Leser meint, er habe den richtigen Drahtzieher schon lange vor Rachel identifiziert, versetzt ihm der Autor einen regelrechten Schock, indem er jemand anderen als Marionettenspieler enthüllt.

Die Story im Hintergrund dreht sich um die Existenzberechtigung der NASA und die Frage, warum sie und die Regierung es nicht zulassen, dass die private Industrie sich am Raumfahrtprogramm der USA beteiligt. Angesichts fast leerer Kassen, zahlreicher Misserfolge und eines andauernden Sicherheitsproblems der Behörde (brisante Luftaufnahmen werden von Hackern gestohlen und an fremde Geheimdienste verscherbelt) gehört die marode Behörde nach Ansicht Senator Sextons schon längst liquidiert – oder zumindest den anderen militärischen Sicherheitsbehörden wie der NRO gleichgestellt, wie William Pickering meint.

|Die Figuren|

Die Figuren sind nur sehr spärlich mit einer Charakterisierung und Psychologie ausgestattet, schließlich soll sich der Leser mit ihnen halbwegs identifizieren können und nicht zu sehr von ihnen provoziert werden. Die Intelligenzbestie Rachel, Mitte 30, hatte beispielsweise als Kind ein traumatisches Erlebnis, als sie im Eis eines Flusses einbrach. Seitdem fürchtet sie sich vor Wasser und Eis – und beides gibt es in der Aktis im Überfluss. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was sie im dramatischen Finale erleben wird.

Sie knüpft zarte Bande zum Ozeanforscher Mike Tolland, dem gutaussehenden Naturburschen, der aber auch Köpfchen hat. Er trauert seit rund einem Jahrzehnt seiner großen Liebe Celia nach, die durch eine tödliche Krankheit aus seinen liebenden Armen gerissen wurde. Seitdem lebt er wie ein Mönch, der sich nur seiner Arbeit widmet. Eine Beziehung zu Rachel könnte ihm quasi seelisch das Leben retten. Daumen drücken!

Astrophysiker Corky Marlinson ist das junge Genie, das nie erwachsen geworden ist. Er hat keine Manieren, redet wie ein Student mit losem Mundwerk und hat keinen Schlag bei den Frauen. Armer Corky – er wird immer die komische Figur abgeben, neben der das Traumpaar Rachel und Michael wie die Verkörperung der Zukunft aussieht.

Die Nebenfiguren verfügen zwar auch über eine Charakterisierung, doch ihre Psychologie ist noch holzschnittartiger als die der Hauptfiguren. Und wenn man es genau betrachtet, dienen sie hauptsächlich dazu, Informationen auszutauschen, aufzufinden, zu verhökern, damit zu drohen oder sonstwas damit zu machen. Denn in in der Hauptstadt der USA ist Information Macht, denn die Medien kreisen hier wie die Aasgeier auf der Suche nach neuen Opfern und Storys.

Und im Hintergrund zieht unerkannt der „Controller“ die Fäden. Seine Spezialtruppe ist sein verlängerter Arm, und so hat er praktisch stets den Finger am Abzug einer Waffe. Natürlich wird erst kurz vor Schluss seine wahre Identität enthüllt – ein echter Knalleffekt.

|Schwächen|

Diese Überraschung stellt sich aber im Nachhinein als ein großes Problem heraus, denn die Plausibilität des Verhaltens dieser Figur ist durch die 180°-Kehrtwendung schwer beeinträchtigt. Wenn diese Figur die NASA aus persönlichen Gründen hasst, warum soll die NASA dann mit Hilfe der Meteor-Täuschung davor bewahrt werden, durch einen Präsidenten namens Sexton demontiert zu werden? Irgendwie ist das nicht ganz schlüssig. Kein Wunder, dass diese Figur am Schluss nichts mehr zu sagen hat und lediglich als Zuschauer fungiert.

Auch die anderen Figuren dienen nicht dazu, die Bedingungen der menschlichen Existenz auszuloten, sondern ein Machtspiel zu enthüllen, das ziemlich fies eingefädelt ist. Dabei steht der US-Präsident stets mit weißer Weste da – so viel Patriotismus muss der Autor schon beweisen, sonst gibt’s Haue von der Leserschaft. Kein Gedanke an das, was Nixon getan hat. Nein, der Präsi ist das unschuldige Opfer seiner Berater und Behördendirektoren. Die kloppen sich denn auch ständig wie kleine Kinder, bis Papi ein Machtwort spricht.

Dass Tolland im Finale versucht, eine Maschinenpistole abzufeuern, von der er ganz genau weiß, dass ihr Magazin kurz zuvor leer geschossen wurde, ist natürlich eine ziemliche dämliche Sache. Sein unplausibles Verhalten dient lediglich dazu, auch dem dümmsten Leser klarzumachen, dass die Maschinenpistole wirklich nutzlos und der Held folglich wehrlos ist. Es sei denn, ihm fallen noch ein paar Tricks ein. Was dann ja auch erfolgt. James Bond, bitte abdanken!

Auch Michael Crichton sollte abdanken, denn in Browns Thriller steht die Wissenschaft als Beschaffer kritischer Informationen, die die Wahlen entscheiden können, im Vordergrund. Und dies ist ja bekanntlich Crichtons Spielweise. Sie war es zumindest bis vor wenigen Jahren. Und so ziehen sich die Diskussionen zwischen Rachel, Tolland und Marlinson über Seiten auf ermüdende Weise hin.

Immerhin ergibt sich aus dem Gelaber die Notwendigkeit, Tollands Schiff anzusteuern statt blindlings in die Falle des Controllers zu laufen. Das Schiff erweist sich in seiner eigentümlichen Struktur und Platzierung als idealer Schauplatz für das dramatische Finale.

_Unterm Strich_

Der Angelsachse nennt solche spannenden Romane halb ironisch „unputdownable“. Und so erging es auch mir im letzten Drittel: Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sondern musste unbedingt erfahren, wie die Sache für Rachel & Co. ausgeht. Trotz der vor überraschenden Wendungen strotzenden Handlung fielen mir die oben aufgeführten Schwächen praktisch auf jeder Seite auf. Der Sinngehalt des Buches ist denkbar gering, und was der Leser an Erkenntnissen mit nach Hause nimmt, lässt sich in einem Fingerhut sammeln. Aber wenigstens hat man sich gut dabei unterhalten. Genauso gut könnte man aber auch in einen Bond-Krimi oder einen Star-Wars-Film gehen. Der Eintrittspreis ist ungefähr der gleiche.

Die deutsche Übersetzung lässt sich leicht lesen: kurze Sätze, nicht allzu anstrengendes Vokabular, übersichtliche Handlungszusammenhänge. Die einzige Sache, die das Lesen anspruchsvoll macht, ist der wissenschaftlich-technische Jargon. Der Autor selbst beleuchtet diesen wissenschaftlichen Kauderwelsch mehrmals auf komisch-ironische Weise, so etwa dann, wenn Corky, der Clown im Buch, solche Bildungstrümmer benutzt. Doch wenn es um neuartige Waffen geht, kennt Browns ernst gemeinte Begeisterung leider keine Grenzen. Die Beschäftigung mit Kunstwerken und verstaubten Dokumenten, die er in „Sakrileg“ zeigte, ist da doch wesentlich unverfänglicher. Und er kommt Michael Crichton nicht mehr ins Gehege.

|Originaltitel: Deception Point, 2001
Übersetzung von Peter A. Schmidt|

Brust, Steven – Yendi

_Action-Fantasy mit Witz und Erotik_

Jemand will Vlad Taltos ans Leder. Aber das ist ja nichts Neues. Vlad lebt als Mitglied der Unterwelt stets gefährlich. Und wenn er doch mal getötet wird, besteht in Adrilankha die Möglichkeit der magischen Wiederbelebung. Leider hat er es diesmal mit einem Konkurrenten zu tun, der Leute auf seiner Seite hat, die auch dies verhindern können …

Dies ist der dritte Roman mit Abenteuern des Jhereg-Gangsters Vlad Taltos.

