Gemmell, David – Waylander der Graue (Drenai-Saga)

Der 3. Waylander-Roman aus David Gemmels Drenai-Saga ist eine bemerkenswert komplexe und gefühlsgeladene Geschichte, wenn man sie mit ihren Vorgängern vergleicht.

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

|David Gemmell bei Buchwurm.info:|
[Die steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Rigante 1)
[Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Rigante 2)
[Rabenherz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498 (Rigante 3)
[Im Zeichen des dunklen Mondes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=840
[Wolf in Shadow]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=181 (Stones of Power)
[Die Augen von Alchazzar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1188 (Drenai-Saga)
[Eisenhands Tochter]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1194 (Die Falkenkönigin 1)

_Handlung_

Waylander der Schlächter hat sich als alter Mann in seinem Felsenpalast im Lande Kydor am Meer niedergelassen. Er ist nun nicht mehr als Dakeyras oder Waylander bekannt, sondern als der Gray Man. Als Dakeyras war er Farmer, hatte eine Frau und drei Kinder.

Doch nachdem sie brutal von einer Bande Soldaten ermordet worden waren, wurde er zum Assassinen, der in jahrelanger Arbeit alle 19 Mann tötete. Nachdem er angeheuert worden war, einen König zu töten (den letzten der Drenai-Dynastie), brach ein verheerender Krieg aus. Nun jedoch, bitter durch seine Taten, doch augenscheinlich ausgeglichen, ist Waylander zwar immer noch wehrhaft, doch steht er nun Hilfsbedürftigen bei, seien sie nun arm an Wissen, Gesundheit, Geld oder Sicherheit.

Waylander ist reich und kann es sich leisten. Doch die Schatten der Vergangenheit von Kydor holen auch ihn, der nur Frieden will, ein. Denn seine Palastfestung liegt nicht weit von den Ruinen der alten Stadt Kuan Hador. Man weiß nicht viel über die versunkene Stadt, und als riesige Monster in ihrer Umgebung über Reisende herfallen, wird das Königreich Kydor ins Chaos gestürzt.

Allmählich erkennt Waylander Zusammenhänge. Bei einer Party taucht ein merkwürdiger Zauberer auf, begleitet von einem Jungen, möglicherweise seinem Medium. Der Zauberer vermag Illusionen von Tierwesen zu erzeugen. Wenige Tage später stellen sich ebensolche Tierwesen als sehr lebendig heraus: Ein Fest hoher Herrschaften verwandelt sich im Handumdrehen in ein Schlachthaus. Dabei hätte auch Waylander draufgehen sollen, doch er hatte den Braten gerochen und verschwand rechtzeitig. Immerhin rettet er noch den einzigen Erben des Drenai-Königreichs, den Sohn jenes Königs, den er selbst tötete.

Die Feinde Waylanders, allen voran Lord Aric, sind einen unseligen Pakt mit dem Geisterbeschwörer eingegangen, um die Macht an sich zu reißen. Sie ahnen nicht, dass sie nur benutzt werden, bis Anharat, der Fürst der Dämonen selbst, durch ein Dimensionstor in Kuan Hador die Herrschaft auf dieser Welt antreten wird.

Die einzige Rettung bieten zwei Gruppen: abtrünnige Tierwesen, die Anharats Herrschaft entkommen konnten, und magische Schwertkämpfer. Die zwei letzten dieser Helden vermögen in einer Höhle eine kleine Armee weiterer Schwertkämpfer aus Lehm zum Leben zu erwecken, gegen die Dämonenschar Anharats anzutreten und sogar das Dimensionstor zu schließen – ein gewaltiger Showdown. Aber dies ist nicht das Ende, denn Anharat selbst hat noch einen Auftritt …

_Mein Eindruck_

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass einmal ein Waylander-Roman einerseits so komplex sein könnte und andererseits seine Helden mit solcher Liebe und Sympathie gestaltet sein könnten.

Jede Figur des Romans, vor allem auch die Schurken wie Lord Aric sowie Menschen fragwürdiger Moral wie etwa eine Hure oder ein Heuchler, ist genau und mit Tiefe gezeichnet. Selbst wenn sie nur Nebenfiguren sind, sind sie alle mit einer Geschichte versehen. Wir erfahren von ihren Fehlern, Fähigkeiten, Mängeln; die machen teils sympathisch, teils abstoßend. So wird klar, warum sich ihre Wege mit denen von Waylander kreuzen.

Häufig sind ihre Geschichten tragisch, wie etwa die der geheimen Heldin des Buchs, einer abtrünnigen Tierfrau, die sich in einen Tiger verwandeln kann – manchmal aber auch komisch, wie die des Grabenarbeiters, der ein Bandit wurde, aber durch den Fund eines magischen Schwertes seinen Teil zum Guten beitrug. Keiner von ihnen ist ohne Makel, und wir fühlen Mitleid. Dennoch könnte man die selbstlos Handelnden „Helden“ nennen, jeder auf seine Weise. Und selbst die Schurken in diesem Gruselstück zeigen eine Seele: Der Geisterbeschwörer, Lord Aric, und auch das Medium.

Es ist schon ein erstaunliches Buch. Gemmell gibt sich nicht mit einem Genre zufrieden, wie deutlich wurde: Neben der üblichen Fantasy – mit Mythen, Schwertkampf und Magie – gibt es auch Schauerszenen, Dimensionstore, Menschenexperimente und sogar eine Zeitreise!

Wichtiger ist jedoch die Betonung auf Schmerz und Leiden, den Verlust geliebter Menschen und die Erkenntnis, dass das Böse uns nicht so fern liegt, wie wir gerne glauben würden. Wir belieben zwar anzunehmen, dass wir unseren Mitmenschen kein Härchen krümmen könnten, dass schreckliche Taten nur von wert(e)losen Menschen begangen werden, aber niemals von uns. Das stimmt nicht, zeigt uns Gemmell. Wir sind durchaus dazu in der Lage. In diesem Buch legen selbst die übelsten Figuren Mitgefühl an den Tag, und die (schein)heiligen Menschen, die von der Kanzel predigen und Schutz anbieten, zeigen uns, wie rein sie eben nicht sind.

_Unterm Strich_

„Waylander der Graue“ hat mir ausnehmend gut gefallen. Es ist nicht nur ein gelungener Drenai-Roman, der die Tradition ausgezeichnet weiterführt. Dieses Buch führt auch neue Elemente und Gedanken ein, die man so noch sehr selten in der Heroic Fantasy findet – und dieser Roman hat eine gesellschaftliche Aussage, die sich nicht jeder Autor zu äußern trauen würde.

Sheffield, Charles – Feuerflut

Im Jahr 2026 erstrahlt am Südhimmel der Erde eine zweite, ebenso helle Sonne: die Alpha-Centauri-Supernova. Ein kosmisches Schauspiel von seltener Schönheit für den entfernten Betrachter, diese explodierende Sonne. Doch die harten Gammastrahlen der gigantisch aufgeblähten Nova unseres nächsten Nachbarsystems lösen nicht nur Naturkatastrophen aus, sondern schalten die gesamte Elektronik der Welt aus. Der Elektromagnetische Puls (EMP) schaltet alle Chips aus – das Ende der technischen Zivilisation, wie wir sie kennen.

Der renommierte Autor Charles Sheffield (siehe unten: Der Autor) ist ein Vertreter der naturwissenschaftlich ausgerichteten so genannten „Hard-Science-Fiction“. Anhand seiner Kompetenz in Physik, Elektronik, Astronomie usw. schafft er es spielend, dem Leser die besonderen Umstände, Ursachen und Folgen dieser Katastrophe nahe zubringen und verständlich zu erklären. Das ist nicht alles: Anstatt einen kalten Essay abzuliefern, erzählt er mehrere menschliche Dramen, die er kunstvoll miteinander verknüpft.

Der Originaltitel „Aftermath“ bedeutet Nachwehen, Nachspiel. Und darum geht es im Grunde, um die Frage „Wie geht es nach dem Ende der technischen Kultur weiter?“ Diese Frage haben Niven/Pournelle einmal eindrucksvoll und sehr erfolgreich in ihrem Schmöker „Luzifers Hammer“ anhand eines Meteoreinschlag beantwortet. Aber auch wenn die Natur verrückt spielt und Stürme und Flutwellen ganze Kontinente verwüstet haben, so existiert in Sheffields Geschichte doch noch ein funktionierendes Fundament an Technik, jedenfalls in den Vereinigten Staaten. Dadurch hat der Überlebenskampf ein anderes Niveau als bei Niven/Pournelle.

_Drei Handlungsstränge_

Da sind zum einen die Alten, die sich rechtzeitig vor dem drohenden Chaos nach dem Erscheinen der Nova und dem Zuschlagen des EMP in ihre Berghütten zurückgezogen haben. Aber nicht nur ihr vor-elektronisches Wissen ist wichtig, sondern auch der Umstand, dass an ihnen eine neuartige Krebstherapie durchgeführt wurde. Als sie den Verlauf des Krebses nicht mehr mit Elektronik überwachen können und auch bei den Medizinern niemand mehr am Leben ist – ein brutaler Überlebenskampf ist überall entbrannt – da müssen sie sich an den Erfinder der Gentherapie wenden. Das Dumme ist nur: Doktor Oliver Guest befindet sich als verurteilter Serienmörder in künstlichem Tiefschlaf in einem Hochsicherheitsgefängnis …

Der zweite Handlungsstrang hat den amtierenden US-Präsidenten zum Mittelpunkt. Saul Steinmetz hat zwar ein schweres Amt in dieser Katastrophenzeit, aber er arbeitet hart und versucht es mit Humor zu nehmen. Sein großes Vorbild ist Benjamin Disraeli. Diese Szenen aus der Hauptstadt Washington gehören mit zum Intelligentesten, was ich in der Science-Fiction über diesen Politzirkus gelesen habe.

Eines Tages will seine Stabsoffizierin Yasmin Lopez das Hochsicherheitsgefängnis Q-5 inspizieren, wo nicht nur Dr. Oliver Guest, sondern auch ihr Bruder Raymond Lopez in künstlichen Strafschlaf versetzt wurde. Da aber die Technik ausgefallen ist, macht sie sich Sorgen – mit Steinmetz‘ Erlaubnis darf sie nachsehen, doch sie kommt wegen Schnees nicht durch. Als Steinmetz ihr per Schiff nachreist und sie trifft, kommen sich die beiden beträchtlich näher. Im Hochsicherheitsgefängnis dürften unterdessen bereits die Massenmörder entweder tot oder schon ausgebrochen sein …

Der dritte und letzte Handlungsstrang erzählt vom tragischen Schicksal der zurückkehrenden Marsexpedition. Die sieben Raumfahrer dachten, sie hätten für alles vorgesorgt. Nie im Traum dachten sie daran, einmal mit ihrem Raumschiff „Schiaparelli“ im Raum über der Erde zu stranden, das Ziel vor Augen.
Denn natürlich hat der EMP auch die zwei Raumstationen ISS-1 und -2 völlig außer Gefecht gesetzt; deren Besatzung, so entdecken die Astronauten, ist gefriergetrocknet, alle Systeme sind ausgefallen. Lediglich zwei Shuttles funktionieren noch, die sofort bemannt werden. Da sich aber die Atmosphäre unter der verdoppelten Hitzeeinstrahlung verändert hat, ist der manuell gesteuerte Kurs verhängnisvoll: Beim Eintritt in die Lufthülle verglüht der erste Orbiter in einem weißen Hitzeball. Wird es der zweite Shuttle schaffen?

Wer sich jetzt fragt, was das mit den ersten beiden Handlungen zu tun hat, sollte mal überlegen: Irgendwo muss die Kiste, falls sie es schafft, ja wieder runterkommen …

Weitere Informationen zur Vorgeschichte liefert das „Geheime Tagebuch von Dr. Oliver Guest“. In seinen Formulierungen versucht er vergeblich zu verbergen, dass er eine Art „Hannibal Lecter“ der Gentechnik ist. Ebenso wie Hannibal ist er intelligent und kultiviert, doch leider ist damit keinerlei Mitgefühl für seine Mitmenschen verbunden. Bis zur letzten Buchseite bangen wir daher um das Leben von Art und Dana und ihren Freunden.

_Fazit_

Es ist geradezu eine Erleichterung, zur Abwechslung mal einen so gut und unterhaltsam geschriebenen Science-Fiction-Roman zu lesen. Die Menschen, die hier auftauchen, sind glaubwürdig, beinahe lebendig. Sie sind keine Pappnasen und Rollenträger, sondern werden mit all ihren liebenswerten Fehlern, Mängeln und verborgenen Stärken vorgestellt.

So entwickelt sich beispielsweise nicht nur zwischen der schönen, aber ehrlichen Yasmin Silvers und dem tapferen Präsidenten eine intime Beziehung, sondern auch zwischen Art und Dana auf ihrer Expedition zum Q-5-Gefängnis. Diese Geschichte ist nicht nur mit Humor und Frozzelei verbunden, sondern auch mit Menschenkenntnis und dem Wissen, dass die Drei jederzeit scheitern können. Solche Souveränität bei Menschenbeschreibungen habe ich in letzter Zeit nur noch bei den Besten des Feldes gelesen: Ursula K. Le Guin, Poul Anderson, Robert Silverberg und ein paar anderen.

Techniklaien brauchen keine Angst zu haben: Sobald die Wörter „Relativität“ oder „Entropie“ fallen, gehen beim Präsidenten die Lichter aus und er verbittet sich jedes weitere Wort in dieser Richtung. Und so kommt es, dass selbst ein kindliches Genie wie der Marsastronaut Wilmer Oldfield die nächste kosmische Katastrophe (bislang schickte die Nova ja nur Strahlung, aber die Teilchen folgen noch) in einfachsten Worten erklären muss – eine köstliche Szene. Es dürfte klar sein, dass der Autor hier sein Licht unter den Scheffel stellt: Er hat eindeutig mehr drauf, als er zeigt.

Die drei Handlungsstränge plus Guest-Tagebuch sind einigermaßen spannend. Allerdings kommen Battletech- und Shadowrun-Fans hier nicht auf ihre Kosten, denn die Action beschränkt sich meist auf politische oder private Wortgefechte, witzige Badeszenen oder Bootsdiebstähle (Seths Spezialität). Hier sollte man Geduld und Sinn für Humor mitbringen, sich zurücklehnen und die Show genießen.

_Der Autor_

Der 1935 in England geborene und seit den Sechzigern in den USA lebende Charles Sheffield studierte Mathematik und Physik in Cambridge, England, und gilt als eine Kapazität auf dem Gebiet der Astronomie – er war Präsident der |American Astronautical Society| und Vizepräsident der |Earth Satellite Corporation|.

Sheffield veröffentlichte 1977 seine erste Story im Magazin „Galaxy“, im Jahr darauf erschien sein erster Roman „Sight of Proteus“, der Auftakt seiner Proteus-Trilogie. Er vertritt darin optimistisch den Gedanken, dass mit Hilfe von Maschinen Menschen und andere Lebewesen ähnlich wie der antike Gott Proteus ihre Form verändern können, um zu den nahen Sternen zu fliegen. Es gehört zu Sheffields Markenzeichen, dass er das Universum (auch das mikroskopisch kleine) stets interessant findet und mit Vorfreude auf Entdeckungen wartet – selbst wenn sich diese als weniger angenehm herausstellen sollten. Er ist auch ein Meister in der Verwendung von Ironie.

In seinem zweiten Roman „The Web between the Stars“ (1979) beschrieb er einen „Fahrstuhl“ in die Erdumlaufbahn. Fast gleichzeitig verarbeitete Arthur C. Clarke den gleichen Gedanken in „Fountains of Paradise“. Beide gelangten unabhängig voneinander zur gleichen Idee. Kim Stanley Robinson griff diese Idee wieder in seinem Roman „Roter Mars“ auf, der mit dem katastrophalen Absturz eines solchen Fahrstuhls auf die Marsoberfläche endet.

Weitere interessante Romane sind „zwischen den Schlägen der Nacht“ (1985) mit seiner universumweiten Sicht à la Greg Bear – sowie „Die Nimrod-Jagd“, eine Space-Opera mit interessanten Aliens und Cyborgs. Zuletzt erschienen bei uns noch „Die Welt der Handelsfahrer“ (1988, dt. 1996), in der sich eine Post-Holocaust-Menschheit einer Alien-Invasion gegenübersieht, „Sternenfeuer“ (dt. 2002) und „Kalt wie Eis“ alias „Eismond“ (dt. 2005).

|Originaltitel: Aftermath, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Christine Strüh|

Kureishi, Hanif – Intimacy

_The Saddest Night_

|“Intimacy“ (dt. „Rastlose Nähe“) unterstreicht Hanif Kureishis Abkehr von der postkolonialen Thematik, steht jedoch in Offenheit, Ehrlichkeit und Tiefe der Beschreibung von inner- und zwischenmenschlichen Vorgängen in der Tradition der Werke, für die er bekannt geworden ist („The Buddha of Suburbia“, „My Beautiful Laundrette“ u. a.).|

„It is the saddest night, for I am leaving and not coming back.“ (dt. etwa: „Es ist die traurigste Nacht, da ich weggehen und nicht zurückkommen werde.“), konstatiert der Ich-Erzähler zu Beginn von Hanif Kureishis kurzem Roman und macht den Leser damit zum Mitwisser seines Plans, Lebensgefährtin und Kinder zu verlassen. Beschrieben wird auf den 118 Seiten im Wesentlichen die letzte Nacht, in der Jay (ein erfolgreicher Drehbuchautor) die zurückliegenden Jahre seiner eheähnlichen Beziehung mit Susann resümiert. Liebe und Leidenschaft sind abgekühlt und einem Nebeneinanderherleben gewichen. Was die beiden Menschen noch verbindet ist die Liebe zu ihren Kindern. In Flashbacks erfährt man, dass sein Sexualleben inzwischen mit Nina stattfindet – einer jungen Frau, die gekennzeichnet wird durch ihr unbeständiges Leben, geprägt von Ziellosigkeit, wechselnden Sexualpartnern und Drogenkonsum. Die Affäre mit ihr ist zum Zeitpunkt der Überlegungen, Susann zu verlassen, bereits vorüber, hat jedoch durch das tabulose Ausleben von Erotik Wünsche in Jay geweckt, die er nicht mehr bereit ist, hintenanzustellen.

Der Leser erfährt weiterhin von einer erfolglosen Paartherapie, von anderen Lebensentwürfen – dem seines Freundes Viktor oder des Familienmenschen Asif („Wisdom is to know the value of what we have.“) – von dem Verhältnis des Erzählers zu seinen Eltern, die das „bürgerliche Glück“ einer aufrechterhaltenen Ehefassade der individuellen Selbstverwirklichung vorgezogen und zum Schluss doch zu einer neuen „intimacy“ gefunden haben. Er wird hineingezogen in eine Diskussion über Ehe, Liebe, Leidenschaft, Genderkonzepte – kurz: über das universelle Glück der Menschen. Damit sind in diesem Roman des gereiften Kureishis die Pakistanis zumindest auf ihrer Suche nach Selbstverwirklichung nicht länger anders als Engländer. Ihre Probleme, Wünsche und Träume gehen über die Identitätssuche einer hybriden Persönlichkeit hinaus.

