Agatha Christie – Die blaue Geranie

Beim Hörverlag sind in letzter Zeit diverse Lesungen von Agatha-Christie-Romanen als Hörbuch erschienen, und jedes dieser Hörbücher erstreckt sich über die Spielzeit von 3 CDs bzw. ungefähr 170 Minuten. Im Rahmen dieser Serie sind unter anderem Klassiker wie „16 Uhr 50 ab Paddington“, „Mord im Orientexpress“ oder „Die Morde des Herrn ABC“ erschienen, Meisterleistungen und Klassiker der Krimi-Geschichte. Das mir vorliegende Hörbuch zu „Die blaue Geranie“ mit gerade mal knappen vierzig Minuten Spielzeit fällt da in der Konzeption etwas aus dem Rahmen, sowohl, was die Aufmachung, aber auch die Güteklasse der Story an sich und die Umsetzung als Lesung angeht. Die hektische Erzählweise und die über weite Strecken fehlende Spannung, welche man ja sonst aus den Erzählungen der legendären Krimi-Autorin gewohnt ist, überraschen nämlich durchaus unangenehm. Dabei könnten die Rahmenbedingungen kaum besser sein; mit der deutschen Stimme des Gandalf aus den „Herr der Ringe“-Filmen, Achim Höppner, hat man einen sehr guten Sprecher für diese Geschichte finden können und die Story an sich gibt in den Grundzügen auch einiges her; doch das Resultat gehört einerseits sicherlich zu den schwächeren Arbeiten der Krimikönigin und wird zudem durch die Umsetzung der Lesung selbst noch geschmälert.

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Ellroy, James – L.A. Confidential

Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …

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J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums

Das geschieht:

„Nimbus III“ ist ein Wüstenplanet, der die Grenze zwischen der Föderation und den Imperien der Romulaner und Klingonen markiert. Die drei latent verfeindeten Mächte verwalten „Nimbus III“ gemeinsam. Auf einen Notruf von dort schickt die Sternenflotte das Raumschiff „Enterprise“ unter Captain James T. Kirk. Aus dem klingonischen Reich naht das Schlachtschiff „Okrona“. Kapitän Klaa würde sich gar zu gern das Kopfgeld verdienen, das nach dem „Genesis“-Vorfall (vgl. „Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock“) auf den legendären Kirk ausgesetzt wurde.

Auf „Nimbus III“ wartet der vulkanische Messias Sybok. Aus seiner Heimat als Rebell und Ketzer vertrieben, weil er sich der für sein Volk so typischen Gefühlskontrolle nicht unterwarf, jagt er seit Jahrzehnten seinem Traum von Sha-ka-Ree hinterher, dem mythischen Paradies der Vulkanier, wo Gott höchstpersönlich residieren soll. Sybok glaubt, diesen Ort endlich lokalisiert zu haben: im Zentrum der Galaxis und hinter der Barriere aus Staub und glühendem Plasma, das jedem Raumschiff den Einflug verwehrt. Aber Gott hat zu Sybok gesprochen und ihm verraten, wie dieses Hindernis zu überwinden ist. Dazu benötigen er und seine Anhänger ein Schiff, und so locken sie eines nach „Nimbus III“. J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums weiterlesen

Ballard, Robert D. / Archbold, Rick – Entdeckung der Bismarck, Die

Sie galt als der Stolz der Reichsmarine, 260 Meter lang, 32 Meter breit. Ein Ehrfurcht gebietender Stahlkoloss, gepanzert mit dreizehn Zentimeter starken Platten, ausgerüstet mit vier Waffentürmen zu je zweimal 380-mm-Geschützen, auch die „mittlere Artillerie“ entsprach in ihrem Kaliber in etwa dem, was auf anderen Schiffen großteils schon als Hauptbewaffnung galt. Ein Monstrum, gebaut und vom Stapel gelaufen zu nur einem Zweck: Tod und Vernichtung zu speien – vorzugsweise auf den Handelsrouten der Briten, um England im zweiten Weltkrieg auszuhungern. Die Rede ist von Deutschlands damaligem Prestige-Schlachtschiff „Bismarck“. Ihre einzige Fahrt der Operation „Rheinübung“ sollte gleichzeitig ihre letzte sein.

Auch ihr Schwesterschiff „Tirpitz“ stand unter keinem guten Stern und liegt heute – versenkt von Flugzeugen und Kleinst-U-Booten – im skandinavischen Osta-Fjord. Mit dem Verlust der Titanen fror Hitlerdeutschland den Bau weiterer Superschlachtschiffe ein, deren Ära eigentlich schon längst mit Erfindung des trägergestützten Flugzeugs ohnehin obsolet geworden war. Die alliierte Hetzjagd auf die |Bismarck| ist legendär und sie endete mit ihrer Versenkung im Ostatlantik. Der umtriebige Meeresgeologe Robert D. Ballard machte sich in den Achtzigern auf die Suche nach dem berühmtesten deutschen Wrack.

_Historisches_

19. Mai 1941 – Die |Bismarck| und ihr Begleitschiff |Prinz Eugen| versuchen in einer Nacht-und-Nebelaktion, unbemerkt von ihrem Stützpunkt im norwegischen Grimstadfjord zu ihrem Einsatzort im Atlantik zu gelangen. Operation „Rheinübung“ hat begonnen. Kurz zuvor wird das Kommando vom erfahrenen und besonnen Kapitän Lindemann an den bärbeißigen und großkotzigen Admiral Lütjens übertragen. Der wohl erste fatale Fehler in diesem Einsatz überhaupt. Zu ihrem weiteren Unglück bemerkt eine Aufklärungs-Spitfire der britischen Admiralität zufällig und trotz dichter Bewölkung die Kampfgruppe bei Bergen am Nachmittag des 22. Mai. In London schrillen verständlicherweise die Alarmsirenen: Die Hunnen haben ihr Monster tatsächlich von der Kette gelassen und es ist klar, dass es über Scapa Flow und die Dänemark-Straße (bei Grönland) durchzubrechen versucht.

24. Mai 1941 – Die Kreuzer |Suffolk| und |Norfolk| halten Fühlung mit dem Gegner, das gefürchtete Schlachtschiff |Hood| – der Nationalstolz der Briten – und sein Pfadfinder, die neue (und sehr unerprobte) |Prince of Wales|, preschen heran, um die deutsche Kampfgruppe zu stellen, nehmen aber versehentlich zuerst das Führungsschiff – die |Prinz Eugen| – statt des Hauptgegners |Bismarck| am frühen Morgen aufs Korn. Diese bleibt wie durch ein Wunder jedoch fast unbeschädigt. Nach sechs Minuten des Distanzgefechts erzielt eine Salve der |Bismarck| auf der |Hood| einen schweren Treffer, der das Schiff innerhalb von Sekunden auseinanderreißt und versenkt.

Doch auch die |Bismarck| kommt nicht ungeschoren davon. Nachdem die britischen Schiffe ihren Irrtum bemerken, können sie einige Treffer landen, die sie auf etwa 28 Knoten verlangsamen und ihren Treibstoffvorrat drastisch reduzieren. Der Einsatz des britischen Flugzeugträgers |Victorious| verläuft wie das Hornberger Schießen: Weder gelingt es den Briten, einen „Aal“ ins Ziel zu bringen, noch schafft es das frenetische Abwehrfeuer der |Bismarck|, einen der zerbrechlichen Flieger herunterzuholen. Pattsituation einstweilen. Die |Bismarck| ermöglicht durch eine Finte das Entkommen der |Prinz Eugen|.

25. und 26. Mai 1941 – Die britische Admiralität detachiert starke Kampfverbände, um die waidwunde |Bismarck| endgültig zu versenken, auch die britischen Träger |Ark Royal| und |Victorious| sind mit von der Partie, zudem das neue Flaggschiff |King George V| sowie kleinere Einheiten der Homefleet – genannt „Force-H“. Zwischendurch verliert man die Fühlung zu beiden Deutschen, doch Gevatter Zufall schlägt ein weiteres Mal zu: Ein Catalina-Flugboot der Coastal Guards spürt die beiden Schiffe auf, wird vom erbitterten Flak-Feuer zwar erwischt, jedoch nicht abgeschossen.

Die |Ark Royal|, der zweite Flugzeugträger im Operationsgebiet, entsendet ihre Doppeldecker des Typs Swordfish, diese sind je mit einem einzelnen Torpedo ausgerüstet. Die ersten Angriffswellen schlagen fehl, doch ein einziger Aal trifft die |Bismarck| an ihrer empfindlichste Stelle: dem Ruder. Es verkeilt sich und der ohnehin angeschlagene Titan kann nur noch im Kreis fahren – ganz wehrlos ist er deswegen noch nicht. Durch die Biskaya zu kommen und den rettenden Hafen von Brest zu erreichen, scheint immer unwahrscheinlicher.

27. Mai 1941 – Am frühen Morgen sichten das Großkampfschiff |King George V| und sein schwerer Begleit-Kreuzer |Rodney| dank des Fühlungshalters |Norfolk| die |Bismarck| und preschen heran. Das Gefecht startet auf 25 Seemeilen Entfernung und zieht sich über knapp drei Stunden hin, wobei die Distanz der Kontrahenten auf wenige Meilen schrumpft, sodass gegen Ende die Geschossbahnen sogar waagerecht ausfallen statt – wie sonst üblich – ballistisch. Während Treffer an oder unterhalb der Wasserlinie aufgrund des schweren Panzergürtels wirkungslos zu verpuffen scheinen, zeitigen die Einschläge auf dem Deck ihre Wirkung auf der |Bismarck|.

Ihr Abwehrfeuer verstummt nach und nach, je mehr die Aufbauten schweren Granatenbeschuss wegstecken müssen, um irgendwann gänzlich zu schweigen. 10:22 Uhr stellen die Briten das Feuer ein, die |Bismarck| ist ein loderndes, glühendes Wrack – doch sie schwimmt unvermindert. Lütjens erteilte unlängst den Befehl zur Selbstversenkung. Die |Dorsetshire| eilt heran, um aus nächster Nähe drei Torpedos abzufeuern, welche dem Schiff endgültig den Garaus machen sollen. Ob diese für den Untergang maßgeblich waren, erhitzte die Gemüter seither – Fakt: Um 10:39 kentert die |Bismarck| nach Backbord und sinkt Bug voran auf den 4,5 Kilometer tiefen Grund und ins Reich der Legenden.

_Meinung_

Robert D. Ballard – der Entdecker der |Titanic| – überkam es, eine weitere Expedition zu einem berühmten Wrack zu unternehmen, und die Duplizität der Ereignisse ist erstaunlich, denn wieder erweist sich ein verdammt fetter Pott als überaus scheues Reh, das sich den Blicken des Forscherteams zu entziehen vermag, gleichwohl sind auch wieder zwei Anläufe nötig, bis sich der Erfolg einstellt. Die erste Exkursion 1988 war ein Schlag ins Wasser und brachte bis auf das Wrack eines alten Segelschiffes nicht viel mehr als Hohn und Spott. Davon ab ist der Meeresgrund mit seinen Bergen, Tälern, tiefen Schluchten und Schlickfeldern – und das in ewiger Finsternis der Tiefsee in 4700 Metern – auch kein leicht zu erkundendes Terrain. Das Wetter und der Seegang in der Biskaya tun ihr Übriges. Expedition I wird gefrustet gecancelt. 1989 bricht das Team erneut auf – mit weiteren erbettelten Geldern. Natürlich gebraucht Ballard sein Rasenmäher-System, um die vermutete Sinkposition Streifen für Streifen abzufahren, diesmal jedoch mit einem anderen und moderneren Forschungsschiff. Am 8.6.1989 ist Neptun mit ihnen: Das bemerkenswert gut erhaltene Wrack taucht vor den Kameralinsen auf.

Ballards Bücher zeichnen sich vor allem durch eines aus: Das Hohelied auf die US Navy (deren Equipment er benutzt), die nicht enden wollende Litanei technischer Pannen und Erklärung seiner Suchmethode, also in der Summe: Ballard, Ballard und nochmals Ballard. Das kann ganz schön nervig sein auf die Dauer, denn kennt man eines seiner Bücher, kennt man, was das angeht, alle (mit wenigen Ausnahmen) – ein ausgesprochen publicitygeiler Selbstdarsteller und deswegen auch oft in die Kritik geraten. Dennoch: Ein fähiger Experte auf seinem Gebiet, dessen Suchoperationen im Endeffekt immer von Erfolg gekrönt werden. Das muss man ihm lassen. So nimmt leider auch in diesem Band das Drumherum ungebührlich viel Platz in Anspruch. Dabei meine ich jedoch nicht die historische Aufarbeitung seitens Co-Autor Rick Archbold, die gewohnt akkurat und neutral ausfällt. Bis das Wrack endlich auch bildtechnisch untersucht wird, sind gut zwei Drittel des Buches herum. Der Anfang zieht sich wie der sprichwörtliche Kaugummi, sieht man – wie gesagt – von den historischen Fakten zur Schiffsgeschichte einmal ab, die sehr interessant sind.

Ab dem Fund kann der Bildband dann auch endlich richtig punkten, denn auch das ist Ballard: Die Analyse der Schäden, Rekonstruktion der Ereignisse nach dem Untergang sowie die Verpflichtung seines Illustratoren Ken Marschall, ein exaktes Abbild des Ist-Zustandes grafisch festzuhalten, sind superb. Mit dabei sind auch wieder die ausklappbaren, großformatigen Panoramaansichten, welche die |Bismarck| damals und heute gegenüberstellen. Marschall zeichnet ein stimmungsvolles Bild des aufgefundenen Ground-Zero, sowohl auf dem Cover als auch später im Inneren des Buches. Die verwendeten Fotos sind selbst gemessen an heutigen Standards scharf und aussagekräftig, allerdings reichte die restliche Zeit der Expedition nicht ganz dafür aus, alle wichtigen Punkte zu klären, die für den Untergang der |Bismarck| verantwortlich gewesen sein mögen.

Ballard resümiert jedoch aus den gewonnen Daten, dass die Selbstversenkung und nicht die Torpedos letztendlich verantwortlich waren. Dass er damit Recht gehabt hat, beweist James Camerons ausführliche Dokumentation, dessen jüngst auf DVD erschienene Tauchfahrt zum Wrack die Thesen Ballards untermauert. Somit ist klar: Ballard mag ein Brusttrommler sein, ein unfähiger Idiot ist er ganz sicher nicht – im Gegenteil: Seine Analysen treffen trotz der spärlichen Informationen ins Schwarze. Obwohl Ballard diesmal nicht – anders als bei der |Titanic| – selbst in einem bemannten Tauchboot dem Wrack einen Besuch abstattet, sind seine Schlussfolgerungen aufgrund der gelieferten Bilder seines Tauchroboters sehr präzise und gelten heute als Lehrmeinung. Vollkommen zu Recht.

