Richards, Curtis – Halloween

Haddonfield, ein kleines Städtchen im US-Staat Illinois, Heimstatt braver Bürger, die das Schicksal in dieser Halloween-Nacht des Jahres 1978 auf eine harte Probe stellt. Sie werden dieses Mal endgültig begreifen, dass es den Schwarzen Mann wirklich gibt, nachdem er hier schon einmal eine Kostprobe seines Könnens geliefert hat: Am 31. Oktober 1963 war das Böse in den sechsjährigen Michael Myers gefahren. Stimmen hatte er schon vorher gehört, die ihn zu üblen Taten verleiten wollten, aber erst in dieser seltsamen Nacht, in der die Toten ihre Gräber und böse Geister die Hölle verlassen dürfen, übernahm ein uralter, aus Nordirland angereister keltischer Geist das Kommando über sein Hirn und ließ ihn die große Schwester meucheln. Sie hatte es aber verdient, denn sie war ein böses Mädchen, das mit dem nichtsnutzigen Freund Schlüpfriges trieb, statt brav zu bleiben und sich für den zukünftigen Ehemann aufzusparen.

Sein dämonischer Auftrag, das US-Kleinbürgertum von verdorbenen Elementen zu reinigen, sowie das Wissen darum, dass dies mit einem großen Tranchiermesser am eindrucksvollsten gelingt, hilft Michael über die langen, öden Jahre hinweg, die er in Smith’s Grove, der Anstalt für geisteskranke Kriminelle, schmachten muss. Er entwickelt sich zum Schrecken der übrigen Insassen – und zum Lebensinhalt des Psychiaters Sam Loomis, der bis auf den Grund von Michaels Seele schaut und dort unten Satan winken sieht. Zukünftig fühlt sich der Doktor berufen, seinen Lieblingspatienten von der Welt fernzuhalten. Auf Lebenszeit will er Michael in Smith’s Grove eingesperrt wissen, doch leider findet der einsame Rufer in der Wüste kaum Unterstützung, was auch daran liegen mag, dass Dr. Loomis selbst kein besonders einnehmendes Wesen ist, sondern ein ungehobelter Fanatiker, der den Behörden ob seiner ständigen Eingaben und Warnungen vor dem angeblich vom Teufel besessenen Michael Myers mehr oder weniger als Querulant gilt. Derweil entwickelt sich Michael recht unbehelligt zu einem schweigsam brütenden jungen Mann mit erstaunlichen Körperkräften, aber ohne Moral und Mitgefühl. Nicht lange nach seinem 21. Geburtstag bricht er aus und macht sich daran, Haddonfield einen Besuch abzustatten.

Noch schneller als der berüchtigste Sohn der Stadt ist allerdings Dr. Loomis, der sogleich ahnt, wohin es Michael zieht. Den typisch begriffsstutzigen Kleinstadt-Sheriff nur widerwillig an der Seite, streift er mit gezückter Waffe durch das nächtliche Haddonfield, wo ein inzwischen leider maskierter Irrer zwischen den allgegenwärtigen Halloween-Gauklern gar nicht mehr auffällt. Dessen Auge ist inzwischen mit mordlüsternem Wohlgefallen auf Laurie Strode, süße 17, und ihre jugendlichen Freunde gefallen. Auch diese denken leider immer nur an das Eine und müssen daher bestraft werden – eine Aufgabe, der sich Michael Myers mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit zu widmen beginnt …

„Halloween“, der Horrorfilm von 1978, gehört zu den großen Erfolgen der Kinogeschichte. Seit einem Vierteljahrhundert spült er viel Geld in diverse Kassen, ist zeitlos spannend und kann mit Fug und Recht als Kultklassiker seines Genres gelten. Dafür ist weniger die schon damals nicht gerade originelle Geschichte vom blutrünstigen Buhmann, der nicht zu stoppen ist, verantwortlich, sondern ein John Carpenter auf der Höhe seiner Fähigkeiten, dem es als Drehbuchautor gelang, die Story virtuos auf das Wesentliche zu beschränken, während er als Regisseur alle Register des Filmhandwerks zog. Was weiter wurde, wissen wir nur zu gut. Maskierte Munkelmänner schwärmten in Legionsstärke aus, um ansehnlichen Teenagern mehr oder weniger einfallsreich das Lebenslicht auszublasen. Auch Michael Myers wurde zum cineastischen Wiedergänger, der inzwischen zum achten Male eine ganz neue Generation von Gruselfans heimsuchte.

Die enorme (aber im Gegensatz zu den Aufgüssen verdiente) Popularität des ersten „Halloween“-Streifens scheint das eigene Studio überrascht zu haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass das unvermeidliche „Buch zum Film“ letzterem erst mit einjähriger Verspätung folgte? Geschrieben hat es Curtis Richards aber offensichtlich sehr viel früher, denn es beinhaltet Szenen aus Drehbuchfassungen, die den Weg in das endgültige Script nicht fanden. Hinzu kommen Episoden, die er sich selbstständig aus dem Hirn gewrungen hat, um der wie gesagt simplen Story Tiefe zu verleihen.

Freilich ist dieser Curtis Richards ein jämmerlicher Schriftsteller oder besser Schreiberling, der es sich förmlich zur Aufgabe gemacht hat, gegen sämtliche Regeln zu verstoßen, die eine logische oder wenigstens spannende Geschichte entstehen lassen könnten. So ist es zwar verständlich, wenn er Michael Myers als Individuum zeichnet und mit einer Vergangenheit ausstattet, doch er vergisst darüber, dass diese Figur überhaupt nur funktioniert, solange sie dem Zuschauer oder Leser fremd und rätselhaft und dadurch unheimlich bleibt. Nun zu lesen, wie Michael sich in seiner Zelle angeregt mit Dr. Loomis unterhält (!) und diesem enthüllt, dass einst der Geist eines pubertierenden Druiden-Jünglings (!!) Gewalt über ihn gewann, zerstört nachhaltig den Eindruck des untoten Bösen, das einfach nur ist und Unheil über die Welt bringt. Wieso setzte Carpenter seinem Film-Michael wohl eine Maske auf und ließ ihn nie ein Wort verlieren? Auf diese Weise wurde die letzte Verbindung zum Menschen Michael Myers gekappt, der sich in eine Unperson verwandelte. Richards scheut dagegen nicht einmal davor zurück, immer wieder hinter diese Maske zu blicken, uns Michaels Gedanken und Gefühle zu schildern und ihn als Ausgeburt der Hölle gründlich zu entzaubern.

„Halloween“ lebt vom Reiz des nicht Erklärten. In Haddonfield haben sich tatsächlich die Pforten der Hölle geöffnet. Die Konsequenzen sind schlicht und ergreifend furchtbar – und im Film kommt dies auch wunderbar über. Bewegung, Licht und Schatten und die geniale Musik (noch einmal Carpenter) lassen vergessen, dass „Halloween“ nichts als eine Hetzjagd über Tisch und Bänke ist. Insofern hatte Richards natürlich einen schweren Stand, denn auf dem Papier wird diese Eindimensionalität gnadenlos offengelegt. Michael Myers darf keine Persönlichkeit besitzen, und seine Gegner und Opfer benötigen sie nicht.

Aber halt, in einem Punkt weichen Carpenter und – auf den Spuren des Meisters – notgedrungen auch Richards von diesem Muster ab. Schon die zeitgenössische Kritik war bass erstaunt, welchen konservativen bis reaktionären Ton „Halloween“ anschlägt. Vom „New Cinema“ der 70er Jahre keine Spur; stattdessen müssen wir Wertvorstellungen erkennen, die ungefiltert den Geist der Fünfziger atmen. Michael Myers jagt und tötet stets die „schlechten“ Jungs und vor allem Mädels – jene, die nicht auf ihre Eltern, die Lehrer, den Pfarrer, den Sheriff hören, sondern gegen die Regeln verstoßen, ungehorsam sind, nicht fleißig lernen, sich aufreizend kleiden, schminken, rauchen, haschen oder dem Sex vor der Ehe frönen und – das schlimmste Verbrechen – womöglich Vergnügen daran finden: |“Während Lauries Reize bescheiden unter unauffälligen Kleidern und einer eigentlich biederen Frisur versteckt waren, trug Linda hautenge Jeans und Pullover, bunte Bänder im Haar und schrie mit ihrem gesamten Erscheinungsbild praktisch jedem, der es sehen wollte, ‚Hier gibt’s Sex!‘ zu.“| (S. 76) Das ist anscheinend ein todeswürdiges Verbrechen in Haddonfield. Die angepassten, vernünftigen, langweiligen Kids kommen dagegen durch, um ihre freudlose Existenz fortsetzen zu können.

Tritt uns die hölzerne Laurie Strode nicht in Gestalt der fabelhaften Jamie Lee Curtis, sondern als literarische Figur des Curtis Richards entgegen, ist sie einfach nur unerträglich in ihrem selbstgefälligen Puritanismus. Sie überlebt letztlich, weil sie mit dem Höschen auch das Hirn frei hält und ihr daher im entscheidenden Moment einfällt, wie der aufrechte Amerikaner dem Bösen entgegentritt: schwer bewaffnet und noch brutaler als der Gegner nämlich. Sollte Carpenter dies alles ironisch gemeint haben (wofür allerdings keine Indizien sprechen), hat sich dieser Ansatz im „Buch zum Film“ in Luft aufgelöst.

Doch selbst dort, wo Richards sich darauf beschränkt, die Filmstory nachzuerzählen, erleidet er kläglich Schiffbruch. Ihm gelingt es, jegliche Spannung zu töten und die wunderbare, gleichermaßen morbide wie kitschige Halloween-Kulisse links liegen zu lassen. Allerdings wird er dabei hierzulande kräftig unterstützt von einem geradezu kriminell unfähigen Übersetzer, der nie auch nur das geringste Gespür für den Text erkennen lässt, den er anscheinend Wort für Wort in eine dem Deutschen ähnliche Sprache übertragen hat. Eine schauerliches Lese-Erlebnis fürwahr, aber keines, das für den gewünschten Gruselspaß sorgen könnte!

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Das Geheimnis der verbotenen Zeit

In einer Welt voller Mäuse verursacht die Kunde von einer untergegangenen Kultur der Katzen erheblichen Aufruhr. Mehrere Gruppen machen sich auf die Socken, das Geheimnis der im Sandmeer versunkenen Katzenstadt zu ergründen. Der Held Hermux Tantamoq muss mit seinen Gefährten etliche Abenteuer bestehen, die durchaus spannend zu lesen sind. Für Kinder ab 10 Jahren.

_Der Autor_

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |OMNIBUS| – jetzt |cbj| bei |Random House/Bertelsmann| – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band einer Trilogie, deren letzter Band „Vorhang auf – die Zeit läuft“ noch in diesem Jahr (2004) erscheinen wird.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – die Zeit läuft (Oktober 2004)

Wie die Lektüre von Band 2 zeigte, ist es nicht erforderlich, auch schon Band 1 zu kennen, um das Buch zu verstehen. Aber der Autor verweist am Anfang einige Male auf das, was in Band 1 an Aufregendem passierte. Es ist also vielleicht befriedigender, die Bände in ihrer Reihenfolge zu lesen.

_Handlung_

In der sonst so ruhigen und gesitteten Mäusestadt Pinchester sind die Gemüter der maßgeblichen Bürger in Wallung geraten. Die Bilder, die die Malerin Mirrin Stentrill im Museum ausstellt, sind einfach, nunja, schockierend! Auf dem schrecklichsten davon ist ein riesiges haariges Monster mit spitzen Zähnen und riesigen Augen zu sehen, das den Betrachter geradezu anspringt, meine Güte! Kein Wunder, dass nationalistisch gesinnte Mäusepatrioten, sozusagen „Herrenmäuse“, solche Bilder verunstalten und die Schließung der Ausstellung verlangen.

All der Aufruhr ficht unseren Helden nicht an. Hermux Tantamoq ist ein friedliebender Uhrmacher, der wie schon sein Vater am liebsten mechanische Wunderwerke herstellt und repariert. Nachdem er seinem Marienkäfer Terfle sein Abendessen gegeben hat, geht Hermux allein zu Bett. Die Damen seines Herzens haben ihm noch nicht ihre Gunst gewährt oder sich anderweitig entschieden.

Da taucht Birch Tentintrotter in Hermux‘ Werkstatt auf. Der alte Professor für Alt-Mäusisch war einst Studienkollege von Hermux‘ Eltern. Man hielt ihn für tot, denn nach einem Skandal an der Pinchester Uni von Hinkum Stepfitchler wanderte Birch aus. Seine Freundin ließ er mit gebrochenem Herzen zurück. Man kann sich Mirrin Stentrills Wiedersehensfreude vorstellen, als Birch wieder auftaucht, heissa!

Und in seinem Gepäck hat Birch ein Zahnrad, eine Karte, einen entschlüsselten uralten Brief – und einen Plan: Er will die sagenumwobene Hauptstadt des versunkenen Katzenreiches suchen, um die Katzenbibliothek zu durchsuchen: Kann es jemals Katzen gegeben haben? Mirrins Gemälde waren doch bloß Phantasien! Oder?

Des Rätsels Lösung liegt sicher nicht bei Hinkum Stepfitchler III, denn der würde Birch, Karte und Plan am liebsten in den Keller seiner Villa verbannen, um ihnen nicht den Ruhm gönnen zu müssen. Also machen sich Hermux und Birch selbst auf die Socken. Sie werden geflogen – von Linka Perflinger, einer couragierten „Abenteurerin, Draufgängerin und Fliegerin“, so steht’s auf ihrer Visitenkarte. Und, wie Hermux findet, hat sie wunderschöne Augen.

Doch dieses Trio ist nicht das einzige Team, das sich auf den Weg zur versunkenen Katzenbibliothek macht. Tucka Mertslin, die unumschränkte (und raffgierige) Herrscherin eines Kosmetikimperiums, will die Riesenstatue des Katzenkönigs haben. Sie hat einen Dampfer gechartert, um über die Flüsse zur Wüste zu gelangen. Ihre Fahrt tarnt sie als Werbetour inklusive Kaberett-Show. Dabei hat auch Linka während eines Zwischenhaltes zwecks Spionage Gelegenheit, das Tanzbein zu schwingen und depperte Werbesprüche von sich zu geben. Tucka plant, demnächst den Heiratsantrag von Hinkum Stepfitchler III anzunehmen.

Kurz vor der Konkurrenz treffen Hermux, Birch und Linka an den Canyons ein, in denen laut Katzenbrief die versunkene Hauptstadt liegen soll. Als sie den Eingang entdeckt haben, erleben sie in der Bibliothek ihr blaues Wunder.

Erst recht dann, als die ruchlose Konkurrenz sie elend darin umkommen lassen will, meine Güte!

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel „The sands of time“ ist ganz wörtlich zu nehmen. Schließlich gibt es ja auch Sanduhren. Und genau das findet der Uhrmacher Hermux Tantamoq unglaublich faszinierend. Insbesondere dann, als er herausfindet, dass die gesamte Bibliothek eine riesige Sanduhr darstellt, in der die Mäuse von vor 3000 Jahren eine ganz spezielle Rolle spielten. Geradezu rasend spannend findet er die Entdeckung eines mechanischen Wesens, das vor der Statue des Katzenkönigs einen anmutigen Tanz aufführt.

|Fürs Auge: Bilder und Karten|

Kleine Kinder dürften also ebenso wie große nicht mehr aus dem Staunen herauskommen, wenn sie von den Wundern der Katzenbibliothek erfahren. Und sie können sehr schnell lesen, denn die Kapitel sind wirklich kurz, maximal sieben Seiten. Am Anfang jedes Kapitels lädt ein kleines Piktogramm dazu ein, das Geheimnis zu lüften. Eine Landkarte am Schluss des Buches lädt zum Erkunden ein und gewährt einen groben Überblick über die Geografie der Mäuselande. Ganz besonders gefielen mir die Ratzfatz-Fälle und die Schlappohr-Berge. Ein Personenverzeichnis liefert der deutsche Klappentext im Schutzumschlag (also nicht verlieren!).

|Keine Disney-World|

So mancher erwachsene Leser ist vielleicht an gewisse Mickey-Mouse-Abenteuer in Entenhausen erinnert, die ja oft auch mit Expeditionen zu tun hatten. Doch Hermux Tantamoq in Pinchester hat sehr wenig mit dem Mäuse-Imperium aus Kalifornien zu tun. Vielmehr scheinen er und seine mal mehr, mal weniger braven Mitbürgermäuse direkt einem viktorianischen Nimmerland entstiegen zu sein, das dem von Harry Potter in mancher Hinsicht ähnelt. Allerdings gibt es hier weit und breit keine Magie. (Außer der der Liebe.)