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Eine schwere Zeit ist für den rechtschaffenen Attentäter Vlad angebrochen: Es herrscht Krieg. Nicht so einer mit Soldaten, sondern Krieg zwischen konkurrierenden Unterweltfirmen im Zentrum Adrilankhas. Da hat doch tatsächlich ein gewisser Laris seinem Untergebenen erlaubt, eines von Vlads Lokalen zu überfallen und zu übernehmen. Vlad ist auf Verhandlung bedacht – man muss sich ja nicht gleich umbringen – und trifft sich mit diesem Laris. Man trifft eine nette Vereinbarung, doch danach ist für Vlad der Fall klar: Es gibt Krieg.

Der tödliche Schlagabtausch geht eine Zeit lang hin und her. Nach einer Weile gehen Vlad die Mittel aus, und er erbittet von Dragon Morrolan (vgl. „Hintergrund“) eine erkleckliche Summe, die er auch erhält. Sofort eskaliert der Kampf in die nächsthöhere Stufe: Einsatz von Magie. Schutzzauber, Vernichtungszauber – es geht wieder einmal wild zu.

Leider hat Vlad Pech. Schon wähnt er sich als Sieger eines erfolgreichen Tages, als er kurz vor seinem Hauptquartier kalt erwischt wird: Zwei seiner Leibwächter haben ihn verraten, doch das merkt er zu spät. Auch Morrolan und Aliera teleportieren um Sekundenbruchteile zu spät an den Ort des Desasters. Zwei fremde Kämpferinnen machen Vlad und seinen verbliebenen Leibwächtern nieder. Vlad gibt den Löffel ab.

Nun sieht es gar nicht gut aus: weder für den Helden dieser Geschichte noch für den Fortgang dieser Geschichte überhaupt. Doch um herauszubekommen, wer es Laris ermöglicht hat, Vlads Truppe ratzfatz auszuschalten und welche fiese Absicht dahintersteckt, ist es dringend nötig, Vlad wiederzubeleben.

Ob und wie das gelingt und ob er Folgenschäden davonträgt, darf ich euch nicht verraten.

_Mein Eindruck_

In „Jhereg“ war Steven Brust ein furioser Start auf dem deutschen Buchmarkt gelungen. Er stellte seinen Helden als eine Art James Bond der Unterwelt vor. Zumindest hatte Vlad Stil. In „Taltos“ entführte er den Leser allerdings ins Reich des Todes, und das war denn doch reichlich metaphysisch.

Mit „Yendi“, benannt nach einem weiteren Dragaera-Clan, der für Intrigen berüchtigt ist, gewinnt Brust den leser zurück. Die Action geht ab wie eine Rakete, und Ironie und trockenster Humor machen das Lesen der abstrusen Abenteuer Vlads zu einem Vergnügen.

Relativ bizarr sind wie immer die Auswirkungen von dragaeranischen Eigenheiten wie psionische Kommunikation (= abhörsicheres Gedankentelefon ohne Vermittlung), Wiederbelebung gegen harte Währung (meistens rechtzeitig), Teleportation (gaaanz wichtig, führt aber zu massiven Magenbeschwerden) und magische Waffen. Morganti-Schwerter wie „Schwarzstab“ verhindern die Wiederbelebung.

Als wäre es noch nicht genung, dass sich Vlad mit unfähigen Dösköppen von Leibwächtern herumschlagen muss, verliebt er sich auch noch in eine fetzige Ostländerin namens Cawti, die ihm eigentlich ans Leben wollte. Nun ja, wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr. Vlad ergibt sich widerstandslos.

Leider ist die zweite Hälfte des Romans kein ungetrübtes Vergnügen. Nachdem alle Möglichkeiten durchgefochten wurden, bleibt Vlad nur noch das scharfe Nachdenken, um herauszubekommen, was hinter dem Bandenkrieg und den Anschlägen auf sein Leben und Unternehmen steckt. Dieses Nachdenken dauert leider übermäßig lange, nämlich mehrere Dutzend Seiten. Immerhin führt es dann zu einem überraschenden Finale.

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen – was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Allerdings ist Brust fiktionale Welt vielschichtiger, besser ausgetüftelt und viel enger unserer eigenen Welt verwandt als die des Grauen Mausers. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einen spitzen Dolch im Gewande, sondern auch noch einiges in der Bluse.

|Titelbild|

Die Cover-Art der Klett-Cotta-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Yendi“ etwa zeigt eine verträumt dreinblickende Groschenromanheldin an der starken Brust ihres Helden: Stil der 40er Jahre. Von der Seite ragt ein knallrot geschminktes Lippenpaar herein, von dem Blut zu tropfen scheint. Offensichtlich wird hier mit Genreklischees gespielt. Genau wie in den Geschichten selbst (siehe die Angaben zum Autor und seiner Schreibschule).

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

Bishop, Michael – Brüchige Siege

Michael Bishop ist der Autor von „Die Einhorn-Berge“ (1988) und dem preisgekrönten Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (1982). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943.

_Handlung_

Daniel Boles ist ein Baseball-Talent-Scout. Dies ist seine Geschichte, wie er unter anderem Frankensteins Monster traf und eine Art Baseball-Krieg überlebte.

Der talentierte 17-jährige Baseballspieler Danny Boles verlässt seine Heimatstadt Tenkiller in Oklahoma, um einem Ruf zu folgen, dem Team der Highbridge Hellbenders beizutreten, einem drittklassigen Club irgendwo in Georgias Chattahoochee Valley. Doch auf der Zugfahrt wird er brutal von einem Soldaten – die USA befinden sich im Krieg mit Japanern und Deutschen – vergewaltigt und ausgeraubt. Er verliert seine Fähigkeit zu sprechen.

Der Manager der Hellbenders, von allen respektvoll „Mister JayMac“ genannt, bringt Danny in einem Zimmer mit dem hochgewachsenen Schlagmann Henry „Jumbo“ Clerval unter. Jumbo stellt sich trotz seiner furchteinflößenden Erscheinung als freundlicher, sehr gebildeter Kamerad heraus. Er bemüht sich, ein besserer Mensch zu werden und liest dazu zahlreiche Bücher. Dennoch schlägt er Bälle bis zum Mond und bringt seinem Team so manchen Homerun-Punkt. Die anderen Teammitglieder sind nichts Besonderes, außer Buck Hoey, der Danny auf dem Kieker hat und ihn mit seinem losen Maul schikaniert.

