Byron, Lord / Polidori, John William / Gustavus, Frank – Vampyr, Der – oder Gespenstersommer am Genfer See

_Literarischer Psychothriller_

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati: Der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten. Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und Polidoris „Der Vampyr“ hervorgehen. Polidori erzählt, was geschah. So gab einer der Gebrüder Grimm den Anstoß zu „Frankenstein“, und Lord Byron und „Der Vampyr“ wurden zum Fluch für den Möchtegerndichter Dr. Polidori. In einem Interview hält er im Jahre 1821 Rückblick auf jene verhängnisvollen Tage am See.

_Die Autoren_

|John William Polidori:|

John William Polidori wird 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird!

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren; vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift.

|Lord Byron:|

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk „Childe Harold’s Pilgrimage“ (deutsch „Ritter Harolds Pilgerfahrt“) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung)

_Die Sprecher_

J. W. Polidori: Andreas Fröhlich, die deutsche Stimme von John Cusack, Edward Norton und Sméagol/Gollum aus dem |Herrn der Ringe|
Lord Byron: Joachim Tennstedt, die deutsche Stimme von John Malkovich, Mickey Rourke, Michael Keaton
Mary Wollstonecraft-Godwin-Shelley: Anna Carlsson
Percy B. Shelley: Santiago Ziesmer (Stimme von Steve Buscemi, Matthew Broderick)
Claire Clairmont: Dorette Hugo
Gräfin von Breuss, Signora Cassati: Marianne Groß (Stimme von Whoopi Goldberg, Cher, Meryl Streep)
Reporter bei Polidori: Timmo Niesner (Stimme von Elijah Wood in |Herr der Ringe|, Tobey Maguire)
Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus / Musik: Stephan Jacobi; |Ripper Records| (Elmshorn) 2004

_Handlung_

|PROLOG|

In der Villa Diodati (siehe oben) findet am 18.6.1916 eine Lesung von Gespenstergeschichten statt. Anwesend sind der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont, eine angehende Schauspielerin. Claire oder Mary tragen die Erzählung „Die Totenbraut“ aus der Anthologie „Phantasmagoriana“ vor. Sturm und Donner liefern eine eindrucksvolle Soundkulisse zum gruseligen Inhalt der Story.

Wesentlich dramatischer trägt Byron das Gedicht „Cristabel“ seines Landmannes Samuel Coleridge vor. Der Eindruck des charismatischen Vortragenden ist derart, dass Percy Shelley einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Laudanum-Süchtige muss von „Pollydolly“, wie Byron und Shelley Dr. Polidori herabsetzend nennen, behandelt werden, und Mary macht sich Sorgen um ihren Geliebten. Laudanum ist in Alkohol verflüssigtes Opium, enthält aber auch giftiges Bilsenkraut.

Anderntags macht Byron den folgenreichen Vorschlag, jeder solle eine Geistergeschichte schreiben und sie anschließend zum Ergötzen der Freunde vortragen.

|Haupthandlung|

Polidori ist auf die Reise mitgegangen, weil ihm Byron den Posten des Leibarztes angeboten hat. Der junge Mediziner mit den hochfliegenden literarischen Ambitionen ist geschmeichelt, doch hintergeht er zunächst seinen Chef, indem er mit dessen Verleger einen Vertrag über ein Reisetagebuch abschließt, für das er 500 Pfund, eine Menge Geld, bekommen soll. Doch er kann das Geheimnis nicht lange für sich behalten. Schon bei der Kanalüberfahrt plaudert er, und Byron bittet ihn um Diskretion in persönlichen Dingen.

Am Rhein verärgert er Byron ernstlich durch seine Anmaßung, er stünde dem Lord nur in wenigen Dingen nach. Er ist unten durch, und Byron macht ihn durch den Spitznamen „Pollydolly“ lächerlich, besonders gegenüber den Begelitern in der Villa Diodati.

Hier präsentiert Byron im Rahmen seines Wettbewerbs seine Geschichte „Der Vampyr“, die er aus dem Versepos „The Giaour“ (siehe oben die Autorenbeschreibung) abgeleitet hatte. Es handelt sich lediglich um eine Reisebeschreibung aus dem Jahr 1700 und das Begraben eines Gefährten namens Augustus Darville auf einem türkischen Totenacker. Eine Idee dazu ist aus „Die Totenbraut“. Doch Byron hat auch eine Idee zur Weiterführung, und diese greift Polidori später auf: Darville ist in England aufgetaucht und inzwischen der Liebhaber der Schwester des Erzählers …

Den eigentlichen Anstoß, die Geschichte weiterzuführen, liefert die Gräfin Breuss, die Polidori besucht, um dem Mobbing in der Villa auszuweichen. Sie glaubt nicht, man könne „etwas aus derartigem Humbug machen“. Um dieses Urteil zu widerlegen, nimmt er ihre Herausforderung an und schreibt eine fertige Geschichte binnen drei Tagen. Erst dies ist der fertige „Vampyr“.

Darin taucht ein bleicher Lord Ruthven auf, der große Ähnlichkeit mit einem dämonischen Byron hat. Im Spiel stürzt er skrupellos ganze Existenzen ins Nichts, zieht aber dadurch das Augenmerk des jungen angehenden Erben Aubrey auf sich. Er verführt dessen Schwester, während er Aubrey selbst immer schwächer werden lässt. Kurz vor seinem Tod beichtet Aubrey seinen Vormündern alles über Ruthven und warnt sie, was dieser mit seiner Schwester vorhabe. Doch jede Hilfe kommt zu spät, und Ruthven ist weiterhin auf der Jagd nach frischem Blut. –

In der Vermarktung des Werkes erlebt er vielerlei Rückschläge, nachdem die Gräfin sein Manuskript hat veröffentlichen lassen. Von einem Honorar des Bestsellers, der bald auf Europas Bühnen aufgeführt wird, sieht Polidori, der Urheber, lediglich 30 schlappe Pfund von einem Verleger. Er muss sich bis zum bitteren Ende mit Urheberstreitigkeiten herumschlagen. Lebenslang bleibt Polidori der unverstandene Literatur-Novize, den Pech und Verhängnis immer wieder beruflich und privat abstrafen.

Das Hörspiel beginnt und endet am letzten Tag von Polidoris Leben, dem dieser selbst und live am 24. August 1821 mit Zyankali ein Ende setzt, nachdem er einem Reporter die „Wahrheit“ über sein Leben berichtet hat.

_Mein Eindruck_

Der Autor des Hörspiels, Frank Gustavus, stellt eine schöne, wenn auch vielleicht kühne Parallele her zwischen der Geschichte „The Vampyre“ und der Beziehung zwischen Byron und Polidori. Um dies akzeptieren zu können, muss der Leser erst einmal genau wissen, wie Polidoris Leben verlief – das wäre seine Biografie – und wie sich die Byron-Beziehung auf sein Seelenleben auswirkte – das wäre das Psychogramm.

Beides zusammen liefert so etwas wie einen literarischen Psychothriller. In dessen letzter Konsequenz erfolgt natürlich des Tod des Opfers: Polidori. Zuvor hat er noch seine Seele erleichtert, indem er einen Reporter als Beichtvater heranzog. Ein letzter Versuch, sich im Blätterwald, der Polidori so übel mitgespielt hat, zu rechtfertigen und seinen persönlichen Vampir, eben Byron, an den Pranger zu stellen. Vergebliche Liebesmüh! In seinen letzten Millisekunden erlebt Polidori nicht nur Spieluhrklingeln und Geisterstimmen, sondern auch die ölig-spöttische Stimme Byrons: „Hallo, Pollydolly!“

|Ironie und Untergang|

Die Ironie bei dieser Geschichte ist jedoch, dass Polidori in seinem blinden Eifer, jugendlichen Stolz und gegen keinerlei Versuchung gefeiter Unschuld der Schöpfer seines eigenen Untergangs ist. Seine Biografie ist die Verkettung von Ereignissen des eigenen Versagens. Er kann weder den Schnabel halten, wenn es klüger wäre zu schweigen, noch eine Herausforderung unbeantwortet lassen. Und sein Spielglück kann er erst recht nicht unversucht lassen.

Daher verprellt er seinen Arbeitgeber, schreibt dessen Story „Der Vampyr“ weiter (was man als Plagiat ansehen könnte) und tappt so in die Falle, die die ihm die schlaue Gräfin Breuss gestellt hat. In seiner blinden Wut, sich an Byron & Co. zu rächen, verrennt er sich zu der pittoresken Beschreibung eines Blutsaugers, der für jeden Zeitgenossen offenkundige Ähnlichkeit mit einem gewissen Lord hat. Byrons abgelegte Geliebte Charlotte Lamb nannte selbst einmal den Namen eines gewissen „Lord Ruthven“. Man braucht nicht das Einmaleins zu beherrschen, um die Verbindung zu sehen.

Aber Polidori erkennt in seinen bitteren letzten Minuten, dass er mit dem „Vampyr“ einen ebensolchen Blutsauger geschaffen hat, der ihm die Lebensenergie aussaugen wird. In seinem Eifer, „meine Geschichte, meine!“ für sich zu retten und zu reklamieren, passiert das genaue Gegenteil: An publizistischer Energie, sprich: Attraktivität, ist der Name „Byron“ weitaus stärker, als es sich der unbekannte Polidori hat träumen lassen. Statt mit dem Strom zu schwimmen und Kapital daraus zu schlagen, stemmt er sich dagegen. Kein Wunder, dass er über kurz oder lang untergeht. Der „Vampyr“ ist stärker. Und der Vampir heißt nicht nur Byron, sondern auch Verlagswesen, Publizität, Public Relations. Für den Literaturhistoriker ist dies eine Offenbarung: Die Macht der englischen Presse ist bereits um 1819 ausreichend, um eine Existenz zu vernichten.

|Mary und das Monster|

Jedoch geht es nicht nur um Polidoris Lebensgeschichte. Beim Treffen am See entstand in einer Nacht beispielsweise auch die Grundidee zu Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, dessen Ursprünge sich bis zur Burg Frankenstein und den Gebrüdern Grimm zurückverfolgen lassen. (Wie dies im Einzelnen zurückzuverfolgen ist, findet sich im Hörspiel. Das hier alles wiederzugeben, würde zu weit führen.)

Eine der besten und schönsten Szenen – nach dem Prolog und dem Schluss – ist Polidoris Unterredung mit der 19-jährigen Mary Wollstonecraft Godwin, die später als Mary Shelley weltbekannt werden wird. Die Szene ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt, zumindest auf der positiven Seite von Polidoris Lebensgeschichte. Und an diesen magischen Moment hat er immer noch, selbst in einer letzten Stunde, ein Andenken behalten: eine Spieluhr, die Mary ihm als Dank dafür geschenkt hat, dass er ihr ein wenig beim Konzipieren des „Frankenstein“ geholfen hat und als Ausgleich für die Sticheleien der Gesellschaft in der Villa Diodati. Schließlich ist er selbst ein Arzt, und als solcher kompetent genug, das Treiben eines gewissen Frankenstein bei der Belebung eines zusammengestückelten „Menschen“ zu beurteilen. Aus der Spieluhr erklingt „Sur le pont d’Avignon“, ein altes französisches Volkslied. Auch dann, als ihr Besitzer seinen letzten Atemzug tut.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist für Kenner ein Genuss. Doch für Hörer, die sich weniger für Literaturhistorie interessieren und einen handfesten Horrortrip erwarten, eignet sich das Werk keineswegs. Es ist eine Inszenierung der meist leisen zwischenmenschlichen Töne, zumindest in den langen Passagen, die auf den gruseligen Prolog folgen. Und die zweite CD langweilt nach der „Frankenstein“-Szene und dem Niederschreiben des „Vampyr“ sogar ein wenig mit Polidoris relativ verwirrenden Italien-Reisen und wechselnden Lebensumständen. Statt Handlung findet sich hier meist Exposition, also Bericht. Dafür entschädigt das dramatische Finale.

Dieses Hörbuch demonstriert eindrucksvoll, was heute mit ausgefeilter Soundtechnik und einem professionellen Tonmeister alles möglich ist. Nicht nur Stereoton – am Anfang hört man, wie die rezitierende Mary von einer Seite des Klangraums zur anderen wechselt -, sondern auch eine sehr nahe und dichte Geräuschkulisse, wie in der Szene auf dem Genfer See (mit Möwengeschrei und Wasserplätschern etc.), sind ohne weiteres realisierbar, um dem Hörer eine unmittelbarere, eindrucksvollere Erfahrung des Geschehens zu ermöglichen. Gut, dass dabei die Gefahr, das Klangerlebnis zu überfrachten, vermieden wird. Übereifer kann eben auch negativ wirken.

Der hohe Preis von ca. 20 Euro ist durch diese Qualitäten gerechtfertigt. Wer mehr Horror will, greife zu den ausgezeichneten Produktionen von |LPL records|, die Maßstäbe setzen. Frank Gustavus führte dort auch Regie für [„Der Schatten über Innsmouth“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424

Demnächst erfährt die Produktion eine direkte Fortsetzung: Im Dezember 2004 veröffentlicht Ripper Records Lord Byrons „Vampyr-Fragment“ und John W. Polidoris „Der Vampyr“ als ungekürzte, inszenierte Lesung von Joachim Tennstedt und Andreas Fröhlich. Die Erstauflage gibt es exklusiv bei Ripper Records, ab Februar 2005 ist die CD dann auch über |Lübbe Audio| im Buch- und Tonträgerhandel erhältlich.

|Umfang: 124 Minuten auf 2 CDs|
Mehr Infos unter: http://www.ripperrecords.de/

Feige, Marcel – neue Lexikon der Fantasy, Das

Marcel Feige als Verfasser von „Das neue Lexikon der Fantasy“ hat nach der 1. Auflage (2000) im Juli 2003 eine überarbeitete Ausgabe zum Abschluss gebracht. Das Buch wurde diesmal in einer Taschenbuchausgabe publiziert; mit 562 Seiten ist es umfangreicher als sein Vorgänger (384 Seiten), etwa 100 s/w-Abbildungen (zuvor: 48 Abbildungen) vervollständigen den Inhalt. Der Verlag definiert als Zielgruppe Harry-Potter-Fans, Tolkien-Anhänger, Märchen-Freunde, Fantasy-Leser, Rollenspieler, Kinogänger, überhaupt alle, die sich für phantastische Welten interessieren. Also genau das Publikum, das beim |X-Zine| nach Informationen sucht …

Marcel Feige, alleinverantwortlicher Verfasser des Nachschlagewerkes, verrät uns gleich auf seiner Seite 1, „dass das Lexikon Informationslücken besitzt … Natürlich spielte bei der Zusammenstellung des Lexikons auch die persönliche Vorliebe des Autors eine gewisse (wenngleich zurückhaltende) Rolle.“ Nun gut, das lässt einiges erahnen, leider dämpft eine solche Bemerkung gleich die Erwartungshaltung empfindlich. Erstaunlich ist auch, dass ich an keiner Stelle den Vorschlag entdecken konnte, bei Fehlern oder Lücken den Verfasser auf diese hinweisen zu wollen. Ein gesundes Selbstbewusstsein macht ein solches Ansinnen sicher überflüssig, wer alles weiß, hat kein Bedürfnis nach Hinweisen oder Vorschlägen. Das wiederum ist für mich eine regelrechte Aufforderung, dieses Lexikon umso genauer durchzuarbeiten.

Zwei Mitarbeiter (Kuno Liesegang und Ralf Krause) werden neben Marcel Feige aufgeführt, mir ebenso wie der Verfasser selbst aus dem Dunstkreis der Fantasy-Facharbeiter in Deutschland gänzlich unbekannt (Kuno Liesegang fällt mir im Zusammenhang mit dem Horror-angehauchten Magazin „Nocturno“ ein, so wie er überhaupt mehr diesem Genre verhaftet zu sein scheint; ein Einfluss, der sich in der Auswahl der Beiträge im vorliegenden Lexikon durchaus bemerkbar gemacht haben kann).

Nach zwei Vorworten fasst Marcel Feige die „Geschichte der Fantasy“ auf sechs Seiten zusammen; er beginnt ganz früh bei Homer vor 2.800 Jahren und schmeißt zur Gegenwart den Deckel aufs Thema. 5000 Jahre Literaturgeschichte auf 6 Seiten – das kann nur ein sehr gewagter Überblick sein. Und ist demnach bestenfalls für völlig von der Fantasy Unbeleckte mit informativem Gehalt angereichert. Der von mir unkommentierte Vergleich: „Die Entwicklungsgeschichte der Science Fiction“, Seite 26 bis 150 (!), in Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur, München 1987.

Doch das, was mich grundsätzlich interessiert, entblättert sich auf den Beiträgen danach, anfangend bei A wie „Abenteuer“ und endend bei Z wie „Zyklopen“. Marcel Feige stellt in seinem Lexikon Personen, Bücher, Filme, Spiele, Legenden, Märchen, Magazine und Firmen vor, alphabetisch geordnet, wie es sich gehört.

Unter dem Buchstaben „D“ beispielsweise entdecken wir: Dalí, Salvador; Damona King; Dämonen-Zyklus; Dämonen-Zyklus; Dark Fantasy; Dark Force; de Camp, L(yon) Sprague; De Lint, Charles; Dean, Roger; Demontower; Demonworld; Dent, Lester; Deryni-Zyklus; Deutsche Tolkien Gesellschaft e. V.; Deutscher Phantastik Preis; Dhana; Dickens, Charles; Dickson, Gordon R(upert); Der Dieb der Zeit; Der Dieb von Bagdad; Der Dieb von Bagdad; Der Dieb von Bagdad; Die Diebin von Bagdad. Die Erläuterungen zu den einzelnen Begriffen sind unterschiedlich lang geraten; zu einigen Beiträgen hätte ich mir mehr Details gewünscht, zu anderen weniger. Zu aufgeführten Roman-Serien werden die dazugehörigen Einzelbände (wo möglich, die deutschen Übersetzungen) gelistet. Querverweise führen weiter und vervollständigen die lexikalischen Einträge.

Die Auswahl ist, wie oben angesagt, von den persönlichen Vorlieben des Autors geprägt. Ich würde diese „Vorlieben“ vielleicht auch gleichsetzen mit „Erfahrungen“, denn das, was dann Eingang gefunden hat ins Buch, liest sich bisweilen wie ein Sammelsurium an Begrifflichkeiten, deren Plausibilität manchmal sehr zu wünschen übrig lässt.