Viktorianisch ist das beschauliche, noch nicht von Autos und Telefonen beschleunigte Leben in Pinchester, wo selbst die Postbotin noch eine strategisch wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen vermag. Viktorianisch sind die gediegenen Einladungen, die Hermux erhält, und die uralten Uhren in seinem Laden – allesamt mechanisch, versteht sich. (Der Soundtrack dazu wird vom Anfang von Pink Floyds Stück „Time“ geliefert.) Viktorianisch sind die Gelehrsamkeit der Professoren und die soziale Dynamik der Bürgergruppierungen. Die Entrüstung über die Katzen-Bilder Mirrin Stentrills kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

|Es gibt keine Evolution, oder?|

Doch das Katzenproblem, das Mirrin anschneidet und dem Birch & Hermux auf den Grund gehen, weist auf das ernste Thema des Buches hin: Es hat nicht immer Mäuse gegeben, und schon gar nicht so freie wie die in Pinchester. Davor gab es eine Katzenhochkultur, während der die grauen Nager keineswegs die „Kröne der Schöpfung“ darstellten. Und was ist in den 3000 Jahren seit dem Untergang der Katzen geschehen? Wohl doch so etwas wie eine Evolution der Mäuse und anderer Nager. Und das widerspricht dem Glauben der Kreationisten (besonders in den USA), die, an das Bibelwort geklammert, die Vorstellung einer Evolution weit von sich weisen.

Daher verwundert es auch nicht, wenn Hermux & Co. in der Katzenbibliothek den Status ihrer Vorväter keineswegs als einer „Krone der Schöpfung“ angemessen empfinden. Es stellt ihr bisheriges Weltbild auf den Kopf und verunsichert sie dementsprechend. Leider kneift der Autor an diesem Punkt. Er verlässt sich lieber (erfolgreich) auf die Wirkung von Spannung, Abenteuer, Action, statt sich der Vertiefung der Folgen dieser Entdeckung zu widmen. Vielleicht kommt das ja im dritten Band.

_Unterm Strich_

Ich habe dieses „Hermux Tantamoq“-Abenteuer mit großem Spaß gelesen. Die Lektüre ist völlig entspannt zu bewältigen, wartet stets mit netten Überraschungen auf und wird zum Finale hin zunehmend spannender. Etliche Seitenhiebe auf menschlich-allzumenschliche Phänomene gibt es zu belächeln, vielleicht sogar zu bedenken: Emporkömmlinge, Nationalisten, Kosmetikimperialistinnen, romantische Liebespaare – und ein Geheimnis in der Wüste, das das Herz jedes Ägyptologen höher schlagen lässt.

Daher habe ich das Buch in wenigen Tagen ausgelesen. Ich kann es Freunden von Tierabenteuern nur wärmstens ans Herz legen. Kleine und große Kinder ab 10 oder 12 Jahren dürften damit keinerlei Schwierigkeiten haben – Mütter seien gewarnt, dass ihre Schützlinge die komplette Trilogie werden haben wollen. Jetzt werd‘ ich noch Band 1 und 3 lesen und euch bald davon berichten.

Sinn, Hans-Werner – Ist Deutschland noch zu retten?

Der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung hat ein fast 500 Seiten starkes Buch geschrieben. Beinhaltet es gute Ratschläge für eine kränkelnde Wirtschaft oder macht sich Sinn eher der sozialen Brandstiftung schuldig?
Eine Rezension aus der [Zeitschrift für Sozialökonomie,]http://www.sozialoekonomie.de/de/dept__3.html Folge 141, Juni 2004.

Ist Deutschland noch zu retten? Wer weiß. Wer aber wissen will, wo es demnächst langgeht, der kann sich bei Sinn schon mal vorab informieren: Für ihn ist der Arbeitsmarkt |im Würgegriff der … hemmungslosen Kartellpolitik der Gewerkschaften, die … herausgeholt haben, was nur eben ging. … Es geht auch nicht an, dass sich der Staat noch länger zum Komplizen der Gewerkschaften macht und ihre Hochlohnpolitik durch den Kündigungsschutz ermöglicht. …| Das kann so nicht bleiben, das stehen wir nicht durch.

Für völlig unzureichend hält Sinn die läppischen |…Vorschläge der Hartz-Kommission, die wenig bewirken und niemandem wehtun. Nein, wir brauchen viel stärkeren Tobak: Weniger Staat und weniger Steuern. …| Eine wirklich radikale Steuerreform. Steuern auf Kapitalerträge (z. B. Zinsen) verletzen für ihn das Postulat der Gerechtigkeit, weil sie diejenigen, die ihr Vermögen sparen, statt es sofort zu konsumieren, bestrafen und sind deshalb allenfalls mit 20 Prozent anzusetzen. Und weiter: |Zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit müssen die Stundenlöhne fallen.| Damit das besser durchgesetzt werden kann: |Der gesetzliche Kündigungsschutz muss fallen und … sollte nicht nur für Kleinbetriebe, sondern für alle Betriebe abgeschafft werden, denn … auf einem sich selbst überlassenen Arbeitsmarkt, der unter Konkurrenzbedingungen arbeitet, bedarf es keines besonderen Kündigungsschutzes, um Arbeitsplatzsicherheit herzustellen, denn auf einem solchen Markt herrscht Vollbeschäftigung.|

Unterstützt werden soll die Absenkung der |… künstlich hoch gehaltenen Löhne …| außerdem durch die Reduzierung der staatlichen Lohnersatzleistungen. Die für 2005 vorgesehene |Abschaffung der Arbeitslosenhilfe … reicht aber bei weitem nicht, denn die Sozialhilfe ist viel zu hoch …| Also runter damit um 33 Prozent. Allerdings darf man sich jetzt – so möglich – was dazuverdienen, was ja nicht so schwer sein kann, weil ja jetzt wieder alles boomt. Jedenfalls kommt es auf die Nachfrage ausdrücklich nicht an. Dies festzustellen, ist Sinn besonders wichtig und er widmet deshalb der Frage der Nachfrage ein extra Unterkapitel, in dem u. a. steht: |Nein, mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage und mehr Kaufkraft ist es wirklich nicht, was Deutschland braucht.| Alle, die das anders sehen, sind ökonomische Laien und heißen |Dr. Fritzchen Müller|.

Sinn bezeichnet sich selbst als |Arzt der „ökonomischen Schulmedizin“|, der in Abgrenzung zu |Homöopathen und Heilpraktikern … das Skalpell und harte Medikamente verordnet|, will für seine Kinder, denen er sein Buch auch widmet, ein |besseres, ein wirklich zukunftsfähiges Deutschland| und beruft sich u. a. auf Willy Brandt, der ihm doch sicher Recht gäbe, wenn er noch leben würde, meint er. Fairerweise sei zugestanden, dass die umfangreiche Schrift durchaus vielgestaltig ist und dass Sinn mit gar manchem tatsächlich Recht hat: So ist ihm vollumfänglich zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass ganz offensichtlich aufgrund eines Kunstfehlers die Körperschaftssteuer seit 2001 fast komplett weggebrochen ist und seitdem Deutschland alleine deshalb mit jährlich 20-25 Mrd. Euro weniger auskommen muss, dass Subventionen der industriellen Vergangenheit (Kohle) idiotisch sind, dass im Rahmen der Neugestaltung der Rente Kinderaufzucht bzw. Kinderlosigkeit mit zu berücksichtigen ist, dass sich die Gewerkschaften in den 60ern und 70ern wohl besser um die Mitbeteiligung („Sparlohn“ statt „Barlohn“) als um die Mitbestimmung gekümmert hätten.

Sehr recht hat er auch, wenn er feststellt, |… dass man die wirtschaftliche Vereinigung der bei-den Landesteile als gescheitert ansehen kann|. Denn: |… die Regierung Kohl hat die wirtschaftliche Vereinigung mit absurden Versprechungen und irrealen Politikprogrammen vergeigt. Die Bürger der neuen Länder sind bettelarm in die Marktwirtschaft gekommen, weil versäumt wurde, das diffuse Volkseigentum des kommunistischen Staates in privatrechtliche Anspruchstitel umzuwandeln. Es ist der ökonomische Grundfehler der Vereinigungspolitik, … dass den neuen Bundesbürgern kein Eigentum am ehemals volkseigenen Vermögen zuerkannt, doch ein viel zu hoher Lohn versprochen wurde.| Per deutsch-deutscher Währungsunion wurden die ostdeutschen Löhne zunächst vervier- bzw. verfünffacht und anschließend in merkwürdiger Eintracht zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern nochmals verdreifacht. Damit war man dann die ostdeutsche Konkurrenz nachhaltig los: |Der historische Grund für das offenkundige Misslingen der deutschen Vereinigung liegt im Vorauseilen der Löhne vor der Produktivität…| Das Ergebnis ist eine Zuschussökonomie, die um fast 50 Prozent mehr verbraucht als sie selbst erzeugt und vom Westen alimentiert werden muss; ein Zustand, der weltweit einmalig und auch historisch ohne Beispiel ist.

Vor dem Hintergrund seiner Einsicht in die ostdeutsche Misere ist es absolut unverständlich, dass Sinn nun meint, auch für Gesamt- bzw. für Westdeutschland zu hohe Löhne erkennen zu müssen. Denn hier liegen die ökonomischen Fakten nicht nur anders, sondern genau anders herum! Alleine seit dem Fall der Mauer hat sich die Produktivität in Gesamtdeutschland – also das Verhältnis der erzeugten Güter und Dienstleistungen zur dafür eingesetzten Arbeitszeit – verdoppelt. Bekanntermaßen kann man das von den Löhnen nicht gerade sagen: Nachdem die (inflationsbereinigten) Reallöhne seit Kriegsende zwar zunehmend schwächer, aber eben doch immer angestiegen sind, ist seit Mitte bis Ende der 90er Jahre eine Tendenz zur Stagnation zu beobachten; Ergebnis der immer wieder angemahnten „Lohnzurückhaltung“, jeweils begründet mit der deutschen Wettbewerbsfähigkeit respektive der Standortfrage. Die Fähigkeit der Deutschen, das von ihnen Erzeugte auch wirklich selber nachzufragen und zu verbrauchen, wird also immer schwächer, diese Nachfragelücke und die solcherart induzierte Arbeitslosigkeit also immer größer. Was nimmt es da Wunder, dass das Wachstum zurückgeht und ebenfalls stagniert? Die deutsche Wachstumsschwäche ist eine Binnenschwäche. Das bestreitet übrigens auch niemand ernsthaft. Denn über die Erfolge im Exportbereich können wir uns nicht beklagen: Deutschland ist Weltmeister im Exportieren! Auch preisbereinigt ist der deutsche Export – u. a. als Ergebnis der „Lohnzurückhaltung“ – in den letzten fünf Jahren nochmals um fast 50 Prozent gestiegen. Kein Land auf der Welt – auch flächen- wie bevölkerungsmäßig viel größere nicht – exportiert mehr als unseres: Allein ein Zehntel des gesamten Welthandels bestreitet Deutschland ganz alleine. Doch damit nicht genug: Deutschland ist gleich noch mal Weltmeister; und zwar beim Exportüberschuss! Kein Land auf der Welt liefert an den Rest der Welt so viel mehr als es vom Rest dieser Welt einkauft. Besonders atemberaubend wirkt dieses Faktum vor dem Hintergrund der Tatsache, dass mit der ehemaligen DDR mitten in Deutschland ein Gebiet sitzt, das für sich genommen gewissermaßen Weltmeister im Importüberschuss (s. o.) ist, was den gesamtdeutschen Exportüberschuss logischerweise reduziert, der gesamtdeutschen Weltmeisterschaft im Exportüberschuss aber ganz offensichtlich gar keinen Abbruch tut. Der deutsche Exportüberschuss ist nun auch die Erklärung dafür, dass die durch die Nachfragelücke im Binnenbereich induzierte deutsche Arbeitslosigkeit nicht noch viel größer ist. Auch Sinn würde nicht bestreiten können, dass unsere Arbeitslosigkeit ohne die dramatischen Exportüberschüsse noch dramatisch höher wäre als ohnehin.

Was nun angesichts dieser Ausgangssituation Sinn will – und alle, die Sinn-gemäß argumentieren, wollen – ist Folgendes: Löhne und staatliche Lohnersatzleistungen werden gesenkt; bei Sinn also um bis zu 30 Prozent, und zwar dergestalt, dass die Absenkung bei den unteren Einkommen größer ausfällt als bei den höheren. „Stärkere Lohnspreizung“ heißt das. Dabei soll übrigens der Sinn der Absenkung der Sozialhilfe ausdrücklich darin bestehen, insbesondere auf die untersten Lohngruppen auszustrahlen; will meinen, den Druck auf sie zu erhöhen. Allerdings würden die Kapitaleinkommen dadurch zunehmen. Das müsse man in Kauf nehmen, weil Deutschland als Gesamtganzes dadurch gewinnt, stärker wächst als vorher. Wie das? Ist nicht die Konsumquote um so niedriger, je höher die Einkommen sind und andersrum und deshalb die aggregierte Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft um so niedriger, je stärker die Ungleichverteilung ist? Auch Sinn würde wohl kaum bestreiten, dass durch die von ihm vorgeschlagenen Lohnsenkungen die Binnennachfrage weiter geschwächt wird. Aber das macht ja nichts, weil wir jetzt unsere „Wettbewerbsfähigkeit“ wiedergewonnen haben. Will heißen: Die ja nun noch größere Nachfragelücke im Binnenbereich wird nunmehr komplett durch Exporte kompensiert; so lange, bis auf diese Art und Weise auch der letzte deutsche Arbeitslose in Lohn und Brot gekommen ist.

Der Sinn-Plan funktioniert. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Rest der Welt es einfach so hinnimmt, dass wir dem Rest der Welt dann doppelt und dreifach so viele Exportprodukte um die Ohren hauen wie bislang schon der Fall, dass wir unseren Außenhandelsüberschuss immer weiter ausweiten und deshalb das Außenhandelsdefizit andernorts immer weiter zunimmt, dass wir unsere binnenbedingte Arbeitslosigkeit bis zum letzten Mann exportieren und sie deshalb entsprechend andernorts ebenfalls zunimmt, und dass das Ganze andernorts nicht als pure Aggression empfunden wird. Dann, aber nur dann, funktioniert der Sinn-Plan. Wenn es aber andernorts ebenfalls Experten gibt, die für ihre eigenen Volkswirtschaften ähnlich glorreiche Vorschläge machen wie Sinn für die unsere, wovon wir getrost ausgehen dürfen, dann funktioniert der Sinn-Plan natürlich nicht. Dann wäre auch andernorts außer einer stärkeren Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen und einer entsprechenden Ausweitung deflationärer Tendenzen nichts gewonnen und die deutsche Wettbewerbsfähigkeit in Relation zum Rest der Welt wäre völlig unverändert. Sinn müsste dann – konsequenterweise – erneut die verlorengegangene bzw. noch immer nicht wiederhergestellte Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft anmahnen. Und dreimal dürfen wir raten, welchen Lösungsvorschlag er uns dann unterbreiten würde. Ist Sinn noch zu retten?

Wer weiß. Was wir aber wissen, ist: So kann es nicht gehen. Ein John Maynard Keynes hätte im Rahmen des nach ihm benannten Planes einem Deutschland wie dem heutigen ganz eindeutig und unmissverständlich nicht etwa eine Absenkung, sondern im Gegenteil ein Anheben der Löhne empfohlen. Ja, ist der denn verrückt? Nein, keineswegs. Keynes wusste noch: So wie ein Land, das Importüberschüsse zeitigt, über seinen Verhältnissen lebt, so lebt ein Land mit Exportüberschüssen unter seinen Verhältnissen; und im Falle Deutschlands eben in dramatischer Größenordnung. Wenn dieser Situation nicht durch Lohnanhebung im Binnenbereich begegnet wird, dann bringt man die Menschen in diesem Land, die nämlich übrigens diese Exportüberschüsse erarbeitet haben, nicht nur um die vollständigen Früchte ihrer Arbeit, sondern man nimmt den Volkswirtschaften andernorts auch die Luft zum Atmen: Denn der solcherart andernorts erzwungene permanente Importüberschuss verhindert den Aufbau einer gesunden Binnenwirtschaft und zwingt in die Verschuldung und ihre Konsequenzen, weil dieser Importüberschuss nur finanziert werden kann mit geliehenem Kapital, welches aus den Überschussländern stammt.

Aber jetzt ist ja Globalisierung und entsprechend steht die Drohung der Abwanderung von Arbeitsplätzen im Raum. Diesbezüglich ist zunächst festzustellen, dass Deutschland ganz offensichtlich ein sehr guter Standort ist; und zwar auch und gerade für Investoren, die hierzulande, auch und gerade im internationalen Vergleich, sehr gute Gewinne erwirtschaften können, u. a. weil sie eben nicht (mehr) befürchten müssen, dass die Gewerkschaften bis zur Schmerzgrenze gehen. Aber es ist verständlicherweise noch verlockender, den VW in der Slowakei zum dortigen Lohnniveau zu schrauben, um ihn anschließend hierzulande zu deutschen Preisen zu verkaufen, auch wenn klar sein muss, dass das nicht sehr lange gut gehen kann. Es kann aber vor allem auch nicht angehen, dass – u. a. mit dem weinerlichen Argument, die Menschheit gehöre doch zusammen – sämtliche Dämme für Kapital und Güter eingerissen werden, um anschließend – nunmehr wieder hübsch in nationalstaatlicher Konkurrenz argumentierend – zu fordern, Steuern und Löhne zu senken, um „internationale Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen“. Und um spätestens dann, wenn man andernorts ebenfalls auf den Trichter gekommen ist, diese Forderung – mit derselben wohlfeilen Begründung – zu wiederholen. Dieser Trick ist schon mal probiert worden; nicht nur aufgrund der Lobby der Industrie, sondern auch und gerade auf Ratschlag der „Experten“. Es ging gründlich daneben. Man nannte das Weltwirtschaftskrise. Die Konsequenzen sind bekannt.