Auf Seite 300 findet Danny endlich die Wahrheit über seinen mysteriösen Zimmergenossen heraus: In einem Eskimo-Kajak entdeckt er seine Notizbücher. Es sind zum Teil die Originale derjenigen Kopien, auf die sich Mary Shelley stützte, zum Teil beschreibt Henry sein zweites Leben nach dem Tod seines Erzeugers im Polareis. Nach langen Wanderungen in der Arktis auf der Suche nach Erlösung – er hatte die Braut des Doktors getötet – kommt der unsterbliche und heimlich lebende Clerval in den Süden der USA, als hervorragender Baseballspieler. Aufgrund seiner Sprechbehinderung ist Danny genauso ein Außenseiter wie Henry; bald hängen sie zusammen wie Pech und Schwefel. Danny verliebt sich in die Krämerstochter Phoebe Pharram, deren Vater in Europa kämpft und deren Mutter mit einigen Hellbenders herumpoussiert.

Während ihrer Bemühungen, den Siegerwimpel der Chattahochee Valley League zu erringen, verlieren die Hellbenders ihren Hauptspielmacher durch einen recht bizarren Unfall auf dem Feld. Da Charlie Snow Bluter ist, helfen ihm auch keine Spritzen – er stirbt im Lazarett der nahen Airbase. Dort, am selben Tag, trifft Danny Boles seinen Peiniger aus dem Zug wieder. Er brüllt ihn an, er habe ihm seine Sprache gestohlen und solle sie ihm zurückgegeben – Danny gebärdet sich ziemlich wie ein Verrückter. Aber seine Sprechfähigkeit hat er wieder. Das Team verliert seinen Busfahrer, Darius, der, wie Danny herausfindet, der uneheliche Sohn von Mister Jaymac ist. Danny findet auch zufällig heraus, dass es Henry Clerval mit der Frau von Mr. JayMac, Giselle, treibt. Da geht’s drunter und drüber – aber es ist ja auch ein heißer Sommer!

Henrys und Dannys Ruf verbreitet sich derart, dass sie in der nächsten Saison in Philadelphia in der Oberliga spielen sollen. Schandmaul und Erzfeind Buck Hoey wird an den Konkurrenzverein Gendarmes verkauft. Das rächt sich bitter, als Hoey im Saisonfinale Danny aus Rache übel verletzt – Danny wird nie wieder Baseball spielen können! Henry rastet aus: Aus Liebe zu Danny, der im Hospital liegt, verstümmelt er Buck Hoey. Er versucht vergeblich, Miss Giselle zu retten: Nach der Nachricht, dass er nach Philadelphia gehen würde, verbrannte sie sich in seinem Kajak auf einem Teich, mitsamt seinen Notizbüchern – Rache noch im Freitod.

Wenig später, er ist untergetaucht, erfährt er, dass er wegen Mordes gesucht wird. Auf den – von den Japanern zurückeroberten – Aleuten, am Grab von Dannys gefallenem Vater, treffen sich beide Helden noch ein letztes Mal. Henry verschwindet, Doktor Frankenstein findet seine letzte Ruhe, Danny heiratet Phoebe Pharram und wird Scout für die Philadelphia-Baseball-Teams.

_Fazit_

Wer „Frankenstein“ mag, sollte mit der Fortsetzung auf ca. Seite 300 beginnen. Wer sich mit Baseball anfreunden kann, sollte am Anfang beginnen. Und wer weder das eine noch das andere ausstehen kann, sollte vielleicht den ganzen Roman als Südstaaten-Chronik lesen, die zufällig im Baseball-Milieu angesiedelt ist.

Amerikanern sind der Nationalsport Baseball und alle seine Fachausdrücke – siehe das Glossar – natürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Doch der normale Deutsche tut sich sicherlich sehr schwer damit. Hinzu kommen noch die Militärausdrücke, Hinweise aus Literatur, Politik und Kunst usw. – insgesamt 16 Seiten Anhang (ohne Fußnoten). Dies ist ziemlich lästig und erst ab Seite 300 (siehe oben) einigermaßen erträglich. Ich habe daher für die Lektüre mit entsprechenden Unterbrechungen etwa ein halbes Jahr gebraucht.

Die Erzählung selbst ist ein wunderbares Beispiel für einen detailgetreu recherchierten und wiedergegebenen Hintergrund, fein gezeichnete, lebendige Charaktere und eine halbwegs spannende Handlung. Deren Fäden bilden ein dichtes Geflecht von Beziehungen und Interaktionen. Deutlich wird der Rassismus des Südens herausgearbeitet, der auch vor Beinahe-Monstern wie Henry nicht Halt macht. Stellenweise anrührend, tragisch, aber auch oft ironisch, wirft das Buch ein Schlaglicht auf eine in der SF-Literatur sehr selten beleuchtete Ära und Sportart – ein ebenso unwahrscheinlicher Hintergrund wie das Monster, das Frankenstein, ein Schweizer Chemiker, einst schuf, und seine Geschichte.

|Originaltitel: Brittle Innings, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Hendrik P. und Marianne Linckens|

Tolkien, J. R. R. – Lord of the Rings, The

Wo soll man beginnen, wenn man mit der schier unlösbaren Aufgabe betraut wurde, ein Hörspiel von 713 Minuten zu besprechen, das dazu noch die komprimierte Fassung eines Romans von 1300 Seiten ist? Mit der Handlung? Wohl kaum, schließlich gibt es nach der Verfilmung von Peter Jackson fast niemanden mehr, der nicht zumindest eine grundlegende Ahnung davon hat, worum es in J. R. R. Tolkiens „The Lord of the Rings“ geht: Ein Hobbit, nämlich Frodo Baggins, wird – recht unfreiwillig – mit der Aufgabe betraut, den Ring Saurons zu zerstören; ein Symbol für das ultimativ Böse. Parallel dazu gibt es Schlachten, Männer auf Wanderschaft, seltsame Rassen, viele Lieder und Gedichte und so etwas wie eine Liebesgeschichte. Die Handlung braucht hier also nicht rekapituliert werden, ist sie doch auch viel zu komplex, um sie in drei Absätzen wiederzugeben.

Womit also sonst beginnen? Den technischen Daten? Die 713 Minuten Spielzeit verteilen sich auf beeindruckende 10 CDs, die in einem stilsicheren Pappschuber nach Hause kommen. Dazu gibt es ein kleines Booklet mit einer Einleitung von Brian Sibley, der zusammen mit Michael Blakewell das Drehbuch für das Hörspiel schrieb. Eine ganze Reihe bekannter Namen wurden verpflichtet, allen voran natürlich Ian Holm als Frodo und Peter Woodthorpe als Gollum, der die Rolle bereits in Ralph Bakshis Trickfilmversion des Stoffes verkörperte („The Lord of the Rings“, 1978). Nach zwei Monaten im Studio wurde die erste der 26 Episoden von „The Lord of the Rings“ am 8.3.1981 auf Radio 4 im UK ausgestrahlt.