_Fazit_

Die Aufarbeitung des Bildbandes kann nicht an allen Stellen überzeugen, für mich ist da ab und zu ein wenig zu viel Brimborium drin, das nur mäßig interessant ist – zumindest für diejenigen, die den Sermon mit dem ballardschen Suchsystem schon kennen. Hier und da blitzt auch ein wenig unnötiger Pathos auf, darüber kann man aber hinwegsehen. Lichtblick ist Co-Autor Rick Archbold, der in späteren Werken gottlob auch mehr Gewicht bekommt. Klasse sind wie immer die Illustrationen Ken Marschalls und die Fotos von Wrack und Trümmerfeld. Leider ist dieser Tage nur noch die inhaltlich identische Taschenbuchausgabe problemlos erhältlich, der großformatige Bildband ist derzeit leider out of print und rarer. Schade, denn grade die Bilder wirken im Taschenbuch nicht annähernd so gut, dafür ist es wesentlich billiger zu haben. Als Nachschlagewerk sehr empfehlenswert, bekommt es aber leichte Abzüge in der B-Note.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Originaltitel: „The Discovery Of The Bismarck“
Ersterscheinung: 1990 – Madison Publishing Inc. / NY
Deutsche Ersterscheinung: 1990 – Ullstein / Berlin
Übersetzung: Karl-Otto von Czernicki und Ralf Friese
Zugrunde liegende Version: Hardcover / 8. Auflage 1994
Seiten: 236 / durchgängig bebildert + 2 ausklappbare Panoramen
ISBN: 3-550-06443-8 (Hardcover)
ISBN: 3-548-23298-1 (Taschenbuch)

Felten, Monika – Macht des Elfenfeuers, Die

Monika Felten hat wieder abgeräumt: nach dem Deutschen Phantastik-Preis 2002 für [„Elfenfeuer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=349 nun den Deutschen Phantastik-Preis 2003 für die Fortsetzung. Und diesmal scheint mir die Auszeichnung verdienter, das Sequel ist besser als der erste Band: ein flott geschriebenes Fantasy-Abenteuer, konventionell zwar (doch wie viel Fantasy ist schon unkonventionell?), aber actionreich und bisweilen sogar richtig spannend.

Wir erinnern uns: In „Elfenfeuer“ erzählte die Autorin, wie die Auserwählte Sunnivah den finsteren Herrscher An-Rukhbar, Eroberer von Thale, besiegte und in seine Dimension zurücktrieb. Seitdem herrscht wieder Frieden, schon zweihundert Jahre lang. Kaum jemand erinnert sich noch der damaligen Gefahren. Die Nebelelfe Naemy allerdings, Sunnivahs Gefährtin, hat nichts vergessen, auch nicht, dass der Meistermagier des Finsteren Herrschers, Asco-Bahrran, niemals gefunden wurde und dass in der Zwischenwelt, die die Elfen zwecks schnellerer Fortbewegung durchqueren, damals ein Quarlin lauerte, der fürchterlichste Feind ihres Volkes. Ihre Bedenken finden allerdings wenig Gehör. Selbst die Elfen halten sie für zu misstrauisch. Die Menschen aber genießen ihren Wohlstand und sehen die schwachen Garnisonen an der Grenze zur Finstermark im Norden als ausreichend an. Doch dort leben noch immer die Cha-Gurrline, An-Rukhbars mörderische Krieger. Dunkelheit liegt über diesem Land – nicht einmal die Gütige Göttin vermag sie zu durchdringen.

Das kennen wir doch: Ein Dunkler Herrscher ist aus der Welt verbannt, sein etwas niederer Diener macht sich selbst zum Herrscher (denn Asco-Bahrran ist natürlich nicht tot), es gibt ein dunkles Land und dergleichen mehr. Nur dass diesmal kein Ring in einen feurigen Abgrund geworfen werden muss – Asco-Bahrran will seinen alten Herren aus der anderen Dimension zurück nach Thale holen, und dazu benötigt er Sunnivahs Amulett, das er mit Hilfe des Magiers Skynom auch erhält. Die Tage der Freiheit scheinen gezählt. Nun, jeder ahnt: Am Ende geht doch alles gut aus. Zum Glück vermeidet Monika Felten es, sich selbst zu wiederholen. Zwar taucht eine entfernte Verwandte Sunnivahs auf, Kiany, eine Heilerin mit Sehergabe, doch ist sie eher Objekt in den magischen und nichtmagischen Kämpfen als Heldin – es gibt keinen Aufguss der alten Berufungshandlung. Im Zentrum des Romans stehen diesmal die Nebelelfen (Naemy, ihr Sohn Tabor, die Priesterin Lya-Numi) und die Riesenalpe (Naemy und Tabor ist es gelungen, ein Nest der legendären Vögel zu entdecken und drei großzuziehen).

Wie gesagt, ist das Buch gut lesbar und oft spannend. Das lässt einen seine Mängel zum Teil übersehen. Ich finde die Namen von Personen und Orten oft wenig gelungen¹, überhaupt das ganze Bemühen um „fremde“ Atmosphäre nach wie vor etwas unglücklich („Sonnenlauf“ statt „Tag“, „Länge“ statt „Meter“ usw.). Mich plagt auch die Frage, warum Asco-Bahrran so versessen darauf ist, seinen alten Lord zurückzuholen – im ersten Teil kamen die beiden doch nicht sonderlich gut miteinander aus. Der Magier könnte schließlich selbst über Thale herrschen. Auch gibt zu denken, dass er seinen Trumpf, das heimlich gezüchtete Rudel Quarline, beim Angriff auf die Stadt viel zu früh ausspielt (aber das Böse ist eben böse und nicht logisch, deswegen verliert es auch immer). Doch diese Fragen kann man getrost hintanstellen und sich ein solide geschriebenes, handwerklich gut gemachtes Fantasy-Buch gönnen, das immer noch nicht der große Wurf, aber alles in allem durchaus empfehlenswert ist.

¹ Man spürt hier den Unterschied zum großen Meister: Bei Tolkien begann alles mit den Sprachen und Namen, deswegen sind seine Erfindungen auch sprachlich systematisch und dennoch wohlklingend und treffend; ein Name wie „Elrond“ verrät über seinen Träger allein schon durch den Klang der Vokale sehr viel. Felten hätte wenigstens Anklänge an bekannte Wörter (Thale im Harz, Tabor in Tschechien) vermeiden sollen. Auch ihre Doppelnamen-Manie ist strapaziös.

_Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Carver, Caroline – Dead Heat

Nach einem zehnjährigen und recht wilden Aufenthalt in Australien war Caroline Carver 1991 in ihre Heimat London zurückgekehrt, wo sie sich fortan als Schriftstellerin betätigte. Ihr unkonventionelles Leben in den Outbacks hat ihr seither als Inspiration gedient und wurde dementsprechend auch schon in verschiedenen Romanen thematisiert, unter anderem in „Wettlauf im Outback“, einem preisgekrönten Bestseller aus dem Jahre 2001. Mehr über die Autorin – und da gibt es einiges Ungewöhnliches – erfährt man auf ihrer [Homepage.]http://www.carolinecarver.com

„Dead Heat“ ist nun der neueste Abenteuer-Thriller aus der Feder von Caroline Carver, und wiederum ist es der Autorin gelungen, eine äußerst mitreißende Geschichte aus ihrer Wahlheimat zu verfassen, bei der es um den gnadenlosen Wettlauf um Leben und Tod geht.

Georgia Parish ist eine alleinstehende Frau, die im tropischen Norden Australiens in Nulgarra aufgewachsen und von dort aus nach Sydney übergesiedelt ist. Diesen Umzug hat sie auch nie wirklich bereut, weil sie sich in dem kleinen Kaff nie richtig wohlgefühlt hat. Trotzdem muss sie eines Tages gezwungenermaßen nach Nulgarra zurückkehren, um der Beisetzung ihres Großvaters beizuwohnen. Auf der Rückreise von dort ereignen sich allerlei unvorstellbare Dinge. Ihr Flugzeug stürzt mitten im Dschungel ab, und schon bald stellt Georgia fest, dass es sich hierbei um einen Sabotage-Akt handelte.

Die beiden übrigen Insassen des Flugzeugs, Lee Durham und die junge Chinesin Suzie Wilson, kommen bei dem tragischen Absturz des Sportflugzeugs nicht so glimpflich davon. Durham überlebt mit schweren Verletzungen, während für die Asiatin jegliche Hilfe zu spät kommt. Jedoch kann sie Georgia noch einen Beutel anvertrauen, der für ihren Bruder bestimmt ist, aber auf keinen Fall von einer anderen Person geöffnet werden darf.

Wie sich schnell herausstellt, ist gerade dieser Beutel auch die Ursache für den sabotierten Flug. Auf dem Rückweg zum Ursprungsort wird Georgia nämlich verfolgt und schließlich von einer chinesischen Gangsterbande gefangen genommen und gefoltert. Das Ziel der Bande: der mysteriöse Beutel. Langsam durchschaut Georgia die wirren Ereignisse der letzten Tage und sucht Hilfe auf. Daraufhin verschwindet der seltsame Mister Durham plötzlich. Welche Rolle er spielt, warum die Polizei darauf brennt, mit ihm in Kontakt zu kommen und was sich schließlich in dem begehrten Beutel befindet, soll noch nicht verraten werden, da ansonsten wichtige Eckpunkte der Handlung preisgegeben würden. Ist man aber erst einmal beim spannenden Verfolgungsrennen zwischen Georgia, der chinesischen Bande und dem verschwiegenen Flugzeuginsassen angelangt, wird es den Leser ungebremst danach gelüsten, dem Verlauf der Ereignisse zu folgen und die Hintergründe aufzudecken.

Was damit gesagt werden soll, dürfte klar sein: „Dead Heat“ ist ein unheimlich spannender Thriller mit viel Action, tollen Landschaftsbeschreibungen und erstklassig entwickelten Charakteren. Caroline Carver hat dabei ganz besonders die Rolle des Lee Durham stark gestaltet, der bis zuletzt ein unbeschriebenes Blatt bleibt. Dementgegen ist die eigentliche Protagonistin etwas eigentümlich dargestellt. Einerseits wird sie als schüchterne, trottelige und zurückhaltende Frau präsentiert, kurze Zeit später, als die Action in Fahrt kommt, wird sie plötzlich zur konzentriert handelnden, überlegt agierenden Pseudo-Agentin. Sympathisch ist sie uns dennoch, auch wenn so mancher logischer Schluss hier ad absurdum geführt wird. Schlussendlich interessiert den Leser die Logik im Detail am Ende auch nicht mehr so sehr, denn worum es bei diesem Buch geht, ist die Spannung, und die ist wirklich bis zur allerletzten Seite gegeben.

Krimi- und Thriller-Fans sollten also zweifelsohne auf ihre Kosten gekommen, zumal das Buch stilistisch gut und leicht verständlich geraten ist und zu keiner Phase irgendwelche gekünstelten Längen enthält. Ich persönlich habe mich jedenfalls als Begleiter der vierzehntägigen Abenteuerreise durch die australische Wildnis erstklassig unterhalten gefühlt.

Lumley, Brian – Necroscope 1 – Das Erwachen

Mit dieser Geschichte begründet Lumley seine groß angelegte Saga um Harry Keogh, den Nekroskopen, und Boris Dragosani, den Nekromanten. Abwechselnd steht jeweils eine der beiden Zentralgestalten der Saga im Mittelpunkt der Episoden. Ihr Aufeinandertreffen findet allerdings erst in einer späteren Folge statt.

|Vorab-Infos|

Die 7 CDs enthalten die „ungekürzte inszenierte Lesung“, wie der Umschlag besagt: 7 Stunden und 45 Minuten Lumley pur – ein Vergnügen für Fans soliden Grusels.

Der Schuber ist ganz in Schwarz mit orangefarbener Beschriftung gehalten. Auf der Vorderseite ist eine reichlich unheimliche Fratze zu sehen – ebenfalls in Orange- und Brauntönen.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde am 2.12.1937 in einem Kohlebergwerksdorf in England geboren. In Englisch hatte er sehr schlechte Noten und sein Wunsch Schriftsteller zu werden, wurde daher lachend von seinen Lehrern als unsinnig abgetan. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller.

Von Brian Lumley sind inzwischen (Stand 2003) rund 74 Bücher erschienen. Bereits vor etwa 30 Jahren erschienen seine ersten Werke beim Meister der Horror-Herausgeber, August Derleth, im Arkham House Verlag, der alle von Lovecrafts Werken verlegte. Lumley galt lange Zeit als Experte von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos.

Durch den Tod seines Vaters und den Wunsch, auch weiterhin mit ihm reden zu können, entwickelte er seine Hauptfigur Harry Keogh, und es entstand 1986 die Necroscope-Reihe. Damit zog er eine große Leserschaft in seinen Bann. Inzwischen werden Lumleys Bücher bereits in elf Ländern veröffentlicht, und die Zahl ist steigend. Im Zuge der Necroscope-Reihe wurden im Laufe der Jahre auch eigene Comics, ein Rollenspiel und Sammelfiguren dazu herausgebracht.

Aus der Necroscope-Saga sind bisher in der Buch-Reihe des |Festa|-Verlags erschienen:

Band 1 „Das Erwachen“
Band 2 [„Vampirblut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843
Band 3 „Kreaturen der Nacht“
Band 4 „Untot“
Band 5 „Totenwache“
Band 6 „Das Dämonentor“
Band 7 „Blutlust“
Band 8 „Höllenbrut“
Band 9 „Wechselbalg“
Band 10 „Duell der Vampire“
Band 11 „Totenhorcher“
Band 12 „Blutkuss“
Band 13 „Konzil der Vampire“
Band 14 „Grabgesang“
Band 15 „Blutsbrüder“
band 16 „Vampirwelt“
Band 17 „Nestors Rache“
Band 18 „Metamorphose“

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

_Handlung_

Gerade ist der Chef eines geheimen Regierungsdezernates in Großbritannien, das sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt, gestorben und Alec Kyle soll nun dessen Posten übernehmen. Als er im Büro seines Vorgängers alte Akten durchsieht, fällt ihm die Akte eines gewissen Harry Keogh in die Hände. Doch er kommt nicht dazu, sie zu lesen, denn plötzlich erhält er Besuch von einer geisterhaften Gestalt, die ihm unbedingt eine Geschichte erzählen will. Und dann verspricht sie, Kyles Dezernat unentbehrlich für die Regierung Ihrer Majestät zu machen …

In der Sowjetunion des Jahres 1971 gibt es unter Breschnew ein ähnliches Dezernat, geleitet von General Gregor Borowitz. Er sitzt mit zwei Begleitern hinter einem Einwegspiegel. Davor spielt sich in einem antiseptischen Saal eine unheimliche Szene ab.

Gerade ist eine sehr bizarre Obduktion im Gange, sofern man es überhaupt als solche bezeichnen kann. Ein gewisser Boris Dragosani, der sich jedes Körperhaar abrasiert hat, ist gerade dabei, seiner Arbeit als „Totenhorcher“ nachzugehen, was seinem Chef vom Dezernat neue Erkenntnisse über seine Feinde liefern soll.

Die Szene findet ein brutales und gewaltsames Ende, als es die zwei Begleiter des Generals nicht mehr aushalten und ausrasten. Einer der beiden schießt die beiden anderen nieder und flüchtet. Doch Borowitz hat überlebt, und Dragosani setzt alles daran, den Verräter auszuschalten. Nachdem sich der Staub gelegt hat, gelingt es Borowitz, sich den KGB vom Hals zu halten und frei und unbehelligt tätig zu werden.