Auch „Intimacy“ ist geprägt von Themen, die bei Kureishi immer wieder auftreten. Musik, Drogen und Fashion sind dem Leben seiner Figuren inhärent, wohl auch aus dem Grund, dass sie Kinder der 70er sind, die mit ihrer Lebensphilosophie hier durchaus kritisch betrachtet werden.

Natürlich nimmt der Autor wie üblich kein Blatt vor den Mund, wenn es um sexuelle Handlungen geht. Man erlebt den Erzähler beim Geschlechtsverkehr mit Nina und folgt ihm ins Bad, wo er sich selbst befriedigt. Freimütig und derb wird über die sexuelle Einstellung seiner Freunde geredet. „Sometimes he fucked five people in a day, shoving his arm up to the elbow into men whose faces he never saw.“

Den typisch ironischen Humor Kureishis muss man ebenfalls nicht missen, zum Beispiel wenn er beschreibt, wie verzweifelt in die Jahre gekommene Frauen versuchen, sich ihr Alter nicht anmerken zu lassen oder, wenn es statt der Frauen die Männer der 90er sind, die auf den Büropartys über nichts anderes als ihre Kinder sprechen. Doch im Wesentlichen übernimmt der Roman die Stimmung des ersten Satzes. Der Leser steht mit dem Ich-Erzähler vor den Scherben dessen Lebens und vor philosophischen Phrasen, die nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Familie zerbrechen wird. Zwei Personen müssen einsehen, dass ihre Beziehung gescheitert ist und dass sie unabhängig voneinander weiterleben müssen. Durch die Schilderung seiner Affäre mit Nina (und anderen Frauen) fühlt man sich als Leser eher bestätigt, dass es Jay vorrangig um die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse geht, obwohl er selbst meist von „Liebe“ spricht. Das Ende des Romans hebt diese Sicherheit jedoch wieder auf, denn er endet optimistisch mit einer Beschreibung eines Momentes des vollkommen Glücks, der während eines Spaziergangs erlebt wird.

|Faber und Faber| haben sich in ihrer generell relativ haltbaren Paperback-Aufmachung bei „Intimacy“ zusätzlich für einen (gelben) Schutzumschlag entschieden, der einem Buch in Fragen „Ansehnlichkeit in späteren Jahren“ durchaus zuträglich ist. Die Schrift ist weniger gedrängt als in anderen Ausgaben von Kureishis Werken. Es findet sich sogar ein üppiger Rand, auf den man seine Anmerkungen kritzeln kann.

Alles in allem – ein lesenswerter Kureishi, der mit der Neudefinierung der britischen Identität abgeschlossen hat; ein Buch, das die Qual und die Freuden von Menschen analysiert, die versuchen mit einem anderen Menschen zusammenzuleben.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net/

|Eine [deutsche Fassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499229005/powermetalde-21 erschien 2001 unter dem Titel „Rastlose Nähe“ bei Rowohlt.

Besonders lohnend ist sicherlich die Geschichtensammlung [„Intimacy“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/349923193X/powermetalde-21 die im Juni 2001 anlässlich des gleichnamigen Films von Patrice Chéreau ebenfalls bei Rowohlt erschien und neben „Rastlose Nähe“ weitere Kurzgeschichten enthält, zusammen mit einem Essay und Szenenfotos aus dem Film.|

Benford, Gregory – Eater

Wieder einmal erhält die Erde Besuch von einem großen Objekt aus den Tiefen des Alls. Allerdings spricht das Objekt, ist intelligent und hat es obendrein auf die Energie des blauen Planeten abgesehen. Die Menschlein müssen sie rasch etwas einfallen lassen. Aber was?

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkentnnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und [„Das Rennen zum Mars“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1223 verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war [„Zeitschaft“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1222 Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar. Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman „Cosm“ hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science-Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

Ich wünschte, der |Heyne|-Verlag würde auch den interessanten Abenteuerroman „Wider die Unendlichkeit“ (Against Infinity) wiederauflegen, der 1985 bei |Knaur| erschien. Das Monster ist diesmal ein Wesen, das im Untergrund eines Eisplaneten lebt und Expeditionen in Todesgefahr bringt.

_Handlung_

Eines Tages, irgendwann nach dem Jahr 2010, registriert eine Forscherin im Observatorium für Hochenergie-Astrophysik auf Hawaii ein äußerst seltenes Ereignis am Rande unseres Sonnensystems (rund 50 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt): einen Gammastrahlenblitz, wie er entsteht, wenn zwei Neutronensterne kollidieren oder ein Stern durch ein Schwarzes Loch verschluckt wird. Kurz darauf beobachtet Amy einen weiteren Blitz.

In einem Gespräch mit ihrem Professor, Benjamin Knowlton, und mit weiteren Aufnahmen stellt sich heraus, dass es sich bei dem Phänomen tatsächlich um ein Schwarzes Loch von der Masse unseres Mondes handelt. Es verschlingt Eisasteroiden. Diese „Nahrung“ dient ihm als Energieaufnahme. Was noch könnte es verschlingen?

Etwas beunruhigt sind Amy und Benjamin, als sie herausfinden, dass sich das Schwarze Loch auf dem Weg ins Innere des Sonnensystems befindet. Zusammen mit einem britischen Konkurrenten namens Kingsley Dart muss Benjamin miterleben, was das Schwarze Loch, das seinen Kurs steuern kann, mit Jupiter anstellt: Erst ein kleines Frühstück – schwupps, ist einer der Monde weg. Dann die Hauptmahlzeit in drei Gängen: Happs, und schon ist der Riesenplanet um einen beträchtlichen Teil seiner Atmosphäre ärmer. Eins ist klar: Zeit, die Polizei zu rufen.

Die Jungs aus der Regierungszentrale (oder vom CIA?), die sich die U-Agency nennen, sind gewieft: Sie verhängen erst einmal eine totale Nachrichtensperre. NASA, UNO und der US-Präsident werden eingeschaltet. Es ist zwar nett, mit diesem großartigen Schauspieler zu besprechen, wie es mit der Erde, auf die der Kurs des „Eindringlings“ nun weist, weitergehen soll. Doch so wahnsinnig konstruktiv ist das nicht: Es mangelt an Ideen: Ist der Eater (= Fresser) ein Alien-Raumschiff (sagt Benjamins Frau Channing), eine Waffe (sagt die Air Force) oder der Zorn Gottes (sagen die Propheten und Sekten)? Kingsley, der lakonische Brite, bringt es auf den Punkt: „Das Problem mit den Aliens ist, dass sie uns so fremd sind.“

Da empfängt man auf Hawaii eine Botschaft des Eindringlings: „Ich wünsche zu konversieren.“ Das ist doch schon mal ein netter Anfang, der Auftakt zu einem regen Datenaustausch. Der Eater ist seit über sieben Milliarden Jahren im Universum unterwegs, wobei er offenbar schon etliche Zivilisationen verschlungen und deren Relikte in sich aufbewahrt hat: Was wohl bitteschön die Erdlinge zu bieten hätten?

Da ist guter Rat teuer, im wahrsten Sinne des Wortes. Channing, Benjamins geliebte Frau, eine ehemalige NASA-Astronautin und jetzige Astrophysikerin, ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Die Parallele zwischen dem Ausbreiten des Krebses in ihrem Körper und dem Eindringen des Eaters in den Erdraum entgeht ihr zwar, ist für den Leser aber offensichtlich. Da sie nur noch Tage zu leben hat – was Benjamin ebenso wie Kingsley ziemlich fertig macht – bietet sie sich an, ihren Gehirninhalt, also ihre Persönlichkeit, digitalisieren zu lassen und mit einer Sonde zum Eindringling schicken zu lassen. Auch sie möchte „konversieren“.

Kann eine einzelne Frau den Untergang der Erde abwenden? Und zu was ist der Eater alles fähig?

_Mein Eindruck_

Der Plot ist von geradezu altehrwürdiger Tradition. Schon Fritz Leiber schrieb in „Der Wanderer“ (1964) von einer Hohlwelt, das durch die Weiten des Alls zieht und unserer Welt einen kurzen Besuch abstattet. In Arthur C. Clarkes „Rendezvous with Rama“ (1973) ist die Hohlwelt relativ verlassen und Vehikel, um menschliche Forscher zu einer galaktischen Kultur zu entführen. Wesentlich exotischer ist das besuchende Objekt in Robert L. Forwards Hardscience-Roman „Das Drachenei“ von 1980: ein bewohnter Neutronenstern – etwas Exotischeres kann man sich kaum vorstellen, denn die Dichte dieses reisenden Sterns erzeugt die milliardenfache Anziehungskraft der Erde. Entsprechend platt sind seine Bewohner.

Und nun also Eater, das Milliarden Jahre alte, intelligente Wesen, das ganze Planeten aussaugen kann und auch der Erde einen verhängnisvollen Besuch abstattet. Mehrmals hat mich das Auftauchen dieses fremdartigen Monsters an uralte Star-Trek-Episoden (jetzt Classics genannt) erinnert. Natürlich bedeutet das Ungeheuer wieder einmal den Untergang von etwas: Menschheit, Erde, Zivlisation usw. Das war schon im Heldenepos „Beowulf“ so. Und so wie dort ein Held in der Not entsteht, so muss auch diesmal dem Monster begegnet werden.

|Das eigentliche Thema und Problem|

Das Problem aber macht Benford sehr deutlich: Jede Organisation, die für die Rettung der Welt zuständig ist, verfolgt eigene Interessen, deren Verfolgung der Erreichung des Zieles, der Rettung, zuwiderlaufen. Klartext: Jeder stellt dem anderen ein Bein. Folge: Alle gehen drauf.

Anschaulichstes Beispiel dafür ist das Vorgehen der Regierungagentur U-Agency: Statt die Astronomen ihre Daten untereinander austauschen und vergleichen zu lassen, versucht sie, die Forscher voneinander abzuschotten, natürlich nur im Interesse der Geheimhaltung, der „nationalen Sicherheit“ etc. pp. Dabei ist es ja gerade die Kooperation der Forscher, die zur Erkenntnis der rettenden Möglichkeiten führen würde.

Benford macht es überdeutlich, was passieren würde, wenn die Wissenschaft der Astronomie zu einem Politikum würde: Zwei Welten prallen aufeinander, von denen die eine die andere nicht versteht. Und Gott sei Dank für jene Leute, die wissen, wie man sich in beiden Welten bewegt, Leute wie Kingsley Dart (und wie ein gewisser G. Benford).

In seinem Nachwort weist der Autor auf dieses Anliegen seines Buches hin. Er habe versucht, „vor dem Hintergrund einer extremen Situation möglichst wahrheitsgetreu darzustellen, wie Wissenschaftler denken, arbeiten und sich mit dem Unbekannten auseinandersetzen.“ Das ist ihm – wie schon damals in „Zeitschaft“ – wieder einmal hervorragend gelungen. Aber das ist nicht alles, was er tut.

|Die menschliche Dimension|

Channing Knowlton ist eine wunderbare Lady: selbstironisch, nicht unterzukriegen, liebevoll und zärtlich. Es fällt schwer, sie zu vergessen. Der Autor breitet vor uns mit köstlicher Ironie ihre Gedanken, Empfindungen und Erkenntnisse aus (so etwa, als sie das Innere ihrer Handtasche als einen Blick in ihr Unterbewusstsein bezeichnet). In der Viererbande Benjamin, Kingsley, Amy bildet sie die zurückgezogene Denkerin, die sich das Wesen des die Erde bedrohenden Monsters als einzige wirklich vorstellen kann. Weil nämlich der Krebs ihr Inneres in ein Trümmerfeld verwandelt, wie sie sagt, und sie ebenfalls mit der Nichtexistenz konfrontiert ist. (Unnötig zu sagen, dass es zu herzzerreißenden Situationen kommt, wenn die anderen an ihren nahen Tod erinnert werden und sich schließlich damit abfinden müssen.)

Diese Dimension, der Handlungsstrang um Channing, ergänzt und transzendiert die beide anderen Aspekte: das Monster und die Reaktion auf sein Erscheinen. Channing wird schließlich zum eigentlichen „Helden“ der Geschichte. (Und ich werde mich hüten zu verraten, wie diese ausgeht.)

_Unterm Strich_

Ich hätte es am Anfang nicht gedacht, dass ich dieses Buch verschlingen würde (Eater!). Ich dachte, es würde so technophil wie viele Romane der Hard-Science-Fiction sein. Das Gegenteil ist der Fall: Ich kann mich nur an wenige Science-Fiction-Romane erinnern, die so human und psychologisch plausibel sind wie dieses Buch. Und dabei bleibt es spannend bis zum Schluss.

Das umfangreiche Glossar erklärt zahlreiche, auch unbedeutend erscheinende Fachbegriffe wie „Schwarzes Loch“ und „Neutronenstern“ auf verständliche Weise. So können auch Laien, die Physik nur aus der Schule kennen, das Buch und seine Figuren, sein eigentliches Thema, verstehen und die Lektüre gewinnbringend genießen.

|Originaltitel: Eater, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Irene Holicki|

Wallace, Edgar / Gruppe. Marc – blaue Hand, Die (Krimi-Klassiker 3)

Auch beim dritten Teil der Krimi-Klassiker aus dem |Titania Medien|-Verlag handelt es sich um eine klassische Erzählung, hier nach einer Vorlage von Edgar Wallace. Dieses Mal wird die Geschichte „Die blaue Hand“ erzählt, und das in einer Besetzung, die einem als Liebhaber des Hörspiels das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen sollte. Nachfolgend ein Überblick über die teilnehmenden Rollen bzw. ihre Sprecher (in Klammern der Name der ansonsten verkörperten Synchronstimme):

_Jane Groat_ – Dagmar von Kurmin
_Digby Groat_ – Torsten Michaelis (Wesley Snipes)
_Septimus Salter_ – Heinz Ostermann
_Jim Steele_ – David Nathan (Johnny Depp)
_Eunice Weldon_ – Heide Jablonka
_Mrs. Fane_ – Gisela Fritsch (Susan Sarandon)
_Madge Benson_ – Evelyn Maron (Kim Basinger)
_Jackson_ – Charles Rettinghaus (Jean-Claude van Damme)
_Mary Weatherwale_ – Regina Lemnitz (Kathy Bates)
_Tom_ – Detlef Bierstedt (George Clooney)
_Postbote_ – Lothar Didjurgis
_Portier_ – Joachim Tennstedt (John Malkovich)

Wie man unschwer erkennen kann, ist dieser 70-minütige Krimi also bestens besetzt, und dementsprechend ist auch die Qualität der Erzählungen sehr hoch einzustufen. Vor allem David Nathan in der Hauptrolle des Anwalts Jim Stelle weiß zu überzeugen, aber dazu mehr nach dem Überblick über die eigentliche Geschichte.

_Story:_

Nachdem ein Millionenerbe entsprechend den Regeln des Testaments 20 Jahre ruhen musste, soll es nun nach dem Ablauf dieser Zeit in den Besitz der Groats, der einzigen Verwandten der verstorbenen Familie Danton, übergehen. Der engagierte Anwalt Jim Steele beschäftigt sich gerade mit dem Fall und stellt erste Ermittlungen an, denn ihm persönlich ist die Familie Groat, vor allem der junge Digby, nicht ganz geheuer. Gleichermaßen bandelt Steele gerade mit der jungen Eunice Weldon an, muss aber entsetzt feststellen, dass diese demnächst im Hause der Groats als Sekretärin eingestellt werden wird.

Schon in der ersten Nacht spielen sich merkwürdige Dinge im Hause Groat ab; jemand ist in Eunices Zimmer eingedrungen und hat eine geheimnisvolle Warnung hinterlassen: „Jemand, der dich liebt, bittet dich dringend, dieses Haus so schnell als möglich zu verlassen!“ Außerdem bleiben mehrere blaue Abdrücke einer Damenhand zurück.

Eunice ist die Sache nicht geheuer, doch trotzdem setzt sie ihre Arbeit bei der mysteriösen Familie fort. Steele indes untersucht auch die Vergangenheit von Mrs. Weldon genauer und stellt dabei fest, dass Eunice im selben Alter wie die einst verschollene Dorothy Danton sein muss. Jedoch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Zusammenhänge zwischen der Vermissten und der geliebten Sekretärin bestehen. Eines Tages jedoch bringt Steele diesbezüglich Licht ins Dunkle; er stellt fest, dass das Verhältnis zwischen Digby und seiner Mutter gar nicht so gut ist, wie es nach außen hin scheint, freundet sich mit der Wittwe Groat an und erfährt dabei auch wichtige Details über die Vergangenheit. Von nun an gilt es für Jim Steele zu verhindern, dass das Millionenerbe in die falschen Hände gerät …

Die Geschichte um die blaue Hand ist in ihrer Struktur gewohnt komplex und mit vielen Details gespickt. Oder um es kurz zu sagen: der typische Edgar-Wallace-Stoff. Spannung ist jedenfalls im gesamten Verlauf geboten, selbst in dem Moment, wo man glaubt, dass die eigentliche Geschichte schon aufgelöst ist – und genau diese Eigenart besitzen nur die ganz guten Krimis aus der alten britischen Schule. Wallace wählt die Charaktere dabei nach den üblichen Kriterien aus; ein hoffnungslos verliebter junger Mann, eine Dame, die sich der Gefahr, in der sie schwebt, nicht bewusst ist, und auf der anderen Seite ein kompromisloser Schurken, der zusammen mit seinem Handlanger seine gemeinen Pläne durchsetzen möchte, selbst wenn er dabei über Leichen gehen muss.

Die komplexen Verflechtungen lösen sich dabei im Laufe des Hörspiels auf, jedoch kann man anfangs keinesfalls vorausahnen, in welche Richtung sich die Erzählung entwickeln wird. So sind vor allem die Rollen der Eunice Weldon und die der Jane Groat unklar. Weiterhin stellt sich die Frage, zu wem der Butler der Familie schließlich halten wird. Oder aber welche Motivation Jim Steele abgesehen von seinen Gefühlen für die junge Mrs. Weldon beim Ermitteln im Falle Danton antreiben.

Marc Gruppe, der Mann hinter diesem Drehbuch, hat die Rollen sehr gut verteilt und sich hierfür prominente und überaus talentierte Synhcronsprecher ins Haus geholt, die allesamt einen fabelhaften Job erledigen. Das gilt für den fabelhaft und heimtückisch auftretenden David Nathan alias Jim Steele ebenso wie für die undurchschaubare Jane Groat, der Dagmar von Kurvin ihre Stimme leiht.
Im Krimisektor ist dieses Hörspiel daher definitiv eines der besten seiner Machart und macht nach der recht kurzen Spielzeit von 70 Minuten Lust auf einen weiteren Durchlauf. Eine Seltenheit in diesem Genre, aber gerade dieser Fakt macht „Die blaue Hand“ auch für diejenigen interessant, die mit Hörspielen bzw. Krimis im Normalfall nicht so viel anfangen können. In diesem Fall wird die Kombination aus erstklassig agierenden Sprechern, einer spannungsgeladenen und gut ausgeschmückten Story und natürlich der Tatsache, dass die Legende Edgar Wallace hierzu die Vorlage geliefert hat, jedenfalls zu einem echten Glücksfall.

Meyrink, Gustav – Golem, Der

„Der Golem“ ist ein spannender, unheimlicher Schauerroman, der aber in einer modernen, einfachen Sprache geschrieben wurde. Wer E. A. Poe und Kafka mag, ist hier richtig.

