Strugatzki, Boris – Suche nach der Vorherbestimmung, Die

In den ersten dreißig Jahren seines Lebens entgeht Stanislaw Krasnogorow dreiundzwanzigmal nur um Haaresbreite dem Tod. Er erkennt, dass dies mit reinem Zufall nicht zu erklären ist, und begibt sich auf die Suche nach seiner Vorherbestimmung, die ihn offensichtlich auf diese Weise für etwas Besonderes aufspart. Er schreibt über seine wundersamen Rettungen ein Buch, das über Umwege beim KGB landet. Dort stellt man fest, dass mit der Geschichte Stanislaws verschiedene, ungeklärte Todesfälle verknüpft sind – neben Stanislaw starben und sterben auf unheimliche Weise Menschen, die irgendwie in sein Schicksal eingriffen, bzw. dies auch nur versuchten. Das Rätsel um diesen Zusammenhang löst jedoch auch der KGB nicht – und Stanislaw beschließt, seine unheimliche Gabe zu nutzen, die Zukunft Russlands zu verändern.

Ich habe mich mit diesem Buch sehr schwer getan. Nach mühseligem Einstieg, bei dem ich mich erst nach rund dreißig Seiten grob orientiert hatte, warfen mich ein ums andere mal Einschübe in Form von eingeklammerten Textpassagen aus der Handlung. In diesem Roman wird exzessiv „geklammert“. Zum Teil über ganze Absätze, sogar Seiten, laufen solche Nebenstränge in Klammern, störten den Lesefluss ganz erheblich und ließen mich immer wieder den roten Faden verlieren.

Überhaupt ist das Tempo des Romans derart wechselhaft, dass ich mich kaum darauf einstellen konnte – von flott zu lesenden, anekdotenhaften Passagen zu sich doch eher mühselig voranschleppenden Abschnitten (voller Klammern und lyrischer Ergüsse), bei denen ich oft den Eindruck hatte, nicht wirklich dahinter zu kommen, worum es eigentlich ging, was das jetzt soll, wer diese sporadisch auftauchenden neuen Personen mit verwirrend komplizierten, zum Teil sehr ähnlichen Namen eigentlich seien, welche Rolle sie und diese Szene überhaupt spielen sollten (… einer flott-fröhlichen, atmosphärisch sehr dichten Passage mit der Schwiegermutter folgt ohne Übergang die grausige Wendung zur staubtrockenen, fast in Telegrammstil nachgeschobene Todesnachricht.)

Die Einschübe illustrieren zwar ein intensives Sittengemälde vom Russland zwischen den Dreißigern des letzten Jahrhunderts und Prä-Perestroika, helfen der Geschichte selbst aber nicht voran. Der rote Faden der Handlung erscheint an vielen, vielen Stellen in zahllose Nebensächlichkeiten aufgefasert – als habe der Autor krampfhaft jede Möglichkeit genutzt, seine Lieblings-Anekdoten/Gedichte/Sinnsprüche usw. anzubringen. Dass sich letzten Endes aber doch alles zu einem einigermaßen homogenen Gewirk fügt (… mal von den wirklich SEHR ausufernden lyrischen Ergüssen abgesehen), tröstet – aber nur im Nachhinein, beim Lesen selbst ist es höchst anstrengend.

Anstrengend – das ist überhaupt ein sehr passendes Prädikat für den Roman. Wer nur Unterhaltung liest, ist mit diesem Buch falsch beraten (auch wenn es durchaus unterhaltsame Passagen enthält wie z. B.: „Das Programm zur Herstellung von Aphorismen funktionierte bei ihm wie eine Rüstungsfabrik und warf pro Woche zuverlässig zwei, drei auserlesene Perlen menschlicher Weisheit aus.“ (S. 75) „Vermeidet Trunkenheit am Steuer, der Wodka kommt auch so schon teuer.“ (S. 83) Neben solch launigen Abschnitten muss man sich bei dem Roman aber auf sehr grausige, blutrünstige Schilderungen gefasst machen – das Buch ist nichts für in dieser Hinsicht Zartbesaitete.