Eine der Konsequenzen war die Etablierung eines theoretischen Gegenentwurfes – Keynesianismus genannt – zur herrschenden Lehre, die nach dem Desaster eine Zeit lang auch recht kleinlaut war, weil ihre Gleichgewichts-Phantasmagorien mit der Realität ganz offensichtlich nichts zu tun haben. Weil aber die Borniertheit nicht ausstirbt, geht das jetzt alles wieder von vorne los. Wenn Bertolt Brecht Recht hatte mit seiner Feststellung, Geschichte wiederhole sich nicht, es sei denn als Farce, dann ist das ja jetzt wohl die Farce. Nein: Die Suppe, die global eingebrockt wurde, muss jetzt auch global wieder ausgelöffelt werden. Das demokratische Korrektiv des ökonomischen Systems, das alleine in der Lage ist, der permanenten Neigung zur Nachfragelücke dieses Systems entgegenzuwirken und es somit letztlich auch vor sich selbst zu schützen, ist durch den Globalisierungsprozess auf nationalstaatlicher Ebene verlorengegangen. Wenn jetzt schon die Überschussländer anfangen, ihre Löhne zu senken, dann gnade uns Gott. Wenn es uns aber gelingt, das demokratische Korrektiv des ökonomischen Systems ebenfalls zu globalisieren, dann sind wir noch zu retten, und Deutschland auch, und Sinn auch.

_Aus: |Zeitschrift für Sozialökonomie|, Folge 141, Juni 2004._
http://www.sozialoekonomie.de/de/dept__3.html

Speer Morgan – Das Erbe von Spiro Mound

Das geschieht:

Fort Smith, ein kleiner Ort im US-Staat Oklahoma, gleicht in diesem heißen Sommer des Jahres 1934 einem Pulverfass. Die Wirtschaftskrise hält das Land im Würgegriff. Weil es kein soziales Netz gibt, droht den zahlreichen Arbeitslosen eine Hungersnot. Niemand fühlt sich für sie verantwortlich, jeder meidet die Unglücklichen, um nicht daran erinnert zu werden, wie nah das Elend ist. Aufruhr liegt in der Luft. Sündenböcke werden gesucht. Der Ku-Klux-Klan tritt offen auf. Rassismus ist geduldete Alltäglichkeit. Die Gesetzeshüter sind korrupt, sie werden von prominenten ‚Geschäftsleuten‘ wie Will Mackey oder Bill J. Goback geschmiert.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hat es doppelt schwer: Tom Freshour ist ein „Halbblut“, wie man in diesen Tagen sogar in der Zeitung schreiben darf – ein halber Indianer, der dem Establishment zudem übel aufgefallen ist, weil er gegen diverse Missstände vorgegangen ist. Speer Morgan – Das Erbe von Spiro Mound weiterlesen

Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Ist dieser Jugendroman ein weiterer „Harry Schotter“-Klon? Zum Glück nicht, denn „Bartimäus“ ist weitaus respektloser, tiefgründiger und einfallsreicher als die Rowling-Blockbuster. Dennoch – oder gerade deswegen – wird die anstehende Verfilmung wohl nicht zu umgehen sein.

_Der Autor_

Jonathan Stroud wurde im englischen Bedford geboren. Laut Verlag schreibt er bereits seit seinem siebenten Lebensjahr Geschichten. Während er als Lektor für Kindersachbücher arbeitete, verfasste er seine ersten eigenen Kinderbücher. Nach der Publikation seiner ersten beiden Jugendbücher widmete er sich ganz dem Schreiben. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Kinderbuchillustratorin, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in St. Albans nördlich von London.

„Das Amulett von Samarkand “ ist der erste Band in der „Bartimäus“-Trilogie.

_Handlung_

Zauberlehrling Nathanael macht das, was alle übermütigen Zauberlehrlinge tun und unter allen Umständen unterlassen sollten: Er hext einen Dämon herbei. Dies ist der 5000 Jahre Bartimäus, der schon bei Ägyptern und Assyrern Unruhe stiftete und in der glorreichen Schlacht von El Arisch das Dämonenheer Pharao Thutmosis III. verstärkte. Doch Bartimäus, so viel muss man über die Hierarchie der Dämonen wissen, ist nur ein Dschinn der 14. Ebene, also nur von mittlerer Stärke. Er kann es keineswegs mit den mächtigen Afrits und Mariden aufnehmen, die mächtigeren Magiern zu Gebote stehen.

Es ist ein Wunder, dass der zwölfjährige Nathanael die Beschwörung überlebt, doch er hat sich gut geschützt. Das Pentagramm, in dem er steht, gehört zum Standard, er ist ja nicht blöd. Für sein Alter ist er schon ganz schön weit in seinen Fähigkeiten. Sein Meister, der Minister Arthur Underwood – alle 300 Minister der Regierung in London sind Magier – unterschätzt ihn jedenfalls beträchtlich. Nathanael hat nicht mal einen offiziellen Magiernamen und muss sich gegenüber Bartimäus hüten, ihm nicht seinen wahren Namen, Nathanael, zu verraten, denn dieses Wissen verliehe dem Dämon Macht über ihn. Merke: In der Magie dreht sich alles um Macht.

Der Dschinn Bartimäus, der uns seine Sicht der Dinge erzählt, erhält einen schwierigen Auftrag: dem Magier-Minister Simon Lovelace das Amulett von Samarkand stehlen und herbringen. Leichter gesagt als getan, seufzt Bartimäus, der uns nun von seinem Versuch erzählt, das Amulett wohlbehalten und lebendig bei seinem Herrn abzuliefern. Schließlich gebietet Lovelace über zwei große Dämonen, ein mächtiges Schutzfeld und Dutzende von Suchkugeln, die nach dem Dieb Ausschau halten. Zu guter Letzt wollen Barti sogar gewöhnliche Menschen das Amulett entreißen, aber er belehrt sie eines Besseren. Nachdem der große Diebstahl gelungen ist, fängt jedoch der Ärger für Nathanael und Bartimäus erst richtig an.

Denn Simon Lovelace will nicht mehr nur stellvertretender Handelsminister sein. Sein Ehrgeiz gilt Höherem: dem Posten des Premierministers. Er lässt diverse magische Objekte von seinen Schergen stehlen, darunter das Amulett, über dessen Eigenschaften Nathanael noch nicht Bescheid weiß. Die ihres magischen Schutzes beraubten Ministerkollegen fallen unerklärlichen Anschlägen zum Opfer. Der schlimmste davon findet allerdings direkt unter Nathanaels Augen statt: Im Londoner Parlament von Westminster lässt der Premierminister gerade eine Regierungserklärung zum Krieg vom Stapel, als ein junger Mann von der Terrasse hereinstürmt und eine Elementenkugel auf den Regierungschef schleudert. Während sich der Obermagier schützen kann, sind viele seiner Begleiter und Gäste nicht so glücklich dran.

Worauf hat sich Nathanael da nur eingelassen? Er wollte eigentlich nur seinem allzu gestrengen Meister Underwood und dem fiesen Lovelace eins auswischen. Nun wächst ihm die Sache allmählich über den Kopf. Schon bald gerät Bartimäus, der sich nach den Eigenschaften des Amuletts erkundigen soll, in Gefangenschaft der Polizei – diese verflixten Afriten!

Nach seiner unverhofften Befreiung lässt sich seine Spur, die direkt zu Nathanaels Heim führt, leicht verfolgen. Simon Lovelace taucht daher schließlich bei Arthur Underwood auf, der aus allen Wolken fällt. Dreimal darf man raten, was Lovelace zurückhaben will. Und was er mit dem Dieb machen wird…

Doch dann ist natürlich noch lange nicht aller Tage Feierabend. Nach einer längeren Durststrecke, auf der Nathanael gar nicht gut aussieht, schlägt das dynamische Duo zurück – und versucht, die Herrschaft von Simon Lovelace, dem Unbarmherzigen, zu verhindern…

_Mein Eindruck_

Mit „Bartimäus 1“ etabliert Jonathan Stroud eine ausgetüftelte Alternativwelt, in der es zwar keine Hogwarts-Zauberschule gibt, aber viel fehlt nicht. Doch diese Welt ist grimmiger, weniger verspielt. Zauberer haben ständig mit Macht und Herrschaft zu tun. Dämonen und sämtliche sonstigen dienstbaren Geister, so glaubt Nathanael zunächst, sind alle hinter ihm her. Kein Wunder, dass er sich verfolgt glaubt, sich übernimmt und nur bei Mrs. Underwood Trost und Verständnis findet.

Dennoch bietet diese Welt jungen Lesern ab 12 Jahren mit Nathanael eine ideale Identifikationsfigur, denn sicherlich wollen auch sie die Welt zu einem besseren Ort machen, als sie selbst vorfinden. Dass das nicht so einfach ist, wie ihre wilden Träume ihnen vorgaukeln, demonstriert ihnen Nathanael anschaulich. Dieser Held muss einiges durchmachen, um schließlich Erfolg haben zu können.

Wofür er am längsten braucht und was am wichtigsten ist: Er kann einen Dämon zum Freund haben. Das stellt alles, was er aus Underwoods Büchern gelernt hat – und von der Welt hat er praktisch nichts gesehen – komplett auf den Kopf. Es widerspricht allen Lehrsätzen und natürlich auch Underwoods Lehren. Die anderen Instruktoren sind relativ unwichtig, lediglich eine Lehrerin, eine „Gewöhnliche“ zumal, vermag ihm etwas über die Welt der normalen Menschen beizubringen. Leider verschwindet sie sofort, sobald Underwood Nathanaels „Verrat“ aufgedeckt hat.

Es geht also um die Paranoia der Macht. Und ihr steht der Triumph gegenüber, den das Vertrauen bringt, das aus der Zusammenarbeit mit Bartimäus erwächst. Quod erat demonstrandum: Die Zaubererkaste und ihre Herrschaft sind menschenfeindlich und dem Untergang geweiht. Doch welche Alternative bieten der Gesellschaft dann individuelle Bündnisse wie zwischen Nathanael und Bartimäus? Wir wissen es noch nicht, werden es aber hoffentlich bald erfahren.

Neben jener der Zauberer gibt es in „Bartimäus“ noch eine zweite Gegenwelt, und das ist natürlich die der Geister. Die Zauberer betrachten sie sozusagen als herrenlose Sklaven, die es sich gefügig zu machen gilt. Ihre Bücher und Hilfsmittel liefern ihnen das Wissen über die Geisterwelt, aber ist das etwa schon alles, was es über Geister zu wissen gibt? Die Befehle, die ihnen ihr Wissen verleiht, vermögen alle möglichen Geister zu bannen und herbeizurufen, aber die resultierende Machtbeziehung ist von Angst geprägt – siehe oben.

Bartimäus ist der erste Geist, der uns demonstrieren kann, wie es ist, ein Dämon aus der Anderswelt zu sein. Wenn ihn beispielsweise ein magischer Ruf erreicht, dann fühlt es sich an, als würden ihm die Eingeweide rückwärts herausgezogen. Sicher nicht angenehm. Und der Aufenthalt in einer körperlichen Hülle scheint ebenfalls sehr unbequem zu sein. Schließlich sind Geister aus anderem Stoff gemacht. Geister wollen bekanntlich frei sein.

Dieser Dämon ist eine famose Erfindung des Autors. Damit ist er in der Lage, Zauberer und ihr Verhalten ebenso süffisant zu kommentieren wie andere Geister, und mit denen kennt sich ein so alter Dämon wie Barti hervorragend aus. Seine Fußnoten sind oftmals eine Freude, triefen sie doch vor Ironie. Und dass er dabei immer gut wegkommt, erklärt sich von selbst.

Was werden wohl die nächsten Bände bringen? Eine recht interessante Perspektive bietet der „Widerstand“ der Gewöhnlichen. Die Untergrundkämpfer haben sich ja schon als schlagkräftig erwiesen. Und sie erkennen etwas Magisches, wenn sie es sehen, beispielsweise Bartimäus in harmloserer Verkörperung. Außerdem wird es höchste Zeit, dass sich Nathanael verliebt.

_Unterm Strich_

„Das Amulett von Samarkand“ etabliert als Startband einer Zauberer-Trilogie mehrere Gegenwelten, die sich von Universen wie dem eines gewissen Harry Schotter deutlich unterscheiden. Während Schotters Magiewelt von Angst dominiert ist, entwickelt der Zauberlehrling Nathanael bei Stroud etwas Revolutionäres: Freundschaft zu einem Dämon. Das kann ja heiter werden!

Bis es soweit ist, vergehen aber etliche Seiten spanennder und vergnüglicher Lektüre. Nathanael und Bartimäus stehen abwechselnd im Blickpunkt des Geschehens, so dass für Variation gesorgt ist. Das Treiben dieses dynamischen Duos betrifft nicht nur ihren Privatbereich, sondern hat, wie sich allmählich zeigt, direkten Einfluss auf das Schicksal des Reiches und der Regierung. Na, wenn das keine hilfreiche Nutzanwendung von Magie ist!

Meine Leseerlebnis war zunächst von leichter Skepsis geprägt: Schon wieder ein Roman über einen Zauberlehrling? Doch wenn der Auftaktband der Trilogie schon so unterhaltsam mit einem grandiosen Finale endet, was mögen dann erst die Folgebände bieten? Doch wem all dies noch zu ernst ist, der greife einfach zu Terry Pratchetts Zauberer-Parodien, insbesondere zu dem wundervollen „Eric“.

Philip Kerr – Newtons Schatten

Das geschieht:

Um die Jahreswende 1696/97 herrscht nicht nur in London, sondern in ganz England Unruhe. Nicht der Krieg gegen Frankreich erregt die Gemüter: Die Regierung hat den Einzug der alten Silber- und Goldmünzen befohlen, deren Edelmetallgehalt inzwischen ihren Nominalwert überschreitet. Sie sollen neu geprägt werden: ein normaler Vorgang, der hier jedoch völlig planlos umgesetzt ist, denn während ein Großteil des ‚alten‘ Geldes bereits einkassiert wurde, kommt die königliche Münzanstalt im Tower zu London mit dem Prägen der neuen Geldstücke einfach nicht nach. Es sind zu wenige Münzen im Umlauf, was der Wirtschaft stark schadet. In der Münze selbst herrschen Unfähigkeit und Korruption. Diebe und Falschmünzer stehlen Prägestöcke und füllen sich die Taschen.

Die Regierung hat deshalb einen neuen Aufseher über die Münzanstalt gesetzt: Der Physiker und Astronom Dr. Isaac Newton musste den Posten übernehmen. Mit dem ihm eigenen Elan hat er sich auf die Aufgabe gestürzt und entpuppt sich wider Erwarten als richtiger Mann am rechten Ort. Aber Newton macht sich viele Feinde. Rigoros räumt er mit Schlendrian und Schurkerei in der Münze auf und verdirbt vielen Strolchen das Geschäft. Auch die „Ordnance“, die eigentliche Festungsbesatzung, hasst die Münzbeamten, die man ihr im Tower vor die Nase gesetzt hat. Newton heuert deshalb einen Gehilfen an, der ihm gleichzeitig als Leibwächter dient. Als solcher bekommt der junge Christopher Ellis, ein verkrachter Jurastudent, bald viel zu tun. Sein unlängst verschwundener Amtsvorgänger wird ertränkt im Wassergraben des Towers entdeckt. Philip Kerr – Newtons Schatten weiterlesen

Deschler, Netti, Kolb u. a. – SkullCrusher – Free Your Mind And Free Your Soul

Liebe Freunde der gepflegten Metal-Unterhaltung, es ist wieder soweit: Der SKULLCRUSHER geht in die elfte Runde und bietet mal wieder bestes Heavy-Metal-Entertainment.

Dieses Mal gibt’s für die traditionelle Fraktion ausführliche Interviews mit METAL CHURCH (plus History), Adrian Smith von IRON MAIDEN und EDGUY, für Fans der extremeren Sparte gibt es Lesenswertes von KRISIUN, INCAPACITY und MONSTROSITY und auch der Underground wird mit den Death-Thrashern von NECROID und der Todesbrigade von BLOODSTAINED COFFIN prima abgedeckt. Desweiteren finden sich noch Gespräche mit den finnischen Newcomern von ALTARIA, ACHERON-Leader Vincent Crowley, HAN JIN OAKLAND (sehr cool), PSYCHOTRON, CRUACHAN und ANVIL, die, wie im SKULLCRUSHER halt üblich, Unterhaltung, massig Information und Humor miteinander verbinden wie in kaum einem anderen Fanzine.