Vielleicht sollte man also einfach von vorn beginnen: Nämlich im Shire, diesem idyllischen Flecken (Mittel-)Erde, in dem die Geschichte vom Ringkrieg seinen Anfang nimmt. Das Hörspiel lässt sich für die Exposition viel Zeit, und bis die Hobbits Rivendell erreichen, vergehen zwei CDs. Zwar fehlt auch in der Hörspielversion Tom Bombadil, doch lässt sich die Erzählung zunächst viel Zeit, um die Hobbits vorzustellen und zu charakterisieren und Hintergrundwissen unterzubringen (so wird beispielsweise das Kapitel „Riddles in the Dark“ aus dem [„Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=481 mit eingeflochten, um zu erklären, wie Bilbo an den Ring gekommen ist). Es gibt viel Interaktion zwischen Frodo und Bilbo und gerade Ian Holm als Frodo klingt viel erwachsener und ernster als sein Gegenpart Elijah Wood im Film. Auch William Nighy (wohl besser bekannt als Bill Nighy, zu sehen in Filmen wie „Underworld“ oder „Love, Actually“) als Sam spricht sich sofort in die Herzen der Zuhörer. Und die Tatsache, dass er eine wunderbare und ausdrucksstarke Singstimme hat, verstärkt diesen Effekt noch. Im Gegensatz zum Film arbeitet das Hörspiel nämlich oft und gern mit den Liedern und Gedichten, die Tolkien in sein Werk hat einfließen lassen. So dürfen mehrere Charaktere von Zeit zu Zeit singen oder rezitieren und man hört beispielsweise „The Fall of Gil-Galad“, „The Lay of Luthien“ oder „Elbereth Githoniel“ in Auszügen. In vielen Fällen werden die Lieder auch von Musik begleitet (komponiert von Stephen Oliver). Gerade diese Lieder und Gedichte, die die meisten im Roman überlesen, entfalten im Hörspiel ihre volle Wirkung und tragen damit nicht nur stark zur Stimmung bei, sondern treiben von Zeit zu Zeit auch die Handlung voran.

Die Hobbits sind noch nicht einmal in Rivendell, da erwarten Tolkien-Puristen schon die ersten positiven Überraschungen. Arwen wurde, wie von Tolkien vorgesehen, wieder an ihre Stickarbeiten zurückbeordert (sie hat im Hörspiel ohnehin nur einen kurzen Dialog am Ende der Geschichte) und so darf der verletzte Frodo ganz traditionell von Glorfindel gerettet und nach Rivendell befördert werden. Und er ist nicht der einzige Charakter, der es – im Gegensatz zum Film – ins Hörspiel geschafft hat. Dazu gehört auch Halbarad, der zusammen mit den Rangern Aragorn in der finalen Schlacht unterstützt. Auch viele Szenen, die der Film vermissen ließ, sind ausführlicher ausgearbeitet. So ist die finale Konfrontation zwischen Gandalf und Saruman („The Voice of Saruman“) als Schlüsselszene angelegt und damit ein viel überzeugenderer Schlusspunkt als die Version von Peter Jackson. Es gibt mehr aus den Kapiteln „The Houses of Healing“, „The Scourging of the Shire“ und auch auf den Schluss der Geschichte wird mehr Zeit verwendet. So wie schon der Beginn von „The Lord of the Rings“ bedächtig im Shire anfing, so klingt die Geschichte dort auch langsam aus. Mit der Rückkehr ins Shire wird die Stimmung immer melancholischer und wehmütiger und entspricht damit sehr gut Tolkiens Ende des Ringkriegs. Das Hörspiel klingt also sehr leise aus und emotionale Gemüter werden wohl die ein oder andere Träne wegwischen müssen.

Wie sieht es nun mit den Sprechern aus?; mit ihnen steht und fällt schließlich die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Auf alle kann hier natürlich nicht eingegangen werden, dafür ist das Ensemble einfach zu umfangreich, daher sollen hier einige Sprecher herausgepickt werden, die auf die ein oder andere Art aufgefallen sind:

|Menschen:|
Da muss natürlich Aragorn (Robert Stephens) erwähnt werden. Und welch einen Schock verursacht er zunächst, gerade im Gegensatz zu seinem filmischen Alter Ego (Viggo Mortensen). Wo Mortensens Aragorn ein nachdenklicher, von Selbstzweifeln geplagter König im Exil ist, so stellt Stephens ihn als selbstbewussten und zielgerichteten Mann dar, der durchaus weiß, was er will (nämlich König werden) und dieses Ziel auch hingebungsvoll verfolgt. Und dazu lacht er auch noch aus vollem Halse! Und das gleich in seiner ersten Szene! Robert Stephens ist gewöhnungsbedürftig, wohl auch, weil er stimmlich älter klingt, als man sich Aragorn vorstellen würde. Doch seine Interpretation wächst dem Hörer mehr und mehr ans Herz.

Theodén (Jack May) dagegen hat Tolkiens Pathos wohl etwas zu ernst genommen. Er klingt so theatralisch und überzogen, dass man sich wünscht, die Regie hätte hier eingegriffen und May etwas gedämpft.

Denethor (Peter Vaughan) dagegen ist ein echter Gewinn. Der Hörspiel-Denethor ist viel weniger verrückt als der Film-Denethor. Vaughan stellt ihn als einen überforderten Herrscher dar, der sich mit schier unüberwindlichen Problemen konfrontiert sieht – und bleibt damit viel dichter an Tolkiens Vorlage.

|Elben:|
Bei den Elben sticht kaum jemand heraus, anzumerken ist vielleicht nur, dass Galadriel (Marian Diamond) die erste Frauenstimme ist, die man im Hörspiel zu Ohren bekommt. Galadriel ist hier ein durchaus sympathischer und hilfsbereiter Charakter und keineswegs mysteriös oder zwiespältig.

|Hobbits und andere Kurze:|
Ian Holms Frodo macht im Verlauf des Hörspiels eine faszinierende Metamorphose durch. Zwar klingt er schon zu Beginn sehr seriös und erwachsen, doch nähert er sich später immer mehr Gollums Sprache und Modulation, was sehr gut den Einfluss illustriert, den der Ring auf ihn hat. Von einem durchaus ernsthaften und zielgerichteten Hobbit wird er so immer mehr zu einer unvernünftigen Kreatur, die nicht mehr für sich selbst entscheiden kann und geradezu krankhaft auf den Einen Ring fixiert ist.

Ein wahres Fest ist Peter Woodthorpe als Gollum. Er ist herrlich hysterisch und verrückt und Woodthorpe schafft es zielsicher, Gollums gesamten trickreichen Charakter mit seiner Stimme zu füllen. Da bleiben keine Wünsche offen. Ohne Frage ist Woodthorpe eines der großen Highlights des Hörspiels.

|Zauberer:|
Michael Hordern als Gandalf verleiht dem Charakter die nötige Würde und eine ordentliche Prise Mysterium und Witz: so, wie man Gandalf gewöhnt ist. Die wirkliche Überraschung ist jedoch Peter Howell als Saruman, der es tatsächlich schafft, den Zuhörer mit seiner Stimme zu bezaubern und für sich einzunehmen (ganz so, wie man es von Saruman behauptet). Wenn er will, klingt er so gutmütig, hilfsbereit und altruistisch, dass man ihm auf keinen Fall zutrauen mag, mit Sauron unter einer Decke zu stecken.

Im Hörspiel wirkt, trotz des großen Ensembles, niemand fehlbesetzt, auch wenn man natürlich zugeben muss, dass es unter Umständen schwierig werden kann, alle Charaktere auseinanderzuhalten. Schließlich werden alle zehn CDs, wenn man von den weiblichen Nebenrollen (Galadriel, Eowyn, Arwen) einmal absieht, von Männern bestritten. Doch wenn man ein grundlegendes Wissen darüber hat, was wann in der Geschichte passiert, so wird man auch keine Probleme haben, dem Hörspiel zu folgen. Ein Tipp sei jedoch erlaubt: Tolkiens „The Lord of the Rings“ in Buchform enthält in der Regel eine Karte von Mittelerde. Eine solche zur Hand zu nehmen, empfiehlt sich auch für das Hörspiel, um nachvollziehen zu können, wo sich die Gefährten gerade befinden. Wie das Leben nämlich so spielt, wird häufig darüber diskutiert, welcher Weg einzuschlagen ist (Männer können eben nicht nach dem Weg fragen …) und diese Diskussionen sind einfacher zu verfolgen, wenn man eine Karte zur Hand hat.