„Shadowrun“ wird auf 2 ½ Seiten abgehandelt, „Dungeon & Dragons“ dagegen nur auf einer mageren Seite (wobei nur in einem einzigen Satz auf die deutschen Ausgaben hingewiesen wird.) Dabei ist lt. |FanPro| „Shadowrun … eine Science-Fiction-Hintergrundwelt, in der Geschichten und Abenteuer angesiedelt sind, vergleichbar mit den Hintergrundwelten von Science-Fiction-Filmen, -Fernsehserien und -Romanen.“

Erstaunlich sind auch Bemerkungen wie im |Dungeons & Dragons|-Beitrag: „… ist eines der ersten Rollenspielsysteme, das der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.“ Oder zu Gary Gygax: „1974 gründete er die Firma TSR und veröffentlichte eines der ersten Rollenspiele, ‚Dungeons & Dragons‘.“ Vor D&D gab es nichts Vergleichbares.

Unter einem eigenständigen Eintrag wird der „Vielflächner“ beschworen, der mehrseitige Würfel. Dieser Begriff ist mir zwar aus der Geometrie bekannt, aber im Rollenspiel noch nicht untergekommen.

Dazu schleichen sich Recherchefehler ins Innere des Lexikons. George R. R. Martins Roman-Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ wird umfirmiert in „Das Lied von Feuer und Eis“. Klingt nicht schlecht, ist aber falsch.

Das Magazin „Magira“ wurde der Herausgeberschaft des gesondert aufgeführten EDFC e. V. (Erster Deutscher Fantasy Club) zugeordnet, was sich alleine durch einen sorgfältigen Blick in das Magira-Impressum als schlichtweg falsch erweist: „Herausgegeben von Hubert Straßl und dem Fantasy Club e. V.“

Überhaupt vermisse ich eine Erwähnung des „Fantasy Club“, noch immer der bedeutsamste Fantasy-Verein im deutschsprachigen Raum ist. (Immerhin veröffentlichte dort Dr. Helmut W. Pesch, im Lexikon zu Recht mit einem eigenen Eintrag geehrt, aber im Vorwort gleichsam herabgekanzelt als „hoffnungsvoller Nachwuchs“; dabei hat dieser bereits professionell gearbeitet, als Marcel Feige das Wort „Fantasy“ nicht einmal vorwärts buchstabieren konnte.)

Hinzu kommen widersprüchliche Beiträge wie der zu „Sword & Sorcery“: „Geprägt wird der Begriff zum ersten Mal durch Fritz Leiber, der die Abenteuer seiner beiden Helden im Schwerter-Zyklus einordnen möchte …“ (Seite 424). „Mit der Anthologie ‚Sword & Sorcery‘ prägt de Camp 1963 ein Subgenre der Fantasy und gibt ihm einen Namen: Sword & Sorcery.“ (Seite 91). Ja, wer denn nun, de Camp oder Leiber? („Der Begriff stammt von Fritz Leiber und taucht zum ersten Mal in einem Magazin namens |Ancalagon| bzw. 1961 in der Julinummer des Magazins |Amra| auf.“ Hetmann, Frederik: Die Freuden der Fantasy, Ullstein 1984)

Magazine werden von Marcel Feige angeführt, die „WunderWelten“ gehört mit Fug und Recht dazu, doch was kommt dann: die „Fantasywelt“ („eher fanmäßiges Infomagazin“). Wo lese ich etwas von der ungleich bedeutsameren „ZauberZeit“, wo ist die Rede von der „Spielwelt“ (der ersten ernsthaften Rollenspielzeitschrift in Deutschland)? Ein solch weitergereichtes Informationsdefizit ist nicht einfach mit der Hand wegzuwischen, denn dieses Lexikon bietet laut Klappentext „einen umfassenden Überblick“, von Lücken und Nachlässigkeiten kein Wort. Was also wird jemand, der sich dieses Lexikon zur Grundlage seiner Arbeit nimmt (weil nichts anderes als Konkurrenzprodukt zur Verfügung steht), womöglich in seinen Artikel aufnehmen: „Deutschlands bekannteste Fantasy-Magazine Fantasywelt und WunderWelten …“

Weshalb werden die Spielbücher mit keiner Silbe erwähnt, die immerhin ein wichtiger Schritt hin zu den textbasierten PC-Rollenspielen waren (von denen Nachfolger wie die „Ultima“-Serie nicht erwähnt werden, aber ein simpler Konsolen-Epigone wie „Zelda“ verewigt wird. Hineingehört hätten stattdessen „Baldur’s Gate“, „Neverwinter Nights“ oder „Diablo“) und in Deutschland eine breite Leserschaft amüsierten?

Ich freue mich über den Versuch, der deutschsprachigen Gemeinde ein Fantasy-Lexikon zu präsentieren. Die Mehrzahl der Beiträge in diesem Lexikon ist ordentlich geraten. Doch die Ausreißer sind nicht von der Hand zu weisen, im Gegenteil: Sie sind in mancher Hinsicht sehr ärgerlich. Damit verhindert Marcel Feige, dass dieses Lexikon als Grundlagenbuch oder Referenz empfohlen werden kann. Es fehlt zu viel, und einiges ist nicht richtig.

Wozu eignet sich dieses „Neue Lexikon der Fantasy“? Zum Schmökern, zum Nachschlagen, als eine mögliche Informationsquelle für Neugierige, die eine erste Übersicht über Fantasy gewinnen möchten.

_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Allingham, Margery – Hüter des Kelchs, Der

_Das geschieht:_

Albert Campion ist das schwarze Schaf seiner hochadligen Familie, die ihn deshalb verstoßen hat. Nun verdingt er sich als privater Ermittler, der auch dort seiner kriminalistischen Arbeit nachgehen kann, wo die Polizei versagt. Campion hat dank seines bodenständigen ‚Partners‘, des ehemaligen Einbrechers Lugg, einen guten Draht zur Unterwelt. So hat er von der „Firma“ erfahren. Diese Verbrecherbande arbeitet für hoch angesehene, schwer reiche, absolut skrupellose Kunstsammler, die ihrer Sammlung Stücke einverleiben wollen, die sich in Privatbesitz befinden oder in Museen hängen: Sie werden schlicht gestohlen.

Nun erging ein neuer ‚Auftrag‘ an die „Firma“: Der berühmte Kelch von Gyrth soll geraubt werden. Seit Jahrhunderten befindet er sich im Besitz der gleichnamigen Familie, die ihn in „The Tower“, dem Stammsitz nahe der Gemeinde Sanctuary in der Grafschaft Suffolk, aufbewahrt. Ein uralter Geheimvertrag verpflichtet die Gyrthes, den Kelch für die Krone zu hüten. Verschwindet er, verlieren sie Rang und Besitz.

Kein Wunder, dass Campions Warnung für Aufregung sorgt. Doch wer ist Freund, wer Feind? Campion findet einen Verbündeten in Valentine Gyrth, Sohn und Erbe des derzeitigen Baronets. Dieser hat sich zwar mit dem Vater zerstritten, kehrt jetzt aber zurück, als nicht nur die Familienehre in Gefahr gerät: Lady Diana, Valentines törichte Tante, die sich selbst zur „Kelchjungfrau“ ernannt hatte, wurde ermordet auf einer Waldlichtung gefunden. Die „Firma“ ist schon aktiv, und sie will den Kelch offenbar um jeden Preis: schlecht für Campion & Co., die weiterhin absolut keine Ahnung haben, wer ihre Gegner sind!

|Kleine, mörderisch gemütliche Welt|

Glückliches Großbritannien: Hier ist zumindest im klassischen Kriminalroman die Welt noch in Ordnung. Ein Verbrechen kann das nur kurzfristig stören. In so einer Welt möchten wir globalisierungsgestressten, outgesourcten Gegenwartsmenschen insgeheim auch gern leben. Deshalb lesen wir so gern Romane wie diesen. Alle von den Fans so heiß geliebten Elemente eines zünftigen „Whodunit“-Thrillers werden von der Verfasserin kundig beschworen. Da haben das kleine, idyllische, von der Zeit offenbar vergessene Dorf auf dem Land, über dem ein feudaler, von einem verwunschenen Wald umgebender Landsitz thront, der über einen Turm mit Geheimkammer verfügt.

Der Plot ist dieser Umgebung angemessen. Vor Urzeiten hat ein frühmittelalterlicher Eroberer in „The Tower“ einen Schatz verborgen, von dessen Existenz die englische Monarchie abhängt. Ein kompliziertes, höchst archaisches Ritual ist damit für jene verbunden, die ihn hüten. Die Vergangenheit ist und bleibt präsent, als sich nun gierige Diebesfinger nach dem wertvollen Kelch ausstrecken.

Hüten können diesen natürlich nur Adlige reinsten Geblüts, die dann ruhig reichlich verschroben sein dürfen. Es ist unter diesen Umständen überhaupt kein Stilbruch, dass sich ein leibhaftiges Gespenst ins Geschehen einmischt. Auch eine Hexe, ein Dorftrottel, ein zerstreuter Professor, romantisch-verwegene Zigeuner, pittoreske Schurken und andere absolut unrealistische, aber allerliebst agierende Gestalten haben ihre großen Auftritte.

Eine riskante Geschichte, stets haarscharf am Rande der Lächerlichkeit balancierend: Das Talent der Autorin führt dazu, dass wir uns stattdessen durchweg gut amüsieren. Allingham leugnet nie die Märchenhaftigkeit ihres Kelch-Krimis – sie ignoriert diese einfach bzw. präsentiert noch die haarsträubendsten Ereignisse mit dem berühmt-berüchtigten britischen Ernst, hinter dem sich knochentrockener Humor verbergen kann. Solche Meisterschaft und Dreistigkeit zugleich im Spinnen absurder Garne kennt man sonst nur von John Dickson Carr (1906-1977), der gruselige Burgen und Ruinen liebte und doch immer wieder streng rational denkende Detektive ihre Geheimnisse lüften ließ. In dieser Beziehung geht Allingham noch einen Schritt weiter: Die Präsenz des Übernatürlichen fügt sie geschickt ins Geschehen ein. Das hätte Carrs Dr. Fell niemals gestattet!

|Den Anstand wenigstens vorgeben|

Verfolgungsjagden, Massenprügeleien, nächtliche Hexenhatz, Entführungen, Todesfallen: Auch sonst lässt Allingham ihre Leser nie zur Ruhe kommen. Albert Campion kommt kaum zum Kombinieren. Für einen angeblich vergeistigten, weichlich wirkenden Ermittler ist er ziemlich rege, reist inkognito mit Zigeunern im Land umher, verfügt über bemerkenswerte Verbindungen zur Prominenz seines Heimatlandes in Politik und Gesellschaft. Kein Wunder, ist er doch selbst so etwas wie ein Königskind, das sich zwar von seiner Familie losgesagt hat, aber dennoch seine Adelspflichten erfüllt. Um seine ehrwürdige Verwandtschaft nicht vor der Öffentlichkeit zu düpieren, hat er sich ein bürgerliches Leben und einen neuen Namen zugelegt. Die ihm in die Wiege gelegten Kontakte kombiniert er mit seinen kriminalistischen Talenten. Das ist für den echten Blaublütler praktisch: Selbst das Königshaus bemüht Albert Campion, wenn es heikle Verbrechen zu klären und Skandale zu verhindern gilt, denn er ist offiziell zwar persona non grata, aber trotzdem „einer der Jungs“ & ein Gentleman, mit dem man sich abgeben kann.

Campion ist wie so viele Detektive der klassischen Ära ein Abkömmling von Sherlock Holmes. Allingham bemüht sich zwar ihn menschlicher wirken zu lassen, aber da ist einerseits doch eine Grenzlinie, hinter der sich der wahre Albert Campion verborgen hält. Andererseits finden wir halt doch viele Holmes-Elemente wieder, wenn wir nach ihnen Ausschau halten.

|Freunde & Frauen|

Einen Watson besitzt Campion auch. Den hat Allingham allerdings völlig neu gestaltet. Lugg zeichnet ganz sicher nicht die Taten seines Herrn für die Nachwelt auf. Er schreibt (oder denkt) nicht, er handelt. Als waschechter Angehöriger der Unterschicht und geläuterter Krimineller verfügt er über Mutterwitz, Schlauheit und Mut. Allingham hat ihn bemerkenswert freigeistig und ohne Spur des typischen Herr-Diener-Verhältnisses gestaltet, wie es z. B. Dorothy Sayers’ Lord Peter Wimsey und Bunter verbindet. Campion und Lugg haben viel miteinander erlebt; sie sind Freunde geworden, soweit dies das starre britische Kastensystem möglich macht.

Frauen sind im klassischen Thriller üblicherweise schmückendes Beiwerk. Auch Allingham hütete sich ihre zeitgenössischen Leser zu vergrämen. Emanzipation im eigentlichen Sinn wird man daher nicht finden. Allerdings deutet der Originaltitel unseres Abenteuers bereits an: Die Verfasserin ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass ihre Geschlechtsgenossinnen nicht nur deshalb auf dieser Welt wandeln, um von guten Männern vor bösen Kerls gerettet zu werden ,..

_Autorin_

Margery Louise Allingham wurde 1904 geboren. Die Schriftstellerei wurde ihr quasi in die Wiege gelegt; in ihrer Familie ersetzte sie die Hausmusik. So war es kaum verwunderlich, dass Margery beschloss, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Sie veröffentlichte 1923 als Romanerstling „Blackkerchief Dick“, eine Romanze. In diesem Genre verfasste sie auch eine Reihe von Kurzgeschichten für Magazine

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entdeckte Allingham den Kriminalroman. 1928 erschien „The White Cottage Mystery“ (dt. „Ein böser Nachbar“). Die Leserschaft reagiert positiv. Allingham blieb dem Genre treu. Sie erfasste rasch, dass sie ihr Publikum noch fester an sich binden konnte, wenn sie ihm eine Identifikationsfigur in Gestalt eines Serienhelden lieferte. 1929 erschien Albert Campion auf der Bildfläche. Allingham schuf ihn (übrigens in enger, lebenslanger Zusammenarbeit mit ihrem Ehegatten Philip Youngman Carter) als freundlichen, intelligenten, jungen Mann mit adligem Hintergrund. Sie stattete ihn mit einer Biografie aus, wies ihm als Geburtsdatum den 15. Mai 1900 zu und ließ ihn altern. Mit den Jahren wurde Albert Campion klüger (und ein wenig zynisch). Auch seine Fälle wurden moderner; zwar blieben sie „Whodunits“, aber sie orientierten sich sacht an der Zeitgeschichte und taten nicht so, als sei das viktorianische England nie verstrichen.

Allinghams Thriller wurden von der Kritik und den Lesern gleichermaßen wegen der sauber gedrechselten, verwickelten Plots, der einprägsamen Figurenzeichnung und des Stils geschätzt. Zusammen mit Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers gehörte sie zur Prominenz der britischen Kriminalschriftstellerinnen. (In Deutschland genoss sie seltsamerweise nie den Ruhm, der ihr zukommt; erst relativ spät nahm sich in den 1980er Jahren der Diogenes-Verlag des Allinghamschen Œvres an, aber dann immerhin gut übersetzt und ungekürzt.)

In den 1960er Jahren erkrankte Margery Allingham an Krebs. Sie erlag ihrer Krankheit am 30. Juni 1966. Dies war allerdings nicht das Ende von Albert Campion. Youngman Carter setzte die Reihe fort, er starb allerdings selbst bereits dreieinhalb Jahre später. Trotzdem blieb Albert Campion präsent; Allinghams Bücher werden ständig neu aufgelegt. Ende der 1980er Jahre gelang Campion der Sprung ins Fernsehen. In acht spielfilmlangen Episoden verkörperte ihn Peter Davison mit großem Erfolg.

_Die Albert-Campion Serie:_

(1929) Mord in Black Dudley/Der italienische Dolch |(The Black Dudley Murder)|
(1930) Gefährliches Landleben |(Mystery Mile)|
(1931) Polizei am Grab |(Police at the Funeral)|
(1931) Der Hüter des Kelchs |(Look to the Lady)|
(1933) Süße Gefahr |(Sweet Danger)|
(1934) Ein Gespenst stirbt/Wenn Geister sterben |(Death of a Ghost)|
(1936) Für Jugendliche nicht geeignet/Blumen für den Richter |(Flowers for the Judge)|
(1937) Der Fall Pig |(The Case of the Late Pig)|
(1937) Tänzer in Trauer |(Dancers in the Morning)|
(1938) Mode und Morde |(The Fashion in Shrouds)|
(1941) Judaslohn |(Traitor’s Purse)|
(1945) Zur Hochzeit eine Leiche |(Coroner’s Pidgin)|
(1948) Überstunden für den Totengräber |(More Work for the Undertaker)|
(1952) Die Spur des Tigers |(The Tiger in the Smoke)|
(1955) Die lockende Dame/Trau keiner Lady |(The Beckoning Lady)|
(1958) Schlag mich mit Blindheit |(Hide My Eyes)|
(1963) Der Geist der Gouvernante |(The China Governess)|
(1965) Gedankenschnüffler |(The Mind Readers)|
(1968) |Cargo of Eagles| (vollendet von Philip Youngman Carter; keine dt. Ausgabe)
(1968) Der zweite Anruf |(Mr. Campion’s Farthing)|*
(1971) Trick 17 |(Mr. Campion’s Falcon)|*

* von Philip Youngman Carter

_Die Campion-Kurzgeschichten-Sammlungen_

(1937) |Mr. Campion, Criminologist| (keine dt. Ausgabe)
(1939) Die Handschuhe des Franzosen |(Mr. Campion and Others)|
(1947) |The Casebook of Mr. Campion| (keine dt. Ausgabe)
(1969) Mädchen, Nerz und Detektive/Der Dank des Einbrechers |(The Allingham Case Book)|
(1973) Der vollkommene Butler |(The Allingham Minibus – More Short Stories)|
(1989) |The Return of Mr. Campion| (keine dt. Ausgabe)

|Taschenbuch: 282 Seiten
Originaltitel: Look to the Lady (London : Jarrolds 1931)
Übersetzung: Alexandra u. Gerhard Baumrucker
ISBN-13: 978-3-442-03079-8|
[Autorenhomepage]http://www.margeryallingham.org.uk
[Verlagshomepage]http://www.randomhouse.de/goldmann

(Michael Drewniok)

