Sterling, Cheryl – What Do You Say to a Naked Elf?

Jane hält sich für eine typische amerikanische Mittzwanzigerin: Jüngstes von fünf Kindern, Single, tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und abends verkauft sie auf selbstorganisierten „Tupperpartys“ essbare Unterwäsche und ähnliches Erotikspielzeug. Nach einer dieser Partys gerät ihr auf dem Heimweg auf einer verlassenen Landstraße ein Kaninchen unter die Autoräder und sie verursacht einen Unfall, bei dem ihr Fahrzeug in Flammen aufgeht. Die fünf grazil gebauten Herren in merkwürdiger Kleidung, die ihr helfen, ihre kostbare Erotik-Ladung aus dem Kofferraum zu retten, kommen ihr gerade recht. Als sie ihnen jedoch folgt und sich in einer anderen Welt wiederfindet, ahnt sie, dass das Schicksal ihr einen mehr als üblichen Streich spielt. Ihr Hauptbegleiter ist Charlie, seines Zeichens halb Elf und halb „Fairy“ – was sowohl seine Ähnlichkeit mit Legolas, seine spitz zulaufenden Spock-Ohren als auch seine Flügel erklären sollte. Doch nicht genug der Dinge, muss Jane doch erkennen, dass Charlie zu ihrem Anwalt erkoren wurde – denn der überfahrene Hase war ein gestaltwandelnder Elf und sie findet sich auf der Mordanklagebank wieder. So weit – so schlecht. Doch dann entwickelt Jane plötzlich magische Kräfte und eine entschiedene Fetischvorliebe für Sex mit geflügelten Männern und übernimmt die Organisation der örtlichen sexuellen Befreiungsfront.

Klingt das nach einer Story, die einem Fantasy-Autor während eines schlechten Trips eingefallen ist? Möglich. Im Grunde möchte das Buch sich jedoch in die Reihe der |Fantasy Romance| einreihen. Fantasy vermutlich, weil Elfen, Zwerge, Zauberer etc. vorkommen, sowie ein „Portal“ zwischen den Welten. Romance – vielleicht, weil es im Grunde keine vernünftige Story gibt und das Ganze wirkt wie ein paar zusammengewürfelte Fantasy-Elemente, die sich um ziemlich detaillierte und penetrante Liebesszenen zwischen Jane und dem Elfenmann Charlie gruppieren.

Geschichten, in denen die Heldin oder der Held plötzlich und unerwartet entdecken, dass sie Erbin des Königsthrons sind, sind im Grunde flach, haarsträubend und idiotisch genug. Wenn dies gleich beiden Hauptcharakteren passiert (mit zwei verschiedenen Thronen wohlgemerkt), dann fällt mir dazu vor lauter Plattheit der Autorin eigentlich kein Kommentar mehr ein.

Nehmen wir die Charakterisierungen der Protagonisten und auch der diversen Nebenfiguren, so finden sich stets nur noch weitere Klischees. Im Grunde wirkt das alles sehr nach amerikanischen Vorabendserien. Jane, unsere zunächst so simple menschliche Heldin ist Vertreterin einer Spezies, die in amerikanischen Liebesromanen stets die Hauptrolle zu spielen scheint. Hübsch, Mitte zwanzig, Single, chaotisch, selbstbewusst bis zum Grad der kompletten Selbstüberschätzung und rückhaltlos vorlaut. Sie reißt einen vermeintlichen Gag nach dem nächsten – schade nur, dass keiner davon wirklich lustig ist. Im Zuge der Geschichte mausert sie sich dann zu Superwoman in Elfenland, entwickelt magische Fähigkeiten, entdeckt ihr königliches Blut, wird schwanger, verliebt sich haltlos in anderes königliches Blut etc. etc. Gähn. Ihre für mich hervorstechendste Eigenschaft ist eigentlich ihre absolute Nervigkeit. Sie redet zu viel – vor allem zu viel Schwachsinn, handelt völlig jenseits menschlicher Vernunft und stets außerhalb der Linien des guten Geschmacks. Sie nervt bis über die Kopfschmerzgrenze hinaus. Und sie ist rundum unsympathisch.
Charlie ist ein Legolas-look-a-like. Das ist dann aber auch schon sein einziger Pluspunkt. Er ist ansonsten ein ziemlich langweiliger Charakter, ein typischer Jurist, nur mit Spitzohren und Flügeln, der im Laufe des Buches zu Janes Lebensretter mutiert. Obwohl er der zweite Hauptprotagonist des Buches ist, ist sein Charakter nur unvollständig skizziert. Wir erfahren zwar einiges über seine Vorgeschichte, aber er selbst bleibt eine unbekannte Größe. Es gibt daher beim besten Willen nicht mehr über ihn zu sagen.
Auch die anderen Charaktere sind völlig oberflächlich gezeichnet und haben zum größten Teil nur darauf gewartet, von Jane aus ihrem bislang stumpfsinnigen Elfendasein gerettet zu werden.

Die beiden Hauptcharaktere, Jane und Charlie, werden von der Autorin in ausführlich beschriebenen, völlig überzeichneten Liebesszenen zusammengeworfen – mal wird Jane von Charlie stehend gegen die Tür genommen, dass das ganze Elfenland in dem gemeinsamen Orgasmus erzittert, bis hin zu wollüstig-kitschigen „Ich-liebe-dich-liebst-du-mich-auch“-Szenen an magischen Teichen. Das Ende des Buchs ist die Mutter aller Klischees mit Heirat, Babys und allem drum und dran. Interessantere Geschichten, weniger stereotype Charaktere und weniger offensichtliche Handlungsverläufe findet man selbst in den Sammlungen der Gebrüder Grimm.

Die Sprache des Buches ist der Handlung entsprechend sehr einfach gehalten, sämtliche Wortneuschöpfungen sind erklärt oder ergeben sich aus dem Zusammenhang. Die Sätze sind kurz und einfach gehalten. Selbst für Anfänger im Originalelesen sollte dieses Werk keine besondere Herausforderung darstellen. Eine Übersetzung gibt es bislang nicht.

„What do you say to a naked elf?“ ist Cheryl Sterlings erster veröffentlichter Roman. Zuvor hat Cheryl Sterling, eine ausgebildete Informatikerin aus dem amerikanischen Staat Michigan, verheiratet und Mutter zweier Kinder im Teenager-Alter, Geschichten geschrieben, die in der Gegenwart spielen, die jedoch bislang unveröffentlicht geblieben sind.

Alles in allem ist dies das schlechteste Buch, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe. Weder beherrscht die Autorin die Kunst, den Leser zu fesseln, noch hat sie überhaupt eine richtige Geschichte zu erzählen. Aufgrund der graphischen Erotikszenen ohne verbindende Handlung werte ich das Buch als „Porno mit Elfen“. Der absolut einzige Lichtblick ist der marketingorientierte, originelle Titel, auf den ich hier dann auch komplett hereingefallen bin.

Homepage der Autorin: http://www.cherylsterlingbooks.com

Brown, Dan – Diabolus

Dan Browns Kirchen-Thriller „Illuminati“ und „Sakrileg“ platzieren sich beständig an der Spitze internationaler Bestsellerlisten. Die immense Popularität dieser Romane zeigt sich auch in der für 2006 mit internationalen Stars wie Tom Hanks, Jean Reno und Audrey Tautou geplanten Verfilmung von „Sakrileg“. Bis zum Erscheinen seines nächsten Buches, Thema sind diesmal die Freimaurer, dürfte noch einige Zeit vergehen. Brown selbst gibt an, er wäre noch nicht weit genug fortgeschritten, um einen Termin nennen zu können.

Grund genug für den |Lübbe|-Verlag, Browns damals nur mäßig erfolgreiches Erstlingswerk „Digital Fortress“ unter dem deutschen Titel „Diabolus“ auf den Markt zu bringen.

_Wer überwacht die Wächter?_

„Diabolus“ spielt in einem ganz anderen Milieu: Dem der Geheimdienste, Computer und Kryptographie, ähnelt also eher „Meteor“.

Mit dem mysteriösen Tod Ensei Tankados in Sevilla beginnt für die NSA (National Security Agency) ein Albtraum. Mit |Diabolus| hat der Japaner einen Verschlüsselungsalgorithmus geschaffen, der selbst von der Geheimwaffe der NSA nicht bezwungen werden kann. Der massiv parallele Großrechner TRANSLTR knackt zuverlässig selbst den kompliziertesten Code – nur an Diabolus beißt er sich die Zähne aus.

Der ehemalige NSA-Mitarbeiter Tankado erpresst die NSA: Entweder man offenbart der Welt die Existenz des TRANSLTR, oder er stellt den Schlüssel für das im Internet frei herunterladbare Diabolus-Programm (mit sich selbst verschlüsselt …) ebenfalls zum Download bereit. Die Folgen für die NSA sind in jedem Fall katastrophal: Ihr geheimes Lieblingsspielzeug würde bekannt werden und Gegnern der totalen Überwachung Munition liefern, oder es wird durch Diabolus nutzlos gemacht.

Der Vizechef der NSA und Chef der Kryptographie, Commander Strathmore, sieht im Tod von Tankado einen unverhofften Glücksfall: Tankado hatte den Schlüssel bei sich. Würde es der NSA gelingen, Diabolus habhaft zu werden, könnte man unter Umständen eine „Hintertür“ in den Algorithmus einbauen, wie man es bereits damals beim „Skipjack“-Programm versucht hatte. Alle Welt würde ihre Daten mit Diabolus verschlüsseln, und die NSA könnte sie leichter denn je entschlüsseln …

Zu diesem Zweck schickt er den nicht zur NSA gehörigen Universitätsprofessor David Becker, den Freund seines Protegés, der attraktiven und begabten Kryptographin Susan Fletcher, nach Sevilla. Während Strathmore Tankados Verbündeten „North Dakota“ sucht, der ebenfalls den Schlüssel zu Diabolus besitzt, bekommt Becker Probleme:

Tankado hat kurz vor seinem Tod einen mit seltsamen Zeichen gravierten Ring an einen Touristen weitergegeben … den Schlüssel zu Diabolus.

_Brownsche Schnitzeljagd_

Es entwickelt sich die für Brown typische Hochgeschwindigkeits-Schnitzeljagd, die bereits „Illuminati“ auszeichnete. Im Grunde genommen ist damit bereits alles gesagt – es ist verblüffend, wie Brown es schafft, alle seine Romane nach genau demselben Schema ablaufen zu lassen.

Ohne große Verzögerung wird man in die Handlung geworfen, die sich rasant weiterentwickelt in den typischen, kurzen Kapiteln, häufigen Wechseln von einer Person zur anderen und der im Handlungsverlauf nebenbei eingestreuten Hintergrundinformationen. Auch eine überraschende Wende kurz vor Schluss ist vorhanden, der obligatorische Killer ist wieder eine Person mit einer körperlichen Besonderheit. Alle vier bisherigen Romane Browns folgen exakt diesem Schema.

Im Unterschied zu seinen späteren Romanen fehlt es Brown jedoch noch an Routine und Souveränität. Die Stärken sind noch nicht so ausgeprägt, die Schwächen dafür offensichtlicher. So ist die Liebesbeziehung zwischen Susan (schön und intelligent) und David (Robert-Langdon-Prototyp) geradezu peinlich kitschig, während es an den leicht verdaulich aufbereiteten Details aus Kunst und Geschichte mangelt. Kryptographie ist eben etwas trockener, und auch nicht gerade Browns Gebiet. Zwar vermeidet er es, den Leser mit mathematischen Details zu vergraulen, aber er bietet auch nichts, um wirklich zu faszinieren. In historischen Szenarien hat Brown sein Revier gefunden, von der Detailfülle „Illuminatis“ oder „Sakrilegs“ ist dieser Roman meilenweit entfernt.

Die größte Achillesferse des Romans ist das immer wieder verwendete und ziemlich ausgelutschte Schema: So packend und unterhaltend es auch ist, es ermöglicht jedem Leser der zuvor erschienenen Romane, den „geheimen“ Bösewicht sofort zu identifizieren, man hat ein nachhaltiges Déjà-vu-Gefühl, nicht gerade eine Empfehlung für einen Thriller.

Die Übersetzung ist stilsicher und gelungen, hat aber gerade im Bereich der Kryptographie erhebliche Schwächen, teilweise gehen diese aber wohl auf Dan Brown selbst zurück: So besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einem 128-Bit- und einem 128-Zeichen-Code. Logische Fehler der gröberen Sorte haben sich auch eingeschlichen: Strathmore will das zum Download bereitstehende Diabolus-Programm einfach austauschen, nachdem er es modifiziert hat. Wie will er das unbemerkt tun – das verschlüsselte Original könnte man mit dem neuen Schlüssel für die modifizierte Version entweder nicht entschlüsseln oder es würde sich im direkten Vergleich klar von der NSA-Version unterscheiden. Das würde natürlich niemand bemerken … – es gibt noch einige weitere Unstimmigkeiten, die an dieser Stelle jedoch zu viel Handlung vorweg nehmen würden.

_Business as usual_

Wo Dan Brown draufsteht, ist auch Dan Brown drin. Jeder Leser von „Illuminati“ und Konsorten weiß, was er zu erwarten hat: dasselbe Schema in der Light-Ausführung. Doch das ist und war zugegebenermaßen stets temporeich, unterhaltsam und gut.

Gerade deshalb kann man sich „Diabolus“ im Prinzip sparen – es ist nur der hässliche, ältere Bruder. Das schöne Titelbild ist zwar passend zum Roman, könnte aber falsche Assoziationen wecken. Ein Kirchen-Thriller ist der auch namentlich (Diabolus – Teufel, teuflisch) in diese Richtung zielende, im Original treffender „Digital Fortress“ titulierte Roman nicht.

Mein Urteil ist gespalten: Wer mehr von Brown lesen will, der wird auch genau das kriegen, was er erwartet – aber auch nichts anderes. Ich hoffe nur, Brown weicht in seinem nächsten Roman von seinem Erfolgsschema ab und erinnert sich stattdessen an eine alte Weisheit: Abwechslung erfreut.

Die deutsche Homepage des Autors:
http://www.dan-brown.de

Dan Brown bei |Buchwurm.info|:
[„Meteor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=155
[„Illuminati“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110
„Illuminati“ als [Hörbuch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687
[„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184

Isaac Asimov – Die Rückkehr zur Erde (Foundation-Zyklus 10)

Golan Trevize wurde von Gaia, dem komplexen Planetenorganismus mit starken mentalistischen Fähigkeiten, dazu ausersehen, das Schicksal der Galaxis zu bestimmen. Gaia erkannte in Trevize die Fähigkeit, ohne ausreichende Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, was ihn geradezu prädestiniert, intuitiv zwischen den verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden: Dem zweiten Imperium nach Vorstellung der Foundation oder der zweiten Foundation, die im Hintergrund die Fäden ziehen würde, oder einem galaxisweiten Superorganismus nach Gaias Vorbild, ein Galaxia, ein allumfassendes Wesen, in dem der Mensch als Individuum keine Rolle mehr spielen wird, sondern jedes Wesen Teil des Ganzen wäre.

Trevize entschied sich für Galaxia, doch vertraut er selbst nicht auf seine von Gaia erkannte Fähigkeit, sondern will wahrhaftig wissen, warum er sich so und nicht anders entschied, da ihm persönlich die Vorstellung, alle Individualität aufgeben zu müssen, nicht erstrebenswert erscheint. Doch mit der gleichen Intuition, die ihn zu dieser Entscheidung trieb, weiß er, dass er die Gewissheit nur auf der Erde, dem vergessenen Ursprungsplaneten der Menschheit, erhalten wird. Also setzt er seine Suche nach der Erde mit dem gravitischen Raumschiff der ersten Foundation fort, begleitet weiterhin von Dr. Pelorat, dem Mythologen und Historiker, und Wonne, einem menschlichen Teil Gaias, die mit ihren durch Gaia vermittelten Fähigkeiten für Trevizes Sicherheit sorgen soll. Da sie immer mit Gaia in Verbindung steht, erfährt Gaia gleichzeitig den Fortschritt der Suche.

Trevize ist der Überzeugung, irgendwo in den gigantischen Bibliotheken der galaktischen Menschheit müssten sich Hinweise auf die Erde finden, da fast jeder Planet mit Mythen und Legenden um diese Welt aufwarten kann. Durch Gendibal, den Sprecher der zweiten Foundation, erfuhr er, dass selbst auf der Hauptwelt des ersten Imperiums alle Informationen über die Erde entfernt wurden, und das unter den Augen der Mentalisten von der zweiten Foundation, was auf eine größere Macht hindeutet. Die Hinweise der Mythen über die Erde, die in allerlei Variationen von einer unerreichbaren, radioaktiven Erde erzählen, überzeugen den ehemaligen Ratsherr Trevize endgültig: Jemand oder etwas von der Erde versucht, ihre Existenz zu verheimlichen – mit mächtigen Mitteln.

Nur auf den verbotenen Welten der ersten Siedlungswelle, den fünfzig Planeten der so genannten Spacers, finden sich vergessene oder übersehene Informationen, die Trevize und seinen Begleitern einen mühseligen Weg in Richtung Erde zeigen. Unterstützt durch den fortschrittlichen Computer des Raumschiffs scheint das Ziel endlich erreichbar zu sein …

Mit dem vorliegenden Roman bringt Asimov seinen Zyklus um die Foundation zu einem fulminanten Abschluss. Schon im vorhergehenden Band „Die Suche nach der Erde“ versuchte er einen Ringschluss mit einigen seiner früheren Werke, indem er die bisher im Foundation-Universum gänzlich fehlenden Roboter behutsam erwähnte. Diese Maschinenintelligenzen und eine großartig angelegte Geschichte der galaktischen Menschheit bilden einen wichtigen Punkt im Hintergrund des Abschlussromans. Mit den zwei Siedlungswellen der Spacers und Settlers wirft er einen Blick zurück und bindet weitere Ideen in das Universum ein, wie auch die Ansatzpunkte der Stahlhöhlen (hier noch in Mythen und Legenden verankert) oder die Radioaktivität der Erde. Auch der Lenker im Hintergrund, der Überroboter Daneel Olivav, stellt eine Anekdote der Vergangenheit und ein Verbindungsglied zu früheren Werken dar, so dass Asimov tatsächlich ein geschlossenes Werk seiner Eroberung des Weltraums schafft.

Asimov ist bekannt für sein Bestreben, jede Geschichte in absoluter Logik zu entwickeln. In Golan Trevize fand er einen herrlich passenden Protagonisten für diese seine Leidenschaft, über ihn konnte er die verschiedenen losen Enden des großen Zyklus’ verknüpfen und die angelegten Rätsel befriedigend entwirren. Obwohl Trevize dadurch manchmal wie ein Übermensch oder antiker Held wirkt, ist er nicht ohne menschliche Schwächen und dadurch durchaus sympathisch. Vielleicht merkte Asimov erst nach dem Ende des Vorgängerromans, welche Probleme ein Galaxia für die Individualität bedeuten würde, vielleicht war aber die Lösung durch die Rückkehr bereits geplant. Jedenfalls greift er genau diesen Punkt mit den ersten Worten des Romans auf und widmet die Geschichte einer befriedigenden Lösung. Ob die Lösung, die er ansteuerte, wirklich befriedigend ist, mag jeder für sich entscheiden, logisch ist sie allemal.

Mit dem 0. Gesetz der Robotik schiebt Asimov einen Punkt nach, der einige Probleme in der Robotpsychologie hervorruft oder auch eindeutiger löst. Hier hätte seine Psychologin Susan Calvin sicherlich ihre Freude gehabt: Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass ihr Schaden widerfährt. Die drei anderen Gesetze müssen entsprechend abgestuft werden. Ist das wirklich wünschenswert? Mit diesem Gesetz, das die Roboter selbst entwickelten, können sie sich zur Unabhängigkeit von einzelnen Menschen entwickeln, je nach Auslegung. Daneel geht sogar so weit, sein Jahrtausende altes Gehirn mit dem eines Menschen zu verschmelzen, der unabhängig von den Robotergesetzen ist, um eben diese Gesetze umgehen zu können (natürlich zum Wohl der ganzen Menschheit!).

Gaia ist eine durch Roboter entwickelte Entität, das Ausbreiten dieses Wesens auf die Galaxis würde auch durch Roboter gefördert werden. Demnach wäre Galaxia eine künstliche Entwicklung nach Vorstellung der Roboter, die für die Sicherheit der Menschheit handeln und dabei die Individualität des Einzelnen hintanstellen. Trotzdem hat sich Trevize für diese Variante entschieden, und in diesem Buch gibt Asimov Antwort, warum.