Wer je in der Altstadt von Prag den alten jüdischen Friedhof besucht hat (so wie ich 1979), wird erstens auf das Grab des Rabbi Löw hingewiesen und zweitens seinen Augen kaum trauen: Da stehen Grabsteine dicht an dicht, manche halb umgestürzt, fast von Grün überwuchert und ungepflegt, auf jedem Stein eine verwitterte Inschrift in hebräischer Schrift. So viele Tote, Legenden, so viel Vergangenheit. Dort unten, auf diesem kleinen Grundstück, lebt er noch, der Geist des Golems.

_Die Legende vom Golem_

In der hebräischen Sage ist der Golem ein Mann, der – in Nachahmung der Erschaffung Adams – aus Lehm gemacht wurde, zum Leben erweckt durch einen magischen Spruch, der „shem“ genannt wird. Der Zauberspruch wird zu diesem Zweck auf ein Stück Papier geschrieben und in den Mund des Golem gesteckt. In der Folge ist der Golem seinem Herrn untertan.

Die physische Erschaffung eines Golem ist am engsten verbunden mit der Sage vom Wunderrabbi Judah Loew oder Lowe, der von 1512 bis 1609 lebte (immerhin 97 Jahre, und das zu jener Zeit!). Nach volkstümlichem Glauben erschuf er einen Golem, um die Juden des Prager Ghettos gegen ein Pogrom zu schützen, das der Habsburger Kaiser Rudolf II. (1552-1612) befohlen hatte.

Der Golem ist nur halb menschlich. Er hat hat keinen Begriff von Gut und Böse, er kann nicht sprechen, und er kann sich nicht fortpflanzen. Die Geschichte vom Golem hat Ähnlichkeit mit der von Frankensteins Kreatur, insbesondere in einer Geschichte, die einem Elijah von Chelm aus Polen zugeschrieben wird. Dieser erschuf Mitte des 16. Jahrhunderts einen Golem, um die Stadt zu schützen, doch der Golem wurde zu mächtig und Elijah musste ihn zerstören, indem er den „shem“ zurückholte. Somit ist klar, dass der Golem stets vor einem großen Unglück erscheint: ein rein städtischer Mythos.

Gustav Meyrinks Roman erschien 1913 und 1914 in der Zeitung „Die weißen Blätter“, erst 1915 als Buch. Diesmal ist es nicht der Golem selbst, der Prag im 19. Jahrhundert unsicher macht, sondern die Macht hinter ihm. Es gab mehrere Verarbeitungen des Motivs für Romane mit schauerromantischer Gaslicht-Stimmung, so etwa von Peter Ackroyd. Sean Stewart, ein Newcomer der Fantasy, ließ Golems in Todeslagern des 2. Weltkriegs auftauchen (Resurrection Man, 1995). Marge Piercy verknüpfte das alte Bild mit der Moderne, indem sie Kyborgs und Androiden als moderne Golems auffasste (in „Er, Sie und Es“, 1991, dt. beim |Argument|-Verlag). Auch in Frances Sherwoods historischer Fantasy [„Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=201 spielt Löws Golem eine zentrale Rolle.

_Der Autor_

Gustav Meyrink (1868-1932) hatte vor „Der Golem“ eine Reihe von „sonderbaren Geschichten“ veröffentlicht, deren Symbolsprache grotesk und spöttisch war. Sie nahmen gewissermassen die Brutalitäten des kommenden Ersten Weltkriegs vorweg, mit Visionen von Wildheit, Apokalypse und Untergang. Ihre Verspottung einer versinkenden Epoche erinnert in den expressionistischen Formulierungen an E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe zu deren schwärzesten Zeiten.

Dennoch kann man „Der Golem“ als romantische Fantasy lesen und genießen. Sie ist nur die seltsame Blüte, die am Ende einer langen Ära des Wachstums und Wandels gedeiht. Dieser Roman war einer der größten Bucherfolge der 1920er Jahre und wurde mehrmals verfilmt, u. a. 1920 von Paul Wegener.

_Die Handlung_

Ein namenloser Erzähler, zu Besuch in Prag, fällt in seinem Hotelzimmer nach der Lektüre eines Buches über das Leben des Buddha Gautama in einen unruhigen Halbschlaf, aus dem er in einen Traum driftet. Er findet sich hier als der Gemmenschneider Athanasius Pernath im geheimnisvollen Labyrinth des Prager Ghettos wieder (Gemmen: Halbedelsteine für Broschen etc.).

In der gespenstischen Atmosphäre, die geschwängert ist von Liebe und Leidenschaften (Bordellszene), Verbrechen, Hass und Intrigen, Angst und Grauen, begegnet Pernath dem Golem, der als Doppelgänger des Menschen erscheint. Doch der Golem ist nur ein Schemen, ein Symbol für die Kollektivseele des alten Ghettos einerseits, andererseits die ständig wechselnde Spiegelung der seelischen Erlebnisse des Erzählers – also auch eine Projektion eines im Ghetto gefangenen Bewusstseins auf seine Umgebung. Die wiederholten, recht unterschiedlichen Begegnungen mit dem Wesen gipfeln darin, ein erlöstes unsterbliches Ich zu erlangen.

Als der namenlose Erzähler wieder erwacht, findet er einen verwechselten Hut mit dem Namen Athanasius Pernath. Bei Nachforschungen entdeckt er Spuren des Geträumten in seiner Realität. Der Schluss, in dem der Erzähler seinem geträumten Ich (Pernath) begegnet, bleibt offen und lässt somit Leser und Erzähler gleichermaßen im Ungewissen über die Qualität des Erlebten – war es wirklich nur ein Traum, oder mehr?

_Mein Eindruck_

Die Erzählung ist recht leicht zu lesen, denn die Sätze sind einfach gehalten und vielfach, besonders gegen Ende hin, vielfach von Dialogen durchsetzt. Doch Meyrink benutzt die Wörter auf eigenartige Weise: da stehen Häuser wie Eckzähne und nehmen ein Eigenleben an. Man merkt schnell: Hinter diesen anschaulichen Beschreibungen vibriert ein verborgenes Leben, das unsichtbar Einfluss auf die Figuren der Erzählung ausübt. Schon bald fand ich mich im Banne dieser zweiten Schicht, dieses geheimen Klanges. Das ist es, was den Horror im Kopf auslöst, nicht die Special Effects. Die gibt’s hier nämlich nicht.

Auch die Kapitelüberschriften muten modern an und nicht wie so verschnörkelt-barock wie die aus dem 19. Jahrhundert: Jede Überschrift besteht nur aus einem einzigen Wort, einmal sogar nur aus einem Buchstaben – als wäre jedes Wort ein „shem“.

Das heute völlig versunkene Prag steht hier für Europa und seine uralte Kultur selbst, zu der wir nach den Zerstörungen, die zwei Weltkriege angerichtet haben, kaum noch einen echten Bezug haben. Meyrink stellt den Fall des Prager Ghettos als Reinigung der materiellen Welt dar, auf dass danach höhere geistige Mächte walten mögen – ein frommer Wunsch?

Um dies auszusagen, hat er die mystische Erlösungsvorstellung der Golem-Legende mit den damit verknüpften kabbalistischen Traditionen sowie religiös-messianischen Heilsideen verschmolzen. Ägyptische Mysterienweisheit ergänzt Meyrink mit indisch-theosophischem Gedankengut. Der Roman selbst ist konsequenterweise aus gegensätzlichen Positionen heraus aufgebaut: Der natürlichen Weltsicht, wie sie normalerweise verwendet wird, steht eine geistig-spirituelle gegenüber. Dies erklärt, warum Athanasius Pernath sein Seelenheil nicht hienieden, sondern in einem geheimnisvollen Drüben erlangt.

Inzwischen gilt „Der Golem“ als ein Vorläufer der modernen Traum- und Visionsdichtung, wie sie beispielsweise Franz Kafka hervorbrachte („In der Strafkolonie“, „Die Verwandlung“, „Der Prozess“ u. a.), doch Kafkas Grundlagen waren ganz andere. Ein moderner Klassiker, der, sobald er neu aufgelegt wird, binnen kürzester Zeit ausverkauft ist.

Und wer Kafka, Poe und Hoffmann sowie die gesamte Schauerromantik interessant findet, der wird auch „Der Golem“ mit Interesse und Vergnügen lesen. Es ist ein Eintauchen in ein Prag, wie es einst war, vor 1885, erfüllt von einem Raunen.

Wem Meyrink zusagt, der sollte auch einen Blick auf Leo Perutz‘ Werke werfen, darunter besonders „Nachts unter der steinernen Brücke“.

|Die Taschenbuchausgabe|

Es gibt sicher schönere Leinenbandausgaben dieses wunderbaren Buches, doch auch die ungekürzte bibliophile Taschenbuchausgabe des Ullsteinverlags vermittelt einen guten Eindruck von den ersten Ausgaben. Die 25 kongenialen Schwarzweißzeichnungen von Hugo Steiner-Prag, einem Zeitgenossen Meyrinks, bringen das mittelalterliche Dunkel des Ghettos ausgezeichnet zur Geltung und heben jede Figur, jede Lichtquelle prägnant hervor. In der Atmosphäre erinnern sie an manche Zeichnungen von Alfred Kubin.

„Der Golem“ lasse sich als Er- und Bekenntnis-Literatur nur aus der Biografie des Autors heraus verstehen, meint der Verfasser des Nachworts, Dr. Eduard Frank. Das lasse ich mal dahingestellt sein, aber im weiteren Verlauf seiner Ausführungen bietet er eine Reihe von Erklärungshilfen an, darunter auch Psychoanalyse und Historie. So etwa erfahren wir, dass das alte Ghetto 1885 abgerissen und durch neue, hygienischere Bauten komplett ersetzt wurde. Noch Kafka wähnte sich im Grunde seines Herzens im alten Ghetto, er fühlte sich selbst wie ein Spuk in der Neuzeit. Niemand traute sich bis in die 20er Jahre in jenen geheimen Raum in der Altneusynagoge, in den der Legende nach der Golem des Rabbi Löw zur ewigen (?) Ruhe zurückgeschickt worden war.

Baumgart, Lars – Konzept Emma Peel, Das

Diana Rigg als Emma Peel ist der Charme, Patrick Macnee als John Steed der Schirm, aber auch die Melone. Glücklicherweise wiegt Emma diese ungerechte Doppelwertigkeit des Mannes im deutschen Titel der Fernsehserie „The Avengers“ wieder auf. Das ist jetzt (endlich …) auch wissenschaftlich erwiesen. „Mit Schirm, Charme und Melone“ (beim noch heute allseits bekannten Titel wollen wir hier bleiben) gehört bis heute zu den populärsten Phänomenen der 1960er Jahre. Das geht über das Fernsehen weit hinaus. Peel & Steed sind Ikonen der Pop-Kultur, so abgehoben von der schnöden Wirklichkeit bierernst moralisierender „Verbrechen lohnt nicht“-Krimis und gleichzeitig Repräsentanten einer modernen, besseren Welt (deren Versprechen nie eingelöst wurden), dass sie ohne die Nachhilfe fixer Werbestrategen, sondern verdient aus eigener Kraft Kultfiguren wurden.

Emma Peel stand naturgemäß mehr im Rampenlicht als ihr männlicher Kollege. Die Emanzipation der Frau in den vergangenen Jahrzehnte hat John Wickham Gascone Berresford Steed ein wenig verdrängt. Dabei ist er es, der die umfassende Entwicklung hinter sich bringen musste. Das weiß hierzulande nur kaum jemand, weil wir stets nur die letzten drei Staffeln von „Mit Schirm, Charme und Melone“ gezeigt bekommen. Tatsächlich begann Patrick Macnee – damals wirklich noch als „Rächer“ – bereits 1960 den John Steed zu spielen. Erst fünf Jahre später begleitete ihn Diana Rigg als Emma Peel.

Es sind diese beiden Staffeln, die den eigentlichen Ruhm der Serie begründeten. Recht konventionell noch begann es mit klassischen Kriminalfällen, doch bald schon wandelte sich das Bild. Immer verdrehter wurden die mit Elementen der Science-Fiction und des Horrors reich bedachten, von geistreichem und schwarzem Humor getragenen Geschichten, die zudem unendlich vom wunderbaren Zusammenspiel der Hauptdarsteller und einem unerschöpflichen Reservoir exzentrischer Nebenfiguren profitierten. Rigg und Macnee wurden wiederum von inspirierten Drehbuchautoren durch zunehmend bizarre Kulissen gelenkt. Der berühmt-berüchtigte Zeitgeist floss reichlich ein – in seiner Essenz, die erstaunlich alterungsbeständig ist: „Mit Schirm, Charme und Melone“ mag vielleicht technisch veraltet sein, wirkt aber nicht altmodisch.

Wieso dies so ist bzw. auf welche Weise dies gelang, zeichnet Lars Baumgart in seiner Studie nach. Er beschränkt sich in seiner Betrachtung nicht auf die Serie, sondern weitet den Blick darüber hinaus auf die Rezeptionsgeschichte – mit einem besonderen Schwergewicht auf die bewegte und leidvolle Vergangenheit der „Rächer“ im deutschen Fernsehen, deren Vertreter die Kluft zwischen der Leichtigkeit des Peelschen/Steedschen Seins und der bleischweren Realität der konservativpolitischen Beamtenrepublik Deutschland mit der ihnen üblichen Gründlichkeit durchexerzierten.

Ein weiteres Schwergewicht liegt auf der Entschlüsselung der raffinierten Methoden, durch die Emma Peel zur frühen und auf ihre Weise singulären Vorreiterin der Emanzipation werden konnte. Diese beschränkte sich eben nie darauf, dass „Leder-Emma“ Muskelstrolche durch die Luft wirbelte, wie die dumpfe Presse es immer wieder vorbetete. Der entscheidende Unterschied liegt im vorsätzlichen Verzicht auf fast sämtliche Stereotypen, die mit der gleichberechtigten Behandlung von weiblichen mit männlichen Rollen einher gehen und diese aushebeln können.

Das erforderte einen durchaus komplizierten dramaturgischen Mechanismus, den Baumgart hier analysiert, für uns auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Anschließend verstehen wir, was uns noch immer so modern an Mrs. Peel und Mr. Steed anmutet, wieso ihre zahllosen Nachahmungen quasi scheitern mussten (Welches Desaster ist z. B. die „Avengers“-Neuverfilmung von 1998!), wie und warum sie ihren Schatten bis in die Gegenwart werfen.

„Das Konzept Emma Peel“ lautet der etwas bedrohliche Titel dieses Buches. Tatsächlich haben wir es hier wohl mit einer Abschlussarbeit zu tun, die im Rahmen des Baumgartschen Studiums am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der Kieler Universität entstand. Obwohl der Autor sich bemüht hat, die wissenschaftliche Strenge zugunsten der Lesbarkeit aufzubrechen, ist ihm das nur bedingt gelungen. Feines Seminardeutsch prägt den Stil; es dauert lange, bis man es sich wieder abgewöhnen kann. Das sollte man aber, denn außerhalb universitärer Elfenbeintürme hemmt es den Informationsfluss zum Leser.

Auch das denkbar Einfache möglichst kompliziert auszudrücken, ist ein alter Kniff, denn hinter solchem Wortgedonner lässt sich so manche Argumentationsschwäche verstecken. Davon sollte man sich nicht schrecken lassen. Selbst wenn manches ein wenig zu weit hergeholt bzw. schon längst bekannt sein mag, kann Baumgart Erstaunliches aufdecken. Zwischen den Bildern einer reinen Unterhaltungs-Serie gibt es andere Ebenen, die dem Kundigen die Zeitgeschichte besser als eigens für die Nachwelt formulierte Überlieferungen nahe bringen können. Um dies verfolgen zu können, aktiviert man bei der Feierabendlektüre gern einmal den Schwurbelfilter und übersetzt sich im Geiste, was der Autor eigentlich meint.

Marklund, Lisa – Paradies

Dieser Roman schließt direkt an [„Studio 6“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=904 an. Die Journalistin Annika Bengtzon beschäftigt sich diesmal mit einer Privatorganisation, die bedrohte Menschen verschwinden lassen kann, und mit der serbischen Mafia in ihrem Land. Außerdem findet sie einen neuen Mann in ihrem Leben. Leider ist er schon verheiratet. Aber das lässt sich ja ändern.

_Die Autorin_

Liza Marklund, geb. 1962, verließ mit 19 die nordschwedische Provinz, um in Tel Aviv Orangenbäume zu pflanzen und in London Pizza zu verkaufen. Nach ihrer Rückkehr nach Schweden studierte sie Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Der Erfolg gibt ihr Recht: Für ihr Debüt „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie 1998 den Poloni-Preis sowie den Debütpreis der schwedischen Kriminalakademie. Der Nachfolgeroman, „Studio 6“ war weltweit ein Erfolg. Liza Marklund lebt mit ihrem Mann Micke, einem Fernsehproduzenten, und ihren drei Kindern in Stockholm. Bei |Hoffmann und Campe| erschienen bisher die Romane „Olympisches Feuer“ (2000), der fürs Kino verfilmt wurde, „Studio 6“ (2001), „Paradies“ (2002), das Doku-Drama: „Mia – Ein Leben im Versteck“ und „Der Rote Wolf“ (2004). (Verlagsinfo)

_Die Sprecherin_

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Prime Time“ und „Studio 6“ gelesen.

Winter liest die von Gisela Mathiak gekürzte Fassung.

_Handlung_

Die ehrgeizige „Abendblatt“-Journalistin Annika Bengtzon, 24, hat den beruflichen Durchbruch nach den Ereignissen um „Studio 6“ noch nicht geschafft. Sie ist erst Textredakteurin, bereitet also die Artikel ihrer Kollegen und der freien Autoren auf. Wenigstens ist ihr direkter Vorgesetzter Jörnsson zufrieden. Sie darf für die Kriminalredaktion arbeiten, aushilfsweise.

Da erhält sie die Meldung, dass im Stockholmer Freihafen zwei Leichen in einem Flugzeugwrack gefunden worden seien. Waren es Schmuggler? Zigarettenschmuggel aus Russland und Estland scheint ein großes Geschäft geworden zu sein. Und was alles in den Sattelschleppern steckt, die am Freihafen herumstehen, weiß nicht einmal der Zoll ganz genau. Was Annika nicht weiß: Ein Laster mit 50 Millionen Zigaretten ist verschwunden; Wert: 50 Millionen Kronen. Und das bereitet in der Unterwelt mächtigen Ärger und führt zu weiteren Toten.

Kurz darauf erhält Annika am „Idiotentelefon“, auf dem die Öffentlichkeit die Redaktion erreichen kann, einen merkwürdigen Anruf, dem sie aber nachgehen will. Eine Frau namens Rebecca Björgstig hat eine private Organisation für von Mord bedrohte Frauen gegründet und will dies nun publik machen – nur um von den Sozialbehörden entsprechende Geldspritzen zu erhalten, wie Annika bald herausfindet. Doch wie ist es möglich, einen Menschen überhaupt in Schweden zu verstecken, ihn aus sämtlichen öffentlichen Verzeichnissen zu „löschen“? Das wundert Annika doch sehr. Die Stiftung Björgstigs nennt sich „Paradies“, nach dem Garten Eden, der von einer Mauer vor dem Bösen geschützt wurde.