David Quammen – Die zwei Hörner des Rhinozeros

Anderthalb Jahrzehnte stellte David Quammen stellvertretend für wache Zeitgenossen Fragen zum Verhältnis des Menschen zur Natur, um sie im Magazin „Outside“ zu beantworten. 25 dieser Kolumnentexte liegen hier vor. Quammen hinterfragt scheinbar feststehende oder „unwichtige“ Fakten, zeigt erstaunliche Querverweise auf und stellt die herauspräparierten Erkenntnisse zu einem neuen Gesamtbild zusammen. Dabei schweift der Autor unbekümmert aus & ab und schwelgt in Anekdoten. Nicht immer geht die Rechnung auf, aber insgesamt liest und lernt man mit großem Vergnügen.
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Kettlitz, Hardy (Hrsg.) – Alien Contact Jahrbuch 2003

Seit 2002 erscheint das Magazin „Alien Contact“ nicht mehr in gedruckter Form, sondern „nur“ noch im Internet. Gebündelt gibt es die dort veröffentlichten Beiträge im „Alien Contact Jahrbuch“, von dem jetzt die zweite Ausgabe vorliegt. Das Jahrbuch 2003 wartet gleich mit einer Neuerung auf – parallel erscheint nun auch das „Shayol Jahrbuch für Science Fiction“. Hardy Kettlitz begründet dies im Vorwort mit dem gestiegenen Gesamtumfang der Online-Ausgaben. So will man künftig Erzählungen, Essays und Interviews im „Alien Contact Jahrbuch“ publizieren, die direkt auf das Jahr bezogenen Beiträge – wie Rezensionen oder Rückblicke sowie eine ausführliche Bibliographie – dagegen im „Shayol Jahrbuch“. Keine Konkurrenz im eigenen Hause, wie der Herausgeber betont, sondern eine Ergänzung. Bleibt die Frage, ob der Leser beim Preis von 18,90 beziehungsweise sogar 19,90 dann auch mitspielt. Und sich ergänzend auch noch [„Heynes Science Fiction Jahr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=459 zulegt, das den jährlich wiederkehrenden Einstellungsgerüchten zum Trotz ja immer noch erscheint …

Das größte Augenmerk der gesammelten Ausgaben 51 bis 57 verdienen die Kurzgeschichten. Herausragend: George R. R. Martins „Die zweite Speisung“. Lange bevor sich Martin an sein (zu Recht) gefeiertes Fantasy-Epos „Das Lied von Eis und Feuer“ setzte, brillierte er in den siebziger Jahren bereits als Autor überdurchschnittlicher Kurzgeschichten, ehe er sich seinen ersten Romanen zuwandte, fürs Fernsehen („Twilight Zone“) arbeitete, die Shared-World-Serie „Wild Cards“ herausgab und schließlich bei der epischen Fantasy landete. „Die zweite Speisung“ ist eine der Storys um den exzentrischen Öko-Ingenieur Haviland Tuf, deren gesammelter deutscher Ausgabe (nach dem Vorbild „Tuf Voyaging“ von 1988) sich eines Tages hoffentlich einmal ein Verlag erbarmt. Eine deutsche Erstveröffentlichung, zu der man |Alien Contact| gratulieren darf. Wie auch zu Elizabeth Hands „Engels, in Unkenntnis“, einer atmosphärisch dichten, spannend erzählten und bitterbösen Geschichte über den Börsencrash am „Schwarzen Montag“, dem 19. Oktober 1987. Nett zu lesen, aber vergleichsweise harmlos ist dagegen Terry Bissons „Ich habe das Licht gesehen“. Pat Cadigans Geschichte „Rock on“ (bereits auf deutsch veröffentlicht: in der |Heyne|-Anthologie „Spiegelschatten“, herausgegeben von Bruce Sterling) macht genau das, was der Titel verspricht: Sie rockt. Nicht nur Cyberpunk-Freunde werden daran ihren Spaß haben.

Auch einige der deutschen Storys stehen hinter den vier Übersetzungen keinesfalls zurück: An erster Stelle ist „Das Internetz in den Händen der Arbeiterklasse“ von Angela und Karlheinz Steinmüller zu nennen (ebenso für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wie die gleichfalls hier vertretenen Geschichten „Don’t Make Me Come Down There“ von Christian Fischer und „Pakettage“ von Barbara Slawig). Die Steinmüllers lassen – höchst amüsant für den Leser und mindestens ebenso beängstigend für den Protagonisten – eine virtuelle Alternativwelt-DDR auferstehen. Leider verschwindet diese fast genauso schnell wieder in den unergründlichen Tiefen des Netzes, wie sie aufgetaucht ist; vielleicht, vielleicht wird aus dieser Idee ja mal eines Tages eine längere Erzählung oder gar ein Roman, vollständig ausgereizt scheint sie hier jedenfalls noch nicht. Christian Fischers Zukunftsvision ist eine ganz andere: Düster und bedrohlich kommt seine Story daher und schildert eine Welt, in welcher der immer stärker auftrumpfende internationale Terrorismus kaum noch Spuren dessen zurückgelassen hat, was uns vertraut ist. Und schnell ist es gegangen: Osama bin Laden lebt noch, Fidel Castro ist erst knapp über hundert Jahre alt – eventuell ein Schwachpunkt, aber wer weiß schon, was morgen geschieht …

Barbara Slawigs Geschichte disqualifiziert sich selbst, da sie im Universum (und offensichtlich auch Kontext) ihres Romans „Die lebenden Steine von Jargus“ (oder „Flugverbot“, so der Titel der Neuauflage bei |Argument|) spielt. Beim damit nicht vertrauten Leser bleibt das Gefühl zurück, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Richtig lustig ist Uwe Hermanns „Unser Biomat“, ebenfalls komisch und gleichzeitig bizarr; stilistisch allerdings doch mit Schwächen behaftet kommt Tubes „Starblut – Eine Zukunftsvision“ daher. Die Horrorfans werden mit Constantin Werners gelungener Geschichte „Der Sukkubus“ bedient. Wolfgang Polifkas „www.totalviewnet@Weihnachten“ ist genau das, was der Untertitel aussagt: eine Weihnachtsgeschichte, nett erzählt, mit einer ordentlichen Pointe, wenngleich zwischendurch das Tempo ein bisschen auf der Strecke bleibt. Dann gibt es noch eine ganze Reihe von Geschichten, die sich in einen Topf werfen lassen: Vermutlich braucht ein Magazin diese kurzen „Appetizer“, heiter bis lustig, mit einer schwer zu verleugnenden Tendenz zur Albernheit, über die man sich nicht groß den Kopf zu zerbrechen braucht, die aber vielleicht dazu anregen, an anderer Stelle (online) weiterzulesen. Im Buch stellen diese Storys – von Thomas Wagner, Jakob Schmidt, Sabine Wedemeyer-Schwiersch, Erik Simon und Alexander Weis – aber eher die Schwachpunkte dar, gerade auch im Vergleich zu den oben genannten. Dabei sind sie, um Missverständnissen vorzubeugen, keinesfalls schlecht geschrieben.

Nicht alles ist so gelungen wie die Storys. Eine Ansammlung verschenkter Möglichkeiten sind beispielsweise die Interviews, die den Leser allesamt nicht zufrieden stellen können. Dabei wurden eigentlich interessante Leute befragt: Marcus Hammerschmitt, Barbara Slawig, Gerd Frey oder die Künstlerin Martina Pilcerova haben alle durchaus etwas zu sagen – oder hätten es. Denn es werden ihnen leider die falschen Fragen gestellt. Den Interviewern fehlt es – vergleichbar einer Dauerwerbesendung im Fernsehen – an jeglicher kritischen Distanz. Sie fragen brav, nach Leben, Werk, Gott und der Welt, bleiben dabei aber zu sehr an der Oberfläche und scheuen sich auffallend, auch endlich einmal nachzuhaken. Fragen, die den Interviewten zum Widerspruch reizen könnten oder – noch schlimmer – die ihm gar missfallen könnten, scheinen verboten zu sein. Besonders auffallend ist das bei Michael Lohrs Interview mit Robert Rankin: Fannische Ehrfurcht und glühende Begeisterung sprechen aus jeder Zeile, der Fragesteller scheint nicht eine Sekunde auf die Idee zu kommen, dass er das Interview nicht nur zu seinem und des Autors Gefallen führt. Rankins Antworten sind genauso „lustig“ wie seine Romane – der Informationsgehalt tendiert gen Null. Die positive Ausnahme ist das Gespräch mit Mary Doria Russell, das auf der |ElsterCon| 2002 in Leipzig geführt wurde. Hier kommen plötzlich interessante Fragen – sinnigerweise aus dem Publikum –, die der Autorin dann auch interessante Antworten entlocken. Alles andere ist leider harmloser Small Talk.

Höchst lobenswert ist dagegen wieder Michael Roths Autorenporträt von Theodore Sturgeon. Der Verfasser hat sich tatsächlich intensiv mit Sturgeon (der Person, nicht nur dem Werk) befasst und schafft es auch, sein breites Wissen unterhaltsam und gleichzeitig informativ zu vermitteln. Hervorragend – bitte mehr davon. Das Gegenbeispiel folgt im zweiten Autorenporträt: Stefan T. Pinternagel will den Amerikaner Barry Hughart vorstellen, verliert über diesen selbst aber kaum mehr als zwei Absätze und widmet sich stattdessen ausführlichst den von Hughart verfassten und bei |Piper| erschienen Meister-Li-Romanen. Durchaus legitim – aber bitte nicht unter dem Label „Porträt“. Da erwartet der Leser keine verkappten Rezensionen. Wie überhaupt auch noch zwei weitere Rezensionen Einzug ins Buch gefunden haben, was ja laut Vorwort eigentlich nicht der Fall sein sollte. Da Rezensent Thomas Harbach aber dazu neigt, ausführlichste Informationen über die jeweiligen Autoren (hier: Hope Mirrlees und Ana Maria Matute) in seine Besprechungen zu packen, ist der Schaden nicht allzu groß. Auch John Clutes „Gefährlich Ehrlich“-Kolumne geht in Richtung Rezension. Seine Ausführungen über Margaret Atwoods „Oryx und Crake“ hinterlassen zwei Fragen: Muss ein Roman schlecht sein, weil er in einer vergleichsweise „altmodischen“ SF-Zukunft angesiedelt ist, die nichts von dem „bigger, better, faster, more“ hat, dem manche Autoren meinen, mit aller Gewalt (und bis hin zur schieren Unverständlichkeit) frönen zu müssen? Und kann die geschätzte Autorin von „The Handmaid’s Tale“ (ein Roman, der sich übrigens auch vieler alter und ältester SF-Motive bedient, deshalb aus dieser – Clutes – Sicht wohl eher nicht als innovativ einzustufen ist, aber dennoch ein brillantes Stück Literatur darstellt) wirklich ein so schlechtes Buch schreiben? Ohne „Oryx und Crake“ gelesen zu haben: Wohl kaum, in beiden Fällen. Womit Clute erreicht hat, was er sicher nicht erreichen wollte. Margaret Atwood verkauft demnächst ein weiteres Exemplar ihres neuesten Romans, damit diese voreilige Behauptung auch überprüft werden kann.

Genug davon, schließlich findet sich noch weitaus mehr im „Alien Contact Jahrbuch“, etwa unter den Essays, die sicher auch vereinzelt die Geschmäcker spalten werden. Der Themenmix, das muss aber uneingeschränkt betont werden, stimmt: Die Columbia-Katastrophe (und damit die bemannte Raumfahrt), das Dauerthema Klonen oder – etwas schwer verdaulich, weil höchst wissenschaftlich – „die Evolution des Universums“ werden behandelt. Boris Koch macht sich Gedanken über Lovecrafts |Cthulhu|-Mythos, Adam Roberts über die |Matrix|-Filme. Spannend sind die Rückblenden auf Artikel aus den allerersten |Alien Contact|-Ausgaben, die allesamt um die sich damals ihrem Ende zuneigende DDR kreisen und von ihren Verfassern – Ralf Lorenz, Karlheinz Steinmüller, Michael Szameit und Bernhard Kempen – aus heutiger Sicht kommentiert werden. Deutsch-deutsche Science-Fiction-Geschichte, die nachdenklich macht, manchen vielleicht sogar wehmütig, an einigen wenigen Stellen aber auch zum Schmunzeln anregt – auch das sollte unbedingt in dieser Form beibehalten werden.

Das Fazit ist allen erwähnten kritischen Punkten zum Trotz eine Kaufempfehlung. Allein die Storys sind es bereits wert – beim Rest wird wohl jeder SF-Interessierte feststellen, dass der überwiegende Teil der Beiträge sein Interesse findet. Einschränkend sei angemerkt, dass der Titel zwar ein Jahrbuch „für Science Fiction und Fantasy“ verheißt, doch zu letzterem Genre (wie auch zum Horror) die Grenzen nur eher selten überschritten werden.

_Armin Rößler_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

|Alien Contact| online: http://www.alien-contact.de/

Fielding, Helen – Geheimnisse der Olivia Joules, Die

_Gestatten? Rachel Pixley, Terroristenjägerin (oder: Knutschen mit Osama)_

Die freie Journalistin Rachel Pixley, die sich inzwischen den glamouröseren Namen „Olivia Joules“ zugelegt hat, trifft im mondänen Miami Beach einen Filmproduzenten, der sie fatal an einen gewissen Terroristenführer aus Saudi-Arabien erinnert. Der letzte Beweis, dass es sich um Osama Bin Laden handelt, liefert ihr seine Warnung, das Luxusschiff „Oceans Apart“ zu besuchen – welches denn auch prompt in die Luft fliegt. Kein Zweifel: Olivia muss die Welt vor diesem Mann retten! Wenn er nur nicht so schrecklich verführerisch wäre …

|Die Autorin|

Helen Fielding wurde weltbekannt durch die Verfilmungen ihrer Romane „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ und „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns“, beide mit Renee Zellweger in der Hauptrolle (der zweite Film kommt noch im Dezember in unsere Kinos, keine Sorge).

_Handlung_

Man kann sich auch in Miami Beach fehl am Platz vorkommen. Wie eine Strafversetzung fühlt sich diese Mission an, denkt Olivia Joules, ihres Zeichens freie Journalistin für britische Zeitungen und Klatschblätter. Olivia wurde als Rachel Pixley in der Robin-Hood-Gegend von Nottingham geboren, hat aber entschieden, für eine Karriere in der Welt der Reporter, Reichen und Schönen klinge „Olivia Joules“ doch wesentlich glamouröser.

Doch der Glamour, den sie im Luxushotel Delano vorfindet, hält sich stark in Grenzen. Die Konversation mit ausgestopften Silikongirls und ahnungslosen Boy-Band-Boys unterfordert Olivias geistige Fähigkeiten beträchtlich. Deshalb fällt ihr auch sofort der fein gekleidete und sinnlich dreinschauende Pierre Ferramo ins Auge, der hier als Filmproduzent irgendetwas mit der Präsentation einer neuen Kosmetikkollektion namens „Devoree“ (= verschlungen) zu tun hat. Der Umstand, dass sein Gesicht arabische Züge trägt und er arabische Wörter wie „shukran“ (= danke) benutzt, bringt sie auf eine ebenso glorreiche wie schreckenerregende Idee: Es handelt sich offenbar um keinen Geringeren als Osama Bin Laden – natürlich nach einer Gesichts- und Beinoperation.

Olivia hat nichts Eiligeres zu tun, als ihrer Kollegin/Freundin Kate die Neuigkeit brühwarm zu verklickern. Die rät ihr, erstmal ordentlich zu recherchieren, bevor sie ihrem Chef Barry Wilkonson, der sie eh auf dem Kieker hat, irgendetwas anbietet. Gesagt, getan. Und sie werde keinesfalls mit Ferramo schlafen. Oder? Der Mann hat ja nicht mal einen Eintrag in Google, der für Olivia maßgeblichen Suchmaschine. Sehr verdächtig!

Nachdem sie sich von den Silikongirls Kimberley und Demi abgeseilt hat, lernt sie zwei britische Passagiere des Luxusschiffs „OceansApart“ kennen. Edward und Elsie wecken in Olivia alias Rachel so heimatliche Gefühle, dass sie sie unbedingt auf ihrem Dampfer besuchen will, der an der Mole vor Anker liegt. Als Ferramo dies am Abend davor erfährt, rät er Olivia, die heftig mit ihm knutscht, eindringlich davon ab. Warum bloß?

Dennoch geht Olivia wie jeden Morgen joggen. Am Hafen sieht alles ganz friedlich aus, bis plötzlich ein Donnerschlag die Ruhe unterbricht und die Zeit still zu stehen scheint. Noch ein Donnerschlag – er kommt von der „OceansApart“! Schneller als James Bond in seinen besten Jahren hechtet Olivia unter einen Frachtcontainer in Deckung. Noch ein Donnerschlag, und heiße Luft versengt ihr den Unterarm. Der Doppelrumpf des Ozeanriesen wurde entzwei gerissen, und eine der beiden Hälften sinkt wie einst die „Titanic“, während der andere Teil bereits Schlagseite hat. Todesmutig eilt Olivia, die ja auf eine Taucherausbildung zurückgreifen kann, in die Wellen, um Überlebende zu bergen …

Nun hat sich ihr Verdacht gegen Ferramo erhärtet: Bestimmt hat der Mann etwas mit diesem Anschlag zu tun. Was sonst könnte ihn veranlasst haben, schon wenige Stunden später Richtung Los Angeles zu verschwinden? Ungeachtet der flehenden Anrufe von Barry Wilkinson, doch um Himmels willen einen Augenzeugenbericht zu liefern, und der Tatsache, dass sie gerade erst im Krankenhaus aufgewacht ist, macht sich Olivia heldenhaft auf den Weg nach L. A. Denn garantiert wird Osama die Filmmetropole in Schutt und Asche legen. Was sie, Olivia Joules, zu verhindern wissen wird.

Leider werden ihre Versuche, das FBI zu warnen, abgehört, in der britischen Heimat missverstanden und gegen sie verwandt. Doch was kann eine Olivia Joules aufhalten? Höchstens die Liebe.

_Mein Eindruck_

„Olivia Joules and the Overactive Imagination“, wie das Buch im Original heißt, wurde offenbar als Fastfood-Lektüre für Ferienflieger konzipiert. Die Handlung ist mit Pappkameraden gespickt, allerlei exotische Schauplätze wie etwa Miami Beach, Catalina Island und Honduras werden abgeklappert – oder besser: vorgeführt – und die klassische „flotte Biene in Not“ gerät in allerlei schlüpfrige oder gar gefährliche Situationen, in denen sie, mit Mutterwitz und Hutnadel ausgestattet, ihre Frau stehen kann.