Auch die Sprache macht den Roman zu einem teilweise schweren Brocken – von ungewöhnlichen oder etwas altertümlichen Wendungen über Fremdworte, die nach dem Lexikon in Griffnähe verlangen, bis zu den Namen. Dass im Russischen ein und dieselbe Person auf derart viele verschiedene Namen hören kann, ist verwirrend und gewöhnungsbedürftig (bis ich etwa auseinandergedröselt hatte, dass Senja=Semjon=Sjomka, oder der KGB-Major einmal Major Krasnogorski, dann, ein paar Seiten später Wenjamin Iwanowitsch ist, dauerte es …)

In der ersten Hälfte des Buches ist übrigens nichts davon zu bemerken, es mit einem phantastischen Roman zu tun zu haben – erst in der zweiten kommen die phantastischen Elemente zum Tragen. In vier Teile, die jedes Mal wieder ganz neu ansetzen und Jahrzehnte überspringen, ist das Buch gegliedert.

Alles in allem hinterlässt mich der Roman zwiegespalten: er hat einerseits viele reizvolle Stellen zu bieten, ist aber äußerst anstrengend zu lesen. Er gibt ein recht gutes Bild von der Stimmungslage und Atmosphäre der UdSSR zwischen Dreißigerjahren und Prä-Perestroika und hat eine faszinierende, phantastische Grundidee. Die Handlung „hoppelt“ aber derartig, dass man gerade dann die Orientierung verliert, wenn man sich so richtig in die Geschichte hineingefunden hat, weil ausgerechnet dann mal wieder ein Einschnitt vorgenommen wird. Das frustriert. Leider sind diese Schnitte auch nicht immer so deutlich erkennbar wie bei den Teilen oder Kapiteln – manchmal liegen nämlich auch zwischen zwei simplen Absätzen Jahre. Ob eine Passage Erinnerung oder gegenwärtiges Erlebnis des Protagonisten ist, klärt sich oft erst Dutzende Seiten später. Das Lesen erfordert eine Menge Geduld und ein gutes Gedächtnis – kurz: volle Konzentration. Der Handlungsfaden ist verknäuelt wie in einer Filethäkelei mit unzähligen Extraschnörkelchen und Mausezähnchen; letzten Endes fügt sich zwar das meiste wieder logisch zusammen – zu einem ausgewogenen Gesamtwerk, das aber sicher nichts zum Nebenbeilesen ist. Es erfordert große Aufmerksamkeit und an manchen Stellen auch Durchhaltevermögen, wenn etwa seitenlang die Spaßlyrik eines feuchtfröhlichen Treffens geschildert wird.

Das Ende hat mich vollends ratlos zurückgelassen. Dass ich den Schluss des Romans nicht verstehe, hat mich nach all der Mühe beim Lesen ganz besonders frustriert, noch gesteigert dadurch, dass der dritte (vorletzte), ganz besonders interessante Teil des Buches so abrupt vom vierten, mich wieder völlig konfus machenden Schlussteil – mit wieder völlig neuen Personen, deren Namen und Bedeutungen für die Geschichte ich sortieren musste – abgelöst wurde. Auch im Rückblick gelingt es mir nicht, mit diesem Ende etwas anzufangen.

Fazit: ein äußerst anstrengendes Buch, das mich aber – bei aller Verwirrung – durch Idee und Atmosphäre passagenweise durchaus fasziniert hat.

_Susanne Jaja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Palahniuk, Chuck – Lullaby

_Fantastisch & makaber: tödliches Wiegenlied_

|“Language is a VIRUS from outer space“| (William S. Burroughs)

Ein Zeitungsreporter in USA findet heraus, dass ein afrikanisches Wiegenlied den Tod bringt. Und er kann es willentlich so einsetzen, auch lautlos. Er besitzt unbegrenzte Macht über das Leben von Millionen Menschen. Allerdings ist er nicht der Einzige, der diese Macht besitzt. Und die anderen haben bei weitem nicht seine Skrupel, sie einzusetzen.

_Der Autor_

Chuck Palahniuk ist der Autor der literarischen Vorlage zu David Finchers furiosem Film „Fight Club“ (verfilmt mit Edward Norton und Brad Pitt). Palahniuk, geboren 1962, ist französisch-russischer Abstammung und lebt in Portland, Oregon, auf einer Farm ohne Fernseher. „Schon in jungen Jahren träumte er davon, Schriftsteller zu werden, doch erst ein persönlicher Einschnitt in seinem Leben gab ihm schließlich den Impuls, seinen Traum zu verwirklichen“, erzählt der Klappentext. Mittlerweile habe der „Chuckster“ mit insgesamt sechs Romanen Kultstatus erreicht, nicht zuletzt durch „Fight Club“ (s.o.). Zuletzt erschien „Das letzte Protokoll“ im Februar 2005.

