Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

Wolfgang Hohlbein – einer der bekanntesten und preisgekrönten Autoren phantastischer Literatur – hat sich in seiner Serie „Der Hexer von Salem“ H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos angenommen und diesen wieder zu neuem Leben erweckt.

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)

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Suzuki, Kôji – Ring II – Spiral

Mitsuo Ando, Pathologe am Gerichtsmedizinischen Institut der Präfektur Tokio, ist ein gebrochener Mann. Vor fünfzehn Monaten war er im Urlaub unachtsam; sein dreijähriger Sohn Takamori ist durch seine Schuld im Meer ertrunken. Die Gattin gab ihm die Schuld, die Ehe ist zerbrochen.

Nur die Arbeit gibt Ando Halt. Er bekommt mehr Ablenkung als ihm lieb ist, als auf seinem Seziertisch ausgerechnet ein Kollege, Studienkollege und Freund landet: Ryuji Takahama, genialer Mediziner, Mathematiker und Philosoph wurde von seiner jungen Lebensgefährtin Mai Takano tot in der Wohnung aufgefunden – gestorben offenbar an einem Herzinfarkt.

Die Obduktion bestätigt diese Vermutung. Damit wäre der Fall erledigt, gäbe es da nicht den seltsamen Zettel, den Ando in der Bauchhöhle Takahamas findet. Darauf steht eine Zahlenkombination: 178 136 – ein Code, den der Pathologe zu entschlüsseln weiß: Die Folge steht für das Wort „Ring“.

Ando wird abgelenkt, als ein Kollege Takahamas wahre Todesursache erkennt: Der Gelehrte starb wie vom Blitz getroffen an einem Virus, das den Herzmuskel befällt. Breitet sich da etwa eine Seuche heimlich aus? Ando stellt Nachforschungen an und entdeckt, dass weitere Menschen dem Virus zum Opfer fielen. Wie haben sie sich angesteckt? Die einzige Gemeinsamkeit scheint ein Videoband zu sein, das sich die Verstorbenen vor ihrem Ende angeschaut haben.

Mai Takano könnte dies bestätigen; sie hat eine Kopie des Videos in Takahamas Nachlass gefunden und angeschaut. Seither ist sie spurlos verschwunden. Des Rätsels Lösung kennt nun womöglich nur noch ein Mensch: der Journalist Asakawa Kazuyuki, der in Sachen „Ring“ ermittelt hatte. Doch der liegt seit dem mysteriösen Sekundentod seiner Ehefrau und seines Kindes – ein Virus hat sie umgebracht … – im Koma.

Hartnäckig verfolgt Ando die Spur des Videos weiter – und so wird auch er schließlich Teil des perfiden Plans, mit dessen Hilfe sich die vor einem Vierteljahrhundert grausam ermordete, aber ganz und gar nicht tote Mutantin Sadako Yamamura an der ganzen Welt rächen will …

Die Videohexe ist zurück – bösartiger und mordlustiger denn je, wie es sich für eine Fortsetzung gehört. Der Reiz des ganz Neuen ist verflogen, die Geschichte ist bekannt, sie muss nun variiert und mit vordergründigeren Effekten erzählt werden: das bekannte Schicksal von Fortsetzungen, die selten die Qualität des Originals erreichen können.

Das gilt besonders, wenn sich diese ohnehin in Grenzen hält. „Ring“, der Roman aus dem Jahre 1991, ist ein unterhaltsamer aber mittelmäßiger Gruselthriller, der vor allem mit seiner Herkunft punkten kann: Horror aus Japan ist hierzulande nicht gerade alltäglich. Da die „Ring“-Saga inzwischen weltweit zum Kult avanciert ist, werden nun auch die deutschen Fans beglückt; zur angenehmen Abwechslung einmal eine Bereicherung.

Natürlich ruht sich Verfasser Suzuki über allzu lange Passagen auf seinen Lorbeeren aus. In [„Ring“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=170 (Heyne TB Nr. 01/13741) verfolgten wir ausführlich, wie Journalist Kazuyuki und Freund Takahama dem Spuk der Sadako Yamamura auf die Schliche kamen. Nun wird diese Geschichte lässig gerafft und langatmig nacherzählt; sie breitet sich über den gesamten Mittelteil der Handlung aus – für den Leser ein ziemlich starkes Stück, aber für den Verfasser eine angenehme Arbeitserleichterung.

Ansonsten wiederholt sich die Story von Teil 1 zunächst ziemlich deckungsgleich mit den neuen Protagonisten. Bis auch Ando & Freund Miyashita begreifen, wie der untote Hase läuft, werden wir erneut Zeuge ausgiebiger Lauf- und Sucharbeit. Wir kehren zurück an bekannte Orte, treffen bekannte Gestalten wieder. Schließlich haben auch unsere Helden erkannt, was wir längst wissen, und sind Sadako auf die Schliche gekommen.

Nunmehr gibt sich Suzuki echte Mühe, die Story weiter zu entwickeln. Wir erfahren, wie der Fluch funktioniert: Er nutzt das Fernsehen und später andere Informations- und Unterhaltungsmedien als „Trägerwelle“, um seinen Opfern eine üble Krankheit anzuhängen. Angesichts des modernen Freizeitverhaltens ist das ein todsicheres Vorgehen. Unter dramaturgischen Gesichtspunkten kann man Suzuki leider nicht zu seinem Einfall beglückwünschen: Möchten wir wirklich wissen, wie die böse Sadako arbeitet? Das ist recht ernüchternd.

Doch „Ring II – Spiral“ ist deutlich als Gegensatz zum Vorgänger angelegt. „Ring“ war klassischer Rache-Horror und vom Grundton eher philosophisch. Die Fortsetzung ist mehr Wissenschafts-Thriller, in dem sich das Grauen als Science-Fiction tarnt.

Was sich Suzuki dabei ausgedacht hat, ist völlig absurd, eigentlich sogar lächerlich. Der böse Geist verbündet sich mit einem entthronten Virus, um die Welt mit Ihresgleichen zu bevölkern. Suzuki verschlimmert es, indem er lange Passagen einflicht, in denen er mit angelesenem medizinischen Halbwissen ungelenk „nachweisen“ möchte, wie das eingefädelt wird. Selbst der Laie bemerkt den puren Schwachsinn dieser Prämissen; sie sind zudem für die Handlung überflüssig. Noch einmal: Nichts tötet den Horror zuverlässiger als die Erkenntnis. (Immerhin leuchtet ein, dass Suzukis Sadako wesentlich effektiver arbeiten kann als dies der Hollywood-Sadako im Kinofilm von 2002 zugestanden wurde, die für jeden Mord höchstpersönlich als Wasserleiche aus dem Fernseher kriechen musste …)

Fast gibt Suzuki der Story den Rest, als er im letzten Drittel die spukhafte Sadako einen Brief schreiben lässt (!), in dem sie – wieso auch immer – haarklein berichtet, was bisher nur angedeutet wurde – Seiten, die das mysteriöse Dunkel zuverlässiger killen als jeder Fluch.

Die definitive Realitätsferne ist andererseits der Rettungsanker. Kombiniert mit Suzukis Fähigkeit, sein Garn nüchtern und flott zu spinnen (dieses Mal spendierte der Heyne-Verlag sogar eine Übersetzung des japanischen Originals, statt die US-Ausgabe übertragen zu lassen) und dabei durchaus gruselige Szenen zu inszenieren, entstand ein kurzweiliges Spektakel mit unerwartetem, trügerisch glücklichem Finale.

Der merkwürdige deutsche Titel scheint übrigens eine Anspielung auf die Gestalt der (menschlichen) DNS zu sein, deren Elemente sich in Spiralform anordnen. Und da das denglische „Spiral“ in den Ohren haargegelter Werbestrategen attraktiver klingt als das altmodische „Spirale“, müssen wir uns ein paar Gedanken darüber machen, was uns der Titel sagen will. (Eventuell heißt „Rasen“ ebenfalls „Spirale“, aber das muss euer Rezensent, der des Japanischen nicht mächtig ist, unbeantwortet lassen.)

Mitsuo Ando ist wie Asakawa Kazuyuki aus Teil 1 ganz und gar kein heldenhafter Charakter, sondern ein Durchschnittsmensch, der sogar unsympathische Züge trägt. Besonders helle ist er ebenfalls nicht – es wäre ihm sonst womöglich früher aufgefallen, dass tote Freunde normalerweise keine verschlüsselten Warnungen per Leichen-DNS aus dem Jenseits senden. Aber auch das kennen wir aus „Ring“: Für Japaner ist das Übernatürliche offenbar Bestandteil des Alltagslebens und wird nicht groß in Frage gestellt, sondern akzeptiert.

Die ursprünglich wohl nicht geplante Fortsetzung von „Ring“ bedingte einige Brüche in der Figurenzeichnung. Das vermied Suzuki dort, wo er die wenigen Überlebenden aus Teil 1 noch vor Einsetzung von Teil 2 umbrachte oder ins Koma sinken ließ. Auffällig ist jedoch die Verschiebung bei Sadako Yamamura. Sie war zunächst Opfer und wurde aus Rache zur Täterin. Dieser Gedanke lebt fort, wird aber nun mit dem Virus-Plot gekreuzt. Dadurch wird Sadako überflüssig in ihrer eigenen Geschichte. Man merkt es sofort, wenn sie persönlich und neuerdings in Fleisch und Blut auftaucht – auch kein glücklicher Einfall übrigens, denn die wiedergeborene Sadako ist erschreckend gewöhnlich.

Ryuji Takahama ist ein zynischer Schweinehund geblieben. Allerdings hat sich die Dimension seiner Menschenverachtung geändert: Während er sich in „Ring“ die Freizeit damit vertrieb Frauen zu überfallen und zu vergewaltigen (und diese Gruselgeschichten womöglich nur erfand), entpuppt er sich nunmehr als Statthalter des Weltuntergangs – eine mögliche, aber so wie von Suzuki geschildert wenig wahrscheinliche Entwicklung.

Suzuki Kôji = Stephen King aus Japan. So urteilt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist. Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich solchen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus der Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen Websites verwiesen. Eurem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“ Heyne TB Nr. 01/13741)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Oakes, Terry – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der Weg des urzeitlichen Menschen über die Erde wird in diesem Sachbuch nachgezeichnet. Ganze Kontinente galt es zu betreten, zu erforschen, zu besiedeln. Immer trafen die Neuankömmlinge dabei auf tierische Ureinwohner, die zwar nicht besonders schlau, aber entweder schmackhaft oder wenig erfreut über konkurrierende Nachbarn waren. Auf jeden Fall waren sie groß und mit scharfen Zähnen oder Klauen ausgestattet, was der Geschichte des Homo Sapiens ihre ganz eigene Prägung verlieh. „Menschen gegen Monster“ folgt der komplexen Evolution unserer Vorfahren, die einher geht mit ihrem Siegeszug über den Planeten Erde. Die Kapiteln zeichnen den zeitlichen Ablauf nach.

Kapitel 1: Der Mensch ist nach Ansicht der modernen Forschung in Afrika „entstanden“. Sechs Millionen Jahre ist es her, dass dort durch dichten Urwald ein kleines Tier sprang, aus dem sich später Affen und Menschen entwickelten. Bis es soweit war, mussten beide der heimischen Großfauna ihren Tribut zollen. Nach Ansicht der Forschung war es vor allem die Angst, die unsere Vorfahren über Äonen vor ihren überlegenen (und hungrigen) Gegnern ausstanden, welche einerseits das Hirn zwecks Gegenwehr wachsen ließ, während sich andererseits die Erinnerung an die Schmach, ständig gejagt und gefressen zu werden, genau dort einprägte. Deshalb „wissen“ wir instinktiv noch heute, dass um einen Löwen lieber einen Bogen zu schlagen ist, während sich dieser daran „erinnert“, dass sich die leckere Beute von einst erst zu einer Landplage und dann zu einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Ähnlich „denkt“ der Elefant, der (angeblich) nicht vergessen kann, dass sich der zweibeinige Nachbar irgendwann Waffen ausdachte, die es möglich machten, ein viel größeres und stärkeres Tier in einen leckeren Braten zu verwandeln …

Kapitel 2: Vor 60.000 Jahren war es dann soweit: Der Mensch verfügte über das (geistige) Rüstzeug und die Entschlossenheit, über den afrikanischen Tellerrand zu schauen. Wie es aussieht, war es Australien, das man zuerst ansteuerte; Europa lag zwar näher, wurde aber gerade wieder einmal von Eiszeit-Gletschern blockiert. Die Vorfahren der heutigen Aborigines stellten ihre Intelligenz und Entschlossenheit deutlich unter Beweis, denn Australien war damals wie heute ein Inselkontinent, der sich nur per Boot erreichen ließ. Sie erreichten eine Welt, die an einen fernen Planeten erinnerte, denn sie wurden u. a. erwartet von straußengroßen Enten und gelenkbuslangen Waranechsen …

Kapitel 3: Vor 35.000 Jahren war es dann soweit – das Eis über Europa zog sich zwar nicht zurück, aber es konnte den Menschen nicht mehr stoppen. Köpfchen und Kleidung zeichneten Siedler aus, der ganz sicher keine grunzenden Höhlenbewohner waren. Das war nur gut so, da man in der neuen Welt viele unerfreuliche alte Bekannte fand: Vor dem Menschen hatte die afrikanische Großtierwelt Europa als Lebensraum entdeckt. Löwen, Hyänen, Bären, Elefanten, Nashörner – sie waren alle schon da, nur dass sie in der Kälte an Größe, Haaren und Selbstbewusstsein noch zugelegt hatten …

Kapitel 4: Vor 13.000 Jahren ging der Mensch daran, den riesigen amerikanischen Doppelkontinent unter die Lupe zu nehmen. Die größte Landnahme, seit er Afrika verlassen hatte, fand unendlich lange vor Kolumbus statt. Die Monster warteten auch hier schon, aber inzwischen hatte ihr zweibeiniger Kontrahent längst gelernt, solche Kämpfe für sich zu entscheiden; selbst elefantengroße Faultiere und andere bizarre Ungetüme wurden jetzt über kurz oder lang ausgerottet.

Kapitel 5: Blieben noch die letzten weißen Flecken. Die Polynesier übernahmen es, sich den Rest der Erde untertan zu machen. Großinseln wie Madagaskar, Neuseeland oder Hawaii wurden vergleichsweise spät, d. h. manchmal erst vor wenigen Jahrhunderten besiedelt. Da blieb den Menschen wenig Zeit, die vor Ort gefundenen Monster auszurotten. Aber sie hatten sich weit entfernt von den ängstlichen Duckmäusern aus Ur- Afrika, so dass sie die letzten faszinierenden Großtiere der Eiszeit gerade noch umbringen konnten, bevor sich der Naturschutzgedanke manifestierte …

Ein abschließendes Kapitel versucht auszuwerten, was uns im Schnelldurchlauf vorgestellt wurde: Hat die (eiszeitliche) Welt den Menschen oder hat der Mensch die Welt geprägt? Der kaum überraschende Schluss bejaht beides, nur dass sich das Schwergewicht stetig verschob. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto souveräner wusste der Mensch seine Position zu behaupten. Aus der Beute wurde im Laufe von Äonen der Nachbar und schließlich der Herr – ein unduldsamer Herr, der seine Ressourcen allzu oft unbedacht vernichtete, statt sie einzuteilen. Der Kampf „Menschen gegen Monster“ ging daher ausnahmslos mit dem „Sieg“ der Zweibeiner zu Ende. Bis es so weit war, musste freilich viel blutiges Lehrgeld gezahlt werden. Das schärfte den Intellekt, so dass wir Menschen den „Monstern“ viel zu danken haben: Ohne sie wären wir wohl nicht sehr weit gekommen, sondern würden womöglich weiterhin in einem warmen Land von Ast zu Ast springen …

Der Weg des Menschen über die Erde, bevor sie ihm „gehörte“, die einzelnen Stationen fassbar gemacht mit Hilfe der ursprünglichen Bewohner, die ihm das Leben schwer machten, es aber gleichzeitig erst möglich machten: „Menschen gegen Monster“ ist trotzdem ein „Locktitel“, erdacht anscheinend aus dem Gedanken heraus, dass man Naturwissenschaft heutzutage „spannend“ verkaufen muss, um ihr ein nach ständigen Sensationen gierendes Publikum zu gewinnen.