Ganz in Asimovs typischem Stil gehalten, dominieren lange Dialoge den Roman. Mag er manchem Leser anstrengend oder gestelzt erscheinen, fasziniert mich diese Art der Erzählung und bietet mir Asimovs Gedanken und Ideen in Form wunderbarer Unterhaltung dar, die spannender nicht sein könnte. Die Geschichte um die Foundation kommt endgültig zu einem Abschluss, und mit den Anspielungen auf frühere Werke (die hinten im Buch als erweiterter Foundation-Zyklus aufgelistet sind) macht Asimov Lust auf mehr. Wer eintauchen möchte in die Welt der Psychohistorik und asimovschen Erzählweise, dem möchte ich die Foundation wirklich ans Herz legen. Allerdings muss erwähnt werden, dass „Die Rückkehr zur Erde“ nicht für sich allein steht, sondern den direkten Anschluss an „Die Suche nach der Erde“ bildet. Empfehlenswert ist der Einstieg mit der Foundation-Trilogie oder nach Asimovs Zusammenstellung mit dem Sammelband „Meine Freunde, die Roboter“.

Isaac Asimov ist einer der bekanntesten, erfolgreichsten und besten Science-Fiction-Schriftsteller, die je gelebt haben. Neben ihm werden oft Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke genannt. Asimov wurde 1920 in der Sowjetunion geboren und wanderte 1923 mit seinen Eltern nach New York aus. Seine erste Story erschien 1939. Zwischenzeitlich arbeitete er als Chemie-Professor in den USA, er schrieb neben seinen weltbekannten Romanen auch zahlreiche Sachbücher. 1992 verstarb er.

Zum Foundation-Zyklus

Meine Freunde, die Roboter
Die Stahlhöhlen
Der Aufbruch zu den Sternen
Das galaktische Imperium
Die frühe Foundation-Trilogie
Die Rettung des Imperiums
Das Foundation-Projekt
Die Foundation-Trilogie
Die Suche nach der Erde
Die Rückkehr zur Erde

Roché, Henri-Pierre – Jules und Jim

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …

|Der Autor|

Henri-Pierre Roché, 1879-1959, war jahrelang Berater und Agent in der Pariser Kunstszene, später Kritiker, Übersetzer und Schriftsteller. In seinem 1953 erschienenen Roman „Jules et Jim“ verarbeitet er seine Freundschaft zu dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel. Beide lieben ein Leben lang im Wechsel dieselbe Frau: die Malerin Helen Grund, spätere Hessel.

|Die Sprecherin|

Eva Mattes spielte an allen großen Bühnen Deutschlands und war in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum. Filmfreunden ist sie vor allem als eine der Lieblingsschauspielerinnen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung, sie spielte aber auch neben Klaus Kinski in Büchners „Woyzeck“ (Wim Wenders). Für |Hörbuch Hamburg| hat sie u. a. das Nixenmärchen „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué gelesen.

Das Titelbild zeigt das Trio Jules, Jim und Kathe in einer Szene des Films, die am Strand spielt.

|Hinweis|

Es ist anfangs ein wenig verwirrend, dass der Franzose Jim einen englischen Namen trägt und der Deutsche Jules einen französischen. Man kann nur annehmen, dass der Autor nicht wollte, dass der Leser die beiden Männer automatisch einem bestimmten Land zuordnet, nur weil sie einen entsprechenden Namen tragen. Sie könnten auch ganz andere Namen tragen. Kathe hingegen ist weder ein deutscher noch ein französischer oder englischer Name, hat aber Anklänge an die Namen Käthe und Katharina bzw. Catherine.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1907, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Weltkrieg ist noch weit entfernt. Jim stammt aus Paris und nimmt seinen zu Besuch weilenden Freund Jules auf einen Ball mit, denn Jules braucht hier ein Mädchen. Er hat zwar schon drei in München, woher er stammt, doch warum soll er in der Fremde einsam sein? Die beiden Freunde schreiben Gedichte und übersetzen aus der Sprache des jeweils anderen.

Als Jim den Besuch erwidert, werden die Schönheitsideale der beiden ebenso klar wie ihre charakterlichen Eigenschaften. Jules ist geduldig, aber nicht so fordernd wie Jim, und macht gerne den Spielleiter, allerdings fehlt ihm eine gewisse Festigkeit in seinen Entschlüssen. In Jims Augen ist Luzie eine „gotische Schönheit“, der die Strenge einer Äbtissin eignet.

Gertrud hingegen reißt gern Bäume aus, ist eine ledige Mutter (skandalös für die damalige Zeit), ein verbannter Freigeist und eine „griechische Schönheit“. Lina, Jules‘ Freundin Nr. 3, findet keineswegs Jims Interesse und scheidet sozusagen aus dem Spiel aus. Da wir die Geschehnisse aus Jims Sicht (auch der Autor ist Franzose) betrachten, erkennen wir schnell seine Eigenschaften: Er ist kein Kostverächter, sondern weiß zuzupacken. Allerdings ist die Freundschaft zu Jules für ihn sehr wertvoll.

|Prototyp|

Luzie, Jules und Jim – dieses Dreieck ist bereits eine Vorform dessen, was später folgen soll. Es bestehen keinerlei Geheimnisse zwischen den dreien, und das ist das Wichtigste für diese Art von Liebesfreundschaft. Luzie lehnt Jules‘ Heiratsantrag ab, meint aber, zu dritt wären sie ideal für sie. Es folgen philosophische Ausführungen über Relativität und Absolutheit, die für eine „ménage à trois“ relevant sind.

|Prägung|

Eine weitere Vorstufe für das, was kommen soll, ist die Griechenlandreise. Gemeinsam besuchen Jules und Jim die antiken Stätten und ziehen durch die Bars von Athen, wo sie die Schönheiten mit Gertrud und Luzie vergleichen. Als penetrant dogmatischer Führer schließt sich ihnen der rassistische Albert an, der später noch vielfach auftauchen wird, denn er wird von Kathe als Waffe gegen Jules & Jim benutzt. In Delphi haben Jules & Jim ein Aha-Erlebnis: Sie bewundern eine antike griechische Statue. Das Lächeln der Frau zieht sie in ihren Bann: Es ist göttlich, bezaubernd, aber auch ein wenig kalt und gnadenlos.

|Kathe|

Daher sind sie quasi wie vom Blitz getroffen, als sie unter den vier Berlinerinnen, die sie in Paris besuchen kommen, eine Frau entdecken, die exakt das gleiche Lächeln aufweist wie jene Statue. Es ist Kathe. Am Nationalfeiertag verkleidet sich die junge Frau als Junge, den alle Thomas nennen müssen. „Sein“ Lächeln ist schön und grausam zugleich in seiner Unschuld. Die Pariser lassen sich von der Verkleidung nicht lange narren.

Jules verliebt sich in die blonde „germanische Schönheit“, die sowohl ihn als auch Jim um den kleinen Finger wickelt. Als Jim erfährt, dass sein Freund Kathe heiraten will, hat er Bedenken. Jim kennt sich mit Frauen aus, denn er hat – nach zahllosen Affären, versteht sich – selbst eine heimliche Geliebte in Paris. Nach der Hochzeit kommt es zu einer Krise, als Kathe ohne ersichtlichen Grund in die Seine springt und Probleme mit dem Schwimmen zu haben scheint.

Doch es ist nicht der sonst so autoritäre Jules, der ins Wasser springt und sie rettet, sondern sein Freund Jim. Während Jules geknickt ist, verschwindet Jim, bevor sich ihm Kathe an den Hals werfen kann. Sie triumphiert wie ein siegreicher General. Wieder einmal hat sie ihre Eigenständigkeit behauptet, einfach indem sie den einen gegen den anderen ausgespielt hat. Und wo dies nicht geht, holt sie sich andere Liebhaber ins Bett (nicht ins eheliche, versteht sich), so etwa den erwähnten Albert und andere.

|Nach dem Krieg|

Der Krieg vergeht ebenso wie weitere Jahre, und die drei Liebhaberfreunde sehen sich wieder. Doch das Gleichgewicht im Dreieck verschiebt sich permanent, und so sind die Freuden stets auch mit Leid vermischt. Jim trägt’s philosophisch und erntet die Früchte, die Kathe ihm gewährt, wohingegen Jules sich zu einem duldenden Benediktinermönch entwickelt, der in seiner literarischen Arbeit aufgeht.

|Lebenstaumel|

Doch mit dem fortschreitenden Alter entwickelt Kathe zunehmend Gedanken an Selbstmord. Denn der „Lebenstaumel“, der ihr Lebenselixier ist, lässt sich nun nicht mehr so einfach durch risikoreiche Spiele erringen. Bücher wie Kleists „Penthesilea“ und Goethes „Wahlverwandschaften“ gaben früher Jim Hinweise auf Kathes Interessen.

Aber auf den Reisen an den Atlantik, nach Paris und Venedig erweist sich Kathe als zunehmend abwesend, wenn auch nicht abweisend. Sie hat etwas vor. Jim ahnt, dass es etwas Drastisches sein wird, denn das war schon immer Kathes Art, sich ihr Lebendigsein zu bestätigen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

_Mein Eindruck_

Wenn man Truffauts Film gesehen und sich über die jungen Schauspieler gefreut hat, ist man etwas erstaunt darüber, dass die Dreiecksgeschichte zwischen Jules, Jim und Kathe sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Figuren wirken aber auch am Schluss keineswegs alt, sondern so dynamisch wie am Anfang. Das liegt natürlich an Kathe, die sich immerzu bestätigen muss, dass sie eine lebendige Frau ist und sich dazu allerlei Eskapaden leistet.

Es liegt aber auch daran, dass die Außenwelt lediglich in einer Art Chiffren vorkommt, quasi als Kulisse für das Beziehungsgeflecht des Trios. Nur am Rande erfährt man also, dass ein Weltkrieg stattgefunden hat und dass es in Deutschland eine Hyperinflation gibt. Der Eindruck entsteht, dass die ménage à trois der einzige Kosmos ist, der zählt. (Dieser Eindruck mag im Buch ein anderer sein, denn es ist anzunehmen, dass der Text so gekürzt wurde, dass sich die Geschichte auf das Trio konzentriert.) Doch das Trio muss sich an einer Stelle mit der Bürokratie herumschlagen, ob es will oder nicht. Bürgerliche Beziehungen werden eben anders geregelt, meistens schwarz auf weiß.

|Anschaulich|

Weil sich der Text auf die Handlungen konzentriert, ist der Stil anschaulich wie ein Kinofilm und wir folgen den Aktionen der Figuren mit Interesse, ohne dass langweilige Erklärungen die Szene stören würden. Nur selten erfahren wir daher – meist von Jim -, wie sich Jules und Kathe in ihren jeweiligen bürgerlichen Existenzen entwickeln. Aber auch philosophische Betrachtungen über das Wesen einer bzw. dieser ménage à trois sind sehr selten; zumindest kann ich mich an kaum eine erinnern. Wenn jemand reflektiert, dann ist dies in der Regel Jim, unser Mann vor Ort. (Es ist ein französischer Roman für französische Leser, und Jim ist eben Franzose.) Seine Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern stellen a) die Chronik der Ereignisse dar und b) sind sie Teil der Interaktion im Trio.

|Unmoralisch? Nie im Leben!|

An keiner einzigen Stelle kommt Jim die Idee, dass die ménage à trois etwas Unmoralisches sein könnte. Warum auch? Das Buch selbst ist ja das Manifest des Autors, dass er solche Beziehugnen nicht als unmoralisch, sondern lediglich als schwierig aufrechtzuerhalten ansieht. Die Probleme liegen nicht auf der moralischen, sondern auf der psychologischen Ebene. Für die Zeitgenossen lag die Herausforderung wohl eher in der Vorstellung, dass nicht nur Männer mehrere Geliebte haben können, sondern auch Frauen. Solche Frauen werden von der Gesellschaft geächtet, wie es der armen Gertrud in München widerfährt.

Auch Kathe kann nicht der freien Liebe frönen, ohne sich alsbald durch eine Heirat den Mantel der Respektabilität umzuhängen, danach aber – sobald die Kinder da sind – mit ihrer Praxis der freien Liebe fortzufahren. Dass Jules sie dabei mehr oder weniger freiwillig deckt, kommt ihr zugute, wirft aber kein gutes Licht auf den Zustand ihrer Ehe. Sie schlafen in getrennten Betten, was bereits alles sagt. Dafür erhält Jim seine Chance, mit Kathe schöne Tage zu verleben.

Es ist nicht so, dass die beiden Männer eines Tages beschlossen hätten, dass sie sich Kathe teilen, als wäre sie eine Schlampe. Vielmehr verhält es sich wohl so – eine Frage der Interpretation -, dass es Kathe selbst ist, die sich das Recht auf Wahlfreiheit vorbehält. Darin bestätigt sich ihr Status als „Löwin“ und „Göttin“, als die sie von Jim tituliert wird. Sie ist ein höheres Wesen, und die beiden Männer sind schon durch ihr Delphi-Erlebnis vorgeprägt, sie dementsprechend zu behandeln. Weil aber keiner von beiden einen absoluten Anspruch auf sie erheben mag oder kann, funktioniert die ménage à trois überhaupt erst.

|Die Relativitätstheorie|

Wenn es keine Absolutheit gibt, herrscht Relativität. Darüber reflektiert Jim mehrere Minuten lang. Wenn aber alle Beziehungen und die darin vermittelten Gefühle der Wertschätzung und Herabsetzung relativ sind, dürfen sie auch nicht verabsolutiert werden. Jim weiß also, dass sich Kathe sowohl rächen als auch ihn wieder willkommen heißen wird. Diese Gewissheit der Ungewissheit begleitet ihn ständig, wenn er mit Kathe zusammen ist. Und weil alles schon am nächsten Tag vorbei sein kann, genießt er den Moment, der ihm geschenkt oder von ihrer Majestät Kathe gewährt wird, bis zur Neige. Dementsprechend intensiv ist seine Erfahrung des Lebens.

Es hilft auch nichts, dagegen aufzubegehren. Denn Kathe weiß sich auf subtile Weise zu rächen und ihre beiden Männer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Sie nimmt sich einen anderen Lover, sei es der aufgeblasene Albert oder ein Engländer. Diese Eskapaden bereiten ihren Männern nicht nur Verdruss, sondern zunehmend auch Besorgnis. Auf welche Stufe der männlichen Gesellschaft wird sich Kathe noch herablassen? Und wird sie eines Tages völlig wegbleiben und ihre Kinder im Stich lassen?

|Authentisches Lebensmodell|

Der Autor schildert also die Dreiecksbeziehung nicht nur als ein Modell der freien Liebe, sondern als Lebensmodell. Dieses lässt sich über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten, wenn auch nur unter Mühen. Doch der Lohn ist ebenso groß wie die Mühe, die man in diese besondere Beziehung investiert. Diese Beziehung hat sich Roché nicht aus den Fingern gesogen, sondern Kathe und Jules haben reale deutsche Vorbilder aus jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und dreimal darf man raten, wer sich hinter Jim verbirgt (siehe den Abschnitt „Der Autor“ oben).

_Die Sprecherin_

Eva Mattes verfügt über eine relativ tiefe, aber einschmeichelnd sanfte Stimme, die sie wohldosiert einzusetzen weiß. Das Vortragstempo ist genau richtig, und sie schafft es, den Sätzen eines Abschnittes eine Art Spannungsbogen und Zusammenhang zu verleihen. Das ist auch sehr notwendig, denn der Text selbst bietet nur wenig Spannungselemente. Die beinahe einzige Ebene der Spannung befindet sich auf der der Psychologie. Nur selten ergeben sich Actionszenen wie jene, in der Jim und Kathe um einen Revolver streiten.

Weil es so wenig oberflächliche Spannung gibt, muss der Vortrag die unterschwellige Anspannung reflektieren. Aber wie soll die Sprecherin das bewerkstelligen, ohne durch Übertreibung lächerlich zu wirken oder sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen? Mattes hält sich daher – wie jeder gute Sprecher – zurück und überlässt es dem Hörer, aus den vorgetragenen Ereignissen eine Entwicklung herauszulesen und entsprechende Gefühle dafür zu entwickeln. Ihr Vortrag erfordert – ebenso wie das Buch – den mündigen Leser und Hörer.

_Unterm Strich_

„Jules und Jim“ schildert ein interessantes Modell für Liebe und Leben, das von François Truffaut kongenial und mit eigener Aussage verfilmt wurde. Doch der Roman verweigert sich absichtlich jeglichen Ansprüchen auf Unterhaltung, indem er keine Spannungsbögen größerer Art im Stile eines Kriminalromans oder einer Groschenromanze anbietet. Der Autor interessiert sich vor allem dafür, wie diese Dreierbeziehung in der Realität und auf der psychologisch-menschlichen Ebene funktionieren kann.

Dabei stellt er von vornherein keine Erwartungen oder gar Bedingungen auf, sondern schildert, was da kommt. Das Ergebnis ist ein angenehmer Bericht der laufenden Ereignisse, die sich durchaus dramatisch zuspitzen können. Doch der Schluss ist folgerichtig eben kein von langer Hand herbeigeführtes Finale inklusive Showdown, sondern kommt quasi aus dem Nichts: so wie manche Entscheidungen von Menschen nirgendwoher zu kommen scheinen. Der Schluss mag traurig stimmen, aber wer auch nur einen Funken Sympathie für die drei Hauptfiguren entwickelt hat, wird das Geschehen akzeptieren.

Eva Mattes hatte vielleicht ihre liebe Not mit der Darbietung des Textes, aber sie entledigt sich ihrer Aufgabe mit Anstand. Sie hält sich zurück, obwohl es nur wenig Spannungsbögen oder Dramatik gibt, vielmehr trägt sie die Ereignisse vor, als handle es sich um alltägliche Routine. Jede andere Vortragsweise würde nämlich werten, und damit würde sich die Sprecherin auf die fragwürdige Seite moralischer Zensur begeben.

Es mag nämlich genügend Zeitgenossen (immer noch oder schon wieder) geben, die wie in den fünfziger Jahren, als das Buch erschien, mit Verdammung über dieses herziehen würden, in der Meinung, nur die Ehe zwischen Mann und Frau – ohne einen Dritten, versteht sich – sei die EINZIGE legitime Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. George W. Bush würde ihnen zweifellos beipflichten.

Gegen diese Engstirnigkeit wendet sich der Roman ebenso wie das Hörbuch. Insofern handelt es sich um ein literarisches Stück Aufklärung: Es zeigt ein erfolgreiches Alternativmodell auf, das den bevormundeten Zeitgenossen einen Ausweg aus ihrer potenziellen Ehe-Misere aufzeigt. Eine ménage à trois verwechselt der Autor nie mit Zügellosigkeit nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip. Das würde Kathe zu einer Schlampe degradieren. Und daher ist seine ménage à trois auch kein Freibrief für „freie Liebe“ zwischen jedermann und -frau. In Zeiten von AIDS käme das auch wenig gut an.

|223 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Jules et Jim, 1953
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Peter Ruhff|

Izzo, Jean-Claude – Sonne der Sterbenden, Die

Marseille ist Izzo. Izzo ist Marseille. Fast schon untrennbar sind die Stadt und der Autor verbunden. Kein Wunder, dass auch Izzos letzter Roman, den er vor seinem Krebstod 2000 geschrieben hat, in „seiner“ Stadt spielt. Ebenso wie schon die „Marseille-Trilogie“ („Total Cheops“, „Chourmo“, „Solea“), mit der ihm der Durchbruch gelang und durch die er in die Topliga der französischen Krimiautoren aufstieg, ist auch „Die Sonne der Sterbenden“ eine Liebeserklärung an Marseille.

Dabei war Izzo nie zwangläufig nur auf Krimis festgelegt. Nur Marseille, Marseille war immer sein wichtigstes Thema – nicht nur die Stadt an sich, sondern auch deren Einwohner, die Izzo stets am Herzen lagen. „Die Sonne der Sterbenden“ ist ebenfalls kein Kriminalroman. Vielmehr eine Lebensgeschichte, ein Reflektieren des Erlebten und eine Analyse des Scheiterns.

Erzählt wird das Leben von Rico, einem Pariser Clochard. Rico lebt schon seit einigen Jahren auf der Straße, losgelöst vom normalen Leben und von der Gesellschaft. Einen Freund und Vertrauten hat er in Titi gefunden. Titi ist ebenfalls Clochard und lebt schon länger auf der Straße als Rico. Die Beiden passen aufeinander auf und können sich aufeinander verlassen – jederzeit. Bis Titi eines kalten Wintertages tot unter der Bank einer Metrostation gefunden wird. Rico zieht es das letzte bisschen Boden unter den Füßen weg. Mit Titi verliert er seinen einzigen Bezugspunkt.