_Handlung_

Carl Streator, der Ich-Erzähler, scheint ein recht harmloser Zeitgenosse zu sein. Zunächst jedenfalls. Carl ist ein verwitweter Reporter um die vierzig, angestellt bei einer Provinzzeitung. Von dem Thema „plötzlicher Kindstod“ hat er sich nicht allzu viel versprochen, doch als er eine Reihe solcher Todesfälle (die oft den Freitod der Mutter nach sich ziehen) untersucht, stößt er auf eine merkwürdige Gemeinsamkeit: In den nunmehr verwaisten Kinderzimmern der Babys findet er den Sammelband „Gedichte und Lieder aus aller Welt“, stets aufgeschlagen auf Seite 27.

Dieses Buch weckt furchtbare, verdrängt geglaubte Erinnerungen in Carl, denn einst hatte er selbst jenes afrikanische Wiegenlied, ein „Lullaby“, das auf Seite 27 abgedruckt ist, seiner Frau und seiner kleinen Tochter vor dem Einschlafen vorgelesen. Am nächsten Morgen waren beide tot, friedlich lagen sie im jeweiligen Bett. Todesursache: unbekannt.

Mit der Zeit wächst in Carl der Gedanke heran, dass die scheinbar so harmlos wirkenden Zeilen den Tod verheißen. Er lernt die Zeilen auswendig. Sein Verdacht erhärtet sich, als er das Lied an einem unglaubwürdigen Fernsehprediger und einem aufdringlichen Radiosprecher testet, die ihn mit ihrem nie enden wollenden Gequäke nerven. Auch einer seiner Kollegen in der Redaktion nervt den armen Carl. Am nächsten Tag wird der Kollege vermisst.

Mit gelindem Entsetzen wird Carl bewusst, welche Macht er auf einmal in seinen Händen hält: Er braucht das Lied nicht einmal laut aufzusagen, sondern lediglich zu denken, und schon ist das auserkorene Opfer dem Tode geweiht. Doch geriete das Wissen von der tödlichen Wirkung des Wiegenliedes an die Öffentlichkeit, oder würde das Lied im Radio oder Fernsehen vorgetragen und verbreitet, bedeutete dies ewige Nachtruhe für Millionen von Menschen.

Doch dann beginnt der Ärger. Überall, wo Carl auftaucht, geben wenig später Menschen den Löffel ab, mit unbekannter Todesursache. Die Polizei ist ja auch nicht so wahnsinnig blöd. Und auch der Ambulanzfahrer Nash ist nicht auf den Kopf gefallen. Ihm gelingt es, den Trick mit dem Lullaby herauszubekommen und selbst anzuwenden, für abstoßende sexuelle Zwecke. Wenigstens versucht er nicht sofort, Carl zu erpressen. Das kommt erst später.

Dann stößt Carl auf eines der schrägsten und furchterregendsten Wesen, die man sich vorstellen kann: Helen Hoover Boyle, ihres Zeichens Immobilienmaklerin und Auftragsmörderin. Helen ist schon über fünfzig, sieht aber sehr gut konserviert aus. An jedem Finger trägt sie einen Diamantring, denn für ihre Aufträge lässt sie sich nicht in rückverfolgbaren Summen bezahlen, sondern in edelsten Steinen. O ja, man ahnt es schon: Auch sie kennt die Macht des Wiegenliedes und wendet sie ebenso diskret wie skrupellos an. Sie verscherbelt Spukhäuser, denn die neuen Besitzer sind schon nach wenigen Wochen wieder hinausgeekelt, so dass das Objekt wieder – wesentlich günstiger – zum Verkauf steht, und mit ihm das Mobiliar.

Helen ist Mitglied in einem spiritistischen Kreis, zu dem ihre Sekretärin Mona (Deckname: Mulberry) und ein virtuelles Anwaltbüro unter der Leitung eines jungen Mannes mit den Decknamen Oyster gehören. Mit ihnen zusammen macht sich Carl auf zu einer heroischen Mission: Alle restlichen 499 Exemplare des tödlichen Buches in den USA zu vernichten. Und um ein spezielles „Buch der Schatten“ zu finden, hinter dem der Hexenzirkel schon lange her ist: ein Buch mit Zaubersprüchen, ein so genanntes „Grimoire“.