Noch ein Anruf, der wichtigste. Aida Begovic ist eine bosnische Flüchtlingsfrau, die angeblich in Schweden von der jugoslawischen Mafia verfolgt wird: Auch sie hätte im Freihafen erschossen werden sollen, erzählt sie. Nach einem Interview gibt Annika der Frau aus Mitgefühl die Geheimnummer zu der „Paradies“-Organisation. Gerade noch rechtzeitig, denn schon taucht vor der Tür ihres Hotelzimmers Aidas Verfolger auf, Radko, ein serbischer Söldner. Annika gelingt es, ihn abzuwimmeln und Aida in Sicherheit zu bringen. Aida schenkt ihr zum Dank eine symbolträchtige Goldkette.

Ist „Paradies“ wirklich, was es zu sein vorgibt? Annika kommen durch ihre Interviews und Recherchen immer größere Zweifel, ob es sich überhaupt um eine legale Stiftung handelt und nicht vielmehr um die Geldbeschaffungsmaschine einer Serienbetrügerin. Ein Domizil von „Paradies“ ist Voxhavn, wo auch Aida lebte. Der Sozialkämmerer des dortigen Sozialamtes, Thomas Samuelsson, lebt unglücklich in einer kinderlosen Ehe mit einer stellvertretenden Bankdirektorin (wir treffen Eleonor in [„Prime Time“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=385 wieder) und verliebt sich sofort in Annika, aber natürlich dauert es bis zum Schluss, bis die beiden zusammenkommen. Er gibt Annika entscheidende Information über das fiese Spiel, das Rebecca Björgstig alias Ingrid Agneta Nordin alias Eva Ingrid Andersson mit dem Sozialamt treibt.

Durch ihre Einmischung geraten Annika und Thomas zwischen die Fronten, denn Radko sucht immer noch Aida Begovic, und Rebecca Björgstig scheint in Verbindung mit ihm zu stehen. Ist „Paradies“ nur ein Schleusernetz der serbischen Mafia? Das fragt sich Annika, als die beiden Schurken Thomas bewusstlos schlagen und Annika einsperren. Da ahnt sie, dass noch viel mehr dahinterstecken muss.

_Mein Eindruck_

War [„Studio 6“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=904 der reinste Zickzacklauf und nicht gerade das glorreichste Abenteuer für die Anfängerin Annika Bengtzon, so ist „Paradies“ wesentlich spannender sowie actionreicher und Annika kann sich endlich erfolgreich durchsetzen, beruflich wie privat.

Diesmal nimmt die engagierte Reporterin und Autorin Marklund zwei heiße Eisen ins Visier: die Asylantenpolitik und die vielfältigen Aktivitäten der jeweils herrschenden Mafia, der nicht nur Schmugglerbanden, sondern auch Asylantenschleuser angehören. Wenn Henning Mankell die afrikanischen Einwanderer zu Protagonisten machen kann, so kann Marklund mit gleichem Recht bosnische und serbische Flüchtlinge in das Personal ihres Romans aufnehmen. Sehr intensiv sind die Zitate aus Aida Begovics privatem Tagebuch, in dem sie von ihrer Vertreibung erzählt.

Die Probleme, mit denen die Asylanten zu tun haben, sind ähnlich gelagert wie bei Mankell, so etwa die Abhängigkeit von Schleusern und anderen mafiosen Gestalten. (Nur dass Aida noch einen anderen Grund hatte, nach Schweden zu kommen: Rache an den Mördern ihrer Familie.)

Dass die Kripo sich als machtlos gegenüber der jeweiligen Mafia erweist, prangert Marklund gnadenlos an. Offenbar mangelt es an politischem Willen, etwas gegen die Mafia zu unternehmen. Daher können auch Pseudo-Organisationen wie „Paradies“ fröhlich Profit herausschlagen, indem sie die Sozialämter betrügen. Die Steuerzahler haben ja eine Eselsgeduld.

Beruflich scheint Annika endlich in eine festere Position zu gelangen. Dafür aber bemüht sich ihr Redaktionschef Anders Schüman, seinen eigenen Chef Torstensson wegen kompletter Unfähigkeit abzusägen. Erst in „Prime Time“ soll es ihm gelingen.

Annikas Privatleben befindet sich in einem dynamischen Übergang, der nicht ohne Stress abläuft. Erst stirbt ihre über alles geliebte Großmutter, dann klagt ihre eigene Mutter sie als „Unglücksrabe“ der Familie an! Schließlich habe Annika mindestens einen Menschen auf dem Gewissen! In Thomas Samuelsson findet Annika zunächst einen Liebhaber für eine Nacht, doch als sie feststellt, dass sie von ihm schwanger ist, muss sie eine Entscheidung herbeiführen. Ob Thomas‘ Frau ihn einfach so gehen lässt?

Diese privaten Wechselfälle schildert Marklund ebenso anschaulich, einfühlsam und verständlich wie die großen politisch-mafiosen Hintergründe und Zusammenhänge, denen ihre Heldin auf die Spur kommt. Die Auffassungsgabe des Zuhörers wird jedoch auf die Probe gestellt: Die Erzählstruktur, derer sich Marklund diesmal bedient, ist wesentlich komplizierter als in dem einfach gestrickten „Studio 6“. Auch hier gibt es wieder Zitate aus einem Tagebuch, aber der Verlauf der drei Haupthandlungsstränge ist verschlungener.

Daher fiel es mir beispielsweise schwer, die bedeutsame Verbindung zwischen der Stiftung „Paradies“ und der serbischen Mafia unter Radko herzustellen. Vielleicht habe ich einen Moment nicht aufgepasst, und schon war’s passiert. Wer diesen Zusammenhang nicht herstellen kann, hat Probleme, das „Paradies“-Thema mit den Radko-Szenen in Verbindung zu bringen und ihre Bedeutung zu intepretieren. Diese Schwäche seitens der Darstellung kann auch auf die Kürzungen im Hörbuchtext zurückzuführen sein.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Sehr schön gelingt ihr Vortrag bei der einfühlsamen und tränenreichen Liebesszene zwischen Thomas und Annika – die Sprache wird hier recht poetisch, und bei unsensiblen Zuhörern könnte dies auf Ablehnung stoßen. Judy Winter rettet die Stelle, die ganz wesentlich für die Glaubwürdigkeit der zarten Liebesbande zwischen Thomas und Annika ist.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher gehobene Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, falls die Aussprache schwankt.

_Unterm Strich_

„Paradies“ ist noch besser als „Studio 6“, indem es spannender, actionbetonter und ehrgeiziger in seiner politischen Aussage ist. Aber es verlangt vom Konsumenten auch ein höheres Maß an Aufmerksamkeit, Intelligenz und Kombinationsfähigkeit – die Erzählstruktur ist komplexer, abwechslungsreicher. Sehr befriedigend ist es natürlich, endlich zu erfahren, dass sich Annika nach ihren massiven Niederlagen in „Studio 6“ wieder berappelt und unter ihrem neuen Chef anspruchsvollere Aufgaben erhält. Natürlich deckt sie auch diesmal wieder eine hammerharte Affäre auf, die das Ende der serbischen Mafia in Schweden bedeutet. (Im zynischen Epilog wird erwähnt, dass die abgeschobenen Serben sofort von den Russen ersetzt wurden.)

Ich kann dem Leser bzw. Zuhörer nur dazu raten, sich sofort die Fortsetzung „Prime Time“ zu Gemüte zu führen. „Olympisches Feuer“ hingegen spielt nach Angaben der Autorin erst acht Jahre nach den Ereignissen in „Studio 6“. Man kann diesen Roman also gut als Letzten lesen.

Im August 2004 wurde auch der Marklund-Roman [„Der Rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 als Hörbuch bei |Hoffmann und Campe| veröffentlicht.

|373 Minuten auf 5 CDs|

Reto Wehrli – Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe)

Schwer & laut – und älter als gedacht

„Verteufelter Heavy Metal“ gliedert sich in zwei Blöcke. Im Kapitel „Grundlagen und Geschichte“ bereitet Verfasser Wehrli die Bühne für seine Darstellung vor, indem er die allgemeine Entwicklung von Ross (= Musik) und Reiter (= Musikzensur) in ihrer (zwangs-) symbiotischen Beziehung seit dem II. Weltkrieg schildert.

Dann rekonstruiert Wehrli in „Ein Phoenix aus der Asche der Jugendkultur: Heavy Metal“ die Geschichte eines Musikgenres, das als solches erst wenige Jahrzehnte alt ist, wobei die Wurzeln weiter zurückreichen, als sich Fan & Feind es sich wahrscheinlich vorstellen können. „‚Stampfen, Toben, Fäusteschwingen‘ – Eskapismus als Lebensrealität“ geht dem Heavy Metal psychologisch auf den Grund und präpariert zwei grundsätzliche Richtungen heraus. Da ist die „dionysische“, deren Anhänger sich dem Rausch der Musik hingeben und dabei auf und vor der Bühne nicht selten völlig vorausgaben. Konträr dazu stehen jene Schwermetaller, die ‚ihre‘ Musik als (auch gelebten) Ausdruck des körperlichen und moralischen Zerfalls der Gesellschaft und des Individuums werten und sich entsprechend düster, manchmal geradezu ‚satanisch‘ geben. Reto Wehrli – Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe) weiterlesen

Gablé, Rebecca – Siedler von Catan, Die

_Turbulente neue Welt Catan: actionreiche Abenteuer_

Die christlichen Völker schreiben etwa das Jahr 850: Die Bewohner von Elasund, einem Küstendorf im hohen Norden, leben vom Fischfang und dem, was sie ihren kargen Feldern in drei kurzen Sommermonaten abzuringen vermögen. Doch als die feindlichen Turonländer das Dorf überfallen, das Vieh stehlen und die Frauen rauben, erkennen die Ziehbrüder Candamir und Osmund, dass ihre Tage in der alten Heimat gezählt sind. Auch Osmunds Onkel Olaf, ein weit gereister Kauffahrer, plädiert dafür, im westlichen Meer ein neues Land zu suchen.

Nach einem bitteren Hungerwinter bricht die ganze Dorfgemeinschaft mit neun Schiffen zu einer beschwerlichen Seereise auf. Nach drei Wochen schließlich verschlägt ein Sturm die Auswanderer an die Nordwestküste jener Insel, die sie bislang nur aus der Sage kannten: Catan. Odin, erzählt die Legende, habe dieses Land einst erschaffen, um eine schöne Albentochter zu entzücken, und deshalb habe er es vollkommen gemacht. Voller Hoffnung erkunden die Siedler die große Insel, roden Wälder und bestellen den fruchtbaren Boden. Alle Not könnte ein Ende haben, hätten sie nicht ihre Vergangenheit und ihre Zwistigkeiten aus der alten Heimat mitgebracht … (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Rebecca Gablé, 1964 in einer Kleinstadt am Niederrhein geboren, absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Bankkauffrau. Diesen Beruf übte sie einige Zeit auf einem Stützpunkt der Royal Air Force aus, wo sich ihr Interesse für England vertiefte. 1990 schrieb sie ihren ersten Roman und begann danach ein Literaturstudium in Düsseldorf, wobei sie sich zunehmend auf die Mediävistik – die Lehre vom Mittelalter – konzentrierte. Seit 1996 ist sie freie Schriftstellerin und Literaturübersetzerin.

1995 erschien ihr Krimi „Jagdfieber“, der dann auch für den „Glauser“-Krimipreis nominiert wurde. Sie trat der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur – dem Syndikat – bei, dessen Sprecherin sie derzeit ist und gehört dem Verband deutscher Schriftsteller an.

Sie lebt mit ihrem Mann unweit von Mönchengladbach auf dem Land und reist oft und gerne in die USA und nach Großbritannien. Neben dem Lesen ist Musik ihre bevorzugte Freizeitbeschäftigung. Sie spielt selbst Klavier und singt manchmal in einer Rockband. (zitiert nach: |buchkritik.at|)

Nach den Bestsellern „Das Lächeln der Fortuna“, „Das zweite Königreich“ und „Der König der purpurnen Stadt“ ist „Die Siedler von Catan“ ihr vierter historischer Roman. Der Hintergrund ist an das gleichnamige Spiel angelehnt. Im Herbst 2005 erscheint ihr fünftes Historienepos „Die Hüter der Rose“.

_Der Sprecher_

Martin May, 1961 in Coburg geboren, wurde bereits mit 18 Jahren von Rudolf Noelte als Schauspieler entdeckt. Es folgten über hundert weitere Rollen bei Film, Fernsehen und Theater, unter anderem in Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“. May lebt mit seiner Familie bei Hamburg.

_Handlung_

Die Story kommt sofort mit einer Actionszene in die Gänge: Die Turonländer überfallen das Dorf Elasung, in dem die zwei Hauptfiguren des Buches leben: Candamir Oleson und sein Freund Osmund. Sie können weder verhindern, dass es viele Tote und Verletzte gibt, noch dass die große Scheune abbrennt. Lediglich Candamirs Bruder Hakon lässt sich retten. Später taucht Candamirs Schwester Asta mit einem ungeborenen Kind auf, verstoßen vom Stamm ihres Mannes. Es wird ein verdammt harter Hungerwinter.

In den langen Nächten erinnern sie sich mancher Geschichten versprengter Seefahrer, die ein Sturm bis in den Äußersten Westen verschlagen hatte, wo sie dann auf unbekanntes, leeres Land gestoßen waren. Im Frühjahr bauen sie Schiffe, um dorthin zu gelangen. Bevor es losgeht, muss die alte Schamanin Brigitta das Runenritual ausführen, um günstige Vorzeichen zu finden. Zum Glück hat Candamir Brigittas Sohn nicht im Zweikampf getötet – sonst würden die Vorzeichen wohl ungünstig ausfallen.

Bei einem Zwischenstopp in König Knuts Land verrät dessen Frau Siglind Candamir, dass Knuts Leute Candamirs Gefährten an Land betäubt hätten, um die Schiffe zu rauben. Siglind, die einst von Knut geraubt worden war, will mit Candamir in die Freiheit segeln. Mit knapper Not gelingt die Flucht vor den Verfolgern. Auf dem Schiff unterrichtet Candamirs britischer Sklave Austin Hakon und Siglind. Wie Austin glaubt auch Siglind an den dreifaltigen Gott der Christen.

Die Fahrt führt über Norwegen, Schottland, Irland und die Bretagne auf den Atlantik hinaus, wo mehrere Stürme die kleine Flotte versprengen. Acht Tage bläst sie der Sturm nach Westen und fordert 14 Tote, danach kehrt er zurück. Candamirs Schiff läuft auf ein Riff auf und sinkt. Immerhin kann sich die Besatzung an Land retten: Catan – Odins Paradies, wie die alte Brigitta erklärt.

Und so entstand Catan einst: Göttervater Odin warb um eine schöne Frau namens Tanuri, doch sie forderte von ihm ein vollkommenes Land, in dem sie leben könne. Er schuf Tanuris Insel, doch die Umworbene fand immer weitere Mängel, weil es das perfekte Land nicht geben kann. Also entrückte Odin diese Insel der besiedelten Welt.

Ist Catan also das Paradies? Wohl doch nicht. Kommende Konflikte künden sich an. Candamirs Sklavin bekommt ein Kind von ihm und will geheiratet werden. Er will aber lieber die schöne Siglind zur Frau nehmen, was dann auch nach langem Hin und Her klappt. Da sie Christin ist und nicht dem Stamm angehört, muss Candamir nicht nur seine Glaubensüberzeugung ändern.

Außerdem landen die Mannen um Olaf und seinen Sohn Jared in Catan. Sie beharren auf der Verehrung der alten Götter und der Befolgung der überkommenen Sitten und Bräuche – wozu auch der sexuelle Missbrauch von Sklaven gehört. Candamir, Hakon und Siglind haben sehr unter Olaf & Co. zu leiden. Tatsächlich spaltet sich der Stamm in zwei Kulturen auf, von denen das Jared-Volk in Höhlen unter der Wüste lebt.

Wer Sieger bleibt, ist über Jahre hinweg offen, doch „es kann nur einen geben“, wie es so schön heißt. Und so ist für eine Menge Action, Liebe und Leidenschaft gesorgt.

_Mein Eindruck_

|Catan, das Gelobte Land|

Das klingt nach einem Abenteuergarn alter Schule, doch tatsächlich gibt es in all dem turbulenten Geschehen auch einen ernstzunehmenden Faden: Es geht um die Errichtung eines reformierten Gemeinwesens, das sich von überkommenen Werten und Sitten abkehrt. Das erinnert doch stark an die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika im 17. und 18. Jahrhundert.

|Die Revolution von Catan|

Der Unterschied ist jedoch, dass diese „Revolution von Catan“ bereits im 10. oder 11. Jahrhundert stattgefunden haben muss, als die Wikinger zahlreiche Kolonien gründeten – in der Normandie, auf Sizilien, in Russland. Der Konflikt zwischen nordischem Götterglauben und neuem christlichem Glauben war vorbestimmt und wird denn auch in Catan bis aufs Blut ausgetragen.

|Ein cooler neuer Gott?|

Es ist nun nicht so, dass die Hauptfigur Candamir über Nacht sagt: „Hey, Sklave, das ist ein cooler Gott, von dem du faselst – den übernehme ich.“ Vielmehr ist es für ihn ein langer Prozess von Versuch und Irrtum, bis er von alten Sitten und Bräuchen lässt. Er beginnt, die Werte von Austin und Siglind, den beiden Christen, zu akzeptieren. Auch Hakon, sein Bruder, ist als Austins Schüler beeinflusst. Die Kluft macht sich im täglichen Leben, wie etwa der Sklavenhaltung, bemerkbar. Auch gegen die Schamanin gilt es sich durchzusetzen. Und mit Olafs Sippe bricht offener Krieg aus. Selbst ein Exodus garantiert nicht, dass die christlich gesinnte Sippe überlebt, denn Olafs Arm reicht weit.

|Mittelalter, eine Zeit des Umbruchs|

Rebecca Gablé versteht sich als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur auf die authentische Darstellung mittelalterlicher Denk- und Lebensweisen. Anders als man lange Zeit dachte, war das Mittelalter eine tumultreiche Epoche, in der das europäische Erbe des christlichen Königs Karls des Großen von schweren Erschütterungen wie dem Mongolensturm (ca. 1250) und dem Konflikt zwischen Kaiser und Papst während der Kreuzzüge gekennzeichnet war, während England den Wikingern bzw. Normannen (= Nordmänner) in die Hände fiel. Feudalstaaten wie Frankreich und Großbritannien bildeten sich heraus, bis die Pest im Jahr 1348 fast die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Der Fortschritt verlagerte sich in die italienischen Stadtstaaten, die vom Exodus der Byzantiner nach dem Fall Konstantinopels 1453 profitierten: Die Renaissance begann.

|Jugendfrei?|

Genau wie die Sitten jener Zeit ganz schön rauh waren, so spielt sich auch das Leben in „Die Siedler von Catan“ nicht immer friedlich ab. Öffentliche Züchtigungen, Zweikämpfe, Überfälle und Vergewaltigungen scheinen selbst im gelobten Land an der Tagesordnung zu sein. Nicht, dass gegen Realismus in sexuellen Dingen etwas einzuwenden wäre, doch muss sich die nicht jugendfreie Darstellung auch auf die Vergewaltigung männlicher Sklaven erstrecken? Eltern seien entsprechend gewarnt.

|Der Sprecher|

Martin May ist offensichtlicher Routinier in Sachen Sprechen und Vortrag. Seine Lesung, die kaum einmal mit Musik oder Sound unterlegt ist, überzeugt durch eine deutliche Aussprache, hervorhebende Pausen und eine sympathische Satzmelodie. Es gibt Sprecher, die ihren Text einfach herunternudeln, ohne auf Betonung und Pausen zu achten. May gehört zum Glück nicht dazu. Die 440 Minuten (über 7 Stunden) sind solcherart durchaus zu ertragen, und mit Spannung legt man die nächste CD ein.