Boris Dragosani ist ein eigenbrötlerischer Typ. Einmal im Jahr nimmt er sich Urlaub, um in Rumänien nach seiner „Vergangenheit“ zu forschen, da er als kleines Kind im Ort Dragosani ausgesetzt wurde. Seiner Vergangenheit kommt er dabei immer näher und die Zeit eilt, denn er hat nur noch vier Jahre zu leben. Seit seinem siebten Lebensjahr steht er in Kontakt mit einem Wesen, das tief in einem finstren Wald in einem Grabmal lebt – und in Boris‘ Bewusstsein spricht – ein Wesen, das an die 1000 Jahre alt ist und von den meisten Menschen Dracul genannt wird. Doch Boris hat keine Angst: Er braucht Dracul, um bestimmte menschliche Erfahrungen zu machen, so etwa die körperliche Liebe …

Harry Keogh, den Nekroskop, lernen wir in einem parallel laufenden Erzählstrang kennen. Harry ist anfangs nur ein verträumter Zwölfjähriger, der sich gegen Schlägertypen kaum durchzusetzen weiß. Eines Tages entdeckt der Mathelehrer Hennand eine neue Qualität geistiger Tätigkeit an Harry. Von einem Tag zum anderen kann er plötzlich mathematische Gleichungen lösen, von denen er noch nie etwas gehört hat. Er kann sich plötzlich gegen die übelsten Schläger schlagkräftig und ohne Waffen zur Wehr setzen. Von der gleichen Art ist wohl auch seine spätere Fähigkeit, Storys und Romane zu schreiben, die aufs Lebhafteste in einer Zeit spielen, die Harry nie kennen gelernt hat, so etwa im 17. Jahrhundert …

Und was seine Freundin Brenda Cowl am sonderbarsten findet: Stets befindet sich Harrys Wohnung in der Nähe eines Friedhofs. Der schönen Aussicht wegen, sagt Harry. Doch selbst ihr verschweigt er sein eigentliches Geheimnis: Er selbst ist der Nekroskop, der mit den Toten sprechen kann. Das ist keine Figur in seinen Geschichten, wie er vorgibt, das ist er selbst.

Und er hat eine Mission. Seine geliebte Mutter Mary wurde, als Harry noch klein war, von grausamen Händen in einen vereisten Fluss bei Edinburgh gestoßen. Durch seinen Kontakt mit der Toten weiß Harry, wer der Mörder ist und wo er wohnt. Doch wie soll die exquisite Rache aussehen, die Harry auszuüben hat? Was ist die angemessene Strafe? Wie soll die Falle aussehen? Und vor allem: Wer soll der Köder sein?

_Mein Eindruck_

Die Handlung ist wie für einen Film geschrieben: in Szenen, die sich aneinanderreihen, dabei Kontraste und Verstärkungen bilden. Wenn also die Rede endlich auf Harry Keogh kommt, sind bereits die lange Einleitung und die dramatische „Totenbehorchung“ durch Dragosani erfolgt, so dass der Hörer dringend eine Ruhepause mit etwas halbwegs Alltäglichem benötigt – die dann ja auch erfolgt: Harry blamiert sich in der Schulstunde.

Anders als bei langatmigeren Autoren der alten englischen Schule vor dem 2. Weltkrieg lässt Lumley unwichtiges Beiwerk weg, das nicht unmittelbar zur Wirkung einer Szene beiträgt. Wenn wir etwas über die ungewöhnliche Kindheit und Jugend Boris Dragosanis, des Nekromanten, erfahren müssen, so wird auch dies in einer Szene realisiert, die an Spannung und (mitunter erotischem) Nervenkitzel nichts zu wünschen übriglässt. Auch Harry Keogh hat seine erotischen Momente, wenn er den Lehrern beim Schulausflug zusieht. Der Tod, die Liebe und die Rache – drei psychologisch wichtige Elementarkräfte, die auf Keogh und Dragosani einwirken.

Wenn das Hörbuch mit Keoghs Beschluss, seine Mutter endlich zu rächen, beendet ist, so möchte man am liebsten gleich das nächste Kapitel hören – das Hörbuch zu [„Necroscope 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843 macht’s auch möglich.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel stellt wieder einmal seine Meisterschaft unter Beweis. Der Sprecher von anspruchsvollen Schauspieler wie Hoffman und Nicholson (s. o.) muss selbst auch schauspielerische Qualitäten einbringen, um seinen Vortrag realistisch wirken zu lassen und den Zuhörer auch emotional zu erreichen. Seine tiefe Stimme ist ihm das wichtigste Instrument, hinzu kommt eine ausgefeilte Handhabung von Pausen und Intonationen. Beides zusammen erzeugt die hohe Spannung, die über dem gesamten Text schwebt.

Ganz besonders gefiel mir, wie er Dracul seine Freude ausdrücken lässt – man hört zugleich die Gier des Blutsaugers: „Aaaaaahhhhh!!!“

_Unterm Strich_

Für Liebhaber von Horrorliteratur oder Gruselfilmen bietet „Necroscope 1“ zwar wenig Splatter, dafür aber umso mehr Spannung und menschliche Psychologie. Was Keogh und Dragosani verbindet, ist noch nicht klar, doch es dürfte auf eine Konfrontation hinauslaufen, denn Dragosani hat sich einer furchtbaren Macht verschrieben.

Leute mit schwachen Nerven könnten in der Szene, in der Dragosani eine Leiche ausnimmt oder vielmehr zerfetzt, vom Hocker fallen. Sie sollten dann doch lieber etwas anderes hören bzw. lesen.

Die grafische Gestaltung, die Musik sowie der fabelhafte Sprecher Joachim Kerzel machen „Necroscope 1“ zu einem sehr gelungenen Hörbuch. Ob es die ganzen 35 Euro (bzw. 29,95 bei |amazon.de|) wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4]

Der Umbau eines Landhauses zum Nobel-Restaurant sorgt für Aufruhr unter den wenig begeisterten Nachbarn. Am Tage der Neueröffnung wird eine Frau im Weinkeller erstochen. Inspektor Markby steht vor vielen Mordverdächtigen, die mehrheitlich zwar keine Mörder aber keineswegs unschuldig sind … – Zwar bietet Band 4 der „Markby-&-Mitchell“-Serie bietet kaum Krimi-Spannung, will dies mit englischer Landhaus-Romantik nach Genre-Vorschrift wettmachen und trifft routiniert ins Herz eines entsprechend gepolten Publikums: Lesen oder Schlafen – der Unterschied ist marginal.
Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4] weiterlesen

Perry, Anne – Verschwörung von Whitechapel, Die

Herbst 1888, London – Whitechapel. Eine Stadt hält den Atem an. In den dunklen Gassen des |East End| werden innerhalb weniger Wochen fünf Frauen ermordet – alle auf brutale Weise verstümmelt. Die Polizei tappt im Dunkeln und streitet sich um Zuständigkeiten. Der Täter bleibt bis heute ein Phantom: Jack the Ripper.

Anne Perrys Roman reiht sich nicht in die lange Riege der Romane ein, die den Fall Jack the Ripper neu aufrollen und eine neue Tätertheorie bereit halten. Die Handlung ihres Romans „Die Verschwörung von Whitechapel“ setzt erst vier Jahre nach den grauenvollen Ereignissen im East End ein – und hat dennoch im Kern sehr viel mit Jack the Ripper zu tun.

Oberinspektor Pitt steht im Frühjahr 1892 als Zeuge im Fall Adinett vor Gericht. Bei näherer Betrachtung ein etwas sonderbarer Fall – ein Indizienprozess. John Adinett ist angeklagt, den angesehenen Hobby-Historiker Martin Fetters ermordet zu haben. Handfeste Beweise und ein Motiv gibt es nicht, aber die sehr stichhaltige und lückenlose Indizienkette, die Pitt vor Gericht darlegt, lässt keinen Zweifeln daran aufkommen, dass der nicht minder angesehene Ehrenmann Adinett des Mordes schuldig ist. Adinett wird folglich verurteilt und, nachdem auch das Berufungsverfahren scheitert, hingerichtet.

Für Oberinspektor Pitt fängt die Geschichte damit aber erst an. Es gibt offenbar einflussreiche, im Verborgenen agierende Persönlichkeiten, die diesen Prozessausgang gar nicht schätzen und auf Rache sinnen. Keine blutige Rache wohlgemerkt, aber Pitt bekommt die Folgen dennoch schmerzlich zu spüren. Er wird strafversetzt – nach Whitechapel, mitten in den brodelnden Krisenherd Londons. Anarchisten scheinen dort finstere Umsturzpläne zu schmieden, Gewalt und Elend stehen auf der Tagesordnung. Pitt soll dort undercover ermitteln, ist aber letztendlich eigentlich überflüssig, ganz offensichtlich elegant beiseite geschafft, und fristet ein einsames trostloses Dasein fernab seiner geliebten Familie.

Charlotte, Pitts Frau, kann und will sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht so leicht abfinden. Da der Schlüssel zu Pitts Strafversetzung im Fall Adinett zu liegen scheint, macht sie sich auf die Suche nach den Gründen. Zusammen mit Fetters Witwe Juno versucht sie, Adinetts Tatmotiv zu ergründen. Auch Gracie, das resolute Hausmädchen der Pitts, bleibt nicht untätig und schaltet den befreundeten Wachtmeister Tellman ein, der zusammen mit Gracie Adinetts Aktivitäten kurz vor der Tat rekonstruiert. Ihre Wege kreuzen sich schon bald mit dem des Journalisten Remus, der offenbar in gleicher Sache ermittelt. Die Spur führt nach Whitechapel und was als Suche nach einem Mordmotiv Adinetts anfängt, gipfelt schon bald im Entblättern einer groß angelegten Verschwörung, die offenbar mit Jack the Ripper zu tun hat – mit kaum abschätzbaren Folgen …

Es gibt unzählige Theorien zum Thema Jack the Ripper, von denen die einen mehr, die anderen weniger plausibel erscheinen. 1976 erregte die Ripper-Theorie von Stephen Knight in England einiges Aufsehen. Er stellte die Taten als eine groß angelegte Verschwörung dar, deren Spur bis ins britische Königshaus reicht. Was auf den ersten Blick geradezu fantastisch erscheint, hat Knight so plausibel dargelegt und begründet, dass seine gut recherchierte Theorie immer noch als eine der stichhaltigsten gelten kann.

Unseriös wurde sie erst, als im Nachhinein plötzlich eine Hauptquelle von Knight ihre Aussagen dementierte (das Dementi wurde später übrigens noch einmal dementiert) und der Autor des Vorwortes einen wundersamen Gesinnungswandel durchmachte. Seine Worte, mit denen er Knights Arbeit zunächst vollmundig lobte, will er im Nachhinein auf einmal gar nicht mehr so gemeint haben. Die Sache stinkt zum Himmel und man bekommt das Gefühl, dass auch über hundert Jahre nach der Tat gewisse Kreise nicht an einer Aufklärung interessiert sind – was letztendlich wieder als Indiz für eine Bestätigung von Knights „königlicher“ Ripper-Theorie angesehen werden kann.

Doch was hat Anne Perrys Roman „Die Verschwörung von Whitechapel“ mit all dem zu tun? Eine ganze Menge. Perry stützt sich nämlich auf die von Knight aufgestellte Theorie. Auch bei ihr gibt es rund um Jack the Ripper eine weitläufige Verschwörung, mit den gleichen Drahtziehern. Diese Verschwörung entblättert sie in ihrem Roman schon fast beiläufig und längst nicht so detailliert und stichhaltig wie Knight. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der rein hypothetischen Frage danach, was wohl hätte passieren können, wenn Knights Theorie (angenommen natürlich, dass sie stimmt) schon damals in den gesellschaftlich und politisch unsicheren Jahren nach den Rippermorden bekannt geworden wäre. Eine Frage, die der Theorie eine weitere interessante Komponente hinzufügt und aus der Anne Perry einen durchweg spannenden Roman geschustert hat.

Der Zusammenhang zu den Ripper-Morden erschließt sich dem Leser, der nicht mit Knights Theorie vertraut ist, erst im späteren Verlauf des Romans. Am Beginn steht einfach nur die Suche nach dem Motiv, das Adinett dazu gebracht hat, Martin Fetters zu töten. Dass dabei vier Frauen die treibende Kraft hinter den Ermittlungen sind, mag in Anbetracht des viktorianischen Zeitalters zunächst etwas unglaubwürdig erscheinen, wird von Perry aber überzeugend gelöst. Alle beteiligten Frauen sind zwar durchaus selbstbewusst, aber bewegen sich dennoch im Rahmen dessen, was für Frauen ihrer Zeit realistisch erscheint. Sie suchen sich Unterstützung, beispielsweise durch den Gracie treu ergebenen Wachtmeister Tellman, und jeder nutzt zur Aufdeckung der Wahrheit die Mittel, die ihm standesgemäß zur Verfügung stehen.

Die Figuren bleiben dabei durchaus realistisch und Perry schafft es, jede einzelne von ihnen nachvollziehbar und mit einer gewissen Tiefe zu beleuchten. Ihre Verhaltensweisen bleiben durchweg glaubwürdig. Sie tun sich nicht als übermäßige Helden hervor und schaffen es dennoch, eine große Verschwörung aufzudecken, die so komplex ist, dass selbst der Leser sich schon konzentrieren muss, um im komplizierten Verschwörungsgewirr, das sich zum Ende hin auftut, nicht verloren zu gehen.

Das komplexe Gebilde der Zusammenhänge stellt auch im Grunde die einzige wirkliche Schwäche dar. Der Aufbau des Romans gelingt Anne Perry durchweg gut. Die Geschichte ist solide konstruiert und steigert in ihrem Verlauf beständig die Spannung. Zum Ende hin allerdings erscheint es so, als hätte sich dieses Konstrukt als fast schon zu komplex für den Romanumfang entpuppt. Die Auflösung erfolgt sehr schnell, nicht alles wird dabei vernünftig erklärt und nicht alle offenen Fragen werden beantwortet. Der Leser bleibt etwas unzufrieden zurück. Wie ich erst nach Beendigung des Buches festgestellt habe, wird die Geschichte im Nachfolgeroman weiterverfolgt („Feinde der Krone“; |Heyne| 2004, Taschenbuchausgabe August 2005). Insofern verwundert es nicht, dass das Ende in der Schwebe bleibt, dennoch wäre ein etwas vollständigerer Abschluss wünschenswert gewesen.

Insgesamt gibt es aus der Feder von Anne Perry mittlerweile 23 Romane um die Figur des Thomas Pitt und seine oftmals mitermittelnde Frau Charlotte. „Die Verschwörung von Whitechapel“ ist der 21. in dieser Reihe. Da er bislang auch der einzige ist, den ich gelesen habe, kann ich das Werk leider nicht in den Gesamtzusammenhang einordnen und vergleichend kritisieren. Offenbar bauen sie aber auch inhaltlich zum Teil aufeinander auf.

Schon allein sprachlich macht „Die Verschwörung von Whitechapel“ einen durchweg soliden und routinierten Eindruck. Perry weiß zu fesseln – und das bei einem Handlungsbogen, der fast ohne Action auskommt. Die Beschattungen des Journalisten Remus werden ebenso packend geschildert wie Pitts Leben im East End oder die Suche von Juno und Charlotte nach Hinweisen in der Bibliothek von Martin Fetters. Auch gesellschaftlich deckt der Roman ein sehr weit gefasstes Spektrum ab, denn im Verlauf des Buches startet auch Pitts angeheiratete Tante Vespasia einige Ermittlungen in der feinen Gesellschaft Londons.

Als eine der großen Stärken des Romans kann man die Beschreibungen festhalten. Perry schafft es nicht nur, ihre Figuren sehr lebendig zu zeichnen, sie skizziert auch einen teils recht tief schürfenden Einblick in das Leben im viktorianischen London. Die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen den Soireen der feinen Gesellschaft und der Schufterei der Arbeiterschicht in den Zuckersiedereien in Spitalfields, die aufkeimende Unruhe im East End, die ärmlichen, erniedrigenden Zustände, unter denen die Bevölkerung dort zu leiden hat, das beschauliche Leben der Pitts in Bloomsbury – all das schildert Perry sehr eindringlich. Das London der Zeit wird vor dem Auge des Leser wieder belebt.