Kurz und gut: Die beiden Missionen gelingen. Mehr oder weniger. Und ganz anders, als sich das jeder vorgestellt hat. Und nicht jeder erlebt das Ende.

_Mein Eindruck_

Dies klingt, zugegeben, schon fast nach einem Fantasyroman. Nur dass sämtliches Brimborium eines Fantasyromans fehlt, und die Geschichte völlig in der Gegenwart spielt, ähnlich wie eine Urban Fantasy von Charles de Lint, die mitunter in Toronto oder der kanadischen Provinz spielen kann.

|Sing me a song|

Der Knackpunkt ist das titelgebende Wiegenlied. Die Afrikaner, die es erdichteten, wollten damit ursprünglich in Zeiten der Hungersnot Alte, Schwache und Kranke von ihrem Elend erlösen, auf dass der restliche Stamm eine höhere Überlebenschance habe. Helen Hoover Boyle nennt es ein „Merzlied“, nach seiner Funktion des Ausmerzens. Das mag grausam klingen, aber das ist die Natur zuweilen auch, und wenn’s ums Überleben geht, greifen auch Menschen zu verzweifelten Mitteln.

Das Merzlied tut, was es soll: schmerzlos töten. Der Autor schreibt ihm lediglich eine Art Zaubermacht zu. Das ist vielleicht der einzige Fantasy-Aspekt daran. Es gibt Fernsehserien wie „Charmed“, die durchaus einfallsloser, aber auch spielerischer mit solchen Mächten umgehen. „Lullaby“ ist nicht spielerisch, sondern eher makaber und grimmig. Denn es geht ja um schier unendliche Macht.

|Verhängnisvolle Gruppendynamik|

Macht weckt bekanntlich Begierden und Neid. So kann es auch in der familienähnlichen Gruppe, die in ihrem Auto kreuz und quer durch die Staaten von Bibliothek zu Bibliothek gondelt, nicht ausbleiben, dass Machtkämpfe ausbrechen und Intrigen gesponnen werden. Wobei Helen eine ganz besonders unheilvolle Ausstrahlung verbreitet, wie eine dunkle Königin. Eine Mörderin, die aussieht wie Nancy Reagan. Nur ganz in Rosa.

Die Gruppe erinnert an jene Fight-Club-Therapiegruppen, mit denen der Autor offenbar langjährige, intensive Erfahrungen gesammelt hat. Solche Gruppen tauchen immer wieder in seinen Büchern auf. Ebenso die schrägen Verhaltensweisen, die sie verlangen oder auslösen. Die dynamische Psychostruktur in der Gruppe verlockt auch Carl mitunter dazu, seine Macht des Tötens anzuwenden, etwa gegen den aufmüpfigen Oyster oder die verführerische Mona. Dann beginnt er im Geiste Zahlen aufzusagen, zu zählen, um nicht das Merzlied auszulösen. Helen hat diese Hemmungen nicht. Der „body count“, den sie hinter sich zurücklässt, wächst rasant.

|Eine Mediensatire?|

Das „Time Magazine“ behauptet auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe: „Eine brillante Satire auf die Reizüberflutung in der modernen Informationsgesellschaft: Ein köstlicher Anti-Liebesgruß an unsere Welt!“

Ist es wirklich so einfach? Das mit der Reizüberflutung mag ja schon zutreffen, und das, was Fernsehprediger oder Radiosprecher von sich geben, kann durchaus nerven, so dass Carl zum Äußersten greift. Auch Oysters lediglich virtuell existente Anwaltskanzleien, die zu Sammelklagen aufrufen, um Geld zu kassieren, bilden einen satirischen Kommentar auf die Sucht der Amerikaner, wegen allem und jedem zu prozessieren.