Desweiteren warten Harald Drescher und sein Team wiederum mit einigen coolen Specials auf, wie zum Beispiel einem lustigen Gespräch mit dem `Film-Regisseur´ von „Der Henker“ (stark!), einem Kreativworkshop zum Thema Metal-Kasperletheater (Kult!) und einem Report unter dem Titel `Der Metal-Beichtstuhl´, bei dem man auf seltsame Art und Weise herausfinden kann, ob das eigene Metal-Gewissen auch wirklich rein ist und außerdem erfährt, wie die sieben Todsünden des Metals lauten.

Auf den letzten Seiten gibt es dann noch einen `Kommentar zur Lage der Nation´, der dieses erneut sehr gelungene Magazin beschließt. Saubere Arbeit und ein Kompliment an das Team des SKULLCRUSHER für dieses tolle 48-seitige Heft.

Mehr Infos gibt es hier:

SKULLCRUSHER Magazine
c/o Harald Deschler
Jörgstr. 9
88410 Bad Wurzach

oder schaut mal nach unter:

http://www.skullcrusher.net

Asimov, Isaac – Best of Asimov

Isaac Asimov (1920-1992) hat in seiner langen SF-Karriere ab 1939 neben vielen Romanen – die immer noch bekanntesten und beliebtesten entstammen dem 1951 gestarteten |Foundation|-Zyklus – naturgemäß auch zahllose kürzere Erzählungen veröffentlicht, viele davon gerade in seiner frühen Phase für das Pulp-Magazin |Amazing Stories| seines Entdeckers und Förderers John W. Campbell. Die Behauptung, bei der hier vorliegenden Sammlung handle es sich um das Beste, was der SF-Pionier im Story-Bereich geschaffen hat, darf aber gleich aus mehreren Gründen nicht ganz so ernst genommen werden. Zum einen stammt „The Best of Isaac Asimov“ im Original bereits aus dem Jahr 1973 und wurde 1983 bei Bastei-Lübbe auch schon mit der Bandnummer 24113 veröffentlicht. Und auch wenn der Autor seine Glanzzeit und besonders auf dem Kurzgeschichtensektor produktivste Phase in den vierziger und fünfziger Jahren hatte, werden damit die fast 20 letzten Jahre seines Schreibens schlicht unterschlagen. Was hier ebenfalls fehlt, sind seine Robotergeschichten. Die wurden zwar an anderer Stelle oft genug veröffentlicht, doch dies trifft für einen Großteil der hier versammelten Storys ebenfalls zu, zählt also nicht als Entschuldigung. Gerade die Robotergeschichten sind nun einmal ein wesentlicher Bestandteil des Asimov’schen Schaffens. Dies wird dieser Tage gerade durch eine auf diesem Werk basierende Verfilmung namens „I, Robot“ gezeigt. Die Zusammenstellung besorgte Asimov übrigens auch nicht selbst, sondern ein namentlich ungenannter Herausgeber, so dass man über die getroffene Auswahl durchaus geteilter Meinung sein kann. Asimov gibt das im Vorwort in ungewohnt bescheidener Manier zu und schreibt, eigentlich solle das Buch besser den Titel „Die recht guten und recht typischen Geschichten Isaac Asimovs“ tragen – so viel dazu.

Höhepunkt der zwölf Storys ist „Und Finsternis wird kommen…“ (Nightfall) aus dem Jahr 1941, eine Geschichte, welcher der Autor ob ihres enormen Erfolgs recht hilflos gegenübersteht und von der er selbst erklärt, sie sei nicht seine persönliche Favoritin. Der SF-Leser an sich widerspricht dieser Meinung gern und häufig, immer wieder wird „Und Finsternis wird kommen…“ unter den beliebtesten Kurzgeschichten aller Zeiten genannt. Der Reiz dieser faszinierenden Story liegt vor allem in ihrem beeindruckenden Szenario: Der ungewöhnliche Plot – die Welt Lagash wird nur in großen Abständen mit völliger Dunkelheit konfrontiert, da ansonsten immer eine der Sonnen am Himmel steht, was in unschöner Regelmäßigkeit die Zivilisation in völligem Wahnsinn zerbrechen lässt und sie auslöscht – hat sicherlich den Löwenanteil am hohen Beliebtheitsgrad. Stilistisch ist Asimov in dieser frühen Phase sicher nicht völlig ausgereift, sondern noch sehr den |Pulps| verhaftet. Das heißt keineswegs schwach, eher einfach, fast naiv gehalten, aber auch in der relativ nüchternen Manier durchaus ansprechend. Die Charaktere dürften zweifelsfrei noch schärfer gezeichnet sein. Erst Robert Silverbergs Romanfassung, deutsch als „Einbruch der Nacht“ bei |Heyne| erschienen, hilft dem Manko der etwas wissenschaftlich-sterilen Protagonisten dann ab. Die Original-Geschichte zählt aber allein wegen der ungewöhnlichen Idee, von der sie lebt, verdientermaßen zu den Klassikern der SF der vierziger Jahre.

Die erste verkaufte Story des Autors, „Havarie vor Vesta“ (Marooned off Vesta, 1939), kann besonders durch die Plausibiltät gefallen, mit der sich die havarierten Raumfahrer an Bord der Silver Queen aus ihrer scheinbar aussichtslosen Lage retten. Ein früher Verweis auf Asimovs spätere Ausflüge ins Krimigenre? Sprachlich ist das Debüt ebenfalls sehr einfach gehalten, auch hier lebt die Geschichte mehr von der Idee. Genau zwanzig Jahre später wurde dann „Jahresfeier“ (Anniversary) geschrieben, das die Charaktere der Geretteten noch einmal aufgreift und schließlich gemeinsam mit „Havarie vor Vesta“ in |Amazing Stories| abgedruckt wurde, eben um den Geburtstag der ersten Story Asimovs gebührend zu feiern. Mehr Krimi als SF, ist diese Geschichte die wohl schwächste der hier vertretenen, da die Lösung des Falls den Leser hilflos zurücklässt und ihm kaum eine Chance bietet, wenigstens mitzuraten, wer denn nun der Täter war.

Der gereiftere Asimov begegnet dem Leser in der erstmals 1972 veröffentlichten Story „Spiegelbild“ (The Mirror Image), die auch ein Wiedersehen mit dem Detektiv Elijah Baley und dem Roboter R. Daneel Olivaw aus den frühen Romanen „Die Stahlhöhlen“ (The Caves of Steel) und „Die nackte Sonne“ (The Naked Sun) parat hält, die später in der |Foundation|-Fortschreibung auch wieder auftauchen. Zwei Wissenschaftler beschuldigen sich darin gegenseitig des geistigen Diebstahls. Baley droht an dem Fall zu verzweifeln, kann ihn dann aber dank seiner eigenen Logik – die den Roboter verblüfft – doch aufklären. Ein weiterer Kriminalfall wird in „Das Nullfeld“ (The Billard Ball) gelöst. Hier steht allerdings nicht die Frage nach dem Täter im Raum, sondern die Überlegung, ob Zufall oder Absicht die Tat lenkten und wie sie überhaupt möglich war. Eine reizvolle Story.

„Geschichte eines Helden“ (C-Chute), ursprünglich in |Galaxy| veröffentlicht, hat dann mehr von einer typischen SF-Story der frühen fünfziger Jahre. Während eines Kriegs zwischen Menschen und den Kloros, einer Insektenrasse, wird die Besatzung eines irdischen Raumschiffs gefangen genommen. Ausgerechnet der unscheinbare Buchhalter Randolph Mullen avanciert unter den Gefangenen zum Helden und findet einen Weg zur Flucht. Flott zu lesen, recht farbige Charaktere und damit eine der besseren Storys des Buchs. „Das Chronoskop“ (The Dead Past) kann ebenfalls durch die starken Charaktere, die in vielen Nuancen geschildert und so lebendig werden, überzeugen. Die weiteren Storys: „Die Verschwender vom Mars“ (The Martian Way), „Die in der Tiefe“ (The Deep), „Der Spaß, den sie hatten“ (The Fun They Had), „Wenn die Sterne verlöschen“ (The Last Question) sowie „Die schwindende Nacht“ (The Dying Night).

Alles in allem eine gute Zusammenstellung typischer Asimov-Geschichten, nicht das Beste, aber doch mehr Gutes als Schlechtes.

_Armin Rößler_ © 2001
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Gerritsen, Tess – Todsünde

In einer Klosterkapelle wird eine Nonne erschlagen, eine zweite kommt knapp mit dem Leben davon. Wenige Tage später muss die Pathologin Dr. Isles eine zweite Frauenleiche untersuchen: Die „Rattenfrau“ hatte Lepra. Erstaunlicherweise haben die beiden Verbrechen miteinander zu tun.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Die ersten Schneefälle lösen in Boston, Massachusetts, ein mittleres Verkehrschaos aus, und die Weihnachtsvorbereitungen tragen sicher nichts dazu bei, das Chaos zu verringern. Deshalb ist die Gerichtspathologin Dr. Maura Isles, von ihren Kollegen liebevoll „Königin der Toten“ genannt, auch heilfroh, lebendig an einem neuen Tatort anzukommen statt im Graben zu landen.

In der alten Graysones Abbey, einem Nonnenkloster am Stadtrand, soll Maura die Leiche einer Novizin namens Camille Maginnes untersuchen; der jungen Frau wurde in der Kapelle des katholischen Klosters brutal der Schädel eingeschlagen. Eine weitere Nonne, Schwester Ursula, überlebte den Überfall schwer verletzt und liegt auf der Intensivstation. Pater Brophy von der katholischen Gemeinde hat ebenfalls keine Erklärung. Maura fühlt sich unerklärlich zu ihm hingezogen. Sie ist einsam.

Die Befragung der wenigen verbliebenen Nonnen erbringt nichts, erst als Maura und Detective Jane Rizzoli vom Boston PD die freche Tochter der Haushälterin befragen, ergeben sich ein paar Anhaltspunkte. Auf dem Dachboden der Quartiere befinden sich nicht nur Dutzende von Spielzeugpuppen, sondern auch Löcher, durch die man in die Stuben der Nonnen spähen kann. Und die kleine Noni erzählt, die junge Camille habe sich stets gegeißelt und ihre Stube wie besessen geschrubbt und in einem Buch zu Sankt Brigitta von Irland gebetet.

Ein scheinbar unwichtiger Hinweis, doch Brigitta ist die Schutzheilige der Neugeborenen… Als Maura die Autopsie an Camille vornimmt, stellt sie erstaunt fest, dass die junge Frau, die ihre Brüste so fest abband, dass es geschmerzt haben musste, kurz zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatte. Da auch Nonnen ebenso wie Priester an das Keuchscheitsgelübde gebunden sind, ist dies ein sehr verwunderliches Ergebnis. Und wer war dann der Vater? Pater Brophy vielleicht?

Rizzoli ordnet die Durchsuchung des Klostergeländes an. Wieder liefert Noni den wichtigsten Hinweis: Im Ententeich versenkte die unglückliche Camille ihren Säugling. Als Maura das Baby aus seiner Decke wickelt, um die Autopsie vorzunehmen, bricht Rizzoli vor Entsetzen zusammen. Sie hat selbst vor wenigen Stunden festgestellt, dass sie schwanger ist – von ihrem Ex-Freund Gabriel Dean, FBI (vgl. „Der Meister“) – und weiß nicht, ob sie das Kind behalten soll.

Nachdem Mauras Ex-Mann Victor Banks, ein vielbeschäftiger Koordinator für Entwicklungshilfeprojekte von „One Earth“, wieder aufgetaucht und sie seinem Charme erneut verfallen ist, wird sie schon zum nächsten Tatort gerufen. In einer ziemlich grausigen, rattenverseuchten Umgebung unweit von Graystones Abbey hatte ein Drogenfahnder zufällig eine Frauenleiche entdeckt. Dem Körper fehlen jedoch das Gesicht, die Hände und die Füße. Um die Identität zu verschleiern, muss man aber keine Füße amputieren, oder? Maura rätselt auch über zahlreiche Hautpusteln. Nach Hinzuziehung einer Expertin steht der schlimme Befund fest: Diese Frau hatte Lepra.

Und da Schwester Ursula mal fünf Jahre in Indien an einer Lepraklinik gearbeitet hatte, besteht möglicherweise ein Zusammenhang. Als Jane Rizzoli und Maura von Gabriel Dean Fotos erhalten, die diese Leprakolonie nach einem verheerenden Massaker – alle Leprakranken sowie die behandelnden Schwestern wurden verbrannt – zeigen, stellt Maura beklommen fest, dass es sich um eine Klinik von |One Earth| handelt. Ist ihr Lover Victor Banks etwa in die Vorgänge verwickelt?

_Mein Eindruck_

Ich habe diese 400 Seiten innerhalb nur eines Tages gelesen, so flott sind sie zu lesen – es lag nicht nur an der großen Schrift. Aber das wundert mich nicht, denn auch schon die beiden anderen Rizzoli-Romane „Die Chirurgin“ und die direkte Fortsetzung „Der Meister“ waren ebenfalls superspannend und leicht zu lesen.

„Todsünde“ unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von seinen Vorgängern. Zum einen steht diesmal nicht Jane Rizzoli im Mittelpunkt des Geschehens, sondern Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“. Sie muss sich mit ihren eigenen Lebenszielen auseinandersetzen, als ihr Ex Victor entgegenhält, er selbst kümmere sich lieber um die bedürftigen Lebenden – und deshalb sei wohl ihre Ehe gescheitert. Sie hingegen weiß, dass er nie für sie da war, denn er musste sich ja um seine superwichtigen Entwicklungsprojekte kümmern. Deshalb weiß sie nicht, was sie von seinem Versuch halten soll, sie zurückzugewinnen. Sex ist zwar gut für das Wohlbefinden, aber was verbindet sie sonst noch?

Auch die drei neuen Fälle halten sie in Atem. Diesmal geht es nicht um Sex- und Todesspiele mit Reichen wie in „Der Meister“ oder um verstümmelte Frauen wie in „Die Chirurgin“, sondern um zwei eher entlegene Gebiete, nämlich Nonnen und Lepra. Allerdings wird sich noch ein weiterer Abgrund auftun, der viel näher an der aktuellen Realität liegt.

Stichwort Nonnen: Die Novizin Camille hat in den Augen der anderen Nonnen eine Todsünde begangen, als sie mit einem Mann zusammen war und ein Kind bekam. Aber ist sie wirklich der Sünde schuldig? Ist es möglicherweise Pater Brophy, der von sich selbst zugibt, hin und wieder Momente der Schwäche zu erleben? Wie jeder in Boston weiß, haben sich Priester an kleinen Jungen und Mädchen sexuell vergangen. Ist er einer von ihnen? Als Rizzoli den extrem reichen Vater von Camille, Randall Maginnes, besucht, wird ein weiterer Verdacht geweckt. In dieser Familie gingen rätselhafte Dinge vor.

Aber war nicht auch der Überfall auf die Leprastation in Indien eine Todsünde? Nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere wurden getötet und auf Scheiterhaufen verbrannt. Das soll ein politisch oder religiös motivierter Terroranschlag gewesen sein? Bullshit, denkt Maura Isles, als sie den Schriftzug „One Earth“ auf dem Foto der Lepra-Klinik entdeckt…

Während sich die Spannungen in den Privatleben der beiden Hauptfiguren zu einer Krise steigern, kommt es auch in den Untersuchungen zum Finale – und dabei gerät Maura in Lebensgefahr. Auffällig sind dabei die Parallelen zu Novizin Camilles traurigem Schicksal. Und auch Schwester Ursulas Leben steht offenbar auf dem Spiel: Sie war die einzige Zeugin am Tatort in der Kapelle. Doch warum hat sie überlebt und Camille nicht?

_Unterm Strich_

Trotz des etwas abgedroschenen Titels hat dieses Buch rein gar nichts mit einem Thriller à la „Sieben“ zu tun, in dem ja auch die sieben Todsünden den Anlass für die Handlung abgeben. Der Begriff „Todsünde“ wird bei Gerritsen viel weiter gefasst und uminterpretiert. Es gibt Sünden der Neuzeit, die sich nicht ohne weiteres aufdecken, bestrafen und „abwaschen“ lassen. Camilles angebliche Sünde fällt dagegen richtig altmodisch aus – und ist leider allzu verbreitet. Der Originaltitel „The Sinner“ kann sowohl eine Frau als auch einen Mann meinen. Das hat die Autorin sicherlich listigerweise beabsichtigt.

|Verschmelzung der Themen|

Ich fand die Lektüre diesmal befriedigender als „Der Meister“, wenn auch nicht so schockierend wie „Die Chirurgin“. Die Zufriedenheit beruht vor allem auf der nahezu vollkommenen Verschmelzung des Themas der Verbrechensaufklärung durch Rizzoli und Maura mit dem Thema der privaten Selbstverwirklichung durch Bewältigung akuter Probleme (Mauras Ex-Mann, Rizzolis Schwangerschaft). Die zwei Welten sind so perfekt miteinander verwoben, dass kaum noch die Trennung wahrnehmbar ist.

|Die Klippen der Klischees|

Der besonders kritische Leser wird aber merken, dass das Thema „katholische Kirche“ von der Autorin mit Samthandschuhen angefasst wird, weil hier nämlich sämtliche Klischees lauern, die die Medien durchgehechelt haben (Missbrauch etwa) – und diese Klippen gilt es zu umschiffen, um nicht abgedroschen zu wirken. Zum Glück haben Maura (aufgezogen in der Klosterschule) und Rizzoli (eine Italienerin) genügend eigene Erfahrung mit der katholischen Kirche, dass der Eindruck vermieden wird, hier würden nur Klischees neu aufgewärmt, im Gegenteil. Es sind genau diese Erfahrungen, die Pater Brophy und die Nonnen für uns so interessant machen – ein wichtiger Pluspunkt für das Buch.

|Ein Weihnachtsmärchen|

Ganz, ganz clevere Leser werden nicht übersehen, dass es sich bei „Todsünde“ um eine moderne Variante von Charles Dickens‘ „Christmas Carol“ handelt. Doch nicht drei „Geister der Weihnacht“ treten auf, um einen Sünder zu bekehren, sondern mehrere Sünder und Heilige tauchen auf – ausgerechnet zu jener Zeit des Jahres, da die Geburt des Jesuskindes gefeiert werden soll. Leider entpuppen sich mitunter die Sünder als die Opfer und die Heiligen als Schuldige.