Glücklicherweise ist dies wohl der einzige billige Trick, denn im Buchinneren geht es wesentlich sachlicher zu. Schon im Vorwort relativiert der Verfasser die Bezeichnung „Monster“: Er definiert diese primär als Ausdruck einer Emotion, die unsere Vorfahren empfanden, die sich oftmals hilflos den Löwen, Säbelzahntigern und anderen Raubtieren ausgeliefert sahen. Gleichzeitig waren da die Mammuts, Auerochsen und andere schmackhafte Kreaturen, die sich einfach nicht kampflos in den Kopftopf werfen lassen wollten und erst durch wahre Knochenarbeit dorthin zu zwingen waren.

Vielleicht spricht man deshalb besser von „Großtieren“, die indes auch nicht ständig im Zentrum der Darstellung stehen. Tatsächlich versucht das Autorenteam, seine Leser kurz und knapp mit dem faszinierenden Phänomen der Erdbesiedlung vertraut zu machen. Die stellt sich aber nicht als ständiger Krieg gegen geifernde Ungeheuer dar. Statt dessen lernen wir, den Menschen als zunehmend klügeren und vor allem hartnäckigen Zeitgenossen kennen, der sich seine Nische erst sucht und später erobert.

„Menschen gegen Monster“ stellt uns dabei die erstaunliche Bandbreite der Ausgangssituationen vor. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, die pazifische Inselwelt: Stets mussten eigene Strategien entwickelt werden. Die unglaubliche Herausforderung weiß dieses Buch deutlich zu machen, indem es die unterschiedlichen Welten vorstellt. Die eigentlichen „Monster“ entpuppen sich dabei als extreme Kälte oder Hitze, scheinbar unüberwindliche Bergketten oder Wasserflächen und selbstverständlich zwischenmenschliche Konflikte, die unsere Spezies begleiten, seit es sie gibt.

„Monster“ sehen wir deshalb vergleichsweise selten. Da es sie nicht mehr bzw. nur noch als klägliche Knochenhaufen gibt, wurden sie mit Hilfe modernster Technik digital neu erschaffen. Dabei bediente man sich der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Geologen, Klimatologen, Biologen, Archäologen … Das Spektrum ist enorm, die daraus resultierende Arbeit gewaltig. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Zusammenführung des vorhandenen Wissens summiert sich zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Die darzustellende Zeitspanne ist gewaltig, die Materie komplex. Das führt zu Vereinfachungen, die den Fachmann sicherlich mehrfach die Stirn runzeln lassen. Aber auch der Laie merkt, dass ihm (oder ihr) manchmal Informationen fehlen. „Menschen gegen Monster“ ist vor allem eine Einführung, ein erster Überblick. Allzu simpel und oft sprunghaft rasen die Autoren durch die Zeit. Hier macht sich zudem bemerkbar, dass „Menschen gegen Monster“ das „Nebenprodukt“ einer Fernsehserie ist. Dieses Medium gibt seine Informationen durch Bild und Ton weiter und kann dabei „Tempo machen“, ohne den Zuschauer zu überfordern. Das Buch fordert mehr eigene Denkarbeit. Dies macht mehr Input und eine andere Art der Wissensvermittlung erforderlich. Hier ist „Menschen gegen Monster“ irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben.

Gut aufgewogen wird dieses Manko durch das fabelhafte Abbildungsmaterial. Gestochen scharfe, oft großformatige Farbfotos und sehr anschauliche Karten fesseln das Auge. Viel wurde dabei verständlicherweise aus den TV-Filmen übernommen. Das betrifft vor allem die aufwändigen Digitalbilder längst ausgestorbener Kreaturen. Von Kostenersparnis und „Serienproduktion“ kündet im Amerika-Kapitel auch die 1:1-Übernahme von Bildern aus dem BBC-Band „Wildes Amerika“.

„Menschen gegen Monster“ ist ein Gemeinschaftswerk von Terry Oakes, Amanda Kear, Annie Bates und Kathryn Holmes, ihres Zeichens Naturwissenschaftler bzw. Journalisten, die der Vermittlung von Wissen den Vorzug vor der Forschung gegeben haben. Das ist eine wichtige und auch schwierige Aufgabe: Sie schaffen eine Schnittstelle zwischen der Forschung und dem durchaus interessierten, aber oftmals überforderten Laien. Die vier Autoren – auch verantwortlich für die TV-Miniserie – leisten gute Arbeit, für die sie sich nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern die Urheber der vorgestellten Thesen und Erkenntnisse nennen. „Menschen gegen Monster“ – dies sei hier abschließend noch einmal in Erinnerung gerufen – ist trotz des reißerischen Titels und des leichten Tons ein Schnappschuss der aktuellen Forschung in ihren vielen unterschiedlichen Zweigen, deren Ergebnisse an dieser Stelle zusammengefasst und allgemein verständlich aufbereitet werden.

Lustbader, Eric Van – Ring der Drachen, Der

Ein Klassiker der Science-Fiction lieferte Eric Van Lustbader die Inspiration zu seinem neuesten Fantasyepos, dessen ersten Band „Der Ring der Drachen“ darstellt: Frank Herbert’s „Dune – Der Wüstenplanet“.

War es in der Vorlage Paul Atreides, der den Fremen den Weg aus der Wüste in eine bessere Zukunft ebnete und die Harkonnen samt Imperator und Raumfahrergilde zum Teufel jagte, heißt bei Lustbader der ersehnte Messias Annon und gehört zu der raumfahrenden und kriegerischen Rasse der V’ornn, die vor 101 Jahren den Planeten Kundala wie ein kosmischer Heuschreckenschwarm überfallen hat, in der Absicht ihn wie unzählige Planeten zuvor seiner Ressourcen zu berauben, verödet zurückzulassen und dann weiterzuziehen.

Für die weit unterlegenen Kundalan eine Katastrophe – sie konnten den V’ornn nicht Widerstand leisten, selbst ihre Religion wird in den Grundfesten erschüttert: Die oberste Priesterin der Göttin Miina, genannt Mutter, wurde angeblich von (männlichen) Ramahan und den Rappas, den auserwählten Tieren Miinas, getötet. Die Perle und der Ring der Drachen, mystische Artefakte der Kundalan, gingen in den Kriegswirren verloren.

Nur der prophezeite Dar Sala-at kann die Kundalan in eine bessere Zukunft führen, indem er die Perle und den Ring der Drachen rettet und die Knechtschaft durch die V’ornn beendet. Deren Herrscherkaste, die genetisch und technologisch in eine Art Cyborgs transformierten Gyrgonen, sind von Kundala fasziniert: Sie können nicht das Geheimnis des verschlossenen Tempels der Kundalan lösen, ihre Magie stellt selbst ihre selbst fast ans magische grenzenden technologischen Fertigkeiten auf die Probe. Nur deshalb wurde der Planet noch nicht verlassen. Zudem hat die Mythologie der Kundalan einige Übereinstimmungen mit der der V’ornn: Za Hara-at, bei den Invasoren die „Stadt der Millionen Edelsteine“ genannt. Die Gyrgonen versprechen sich von der Perle, dem Ring und der mythischen Stadt, die auf Geheiß des V’ornn-Königs Eleusis Ashera gemeinsam von V’ornn und Kundalan gebaut wird, einen Quantensprung in ihrer Entwicklung, die zur Stagnation gekommen ist.

Dessen Konkubine Giyan ist eine Kundalan – die kahlköpfigen V’ornn lieben langes Haar. Aber während die Kundalan ansonsten schlechter als Tiere behandelt werden, verliebt sich Eleusis in Giyan – eine der letzten mit der Gabe gesegneten Anhängerinnen der Göttin Miina. Ihr Sohn Annon ist einer der wenigen lebensfähigen Bastarde, normalerweise sterben sie jung oder werden von den Gyrgonen vermutlich für Experimente eingesammelt. Offiziell gilt Annon als Sohn einer von Eleusis verstoßenen Gemahlin.

Annon wächst auf und freundet sich mit Kurgan an, dem Sohn eines Erzfeindes seines Vaters: Wennn Stogggul. Dieser plant schon lange im Geheimen den Untergang der Asheras, zusammen mit Sternadmiral Kinnnus Morcha, der den weichen und auf Verständigung angelegten Kurs des Königs gegenüber den Kundalan nicht gutheißt.

König Eleusis wird gemeuchelt, nur Giyan und Annon können vorerst entkommen. Da Stogggul den Ring der Drachen gefunden hat und ihnen zur Verfügung stellt, akzeptieren sie ihn vorerst als neuen Herrscher.

Sein Sohn Kurgan erweist sich wiederholt als schlechter Freund: Er gibt Kinnnus Morcha den entscheidenden Tipp, wohin Giyan und Annon geflohen sind. Als Test der Loyalität soll der Eleusis treue Truppkommandeur Rekkk Hacilar Annon exekutieren. Doch Annon wird ihm bereits tot von der in die Enge getriebenen Giyan ausgeliefert, die er insgeheim begehrt und als Kriegsbeute und Mätresse zu sich nimmt.

Dennoch wird er seines Kommandos enthoben und durch einen linientreuen Khagggun (Soldatenkaste) ersetzt. Dank der Hilfe des Gyrgonen Nith Sahor, der wie Rekkk, Eleusis und Giyan an ein friedvolleres Zusammenleben von V’ornn und Kundalan glaubt, kann er mit Giyan in die Berge entkommen – sie machen sich auf den Weg zu der Weißheim-Abtei, wo der in einen weiblichen Kundalan-Körper transferierte Annon von Giyan’s verbitterter Schwester Bartta auf seine Rolle als Dar Sala-at vorbereitet wird, was für Annon zur Gefahr wird: Zwar glauben beide an die Prophezeihung, doch Bartta ist von der Göttin Miina abgefallen und hat sich der schwarzen Kunst, Gyofu, zugewandt, die von jedermann erlernt werden kann. Sie verdirbt jedoch ihre Anwender – und das seit langer Zeit, alle mit der Gabe geborenen Kundalan wurden nicht in „Osoru“ unterrichtet, die Synthese beider Magien ist mit dem Tod der Hohepriesterin verlorengegangen – ebenso wie das Todesurteil über alle (männlichen) Ramahan dafür sorgte, dass nur noch die Kundalan-Frauen Magie wirken können. Miinas heilige Rappas, eine Art sechsbeiniger Raupen mit großem Maul, die ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügen, gelten ebenso als ausgerottet, ihnen wurde ebenfalls die Schuld am Tod von Mutter gegeben.

Viel Zeit bleibt Annon in seiner Rolle als Dar Sala-at nicht mehr: Die Gyrgonen haben den Ring der Drachen in das Tor des Tempels gesetzt, das aber leider verschlossen blieb – wenn der Dar Sala-at ihn nicht entfernt oder einsetzt, wie die Prophezeiung es gebietet, wird Kundala vernichtet.

Das Buch umfasst 816 Seiten und bietet genügend lose Enden und Konfliktstoff für etliche weitere. Wie das Vorbild Dune hat das Buch ein Glossar, das allerdings winzig und nicht von wirklichem Nutzen ist.

Lustbader wandelt auf einem schmalen Grat – ständig wird man an bekannte Vorbilder erinnert: Eleusis Ashera teilt das Schicksal von Leto Atreides, auch er wird von seinem Erzfeind übertölpelt – während Giyan und Annon ähnlich Lady Jessica und Paul entkommen können. Sogar bei Truppkommandeur Rekkk Hacilar kommt man nicht umhin, sofort an einen Mix aus Duncan Idaho und Gurney Halleck zu denken. Über das Thema „Ionenschwert“ und den zwei Seiten der Magie, einer „Guten“ und einer „Bösen“, muss man auch nicht lange nachrätseln. Aber nicht nur aus Star Wars flossen Elemente ein, die rein weibliche Priesterschaft erinnerte mich an Robert Jordans „Aes Sedai“ aus dem „Rad der Zeit“-Zyklus.

Wer so hemmungslos Ideen klaut, muss sich zwangsläufig auch den Vergleich mit den großen Vorbildern stellen. Die Frage ist, ob nicht die Gefahr besteht, dabei literarischen Schiffbruch zu erleiden: Wer will schon eine lauen Aufguss von „Dune“ lesen?

Zum Glück hat Lustbader aber kein Plagiat geschaffen, sondern ist in einigen wesentlichen Punkten von Herbert’s ausgetretenen Wüstenpfaden abgewichen, mit zwei Pärchen, die sinnbildlich für zwei der großen Thematiken des Buches stehen könnten:

Die offene, liebevolle Giyan und ihre verbitterte, engstirnige Schwester Bartta sowie ihr Sohn Annon und sein egoistischer und rücksichtsloser Freund Kurgan.

In den Augen Barttas hat die Göttin Miina ihr Volk in der Not verlassen, sie neidet ihrer Schwester ihre Gabe, hasst alle V’ornn, weil sie V’ornn sind, zieht Vergebung gegenüber den Peinigern der Kundalan nicht in Betracht und ist in ihrem Hass gefangen, der sich ironischerweise letzten Endes gegen ihr eigenes Volk wenden wird: Immer mehr Kundalan schwören der Göttin Miina ab und werden in ihren Methoden radikaler, der Widerstand geht hart gegenüber liberaleren Kundalan vor, die weiterhin die Göttin verehren, und ist auf seine Weise nicht weniger brutal als die V’ornn. Giyan hingegen hat zwar nicht viel für die V’ornn übrig, aber sie hat in der Gefangenschaft auch gelernt, einige zu achten und später gar zu lieben. Sie lehnt Barttas unbeugsame Härte und ihre dogmatischen Schemata von Gut und Böse ab, und sie wird Recht haben, wie sich herausstellen wird. Barttas und ihre Schülerinnen richten mit fanatischem Eifer für die „gerechte Sache“ viel Unheil an, zumal ihre Abtei damit den Feinden des Dar Sala-at, die nicht nur V’ornn sind, in die Hände spielt.