_Unterm Strich_

„Die Siedler von Catan“ ist die literarische Form des bekannten Spiels. Die Autorin Rebecca Gablé hat sich einen möglichen Handlungsverlauf herausgepickt und weitergesponnen. Wie schon der Beginn der Saga, ist auch der weitere Verlauf in Catan von turbulenten Konflikten gekennzeichnet. Nicht Friede, Freude und Eierkuchen herrschen hier, sondern der Zwist zwischen zwei gegensätzlichen Göttern – dem christlichen und dem nordischen – sowie ihren jeweiligen Anhängern. So war das ja schon bei den amerikanischen Pilgervätern, die vor religiöser Verfolgung in England flohen.

Gablés Buch ist besonders in der gekürzten Hörbuch-Fassung geprägt von Liebe, Leidenschaft und Kampf, aber auch die unterschiedlichen Denk- und Verhaltensweisen kommen deutlich zur Geltung. Realistische Darstellung von Sex und Gewalt jedoch veranlasst mich, Eltern entsprechend zu warnen: Diesen harten Stoff sollte man nicht unbedingt Kindern antun, sondern warten, bis diese etwa 15 oder 16 sind.

|440 Minuten auf 6 CDs
[Besprechung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=258 der Buchfassung|

Bova, Ben – Jupiter

Gibt es intelligentes außerirdisches Leben auf dem Riesenplaneten Jupiter? Und falls ja, darf man dann darüber sprechen? Eine knifflige politisch-religöse Frage, mit der sich der Astrophysiker Grant Archer auseinandersetzen muss – denn die christlichen und islamischen Fundamentalisten der Erde betrachten intelligente Aliens als Gotteslästerung.

_Der Autor_

Ben Bova ist ein Veteran – auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science-Fiction-Magazins „Omni“ förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit „Venus“ und „Jupiter“ zog er nach, gefolgt von „Saturn“, dem „Asteroidenkrieg“ und einem „Asteroidensturm“ – vielleicht schafft er ja auch noch „Merkur“ und den ganzen Rest. Im September 2005 wird jedenfalls erstmal die Asteroiden-Trilogie mit „Asteroidenfeuer“ abgeschlossen.

1) [Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1206
2) [Rückkehr zum Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1219
3) [Venus;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1220
4) Jupiter;
5) [Der Asteroidenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1075 (The Asteroid Wars 1: The Precipice);
6) Asteroidensturm (The Asteroid Wars 2: The Rock Rats);
7) Asteroidenfeuer (The Asteroid Wars 3: The Silent War; deutsche Fassung im September 2005);
8) [Saturn.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557

Während in „Venus“ die dramatische Handlung derart überwog, dass die menschlichen Klischees das wissenschaftliche Interesse erdrückten, gelingt es Bova in „Jupiter“, das Ruder herumzureißen und einen ordentlichen Roman über eine lebensgefährliche Forschungsexpedition ins Innere des Riesenplaneten abzuliefern.

_Handlung_

|Die Fundamentalisten|

Am Ende des 21. Jahrhunderts ist der religiöse Fundamentalismus auf der ganzen Welt die dominante politische Strömung. In den USA gibt die so genannte Neue Ethik (NE) den Ton an, mit dem Argument, dass der Mensch so verantwortungslos wie bisher nicht mehr mit der göttlichen Schöpfung umspringen könne – die zehn Milliarden Erdenbewohner müssten endlich die göttlichen Gebote beachten. Die NE verbreitet die Lehre des Kreationismus: Gott schuf die Welt in sechs Tagen und den Menschen nach seinem Ebenbild. Die Wissenschaft des Menschen darf nicht mehr alles erforschen, geschweige denn „Irrlehren“ wie Darwins Evolutionstheorie verbreiten.

Doch beunruhigende Nachrichten kommen von der Jupiterstation Gold: Dort gehen ungenehmigte Dinge vor, womöglich gefährliche. Als der junge und frisch verheiratete Astrophysiker Grant Archer daher zum NE-Regionaldirektor Beech berufen wird, der ihm befiehlt, zum Jupiter zu fliegen, ist er sich sicher, dass ein Riesenfehler gemacht wird. Er kommt sich vor wie Herr K. in Kafkas „Prozess“. Zu allem Überfluss soll er als Spion der NE zum Jupiter fliegen.

Doch alle Proteste fruchten nichts. Während seine Frau Marjorie für die Friedenstruppen auf der Erde arbeitet, muss Grant zur Jupiterstation – allein die langweilige Hinreise dauert Monate. Und das Leben auf der Station wird von einem Diktator namens Dr. Wo wie weiland Käptn Ahab [(„Moby Dick“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1144 regiert. Besser, man legt sich nicht mit ihm an. Wie Ahab hat auch Dr. Wo ein Beinproblem: Nach einem schweren Unfall mit der bemannten Jupitersonde sind seine beiden Beine fast vollständig gelähmt. Doch mit Hilfe von Training und implantierten Biochips kann Dr. Wo durchaus stehen.

|Das Geheimnis|

Aha, eine geheime Tauchsonde! Das war also das unbekannte Gebilde, das Grant beim Anflug auf die Station an deren Ring gesehen hatte. Und was sucht Dr. Wo mit der Tauchsonde? Natürlich außerirdisches Leben. Solange dieses nicht intelligent ist, ist das nicht verboten. (Man merkt hier schon die Absurditäten der Neuen Ethik.) In der gigantischen Atmosphäre des Riesenplaneten hat man bislang die schwebenden Medusen entdeckt, die schon Arthur C. Clarke in seiner Novelle „Treffen mit Medusa“ beschrieben hatte.

Doch weit unterhalb der Lebensebene der Medusen hat Dr. Wo einen flüssigen Ozean entdeckt und Aufnahmen von blinkenden Lichtern gemacht. Also muss jetzt eine zweite Expedition nachsehen, was es mit diesen Lichtern auf sich hat. Nachdem Grant sich bewährt hat und als Wissenschaftler auf der Station anerkannt ist, nimmt ihn Dr. Wo – quasi als Ritterschlag – in sein Tauchteam auf. Nachdem jedoch der zweite Tauchversuch wegen eines vergifteten Mitglieds (etwa ein Anschlag verkappter NE-Fanatiker an Bord?) abgebrochen werden musste, rekrutiert Dr. Wo den jungen Grant, der sich als Missionstechniker schon mit dem Ablauf usw. auskennt.

|Die Mission|

Jetzt geht es also los! Endlich kann Grant eine fremde Welt selbst erforschen! Doch er hat eine Scheißangst. Denn erstens atmet man in der Sonde wegen des immensen Außendrucks nicht Luft, sondern eine kalte schleimige Flüssigkeit namens Perfluorcarbon (genau wie Ed Harris in James Camerons „Abyss“) – bei der Umstellung von Luft auf PFCL steht man Todesängste durch. Und zweitens scheint die Kapselkommandantin, Dr. Krebs, nicht ganz in Ordnung zu sein: Dass sie eine Diktatorin ist, ist okay: kennt man schon von Dr. Wo. Dass sie einen nicht sieht, wenn sie nicht per Biochip mit dem Bordcomputer verbunden ist, ist da schon etwas beunruhigender.

Dafür fühlt man sich dann aber wie Gott!, findet Grant. Denn durch die implantierten Biochips ist sein Gehirn direkt mit den Bordsystemen verbunden. Sozusagen im Cyberspace spürt er die Power des Reaktors und der Triebwerke. So gerüstet, geht’s ab zu Grants turbulentester Tauchfahrt seines Lebens.

|Leviathan|

Ich verrate hier nichts Geheimes, wenn ich euch Leviathan vorstelle, das intelligente außerirdische Lebewesen, das mit seiner Sippe den Jupiterozean durchschwimmt. Leviathan wird in mehreren kurzen Kapiteln schon am Anfang des Buches vorgestellt. Er ist ein Gestaltwesen, das aus einer Aggregation spezialisierter Einzelwesen besteht. Manche seiner Bestandteile sind also für die Fortbewegung zuständig, andere für die Nahrungsaufnahme, wieder andere für die intellektuellen Funktionen.

Da Leviathan – benannt nach dem mythischen Meereswesen aus der Bibel – ein neugieriger junger Bursche ist, hat er sich ein wenig zu weit von der Herde entfernt. Er hat schon von der ersten Sonde gehört, die im Ozean aufgetaucht ist. Das Schicksal (und der Autor) will es, dass Leviathan auf die menschliche Tauchkapsel trifft – eine Begegnung, die das Sonnensystem verändern wird und Grant Archer, den NE-Spion, vor eine schwere Entscheidung stellt.

_Mein Eindruck_

„Jupiter“ weist also durchaus eine plausible und vor allem im zweiten Teil spannende Handlung auf, die so manchem Science-Fiction-Freund schmecken dürfte: Auf so spannende Missionen durfte man in letzter Zeit lange warten, zumal wenn sie mit so fundierten Erkenntnissen angereichert sind. Natürlich sind Medusen, Leviathane und Jupiterhaie erfunden – dichterische Freiheit. Sie sind ja das Salz in der Suppe, die der Mission des Grant Archer die Krone aufsetzen.

Man muss kein gläubiger Christ sein, um die christliche Einstellung Grants akzeptieren oder gar tolerieren zu können. Auch die Zitate aus den Psalmen, die jedem der fünf Buchteile als Motto vorangestellt sind, stören nicht allzu sehr – sie verleihen der Story das Flair der fünfziger Jahre, als die Welt noch halbwegs in Ordnung war (und einige der besten Science-Fiction-Geschichten geschrieben wurden).

Wissenschaft zwischen Wahrheitsfindung und politischer Verantwortung – so lautet der grundlegende Konflikt, auf den Punkt gebracht, mit dem sich der Autor in diesem Roman beschäftigt. Der Konflikt wird in dem Helden der Handlung, Grant Archer, exemplarisch ausgetragen. Von den Fundamentalisten der NE als Spion entsandt, sieht sich der Wissenschaftler doch auch der Neugierde und dem Forschen nach Wahrheit verpflichtet. Und was noch wichtiger ist: In der Arbeit mit einem intelligent gemachten Gorillaweibchen entwickelt er ein Verantwortungsgefühl für nichtmenschliche Intelligenz. Grant kann dies durchaus mit seinem christlichen Glauben vereinbaren, dann er sagt sich, dass auch dies zu Gottes Werk gehört – und wer ist der Mensch, dass er über Gottes Werke zu Gericht säße?

So könnte also auch ein guter Roman des frühen Heinlein (zwischen 1947 und 1958) aussehen, wenn er denn weiterschriebe. Die Missionsvorbereitung und die Jupitermission selbst haben mich an etliche Erkundungs-Storys erinnert, natürlich an „Treffen mit Medusa“, aber auch an das beklemmende und furchterregende „Projekt Luna“ (Rogue Moon) des Amerikaners Algis Budrys. Da merkt man, dass die Erkundungsfahrt in eine so fremde Welt wie Jupiter auch eine Fahrt ins Herz der Finsternis sein kann – und damit ist nicht nur die äußere Finsternis gemeint. Die Auseinandersetzung mit der blinden Kapselkommandantin erzeugt ein Gefühl der Paranoia, wie es wohl an Bord so manchen U-Boots vorkommen könnte. Es gemahnt an die Stimmung auf der „Pequod“, dem todgeweihten Schiff des buchstäblich verdammten Käptn Ahab in „Moby Dick“. Motive dieses Meisterwerks von Melville ziehen sich durch den ganzen Roman und wären eine nähere Untersuchung wert.

_Unterm Strich_

„Jupiter“ mag zwar manchen logischen Schwachpunkt aufweisen (dichterische Freiheiten), doch bietet der Roman insgesamt hohe Spannung, die aus einer (menschlich und wissenschaftlich) plausiblen Handlung erzeugt wird, die vor einer möglichen Welt des Fundamentalismus als Hintergrund spielt. Ich jedenfalls konnte das Buch auf den letzten hundert Seiten – der Beschreibung der Mission – nicht mehr aus der Hand legen. Ich denke, dafür lohnt sich der Kauf.

Leute, denen sich beim Wort „Gott“ die Zehennägel aufrollen, sollten aber tunlichst die Finger davon lassen.

|Originaltitel: Jupiter, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Walter Brumm|

Mankell, Henning – Mittsommermord

Drei junge Leute werden im Wald von einem Unbekannten erschossen. Sie hatten es gewagt, die Mittsommernacht am 22. Juni in Rokoko-Kleidern zu feiern. Merke: Only try this at home!

_Der Autor_

Henning Mankell, 1948 in Härjedalen geboren und jetzt in Mosambique lebend, sieht sich selbst weniger als Krimiautor denn als Gesellschaftskritiker. Bereits mit 20 arbeitete er in Stockholm als Autor und Regisseur an einem Theater. In den siebziger Jahren veröffentlichte er mehrere Werke, die sich den Klassenkampf und die Arbeiterbewegung zum Thema machten.

Seit 1990 widmet er sich seinem Hauptwerk: den neun Fällen des Kommissars Wallander. Sie wurden Weltbestseller und alle im |Hörverlag| in Hörspielfassungen veröffentlicht. „Mittsommermord“ wurde 2001 von Wolfgang Butt ins Deutsche übersetzt.

Deutsche Verlagshomepage von Henning Mankell: http://www.henning-mankell.de/ (|dtv|)

|Henning Mankell bei Buchwurm.info|:

[Die Brandmauer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=704
[Hunde von Riga]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=95
[Mörder ohne Gesicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=143
[Die Pyramide]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (Hörspielfassung)
[Die Rückkehr des Tanzlehrers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1058

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen spricht diesmal den Kommissar. Pleitgen kann auf eine lange, erfolgreiche Sprecher- und Schauspielerkarriere zurückblicken. Geboren 1946 in Hannover, erhielt er seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Am Mittsommerabend, dem 22. Juni, feiern drei junge Leute im Wald von Ystad ein feuchtfröhliches Fest. Sie sind in Rokoko-Kostüme gekleidet und gepudert. Ein Mann tritt zwischen den Bäumen hervor und jagt jedem eine Kugel durch die Stirn. Er ist zufrieden: Ihnen ist das Lachen vergangen. Eine von ihnen war Astrid Hillström.

Etwa sechs Wochen später wird Wallanders Kollege Kalle Svedberg ermordet in seiner durchwühlten Wohnung aufgefunden. Nun endlich erfahren die Kollegen mehr über ihren zurückhaltenden Kollegen. Wie sein bester Freund Bror Sundelius verrät, hatte Svedberg eine Freundin namens Louise. Die ist nicht aufzutreiben, lediglich ihr Foto fällt dem Kommissar in die Hände. Und das Foto von vier jungen Leuten in Kostümen des 18. Jahrhunderts. Eine der abgebildeten Frauen ist Astrid Hillström, die ihrer Mutter noch nach dem 22.6. eine Postkarte schrieb, die die Mutter als Fälschung bezeichnet.

Wallander und seine (nicht mehr ganz so neue) Kollegin Ann Britt Höglund ahnen einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Svedberg und den verschwundenen jungen Leuten, als Astrids Mutter erzählt, Svedberg habe schon im Juli und August nach ihrer Tochter gesucht und Fragen gestellt. Er hatte ihr offenbar geglaubt, im Gegensatz zu seinen Kollegen.

Als das vierte Mädchen auf dem Foto stellt sich Isa Edengren heraus, eine junge, von ihren reichen Eltern seelisch misshandelte Frau, die versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wallander ist verblüfft: Das Mittsommerfest war völlig geheim, und Isa überlebte, weil sie krank geworden war. Woher kannte der Mörder Ort und Zeitpunkt des Treffens?

Als er nach dem Verhör in Isas Versteck auf einer Insel schläft, weckt ihn ein Schrei. Er kommt zu spät, um Isa vor dem unsichtbaren Killer zu retten. Doch woher konnte dieser Mann oder diese Frau wissen, wo sich Isa befand?

Schon bald hat sich der Mörder neue Opfer ausgesucht, denen das Lachen vergehen soll. Ob Wallander noch rechtzeitig erkennt, wie der Killer seine Opfer findet?

_Mein Eindruck_

Die Dramaturgin Valerie Stiegele hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk bearbeitet. Sie achtete dabei auf die Herausarbeitung eines logischen roten Fadens, den Aufbau von Spannung und einen Action-Höhepunkt. Das gelingt auch ganz gut.

Allerdings gibt es auch Brüche oder Lücken, die dem schnellen Fluss der Handlung geopfert werden: So besitzt Isa Edengren zu Wallanders größtem Erstaunen eine Tonbandaufnahme von dem Verhör, dem Svedberg auch sie unterzog. Wir bekommen diese Aufnahme allerdings nicht zu hören. Das wäre auch überflüssig gewesen, denn auch Wallander verhört sie ja, so dass wir das Wesentliche erfahren, was mit den Morden zu tun hat.

Die Kriminalisten von Ystad sind ja auch nur Menschen. Ann-Britt Höglund steht kurz vor der Scheidung, und der Kommissar macht sich Sorgen wegen Diabetes. Na, vielleicht ergibt sich noch etwas zwischen den beiden. Denn Ann-Britt heißt in den bekannten ZDF-Verfilmungen Maja …

Angesichts von Wallanders physischer Schwäche überrascht den Zuhörer dann doch ziemlich, welche Energie er bei der Verfolgung des Mörders, der ihm an der Wohnung aufgelauert hat, entwickelt. Ja, eine veritable Verfolgungsjagd schließt sich an, die dort endet, wo alles begann: im Wald von Ystad. Dort zeigt sich auch, wozu ein Brett vor dem Kopf alles gut ist.

Was das gesellschaftliche Engagement Mankells in diesem Roman angeht, so macht es sich an dem Grund fest, aus dem der Mörder seine Verbrechen begeht: Er will seinen Opfern das Lachen austreiben. Dies hat etwas mit seiner Rache an dem zu tun, was man ihm als Kind angetan hat.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher sind Profis, wie deutlich zu hören ist. Am wichtigsten ist natürlich die Figur des Kurt Wallander: Ulrich Pleitgen verleiht dem ebenso beliebten wie beleibten Kommissar eine imposante Statur: einmal voller Energie, dann wieder lethargisch, denn er hat offenbar Diabetes. Dieser Energiemangel wird Wallander fast zum Verhängnis. Im Vergleich zu Heinz Kloss in „Der Mann, der lächelte“ wirkt Ulrich Pleitgen allerdings zu nervös, beinah schon aggressiv.