In diesem Erkenntnis- und Erfahrungsumfeld müsssen sich unsere beiden Heldinnen entscheiden. Will Jane Rizzoli ihr ganz privates Jesuskind behalten oder es wie Camille umbringen? Und Maura muss über ihren Ex-Mann urteilen, ob er er ein Heiliger (Entwicklungshelfer etc.) und Dreamlover oder doch ein Sünder ist. Spannend ist dies allemal.

Dickinson, Peter – Suth und Noli (Die Kinder des Mondfalken)

Seit den Romanen von Jean M. Auel um ihre Urzeit-Heldin „Ayla“ sind Bücher über die Frühgeschichte der Menschheit nicht mehr aus den Regalen wegzudenken. Ob für Erwachsene oder Kinder – es scheint die Autoren zu faszinieren, 40.000 oder gar 200.000 Jahre in die Vergangenheit zu gehen und sich das Leben damaliger Menschen (oder Menschenvorfahren) vorzustellen. So geht es auch dem Engländer Peter Dickinson. Seine Geschichten um die „Kinder des Mondfalken“ erschienen in Deutschland bereits als Buch für Kinder und Jugendliche bei |Carlsen|. Für die Taschenbuchausgabe hat man die beiden ersten Bände in einen zusammengefasst.

Der Stamm der Mondfalken ist überfallen und in eine viel unwirtlichere Gegend vertrieben worden. Die Überlebenden wollen beim Marsch durch die Wüste die Kleinsten und Schwächsten zurücklassen, aber der Junge Suth, der auf der Schwelle zum Erwachsensein steht, und das Mädchen Noli, das immer wieder Visionen hat, lassen das nicht zu. Sie trennen sich vom Stamm und retten die Kinder. Auf sich allein gestellt, versuchen sie zu überleben, was nicht immer leicht ist.

Dann aber finden sie Aufnahme bei einem anderen Stamm. Suth begreift nach und nach, dass sie seine Gruppe dabehalten wollen, um das Blut des Stammes, in dem immer mehr missgebildete Kinder geboren werden, aufzufrischen. Er versucht das zu verhindern, doch selbst Noli scheint von der Magie der Anführerin des Stammes gefangen. Dann zwingt ein Vulkanausbruch die Kinder des Mondfalken zu einer Entscheidung. Sie kommen nur knapp mit ihrem Leben davon und finden in einem anderen Tal Zuflucht, wo Humanoide leben, die sie bisher nicht als Menschen betrachtet haben. Jetzt müssen sie lernen, ihre Vorurteile zu vergessen, damit auch sie hier eine Heimat finden können …

In einer bewusst einfachen Sprache schildert Peter Dickinson die Erlebnisse der Frühmenschenkinder erst aus der Sicht von Suth, dann von Noli. Jedes Kapitel wird von einer sogenannten „Ursage“ begleitet, die das Selbstverständnis und die Vorstellungswelt der jungen Helden und die Gründe für ihr Handeln plausibler macht. Er bringt dem Leser auf höchst lebendige Weise den Alltag, die Sorgen, Nöte aber auch Freuden der Kinder näher, ohne dabei belehrend oder wissenschaftlich zu werden, wenn auch der versteckte Appell an Toleranz und Offenheit nicht fehlen darf. Aber genau diese Dinge werden wohl auch in der Urzeit ein friedliches Miteinander zwischen sich fremden Stämmen und Volksgruppen ermöglicht haben, wenn genug Nahrung da war. Die Kinder sind lebendig geschildert, machen Fehler oder reagieren instinktiv richtig. Sie akzeptieren Dinge, die sind, und lassen auch das Neue zu.

Phantastische Elemente tauchen im Roman eher selten auf, meistens wenn Noli von dem Geist ihres Stammestotems berührt wird und seine Botschaften empfängt, woraufhin der Stamm in eine neue Richtung gelenkt wird.

Die Abenteuer sind klein und meistens alltäglich, wenn man einmal von dem Kampf gegen einen bedrohlichen Löwen absieht. Aber darauf kommt es auch nicht an, da Spannung anders erzeugt wird. Dennoch sollten all jene, die mit als Kinderbücher konzipierten Urzeit-Romanen, nicht viel anfangen können, ihre Finger von dem Roman lassen.

Wer eher ruhige Geschichten mit Mythen und einfachen Abenteuern mag, in dem die Figuren im Vordergrund stehen, wird an den „Kindern des Mondfalken“ seine Freude haben.

_Christel Scheja_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Stephen King – Duddits: Dreamcatcher

Das geschieht:

Das Leben hat sie gebeutelt: Joe „Biber“ Clarendon, den Hippie-Tischler, der zwanghaft Zahnstocher zerkaut; Pete Moore, den alkoholsüchtigen Autoverkäufer; Henry Devlin, den depressiven Psychiater, für den der Selbstmord bereits beschlossene Sache ist, und Gary „Jonesy“ Jones, den College-Dozenten, der sich gerade langsam von einem schweren Autounfall erholt. Seit einem Vierteljahrhundert kennen sie sich und haben sich niemals aus den Augen verloren. Ein unsichtbares Band verbindet sie – und das buchstäblich, denn das Quartett verfügt über gewisse hellseherische Kräfte.

Trotzdem waren Biber, Pete, Henry und Jonesy nur Waisenknaben gegen den Fünften im Bunde: Douglas Cavell, genannt „Duddits“, ihren geistig behinderten, telepathisch begabten Freund aus der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine, Neuengland. Ihn hat das Quartett aus den Augen verloren. Stephen King – Duddits: Dreamcatcher weiterlesen

Nesser, Hakan – Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla

Diesmal legt der schwedische Krimimeister einen ähnlich angelegten Fall wie in „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ vor. Wieder ist es ein junger Mann, der sich mit dem Rätsel eines Mordfalles auseinandersetzen muss, während ihn die Geheimnisse der Liebe ablenken. Und wie es aussieht, muss auch er Jahrzehnte auf die Aufklärung des Verbrechens warten.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf deutsch sind u. a. erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl).

_Handlung_

Kumla ist im Jahr 1967, als das Verbrechen passiert, ein verschlafenes, ja idyllisches Städtchen im nördlichen Schweden. Hier passiert fast nie etwas, und schon gar nichts, was irgendwie aus dem Rahmen fällt. Es ist ein ungewöhnlich heißer Sommer und man sucht die Abkühlung an den Seen der Umgebung.

Der Mord erschüttert die Gemeinschaft und wird wochenlang zum Tagesgespräch. Der Uhrmacher Kalevi Kekkonen, ursprünglich ein Finne, ein mürrischer und wortkarger Mann, wird in einem der beiden ehelichen Schlafzimmer tot aufgefunden. Seine schwedische Frau Ester Bolego hatte wie stets im anderen Schlafzimmer genächtigt und nichts von der Bluttat gemerkt. Genauso wenig wie ihre gemeinsame Tochter Signhild, die, einer Eingebung von „Stimmen“ folgend, den Toten entdeckt haben will.

Recht bizarr sind zwei Details. Der Leichnam liegt kopflos im blutigen Bett, denn der abgetrennte Kopf steht – ein richtiger Quadratschädel macht das möglich – auf dem Nachttischchen daneben. In den Hals ist eine Botschaft gesteckt. Auf dem Zettel steht lediglich ein Schachzug, der zudem sehr ungewöhnlich ist: „e2-e4 schachmatt!“ Es ist der Königsbauer von Weiß, der den schwarzen König matt setzt. Normalerweise werden Bauern als erste zu Opfern des Spiels.

Mit diesem und anderen Rätseln beschäftigt sich der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mauritz Målnberg, vor allem aufgrund der Tatsache, dass er total in die Nachbarstochter Signhild Kekkonen-Bolego verschossen ist. Da seine Gefühle zunehmend von ihr erwidert werden, erfährt er weitere pikante Details über die Begleitumstände. Er verpflichtet sich, als amateurhafter Privatdetektiv das Verbrechen aufzuklären. Philip Marlowe und Auguste Dupin sind quasi seine Brüder im Geiste und selbstverständlich Vorbilder. Mauritz ist ein Pfeife rauchender Bücherwurm, dessen Idole Lennon, Dylan und Camus heißen und ihn zu Gedichten inspirieren. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Mauritz unter der Fallsucht leidet, also unter Anfällen von Epilepsie, die ihn sekundenlang bewusstlos werden lassen.

Signhild erzählt ihm, dass ihre Mutter und ihr Vater einander hassten, und eine Woche vor dem Verbrechen war ein geheimnisvoller Untermieter eingezogen, der sich einfach „Dichter Olsson“ nannte. Bei seinen mehr oder weniger unauffälligen Observationen bestätigt sich Signhilds Vermutung: Ester und Olsson haben offensichtlich ein Verhältnis und somit auch ein Motiv, den „Alten“ um die Ecke zu bringen.

Als Mauritz per Zufall herausfindet, was es mit dem merkwürdigen Schachzug „e2 – e4“ auf sich hat, schreibt er Hauptkommissar Vigland einen netten Brief mit seinen Erkenntnissen. Natürlich nicht unter seinem richtigen Namen. Er unterzeichnet mit „August Strindberg“, einem bekannten schwedischen Dichter. Schon bald werde nun die Polizei dem finsteren Treiben von „Dichter Olsson“ ein Ende setzen. Denkt er…

_Mein Eindruck_

Kumla ist vielleicht nicht der Nabel der Welt – wie vielleicht der |Piccadilly Circus| in London. Aber es ist immerhin der Geburtsort des Autors. Daher weiß er ganz genau, wovon er erzählt. Und das merkt man der Geschichte an. Mauritz ist ziemlich genau so alt wie der Autor (siehe unten), er hat die gleichen Erfahrungen, die gleichen Vorlieben vermutlich und die gleichen Probleme.

|Authentisch|

Deshalb wirkt auch die Beschreibung des engen Kumla im Widerstreit mit den revolutionären Bewegungen des Jahres 1967 so realistisch. Alle Namen stimmen: Lennon, Dylan, Morrison, Jagger, Hendrix und wie sie alle heißen, die Mitglieder der Gegenkultur. Dass sie seine Lieblinge sind, merkt man ihm ständig an, so etwa durch die zahlreichen (unübersetzten) englischen Zitate aus den Songs. Zum Glück habe ich sie fast alle erkannt. Und wo ich sie nicht erkannte, ist sich Mauritz selbst nicht sicher, ob er sie nicht einfach erfunden hatte, sozusagen im Rausch der Schaffenskraft.

|Kumla vs. den Rest der Welt|

Mehrmals setzt Mauritz das Geschehen in der weiten Welt gegen das in Kumla. Und manchmal gewinnt Kumla: Da ist die Kirche abgebrannt und im Dachstuhl findet sich eine verkohlte Leiche. Da erhängt sich ein Schachspieler, und einem anderen wird der Kopf abgeschlagen. Für Mauritz ist das Geschehen auf der Welt-Ebene so wichtig wie das in seiner persönlichen Umgebung. Das Bindeglied besteht nicht nur aus seiner persönlichen Erfahrung, sondern auch in Signhild.

Die Liebe zu ihr erfordert Handeln, ständiges Handeln. Und Entscheidungen, Gespräche. Mauritz findet sich auf einmal in einem moralischen Zwiespalt, den er nicht auflösen kann. Signhild muss das für ihn tun. Den Grund dafür erfährt er erst ganz am Schluss des Buches.

Denn das Buch beginnt nicht etwa im Kumla des Jahres 1967. Vielmehr fährt Mauritz 35 Jahre später aus seinem neuen Wohnort zurück nach Kumla, um einen alten Mann und eine junge Frau zu treffen. Auf der Bahnfahrt blickt er zurück in jene Zeit, als er zum Mann wurde und den Kekkonen-Fall zu lösen versuchte. Am Schluss des Buches erhält er endlich Aufklärung darüber, was eigentlich los war. Die Enthüllung löst im Leser sowohl einen Schock als auch Erstaunen aus. Mehr sei nicht verraten.

|Spannungsbogen|

Durch den Pro- und den Epilog erhält die Geschichte schon von vornherein einen gewissen Spannungsbogen. Man kann sich ja denken, dass am Schluss die Auflösung des Rätsels folgt. Daher ist es aber umso reizvoller, den Fall, den der Autor in Gestalt von Mauritz‘ Ermittlungen vor uns ausbreitet, selbst zu lösen. Wie in einem Schachspiel sind alle Komponenten bekannt, doch gibt es wie in einer mathematischen Gleichung mindestens eine Unbekannte: Wer ist der Mörder? Und in welchem Verhältnis stand er zu Ester Bolego und ihrem Mann?

Wir müssen auch bedenken, dass unser junger Chefermittler noch recht wenig von den Menschen und ihren Liebesdingen weiß. Bücher helfen da nicht, schon gar nicht in Kumla. Von den Abgründen unter der Oberfläche – der „Teufel“ oder „Perkele“, wie der Finne sagt – ahnt er zwar etwas, aber in der Seligkeit, die ihm die Liebe zu Signhild bereitet, vergisst er die Tiefe doch allzu bereitwillig. Umso schlimmer trifft ihn dann der Moment der Erkenntnis. Wie ein Anfall von Fallsucht.

|Ironie|

Was den Roman so unterhaltsam macht, sind nicht nur die Aspekte von Verbrechen, Aufklärung und Liebe, sondern vor allem der Einsatz von Ironie. Dem Autor gelingt es, die banalsten Unterhaltungen durch Ironie schreiend komisch wirken zu lassen. An einer Stelle etwa sitzt Mauritz‘ Familie wieder mal beim Essen. Während der Vater, ein „Zeitungsmann“, wieder einmal seinen Schwiegersohn, der bei der Polizei arbeitet, über den Fall Kekkonen ausquetscht, quasselt die Schwester, die den Bullen geheiratet hat, davon, dass sie sich einen Hund anschaffen will. Zwischen Essenfassen, einen Mord abchecken und Pudelkaufen geht der Dialog so kreuz und quer, dass die irrwitzigsten Wirkungen entstehen. Vor allem dann, als die Mutter ihrer Tochter rät, sich statt des Hundes doch lieber mal ein Kind anzuschaffen. Die Mutter redet immer nur in halben, unvollendeten Sätzen. Mauritz, das kann man verstehen, rastet dabei beinahe aus. Der Leser kringelt sich im Sessel.

|Fehler|

Auch Autoren sind gegen Fehler nicht gefeit. Lektoren offenbar ebenso wenig. Auf Seite 247 verwechselt der Autor den Namen einer Freundin von Signhild. Sie heißt eigentlich Karin Pallgren, er schreibt aber hier „Kristina“. Auf Seite 153 hat der Korrektor (oder wer auch immer im Verlagslektorat) Druckanweisungen im Text stehen lassen. Sowas sieht man selten und fällt umso unangenehmer auf.

_Unterm Strich_

Mir hat „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ausnehmend gut gefallen, genauso gut wie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“. Die Ähnlichkeit ist deutlich vorhanden – beides sind Coming-of-Age-Geschichten mit einer Krimihandlung. Und beide sind recht unterhaltsam und spannen den Leser auf die Folter, reizen ihn dazu, den Fall selbst zu lösen – alle Komponenten der Gleichung sind vorhanden, um die Unbekannte, den Faktor X, aufzulösen.

In „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ist jedoch die Liebesgeschichte wesentlich realistischer und ernsthafter geschildert. Die Liebe des jungen Dichters zu der Nachbarstochter ist keine einfache Sache und wird, nach einem wunderschönen Anfang, von Monat zu Monat vielschichtiger und für Mauritz auf undurchsichtige Weise schwieriger. Der Mord wirft einen langen Schatten. Der Mörder ist noch lange nicht gefasst. Signhild verdächtigt immer noch ihre Mutter, die Hand im Spiel gehabt zu haben. Wer könnte ihr verdenken, dass ihre Mutter nichts von ihrer Liebschaft erfahren darf? Und dann hat Signhild ihren Lover auch noch angestiftet, hinter Ester Bolego herzuschnüffeln…

Am Schluss hatte ich das Gefühl, doch ein wenig über das Leben an sich und seine Tücken gelernt zu haben. Und das trifft nicht auf jeden Kriminalroman zu. Dennoch würde ich „…Kumla“ nicht auf die ewige Bestenliste setzen. Dazu fehlt es der Kleinstadt und ihrem dunklen Geschehen ein wenig an Format im Vergleich zur weiten Welt. Und das sage ich nicht ohne ein wenig Ironie.