Kurgan ist in gewisser Hinsicht Bartta ähnlich: Alle Kundalan sind für ihn kaum besser als Tiere, und wenn eine hübsch ist, so vergewaltigt man sie ohne Gewissensbisse. Er ist ein intelligenter, selbstbewußter V’ornn, besitzt aber wie der Großteil seines Volkes eine gewisse Herrenrassenmentalität. Er ist trotz seines Egoismus ein guter Freund von Annon, den er schätzt, aber für zu weich und sonderbar hält. Dass sein Vater und der Annons Todfeinde sind, kümmert ihn wenig – er selbst kann seinen Vater nicht ausstehen. Auch er wird seit frühester Jugend manipuliert, ohne dass es ihm klar ist: Seine egoistische und machthungrige Ader ist ein Ergebnis dieses Einflusses. Er verrät seinen Freund Annon, um Adjutant des Sternenadmirals Kinnnus Morcha zu werden, später spielt er sogar diesen gegen seinen eigenen Vater aus. Als er erkennt, wer der mysteriöse „Alte V’ornn“, sein Freund und Lehrmeister der Jugend, in Wahrheit ist, hat dieser sich einen mächtigen Feind geschaffen: Wie er es ihn gelehrt hat, steht Kurgan nur auf einer Seite: Auf der seines eigenen Vorteils.

Annon ist zwar nicht so gerissen wie Kurgan, dafür wie sein Vater eine Ausnahme unter den V’ornn: Er wurde von Giyan großgezogen, sie lehrte ihn viele Geheimnisse der Kundalan und Lebensweisheiten, er fühlt sich zwar jedem Kundalan überlegen, aber es gefällt ihm nicht, wie andere V’ornn mit ihnen umgehen. Er ist ein Zweifler und erkennt, wie ungerecht die V’ornn gegenüber den Kundalan sind. Seine Rolle als Dar Sala-at überfordert ihn, er hat seinen Vater verloren und sein eigener Körper ist tot, jetzt muss er im Körper eines halbwüchsigen Kundalan-Mädchens leben, ein weiterer Schock – dazu bleibt nur wenig Zeit, den Ring der Drachen an sich zu nehmen, um den drohenden Weltuntergang zu verhindern, wobei es sicher ist, dass ihn am Tempel eine Falle erwarten wird.

Lustbader schreibt indirekt gegen Intoleranz und pauschalen Fremdenhass. In den USA ein weit heißeres Eisen als bei uns ist die Beziehung zwischen zwei verschiedenen Rassen, es wird eigentlich nur in der Tatsache, dass Eleusis und Giyan ein Kind haben, angesprochen, wurde aber in amerikanischen Kritiken interessanterweise oft besonders hervorgehoben. Im Gegensatz zu „Dune“ spielt Religion hier trotz allem eine eher untergeordnete Rolle: Dogmen liegen hier sehr menschliche und primitive Gefühle zugrunde, was mir etwas besser lag als Herbert’s besonders in den Folgebänden von Dune wahrlich ausufernde Religionswut.

Seine Charaktere müssen sich nicht verstecken: Wie die Hure Dalma, deren ehrgeiziges Spiel als Doppelagentin vieler Herren sie in Lebensgefahr bringt, oder die geheimnisvollen Gyrgonen Nith Sahor und Nith Batoxxx, die sich erst durch ihre Helfer bekriegen, bis es zur direkten Konfrontation kommt. Einige Charaktere bleiben relativ eindimensional, Wennn Stogggul ist stets ein simpler, lüsterner und machthungriger Emporkömmling, während sein Sohn Kurgan hinter seinem Rücken die Fäden in die Hand nimmt und sich auf interessante Weise weiterentwickelt. Bemerkenswert ist auch die von Kurgan vergewaltigte Eleana, eine Kundalan, die sich in Annon verliebt hat – der nun im Körper einer Kundalan-Frau steckt und sich ihr nicht offenbaren kann.

Es wimmelt nur so von gelungenen Nebenfiguren, viele werden das Ende dieses Buchs nicht erleben. Natürlich wird es Annon gelingen, den Ring an sich zu nehmen. Aber man kann gespannt sein, wie es weitergehen wird: Kundala ist keine reine Wüstenwelt, es gibt neben der großen Wüste und den Druugen, zu denen es Annon am Ende des Buchs ziehen wird, noch große Ozeane und mit den Sarakkon einen wettsüchtigen und seefahrenden Stamm der Kundalan, der von den V’ornn nicht unterworfen wurde – sie handeln mit seltenen radioaktiven Elementen; Versuche sie zu unterwerfen endeten mit Heerscharen verstrahlter V’ornn-Soldaten. Gyrgonen lieben es, an sich selbst zu experimentieren, um sich zu vervollkommen – und so handelt man mit den Sarakkon, zum beiderseitigen Nutzen. Neben den Interessen der Kundalan, der V’ornn und ihrer herrschenden Kaste drängen auch noch Dämonen in die Welt, während die Gyrgonen in den Kundalan-V’ornn-Bastarden eine Chance sehen, sich zu „vervollkommnen“. Genetik und Dämonen werden in den kommenden Bänden noch eine große Rolle spielen. Dabei kann ich selbst nach Vorausblicken auf den noch nicht übersetzten dritten Band der Reihe (der angeblich der beste sein soll!) keinerlei Vermutung abgeben, wie die Saga enden wird – geschweige denn, wieviele Bücher sie umfassen wird. Lobenswert ist, dass Heyne die deutsche Übersetzung, die mir gut gelungen scheint, nicht wie so oft üblich auf zwei Bände verteilt, sondern in einem Stück belassen hat. Normalerweise rate ich bei so dicken (816 Seiten!) Büchern immer zum Hardcover, aber das Paperback ist optisch genauso schön gestaltet und überdurchschnittlich gut gebunden, vor allem auch knickfrei umzublättern, ohne dass ein, wie er so oft üblich ist, nervender Druck des Fingers nötig ist, um die Seiten daran zu hindern, das Buch zuzuschlagen. Für 9,95 EUR bzw. 14,00 EUR sind die Bücher auch relativ preiswert. Die deutsche Version zeigt einen stilisierten goldenen Drachen auf rot marmorierten Hintergrund, der zweite Band einen Löwen auf identisch blau marmorierten Hintergrund und gefällt mir ausnahmsweise sogar besser als das Original.

Nach allem Lob darf auch die Kritik nicht fehlen: Wie Giyan und Eleusis die Geburt von Annon vor den Gyrgonen geheim halten und seine Herkunft verschleiern konnten, wo diese doch sonst allwissend erscheinen, das weiß wohl nicht einmal Lustbader selbst. Ebenso erstaunlich ist, wie Eleana sich in Annon verlieben kann, während dieser Kurgan nicht davon abhalten kann, sie zu vergewaltigen. Es gibt noch einige weniger gravierende Mängel dieser Art, die jedoch von dem hohen Erzähltempo der Geschichte kompensiert werden können. Nach und nach werden neue Geheimnisse enthüllt, es existiert keinerlei Leerlauf. Etwas mehr Sorgfalt hätte Lustbader auch auf die Technik der Gyrgonen verwenden können: Er weiß besser zu beschreiben, wie Zauber gesprochen werden oder diverse dunkle Rituale ablaufen, als auch nur ein Wort an die „Okummmon“ der V’ornn, eine Kombination aus Handy, PDA und Waffe, zu verschwenden. Dafür brennen überall Fusionslampen – hat man etwa Atombirnen in der Lampe, nur weil der Strom mit Kernkraft erzeugt wird? Nun, darüber hat Lustbader wohl nicht nachgedacht, es klingt eben recht gut – als Hexenmeister macht Lustbader eine bessere Figur denn als Technokrat.

Die Namensgebung ist auch zwiespältig: V’ornn-Namen haben oft eine Verdreifachung von Buchstaben, wie Kinnnus Morcha, Rekkk Hacilar, Okummmon, Looorm, oder mein Favorit, Wennn Stogggul. Der obligatorische Apostroph im Rassennamen fehlt auch nicht. Teilweise klingen diese Namen wirklich gut, einige sind jedoch, wie man sieht, grausam auszusprechen. Wenn der Held Eric Van Lustbader’s dann auch noch fast „Der Salat“ heißt, muss man ihm ein Talent für missdeutbare Namen zuschreiben. Er selbst wird oft für einen Holländer gehalten, ist aber ein Amerikaner, und „Van“ ist ein zweiter Vorname, ähnlich wie in George Walker Bush.

Ein Tribut an das positiv hohe Erzählempo ist ein gewisser Mangel an Beschreibung der verschiedenen Szenerien; Räume und Umgebung der Personen werden bestenfalls skizziert, das Augenmerk liegt auf den Personen, ihrer individuellen Perspektive und der Geschichte selbst, was ich persönlich nicht als negativ empfinde.

„Der Ring der Drachen“ ist ein gefällig präsentiertes Epos, welches ich jedem Fantasy-Fan nur empfehlen kann. Wer glaubt, Lustbader zu kennen, sollte bemerkt haben, wie wenig dieser Roman mit seinen bekannten Romanen „Der Ninja“, „French Kiss“ oder „Weißer Engel“ zu tun hat. Das Szenario ist einfach vollkommen anders. Vielleicht ein wenig zu sehr von anderen Romanzyklen beeinflusst, um selbst jemals Kultstatus zu erreichen, wird man nicht enttäuscht, wenn man einen überdurchschnittlich guten, komplexen und breit angelegten Fantasyzyklus der etwas anderen Art sucht. Der zweite Band, „Das Tor der Tränen“, ist bereits in Übersetzung erschienen.

Homepage des Autors:
http://www.ericvanlustbaderbooks.com/

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die

London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.

St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.

Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …

Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …

Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.

Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.

Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.

Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.

James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.

So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.

Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.

Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.

Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.

Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.

Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.

P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.

Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.

T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.

Terry Pratchett, Graham Higgins, Stephen Briggs – Wachen! Wachen!

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist sicher eine der glorreichsten Erfindungen Terry Pratchetts für seine Scheibenwelt. Dieser Comic, den es seit 2002 als Hardcover-Ausgabe gibt, schildert eines der bekanntesten Abenteuer der Wache: das mit dem Drachen und dem König.

Handlung

Karotte ist als Waise bei den Zwergen aufgewachsen. Eines Tages ruft ihn ein Brief in die Hauptstadt, nach Ankh-Morpork, um der Stadtwache beizutreten. Schweren Herzens nimmt er als rechtschaffener Zwergenbub von rund 1,90 m Größe Abschied von den einzigen Eltern, die er kennt. Er hat ein Gesetzbuch geerbt und ein Schwert und ein seltsames Muttermal.

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Conway, D. J. – Zauberwelt der Kelten, Die

Der Name „Kelten“ ist der Oberbegriff für die vor allem in Westeuropa ansässigen gallischen, britannischen und galatischen Stämme, die ihre geschichtliche Blütezeit vom 6. Jhd. v.Chr. bis ins 1. Jhd. n.Chr. erlebten, bevor sie endgültig romanisiert wurden (natürlich bis auf das berühmte gallische Dorf…). Die Faszination ihrer Kultur aber strahlt bis in die heutige Zeit und ist ein fester Bestandteil des europäischen Erbes. Die mittelalterlichen Geschichten um König Artus, die auf keltische Quellen zurückgehen, erfreuen sich bei modernen Romanschriftstellern von Bradley bis Lawhead großer Beliebtheit; besonders in Frankreich versuchen Wissenschaftler und Publizisten wie Jean Markale sich auf keltische Wurzeln zu besinnen; in der esoterischen Szenerie spielen der irische Elfen- und Feenglaube eine wichtige Rolle. Mit dem Buchtitel „Wiederkehr der Kelten“ war es auf den Punkt gebracht – die Kelten sind in.

Das lockt natürlich einige Autoren an, die versuchen auf dieser Welle mitzuschwimmen. Leider gehört auch das vorliegende Buch dazu. Denn mit „keltischer Magie“, wie es der englische Originaltitel verspricht, hat das Ganze nur wenig zu tun. Natürlich ist über die magischen Techniken der Kelten nicht viel überliefert und es war von vornherein klar, dass es sich um eine Neuinterpretation handeln würde. Wäre ja auch keine Problem gewesen, denn schließlich ist es legitim, an alte Symbole in moderner Form anzuknüpfen. Doch die Autorin hat kein Buch über keltische Magie, sondern eins über Wicca geschrieben, das ein wenig „keltisch“ aufpoliert wurde. Wicca lebt aber aus einem anderen Geist, benutzt synkretistisch alle möglichen Symboliken und geht von einer Urreligion der Großen Göttin und ihres Gehörnten Jägers aus. Insofern ist dieses Buch eher für Leser interessant, die etwas mit Wicca anfangen können.

Dieser Eindruck wird in der deutschen Ausgabe noch dadurch verstärkt, dass die im englischen Original befindlichen Kapitel über Kultur und Sagen der Kelten einfach herausgekürzt wurden. Was sich der Verlag dabei gedacht hat, ist mir schleierhaft. Übriggeblieben ist davon nur das – mit Wicca-Ideologie überfrachtete – kurze Lexikon keltischer Gottheiten. Die Wirkung dieser Ideologie kann man wunderbar beobachten, wenn Conway alle möglichen weiblichen Gottheiten/Wesenheiten in den einen Große-Göttin-Topf wirft – frei nach dem Motto: „Alles derselbe Brei“. Für die Kelten stellte sich das aber aller Wahrscheinlichkeit nach anders dar. Ein bisschen mehr Respekt der alten Tradition gegenüber wäre da wohl angebracht, und zwar nicht nur verbaler, sondern auch methodischer Art!

Natürlich dürfen bei den praktischen Anweisungen für Kesselmagie die Zauber für Geld und Liebe nicht fehlen. Für den etwas spiritueller orientierten „Wicca-Kelten“ hält sie allerlei New-Age-Mummenschanz und Allgemeinplätze parat: „Die keltische Magie arbeitet ganz bewusst mit mit den Kräften planetarer und natürlicher Energien. Es ist eine Magie, die sich in Harmonie mit unserem Planeten, ja mit unserem eigentlichen Selbst befindet.“ oder das beliebte Sprüchlein: „Tun Sie, was Sie wollen, wenn Sie keinem Wesen dabei schaden.“. Mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit ist in dem Buch die ganze Zeit von keltischer Magie die Rede: keltische Magie ist dieses…, keltische Magie ist jenes… Dabei wird hier mit dem Gestus der Gewissheit über eine Sache gesprochen, von der wir nur sehr wenig wissen.

Über ein Drittel des Buches machen verschiedene Zuordnungen von Pflanzen und Duftstoffen zu bestimmten Begriffen, Ritualen und Wesenheiten aus. Außerdem finden sich Ritualbeschreibungen, Anrufungen und verschiedene Formen der Magie, die aber alle zum Bereich der Naturmagie zählen. Fast immer beinhalten sie typische Wiccamotive. Conway beschreibt auch ihre Vorstellung von einem Orakel mit dem irischen Ogham-Alphabet. Was man Conway zugute halten kann, ist ihre manchmal sehr pragmatische Herangehensweise an die Rituale und Ritualgegenstände. Anstatt kaum realisierbare Anforderungen an den potienziellen Magier zu stellen, gibt sie Hinweise, die in der heutigen Zeit auch umsetzbar sind (z.B. für den Bau eines Altars).

Wer also praktische Anregungen für seine magische Arbeit sucht, könnte hier vereinzelt fündig werden. Da das Buch eher schlecht und teils ziemlich naiv geschrieben ist, sollte derjenige, der sich für Wicca zu interessieren beginnt, erstmal zu Starhawk oder Vivianne Crowley greifen. Keltenfans allerdings können getrost einen großen Bogen um dieses Buch machen.