Abschließend ist zu sagen, dass das Hörspiel der BBC neben der Trickfilmversion von Ralph Bakshi und der Filmtrilogie von Peter Jackson eine wirklich faszinierende Interpretation des Stoffes von Tolkien ist. Das Hörspiel teilt sich mit dem Roman einige Längen (so beispielsweise der lange Expositionsteil im Shire), doch dafür kann es auch besonders gut die Stimmungen einfangen, die Tolkien zu evozieren versuchte. Überraschend ist auch, dass es gelungen ist, die Schlachten durchaus überzeugend darzustellen – und zwar nur mit Musik und kurzen Sprachfetzen. Und so wird zwar, naturgemäß, im Hörspiel wenig Elbisch gesprochen (was zwar schade, aber verständlich ist), doch macht man sich die vielen Lieder und Gedichte zunutze – für mich einer der großen Pluspunkte des Hörspiels. Weder der Trickfilm noch die Realfilme haben darauf viel Zeit verwendet und im Roman führt all diese Poesie eher ein Schattendasein. Im Hörspiel allerdings haben sie eine zentrale Rolle inne und können ihre ganze Suggestionskraft entfalten.

Dramatisierung: Brian Sibley und Michael Blakewell
Musik: Stephen Oliver
Sprecher: Ian Holm, Michael Hordern, Robert Stephens, Peter Woodthorpe, William Nighy, Richard O’Callaghan, John McAndrew, David Collings, Michael Graham Cox u. v. a.
Spielzeit: ca. 713 min

Den „Herr der Ringe“ als Hörspiel zu genießen, ist natürlich nicht ganz billig – die zehn CDs kosten knapp 50 €uro. Allerdings bekommt man dafür auch Hörgenuss vom Feinsten und Tolkien im englischen Original geboten.

http://www.hoerverlag.de

|J. R. R. Tolkien bei Buchwurm.info:|
[The Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=481
[Der Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22
[Der Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=130 (Hörspiel)
[Das Silmarillion]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408
[Nachrichten aus Mittelerde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1407
[Der Elbenstern]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=805 (Hörbuch)

Noll, Ingrid – Stich für Stich

_Der Noll-Faktor: spannend, kurios, amüsant, makaber_

Das Hörbuch umfasst fünf „schlimme“ Geschichten, die entgegen der Erwartung, die man an Noll-Storys hat, nicht immer mit dem Ableben eines Beteiligten enden. Fünf Protagonisten – eine Domina, eine virtuose Stickerin, eine blonde Krankenschwester, die alle Klischees erfüllt, die Ehefrau eines passionierten Anglers, die verheiratete Ärztin mit der Hundedame. Fünf überraschende Wendungen – auch wenn man „seine“ Ingrid Noll schon kennt.

_Die Autorin_

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Selige Witwen
– Die Sekretärin
– Der Hahn ist tot

_Die Sprecherin_

Ursula Illert, 1946 in der Nähe von Frankfurt/M. geboren und aufgewachsen, ist eine Schauspielerin mit Erfahrung bei Theater, Funk und Fernsehen. Als passionierte Sprecherin hat sie für |Steinbach Sprechende Bücher| bereits zahlreiche Hörbücher gelesen. Ihre Begeisterung gilt Lesungen mit musikalischer Begleitung vor Publikum.

_Handlung der 5 Erzählungen_

|1) Ein milder Stern herniederlacht|

Eine Domina setzt sich mit 37 zur Reihe und verkauft all ihre Accessoires und Möbel – für ihre „Sklaven“ eine echte Überraschung. Drei Wochen später ist sie mit Oliver verheiratet, der sich schon auf das gemeinsame Kind freut. Mit dem drögen, anstrengenden Leben als Hausmütterchen werde sie schon zurechtkommen. Denkt sie. Denn Oliver weiß natürlich nichts von ihrem anrüchigen Vorleben.

Just im schönsten Moment in ihrem neuen Leben, beim Abendessen zu Weihnachten, klingelt es an der Tür und eine Gestalt der Vergangenheit verlangt ihr Recht: Georg, der Bankier, ist einer ihrer früheren „Sklaven“ und hat wegen Urlaub noch nicht mitgekriegt, dass sie aus dem Gewerbe ausgestiegen ist. Er verlangt hartnäckig sein Recht auf eine fachgerechte Demütigung.

Da die Ex-Domina nicht mit der Wahrheit über Gregors Verhältnis zu ihr herausplatzen kann, dauert es eine ganze Weile, bis Oliver die Sache endlich kapiert. Dann jedoch handelt er konsequent: Georg wird angekettet und darf den Abwasch machen. Ein weiterer „Sklave“ muss mit Demütigung versorgt werden: Er darf das Auto blitzblank schrubben. Schon bald finden sich jede Menge Haushaltsarbeiten, die es zu erledigen gilt, und der Haushalt ist endlich auf Vordermann gebracht.

Es gibt nur ein winziges Problem: Wie erklärt man den Familien der Sklaven ihr allzu langes Fernbleiben vom trauten Weihnachtsabendfeiern? Geniale Idee: Man inszeniert einen Frontalzusammenstoß der Autos, so dass man auch noch die Versicherung abzocken kann. Bei diesem im Schnee inszenierten Manöver geht leider etwas mächtig schief …

|2) Stich für Stich|

Das Geschlecht der Person, die ihre Geschichte erzählt, bleibt bis zuletzt unklar, denn darin besteht ja der Clou. Die Person liebt es schon seit ihrem 17. Lebensjahr zu sticken. Damals lag sie lange Zeit mit Hepatitis im Bett und musste ruhen. Ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei und fortan stickte sie, was der Faden hergab: Deckchen, Brieftaschen, eine komplette Gemäldegalerie klassischer Meister.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, da die Person bei einem Schwächeanfall im Supermarkt umkippt und ihr der Arzt eine Kneipp-Kur in Bad Wörishofen verordnet. Gesagt, getan. Man findet einen Kurschatten, eine echte Freundin: Gunda Mortensen. Nach dem Abschied setzt ein Briefwechsel die Freundschaft fort.

Der freudige Tag naht, da Gunda unsere Hauptfigur in ihren eigenen vier Wänden besuchen wird, wo auf sie eine handfeste Überraschung wartet. Nein, die Stickereien habe keineswegs die werte Frau Mutter gefertigt, sondern seien alle selbstgemacht. Langes Schweigen. Danach kommt Gunda nie wieder … Schade, ein solches Talent links liegen zu lassen.

|3) Die blaurote Luftmatratze|

In der Privatklinik für psychosomatische Krankheiten hat sich eine Krankenschwester – nennen wir sie Isolde – in einen besonderen Patienten verliebt, den sie gerne Tristan nennt. Wie sie steht er auf altmodische Luftmatratzen, denn darauf liegt er gerne im schönen Park der Klinik. Sie nennt ihn aber auch den „Schlangenmenschen“, denn er sagt, er habe eine Phobie vor Schlangen. Sie fragt ihn, wie es dazu gekommen sei. Ach, das sei nur ein Vorwand, um in Ruhe gelassen zu werden, meint er.