Mit Titis Tod will auch Rico seinem Leben in Paris einen Schlusspunkt setzen. Er erinnert sich der glücklichen Momente in seinem Leben, an die Frauen, die er einst geliebt hat, besonders seine große Liebe Lea, und erinnert sich damit zwangsläufig an Marseille, wo er seinerzeit mit Lea lebte und liebte. Rico zieht Bilanz: Er hat alles verloren, wurde von seiner Frau Sophie geschieden, was den ersten Schritt in den Abgrund markierte, darf seinen Sohn Julien nicht mehr sehen und haust nun schon seit Jahren auf der Straße. Kurzum, Rico hat sein Leben gründlich verpfuscht. Mit Titis Tod fällt diese Bilanz umso schmerzhafter aus und Rico beschließt, Paris zu verlassen. Er macht sich auf in Richtung Süden, Marseille als Ziel seiner Reise vor Augen. An Marseille knüpft er alle seine Hoffnungen …

„Die Sonne der Sterbenden“ erzählt die Geschichte von Rico, allerdings nicht aus seiner Perspektive. Der eigentliche Erzähler der Geschichte ist Abdou, ein junger Araber, der in den Straßen von Marseille zu Hause ist und der in Rico eine Art väterlichen Freund findet. Ihm scheint genauso wie dem Leser Ricos Lebensbeichte zu gelten. Und die fällt, typisch für Jean-Claude Izzo, genauso düster wie ehrlich und unverklärt aus. Doch in all den dunklen Gedanken, in all den schweren Erinnerungen, die auf Ricos verhärteter Seele lasten, glimmt auch ganz klein und fast unscheinbar immer noch ein Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich irgendwann doch noch alles zum Guten wendet. Rico nährt diese Hoffnung durch die Rückkehr nach Marseille, den Ort, an dem er die glücklichsten Momente seines Lebens verbrachte.

Izzos klassische „Hauptfigur“ Marseille betritt dabei erst im letzten Drittel des Romans die Bühne. Bis dahin steht die Reflektion von Ricos Leben im Vordergrund. Während seiner Reise gen Süden denkt Rico immer zurück an die Vergangenheit. Erinnerungen vermischen sich mit neuen Eindrücken. Rico trifft unterwegs neue Menschen, erhält neue Perspektiven, bei denen vor allem zwei prägend sind. Zunächst wäre da der Junge Felix. Etwas zurückgeblieben, stets in Begleitung eines Fußballs, den er unter dem Arm umherträgt, und mit einem tätowierten Eidechsenkopf an der Schläfe, wirkt der Junge stets etwas verschlossen und geheimnisvoll. Und dann wäre da noch Mirjana, die aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet ist und nun dadurch, dass sie sich an Männer verkauft, versucht, die Schulden abzubezahlen, die sie bei den Schleppern für die „Einreise“ nach Italien bezahlt hat. Diese Begegnungen hinterlassen bleibenden Eindruck bei Rico und er denkt auch später immer wieder daran zurück.

Das Reflektieren seines eigenen Lebens vollzieht er entlang seiner Reiseroute immer wieder in verschiedenen Momenten. Rico erzählt, wie es zu seinem Absturz kam. Erschreckend und faszinierend zugleich, wie einen Menschen eine beendete Beziehung aus der Bahn werfen kann, wie ihn unerwiderte Gefühle irgendwann an den Rand der Gesellschaft drängen. Rico beschreibt dabei eine fast schon klischeehafte und doch so logische Chronologie des Absturzes: unerwiderte Liebe, Alkohol, Einsamkeit, Jobverlust, Schulden, Obdachlosigkeit. Irgendwann hat Rico einfach kapituliert, die Illusion auf eine Rückkehr ins normale Leben aufgegeben. Izzo drückt das so aus: |“Nicht in die Gesellschaft zurückkehren zu wollen, war kein Unvermögen. Nur eine große Müdigkeit.“| (S. 135)

Während Rico seine Vergangenheit reflektiert, kristallisiert sich immer deutlicher seine gegenwärtige Erscheinung heraus. Rico ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ein Toter, der noch immer unter den Lebenden wandelt: |“Wir ziehen mit unserer alten Haut durch die Gegend. Wir sind nur noch leere Hüllen.“| (S. 142) So bringt Mirjana die klägliche Existenz auf den Punkt, die nicht nur sie selbst führt, sondern auch Rico. Ein Aspekt, der die Figuren verbindet. Beide sind ganz unten angekommen und jeder geht mit seinem Schicksal auf seine eigene Art um. Die Unterschiede in der Existenz der Beiden sind nur marginal und dennoch überdeutlich, was Rico dadurch betont, dass er sich an die Worte seine Freundes Titi erinnert: |“Ich will dir mal was sagen, Rico, wenn ein Mann am Ende ist, geht er betteln, eine Frau dagegen, die verkauft sich. Also denk immer daran, die Erniedrigung, die du empfindest, ist im Vergleich zu der, die sie empfinden müssen, gar nichts.“| (S. 144)

Izzo wäre nicht Izzo, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse ziehen ließen, in denen stets auch Kritik mitschwingt. Auch dafür eignet sich „Die Sonne der Sterbenden“ wunderbar, genau wie es schon bei der „Marseille-Trilogie“ der Fall war. Izzo lässt den Leser durch die Augen des Clochards Rico die Gesellschaft von außen betrachten. Er verpasst dem Leser einen veränderten Blickwinkel, indem er ihn Ricos Perspektive einnehmen lässt. Erst eine Figur, die am Rand der Gesellschaft steht, die nicht mehr Teil von ihr ist, macht die Kritik an der Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft besonders deutlich und schärft den Blick für die Problematik der an den Rand Gedrängten, die im gesellschaftlichen Auf und Ab irgendwann unter die Räder gekommen sind. Rico ist ein Paradebeispiel dafür: |“Rico gehörte nicht zu denen, die in Wiedereingliederungsstatistiken erfasst wurden. Andere ja, zweifellos. Glücklicherweise. Oder unglücklicherweise, wer weiß. Aber für einen, der wieder auf die Beine kam, wie viele stürzten da wohl im gleichen Moment ab?“| (S. 181)

Rico fühlt sich nicht mehr dazu in der Lage, etwas wie Liebe zu empfinden. |“Die Worte der Liebe wie „ich liebe dich“ und alle anderen, abgeschmackt und infantil, die man erfindet, waren langsam zerfasert. Sie riefen nur noch Erinnerungsfetzen hervor.“| (S. 133) Trotz der offensichtlichen emotionalen Wüste, die Rico durchwandert, merkt man der Erzählung an, dass Izzo große Gefühle mit seinen Figuren verbindet. Er zeichnet sie liebevoll und mit einem feinsinnigen Gespür für ihr Schicksal. Izzo hat eben ein großes Herz, wie seine Bücher immer wieder zeigen, nicht nur für Marseille, sondern auch für Menschen und im Besonderen eben auch für die, die am Rande stehen. Das ist eine der großen Stärken, die einem bei jedem Izzo-Roman aufs Neue ins Auge fallen.

Etwas verwirrend empfand ich im ersten Moment die Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler bleibt dem Leser zunächst verborgen. Man weiß nicht, wer er ist, mutmaßt zunächst, es wäre vielleicht der Autor selbst, um dann beim Einstieg ins letzte Drittel der Geschichte mit Abdou in Marseille endlich den Erzähler präsentiert zu bekommen. Marseille spart Izzo sich für sein Finale auf. Mit dem erstmaligen Auftauchen Abdous vollzieht sich ein Bruch. Izzo verändert den Blickwinkel mit dem Auftauchen des Jungen, was beim Lesen im ersten Moment wie ein Stolperstein (bewusst oder unbewusst) wirkt. Man fällt ein wenig aus dem Erzählfluss heraus und mich persönlich hat dieser Bruch ein wenig irritiert. Man braucht danach einen Augenblick, um wieder in die Handlung zurückzufinden und sich wieder voll und ganz auf das Schicksal von Rico einzulassen.

Sprachlich ist „Die Sonne der Sterbenden“ ein fast typischer Izzo. Schon der Titel verheißt Tragik und Dramatik. Einerseits schreibt Izzo klar und gradlinig, ohne zu beschönigen, andererseits aber wunderbar poetisch und melancholisch. Izzo schafft es immer wieder, das Seelenleben seiner Protagonisten in perfekt passende Worte zu kleiden, ohne dabei verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Das ist seine ihm eigene Art, die ihn neben der Leidenschaft für seine Figuren so lesenswert macht.

Izzos Figuren gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Man trägt Rico auch weiter mit sich herum. Ein Einzelschicksal, zweifellos, aber dennoch eines, das einem dank Izzos fabelhafter Darstellung in eindrucksvoller Erinnerung bleibt – packend und ergreifend.

Michael Pearce – Die Schätze des Pharao

Das geschieht:

Kairo, die alte Metropole am Nil, ist im Jahre 1908 die Hauptstadt der autonomen osmanischen Provinz Ägypten. Doch das Osmanische Reich – der „kranke Mann am Bosporus“ – ist politisch zerrüttet und wirtschaftlich am Ende. In Ägypten mussten die Osmanen schon vor dreißig Jahren die Hilfe der Briten erbitten, um sich an der Macht zu halten. Die Briten kamen gern – und blieben. Seither ist der Zhedife – der einheimische Herrscher über Ägypten – nur eine Galionsfigur; die wahre Macht übt der Generalkonsul aus, der seine Anweisungen aus London erhält.

Die Ägypter hat niemand um ihre Meinung gefragt. Sie sind die Fremdherrschaft allerdings gewöhnt und haben sich in ihrer Mehrheit damit abgefunden. Nichtsdestotrotz gibt es eine nationalistische Untergrundbewegung, die von den Briten scharf im Auge behalten wird. Das ist die Aufgabe der Geheimpolizei, der in Kairo Captain Gareth Owen, der „Mamur Zapt“, vorsteht. Offiziell sorgt er für die öffentliche Ordnung in der Stadt und verfolgt Verbrechen, die an Reisenden aus dem Ausland begangen werden.

In diesem Zusammenhang lernt Owen die junge amerikanische Kunstexpertin Enid Skinner kennen. Sie unternimmt eine Studienreise und hat einen Onkel, der womöglich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Unter diesen Voraussetzungen bemühen sich ihre britischen Gastgeber, Miss Skinner sehr zuvorkommend zu behandeln, obwohl diplomatische Zurückhaltung für sie ein Fremdwort ist. So macht sie sich für eine strenge Ausfuhrkontrolle für altägyptische Bodenaltertümer stark. Überall im Land graben Archäologen im Auftrag europäischer und amerikanischer Museen, Kunsthändler oder privater Sammler nach den Schätzen der Pharaonenzeit. Mit großer Selbstverständlichkeit werden sie anschließend außer Landes geschafft.

Bisher verhallten die Protestrufe der wenigen Mahner, die diese Kleinodien im eigenen Land halten wollen, ungehört. Sollte sich allerdings jemand finden, dessen Stimme Gewicht hat und sich im Ausland gegen die organisierten Plünderungen erhebt, könnte das lukrative Geschäft in Gefahr geraten. Hat aus diesem Grund jemand versucht, Miss Skinner vor einen Straßenbahnwagen zu stoßen? Als sie wenig später die Ausgrabungsstätte Deir al Bahari im Süden des Landes besucht, wird ein weiterer Anschlag auf ihr Leben verübt. Captain Owen reist Miss Skinner nach. Er möchte die Gelegenheit nutzen, sich selbst ein Bild von den Grabungs- und Kunsthandelspraktiken zu machen – und stößt in ein Wespennest …

Archäologie zwischen Fundsicherung und Grabraub

„Die Schätze des Pharaos“ ist der sechste (und nicht der zweite, wie uns der Klappentext weismachen möchte) Fall des „Mamur Zapt“ Gareth Owen im Ägypten der britischen Kolonialzeit. Die buchstäblich farbenfrohe Kulisse des Orients ist es, die diesen Krimis ihre Originalität verleiht. Ägypten um die Jahrhundertwende ist ein hochinteressanter Schauplatz, der sich für einen Thriller geradezu anbietet, liefern sich hier doch gleich vier Staaten (Osmanisches Reich, Ägypten, England und Frankreich) einen stillen, hinter den Kulissen erbittert geführten Machtkampf um das strategisch wichtige Land als Einfallstor zum afrikanischen Kontinent.

Im vorliegenden Band rücken die politischen Querelen ein wenig in den Hintergrund. Pearce greift ein Thema auf, das den meisten Lesern in der geschilderten Deutlichkeit wahrscheinlich unbekannt ist. Streift man heute durch die großen Museen für Altertumskunde in Europa, um die riesigen Sammlungen exquisiter Kunstschätze aus Ägypten, dem antiken Griechenland oder Rom zu bestaunen, denkt man meist nicht darüber nach, wie diese Kostbarkeiten an Orte gelangten, für die sie definitiv niemals bestimmt waren.

Diese Sammlungen sind die eindrucksvollen Zeugen einer Ausgrabungspraxis, die einst allerorts üblich war: Finanziere eine archäologische Grabung in einem fremden Land, zahle den Einheimischen ein wenig Kleingeld – du kannst es beschönigend „Zoll“ nennen – und lasse alles dorthin schaffen, wo du es zu sehen wünscht. Klar, dass hier dem Missbrauch buchstäblich Tür und Tor geöffnet wurden. Es gab freilich kaum ein Unrechtsbewusstsein, denn schließlich kamen die Kostbarkeiten in die kundigen Hände derer, die sie zu würdigen wussten.

Auch die Ägypter hatten nichts gegen diesen Kunst-‚Handel‘ einzuwenden, denn er brachte Geld ins Land. Den Rahm schöpften zwar neben dem Zhedifen die örtlichen Paschas und anderen aristokratischen Würdenträger ab, aber die Bevölkerung fand immerhin sichere Arbeitsplätze auf den Grabungen und verdiente mit Grabraub, Schmuggel und dem Verkauf von Fälschungen gut nebenbei.

Lästige Beeinträchtigungen eines lukrativen Geschäfts

„Die Schätze des Pharao“ spielt in einer Epoche, in der sich erster Protest gegen solche systematischen Plünderungen zu formieren beginnt. Es muss bitter für Idealisten vom Schlage einer Miss Skinner gewesen sein: Sie mögen damit gerechnet haben, dass sie sich in ihrem Bestreben, die Kunstschätze Ägyptens zu retten, den Zorn der ausländischen ‚Kunstfreunde‘ zuzogen. Doch auch die Ägypter selbst, für die sie besagte Schätze retten wollten, leisteten Widerstand oder blieben uninteressiert. Nach Jahrhunderten der Fremd- und Misswirtschaft existierte in der breiten Bevölkerung kein Bewusstsein für oder Stolz auf die eigene große und großartige Geschichte. Erst das Ende der Kolonialzeit brachte hier einen Wandel.

Aus der geschickten Umsetzung dieses Themas und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zieht „Die Schätze des Pharaos“ seinen Unterhaltungswert. Auch der Rückblick in die Geschichte der britischen Schatten-Kolonie Ägypten besticht durch das offensichtliche Wissen des Autors um Land und Leute; Michael Pearce kennt die späte Phase der afrikanisch-britischen Kolonialgeschichte noch aus seiner Jugend im ägyptischen Sudan, in den er nach einigen Jahren in England als Lehrer zurückkehrte.

Wohl aus diesem Grund ist Pearce die Figurenzeichnung ausgezeichnet gelungen. Was aus der „Mamur-Zapt“-Serie hätte werden können, zeigen die in ähnlichen Kulissen spielenden, überlangen, vor angelesenem Buchwissen raschelnden, peinlich ‚komischen‘ Abenteuer um die viktorianische Archäologin Amelia Peabody, ihren Göttergatten und den unsäglichen Wundersohn Ramses, mit denen Elizabeth Peters viel zu viele Jahren die Freunde des Historienkrimis traktierte.

Land mit echten Leuten

Gareth Owen ist nicht der Tee trinkende, knarzige britische Offizier, der die ‚Wilden‘ väterlich Mores lehrt, sondern ein Mann, der selbst zu einer Minderheit zählt; er ist Walliser, was seinen Aufstieg in die höheren gesellschaftlichen Schichten und damit eine echte berufliche Karriere verbaut, ihn aber hellhörig macht für die Stimmen des ‚gewöhnlichen‘ Volkes.

Auch die einheimischen Ägypter müssen sich nicht mit der Rolle der pittoresken, wahlweise treuherzigen oder schurkischen ‚Eingeborenen‘ bescheiden. Pearce erspart ihnen auch das Schicksal des politisch korrekten Historienthrillers, der die Rolle des Bösewichts stets dem Ausländer überträgt, während die ‚edlen Wilden‘ sich als tragische Helden und Opfer darstellen lassen müssen. Pearces Ägypter sind – egal ob armer Wasserhändler, frustrierter Regierungsbeamter oder feudaler Pascha – Menschen mit den üblichen Ecken und Kanten. Die Schwierigkeiten einer quasi mittelalterlichen Gesellschaft im beginnenden 20. Jahrhundert gehen nicht nur auf die koloniale Fremdherrschaft zurück, sondern sind durchaus hausgemacht. Pearce verdichtet dies geschickt in der schwierigen Beziehung Owens zur unkonventionellen Aristokratentochter Zeinab, die weder von den Vorgesetzten und Kollegen des einen noch von der Familie der anderen gern gesehen wird.

Dass Michael Pearce neben feinem Humor Sarkasmus keineswegs fremd ist, stellt das zwiespältige aber sehr konsequente Finale seiner Geschichte unter Beweis. Glanzvoll kann Captain Owen die diversen Verbrechen des bis dato rätselhaften Falls aufklären und alle daran Beteiligten festsetzen – nur um sie sogleich wieder ziehen lassen zu müssen, da ihnen die riesigen Gesetzeslücken in Sachen Kunst-‚Handel‘ besser bekannt sind als dem Mamur Zapt. Der Verzicht auf den im Krimi auch heute noch üblichen Sieg des ‚Guten‘ rundet das Bild eines nicht tiefgründigen aber in den Grenzen seines Genres stimmigen, immer unterhaltsamen Romans ab. Dennoch merkwürdig mutet die Entscheidung der britischen „Crime Writers‘ Association“ an, dieses Buch 1993 mit einem „Last Laugh Dagger“ als humorvollsten Kriminalroman des Jahres auszuzeichnen.

Autor

Michael Pearce (*1933) wuchs im britisch beherrschten Sudan auf. Er verließ das Land nach einer Ausbildung zum Übersetzer, kehrte aber später als Lehrer dorthin zurück. Seine Kenntnis der russischen Sprache setzte Pearce während des Kalten Krieges für den militärischen Geheimdienst ein.

Herkunft und Berufserfahrung schlagen sich in der schriftstellerischen Karriere nieder. Pearce war bereits Mitte 50, als er seinen ersten Roman veröffentlichte. „The Mamur Zapt and the Return of the Carpet“ war gleichzeitig Start einer bis heute fortgesetzten Serie um den britischen Geheimpolizisten Gareth Owen im kolonialen Ägypten um 1900.

2004 begann Pearce eine zweite Reihe. Stets mit „A Dead Man in…“ beginnend, spielen die Abenteuer von Sandor Seymour, einem Officer in Scotland Yards 1883 gegründeter Special Branch, den das Außenministerium ruft, wenn es gilt, in der politisch turbulenten Ära vor dem I. Weltkrieg Verbrechen in Diplomatenkreisen aufzuklären.

Taschenbuch: 272 Seiten
Originaltitel: The Mamur Zapt and the Spoils of Egypt (New York : HarperCollins Publishers Ltd. 1992)
Übersetzt von Peter Pfaffinger
http://www.randomhouse.de/diana

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Francis, Dick – Verrechnet

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerlaufbahn. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch, der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan, seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Buch unterhält den Leser bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden.

Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Unterm Strich_

„Verrechnet“ bietet britische Krimikunst aus der obersten Liga, das ist schon richtig. Humorvolle Unterhaltung und spannendes Geschehen halten sich wirkungsvoll die Waage, so dass dem Leser nie langweilig wird – solange er den Überblick über die Fülle der Figuren behält.

|Originaltitel: To the hilt, 1996
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch|

Sedgwick, Marcus – Buch der toten Tage, Das

Boy, der Waisenjunge ohne Namen, assistiert seit vielen Jahren dem übellaunigen Illusionisten Valerian, in dessen Anwesen er eine winzige Kammer bewohnt und für den er auch außerhalb der Theaterarbeit rund um die Uhr im Dienst ist. Dessen missmutiges Temperament wird in letzter Zeit nur noch von seiner gedanklichen Abwesenheit und Unlust an der Bühnenarbeit übertroffen. Etwas bereitet dem alten Trickkünstler deutliche Sorgen, und da sein Herr eher jemand ist, der zum Frühstück rostige Eisennägel verspeisen könnte, muss der Quell dieses Übels etwas wahrhaft Schreckliches sein, mutmaßt Boy.