Mein Tipp: Vor dem Lesen noch einmal die alten Platten auflegen: Hendrix, „Sgt. Pepper“, The Doors, Dylans „Blonde on Blonde“ und „A whiter shade of pale“. Dann ist man ungefähr auf der richtigen Wellenlänge mit Mauritz. Wer sich an die Literatur wagen will, so ist man mit Camus‘ „Der Fremde“, Hesses „Steppenwolf“ und wohl auch Strindbergs „Inferno“ gut mit von der Partie. (Mir ist es übrigens noch nicht gelungen, die Verbindung zwischen Mauritz‘ Namen und Strindberg herzustellen, aber dem Kommissar fällt dies nicht schwer…)

Eleanor Herman – Im Bett mit dem König. Die Geschichte der königlichen Mätressen

Seit jeher bringt das Amt des Königs gewisse Privilegien mit sich. Vielleicht das interessanteste ist zweifellos das „Recht“, sich neben der eigenen Gattin – verantwortlich primär für die Produktion von Königskindern (Prinzen als Thronfolger, Prinzessinnen für Heiratsabkommen mit Nachbarn & Feinden) – eine „Zweitfrau“ zu halten. Die „Mätresse“ zählt zu den fast sagenhaften Gestalten der Geschichte. Sie hat dort tiefe Spuren hinterlassen, die indessen vom Staub übler Nachrede, sensationslüsterner Vermutungen und einfallsreicher Vertuschungsversuche weitgehend zugeweht wurden.

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Thiede, Carsten Peter / D’Ancona, Matthew – Jesus-Fragment, Das. Kaiserin Helena und die Suche nach dem Kreuz

Jerusalem, 326 n. Chr.: In der Hauptstadt der römischen Provinz Palästina trifft hoher Besuch ein. Trotz ihrer beinahe 80 Jahre hat sich die Kaiserin Helena, Mutter und Mitregentin des Imperators Konstantin, auf eine Reise gemacht, die zwei Jahre dauern und sie 2000 Kilometer weit zu den zentralen Stätten des christlichen Glaubens führen wird. Helena befindet sich auf einer wichtigen Mission; keine anderthalb Jahrzehnte ist es her, dass ihr Sohn das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat, nachdem die Christen in den drei Jahrhunderten zuvor immer wieder grausamen Verfolgungen durch die römischen Herrscher ausgesetzt waren. Konstantins und besonders Helenas Gläubigkeit ist echt. Dennoch ist die Grenze zwischen Religion und Politik in dieser Zeit fließend: Konstantins Ruf als von Gott auserwähltes Haupt des Römischen Reiches würde wachsen, wenn es ihm gelänge, das in der Bibel überlieferte Geschehen durch handfeste Beweise zu untermauern. In seinem Namen sollen an solchen geschichtsträchtigen Orten Palästinas Gedenkstätten und Kirchen entstehen.

Helena bereist fast das ganze Heilige Land. Dabei entwickelt sie sich zu Vorfahrin der späteren Archäologen. Mit staunenswerter Energie betreibt sie ihre Nachforschungen – und sie hat Erfolg! Besonders in Jerusalem wird sie fündig: Auf dem Areal des Felsens von Golgatha, der alten Hinrichtungsstätte, wird bei von der Kaiserin durchgeführten Ausgrabungen ein gut erhaltenes Kreuz gefunden, das ein Kopfbrett trägt, auf dem nach römischer Sitte der Name des Verurteilten und sein Verbrechen eingraviert wurde: Jesus von Nazareth, König der Juden …

Die Kaiserin lässt das Kreuz bergen. Es bleibt in Jerusalem und entwickelt sich dort naturgemäß zu einem Objekt der Verehrung für die christlichen Pilger, die in die Stadt kommen, bis es siebeneinhalb Jahrhunderte später in den Wirren der Kreuzzüge verloren geht.

Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch Kaiserin Helena war nicht nur eine entschlossene, sondern eine vorausschauende Frau. Deshalb beschloss sie, zumindest einen Teil des Kreuzes in ihre Heimatstadt Rom zu schicken. Dieses Fragment – ein Teil des Kopfbrettes – bewahrte sie in ihrem privaten Palast auf, der nach ihrem Tode zur Kirche Santa Croce in Gerusalemme umbaut wurde. Dort trotzte es allen Schicksalsschlägen der wechselvollen römischen Geschichte bis auf den heutigen Tag – ein Objekt, das den Historikern Verdruss und der Kirche Verlegenheit bereitet.

Reliquien – das sind Gegenstände aus dem Besitz oder dem Umfeld „heiliger“ Menschen, aber auch die Überreste solcher Personen selbst, denen Wunderwirkung zugeschrieben wird. Darüber hinaus besitzen sie für die Gläubigen eine besondere Anziehungskraft. Obwohl man meinen sollte, dass die Bibel sich mit der Geschichte vom ungläubigen Thomas zu diesem Thema recht deutlich – und ablehnend – geäußert hat, fällt es den Menschen leichter zu glauben, wenn sie etwas sehen, das sie daran erinnert, wieso sie glauben. So ist es kein Wunder, dass besonders während des Mittelalters, als die Religion ein fester Bestandteil des Alltagslebens wurde, Reliquien eine ganz besondere Bedeutung erlangten.

Jede neu errichtete Kirche benötigte eine Reliquie, die Gläubigen wünschten sich Reliquien – und zwei oder drei oder noch mehr Reliquien waren besser als eine Reliquie; kein Wunder, dass der Kult außer Kontrolle geriet, absurde Blüten trieb und ins Zwielicht geriet. Mit den mirakulösen Artikeln wurde bald ein schwunghafter und einträglicher Handel getrieben. Die Grabstätten bekannter Heiliger wurden förmlich durchpflügt, ihre Überreste buchstäblich in kleine Stücke gerissen und dorthin transportiert, wo schon die Empfänger voller Sehnsucht und mit gezückter Börse darauf warteten. Die Frage der Authentizität stand dabei – weil geschäftsschädigend – nicht unbedingt im Vordergrund; auf diese Weise dürfte so mancher arme Wicht, der den Reliquienjägern zufällig in die Finger fiel, nach seinem oder ihrem Tode zu unverhoffter Verehrung gelangt sein.

Noch besser gelang das Reliquienfälschen natürlich bei Objekten, die zwar in der Bibel oder den Heiligenlegenden erwähnt, aber nicht weiter beschrieben wurden. Da Glaube bekanntlich Berge versetzt, fanden sich nach und nach und auf wundersame Weise wahrhaft „fantastische“ Stücke wie einige Krüge von der Hochzeit zu Kanaan oder ein Brötchen von der Speisung der Fünftausend an. Kein Wunder, dass die Kirche selbst schließlich die Notbremse zog und den Reliquienkult radikal beschnitt. Da war der Schaden freilich bereits geschehen: In einem Wust zweifelhafter Objekte gingen die wenigen womöglich echten Überbleibsel rettungslos unter.

Seither betrachtet auch die Forschung Reliquien mit tiefem Misstrauen. Es gibt sogar eine Art unausgesprochener Übereinkunft, wissenschaftlich lieber einen Bogen um sie zu machen. Wer sich dem nicht fügen mag, setzt leicht seinen Ruf aufs Spiel.

Die Untersuchung einer „Super-Reliquie“, wie es das heilige Kreuz zweifellos darstellt, ist da verständlicherweise ganz besonders heikel. Die Überlieferungssituation ist nach fast 1700 Jahren denkbar schlecht, und auch am Kreuz haben sich die Reliquienmacher des Mittelalters eifrig versucht. So stellt die vorliegende Untersuchung des Autorenteams Carsten Peter Thiede (Professor für die Geschichte des Neuen Testaments) und Matthew D’Ancona (Wissenschaftsjournalist) tatsächlich den ersten Versuch dar, sich des schwierigen Themas sachkundig und sachlich anzunehmen. (Seltsamer- und vielleicht glücklicherweise konnte das Helena-Kreuz nie so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie das Turiner Grabtuch.) Um es kurz zu machen: Sie haben ihre Arbeit gut getan. Dabei geht es weniger um die Frage, ob denn dieses Kreuzfragment der Kaiserin Helena wirklich echt ist. Für Thiede/D’Ancona steht dies inzwischen außer Frage. Diese Ansicht muss man nicht teilen – nicht einmal nach der Lektüre dieses Buches, denn die Autoren sind seriös genug, die möglichen Argumente gegen ihre Theorie gleich selbst zu nennen – und die Liste ist durchaus lang!

Solche Vorsicht ist selten auf dem Gebiet der „spekulativen“ Geschichtsforschung, gilt es hier doch normalerweise, „sensationelle“ Entdeckungen zu machen und diese auf Biegen und Brechen zu „beweisen“, um Spesengeld und Honorare zu kassieren. Mit besonderer Vorsicht sind daneben noch jene fundamentalistisch verblendeten „Forscher“ zu genießen, wie sie z. B. seit Jahren auf der Suche nach Noahs Arche über die Hänge des Berges Ararat schwärmen … Das ist beileibe kein Witz, sondern in gewisser Weise die logische Fortsetzung der Reliquienjagd Kaiserin Helenas …

Echte Wissenschaft muss misstrauisch und vorsichtig sein, denn hier zählen nur Fakten. Die Urzeit des Christentums liegt nun einmal unter einem dichten Schleier von immerhin zwei Jahrtausenden verborgen, und es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser in absehbarer Zeit und dann vollständig lichten wird. So konnte es faktisch nicht möglich sein, einen der zahlreichen Wissenschaftler, die Thiede/D’Ancona zu Rate zogen, zu der Aussage zu bewegen, dass Helenas Kreuzfragment tatsächlich von dem Kreuz stammt, an dem Jesus einst starb. Viele der gewonnenen Erkenntnisse weisen darauf hin – müssen es aber nicht.

Den ersten Teil dieser Aussage belegt das Autorenteam mustergültig; um den zweiten drückt es sich verständlicherweise ein wenig herum. Auf jeden Fall legen sie ihre Karten auf den Tisch, statt sich die historischen Fakten so herauszupicken und zurechtzulegen, bis sie zur Ausgangsthese passen. Manchmal stellen sie die Geduld des Lesers auf eine allzu harte Probe, wenn sie Seite um Seite noch dem kleinsten Kratzer des Helena-Fragments nachspüren. Aber das Argumentationsgerüst steht solide, das muss man den Autoren zugestehen.

Eine (ketzerische?) Frage bleibt übrigens völlig offen: Welche Konsequenzen hätte es eigentlich, sollte das Kreuzfragment tatsächlich echt sein? Da wurde also um das Jahr 30 womöglich ein Mann hingerichtet, der Jesus von Nazareth hieß, sich als „König der Juden“ bezeichnete und sich nach römischem Gesetz des Landesverrats schuldig gemacht hatte. Bedeutet dies denn, dass dadurch das gesamte Neue Testament schlagartig in den Rang einer authentischen historischen Quelle erhoben würde? Wohl kaum, und so läuft es auch dieses Mal letztlich auf eine Frage des Glaubens hinaus.

„Das Jesus-Fragment“ als Sachbuch ist jedenfalls eine spannende Lektüre – „True Fantasy“, wenn man so möchte. Der Laie lernt eine Menge über so unterschiedliche Themen wie die schwierigen frühen Jahre des Christentums, das Römische Imperium auf einem Gipfel seiner Macht, über Mythologie und die Möglichkeiten (und Grenzen) der modernen Wissenschaft oder die erstaunliche Flexibilität der Katholischen Kirche in der Bewertung ihrer eigenen Geschichte.

Fried, Hel – Tinnitus

Der Tinnitus ist ein beständiges, subjektives Geräusch im Ohr, welches man nicht unterdrücken oder abstellen kann. Ähnlich den Menschen mit dieser Krankheit ergeht es den Telepathen in Hel Frieds Roman. Jeder Mensch mit diesem Talent nimmt beständig ein Signal wahr, welches ihn unwiderstehlich zu einem bestimmten Ort zieht. Leider leben die Telepathen nicht in einer modernen Welt, sondern in einem postapokalyptischen Mittelalter und werden dort als Dämonen betrachtet, weswegen sie gnadenlos verfolgt und getötet werden.

200 Jahre nach der großen Katastrophe macht sich der Telepath Kramsky auf, den Ursprung des Geräuschs zu finden, um, wenn möglich, das Geräusch zu beseitigen, damit andere Telepathen nicht mehr von diesem Zwang erfüllt sind und ein freieres Leben führen können. Auf seinem Weg begegnet er anderen Personen, die entweder selbst Telepathen sind oder damit beschäftigt sind, Telepathen zu töten.

Hel Fried nimmt sich viel Zeit, seinen Hauptakteur darzustellen, seine Beweggründe aufzuzeigen und seinen Hintergrund zu erläutern. Ebenso nimmt er sich die Zeit, andere Personen gründlich einzuführen, bevor er sie oft sehr schlagartig wieder sterben lässt. Dass dabei die Akteure streckenweise dennoch flach bleiben, ist etwas schade. Besonders fällt dies bei Lazarus auf, der durch seine reine Übermenschlichkeit uninteressant wird, obwohl seine Geschichte anfänglich doch neugierig macht.

Dem Autor gelingt es dabei, alle Handlungsbögen wieder zu spannen und jeden Akteur, den er eingeführt hat, am Ende ans Ziel oder in den Tod zu führen (selbst bei Charakteren, die man bereits vergessen hatte). Dabei schöpft er aus einer Fülle von Ideen. Und hier liegt eine der größten Stärken und auch gleichzeitig Schwächen des Buches. Man bekommt zum Ende des Buches hin den Eindruck, als hätte Hel Fried versucht, 90 Prozent aller gängigen Themenkomplexe der Science-Fiction-Literatur in einem Buch unterzubringen. Geheimnisvolle Herkünfte und Mutationen sind nicht nur auf eine Art entstanden, sondern auf gleich drei verschiedene. Außerirdische tauchen auf, eine unheilbare Krankheit, Gentechnologie, Strahlung etc. Und am Ende ist der Ursprung des Ganzen doch in einer einzigen Ursache zu finden. Einen Hintergrund, den man als Leser hinnehmen oder woran man sich stören kann. Eine komplexe Hintergrundgeschichte mit vielen Akteuren, Einflüssen und Wendungen, die am Ende doch nur auf einem Umstand basieren. Der Autor läuft in solchen Fällen Gefahr, des Verdachts des |deus ex machina| ausgesetzt zu sein. So ist die Auflösung am Ende auch unbefriedigend und für meinen Geschmack zu plötzlich. Doch über das etwas abrupte Ende wird man schließlich auch mit dem letzten, nur eine halbe Seite langen Kapitel ein wenig hinweggetröstet.

Alles in allem hat die Lektüre von „Tinnitus“ Freude bereitet, nachdem ich über das erste Kapitel hinweg war, welches mich anfänglich befürchten ließ, dass die Vita des Autors interessanter sein könnte als der Roman. Hel Fried könnte vielleicht ein großer SF-Autor werden, wenn er sich ein wenig mehr Zeit für seine Ideen nehmen würde. Für den kleinen |Eldur|-Verlag ist „Tinnitus“ ein Roman, mit dem er sich durchaus nicht hinter den Großen der Branche verstecken muss. Für den Leser bleibt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, einigen interessanten Ideen und Charakteren begegnet zu sein.

[_Kolvar_]http://www.orfinlir.de/
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

King, Stephen – Buick, Der

Statler, eine kleine Stadt im Westen des US-Staates Pennsylvania, keine besonderen Attraktionen, einfach ein Ort, an dem Menschen zusammenleben – mal friedlich, mal auch wieder nicht. Dass zumindest auf den Straßen zwischen beiden Polen die Balance gewahrt bleibt, sichert die Pennsylvania State Police. In der kleinen Polizeikaserne von Statler residieren die Männer (und – der Fortschritt findet schließlich auch die Provinz – seit einigen Jahren einige Frauen) des Troop D. Ihr Dienst ist bei aller Routine hart und nicht ungefährlich; erst im Vorjahr hat ein betrunkener Autoraser den allseits beliebten Kollegen Curt Wilcox umgebracht.

Dessen Sohn Ned ist es, der die einzige echte Sehenswürdigkeit der Stadt entdeckt. Der junge Mann, gerade der High School entwachsen, verdient sich in der Telefonzentrale das Geld für sein Studium, als er im Schuppen B hinter der Kaserne eine erstaunliche Entdeckung macht: Dort steht gut versteckt ein fabelhaft erhaltener Oldtimer der Marke |Buick Roadmaster|, Baujahr 1958, genannt „Buick Eight“, denn acht Zylinder verleihen dem mächtigen Motor Schwung.