Alles in allem ist „Die Verschwörung von Whitechapel“ ein durchaus gelungener historischer Krimi mit einer komplexen, aber gut konstruierten Story, einem spannenden Handlungsverlauf, lebhaften Schilderungen des viktorianischen London, mitsamt der politischen und gesellschaftlichen Unruhe, die in der Luft liegt und Figuren, die größtenteils glaubwürdig erscheinen. Nur schade, dass das Ende ein wenig plötzlich und etwas schwammig daherkommt. So kommt man wohl nicht umhin, auch den nachfolgenden Roman noch zu lesen.

p.s.: Da Anne Perry auf die Tätertheorie zu Jack the Ripper nicht ganz so ausführlich eingeht, bietet es sich für den interessierten Leser an, einmal die Theorie bei Knight selbst nachzulesen. Es lohnt sich wirklich, man sollte aber des Englischen mächtig sein, weil es keine deutsche Ausgabe gibt: Stephen Knight: [„Jack the Ripper – The Final Solution“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0586046526/powermetalde-21 Harper Collins, ISBN 0586046526.

Wer aufgeschlossen für Comics ist, findet diese Theorie auch noch einmal auf Deutsch als hervorragende und absolut empfehlenswerte s/w-Comic-Adaption, mit sehr ausführlichen Anhängen aufbereitet: Alan Moore, Eddie Campbell: [„From Hell“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3936068291/powermetalde-21 Speed Comics, ISBN 3936068291. Nach diesem Werk entstand auch die Verfilmung von Albert & Allen Hughes mit Johnny Depp und Heather Graham.

Robinson, Peter – verschwundene Lächeln, Das

Eastvale, das kleine Städtchen in der englischen Grafschaft Yorkshire, vermarktet sich gern als idyllischer Wohn- und Ferienort. Doch das moderne Verbrechen hat auch diesen scheinbar abgelegenen Winkel in seiner Brutalität und Rücksichtslosigkeit längst erreicht. Detective Superintendent Gristhorpe und sein Untergebener, Freund und potenzieller Nachfolger Detective Chief Inspector Alan Banks von der örtlichen Polizei wissen nur zu gut ein Lied davon zu singen. Dieses Mal werden sie in ein Viertel von Eastvale gerufen, über das die Stadtväter allzu gern den Mantel des Schweigens breiten. Die Gestrauchelten und Gestrandeten hausen hier, arbeits-, antriebs- und hoffnungslos – Menschen wie Brenda Scupham, deren siebenjährige Tochter Gemma gerade entführt wurde. Die Kidnapper gaben sich als Mitarbeiter des örtlichen Sozialamtes aus, und Brenda, die glaubte, man sei ihr dahintergekommen, dass sie ihr Kind vernachlässigte, ließ dieses mit den Fremden gehen, die natürlich keineswegs für die genannte Behörde tätig waren.

Was ist mit Gemma geschehen? Wer hat sie entführt – und wieso? Lösegeld wird nicht gefordert, ein Sexualverbrechen seitens der Polizei befürchtet. Verdächtige gibt es genug. An oberster Stelle der Liste steht Les Poole, Brendas Lebensgefährte, ein kleiner Gauner, Säufer und Tagedieb, dem Gemma stets ein Dorn im Auge war. Aber hinter der Tat steckt kriminelle Energie, die Poole nie aufbringen könnte. Gristhorpe und seine Leute setzen die wenigen Indizien mit Unterstützung der Psychologie Jenny Fuller zu einem Furcht erregenden Bild zusammen: Offenbar treibt ein serienmordendes, eiskaltes und organisiertes Psychopathen-Pärchen sein Unwesen in den Yorkshires. Als Wanderer in einer aufgelassenen Bleimine eine Leiche finden, fürchtet die Polizei daher das Schlimmste. Aber sie birgt einen toten Mann: Carl Johnson, Teilzeit-Gärtner, Ex-Sträfling und Gelegenheits-Dieb, wurde ausgeweidet wie ein Fisch – eine Tat, die der Mörder mit Vorsatz und offensichtlichem Genuss begangen hat.

Zuletzt arbeitete Johnson für den reichen Geschäftsmann Adam Harkness, der sein Vermögen in Südafrika erwarb und sich dabei als so rücksichtslos erwies, dass er schleunigst das Land verließ. Von Johnsons Doppelleben will er nichts gewusst haben: Inzwischen hat die Polizei entdeckt, dass dieser einst mit Les Poole eine Zelle teilte. Als Banks den Ganoven in die Zange nimmt, enthüllt dieser, dass jüngst zwei neue Gesichter in Eastvales nicht gerade kopfstarken Unterwelt auftauchten: Jeremy Chivers, genannt der Lächler, und seine ihm hörige Freundin jagten sogar abgebrühten Gewohnheitsverbrechern wie Poole und Johnson Schauder über die Rücken, denn sie zeigten sich bemerkenswert fasziniert von Gewalt und Leid …

Ein noch recht früh in der Inspector-Banks-Saga anzusiedelnder, aber in Deutschland erst nach dem Publikumserfolg der späteren Bände erschienener Krimi von Peter Robinson. Nun, wir wollen uns nicht beschweren – es hätte auch schlimmer kommen können: Wer zählt die Serien, die hierzulande unvollständig bleiben, weil nicht genug zahlende Kundschaft zu ihr findet, und welchen Verlagskonzern kümmert der Zorn der düpierten Leser?

Aber ich schweife ab: Die Lebensgeschichte und Fälle des Alan Banks und seiner wackeren Kameraden von der Polizeistation Eastvale konnten wir jedenfalls inzwischen kennen und schätzen lernen. Das geschah sogar recht zügig, was freilich nicht wundert: Robinson plottet und schreibt zum einen grundsolide englische Polizei-Thriller, die zweitens zur Zeit genau den richtigen Ton beim deutschen Krimimainstream-Leser treffen: spannend, aber nicht zu aufregend oder gar düster und zynisch, platziert in der ländlich-heimeligen, typisch britischen Provinz und ordentlich versetzt mit Seifenoper-Elementen. Das Ergebnis ist die ideale Feierabend- und Ferienlektüre, was nicht abwertend gemeint ist: „Das verschwundene Lächeln“ liest sich flott und ohne Längen, wobei man sich nie vom Verfasser für dumm verkauft vorkommt. Nur gibt es eben keine Überraschungen; nicht eine. Auch die angeblichen Ecken und Kanten der Figuren sind eigentlich gar keine. Robinson stattet seine Protagonisten nur damit aus, weil so etwas im modernen Kriminalroman üblich ist. Wie halbherzig er dabei vorgeht, verrät der lang erwartete Auftritt des berüchtigten Sergeanten Hatchley, der als Polizist angeblich so über die Stränge schlug, dass man ihn vorsichtshalber in die tiefe Provinz versetzen musste: Es erscheint ein großmäuliger, aber liebenswerter Bär, der ein bisschen brummt, um damit einen verstockten Berufskriminellen zum Reden zu bringen – eine Episode, die man als Leser mit Humor nehmen sollte, weil sie einfach nicht funktioniert.

Auf der Haben-Seite haben wir eine Geschichte, die zum Teil auf einer wahren Begebenheit basiert. Robinson macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass er sich auf den Fall des Yorkshire-Rippers stützt, der zwischen 1975 und 1980 als einer der bis dato seltenen echten Serienkiller der britischen Inseln für Angst und Schrecken (und Furore) sorgte. Als Robinson „Das verschwundene Lächeln“ 1992 niederschrieb, waren des Rippers Untaten (und das haarsträubende Versagen der Polizei) noch sehr präsent. Inzwischen kann dieses traurige Exemplar der Spezies Mensch schon längst keinen Ausnahme-Status mehr für sich beanspruchen: Auch England hat in Sachen Serienmord inzwischen gut aufgeholt. Man hat sich an diese seltsamen, furchtbaren Geschöpfe fast schon gewöhnt; jeder Grundschüler weiß heute, was ein Profiler ist. Das lässt jene Passagen, in denen Jenny Fuller quasi für den Leser über den Serienkiller doziert, ein wenig in die Länge gezogen erscheinen. Dazu überkommt den Verfasser hier und da der Drang, über die Schlechtigkeit der Welt zu lamentieren, was leicht in eine Pflichtübung abgleitet; Alans Banks schier endloses Telefonat mit seinem Kollegen Piet Kuypers von der Amsterdamer Polizei über das Thema Kindesmissbrauch ist eine dieser der Handlung aufgepfropften Gardinenpredigten. Versucht sich Robinson hier als Mahner & Warner vor den Schattenseiten der modernen Gesellschaft? Dazu fehlt ihm definitiv das Format!

Was gut geschürt wird, ist die dunkle Furcht vor menschlichen Abgründen, die besonders von den politisch korrekten Zeitgenossen gern totgeschwiegen werden, da diese der festen Überzeugung sind, Probleme ließen sich auf diese Weise am besten „lösen“. Robinson beschwört diese Angst beklemmend herauf. Das ist stets einfach, wenn Kinder zum Objekt des Verbrechens werden. Sofort greift der Reflex, die besonders Hilflosen und Schwachen dieser Gesellschaft zu schützen. Begleitet wird er von der deprimierenden Erkenntnis, dass dies selbst bei gutem Willen nicht immer gelingen kann. Als Autor spekuliert Robinson zunächst nicht auf diese beiden Reaktionen; nur notorisch unfähige Schriftsteller und C-Movie-Kurbler tun dies. Er bleibt zurückhaltend, arbeitet mit nur Andeutungen und überlässt es dem Leser, die Lücken selbst zu füllen – der Effekt ist noch weitaus Furcht erregender! Doch dann verrät Robinson sein scheinbares Anliegen durch ein allzu schmalziges, gut gemeintes, aber höchst unrealistisches und der Mainstream-Mehrheit nach dem Mund geredetes Final-Happy-End, und man erkennt, dass besagte Zurückhaltung womöglich nicht literarisches Instrument ist, sondern hauptsächlich aus der Angst vor der eigenen Courage oder dem Zorn der Leserschaft geboren wurde. Diese Kritik sei auf keinen Fall mit dem Ruf nach plakativer Gewalt und Blutbädern gleichgesetzt; die Tugendbolde sind da immer rasch bei der Hand. Nur: Wenn er über ein Feuer schreibt, muss der Chronist schon ein bisschen näher an die Flammen, um seinen Lesern mehr zu bieten als ein bisschen Qualm aus sicherer Entfernung!

Sollten noch Fragen zu Leben und Werk des Peter Robinson offen sein, hilft ein Blick auf des Schriftstellers eigene Website: http://www.inspectorbanks.com.

Grimes, Martha – Mädchen ohne Namen, Das

_Hanni und Nanni auf Männerjagd_

Eine einfühlsame Mischung aus Roadmovie, Hanni und Nanni und „Am wilden Fluss“, doch beileibe kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“. Hier treten keine Serienmörder und FBI-Profiler, sondern lediglich zwei junge, aber überraschend couragierte Frauen auf. Sie haben das Rätsel der Herkunft der einen zu lösen und müssen dazu einen gefährlichen Unbekannten aufstöbern.

|Die Autorin|

Die Amerikanerin Martha Grimes ist eine der bekanntesten Krimiautorinnen der Welt. Zuletzt begeisterte ihr Roman „Die Treppe zum Meer“ und „Was am Meer geschah“ Leser und Kritik gleichermaßen. Sie lebt u.a. in Santa Fé, New Mexico, wo auch der vorliegende Roman beginnt.

_Handlung_

Eine 17-jährige junge Frau wacht eines Morgens in einem Motel in der Nähe von Santa Fé, New Mexico, auf. Über dem Stuhl hängen Kleidungsstücke eines Mannes, doch der ist verschwunden. Und sie kann sich weder an ihn noch ihren eigenen Namen erinnern. Alles ist weg: die letzte Nacht, ihre Herkunft, nur noch Bruchstücke tauchen aus ihrem Gedächtnis auf.

Klar, dass die junge Frau ziemliche Angst verspürt. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierher kam. Als sie von der redseligen Wirtin des Motels, Patsy Orr, die Auskunft erhält, sie sei am Abend zuvor mit ihrem ‚Daddy‘ angereist, steigert sich ihre Angst zu Panik. Was hat dieser unbekannte ‚Daddy‘ mit ihr angestellt? Sie schnappt sich sechshundert Dollar aus der Jacke des Unbekannten, der in die Stadt gefahren ist und bald zurückkehren will. Dann schnappt sie sich ihren Rucksack, auf dem die Initialen ‚A.O.‘ eventuell ihre eigenen sind. Aus dem Wagen ‚Daddys‘ entwendet sie eine halbautomatische Pistole und macht sich auf die Socken.

Auf ihrer Flucht lässt sie sich von einem Mann mit sehr blauen Augen mitnehmen, der sie in die nahen Sandia-Berge bringen kann. Könnte er ihr ‚Daddy‘ sein? Herrje, fast jeder könnte ‚Daddy‘ sein! Offenbar darüber beruhigt, dass sie ihn nicht wiedererkannt hat, verabschiedet er sich wieder. Zum Glück findet sie eine abgelegene Berghütte, in der sie sich einrichten kann. Von den SANDIA-Bergen leitet sie ihren neuen Namen ab: ANDI. Und weil die Initialen auf dem Rucksack ‚A.O.‘ lauten, nennt sie sich fortan Andi Olivier und erfindet eine ganze Familie samt ihrer Geschichte. Nachdem sie merkt, dass jemand während ihrer Abwesenheit in der Hütte war (Daddy?!), beginnt sie mit Schießübungen und kann schon bald passabel mit der Knarre umgehen. Das wird für sie noch wichtig.

Dort in den Bergen rettet sie gefangene und verletzte Wildtiere aus den Schlingen und Fallen der Wilderer. Um die Schmerzen der Tiere zu lindern, braucht sie Morphium und ähnliche Stoffe. Die besorgt sie sich klammheimlich aus der Apotheke des nächsten Dorfes, in der sie sich einschließen lässt. Beim dritten Mal wird sie allerdings erwischt. Die 14-jährige Mary Dark Hope findet heraus, wozu Andi diese Substanzen klaut, und freundet sich sofort mit ihr an. Mary ist Vollwaise, die nicht nur Eltern, sondern auch ihre Schwester verloren hat und nun von ihrer Haushälterin Rosella betreut wird.

Mary ist geschockt, als sie herausbekommt, welches Schicksal Andi widerfahren ist. Sie sieht auch ein, dass sie ‚Daddy‘ finden müssen, der angeblich aus Idaho kommt und kurz in der Spielerstadt Cripple Creek abgestiegen war. Obwohl die beiden keinen Führerschein haben, fahren sie nach Cripple Creek und Idaho. Auf dem Weg tun sie etwas, was am Ende ausschlaggebend wird für das Urteil, das sie über ‚Daddy‘ fällen: Sie befreien Wildtiere und misshandelte Haushunde aus ihrer Not. Das führt mitunter zu komischen Szenen, die sich im menschenleeren Westen schnell herumsprechen. Allerdings verdächtigt niemand die beiden Mädchen.