Als Valerian seinen vierzehnjährigen Leibsklaven – anders lässt es sich kaum betrachten – zwecks Informationsbeschaffung zu einem Agenten entsendet, dieser jedoch vor Boys Augen auf recht unheimliche Weise ermordet wird, beginnt einige wilde Aufregung in das triste und regengraue Dasein des Jungen Einzug zu halten oder besser gesagt über ihn hinwegzurollen. Auch der Theaterdirektor wird in der gleichen Nacht ums Leben gebracht und von Willow gefunden, einem Mädchen in Boys Alter, das des Jungen Schicksal in ähnlicher Weise als Bedienstete der exzentrischen Sängerin Madame Beauchance teilt. Willow und Boy geraten unter Mordverdacht und stante pede ins Gefängnis. Valerian befreit die beiden, verwendet dabei allerdings einen „Trick“, der in Boy den Verdacht aufkeimen lässt, dass die Magie des Alten wohl doch nicht nur aus Taschenspielereien besteht, sondern mehr dahinter steckt. Zudem: Warum sollte sein unangenehmer Herr und Meister ihn aus dieser misslichen Lage befreien, wo er sich doch sonst kein Deut um den Jungen scherrt? Etwas ist wohl faul im Staate Dänemark. Was sich da zusammenbraut, beunruhigt Valerian und damit Boy zutiefst, hat etwas mit dem Näherrücken der Silvesternacht zu tun, mit einem lang zurückliegenden dämonischen Pakt und mit dem mysteriösen „Buch der toten Tage“, hinter dem der Bühnenmagier ohne Rücksicht auf Verluste her ist.

So sind die vier Tage vor dem Jahreswechsel angefüllt mit einer wilden, atem- und schlaflosen Jagd nach diesem Buch. Friedhöfe, Verliese, Stadtwächter, ein verrückter Präparator, ein genialer Wissenschaftler und obskure Erfindungen, eine alte Kirche, vergessene Kanäle unter der Stadt und vielerlei Absonderliches mehr erwarten unsere Helden wider Willen in dem nun folgenden Abenteuer.

_Die Zeit der toten Tage_

Wintersonnenwende, Mittwinter, das Julfest, die Weihnachtszeit, Jahreswechsel – dieser Jahresabschnitt war in unserem Kulturraum bereits seit „heidnischen“ Zeiten von Tagen des Friedens, der Ruhe und der Familie geprägt. Alles fließt langsamer und befindet sich in einer Art von Zwischenstadium, von einem erwartungsvollen Zwielicht durchwirkt. Marcus Sedgwick beschreibt „die sonderbar stille Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr“ als „tote Tage – Tage, an denen die Türen zwischen unserer Welt und jener unsichtbaren, die gleich darunter liegt, geöffnet sind.“

Diese Stimmung und durchaus düstere Bilder waren für den früheren Buchhändler und Lektor, der nun seit 1994 Jugendromane verfasst und in England zu den Großen seiner Zunft zählt, der Ausgangspunkt für die gar abenteuerliche und gotisch-düstere Erzählung, die uns nun der |Hanser|-Verlag in deutscher Übersetzung angedeihen lässt. Inspiriert von Orten wie den Pariser und Krakauer Friedhöfen, Katakomben und Bolognas geheimnisvoller Kanalisation, entwirft Segwick das stimmungsvolle Bild einer fiktiven, organisch wirkenden Metropole, die zeitlich in einem Übergang zwischen Aberglaube und Magie auf der einen Seite und ersten Wissenschaften und Experimenten auf der anderen angesiedelt ist. Damit greift die gewählte Epoche die Ausgangsidee der toten Tage auch bildhaft auf. Alles bewegt sich in einem Zwischenraum, einem Übergang, ist zeitlos und schwer greifbar.

_Tage ohne Atempause_

In dieser Umgebung lässt der Autor ein wahres Gewitter an Ereignissen auf den jungen (oder jung gebliebenen) Leser einprasseln, dass dieser aus dem Staunen nicht mehr herauskommen mag. Die Kapiteleinteilung ist kurz und knackig, die Szenenwechsel erfolgen rasch. Verschnaufpausen gibt es kaum; die Geschichte nimmt uns in sich auf und entlässt uns erst wieder in die Wirklichkeit, wenn das letzte Rätsel gelüftet und die finalen Gefahren überstanden sind. Segwick ist dabei keineswegs zimperlich – für einen jugendlichen Leser mag so manche Situation und Begebenheit für wahrhaft schlaflose Nächte sorgen. So ist auch die Erzählweise ernsthaft und unheimlich genug, den erwachsenen Leser ausreichend zu fesseln. Humorige Elemente sucht man dagegen vergebens.

_Was dabei auf der Strecke bleibt_

Angesichts des Erzähltempos und der handlungsorientierten Geschichte bleibt allerdings einiges auf der Strecke. Zunächst hält der Autor sich sehr zurück, was atmosphärische Beschreibungen und Eindrücke der Umgebung angeht. Das rechte Bild will sich nur aufbauen, wenn man mit Lokalitäten, wie sie oben erwähnt wurden, durch eigene oder filmische Erfahrungen etwas vertraut ist. Ob man so viel stimmungsvolle Kopfarbeit von einem jugendlichen Leserkreis bereits freiweg erwarten kann, ist vielleicht bezweifelbar. Auch die Charakterausarbeitungen beschränken sich auf ein Minimum. Genauere Vorstellungen bekommt man nur von Valerian und Boy, aber auch sie bleiben schablonenhaft; ziemlich im luftleeren Raum existiert dagegen bereits Willow, deren Wesenszüge und Motivationen weitgehend unklar bleiben. Irgendwann kommt es beispielsweise zu wohl kaum vermeidbaren romantischen Aufwallungen gegenüber Boy, aber warum das so ist, wird nicht nachvollziehbar. Willow liebt Boy mit einem Schlage über alles und würde ihr Leben für ihn geben, und das müssen wir so hinnehmen, scheint’s. In dieser Art gäbe es noch einiges bei Randfiguren zu erwähnen, doch will ich es hierbei belassen.

Bei der Gelegenheit sei auch noch ein Wort zur Übersetzung verloren. Diese wirkt stellenweise recht unbeholfen und lässt sprachliches Feingefühl vermissen. Ein vergleichender Blick ins Original gibt seitenweise Anlass, sich zu wundern. Regional gefärbte Wendungen irritieren zusätzlich. Zwei Beispiele dazu, herausgegriffen von Seite 108: „Es kam sie alle hart an.“, „Willow war es fast schlecht geworden …“. Unsicherheiten bei den neuen Rechtschreibregelungen kommen hinzu. (Bleiben wir auf Seite 108: „zurück führen“ wird auch nach der Reform „zurückführen“ geschrieben.) In der Summe wird der Lesegenuss durch diese Schwachpunkte durchaus spürbar getrübt.

_… und was vom Tage übrig blieb_

Detail- und Feinarbeiten darf man letztlich im „Buch der toten Tage“ nicht erwarten, dafür aber eine spannende und dramaturgisch geschickt aufgebaute Abenteuergeschichte mit unheimlicher und düsterer Grundstimmung. Das, was man in schöner Aufmachung zwischen den Buchdeckeln präsentiert bekommt, weiß bis auf die deutsche Bearbeitung zu gefallen, aber zu einem wirklich erinnerungswürdigen Leseerlebnis fehlen noch einige handwerkliche Ingredienzien, wie eine glaubhafte Charakterzeichnung oder stimmungsvoll ausgearbeitete Bilder, die nicht zu viel der Fantasiearbeit des Lesers überlassen. Dennoch: Das Reinschmökern in verregneter und frostiger Witterungslage lohnt allemal und verspricht ein kurzweiliges Lesevergnügen, wenn man die literarische Erwartungshaltung nicht zu hoch ansetzt.

Gundermann, Bettina – Lysander

_Von Menschen, die verloren haben._

„Lysander“ ist der zweite Roman der Autorin Bettina Gundermann, Jahrgang 1969. Geboren wurde sie in Dortmund, den ersten Roman „Lines“ legte sie 2001 vor. Lysander heißt auch der Protagonist der Erzählung, in der Bettina Gundermann zuweilen die Atmosphäre eines Gruselmärchens verbreitet, die Rolle des bösen Wolfs übernimmt hier aber das Leben selbst.

Unterteilt wurde die 152-seitige Erzählung in zwei Kapitel. Das erste umfasst nur drei Seiten und schildert als Prolog die widrigen Umstände, unter denen der Protagonist in Form eines Antihelden das Licht der Welt erblickt. Mit „Lysander wurde im Dreck geboren“ wird der Roman begonnen, es folgen Sätze wie „Seine Mutter schwitzte, stank, japste und schrie“ oder „Sie sprach kein Wort zu ihrem Kind, sie trug es wie eine schwere Last, nicht einmal schaute sie ihr Baby an, überprüfte, ob noch Leben in ihm sei. Fast hätte sie es einfach fallen lassen auf ihrem Weg.“ Dem Säugling kommt von der ersten Minute seines Leben keine Liebe entgegen, versteckt im Wald gebärt die Mutter, will es am liebsten dort zurücklassen und zündet es schließlich an. Aber Lysander hat Glück, sollte man denken, denn er wird gerettet und zu einem kirchlichen Kinderheim gebracht.

Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, wird das Leben für das entstellte Kind zur Qual. Die Erzieherinnen wissen nicht mit ihm umzugehen, die anderen Kinder im Heim lachen es aus, vergraben es einmal sogar im Schnee. Lysander zieht sich in sich selbst zurück und lauscht der Melodie in seinem Kopf, die immer da ist, wenn es regnet. Als er geboren wurde, regnete es auch. Er versteckt sich tagsüber im Keller, spricht kaum, denn niemand spricht mit ihm.

Eines Tages reicht es dem gehänselten Kind und es rammt sich frustriert eine Gabel in die Stirn. Er überlebt unbeschadet, wird als Gefahr für sich und andere aber in ein Heim für psychisch gestörte Kinder überwiesen. Auch da lacht man ihn aus, außer Riccardo. Der ist „Hässlichkeit gewöhnt“ und wird zum besten und einzigen Freund Lysanders.

Die Freunde teilen ein gemeinsames Schicksal, sie haben beide im Spiel des Lebens verloren und keine Aussicht auf Besserung. Riccardo musste im Kindesalter mit ansehen, wie seiner Mutter Augen und Zunge aus dem Gesicht geschnitten wurden. Sie starb daran, der Vater wurde verrückt. Riccardo kommt zu einer neuen Familie, er entwickelt sich nach außen gut, seine neue Mutter ist stolz auf ihn, bis er auf einem Jahrmarkt das Feuer eröffnet und mehrere Menschen durch seine Hand sterben. Jetzt hat auch er niemanden mehr und muss ins Heim.

Als sie erwachsen sind, können sie das Heim verlassen. Lysander kommt ein Jahr vor seinem Freund raus. Der freute sich schon auf die Freiheit, Lysander hatte Angst vor ihr. Was will er auch damit? Andere Menschen haben Angst vor ihm. Bis Riccardo aus dem Heim entlassen wird, geht Lysander keinen Schritt vor die Tür, zeigt sich niemandem und überlebt nur durch die Vorfreude auf seinen einzigen Freund. Als der wieder da ist, geht es Lysander aber nur für kurze Zeit besser. Riccardo geht nach draußen, so oft wie es geht. Besorgt sich einen Job und viele Frauen, die seine innere Leere ausfüllen sollen. Dem Leser wird schnell klar, dass sie beide hässlich sind: Lysander von außen, Riccardo von innen.

Lysander fühlt sich schnell im Stich gelassen, ist trotz der Wohngemeinschaft mit Riccardo einsam. Der schenkt ihm schließlich ein Klavier, damit Lysander die Melodien in seinem Kopf spielen und Riccardo das Leben weiter in sich aufsaugen kann.

Bald kommt eine dritte Person ins Spiel. Kira liegt stark blutend auf der Straße, als sie Riccardo bei seinen nächtlichen Streifzügen findet und sich verliebt. In ihr sieht er etwas, das ihm helfen kann, die unsterbliche Leere seiner Seele zu füllen, die schwere Melancholie seiner selbst mit ihrer „Leichtigkeit“ zu füllen. Lysander zeigt sich ihr nicht, sorgt mit seinem berührenden Klavierspiel aber dafür, dass Kira sich in Riccardo, der das Spiel als das Seine ausgibt, unsterblich verliebt.

Sie heiraten, Lysander bleibt allen zurück. Er spielt nicht mehr auf dem Klavier, die Melodien kommen nicht mehr zu ihm, er vereinsamt abgeschnitten von der Außenwelt. Auch Riccardo geht es immer schlechter, Kiras Liebe kann ihn nicht vor Angst und düsteren Gedanken retten. Ein finsterer Schatten legt sich über beide und begleitet sie bis zum unvermeidbaren Ende.

„Lysander“ ist eine Geschichte von Menschen, die das Glück einfach nicht finden können und stattdessen in den eigenen Untergang marschieren. Es ist auch eine Geschichte, die den Leser mit ihrer schonungslosen Gestaltung überrollt. Sie überzieht den Leser mit ihrer kalten aber kurz vor dem Überschwappen stehenden Gefühlswelt. Die Sätze sind kurz und klar, beschönigen nichts und legen den Schmerz einer gefühllosen Welt offen, so dass ihn jeder sehen kann. Der allwissende Erzähler taucht nach Belieben in die Gedanken und Erinnerungen der Personen ein und gibt alles so wieder, als würde es ihn nicht berühren. Und so hat der Leser auch nach der Lektüre an diesem originellen wie auch hervorragenden Roman zu knabbern.

Mankell, Henning – Rückkehr des Tanzlehrers, Die

Mit der „Rückkehr des Tanzlehrers“ präsentiert uns Henning Mankell erstmals einen anderen Kriminalhelden, hier ermittelt kein Kurt Wallander mehr in Ystad, sondern ein gewisser Stefan Lindman aus Boras. Welcher Teufel mag Mankell geritten haben, als er sich Lindman ausdachte und damit viele Wallanderfans enttäuschte, denn der liebe Kurt hätte doch wirklich noch den einen oder anderen Fall lösen können, auch wenn er immer wieder von tiefen Zweifeln und Depressionen befallen wird. Aber genau das ist es doch, was wir an ihm lieben. Ob Lindman ihm da das Wasser reichen kann? Wir werden sehen …

Herbert Molin lebt nach seiner Pensionierung abgeschieden und versteckt in einem kleinen Häuschen am Waldesrand, nachts plagt ihn die Angst vor Schatten, sodass er sich die dunklen Stunden mit Puzzles und dem Tanz mit einer lebensgroßen Puppe vertreiben muss. Schlafen kann er nur tagsüber. Doch eines Nachts ist alles anders, sein Hund schlägt an und hört plötzlich auf zu bellen. Molin greift zur Schrotflinte und will den nächtlichen Besuch auskundschaften, aber dann werden schon sämtliche Fensterscheiben in seinem Haus zerschossen und er spürt Tränengas in seinen Augen. Sein Mörder ist gekommen und peitscht Molin eiskalt zu Tode …

Stefan Lindman ist jung, erst 37 Jahre alt und doch ist er schwer krank. Die Diagnose lautet „Zungenkrebs“ und trifft den Kriminalbeamten aus heiterem Himmel, dabei hatte er sich gar nichts dabei gedacht, als er den Knubbel in der Zunge erfühlt hat. Noch wenige Wochen bleiben ihm, bis er sich zur Strahlenbehandlung ins Krankenhaus einweisen lassen muss. Zunächst überlegt er, ob er spontan Urlaub auf Mallorca machen soll, hört dann aber, dass sein ehemaliger Kollege Herbert Molin brutal ermordet worden ist und so beschließt Lindman, stattdessen nach Härjedalen zu reisen, um sich dort ein wenig umzusehen und die Ermittlungen zu beobachten.

In Sveg angekommen, mischt Lindman sich schnell in die Ermittlungen ein, was vom leitenden Beamten Rundström gar nicht gern gesehen wird, doch macht Stefan wichtige Entdeckungen und kann dadurch den Fall vorantreiben. In Molins Nähe finden sich nämlich Zeltspuren von einer Person, die ihr Opfer zuvor genau ausspioniert hat, auch die Verbindung zu einer älteren Dame wird hergestellt. Elsa Berggren scheint der einzige Mensch zu sein, zu dem Molin neben seinem Nachbarn Abraham Andersson noch Kontakt hatte. Als Lindman in Berggrens Wohnung einbricht, findet er eine SS-Uniform und auch Molins Tagebuch legt eine Spur bis in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Das Motiv für den Mord muss weit zurückliegen, doch dann geschieht ein weiterer Mord und alles gerät durcheinander …

Henning Mankell bleibt sich selbst treu, indem er seiner Geschichte einen Prolog vorschaltet. Als Einstieg in sein Buch wählt er einen historischen Ausflug in die Zeit des zweiten Weltkrieges, der Leser lernt hier einen Henker kennen, der speziell für zwölf Hinrichtungen nach Deutschland eingeflogen wird. Auch ein besonders grausamer Mann – Josef Lehmann – ist dabei, doch dessen Bruder konnte fliehen und somit seiner gerechten Strafe entkommen. Die Hinrichtungen gehen problemlos über die Bühne und der Henker kann nach Hause fliegen. Zunächst ergibt der Prolog im Kontext des Buches keinen Sinn, der Zusammenhang zu Herbert Molin fehlt völlig und man fragt sich einige Weile, was Mankell mit dieser Einleitung bezwecken wollte. Es ist klar, dass er hier schon Hinweise auf das Mordmotiv eingestreut hat, doch sind diese lange Zeit nicht zu deuten.

Nach dem kurzen Prolog springt Mankell ins Jahr 1999 und präsentiert seinen neuen Krimihelden, nämlich Stefan Lindman, und auch hier bedient er sich seines altbekannten Erfolgsrezeptes, denn was die Figur des Wallander ausmachte, waren unter anderem seine Zweifel und Fehler. Wallander wirkte authentisch durch seine Macken und Eigenarten und in ähnlicher Manier wird einem Stefan Lindman dargeboten, der sogleich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Fast möchte er sich aufgeben und davonlaufen, auch seine Beziehung zu Elena steht auf der Kippe, da er spontan davonreist, ohne sie zu informieren. Lindman muss ständig an die bevorstehende Behandlung denken und verfällt immer wieder in Depressionen. Genau wie Wallander arbeitet er oftmals auf eigene Faust und zwar eher am Rande der Legalität. Lindman bricht heimlich in Häuser ein und mischt sich in einen Kriminalfall ein, der nicht in seiner Zuständigkeit liegt. Anfänglich musste ich mich beim Lesen dazu zwingen, in Lindman eine neue eigenständige Person zu sehen. Zu groß waren die Parallelen zu Wallander, zu sehr war ich an den guten alten Kurt gewöhnt. Doch im Laufe des Buches gewinnt Lindman immer mehr an Größe, er bekommt seine Zweifel in den Griff und nähert sich auch Elena wieder an, er will gegen seine Krankheit kämpfen und den Mord an Herbert Molin auflösen. Er gibt nicht auf, so schwer es ihm oftmals auch fällt. Als Leser wird er einem dadurch schließlich trotz der Vorbehalte sympathisch, man muss einfach mit ihm mitfiebern und das Beste für ihn hoffen.

Henning Mankell legt stets viel Wert auf seine Charakterzeichnungen, muss in diesem Buch allerdings wieder von vorne beginnen, keine bekannte Figur tritt auf, die lediglich weiterzuentwickeln ist, alle handelnden Charaktere müssen neu eingeführt werden. Neben Stefan Lindman liegt hier der Schwerpunkt auf seinem Kollegen Guiseppe Larsson, Herbert Molin und auch auf dem Mörder selbst. Besonders das Bild von Herbert Molin setzt sich erst nach und nach zusammen, im Laufe der Ermittlungen werden immer neue Informationen aufgedeckt, die schlussendlich ein ziemlich gutes Bild des Opfers ergeben, das in seiner Vergangenheit einige Leichen im Keller begraben hat.

Zwischendurch wechselt Henning Mankell häufiger die Perspektive. Während ein Handlungsstrang die Ermittlungen in Sveg verfolgt, widmet ein anderer sich dem Mörder Molins, der dem Leser hierdurch schon recht früh vorgestellt wird. Dennoch dauert es länger, bis man die Motive erahnen oder hinter die Fassade blicken kann, denn als der zweite Mord geschieht, gibt Mankell seinem Roman eine sehr interessante Wende, die zu überraschen weiß.

Im Grunde genommen fehlt uns nur ein typisches Mankell-Element, nämlich die eingebauten Cliffhanger, die die Spannung immer wieder ins Unermessliche steigern und den Leser an das Buch fesseln. Meist schafft Mankell dies durch den vergesslichen Wallander, der ahnt, dass er etwas Entscheidendes übersehen hat, den Gedanken aber nicht zu fassen bekommt. Ähnliche Anwandlungen hat auch Stefan Lindman, jedoch fällt ihm schließlich doch in jeder Situation ein, was er vergessen zu haben glaubte. So muss der Leser hier nicht mit zittrigen Fingern weiterblättern – immer in der Hoffnung, doch endlich erlöst zu werden und den entscheidenden Hinweis zu bekommen.