Jerome, Jerome K. – Drei Männer im Boot … ganz zu schweigen vom Hund

_Das geschieht:_

Sommer im London der späten 1880er Jahre … Harris, George und Jerome, drei junge Männer, geben sich gelangweilt ihren hypochondrischen Neigungen hin. Bald kommen sie zu dem Schluss, dass ihnen ein Urlaub gut täte. Doch Geld und Zeit sind knapp; höchstens 14 Tage könnte man sich der verhassten Arbeit fernhalten. Nach ausgiebigen Beratungen entscheidet man sich deshalb für eine Bootsfahrt die Themse hinauf.

Die junge Elite des viktorianischen Britanniens bildet sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts viel auf ihren Abenteuer- und Sportsgeist ein. Unser Trio ist da keine Ausnahme. Tatsächlich sind weder Harris, George oder Jerome der rauen Realität eines Sommerurlaubs in England gewachsen. Der rauflustige Foxterrier Montmorency ist da schon aus anderem Holz geschnitzt. Er setzt sein Talent freilich bevorzugt ein, seinen Herren allerlei Scherereien zu machen.

Da muss er sich jedoch anstrengen, denn Harris, George und Jerome schaffen es selbst, sich ständig in peinliche Situationen zu bringen. Sie fahren in die Irre, kentern häufig, fallen über Bord, geraten mit schrulligen Uferbewohnern aneinander, streiten und vertragen sich – und erleben die Ferien ihres Lebens, denn ihre Fahrt geht durch eine traumhaft schöne Flusslandschaft, entlang an uralten Städtchen, lauschigen Winkeln und gemütlichen Gasthäusern, die anzusteuern besonders Harris stets am Herzen liegt …

_Der Weg ist das Ziel_

Ein Roman ohne echte Handlung, ein Bestseller, den die Leser einfach lieben, ohne dazu von der Werbung gezwungen zu werden: „Drei Männer im Boot“ ist eines jener Bücher, die exakt den rechten Ton zur rechten Zeit trafen und sich auf diese Weise ihren Klassikerstatus sicherten. Autor Jerome hat später noch viele mindestens ebenso lesenswerte und lustige Werke verfasst, ohne seinen Erfolg von 1889 auch nur annähernd zu erreichen.

Die Ausgangsidee ist ebenso einfach wie genial. Drei Männer begeben sich auf eine Bootsfahrt, ohne eine echte Ahnung davon zu haben, worauf sie sich da einlassen. Die Kulisse – der Fluss Themse und seine Ufer – ist überschaubar, und auf 250 Seiten dekliniert Jerome die möglichen Zwischenfälle durch. Deren Unterhaltungswert hält sich theoretisch in Grenzen: Was ist an ständigem Kentern oder Verirren schon komisch? Hier setzt Jerome deshalb ganz auf den berühmten britischen Humor, der schwarz und knochentrocken ist und deshalb kein Verfallsdatum besitzt. Die deutsche Übersetzung weiß ihn glücklicherweise zu bewahren, obwohl „Three Men in a Boot“ trotzdem zu jenen Büchern gehört, deren Lektüre im Original angeraten wird.

|Bekannte Orte, liebevoll verfremdet|

Eines der schönsten Merkmale dieses britischen Humors ist die Tatsache, dass er den Witz anders als die |Brou-har-har|-Klamottenkomiker, die im Auftrag des deutschen Privatfernsehens ihr Publikum foltern, nicht herbei zwingt, sondern ihm quasi den Rücken kehrt. Mit beinahe dokumentarischer Sachlichkeit werden die Erlebnisse unseres Trios (bzw. Quartetts, denn Hund Montmorency ist ein vollwertiges Besatzungsmitglied) geschildert. Der Clou ist dabei, dass man Jeromes Beschreibungen liest und sehr genau weiß, dass er hemmungslos übertreibt oder die ‚Wahrheit‘ verzerrt. Je ernsthafter George, Harris und Jerome ihren Urlaub angehen, desto lächerlicher machen sie sich.

Zu Ruhm und Zeitlosigkeit von „Drei Männer im Boot“ tragen nicht in geringem Maße Jeromes kundigen Beschreibungen von Land und Leuten an der Themse bei. Ihm fällt zu jedem Ort eine schnurrige historische Anekdote ein, die der offiziellen Geschichtsschreibung ganz neue Seiten abgewinnt. Gleichzeitig fasziniert die Darstellung einer längst vergangenen Welt, in der es völlig selbstverständlich war, dass Menschen jeglichen Alters die Themse hinauf- und hinab schipperten, um sich dabei zu erholen. Das tun sie heute auch noch, aber die Methoden und Sitten haben sich sichtlich geändert.

|Drei Jedermänner machen Urlaub|

Neben der wunderbaren Beschreibung einer Themsefahrt ist es die bemerkenswerte Figurenzeichnung, die Autor Jerome seinen drei Protagonisten angedeihen lässt. Harris, George und Jerome repräsentieren eine untergegangene Epoche, aber sie tun dies so liebenswert, dass man sich wünscht, im viktorianischen England zu leben (und dessen weniger angenehme Seiten fast vergisst …)

Sicherlich der Hauptgrund für diese lebendigen Charaktere ist die Tatsache, dass es unser Trio tatsächlich gegeben hat. Carl Hentschel (Harris) (1864-1930), George Wingrave (George) (1862-1941) und Jerome K. Jerome (1859-1927) waren alte Freunde, die eine Menge zusammen erlebten. (Eine Themse-Fahrt unternahmen sie allerdings nie.) Jerome, der Schriftsteller, ließ sie und sich unsterblich werden.

Sie sind liebenswerte Musterbilder und gleichzeitig Karikaturen des unerschütterlichen Briten mit „steifer Oberlippe“. Über den Großteil der Welt herrschen sie und finden das völlig in Ordnung. Trotzdem klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine gewisse Lücke. Unsere drei Bootsfahrer sind hauptsächlich in ihren Träumen jene unerschrockenen, abgehärteten Abenteurer, als die sie selbst so gern in sich sehen. Wenn Jerome sie nun bereits in der Sommerfrische der heimatlichen Themse kläglich scheitern lässt, so war und ist der daraus entstehende Unterhaltungseffekt so beträchtlich, dass „Drei Männer im Boot“ auch in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt wird.

|Autor|

Jerome Klapka Jerome wurde in Walsall, Staffordshire, am 2. Mai 1859, als jüngstes von vier Kindern in eine solide Mittelstands-Familie geboren. Das kleine Glück endete bereits 1861, als der Vater, der in Kohle und Eisen spekulierte, geschäftlichen Schiffbruch erlitt. Am Rande der Armut lebten die Jeromes zunächst in Stourbridge, bevor sie nach Poplar, einem wenig heimeligen Viertel im East End von London, zogen.

Im Alter von 14 verließ Jerome die Schule. Er arbeitete als Angestellter, Journalist, Schauspieler oder Schulmeister. Nebenbei versuchte er sich als Schriftsteller. Sein erstes Werk „On the Stage and Off“ erschien 1885 und erregte wie die ihm folgenden Schauspiele, Bücher und Magazinartikel nur mäßiges Aufsehen. Das änderte sich nachhaltig, nachdem Jerome 1889 „Three Man in a Boat“ veröffentlichte.

Er blieb ein fleißiger Schreiber, Kolumnist und Zeitschriften-Herausgeber, dem es allerdings nie wieder gelang, auch nur annähernd dem Erfolg seines berühmtesten Werkes nahe zu kommen. Selbstverständlich kehrten Harris, George und Jerome zurück; schon im 19. Jahrhundert wurde ein ohnehin rarer Erfolg gern fortgesetzt. „Three Men on the Bummel“ (in den USA: „Three Men on Wheels“) beschreibt eine wahrlich zwerchfellerschütternde Radtour durch das wilhelminische Deutschland des Jahres 1900. Dieses Werk hat seltsamerweise die Zeit nicht so gut überstanden, obwohl es keineswegs ’schlechter‘ oder weniger unterhaltsam ist als sein Vorgänger.

Mit 57 Jahren zog Jerome 1916 in den I. Weltkrieg; das dort als Ambulanzfahrer in Frankreich Erlebte zeichnete ihn für den Rest seines Lebens. 1926 verfasste Jerome noch seine Autobiografie „My Life and Times“, bevor ihn ein auf einer Autoreise durch die Grafschaft Devon im folgenden Jahr ein Schlaganfall niederstreckte. Jerome K. Jerome starb am 14. Juni 1927 und liegt in Ewelne in Oxfordshire begraben.

Es gibt eine „Jerome K. Jerome Society“, die eine optisch schlichte, aber inhaltlich fabelhafte Website hält: [Autorenhomepage]http://www.jeromekjerome.com. Hier lässt sich die ganze Geschichte unserer drei Helden nachlesen; sie ist es wirklich wert!

|Originaltitel: Three Men in a Boat (London : Arrowsmith 1889)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot – vom Hunde ganz zu schweigen“): 1900 (A. Schumann’s Verlag)
Übersetzung: A. u. M. Springer
279 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: September 2009 (Piper Verlag Nr. 2451)
Übersetzung: Arndt Kösling
247 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-492-22451-2|
[Verlagshomepage]http://www.piper-verlag.de

Paxson, Diana L. – Zauber von Erin, Der

Nachdem ich Diana Paxsons [Zyklus]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=213 über König Artus gelesen hatte, lag es nahe, auch ihre Version von Tristan und Isolde zu lesen, die oft mit der Artussage in Zusammenhang gebracht wird. Auch hier beginnt die Geschichte sehr früh, weit vor dem Zeitpunkt, zu dem Esseilte nach Britannien reist, um dort König March von Kernow zu heiraten.

Der Anfang der Erzählung liegt dort, wo auch der Anstoß zur Entwicklung der ganzen Geschichte liegt: an jenem Samhain, als der Bruder der irischen Königin Mairenn und Recke des Hochkönigs Diarmait Irland verlässt, um einen Beutezug an Britanniens Küste zu unternehmen. Dort fällt er im Zweikampf mit Drustan, dem Recken des Königs von Kernow. Doch auch der Brite wurde verwundet und sucht inkognito Heilung in der Heimat seines Widersachers. Dort begegnet er zum ersten Mal Esseilte und ihrer Ziehschwester und Cousine Branwen.

Als Drustan den irischen Königshof zum zweiten Mal aufsucht, ist er in einer offiziellen Mission unterwegs: als Brautwerber für König March. Diesmal erfährt Esseilte, wen sie vor sich hat, und ist kurz davor, ihren Onkel zu rächen, indem sie den Kerl einfach mit seinem eigenen Schwert umbringt. Aber sie tut es nicht.

Das zweite Mal versucht sie es auf dem Schiff, das sie nach Britannien bringen soll. Sie will Drustan vergiften. Doch ihre Cousine Branwen hat in ihrem Kräuterkasten nicht nur Medizin und Gift, sondern auch einen besonderen Trank, den sie ebenfalls mit Gift beschriftet hat, um andere fernzuhalten. Und eben diese Flasche erwischt Esseilte bei ihrem Mordversuch. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf …

Wie bei der Artussage legte die Autorin ihrer Erzählung gründliche Recherchen über die damalige Zeit und die dazugehörigen Geschehnisse zugrunde. So spielt ihre Version von Tristan und Isolde nicht zu Artus‘ Zeiten, sondern eine Generation später. Und wie bei ihrer Artussage pflegt sie auch hier wieder ihren knappen, spartanischen Schreibstil.

Was allerdings bei der Artus-Sage nur mäßig störte, ist in diesem Fall ein Stolperstrick! Der Grund liegt in dem völlig verschiedenen Erzählstoff. Die Artussage hat viele Facetten: Die Vorgeschichte von Merlin, Uther und Igraine, die Sachsenkriege, Artus‘ Schwester, sein Sohn, Gwendivar … genügend Stoff, den man auch in sachliche, präzise Worte kleiden kann, ohne dass er dadurch viel verliert. Tristan und Isolde jedoch ist vor allen Dingen eine romantische Liebesgeschichte. Ein solcher Stoff leidet unter einem solchen Stil erheblich!

Diana Paxson hat ihre Geschichte aus der Sicht von Branwen erzählt, und zwar in der Ich-Form. Naturgemäß erfährt der Leser von der Gefühlswelt der eigentlichen Protagonisten Esseilte und Drustan also nur aus Beobachtung und deren Worten. Aber auch die wirken eher trocken. Schon die Angelegenheit mit dem Trank, der die beiden zu Liebenden macht, ist sehr verschwommen. Zunächst hört es sich so an, als sei die Wirkung lediglich vorrübergehend, um Esseilte den Anfang einer widerstrebenden Ehe und die erste Nacht mit einem ungewollten Mann zu erleichtern. Warum sich die Wirkung dann plötzlich so ausweitet, wird nicht erklärt, auch keine anderen Erklärungen für die unzerreißbare Bindung zwischen den beiden wird geboten, zumal Esseilte Drustan ja zunächst hasst!

Aber davon abgesehen: eine Liebesbeziehung, die so leidenschaftlich ist, wie die Sage es in diesem Fall erzählt, muss sich wesentlich deutlicher ausdrücken, als das hier der Fall ist! Obwohl die Liebe der eigentliche Gegenstand der Erzählung ist, kommen Zorn und kalte Ablehnung stärker zum Ausdruck als die Liebe, um die es geht! Das Benehmen und die Entscheidungen der beiden Liebenden verlieren dadurch an Nachvollziehbarkeit, erscheinen kindisch und unreif. Der Leser versteht nicht ganz, was das alles eigentlich soll, und warum die beiden sich so anstellen.

Auch die Personen als solche wirken manchmal wie fehlbesetzte Schauspielrollen. Wenn Esseilte mit ihrem Schicksal hadert, weil sie als Frau nur so wenig Möglichkeiten hat, in einem Heldenlied verewigt zu werden, wirkt sie wie ein verwöhntes, unzufriedenes Gör, später dagegen kommt sie mir manchmal vor wie ein albernes Gänschen, das zu nicht mehr fähig ist, als Drustan anzuschmachten. Dadurch erscheint ihr Zornausbruch, als sie von Drustans Vermählung erfährt, geradezu aufgesetzt und unecht, zumal sie sich, kaum dass sie ihn wiedersieht, mit ihm versöhnt. Dieser Esseilte fehlt es ganz entschieden an Charakterstärke! Nur fordern, das kann sie gut.

Mit Drustan ist es nicht viel besser. Die Selbstironie, die ihm am Anfang einen sympathischen Zug verleiht, bleibt im Laufe der Erzählung ziemlich auf der Strecke. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Esseilte und seinem König, zumindest sollte er das sein. Da aber der Liebesgeschichte an sich schon das Feuer fehlt, fehlt sie auch Drustans innerer Zerrissenheit, sodass von der Tragik seiner Situation nicht viel mehr übrig bleibt als bestenfalls Selbstmitleid. Ich würde ihn nicht direkt als Schwächling bezeichnen, denn stellenweise zeigt er durchaus Charakter, allerdings entsteht dadurch eine Diskrepanz zwischen dem Liebhaber Esseiltes und dem übrigen Drustan, eine Unstimmigkeit, die die Darstellung dieser Person stört wie … wie ein blauer Löwenzahn oder ein schwimmendes Huhn.