Theoretisch jedenfalls, denn tatsächlich ist die Maschine gar keine, wie überhaupt dieser |Buick| kein Auto ist. Statt dessen ist er eine Attrappe in Pkw-Gestalt, das rätselhafte Artefakt einer Intelligenz, die ganz sicher nicht von dieser Welt ist: Obwohl der |Buick| sich aus eigener Kraft überhaupt nicht bewegen kann, öffnet er das Tor in eine andere Dimension, wie sie fremdartiger kaum vorstellbar ist. Troop D ist 1979, vor mehr als zwei Jahrzehnten, in den Besitz des Buick gekommen. Es hatte damals nicht lange gedauert, bis die Polizisten begriffen, dass sie vom Schicksal zu Hütern dieses infernalischen Gefährts bestimmt waren: Der unglückliche Trooper Ennis Rafferty geriet noch am Abend des Fundtages in den Bann des |Buicks|, der eine eigentümliche Anziehungskraft auf Menschen ausübt – und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Seine entsetzten Kollegen beschlossen, die Tragödie zu vertuschen, und das Rätsel selbst zu lüften. Zwanzig Jahre gelingt es erfolgreich, den Wagen vor den vorgesetzten Behörden und der Öffentlichkeit zu verbergen; zwanzig Jahre, in denen besonders Curt Wilcox sich verbissen müht, hinter die Kulissen des |Buicks| zu blicken. Doch dieser bleibt ein Mysterium – ein hochgradig gefährliches dazu, denn obwohl der Buick nicht fahren kann, funktioniert er als Materietransmitter weiterhin hervorragend – und zwar in beide Richtungen! Ohne Vorwarnung sind in diesen beiden Jahrzehnten immer wieder Besucher aus der „Twilight Zone“ im Schuppen B aufgetaucht – unendlich fremde, grässlich anzusehende Kreaturen, die in der für sie giftigen Erdluft rasch zugrunde gingen, aber manchmal lange genug lebten, um ihre unfreiwilligen Gastgeber in Angst und Schrecken zu versetzen.

Das ist die Geschichte, die der faszinierte Ned zu hören bekommt. Es zeigt sich, dass der junge Wilcox von dem |Buick| genauso besessen ist wie der alte: Ned will Gewissheit erzwingen, wo sein Vater scheiterte. Mit vollem Wissen öffnet er die Schleuse zu jener anderen Welt. Darauf hat der |Buick| nur gewartet, und zum ersten Mal spielt er seine Macht voll aus. Die Folgen sind buchstäblich unglaublich …

Schon mit „Duddits – Dreamcatcher“ hatte es sich 2001 angekündigt: Nach seinem schweren Unfall 1999, vor allem aber nach Überwindung seiner langen Alkohol- und Drogenabhängigkeit findet der Schriftsteller Stephen King zu einer Form zurück, die man ihm nach den vielen enttäuschenden Werken der jüngeren Vergangenheit (unter denen das wirr-komplizierte, hohl-geschwätzige Endlos-Epos „Wizard and Glass“, 1997 – dt. „Glas“ – einen traurigen Spitzenplatz einnimmt) gar nicht mehr zugetraut hatte. „From a Buick Eight“ stellt zu „Duddits“ sogar noch einmal eine deutliche Steigerung dar.

Da ist zunächst einmal die wohltuende Kürze des Werkes. Nun sind 500 Seiten nicht gerade wenig, doch im Vergleich zu den immer umfangreicher werdenden King-Geschichten der Jahre bis ca. 2000 eben doch deutlich weniger. (Auch „Duddits“ war bei allen Qualitäten deutlich zu lang.) Nachdem endlich der Profi und Horror-Spezialist Stephen King sein Alter Ego, den Koks-König gleichen Namens, ersetzt hat, wird nun wieder deutlich, was diesen Mann so beliebt und berühmt gemacht hat: Hier ist ein Autor, der das Unheimliche nicht nur in einzelnen Szenen heraufzubeschwören weiß, sondern es in eine Gesamtgeschichte integriert, die kundig die Spannung aufbaut, meisterhaft hält und stetig intensiviert, um in einem furiosen Finale die Fetzen fliegen zu lassen. Da ist es um so erfreulicher, dass es ihm inzwischen gelingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Überhaupt ist „Der Buick“ im Grunde ein Roman ohne Handlung – da sitzen einige Männer und Frauen und erzählen Geschichten, die sich längst ereignet haben. Und der Buick, der doch die Rolle der Chef-Monsters übernimmt, fährt aus eigener Kraft keinen Millimeter. Das ist von King ebenso boshaft wie klug ausgedacht; er nimmt dadurch vor allem auch den Kritikern den Wind aus den Segeln, die sich darüber mokieren, dass der ohnehin von ihnen gern Geschmähte „schon wieder“ ein Geisterauto ins Zentrum stellt. Dabei sind seit „Christine“ knapp zwei Jahrzehnte verstrichen; bezieht eigentlich Anne Rice soviel Prügel wie King, weil sie seit Jahr und Tag Vampirreißer am Fließband produziert? King selbst hat die (rhetorische) Frage gestellt, welcher wirklich neue Plot denn einem Schriftsteller noch einfallen könnte, der fünfzig Romane verfasst hat. Nüchtern kann er sich jedenfalls heute müheloser denn je gegen die schreibende Konkurrenz wie Dean Koontz oder James Herbert (oder ihr klägliches deutsches Surrogat Wolfgang Hohlbein) behaupten!

So begibt sich Profi King zwangsläufig auf bereits beackerte Felder. Der |Buick Roadmaster| ist eindeutig das Transportmittel eines der legendären „Männer in Schwarz“ (oder „Men in Black“ – die klamottige Variante verbreitet von Zeit zu Zeit in Gestalt des Duos Will Smith/Tommy Lee Jones im Kino Ärger und Langeweile), die als tölpelhafte Kundschafter angeblich außerirdischer Besucher untrennbar zur UFO-Hysterie ab 1950 gehören.

Macht man ihm solche „Anleihen“ nicht zum Vorwurf, bietet „Der Buick“ Spaß und Grusel für viele angenehme Lektüre-Stunden. Natürlich ist dies nicht der fein gesponnene, „psychologische“ Horror (möglichst ohne Gespenst), den die Literaturkritik ebenso wehmütig wie scheinheilig einzufordern pflegt. Der ist aber auch gar nicht Kings Metier, wie er selbst nie müde wird zu erwähnen. Trotzdem lässt sein gern zitiertes Bild vom „Hamburger mit einer großen Portion Fritten“ als Pendant zum typischen King-Roman viel Koketterie erkennen: Er weiß sehr gut, was er kann. Auch „Der Buick“ ist nicht einfach „nur“ spannend. Das Drumherum stimmt: Wieder hat King mit den Männern und Frauen des Troop D nicht nur Pappkameraden geschaffen, sondern echte Menschen, keine Helden oder Schurken, sondern Durchschnittsamerikaner, wie sie so authentisch (und sympathisch) wenigen anderen Autoren gelingen würden.

Apropos Kritik: Ja, es trifft zu, dass King (wieder) zu viel des Guten tut, wenn er seinem Publikum die aus dem Kofferraum des Buicks schlüpfenden Ungetüme in allen Details vor Augen führt. H. P. Lovecraft wurde derselbe Vorwurf gemacht. Seltsamerweise liest man seine Geschichten deshalb heute nicht wenig gern und oft. Es kommt auch hier darauf an, dass man es richtig macht – und der alte Mann aus Maine zieht noch manchen Trumpf aus dem Ärmel; die Episode mit dem im eigenen Saft kochenden Polizeihund Mr. Dillon ist in ihrer Mischung aus Tragödie, Grauen und schwarzer Komik King at his best: Volldampf im Kessel, wenn’s sein muss, und zum Teufel mit den Nörglern!

Bernuth, Christa von – Damals warst du still

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung

David A. Stern – Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr

Die Suche nach einer legendären Hexe endet übel, als diese quicklebendig die Gelegenheit nutzt, in einen neuen Körper zu schlüpfen … – Der künstlich ins Leben gerufene „Blair-Witch“-Mythos erfährt eine spannende Ausschmückung, die wie im Film als „Mockumentary“ präsentiert wird: geschickt gemacht und unterhaltsam.
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Aldiss, Brian W. / Penrose, Roger – Weißer Mars – Eine Utopie des 21. Jahrhunderts

Mitte unseres 21. Jahrhunderts beschließen die Staaten der Erde, den Mars zu erkunden. Terra-Forming ist explizit ausgeschlossen, die Expedition soll ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dienen. Diese Vorgehensweise wird in Analogie zur Erforschung der Antarktis auf der Erde „Weißer Mars“ genannt.

Schwerpunkt der Wissenschaftsarbeit ist die Elementarteilchenforschung, da auf dem Mars keine Störungen der sensiblen Messapparaturen durch elektromagnetische Felder, Erschütterungen durch Verkehr und Bauwesen etc. erwartet werden. Durch den endgültigen Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf der Erde entsteht eine neue Situation für die Wissenschaftler auf dem Mars: Sie sind zwar noch kommunikationstechnisch mit der Erde verbunden, können jedoch von dort keinerlei Hilfe mehr erwarten. Um ihr Leben für eine nicht planbare Zeit auf dem Mars zu sichern und zu organisieren, beginnen sie mit dem Aufbau und der Neuorganisation ihres Zusammenlebens. Damit sind wir beim eigentlichen Inhalt des Romans: Aufbau einer utopischen Gesellschaft.

Der Roman ist beileibe keine Unterhaltungsliteratur, es ist vielmehr ein utopischer Roman mit SF-Elementen. Die beiden Autoren verstehen es sehr gut, die spärlichen Handlungselemente mit den eigentlichen Themen des Romans zu verweben. Die Geschichte der Mars-Wissenschaftler wird aus der Perspektive zweier Ich-Erzähler, die Expeditionsteilnehmer sind, geschildert. Der vorliegende Roman ist in Form eines Berichts verfasst, wobei die Schilderungen von Tom Jeffries, dem geistigen Vater der utopischen Gesellschaft, und von Cang Hais, seiner Adoptivtochter, abwechseln. Diese Arbeitsteilung scheint auch vom Autorenteam Aldiss/Penrose praktiziert worden zu sein. Während Aldiss dem SF-Leser ein Begriff sein dürfte, ist die Zusammenarbeit mit einem bedeutenden Physiker unserer Zeit für einen SF-Roman eine eher seltene und daher auch interessante Angelegenheit. Sir Roger Penrose ist eine Autorität auf dem Gebiet der Quantenphysik, lehrt in Großbritannien und den USA und ist u. a. auch für seine Zusammenarbeit mit dem berühmten Physiker Stephen W. Hawking bekannt. Ein zweites Gebiet dieses Wissenschaftlers und Autors ist das der Bewusstseinsforschung. Beide Wissenschaftszweige werden vortrefflich in die Handlung des Romans integriert. Die im Roman handelnden Expeditionsteilnehmer vertreten die jeweiligen Disziplinen; Namensähnlichkeiten mit Köpfen der heutigen Wissenschaften fallen auf. Einige wenige äußere Handlungselemente werden von den Expeditionsteilnehmern in vielen öffentlichen Diskussionen, die auch zur Erde übermittelt werden, behandelt. So nährt zum Beispiel die Entdeckung von Wasserreservoirs das Wiederaufkommen der Terraforming-Befürworter. Die Entdeckung einer völlig fremdartigen Lebensform auf dem Mars veranlasst die Wissenschaftler, Theorien über den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Materie zu überdenken und strittig zu diskutieren. Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Grundlagenforschung. Hier werden immer wieder nach bestem demokratischen Vorbild Wissenschaftler ins Rennen geschickt, die in öffentlicher Rede vor den 6000 Mars-Gestrandeten erklären müssen, warum weiterhin Ressourcen in die Fertigstellung eines Elementarteilchenbeschleunigers gesteckt werden müssen, anstatt sich um den Ausbau der medizinischen Versorgung oder kulturelle Dinge zu kümmern. Eine Diskussion, die Sir Roger Penrose mit Sicherheit nicht erst für den Roman erfinden musste.

Diese und andere strittige Themen sind eng verwoben mit der gesellschaftlichen bzw. politischen Handlungsebene des Romans. Der geistige Vater der Utopisten hat das erklärte Ziel, „uns selbst und unsere Gesellschaft neu zu erschaffen.“ In den Wortbeiträgen der diskutierenden „Robinsons“, wie sich die Mars-Gestrandeten selbst manchmal nennen, werden immer wieder bedeutende Philosophen, Religionsführer und Sozialwissenschaftler zitiert. Häufig werden diese Bezüge auch in einer Fußnote näher erläutert. Eine Kernthese dieser Handlungsebene stellt Tom Jeffries in den Raum: Die Ursachen der gesellschaftlichen Misere auf der Erde teilt er in fünf Kategorien auf. Stellvertretend für die Entwicklung seiner Thesen beispielhaft einige der dort behandelten Stichworte: Verbrechen, Erziehung, Abtreibung, Sex, Fortschrittsglaube, Ernährung, Ausbeutung der Natur, Konsumdenken, Hunger. An dieser Stelle sei an den treffenden Titel der Originalausgabe „White Mars or: The Mind Set Free“ erinnert, der dem Roman eher gerecht wird als die Wahl des Verlags oder Übersetzers.

Im Anhang des Buches findet sich ein 15-seitiges Interview des Übersetzers mit dem Autor Brian W. Aldiss. Sehr interessant zu lesen, nicht zuletzt wegen der Gegenüberstellung Wissenschaft und SF (siehe hierzu auch Stephen W. Hawking in „The Physics of Star Trek“, Lawrence M. Krauss).

Die Elemente und Handlungsebenen des Romans sind in ihrer Zusammenstellung mit Sicherheit einmalig. Allein das macht das Buch lesenswert. Der Hardcore-SF-Fan wird sich vielleicht durch einige Längen der Marke „Elementarteilchenphysik“ durchkämpfen oder auch bestimmte vordergründige Ungereimtheiten übersehen müssen. (Wie versorgen sich 6000 Menschen ohne jede Lieferung von der Erde über Jahre hinweg?) Dennoch: In den Kapiteln, wo SF anstelle des utopischen Romans in den Vordergrund tritt, kann man ohne Übertreibung von Science-Fiction in der ureigensten Bedeutung des Worts sprechen.

_Christel Scheja_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Buchwurminfos III/2004

Entgegen kompetenter Kritik an der neuen Rechtschreibung (60 Rechtswissenschaftler hatten sich an die Ministerpräsidenten gewandt) wurde diese nun doch auf der Kultusministerkonferenz rechtsverbindlich zum 1. August 2005 beschlossen. Ab dann muss die alte Schreibweise an Schulen von den Lehrern als Fehler gewertet werden. Die Kultusminister gründen einen „_Rat für deutsche Rechtschreibung_“, der alle fünf Jahre den Ministern einen Bericht über Fortgang der Reform und nötige Anpassungen erstattet. Der |Klett|-Verlag gab zuvor noch bekannt, dass sich die Schulbuchverlage keineswegs gegen eine Rückkehr zu den bewährten Regeln der alten Rechtschreibung sperren. Verleger Michael Klett findet die sogenannte Reform unnötig und unsinnig und bedauert, dass er – als die Reform durchgesetzt wurde – nicht protestierte. |Klett-Cotta| produziert, wo immer es geht, grundsätzlich in der alten Rechtschreibung. Auch der |Stolz|-Verlag zum Beispiel publiziert seine – nicht genehmigungspflichtigen – Lernhilfen weiterhin in alter Rechtschreibung. Ohnehin stehen nur 13 Prozent der Bevölkerung hinter der Reform. Nun fordert aber auch der niedersächsische Ministerpräsident _Christian Wulff_, erklärter Reformgegner, die Ministerpräsidentenkonferenz auf, sich mit der Rechtschreibreform zu befassen und die Zuständigkeit der Kulturministerkonferenz darüber zu beenden. Vom saarländischen Ministerpräsidenten _Peter Müller_ wird er bereits unterstützt, ebenso noch hochkarätiger von _Edmund Stoiber_. Mit der Kulturstaatsministerin _Christina Weiss_ hat inzwischen auch erstmals ein Mitglied der Bundesregierung sich dafür ausgesprochen, die Rechtschreibreform zu modifizieren, da die meisten der Deutschen die neuen Regeln nicht anwenden. Mehrere unionsregierte Länder fordern mittlerweile die Rücknahme der Reform. Der Verband |VdS Bildungsmedien| kritisiert diese neueste Entwicklung. Er rechnet vor, dass auf die Schulbuchverlage bei Rückkehr zur alten Rechtschreibung mehr als 250 Millionen Euro Kosten kämen. Die Umstellung der tausend wichtigsten Lehrwerke würde rund 60 Millionen Euro kosten. Die im Fall einer Rückkehr wertlosen Lagerbestände der Verlage beziffert der Verband auf 200 Millionen Euro. Die Präsidentin der Kulturministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin _Doris Ahnen_ (SPD) teilt diese Ansicht. Dieser Darstellung hat dagegen das |VdS|-Mitglied |Scholz|-Verlag widersprochen. Ungeachtet der jüngst aufgeflammten Diskussionen hält die Bundesregierung an der Rechtschreibreform fest.