Die Cliffhanger hat Henning Mankell allerdings auch in der „Rückkehr des Tanzlehrers“ nicht nötig, da er seinen Spannungsbogen perfekt zu inszenieren weiß. Als Leser muss man nur den kurzen Prolog „überstehen“, schon ist man wie gewohnt mitten in der Handlung und wohnt einem grausigen Mord bei. Anschließend häufen sich schnell die Hinweise, die das Tatmotiv trotzdem arg im Dunkeln lassen. Geschickt platziert Mankell an den richtigen Stellen neue Informationen, die den Leser doch wieder in das Geschehen einbinden, weil man selbst aktiv am Miträseln ist ob des Motivs. Rein vom Kenntnisstand ist der Leser der Polizei an jeder Stelle voraus, da der Leser den Prolog aus dem zweiten Weltkrieg kennt und schnell dem Mörder und seinen Gedanken begegnet. Allerdings erfährt man erst spät genug über die Hintergründe, um die richtigen Schlüsse ziehen und das Geschehen durchschauen zu können. Meiner Meinung nach ist Mankell ein Meister des Spannungsbogens, denn keines seiner Bücher konnte ich zwischendurch leicht aus der Hand legen, spätestens ab der Mitte jedes Buches fühlt man sich fast schon gezwungen weiterzulesen, so musste ich auch bei diesem Kriminalroman die letzten 200 Seiten unbedingt am Stück lesen.

Sprachlich dagegen beschränkt Mankell sich auf das Minimum. Um seinen Roman rasant voranzutreiben, hält er sich nicht mit komplizierten Satzkonstruktionen auf, die das Lesen erschweren würden, auch seine Wortwahl ist stets einfach und klar. Nie ist man gezwungen, einen Satz zweimal zu lesen, weil er beim ersten Lesen nicht verständlich wäre. All dies führt dazu, dass Mankells Kriminalromane immer wieder zu einem großartigen Lesevergnügen werden, auch wenn man dem Autor sicherlich nicht bescheinigen kann, dass er ein großer Literat ist, die Sprache hat er nicht neu erfunden, er weiß aber hervorragend, sich ihrer mit relativ einfachen Mitteln zu bedienen. Genau so lieben wir das!

Doch die „Rückkehr des Tanzlehrers“ hat noch mehr zu bieten, denn Henning Mankell greift ein heißes Thema auf. Schon im Prolog reist man nach Deutschland und erlebt Hinrichtungen während des Zweiten Weltkrieges mit. Nicht lange lässt Mankell seine Leser im Unklaren darüber, dass sein Buch vom Nationalsozialismus handelt, früh entdeckt Lindman die SS-Uniform und liest in Molins Tagebuch von dessen Vergangenheit bei der Waffen-SS. Wieder einmal bedient Mankell sich eines brisanten Themas, das er kritisch betrachtet und zu dem er Stellung nimmt. Vermutlich findet Mankells Standpunkt sich in Stefan Lindman wieder, der es gar nicht glauben kann, dass es auch im Jahre 1999 Nazis in Schweden gibt und dass er ihnen nun so nahe kommt wie vielleicht nie zuvor. Lindman fragt sich, wie dies unentdeckt bleiben konnte und ob diese Untergrundorganisation Größeres plant. Er hat Angst vor möglichen Konsequenzen und kann das nationalsozialistische Gedankentum nicht annähernd nachvollziehen. Dass dieses Thema hochaktuell ist und nicht einfach vom Himmel fällt, hat sich erst im Herbst 2004 in Deutschland bei zwei Landtagswahlen gezeigt. Henning Mankell ist es immer wieder ein Anliegen, selbst seinen Unterhaltungsromanen eine Boschaft mitzugeben; dem treuen Leser ist es nicht neu, dass Mankell gesellschaftliche Missstände anklagt und offene Kritik übt. Gerade dies ist ein weiteres seiner Markenzeichen, das mir persönlich sehr gut gefällt, da der Leser hoffentlich zum eigenen Mitdenken angeregt wird.

Insgesamt ist Henning Mankell erneut ein hervorragender Kriminalroman geglückt, dessen Spannungsbogen sofort mitreißt und den Leser stets zum Mitraten animiert. Die Charakterzeichnungen fügen sich prima in das Gesamtbild des Buches ein, und Mankell schafft es, dass einem sogar Stefan Lindman sympathisch wird, der den allseits beliebten Kurt Wallander zwischenzeitlich verdrängt hat. Wieder einmal nimmt Mankell sich eines wichtigen Themas an, das er kritisiert und zu dem er offen Stellung bezieht; so trägt dieses Buch neben dem eigentlichen Kriminalfall eine Botschaft weiter, die den Leser zum Nachdenken bringen soll. Auch wenn das Buch außerhalb der Wallanderreihe entstanden ist, sind die typischen „Mankell-Merkmale“ enthalten, sodass jeder bisherige Fan auch mit diesem Buch höchst zufrieden sein dürfte. Darüber hinaus hat Mankell einen Namen in die Handlung eingestreut, der treuen Fans bekannt vorkommen dürfte. Trotz meiner kleinen Vorbehalte angesichts des neuen Krimihelden hat Mankell mich vollkommen überzeugt und erneut einen erstklassigen Krimi vorgelegt.

Sjöwall, Maj / Wahlöö, Per – Mann auf dem Balkon, Der

In kurzem Abstand werden zwei kleine Mädchen tot aufgefunden. Kommissar Beck und seine Kollegen jagen den Unbekannten. Ihr einziger Anhaltspunkt: Er ist ein wahnsinniger Lustmörder. Aber Martin Beck nimmt die Herausforderung in seinem dritten Fall an.

_Die Autoren_

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den sechziger und siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und in der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt.

|Per Wahlöö|

Per Wahlöö, 1926 in Schweden geboren, machte nach dem Studium der Geschichte als Journalist Karriere. Seit 1946 arbeitete er als Polizeireporter. In den Fünfzigerjahren ging er nach Spanien, wurde 1956 vom Franco-Regime ausgewiesen, ließ sich nach längeren Reisen, die ihn um die halbe Welt führten, in Schweden nieder und begann Bücher zu schreiben. Zusammen mit seiner Frau, Maj Sjöwall, schrieb er einen Zyklus von zehn Kriminalromanen, die zu Welterfolgen wurden. Er ist 1975 gestorben.

|Maj Sjöwall|

Maj Sjöwall, 1935 in Schweden geboren, studierte Journalistik und Grafik-Design. Sie und ihr späterer Ehemann Wahlöö lernten sich kennen, als sie gemeinsam für dieselben Magazine arbeiteten. Sie heirateten 1962 und arbeiteten an ihren Kriminalromanen, nachdem sie ihre beiden Kinder zu Bett gebracht hatten. Nach dem Tod ihres Mannes schrieb sie selbst keine Kriminalromane mehr, übersetzte jedoch Kriminalliteratur ins Schwedische.

_Handlung_

PROLOG: Stockholm, kurz vor Sonnenaufgang, das Radio läuft. Wir hören eine Geräuschkulisse aus Polizeisirenen, Schritten, Husten eines Mannes, Zigarettenzüge, Kaffeetrinken. Dies sind die Klänge, die den „Mann auf dem Balkon“ umgeben. Sonst nichts.

Kommissar Martin Beck ist schwer unter Druck, als er eines der Polizeireviere besucht. In den letzten 14 Tagen hat es nicht weniger als acht Raubüberfälle auf Personen in Parks gegeben. Stets wurde die Handtasche geplündert. Stets entkam der „Handtaschenräuber“, wie ihn die Presse nennt, den Streife gehenden Polizisten. Er kennt sie offenbar schon alle, und zwar von weitem. Auch dann, wenn sie im Auto fahren.

Der diensthabende Beamte auf dem Revier fertigt eine Anruferin kurz und unwirsch ab. Sie meldet, dass da ein Mann auf seinem Balkon zu den unmöglichsten Zeiten stehe, auch nachts, und mit offenem Hemd. Na, und? Die Polizei hat Wichtigeres zu tun, als schräge Vögel zu jagen. Die Frau sorgt sich um die Kinder …

Morgens 9:55 Uhr: Zwei Penner melden auf der Wache, dass sie im Park die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden haben. Es trage keinen Schlüpfer. Am Tatort fragen sich die Polizisten, ob ein Zusammenhang zwischen dem Mörder und dem Handtaschenräuber, der inzwischen erneut zugeschlagen hat, besteht. Als die Mutter des Mädchens, Karin Karlsson, von Inspektor Kolberg vom Tod ihrer Tochter Eva informiert wird, bricht sie komplett zusammen.

Obwohl die Ermittlungen auf Hochtouren laufen und mit den modernsten technischen Mitteln – Computer! – geführt werden, wird schon bald ein zweites totes Mädchen, Annika, gefunden. Mit zehn Jahren ist es nur wenig älter als Eva. Kommissar Beck befragt ihre Freundin Lena (10), die mit ihr und ihrem eigenen Bruder Bosse (3) im Park gespielt hatte, bis Annika auf einmal wegging. Minuten später war sie tot.

Die Anwohner des Parks gründen eine Bürgermiliz, um sich und ihre Kinder zu schützen. Beck lässt jetzt dringend den Handtaschenräuber suchen, zunächst einmal nur als Zeugen. Und tatsächlich stellt sich der erste Erfolg ein. Eine junge Frau, die Ex des Räubers, gibt seine Adresse an. Ob er auch der Kindermörder ist? Beck zweifelt.

_Mein Eindruck_

Schon in diesem kleinen Meisterstück gelingt es dem schwedischen Autorengespann, das den Aufstieg des Schwedenkrimis begründete, den Finger in die Wunde der schwedischen Wohlfahrtsgesellschaft zu legen. Alle sind sozial abgesichert, nur die Psyche des Kinderschänders hat man offenbar nicht saniert. Und auch der Handtaschenräuber scheint ein befremdliches Bedürfnis zu befriedigen, wo doch laut Theorie dank der Rundumversorgung kein Bedarf mehr an solcher Kapitalbeschaffung bestehen sollte. Offenbar haben sich die Sozialplaner geirrt.

Leider trifft es – natürlich? – die Schwächsten: Frauen und Kinder. Die Frauen werden ausgeplündert, die Mädchen geschändet und tot weggeworfen. (Die Erwähnung von Kindersex war natürlich seinerzeit ein großer Tabubruch.) Das ist aber nicht der Kern des Problems. Auch mehr Überwachung und Technikeinsatz helfen nicht, wie Beck erkennen muss. Entweder werden die „Greifer“ schon von weitem als solche erkannt, die Täterinformationen sind lückenhaft oder man wimmelt Informanten unwirsch als irrelevant ab. Die Polizei verlässt sich viel zu sehr auf ihre Technik, ihre Kompetenz und stellt sich durch Zuständigkeits- und Postengerangel selbst ein Bein.

Beck befindet sich nach mehreren Fehlgriffen und einem falschen Alarm bereits kurz vor der öffentlichen Bloßstellung, als ihm endlich, quasi als letzter Strohhalm, die Aussage der Informantin über den „Mann auf dem Balkon“ einfällt. Blöd nur, dass in Stockholm zehntausende Menschen Andersson heißen. Letztlich hilft ihm nur Kommissar Zufall. Der entscheidende Hinweis kam also nur deshalb, weil sich eine ältere Frau Sorgen um die Kinder gemacht hat und das Verhalten eines Mannes, den sie durch ein Fernrohr beobachten konnte, merkwürdig und auffällig fand. Geradezu zynisch klingt im Vergleich dazu die Beschreibung des Psychiaters, der einst den „Mann auf dem Balkon“ untersucht hatte und ihm bescheinigte, er habe ein „unterentwickeltes Sexualbedürfnis“ …

Die Aussage der Autoren ist klar und übt bissige Kritik: Die Polizei des Landes kann noch so gut ausgerüstet sein, sie steht sich selbst im Weg. Und solange sie nicht auf die Informationen aus der Bevölkerung hört, wird sie nur einen Teil der sozialen Wirklichkeit erfassen könenn. Und schließlich: In Schweden hat sich eine seelische Abstumpfung breitgemacht, die dazu führt, dass Nachbarn und Eltern nicht mehr auf ihre Kinder aufpassen, die in der Folge zu Opfern seelisch verwirrter Menschen werden. Denn wie auch M. Night Shyamalan in „The Village“ deutlich macht: Solche Menschen wird es immer und in allen Utopias geben.

_Unterm Strich_

„Der Mann auf dem Balkon“ greift schon 1967 das heikle Thema des Kindermissbrauchs mit Todesfolge auf, das leider noch heute allzu häufig Schlagzeilen liefert. Dank der Aufmerksamkeit einer Anwohnerin wird zwar der entscheidende Hinweis auf den Täter geliefert, aber die Polizei sieht doch bei diesem Fall verdammt schlecht aus.

Und die bürgerliche Gesellschaft hat wieder einmal ihre Gefühlskälte und seelische Abstumpfung bewiesen, deren Opfer – zunächst – immer die Schwächsten sind; Frauen und Kinder. Was das Buch aussagt: Wenn eines der Kinder zum Opfer wird, dann geht das alle in der Gesellschaft an. 1967 brachte das Buch verdienstvollerweise diese Botschaft zum Ausdruck. Die Warnung verhallte damals wohl ungehört – gilt das heute auch noch?

|Originaltitel: Mannen på Balkongen, 1967
Deutsch 1970 von Dagmar-Renate Jehnich, ergänzt von Eckehard Schultz|

Heitz, Markus – 05:58

„Poolitzer“ is back in the ADL und zu Besuch bei seinen Freunden, dem Ex-Nega-Magier Xavier, dessen Geliebter, der hermetischen Magierin Cauldron, und dem Troll Ultra. Zufälligerweise treibt im Stuttgarter Raum gerade ein Serienmörder sein Unwesen, welcher den Modus Operandi berühmter Vorbilder wie Jack The Ripper (und anderer) akkurat imitiert. Gleichzeitig wird die Modeszene der Metropole durch Fememorde in Unruhe versetzt. Gospini wäre nicht Poolitzer, wenn er nicht eine große Story hinter dem Geschehen vermutete. Bedauerlicherweise fühlt sich sein Chummer Ultra dazu berufen, auf den Spuren seines großen Idols zu wandeln und selbst Journalist zu werden. Und so stürzt sich Serverin Timur Gospini in die Ermittlungsarbeit, im Schlepptau einen riesigen Troll in schrillem Outfit.

Doch wie immer sind ihm Glück und Zufall hold; diesmal in Person des Hypnotiseurs Guru Mahatma Citta aka Ranjit Felix Ficker II. Während einer Vorstellung ging ein Trick schief und dem Künstler kam ein hypnotisierter Zuschauer abhanden, welcher nun zu einem in Serie killenden Zeitgenossen mutiert sein könnte. Gut nur, dass Severin Timur Gospini so gute Kontakte zu den örtlichen Polizei-Behörden, vertreten durch den mittlerweile zum BKA beförderten Vigo Spengler, hat. Das sollte die Angelegenheit zu einem Spaziergang machen, … meint man.

Während die Reporter ihrer Arbeit nachgehen, haben Xavier und Cauldron andere Sorgen. Xavier geht es richtig mies, weil er seine Nega-Magie-Fähigkeiten eingebüßt hat und auch ansonsten körperlich unter den Nachwirkungen des letzten Abenteuers (in „Aeternitas“) leidet. Cauldron fühlt sich berufen, den Geist einer jungen Magierin vor der Vernichtung zu bewahren. Dazu bedarf es allerdings der Hilfe einer Todfeindin, der Gestaltwandlerin Abongi, welche selbst von einem äußerst mächtigen und bösartigen Elementar besessen ist (vgl. „Aeternitas“).

„05:58“ ist der fünfte Shadowrun-Roman von Markus Heitz, dessen belletristischer Output sich quantitativ mittlerweile mit dem anderer Vielschreiberlinge der deutschen Phantastik-Szene messen kann. Da sich Millionen von Fliegen nicht irren können, ist es auch der fünfte Band, in dem Severin Timur Gospini „Poolitzer“ sein enthüllungsjournalistisches Unwesen treiben darf. Ließen sich im vierten Teil, „Sturmvogel“, noch mit viel gutem Willen und nach mehreren Klaren gesellschaftskritische und politische Anspielungen ausmachen, so zeichnet sich „05:58“ durch eine triviale 08/15-Story aus. In wenigen Worten lässt sich diese Buch wie folgt kennzeichnen: Locker-flockig leichte Lesekost, routiniert zusammengeschrieben und so sättigend wie ein Papadam; „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ in Buchform; magere Protagonisten in einer hanebüchenen Story; Atmosphäre, so fesselnd ist wie ein Werbeclip für Hühneraugenpflaster. Viele Leser – dieselben, die Wolfgang Hohlbein für einen begnadeten Literaten halten – werden dieses fade, deutsche Curry-Gericht lieben. Ich nicht!

Zu allererst vermisse ich das Spezifische und die Düsterheit des Backgrounds. Oberflächliche Bezüge – und mehr als das wird man kaum finden – machen noch keinen Shadowrun-Roman, ein bisschen Riggen, Decken (nein, nicht die Dame von nebenan) und Zaubern noch keine fesselnde Story, wobei es alleine Cauldrons „Auftritte“ sind, die dem Buch den zarten Hauch eines Dark-Science-Fantasy-Elementes verleihen.

Der Rest der Geschichte ist so austauschbar und beliebig wie die Protagonisten. Diese sind nicht mehr als Abziehbilder, leidlich animierte Strichmännchen, die sich verbal Sahnetorten ins Gesicht schmeißen. Zugegeben: Poolitzer und seine Chummer kennen wir schon aus den vorangegangenen Bänden und insofern brauchten sie keine sehr detaillierte Zeichnung, aber das entschuldigt nicht, sie bar jeglicher nachvollziehbarer Motivation durchs Bild taumeln zu lassen. Ich konnte weder die Beweggründe für Ultras vorübergehende Journalimus-Fixierung, noch Cauldrons helfende Zauberhand, Fickers Persönlichkeitsstörung oder das Handeln des Slashers nachvollziehen, denn auch hier begnügt sich Heitz mit oberflächlich konstruiert wirkenden Erklärungen, mit Trivialitäten wie beispielsweise einer juckenden Journalistennase oder obskuren Mutterinstinkten.

Das „Originelle“ in diesem Buch beschränkt sich auf zwei Story-Twists gegen Ende und einige vermeintlich lustige Namen, von denen „Fritz Ficker“ sehr schön den dumpfen, trashigen Humor des Autors (oder des Publikums?) illustriert.
Weniger wäre mehr gewesen! Weniger Protagonisten, weniger Handlungsstränge, weniger Oberflächlichkeit, weniger Zufälle. Stattdessen Konzentration auf das Wesentliche oder wenigstens auf irgendetwas, denn für sich genommen bietet jeder der Stränge ausreichend Potenzial für eine atmosphärisch dichte, glaubwürdige Geschichte. So aber ist „05:58“ einer der schwächsten Shadowrun-Romane der letzten Jahre.

Ein belangloser, uninspirierter Shadowrun-Roman, der zwar routiniert heruntergeschrieben wurde, den ich aber auf Grund der fehlenden Atmosphäre und der „soapigen“ Handlung guten Gewissens nicht einmal Shadowrun-Fans empfehlen kann. Wahrscheinlich werden sich aber genug Leser finden, die dieses Werk als gelungen ansehen. Schade!

_Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Park, Robert – Fauler Zauber. Betrug und Irrtum in der Wissenschaft

„Voodoo Science“: Dieser wunderbare Begriff – im Deutschen nur unzulänglich mit „Fauler Zauber“ übersetzt – kennzeichnet ein Phänomen, das zwar so alt ist wie die menschliche Zivilisation selbst, aber erst in den letzten Jahrzehnten eine wahrhaft weltweite Dimension erreicht hat: Im Gewand der seriösen Wissenschaft erscheinen Scharlatane auf der Bildfläche und verheißen ihren Mitmenschen allerlei Wunder, die sie reich machen und ewig leben lassen werden. Doch hinter ihren aufregenden Versprechungen verbergen sich nur Dummheit, Selbsttäuschung oder gar Betrug. Sie täuschen nicht nur ihre Opfer mit oft traurigen Folgen, sondern fügen der Wissenschaft ernsten Schaden zu, indem sie ihren Ruf untergraben, ihr finanzielle Mittel und intellektuelle Kapazitäten entziehen und somit den echten Fortschritt verhindern. (Achtung: Ich warne gleich – Ihr Rezensent ist zwar dem Neuen gegenüber durchaus aufgeschlossen, reagiert aber trotzdem allergisch auf Maté-Tee & Sandelholz und zieht bei Grippe einen ordentlich Antibiotika-Stoß jedem Stussmorchel-Sud vor.)