Selbst Branwen, die ja als Erzählerin fungiert, ist blass und leblos. Das kann im Grunde nicht anders sein, denn da die Autorin ihr ihre kühlen, distanzierten Worte in den Mund legt, wirkt Branwen eben auch so kühl und distanziert. Bei Branwen driften Sprachstil und Wortbedeutung am weitesten auseinander. Sie erzählt von ihrer unerfüllten Liebe zu König March, von ihrem Hass auf ihren Peiniger Keihirdyn und von ihrer steten Furcht, dass Esseilte und Drustan entdeckt werden könnten, und das alles oft so unbeteiligt, als ginge es sie gar nichts an. Immerhin verleihen ihr die Mühen, die sie damit hat, ihren Eid zu halten und die beiden Liebenden zu decken, eine gewisse Würde und zeigen ihre innere Stärke. Zumal die beiden diese Unterstützung durch Branwen ziemlich selbstverständlich zu finden scheinen!

Dass die Hauptpersonen der Geschichte so schwächeln, ist ein schwerwiegendes Manko des Buches, denn an äußerer Handlung gibt es nicht allzu viel zu erzählen. Nur ein einziger Kampf wird beschrieben, der im Hof von Marchs Burg in Armorica stattfindet und sehr kurz ist. Zwar führt König March immer wieder Kriege, doch da die Geschichte von Branwen erzählt ist, erfährt man darüber fast nichts, und was man erfährt, ist manchmal eher verwirrend. Karten und Stammbäume sind hier nicht nur ein nettes Feature. Ansonsten kommen noch eine Ernteszene und zwei Jagdszenen vor, das war’s.

So kommt es, dass die Geschichte zu dem Zeitpunkt, wo sich die Geschehnisse quasi zu einem gordischen Knoten verheddern und es eigentlich spannend oder zumindest mitreißend werden sollte, anfängt langweilig zu werden! So interessant es war, die Entstehung all der Verwicklungen nachzuvollziehen, so uninteressant ist es später, die immer neuen Varianten geheimer Treffen zu erfahren. Da hilft es auch nichts, dass Esseilte und Drustan zweimal haarscharf an der Entdeckung vorbeischrammen, eh man sie tatsächlich erwischt. Bei einer so blutleeren Geschichte kann man einfach nicht mitfiebern.

Das Einzige, was wirklich gut rübergebracht wird, sind die Teile der Geschichte, die mit der keltischen Kultur und Religion zusammenhängen: das Drachenritual, die Beltanenacht, in der Branwen die Stelle Esseiltes einnimmt und andere, die mit Visionen oder Zauberei zu tun haben. Hier bewegt sich die Autorin auf sicherem Boden, und das spürt man.

Bleibt zu sagen, dass das Buch eher hinter meinen Erwartungen zurückblieb, ich fand es bei weitem nicht so gelungen. Um meinen Vergleich vom letzten Mal (Artussage) nochmal zu bemühen: Dieses Buch ist eine vage Bleistiftskizze in einem faden Rahmen. So sehr ich Diana Paxsons Bemühen um Echtheit und Autentizität schätze, glaube ich doch, auf Dauer ist mir ihr Schreibstil zu herb und zu trocken. Ein bisschen lebendig sollten die Geschichten schon sein, sonst kann ich auch gleich ein Sachbuch lesen. Aber zu einem solchen Thema gehört auch so etwas wie Poesie, und zwar nicht nur in den Liedern, die Drustan zum Besten gibt. Die Sprache einer Juliet Marillier hätte zu diesem Stoff wesentlich besser gepasst.

_Diana Paxson_ lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten, sowie Theaterstücke und Gedichte.

Tom Holland – Der Schläfer in der Wüste

Howard Carter öffnet 1922 das Grab des Pharaos Tutenchamun, der tatsächlich ein Vampir mit außerirdischen Ahnen ist und nunmehr befreit sein Unwesen in der Gegenwart treiben kann … – Gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die dem berüchtigten „Fluch der Pharaonen“ eine ungewöhnliche ‚Erklärung‘ gibt: spannend, gut umgesetzt und stimmungsvoll in die gewählte Epoche eingepasst.
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Pratchett, Terry / Kidby, Paul – Wahre Helden

Mit Cohen dem Barbaren begegnet der Pratchett-Fan einem alten Bekannten aus den frühen Rincewind-Romanen. Unser verehrter Unfähiger taucht natürlich ebenfalls auf, dito seine Truhe und einige Mentoren von der Unsichtbaren Uni. Diesmal betätigt sich Rincewind als „Space Cowboy“! Houston, bitte… – pardon: Ankh-Morpork, bitte kommen!

_Handlung_

Als einer der letzten wahren Helden ist Cohen der Barbar mit seinen Kollegen von der Grauen Horde – allesamt bis an die Zähne bewaffnete Tattergreise – aufgebrochen, um den Göttern zurückzugeben, was ihnen einst von einem gewissen Prometheus gestohlen wurde: ihr Feuer. Und zwar in einem kleinen Fass, das eine höchst explosive Substanz enthält. Sollte diese Bombe hochgehen, so wäre dies das Ende. Für alle, für immer.

Aber nicht jeder ist wirklich dafür – wen wundert das auf der Scheibenwelt schon. Und kein Geringerer als Lord Vetinari, der verdienstvolle Herrscher von Ankh-Morpork, erhält von „höherer Stelle“ (ich sage nur: T.P.) den Auftrag, die Scheibenwelt vor ihrem Ende zu bewahren.

So brechen schließlich drei kühne Männer gen Mittelpunkt der Weltenscheibe auf, zum Götterberg Cori Celesti. Darunter der ruhmbekleckerte Zauberer Rincewind, der erfinderische Leonardo Da Quirm – der u.a. grinsende Mona Lisas malt – und Hauptmann Karotte, der aufrechte Wächter von der Stadtwache, mitsamt seinem Ikonographen.

200 feuerspeiende Sumpfdrachen ziehen das erste flugtaugliche Raumschiff, das über den Rand der Welt hinausfliegt, um die selbige zu retten. Doch vor die Rettung haben die Götter, allen voran Lady Luck und das blinde Schicksal, noch haufenweise Hindernisse gelegt. Unterdessen versucht Cohen einem romantischen Barden „behutsam“ beizubringen, wie man eine Heldensaga komponiert…

_Mein Eindruck_

„Wahre Helden“ liest sich flüssig wie aus einem Guss in einem Stück weg. Die Geschichte ist spannend, besonders durch den fortwährenden Szenenwechsel, und komisch: wir kennen die Figuren und ihre Eigenheiten. Außerdem lassen sich reihenweise Anspielungen und Zitate finden, die natürlich parodiert und ironisch gebrochen werden. Eine wahre Fundgrube für den Kenner der Popkultur: Filme (Clint Eastwood und Xena lassen grüßen), Bücher (Clarke’s „2001“), Musik (Barden), natürlich auch gestaltende Kunst (Leonardo!).

Zweitens gibt es hier wirklich etwas zu sehen. Von der Scheibenwelt betrachten wir nun nicht nur die Ober- und Unterseite, sondern auch ihren Rand, die Säulen der Elefantenbeine („Mein Gott! Es ist voller Elefanten!“, eine Anspielung auf Kubricks „2001“) und ihren Mond. Der Wunder ist kaum ein Ende, denn auch die verschiedenen Lebensformen werden haarklein beschrieben – schließlich ist dies eine außerirdische Expedition, nicht wahr? Anspielungen auf Science-Fiction-Film-Versatzstücke wie etwa ein Missionskontrollzentrum, ein blinder Passagier („Ugh!“), eine Mondlandung und vieles mehr bereiten höchstes Vergnügen.

Der Preis dieses Werkes mag vielleicht hoch erscheinen, aber ich finde ihn sogar noch niedrig angesetzt. Denn die vierfarbigen Reproduktionen der Gemälde Paul Kidbys (siehe unten) sind sehr aufwändig, ebenso wie der Satz des daran angepassten Textes. Es wäre ein Jammer, müsste man diesen Text alleine in einem mickrigen Taschenbuch lesen – so mager wie die Unterschrift Leonardos auf einer leeren Leinwand statt auf der „Mona Lisa“.

Da es also einerseits wenige Käufer dieses Werks geben dürfte, dürfte es andererseits in wenigen Jahren bereits ein begehrtes Sammlerstück geworden sein.

_Über die Künstler_

Über Pratchett braucht man keine Worte mehr zu verlieren, denke ich: Jeder kennt ihn. Das Buch wurde aber illustriert von Paul Kidby, dessen Beitrag mindestens ebenso wichtig ist. Seine meisterhaften Gemälde und Zeichnungen sind bis in jede Einzelheit ausgefeilt und machen diesen Band so zu einem Schaustück wie auch zu einem Kabinett der skurrilen Entdeckungen.

So findet der genaue Beobachter stets ein weiteres witziges Detail in den Konstruktionszeichnungen sowie in den biologischen Beschreibungen erfundener Wesen wie etwa der Drachen auf dem Scheibenweltmond, die so ziemlich das Gegenteil ihrer triefäugigen Vettern aus den Sümpfen der Scheibenwelt selbst darstellen.

Leider hat man die Beschriftungen nicht aus dem gekünstelten Akademiker-Englisch des Originals übertragen. Deren Schrift entstammt einer merkwürdigen Type, die man so woanders kaum finden dürfte. Das A beispielsweise hat keinen Querstrich. Das deutsche Gegenstück wären wohl gotische Lettern gewesen, und auf die verzichte ich dankend.

Nicht zuletzt sollte man dem deutschen Übersetzer A. Brandhorst danken, der so viele Anspielungen verstehen und übertragen musste. Er hat einen ausgezeichneten Job gemacht.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Hoffmann, Gabriele – Schiffbrüchigen, Die

Sommer 1629: Die „Batavia“, das Flaggschiff der „Herbstflotte“, die im Auftrag der „Vereinigten Ostindischen Companie“ (VOC) im Oktober des Vorjahres die Niederlande via Ostindien verlassen hat, läuft in einem schweren Sturm auf den Riffen einer namenlosen Insel irgendwo im tropischen Ozean auf. Etwa 300 Überlebende können sich retten – sie finden sich mit minimalen Wasser- und Lebensmittelvorräten auf einem öden Eiland wieder. Der Kapitän und der Repräsentant der VOC machen sich mit den Offizieren und einem Teil der Besatzung im Beiboot der „Batavia“ auf, Hilfe zu holen. Ob sie es schaffen werden, das Festland zu erreichen, ist ungewiss. Sollte es ihnen allerdings gelingen, werden sie auf jeden Fall zurückkehren, denn die Laderäume des Wracks bersten förmlich vor Gold, Juwelen, kostbaren Stoffen und anderen Schätzen.

Die Überlebenden müssen sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Sie sind auf ihr Dasein als Schiffbrüchige nicht vorbereitet. Ohne Führung bricht die Disziplin bald zusammen. Die Inselgesellschaft droht an ihrer Tatenlosigkeit zugrunde zu gehen, da fühlt sich ein Mann berufen, die Zügel in die Hand zu nehmen: Jeronimus Cornelisz, ein Kaufmann, der an Bord der „Batavia“ eher unauffällig geblieben ist. Nun wählt man ihn zum Vorsitzenden eines Inselrates, der den Kampf ums Überleben organisieren soll.

Cornelisz ist ein Mann mit geheimen Träumen von brutaler Herrschaft und perverser Gewalt; nun, da er zum ersten Mal in seinem Leben Macht ausüben kann, lässt er seinen bisher unterdrückten Leidenschaften freien Lauf. Er entpuppt sich als geborener Anführer und geschickter Verführer, der rasch eine Gruppe zu allem entschlossener Männer um sich scharen kann. Sie nennen sich die „Auserwählten“, und sie errichten auf der trostlosen Insel, genannt „Batavias Friedhof“, ein grausames Terrorregime. Cornelisz erklärt sich zum Herrn über Leben und Tod, lässt Kranke und Kinder als „unnütze“ Esser ermorden, zwingt die Frauen sich zu prostituieren, rafft die Schätze der „Batavia“ an sich. Unter dem Vorwand, die drückende Enge auf der Insel mildern zu wollen, lässt Cornelisz mehrfach Männer und Frauen auf benachbarte Eilande übersetzen. Tatsächlich werden sie dort jämmerlich abgeschlachtet und ausgeraubt.

Binnen zweier Monate bringen die „Erwählten“ über 125 Menschen um; bald töten sie offen und aus reiner Mordlust. Die durch Hunger, Krankheit und Furcht geschwächten Überlebenden liefern sich der Willkür fast ausnahmslos aus. Doch der Gipfel der Gräuel ist noch längst nicht erreicht. In dem Wissen, dass ihre Schreckensherrschaft sich bald dem Ende zuneigen oder man sie bei einer Rettung streng bestrafen wird, beginnen die „Erwählten“ sich auch untereinander zu bekriegen. Einig sind sie sich höchstens in ihrem Bestreben, sämtliche Zeugen ihrer Untaten zu beseitigen …

Die wahre Geschichte der „Batavia“ – oder besser die ihrer schiffbrüchigen Besatzung – gehört zu den durchaus bekannten, aber halb vergessenen historischen Episoden. Wenn Gabriele Hoffmann den VOC-Kommandeur Pelzert im zweiten Teil ihres Romans die unglaublichen Ereignisse des Jahres 1629 niederschreiben lässt, hält sie sich damit eng an die Wahrheit. Pelzerts umfangreiche Protokolle stellen eine reiche Quelle dar, aus der auch die Autorin schöpfen konnte.

Da die Ereignisse wahrlich für sich selbst sprechen, übernimmt sie den nüchternen Tenor der Vorlage. Ihr Roman wirkt dadurch über weite Strecken wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme. Der Verzicht auf inszenierten Horror und Melodramatik kommt der Geschichte sehr zugute. Dennoch sollte man sich davor hüten, Hoffmanns Schilderung mit der Realität des Jahres 1629 gleich zu setzen. „Die Schiffbrüchigen“ ist ein Roman und damit fiktiv; es gibt zum Beispiel keine Aufzeichnungen eines Ritters Christoph von Eck.

Außerdem unterwirft Hoffmann die reale Geschichte ihrer subjektiven Wertung. „Die Schiffbrüchigen“ soll mehr als reine Unterhaltung sein – nämlich ein romanhafter Essay über das Wesen der Schuld. Das Geschehen von 1629 steht stellvertretend für alle Grausamkeiten, die sich die Menschen im Laufe der Jahrtausende angetan haben; Gräuel, die unzweifelhaft geschehen sind, die aber nachträglich niemand zufriedenstellend erklären konnte und kann, was die Opfer wie die Täter (!) einschließt.

Statt „Batavia Friedhof“ könnte der Ort der Handlung auch Little Big Horn, My Lai oder Auschwitz heißen, wobei Hoffmans Allegorie hauptsächlich auf den organisierten Massenmord der Nazis zielt. Der Aufstieg einer kleinen, aber skrupellosen Clique in krisenhafter Zeit, die Ausgrenzung angeblich „schädlicher“ Minderheiten, die geschickte Eingliederung der schweigenden Mehrheit in eine Unterdrückungs- und Mordmaschinerie, der Terror, der bald seine eigenen Kinder frisst, aber auch das Schweigen, die Fassungslosigkeit und das Leugnen derer, die „dabei“ waren, sobald der Spuk vorbei ist – das sind Phänomene, die untrennbar mit dem „Dritten Reich“, den Kriegsverbrecherprozessen der überforderten Siegermächte und der Grabesstille der deutschen Nachkriegsjahrzehnte verbunden sind.