Handfester ist hingegen die Kritik am Machtmissbrauch, dessen sich Helen schuldig macht. Wer sind ihre Auftraggeber, für die sie so effizient und lautlos tötet (Anruf genügt)? Sie sagt, es sind Regierungen und (Untergrund-) Organisationen, Carl scherzt, es sei das Außenministerium der USA. Helen, Carls warnendes Gegenteil, ist durch und durch Utilitaristin: Nur was nützt, ist gut. Will heißen; Nur das, was |ihr| nützt. Und danach kommt lange nichts mehr. Die Frau jagt mir kalte Schauder über den Rücken. Carl hingegen fühlt sich zu ihr hingezogen wie ein Spinnenmännchen zu einem -weibchen. Er wird schon sehen, was er davon hat.

|Language is a virus …|

Einen ganz wichtigen Aspekt, den ich bislang unterschlagen habe, bringt Oyster ein: biologische Umweltverschmutzung. Bevor die Weißen in Nordamerika ankamen, befand sich das Ökosystem dort in einem über Millionen Jahre entstandenen Gleichgewicht. Die Weißen brachten alle möglichen Arten ins Land, wo sie sich mangels Feinden hemmungslos ausbreiteten. Nicht nur Nilkarpfen oder Stare gehören dazu, sondern auch Pflanzen wie das Unkraut Kudzu oder die Trespe („Sie liebt das Feuer, die Trespe“). Die Gründe für das Einbringen waren manchmal verblendeter Idealismus (Stare), manchmal Gier auf Nahrungsversorgung (Karpfen an jeder Bahnstrecke), dann wieder Unvorsichtigkeit.

Ist das Verbreiten des Wiegenliedes in jenem idealistisch gedruckten Sammelband ebenso als eine Art Umweltverschmutzung aufzufassen? Falls ja, dann handelt es sich nicht um „Reizüberflutung“, sondern um Verseuchung durch Sprache und ihre Kraft, Ideen und Gedanken zu verbreiten. Wie sagte doch der Schriftsteller William S. Burroughs so treffend: „Language is a VIRUS from outer space“ – „Sprache ist ein Virus aus dem Weltraum“.

Erst an diesem Punkt scheint mir die Satire, die der Autor im Sinn hat, zu greifen. Er versucht sich vorzustellen, welche Folgen all die Soap-Operas mit Starlets und all die Radiosendungen von Fernsehpredigern auf „die Welt da draußen“ haben. Und mit „Welt“ meint er nicht nur die USA, sondern die ganze Welt, also beispielsweise auch die islamische. Es könnte eine Art Kulturkampf auslösen, meinte Hutchinson in seinem Buch „Culture Clash“. Als Erklärung für Al-Kaida ist das mittlerweile widerlegt worden; Al-Kaida und dem islamistischen Fundamentalismus geht es um anderes.

Aber was passiert, wenn ein Großteil der Welt schon so sehr die amerikanischen Sprach- und Medienerzeugnisse übernommen hat, dass eine geistige Monokultur entstanden ist, in der man andere Vor- und Einstellungen gar nicht mehr als legitim hinnehmen will? Monokulturen sind stets anfällig und fordern Attacken heraus, so etwa gegen |Windows| als Betriebssystem. Und wenn ein wirklich starker Gegner auftaucht, dann brechen sie mangels innerer Vielfalt zusammen, denn sie können sich nur mit wenigen Methoden zur Wehr setzen statt mit der Vielfalt, die meist der Gegner besitzt. Monokulturen sind eine Form von Krankheit. Vielleicht will uns der Autor dezent darauf hinweisen, was mit der Welt passiert.

_Unterm Strich_

Man muss nicht unbedingt schon ein totaler Fan von Chuck Palahniuk sein, um diesen Roman genießen und verstehen zu können. Palahniuk weiß eine spannende Handlung aufzubauen, die zu weiteren Konflikten mit etlichen schrägen Charakteren führt. Er erzählt die Story aber auf seine eigene unnachahmliche Weise, als hätten sich Kurt Vonnegut, Don de Lillo und Thomas Pynchon zusammengetan.

Wer „Fight Club“ mochte und verstand (vor allem das Ende), der könnte auch „Lullaby“ mögen und verstehen.

|Originaltitel: Lullaby, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Werner Schmitz|

Márai, Sándor – Glut, Die

_Die Glut der verborgenen Leidenschaft_

Im Jahre 1999 wurde dieses erzählerische Meisterwerk des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai wiederentdeckt. Im Mittelpunkt stehen eine tragische Dreiecksbeziehung und Fragen nach Freundschaft und Treue, nach Stolz und Noblesse.