Erst in Idaho treffen sie auf ‚Daddy‘, eine miese Ratte, der wirklich alles zuzutrauen ist. Vorgeblich ein Führer bei Wildwasserfahrten – sie machen eine davon mit – hat Daddy auch eine Vorliebe für illegale Wildtierjagden, Kinderpornofotos und Frauenmisshandlungen. Zum Glück finden Andi und Mary schnell einen Verbündeten, mit dessen Hilfe sie es mit Daddy und seinen Kumpanen aufnehmen können, bis zum bitteren Ende …

|Zum Klappentext|

Der Klappentext erzählt mal wieder Unsinn. Es geht nicht um einen „mysteriösen Verfolger“, denn der ist bereits über alle Berge und wiegt sich in Sicherheit, als Andis Geschichte beginnt. Außerdem würde ich nicht sagen, dass dies ein „Psychothriller“ ist. Vielmehr musste ich rund 240 Seiten warten, bis die beiden Mädchen in Idaho ankommen, wo sie dann wenigstens herausfinden, um wen es sich bei ‚Daddy‘ handelt. Das Finale ist noch in weiter Ferne. Davor kommen noch jede Menge Roadmovie und Wildwasserabenteuer.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist sehr schnell und flüssig zu lesen – ein Zeichen für gute Erzählkunst. Es bereitet auch keinerlei Mühe, selbst komplexere Zusammenhänge und Andeutungen zu verstehen. Der Leser, der gut kombinieren kann, wird schon das Ende der ‚Daddy‘-Handlung voraussehen können. Es kommen auch nur sehr wenige überraschende Wendungen vor, die einen in die Irre führen könnten. Vielmehr öffnet sich das Geheimnis um Daddy wie eine große Blüte. Andi und Mary setzen auf ihrer Tour nach Idaho alle Indizien zusammen, bis sie recht genau wissen, was sie dort erwartet.

Die beiden Mädchen entwickeln ihre jeweils unterschiedlichen Persönlichkeiten rasch weiter. Mary, die den Großteil der Handlung erzählt, ist als die Jüngere weitaus vorsichtiger und zaghafter. Andi hingegen scheint sich zu einer entschlossenen Frau zu entwickeln, die manchmal mit einem Pokergesicht die härtesten Fragen stellt. Ihr alter Kumpel Reuel vergleicht Andi mit einem vor langer Zeit abgeschossenen Pfeil, der nun bald in sein Ziel einschlagen muss. Andi ist die Faszinierendere von beiden, doch durch ihr entschlossenes Schweigen wirkt sie unnahbar, wenn nicht sogar furchterregend. Sie jagt nicht nur Mary, sondern auch ‚Daddy‘ Angst ein. Und „Janie’s got a gun“!

Nachdem Andi wieder aus ihrem Leben verschwunden ist, sieht sich Mary außerstande, so wie bisher weiterzumachen: die Augen vor dem Bösen, das Menschen tun, zu verschließen. Und so wird sie auf ihre eigene stille Art eine Heldin. Natürlich geht es um Tiere, aber nicht nur.

Mit Marys Tun klagt die Autorin die korrupten Zustände in den Vereinigten Staaten an, wenn es um den Schutz von Tieren und die Beachtung des Washingtoner Artenschutzabkommens geht. Mit dem Schicksal Andis und Daddys Verbrechen prangert sie offen das Verhalten der Bevölkerung gegenüber missbrauchten Mädchen und Frauen an. Man schaut lieber weg, als etwas dagegen zu unternehmen.

|The mystery stranger – der Fremde ohne Namen|

Wie Clint Eastwood in „Pale Rider“ und anderen Filmen tritt Andi als Beschützerin der Bedürftigen auf. Selbst eine Vollwaise und ohne Namen oder Herkunft in diese Welt geworfen, solidarisiert sie sich mit den schutzlosen Wildtieren und mit einer anderen Waise, Mary Dark Hope (‚dunkle Hoffnung‘ – dieser Beiname wird leider nie erklärt). Dass sie dabei zwangsläufig auch der Ursache dieses Zustands auf den Grund gehen muss, ist konsequent. Daddy verrät ihr, dass sie nach einem schrecklichen Busunglück als einzige Überlebende am Straßenrand entlangstolperte, als er sie auflas. Warum sie überlebte, wird im Dunkeln gelassen.

|Hanni & Nanni|

Meine Überschrift bezieht sich auf die bekannte Mädchenbuchserie und nimmt sie ein wenig auf die Schippe. Aber wie schon angedeutet, muss man sich 240 Seiten lang gedulden, bis die beiden endlich in so etwas wie eine brenzlige Situation geraten. Die Autorin ist zunächst auffällig konfliktscheu. Dafür kommen die finalen Auseinandersetzungen umso härter daher.

Wendet sich Martha Grimes also an ein jugendliches Publikum? Durchaus. Doch von diesen gedämpften, geradezu netten Anfängen führt sie die Leser zu immer provozierenderen Szenarien und Enthüllungen. Schließlich ist Mary, ihre Protagonistin, mehrmals so weit, einfach nur noch abhauen zu wollen, um die Augen weiterhin vor der Wahrheit verschließen zu können. Als dies nicht mehr geht, ist sie selbst ein abgeschossener Pfeil.

_Mein Eindruck_

„Das Mädchen ohne Namen“ kommt ohne große Dramatik und Action daher, denn die Opferzahl scheint gering zu sein. Doch das täuscht. Denn für die Autorin zählen auch jene zu den Opfern, die nicht getötet wurden, sondern lediglich permanente Opfer der Gewalt von Männern sind: misshandelte Frauen, missbrauchte Kinder, sinnlos abgeschlachtete Wildtiere.

Immer wieder habe ich mich über den Mut der beiden jungen Frauen gewundert, und dieser Mut ist übertragbar, wie sich zeigt. Insofern ist dies kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“, sondern ein Aufruf an die Leser, besonders an die Frauen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und etwas zu tun. Denn „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (E. Kästner).

|Der Originaltitel|

„Biting the moon“ wird zum Glück erklärt. Dieses „Beißen des Mondes“ scheinen die Kojoten zu tun, wenn sie den Erdtrabanten anheulen. Das Bild lässt sich leicht auf Andis psychische Verfassung übertragen. Eine schöne, passende Metapher.

|Originaltitel: Biting the moon, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Cornelia Walter|

Harris, Robert – Pompeji

Der junge Wasserbaumeister Marcus Attilius Primus wird nach Misenum am Fuß des Berges Vesuv beordert, um neuer Aquarius des römischen Aquädukts Aqua Augusta zu werden, nachdem sein Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist. Die Aqua Augusta versorgt eine Reihe Städte rund um den Vesuv herum mit dem Zeichen der Zivilisation, dem Wasser. Bald nach Attilius‘ Ankunft sterben kostbare Fische im Becken des reichen Ampliatus, das Wasser ist mit Schwefel vergiftet; der Fluss der Augusta versiegt, die Wasservorräte reichen nur noch für zwei Tage. Attilius berechnet den Abschnitt des Aquädukts, in dem der Defekt zu finden sein muss, und lässt sich mit einer Sklavenmannschaft nach Pompeji verschiffen, um von dort aus die Reparatur zu starten.

In Pompeji herrschen merkwürdige Zustände: Der ehemalige Sklave Ampliatus verschaffte sich in der Zeit nach dem großen Erdbeben einen neuen Status, entwickelte einen ausgeprägten Geschäftssinn und fesselte die mächtigen Familien der Stadt an sich. So ist er der eigentliche Herrscher und bewirkt gegen den Willen der Offiziellen, dass Attilius geholfen wird (damit hofft er auch, den neuen Aquarius in seine Schuld zu ziehen).

Attilius gelingt es, den Aquädukt provisorisch zu reparieren, aber zunehmende kleine Erdbeben steigern auch seine Unruhe. Aus verräterischen Schriftstücken, die ihm von Ampliatus‘ Tochter zugespielt werden, kommt er einem großen Betrug auf die Spur, die in Zusammenhang mit Exomnius‘ Verschwinden zu stehen scheinen. Exomnius stammte von Sizilien, kannte den Ätna und seine Vorboten, und bei der Lektüre dieser Schriftstücke erkennt Attilius, was außer Exomnius niemand erkannt hatte. Es gab Verbindungen zwischen Ätna und Vesuv! Attilius erklimmt den Berg und findet Exomnius‘ Leiche, gestorben in giftigen Dämpfen. Die Beben werden stärker, Attilius flieht vom Vesuv, dessen Gefährlichkeit lange verkannt wurde.

_Robert Harris_, geboren 1957 in England, arbeitete als Redakteur, Reporter und Kolumnist; für Letzteres erhielt er eine Auszeichnung. Vor „Pompeji“ schrieb er die Bestseller „Vaterland“, „Enigma“ und „Aurora“.

|Pompeji| ist ein wohl recherchierter historischer Roman, der die ganze Tragik des Vesuvausbruchs, der schließlich zur Einäscherung Pompejis führte, darstellt. Mit Attilius bedient Harris sich eines Protagonisten, der nach dem Ausbruch nicht mehr gesehen wurde. Geschickt verbindet Harris Erzählungen und Fakten, um die persönliche Geschichte des Aquarius zu erzählen und ein mögliches Happy-End für ihn aufzuzeigen.

Den Kapiteln vorangestellt sind jeweils kurze Abschnitte aus Schriften zum Vulkanismus, so dass der Leser eine ungefähre Vorstellung von den Vorgängen bei einem Ausbruch bekommt; außerdem wirken sie wie ein Countdown, je näher der Ausbruch rückt. Alle gesponnenen Fäden werden verknüpft und liefern ein stimmiges Gesamtbild, so dass kein Detail zu erkennen ist, das für die Erzählung unnötig erschiene. Stundenweise schreitet die Zeit voran, manchmal muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass Harris diese Ereignisse an drei Tagen statt finden lässt, denn viel passiert in dieser Zeit. Attilius scheint fast ohne Schlaf auszukommen, aber tatsächlich lässt Harris das nicht unberücksichtigt.

Eine weitere sympathische Figur ist der militärische Befehlshaber Plinius, auf den gleichzeitig viele wichtige Schriften aus dieser Zeit zurückgehen, zum Beispiel die |Historia Naturalis|, aus der Harris auch mehrfach zitiert. Plinius sieht in dem Vulkanausbruch das letzte Geheimnis der Natur, das schriftlich festzuhalten ihm in seinem Leben vergönnt ist. So begibt er sich mit wissenschaftlichem Eifer in höchste Gefahr und liefert eine derart genaue Beschreibung des Hergangs, dass noch heute in der Wissenschaft der Ausdruck „plinianisch“ für einen derartigen Vulkanausbruch steht.

Warum allerdings Oberaufseher Corax einen tödlichen Hass auf Attilius hat, wird nicht ganz deutlich. Erwähnt wird, dass er auf das Amt des Aquarius gehofft hatte, doch diese Erklärung ist etwas unbefriedigend. Wahrscheinlich ist es menschliche Abneigung, die sich über diesen Punkt in Hass entwickelt.

Insgesamt kann gesagt werden, dass „Pompeji“ zu Recht ein Bestseller ist, denn er liest sich flüssig und spannend und bietet hervorragende Unterhaltung bei gleichzeitiger Vermittlung interessanter Fakten zu einer historischen Begebenheit.

Dooling, Richard – Tagebuch der Eleanor Druse, Das

Eleanor Druse, eine 75-jährige Parapsychologin mit heftigen New-Age-Wallungen, betreut ehrenamtlich sterbende und einsame Patienten im altehrwürdigen Kingdom Hospital in Lewiston, US-Staat Maine. Dorthin wird sie auch von ihrem Sohn Bobby gerufen, der im Krankenhaus als Krankenpfleger arbeitet, als Madeline Kruger nach einem Selbstmordversuch eingeliefert wird. Eleanor, die ihre Freundin aus Kindertagen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, eilt zu ihr – und findet sie tot vor: Madeline hat offenbar mit einem eingeschmuggelten Eispickel vollendet, was ihr daheim misslungen war.

Doch warum kriechen Heerscharen von Ameisen aus ihren Wunden? Eleanor wird durch den Schrecken ohnmächtig und schlägt mit dem Schädel auf dem Boden auf. Ein langer Krankenhausaufenthalt schließt sich an, denn Eleanor hört seither Stimmen und hat Visionen: Ein kleines Mädchen geistert weinend durch das Kingdom Hospital, ein gruselig anzuschauender Arzt tut es ihm gleich. Das alte Haus wird von Erdbeben erschüttert. Im Keller fallen Ratten über die Leichen her.

Eleanor beschließt, das Rätsel zu lösen. Sie beschafft sich Informationen über das Kingdom Hospital und kommt einem alten Skandal auf die Spur: Dr. Ebenezer Gottreich, ein fanatischer Anhänger der Gehirnchirurgie, hat hier in den 1930er Jahren verbotene Menschenversuche durchgeführt – und sie sowie Madeline Kruger gehören zu seinen Opfern! Das hatte sie bisher verdrängt, nun kehren die Erinnerungen mit den Visionen zurück. Leider scheint dies auch auf Dr. Gottreich zuzutreffen, dessen mörderischer Geist durch das Krankenhaus irrt und weitere Gräueltaten verübt. Eleanor selbst wird von den Ärzten des Kingdom Hospitals als psychisch derangierte Querulantin abgestempelt und – da ansonsten völlig gesund – vor die Tür gesetzt. Doch Eleanor lässt sich so einfach nicht ausschalten. Sie will dem kleinen Mädchen helfen und verschafft sich heimlich Einlass in das Krankenhaus. Die Ärzteschaft hart auf den Fersen, findet sie das Mädchen – und die böse Macht, die es jagt und das Kingdom Hospital terrorisiert …

Bücher zu Filmen sind seit jeher mit einiger Vorsicht zu betrachten. Sie bilden eine Art Zusatzgeschäft und stehen ungefähr auf dem Niveau von Kunststoffpüppchen der Darsteller, Tradingcards oder ähnlichem überflüssigen Schnickschnack, mit dem den Fans noch ein bisschen Geld mehr aus der Tasche gelockt werden soll. Mit entsprechender „Sorgfalt“ und Werktreue sind sie denn auch geschrieben – für den schnellen Verbrauch bestimmt, flach, langweilig. Weil dies offenbar ein Gesetz ist, heuert man für diesen Job bevorzugt zweit- und drittklassige Schreiberlinge oder richtige Autoren in akuten Geldnöten an.

„Das Tagebuch der Eleanore Druse“ entspricht vollständig dieser ungünstigen Definition. Dies überrascht nicht, stellt doch schon die US-amerikanische TV-Show das Surrogat einer skandinavischen Fernsehserie dar, deren Originalität in keiner Sekunde auch nur annähernd erreicht wurde. „Riget“ (dt. „Geister“) wurde 1994 vom dänischen Regisseur Lars von Trier (mit Niels Vørsel) erfunden, (mit Morton Arnfred) in Szene ge- und 1997 fortgesetzt: Ein modernes Krankenhaus wird mit parapsychologischen bzw. mythischen Phänomenen aus der Vergangenheit konfrontiert. Die filmische Umsetzung geschah durch Meisterhand, die Rollen waren brillant besetzt, die Darsteller lieferten Höchstleistungen. „Geister“ war spannend, gruselig, witzig – eine Sternstunde nicht nur der skandinavischen Fernsehgeschichte.