Ein interessantes Urteil zur _Preisbindung_ hat es durch das Oberlandesgericht Frankfurt gegeben. Ein Journalist hatte neuwertige Rezensionsbücher, die er von den Pressestellen der Verlage erhält, über _eBay_ angeboten. Nach dem erfolgten Urteil gilt die Preisbindung auch für Privatpersonen, selbst wenn deren Angebote ohne Gewinnerzielungsabsicht – dafür aber wiederholt – getätigt werden. Das Internet ist beim Verkauf von Büchern kein rechtsfreier Raum. Auch der Begriff des Letztabnehmers wurde dabei definiert. Letztabnehmer ist nur, wer Bücher zu anderen Zwecken als dem Weiterverkauf erwirbt. Offen gelassen wurde dabei allerdings, ob eine Privatperson, die ein neues Buch für den eigenen Gebrauch erwirbt oder als Geschenk erhält, anschließend aber ungenutzt verkauft, als Letztabnehmer anzusehen ist.
Ein anderes Urteil zur Preisbindung, betreffend den 5-Euro-Startgutscheinen bei _Amazon_, wurde in erster Instanz gegen |Amazon| erwirkt, diese waren aber in Berufung gegangen. Das Oberlandesgericht Frankfurt bestätigte aber die Entscheidung des Landgerichts Wiesbaden. Auch bei Kundenbindungssystemen im Internet ist die Preisbindung zu beachten und die Startgutscheine stellen einen Verstoß gegen die Preisbindung dar.
Die einstweiligen Verfügungen von Preisbindungsvertretern gegen den _Bertelsmann Club_ hören ebenfalls nicht auf. Der Club verstößt mit seinen zeitgleich zu Originalausgaben erscheinenden preisgünstigeren Büchern ständig gegen das „Potsdamer Abkommen“. Die Gerichte plädierten auf außergerichtliche Einigung und diese ist mit Abstrichen für die Verlage auf Kompromissbasis zugunsten des Clubs ausgegangen. Der Mindestabstand zwischen Originalausgabe und Erstankündigung des Clubs kann vier statt bislang sechs Monate betragen (wobei es keine Rolle spielt, ob die Clubausgabe als Hardcover oder Broschur erscheint), die Preisdifferenz darf in diesem Falle im Gegenzug dafür 15 Prozent nicht überschreiten. Für den Weihnachtskatalog kann der Abstand auf drei Monate verkürzt werden, die Preisdifferenz darf dann nur bei fünf Prozent liegen. Erst sechs Monate nach Originalausgabe darf die Clubausgabe – wie bereits häufig praktiziert – bis zu 40 Prozent vom Originalpreis abweichen. Für Bücher, die sich auf kurzfristig anstehende, öffentliche Termine wie Sportereignisse oder politische Wahlen beziehen, gelten die Einschränkungen nicht. Nicht mehr zeitgleich dürfen dagegen Bücher zu aktuellen Kinofilmen und Fernsehserien erscheinen. Das _modifizierte Potsdamer Protokoll_ soll zehn Jahre gelten. Die Bestimmungen sind vereinfacht und dadurch verständlicher geworden. Alle Beteiligten mussten Zugeständnisse machen, konnten jedoch auch das für sie Notwendige erreichen. |Bertelsmann| hat sich auch verpflichtet, aggressive vergleichende Werbung zu unterlassen. Dies aber mit Kündigungsvorbehalt, wenn andere Wettbewerber in dieser Weise werben sollten. |Weltbild| zum Beispiel wird dahingehend von |Bertelsmann| nun sehr genau beobachtet.

Die deutsche _Bonnier Holding_ hat sich beim Bundeskartellamt über _Random House_ beschwert. Im Zuge der Aufteilung von _Ullstein Heyne List_ sind |Bonnier| die Taschenbuch-Reihen _Heyne Fantasy_ und _Heyne Esoterik_ zugesprochen worden. |Bonnier| wirft |Random House| nun vor, aus diesen Reihen erfolgreiche Titel herausgepickt und in der hauseigenen |Allgemeinen Reihe| des |Heyne|-Taschenbuchs platziert zu haben. Das |Heyne Fantasy|-Programm erscheint regulär eigentlich nun bei _Piper Taschenbuch_, das damit sein schon recht umfangreich gewordenes Fantasyprogramm noch mal kräftig aufstockt. Viele klangvolle Namen wie Robert Jordan, Terry Pratchett und Ursula K. Le Guin sowie sehr gut eingeführte Reihen gehören jetzt zu |Piper|. Diese Erfolgstitel erscheinen nun in neuer Ausstattung. Auf die kommende Fantasy-Vorschau des |Piper|-Verlages kann man zu Recht sehr gespannt sein.

2001 war auch der _Luchterhand Literatur Verlag_ von _Random House_ aufgekauft worden und obwohl er anfangs nicht wollte, blieb der ehemalige Verlagschef _Gerald J. Trageiser_ auch als Leiter im Konzern. Aus alters- und gesundheitsbedingten Gründen hört er aber Ende dieses Jahres auf. Nur durch ihn gelang die gute Integration von |Luchterhand| in |Random House| und seinetwegen sind auch die wichtigen Schriftsteller wie Christa Wolf, Antonio Lobo Antunes oder Hanns-Josef Ortheil geblieben. Ob sie ohne Trageiser aber die Treue halten werden, bleibt abzuwarten. Dies ist auch |Random House| bewusst, die Probleme hatten, einen wirklich „angemessenen“ Nachfolge-Kandidaten für die Verlagsleitung zu finden.
Hausintern wurde ab Januar 2005 _Georg Reuchlin_, Verleger von |Goldmann|, |Manhattan| und |btb|, die Leitung übertragen. Klaus Eck, verlegerischer Geschäftsführer von |Random House|, erklärt dazu, dass die Eigenständigkeit von |Luchterhand| nicht in Frage steht und dass die drei literarischen „Abteilungen“ |Luchterhand|, |Knaus| und |btb| noch ausgebaut werden. Die Gerüchte, dass das Taschenbuchlabel |Sammlung Luchterhand| eingestellt würde, stimmen nicht, „es soll so etwa in Richtung |KiWi| gehen“. Ganz gegen den Trend der Konzernbildungen erlebt die Branche in jüngster Zeit aber eine überraschend große Welle neuer autonomer Verlagsgründungen.

Angesichts solch politischer Weltlagen wie den Konflikten in der gegenwärtigen Zeit haben Religionen – selbst im Niedergang – auch immer wieder Auftrieb. Selbst das Christentum, dessen Bücher längst nicht mehr so gefragt sind wie in früheren Zeiten, machen mit den „Psalmen“ ein ganz gutes Geschäft. Aber auch im esoterischen New-Age-Bereich steigt die Anzahl der Titel, die sich auf unkonventionelle nicht-kirchliche Weise dem Christentum annähern. Der Zeitgeist weht überraschenderweise für das Christliche. Das ist vor allem auch an der eigentlich „christlichen Opposition“ abzulesen: In der okkulten Logenwelt wird Christentum mehr denn je ernsthaft diskutiert, die naturreligiösen Gruppen beginnen (trotz der Hexenverbrennungen des Mittelalters) sich im interreligiösen Dialog zu engagieren und die Gothic-Szene – die im öffentlichen Ansehen oftmals noch als satanistisch gilt und der man unterstellend eher Aufrufe zu Kirchenverbrennungen zutraut – überrascht in jüngster Zeit mit christlicher Toleranz (Beispiel: in der aktuellen Szenen-Zeitung _Zinnober_ sprechen in erstaunlicher Anzahl führende Szene-Ikonen über ihre Sympathie zur christlichen Kultur).
Auffallend dagegen ist dann die Position des Leiters des esoterischen Verlags _NEUE ERDE_, _Andreas Lentz_. In der aktuellen gemeinsamen Branchenzeitung _“Sichtung“_ der esoterischen Verlage, die an die Buchhändler geht, grenzt er sich radikal vom Christentum ab. Er weist auf den grausamen Gott der Christen hin und führt dabei die inhumanen Stellen sowohl im Alten Testament wie auch im Neuen Testament auf. Er stellt die Bibel nicht nur als inhuman, sondern auch äußerst gefährlich dar, denn sie legitimiert Völkermord und härtere blutige Strafen. Natürlich steht hinter solcher Position ein schwererer innerer Konflikt, denn im Bündnis mit anderen spirituellen Verlagen – die solche Art Literatur publizieren – bedeutet dies einen täglichen „Eiertanz“. Aber auch in anderer Angelegenheit zeigte Andreas Lentz schon seinen Mut und sein Engagement für Herausforderungen. Mit einer großen Anzeigeaktion hatte er sich vor wenigen Jahren von der Zusammenarbeit mit den Barsortimenten (Auslieferungen für Buchhandlungen) verabschiedet und war einer der wenigen, der sich deren kommerzielle Politik gegenüber Verlagen mit zu ungünstigen Konditionen nicht gefallen ließ.

_Zensur_ greift weltweit immer mehr um sich, nicht nur in den diktatorischen Ländern bzw. hauptsächlich der islamischen Welt. Leider vor allem in den _USA_ ist sie auf dem Vormarsch. Amerikanische Verleger müssen die Regierung um Erlaubnis fragen, was sie veröffentlichen dürfen. Das Verlegen von Literatur aus den Embargoländern, den so genannten „Schurkenstaaten“, ist genehmigungspflichtig. Auch in _Deutschland_ gibt es interessante Gepflogenheiten. Die Bundesbehörden sind berechtigt, bei Buchhandlungen und Bibliotheken Auskunft darüber einzuholen, für welche Bücher sich verdächtige Kunden interessieren und welche Werke sie kaufen. Nach der _internationalen Verlegerunion (PEN)_ wurden im vergangenen Jahr weltweit mehr als 1000 Autoren, Publizisten, Verleger und Journalisten verfolgt, davon 230 vor Gericht gestellt.
(Siehe dazu auch den Essay [„Die Geheimnisse der Zensur“]http://www.telos-verlag.de/seiten/kasrede.htm von Dr. Roland Seim M.A.)

Die _neoliberale Wirtschaftspolitik_ der 90er Jahre hat auch in den Verlagen deutliche Spuren hinterlassen. Die Tendenz zu immer größerer Konsolidierung und Kommerzialisierung hat mächtige Oligopole entstehen lassen und das Geschäft des Verlegens radikal verändert. Nicht mehr das Produkt, sondern dessen Vermarktung stehen im Vordergrund. |“Dabei sind für viele Nationen Bücher noch immer die einzigen Waffen im Ringen um die Freiheit und um das geistige Überleben“| (Hans Küng).

Das Gastland der _Frankfurter Buchmesse 2004_ – 17 Länder aus der _arabischen Welt_ – hat schon jetzt einen neuen Rekord aufgestellt. Mit 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist dies bislang die größte Gastland-Ausstellung seit Einführung dieser Einrichtung auf der Messe. Nicht beteiligt sind Algerien, Marokko, Libyen, Kuwait und Irak, die allerdings mit eigenen Beiträgen vertreten sind. Zur _Frankfurter Buchmesse 2005_ wird erstmals auch _Nordkorea_ teilnehmen. Zuvor nimmt Deutschland ebenso erstmals an der nordkoreanischen Buchmesse teil.
Realistisch betrachtet, gibt es allerdings keine wirkliche Verlagswirtschaft in Nordkorea, nicht zuletzt wegen der Papierknappheit, wodurch gar keine Bücher gedruckt werden können. Wenn ein neues Werk herauskommt, stammt es vom Großen Führer. Der Novitätenausschuss liegt in guten Zeiten bei 700 Titeln jährlich. 50 Prozent der literarischen Bücher rühmen die Revolutionsgeschichte, die anderen 50 Prozent den revolutionären Aufbau. Geschrieben wird nach Plan, die Autoren sind namenlose Kollektive. Untergrundliteratur wie im früheren Ostblock gibt es nicht. Kataloge und ein Verzeichnis lieferbarer Bücher gibt es nicht. Der Buchmarkt ist staatlich gelenkt. Oberste Behörde ist das Amt für Publikation. Selbst der Minister für auswärtige kulturelle Angelegenheiten beantwortet keine Fragen, sondern verweist auf dieses mysteriöse Amt. Die kulturelle Öffnung läuft derzeit recht breit – so ging auch beispielsweise die Eröffnung eines Lesesaals mit deutscher Literatur durch die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang durch die Hauptnachrichtensendungen des deutschen Fernsehens. Denn dies ist die erste westliche Kultureinrichtung auf nordkoreanischem Boden.
Ob dort für koreanische Interessenten freier Zutritt möglich sein wird, muss kritisch beobachtet werden. Denn bisher werden selbst im germanistischen Institut der Kim-Il-Sung-Universtität Lexika und Gegenwartsliteratur vor den Studenten weggeschlossen. Die Leselisten für die ca. 50 Studenten stammen noch aus DDR-Zeiten, ebenso die Lehrmaterialien. Übersetzt wurden vor allem Goethe, Schiller, Heine, Remarque, Thomas Mann, Heinrich Böll und Anna Seghers. Harry Potter ist in Nordkorea unbekannt geblieben.
Vorsichtig öffnet sich Nordkorea für Kontakte nach Deutschland, die nach dem Zusammenbruch der DDR vollkommen eingestellt worden waren. Auf der Buchmesse 2005 wird Korea also Gastland sein und wiederum stellt sich dabei die riskante friedenspolitische Arbeit der Messe klar heraus. Denn Nordkorea wird dabei in die Gastlandpräsentation Korea integriert und für kurze Zeit sind dann beide Länder tatsächlich erstmals kulturell vereint. Südkorea stimmt dieser Politik zu, beide Hälften des Landes träumen von einer Vereinigung.
Mit der japanischen Kolonialherrschaft (1910 – 1945) begann für Korea ein von Kriegen und Konflikten geprägtes Jahrhundert, das Traumata und Zerstörungen zurückließ. Der Koreakrieg endete 1953 mit der Teilung des verwüsteten Landes. Norden und Süden sind militärisch gegeneinander abgeschottet und dazwischen verläuft ein vier Kilometer breiter, verminter Streifen Niemandsland. An der Grenze stehen sich waffenklirrende Truppenverbände gegenüber; allein im Norden sollen eine Million Soldaten stationiert sein. Telefonate, Briefverkehr oder Besuche sind von beiden Seiten streng untersagt.
Dennoch gibt es Versuche, sich einander anzunähern. Bereits in der sogenannten Berliner Erklärung hat der damalige südkoreanische Präsident Kim Dae-jung das kommunistische Nordkorea zu einer Politik der Versöhnung und Kooperation aufgefordert. Der nordkoreanische Kim Jong II. reagiert verhalten und nur aufgrund der wirtschaftlichen Not, aus der heraus es bereits zu einer Reihe von innerkoreanischen Projekten gekommen ist (z.B. die Sonderwirtschaftszone Kaesong). Das Interesse an einer Vereinigung ist bei den Großmächten Amerika, China und Russland sehr gering. Kulturell und politisch ist das für westliche Demokraten aber auch eine schwierige Annäherung. In Nordkorea gilt die Zeitrechnung nach der Geburt ihres Ewigen Präsidenten Kim Il Sung, zugleich Geburtsjahr der Staatslehre Juche, Werk des Großen Führers. 2004 ist in Nordkorea das Jahr 93. Aufgrund der Erfahrungen mit der japanischen Okkupation (1910 – 1945) und dem Koreakrieg setzte Nordkorea auf absolute Unabhängigkeit, mit dem Preis der Abschottung gegenüber dem Rest der Welt. Nun öffnet man sich, der wirtschaftlichen Not gehorchend. Eine Vorreiterrolle spielt dabei Deutschland, das seit 2001 diplomatische Beziehungen unterhält. Seit dem Ausbleiben von Wirtschaftshilfen aus dem ehemaligen Ostblock kann sich Nordkorea nicht mehr selbst versorgen. Die großen Hungersnöte 1994 – 1998 haben die deutsche Welthungerhilfe aktiv werden lassen.

Der diesjährige _Friedenspreis des Deutschen Buchhandels_ geht an den ungarischen Autor Péter Esterházy.

Im Juli verstarben gleich zwei der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Zeichnerszene. _Chlodwig Poth_ (im Alter von 74 Jahren) galt als einer der wichtigsten deutschen satirischen Zeichner und erhielt noch im letzten Jahr die Goetheplakette der Stadt Frankfurt. Er hatte die Zeitschriften |Pardon| und |Titanic| mitbegründet.
Ebenfalls verstorben ist mit 45 Jahren der Karikaturist _Bernd Pfarr_, Vertreter der |Neuen Frankfurter Schule| und ebenfalls für |Titanic| tätig, aber auch für den |Stern| und das |Zeit-Magazin|. Außerdem illustrierte er Kinderbücher. Für sein Werk hatte er 1998 den Max-und-Moritz-Preis erhalten.

Ebenfalls im Juli verstarb _Joachim Radner_, Geschäftsführer der Verlagsgruppe |Beltz|, mit 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Radner hatte 2001 die Führung der |Beltz|-Verlagsgruppe vom Senior-Verleger Manfred Beltz Rübelmann übernommen und den Verlag durch Ankauf mehrerer Fachbuch- und Kinder/Jugendprogramme ausgebaut.

|Das _Börsenblatt_, das die hauptsächlichen Quellen für diesen Essay liefert, ist selbst auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net |