_Der Autor_

Der ungarischer Erzähler Sándor Márai (ausgesprochen „schandor maroi“) lebte von 1900 bis 1989. Sein Roman „Die Glut“ erschien 1942. Jahrzehntelang war das umfangreiche schriftstellerische Werk des Ungarn in seiner Heimat verboten. Er hatte 1948 Ungarn verlassen und setzte – wie der ebenfalls ins Exil gegangene Stefan Zweig (gestorben 1942) – seinem Leben 1989 in San Diego ein Ende. Zu früh, so kurz vor der politischen Wende des Ostblocks. (Mehr Details am Schluss.)

_Die Sprecher_

Das Hörspiel von Sebastian Goy wurde von verschiedenen Rundfunkanstalten in Kooperation umgesetzt, darunter Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk. Regie führte Walter Adler. Das Hörbuch entstand im Jahr 2000, ist also nicht das jüngste.

General: Thomas Holtzmann. Über ihn ist mir nichts bekannt.

Konrad: Rolf Boysen – er spielte den kaiserlich-böhmischen General Wallenstein in der gleichnamigen TV-Verfilmung von Golo Manns Roman, die immer noch eine der besten Leistungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens der BRD darstellt.

Weitere Rollen wurden mit Doris Schade, Michael König, Susanne Lothar und Hans-Peter Hallwachs besetzt. Letzterer trat inzwischen auch als Sprecher von Hörbüchern hervor.

Das schöne Titelbild zeigt ein Gemälde von Alexandre Cabanet, mit dem er „Die Comtesse de Keller“ porträtierte, eine schwarzhaarige Schönheit in grünem Kleid und mit Perlenohrringen.

_Handlung_

Das Geschehen spielt an nur einem Abend des Jahres 1940, doch geht es im eigentlichen Sinn um eine kurze Zeitspanne vor exakt 41 Jahren und 43 Tagen, also im Jahre 1899. Henrik, dem General, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, sind solche Zahlen immer noch sehr wichtig. Seine Amme Nini, die immerhin schon 91 ist, weiß das nur zu gut. Und deshalb widerspricht sie seinen Anordnungen nicht. Genauso wenig, wie seinerzeit die Generalsgattin Krisztina ihm widersprach. Sie starb 1907, dreißigjährig, vor 32 Jahren. Und doch ist es, als wäre es erst gestern geschehen.

Heute ist ein besonderer Tag: Henriks Jugendfreund Konrad hat sich angekündigt. Der General beschließt, diesen Tag zu einem Tag der Rache und Abrechnung zu machen, für das, was Konrad getan hat.

Konrad, der seit jenem Schicksalstag in Singapur und London gelebt hat, war im Alter von zehn Jahren zum besten Freund des Generals geworden, als beide die Kadettenschule von Wien besuchten. Aufgenommen in Henriks Familie, blieb er das auch 24 Jahre hindurch, bis 1899. Doch Konrad liebte im Gegensatz zum General die Musik, empfand in ihr Lust und Befreiung. Diese Leidenschaft blieb dem pflichtbewussten General verschlossen, doch den Frauen gefiel sie. Warum dann ging Konrad weg, warum floh er an jenem Schicksalstag, trat aus dem Militär aus und wanderte in die feuchten Tropen aus?

Konrad ist keineswegs der Gesprächigste und rückt mit keinerlei Bekenntnissen heraus. Ist er zu feige oder zu rücksichtsvoll, um die Lebenden und die Toten (Krisztina) zu beschuldigen?

Daher erinnert der General ihn an jenen Morgen auf der Hirschjagd im Wald, als Konrad sein Gewehr auf den General, seinen besten Freund, anlegte und zielte. Warum schoss er nicht? Konrad ging weg und kehrte erst am Abend wieder, um mit Krisztina, die ein Buch über die Tropen (!) las, intensiv zu plaudern, so intensiv, dass sich ihr Mann ausgeschlossen fühlte.

Am nächsten Tag sucht er Krisztinas Tagebuch, in das er sonst immer Einblick erhalten hat: Es ist verschwunden. Bis heute. Heute hat der General das Tagebuch wieder und legt es Konrad ungeöffnet als Kronzeugen vor, quasi an Krisztinas Stelle. Wird Konrad sich verteidigen? Krisztina hatte ihn damals bereits angeklagt, als er verschwand: „Er ist geflohen. Der Feigling.“ Hatte sie etwa mit Konrad aus der Ehe ausbrechen und abreisen wollen? War das der Grund für Konrads „Flucht“? Danach sprach sie kein Wort mehr mit Henrik. Ein altes Rätsel, das gelöst werden muss.