Mit 24 sei er Privatdetektiv geworden und wurde von der deutschen Textilindustrie damit beauftragt, die Herkunft von besonders schönen Pullovern etc. festzustellen, die zu Dumpingpreisen angeboten wurden. Folglich blieben die deutschen Fabrikanten auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Er flog nach Hongkong und entdeckte eine Spur, die ins Innere Asiens führte. Er versteckte sich auf einem LKW und fuhr dort zwei Wochen lang mit, denn obwohl ihn die Fahrer entdeckten, blieben sie freundlich. Und so gelangte er in eine tropische Region, in der eine versteckte Anlage von Männern in weißen Kitteln geleitet wurde. Lügen erwies sich als zwecklos, daher rückte er mit der Wahrheit heraus.

Statt ihn wegzuschicken, weil er spionierte, zeigten ihm die Männer voller Stolz ihre Anlage. Aber wo kamen die fabulösen Strickwaren her? Nirgendwo waren Strickmaschinen zu sehen. Da wies einer der Forscher ins Zentrum der weitläufigen Anlage, wo mehrere große Bäume standen. Und in den Bäumen befanden sich große Schlangen. Und jede Schlange strickte, was das Zeug hielt: Pullover, Westen, Schals, in allen Farben. Ja, er durfte sich sogar einen eigenen Pulloverentwurf wünschen.

Der Oberarzt glaubt natürlich kein Wort von diesem Garn. Professor Higgins wird von den gespannt lauschenden Patienten indigniert weggeschickt. Doch in der folgenden Nacht will Schwester Isolde die Wahrheit über den „Schlangenmenschen“ herausfinden und schleicht sich zu seiner Tür …

|4) Fisherman’s Friend|

Als sie 17, dumm und noch unschuldig war, lernte sie bei einer Fischerparty Eugen kennen, heiratete ihn mit 18 und wurde mit 19 Mutter von Jonas. Als Ladenbesitzer konnte ihr Eugen, der mittlerweile auf die 40 zuging, zwar ein Leben in Wohlstand bieten, doch sie erfuhr mit dem passionierten Angler weder Freude noch Liebe.

Da ist Uli schon ein ganz anderer Typ. Der Textilingenieur ist jung, gut aussehend und lustig. Sie verliebt sich sofort in ihn und hat eine Affäre. Sie überlegt, dass sie mit Eugens Erbschaft ziemlich angenehm mit Uli leben könnte. Ihren zielstrebigen Plan setzt sie in mehreren Phasen um, an deren Ziel sie und Uli Eugens Unfalltod beschließen. So weit, so gut. Doch der Plan sieht nicht vor, dass Uli und Eugen gute Kumpels werden und gemeinsam Angeln gehen!

Wütend und frustriert greift sie zur Selbsthilfe. Das unverdächtige Mordinstrument: selbstgemachte Frikadellen aus Fischpaste, in die sie ein paar Gräten platziert. Das funktioniert auch ganz hervorragend, allerdings mit einem ganz anderen Opfer als vorgesehen. Nach dem nächsten Angelwochenende berichtet die Zeitung von einem tot am See aufgefundenen Förster …

Monate vergehen, niemand wird festgenommen, doch die Affäre mit Uli endet. Da ruft die Witwe des Försters an und bittet um ein Treffen. Au weia, der Fluch der bösen Tat, denkt unsere Heldin und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu ihrer Verwunderung bedankt sich jedoch Adelheid herzlich für die Tat. Sie erklärt, wie sie die Wahrheit herausgefunden habe und dass sie nun herrlich von der Erbschaft leben könne. Ob sie sich nicht erkenntlich zeigen könne?

Der Plan ist ganz einfach. Und tatsächlich hat Eugen diesmal keine Chance, der Falle zu entgehen.

|5) Der gelbe Macho|

Sie ist eine gefühl- und fantasievolle Ärztin, ihr Mann Oswald ein eher prosaischer Typ. Sie holt aus dem Tierheim einen Hund, der sehr anhänglich wird und sich als sehr klug erweist: Klara. Über ihre Spaziergänge lernt die Ärztin einen anderen Hundehalter kennen: Der junge Jens hat einen gelben Hund namens Macho. „Macho ist spanisch und bedeutet männliches Tier“, erklärt er. Macho und Klara werden unzertrennliche Freunde. Zwischen der Ärztin und Jens klappt es nicht gleich, denn erstens ist sie verheiratet, und zweitens hat er eine Freundin.

Aber sie merkt bald, dass sie Jens liebt, und die schlaue Klara merkt das auch. Sie beißt ihr Herrchen Oswald und gehorcht ihm nur noch widerwillig. Bei einer Abi-Party tanzt die Ärztin wild mit Jens und küsst ihn. Welch ein feinfühliger Mann: Er will nach dem Abi Psychologie studieren. Nachts darf Klara ins Bettchen von Frauchen, und Oswald muss im Arbeitszimmer schlafen.

Danach nimmt die Natur unaufhaltsam ihren Lauf. Klara wird läufig, und Macho muss weggesperrt werden. Doch während eines Schäferstündchens mit Jens vergeht die Zeit wie im Flug, und wer denkt da schon an die Hunde? Das Ergebnis der doppelten Liebesnacht ist schon nach wenigen Monaten zu besichtigen: Mischlinge.

_Mein Eindruck_

Im Grunde folgt nur eine einzige dieser fünf Erzählungen dem klassischen Muster, dass dem Schicksal „nachgeholfen“ und ein Mann geopfert wird – aber dies natürlich in unnachahmlicher Noll-Manier. Die anderen Geschichten fallen ziemlich aus diesem Rahmen und lassen sich wohl eher unter der Bezeichnung „ironisch erzählte Kuriosa“ zusammenfassen.

Unter diesen vier Geschichten hat mir jene mit den spinnenden und strickenden Schlangen auf den Bäumen am besten gefallen. Sie ist so wunderbar schrullig und doch unglaublich detailreich ausgeschmückt. Natürlich ist kein Wort davon wahr, würde jetzt Prof. Higgins wie in „My Fair Lady“ knurren. Aber hat das jemals passionierte Geschichtenerzähler und -lauscher gestört? Natürlich nicht. (Übrigens scheint dies eine der Storys zu sein, die seinerzeit für die „Süddeutsche Zeitung“ über „Die blaurote Matratze“ geschrieben wurden.)

Es ist ein wenig auffällig, welch eine bedeutende Rolle Erotik in diesen Storys spielt. Dass eine Ex-Domina ihre Ex-Sklaven wieder einspannt, ist ein netter Einfall. Doch dass auch der Ex-Domina-Mann der Sache auf pragmatische Weise einige positive Seiten abgewinnen kann, ist der typische Noll-Schlenker, der die Sache erst richtig interessant macht. Womit es natürlich nicht sein Bewenden haben kann.

Eine ganz andere Seite der Erotik zeigt sich in „Der gelbe Macho“. Hier kommt die Liebe sozusagen auf den Hund, um es mal flapsig zu sagen. Doch der Hund – gemeint ist die schlaue Klara – trägt viel dazu bei, der Liebe Gelegenheit zu machen, indem sie Herrchen Oswald auf Abstand hält. Der Hund ist doch der beste Freund des Menschen.

_Die Sprecherin_

Ursula Illert kann sich sehr gut in die Lage der weiblichen Protagonisten hineinversetzen. Mit Verve trägt sie ihre Geschichten vor, mit deutlicher Aussprache und der Betonung auf die richtigen Stellen. Allerdings ist die letzte Geschichte wegen der immerhin fünf Akteure so vertrackt, dass man sie vielleicht noch einmal anhören sollte.