Was auch in den USA nicht verborgen blieb. Zwar lockte „The Kingdom Hospital“, wie die Serie nun heiß, auch hier die Zuschauer, aber für die durchschnittliche Couchkartoffel war sie doch zu komplex, zu frivol und vor allem zu europäisch. Wie schon so oft wurde deshalb eine „amerikanisierte“ Kopie in Auftrag gegeben. Für das Drehbuch konnte man einen Vollprofi gewinnen: Stephen King ist nicht nur ein berühmter Schriftsteller, sondern auch ein versierter Drehbuchautor. Weil er nicht die gesamte, auf 13 Teile projektierte Serie „Kingdom Hospital“ stemmen konnte, gesellte sich ihm Richard Dooling hinzu. Auf dem Regiestuhl nahm 2004 der auf King-Fernseh-Miniserien spezialisierte Craig R. Baxley („Storm of the Century“, „Rose Red“, „The Diary of Ellen Rimbauer“) Platz. Es entstand das übliche King-TV-Spektakel: aufwändig und routiniert in Szene gesetzt und erfolgreich, aber auch hausbacken, viel zu lang und enttäuschend eindimensional: „Riget“ für Anspruchslose.

„Das Tagebuch der Eleanor Druse“ überträgt dies kongenial, aber leider wohl unfreiwillig in Worte. Weder im Klappentext oder im „Vorwort“ der „Verfasserin“ findet Erwähnung, dass dieses Buch nur den Auftakt einer Serie von „Kingdom“-Romanen darstellt. So erklärt sich das abrupte „Cliffhanger“-Finale, als noch gar nichts aufgeklärt ist. Der Leser schaut in die Röhre und ärgert sich, bis hierher durchgehalten zu haben, nachdem er – oder sie – so unverschämt vernachlässigt wurden.

Was ist von einem Roman zu halten, dessen erste Hälfte gar nicht im Titel gebenden Kingdom Hospital, sondern in einem anderen Krankenhaus in Boston spielt? Nachträglich begreifen wir dies als Einleitung zu einer sehr weit gespannten Geschichte, um die wir indes in diesem Buch geprellt werden. Im Vergleich zum verwünschten „Reichskrankenhaus“ der Originalserie ist das Kingdom Hospital zudem ein langweiliger Ort, an dem ziemlich kindische Geister umhertölpeln. Von Gruselatmosphäre keine Spur, der Stätte entsprechend steril und vordergründig schleppt sich das Geschehen dahin. Der abschweifig-geschwätzige Tonfall des Verfassers, der ebenso mühsam wie zwecklos versucht, Stephen Kings Geschick sowohl in der Darstellung US-amerikanischen Alltags als auch in seinen Schilderungen jenseitiger Heimsuchungen zu imitieren, trägt zum Misslingen des Werkes bei.

Den Gnadenstoß versetzt die Figurenzeichnung. Selten hat man sich über unsympathische Hauptpersonen so offen ärgern müssen. Die Idee an sich, weg von den üblichen TV-Klischeegestalten zu gehen, ist prinzipiell zu begrüßen. „Riget“ zeigt, wie erfrischend dies sein kann. „Kingdom Hospital“ wird indes von Karikaturen bevölkert, die umzubringen Pflicht jedes anständigen Gespenstes sein sollte. Das trifft ausgerechnet auf die Hauptfigur in ganz besonderem Maße zu.

Eleanor Druse war offenkundig geplant als „unwürdige Greisin“, die unkonventionell im Denken und Handeln trotz Alter und Eigensinn dem Grauen die Stirn bieten kann. Tatsächlich ist Eleanor eine Heimsuchung als unsensible, besserwisserische, eingebildete, frömmelnde New-Age-Hexe, deren sinnfreies Geplapper beim Lesen zur Weißglut reizt und das Überspringen ganzer Passagen erforderlich macht. Sohn Bobby, von der übermächtigen Mutter gegängelt und unterdrückt und auch sonst keine Leuchte, dient der Story als Wasserträger, der im rechten Augenblick verstaubte Akten heranschleppt oder seine penetrante Erzeugerin in unzugängliche Krankenhaussektionen einschmuggelt.

Die Ärzteschaft des Kingdom Hospital: eine Horde völlig überzeichneter, arroganter, unfähiger, korrupter, übergeschnappter Nullgestalten, die anscheinend nur von Eleanor Druse durchschaut werden und mit Patienten, Behörden und sonstigen Ordnungsmächten ihr lachhaftes Spiel treiben können. Es fehlt völlig die Mischung aus überzeugender Bosheit und Irrwitz, welche die „Riget“-Mediziner auszeichnete.

„Das Böse“ des Kingdom Hospital kommt sogar noch dümmlicher daher. Dr. Gottreich ist ein „mad scientist“, wie ihn heute höchstens noch Vormittagssendungen für Kinder präsentieren. Die kleine Mary, Gespenst Nr. 2, gehört zu den „Guten“, aber sie spukt ausgesprochen sinnfrei durch die Gänge, heult dabei zum Steinerweichen, und das wohl bereits seit anderthalb Jahrhunderten. Genaues erfährt man (noch) nicht; entsprechende Enthüllungen bleiben der Fortsetzung des „Tagebuches“ vorbehalten, auf die man problemlos verzichten kann.

Geschickt drückt sich der |Heyne|-Verlag um die Beantwortung der Frage, wer „Das Tagebuch der Eleanor Druse“ eigentlich geschrieben hat. Angeblich Eleanor selbst, aber sogar der dümmste Leser wird ahnen, dass es sich hier um eine fiktive Gestalt handelt. Also entspringt das „Tagebuch“ womöglich dem Hirn des großen Stephen King, unter dessen Namen die gleichnamige TV-Serie vermarktet wird? Man findet seinen Namen nicht dort, wo Verfassernamen zu stehen pflegen, sondern auf einem Button, der dem Cover aufgeprägt wurde („Das Buch zur TV-Serie von Stephen King“). Ansonsten lässt man eine Lücke dort, wo ansonsten nicht gerade verkaufsförderlich „Richard Dooling“ stehen müsste.

Dooling, geboren 1954 in Omaha, Nebraska, hat sich hier quasi als Ghostwriter für ein reines Kommerzprodukt verpflichten lassen. Er ist eigentlich Anwalt und hat diesen Job nicht aufgegeben, denn mit seinen eigenen Werken kann der Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist seine Kritiker sowie Leser zwar begeistern, erreicht aber ganz sicher kein Millionenpublikum. Werke wie „Critical Care“, „White Man’s Grave“ und „Brain Storm“ sind auch in Deutschland (als „Bett Fünf“, „Das Grab des weißen Mannes“ und „Watsons Brainstorm“) erschienen. „Critical Care“ nutzt übrigens wie „The Journals of Eleanor Druse“ die Erinnerungen des ehemaligen Beatmungstechnikers Dooling, der einige Jahre in einem Krankenhaus arbeitete und hinter die Kulissen blicken konnte.

Mehr über Autor und Werk verrät die Website http://members.cox.net/dooling.

Mann, Phillip – Auge der Königin, Das

„Das Auge der Königin“ war der erste Roman des Neuseeländers Phillip Mann, der bei uns in deutscher Übersetzung erschien. Es ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse, der je geschrieben wurde.

Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass Phillip Mann eine wissenschaftliche Ausbildung in Linguistik und Ethnologie erhalten haben muss. Nicht zufällig nämlich sind zwei Hauptfiguren seines Romans Experten vom „Institut für Kontakt-Linguistik“. Dieses hat sich, hundert Jahre nach Beginn der interstellaren Raumfahrt, die Aufgabe gestellt, außerirdische Kulturen zu erforschen.

_Der Autor_

Der 1942 geborene Engländer Phillip Mann lebt seit 1969 in Neuseeland. Seine Tätigkeiten als Theaterdirektor und Drama-Dozent verhalfen seinen Romanen und Hörspielen zu klarer Struktur und Anschaulichkeit. Neben „Das Auge der Königin“ (1982; dt. bei |Heyne|) ist „Pioniere“ als sein bester Roman anerkannt.

Der Neuseeländer wurde bei uns mit den zwei Paxwax-Romanen, dem Roman „Pioniere“ und mit „Wolfs Garn“ bekannt. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen menschliche Eitelkeit und Überheblichkeit, weshalb selbst die besten Pläne bei ihm stets schief gehen, so auch in diesem Roman über einen Erstkontakt. Die Arroganz besteht diesmal in dem Glauben, unbeteiligter Beobachter sein und bleiben zu können. Wolfgang Jeschke nannte dieses Buch einmal in den achtziger Jahren den besten Science-Fiction-Roman überhaupt – lang ist’s her.

Die Krönung von Manns schmalem Oeuvre bildet bislang der vierbändige Zyklus „Ein Land für Helden“ (A land fit for heroes):

1. Flucht in die Wälder
2. Der Monolith
3. Der Drache erwacht
4. Der brennende Wald

_Handlung_

Sobald die inzwischen galaxisweit Raumfahrt treibende Erde erkennt, dass in gewissen Richtungen Widerstand geleistet wird, geben sich dessen Verursacher zu erkennen. Es sind die Bewohner des Planeten Pe-Ellia (die Ähnlichkeit mit Perelandra bei C. S. Lewis ist wohl nicht ganz zufällig). Die Pe-Ellianer sind eidechsenähnliche, doch menschenförmige Riesengeschöpfe.

Sie laden den pensionierten Kontakt-Linguistiker Marius Thorndyke und seinen Schüler Thomas Mnaba nach Pe-Ellia ein. Sein Tagebuch und dessen Kommentar ergänzen sich später zu einem annähernd runden Bild von der pe-ellianischen Zivilisation.

Da auf Pe-Ellia der Geist die absolute Kontrolle über die Materie errungen hat und der telepathische Kontakt untereinander somit das Zusammenleben bestimmt, finden die zwei Menschen, die über keine telepathischen Kräfte verfügen, nur schwer Zugang zum Kern dieser fremden Kultur. Ja, die beiden stellen für diese sogar eine Bedrohung dar, wenn auch unwissentlich.

Die Pe-Ellianer verfolgen seit Jahrtausenden mit Sorge das Anwachsen der unbewussten, ungezügelten psychischen Potenz der Menschheit. Denn sie selbst beherrschen psychische Kräfte wie Werkzeug – die Unio Mystica (Gefühl der Einheit zwischen Ich und Welt) ist bei ihnen ein Dauerzustand.

Andererseits ist diese Gabe ihre Achillesferse: Ein unbeherrschter Fluch kann sie töten. Sie streben nach Vollkommenheit, die sich im Verlauf ihrer sieben Häutungen zeigt. Wird sie erreicht, werden sie zu „mantissae“ (femininer Plural von griechisch-lateinisch „Mantis“ = Seher, Weissager), die Geist und Materie beherrschen. Die psychischen Einwirkungen der Menschen stören diese Entwicklung.

Entgegen aller wohlerprobten Maximen, die es den Kontakt-Linguisten verbieten, Einfluss auf die Kultur der zu erforschenden Aliens zu nehmen, bringt Thorndyke sich selbst, d.h. seine Persönlichkeit, ins Spiel ein. Thorndyke sieht nur einen gangbaren Weg, um diese Fremdwesen völlig zu verstehen. Er lässt sich zum Pe-Ellianer umwandeln. Er weiß, dass ihm bis zu seinem Tod im „Auge der Königin“, einem Zugang zur Unter- und Totenwelt, nicht mehr viel Zeit bleibt.

[SPOILER]
Durch Verschmelzung mit der „Königin“, einer gewaltigen, den Planeten durchwuchernden Biomasse mit quasigöttlichen Fähigkeiten, wird Thorndyke Bestandteil des pe-ellianischen Genpools und gewährleistet damit, soweit er es vermag, eine denkbare Synthese zwischen Erde und Pe-Ellia.
[Ende des Spoilers]

_Mein Eindruck_

Die Erzählform des kommentierten Tagebuchs beleuchtet das Geschehen von mehreren Seiten, erlaubt es aber auch, die innersten Gedanken des jeweiligen Schreibers auszudrücken – ein genialer Schachzug des Autors. Der einigermaßen lesbare Roman bietet Spannung, Weitblick, Philosophie und Humanismus in einem und gemahnt so an Klassiker von H. G. Wells, Olaf Stapledon („Der Sternenschöpfer“), C. S. Lewis („Perelandra“) und David Lindsay („Reise zum Arcturus“). Manche Strecken gemahnen an Johannes den Täufer, der das Leben und die Verwandlung Jesu erzählt. Ist der Bericht ein Evangelium – oder eine Fälschung?

Man merkt dem Roman an, dass ihn ein gebildeter Mensch geschrieben hat, der mit der literarischen Tradition vertraut ist. Das ist zwar gut und schön, wenn es ums Lesevergnügen geht, doch um einen SF-Roman gut werden zu lassen, gehört noch einiges mehr dazu. Seit 1985 hat dieses Buch nämlich keine einzige Neuauflage erlebt, und das gibt doch zu denken.

Das ganze Buch ist insofern nicht gerade konsumfreundlich, weil es sich einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise bedient, die doch in ihrer Nüchternheit nicht gerade einladend wirkt. Fähige Autoren wie Michael Bishop haben dies in Ethnologen-Romanen wie dem fabelhaften „Transfigurationen“ sehr viel unterhaltsamer bewerkstelligt. Die Action hält sich jedenfalls bei Phillip Mann stark in Grenzen. Denn anders als etwa Michael Bishop, Nicola Griffith („Ammonit“) oder Ursula K. Le Guin (die Tochter eines berühmten Anthropologen; Buchbeispiel: „Die linke Hand der Dunkelheit“), ist Manns Erzählstil auch bei großer Anspannung undramatisch. Er zeigt die Probleme bei der Kontaktaufnahme mit einer Fremdkultur geduldig auf.

Je mehr sich der Blickwinkel Thorndykes und Mnabas ausweitet und das Erleben sich intensiviert, desto deutlicher werden sie sich ihrer eigenen Rolle und jener der Menschheit bewusst. Die Wirkung ist die einer immer stärker werdenden kosmischen Ironie. Das ist jedoch nicht komisch, sondern tragisch.

_Unterm Strich_

Ich fand diesen gelehrten Kontakt-Roman einerseits recht faszinierend zu lesen, wenn man etwas für die wissenschaftliche Betrachtungsweise übrig hat. Andererseits fordert die Lektüre aber auch ein Höchstmaß an Geduld vom Leser, so dass Actionfans hier keineswegs auf ihre Kosten kommen. Ein Buch offenbar für ambitionierte Leser.

Das Buch wird vom |Heyne|-Verlag schon lange nicht mehr angeboten. Nicht einmal in die Einsteigerreihe „Warp 7000“ schaffte es der Titel. Bei Amazon.de und Ebay.de sind jedoch noch gebrauchte Exemplare zu bekommen.

|Originaltitel: The Eye of the Queen
Aus dem Englischen übertragen von Hans Maeter|

Marianne de Pierres – Nylon Angel

Das geschieht:

„Bodyguard der Stars“ antwortet Parrish Plessis, wenn man sie nach ihrem Job fragt. Die Realität ist weitaus unerfreulicher: Ihrer Chefin Doll Feast ist Parrish auch Bettgefährtin, dem bösartigen Bandenchef Jamon Mondo muss sie als Sexsklavin dienen. Trotzdem lässt die junge Frau sich nicht unterkriegen, was nur gut ist in dieser Welt einer (undatiert bleibenden) Zukunft. Viracity an der Ostküste Australiens ist eine Megalopolis der Reichen & Schönen; Kranke, Arme, Kriminelle und anderes der Oberschicht unliebsames Pack wurde in den „Tertiären Sektor“ abgeschoben, einen gigantischen Vorstadtslum, erbaut auf radioaktiv und chemisch verseuchtem Untergrund.