Dem erzählerischen Talent Gabriele Hoffmanns ist es zu verdanken, dass diese Aspekte sich einerseits nie aufdringlich in den Vordergrund schieben, während sie sich andererseits stets als persönliche Standpunkte der Autorin erkennen lassen. Hoffmanns (resignatives) Fazit, dass „das Böse“ in jedem Menschen lebt und jederzeit und an jedem Ort ausbrechen kann, hat etwas bestechend Logisches, vereinfacht ein komplexes Problem allerdings in vielerlei Hinsicht und muss nicht unbedingt zutreffen. Aber bei einem Roman ist es das Privileg des Autoren, die Wirklichkeit nach eigenem Gusto zu verändern, mit ihr zu spielen und eine persönliche Sicht der Welt ins buchstäbliche Spiel zu bringen.

Wer sich als Leser also nicht berufen fühlt, an einer philosophischen Diskussion über Gut und Böse teilzunehmen, sei beruhigt: „Die Schiffbrüchigen“ funktioniert auch als „normales“, sehr spannendes, wenn auch düsteres historisches Abenteuer.

Jeronimus Cornelisz – die personifizierte Banalität des Bösen. Als Kaufmann führt er ein völlig unauffälliges, von hohen Risiken und gefahrvollen Geschäftsfahrten geprägtes Dasein. Niemand würde in ihm den geradezu archaischen Schreckensherrscher vermuten, in den er sich aus heiterem Himmel verwandelt. Er muss sein geheimen Träume von lustvollem Terror gehabt, aber sorgfältig in seinem Herzen verborgen haben. Nun lässt er ihnen freien Lauf, da niemand ihnen (endlich) Einhalt gebieten kann.

So ist es natürlich nicht. Wieso greift beispielsweise Christoph von Eck nicht ein? Er trägt den Rittertitel und ist eigentlich verpflichtet für Zucht und Ordnung zu sorgen. Doch in diesem Jahr 1629 ist der Ritterstand in uralten Denkmuster erstarrt, trauert kodifizierten Verhaltensvorschriften nach, die von der Zeit längst überholt sind. Von Eck sieht sich als Krieger im Auftrag Gottes; für die Disziplinierung eines Gewaltherrschers fühlt er sich nicht zuständig, so lange ihn dieser nur in Ruhe lässt.

Cornelisz wiederum ist schlau genug zu warten, bis seine Anhängerschaft so stark gewachsen und seine Gegner so schwach geworden sind, dass ihm die Macht in den Schoß fällt. Wäre die Mordlust nicht mit ihm durchgegangen, hätte sein Plan aufgehen können. Aber der amokhafte Blutrausch führt den unheimvoll „befreiten“ Kaufmann letztlich selbst ins Verderben: Als man ihn zur Verantwortung zieht, verhält sich „das Gesetz“ nicht minder grausam als er. Seine Richter und Henker sehen freilich das Recht auf ihrer Seite und sich selbst in der Pflicht, Cornelisz‘ unglaubliche Taten zu sühnen – und das geschieht auf zeitgenössische Art, d. h. nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Überlebenden der „Batavia“ müssen sich den Rest ihres Lebens die Frage stellen, wieso sie mittaten- als Täter, Mitläufer oder Opfer. Sie finden keine Antwort, verstricken sich in gegenseitige Schuldzuweisungen, erwachen – Cornelisz eingeschlossen – aus einem bösen Traum. Und das war die „Batavia“-Katastrophe denn auch: eine unerfreuliche Lektion in der Alltäglichkeit des Bösen, das dich auf eine Weise überraschen kann, mit der du niemals gerechnet hättest: als Unschuldiger, aber auch als Schuldiger.

Kay, Guy Gavriel – Komplott, Das (Sarantium 1)

Guy Gavriel Kay’s Roman „Das Komplott“ ist der erste Band des „Sarantium“-Zyklus, bei dem er die Geschichte, das Leben und die Atmosphäre in dieser vielleicht bedeutendsten Stadt der Spätantike und des Mittelalters festgehalten hat: Sarantium ist keine andere Stadt als Byzantium, Byzanz, Konstantinopel, Miklagard oder heute Istanbul. Bekannt als der oströmische Teil des ehemaligen römischen Weltreichs, eine Stadt, in der Orient und Okzident aufeinandertreffen, stellten byzantinische Kunst und Kultur in den dunklen Zeiten des Mittelalters das leuchtende Licht der Zivilisation dar. Aber auch für moralische Verkommenheit, sexuelle Ausschweifungen und die sprichwörtlich gewordenen byzantinischen Intrigen steht diese Stadt, eine der ersten Metropolen der Welt.

„Sailing to Sarantium“ ist der englische Titel des Romans, diese Reise nach Sarantium wird für den jungen Mosaikleger Caius Crispus, genannt Crispin, einen Wendepunkt in seinem Leben darstellen. Er soll für Kaiser Valerius II. und seine Gemahlin Alixana die Kuppel des großen Jad-Tempels mit den schönsten Mosaiken der Welt schmücken. Für den gebürtigen Varener eine Chance, seine Kunst zu vervollkommnen, sich unsterblichen Ruhm zu erwerben und aus dem von Barbaren eroberten Westteil des Reiches in das goldene Sarantium zu ziehen.

Valerius II. und Alixana sind keine anderen als Kaiser Justinian I., genannt der Große, und seine Frau Theodora I., eine ehemalige Zirkusartistin, die er nur durch eine Gesetzesänderung überhaupt zur Frau nehmen konnte – Tänzerinnen waren damals nur bessere Huren und tanzten natürlich auch recht freizügig. Alleine das würde schon Stoff für einen Roman bieten, aber es ist historisch belegt, das sie eine starke Frau an der Seite eines starken Kaisers war: Beamte wurden auf den Kaiser und seine Kaiserin vereidigt, sie war Mitregentin und solange der Kaiser nicht widersprach, war ihr Wort Gesetz. Sie übernahm während einer Erkrankung des Kaisers kurze Zeit sogar vollständig die Regierungsgewalt, sie war ihm ebenso eine kluge Beraterin: Während des Nika-Aufstandes war Kaiser Justinian schon bereit, aus der Stadt zu fliehen – überliefert ist folgender Ausspruch Theodoras: „Das Purpur ist das schönste Leichentuch.“ (Nur Kaiser und Könige durften diese Farbe tragen bzw. konnten sie sich leisten). Sie riet ihm, zu bleiben, und der ebenfalls legendäre Feldherr Belisar sowie der Kämmerer Narses schlugen den Aufstand blutig nieder – Justinian blieb daraufhin noch Jahrzehnte an der Macht, die Weltgeschichte hätte ohne Theodora einen ganz anderen Verlauf nehmen können, wenn man sein Lebenswerk betrachtet: Sein Feldherr Belisar eroberte weite Teile der damaligen Welt, näher war Ostrom nie mehr an der flächenmäßigen Ausdehnung des römischen Reiches als zur Zeit Justinians. Ebenso ist er für die „Codex Justinianus“ genannte Rechtssammlung und seine Bautätigkeit berühmt: Unter ihm wurde die bei einem Erdbeben beschädigte Kuppel der Hagia Sophia restauriert, deren Bau bereits zuvor unter seiner Herrschaft beendet wurde. Seine Schließung der athenischen Akademie neuplatonischer Philosophie 529 n.Chr., um den Einfluss des Heidentums in Bildung und Wissenschaft zu verringern, wird oft auch als Ende der Spätantike und Beginn des Mittelalters angesehen.

Über diese herausragenden historischen Persönlichkeiten schreibt Kay, der Mosaikleger Crispin ist oft genug nur Beobachter und Zeuge historischer Ereignisse. Da der englische Zyklus aus zwei Bänden bestand, die in der deutschen Fassung auf vier aufgeteilt wurden, möchte ich hier stellvertretend den gesamten Zyklus bewerten: Am Ende des ersten deutschen Bandes hat Crispin gerade mal den Fuß in die Stadt gesetzt. Um Verwirrung zu vermeiden, werde ich die geläufigen historischen Namensgebungen verwenden, damit keine Missverständnisse entstehen, wenn ich von Valerius = Justinian, Alixana = Theodora, Leontes = Belisar und Gesius = Narses spreche.

Eine Übersicht der Handlung zu geben, halte ich für unangebracht: Kay hält sich sehr eng an die tatsächliche Geschichte, erst im vierten und letzten Band weicht er ab und bringt seine Version, wie sich unter gewissen Umständen das byzantinische Reich hätte entwickeln können.

Vielmehr wird ein beeindruckendes Bild der Stadt gemalt: Der Leser nimmt an den Wagenrennen im Hippodrom von Byzanz teil, dieser Sport war damals populärer als Fußball und Formel 1 heutzutage zusammen. Politische Parteien definierten sich über ihre Zugehörigkeit zu einer Zirkuspartei, so waren die „Blauen“ eher Aristokraten, während die „Grünen“ mehr den Plebejern verbunden waren. So als würde Ferrari für die „rote“ SPD fahren. Allerdings waren Wechsel der Fahrer und hochrangiger Gönner zwischen den Parteien nicht ungewöhnlich, hohe Wetten, Mordanschläge und Prügeleien zwischen den Fraktionen waren an der Tagesordnung. Jede Partei bemühte sich um den erfolgreichsten Wagenlenker oder die begehrteste Tänzerin, auch von dem Mosaikleger Crispin würde man gerne wissen, welcher Patei er den Vorzug gewährt, was ihn aber nicht so sehr in Verlegenheit bringt wie sein erster Auftritt am kaiserlichen Hof.

Der Hof Justinians ist ein Musterbeispiel für die byzantinische Neigung zu Intrige, Verrat und Vetternwirtschaft. In diesem Haifischbecken macht sich Crispin unbewusst zahlreiche Freunde und Feinde, bevor er auch nur seinen ersten Satz zuende gesprochen hat. Hier wird Kays Bewunderung Justinians und Theodoras deutlich, die alle Züge ihrer Gegner im Voraus ahnen und Menschen mit einer Leichtigkeit manipulieren, wie Crispin Steinchen verlegt.

Ein besonders lustiger Vogel ist Prokopios von Caesarea, ein Chronist, der kein gutes Haar an Justinian und vor allem seiner Frau Theodora lässt: Seine Schriften werden gemeinhin als von Hass, Neid und Missgunst geprägt bezeichnet. Die eigene Kaiserin als Hure, die sich auf der Bühne mit Tieren paarte, zu bezeichnen, und sowohl ihr als auch ihren Hofdamen Untreue vorzuwerfen, ist starker Tobak. Intelligenz und Charakter vereinen sowie Erfolg haben, von der kleinen Tänzerin zur Kaiserin eines Weltreichs aufsteigen – so kann man sich Neider und Feinde schaffen.

Hier besteht in Kays Roman ein kleiner Unterschiede zur Historie: Theodoras mit Belisar verheiratete Hofdame Antonina (im Roman Styliane Daleina) wird hier von Prokopios ihre Untreue nicht zum Vorwurf gemacht, er steht vielmehr auf der Seite ihrer Familie: Justinians Vorgänger hat den damaligen Kandidaten für den Kaiserthron einem nie näher geklärten Attentat zum Opfer fallen lassen. Was Antonina/Styliane nie verziehen hat – ihre Nähe zu Theodora ist im Roman also weniger die einer Freundin, als die einer recht glaubhaft in der Nähe gehaltenen Feindin: Halte deine Freunde in der Nähe, und deine Feinde noch näher.

Kay führt zahlreiche weitere Figuren ein, die das alte Byzanz wiederspiegeln: Den Legionär Carullus und die von Crispin befreite Sklavin Kasia, den Weiberheld und erfolgreichsten Wagenlenker der Blauen, Scortius, bis hin zu einem sassanidischen Heiler und seiner Familie, die als Spione in Byzanz verweilen.

Crispin kommt mit den meisten in Kontakt, Kay erzählt oftmals die Geschichte der jeweiligen Personen aus ihrer individuellen Perspektive, stets jedoch in der dritten Person. Man sollte allerdings in byzantinischer Geschichte gut bewandert sein: Sonst kann man vieles nicht genießen, insbesondere die seltenen Fälle, wenn Kay ausnahmsweise eigene Wege geht und die Geschichte interpretiert; es hätte nicht geschadet, wenn er dies öfter getan hätte. So fehlt einige Zeit lang jegliche Handlung, vielmehr wird die Geschichte nacherzählt, zwar mit beeindruckenden individuellen Sichtweisen, aber eben ohne echten Spannungsbogen. Das stört etwas, andrerseits sind Justinian, Theodora sowie Narses und Belisar durch Kays hohe Erzählkunst so gut zum Leben erweckt, dass man trotzdem weiterliest. Schade ist, dass er erst im vierten und letzten Band versucht, eine eigene Intrige zu spinnen, leider ist dieses Komplott eher schlicht ausgefallen und wird auch sehr rasch abgehandelt – Kay ist zwar ein hervorragender und sprachlich ausgereifter Erzähler, aber sich eigene Geschichten auszudenken, ist gewiss nicht seine Stärke. So kann es nicht verwundern, dass Kay oft eine langatmige Schreibweise vorgeworfen wird. Sein Zauber kann nur greifen, wenn man gewisse Grundkenntnisse der Epoche, über die er schreibt, besitzt. Das trifft auf die meisten Romane Kays zu, auf den Sarantium-Zyklus im Besonderen.

Mich verwundert, dass dieser Roman unter Fantasy geführt wird: Hier liegt ein lupenreiner historischer Roman vor. Das einzige fantastische und übernatürliche Element stellen kleine Vogelanhänger dar, von denen der Alchimist Zoticus Crispin einen schenkt. Das Schmuckstück enthält die Seele einer Frau, Linon, die einem heidnischen Waldgott geopfert wurde. Für die Handlung sind aber eher ihre amüsanten, frivolen, ironischen bis sarkastischen Einwürfe und Zwiegespräche mit Crispin von Bedeutung. Für mehr leider aber auch nicht.

Der „Sarantium“-Zyklus ist ein Leckerbissen für Liebhaber historischer Romane, die anspruchsvolle Erzählungen schätzen und das dringend benötigte Vorwissen mitbringen. Atemberaubend schöne und gefährliche Frauen, elendig leidende Sklavinnen, lüsterne Eunuchen und berechnende Machtmenschen in einer Welt voller Intrigen und tödlicher Wagenrennen, das bietet dieser Zyklus. Guy Gavriel Kay half nicht umsonst Christopher Tolkien beim Lektorat des „Silmarillion“, er ist sprachlich sehr versiert und ein großartiger Erzähler. Die deutsche Übersetzung ist sehr gut, das englische Original ist dennoch besser – in der deutschen Version ist sein Schreibstil wirklich oft etwas langatmig, was auch an seiner in meinen Augen großen Schwäche liegt: Faszinierende Charaktere und Episoden werden durch keine übergreifende Handlung miteinander verbunden. Kay hätte gut daran getan, seine Intrige zu verfeinern und schon zwei Bände früher eine wirklich große, raffinierte, „byzantinische“ Intrige zu spinnen, anstelle eines kurzen Strohfeuers im letzten Band. Bedauernswert, denn ohne dieses Manko würde der Zyklus sowohl ein breiteres Publikum ansprechen als auch an Klasse gewinnen. Dennoch ist der Zyklus insgesamt sehr empfehlenswert.