_Unterm Strich_

Bis auf eine eher konventionelle – und daher umso willkommenere – Geschichte („Fisherman’s Friend“) wissen die fünf Beiträge in dieser Sammlung mehr durch ihre Schrulligkeit zu amüsieren als durch Spannung zu fesseln. Das macht aber nichts, denn der typische Noll-Faktor ist durchweg gegeben: eine ungewöhnliche, zuweilen makabre und augenzwinkernde Note ist stets eingeflochten. Ich kann nur hoffen, nicht zu viel verraten zu haben – und um Vergebung für meine Sünden zu bitten, falls ich es doch getan habe.

Die Sprecherin bringt die Erzählungen voll zur Geltung und beeinträchtigt die Botschaft der Autorin in keiner Weise. Das Hörbuch kann einem Zuhörer durchaus einen schönen Nachmittag bereiten.

|120 Minuten auf 2 CDs|

Padgett, Abigail – Kalt ist der Tod

„Eiskalt und knallwitzig, buchstäblich ein Lesespaß“ wirbt die |Für Sie| auf dem Buchrücken für Abigail Padgetts Roman „Kalt ist der Tod“, der zunächst dadurch noch sehr verlockend wirken mag, doch schon die ersten Seiten lassen Zweifel aufkommen …

_Stromausfall – Totalausfall?_

Als in der Nähe von San Diego ein kleines Erdbeben zu einem Stromausfall führt, fällt auch die Stromversorgung in einem öffentlichen Kühlhaus bei Borrego Springs aus und führt eine Leiche zutage, die dort vor Jahren eingefroren wurde. Eine alte Dame mit dem netten Namen Muffin bekennt sich des Mordes schuldig und wandert auf ihre alten Tage ins Gefängnis. Das wiederum bringt ihren jüngeren Bruder Dan Crandall auf den Plan, der die Privatdetektivin Blue McCarron engagiert, um die Unschuld seiner Schwester zu beweisen. Nur Blues Buch „Affe“ war der Auslöser für ihre Beteiligung an diesem Kriminalfall, da Dan diese 700-seitige Abhandlung über männliche und weibliche Verhaltensmuster gelesen hat und aus nur ihm bekannten Gründen daher Blue McCarron als Privatdetektivin verpflichten möchte.

Nach einem Besuch im Gefängnis bei Muffin erkennt Blue ihre Sympathie für die alte Dame und engagiert daraufhin die bekannte homosexuelle und schwarze Psychiaterin Rox Bouchie, damit diese ein psychologisches Gutachten über Muffin anfertigt. Rox bemerkt auch sogleich Muffins Täuschungsmanöver und stellt fest, dass ihre Patientin geistig völlig gesund ist, körperlich allerdings nicht, denn Muffin hat Krebs im Endstadium. Kurz darauf wird Muffin vergiftet im Gefängnis aufgefunden und die Frage stellt sich, wer die todkranke Frau ermordet hat.

Bald entdeckt auch Blue mitten in der Wüste zwei dubiose Gestalten, die es offensichtlich auf sie abgesehen haben und sich über den Überfall auf eine andere Frau unterhalten. Blue kann den einen Kerl verletzen und sich retten, das andere Opfer der beiden nächtlichen Angreifer kennt sie jedoch recht gut. Blue muss erkennen, dass sie in großer Gefahr schwebt, obwohl sie sich nicht erklären kann, warum man es auf ihr Leben abgesehen hat …

_Lauwarm statt eiskalt_

Gleich auf der ersten Seite werden wir der Ich-Erzählerin Blue McCarron vorgestellt, die uns von ihren Erlebnissen rund um Muffin Crandall erzählt und den Startschuss zu den turbulenten Ereignissen nach dem Stromausfall und dem Auffinden der Leiche im Kühlhaus gibt. Doch kommt das Buch von Anfang an nicht aus den Startlöchern, die Autorin hält sich mit ellenlangen Gedankenmonologen über Blues Exfreundin Misha auf, die vor zwei Jahren ohne ein Lebenszeichen verschwunden ist und immer noch in Blues Gedanken herumschwebt. Immer wieder wird die eigentliche Handlung unterbrochen, damit Blue sehnsüchtig an ihre Vergangenheit mit Misha, das Kennenlernen und ihre ach-so-tolle Beziehung zurückdenken kann.

Im Laufe der Zeit erhält man als Leser schnell den Eindruck, dass Blue sich gerne von Gedankenblitzen ablenken lässt, denn egal, welche Gefahr auch gerade droht, ständig füttert sie uns mit weiteren uninteressanten Informationen zur sagenumwobenen Misha-Vergangenheit. Auch in der Einstiegsszene, als Dan Crandall Blue als Privatdetektivin anheuern will, präsentiert uns Blue zunächst große Teile ihrer Familiengeschichte und einige Ideen aus ihrer Dissertation, die mit der eigentlichen Situation leider gar nichts zu tun haben.

So kommt natürlich weder Spannung auf, noch eine düstere gefahrvolle Atmosphäre, in der der Leser angesichts der drohenden Gefahr den Atem anhalten müsste. Selbst als die Killer auftauchen, um Blue zu überfallen, gibt es keinen Nervenkitzel, auch die todesbringenden Deltas, wie Blue sie nennt, sorgen für keine spannungsgeladene Atmosphäre. Beim Lesen ist einem meist eher zum Gähnen zumute, da die Erzählung vor sich hin plätschert und mit allerlei unnötigem Beiwerk geschmückt ist, das weder die Handlung vorantreibt noch die Figurenzeichnung realistischer wirken lässt.

Besonders die zahlreichen Exkurse, die über Misha oder auch Rox Bouchie belehren, bremsen das Erzähltempo drastisch aus. Immer wenn die Handlung ein wenig vorangekommen ist, hält Padgett inne und streut nebenbei sehr ausführlich weiterführende Informationen ein, die leider meist nur wenig mit dem Kriminalfall zu tun haben. Von einem eiskalten Thriller kann hier also keine Rede sein, eher von einem lauwarmen Aufguss, den man auf einer langweiligen Bahnfahrt konsumieren sollte.

Überraschungsmomente gibt es nur wenige im Verlaufe des Romans, so ahnt der krimi-erfahrene Leser sehr früh, warum Muffin für einen Mord ins Gefängnis geht, obwohl sie doch offensichtlich unschuldig ist, die Gründe hierfür sind zu offenkundig. Erst später lässt uns die Autorin staunen, wenn nämlich Misha wieder auftaucht und die einzelnen Figuren miteinander verknüpft werden. Die uns hier erwartenden Überraschungen sind allerdings nicht so erfreulich …

_Hausfrauenpsychologie_

Da die gesamte Geschichte aus Sicht der Sozialpsychologin Blue McCarron geschrieben ist, bleiben wir auch nicht von psychologischen Gedankengängen verschont, die weibliches und männliches Verhalten analysieren sollen. Hier greift Blue gerne auf ihr eigenes Buch „Affen“ zurück, in welchem menschliches Verhalten von Grund auf durchleuchtet wird. Mir persönlich tritt Abigail Padgett allerdings zu viele Altweiberweisheiten breit und wirft mit fragwürdigen Begründungen für geschlechtertypisches Verhalten um sich, die sich speziell auf den ersten hundert Seiten des Buches zu sehr häufen. Praktisch alle paar Seiten entdecken wir neue Ausführungen aus dem Affenreich, die die psychologische Seite des aktuellen Kriminalfalls erklären sollen. Mir erscheint diese Deutungsweise an vielen Stellen allerdings zu undifferenziert.