Von den übrigen Sprechern ist mir kaum einer im Gedächtnis geblieben. Sie folgen in rascher Abfolge aufeinander. Nur Anne Weber als Ann-Britt und Kathrin Bühring als Isa Edengren ragen heraus: Sie haben längere Parts und beindrucken durch ihre Modulationsfähigkeit, die besonders im rein akustischen Medium wichtig ist.

|Die Musik|

Auch diesmal ist die Musik eine Geschmacksfrage. Sie wird nur von Saiteninstrumenten gestaltet, also Violinen und Celli etc. Es handelt sich laut Booklet um drei verschiedene Urheber, was aber nicht von Belang ist. Die Musik erzeugt eine angespannte Atmosphäre durch dissonante Harmonien. Dann aber, wenn Action in die Handlung kommt, kippt das Dahinplätschern in recht rhythmische Kadenzen, so dass man fast meinen könnte, in einem James-Bond-Film zu sitzen.

Geräusche gibt es diesmal nur sehr wenige, so etwa Babygeschrei oder klingelnde Telefone. Daher treten auch keine Fehler wie etwa beim erwähnten „Der Mann, der lächelte“ auf.

_Unterm Strich_

Insgesamt würde ich das Hörspiel „Mittsommermord“ im oberen Mittelfeld einordnen: Hier wird nichts falsch gemacht, es werden aber auch keine künstlerischen Gipfel erklommen. Das Hörspiel eignet sich also recht gut für den Einstieg in Mankells Werk, zumal es nicht mal zwei Stunden lang ist. Dafür wiederum ist es mit 20 Euro recht teuer.

|ca. 110 Minuten auf 2 CDs
Originaltitel: Steget efter, 1997
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt|

Markolf Hoffmann – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1)

Das Zeitalter der Wandlung:
Band 1: Nebelriss
Band 2: Flammenbucht
Band 3: Schattenbruch
Band 4: Splitternest

Wem beim Stichwort „Fantasy“ eine bunte Truppe aus Bäcker- oder Magierlehrling, rotnasigem Zwerg sowie ähnlichen Rollenbildern und Stereotypen vorschwebt, die verständlicherweise für Brechreiz und gepflegte Langweile sorgt, den kann man verstehen.

Markolf Hoffmann – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1) weiterlesen

Köhler, Werner – Mädchen vom Wehr, Das

Jerry Crinelli, Hauptkommissar bei der Mordkommission in Köln, zieht mit seiner Frau ins Bergische Land. Kurz nach seinem Umzug findet man am Wehr die Leiche eines Mädchens. Crinelli entdeckt bald, dass sich dahinter mehr verbirgt: Menschenhandel, Schleuserbanden und korrupte Polizisten.

Je mehr er alles durchschaut, je näher er dem Mörder kommt, desto mehr vermischt sich das Schicksal seiner Familie mit dem Mordfall. Der Preis, den er am Ende zahlen wird, um den Mörder zu finden, ist hoch. (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Werner Köhler, geboren 1956, lebt und arbeitet als selbständiger Verleger in Köln. Außerdem ist er Mitbegründer und Geschäftsführer des internationalen Literaturfestivals lit.COLOGNE. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Kochbücher. Im Frühjahr 2004 erschien bei |Kiepenheuer & Witsch| sein erster Roman „Cookys“.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-Tatort-Serie den Deutschen Fernsehpreis. Er hat mehrere Romane von Håkan Nesser vorgetragen.

Die Bearbeitung des Romans besorgte Sabine Bode, Regie führte Kerstin Kaiser.

_Handlung_

Jerry Crinelli ist Kommissar bei der Kölner Mordkommission und ein glücklicher Mensch: Seine geliebte Frau Maria ist im vierten Monat schwanger. Er hofft, dass es ein Mädchen wird. Um ihrer Tochter ein schönes Zuhause geben zu können, sind die beiden gerade in das Dorf Niederkirchen gezogen, das im Bergischen hinter einer Hügelkette verborgen in einem Talkessel schlummert, umgeben von tiefen Wäldern.

Dass hier auch ganz normale Menschen wohnen, wird Jerry schon auf dem ersten Nachbarschaftsfest bei Bauer Neumann deutlich. Beim Pinkeln beobachtet er einen polnischen Knecht dabei, wie er einem Huhn den Kopf abschneidet und das heiße Blut trinkt. Etwas später am Abend erspäht Maria einen Blick auf den Metzger, der es mit der Frau des Bäckers treibt. Sind Maria und Jerry in Sodom und Gomorrha gelandet?

Der Dorfpolizist ruft Crinelli zum Wehr des Baches, der durch das Dorf fließt. Im Wald hat ein Jäger die nackte Leiche eines etwa achtjährigen Mädchens gefunden. Jerry ist erschüttert vom Anblick des ausgehungerten Körpers mit der Drahtschlinge und dem Goldkettchen um den Hals. Sie wurde stranguliert. Was noch alles mit dem Mädchen angestellt wurde, erfährt Jerry erst vom Pathologen der Kripo. Er rennt sofort zum nächsten Waschbecken und kotzt sich die Seele aus dem Leib.

Nicht nur Jerry ist beunruhigt bei der Vorstellung, dass ein Kindermörder in seiner Dorfidylle sein Unwesen treibt. Maria hat noch viel mehr Angst, denn sie hat ein neues Leben zu beschützen. Sie drängt Jerry zunehmend stärker, wieder nach Köln zurückzuziehen, und nach einer Weile der Anfeindungen willigt er ein, in der Stadt eine Wohnung zu suchen.

In Köln erfährt von Schleuserbanden, die Pädophile mit jährlich zwei Millionen kindlichen und weiblichen Opfern versorgen, und diese Kinderliebhaber sind keineswegs irgendwelche Niemande, sondern offenbar auch Promis. Aber das ist nicht Crinellis Baustelle, sondern die der Sitte. Deshalb konzentriert er sich auf Niederkirchen. Zu seinem Erstaunen gibt es dort einen Puff und sogar einen verschworenen Kreis von Sexbesessen. Der Metzger, der Bäcker/Bürgermeister und sogar Crinellis eigener Nachbar gehören dazu. In ihrer gemeinsamen Jagdhütte wird er fündig. Gomorrha ist ein Kindergarten dagegen.

Doch die Aushebung dieses Sündenpfuhls kommt zu spät. Gerade als er glaubt, den Serienmörder enttarnt zu haben, kommt es zu einer Katastrophe, die sein Leben auf den Kopf stellt. Denn Maria hat ihm nicht zu erzählen gewagt, welchen Anfeindungen sie selbst ausgesetzt ist.

_Mein Eindruck_

Mit wachsender Beklemmung folgte ich der unheilvollen Entfaltung der Geschichte Jerome Crinellis. In seinem pflichtbewussten Eifer, dem Recht zu Geltung verhelfen, überschreitet er eine verhängnisvolle Grenze: die zwischen beruflicher Pflicht und der persönlicher Verwicklung. Gerade weil er in seinem eigenen Lebensraum ermittelt, erzeugt er Hass und Abwehrreaktionen, die sich nicht nur gegen ihn selbst wenden, sondern auch gegen seine Frau.

Er wird von seinem Vorgesetzten gewarnt, so weiterzumachen, doch als typischer Einzelkämpfer hat er den Rat in den Wind geschlagen. Der Preis, den er bezahlen muss, ist äußerst hoch. An dieser Stelle wird die Erzählung wirklich bewegend. Und man bezweifelt, ob Crinelli in der Lage sein wird, nach seinem Totalabsturz den wahren Kindermörder zur Strecke zu bringen. Ihm steht ein weiterer Schock bevor.

|Menschenhandel|

Crinelli ist im Buch nicht der Erste, der in Sachen organisierter Menschenhandel recherchiert. Da ist ein früherer Journalist, der jetzt als Metallskulpteur arbeitet und sein Freund wird. Liebermann stieg aus dem Journalismus aus, nachdem ihn die gefundenen Ergebnisse so deprimiert hatten, dass sie den Sinn seiner Arbeit und seines Lebens infrage stellten. Er warnt Crinelli ebenfalls, die Grenze zu überschreiten; natürlich hört der nicht auf ihn.

Die Kinder und Frauen, die die Schleuser importieren, kommen aus allen Ländern des ehemaligen Ostblocks, sprechen meist kein Wort Deutsch und können sich nicht wehren. Zwangsprostitution ist ein schreckliches Los, das sie erleiden müssen. Und zwar überall, auch in der vermeintlichen Idylle des ländlichen Niederkirchen. Denn auch dort hat Kindesmissbrauch eine Tradition, wie der Autor aufzeigt. Und dessen Opfer suchen sich ihrerseits wieder Opfer und so weiter ad nauseam.

|Korrupte Polizei?|

Was Crinelli zunehmend empört, ist die Gleichgültigkeit der Polizei in diesen Dingen. In der Stadt wird wenigstens ein V-Mann auf die Drahtzieher eingesetzt, doch auf dem Land werden selbst die auffälligsten Hinweise übersehen. Nur durch Zufall stößt Crinelli auf einen Andenkenverkäufer, der vom Leichenbestatter die verräterischen Details kennt. Vor zwei Jahren kam in Taufheim, Niederkirchens Nachbargemeinde, kein Zigeunermädchen um, sondern eines mit Lackschuhen, das eine Christin war – kenntlich an dem Kreuz an einem Goldkettchen. Das gleiche Goldkettchen wie beim Mädchen am Wehr. Und welche christliche Familie ließe ein Familienmitglied nach einem Unfall im Wald liegen? Keine, soweit der Andenkenverkäufer weiß. Aber die Zeiten ändern sich offenbar dahin, dass das nicht einmal mehr Polizisten wissen. Oder nicht wissen wollen.

Was ein aufrechter Polizist wie Crinelli bei den Ermittlungen in diesem Milieu riskiert, wird ebenso deutlich. Dieser Sumpf weiß sich durchaus zu wehren und die Widersacher unschädlich zu machen. Denn je mehr Geld damit zu machen ist, desto mehr Bullen und Richter lassen sich damit bestechen, und desto mehr „Helfer“ aller Art lassen sich damit anheuern. Auch Auftragskiller.

|Humor ist, wenn man trotzdem lacht|

Es gibt nur sehr wenig zu lachen bei diesem bitterernsten Thema, und doch gibt es eine Episode, die zum Schmunzeln reizt – wäre der Täter nicht ein so erbärmlicher Wicht. Der alte Optiker Gnaas, ein alleinstehender Witwer im Niederkirchner Zentrum, ist stolzer Besitzer eines Teleskops, diverser Ferngläser und Kameras, mit denen sich vorzügliche Bilder einschlägiger Aktivitäten machen – und verkaufen – lassen. Niemand ist vor seiner Linse sicher, weder Liebespaare noch Säuglinge und stillende Mütter, von den Sexbesessenen ganz zu schweigen. Wenn ihr also einen Kamerabewehrten durch den Wald schleichen seht, denkt daran, welche Motive dieser Voyeur wohl jagen könnte. Kitze oder Kinder?

_Der Sprecher_

Dietmar Bär ist uns als Tatort-Kommissar vertraut, auch stimmlich. Er verfügt über die Gabe, trotz einer tiefen, zur Ernsthaftigkeit neigenden Stimme auch warmherzige Freundlichkeit ausdrücken zu können. Diesmal muss er seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der alte Gnaas beginnt zu wimmern und sogar zu fiepen, weil ihm die Stimme versagt. Und an einer Stelle muss Crinelli schreien, was das Zeug hält – ich bangte um meine Lautsprecherboxen. Beide Herausforderungen bewältigt Bär mit beachtlicher Kompetenz. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

_Unterm Strich_

„Das Mädchen am Wehr“ ist starker Tobak, ein Buch, das betroffen und wütend macht, keinen kalt lässt. Das ist auch gut so, denn wenn alle wegsehen, können die Menschenhändler und ihre Kunden immer so weitermachen. Der weltweite Handel mit Menschen hat den mit Drogen inzwischen überrundet: 15 Milliarden Dollar werden damit jährlich umgesetzt. Davon könnte man eine Menge Schulen und Kindergärten bauen. Ganz davon abgesehen, könnten auch eine Menge mehr Kinder und Frauen überleben. Siehe Levke und Adelina.

Der Vortrag Dietmar Bärs ist über weite Strecken ernst und lebhaft. Er lässt Crinelli auch mal aufbrausend werden, dann wieder zärtlich oder zweifelnd. Sein stärkster Moment ist wohl der lange Schrei der Verzweiflung und des Entsetzens, den Crinelli ausstößt, als er entdeckt, was mit Maria passiert ist. Genau wie das Buch lässt auch der Vortrag keinen kalt. Und das ist gut so.

Ich hoffe, der Kölner Schriftsteller Werner Köhler schreibt noch mehr solche engagierten Kriminalromane. Dass er sich damit in guter Gesellschaft befindet, zeigen die Namen, die mir dazu einfallen: Jacques Berndorf (für die Eifel), Christa von Bernuth (Kommissarin Mona Seiler) und vor allem Liza Marklund (Schweden).

|Die Buchfassung erschien im März 2005 bei Kiepenheuer & Witsch, Köln.
266 Minuten auf 4 CDs|

Kureishi, Hanif – Midnight all Day

_Vier blaue Stühle und ein emanzipierter Penis_

|Frage: Was haben blaue Stühle und ein Penis gemeinsam? Antwort: Sie erscheinen in Hanif Kureishis letzter Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“, die dem Leser die bekannte Mischung aus Humor, Liebe, Sex, Drogen, Musik und Desillusion bietet, sowie ein kafkaeskes Schmankerl beinhaltet, das mir die Tränen in die Augen getrieben hat – vor Lachen.|

Hanif Kureishi wurde 1954 als Sohn einer weißen englischen Mutter und eines pakistanischen Vaters in London geboren. Solchermaßen prägten die Auseinandersetzung mit rassischen Vorurteilen und die Suche nach der Zugehörigkeit zu einer Nation seine Jugend. Und die frühen Werke (Theaterstücke wie „Outskirts“, 1989; Film-Skripts wie „My Beautiful Laundrette“, 1984; Romane wie „The Buddha of Suburbia“, 1990) zeigen den Autor als anglophone Stimme der asiatischen Erfahrungen in England.

In neuerer Zeit, insbesondere ab „Intimacy“ (1998), tritt die Auseinandersetzung mit Rassismus weiter in den Hintergrund seiner Werke. Seine Hauptfiguren sind zwar häufig Engländer pakistanischer/indischer Abstammung, aber sie werden nicht vordergründig in rassischen Konflikten gezeigt. Stattdessen rücken allgemein-menschliche Themen in den Vordergrund, die sich auch in „Midnight all Day“ wiederfinden lassen. „Ich glaube, es gibt Phasen im Leben eines Autors, wo er sich auf ein Thema konzentriert. Zurzeit interessiert mich die Leidenschaft zwischen Mann und Frau. Die Anziehung, die manchmal so groß ist, dass es wehtut. In festen Beziehungen ist alles gefährlich nah beieinander: Gefühle wie Liebe und Hass, Verbundenheit und Abhängigkeit, Begehren und Wut.“ meint der Autor zu seiner Abkehr vom literarischen Rebellentum der frühen Jahre, die ihm so mancher Kritiker vorwirft.

Die zehn Geschichten in diesem Buch drehen sich somit vordergründig um Liebe in ihren verschiedenen Ausprägungen. Die abgeklärte Haltung des fast 50-jährigen Autors ist dabei nicht zu übersehen. So handelt die Geschichte „Four Blue Chairs“ (dt. „Vier blaue Stühle“) von ebenjenen Stühlen, die sich ein Pärchen kauft, das kürzlich zusammengezogen ist. Beide Partner haben bereits andere Beziehungen hinter sich und sind sich nicht sicher, ob sich der neuerliche Versuch, das Leben mit einem anderen Menschen zu teilen, wirklich lohnt. Die Entscheidung für den Kauf der Stühle für die gemeinsame Wohnung fällt leicht, die Kaufhandlung ebenso. Erst der Transport der schweren unhandlichen Möbelstücke zeigt, dass dem Entscheiden und dem Tragen von Konsequenzen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beizumessen sind. Solchermaßen wird der Stuhlkauf zu einer Metapher für das Führen von Beziehungen in unseren Tagen.

Erfreulich an dieser und anderen Geschichten des Bandes ist auch, dass Kureishis Helden fernab von idyllischer Romantik konstruiert sind: körperliche Unzulänglichkeiten paaren sich mit Hilflosigkeit, Unter- oder Überlegenheitsgefühlen und mit Angst vor Konflikten, die zum Ende der Beziehung führen könnten. Viele Protagonisten finden Erfüllung nur noch im Drogenrausch und stehen vor den Scherben ihres Lebens, wenn sie vom Trip zurück sind. Für andere wird Musik zur Ersatzreligion und zur Möglichkeit der Realitätsflucht in rauschhafte Zustände (vgl. „That was Then“, dt. „Das war früher“).

Und immer wieder – so z. B. in der Geschichte „Girl“ (dt. „Mädchen“) – werden Themen angeschnitten wie Gewalt in Familien sowie soziale Unterschiede zwischen den Menschen in der City Londons und den Vororten. Literarisch verpackt wird auch die Dekonstruktion von Mythen über die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und die theoretische Auseinandersetzung mit der Schriftstellerei.

Die Protagonisten sind jedoch trotz ihrer komplizierten Vergangenheiten, von denen sie immer wieder eingeholt werden, gezwungen, ihrer Leben vorwärtsgewandt auszurichten. „Sucking Stones“ – nennt Marcia in der gleichnamigen Geschichte den sinnlosen Zustand der Stagnation, der sonst eintritt: „We look to the old things and to the old places. […] Even when there’s nothing there we go on. But we have to find new things, otherwise we are sucking stones.“ (dt. etwa: „Wir halten an den alten Plätzen und Dingen fest. […] Selbst wenn dort nichts mehr zu holen ist, machen wir damit weiter. Aber wir müssen neue Dinge finden, sonst sind wir verdammte Steine.“)

Die Geschichte „The Penis“ (dt. „Der Penis“) sticht ähnlich wie im ersten Kurzgeschichtenband „Love in a Blue Time“ (1997) die Geschichte „The Flies“ (dt. „Die Fliegen“) durch ihre Absurdität heraus. Der Einstieg dürfte manchem Zeitgenossen aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen: Ein Mann kehrt eines Abends sturzbetrunken von einer Party nach Hause zurück und kann sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Grotesk wird es erst, als seine Ehefrau ihn mit einem „penis – complete with balls and pubic hair“ („ein Penis – komplett mit Hoden und Schamhaar“) konfrontiert, den sie in seiner Manteltasche gefunden haben will. Einer Erklärung nicht mächtig, ist der Mann nur bestrebt, diesen Penis so schnell wie möglich loszuwerden; was ihm erst gelingt, als er ihn in mehrere Lagen Papier eingewickelt von einer Brücke wirft, wo er statt im Wasser auf einem Ausflugsdampfer landet.