Auf solche abgedroschenen Werte wie „Realismus“ braucht der Leser also gar nicht zu warten. Vielmehr geht es um seine oder vielmehr ihre Unterhaltung. So mag sich Lieschen Müller gerne die große weite, mondäne Welt vorstellen – und vor allem die ach so gefährlichen Männer, die sie bewegen, vor allem, wenn sie auch noch gut gebräunt sind und einen Waschbrettbauch tragen.

|James Bond: He’s the man!|

Der begehrenswerteste Typ Mann ist für Rachel Pixley alias Olivia Joules offensichtlich James Bond himself. Der echte Bond, der sich nun Mr. „Widgett“ nennt (ein ziemlich schlecht erfundener Name, denn so heißen mittlerweile sämtliche Geräte und Sachen, für die man sich noch auf keine allgemeinverbindliche Bezeichnung hat einigen können) und für den Auslandsgeheimdienst MI6 Ihrer Majestät arbeitet, ist doch schon beträchtlich in die Jahre gekommen und fällt als Lover flach.

Dafür hingegen gibt es erstklassigen Ersatz. Scott Rich ist ihr schon in Honduras an die Wäsche gegangen – nicht dass sie etwas dagegen gehabt hätte, schließlich hat auch frau ihre Bedürfnisse. Doch nun kann sie ihrerseits ganz offen ihm an die Wäsche gehen, weil sie nämlich für die gleiche Seite arbeiten: Olivia für MI6 und Scott für die CIA.

|Alias Osama|

Und wo ist der verführerische „Pierre Ferramo“ alias Osama Bin Laden abgeblieben? Ohne zu viel verraten zu wollen, kann man doch festhalten, dass er sich als echter Araber entpuppt. Er nennt Olivia-Schätzchen seinen „kleinen Falken“ (saqr). Als ob sie immer zu ihm geflogen käme, wenn er ruft. Aber um als volltauglicher Terrorist für Al-Qaida arbeiten zu können, hätte er vielleicht doch seine Vorliebe für guten französischen Wein einschränken sollen. So hat Olivia leichtes Spiel, ihn besoffen zu machen und seine Siebensachen zu durchsuchen. Ach, wäre sie ihm bloß nicht in den Sudan gefolgt! Menschen können so leicht in der Wüste verloren gehen …

|Girls and wives|

Am besten hat mir an diesem Buch die respektlose Art und Weise gefallen, wie die Autorin ihre Geschlechtsgenossinnen betrachtet. (Die Männer sind für mich wenig interessant: entweder lächerlich oder gefährlich verführerisch, dazwischen gibt’s nichts.) Klar, dass es darunter eine Menge falscher Schlangen gibt, darunter eine waschechte Doppelagentin. Und ob die „beste Freundin“ Kate wirklich immer das „Beste“ für (oder von?) Olivia will, ist lange Zeit unklar.

Der größte Aha-Effekt besteht in der Beschreibung der zwei Silikon-Girls, die Olivia in Miami Beach trifft. Obwohl Demi und Kimberley aus zwei verschiedenen Länder, nämlich Amiland und Olivialand, kommen, sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich: Beide haben riesige ausgestopfte Brüste, aufgespritzte Lippen, das gleiche GAP-T-Shirt (natürlich ohne BH) und tragen Jeans, die jenseits von Gut und Böse anfangen. Klar, dass auch ihre Sonnenbrillen und die blonde Haartracht identisch sind. Und klar ist auch, dass beide zum Film wollen, egal wie. Olivia fragt sich, in welcher Retorte das Duo gezüchtet worden sei. Für mich ist klar, dass MTV und VIVA ein gewisse Mitschuld tragen. Girlgroups wie |No Angels| oder |Destiny’s Child| weisen stets solche „Engelchen“ auf.

|Die Übersetzung|

Marcus Ingendaay stammt offensichtlich aus dem Norden unserer Republik. Dort sind Wörter wie etwa „bräsig“ sicher wohlbekannt, wenn auch nicht hier im Süden. Bis auf ein paar Umgewöhnungsprobleme gefiel mir daher die Übersetzung recht gut, denn sie trifft auch sehr schön den deutschen Umgangston.

Schon etwas weniger gefielen mir hingegen die zahlreichen Druck- und Tippfehler. Auch Buchstabendrehen sind recht beliebt. Am krassesten fiel die Wirkung auf Seite 320 aus, wo statt „blökte“ nun „bölkte“ steht. Das lässt an Werners „Bölkstoff“ denken und Übles befürchten. Schlimmeres lassen jedoch fehlende Wörter erahnen. So fehlt auf Seite 364 das Wort „die“ in dem Satz „Ein Raunen ging durch Menge auf dem Hollywood Boulevard …“. Hoffentlich ein Einzelfall.

Ich hätte mir auch die deutsche Entsprechung des Ortsnamens „Aswan“ sehr gut im Text (S. 278) vorstellen können. Der im Deutschen gebräuchliche Name lautet „Assuan“, genau wie im Namen des Staudamms. Ein Name, der mir regelrecht suspekt vorkam und für den die Autorin verantwortlich zeichnet, ist der Name „USS Ardeche“ für ein amerikanisches Kriegsschiff. Ardèche ist bekanntlich ein französischer Fluss, und man sollte auch als Bestsellerautorin wissen, dass Amerikaner nicht gut auf die Franzosen zu sprechen sind. Deshalb erscheint der Name „USS Ardeche“ nicht besonders plausibel, besonders nicht als fiktiver Name.

_Unterm Strich_

Man muss keinen Doktorhut haben, um diesen Fastfood-Thriller für Möchtegern-Agentinnen lesen zu können. Aber vielleicht ein Flugticket. Und viel Zeit in der Sonne, am Pool, im Solarium oder sonstwo, um sich damit die überflüssige Zeit zu vertreiben, bis Männe wieder Kohle nach Hause bringt, die dringend für den nächsten Shopping-Raubzug benötigt wird.

Die Lektüre fällt umso leichter, weil man und frau sich keine Gedanken über tief schürfende Motivationen oder gar Seelenqualen der Figuren den Kopf zerbrechen müssen. Hautpsache, die Action lässt nicht allzu lange auf sich warten – am besten im Bett. Auch die gefällige Übersetzung trägt einen gewissen Wortwitz zur Unterhaltung bei. Dennoch hätte der Verlag nicht auf einen Korrektor verzichten sollen, denn derart viele Druckfehler – und sogar fehlende Wörter – finde ich in der Regel nur in Taschenbüchern, die von unterbezahlten Leuten übersetzt worden sind.

Wer den Roman zwischendurch liest, macht keinen Fehler, aber wer dann auch noch in die unvermeidliche Verfilmung – mit Renée Zellweger, garantiert – reingeht, ist selber schuld.

Stackpole, Michael A. – große Kreuzzug, Der (Düsterer Ruhm 6)

Manches möchte man einfach nicht mehr hören: Den bei Fantasyromanen oft überstrapazierten Vergleich mit dem |Herren der Ringe| zum Beispiel. Doch bei dem Fantasyzyklus _“Düsterer Ruhm“_ von Michael Stackpole kann man Parallelen und ebenso auffällige Unterschiede einfach nicht ignorieren:

|Was wäre, wenn … Bilbo Beutlin und sein Vater von Sauron in Nazgul verwandelt und der prophezeite Retter Frodo auf dem Schicksalsberg in die Lava gestürzt wäre?|

„Der große Kreuzzug“, sechster Roman der siebenbändigen Saga, spielt mit dieser Mischung aus ähnlich dem Herren der Ringe prophetisch festgelegtem Handlungsverlauf und unerwarteten Brüchen und Überraschungen.

In den ersten Bänden wurde ein tragischer Held, Tarrant Valkener, aufgebaut, der ansehen musste, wie der erste Held der Prophezeiung, sein Freund Leif Norderstett, mitsamt seinem Vater und Tarrants Geliebter in Sullanciri (entspricht den Nazgul) umgewandelt und in die Dienste der bösartigen Hexe Kytrin und ihrer monströsen Nordlandhorden im eisigen Land Aurolan gepresst wurde. In der Folge wurde der Sohn seines ehemaligen Freundes Leif, Will Norderstett, an der Seite des zum erbitterten Widersacher Kytrins gewordenen Valkener zum neuen Helden aufgebaut – um ebenso tragisch zu enden wie seine Vorgänger.

Warum sich Will geopfert hat, über die Ränke der zerstrittenen Reiche der Menschen, den erfolgreichen Feldzug des an Marcus Antonius erinnernden Generals Markus Adrogans, die Rolle von Ælfen und Zwergen – bei Stackpole urSreiði genannt – kann ich nur sehr grob schildern: Die epische Breite des Zyklus ist beeindruckend und überwältigend. Deshalb ist der Einstieg in die Serie ab Band 1 nahezu zwingend notwendig. Von abenteuerlichen Einzelschicksalen, wie dem Tarrant Valkeners, bis hin zu der Belagerung der gewaltigen Festung Draconis, dem Einsatz von Magie, Schießpulver und ersten Kanonen bis hin zu fast schon obligatorischen, problembeladenen Liebesgeschichten reicht das Spektrum dieses Zyklus.

_“Der große Kreuzzug“_ setzt die Reihe nach dem überraschenden Ableben Will Norderstetts fort, die Handlung konzentriert sich auf Kytrins Plan, die letzten Fragmente der Drachenkrone zu erbeuten, die ihr und der hinter ihr stehenden, von den Drachen in die Tiefen der Erde verbannten, älteren Macht der Oromisen die Herrschaft über alle Drachen der Welt – und damit zwangsläufig über diese selbst – geben würde.

Keine Lichtgestalt ist mehr vorhanden, die alle zerstrittenen Reiche der Menschen vereinen könnte, erfolgreiche Generäle wie der siegreiche Adrogans werden mit Misstrauen beäugt. König Swindger von Oriosa fällt vollends unter den Einfluss Kytrins, unbemerkt vom Rest der Welt. Der Magier Kjarrigan Lies perfektioniert derweil auf der Dracheninsel seine Kenntnisse der Magie, während Kytrin Erfolge erzielt und ihrem Ziel, der Findung des letzten Drachenkrone-Fragments, immer näher kommt. Der inzwischen nur noch als „Kräh“ bekannte Valkener und sein ælfischer Freund „Entschlossen“ können dennoch eine bunte Armee aus Veteranen, Nichtsnutzen und Straßenschlägern zusammenstellen, die zur Befreiung einer elfischen Heimstatt, der Insel Vorquellyn, aufbricht. Entschlossen sieht trotz der gescheiterten Prophezeiung noch Hoffnung, er glaubt an eine ältere, ælfische Auslegung.

In Kytrins Festung im eisigen Aurolan hegt derweil ihre als künftige Herrscherin der Welt geplante Tochter Isaura Zweifel an der Herzensgüte ihrer Mutter: Die Oromisen flößen ihr Furcht ein, Will Norderstetts Tod betrübt sie, und Zweifel schleichen sich in ihr bisher positives Weltbild eines aurolanischen Reiches ein, vor allem entsetzt sie die Unbarmherzigkeit und Grausamkeit ihrer Mutter, die sie nicht mehr als erzwungene, bittere Notwendigkeit ansehen und bewundern kann.

Man sieht, wie komplex die Beziehungsgeflechte in dieser Fantasywelt sind, zahlreiche wichtige Personen habe ich gar nicht erst erwähnt, um Verwirrung zu vermeiden. Hierin liegt auch eine Stärke – oder Schwäche – der Serie: Es gibt keine zentrale Hauptfigur auf Seite der „Guten“. Dafür eine große Auswahl starker Charaktere, im vorliegenden sechsten Band fehlt jedoch einfach ein wenig der Faden, wie sich die Geschichte weiterentwickeln soll. Es passiert auch nicht wirklich viel, dafür werden die notwendigen Grundlagen für das Finale im abschließenden Band gelegt.

Wie die Serie enden wird, kann man nicht vorhersagen. Zu oft und überraschend hat Stackpole bereits ausgetretene, klassische Pfade verlassen. Wie man Kytrin nun besiegen wird, oder überhaupt, ist völlig offen. Das erhält die Spannung aufrecht. Es spricht für die Serie, dass selbst dieser vergleichsweise handlungsarme Roman mich bis zur letzten Seite fesseln konnte.

Michael Stackpole stellt erneut seine Qualitäten unter Beweis – faszinierende und stimmige Fantasiewelten hat er bereits in der |BattleTech|-Serie mit seinen Romanen um die Clans geschaffen, während es seinen eigenständigen Romanen stets ein wenig an Innovation mangelte. Das ist grundsätzlich hier nicht anders, seine Stärke besteht darin, sich in andere Welten hineinzuversetzen und sie zum Leben zu erwecken, zu verbessern, anstatt völlig neue zu schaffen. Die Orientierung am „Herren der Ringe“ gibt seiner Saga einen grandiosen, epischen Rahmen. Den er mit eigenen Ideen und seinen Stärken wie grandiosen Schlachtbeschreibungen und der Fähigkeit, seinen Helden Tiefe und glaubhafte Motivationen zu geben, zusätzlich mit Leben erfüllt.

Einige ironische Seitenhiebe auf den Herren der Ringe konnte sich Stackpole wohl nicht verkneifen: Seine Sprache ist einfach und eingängig, was der Handlung nur zugute kommt. Dennoch würde jeder Tolkien-Fan wohl die sprachliche Überlegenheit Tolkiens zu Recht betonen. Stackpole lässt einen seiner Helden, den zum Bösen konvertierten Leif Norderstett, in furchtbaren Knüttelversen reimen und sprechen. Zusätzlich versetzt er die Namen der Elfen und Zwerge mit Sonderzeichen, macht sie zu Ælfen und urSreiði. Man kann nur spekulieren, was ihn dazu bewogen hat. Meiner Ansicht nach schafft Stackpole so einen altertümlichen Touch, ohne in die veraltete und oft gestelzte Sprache eines Tolkien zu verfallen, die er mit Leifs Reimereien gezielt parodiert.

Handlungsvielfalt, epische Breite, Komplexität, Überraschungen, hier und da ein wenig Innovation und Verfremdung … Was will man mehr? „Düsterer Ruhm“ ist eine moderne Variante des „Herren der Ringe“, die ich jedem Fan epischer und actionreicher Fantasy nur ans Herz legen kann. Allerdings sollte man unbedingt mit dem ersten Band beginnen!

_Der „Düsterer Ruhm“-Zyklus im Überblick:_
Zu den Waffen!
König der Düsterdünen
Festung Draconis
Blutgericht
Drachenzorn
_Der große Kreuzzug_
Die Macht der Drachenkrone

Anmerkung: Die ersten fünf Bände erschienen bei |Heyne|, ab Band sechs zeichnet der |Piper|-Verlag für die Serie verantwortlich. „Zu den Waffen!“, |Düsterer Ruhm 1|, wurde allerdings bereits wieder bei |Piper| neu aufgelegt (ISBN 349229121X, November 2004). Die einheitliche Einbandgestaltung wurde beibehalten.

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Grube und das Pendel, Die (POE #1)

Diese CD ist der äußerst gelungene und stimmungsvolle Auftakt für die erste Hörspielserie, in der |Lübbe| vier Erzählungen von E. A. Poe verarbeitet hat. Diesen Herbst wurde die Poe-Reihe mit vier weiteren Produktionen fortgesetzt.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (1809 – 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr Informationen bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Joachim Kerzel, bekannt aus zahlreichen Horror-Hörspielen und -Audiobooks, spricht die Rolle des Abtes. Kerzel ist die deutsche Synchronstimme von z. B. Jean Reno, Dustin Hoffman, Harvey Keitel, Sir Anthony Hopkins oder Jack Nicholson.
Klaus Jepsen: Bruder Amontillado
Till Hagen: Dr. Templeton
Viola Morlinghaus: Schwester Berenike
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt, nach zehn Wochen, entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Leider neigt sich sein Aufenthalt dem Ende zu: Die Anstalt soll dichtgemacht werden und er wird bald entlassen. Doch in seiner letzten Nacht erlebt der Erzähler in seiner kargen Zelle einen beängstigenden Traum …

Er erwacht in der Zelle eines Mönches, die sich im Kloster von Toledo in Spanien befindet. Am Kopf hat er eine schwere Wunde davongetragen, die eine freundliche Nonne namens Schwester Berenike mit Kräutern behandelt. Hat er diese Wunde im Krieg davongetragen, der sich Toledo in Form napoleonischer Truppen nähert? Man schreibt das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und die Situation Toledos ist alles andere als sicher.

Wie sich herausstellt, haben ihn die Mönche niedergeschlagen, weil sie ihn für einen Spion der Franzosen hielten. Im Kloster herrscht die als grausam verrufene Inquisition der katholischen Kirche, und es herrscht eine Art Torschlusspanik. Der scheinbar freundliche Abt, der das Kloster leitet, verfügt über eine bemerkenswerte Standuhr: in das Zifferblatt sind Löcher für vier Finger eingelassen und das Pendel ist rasiermesserscharf zugeschliffen. Ein Omen? O ja, und nicht nur für Schwester Berenike, die hier eigentlich nur zu Besuch ist. Kurz zuvor sei der Bruder Botanicus gestorben, erzählt sie.

Das Kloster ist in der Tat das Gegenteil eines Kurortes: Als sich der Erzähler einmal in einem Krug Wasser von einem Auslassrohr holt, bemerkt er zu spät, dass es sich um fast pures Blut handelt. Es stammt von den in den Gewölben gefolterten Opfern der Inquisition. Als er und Berenike vor Entsetzen um Mitternacht fliehen wollen, stoßen sie auf einen Leichentransport, der gerade das Kloster verlässt: Auf dem Karren liegen zerschnittene und von Ratten angefressene Körperteile. Sekunden später werden die beiden Flüchtlinge gefangen genommen und später vom Abt verurteilt, damit das Geheimnis des Klosters gehütet wird.

Der Erzähler erwacht in einem lichtlosen Gewölbe neben einem Schacht, mit Riemen auf einen Block gebunden: neben sich Ratten, über sich ein riesiges rasiermesserscharfes Pendel, das hin und her schwingt, sich dabei aber unaufhaltsam auf den Wehrlosen herabsenkt …

_Die Umsetzung_

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen und Joachim Kerzel dominieren das Hörspiel mit ihren tiefen Stimmen. Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Kerzel ist als Abt nur in zwei Szenen zu hören, wirkt aber dabei bereits zwielichtig beziehungsweise kriminell – kein Wunder, denn der Abt ist einer der letzten Vertreter der grausamen spanischen Inquisition.