|“So weit klang die Geschichte der Frau unglaubwürdig, aber dennoch sehr vertraut. Es war der Alptraum einer jeden Frau, ein Grund, warum Frauen Geräusche im Dunkeln fürchten. Vergewaltigung, Schändung und brutaler Tod. Dies ist das ständig wiederholte Mantra, das uns von haarigen Vorfahren hinterlassen wurde, den Cousinen von Schimpansen, Gorillas und Menschen. Ein Blick auf jede x-beliebige Schimpansenenklave, mit Ausnahme der matriarchalischen Zwergschimpansen, enthüllt die Quelle des Alptraums. Männliche Schimpansen schlagen wahllos Weibchen, um die allgemeine weibliche Unterwerfung zu sichern. Und wenn sie in der Brunst ist und die sexuelle Penetration verweigert, wird sie vielleicht von dem Männchen zu Tode geprügelt, während seine Kumpel johlen und pfeifen und herumhüpfen. Ein Blick in jede x-beliebige Zeitung zeigt, dass der Alptraum in menschlichen Enklaven ebenfalls vorhanden ist.“|

_Konstruktionen_

Am Ende wird der Leser bemerken, dass jeder noch so unwichtig erscheinende Gedankenmonolog seinen Grund in der Geschichte findet und jede noch so nebensächlich wirkende Figur ebenfalls in das Chaos verstrickt ist. Selbstverständlich hat auch die inzwischen wohl bekannte Misha später ihren großen Auftritt und steht plötzlich im Zentrum der Verwicklungen. Doch gerade zum Finale hin greift Padgett dermaßen in die Trickkiste und offenbart völlig unglaubwürdige Verbindungen zwischen den auftretenden Figuren, dass sie eine mehr als lebhafte Phantasie offenbart. Zum Finale hin scheint nichts unmöglich zu sein, als Leser bekommt man den Eindruck, als wollte Padgett bemüht alle erwähnten Namen in den Kriminalfall verwickeln, doch kann so etwas nicht funktionieren. Die Auflösung wirkt dermaßen konstruiert, dass ein mehr als fader Nachgeschmack bleibt, welcher durch das gefühlsduselige Happy-End noch verstärkt wird.

Auch in Sachen Figurenzeichnung weiß Padgett nicht zu überzeugen, insbesondere in der Gestaltung der Ich-Erzählerin wirft die Autorin mit Klischees nur so um sich. Hier lernen wir die eigentlich homosexuelle promovierte Sozialpsychologin Blue McCarron kennen, die nach gescheiterter Liebe mit ihrem Hund in die Wüste geflüchtet ist, um dort mit ihrem überragenden psychologischen Geschick Geld zu scheffeln. In einem dramatischen Moment lässt sie sich aber nach überstandener Todesgefahr vom männlichen Protagonisten zu einem kurzen Quickie überreden, bei dem sie sogleich vergisst, dass beim Sex zwischen Mann und Frau durchaus die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht.

Blues Familiengeschichte wirkt gleichfalls völlig überzeichnet; da ist einmal der frühe Tod der Mutter zu nennen, außerdem der Zwillingsbruder, der nun im Gefängnis sitzt und dort per Zufall die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Nach geschicktem Austausch eines gefüllten Präservativs ist seine Flamme nun schwanger geworden, sodass eine Traumhochzeit hinter Gittern stattfinden muss, die selbstverständlich der überglückliche Familienvater höchstselbst vornimmt. Eine solche Anhäufung ausgelutschter Klischees trägt wirklich nicht zum Lesespaß bei!

_Lauwarmer Kaffeekränzchenthriller_

„Eiskalt und knallwitzig“? Leider habe ich beides beim Lesen des Buches vermisst, denn der Kriminalfall kann an keiner Stelle dermaßen mitreißen, dass eine spannungsgeladene Atmosphäre aufgebaut werden könnte, auch eiskalt ist die Handlung an keiner Stelle. Von knallwitzig ist ebenfalls keine Spur; mir kam Padgetts Schreibstil eher dröge und konstruiert vor, eventuell mag sie sich bemüht haben, ihren Roman humorvoll klingen zu lassen, dabei herausgekommen ist allerdings ein lahmer Kriminalfall mit völlig überzeichneten Figuren und einer konstruierten Auflösung, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen. Selbst vor einem triefenden Kitschende schreckt Abigail Padgett nicht zurück und versetzt damit ihrem Buch noch den finalen Todesstoß.

Bester, Alfred – Demolition

_Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder_

Alfred Bester, geboren am 18.12.1913, studierte Natur- und Geisteswissenschaften. Als er 1939 mit seiner Erzählung „The Broken Axiom“ ein Preisausschreiben der Zeitschrift „Thrilling Wonder Stories“ gewann, wurde er freier Schriftsteller. Sein Werk ist schmal, aber sehr gewichtig und einflussreich. Für seinen ersten Roman, „Demolition“, erhielt er 1953 den ersten |HUGO Award| überhaupt. Mit „Tiger! Tiger!“ („The Stars my Destination“, 1956) gelang ihm ein zweiter großartiger Erfolg. Schilderte Bester in „Demolition“ eine halbtelepathische zukünftige Gesellschaft, so bringt hier die Fähigkeit zur Teleportation den Helden dazu, das bestehende Universum in eine Krise zu stürzen. Die beiden Romane gehören zu den besten in der SF überhaupt.

_Handlung_

In einer Gesellschaft des 24. Jahrhunderts, die zu einem beträchtlichen Teil aus Telepathen besteht, sind Verbrechen, besonders Morde, selten, zumal die Polizei über die besten ESP-Talente verfügt, die jede verbrecherische Absicht rechtzeitig erkennen und die Tat verhindern.

Doch Ben Reich, ein Mensch ohne außersinnliche Begabungen, willensstark, skrupellos und zielstrebig, schafft es trotzdem, einen Mord von langer Hand zu planen und eiskalt durchzuführen. Das Opfer, Craye D’Courtney, ist sein Konkurrent. Wie sich herausstellt, auch sein Vater.

Lincoln Powell, ein erstklassiger ESPer im Polizeidienst, setzt sich auf Reichs Fährte. Obwohl die Tat klar ist, so bleiben ihm doch das Wie und das Warum verborgen. Wie konnte der Vorsatz den Überwachern verborgen geblieben sein? Wie schützt Reich auch nach der Tat seine Gedanken? Und warum brachte Reich seinen eigenen Vater um? Powell muss Reich seiner Bestimmung zuführen, der Strafe, die auf Mord steht: der Demolition. Sie besteht in der allmählichen Auslöschung von Erinnerungen und antisozialen Aggressionen. Es entspinnt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel quer durch das Sonnensystem.

_Fazit_

„Demolition“ ist einer der besten SF-Krimis, spannend bis zur letzten Seite, kühn in der Konzeption, rasant im Tempo. Zudem gehört die hier geschilderte Telepathengesellschaft zu den detailliertesten und durchdachtesten des Genres. Erstaunlich ist zudem, dass die Spannung nicht von künstlich erzeugter Action, sondern von der Frage herrührt, wie Reich die ungeuerliche Tat gelang und wie er sich der Demolition entzieht. Ohne Zweifel ein Meisterwerk.

|Originaltitel: The demolished man, 1951/53
Aus dem US-Englischen übertragen von Horst Pukallus|