Robert Park war bis 1981 ein Rädchen im Gefüge der Naturwissenschaften, die herauszufinden versuchen, wie die Welt tickt, in der wir leben. Obwohl er sich gut aufgehoben fühlte im Schoße der Forschung, war er kein weltfremder Reagenzglas-Schwenker, sondern durchaus vertraut mit der Realität außerhalb des Labors, die geprägt wurde von einem Werteverfall, der nicht nur das Ansehen der Wissenschaft, sondern sogar ihre Existenz bedrohte. Mittel wurden gekürzt, Forschung war „out“ und wurde besonders im Umfeld einer erstarkenden Umweltbewegung (gut) und eines anschwellenden „New Age“-Gewabers (ganz, ganz übel) geradezu verteufelt.

Statt sich in den Schmollwinkel zurückzuziehen, trat die Wissenschaft die Flucht nach vorn an – und das bedeutete schon 1981, die Medien und damit die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. So sah sich Professor Park schließlich in Washington, der Schaltzentrale der Macht in den USA, wo er dem neu gegründeten Büro für Öffentlichkeitsarbeit der „American Physical Society“ vorstand. Nur ein Jahr wollte er eigentlich bleiben – es wurden zwei Jahrzehnte daraus. Park gibt selbst offen zu, dass er, der sich bis dato mit der „Molekularstruktur kristalliner Oberflächen“ beschäftigt hatte, den aufregenden Alltag an der Publicityfront nicht mehr missen mochte. Zu wichtig ist ihm außerdem der Kampf gegen Voodoo Science, dem er sich inzwischen verschrieben hat.

In zehn Kapiteln öffnet Park sein Gruselkabinett des Pseudo-Wissens, das manchmal erheitert, noch öfter allerdings erschreckt, weil so mancher Mosaikstein, den der Leser fest ins Gefüge seines Weltbildes zementiert hat, ins Bröckeln gerät. In welchem Maße wir alle uns manipulieren lassen und Opfer von Voodoo Science werden, ohne uns dessen bewusst zu sein – das ist schon eine deprimierende Erfahrung!

„Wie Voodoo Science verpackt wird“ belegt die alte Weisheit, dass sich seit den Tagen der Marktschreier & Rosstäuscher eines nicht geändert hat: Die meisten Menschen glauben dem am liebsten, der ihnen etwas erzählt, das sie hören möchten und sich dabei möglichst kurz fasst. Komplexe Erklärungen und Erläuterungen sind aber nicht nur dem Pöbel, sondern auch viel beschäftigten Politikern, (scheinbar) kühlköpfigen Geschäftsleuten und vor allem den Medien ein Gräuel. Davon profitieren seit jeher Betrüger, denen es bis auf den heutigen Tag immer wieder gelingt, zahlende Anhänger der eierlegenden Wollmilchsau, des Perpetuum Mobiles oder der „kalten“ Kernfusion zu gewinnen.

In „Das Gen des Glaubens – Die Strategien der Wissenschaft zur Wahrheitsfindung“ macht Park die Schwierigkeiten deutlich, vor denen umgekehrt die Wissenschaft steht, wenn sie – konfrontiert mit angeblichen Wundern, die clevere Köpfe ohne Schlaumeier-Diplom kreiert haben – quasi mit einem auf den Rücken gebundenen Arm erläutern muss, wieso trotzdem nicht ist, was naturgesetzlich nicht sein kann. Nach wie vor funktioniert der Fortschritt primär so: „Wissenschaft ist der systematische Versuch, möglichst viel Wissen über die Welt zu sammeln und dieses Wissen durch überprüfbare Gesetze und Theorien umzusetzen.“ (S. 53) Das ist in der Regel ein mühsamer, langwieriger und vor allem langweiliger Weg, denn „1. Neue Gesetze und Ergebnisse müssen zur unabhängigen Überprüfung durch andere Wissenschaftler freigegeben werden“, und „2. Anerkannte Fakten und Theorien müssen aufgrund neuer, verlässlicher Einsichten korrigiert werden.“ (S. 54) So und nicht anders ist die Prozedur, doch sie ist unbeliebt in einer Gesellschaft, die über den Geldbeutel denkt bzw. lieber dem Herzen (oder dem Bauch) folgt als dem Hirn: „Der Glaube an etwas, das jeglicher Vernunft zuwiderläuft, wird als Standfestigkeit und Courage interpretiert, während Skepsis zumeist als Zynismus einer schwachen Persönlichkeit angesehen wird.“ (S. 51) Hinzu tritt das übliche Misstrauen gegen „die da oben“, die sich hinter schwer verständlichen Worten und weißen Kitteln verbergen und den einfachen und daher redlichen Mann um sein schwer verdientes Geld bringen wollen.

Wie besagter Mann (und natürlich auch die Frau) sich auf diese Weise erst recht übers Ohr hauen lässt, verdeutlicht Park im Kapitel „Placebos haben Nebenwirkungen, die Menschen zur ‚Naturmedizin‘ bringen“. Hier dürfte ihm die Aufmerksamkeit seiner Leser – Freunde wie Feinde – sicher sein, ist die Homöopathie doch eine regelrechte Industrie mit Milliardenumsätzen. Welche Mechanismen ausgefeilten Schwachsinns es möglich machen, den gesunden Menschenverstand davon zu überzeugen, dass ein Tropfen Schlangenöl in drei Millionen Litern „erinnerungsfähigen“ Wassers ein unfehlbares „Heilmittel“ erzeugen, stellt der Verfasser ebenso knapp wie drastisch vor.

Mit „Der virtuelle Astronaut lässt die Menschen von künstlichen Welten träumen“ wird sich Park ebenfalls keine Freunde schaffen. In den USA ist er in Raumfahrtkreisen schon lange gefürchtet und verhasst für seine (gut begründete, aber halt unromantische) These, dass der Mensch im Weltraum nichts verloren habe, da er dort rein gar nichts ausrichte, das hoch entwickelte Roboter und Sonden nicht sehr viel besser erledigen können.

„Wir brauchen endlich ein Gesetz gegen die Thermodynamik“ umschreibt ironisch den Zorn der Pseudo-Wissenschaftler und ihrer Anhänger angesichts der Tatsache, dass es manchmal eben doch Kontrollinstanzen und sogar Gesetze gibt, die Deppenfang und Sektierertum und die damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten ärgerlich einschränken.

„Perpetuum Mobile – Der Menschheitstraum von frei verfügbarer Energie“ wird auch im 21. Jahrhundert mit derselben Inbrunst geträumt wie im Mittelalter. Die Konzepte für eine sich selbst in Gang haltende Maschine mögen zwar moderner anmuten, doch die Negierung der Naturgesetze und der inbrünstige Glaube von Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, an das Unmögliche sind klassische Größen, auf die sich Voodoo Science stets verlassen kann.

„Der Strom der Angst – Verursachen Hochspannungsleitungen Krebs?“ – Eine Mode-Furcht der jüngsten Vergangenheit, geboren aus Irrtümern, entwickelt von Toren und am Leben gehalten von skrupellosen Möchtegern-Forschern zum Erhalt von Fördergeldern und Arbeitsplätzen – und von jenen unverbesserlichen Predigern, die davon überzeugt sind, dass aller technischer Fortschritt letztlich von Übel ist und den Tag förmlich herbeisehnen, an dem sich Mutter Erde gegen ihre unverfrorenen Mieter wendet.

In „Am Tag des Jüngsten Gerichts wird die Pseudowissenschaft angeklagt“ beschreibt Park die infame Verbindung zwischen Voodoo Science, ihren verblendeten Opfern und opportunistischen Anwälten, die besonders in den USA die Eigenheiten eines Rechtssystems, das zwölf geistig möglichst schlichten Bürgern ein verbindliches Urteil selbst in hochkomplexen Tatbeständen zubilligt, eiskalt ausnutzen, um profitable Klage gegen die Naturgesetze zu führen.

„Nur Pilze wachsen im Dunkeln – und geheimgehaltene Voodoo Science“ – und natürlich ihre vielleicht hartnäckigsten Jünger: die UFO-Gläubigen, deren Adel jene Zeitgenossen bilden, an denen wissbegierige Außerirdische geni(t)alische Experimente vornahmen. Am Beispiel des „Untertassen-Absturzes“ von Roswell 1947 zeigt Park die absurden Automatismen auf, die ein Geheimnis oder eine Verschwörung genau dort am besten gedeihen lassen, wo keinerlei handfeste Beweise existieren.

„Wie seltsam ist das Universum? Wie alter Aberglaube als Pseudowissenschaft wiedergeboren wird“ markiert Parks fast hilflosen Versuch, noch einmal sachlich zu erklären, wieso die Sterne nicht den geringsten Einfluss auf die Menschen nehmen und Astrologie reiner Humbug ist. Aber gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens, lautet ein altes Sprichwort, und Park ist klug genug, diesen Faktor in seine Darstellung einzubeziehen.

Bücher wie dieses sind rar: kundig recherchiert, klug gegliedert, ebenso informativ wie unterhaltsam in Worte gegossen. Menschen wie Robert Park verdanken wir es, dass ein frischer Wind durch unsere Hirne weht, der so manche Spinnweben davonbläst. Natürlich werden dies nur jene zu schätzen wissen, die sich im Vollbesitz jenes zarten Pflänzchens wissen, das wir den gesunden Menschenverstand nennen. Park selbst weist resignierend darauf hin, dass er diejenigen Zeitgenossen, denen ein wenig Nachhilfe in Sachen Vernunft und Objektivität bitter Not täte, wohl nicht erreichen wird. Er erinnert an den Verschwörungs-Fetischisten Fox Mulder, in dessen Büro ein Poster mit der Aufschrift „I want to believe“ hängt. Es ist nicht ohne Grund im realen Leben ein unerhörter Verkaufsschlager geworden, denn es spricht ein Grundbedürfnis des Menschen an: In einer zunehmend konformen, globalisierten, kommerzialisierten Welt bietet Voodoo Science ein willkommenes Hintertürchen, der schnöden Realität zu entfliehen. Da gleichzeitig nicht nur die Schere zwischen Reich und Arm, sondern auch die zwischen Wissen und Ignoranz immer weiter klafft, gewinnen die Pseudo-Wissenschaften weitere Anhänger. Sie bieten einfache Lösungen für komplexe Fragen an, die immer weniger Menschen verstehen können – oder wollen. So beginnt der schlichte Glaube das Wissen, das man sich nun einmal erarbeiten muss, zu verdrängen – mit verhängnisvollen Folgen.

Dankbar muss man Park auch für seine offenen Worte zur Verteidigung der Wissenschaft sein. Heutzutage neigt man als Mitglied dieser scheinbar so elitären Kaste, der indes Menschen wie du und ich angehören, sehr oft dazu, sich selbst klein zu machen, sein Wissen zu verbergen und sich quasi dafür zu entschuldigen, von gewissen Dingen mehr zu verstehen als seine Zeitgenossen. Park stellt klar, dass dies der falsche Weg ist, der nur der Voodoo Science in die Hände spielt. Er findet damit die Zustimmung Ihres Rezensenten, der schon lange fest davon überzeugt ist, dass echte, unverfälschte und unheilbare Dummheit eigentlich selten ist, während Unwissenheit häufiger vorkommt, aber keine Schande ist – es sei denn, sie ginge einher mit der aus Faulheit geborenen Weigerung etwas zu lernen. (Das Talent, Geld zu scheffeln, gilt nach dieser Definition übrigens nicht zwangsläufig als Indiz für Intelligenz.) Park bietet diese Chance zum Lernen und zum Überdenken; in der Einleitung gibt er bekannt, dass er sich nicht in Expertendunst hüllen, sondern in klaren Worten die Dinge beim Namen nennen möchte. Er hält sich daran und zerstört damit womöglich manchen Traum – ein Preis, den man (trotz der nach Ansicht fachlich kundigerer Kritiker mäßigen, weil diverse Fachtermini falsch oder missverständlich wiedergebenden Übersetzung) gern zahlt, weil man den wahren Lumpen dieser Welt nach der Lektüre nicht mehr gar zu leicht auf den Leim kriecht!

Loewe, Elke – Engelstrompete

Die deutsche Autorin Elke Loewe aus Hüll an der Niederelbe machte sich in den letzten Jahren einen Namen im Kriminal- und Historiengenre und veröffentlicht nun mit „Engelstrompete“ den dritten Roman, der sich um das Geschehen in dem fiktiven Dörflein Augustenfleth und die Erlebnisse Valerie Blooms rankt. Fans der Serie sei versichert, dass dies sicherlich nicht der letzte Roman aus Augustenfleth war, denn noch immer ist das Geheimnis um Tante Robbies Tod nicht aufgeklärt, da der dubiose Dorfarzt weiterhin untergetaucht ist …

Zur Zeit des Schützenfestes platzt in das friedliche Idyll der kleinen Deichstadt Augustenfleth der Tod des Pfarrers Jonny Sonnenberg. Die kleine Lilly ist es, die den Pastor tot in der Kirche findet und schreiend mit dieser neuen Information durch Augustenfleth läuft. Zuerst trifft sie auf Valerie Bloom, die den Abend mit ihrem Nachbarn „Taxi-Enno“ verbringt, der auch sogleich in die Kirche eilt, um nachzusehen, ob er noch erste Hilfe leisten und den Pfarrer retten kann. Schnell spricht sich dieses Unglück in der Kleinstadt herum, sodass die Einwohner höchstpersönlich in der Kirche nach dem Rechten sehen wollen.

Der neue Arzt im Dorf diagnostiziert schnell einen natürlichen Tod duch Herzversagen, doch das kann keiner so recht glauben, auch wenn Sonnenberg ein ungesundes Leben geführt hat, denn er war noch jung und sah vor seinem Tod ganz gesund aus. Die Gerüchte gehen also um in Augustenfleth und schnell werden erste Verdachte geäußert. Auch Jonny Sonnenberg wird posthum Opfer von Mutmaßungen und Verdächtigungen. Vor seinem Tod lebte er sehr zurückgezogen und hatte kaum Kontakt zu seinen Gemeindemitgliedern, nur den Kindergottesdienst führte er stets mit besonderer Sorgfalt durch. Kann es vielleicht einen Grund für einen Selbstmord gegeben haben? Oder ist er gar ermordet worden?

Die Augustenflether scheinen es zu glauben und haben in Enno auch schnell einen potenziellen Mörder gefunden, da dieser sich einige Zeit zuvor skeptisch über Sonnenberg geäußert hatte. Enno, der sich viele Freiheiten herausnimmt und beruflich als Taxifahrer arbeitet, muss schnell feststellen, dass seine Nachbarn zu harten Bandagen greifen, denn die Reifen seines Taxis werden durchstochen und eines Tages liegt sogar eine tote Ratte auf seinem Autodach. Wer will ihm hier etwas anhängen? Besonders seine Nachbarin Valerie aus München möchte wissen, was hinter Jonny Sonnenbergs Tod steckt. Was ist wirklich passiert in Augustenfleth? Ihr detektivisches Gespür ist geweckt.

Zunächst zeichnet Elke Loewe ein friedliches dörfliches Idyll der kleinen fiktiven Stadt Augustenfleth an der Elbe, die Schwalben bauen ihre Nester und beobachten die Dorfbewohner bei ihrem alltäglichen Leben. Alles ist still und friedvoll, Valerie lässt sich von Enno über Blumen und besonders die Engelstrompete belehren. In diese ruhige Szenerie platzt die kleine Lilly und verkündet lautstark, dass sie den Pfarrer tot in der Kirche hat liegen sehen. Schnell ist es vorbei mit der friedlichen Stille, denn es dauert nicht lange, bis die Augustenflether über die wahren Hintergründe des Todes oder auch Mordes anfangen zu spekulieren. Sonnenberg war ihnen nie ganz geheuer, da er viel zu zurückgezogen für einen Gemeindepfarrer lebte; kaum jemand wusste Genaueres über ihn. So sind die Einwohner des kleinen Dorfes mit Klatsch und Tratsch schnell bei der Hand, besonders Enno rückt bald in den Mittelpunkt der Verdächtigungen.

Im Mittelpunkt des Buches steht wie in den beiden Vorgängerkrimis („Die Rosenbowle“ und „Herbstprinz“) erneut Valerie Bloom, die nach dem Tod ihrer Tante Robbie deren Bauernkate bewohnt und vom geerbten Geld lebt. Erst seit drei Jahren wohnt Valerie in Augustenfleth und ist daher noch nicht vollkommen in den Dorfklatsch involviert, die meisten Einwohner deuten ihr gegenüber daher stets nur ihre Zweifel an, halten sich mit Informationen aber zurück. Valerie wird immer misstrauischer, da sich zudem Enno immer merkwürdiger verhält, doch kommt sie in ihren Nachforschungen kaum voran. Besonders am Anfang kam mir der Gedanke an Miss Marple, da Valerie ähnlich wie die Grande Dame der Krimihelden unentwegt versucht, hinter die Geheimnisse des Mordes zu blicken und dabei in jeder Situation überaus neugierig agiert.

Elke Loewe schafft es dabei, zunächst ein eindrucksvolles Bild der Landschaft und Idylle von Augustenfleth zu entwerfen, um es sogleich zu zerstören durch das hereinbrechende Unglück und Misstrauen der Dorfbewohner. Ganz unterschwellig werden Verdächtigungen ausgesprochen und Nachbarn bedroht, die Atmosphäre wird immer geladener, was nicht nur an den Unwettern liegt, die zeitweise über die Elbe herüberkommen. Im Verlauf des Romans wird nur ganz allmählich Spannung aufgebaut; so geht es erst ruhiger zu, nachdem Sonnenbergs Leiche entdeckt ist. Hier nimmt sich Loewe viel Zeit, um ihre Hauptfigur Valerie Bloom weiterzuentwickeln. Im Laufe des kurzen Buches lernen wir Valerie von vielen Seiten kennen, wir durchleben ihre Angst angesichts ihrer ungewissen Zukunft mit, ihre Zweifel in Bezug auf ihren selbst geschriebenen heiteren Frauenroman und auch die Zweifel in Bezug auf Jonny Sonnenberg und seinen angeblich natürlichen Tod. In jeder Situation ist Valerie dabei, der Leser verlässt sie nie, sodass Valerie zu einer richtigen Freundin wird.

Sämtliche Figuren wirken wir aus dem wirklichen Leben gegriffen und erscheinen völlig glaubwürdig So plagen Valerie wie viele andere junge Frauen ganz normale Selbstzweifel in Anbetracht einer eher ungewissen Zukunft. Valerie Bloom weiß nicht, was sie vom Leben erwarten soll und wo sie einmal hinmöchte; der Leser erlebt all diese Gefühlsregungen hautnah mit und kann sie verstehen und sogar nachvollziehen. Aber auch die restlichen Dorfbewohner werden mit alltäglichen Macken und Sorgen vorgestellt, selbst der typische Dorfklatsch darf hier nicht fehlen. So gefielen nicht nur die Charakterzeichnungen ausgezeichnet, sondern auch die Schilderung der gesamten Szenerie und all der handelnden Personen, auch wenn aufgrund des geringen Buchumfangs natürlich nicht jeder einzelne Mensch ausführlich hervorgehoben werden konnte.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf der detaillierten Beschreibung sämtlicher Pflanzen und Blumen. Allerlei Blüten finden Erwähnung, und wenn Enno von seinen Pflanzenzüchtungen schwärmt, wird auch der Leser mit diversem Hintergrundwissen über Botanik gefüttert. Für Laien wie mich gehen diese pflanzenkundlichen Erörterungen allerdings an mancher Stelle zu weit, da mir die Historie der Engelstrompete (Brugmansia arborea) und der Unterschied zwischen Brugmansia und Datura eher nebensächtlich erschienen und die Handlung an sich nicht vorantrieben. Nebenbei entsteht durch den Detailreichtum ein immer besseres Bild von Augustenfleth, sodass der Leser sich direkt in die Deichlandschaft versetzt fühlt und hautnah dabei ist.

Über weite Strecken des Buches plätschert die Handlung allerdings nur vor sich hin, da Elke Loewe sich mit näheren Charakterbeschreibungen und Schilderungen der Szenerie im kleinen Dorf zu sehr aufhält. Die Spannung bleibt dabei ein wenig auf der Strecke, denn lange Zeit passiert nichts, das die Handlung vorantreiben könnte. Immer wieder werden unter der Hand die gleichen Verdachtsmomente geäußert, sodass die Geschichte auf fast 200 Seiten nicht recht ins Rollen kommen will. Dem Leser werden dabei genug Informationen an die Hand gegeben, um selbst Mutmaßungen über ein mögliches Mordmotiv anstellen zu können. Schnell scheint klar, was der Pfarrer Sonnenberg zu verbergen hatte. Leider verrät der Klappentext aber im Grunde genommen schon alles, was überhaupt aufgedeckt wird. Für Krimi-ungeübte Leser mag das Ende überraschend kommen, doch wenn man ehrlich zu sich selbst ist, war dies das einzig sinnvolle Ende überhaupt, das einem nicht viel mehr entlocken konnte als ein leichtes Lächeln auf den Lippen und dem Gefühl, es selbst doch schon lange geahnt zu haben. Darüber hinaus streut Elke Loewe nebenbei viele Hinweise ein, die den wahren Täter eindeutig entlarven können, wenn man die richtigen Schlüsse zieht. Ein Mitraten wird hierdurch also ermöglicht, was das Buch doch wieder lesenswert und interessant macht, da man sich als Leser eingebunden fühlt und am Ende keine hanebüchene Auflösung erfahren muss, die vom Himmel fällt.