Klaus Jepsen ist uns inzwischen am besten als deutsche Stimme von Bilbo Beutlin vertraut, die des „Dr. Templeton“ als die Synchronstimme von Kevin Spacey, allerdings mit betonten Bässen. Meine besondere Bewunderung möchte ich Viola Morlinghaus aussprechen: Sie spielt die sympathische Botanikerin „Schwester Berenike“ absolut lebensecht, verzweifelt und schließlich niedergeschmettert, dass man mit ihr mitfühlen muss. Allerdings fällt auf, dass ihre Figur sehr oft „Ich weiß es nicht“ sagen muss.

|Der Song|

Das Stück klingt mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, dem „Weißen Raben“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik und Klanggestaltung|

Die Musik besteht aus moderner Klassik, vermischt mit dem Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ (Tag des Zorns) und einem Streichquartett. Getrennt werden die einzelnen Szenen durch besondere Klangelemente wie etwa eine Glocke.

Die Klangkulisse dieses ersten Teils der Serie ist im Vergleich zu den anderen Teilen ganz besonders ausgetüftelt und äußerst wirkungsvoll. Von dezenten Kirchenglocken, Chören, menschlichen Schreien bis hin zu Wolfsgeheul, Rattengefiepe und Windrauschen reicht die Geräuschpalette. Wer über eine ordentliche Anlage verfügt, sollte jedoch die Bässe bis zum Anschlag aufdrehen: Die Szene unter dem Pendel bietet ein paar besonders basslastige Soundeffekte – man kann das Schwingen des riesigen Pendels praktisch sehen, nicht nur hören.

_Unterm Strich_

„Die Grube und das Pendel“ treibt den Horror auf eine bis dato unerreichte Spitze: Folter durch die Inquisition, ein mysteriöser Todesfall, Gift im Wasser, ominöse Pendeluhren und schließlich der klaustrophobische Höhepunkt unter dem Pendel selbst. Kulturell gesehen herrscht im Kloster noch finsterstes Mittelalter, bis Napoleons Truppen Freiheit, Licht und Leben bringen. Der Abt verkörpert die Willkürherrschaft der katholischen Kirche in Spanien. Es herrscht Torschlusspanik und die Entwicklung der Dinge treibt auf einen Höhepunkt zu.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament.

Inszenierung und Sprecher sind von erster Güteklasse – schade, dass Kerzel nur in dieser Folge mit von der Partie ist. Die Musik und Klanggestaltung unterstützen die hervorragenden Sprecher wirkungsvoll. Kunzes Song am Schluss wirkt für mich etwas aufgesetzt, aber sei’s drum.

Zusammen mit „Die schwarze Katze“ bildet „Grube und Pendel“ meine bevorzugten Teile der vierteiligen Serie.

|Umfang: 59 Minuten auf 1 CD|

Die Kriege der Familie Bush

Hinter den bekannten politischen Geschehnissen stehen meist auch unbekanntere Dinge, die in den üblichen Nachrichten weniger verbreitet werden. Dies trifft in besonders brisanter Weise auf die Dynastie der Bush-Familie zu, die seit einem Jahrhundert zu den einflussreichsten und mächtigsten Amerikas gehört. Eric Laurent hat sehr gut recherchiert und zeigt Schattenseiten auf, die über das ethische Vorstellungsvermögen hinausgehen. Mindestens seit Großvater Prescott Bush geht es um skrupelloses Vorgehen, bei dem nur der wirtschaftliche Profit zählt und diese kriminellen Handlungen ziehen sich durch die Generationen der Bush-Familie unverändert hindurch.

Prescott Bush begann bereits in den 20er Jahren, Geschäfte in Deutschland zu machen, z. B. auch über |General Motors|, investierte in Rüstungsfirmen und unterhielt Produktionsanlagen für das deutsche Militär selbst in den Zeiten, als die Alliierten längst Deutschland unter einen Bombenteppich setzten. Nach dem Krieg stellte er sogar Schadensersatzforderungen, weil das amerikanische Militär seine Produktionsanlagen zerstört hatte und bekam diese tatsächlich gerichtlich zugesprochen und ausgezahlt. Während des Krieges und danach waren die Bushs eng verflochten mit den Nazi-Wirtschaftsgrößen Flick und Thyssen. Nicht anders bei den späteren Bushs. Da wurde von George Bush sen. jahrelang der Irak finanziert und aufgerüstet – mit chemischen und biologischen Waffen versorgt, an den Giftanschlägen auf Iraner und Kurden mitverdient (beim Massaker an den Kurden waren amerikanische Hubschrauber mit im Einsatz), dann wird der Irak verleitet, Kuwait einzunehmen und anschließend, in diese Falle gelaufen, im zweiten (oder ersten, je nach Zählung) Golfkrieg bombardiert und ausgeschlachtet.

Ebenso Bush jun., der die erst durch die USA aufgebaute Taliban bekämpfte. Immer fließt dabei Geld in Strömen und dieses wird für beide Seiten investiert, um es letztendlich im Wirtschaftsfluss der Kriegszustände zu vermehren. Natürlich sind da noch andere Hintermänner immer im Spiel, die sich aber – wie die jetzige Regierungsmannschaft zeigt – schon seit mindestens 30 Jahren quer durch verschiedene amtierende Regierungen mehr als gut kennen und, aufeinander eingespielt, schon immer im Hintergrund einflussreich einwirkten.

Alle Verschwörungstheorien sind durch die Riege der aktuellen US-Regierung sichtbar manifestiert und spielen sich nicht mehr im Verborgenen ab. Vor allem die Öl-Industrie ist neben der Rüstungsindustrie diejenige, die ihre Interessen durchsetzt und dabei eigentlich weder Freund noch Feind kennt. Im Buch ist auch nachzulesen, was man schon Gerüchteweise vernahm: die Familien Bush und Bin Laden sind seit Generationen aufs engste wirtschaftlich und familiär verbunden und finanzieren sich gegenseitig. Selbst nach den Attentaten aufs |World Trade Center| hat sich daran nichts geändert. Die Hausbank von Bin Laden und Al Qaida unterstützt und finanziert die Bushs seit über zwanzig Jahren. Auch in den Wahlkampf für den jetzigen Präsidenten Bush jun., der letztendlich durch Wahlbetrug an die Macht gelangte, wurde von Al Qaida kräftig investiert. Der angebliche Erzfeind Osama Bin Laden, ein (ehemaliger?) Agent des CIA, wurde noch im Sommer 2001 in Afghanistan von amerikanischen Medizinern wegen einer Krankheit behandelt, nicht von islamischen Ärzten. Interessanterweise werden die Familie Bush, die Familie Bin Laden und das englische Königshaus von einem gemeinsamen Anwalt vertreten.

Schon nach den Anschlägen vom 11. September, als Afghanistan u. a. wegen geplanter Öl-Pipelines erobert wurde, war absehbar, dass es als nächstes erneut an den Irak gehen würde. Der wesentliche Grund waren auch hier die strategische Lage und das Ölvorkommen, und nicht, wie behauptet wurde, die chemischen, biologischen oder atomaren Waffen, ebenso wenig wie die angeblichen Verbindungen zur Al Qaida. Aber das hat die Weltöffentlichkeit ohnehin nie geglaubt und hat sich auch im Nachhinein als nicht haltbar erwiesen. Ebenso steht schon seit 2001 fest, dass dann der Iran in Angriff genommen werden wird, der nach dem Sturz des Iraks praktisch von Verbündeten der USA umzingelt ist: Afghanistan im Osten, Pakistan im Süden und Osten, Turkmenistan im Norden und Nordosten, Türkei im Nordwesten und Irak im Westen. Zusammen mit Israel und der Türkei wird man auch alles tun, um Syrien zu schwächen.

Den Irak betreffend wurde perfide geplant. Die USA hat seit langem eine irakische Exilopposition reaktiviert, die im eigenen Land weder eine Basis noch die geringste Glaubwürdigkeit besitzt. Zusammengefasst zum Irakischen Nationalkongress (INC) mit Sitz in London, gehören diesem die merkwürdigsten Gestalten völlig unterschiedlicher politischen Tendenzen an, von der CIA und dem Pentagon unterstützt und beraten. Bush jun. kann dabei selbst an der Spitze nur ein „kleines Licht“ sein, denn er ist außenpolitisch ein Greenhorn ohne Durchblick. Als Beispiel dazu sei seine Frage an den brasilianischen Präsidenten erwähnt, ob es „in seinem Land viele Schwarze“ gäbe.

Merkwürdig ist schon, wie da die „Achse des Bösen“ gebildet wurde und dass erst mal diejenigen darunter fallen, die wirklich nichts miteinander zu tun haben. Es ist rätselhaft, warum dies nicht eher Somalia, der Sudan, der Jemen oder Saudi-Arabien sind, die viel direkter mit den Al-Qaida-Netzwerken zu tun haben. Das militärische Budget der USA gegenüber der „Achse des Bösen“ liegt bei insgesamt 396 Milliarden Dollar gegenüber weniger als 12 Milliarden Dollar pro Jahr, die diese „Achse“ zusammen für ihre Streitkräfte ausgibt. Der Welt ist das, was wirklich geschieht, im Grunde alles klar. Aber man geht nicht wirklich dagegen an, denn die Angst ist zu groß. Amerika ist unberechenbar, mächtig und gefährlich. Sie drohen mit Präventivschlägen und schließen den atomaren Erstschlag nicht aus. Interessant ist, wie sehr zumindest unter der amerikanischen Bevölkerung dennoch die häusliche Propaganda geschluckt wird: Nach einer Umfrage vom „Time Magazine“ glaubten 75 Prozent der Amerikaner, dass Saddam Hussein die Al Qaida unterstützt, und 71 Prozent, dass der irakische Führer persönlich in die Attentate vom 11. September verwickelt gewesen sei.

Die ganze prekäre Lage in Nahost ist im Grunde fatal und künstlich entstanden, schon seit dem I. Weltkrieg und den ganzen Kolonisationen, die später zu diesen Nationalstaaten führten, welche willkürlich das Osmanische Reich ersetzten. Im Grunde ist ja auch beispielsweise der Irak ebenso künstlich wie dieses merkwürdige Kuwait. 1916 teilten Frankreich und Großbritannien das Osmanische Reich unter sich auf und dabei wurde auch der Irak aus den drei alten türkischen Provinzen Bagdad, Bassora und Mossul gebildet. Ob die Pläne mit der Niederlage Sadam Husseins allerdings so aufgehen wie gedacht, ist angesichts der schiitischen Massendemonstrationen und beständigen Anschläge fraglich. Es scheint vielmehr so, dass der Sturz Husseins und die dadurch ausgelöste Schockwelle in der arabischen Öffentlichkeit langfristig einen weiteren Zulauf für Osama Bin Laden und die Al Qaida bringen wird. Der größenwahnsinnigen US-Regierung ist das alles unwichtig. Sie sehen sich weiterhin als absolute Weltmacht mit missionarischer legitimation, und die gesamte restliche Welt steht für sie nur noch in der Rolle einfacher Statisten, die es lediglich sorgsam zu umgarnen und anzuleiten gilt.

Mehr Informationen bei |wikipedia|:
[Prescott Bush]http://de.wikipedia.org/wiki/Prescott__Bush
[George H. W. Bush]http://de.wikipedia.org/wiki/George__H.__W.__Bush
[George W. Bush]http://de.wikipedia.org/wiki/George__W.__Bush
[Skull & Bones]http://de.wikipedia.org/wiki/Skull__and__Bones
[Irak-Konflikt]http://de.wikipedia.org/wiki/Irak-Konflikt
[Irak]http://de.wikipedia.org/wiki/Irak
[Dritter Golfkrieg]http://de.wikipedia.org/wiki/Dritter__Golfkrieg
[Telepolis: Irakkonflikt]http://www.heise.de/tp/r4/inhalt/irak.html

_Buchdaten:_

Eric Laurent
[Die Kriege der Familie Bush]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3100448502/powermetalde-21
Die wahren Hintergründe des Irak-Konflikts
Paperback, 255 Seiten
|S. Fischer|, März 2003

Bear, Greg – Stimmen

Eine neue Kommunikationstechnik zapft bislang unausgelotete Dimensionen des subatomaren Raums an. Klingt kompliziert, doch die Vorteile sind einfach: Man braucht keine Telekom mehr als Vermittler, zahlt keine Vermittlungs- und Leitungsgebühren und muss keine Zeitverzögerung berücksichtigen, außerdem ist die Sprachqualität erste Sahne. Es gibt nur einen Haken: Die Toten melden sich zurück …

|Der Autor|

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erschienen bei uns „Darwins Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 sowie der vorliegende Roman „Stimmen“.

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

Autorenhomepage: http://www.gregbear.com/

_Handlung_

Peter Russell, 58, war früher mal ein Schriftsteller, Fotograf und halbwegs erfolgreicher Softpornoregisseur in Los Angeles, aber das ist schon eine Weile her. Seitdem er nämlich vor über einem Dutzend Jahren den reichen Filmproduzenten und Immobilienhändler Joseph Benoliel und dessen schöne, freundliche Gattin Michelle kennen gelernt hat, ist er nur noch deren Laufbursche. Diese Aufträge als Mädchen für alles sind lukrativer als das Filmen. Zumal er eine Frau und Tochter zu ernähren hat: Helen und Lindsey.

Das Bedauern über die verlorenen Träume der Jugend wächst sich für Peter zu einer seelischen Krise aus, als am selben Tag sein Jugendfreund Philip stirbt und er eine geheimnisvolle Frau namens Sandaji trifft. Diesem Medium soll er in Benoliels Auftrag nur eine einzige Frage stellen: „Kann jemand ohne Seele leben?“. Kurz darauf sieht er den Geist eines Jungen in einer hundert Jahre alten Tracht in Sandajis Haus. Er erinnert sich an seine tote Tochter Daniella, die auf grausame Weise ermordet wurde, ohne dass diese Tat bislang aufgeklärt worden wäre. Helen und Lindsey, Daniellas Zwillingsschwester, sind ausgezogen, als Peter nach dem Verlust seines Lieblings dem Alkohol verfiel.

Diese Vision ist ihm – zunächst – ebenso unerklärlich wie das, was ihm in Phils Haus nahe San Francisco widerfährt. Dort findet eine kleine Totenfeier statt, an der natürlich auch Phils Ex-Ehefrau Lydia teilnimmt. Phils Haus ist bis zur Decke vollgestopft mit Comicheften und Büchern, aber das ist es nicht, was Peter stört. Als er übernachtet, wird er von einem Schrei geweckt: Eine Vision von Lydia beklagt Phils Tod, doch ihre Geistergestalt ist umgeben von schwarzen Schatten, die über sie herfallen …

Doch wo ist Phil eigentlich gestorben? Im Wohnmobil findet Peter endlich eine letzte Botschaft seines besten Freundes – und schon wieder Schatten. Als einziges Erinnerungsstück nimmt Peter ein schönes Schachspiel mit populären Figuren mit, das u. a. Monster, eine wunderschöne Marsprinzessin und Detektive im Trenchcoat umfasst.

Lydia hat sich seine letzten paar Kröten geschnappt, deshalb ist er total froh über den Anruf von Stanley Weinstein, dem Marketingmanager von Trans, einer Firma mit einem neuartigen Telekommunikationssystem. Schon bei Benoloiel hat Weinstein Peter eine ganze Ladung von seinen handyartigen Endgeräten („Nennen Sie es nie ein Handy!“) in die Hand gedrückt, und Peter hat ständig eines bei sich. Wenn er mit seinem Kumpel Hank, der gerade in Prag dreht, telefoniert, ist die Sprachqualität fantastisch.

Weinstein will, dass Peter eine Werbekampagne mit Spots und so konzipiert. Zunächst ist Peter begeistert: ein rettender Strohhalm! Doch als er den Trans-Firmensitz begutachtet, kommen ihm erste Bedenken: Es handelt sich um den Todestrakt des aufgelassenen San-Andreas-Gefängnisses. Und der Transponder, der die Trans-Kommunikation ermöglicht, steht im Zentrum des Komplexes: in der ehemaligen Gaskammer. Nur der Cheftechniker, ein Ukrainer mit deutsch-ungarischem Namen, scheint in Ordnung zu sein. Peter macht, dass er wegkommt – mit einem dicken Vorschussscheck.

Ist Peters Seelenleben schon ein wenig in die Schieflage geraten, so gibt ihm das nächste Ereignis quasi den Rest: Seine Tochter Daniella meldet sich aus dem Totenreich zurück. Das erschüttert ihn umso mehr, als er sie zunächst für ihre Schwester Lindsey gehalten hat, die er erwartet hatte. Daniella sieht so lebensecht aus, dass er sie streichelt und mit ihr spricht. Kein Wunder, denn Daniella ist stets in seinen Gedanken und seinem Herzen, denn er kann sie nicht loslassen, bis das Geheimnis ihres Todes gelöst ist.

Erst als er die furchtbare Wahrheit erkennt, bemerkt er auch die Schatten, die in den Ecken des Zimmers lauern und darauf warten, sich auf das Gespenst zu stürzen. Etwas geht vor sich, und es scheint nicht gut für die Lebenden zu sein. Peter ist keineswegs der einzige, der Gespenster sieht.

Nach einem weiteren Gespräch mit dem Medium Sandaji und ihrem 105 Jahre alten Mann Schelling, der im 1. Weltkrieg ebenfalls solche Gespenster oder Wiedergänger sah, wird Peter einiges über den Zusammenhang zwischen Trans und der Rückkehr der Toten (und ihrer dunklen Feinde) klar. Er sieht einen Weg, alle Rätsel um Daniellas Tod zu lösen und sie zu rächen.

_Mein Eindruck_

Zunächst liest sich „Stimmen“ wie ein Gesellschaftsporträt-Krimi von Raymond Chandler. Man erinnere sich auch an die riesigen Anwesen und Herrenhäuser, die in Roman Polanskis Film „Chinatown“ vorkommen. Das ist die mondäne Seite von Los Angeles, aber auch die morbide Unterseite des Glamourstädtchens Hollywood. Warum sollte ein reicher, mächtiger Mann wie Joseph Benoliel anfragen lassen, ob es möglich sei, ohne eine Seele zu leben?