Als zugänglichere Alternative für historisch weniger bewanderte Leser, die trotzdem gerne etwas über diese Zeit erfahren würden, bieten sich die Romane von Lindsey Davis (Marcus Didius Falco) und die SPQR-Reihe von John Maddox Roberts an.

DER SARANTIUM-ZYKLUS (The Sarantine Mosaic):
Das Komplott (ISBN 3453188063)
Das Mosaik (ISBN 345318811X)
Der Neunte Wagenlenker (ISBN 3453196279)
Herr aller Herrscher (ISBN 3453196341)

Tipp: Da die deutschen Ausgaben derzeit (April 2004) vergriffen (tatsächlich scheinen sämtliche deutsche Fassungen der Kay-Bücher vom Markt zu sein, auch jene beim Goldmann-Verlag, was wohl mit den Veränderungen bei Random House zusammenhängen dürfte) und nur als Paperbacks verfügbar sind, sollten des Englischen überdurchschnittlich Kundige ruhig zu den englischen Hardcovern „Sailing to Sarantium“ und „Lord of Emperors“ greifen, die sich noch im Handel befinden und leichter erhältlich sind.

Homepage des Autors:
http://www.brightweavings.com/

[Justinian und Theodora]http://www.muenster.org/abendgymnasium/faecherprojekte/projekte/mosaiken_ravenna/justiniantheodora.htm

Pratchett, Terry – Schweinsgalopp

Father Christmas ist auf der Scheibenwelt verschwunden. Als Ersatz springt Gevatter Tod ein. Rotgewandet fährt er mit seinen vier fliegenden Schweinen durch die Lande und bringt den Menschenkindern alles, was sie sich wünschen (auch wenn sie es selber nicht genau wissen). Die Bräuche zu befolgen, fällt Tod manchmal etwas schwer, doch das mit dem fröhlichen (?) „Ho-ho-ho“ hat er schon raus. Vielleicht übertreibt er es damit ein bisschen.

Father Christmas ist einem Anschlag der Assassinengilde zum Opfer gefallen. Einer ihrer übelsten Vertreter ist in Fathers Schlossturm eingebrochen und versucht nun mit Hilfe eines angeheuerten Magiers, dem zwölften mit dieser Aufgabe, den Tresorraum von Father Christmas zu öffnen. (Das klingt sehr nach „Stirb langsam 1“.)

Unterdessen in der Unsichtbaren Universität: Die Abwesenheit des echten Father Christmas hat ein (wissenschaftlich natürlich begründbares) Glaubens-Vakuum entstehen lassen. Dadurch glauben die Menschen nun an alles Mögliche, zum Beispiel an die Zahnfee. Selbst die Professores der Uni brauchen es nur laut auszusprechen, an was sie glauben könnten, und schon – ist es da: Gnome, Wichte, Aufmunterungsfeen. Der Erzkanzler Ridcull rauft sich die Haare. Auch die neue Rechenmaschine, die von Ameisen (= Bits & Bytes) und Käse (= Speicher) angetrieben wird, hilft da nicht viel weiter.

Susanne, die Tochter TODs, wollte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Doch seit er verschwunden ist, macht sie sich Sorgen. Auf der Suche nach ihm begegnet sie nicht nur dem Gott des Katzenjammers. Sie trifft auch auf die Assassinen im Turm von Father Christmas. Es wird spannend, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.

In einer kompliziert verflochtenen Handlung führt uns der „Douglas Adams der Fantasy“ vor Augen, was es mit dem Kinderglauben an den Nikolaus und die Zahnfee so alles auf sich hat – und das ist eine ganze Menge. In todernstem Ton bringt Pratchett wie so oft die unglaublichsten Sätze und Szenen (p.s.: … und Fußnoten), so etwa die Sache mit dem Ameisencomputer. (Das erinnert mich an den Termitencomputer von Jeff Noon in „Automated Alice“, mit seinem „beanary system“. Beide Bücher entstanden 1996…)

Pratchetts Humor und Erzählstil mag nicht jedermanns Sache sein, aber „Schweinsgalopp“ könnte selbst solche Skeptiker von den Qualitäten dieses Autors überzeugen: Es ist einer seiner gelungensten Romane!

_Michael Matzer_ © 1998ff

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!) – Vorwort zu dieser Sammlung

H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928) – Ein junger Mann, der eigentlich nur das seltsame Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss entsetzt erkennen, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt …

Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931) – Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten …

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos weiterlesen

Hakl, Hans Thomas – verborgene Geist von Eranos, Der

„Scientia Nova – Verlag Neue Wissenschaft“ ist ein neuer akademischer Kleinverlag, dessen wesentliche Zielrichtung durch den Untertitel „Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik“ des mir vorliegenden Werkes „Der verborgene Geist von Eranos“ ganz treffend beschrieben wird. Der Begriff „scientia nova“ dürfte dabei passenderweise auf eine wissenschaftliche Strömung der Spätrenaissance verweisen.
In dieser Veröffentlichung nimmt der Jurist Dr. Hans Thomas Hakl (Mitherausgeber der „Gnostika“ und Korrespondent der „Politica Hermetica“) sich eines gern übersehenen Themas der Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts an, das bis heute fortwirkt: Eranos.

Eranos – was genau ist das nun? Das Wort selbst ist dem Altgriechischen entlehnt und verweist auf ein Gastmahl unter Freunden, in einer Gemeinschaft; der Wortteil „Eros“ in seiner bekannten Bedeutung schwingt dabei ganz unbefangen mit. Ein Fest der Sinne also vielleicht in mehrerlei Hinsicht, genauer ein Fest geistiger Art, zu dem Geladene etwas mitbringen, wie eine Rede, ein Lied, einen Trunk und den Willen, sich dem offenen, gemeinsamen Gespräch hinzugeben.

Im hier gemeinten Sinne ist Eranos die Bezeichnung einer Begegnung zwischen Orient und Okzident, Wissenschaft und Esoterik, Kunst und Religion. Initiiert wurden diese bedeutsamen Zusammenkünfte 1933 von der theosophisch vorgeprägten Holländerin Olga Froebe-Kapteyn; den Namen schlug ihr der Religionswissenschaftler Rudolf Otto vor. Zunächst sollte der Schwerpunkt auf Themen der Religion und des rein Geistigen liegen, doch der „genius loci“ hatte wohl seinen eigenen Willen, als sich aus den – von C. G. Jung maßgeblich mitgeprägten – einwöchigen Tagungen viel mehr entwickeln sollte.

Natur- und Religionswissenschaften, Psychologie, Philosophie, Islamistik, Ägyptologie und Indologie gehörten bald ebenso zu den Themen wie Buddhismus, Mystik und Mythen, Kabbala und Gnosis. Das Zusammenspiel zwischen strikter Wissenschaftlichkeit und kreativ-intuitiver Herangehensweise gehörte damit ebenso zu den zentralen Merkmalen der Tagungen selbst wie zu den Wesenszügen ihrer Redner und Gäste. Und so mancher der bedeutendsten Vertreter seines jeweiligen Faches folgte den Einladungen der Eranosrunde, wo sich viele Akademiker zum ersten Male und für spätere Zusammenarbeit in fruchtbarer Weise kennen lernen konnten. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten und Projekte konnte auch erst durch die Verbindungen zu Eranos und der Bollingen-Stiftung Form gewinnen.

Das schweizerisch-italienische Ascona im Tessin bot sich eigentlich als Ort der Zusammenkunft geradezu an. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Dorf Ascona am Monte Verità (wie bildhaft stimmig) zu einem Schmelztiegel diverser geisteswissenschaftlicher, religiöser und esoterischer Bestrebungen; speziell dem Bemühen zugetan, der Entzauberung und Profanisierung der modernen Welt entgegenzuwirken (ohne dabei weltfremd zu agieren). Die „Associazione Amici di Eranos“ dazu: „Aus heutiger Sicht war unser Dorf im Tessin ein Versuchsfeld, auf dem die Verwirklichung einer kulturellen Vision vorbereitet wurde, die die unsere geworden ist: die Ökologiebewegung; die Versöhnung des menschlichen Lebens mit der Natur; die vergleichende Erforschung der Symbole, der Religionen, der imaginierten Welten; der Dialog der Kulturen zwischen Okzident und Orient, zwischen Europa und Amerika, zwischen Moderne und dem Altertum; die Emanzipation der Frauen, deren eigene kulturelle Kreativität und schöpferische Weisen; die elementare Rolle der Geschlechterdifferenz in der Konstruktion der menschlichen Welt; die Wiederentdeckung des Körpers im modernen Tanz, des Umgangs mit dem Körper überhaupt, in Ess- und Kleidungsgewohnheiten; die Kultur der Toleranz, des Friedens, die Ablehnung jeglichen Dogmatismus; das ganzheitliche Studium der menschlichen Person: die Träume, die Seele, die Phantasie, Leben und Tod, Wissen und Unwissen, Vernunft und Gefühle, das Eine oder Andere, das Fremde, die Freiheit und die Regeln, das Individuum und die Gemeinschaft, die Riten in Dauer, in Wandlungen, das Schweigen, das Wort.“

Ein gewichtiger Eindruck der Bedeutung von Eranos lässt sich durch eine – von mir rein selektiv getroffene – Auswahl der hier seit nunmehr siebzig Jahren (mit einer Unterbrechung 1988/89 und veränderter Fortführung in zwei Eranos-Linien) Aktiven gewinnen:

Jan Assmann
Leo Baeck
Ernst Benz
Rudolf Bernoulli
Martin Buber
Henry Corbin
Mircea Eliade
Antoine Faivre
J. Wilhelm Hauer
Friedrich Heiler
Gustav Richard Heyer
Toshihiko Izutsu
Carl Gustav Jung
Erik Hornung
Hans Kayser
Karl Kerényi
David L. Miller
Erich Neumann
Adolf Portmann
Paul Radin
Erwin Rouselle
Annemarie Schimmel
Gershom Scholem
Erwin Schrödinger
Daisetz Teitaro Suzuki
Swami Yatiswarananda
Heinrich Zimmer

Das soll als Überblickvorstellung der Eranos-Thematik genügen. Weitere Information gibt es beispielsweise unter [Eranos.org]http://www.eranos.org/ zu finden.

Wie nimmt sich nun Herr Hakl dieser Thematik an; zumal es sich um eine der wenigen Veröffentlichungen handelt, die sich überhaupt eingehender und gezielt mit Eranos befassen?

Kurzum: Das große Werk ist trefflich gelungen. Nicht nur ging er mit ausgesuchter Sorgfalt an die Niederschrift heran (wovon ein erschlagendes Literaturverzeichnis ebenso zeugt wie zahlreiche vertiefende Anmerkungen und die Einbindung persönlicher Gespräche und Briefwechsel mit Eranosteilnehmern) und lässt seinen persönlichen Enthusiasmus für sein Forschungsobjekt in die Lesbarkeit gut förderlicher Weise aus seinen Zeilen sprechen. Es gelingt ihm dabei trotz aller Begeisterung und persönlichen Handhabung des Subjekts kritisch distanziert zu bleiben und sich auch weniger erfreulichen Kommentaren, Vorfällen und Anwürfen zu widmen. Als Beispiel sei hier die Problematik der Entstehungszeit genannt sowie der Tatsache, dass einige mehr oder minder dem Nationalsozialismus zugetane Personen unter den Teilnehmern zu finden sind; und auch die Debatte um C.G. Jungs Einstellung zu Antisemitismus und Nationalsozialismus ist noch lange nicht beendet (und wird es meiner Ansicht nach auch niemals sein, da sich keine eindeutige Stellungnahme finden lassen wird, wie die Etikettenwissenschaft sie gern hätte, die dem Prozesshaften noch immer nicht recht zugetan ist).

Der Autor geht in seinen Betrachtungen im Wesentlichen chronologisch vor, vor allem in der Anfangsphase der Eranostagungen. Dabei widmet er sich wichtigen Rednern und Persönlichkeiten eingehender mit Ausführungen zu Biografie und Lebenswerk sowie den Querverbindungen untereinander.

Hakl gelingt es mit seiner ausgezeichneten Arbeit, verschiedene Interessengruppen zugleich anzusprechen. Der größtenteils angenehm lockere und verständlich formulierte Wortfluss kommt dem Laien sehr entgegen, die Tiefgründigkeit und Sorgfalt dem akademischen Forscher. Der Eranosfreund wird ebenso fündig wie der Skeptiker. Alle Anmerkungen sind erfreulicherweise direkt unterhalb des Fließtextes zu finden, was vielleicht nicht üblich ist, aber lästige Blätterei und damit Überblicksverlust erspart. 47 Glanzfotos im Mittelteil erfüllen die Beschreibungen mit nostalgischem Leben. Und letztlich gibt es keine vergleichbare Arbeit über Eranos auf dem Buchmarkt.

Insgesamt ist „Der verborgene Geist von Eranos“ ein kulturhistorisch bedeutsames, rundum gelungenes, geradezu unverzichtbares Werk, das sicherlich zum rechten Zeitpunkt kommt. Nicht nur, um die Neugierde des historisch Interessierten zu befriedigen, sondern auch, um auf eine wesentliche und wichtige Entwicklung hinzuweisen, denn letztlich ist es an uns, was wir aus den Errungenschaften des Eranos weiterhin zu formen trachten und ob die Bestrebungen der Eranosteilnehmer lediglich als Fußnote der Geschichte auftauchen werden. Gerade Akademiker sollten aus diesem Werke lernen und den Austausch zwischen Traditionen, Kulturen und Fachgebieten für eine Gewinn bringende, zukunftsorientierte und ganzheitliche Zusammenarbeit suchen. Die Großen und Respektierten des vergangenen Jahrhunderts haben dies offenkundig getan; und auch wenn das vielen sicherlich unerwünschte Eranosthema allzu gern verdrängt wird, so zeigt die Geschichte doch, dass es nicht verkehrt sein kann, ihrem Beispiel zu folgen und das Werk fortzuführen.