Im Tert herrschen die Gangs und ansonsten die Regeln des Stärkeren. Legt man Wert auf eine erhöhte Lebenserwartung, sucht man den Schutz einer Bande. Parrish Plessis würde sich gern der Cabal Coomera anschließen. Leider nehmen diese keine Frauen auf, es sei denn, sie können ihren Wert durch eine besondere Tat unter Beweis stellen. Das ist Parrish bisher nicht gelungen. Um endlich von Mondo loszukommen, geht sie deshalb gleich mehrere Risiken ein. Sie verdingt sich als Hackerin für Io Lang, den mysteriösen Herrn des „Dis“. Parrish bemüht sich zusätzlich um Aufklärung des Attentats auf die berühmte Enthüllungsreporterin Razz Retribution. Sie kann einen Zeugen der Bluttat ausfindig machen.

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Stewart, Sean – Schwarze Dolch, Der

„Der Schwarze Dolch“ ist nicht nur der zweite Roman Sean Stewarts, der bei |Piper| erscheint, sondern auch eine Neuauflage des beim |Argument|-Verlag erschienenen gleichnamigen Romans. Anders als in seinem ersten Buch „Hexensturm“ entführt uns Sean Stewart nicht in den amerikanischen Süden , sondern in ein phantastisches Land ohne irdische Wurzeln, auch wenn Kultur und Beschreibungen das hochmittelalterliche England eines Robin Hood oder Richard Löwenherz wieder aufleben lassen.

Schützer Mark ist ein junger Bauernbursche, der von großen Heldentaten, Ruhm und einem Titel träumt. Er, der Vaterlose, möchte nicht als Bauer, Handwerker oder Knecht in seinem Heimatdorf bleiben. Aber erst nach dem Tod seiner Mutter scheint die richtige Zeit für den Aufbruch gekommen zu sein. Mark zieht mit einem Schwert und wenigen anderen Habseligkeiten aus in den nahen Gespensterwald, in den schon viele tapfere Männer gegangen, aber nicht wieder zurückgekommen sind. Er will wie die Helden der alten Legenden sein Leben einsetzen, um den Fluch der Roten Festung zu lösen.
Tatsächlich gelingt es ihm mehr durch Glück als Verstand, das viele Jahrhunderte alte Geheimnis aufzulösen und den Fluch zu brechen.
Mit Beweisen für diese Tat kommt er zum Schloss des Königs, um seinen Lohn zu empfangen. Nachdem dieser ihn angehört hat, ist er bereit, die Wünsche des jungen Helden zu erfüllen. Er gibt ihm Ländereien, Titel und die Hand seiner jüngsten Tochter.
Doch da fangen erst Marks wirkliche Abenteuer an.
Er muss erkennen, dass der Adel sich ganz anders benimmt, als er bisher geglaubt hat, und es gar nicht so einfach ist, mit den ungeschriebenen Regeln des Hofes zurechtzukommen, und sich nicht in einem tödliches Netz von Intrigen zu verstricken. Nur wenige meinen es so ehrlich mit ihm wie der junge Adlige Valerian, der ihm die wichtigsten Regeln des Lebens am Hofe beibringt und schließlich sein bester Freund wird.
Auch die auserwählte Braut scheint eine gute Wahl zu sein, denn Prinzessin Gail kann mit den Hofintrigen auch nicht viel anfangen und eckt durch ihren offenen, direkten Charakter oft an. Dennoch legt sie Mark einige Hürden in den Weg, denn sie hat ihre eigenen Pläne und Ziele.
Und auch Marks Tat scheint nicht ohne Folgen geblieben zu sein. Zwar hat er den Fluch der Festung gebrochen, aber damit auch alte Geister freigesetzt, die nun mordend durch das Land ziehen. Der junge Held ahnt nicht, dass, um sie zu besiegen, er sich in erster Linie seinen eigenen Schatten stellen muss.

Wie schon in „Hexensturm“ stehen auch in „Der Schwarze Dolch“ nicht die Handlung sondern die Charaktere im Vordergrund. Sean Stewart benutzt die klassische Geschichte eines jungen Helden, der einen Fluch bricht und damit Titel, Land und eine Prinzessin zur Frau gewinnt, nur als Hintergrund für die Entwicklung seiner Personen. Mark ist nicht der typische und naive Jüngling, sondern ein bereits von eigenen Sorgen gezeichneter junger Mann, der sehr schnell merkt, dass Ruhm und Ehre nicht unbedingt glücklich machen und vor allem ganz neue Probleme aufwerfen, vor denen er am liebsten davonlaufen möchte. Letztendlich lernt er aber nach und nach eine Sorge nach der anderen zu lösen und wächst in seine neue Stellung hinein.
Spannung und Action bezieht der Roman überwiegend aus seiner persönlichen Weiterentwicklung und durch die Beziehungen zu den anderen Menschen, nicht zuletzt aber auch durch das dezent dargestellte magisch-mythische Geheimnis, das sich dem Helden und dem Leser erst nach und nach enthüllt. Der Roman mag einiges an Geduld fordern, weil er nicht immer leicht zu lesen ist, aber Sean Stewart beweist, dass man auch mit Archetypen und klassischen Motiven spielen kann, ohne die breit ausgetretenen Pfade üblicher High-Fantasy-Werke zu beschreiten, die sich an alten Sagen oder Klassikern des Genres orientieren. Sean Stewart beweist, dass es auch Fantasy gibt, die spannend und überraschend ist, obwohl sie ohne wilde Schlachten oder aufgeblasene Mystik mit bizarren Wesen vor exotischer Kulisse auskommt.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Andreas Eschbach – Die blauen Türme (Das Marsprojekt 2)

Mit dem superneuen Raumschiff, der BUZZ ALDRIN, kommt Urs Pigrato, der Sohn des unbeliebten Statthalters der Marskolonie, zum Mars. Und ihm zeigt natürlich keiner, wie man die Verschlüsse eines Raumanzugs richtig bedient. Das ist im Weltraum immerhin eine Selbstverständlichkeit, die man im Schlaf beherrschen muss.

Urs erwartet, von den Marskindern gut aufgenommen zu werden, aber Carl hat einen Plan ausgeheckt, wie man den Fremden wieder loswird: Einfach ignorieren! So entsteht zwischen den vier Einheimischen und Urs eine unterkühlte Atmosphäre.

Den Kindern ist momentan der Aufenthalt bei den blauen Türmen verboten, denn viele Wissenschaftler sind nun dort stationiert und versuchen, sie zu erforschen. So müssen sich die Kinder im Alltag der Station langweilen. Dort passiert auch umgehend ein Zwischenfall: Der Reaktortechniker, der an Diabetes leidet, fällt auf einem Ausflug mit dem Rover ins Koma (wegen Unterzucker). Gleichzeitig wird von einem Saboteur die Kom-Anlage zerstört, so dass niemand in der Siedlung um Hilfe gerufen werden kann. Nur Urs, der bei dem Techniker ist, findet eine uralte Notrufeinrichtung, die noch funktioniert, und kann so das Schlimmste verhindern. Jetzt kommen sich die Jugendlichen doch näher, und ihre gemeinsame Frage lautet: Wer sabotiert auf dem Mars und nimmt dabei sogar Tote in Kauf? Keiner der Einheimischen, so viel ist sicher …

Andreas Eschbach lebt mittlerweile in der Bretagne in Frankreich (im Urlaub, wie er es nennt) und schreibt dort an verschiedenen Projekten. Noch 2005 soll ein weiterer Roman zur Perry Rhodan-Serie erscheinen, außerdem ist ein Roman in Arbeit, der mal wieder ganz anders als alle anderen werden soll. Da kann man ja mal gespannt sein. „Das Marsprojekt – Die blauen Türme“ ist der zweite Band seiner Jugendbuchreihe bei Arena.

Im vorliegenden Roman entwickelt Eschbach eine Kriminalgeschichte und versteht es entsprechend, selbst erwachsene Leser aufs Glatteis zu führen – auch wenn man im Nachhinein über seine eigene Leichtgläubigkeit lächeln kann. Eschbach entwirft zwei neue Charaktere, den neuen Sicherheitschef der Kolonie und einen dubiosen Journalisten. Einer von beiden scheint der Saboteur zu sein, man meint sogar, Eschbachs Verschleierungstaktik durchschaut zu haben, doch am Ende wird man überrascht. Toll gemacht und wieder sehr spannend zu lesen.

Im ersten Band spielte die Künstliche Intelligenz AI-20 noch eine zentrale Rolle. Das nimmt Eschbach jetzt etwas zurück und stellt die Charaktere in den Vordergrund, vor allem den „Neuen“ Urs Pigrato und seinen Vater Tom Pigrato, der auf einmal gar nicht so mies zu sein scheint, denn durch die Ansicht über den Sohn erhält er neue Facetten.

Bei den Marskindern bleibt die Entwicklung auch nicht stehen. Ariana, die offensichtlich voll in der Pubertät steckt, sehnt sich nach anderen Gleichaltrigen und plant deshalb die Rückkehr zur Erde. Bei näherem Nachdenken stellt sie aber fest, dass sie ihre Freunde Carl, Elinn und Ronny gar nicht verlassen will. Da bietet sich doch der fünfzehnjährige Urs als Trainingsobjekt an, denn irgendwie wird ihr immer ziemlich mulmig im Bauch, wenn sie ihm begegnet.

Eschbach geht einen Schritt weiter in Richtung „außerirdische Lebensformen“ und hebt die Decke über Elinns Geheimnis ein wenig: Das Leuchten und die Artefakte, die sogar laut Molekularanalyse natürlichen Ursprungs sind, werden zum festen Bestandteil im Leben der Marskinder (zu denen jetzt auch Urs gehört). Wahrscheinlich erwarten uns in diesem Bereich noch einige Überraschungen in den nächsten Bänden, denn die Gefahr der Sabotage konnte fürs Erste gebannt werden, aber die Türme hüten ihre Geheimnisse gut. Da muss unsere Hoffnung auf den Kindern liegen, und Urs spielt dabei keine unwesentliche Rolle! Es macht ihn gleich sympathisch, dass er sich gegen die Spionageversuche seines Vaters sträubt.

Mit dem Marsprojekt entwickelt Eschbach eine spannende, einfach und flüssig zu lesende Geschichte um unseren sagenumwobenen Nachbarplaneten, die sicherlich noch einiges zu bieten hat. Es lohnt sich, das Projekt zu verfolgen, und die Bücher bieten Jugendlichen einen schönen Einstieg in die Geheimnisse unserer Zukunft. Ich warte gespannt auf den nächsten Band.

gebunden, 304 Seiten
Originalausgabe

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Crompton, Anne Eliot – Gawain und die Grüne Dame

Wieder einmal entführt Anne E. Crompton den Leser in die Welt der Artuslegenden (siehe auch [„Merlins Tochter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1154 ). Diesmal widmet sie sich dem laut Wilperts Lexikon der Weltliteratur „beste[n] Werk der mittelenglischen Artusdichtung“. Dieses „verbindet heimisch-germanische und französische Stiltraditionen und zeigt Bilder höfischer Kultur kontrapunktisch verbunden mit Schilderungen der wilden Natur und detailreicher Jagden. […] Das Werk zeigt den idealen Ritter in der höfischen Gesellschaft und auf einsamer Abenteuerfahrt.“

Da Crompton in ihrem Buch eine eigene Lesart des tradierten Stoffes anbietet, sei Wilpert auch noch zum Inhalt zitiert: „Der grüne Ritter soll im Auftrag der Fee Morgne [sic!] den Artushof demütigen. Gawain sucht auf mühsamen Wegen den Ritter, der zu einer Mutprobe (Kopfabschlagen) aufgefordert hatte. Im Schloß Bercilacs de Hautdesert kann er drei Tage den Verführungen der Schloßherrin widerstehen; am vierten trifft er den grünen Ritter, der ihm mit der Axt den Hals ritzt, da er einen lebenssichernden Gürtel, ein Geschenk der Dame, verheimlicht hatte. Der Ritter gibt sich als Bercilac zu erkennen und erklärt Gawain, dessen Tapferkeit und Tugend den Plan Morgnes zunichte gemacht haben, das Geschehen. Gawain schämt sich wegen seiner Feigheit; am Artushof wird er freudig empfangen und getröstet.“

Die Autorin behält dieses Schema im Wesentlichen bei, setzt aber die Akzente anders und erzählt eine (wesentliche und ausgedehnte) Vorgeschichte: Gawain, auf Erkundungsfahrt im Norden, erreicht ziemlich mitgenommen ein kleines Dorf. Dort wird ein Fest gefeiert – und kaum werden die Dorfbewohner seiner ansichtig, krönen sie ihn anstelle eines jungen Burschen zum Maikönig und machen ihn zum Mann der Maikönigin. Das ist Gwyneth, die (grün gekleidete) „Grüne Dame“, Angehörige einer Familie von Weisen Frauen (oder Hexen, wenn’s beliebt) – und eine äußerst sympathische, lebenslustige junge Frau, kräftig, lebendig, reizvoll, kein Burgfräulein oder dergleichen Ziergewächs mit Hoher Minne und all dem idealen Kram … Gawain muss bei ihr liegen und sie lieben, und zwar täglich, damit die Saaten gut gedeihen. Er hat denn auch Spaß daran, genau wie am guten Essen und am „Rittertraining“ mit den männlichen Dorfbewohnern; er weiß nicht, dass der Maikönig am Ende des Sommers den unsichtbaren Mächten, der Göttin geopfert wird. Als er es durch Zufall erfährt, erpresst er Gwyneth durch Liebesentzug – und da sie ihn wirklich liebt, willigt sie ein, gemeinsam mit ihm zu fliehen. Sie lässt sogar ihre Tochter zurück …

Natürlich endet die Geschichte nicht mit dieser Flucht (der Grüne Ritter tritt auch noch auf, keine Sorge), aber man erkennt schnell, dass Crompton zum einen die Traditionen feministisch geprägter Fantasy aufgreift (ohne sich freilich mit Werken wie „Die Nebel von Avalon“ messen zu können), zum anderen (gleichfalls tradiert) die alte Religion der Göttin, der Hexen und Druiden mit der neuen des Christengottes konfrontiert. Ihre Sympathien sind dabei eindeutig auf Seiten der Frau gegen den Ritter, auf Seiten der Göttin gegen Christus und Maria, auf Seiten des Alten gegen das Neue. Dennoch, und das ist angenehm zu lesen, verfällt sie nicht in Schwarzweißmalerei: Auch die Grüne Dame hat ihre dunklen Seiten, ist nicht nur Opfer, und Gawain wird nicht verteufelt – er macht Fehler, begeht Verrat (auch an seiner Ritterehre), aber er ist tapfer genug, sich der eigenen Schuld zu stellen. Und es ist schließlich ein Mann, der Druide Merry, Vater von Gwyneths Tochter, der entscheidend dazu beiträgt, dass der Hass erlischt, dass beide gelernt haben, was sie lernen müssen. Für Gawain freilich endet das Abenteuer nicht nur durch den Streich mit der Axt schmerzlich: Er erlebt die Schmerzen einer neuen Selbsterkenntnis und eines neuen Anfangs.