Nicht nur die Gemütsverfassung, auf die diese Frage schließen lässt, gibt Peter Russell Anlass zur Sorge. Es ist auch die makabre Vergangenheit des Benoliel-Anwesens Salammbo: Hier sind etliche Menschen gestorben, ein Brand ist ausgebrochen und der Tunnel, der zwei Häuser verbindet, begrub bei seinem Einsturz Leute unter sich. Manche davon waren Filmsternchen, die sich bei den Filmproduzenten, die hier residierten, die Klinke in die Hand gaben. Wo sind sie geblieben?

Fotograf und Regisseur Peter Russell weiß aus eigener Erfahrung, was aus Filmsternchen wird, aus Fotomodellen und Pornodarstellerinnen. Er hat selbst mit einigen davon zusammengelebt. Sie scheinen alle etwas von ihrer Substanz, ihrer Seele zu verlieren, während sie in den Filmhimmel aufsteigen. Und in einem Studio für Computergrafik (CGI) bekommt er vorgeführt, was die moderne Technik mit ihnen anstellt: Jane Russell, Bettie Page und Jean Harlow stehen auf Knopfdruck in jeder Weise zu Diensten und reagieren per interaktiver Spracherkennung auf jeden Befehl ihres „Meisters“.

|Lovecraft reloaded|

Doch die Trans-Technik geht noch einen unheimlichen Schritt weiter. Es gibt Gespenster bzw. Wiedergänger, die über den Kanal, den das Trans im subatomaren Bereich geöffnet hat, zurückkommen. Und sie sind nicht allein. Unheimliche Wesen stürzen sich auf sie, Räuber, deren Aufgabe darin besteht, die aus Erinnerungen aufgebauten Wiedergänger zu vernichten. Und es erscheint Peter Russell – und Daniella – möglich, dass diese schwarzen Aasfresser es nicht bei den Toten belassen, sondern sich ihr Appetit auch auf die Lebenden erstreckt …

Ist die Raymond-Chandler-Atmosphäre schon zunehmend in ein Dean-Koontz- und Richard-Matheson-Szenario umgeschwungen, so bringt das letzte Drittel eindeutigen den Eintritt in das unheimlichste aller Horroruniversen: das von H. P. Lovecraft. Hier bleibt es nicht mehr bei Wiedergängern und ihren Ghulen, sondern die sich daraus ergebenden Kombinationsmöglichkeiten drohen Peter den Verstand zu rauben – oder zuerst die Seele?

|Eine Art Erlösung|

Das klingt, als würde sich Peter Russell als „John Sinclair, Geisterjäger“ oder „Buffy the Vampire-slayer“ versuchen. Nichts könnte ferner liegen. Dafür ist Peter ist viel zu erfahren und zu bodenständig. Das wären Jobs für Halbwüchsige und Twens, doch Peter ist fast sechzig und steht wohl kurz vor einem Herzinfarkt.

Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, warum der Autor so viel Wert auf die Schilderung des Innen- und Außenlebens seiner Hauptfigur legt. Erst ganz allmählich beginnt man sich zu fragen, was mit ihm nicht stimmt. Und eine Menge Fragen müssen eine nach der anderen, aber hübsch der Reihe nach beantwortet werden. Daniella heißt der Poe’sche Alb, der Peter auf der Seele liegt. Und erst wenn dieses Problem gelöst ist, können Peter und seine Familie Erlösung finden und in die Zukunft blicken. Vorausgesetzt, Peter geht einen langen Weg durch Schmerz und Horror und befreit dabei Daniella ebenso wie sich und Lindsey.

Dass dies auf glaubwürdige Weise gelingt und der Prozess den Leser ebenso bewegt wie die Figuren, hinterlässt eine sehr befriedigendes Gefühl.

_Unterm Strich_

Anders als in dem überdrehten [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 lässt der Autor es hier langsam angehen – vielleicht zu langsam für Leute, die sich Actionhorror erhoffen. Die Ahnenliste, die vor Beginn des Buches steht – Fritz Leiber, Arthur Machen, Richard Matheson usw. – deutet es bereits an: Hier geht es um subtilen, unheimlichen Horror, der weit tiefer unter die Haut geht als die gängige John-Sinclair- und Buffy-Serienkost.

So schräge Konzepte, wie sie in Spike Jonze’s Film „Being Malkovich“ zur Sprache kommen, oder auch Ideen, die sich in Dan Simmons‘ fabelhaftem Geister-Thriller „A Winter haunting“ finden – die hat Bear sich offenbar zu Herzen genommen und ein Garn gestrickt, das zwar ganz im Diesseits angesiedelt ist, uns aber den Einbruch des Jenseits, der Geisterwelt, als eine reale und sehr erschreckende Möglichkeit ausmalt. Und nur der Wechsel der Perspektive reicht aus, um aus dem Gezeigten ein Wunderland zu machen. Man denke etwa an „The Others“.

Die Episode aus dem 1. Weltkrieg, die Schelling so lebensnah und plastisch schildert, hat mich an den Anfang von Tad Williams‘ [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 erinnert. Auch dort erscheinen seltsame Geister im Schützengraben. Doch wenn die ganze Welt – eben „Otherland“ – virtuell ist, macht das nichts aus. In „Stimmen“ hingegen ist die Welt real, und das Auftreten der Wiedergänger ist um daher um einige Grade bedrohlicher.

Ich konnte „Stimmen“ in einem Rutsch durchlesen, weil es einerseits spannend wie ein Chandler-Krimi und genau recherchiert ist, sich aber andererseits – erfolgreich, wie ich meine – bemüht, den Leser am Schicksal und den Kämpfen der Hauptfigur teilhaben zu haben. Das erfordert psychologisches Feingefühl, denn es ist so leicht, beispielsweise eine Empfindung falsch zu schildern oder zu interpretieren, und schon war alle Mühe umsonst: Die Figur erscheint unglaubwürdig. Zum Glück umschiffte Bear diese Klippen und verschaffte mir ein schönes Leseerlebnis: ein Gleichnis auf die Geister, die in Hollywood erzeugt werden, jeden Tag.

|Die Übersetzung|

Usch Kiausch ist eine sehr gute Kennerin der Sprachen und Dialekte, die in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gesprochen werden. Sie hat zahlreiche Interviews mit amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellern geführt und veröffentlicht. „Stimmen“ ist keineswegs ihre erste Übersetzung.

Sie lässt die Sätze, die die Figuren sprechen, natürlich klingen und zwar so, wie sich auch ein Deutscher in der Umgangssprache ausdrücken würde – wenn er gut erzogen ist und über ein gewisses Bildungsniveau verfügt. Hier wird kaum je geflucht, und viele Ausdrücke werden zusammengezogen.

Erfreulich sind nicht nur die genauen Entsprechungen der gebrauchten Stilfiguren und Redensarten, sondern zudem die Fußnoten, in denen zum Beispiel erklärt, warum an dieser Stelle Humpty Dumpty eine besondere Bedeutung hat. Diese Figur aus „Alice hinter den Spiegeln“ ist ein Symbol für eine Sache, die unwiederbringlich verloren ist. Auch der Filmtitel „All the President’s Men“ – deutsch „Die Unbestechlichen“ – bezieht sich darauf (und ersetzt die Zeile „all the king’s men“) und assoziiert so, dass Richard Nixon wie Humpty Dumpty ist: Er saß auf einer hohen Mauer und tat einen tiefen Sturz.

Postskriptum: Fast hätte ich es vergessen: Ihr seid die nächsten! Ihr habt doch alle ein Handy, oder?

Pohl, Frederik – Gateway-Trilogie, Die

_Gateway_

Der ehemalige Raumfahrer Robinette Broadhead erzählt in Rückblenden, wie er zu seinem sagenhaften Reichtum gekommen ist. Die Gespräche finden mit seinem Psychiater „Sigfrid Seelenklempner“, einer künstliche Intelligenz, statt. Broadhead leidet an einem großen Schuldkomplex, den Sigfrid in langen, analytischen Gesprächen freilegen möchte. Dabei erfährt der Leser die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Rob Broadhead. In ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, erhält er in jungen Jahren durch einen Lottogewinn die Chance, nach |Gateway| zu fliegen. Gateway ist ein ausgehöhlter Asteroid, in dem sich außerirdische Artefakte einer alten Rasse, der |Hitschi|, befinden. Dabei handelt es sich um kleinere Raumschiffe mit einer dem Menschen unbekannten Technologie, welche Flüge mit Überlichtgeschwindigkeit ermöglichen. Das größte Problem ist jedoch, dass nicht nur die Technologie, sondern auch die Handhabung und Steuerung für den Menschen unverständlich ist. So weiß man weder das Ziel der Schiffe noch die genaue Flugdauer. Die meisten dieser waghalsigen Prospektoren, welche sich in ein solches Raumschiff setzen, haben nichts mehr zu verlieren und hoffen auf ungeahnten Reichtum. Die Raumfahrer, welche nicht sterben, verloren gehen oder wahnsinnig werden, können nämlich Millionäre werden. Doch dafür müssen sie unbekannte Artefakte von Planeten mitbringen, so dass sie neben einer pauschalen Prämie, welche die Gateway-Gesellschaft zahlt, noch Bonus-Zahlungen aufgrund von weiteren technischen Entwicklungen auf Basis der gefundenen Gegenstände erhalten. Rob Broadhead hat dieses Glück und wird steinreich – doch er zahlt dafür einen hohen Preis, der letzte Flug endet in einer persönlichen Tragödie.

_Beyond the blue Event Horizon_

Die Abenteuer des Robinette Broadhead gehen weiter. Als reicher und einflussreicher Mann leitet er viele Projekte, welche das Geheimnis der Hitschi-Rasse ergründen sollen. Wer waren sie? Woher kamen sie und wo sind sie nun? Die Erde ist gebeutelt von Überbevölkerung, Armut und vor allem Hunger. Da wird eine Nahrungsfabrik der Hitschi entdeckt, welche aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff („CHON“) Nahrungsmittel produzieren kann. In der Fabrik existiert künstliches und natürliches Leben – doch sind es die Hitschi? Broadhead selbst wird aktiv, um den Dingen auf den Grund zu gehen.

_Hechee Rendezvous_

Einige Jahre nach den ersten Ereignissen – Rob Broadhead ist mittlerweile in die Jahre gekommen – sind viele Rätsel der Hitschi entschlüsselt. So ist es möglich, die Raumschiffe nach Belieben zu steuern und zu manövrieren. Doch neue Gefahren zeichnen sich ab. Terroristen halten die Welt in Atem und trachten Broadhead nach dem Leben. Zusammen mit seiner Frau und seinem Berater, dem Computerprogramm „Albert Einstein“, fliegt er an die verschiedensten Orte der Welt, um die Terrorismus-Gefahr zu bekämpfen und gleichzeitig den Hitschi nachzuforschen. Aus Angst vor einer unglaublichen Gefahr verließen sie vor langer Zeit die Galaxis. Diese schlafende Gefahr droht nun zu erwachen.

_Frederick Pohl_ wurde 1919 in New York als Enkel deutscher Einwanderer geboren. Nach dem Besuch der |Technical High School| in Brooklyn sympathisierte er in den dreißiger Jahren mit sozialistischen Bewegungen. Bereits im Alter von 20 Jahren übernahm er die Redaktion der SF-Magazine „Astonishing Stories“ und „Super Science Stories“ und fing zeitgleich mit dem Schreiben an. Nach seinem Kriegsdienst in Italien im Zweiten Weltkrieg begann er eine Karriere als Texter in einer Werbeagentur in New York. In den fünfziger und sechziger Jahren machte Pohl durch zahlreiche satirische Kurzgeschichten und Novellen, bei denen er seine Erfahrungen in der Werbeindustrie geschickt einbrachte, auf sich aufmerksam. Erst Ende der siebziger Jahre beginnt seine Karriere als anerkannter Autor von SF-Romanen. Neben den beiden Werken „Man Plus“ und „Jem“ ist es vor allem die vorliegende, mit verschiedenen Preisen ausgezeichnete Trilogie, welche ihm großen Ruhm auch außerhalb der USA bescherte.

_Die |Gateway|-Trilogie_ weist sehr viele sozialkritische Züge auf und kann als moderne Space-Opera bezeichnet werden. Vor allem im ersten Teil gewinnt der Roman durch eingestreute Werbetexte, Kleinanzeigen, Berichte und Aufsätze eine sehr ansprechende Authenzität. Dies und die geschickte Erzähltechnik zeugen von einem ausgefeilten Stil, wie man ihn in der Science-Fiction selten findet. Die aufgebaute Atmosphäre ist atemberaubend – der Leser sieht sich förmlich mit im Zimmer von Sigfrid Seelenklempner sitzen und lauscht gebannt seinen Ausführungen – während er sich auf der nächsten Seite in der schmierigsten Kneipe auf Gateway wiederfindet. Gateway mit seiner Struktur, seinen unverwechselbaren Gestalten und dieser angespannten Stimmung bleiben prägend im Gedächtnis. Ungeahntes Glück von erfolgreichen Prospektoren trifft auf unaussprechliches Leid der Hinterbliebenden, welche einen lieben Menschen in den Weiten des Alls verloren haben.

Pohl bringt dem Leser die Raumfahrt in den Hitschi-Schiffen nicht als romantisch verklärtes Abenteuer dar, sondern als abartigen Trip in die Abgründe der menschlichen Psyche. Die nackte Angst in der Einsamkeit eines Raumschiffs treibt die Prospektoren an die Grenze des Wahnsinns – während der Leser den Atem anhält und weiterlesen muss. Besonders gut im ersten Teil sind die vielschichtigen Therapie-Gespräche mit Sigfrid Seelenklempner, die einzigartige Stimmung und vor allem die Charaktere. Sie sind außergewöhnlich gut entwickelt und sehr lebensecht. Der Leser hat nach einiger Zeit das Gefühl, Rob Broadhead persönlich zu kennen. Dabei gibt es kein Gut-Böse-Schema, was sehr erfreulich ist. So passiert es schon mal, dass der Sympathieträger Rob seiner Freundin in einem Anfall von Eifersucht die Zähne ausschlägt. Beim Lesen wirkt eine solche Situation sehr befremdlich, aber vor allem sehr realistisch und lebensnah. Zusätzlich wird eine gewisse erotische und sexuelle Spannung aufgebaut, was ich in dieser Form bislang in keinem Science-Fiction-Roman erlebt habe. Dies ist jedoch sehr geschickt bewerkstelligt und durchaus ansprechend.

Der erste Teil der Trilogie hat mich dermaßen in seinen Bann gezogen – ein äußerst empfehlenswerter Lesespaß und sicherlich nicht umsonst ein legendäres Werk der Science-Fiction. Die Erwartungen an die nachfolgenden Bände sind daher naturgemäß sehr hoch – und wurden bei mir bitter enttäuscht. Nach dem psychologisch durchdachten ersten Teil mündet die Handlung dann in eine zweitklassige Abenteuergeschichte. Die Enträtselung der Hitschi nimmt viel von dem im ersten Teil aufgebauten Zauber. Es werden zwar zahlreiche interessante Ideen dargestellt – so die Bewohner der Nahrungsfabrik, aber die Handlung kommt dadurch kaum voran. Auch die Darstellung der physikalischen und politischen Zusammenhänge ist sehr simpel konzipiert und mutet teilweise unfreiwillig komisch an. Während im ersten Band viele Dinge, Zusammenhänge und Begebenheiten nur schemenhaft erwähnt wurden, werden später viele Verknüpfungen zu detailliert erklärt – dadurch geht viel Charme und Anziehung verloren.

Die größte Diskrepanz zwischen erstem Teil und Nachfolgebänden ist jedoch in den Charakteren begründet. Diese werden im zweiten und dritten Teil sehr unglaubwürdig entwickelt und dargestellt. Broadheads Frau S. Ya ist ein Paradebeispiel – sie sieht blendend aus, wird zur bestangezogenen Frau der Welt gewählt, ist eine geniale Informatikerin und bekommt mal schnell den Nobelpreis, um danach eine Fast-Food-Kette erfolgreich aufzubauen. Nach der detaillierten und glaubwürdigen Darstellung der Charaktere im ersten Teil ist dies ein sprichwörtlicher Schlag ins Gesicht. Dadurch geht sehr viel Freude an dem Roman verloren und es bleibt ein fader Nachgeschmack. Meine Empfehlung ist daher, den ersten Band unbedingt zu lesen – er verdient das Wort Meisterwerk – und die beiden anderen auszulassen.

Eddings, David / Eddings, Leigh – Althalus

Wenn man ein Meisterdieb ist, stiehlt man. Wenn man noch dazu eine Glücksgöttin auf seiner Seite hat, stiehlt man um so mehr. Ja, man lässt sich sogar dazu verleiten, aus dem Grenzland im Norden in die „Zivilisation“ zu ziehen, um zu schauen, ob die Reichen dort sich ebenso gut bestehlen lassen wie die eigenen Leute. Bloß – wenn einen dann die Glücksfee verlässt, ist es Essig.

So ergeht es Althalus: eben noch König der Diebe, jetzt ein vom Pech verfolgter Mann. Was Wunder, dass er einen obskuren Auftrag annimmt: ein Buch aus dem Haus am Ende der Welt zu stehlen. Ghend, der Auftraggeber, ist selbst ein obskures Wesen – aber er verspricht Gold. Althalus macht sich also auf den Weg und findet das Haus. Aber es gehört dem Gott Deiwos, und die liebenswürdige Katze darin ist die Göttin Dweia, Deiwos’ Schwester … Alles läuft ganz anders als geplant: Aus einem Diebeszug werden zweitausendfünfhundert Jahre Lernens, und danach zieht Althalus aus, um die Auserwählten zu finden, die Dweia im Krieg gegen die Horden des dämonischen Gottes Daeva unterstützen und die Welt retten sollen …

David und Leigh Eddings schreiben die ersten hundert, hundertfünfzig Seiten so flüssig und mit so viel Humor, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Nach zehn Seiten ist man entweder ihrem leichten, ironischen Ton verfallen, oder man hat keinen Sinn für Spaß. Natürlich ist auch Spannung im Spiel, denn Althalus’ Queste erweist sich nicht immer als einfach oder gefahrlos. Zuerst muss er einen magischen Dolch finden (in Wirklichkeit das Buch Dweias in anderer Gestalt), der ihn zu den Auserwählten führen wird und außerdem dazu bestimmt ist, beim Öffnen der Türen in Deiwos’ Haus zu helfen. Diese Türen allerdings führen nicht in Küche oder Speisesaal, sondern durch Raum und Zeit. Und der Träger des Dolches, der junge Eliar, ein „Barbar“ aus dem Gebirgsland Arum ist derjenige, der die Türen öffnen kann. Die Arumer verdingen sich seit eh und je in den Kriegen der Tiefländer, sind die besten Krieger der Welt und verfügen mit Khalor über den besten Heerführer, wenngleich sich dieser etwas irreführend „Sergeantgeneral“ nennt. Da Althalus darauf verzichtet, diese (anständigen) Söldner für so etwas Abstraktes wie Religion Krieg führen zu lassen, sondern sie mit ordentlich viel Gold bezahlt, folgen ihm bald alle Stämme. Auch die anderen Auserwählten findet er. Der Krieg könnte mithin leicht zu gewinnen sein, aber Ghend (bzw. Daeva) hat natürlich seine eigenen Leute und auch seine eigenen Türen.