Unweit von dieser Brücke entfernt wacht an ebenjenem Morgen Pornostar Doug auf und muss erschrocken feststellen, dass ihm sein bestes Stück abhanden gekommen ist. Somit seiner Erwerbsgrundlage entzogen, begibt er sich verzweifelt auf eine Kneipentour; teils um sich vollaufen zu lassen, teils um zu schauen, ob irgendwo (s)ein Penis abgegeben wurde. Schließlich entdeckt er den Flüchtigen „tall, erected and wearing dark glasses and a fine black jacket“ („groß, erigiert und mit Sonnenbrille und einer schicken schwarzen Jacke bekleidet“) in Begleitung einer Frau auf der Straße. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, an dessen Ende Doug seinen Penis stellen kann. Wie die anschließende Diskussion über Ausbeutung und darüber, wer ohne wen ein Nichts ist, ausgeht und, ob Doug seinen Penis zur Rückkehr bewegen kann, erfährt man in Kureishis Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net

|Eine [deutsche Fassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499231247/powermetalde-21 ist als „Dunkel wie der Tag“ bei Rowohlt erhältlich.|

Andreas Eschbach – Der letzte seiner Art

In einem verschlafenen irischen Fischerdorf erwacht Duane Fitzgerald – blind und bewegungsunfähig bis auf seinen Arm. Obwohl er mit einem Kantholz auf sich einprügelt – eine bisher oft erfolgreiche Methode – bleibt er hilflos. Glücklicherweise berührt er zufällig ein bisher unbekanntes Implantat unter seiner Bauchdecke und ein Zucken lässt seinen Körper erbeben. Dieses ihm neue Implantat (obwohl er doch eigentlich seinen Bauplan auswendig kennt) scheint den Stromausfall zu bewirken, also greift Duane nach dem erreichbaren Taschenmesser, klappt die Ahle heraus (was sich in seinem Zustand als besonders kompliziert erweist) und durchstößt die Bauchdecke. Normalerweise würde ein internes System Enzyme ausschütten, die für Schmerzunempfindlichkeit gesorgt hätten, aber leider ist dieses ja derzeit inaktiv. Duane bleibt nichts anderes übrig, als sich unter Schmerzen mit der Ahle in den Eingeweiden herumzuwühlen, um den Wackelkontakt am Implantat zu beseitigen.

Andreas Eschbach
Geboren am 15.9.1959 in Ulm. Verheiratet, ein Sohn.
Studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte aber noch vor dem Abschluss in die EDV-Branche, arbeitete zunächst als Softwareentwickler und war von 1993 bis 1996 geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma. Nach fast genau 25 Jahren in Stuttgart lebt er seit September 2003 mit seiner Frau in der Bretagne. Quelle: http://www.andreaseschbach.de/

Klar ist Duane Fitzgerald, der Ich-Erzähler des Romans, ein Cyborg – eine kybernetisch-organische Mixtur, fabriziert und entwickelt von amerikanischen Militärs, um als unbesiegbarer Steel-Man mit einigen Gleichartigen eine Sondereingreiftruppe zu bilden. Eschbach verknüpft intelligent die Zeitgeschehnisse mit seiner Geschichte. So wurde der erste Golfkrieg durch die USA nur so in die Länge gezogen, um die Steelmen rechtzeitig einsatzbereit zu machen – bis dato waren sie lediglich gut ausgebildete Marines mit einem künstlichen Arm. Erst als offensichtlich wurde, dass das Projekt nicht mit der nötigen Geschwindigkeit voranschritt, ging die Army zu der bekannten letzten Phase des Krieges über – ohne Steelmen.

Es ist ein absolut geheimes Projekt, über Jahre und mehrere Präsidentenlegislaturen hinweg in der Entwicklung. Ist es vorstellbar, dass sich so etwas – als Projekt, unabhängig vom Detail – durchführen lassen könnte bei den kleinlichen Differenzen verschiedener Machthaber? Eschbach stellt es dar, als habe das Militär seine eigene Forschung betrieben, bis schließlich Clinton die Einstellung anordnete.

Aus der Ich-Perspektive des Cyborgs, der mit Verschleißerscheinungen zu kämpfen hat, erhält die Geschichte trotz der typischen Verschwörung und der Horrorvision von unbesiegbaren Übermenschen einen humorvollen Schlag, denn seine Gedanken sind manchmal so natürlich und sprunghaft, dass man über seine Menschlichkeit lächelt und seinen Charakter sofort akzeptiert.

[…] stand da, wippte auf den Fersen und sah straßauf, straßab. Ich wurde unruhig, je länger es dauerte. Wie lange kann man schon an seinen Schuhen herumfummeln, ehe die Umwelt anfängt, das merkwürdig zu finden? […] Die Frau kam näher. […] Mit etwas Glück waren ihre Augen schlecht genug, dass ihr entging, dass ich Slipper trug […]
-Auszug aus „Der Letzte seiner Art“, S. 58

Es ist auch eine Art von Galgenhumor, die zwischen den Zeilen von Duanes Erzählung durchklingt. Eigentlich ist er natürlich völlig unzufrieden mit seinem Leben, andererseits fühlt er sich an seine Eide gebunden. Er sieht sich als menschliches Wrack, und durch den Verschleiß seines Systems erhält dieser Blickwinkel eine ganz neue, erschreckend reale Bedeutung. Die Geschichte nimmt eine Wendung, die für ihn entweder das endgültige Ende oder einen Neuanfang bedeuten könnte, doch damit einher gehen plötzlich auftretende Gefahren, die selbst für einen Steelman tödlich sein können – sind die Attentäter jetzt von den eigenen Leuten angeheuert oder vom Feind, der in den Besitz der Cyborgtechnik kommen will? Auf jeden Fall ist er gut über das Innenleben und die Möglichkeiten der Cyborgs informiert, so dass Duane nach und nach erfährt, wie seine Gleichartigen unauffällig ausgeschaltet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt wird ihm klar, was wir schon länger befürchten: dass es um sein Leben geht, nicht nur um gewisse Annehmlichkeiten wie den frei gewählten Wohnort. Trotzdem wirken seine Gedanken (die eigentlich eine aufgeschriebene Erzählung darstellen, aber das erfahren wir erst später) manchmal in ihrer Analyse wie von einer außenstehenden Person, um dann wieder in das Innerste vorzudringen. Eschbach beginnt jedes Kapitel mit einem Zitat von Seneca, dessen Philosophie für Fitzgerald die einzige Möglichkeit darstellt, sein Schicksal zu ertragen. Er versucht, nach dieser Philosophie zu handeln und betrachtet dabei sein Bemühen skeptisch. Vor allem die Totalität des Endes fasziniert ihn, und so ist nicht verwunderlich, dass sich daraus eine Lösung für ihn selbst entwickelt.

„Der Letzte seiner Art“ ist eine Charakterstudie, die sich mit der ausweglosen Tragik eines Übermenschen befasst und in diesem Gewand ein heikles, gleichwohl sehr oft behandeltes Thema aufgreift. Was kann der Bürger schon von den Machenschaften und Projekten solcher Regierungen oder Militärs wissen? Auf der anderen Seite: Schürt man mit diesen Spekulationen nicht eine gewisse Furcht? In diesen Tagen vielleicht gar nicht so unsinnig.

Der Roman fließt ruhig dahin, unter einer stetigen Spannungssteigerung. Aber Eschbach zeigt trotzdem seine vielfältigen Künste, denn das Tempo erhöht sich schlagartig um ein Vielfaches, als der Cyborg sein System voll aktiviert (und damit schneller als jede menschliche Reaktion agieren kann). Danach fällt es wieder ab und lässt uns unseren Herzschlag beruhigen, um weiter dem Finale entgegenzustreben. Ein düsterer, philosophischer, sehr unterhaltsamer und eindringlicher Roman.

Bennett, Arnold – Hotel Grand Babylon

London Ende des 19. Jahrhunderts: Der Amerikaner Theodore Racksole ist einer der Reichsten – und ein Freund schneller Entschlüsse. Weil ihm das Benehmen eines Oberkellners missfällt, kauft er während seines London-Urlaubs gleich das ganze Hotel. Als Racksole allerdings den Küchenchef beim Einbalsamieren einer Leiche überrascht, beginnen er und seine Tochter Nella zu ahnen, dass seine neuen Angestellten einiges auf dem Kerbholz haben. Ein turbulentes Verwirrspiel um einen geheimnisvollen Mord beginnt.

_Der Autor_

Enoch Arnold Bennett wurde 1867 in Hanley in der Grafschaft Staffordshire geboren. Er brachte es zwar nicht zum Advokaten, aber zum Herausgeber des „Woman“-Magazins (ab 1893), bis ihm endlich die Honorare für seine über 50 Werke – Romane, Erzählungen, Dramen, Essays und Autobiografisches – das Leben eines freien Schriftstellers ermöglichten. Er starb 1931 an Typhus. Zu seinen Freunden zählten die Schriftsteller Joseph Conrad, H. G. Wells, John Galsworthy und Arthur Conan Doyle. Er ist in Großbritannien immer noch recht bekannt, hierzulande aber längst vergessen.

„Hotel Grand Babylon“ erschien in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Golden Penny“, bevor der Roman im Jahr 1902 als Buch veröffentlicht wurde. Als wäre es eine Fingerübung, hat Bennett das gleiche Thema 1930 noch einmal aufgegriffen und zu einem riesigen Roman mit dem Titel „Hotel Imperial“ ausgebaut. Laut Armin Eidner hat das so geehrte Hotel Savoy seitdem ein „Omelette Arnold Bennett“ auf seiner Speisekarte.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Handlung_

Das titelgebende Hotel Grand Babylon ist ein perfekt geführtes Londoner Etablissement, in dem sich die gekrönten Häupter Europas die Klinke in die Hand geben. Geleitet wird es von einem Schweizer namens Felix Babylon. Zumindest so lange, bis sich eines Tages ein neureicher Amerikaner hierher verirrt: Theodore Racksole.

Der Tag seines Besuches ist unseligerweise auch der Geburtstag seiner Tochter Nella (kurz für Helen). Und als der schnöselige Oberkellner Jules seinen stinkreichen Gast auf freundlichste Weise brüskiert, platzt dem Ami quasi die Hutschnur. Ein kurzes Gespräch unter Bossen genügt, und Racksole hat das Hotel mit allem Drum und Dran gekauft – schlappe 400.000 Pfund genügen. Der Oberkellner kündigt von sich aus. Racksole und Nella bekommen ihre Steaks mit Bier.

Noch am gleichen Abend kommt Racksole merkwürdigen Vorgängen in seinem Hotel auf die Spur. Beim Essen hat Nella ihm einen Herrn Reginald Dimmock vorgestellt, seines Zeichens Kammerdiener eines deutschen Prinzen namens Aribert von Posen. Eigentlich sollte in Zimmer 111 Nella logieren, doch als er Einlass verlangt, öffnet eben jener Dimmock. Und was hatte der Kerl mit dem zwielichtigen Jules zu bereden? Der vorgehaltene Revolver Racksoles verlangt Auskunft: Nella war so nett, das Zimmer mit Dimmock zu tauschen, denn ein Stein hatte das Fenster zertrümmert – verständlich, oder? Jules wird gefeuert.

Prinz Aribert von Posen trifft ein und vermisst seinen Kammerdiener, der alles für ihn und seinen Regenten vorbereiten sollte. Ach, da ist Reginald ja schon! Nur, dass er mausetot ist, als man ihn findet. Die Polizei stellt Racksole unangenehme Fragen, kann aber noch wesentlich unangenehmer werden, als wenig später Dimmocks Leiche verschwunden ist. Keiner kann sich das Wie erklären.

Unterdessen lässt die aufgeweckte Nella ihren weiblichen Charme spielen und bringt den Prinzen zum Reden, der ihr alsbald sein Leid klagt (obwohl sie nur eine Amerikanerin ist). Sein Regent, der in wenigen Tagen heiraten soll, ist zwischen Brüssel und dem Kanalhafen Oostende spurlos verschwunden, möglicherweise entführt. Ob wohl Jules dahintersteckt?

Wie Racksole von einem Börsenmakler erfährt, wollte der Fürst in London eine Million Pfund leihen, um heiraten zu können. Da er den Zahlungstermin nicht einhalten kann, darf er auf Geheiß des deutschen Kaisers auch nicht heiraten. Wodurch wiederum die Auserkorene für den Heiratsantrag eines Anderen frei wird.

Nella und ihrem Vater wird klar, dass hier eine fein gesponnene Verschwörung am Werke ist. Doch was könnte sie dagegen tun? Nella hat schon eine Idee und reist nach Oostende ab, ohne ihre Vater um Erlaubnis zu fragen. Ein Abenteuer beginnt, das bis zum Schluss noch recht turbulent wird.

_Mein Eindruck_

Armin Eidherr bringt den Gehalt dieses Comedy-Thrillers und ausgewachsenen Kriminalromans auf den Punkt, wenn er im Booklet schreibt, dass im Hotel Grand Babylon – hinter dem sich das Londoner Savoy Hotel verbirgt – alte und neue Welt, überlebte Tradition und Moderne des 20. Jahrhunderts aufeinandertreffen. Die zwei schrulligen Amerikaner Racksole und Nella mischen die eingefahrenen europäischen Verhältnisse im Hotel auf. Diese Verhältnisse entpuppen sich schon recht bald als korrupt und doppelbödig, mit dem so genannten „Jules“, einem waschechten Briten, als Drahtzieher politischer Machenschaften.

Dass der Euro-Adel nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich am Ende ist, belegen die Ereignisse um Fürst Eugen von Posen, einem mit 50 Millionen Pfund verschuldeten Ministaat, der mit dem echten Posen nichts zu tun hat. Der Fürst muss zwecks Entschuldung einen Börsenmakler und inoffiziellen Pfandleiher bitten, ihm aus der Patsche zu helfen – wahrscheinlich zu horrenden Zinsen. Dass Eugens Widersacher in Sachen Heiratspolitik dies zu verhindern wissen, gehört zum üblichen Ränkespiel, mit dem sich die Alte Welt zugrunde richtet.

Aber auch die Amerikaner haben nicht viel Besseres vorzuweisen. Racksole, dem „drittreichsten Mann Amerikas“ (und damit der Welt), mangelt es an kultivierter Lebensart, die durch seine Millionen keineswegs wettgemacht wird. Er löst seine Probleme vorzugsweise mit dem Revolver, egal ob auf den Korridoren und in den Kellern des Hotels oder auf den Wellen der Themse. Für solche Probleme hat man in Europa die Polizei und die Diplomatie erfunden.

Nella ist eine interessante Figur, denn sie ist die Verkörperung der modernen Frau, die sich nicht mehr hinter einem Mann versteckt, sondern die Dinge selbst in die Hand nimmt. Das viktorianische Ideal der heimgebundenen Gebärmaschine ist ihr schnuppe, doch den Zeitgenossen Bennetts dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, als auch Nella unter die Haube kommt und ihrem adeligen Männe ewige Treue schwört.

Hierin liegt auch der Grund, warum das letzte Viertel des Romans mir so sauer aufgestoßen ist, nachdem ich mich bei der Krimihandlung so gut amüsiert hatte. Um jeden Preis versuchen die beiden Amis die Angelegenheiten des ach so armen Fürsten Eugen und seines Onkels Aribert ins Lot zu bringen: ein schmieriges Melodram, das umso süßlicher wird, als auch Nella sich in Aribert verliebt hat und nun Möglichkeiten sucht, die Misere des Hauses Posen zu beenden.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbachs Stimme hat schon einige Anstrengungen hinter sich, und das hört man. Es ist ein gut trainiertes Organ, das sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen kann. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn sie eine ausgefallene Sprechweise bemüht, um eine Figur zu charakterisieren. Und davon gibt es im Stück doch einige. Felix Babylon klingt schon superfreundlich, wenn er mit Racksole redet, so dass er geradezu zwielichtig wirkt. Doch wie sich zeigt, ist Babylon eine ehrliche Haut.

Das Gleiche trifft auf die Seeleute zu, mit denen Racksole den Hafen und die Docks von London nach Jules durchsucht. Jeder von ihnen hat eine subtil andere Klangfarbe in seiner Stimme. Auf diese Weise wird der Vortrag nicht langweilig.

Woran es Thalbach ein wenig mangelt, ist die Fähigkeit, die an vielen Stellen angebrachte Ironie so zum Ausdruck zu bringen, dass man sie auch sofort wahrnimmt. Dadurch wird ihr Vortrag weniger amüsant und und die Aussagen weniger bissig, sondern glatter.

_Unterm Strich_

Von der Titelillustration sollte man sich nicht täuschen lassen. Im Roman geht es weniger um stilechtes und kultiviertes Auftreten, als vielmehr um verschwundene Leichen, wütende Amerikaner, abstürzende Verbrecher, Liebeshändel, Entführung, eine Verfolgungsjagd auf der Themse, eine einbalsamierte Leiche und natürlich um edlen Wein (leider vergiftet). Doch statt einen der sensationsgierigen Kolportageromane der Jahrhundertwende zu fabrizieren, gelingt Bennett durchaus über weite Strecken ein genaues Porträt seiner Zeit, fokussiert im edelsten Hotel Europas.

Ich sage „über weite Strecken“, weil das letzte Viertel versucht, die Konventionen einer glücklichen persönlichen Verbindung – vulgo: Liebe – zu bedienen und dabei die Klischees des Melodrams für meinen Geschmack zu sehr strapaziert. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann dinieren sie noch heute im Hotel Savoy.

Die Sprecherin Katharina Thalbach vermag den Vortrag lebendig zu gestalten, selbst wenn ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit eingeschränkt erscheint, vergleicht man sie etwa mit der von Franziska Pigulla oder Rufus Beck. Thalbach hat ein unfehlbares Gespür für Stil und Intonation, was ja für die Sprecher jener uns bereits fernen Zeit doch ganz wesentlich war. Das umfangreiche Booklet ist eine willkommene Hilfe für die Einsicht in den Hintergrund des Autors, seines Werkes und seiner Zeit. Betrachtet man das Hörbuch mit unverstelltem Blick, kann man einen ironischen und spannungsreichen Kriminalroman genießen. Aber eben nur über weite Strecken.

|264 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Hotel Grand Babylon, 1902
Aus dem Englischen übersetzt von Renate Orth-Guthmann|

Connelly, Michael – Dunkler als die Nacht

Die bizarre Bilderwelt des Hieronymus Bosch gibt die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung eines Mordes in Los Angeles. Diesmal arbeiten Michael Connellys zwei Oberschnüffler Harry Bosch und Terry McCaleb zusammen an einem Fall, der ihnen beiden das Genick brechen könnte.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Harry Bosch, den Connelly-Leser schon aus mehreren Romanen kennen, soll diesmal als Hauptfigur der Anklage in einem Gerichtsverfahren gegen den allseits bekannten Hollywood-Regisseur David Storey aussagen, der sich für unantastbar hält. Das Medieninteresse ist entsprechend groß. Storey soll im Sexrausch eine junge Schauspielerin umgebracht und ihren Tod anschließend als Selbstmord inszeniert haben. Storeys wichtigster Helfer ist ein bulliger Ex-Polizist namens Rudy Tafero, der im Hintergrund gegen Bosch und McCaleb agiert.

Terry McCaleb, der Experte für Serienmorde und ehemaliger FBI-Angehöriger, lebt nun mit seiner Familie auf der friedlichen Insel Catalina vor L.A., als eines Tages die Polizistin Jaye Winston bei ihm auftaucht, um ihn um beratenden Beistand bei einem ganz anderen Mord zu bitten. Der saufende Tunichtgut Edward Gunn wurde in einem Ritualmord getötet, bei dem Symbole und Bildinschriften von Hieronymus Bosch eine entscheidende Rolle spielten. Doch warum musste Gunn überhaupt sterben?

Ganz einfach: Harry Bosch trägt den gleichen Namen wie der flämische Maler, der eigentlich Jerome (= Hieronymus) van Aiken hieß, sich aber nach seiner Heimatstadt t’Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte. Wie es der Täter geplant hat, fällt McCalebs Verdacht nach einer Weile auf Harry Bosch selbst, seinen Kollegen. Und sobald an die Medien durchsickern sollte, dass Bosch unter Mordverdacht steht, ist seine Aussage gegen David Storey keinen Pfifferling mehr wert.