„Gawain und die Grüne Dame“ wird schnörkellos erzählt; auffällig ist die Eigenart der Autorin, ihre Protagonisten (vor allem die Titelfiguren) mit sich selbst reden zu lassen. Gwyneth tritt in ihren Kapiteln als Ich-Erzählerin auf, die das eigene Handeln reflektiert, aber auch Zwiesprache mit den Mächten (und Dämonen) der Natur hält, während Gawain quasi über zwei innere Stimmen verfügt, eine ermahnt ihn immer wieder, moralisch zu handeln. Das Werk wirkt homogen, denn es erzählt nur einen Zeitraum von gut eineinhalb Jahren, und Crompton konzentriert sich ganz auf die Vorgänge im bzw. beim Dorf und das Innenleben der beiden Hauptfiguren, einen kurzen, nötigen Ausflug an den Artushof ausgenommen. Auch Merlin oder Artus selbst treten nur in Nebenrollen auf, nichts wird hinzugefügt, was nicht nötig wäre. Es gelingt der Autorin, ihre eigene märchenhafte Geschichte zu schaffen und Probleme wie Mysterien zufriedenstellend aufzulösen (wobei, was auch gut ist, ein Rest Geheimnis bleibt). All dies macht das Buch zu einem durchaus empfehlenswerten Stück Lesestoff.

|Orginaltitel: Gawain and Lady Green
Übersetzt von Birgit Oberg und Birgit Reß-Bohusch|

_Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Simmons, Dan – A Winter Haunting

Dieser spannende Geisterthriller führt den Leser zurück in die Welt von „Sommer der Nacht“. Doch diesmal ist die Landschaft winterlich und unsicher. Nicht alle Wesen, denen Dale Stewart, Professor an der Universität von Montana, begegnet, sind menschlich, auch wenn ihm das nicht sofort auffällt. Und es ist auch nicht immer eindeutig klar, ob Dale Stewart selbst ein Mensch ist. Möglicherweise ist er nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch beides: ein Mensch |und| ein Geist. Das würde zumindest einiges erklären …

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter Haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 (deutsch im Sommer 2004) mit seinem Roman „Ilium“ fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ und „Hard Freeze“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons lebt in Colorado.

|Dan Simmons bei Buchwurm.info:|
[Endymion – Pforten der Zeit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=651
[Fiesta in Havanna]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=359
[Hardcase]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789
[Hard Freeze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=819
[Hard as Nails]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=823
[Ilium]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346
[Das Schlangenhaupt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1011
[Welten und Zeit genug]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=790

_Handlung_

Der vormals geachtete Uniprofessor und Romancier Dale Stewart, 52, zieht weg von Montana, zurück an den Ort, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, in den kleinen Ort Elm Haven, mitten in Illinois. Er hat seine Familie ebenso verlassen wie seine Karriere als Dozent für englische Literatur, um hier einen „richtigen“ Roman zu schreiben. Er will die Geschehnisse wieder lebendig werden lassen, die zum Tod seines Freundes Duane McBride führten, der elfjährig angeblich von einem Mähdrescher getötet wurde.

Und so mietet Dale das alte Farmanwesen, das Duanes Tante gehört hatte: „The Jolly Corner“, benannt nach einer Geistergeschichte von Henry James. Während der Keller und das Erdgeschoss gemütlich eingerichtet sind, trifft dies für das Obergeschoss keineswegs zu: Es ist versiegelt, zwar nur notdürftig mit Plastikplanen zugenagelt, aber immerhin. Und hier oben spukt es eindeutig: Geräusche, Lichter, ein leerer Raum, der von einem einzigen Gefühl erfüllt ist: Geilheit. Als sich Dale mal hierher wagt, ist der Aufenthalt lediglich peinlich.

Doch Dale kommt zunächst weder zum Schreiben noch zum Geisterjagen, denn die Außenwelt verlangt seine ganze Aufmerksamkeit. Fünf Skinheads haben es auf ihn abgesehen, weil er mal im Internet ein paarmal gegen die antisemitischen Kreise in Montana gewettert hat. Zweimal jagen sie ihn, und immer entkommt er ihnen, allerdings etwas lädiert.

Außerdem gibt es ein paar Gestalten, die direkt Dales Vergangenheit entstiegen zu sein scheinen. Sheriff C.J. Congden beispielsweise hatte dem jugendlichen Dale mal die Kanone an den Kopf gesetzt und gedroht, ihn in den Fluss werfen zu lassen. Seitdem ist Congden das Schreckgespenst, vor dem Dale jedes Mal Schiss bekommt.

Und da ist Michelle Staffney, die Dale in der Schule angehimmelt hatte und der Traum seiner schlaflosen Nächte war. Nun ist sie mit ihrer lesbischen Freundin Diane aus heiterem Himmel wieder in Elm Haven aufgetaucht, um das Haus ihrer Eltern wieder so instandzusetzen, dass es sich verkaufen lässt. Sagt sie jedenfalls. Aber die 51-jährige TV-Schauspielerin mit dem aufgemotzten Silikonbusen hat es eindeutig auf Dale abgesehen.

Schon wenige Tage nach seinem Einzug im Oktober beobachtet Dale einen kleinen schwarzen Hund auf seinem Grundstück. Keiner kann ihm sagen, wem der gehört. Doch merkwürdig: Der Hund scheint im Laufe der Zeit zu wachsen und Artgenossen zu bekommen. Nach vier Wochen sind aus dem kleinen schwarzen Hund fünf ausgewachsene Wolfshunde geworden. Dale bekommt es mit der Angst zu tun, denn das sind garantiert keine gewöhnlichen Hunde.

Auf seinem Laptop-Computer will er seinen Roman über das Jahr 1960 schreiben, das Jahr, in dem Duane McBride starb. Doch jemand oder etwas schreibt auch auf seinem PC! Jedoch nicht unter |Windows|, sondern auf der Zeile der |DOS|-Eingabeaufforderung. Und die Sprachen, die der Unsichtbare benutzt, stammen nicht aus Elm Haven, Illinois: Alt-Englisch, Alt-Ägyptisch, sogar Latein und Hethitisch. Aber Dale wäre kein Englischprofessor, wenn ihm nicht sofort die Zitate aus dem altenglischen Heldengedicht „Beowulf“, der altisländischen „Edda“ und dem ägyptischen „Buch der Toten“ auffallen würden. Hätte Duane diese Sprachen kennen können, fragt sich Dale? Durchaus, denn Duane war gelehrt und selbst Schriftsteller, allerdings ein ganz anderer als Dale.

Der Geist, mit dem Dale zu kommunizieren lernt, bezieht sich auf die schwarzen Hunde draußen, die er bei ihren ägyptischen Namen nennt, und auf Anubis, den hundeköpfigen Wächter der Totenwelt und Geleiter der toten Seelen, der die Höllenhunde befehligt. Und der Geist warnt Dale vor dem, was er werden wird: ein „warg“. Anders als bei Tolkien ist damit ein Mensch gemeint, der – wie ein einsamer Wolf – von der Gemeinschaft (wegen eines Verbrechens) ausgestoßen wurde und nun als Vogelfreier von jedermann ungestraft getötet werden darf. Wenn Dale an die Neo-Nazis in seiner Heimatstadt denkt, dann kommt ihm dieser Gedanke nicht ganz unwahrscheinlich vor.

Doch welches Verbrechen hat Dale begangen, dass ihm solches Schicksal droht? Er hat (vergeblich) versucht, sich mit einem Gewehrschuss umzubringen. Das war zwei Monate, nachdem sich seine Geliebte, die Halbindianerin Clare Two-Hearts, von ihm getrennt hatte. (Hat er sie aus Eifersucht umgebracht? Wir erfahren es nicht, aber er hat sie und ihren Lover verfolgt.) Und seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, er verlor seine beiden geliebten Töchter Mab und Katie.

Schon damals, im Sommer 1999, vor diesem verhängnisvollen Winter, war Clare mit Dale in die Blackfeet-Reservation zu einem alten Begräbnisort gefahren, um ihn in der Gemeinschaft der dortigen Geister zu lieben. Wenig später hatte sie ihm offenbart, dass sie ihn als Liebhaber ausgewählt hatte, weil er aussah, als sei er von einem Geist besessen. Und dieser Geist wachse: Etwas sei kurz davor, geboren zu werden.

Als Michelle Staffney, C.J. Congden und die fünf Skinheads auftauchen, um mit Dale zum Jahresende (dem Anbruch des neuen Jahrtausends) abzurechnen, wird es eng für Professor Dale Stewart. Wird er ein zweites Mal versuchen, sich umzubringen oder wird er diesmal kämpfen?

_Mein Eindruck_

Man könnte befürchten, dass ein Großteil dieses Romans aus nostalgisch-melancholischen Reminiszenzen bestünde. Aber auch wenn Dale sich an das Jahr 1960 erinnert, um mit Duane McBride und allem anderen klarzukommen – diese Geschichte wurde bereits in „Sommer der Nacht“ verarbeitet und auf großartige Weise erzählt. Es handelt sich um den Roman, den Dale in „The Jolly Corner“ angefangen hat. Jemand anderes hat ihn fertiggestellt, jemand, dessen Identität hier nicht verraten werden darf.

Daher kann sich der Autor in „A Winter Haunting“ – „haunting“ bedeutet sowohl Heimstatt als auch geisterhafte Heimsuchung – auf die Action konzentrieren. Und er macht das einfach so unterhaltsam, dass man an keiner Stelle mit dem Lesen aufhören möchte. Ständig ist was los, tauchen neue Figuren auf, zum Teil aus Dales Vergangenheit, teils aus der Gegenwart. Und es ist nicht sicher, ob die aus der Vergangenheit real sind oder Geister. Und wenn es Geister wären, so sähen sie doch verdammt real aus. Mindestens so real wie die großen schwarzen Höllenhunde …

In einer Schicht darunter kommuniziert Dale nicht nur mit dem Unsichtbaren via Computer, sondern erinnert sich auch an seine kürzlich zurückliegende Affäre mit Clare Two-Hearts, die sich ebenfalls mit Geistern auskennt. Nicht nur mit indianischen, sondern auch mit italienischen. Selbst im mondänen Paris kennt sie die gruseligsten Orte: die Katakomben, wo die Gebeine von sechs Millionen Menschen aufgestapelt liegen. Clare mit den zwei Herzen: Sie hat Dales Herz gebrochen.

Die Konfrontation mit Vergangenheit und Gegenwart verändert Dale. Er wird zu einem „warg“. Das liegt nicht nur an seiner Schlaflosigkeit, seinen Depressionen, seiner Kommunikation mit einem Geist, der Altenglisch beherrscht. Es liegt auch daran, dass er selbst besessen ist und es nicht bemerkt. Der Geist, der uns von Dale bis in alle intimen Details berichtet (so etwa die Affäre mit Clare), geleitet Dale ins Reich der Toten. Schließlich ist Anubis der Gott, den er verehrt. Wird Dale ein Wolf, ein „Höllenhund“ werden? Wer oder was wird ihn retten? Und wird es ihn danach noch geben?

|Ein ungewöhnlicher Geisterthriller|

„A Winter Haunting“ ist einer der ungewöhnlichsten Geisterthriller, die ich je gelesen habe. Unmerklich verändert nämlich der Autor durch die Perspektive der zwei „Erzähler“ die Sichtweise des Lesers auf die Dinge, von denen er erfährt. Viele Dinge entpuppen sich als etwas ganz anderes als das, wie man sie wahrgenommen und interpretiert hat.

Dennoch ist die Sympathie des Lesers stets auf Seiten Dale Stewarts, der nach Hause gekommen ist – angeblich um zu schreiben und sich zu retten, aber in Wahrheit, um endlich zu sterben. Dale tut all die richtigen Dinge, wie es scheint, und doch läuft alles irgendwie schief. Ganz einfach deswegen, weil ihm die richtige, flexible Perspektive fehlt, um das, was ihm an Unglaublichem widerfährt, richtig zu deuten und seine Handlungs- und Denkweise entsprechend anzupassen. Wir bangen um ihn, aber wir können ihn auch aus anderem Licht sehen, aus dem desjenigen, mit dem Dale per Computer kommuniziert (nicht per Internet oder Mobilfunk). Daher ist Dales Figur relativiert: ein schwacher Mann, der nach den gleichen Dingen strebt wie du und ich: Sex, Komfort, Reichtum, Macht. Am Schluss weiß er, dass all dies nicht wichtig ist, aber er weiß, wohin er zu gehen hat. Und das ist eine Menge mehr wert.

|Ein literarischer Thriller|

Dan Simmons ist schon so lange im Horrorgeschäft, dass er sie alle kennt. Natürlich auch Stephen King und Dean Koontz. Aber er weiß auch, woher diese Erfolgsautoren kommen, auf welcher Tradition sie aufbauen. Einer der wichtigsten Autoren ist der Amerikaner Henry James, der sich mit Herbert George Wells, dem Autor von „Die Zeitmaschine“, ein paar Jahre einen berühmten literarischen Streit lieferte.

James schrieb die klassiche Gruselgeschichte „The Turn of the Screw/Die Drehung der Schraube“, aber auch „The Jolly Corner“, die Geschichte über ein Haus, in dem ein Amerikaner, der sein Leben in Europa verbracht hat, sein alternatives Ich trifft, das sich so entwickelt hätte, wenn er im Lande geblieben wäre. Für James – wie für Simmons – ist diese Story sehr symbolisch. Dale Stewart kehrt aus der Fremde (Montana) zurück, und in seinem Heimatort begegnet er Gestalten aus seiner Kindheit. Nicht nur lebendigen Menschen, auch Geistern. Und Michelle Staffney liefert ihm eine überraschend andersartige Interpretation der James-Geschichte …

Der Totengott Anubis, die schwarzen Höllenhunde, schließlich Beowulfs Ungeheuer, das um die große Halle des Königs schleicht. Alle diese literarischen Figuren zeugen von großer Belesenheit, erschlagen aber die Dale-Story nicht, sondern sind ihr integraler Bestandteil und wichtig für ihre Weiterentwicklung. Sie bilden das mystische Unterfutter, die psychologisch relevante zweite Schicht für Dales Existenz in Elm Haven.

Anubis‘ Funktion als Seelengeleiter entspricht Stephen Kings Sperlingen in dessen Roman „Stark – The Dark Half“, in dem es ja auch ums Schreiben geht, allerdings auch um einen gewälttätigen Widersacher, ein alternatives Ego. Dale Stewart hingegen hat keine Perspektive mehr, geschweige denn eine Alternative: Er ist gescheitert, und er weiß es, zumindest ganz tief drinnen.

_Unterm Strich_

Was hätte ein deutscher Autor aus diesem tiefgründigen Geister-Stoff gemacht? Ich wage gar nicht, mir das auszumalen. Wahrscheinlich wäre ein zäher melancholischer Mist dabei herausgekommen.

Dan Simmons hingegen weiß die Geschichte von Dale Stewart actiongeladen, sexy, temporeich, spannend und verdammt unheimlich zu erzählen. Die Relativität, die durch zwei Erzähler erzeugt wird (der zweite wird hier nicht verraten, aber man kann es sich denken), führt zu zahlreichen ironischen Effekten. Die Ironie macht uns aber Dale Stewart umso sympathischer, und wir sorgen uns um sein Schicksal, so unwahrscheinlich es auch sein mag.

Dies ist allerdings kein Roman, in dem dem Leser alles haarklein erklärt wird. Man muss schon gehörig mitdenken, möglicherweise zweimal lesen. Und die Sexszene mit Michelle Staffney ist sicherlich nicht unbedingt für Leser unter 16 geeignet.

|Ergänzend dazu: Dr. Michael Drewnioks [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2956 der deutschen Ausgabe bei Heyne.|