Leider nutzen die Autoren diesen Aspekt des Werkes zu wenig. Im Manipulieren von Raum und Zeit sind die Vertreter des Guten ihren Gegnern immer so weit voraus, dass diese nicht einmal in die Nähe der Möglichkeit geraten, die Sache für sich zu entscheiden. Das Geschehen steht zu keiner Zeit „auf der Kippe“; insgesamt kommt es nur zu zwei wirklich bedrohlichen Situationen. Ansonsten wartet man immer darauf, dass einer der ausgeklügelten Pläne doch einmal fehlschlägt – weil die „Bösen“ ja auch nicht schlafen und nicht ganz dumm sind. Doch bis zuletzt läuft alles glatt. Dafür entschädigen sollen viele Dialoge, in denen auch oftmals Humor aufblitzt, doch mit der Zeit – es sind immerhin fast 850 Seiten – wiederholen sich die Grundmuster der Handlung und die Verhaltensweisen der Figuren, was dem Ganzen ein wenig den Spaß nimmt. Die Autoren suchen nach einer Synthese von Heroic Fantasy und Fun Fantasy, erreichen sie aber nicht völlig, und Quantität macht fehlende Qualität nicht immer wett. Das Buch hätte einige bedeutende Kürzungen vertragen, ohne an Substanz zu verlieren. Dennoch lohnt sich das Lesen; das Spiel mit Raum und Zeit hat seinen eigenen Reiz, die wichtigsten Charaktere – Althalus, Dweia, Eliar, Khalor, der geniale Junge Gher – sind amüsant und gut getroffen; und den Eddings’ gelingen genügend Skurrilitäten, die immer wieder einmal für Schmunzeln sorgen. Ergo: Tipp, trotz leichter Abstriche.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Colfer, Eoin – Meg Finn und die Liste der vier Wünsche

Die 14-jährige Meg Finn hat schon einiges auf dem Kerbholz. Doch nun ist sie dabei, ein richtiges Verbrechen zu begehen. Leider geht alles schief, was schiefgehen kann, steht Meg vor den Toren des Himmels – mit der Betonung auf VOR. Denn Petrus und der Höllenwächter Beelzebub streiten sich, ob Meg den Einlass in die himmlischen Gefilde verdient hat. Ob sie noch mal eine zweite Chance bekommt?

|Der Autor|

Eoin Colfer, geboren 1968, ist Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Wexford, Irland. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. 2001 erhielt er den |Children’s Book Award|, den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Großbritanniens, und 2004 den |Deutschen Bücherpreis| in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Seine bislang drei „Artemis Fowl“-Romane wurden allesamt Bestseller und sind von Rufus Beck kongenial ins Medium Hörbuch übertragen worden.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Margrit Osterwold führte bei diesem Hörbuch Regie. Das Titelbild entspricht dem der Buchillustration und stammt von Nikolaus Heidelbach, Köln. Interessantes Detail: An Megs linker Hand zeigt der Daumen nach unten, Richtung Hölle, an der rechten nach oben, Richtung Himmel. Sie selbst balanciert auf einem Hochseil. Wohin sie ihr Weg führen wird, steht also keineswegs fest. Und darum geht es in dem Buch.

_Handlung_

Meg Finns irdische Existenz als Menschenwesen findet in ihrem 14. Lebensjahr ein abruptes Ende. Sie ist verpflichtet, ihrem Bekannten Belch Brennan einen Gefallen zu tun (die Gründe werden erst spät verraten) und muss ihm helfen, einen Einbruch zu begehen. Hier wohnt der alte Rentner Lowrie McCall, und Belch rechnet mit keinem Widerstand. Falls doch, würde er dem Alten seinen Pitbull Raptor („Räuber“) auf den Hals hetzen.

Was sich leider als notwendig erweist. Denn der alte Lowrie steht plötzlich mit einer Schrotflinte im Zimmer, das Belch auszuräumen gedenkt. Der Pitbull senkt auf Geheiß seines Herrn die Beißer ins Bein des Alten, doch Meg Finns Flehen veranlasst Belch, seinen Hund zurückzupfeifen. Das ist Megs einzige gute Tat an diesem Tag, denn gleich danach ergreift sie die Flucht, Raptor und Belch ihr hinterher.

Schon wieder hat sie Pech: Sie hat die falsche Richtung eingeschlagen und ist in der Sackgasse gelandet, wo der Gastank des Hauses steht. Belch legt mit Lowries Schrotflinte auf sie an, um eine lästige Verräterin aus dem Weg zu räumen. Wenigstens will er ihr eine Warnung verpassen, an die sie noch lange denken wird. Doch der Warnschuss trifft leider auch den nicht allzu gut geschützten Gastank, vor dem Meg steht. Kawumm!

|Im Jenseits|

Bekanntlich werden alle Seelen per Tunnelsystem an die für sie vorgesehenen Endstation befördert, also entweder in die Hölle oder in den Himmel. Dieses Tunnelsystem ist keineswegs unbewohnt, sondern wird von Seelenklaubern und Tunnelkratzern bevölkert, die das System sauber halten. Die Seelen gelangen je nach ihrer Färbung durch Löcher an die Endstation: rote Farbe – ab in die Hölle, blaue Farbe – hosianna! Bei der Mischung aus Belch und Raptor, die an Meg vorüberschwebt ist der Fall klar: Roter geht’s gar nicht mehr.

Bei Meg hingegen hat die Hölle ein Problem, und deshalb ruft der Oberdämon Beelzebub – nicht zu verwechseln mit seinem Boss Satan – per Handy bei Petrus an, der bekanntlich an der Himmelspforte Wache schiebt. Bub schickt Petrus ein paar Daten auf dessen PC rüber und lässt fragen, ob man nicht einen praktischen Deal abschließen könnte. Das Sündenkonto dieser Meg Finn sei nämlich ausgeglichen: Sie habe zwar ihrem Stiefvater Franco Kelly übel mitgespielt (was später noch breit erklärt wird), doch durch die Hilfe, die sie Lowrie McCall angedeihen ließ, sei sie quasi rehabilitiert worden.

Was tun, spricht Bub. Petrus entscheidet, dass Meg auf Bewährung zur Erde zurückmuss. Hätten wir uns ja gleich denken können. Es dürfte auch klar sein, dass Bub einen Hintergedanken bei dem Deal hat. Er schickt einen Seelenfänger hinterher: Belch/Raptor, aufgerüstet mit einem logischen Schaltkreis namens ELF, der sich als Hologramm sichtbar machen kann. Auch die Hölle verfügt über Computergenies.

|Die vier Wünsche|

Inzwischen sind auf der guten alten Erde zwei Jahre ins Land gegangen. Als Meg Finns Geist bei Lowrie McCall landet, um hier Wiedergutmachung zu leisten und ihr Seelenkonto aufzubessern, reagiert der Alte natürlich zunächst ein wenig befremdet. Kein Wunder, hat er doch keinerlei Erfahrung im Umgang mit Geistern. Nach ein paar Kabbeleien raufen sich die beiden zusammen, so dass eine erste mentale Verschmelzung stattfinden kann. Sofort fühlt sich Lowrie verjüngt. Meg bekommt daraufhin ganz schön Mitleid mit dem alten Knacker: Er hat nämlich nur noch ein paar Monate zu leben: das Herz. Und das Leben, das er bisher gehabt hät, scheint ihm aus lauter verpassten Gelegenheiten und Fehlentscheidungen zu bestehen.

Sobald Meg ihm klargemacht hat, worin ihre Aufgabe und ihre Fähigkeiten bestehen, stellt Lowrie eine Liste von Wünschen zusammen. Doch um die alle zu erfüllen, reicht die Zeit nicht. Also streicht er alle bis auf vier. Und um deren Erfüllung muss das seltsame Gespann hart kämpfen, denn nicht nur der Seelenfänger der Hölle vereitelt die guten Taten, für die Meg hierhergeschickt wurde, sondern auch genügend boshafte oder dumme Menschen.

Als Erstes will Lowrie McCall der beliebtesten Fernsehoma von Irland einen dicken Kuss verpassen. Sie war mal seine Jugendliebe, und eigentlich wollte er sie ja heiraten, hatte dann aber nicht die Traute – wie es halt so geht. Meg sieht da ein paar Schwierigkeiten auf sie beide zukommen. Wwürde man zum Beispiel beim staatlichen Sender RTE einen Mann einlassen, der aussieht wie der letzte Penner? Und diese Komplettüberarbeitung des Lowrie McCall ist erst der Anfang ihrer Mühen …

_Mein Eindruck_

„Meg Finn“, das Eoin Colfer noch vor „Artemis Fowl“ veröffentlichte, ist eine metaphysische Komödie mit Spannungselementen. Diese Art von Literatur ist in angelsächsischen Regionen keineswegs unbekannt. Mervyn Wall hat 1965 mit „Der unheilige Fursey oder das Irland der Frommen“ (übersetzt von Harry Rowohlt!) eine ähnliche Komödie veröffentlicht, in der Satan um die Seelen der Iren kämpft, insbesondere um die des bravsten Laienbruders Fursey (der Ärmste wird mit einer Hexe verkuppelt). Colfer greift also auf bekannte Vorbilder zurück.

Und das liegt in einem erzkatholischen Land ja auch nahe. Schließlich sind die Versuchungen sonder Zahl, und irische Bischöfe haben stets genügend Grund, gegen die Verfehlungen ihrer Schäflein zu wettern. Wenn sich also die Guten gegen die Anfechtungen des Bösen bewähren sollen, wo sonst als in Irland?

Diesmal allerdings will der Autor nicht Erwachsene ansprechen, sondern Jugendliche im rebellischen Alter von vierzehn Jahren. Und die Pubertät ist ja bekanntlich für jeden Jugendlichen die Hölle auf Erden. Auch Meg Finn hat schon Schulschwänzen und dergleichen auf dem Kerbholz. Sie ist auf dem „besten“ Weg, eine Kriminelle zu werden. Und dann ist da noch die Sache mit ihrem Stiefvater Franco Kelly – aber hierzu darf ich nichts verraten.

|Auch für Jungs|

Doch Colfer spricht nicht nur Mädchen an. Die vier Wünsche, die sich Lowrie McCall erfüllen will, reichen alle bis weit in seine Vergangenheit zurück, als er selbst noch ein Jugendlicher von fünfzehn bis achtzehn Jahren war. Hier dürften sich einige junge männliche Leser wiederfinden – besonders wenn sie Iren sind.

Meg muss lernen, für den alten gebrechlichen Knacker Verantwortung zu übernehmen, damit er sich die Wünsche erfüllen kann. Natürlich nicht ohne dabei an die Aufbesserung ihrer eigenen Seelenfarbe bzw. Aura zu denken. Bei diesen geradezu herkulischen Arbeiten gerät sie immer weiter in die Gefühlswelt des Alten, und er wird ihr Freund. Es zeigt sich, dass sie ebenfalls einen solchen Freund gebraucht hat. Denn wegen der Franco-Sache hat sie ein schlechtes Gewissen (und einen roten Fleck auf ihrer Aura). Lowrie aber kann sie verstehen, warum sie das getan hat und verzeiht ihr.

|Showdown|

Als es daran geht, den vierten und letzten Wunsch zu erfüllen, sieht sich daher Meg in der Lage, zwei Dinge zu tun, die sie selbst sehr verwundern, weil sie nämlich überhaupt mit ihrem üblichen Egoismus in Einklang stehen. Und sie tut dies zum einen, weil sie Lowrie liebt und zum anderen, weil sie Franco endlich selbst verzeihen kann, was er ihr angetan hat. Damit macht sie im Showdown um die Seelen von Lowrie, Franco und ihrer eigenen einen entscheidenden Punkt. Ob’s wohl reicht, ihr Konto ins Plus zu bringen? Vielleicht kann sie dann sogar ihre Mutter wiedersehen, die sie mit dreizehn durch einen betrunkenen Autofahrer verlor? Aber nur, wenn Petrus sie einlässt.

|Der Sprecher|

Angeblich soll Rufus Beck nach neuesten Gerüchten über 160 Stimmen verfügen. Ich glaube aber, dass es wohl eher an die 1600 sein müssen. Jede einzelne Figur in „Meg Finn“ hat ihre eigene, deutlich unterscheidbare Stimm- und Tonlage. Der alte Lowrie klingt natürlich heiser und Meg recht jugendlich. Witziger sind da schon Satan, der so ölig und hinterhältig droht wie John Malkovich in „Gefährliche Liebschaften“, oder sein untergebener Dämon Beelzebub, der sich gerade noch zurückhalten, seinen Techniker Miishi oder Belch/Raptor mit seinem Dreizack aufzuspießen, so frustriert ist der Ärmste von Satans Demütigungen.

|Belch|

Überhaupt: Belch! Als Tripelwesen aus Junge, Pitbull und Elfenschaltkreis (oder Biochip) stehen ihm ganz verschiedene Stimmen zur Verfügung – der maschinenhaft-schnöselige klingende ELF, die menschliche Sprache und das Knurren, Hecheln und Lechzen des Pitbull. Belch ist der schlagende Beweis dafür, dass selbst die ausgeklügeltste Höllentechnik nicht verhindern kann, dass Dummheit obsiegt. Das sollte unseren Ingenieuren zu denken geben.

Noch besser wird die Sache, wenn Belch in den Körper von Megs Stiefvater Franco Kelly fährt, um die Erfüllung von Lowries viertem und letztem Wunsch zu vereiteln. Hier setzt Rufus Beck noch einen drauf, indem er Francos nuschelige Stimme in die komplexe Kombination mischt.

|Flit|

Becks schönste Kreation ist jedoch meines Erachtens ein unscheinbares Wesen im Tunnelsystem des Jenseits, das den schönen Namen Flit trägt. Flit ist ein Tunnelkratzerwurm. Er sammelt Seelenreste auf, um den Tunnel sauber zu halten. Insgesamt also ein recht nützliches Wesen, und ein freundliches obendrein. Meg lernt viel von ihm, selbst wenn es nicht einfach ist, die Laute eines Wurms zu verstehen. Es ist eine Art von langsamem Lallen, so als würde man einem Baby in Zeitlupe zuhören. Sehr faszinierend.

_Unterm Strich_

Diese Geschichte hat zum Glück nur wenig mit Goethes „Faust“ zu tun. Vielmehr standen einige irische Autoren, darunter Mervyn Wall, Pate. Die metaphysische Komödie mit Spannungseinlagen erinnert zwar stellenweise an „Artemis Fowl“, doch dort ist die Unterwelt nicht mehr mit Satans Kohorten bevölkert, sondern wird von der elfischen Untergrundpolizei ZUP überwacht. Was ja schon mal ein Fortschritt ist. Meg Finn ist nicht so techniksüchtig wie Artemis, aber genauso fähig zu durchtrieben ausgeführten Schandtaten wie ihr Kollege.

Deshalb bietet die Handlung reichlich unterhaltsame und spannende Momente, die jedes pubertierende Kind nicht kalt lassen dürften. Wie sich Meg an ihrem miesen-fiesen Stiefvater rächt und sie den alten Lowrie gegen den Seelenfänger der Hölle verteidigt, das hat schon dramatischen Charakter.

Allerdings hätte ich mir als vierten und letzten Wunsch Lowries doch etwas anderes gewünscht, als über die Klippen von Moher zu spucken. Ich meine: Was ist schon dabei? Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. Dieser Ort hat für Iren etwas Mythisches, und selbst Flachlandtiroler wie wir könnten den 150 Meter hohen grauen, sturmumtosten Klippenwänden im Westen Irlands etwas Eindrucksvolles abgewinnen. Hier in den Wind zu spucken, ohne selbst getroffen zu werden, ist eindeutig ein Kunststück.

Rufus Beck hat kaum je besser vorgetragen als in „Meg Finn“. Schon in „Artemis Fowl“ war seine Sprachakrobatik erstaunlich, wenn sie mir stellenweise auch etwas überkandidelt erschien – aber Kinder mögen das ja. Doch in „Meg Finn“ nimmt er sich noch etwas zurück, um die menschlichen Stimmen plausibel klingen zu lassen. Dafür lässt er an den Nichtmenschen die Sau raus: Belch/Raptor/Elf ist eine geniale Kombination verschiedener Figuren: Deutlich hörbar ist die Lust, das Knurren, Hecheln und Schlabbern eines Pitbulls nachzumachen. Kinder werden vor Lachen vom Stuhl fallen, das garantiere ich.

|Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs|

[Homepage des Autors]http://homepage.eircom.net/~eoincolfer65/

Denis Marquet – Der Zorn

Das geschieht:

Unheimliches geht vor in den USA: Die Bürger diverser Kleinstädte gehen Blut spuckend zu Boden, brave Hunde werden wild und beißen guten Menschen die Kehlen durch, das Meer verwandelt sich in Fliegenleim, Obst fällt von den Bäumen … Die Plagen muten biblisch an, und sie nehmen kein Ende, so sehr sich die Regierung auch bemüht, dies zu vertuschen, um eine General-Panik unter ihren offensichtlich chronisch unmündigen und wenig belastbaren Landeskindern zu verhindern.