Es hätte nicht viel gefehlt, um das Buch zu etwas ganz Besonderem zu machen, da die Schilderungen sehr sympathisch und gelungen sind, doch fehlen typische Elemente, die in einem Kriminalroman die Spannung aufrecht erhalten und aufbauen. Um überhaupt Nervenkitzel und Spannung zu empfinden, sollte man vor Lektüre des Buches tunlichst den Klappentext übersehen, da er fast alles verrät, was im Buch passieren wird. Sprachlich gefällt „Engelstrompete“ sehr gut, oftmals merkt man durch die spezielle Wortwahl, dass eine deutsche Autorin am Werke war und kein Übersetzer, der einen fremdsprachigen Text in die eigene Sprache übertragen musste. Elke Loewe hat ein nettes Buch mit glaubwürdigen Charakteren in einer hübschen kleinen Dorfidylle geschaffen, das durchaus zu unterhalten weiß. Doch kann es sich nicht mit Kriminalromanen à la Henning Mankell messen, da Spannung und Grusel etwas zu kurz kommen, fast könnte man das Buch trotz des Todesfalles als „niedlich“ bezeichnen. Mir persönlich sind die Augustenflether dennoch so ans Herz gewachsen, dass ich nun trotz schleppenden Spannungsbogens auch die anderen beiden Bücher über Valerie Bloom lesen werde. Zu einer uneingeschränkten Lobeshymne reicht es jedoch leider nicht aus.

Colin Falconer – Zorn der Meere

1629 sinkt das Handelsschiff „Batavia“ im Indischen Ozean. Die Überlebenden retten sich auf eine öde Insel. Dort reißt ein Mann die Macht an sich, regiert durch Mord und Terror und ist zum Äußersten bereit, um seine Schandtaten zu vertuschen … – Auf der Basis historisch belegter Tatsachen erzählt Autor Falconer eine Geschichte, die als Fiktion mit der Realität kaum mithalten kann. Einschlägige Klischees passieren vor den Leseraugen Revue, doch insgesamt dominiert die fesselnde Story. Colin Falconer – Zorn der Meere weiterlesen

Fairstein, Linda – Leichenkeller, Der

Ist ihre Mandantin nun vergewaltigt worden oder nicht? Das fragt sich die New Yorker Bezirksstaatsanwältin Alex Cooper. Jedenfalls so lange, bis diese Mandantin eines Morgens mausetot aufgefunden und auf ihren potenziellen Vergewaltiger ein Anschlag verübt wird.

Die Zeichen stehen also nicht günstig für Alex‘ neuesten Fall, als aus einer ganz anderen Richtung wertvolle, wenn auch merkwürdige Hinweise die Ereignisse in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Die Spur führt zurück ins Jahr 1944, ins Märchenreich des ägyptischen Königs Faruk …

_Die Autorin_

Linda Fairstein, Jahrgang 1947, ist Absolventin des Vassar Colleges und promovierte an der University School of Law. Sie leitete über zwei Jahrzehnte die Abteilung für Sexualverbrechen der Bezirksstaatsanwaltschaft in Manhattan und wird in der Fachliteraur für ihre bahnbrechende Arbeit in den Gerichten New Yorks gelobt. Sie lebt mit ihrem Mann in New York City und auf der Insel Martha’s Vineyard. (Verlagsinfo) Beide Orte kommen im Buch mehrmals vor.

Von Fairstein sind folgende weitere Krimis erschienen: „Tod in Seide“ (Blanvalet 35372); „Das Totenhaus“ (35591); „Die Knochenkammer“ (35989).

Zum deutschen Titel: Eine wahrer „Geniestreich“ zur Irreführung des Käufers! Von einem Leichenkeller ist nämlich weit und breit nichts zu finden. Aber der Titel passt zu den oben genannten Titeln, die vermutlich einfach nur an die Krimis von Kathy Reichs und Patricia Cornwell erinnern sollen.

_Handlung_

Alexandra Cooper, Anwältin in der Abteilung für Sexualverbrechen der Bezirksstaatsanwaltschaft in Manhattan (wie die Autorin), ist Teil einer kleinen Clique von Gesetzeshütern, die in dem neuesten Fall eng zusammenarbeiten muss. Der Fall ist komplex.

Sie verteidigt Paige Vallis, eine junge Geschäftsfrau in Alex‘ Alter, Anfang 30. Vallis behauptet, von dem ehemaligen CIA-Agenten Andrew Tripping vergewaltigt worden zu sein. An Tripping wurden Paranoia und Schizophrenie festgestellt, aber das Besondere an dem Verbrechen ist, dass Vallis nicht selbst bedroht wurde, um sie gefügig zu machen. Vielmehr drohte Tripping damit, seinen Sohn Dulles, der ohnehin schon zahlreiche Verletzungen aufwies, noch stärker zu „bestrafen“.

Leider ist Alexandras wertvollster Zeuge, nämlich Dulles Tripping, seit Tagen verschwunden, wahrscheinlich ausgebüchst in seinen alten Heimatort. Mit Tripping selbst darf aber nur der Verteidiger Peter Robelon reden. Seltsam ist auch das Auftauchen von CIA-Agenten im Gerichtssaal. Einer davon, ein gewisser Harry Strait, legt Vallis am Tag vor ihrer Zeugenaussage nahe, zu schweigen. Das findet Alex Cooper nicht mehr witzig. Bei ihren Nachforschungen zeigt sich, dass der Name „Harry Strait“ einem Agenten gehörte, der schon lange tot ist …

Hat die CIA Interesse daran, den Prozess zu verhindern? Offenbar hat auch die Klägerin Paige Vallis einiges zu verbergen. Diese Frage erledigt sich aber von selbst, als sie ermordet wird. Die Verteidigung freut sich schon: Damit wäre Coopers Verhandlung wohl gescheitert.

Von ganz anderer Seite taucht aber der Name „Harry Strait“ wieder auf. In Harlem wurde eine 82-jährige ehemalige Tänzerin ermordet. McQueen Ransome hatte eine schillernde Vergangenheit: Sie spionierte während des 2. Weltkriegs nicht nur für die Aliierten, sondern war auch die Geliebte des sagenhaft reichen Königs Faruk von Ägypten. In dieser Zeit hatte sie wohl Kontakt zum Vater von Paige Vallis Victor, der als Privatlehrer für Faruk, aber wohl auch für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete …

Ihre Wohnung ist verwüstet, doch ein paar Sammlermünzen findet Alex Cooper in Queenies Schrank. Was hatte die zurückgezogen lebende, alte Dame in ihrem Besitz, dass sie dafür ihr Leben lassen musste? Und was hatte ihr Harry Strait mit jenem „Harry Strait“ zu schaffen, der Paige Vallis unter Druck setzte? Viele Spuren führen zum Geheimdienst …

_Mein Eindruck_

Der Krimi lässt sich leicht in drei Abschnitte einteilen. Das erste Drittel vermittelt den irrigen Eindruck, hier handle es sich um ein „courtroom drama“ nach TV-Zuschnitt. Zwar werden auch menschliche Schicksale verhandelt, aber der Wahrheit kommt unsere Heldin Alex Cooper (nicht zu verwechseln mit dem Musiker Alice Cooper!) kein Stückchen näher.

Nachdem sie dann ihre Mandantin verloren hat und auch der Angeklagte stark beeinträchtigt ist, ja, auch der Hauptzeuge nicht herbeizuschaffen ist, da gerät Alex‘ Fall auf interessante Abwege. Im zweiten Drittel entwickelt sich der geschichtliche Hintergrund zur eigentlichen Triebkraft der Handlung. Was erfahren wir da nicht schöne und wundersame Dinge! Der Playboyprinz Faruk ließ sich zum Taschendieb ausbilden und stibitzte Churchill die Uhr aus dem Jackett, und sein Palast enthielt einige hundert Zimmer, die nur mit Reichtümern angefüllt waren. Blöd, dass nach dem Kriegsende die Dinge schlecht für den König liefen und er anno 55 von Nasser vertrieben wurde. Ohne seine heißgeliebte „Pornographiesammlung“ – in Europa würde man „Erotica“ sagen – musste er nach Italien ins Exil reisen, wo er ein schmähliches Ende fand.

Doch der amerikanische, der britische und der italienische Geheimdienst, womöglich sogar die Nazis waren hinter etwas ganz anderem und weitaus Wertvollerem her, das Queenie hatte mitgehen lassen – oder war’s Victor Vallis? Das soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Im letzten Drittel verschlingen sich die ausgelegten Fährten zu einem spannenden, actionreichen Finale. Nachdem sie einen Hurrikan auf ihrer Wohninsel und einen Einbruch in ihr Haus überlebt hat, sieht sich Alex in den mörderischen Klauen eines Größenwahnsinnigen … Leider ist dies genau der Bursche, der mir schon zu Beginn des zweiten Drittels so verdächtig vorkam, als ich dachte, der Typ müsse mindestens zwei Sparren im Oberstübchen locker haben. Man könnte also behaupten, dass der Plot in gewissem Sinne recht vorhersehbar sei.

|Der Stil|

Dies ist ein Krimi von einer gestandenen älteren Dame, die schon fast alles von der Welt gesehen hat. Abgeklärt erscheint uns ihre Heldin, aber nicht zu burschikos, als dass sich nicht Alex an die Brust eines tröstenden und befreundeten Mannes werfen bzw. kuscheln würde. Bei Mrs. Fairstein haben Lesben keine Chance. Die Welt der Miss Cooper ist die des Gesetzes. Und dieses gibt klare Grenzen legalen Verhaltens vor sowie deutliche Handlungsanweisungen. Schade, dass dies nicht auch für die Gegenseite gilt, denn so kommt es ständig zu interessanten Konflikten.

Dies wächst sich zu einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen den drei tapferen Gesetzeshütern Cooper, Chapman & Wallace und diversen Finsterlingen aus. So ist ständig für Action und witzige Dialoge mit typischem New Yorker Humor gesorgt, und es vergeht kaum eine Seite, auf der Alex nicht einen Anruf bekommt, der eine überraschende Wende herbeiführt oder eine hilfreiche Enthüllung bedeutet – meist genau zum Ende eines Kapitels, so dass man unweigerlich neugierig wird und weiterlesen möchte. Sehr geschickt, Mrs. Fairstein.

Die Beschreibungen der Insel Martha’s Vineyard (ausgesprochen: winjahd) belegen, dass sich die Autorin hier genaustens auskennt. Sie weiß, wie sich die Einheimischen verhalten, wenn man mal knapp bei Kasse ist, wenn mal wieder ein Sturm zugeschlagen hat oder wenn mal eine imposante Luxusjacht in den Hafen reinschippert. In vielerlei Hinsicht erscheint dadurch die Insel wirklicher als das nebulöse Manhattan, die andere Insel.

|Die Übersetzung|

Manuela Thurner verfügt nicht nur über eine sehr gute Kenntnis des US-amerikanischen Englisch und der Gerichtssprache, sondern weiß auch das Deutsche stilistisch so einzusetzen, dass sich ein sehr lesbarer Text ergibt. Viele Romantexte leben ja von der Farbigkeit der Anspielungen und erzeugen witzige Effekte durch Wortspiele und dergleichen. Damit hat Thurner keine Probleme. Und auch wenn ich gewisse Wendungen anders übertragen hätte, so kann man sich doch immer über Varianten streiten. Thurners Version ist ebenso gültig, wie es meine gewesen wäre. Für einen Übersetzer ist letztendlich immer die Verständlichkeit oberstes Gebot. Dieses Gebot befolgt Thurner durchweg. Von Setzfehlern ist der Text fast völlig frei.

_Unterm Strich_

Wer sich trotz des irreführenden Titels (siehe oben) keinen bluttriefenden Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ erwartet hat, der wird mit einem leidlich spannenden und solide gemachten Krimi aus dem Gerichtsmilieu Manhattans belohnt. Ich fühlte mich nicht gelangweilt oder genervt, sondern die humorvoll-ironische Intelligenz, die die Autorin an den Tag legt, unterhielt mich ausgezeichnet, so dass ich nach wenigen Tagen das actionreiche Finale genießen konnte.

Zudem habe ich das Gefühl, eine Menge über US-Münzen des Jahres 1933 und über den Märchenkönig Faruk erfahren zu haben. Dass eine europäische Autorin diesen Krimi ganz anders geschrieben hätte, dürfte klar sein. Aber so ist er auch ganz gut gelungen. Die Autorin hat ihr Buch Patricia Cornwell gewidmet. Das kann ich sehr gut verstehen: Sie will zeigen, dass sie a) bei einer Meisterin gelernt hat und b) dass weibliche Amis auch gute Gerichtskrimis zustande bringen.

|Originaltitel: The Kills, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Manuela Thurner|

Jinks, Catherine – Tod des Inquisitors, Der

Südfrankreich im Jahre des Herrn 1318. Sechs Jahrzehnte sind seit dem zweiten Kreuzzug gegen die Katharer oder Albigenser verstrichen. Diese Asketen-Sekte, deren Mitglieder die Bibel rigide auf eine Weise auslegten, die der offiziellen Deutung durch die katholische Kirche widersprach, wurde im Bund mit dem König von Frankreich erbarmungslos bekämpft und beinahe ausgerottet. Aber die Kirche vergisst nie jene, die es wagten, ihr die Stirn zu bieten. Das „Heilige Amt“, die Inquisition, ist stark in der Provinz Narbonne, einem Kernland der Albigenser, die hier länger als irgendwo sonst ausgehalten hatten, wo die nahen Pyrenäen Schutz und Flucht nach Spanien versprachen. Deshalb lebt die Häresie fort, heimlich zwar, doch hartnäckig.

Die kleine Stadt Lazet beherbergt in ihren Mauern die Priorei der Predigenden Brüder, eine Klostergründung des Dominikanerordens. 28 Mönche, 17 Laienbrüder und 12 Studenten leben, beten und arbeiten hier – und 178 Gefangene, verdächtig der Ketzerei, schmachten derzeit im Gefängnis des Heiligen Amtes. Der Papst – aktuell ist es Johannes XXII. – bedient sich gern der Bettelmönche als Inquisitoren; sie gelten als unbestechlich und streng in der Verfolgung der Glaubensfeinde. In Lazet ist gerade Jacques Vaquier, der oberste Inquisitor, gestorben. Sein Stellvertreter Bernard Peyre de Prouille fühlt sich der Nachfolge allein nicht gewachsen und bittet das Mutterhaus im fernen Paris, ihm einen Pater zu schicken.

Es erscheint Augustin Duese, ein fanatischer Ketzerfresser, der weder sich noch seine Mitbrüder schont, wenn es gilt, den Weisungen des Papstes Folge zu leisten. In Lazet hat sich im Laufe der Jahre ein gewisser Friede oder Waffenstillstand zwischen der Kirche, der einheimischen Bevölkerung und Roger Descalquencs, Seneschall König Philipps V. von Frankreich und Repräsentant der weltlichen Macht vor Ort, eingestellt. Duese fühlt sich nicht daran gebunden, wittert überall Ketzerei, Verderbnis und Verschwörung, ordnet Massenverhaftungen und -verhöre an, bringt die Menschen gegen sich auf, schürt geradezu vorsätzlich die Unruhe, die ihn nur noch bestätigt in seiner Mission. Doch zum Pulverfass wird die Situation erst, als Duese tatsächlich Hinweise auf heimliche Häresie, Korruption und politischen Verrat entdeckt. Schlimmer noch: Der verstorbene Inquisitor Vaquier war offensichtlich darin verwickelt. Nun gibt es für Duese kein Halten mehr: Die Inquisition kommt über Lazet!

Doch bevor sie richtig beginnen kann, werden Augustin Duese und vier Soldaten, die ihn begleiten und schützen sollten, auf einer Reise über Land überfallen, unweit des Dorfes Casseras getötet und in Stücke gehackt, die über den ganzen Landstrich verstreut werden. Die Täter verschwinden zunächst spurlos; Misstrauen und Furcht breiten sich aus. Der Schrecken eskaliert, als dem Fanatiker Duese als Inquisitor der engstirnige Pierre-Julien Fauré folgt, der überall nicht nur Ketzer, sondern Hexen und Teufel sieht und außerdem seit vielen Jahren Bernard Peyres Erzfeind ist. Gar zu gern würde Fauré ihm schaden – und die Gelegenheit ist günstig: Bernard, der zur Keuschheit verpflichtete Gottesmann, hat sich in die kluge und tapfere (und natürlich schöne) Edelfrau Johanna de Caussade verliebt, eine Beziehung, die beide in allerhöchste Lebensgefahr bringt …

„Der Inquisitor“/“Der Tod des Inquisitors“ (Taschenbuchtitel), ein Roman über das europäische Mittelalter, wurde verfasst von einer Autorin, die zumindest geografisch der Narbonne nicht ferner stehen könnte: Catherine Jinks wurde 1963 in Brisbane in der australischen Provinz Queensland geboren. Es wird noch exotischer: Ihre Jugendjahre verbrachte sie auf der Insel Neu-Guinea (deren Ostteil übrigens bis 1918 deutsche Kolonie war), bevor sie aufs Festland zurückkehrte, um an der Universität von Sydney Mittelalterliche Geschichte zu studieren. In dieser Stadt blieb sie und lebt hier mit ihrer Familie. Als Schriftstellerin wurde Jinks durch ihre Kinderbücher bekannt (und zweimal mit dem „Children’s Book Council Award“ ausgezeichnet), bevor sie sich 1996 mit „An Evening with the Messiah“ (dt. „Der Notar“) auch dem „erwachsenen“ Roman widmete.

Ob es wohl die Entfernung ist, die dem „Inquisitor“ eine erfreuliche Ausnahmestellung auf dem strapazierten Forum des Historien-Thrillers verschafft? Dieses Genre bietet nicht nur denen, die sich von Berufs wegen mit dem Mittelalter beschäftigen, immer wieder gute Gründe zu Zorn und Ärger. „Das Mittelalter“ scheint nach Ansicht gar zu vieler Schreiberlinge („Schriftsteller“ sollte als Berufsbezeichnung eigentlich gesetzlichem Schutz unterliegen!) ein Spielfeld zu sein, auf dem wie in der Science-Fiction oder im Horror grundsätzlich jeder Zug gestattet ist, da zwischen dem 11. Jahrhundert auf der Erde, dem 11. Jahrtausend irgendwo im Weltall oder dem 11. Kreis der Hölle nur marginale Unterschiede gemacht werden. Das Mittelalter verkommt zur exotischen Kulisse, in der sich Uralt-Allerweltskrimis abspielen, die zu allem Überfluss kräftig mit Seifenoper-Elementen versetzt werden. Selbst gut recherchierende Autoren repetieren oft seelenlos angelesenes Wissen, während ihnen ein echtes Verständnis des Mittelalters abgeht bzw. Normen und Geisteshaltungen der Gegenwart in die Vergangenheit projiziert werden.

So entsteht nur ein Disneyland-Mittelalter: Alles sieht halbwegs echt aus und ist doch nur Tand und Trug, wie St. Penetrantius, der Schutzheilige aller mönchischen Amateurdetektive vom Schlage eines Bruder Cadfael, wohl sagen würde. Auch Catherine Jinks hätte leicht in diese Falle tappen können. Sie lässt ihre Geschichte ausgerechnet im Umfeld der katholischen Inquisition spielen. Auf dieser Institution lastet eine Jahrhunderte dicke Schicht aus Legende, Missverständnis und wohlig übler Nachrede. Dumme, bornierte, fanatische, geile Pfaffen martern unschuldige, kluge, fortschrittlich denkende Frauen, Andersgläubige oder (mit weitem Abstand folgend) sogar männliche Gutmenschen: So könnte ein typischer Historien-Krimi um die Inquisition aussehen. Den Rest erledigt dann zuverlässig die politisch korrekte Empörung des klug gewordenen Lesers der Gegenwart über die gar schreckliche Vergangenheit.

Mit solchen billigen Tricks arbeitet Jinks nicht. Sie versteht es, das „Heilige Amt“ und jene, die ihm dienen, harmonisch in das historisierende Umfeld zu integrieren. Zwar übertreibe ich es jetzt, doch im zeitgenössischen Bewusstsein dürfte die Inquisition etwa dieselbe Präsenz wie heutzutage das Finanzamt besessen haben: unsichtbar über den Menschen schwebend und ihr Recht fordernd, aber doch nur selten auf sie herabstürzend, um einen Unglücklichen aus ihrer Mitte zu reißen. Das mittelalterliche Europa wurde keineswegs auf Jahrhunderte nachts von den Feuern der Inquisition erleuchtet, Ketzer und Hexen nicht wie Kaminholz verheizt. Unbestritten sind allzu viele scheußliche Verbrechen und Massenmorde im angeblichen Namen Gottes, aber objektiv fanden sie zeitlich und örtlich begrenzt statt.