Zum Glück kann Bosch McCaleb von seiner Unschuld überzeugen – was wäre auch das Motiv gewesen? Gemeinsam bemühen sie sich, die Verbindungen zwischen den zwei Mordfällen aufzudecken. Und als McCaleb jemandem bei seinen Ermittlungen zu heftig auf die Zehen tritt, ist Bosch gefragt, um ihm in letzter Sekunde das Leben zu retten.

_Beobachtungen_

Das wichtigste Bild von Bosch im Roman ist „Der Garten der Lüste“, das heute im Madrider Prado hängt – ein riesiges Triptychon, das den Garten Eden, die Welt und die Hölle zeigt. Darauf sind mehrere Symbole für das Böse zu sehen, Eulen beispielsweise. Connelly zieht eine deutliche Parallele zwischen den Zuständen im Moloch L.A. und der Darstellung der Welt durch Hieronymus Bosch.

Diese Korrespondenz mag zunächst etwas platt erscheinen, aber es ist für einen amerikanischen Thriller doch recht ungewöhnlich, Kunstwerke als Indiziengeber einzusetzen, zumal europäische. Übrigens heißt Connellys eigene Firma Hieronymus Incorporated.

Der Titel bezieht sich auf die Dunkelheit, mit der die Hölle gemalt ist: „a darkness more than night“, sagt einer der Restauratoren in L.A., der an einem Bosch arbeitet. Es ist die Dunkelheit der Verzweiflung und Verdammnis, darf man annehmen.

Übrigens ist von dem deutschen Autor Peter Dempf ein kunsthistorischer Krimi zu eben dem Bild „Garten der Lüste“ erschienen (bei |Goldmann|): [„Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“.]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442448700/powermetalde-21 Das Taschenbuch enthält eine gute Reproduktion des Gemäldes im Prado. Für Details allerdings benötigt man eine Lupe.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden und kunstvoll konstruierten Thriller durchweg an, dass Connelly jahrelang als Polizeireporter in L.A. gearbeitet hat. Nicht nur vermag der Autor Schauplätze und Menschen genau zu charakterisieren, kennt die Methoden der Schnüffler wie auch der Verbrecher.

Er kann auch das zentrale Gerichtsverfahren, das den roten Faden liefert, minuziös nachzeichnen und als politischen Schauplatz verständlich machen. Allerdings vermittelt er in der Mitte des Buches dabei den Eindruck, ein Gerichtsdrama zu liefern. Das legt sich zum Glück wieder, so dass der Showdown den Leser wirklich fesseln kann.

Mit Bosch und McCaleb tauchen zwei Figuren Connellys auf, deren Innenleben laufend erklärt wird. Leser, die schon die vorzüglichen Romane „Schwarze Engel“, „Der Poet“ und „Das zweite Herz“ gelesen haben, werden die beiden Figuren, besonders McCaleb, weitaus besser verstehen, als es der Autor in „Dunkler als die Nacht“ ermöglicht. „Dunkler …“ kam mir auch ein wenig kürzer vor als etwa „Das zweite Herz“.

„Dunkler …“ bedient nicht so stark voyeuristische Instinkte wie etwa Thomas Harris mit seinen Hannibal-Romanen. Wir werfen dennoch einen Blick auf grausige Szenen, die aus dem Serienkillerfilm „Sieben“ stammen könnten – nichts für zarte Nerven. Vielmehr richtet Connelly aber unser Augenmerk auf ganz normale Schnüffelarbeit bei Dutzenden von Zeugen an zahlreichen Orten. Erst hierdurch wird die Stadt L.A. als Organismus lebendig und erlebbar, manchmal auch mit komischen Untertönen. Der Autor zeigt wie schon zuvor ein feines Gespür für Rhythmus: Solche heiteren Momente wechseln sich stets mit Hochspannung ab.

|Originaltitel: A Darkness more than Night, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Sepp Leeb|

Brennan, Herbie – Purpurkaiser, Der (Faerie Wars 2)

Natürlich ist die Geschichte nach den Geschehnissen um [„Das Elfenportal“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=313 noch nicht vorbei: Zwar sind die Portale zur Hölle (nach |Hael|) geschlossen, der Staatsstreich der Nachtelfen unter Lord Hairstreak abgewehrt und die wichtigsten Personen (bis auf Hairstreak selbst) gefangen oder untergetaucht, aber es ist klar, dass der Lord diese Niederlage nicht akzeptieren wird.

So ist die Krönung Pyrgus‘ ein besonderer Grund zur Vorsicht, denn in den zu erwartenden Massenaufläufen kann schnell mal dies oder jenes unbemerkt geschehen. Außerdem scheint alles an Holly Blue zu hängen, Pyrgus scheint sich nicht für den bevorstehenden Staatsakt zu interessieren. Henry als menschlischer Freund des designierten Purpurkaisers soll auch erscheinen und natürlich wird der neue Torhüter dabei sein: Mr Forgarty.

Aber dann entsteht ein Gerücht, das alles ändert: Der alte Kaiser ist nicht tot! Hairstreak macht sich die Lage zunutze; sein Neffe Comma, jüngster Sohn des alten Purpurkaisers, spielt ihm in die Hände und schickt Pyrgus, Blue und Forgarty ins Exil.

_Herbie Brennan_ schrieb seinen ersten Roman mit Mitte zwanzig. Seitdem hat er unzählige Bücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Neben dem Schreiben entwickelt er Spiele und Computer-Software und arbeitet für das Radio. Er lebt in County Carlow, Irland. |(Verlagsinfo)|

Mittlerweile dürfte klar sein, dass diese Geschichte keine Erzählung für Jugendliche ist – zumindest nicht hauptsächlich. Eher ein Jugendroman für Erwachsene. Eigentlich merkt man kaum noch, dass von Jugendlichen die Rede ist – Pläne und ihre Ausführung stammen meist von ihnen, die Erwachsenen sind, bis auf die Bösewichte und wenige Ausnahmen, Nebenfiguren.

Brennan gelingt es wunderbar, an den Vorgänger anzuschließen, so dass erneut eine farbenprächtige und facettenreiche Welt entsteht, in der es von lustigen Geschöpfen wie dem „fliegenden Teppich“ – Entschuldigung: |Endolg| Flapwazzle oder dem enddarmbewohnenden Wangaramas-Wurm Cyril nur so wimmelt. Er verpasst Henry sogar eine regenbogenfarbene Ersatzhaut aus Spinnenseide, so dass davon ausgegangen werden kann, dass es zwischen ihm und den anderen Menschen der „Gegenwelt“ (also unserer Welt), vorzugsweise seiner Schwester Aisling, zu interessanten Begegnungen kommen wird – denn Brennan bastelt weiter an dieser Geschichte! Übrigens hat Aisling die tragbare Portalfernbedienung an sich gebracht und dürfte wohl auch über kurz oder lang ihren Besuch im Elfenreich machen.

Faszinierend ist die Betrachtung der elfischen Magie und ihrer Beziehung zur irdischen (hier auch als „Technik“ bekannt): Während dort ein Zauber normalerweise am Geruch zu erkennen ist und Beschwörungsformeln in der Luft sichtbar sind, bedarf es bei uns manchmal nur einer Kreditkarte oder eines Scheins Bargeld, um die elfischen Wesen zu verwirren. Das mächtigste Zauberbuch dunkler Magie hierzulande wurde schließlich von Papst Honorius III. geschrieben; mit seiner Hilfe lässt sich sogar ein Portal nach Hael öffnen.

Mit Blick auf die Charaktere wird deutlich, dass sich die Interessen der pubertierenden Jugendlichen zwischendurch regelmäßig dem anderen Geschlecht widmen, glücklicherweise beruht das Interesse jeweils auf Gegenseitigkeit. Henry hat seit seiner Begegnung mit Blue im Elfenportal eigentlich nichts anderes mehr im Kopf, Blue ihrerseits ist ihr Interesse an Henry auch deutlich anzumerken; Pyrgus trifft zufällig auf Nymph, die Tochter der Waldelfenkönigin |Kleopatra|, und ist sofort verschossen, während Nymph natürlich auch ein Lächeln für ihn übrig hat. Eine rückläufige Entwicklung macht quasi der alte Forgarty bewusst durch, als er heftiges Herzklopfen beim Anblick der ebenso alten Madame Cardui bekommt und plötzlich darauf brennt, sich persönlich an den Kämpfen zu beteiligen – anders als in seiner Jugend, wo er Kämpfen möglichst fern blieb. Außen vor steht nur Comma, der ja auch noch etwas jung ist (obwohl: der Oberkörper seiner nachthemdlichen Halbschwester Blue schien ihn durchaus zu interessieren). Er verbirgt aber noch ein paar Geheimnisse, die auch seinen Geschwistern zu schaffen machen.

Die Stimmung zu beschreiben ist schwer, am ehesten passt wohl: positiv, lebensfroh, scherzhaft – ohne aber lächerlich zu werden. Brennan überrascht wieder mit kreativen Details, die die Lektüre zu einem echten Genuss werden lassen. Wenn der Mann so gut gelaunt durchs Leben geht, wie er seine Geschichten erzählt, ist er ein glücklicher Mensch.

http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Ambrose, David – Epsilon

Charlie Monk ist ein perfekter Agent: ein gewissenloser Killer. Allerdings verliert er die Loyalität zu seinen Auftraggebern. Und die Neurologin Dr. Susan Flemyng, die ihn für ihre Rachepläne gewinnt, setzt ihn auf eben diese Auftraggeber an. Ein Thriller mit doppeltem Boden, der in der Welt von Wissenschaft und Politik spielt.

_Der Autor_

David Ambrose steht für spannende Wissenschaftsthriller am Rande der Wahrscheinlichkeit. Er begann seine Karriere als Drehbuchautor für den Regisseur Orson Welles, lehrte Recht an der Universität Oxford und hat für Theater, Film und Fernsehen gerarbeitet. In Deutschland ist er mit [„EX“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=135 bekannt geworden, der neben unangenehmen Geistern auch eine interessante Zeitschleife vorzuweisen hat.

Ambroses Thriller waren schon immer ein wenig verwirrend für Leser, die unvorbereitet sind. Im Falle dieses Buches wäre es recht hilfreich, sich schon einmal mit Virtueller Realität (VR) und Gentechnik beschäftigt zu haben.

_Handlung_

Dr. Susan Flemyng hat einen Patienten namens Brian Kay. Kay hat zum Teil sein Erinnerungsvermögen verloren. Er ist schon seit 20 Jahren in Susans Obhut, und immer noch erkennt er seine Frau Dorothy nicht wieder, wenn sie ihn besuchen kommt. Seine Erinnerung reicht nur für etwa zwei bis drei Minuten. Sein Langzeitgedächtnis ist ausgefallen. Immerhin konnte ihm Flemyng die visuellen Eindrücke, das „Bild“ seiner Frau, einpflanzen. Und wer weiß? Vielleicht hat Kay tatsächlich etwas mit dieser Geschichte zu tun …

|A) Susan|

Flemyng bekommt eines Tages eine schlimme Nachricht: Ihr Mann, ein Ingenieur, ist in Sibirien bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Von ihrem Vater Amery Hyde getröstet, wird sie erst durch einen mysteriösen Besucher stutzig, der vorgibt, ein Reporter zu sein: Ihr Mann sei nicht abgestürzt, sondern ermordet worden, weil er etwas Wichtiges herausgefunden hatte. Wenig später ist auch der Reporter tot.

Susan war noch nie der Typ Mensch, der die Dinge auf sich beruhen lässt. Sie fliegt mit einer Führerin nach Ostsibirien in die hinterste Taiga. Dort stößt sie in einem mickrigen Hotel auf geheime Unterlagen des toten Reporters, die sie sofort weiterleitet, aber auch auf ein supergeheimes Forschungsinstitut, das zu ihrer Verblüffung genau jener Organisation gehört, das auch ihre eigene neurologische Forschungsarbeit finanziert: die Pilgrim Foundation. Sie war von ihrem Vater für unbedenklich erklärt worden.

Doch Susan wird zu ihrem Entsetzen nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern auch zur weiteren Kooperation gezwungen: Man hat ihren Sohn Christopher als Geisel genommen. Da er alles ist, was ihr noch geblieben ist, willigt sie ein. Ihr erstes supergeheimes Projekt ist ein menschliches Wesen, das man mit Gentechnik aus einem Schimpansen herangezüchtet hat (ein momentan höchst unwahrscheinliches Szenario, aber wer weiß, was man in 20, 30 Jahren alles kann). Es handelt sich um Charlie Monk. Sie soll ihm „Bilder“ einpflanzen. Sie sieht eine Chance, sich und ihren Mann zu rächen.

|B) Charlie|

Charlie Monk ist der perfekte Agent für geheime US-amerikanische Regierungsstellen: gut aussehend, durchtrainiert, präzise und vor allem absolut gewissenlos und loyal zu seinen Auftraggebern. Er agiert sozusagen auf Knopfdruck, ohne Fragen. Sein „Führungsoffizier“ ist ein Mann, der sich Control nennt. Charlie kennt sein Gesicht.

Nach dem letzten Auftrag hat man Charlie jedoch „stillgelegt“. Er fühlte sich beschattet und entkam seinen Bewachern. Nun erwacht er in einem Affengehege, das sich offenbar in einer Art Zoo befindet und an jeder Stelle von Kameras überwacht wird. Doch an einer Stelle gibt es Fenster, die sein Gehege überwachen. Und zu seiner Überraschung sieht er dort Katie, seine Jugendliebe. Katie sieht genauso aus wie Dr. Susan Flemyng.

Als Charlie wieder einmal erwacht, sieht er Susan vor sich. Er erfährt, dass er das Schimpansengehege als eine perfekte Virtuelle Realität (VR) erlebt habe. Ein spezieller Apparat, den man ihm über den Kopf stülpt, versetzt ihn in eine andere Welt, die sich genauso „real“ anfühlt wie die Realität erster Ordnung, in der er bislang zu leben meinte – auch diese war VR! Wer also ist Charlie Monk „wirklich“?

Susan gelingt es, den immens starken Charlie zu überzeugen, für sie zu arbeiten – sie gewinnt seine Loyalität. Und gemeinsam werden sie ihren Sohn Christopher befreien und sich an den Hintermännern dieser ganzen Sauerei rächen, oder?

Leider hat Susan nicht damit gerechnet, dass zu diesen Hintermännern auch ein Mann gehört, dem sie bisher bedenkenlos ihr Leben anvertraut hätte: Es ist der Mann, der sich Control nennt.

Anmerkung: „Epsilon“ ist der 5. Buchstabe im griechischen Alphabet. Er bezeichnet im Buch die 5. Generation jener aus Schimpansen gezüchteten Menschen wie Charlie Monk.

_Mein Eindruck_

Es gibt manchmal Bücher wie diese, die einem den rationalen Verstand ebenso durcheinanderwirbeln wie das gewohnte Weltverständnis. Diese Wirkung verunsichert den Leser stark und macht ihn entweder frustriert oder wütend oder beides. Als Endergebnis wird die Zumutung einfach beiseite geschoben und verdrängt. Problem vergessen, Problem erledigt.

Diese Reaktion wäre nur zu verständlich auch bei diesem Buch. Erst verlangt der Autor, dass man diesen James-Bond-Verschnitt namens Charlie Monk als eine Inszenierung der Virtuellen Realität akzeptiert, die sich eine höchst illegale Regierungsagentur in ihren Labors ausgedacht hat. Danach soll man auch noch akzeptieren, dass dieser Monk aus einem Schimpansen gezücktet worden sei. Man fragt sich allerdings: Wozu der Aufwand der Gentechnik, wenn doch eh alles virtuell realisierbar ist? Offenbar ist auch die Schimpansensache reine VR.

Und das macht die Geschichte noch frustrierender. Denn nun erhält die Geschichte den Anschein, als seien alle Realitätsebenen darin VR und untereinander austauschbar, also völlig beliebig. Letzten Endes auch die des Lesers. Der Autor führt für die VR-Experimente an Charlie historisch verbürgte Psycho-Forschungen eines gewissen B.F. Skinner an, den Autors des utopischen Romans „Walden Two“. Und dass unsere eigene Realität lediglich von Sinneswahrnehmungen abhängt, wusste schon René Descartes im 17. Jahrhundert („Ich denke, also bin ich.“).

So weit, so verwirrend. Da nun alles ein virtuelles Spiel mit inszenierten Realitäten zu sein scheint, so hat doch der Leser durch den Kauf dieses Buches das Recht erworben, durch ein solches VR-Medium (= Roman) zufriedenstellend unterhalten zu werden.

Immerhin funktioniert das Buch als VR-Maschine recht gut: Die Anfangskapitel, die Charlie Monk als Agent 007 zeigen, sind flott erzählt und entbehren nicht einer gewissen Spannung. Seine Existenz als Schimpanse ist durchaus ironisch auffassbar, denn der ansonsten zur Diplomatie neigende Affe muss sich nun mit brachialer Gewalt gegen die anderen Männchen durchsetzen.

Das Finale zeigt dann wieder Charlie Monk, nun in eigener Regie an Susans Seite, in voller agentenmäßiger Aktion, wobei sich als hilfreich erweist, dass er wegen seiner äffischen Herkunft schneller reagiert, stärker ist und sich rascher bewegt als seine Widersacher, die allesamt Control unterstehen.

Klingt das hanebüchen? Ja, genauso hanebüchen wie jeder James-Bond-Film. Wie das dem Buch vorangestellte Sean-Connery-Zitat verrät, musste auch 007 erst einmal erfunden werden, um auf der Leinwand, einer weiteren VR, halbwegs glaubhaft zu erscheinen: Er hat keinerlei Eltern oder Geschwister und fiel im Alter von 33 Jahren vom Himmel, gewissenlos, wie Fleming (!) ihn schuf.

_Unterm Strich_

Wenn man nicht vor Zorn und Frust gegen die Zumutungen des Autors aufbegehrt und das Buch nach zehn Seiten in die Ecke feuert, kann man ein paar nette Kapitel genießen, in denen man sich an der Seite von Charlie Monk wähnt oder in denen man mit Susan Flemyng einem Komplott auf die Spur kommt. Und dies geht dann nach einem recht verwirrenden Mittelteil in ein actiongeladenes Finale über.

Akzeptiert man diese Zumutungen des Autors, so könnte man diesen Roman als ironische Antwort auf den James-Bond-Kult auffassen. Das geht aber nur, weil damit auch eine Kritik an den Medien verbunden ist, die sich allesamt skruppellos der Ausbeutung dieses selbst geschaffenen Medienkultes befleißigen. Wie lukrativ dies ist, hat man ja wieder am letzten, zwanzigsten JB-Film gesehen, der das 40-jährige „Dienstjubiläum“ des unsterblichen 33-Jährigen markierte.

Die VR-Maschine läuft allen Kanälen auf Hochtouren und heraus kommt – nun was? Dollars und noch mehr Dollars. Dass einigen Leutchen dabei der Sinn für die Realität erster Ordnung abhanden kommt, was macht das schon? Sind wir nicht alle Charlie Monks? Doch wer ist dann Control?

|Originaltitel: The discrete charm of Charlie Monk, 2000
Aus dem Englischen übertragen von Stefan Bauer|