Dafür ist Colonel Bosman, der über Fort Detrick – das medizinische Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US-Army – herrscht, sicherlich der richtige Mann. Er liebt seinen Job und sorgt dafür, dass keine Terroristen oder schlappschwänzige Zivilisten Giftviren über die Schwelle der Vereinigten Staaten tragen. Scharf im Auge behält Boswell deshalb die jüngst angeheuerten Biologen Peter Basler und Greg Thomas. Sie sollen ein Gegenmittel gegen die beschriebenen Plagen finden, wollen sich aber unpatriotisch den Mund zum Wohle des Landes nicht verbieten lassen. Denis Marquet – Der Zorn weiterlesen

Sterling, Bruce – Inseln im Netz

Irgendwie macht es dieser Roman dem Leser richtig schwer, sich mit ihm anzufreunden. Vermutlich liegt das an der Protagonistin. Laura Webster, so heißt sie, will beides: einerseits eine steile Karriere bei Rizome, einem der multinationalen Konzerne, welche den Nationalstaaten längst die Macht aus den Händen gerissen haben, andererseits ein rührseliges, intaktes Familienleben. Dank ihres Mannes David, eines mehr oder weniger gutmütigen Trottels, der brav zurücksteckt und wenig eigenen Ehrgeiz entwickelt, so lange es ihm gut geht, funktioniert das auch leidlich. Wenngleich sie es in der Konzernhierarchie noch nicht so weit nach oben gebracht hat wie ihre unverheiratete Freundin Emily Donato. Zumindest deutet sich aber der nächste Karrieresprung schon an, als ihr von höchster Stelle der Auftrag gegeben wird, eine Bande mysteriöser Datenpiraten zu beherbergen, mit denen der Konzern insgeheim kooperieren will, um allzu ärgerliche Verluste künftig zu vermeiden. Doch in dem Ferienheim, das Laura in Galveston leitet, wird einer der Piraten direkt neben ihr erschossen. Schlecht für die Karriere, auch wenn sie nichts dafür kann, und schlecht vor allem für ihr weiteres Schicksal.

Denn jetzt beginnt Laura erst so richtig, sich in den Trubel zu stürzen, mitten hinein in die undurchsichtigen Geschehnisse in Grenada oder Singapur. Beides sind so genannte Steueroasen, die Inseln im Netz, die der Titel des Romans meint, die der Macht der Konzerne noch trotzen können und sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt haben. Natürlich wäre Laura besser zu Hause geblieben und das ist das eigentliche Ärgernis mit dieser Frau. Sie schleppt Tochter und Mann mitten ins erste Krisengebiet, lässt sich von den schlechten Erfahrungen dort und ihrer allgemeinen Deplatziertheit aber nicht belehren, sondern muss auch noch nach Singapur. Diesmal allein, dafür gerät sie aber richtig in die Patsche.

Damit erlischt das Interesse an Laura Webster, denn alles, was jetzt noch kommt, hat sie mehr als verdient, möglicherweise kommt sie am Ende sogar zu glimpflich weg. Dem Autor Sterling gelingt es nicht, beim Leser (zumindest nicht beim Rezensenten) Sympathie für Lauras Schicksal und Leidensweg zu wecken. Es kann zwar sicher auch interessant sein, eine Person zu verfolgen, die falsch macht, was sie falsch machen kann. Andererseits wäre es dann wünschenswert, zumindest deren Intention nachvollziehen zu können. Allein schon krankhaft zu nennender beruflicher Ehrgeiz reicht da nicht aus, definitiv nicht, wenn man sich dermaßen ins Unglück stürzt. Sprich: Wäre Lauras Handeln besser und schlüssiger motiviert, wäre dieser Roman auch angenehmer zu lesen und könnte richtig Spaß machen.

Das Ideenpotenzial, das Bruce Sterling in „Inseln im Netz“ verpackt, ist nämlich gewaltig und eigentlich äußerst interessant. 1988 im Original und 1990 erstmals in deutscher Übersetzung (Heyne 06/4702) veröffentlicht, entfernt sich der Autor von seinen Cyberpunk-Wurzeln – ohne diese völlig zu leugnen – hin zu einem Weltentwurf, der sich in eine Reihe mit Romanen von etwa Greg Bear oder Nancy Kress stellen lässt. Politik, Wirtschaft und Ökologie spielen nicht zu vernachlässigende, tragende Rollen und werden zu einem stimmigen Szenario verwoben. So weit scheint das alles gar nicht weg zu sein, was Sterling hier im Jahr 2020 geschehen lässt. Demzufolge liest sich die Geschichte auch so lange spannend, wie noch am Hintergrund gefeilt wird, dieser sich nach und nach vor dem Leser ausbreitet und mit immer neuen, überraschenden und vor allem intelligent ausgearbeiteten Details aufwartet. Dann aber ist alles gesagt, die Story (und natürlich Laura) jedoch noch immer nicht an ihrem Ende angelangt. Schade. Bruce Sterling hat auch schon Besseres geschrieben, wie etwa „Heiliges Feuer“ (Heyne 06/6361) oder „Schwere Wetter“ (Heyne 06/5490).

_Armin Rößler_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Heilemann, Wolfgang „Bubi“ – AC/DC. Hardrock Live – Photos 1976-1980

AC/DC – ein Name, der dereinst von einem schnöden Staubsauger abgeguckt wurde (alternating current/direct current = Wechselstrom/Gleichstrom) – hat Geschichte geschrieben. Die Australier haben in den Siebzigern den harten Rock mit salonfähig gemacht und eine unnachahmliche Karriere gestartet.
Zu der Zeit, als AC/DC in Europa so richtig durchstarteten, war ein gewisser Wolfgang „Bubi“ Heilemann, seines Zeichens Starfotograph der |Bravo|, der Band sehr nah (in fotographischer Hinsicht!) und hielt zahlreiche Konzerte und Fotosessions im Bild fest. Dieser 208 Seiten schwere Bildband bietet viele tolle Schnappschüsse aus der Zeit zwischen „High Voltage“ und „Back In Black“. Es werden dabei sieben verschiedene Kapitel unterteilt (u. a. „AC/DC privat“ und eigene Kapitel für die Herren Angus Young, Bon Scott [R.I.P.] und dessen Nachfolger Brian Johnson) und mit einer kurzen Einleitung von „Bubi“ Heilemann und der ehemaligen TV-Moderatorin und Buchautorin Sabine Thomas versehen. Da „Bubi“ Heilemann aber auch ein sehr guter Freund der Band war und sicherlich einiges an „Insidern“ mitgekriegt hat, hätte ich mir in dieser Hinsicht noch ein paar umfangreichere Ausführungen erhofft. So wird jedes Kapitel lediglich von einer einseitigen „Einleitung“ eröffnet und diese beinhalten zum Großteil eh´ schon bekannte Fakten. Sehr schön finde ich allerdings, dass die gesamten Texte zweisprachig daherkommen, d. h. alles steht sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch in diesem Buch.

Kommen wir aber zum Wesentlichen dieses Bildbandes, und das sind nun mal die Fotos. Die großformatigen Aufnahmen, die sich zum Teil sogar über zwei Seiten erstrecken, geben einem tatsächlich ein wenig das Gefühl, dabei zu sein. Okay, beim Betrachten der Bilder ist es nicht zu verleugnen, dass AC/DC sicherlich nie zu den hübschesten Rock’n’Roll-Bands des Planeten gehörten, aber dafür ist ihr musikalisches Verdienst um so größer einzuschätzen. Für Fans der Australier dürften die zahlreichen Fotos, die in guter Bildqualität daherkommen, sicherlich eine Augenweide sein und gerade für die älteren Semester, die diese Zeit noch „live“ miterlebt haben, kommen bestimmt ein paar Erinnerungen wieder hoch. In dieser Hinsicht bietet das Buch eine gute Gelegenheit, mal ein wenig in Nostalgie zu schwelgen.

Besonders nett anzuschauen ist die erste Fotosession anno 1976, die am Tag nach dem ersten AC/DC-Konzert im legendären Londoner Club „Marquee“ vonstatten ging, und zwar direkt nach dem Aufstehen, was für Rock’n’Roller heißt: am frühen Abend, da die Nacht zuvor natürlich noch eine fette Party gefeiert werden musste. Austragungsort war das Londoner Nobelviertel Chelsea und zu sehen sind ein paar eher schüchtern wirkende Jungs, die fast schon zu „normal“ wirken. Nur Bon Scott entledigt sich während der Session alsbald seines T-Shirts und stellt sogar ein Tattoo zur Schau, das ein gutes Stück unter seinem Bauchnabel prangt. Dürfte wohl für einige irritierte Blicke unter den Alt- und Neureichen in der näheren Umgebung gesorgt haben …

Den weitaus größeren Teil des Buches nehmen aber alle Arten von Konzertfotos ein, wobei auch der eine oder andere Fan abgelichtet wurde. Und gerade diese Live-Schnappschüsse sind es, die die unglaubliche Power der energiegeladenen und schweißtreibenden Shows der Australier sehr gut im Bild festgehalten.

Insgesamt ist „AC/DC. Hardrock Live – Photos 1976-1980“ auf jeden Fall eine gelungene Sache und besonders für AC/DC-Fans ein echtes Schmankerl. Im Handel kostet der Bildband 49,99 Euro, ebenso viel darf man auch bei den einschlägigen Online-Buchhändlern hinlegen.

Westlake, Donald E. – Fünf gegen eine Bank

John Dortmunder ist clever, von ehrlicher Arbeit hält er wenig: Also schlägt er sich mit kleinen Gaunereien durch, wobei er der Polizei meist nur einen Schritt voraus ist. Ein großer Fischzug soll ihn endlich sanieren. Mit seinen Kumpanen Kelp, einem Autodieb, Hermann X, einem Safeknacker, March, einem Amateurrennfahrer, und Viktor, einem Ex-FBI-Agenten, will er die |Capitalists’ & Immigrants’ Bank| überfallen.

Besagte Bank ist wegen des Umbaus ihrer Filiale in einen riesigen Trailer umgezogen. Diese unsichere Schatzkammer zieht unser Gaunerquintett wie ein Magnet an. Man entschließt sich zu einer ungewöhnlichen Vorgehensweise und will zunächst die Bank abschleppen, um sie anschließend in einem stillen Winkel in aller Ruhe auszurauben.

Mit Hilfe eines ausgetüftelten Plans und eines starken Sattelschleppers gelingt das waghalsige Unternehmen tatsächlich. Dortmunder und Co. schrecken nicht einmal die sieben wütenden Wachmänner, die schwer bewaffnet in dem Banktrailer hocken.

Mit der Tücke des Objekts hat die Bande freilich nicht gerechnet. Es ist weitaus schwieriger als gedacht, den Safe im Inneren des Wagens zu knacken. Der Trailer verwandelt sich in eine belagerte Festung, vor deren Tor Dortmunder und seine nervösen Spießgesellen lauern. Die Zeit drängt, denn die Polizei schläft nicht. So muss Dortmunder einmal mehr seine grauen Zellen strapazieren. Anschließend ist das Chaos komplett …

Das „Rififi“-Thema ist nach dem französischen Kinoklassiker von 1954 („Du Rififi chez les hommes“) benannt: Minuziös werden die Vorbereitungen eines höchst komplizierten, eigentlich unmöglichen Raubes und seine anschließende Durchführung geschildert. Enorm ist die Spannung, die eifrigen Gauner wachsen den Zuschauern ans Herz, aber selbstverständlich geht während des Coups etwas gewaltig schief. An seinem Ende stehen Scheitern, Verhaftung, sogar Tod – ein fast tragischer Ausgang, der praktisch alle zufrieden stellt: das Gesetz und die intellektuellen Freunde des anarchistischen Gangstertums. (Im Angelsächsischen nennt man diese Filme übrigens „Caper-Movies“.)

„Fünf gegen eine Bank“ verkneift sich Gefühle und Gefühlsduseligkeit. Zwar werden Planung und Raub detailliert in Szene gesetzt. Schon von Anfang an ist freilich klar, dass die Geschichte, welche sich darum rankt, nur insofern ernst genommen werden darf, als sie sorgfältig geplottet und mit liebenswerter Verrücktheit inszeniert ist.

Der Raub der Trailer-Bank wird wohl kaum gelingen. Wir wissen es, sobald wir jene kennen lernen, die ihn durchführen möchten. Der kriminelle Akt ist an sich ohnehin Nebensache: Im Vordergrund steht vor allem sein Umkippen in puren Slapstick. Murphys Gesetz gilt auch für Verbrecher: Es wird schief gehen, was schief gehen kann.

Wie das aussieht, schildert Donald E. Westlake mit der ihm üblichen Meisterschaft. Lange narrt oder irritiert er sein Publikum. Bitterernst sitzen fünf Gauner beisammen und tüfteln ein Kapitalverbrechen aus. Doch obwohl Westlake dies fast sachlich beschreibt, wissen wir bald, dass hier etwas faul ist. Die Bande, die ihren Plan umsetzen will, zeichnet sich vor allem durch chronische Erfolglosigkeit aus.

So kommt es, wie es kommen muss: Dominosteinen gleich geraten die Elemente des Plans ins Stürzen. Eine Katastrophe führt zur nächsten, die Ereignisse überstürzen sich, immer absurder wird das Geschehen, während unsere Gauner zunehmend verzweifelt bemüht sind, einen klaren Kopf und das ersehnte Geld im Auge zu behalten. Ihr einziger Erfolg: Das Chaos wird immer turbulenter.

Der Heiterkeitsfaktor steigt ständig, weil Westlake die Regeln der Komik versteht. Nie forciert er das Vergnügen. Scheinbar ungerührt, aber mit knochentrockenem Humor beschränkt er sich darauf zu schildern, was geschieht. Platziert ist das Geschehen jedoch in einer Art Parallelwelt, die nur realistisch wirkt und von überaus irrationalen Zeitgenossen bevölkert ist. Vor dem inneren Auge des Lesers kann sich der Untergang der Dortmunder-Gang deshalb in immer neue groteske Höhen schaukeln.

Wichtig sind dabei auch die Details. So wird Dortmunder beispielsweise in einen Auffahrunfall verwickelt. Sein Gegenüber will die Polizei rufen. Da entdeckt der Gauner auf dem Rücksitz des anderen Autos einen Karton mit (zum Zeitpunkt des Romans verbotenen) Sexromanen: Die Titel dieser Schmuddelbücher sind real, und geschrieben hat sie ein noch sehr junger Autor namens Donald E. Westlake. Dortmunder möchte seiner Freundin mit gestohlenen Zigaretten eine Freude machen, bis ihm einfällt, dass sie ihre Glimmstängel selbst im Laden zu klauen pflegt. Kelp stiehlt ausgerechnet den Laster einer Schmugglerbande.

Er hat in seinem Leben noch keinen Dollar auf ehrliche Weise verdient und ist stolz darauf: John Archibald Dortmunder ist ein Krimineller mit Leib und Seele. Er liebt seinen Job, obwohl der ihm im Grunde mehr Hirnschmalz und Schweiß abfordert als jede „ehrliche“ Arbeit. Außerdem ist Dortmunder wie jeder Hollywood-Gauner ein unbelehrbarer Idealist und Träumer: Obwohl seine genial-verrückten Streiche regelmäßig scheitern, setzt er auf den nächsten, den endlich erfolgreichen Coup.

Fragt sich allerdings, wie das gelingen soll, wenn sich Dortmunder stets mit ausgesprochen farbenfrohen Komplizen umgibt. Sein alter Kumpel Kelp ist nicht der Hellste. March hat seine kaum vorbildhafte Mutter im Schlepptau, mit der er nebenbei einen windigen Versicherungsbetrug durchzieht. Herman X ist ein Möchtegern-Revoluzzer, der für seine schwarzen „Brüder“ aus der „Bewegung”“wie am Fließband Überfälle begehen muss. Viktor schreibt simultan zum Überfall auf die Bank an einem Roman darüber. Dortmunder wird von seiner abenteuerlustigen Freundin May zum Raub begleitet.

Die Bande profitiert von der Tatsache, dass ihnen seitens des Gesetzes nur bedingt Gefahr droht. Captain Deemer und seine Leute stellen sich wahrlich dümmer an als die Polizei erlaubt. Mehr als einmal laufen ihnen die gesuchten Bankräuber in die Arme – erkannt werden diese nie und von den Beamten stattdessen fürsorglich mit Kaffee und Kuchen versorgt …

Donald Edwin Westlake wird am 12. Juli 1933 in Brooklyn, New York, als Sohn irischstämmiger Eltern geboren. Bereits als Student denkt er an eine berufliche Laufbahn als Schriftsteller und verkauft erste Kurzgeschichten an Science-Fiction- und Mystery-Magazine. 1958 zieht Westlake nach New York City. Als überaus fleißiger Schreiber fasst im Verlagsgeschäft Fuß. 1960 erscheint sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“) lässt Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betritt Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/“Payback“) verfasst Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggerierte – völlig zu Recht – die schnörkellose, gewaltreiche Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlicht „Richard Stark“ immer neue Parker-Romane. Westlake ist ein guter und schneller Unterhaltungs-Schriftsteller. Jährlich wirft er mehrere Romane auf den Buchmarkt. Unter diversen Pseudonymen versucht er sich in allen Genres, schreibt Science-Fiction, Western, ein Kinderbuch und sogar eine Biografie der Schauspielerin Elizabeth Taylor.

Mühelos meistert Westlake den Spagat zwischen knallharter Action und witzigem Slapstick. Ab 1970 lässt er John Dortmunder sein Unwesen treiben. Wie sein bärbeißiger „Kollege“ Parker hat dieser den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft. Andere Serien hat Westlake dagegen abgeschlossen. Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. Westlake selbst adaptiert für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den „Oscar“ nominiert. „Bank Shot“ wurde 1974 unter der Regie von Gower Champion verfilmt (dt. „Klauen wir gleich die ganze Bank!“). Den John Dortmunder spielte – seltsamerweise unter dem neuen Rollennamen „Walter Upjohn Ballentine“ gewohnt fabelhaft George C. Scott.

Nach einer mehr als vier Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere denkt Westlake offensichtlich nicht an den Ruhestand. Er ist aktiv wie eh’ und je und bereichert als höchst lebendige Legende das Krimigenre mit immer neuen, immer noch lesenswerten Beiträgen. Donald E. Westlake hat eine eigene [Website,]http://www.donaldwestlake.com die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

Die Dortmunder-Romane von Donald E. Westlake wurden in Deutschland vom |Ullstein|-Verlag veröffentlicht (freilich nur die ersten vier Bände).

1970: Finger weg von heißem Eis (The Hot Rock)
1972: Fünf gegen eine Bank (Bank Shot)
1974: Jimmy the Kid (Jimmy the Kid)
1977: Jeder hat so seine Fehler (Nobody’s Perfect)
1983: Why Me?
1986: Good Behavior
1990: Drowned Hopes
1993: Don’t Ask
1996: What’s the Worst That Could Happen?
2001: Bad News
2004: The Road to Ruin

Ebenfalls 2004 erschien „Thieves’ Dozen“, eine Sammlung mit Dortmunder-Kurzgeschichten.

Vance, Jack – Durdane

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com