Eine Zeitreise zurück ins Südfrankreich des 13. Jahrhunderts wünscht sich wohl allerdings kein denkender Mensch mit historischen Grundkenntnissen. Hier wurde über viele Jahre tatsächlich kein Pardon gegeben. Doch selbst hier ist 1318 wieder Ruhe eingekehrt. Die Inquisition gehört zum Alltag, Verhaftungen und Hinrichtungen kommen vor, aber das ist halt das Risiko der Ketzerei, die von der Mehrheit der Bevölkerung ohnehin nicht toleriert wird – und werden schließlich nicht Verrat, Mord und hundert andere Verbrechen von der weltlichen Gerichtsbarkeit mit Folter und Tod geahndet? Die Inquisitoren selbst sind keine Bestien in Menschengestalt, sondern fromme und hart arbeitende Männer (so fremd uns dies heute auch erscheinen mag). Bernard Peyre, unser Ich-Erzähler, ist sogar ein sehr sympathischer Zeitgenosse, freundlich, humorvoll, ein wenig schwach im Fleische – und doch ein sehr erfolgreicher Inquisitor, obwohl er brennende Scheiterhaufen nur schwer erträgt. Diesen Widerspruch löst Jinks nicht auf; sie überlässt es den Lesern, sich mit ihm auseinander zu setzen. Dabei fährt man am besten, wenn man akzeptiert, dass es ihn im Mittelalter so nicht gab.

Die differenzierte Figurenzeichnung hält Jinks bemerkenswert gut durch. Nicht einmal der düstere Augustin Duese oder sein unfähiger Nachfolger geraten ihr zur bloßen Karikatur, und ihre Frauengestalten stellt sie nie als präfeministische und lächerlich anachronistische Streiterinnen bloß, die anders als die Mönche, Ritter oder Patres (= die dummen Männer) nur Güte, Vernunft und menschliche Überlegenheit verstrahlen. Stattdessen findet Jinks die Nischen der nun einmal männlich bestimmten Gesellschaft des Mittelalters und platziert Frauen dort, wo sie sich nachweislich tatsächlich selbstständig entfalten konnten. Weil dies so stimmig ins Gesamtbild passt, merkt auch der historische Laie, dass ihm (oder ihr) hier nicht die nächste Schüssel des geschmacksneutralen Bruder-Katzenfell-Quarks vorgesetzt wird. Da kann er sich auch damit abfinden, dass die Auflösung des Krimiplots wie so häufig nicht halten kann, was zuvor versprochen wurde. Immerhin gibt’s nur ein gedämpftes Happy-End, was angesichts der in ihrer Vielfalt etwas konstruiert wirkenden Verwicklungen nur logisch scheint.

Bleibt noch die sorgfältige Übersetzung zu loben, die Catherine Jinks nie im Stich lässt. Sie hat sich überaus große Mühe gegeben, ihre Figuren nicht nur in eine mittelalterliche Welt zu versetzen, sondern bemüht sich, sie auch mittelalterlich denken und sprechen zu lassen. Da Bernard Peyre ein gelehrter Kleriker ist, führt dies zu einer Flut von Zitaten und Exkursen aus mehr oder weniger frommen Werken der Kirchengeschichte und bildhaft-biblischen Vergleichen. So etwas liest sich natürlich nicht so glatt herunter wie der aktuelle Ich-habe-nur-einen-Wortschatz-von-100-Wörtern-und-bin-stolz-darauf-Grisham-Reißer, besitzt aber seine ganz eigene Logik und seinen eigenen Reiz, der sich während der Lektüre rasch mitteilt. Dazu kommt ein fast unmerklicher, weil knochentrockener Humor, der gleichzeitig deutlich macht, dass auch die angeblich so vernagelten Menschen des Mittelalters sich der Widersprüche ihrer Zeit durchaus bewusst waren oder längst nicht in furchtsamer Ergebenheit vor der Obrigkeit ihr freudloses Dasein fristeten.

William Nicholson – Der Windsänger

Dieses Buch ist das erste von William Nicholson, doch kennt ihn vermutlich jeder… zumindest jeder Kinogänger. Nein? Nun: „Nell“? „Shadowland“? „Gladiator“? Zu diesen Filmen hat der Engländer die Drehbücher (mit-)geschrieben; ein Profi im Mediengeschäft also. Und man merkt auch seiner ersten Buchveröffentlichung an, dass er’s kann: diesem exzellent geschriebenen Fantasy-Roman „für Kinder“, den auch Erwachsene verschlingen werden. Ich habe knapp fünf Stunden gebraucht, um das Buch zu lesen, und fand hinterher nur schade, dass es schon zu Ende war.

William Nicholson – Der Windsänger weiterlesen

Wetering, Janwillem van de – entartete Seezunge, Die

New York, 11. September 2001: Der alte Bankier Johan Halbertsma wird Zeuge der Terrorattacken auf das World Trade Center. Sofort steigt in ihm die Lust auf eine gebratene Seezunge auf: Dies ist die Mahlzeit, die seit jeher zu wichtigen und tragischen Ereignissen im Haus Halbertsma serviert wird. So ist es schon seit über sechs Jahrzehnten, als die Familie noch im holländischen Rotterdam ansässig war. Am 10. Mai 1940 hatte die deutsche Luftwaffe die alte Hafenstadt in Schutt und Asche gelegt. Johan hat den Bombenterror er- und überlebt. Diese Katastrophe übertünchte ein persönliches Drama: Die Halbertsmas verloren ihren Adoptivsohn Henri. Johan erinnert sich genau an den Tag, als er seinen Bruder verlor. Allerdings scheut er die Frage, ob Henri bei einem von ihm mitverschuldeten Unfall umkam oder ob er von Johan umgebracht wurde …

Johan hält es nicht mehr in New York. Er reist zurück nach Holland, um sich dort endlich Gewissheit zu verschaffen. Hat er einst gemordet? Falls ja: Wieso hat er es getan? Und muss er sich deshalb schuldig fühlen? Henri war nur ein Toter neben unzähligen unschuldigen Opfern der Nazis, so wie nun viele tausend Menschen von fanatisierten „Glaubenskriegern“ instrumentalisiert wurden. Ein liebenswerter Zeitgenosse war Henri zudem nicht, sondern ein selbst ernannter „Übermensch“, der Nietsche vergötterte und skrupellos den eigenen Vorteil und die Nähe der Nazis suchte. Johan quälte dagegen der Naziterror gegen die Juden, auf deren Kosten sich die Halbertsmas ansonsten tüchtig bereicherten. So kam der Tag, an dem sich Henri einmal zu oft seiner grenzenlosen Menschenverachtung brüstete …

Musste Henri sterben? Warum sterben Menschen überhaupt für oder wegen einer „Sache“? Das ist eine der (philosophischen) Fragen, die Janwillem van de Wetering umtreiben. Das Verbrechen vom 11. September 2001 ist für ihn Anlass, sie wieder einmal zu stellen. Um ihre allgemeine Gültigkeit zu verdeutlichen, stellt er sie gleichzeitig zu einer andere historische Episode, als die scheinbar so einfach zu definierenden Positionen „gut“ und „böse“ miteinander verschmolzen.

Die Zerstörung von Rotterdam ist für van de Wetering sein persönliches 11/09/01. In gewisser Weise ist Johan Halbertsma sein Alter Ego. Auch van de Wetering hat als Kind die deutsche Bombenattacken auf die alte Hafenstadt, deren blutige Folgen und die Besetzung seines Heimatlandes erlebt. Vor allem musste er mit ansehen, wie seine jüdischen Mitschüler und Freunde von den Nazis deportiert wurden – ein lebenslang nachwirkendes Drama, das der Verfasser hier auch für sich zu beschwören und zu bannen versucht. Was ist der Mensch wert? Gibt es ‚bessere‘ und ‚minderwertige‘ Menschen? Wer hat das Recht, dies zu entscheiden? Woraus leitet sich dieses Recht ab? Gibt es umgekehrt ein Recht, sich zu wehren? Eine Pflicht sogar? Wie weit darf man dabei gehen? Ist Mord gerechtfertigt, um Leben zu retten? Kann Unrecht wirklich gesühnt werden?

Schwerer Stoff für ‚ernsthafte‘ Literatur also und nicht unbedingt ein „normaler“ (historischer) Krimi. Freunde der eher unterhaltsamen Gripstra/De Gier-Polizeiromane seien deshalb gewarnt. Van de Wetering hat dieses Mal noch weniger als sonst eine klassische Gauner-gegen-das-Gesetz-Story im Sinn. „Schlimmer“ noch: Er kann seine Fragen letztlich auch nicht beantworten. Der Versuch führt zu der frustrierenden Erkenntnis, dass dies womöglich überhaupt unmöglich ist. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch“ – mit diesem klassischen Plautus-Wort lässt es sich immerhin in Worte fassen, wenn auch nicht erklären.

„Die entartete Seezunge“ führt auf recht originelle Weise in die sonst düstere Geschichte ein. Der Geruch eines gebratenen (eigentlich köstlichen, hier jedoch als Schlüssel zu Unerfreulichem „entarteten“) Fischgerichts führt Johan Halbertsma zurück in die Zeit, als er Zeuge und Täter war. Sechs Jahrzehnte abgelagerter und nachträglich gewerteter Erinnerungen können so akkurat aufgearbeitet werden. Dieser olfaktorische Weg ist möglich; viele Menschen stimulieren ihr Hirn per Nase oder Zunge. Friedrich Schiller bewahrte beispielsweise faulende Äpfel in seinem Schreibtisch auf, deren Geruch ihn beim Dichten und Schreiben inspirierte. Der Verstand wird überlistet bzw. gelenkt – für Johan Halbertsma in eine unerfreuliche Richtung.

Er hat sich – wie die islamischen Terroristen 2001, wie die Nazis 1940 – zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. Seit vielen Jahren plagt Halbertsma – bisher meist unterbewusst – die Frage, wie er dies vor sich selbst und überhaupt rechtfertigen kann. Schließlich war er lange gewissermaßen das Spiegelbild seines Adoptivbruders Henri, der höchstens konsequenter war als er. Friedrich Nietsches „Lehre“ vom „Übermenschen“ fiel bei beiden Brüdern auf fruchtbaren Boden. Henri verinnerlichte sie freilich, während Johan skeptisch blieb und umdenken konnte.

Henri ist (Achtung: Ironie!) ein echter Prüfstein für jeden Moralisten. Er hat sich in die Familie Halbertsma hineingemogelt und -gelogen. Das Leid seiner Mitmenschen belustigt ihn oder ist ihm gleichgültig, da er sich über sie erhaben fühlt. Er schachert mit den Nazis und betrügt in existenzielle Not geratene Juden um ihren Besitz. Da ist sie wieder, die Frage, ob man einen solchen gefährlichen, gesellschaftlich verantwortungslosen Menschen nicht zur Verantwortung und aus dem Verkehr ziehen muss!

Wobei Johan selbst durchaus keine reine Weste hat. Nicht nur die Erinnerung an Henris Ende führt ihm der Duft der Seezunge ins Gedächtnis zurück. Das Bankhaus Halbertsma hat gut verdient in der Nazizeit. Jüdische Mitbürger verbargen hier für eine saftige „Gebühr“ ihre Vermögen; viele Konten blieben nach Kriegsende verwaist. Johans Reichtum speist sich auch und vor allem aus dieser Quelle. Er ist ein Mitläufer, der seine Skrupel gut genug unterdrückt hat, um vorzüglich zu verdienen. Letztlich darf man seinem Wort – so van de Weterings Schlussfolgerung – auch nicht trauen.

Janwillem Lincoln van de Wetering wurde am 12. Februar 1931 in Rotterdam geboren. Als Kind durchlebte er die Schrecken des II. Weltkriegs. Nach seiner Schulzeit besuchte er ein Business-College. Anschließend ging van de Wetering nach Südafrika. Sein Vater, ein Kaufmann, hatte ihm dort einen Job bei einer holländischen Firma vermittelt. Diesen warf er zwar bald hin, blieb aber dennoch im Land, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und heiratete.

Nach sechs Jahren verließ van de Wetering Südafrika und ging nach London, wo er Philosophie studierte und den Zen-Buddhismus für sich entdeckte. Konsequent ging er 1958 Kyoto nach Japan und lebte zwei Jahre in einem Zen-Kloster. Dann meldete sich der schnöde Alltag zurück; van der Wetering musste Geld verdienen und als Kaufmann nach Kolumbien und Peru, wurde Grundstücksmakler in Australien. Ab 1965 leitete er die Textilfabrik seines verstorbenen Schwiegervaters in Holland. Um den Wehrdienst zu umgehen, meldete sich van de Wetering als Hilfspolizist. Die Arbeit gefiel ihm, er blieb sieben Jahre bei der Polizei und brachte es bis zum Inspektor.

In den 1970er Jahren wurde van de Wetering schriftstellerisch tätig. Er übernahm die Philosophie des Jean-Paul Satre und die unterhaltsame Gesellschaftskritik des George Simenon und verschmolz beides in seiner Serie um die Amsterdam-Cops, welche kaum als klassische Polizeiromane, sondern eher als kritische und ironische Kommentare zu zeittypischen Missständen zu bezeichnen sind.

Den wanderlustigen van de Wetering hielt es nicht in Holland. In den 1980er Jahren lebte er in Maine in den USA auf einem Boot, mit dem er im Sommer die Küste befuhr. Weitere Weltreisen schlossen sich an. Als Schriftsteller verfasste van de Wetering nun ein Theaterstück, Kinder- und Sachbücher. Erst seit 1993 kehrt er (sporadisch) zum Kriminalroman zurück.

Van de Wetering ist auch im Internet präsent. Unter http://www.dpbooks.com/vandewet.htm erwartet den neugierigen Besucher ein vom Schriftsteller persönlich verfasster Lebenslauf. Vielleicht tröstet das über die Tatsache, dass die Website hoffnungslos unaktuell ist …

|Anmerkung: Um jeden Preis – ein Buch!|

Janwillem van de Wetering ist seit langem nicht nur ein Verfasser beliebter Kriminalromane, sondern auch ein Liebling des Feuilletons. Die ganze Welt hat er bereist, in einem Zen-Kloster meditiert, unter den Armen & Geknechteten der Dritten Welt gelebt, gesellschaftskritische Romane geschrieben – ein Produzent jener Art von Literatur also, die der (links-)intellektuelle Bildungsbürger unauffällig auf seinem Wohnzimmertisch auslegt, obwohl sie sich sträflich unterhaltsam liest.

Leider ist van de Wetering in den letzten Jahren ein wenig schreibfaul geworden. Hier und da ringt er sich eine Kurzgeschichte ab – oder einen Kurzroman wie „Die entartete Seezunge“. Dummerweise schätzt der Buchmarkt Novellen gar nicht. Romane „gehen“ gut, möglichst dick sollten sie sein, schließlich wünscht der Kunde anständige Ware für sein gutes Geld.

Also wird van de Weterings „Seezunge“ halt zum Buch „aufgewertet“, indem man sie ordentlich zwischen feste Einbanddeckel bindet und möglichst viel publizistisches Gewese darum treibt. Das übertönt dann hoffentlich auch den ketzerischen Gedanken daran, dass „Die entartete Seezunge“ auch deshalb so entartet ist, weil man die ursprüngliche Novelle so lange mit einer schweren Druckerpresse überrollte, bis daraus ein Buch geworden war (erste Runde 2002: 78 Seiten, zweite Runde 2005: 128 Seiten) – mit Rändern, auf denen man Tagebuch führen kann, und einer Schrift, die auch den sprichwörtlichen Maulwurf vor keine Probleme stellen dürfte. Ein bisschen Grafikschmuck übertüncht so manche gar zu leere Ecke – fertig ist die bibliophile Kostbarkeit, die immerhin recht preisgünstig geblieben ist.

Stackpole, Michael A. – Weg des Richters, Der

„Vom Autor der besten BATTLETECH-Romane“ (Cover) ist in meinen Augen nicht unbedingt eine Empfehlung. Hätte mir meine Stammbuchhändlerin, eine große Fantasy-Kennerin, dieses Buch nicht wärmstens empfohlen, hätte ich wohl kaum einen Blick hineingeworfen – und einen hervorragenden Roman verpasst.

Stackpole führt uns in die Welt eines längst zerbrochenen Imperiums, auf dessen Trümmern sich neue Reiche gegründet haben. Doch eine Konstante gibt es nach wie vor: die Tahlion, Hüter des Gleichgewichts und des Rechts, ein Orden geradezu legendärer Kämpfer, Falkenreiter, Magier und Rechtsprecher, zu Hause in der uneinnehmbaren Stadt Tahlianna; von dort senden sie ihre Boten aus. Ihre Soldaten führen die Armeen aller Reiche, was meist eine Machtbalance garantiert. Geleitet werden die sieben Tahlion-Klassen von Hochwaltern, welche wiederum dem Meister unterstehen. Eine besondere Gruppe bilden die Dienstleister, angeführt von Seiner Exzellenz, einer Figur, die nur in wenigen Szenen auftritt, aber höchst zwiespältig und ebenso interessant ist. Die spektakulärste Klasse jedoch sind die Rechtsprecher. Ihr Training ist extrem hart, denn sie müssen praktisch alles können, selbst ein wenig Magie beherrschen. Als Einzelkämpfer durchstreifen sie das Land, um Verbrecher zu eliminieren und andere gefährliche Aufträge zu erfüllen; man schätzt ihre Dienste, aber man fürchtet sie auch, denn sie können ihre Feinde töten, indem sie ihnen die Seelen nehmen.

Nolan, Ich-Erzähler und Hauptfigur des Buches, ist einer von ihnen. Als er zwölf war, wurde seine Familie von Eroberern aus dem Reich Hamis getötet, und er machte sich allein auf den Weg nach Tahlianna, um Rechtsprecher zu werden und den Mord einmal zu rächen. Dank seines Mutes und seines Willens wird Nolan in den Orden aufgenommen. Er durchläuft eine doppelt harte Schule, denn eigentlich ist er für einen Novizen schon zu alt. Stackpole wechselt stets zwischen zwei Handlungssträngen: Ein Kapitel erzählt vom aktuellen Auftrag Nolans, das nächste von wichtigen Stationen seiner Ausbildung, und so fort. Allmählich entsteht ein intensives Bild des Haupthelden, eines nachdenklichen, mutigen und gerechten Mannes; zugleich lernt man die Tahlion-Gesellschaft als eine (spartanische) Utopie kennen. Der Autor schildert dabei auch Details wie die Einnahme des Essens und die Vergabe der Zimmer, doch gerade diese machen das Buch über die spannende Handlung hinaus interessant. Beeindruckend ist das Mysterium, das hinter den Tahlion steht und besonders die Rechtsprecher betrifft; stark angetan hat es mir das Reinigungsritual, das sie durchlaufen müssen, wenn sie eine Seele genommen haben. Hier erfährt man auch, wieso die Richter ihre Macht nicht missbrauchen können. Doch das Bild des Ordens ist kein ganz und gar lichtes – Stackpole zeigt auch, dass politisches Geschäft bisweilen nicht nur edle Mittel erfordert …

Die Handlung spitzt sich zu, als König Tirrell von Hamis von unbekannten Attentätern beseitigt werden soll. Nolan scheint der einzige geeignete Kandidat zu sein, um den König zu retten. Er besteht die erforderliche Prüfung, lehnt jedoch den Auftrag ab: Schließlich müsste er den Mann beschützen, dessen Soldaten seine Familie ausgelöscht haben. Aber Seine Exzellenz, der Politiker hinter den Kulissen, vermag ihn auf drastische Weise umzustimmen – und die Geschichte geht äußerst spannend weiter, mit unerwarteten Umschwüngen und Enthüllungen …

„Der Weg des Richters“ hat alles, was sehr gute Fantasy braucht: eine schlüssig und komplex konstruierte Welt, Kämpfe, Magie, den Weg eines Jungen zum Helden, Konflikte und Gefahren, Bestien in Menschen- und anderer Gestalt, Barden und Lieder, Liebe, Rivalität und Verrat … Stackpole schrieb das Buch 1986, vor Beginn seiner eigentlichen Karriere. Der Text wurde abgelehnt: Für den Erstling eines unbekannten Autors sei er zu lang. Doch verschaffte die Talentprobe dem Autor seinen ersten BATTLETECH-Auftrag. Es folgten STAR WARS-Romane, schließlich ein veröffentlichter Fantasy-Roman – und endlich konnte auch „Der Weg des Richters“ erscheinen.

Zum Glück!

_Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|