Abschließend sollen zu diesem Buch, den Gesamteindruck vervollständigend, einige Eranospersönlichkeiten zu Worte kommen:

_Annemarie Schimmel_ (Islamistin, Prof. Dr. Drs. h.c. mult., u. a. Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und weltweit anerkannte Islamexpertin):
„H.T. Hakls Buch über die Entwicklung von ERANOS ist überaus spannend. Als jüngere Zeitgenossin vieler, wenn nicht der meisten dort vorgestellten Persönlichkeiten, hat mich die treffende Analyse fasziniert, und ich hoffe sehr, dass viele an der europäischen Geistesgeschichte Interessierte dieses grundlegende Werk lesen und dadurch einen neuen Zugang nicht nur zu dem bisher weitgehend von der Wissenschaft vernachlässigten Thema ERANOS finden, sondern auch zu wichtigen Fragen der neueren Geschichte. Jeder an geistesgeschichtlichen Problemen der Neuzeit Interessierte sollte das Buch aufmerksam lesen.“

_Erik Hornung_ (Ägyptologe an der Universität Basel und ehemaliger Präsident der „Amici di Eranos“):
„Eranos, die jährliche Zusammenkunft prominenter Gelehrter in Ascona seit 1933, ist längst zu einem Bestandteil der neueren Geistesgeschichte geworden. Hans Thomas Hakl gelingt es, dieses bisher unerforschte Kapitel in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erhellen und die geistige Mitte dieser Begegnungen, dazu ihre Ausstrahlung in alle Welt, sichtbar zu machen. Ein spannendes und zugleich höchst aktuelles Lesevergnügen!“

_Antoine Faivre_ (Lehrstuhlinhaber für die Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im Europa der frühen und modernen Neuzeit am Religionswissenschaftlichen Institut der E.P.H.E. (Sorbonne), und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Diese, dem Phänomen Eranos gewidmete erste Gesamtdarstellung wissenschaftlichen Wertes, kommt gerade recht und dürfte wohl auf lange Zeit das Standardwerk bleiben. Auf fein gesponnene Weise werden nicht nur hochinteressante Details und Aussagen aus erster Hand sowie gediegene Einzeluntersuchungen zusammengetragen. Ebenso gelingt es dem Autor aufzuzeigen, wie die verschiedenen Beziehungsfäden innerhalb der Eranos-Tagungen zusammenlaufen und darüber hinaus, die Bezüge zur neueren Geistesgeschichte herzustellen.“

_David Miller_ (Watson-Ledden Professor Emeritus der Religionswissenschaften an der Syracuse Universität (USA) und Mitglied des Eranoskreises von 1969–1988):
„Dieses faszinierende Buch liefert einen äußerst gründlichen und ausgewogenen Bericht von einer verborgenen Dimension des geistigen Lebens im letzten Jahrhundert. Diese Dimension wird hier in einer überaus sorgfältigen und wissenschaftlichen aber auch interessanten Weise der Öffentlichkeit enthüllt. Dabei zeigt der Autor auf, dass die Eranos-Konferenzen von 1933 bis 1988 ein – wie man das in einer postmodernen Computersprache ausdrücken könnte – im Hintergrund des 20. Jahrhunderts ablaufendes Programm darstellen und dass diese bis jetzt unbekannte Kraft ein spirituelles Vermächtnis in sich birgt und zwar genau inmitten eines modernistischen Scheiterns von Seele und Geist.“

_Giovanni Casadio_ (Professor für Religionsgeschichte an der Universität Salerno und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Die Geschichte eines Jahrhunderts bleibt so lange unverständlich, bis man den Geist erkennt, der sie von innen her gelenkt hat. Der Geist des 20. Jahrhunderts ist im Guten wie im Schlechten oft mit dem Genius Loci identifiziert worden, der den Eranos-Tagungen von Ascona voranstand. Dieses Buch ist nun der einzige brillante und kompetente Führer, um sich in diesem Labyrinth geistiger Verwicklungen zurechtzufinden.“

Pratchett, Terry / Kirby, Josh – Eric

Diese Ausgabe eines klassischen Rincewind-Romans wurde knallbunt illustriert von Josh Kirby, im gewohnten Stil. Genau genommen, ist sogar das ganze Buch nur geschrieben worden, um Kirby Gelegenheit zur Darbietung seiner Kunst zu geben. Denn diese Reiseerzählung hat relativ wenig mit der Scheibenwelt der übrigen Romane zu tun.

_Handlung_

Der 13-jährige Eric ist so eine Art Möchtegernzauberer und macht Sachen, von denen seine Eltern nichts erfahren dürfen. Er beschwört einen Dämon und erhält statt dessen Rincewind. Er soll ihm drei Wünsche erfüllen: Eric möchte Herrscher der Welt sein, die schönste Frau besuchen und ewig leben: kurzum höchstes Glück! Na, denn prost, denkt sich Rincewind unwillig. Und ich meine: Das ist ja wie bei Dr. Faust. (In der Tat ist auf der Originalausgabe das Wort „Faust“ durchgestrichen und durch „ERIC“ ersetzt. Aber als Engländer bezieht sich Pratchett eher auf den „Faust“ von Christopher Marlowe, nicht auf Goethe.)

Herrscher der Welt wird Eric im Urwald von Klatsch, wo auf Pyramiden Menschen den Göttern geopfert werden. Genau wie ihre Kulturgenossen, die Azteken, schneiden auch die Tezumaner ihren Opfern gern mit einem Obsidianmesser das Herz raus…

Nun hat aber der neue Herrscher der Hölle, Dämonenkönig Astfgl, neue Leitlinien für die Führung von dämonischen und höllischen Aktivitäten erlassen. Der Dämon, der für die Tezumaner zuständig ist, wird bei seiner Materialisierung auf der Steinpyramide leider das unerwartete Opfer einer vorbei kommenden Truhe mit tausend Beinen. Eric und Rincewind sind gerettet.

Sogleich erfüllt sich der nächste Wunsch. Was bei „Faust“ die schöne Helena in Troja, das ist für Eric die achtfache Mutter Elenor von Tsota, das nun von den Ephebianern umzingelt ist. Doch der schlaue Held Lavaeolus (= Odysseus) verschafft ihnen Einlass bei Elenor. Eric winkt angesichts der fülligen Dame und ihrer Kinderschar dankend ab.

Auf geht’s zum nächsten Wunsch. Das ewige Leben jedoch beginnt nirgendwo, das heißt im Nichts – denn eine Ewigkeit dauert von Anfang bis Ende einer Welt (Letzteres taucht ebenfalls auf, im Stil von H.G. Wells). Erst als ein (der?) Schöpfer auch die Scheibenwelt kreiert hat, dürfen Eric und Rincewind auf ihr landen. Wenig später stellt sich auch eine Truhe ein. Das ist auch nötig, denn der Dämonenkönig holt das Duo in die Hölle, wo dann der Showdown inklusive Revolution stattfindet.

_Fazit_

Die Hölle als Traum eines Bürokraten darzustellen und die Götter als verkappte Dämonen, gehört mit zur Parodie der Religionsgeschichte und ihrer seltsamen Vorstellungen. Aber auch die hinterlistige Kritik an dem, was sich die (jungen) Leute so landläufig unter „erfüllten Wünschen“ vorstellen, kommt nicht zu kurz. Man nehme sich vor seinen Wünschen in acht!

Dieser kleine Band ist ein Schmuckstück für jede Pratchett-Sammlung. Seit der deutschen Neuauflage der Pratchettwerke ist er auch wieder offiziell erhältlich.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Hornung, Erik – geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluß auf das Abendland, Das

Mit diesem Buch liegt eine weitere faszinierende religions- und kulturwissenschaftliche Studie aus dem dtv-Verlag vor, die gleichzeitig akademischen wie an einem weiteren Publikum orientierten Ansprüchen gerecht wird. Der neben Jan Assmann wohl bekannteste deutsche Ägyptologe Erik Hornung (u.a. „Der Eine und die Vielen. Ägyptische Göttervorstellungen“) wendet sich hier sozusagen der europäischen Seite Ägyptens zu – also der Frage, welches Bild von Ägypten sich die Abendländer über die Jahrhunderte hinweg vom Land der Pharaonen und Pyramiden machten. Es geht ihm dabei nicht in erster Linie um die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zur ägyptischen Kultur, sondern um das esoterische Bild von Ägypten: Hornung nennt es Ägyptosophie. Es ist die Vorstellung von Ägypten als dem Ursprungsland der Einweihungen, des Geheimwissens und des Gottes Thoth, der im alten Griechenland zum Gott der Magie wurde und unter dem Namen Hermes Trismegestos eine Rolle in der europäischen Geistesgeschichte spielte.

Beim Lesen wird einem schlagartig bewusst, wie sehr ägyptische Überlieferungen und Legenden auf Europa gewirkt haben. Auch wenn natürlich die anderen alten Hochkulturen wie z.B. Babylonien oder China hier genauso rezipiert wurden, hat keine von ihnen die Popularität Ägyptens erreicht – außer vielleicht Indien, das interessanterweise schon bei den Griechen in einem Atemzug mit Ägypten genannt wurde, wenn es um den Ursprung göttlicher Weisheit ging. Ägypten ist demzufolge nicht nur ein exotisches, weit entferntes Land, sondern ein Symbol, das durch eine lange Tradition in Europa heimisch geworden ist.

Für einen renommierten modernen Wissenschaftler wie Hornung ist es ungewöhnlich, dass er dieses esoterische Ägyptenbild nicht etwa verdammt und als bestenfalls kulturgeschichtlich interessante Kuriosität belächelt. Nein – mit Erstaunen liest man Sätze wie den folgenden: „Trotzdem sollte es viel mehr Brücken und weniger Berührungsängste zwischen den Fachwissenschaften und der Esoterik geben, das wäre für beide Seiten fruchtbar.“ (S. 10) Weiterhin wendet sich Hornung deutlich gegen den Elfenbeinturm einer abgeschlossenen Fachwissenschaft. Er sieht es als ein beflügelndes Ziel für den Ägyptologen, an der Verwirklichung einer neuen geistigen Renaissance mitzuschaffen – ein Traum, wie er zugibt, aber kein unmöglicher. Er fordert von der Ägyptologie, dass sie den Kontakt mit der Öffentlichkeit suchen sollte, da Ägypten schließlich anregend auf Kunst, Musik und Alltagskultur gewirkt habe. Der hermetischen Weltsicht, also den sich u.a. auf Ägypten berufenden Weisheitssystemen, spricht er einen wichtigen Beitrag für die Sinngebung in unserer modernen Welt zu.

Den Leser erwartet also ein Buch, das weitgehend vorurteilsfrei mit seinem Thema umgeht. In dieser Hinsicht dürfte es bislang einmalig sein. Hornung kritisiert nur dort, wo sich das esoterische Bild zu sehr von den rekonstruierbaren Fakten entfernt. Ansonsten versucht er in allererster Linie zu verstehen und nachzufühlen. Für den Leser wird das Buch dadurch umso spannender.

Das Werk ist chronologisch aufgebaut, und so beginnt Hornung mit den altägyptischen Wurzeln für das esoterische Ägyptenbild. Dabei erfahren der schon erwähnte Gott Thot und der Mythos vom Weg der Sonnenbarke eine besondere Beachtung, welche ein bestimmendes Element in den Vorstellungen der Ägypter über das Jenseits darstellten. Initiationen in ein geheimes Wissen hat es nach allen bislang gewonnenen Erkenntnissen dort nicht gegeben. Ganz im Gegenteil – der Kult in Ägypten war ein Staatskult und von öffentlichen kollektiven Ritualen geprägt, die auf eine Regeneration der Menschen, auf eine Rückkehr in die Zeit der Mythen und der Schöpfung abzielten. So wurden z.B. der Mythos von Tod und Auferstehung des Gottes Osiris oder das Wiederfinden des Horuskinds durch die Gottesmutter Isis in riesigen Prozessionen dargestellt. Das war kein Theater, sondern wurde als ganz unmittelbare Wirklichkeit empfunden. Eine Einweihung in Mysterien (wie in dem Mysterienkult, der sich auf Isis bezog) hat es erst in griechischer Zeit, während des Hellenismus, gegeben. Die Vorstellung, dass die Menschen aus einem harmonischen paradiesischen Ursprungszustand in den unvollkommenen Zustand der Welt abfielen, gab es allerdings schon im alten Ägypten. Das „Buch von der Himmelskuh“ um 1350 v.Chr. spricht von einem Zusammenleben der Menschen mit den Göttern, das durch eine Empörung der Menschen gegen den Sonnengott beendet wurde. Die Menschen verfielen damit dem Alterungsprozess und dem Tod. In Ägypten liegt also eine der Wurzeln für die späteren gnostischen Vorstellungen.

Im hellenistischen Griechenland brachte man ägyptischer Priesterweisheit sehr viel Ehrfurcht entgegen. Von berühmten Gelehrten wie beispielsweise Pythagoras behauptete man, dass sie bei diesen Priestern in die Lehre gegangen wären. Obwohl die Astrologie nachweislich aus Babylonien stammt, wurde auch ihr ein ägyptischer Ursprung zugewiesen. In Griechenland liegt der Beginn alchemistischer Lehren, in deren Mittelpunkt allerdings der um 300 n. Chr. wirkende Ägypter Zosimos steht.

Hornung beschäftigt sich im folgenden eingehend mit der Gnosis und dem Corpus Hermeticum, einer Schrift, die sich als direkte Offenbarung des Gottes Hermes darstellte. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name Imhotep auf, der im populären Bewusstsein heute durch einige Filme mit dem Bild der rachelüsternen lebenden Mumie verbunden wird, in Ägypten und Griechenland aber als Sinnbild des Weisen galt und mit dem griechischen Heilgott Asklepios identifiziert wurde.

Es folgen Kapitel über den Eingang ägyptischer Motive in das Christentum (Jesus wird in koptischen Überlieferungen beispielsweise als Magier betrachtet, der von einem Ägypter diese Kunst erlernt hat), über die Hieroglyphenmystik in der Renaissance und über die ersten Versuche frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit, Ägypten zu deuten. Danach lenkt Hornung den Blick auf die geheimen Bruderschaften, die vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein entstanden und sich dabei auch von ägyptischer Symbolik bzw. deren Abwandlungen inspirieren ließen. Geradezu als Erben ägyptischer Weisheit traten die ersten Theosophen auf. Helena Blavatsky, Begründerin der Theosophie, sah in den Pyramiden Einweihungsstätten.

Auch für Rudolf Steiner und die Anthroposophie wurde Ägypten wichtig. Steiner schrieb mehrere Mysteriendramen, von denen „Der Seele Erwachen“ Einweihungszenen in einem ägyptischen Tempel vorführt. In Vorträgen lehrte Steiner, dass sich die Ägypter der Mumifizierung bedienten, um die Verstorbenen daran zu hindern, aus der geistigen Welt wieder auf die Erde hinabzusteigen. Bei ihm findet sich auch ein Anklang an den modernen „Fluch der Pharaonen“, da er den Mumien eine Art „Giftatmosphäre“ und magische Drohung zuschrieb, die ihnen eingepflanzt wurde und auch heute noch tödlich wirken könne. Der modische „Mumienkult“ wird ebenfalls in einem eigenen Kapitel beschrieben. Hornung gibt eine Überschau ägyptischer Motive in der modernen Esoterik (z.B. das Tarot, Aleister Crowley, Reinkarnationsvorstellungen) und wirft einen Blick auf die afrozentrische Bewegung, die uralte ägyptische Kultur als Vorläufer einer schwarzafrikanischen Identität instrumentalisieren will.

Das Buch endet mit der Frage, inwieweit Ägypten uns Europäern mit seiner andersartigen Jenseitsvorstellung, seiner auf der Göttin Maat beruhenden pragmatischen Ethik und einem ganzheitlichen Denken, das in der Naturwissenschaft heute ja wieder auftaucht, eine Alternative vor Augen stellen und Impulse für eine neue Kultur geben kann. Man kann nur hoffen, dass Hornungs offener Ansatz in diesem Buch Nachahmer bei seinen Fachkollegen finden wird.