Wird Konrad sich endlich verteidigen, oder wird der General das Tagebuch in die wartende Glut des Kaminfeuers werfen, auf dass die Wahrheit für immer begraben sei?

_Mein Eindruck_

Henrik, der General eines untergegangenen Reiches (das der Habsburger), hält einen beeindruckenden Monolog, in dem sich Rachegelüste, Enttäuschung und ein inniger Glaube an die Macht der Gefühle vermengen. Doch eine tiefe Kluft ist spürbar, ein kafkaesker Abgrund zwischen ihm und dem, was aktuelle politische Realität ist. Henrik ist ein Fossil.

Sein Jugendfreund Konrád hat dem nicht viel entgegenzusetzen, denn er schweigt meistens. Doch in dem Ringen um die Wahrheit verschiebt sich wiederholt die Perspektive. Am Ende steht zumindest bei Henrik die traurige Erkenntnis, dass dieses Ringen sinnlos ist. Die von beiden geliebte Frau ist seit Jahrzehnten tot; Henrik hat nach dem Vorfall nie wieder mit ihr gesprochen. War sie Konrads Komplizin und Geliebte? Henrik und Konrad haben – jeder auf seine Art – die Liebe verraten und damit ihrem Leben den Sinn geraubt.

Die Handlung verläuft quasi in drei Stufen: Zunächst das Warten des Hausherrn auf den Besuch des Jugendfreundes, dann folgt die Begegnung der beiden und schließlich der lange Monolog Henriks, nur wenige Male von Anmerkungen Konráds unterbrochen.

Die enorme Spannung, die der Text über die gesamte Länge aufrecht erhalten kann, speist sich aus der Neugier auf den Fortgang beziehungsweise die Auflösung der Geschichte. Sie lebt aber vor allem aus den aufgegriffenen Themen, aus der Tatsache, dass es die existenziellen, die letzten Fragen sind, die in diesem Buch gestellt werden. Treue zu Freund und Ehefrau, wechselseitiger Verrat der beiden, Suche nach Klarheit in der Aufklärung einer moralischen Katastrophe, die 41 Jahre zurückliegt, in einer anderen Welt, als das Reich noch in Ordnung war.

Nach und nach erweitern geschickt gesetzte Rückblenden im Zuhörer die Ahnung von dem Geschehen in dieser dramatischen Dreiecksgeschichte. Da jedoch alles aus der Perspektive der Hauptfigur des Generals geschildert wird, kann man nicht entscheiden, ob seine im Monolog entfaltete Version der Wirklichkeit entspricht. Es könnte auch ganz anders gewesen sein. Warum hatte Konrad nicht abgedrückt und seinen Freund erschossen? War dies die einzige Möglichkeit, sowohl Freund als auch Geliebte zu behalten? Im Ergebnis jedoch verlor er beide, lebten alle drei ein Scheinleben der Unerfülltheit.

Das Leben des Generals entscheidet sich an nur zwei Tagen des Jahres 1899. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime und verbotene Leidenschaft zueinander ihm den Boden unter den Füßen entzieht.

Urplötzlich befindet sich Henrik auf einer emotionalen Insel, separiert von Frau und Freund, genau wie er sich zeitlich nach dem Untergang des Reiches auch gesellschaftlich-politisch auf einer Insel des Gestern befindet, dem persönlichen Untergang entgegentreibend. Und so wird aus der Abrechnung mit Konrad zugleich auch eine Abrechnung mit der vergangenen Kultur der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Der Glanz ist vergangen, genau wie die Glut der Leidenschaft des Jahres 1899.

|Empfehlung|

Man sollte diese Geschichte gleich mehrmals erleben, denn sie besteht aus mehreren Schichten der Bedeutung. Jede Rückblende häuft eine weitere Dimension zum bereits Gesagten hinzu. Erkenntnis überlagert Erkenntnis. Ich habe mir wie immer Notizen gemacht – nicht nur, um die vertrackte Zeitstruktur auf die Reihe zu bekommen und mir die Namen zu merken, sondern auch um Henriks Argumente festzuhalten, die er gegen Konrad und seine Frau vorbringt. Doch am Ende steht der Eindruck, dass es um Dinge und Taten geht, die nicht in Worten ausgesprochen werden. Daher nochmals meine Empfehlung, das Hörspiel mehrmals anzuhören, um die Zwischentöne aufzuspüren.

|Die Sprecher|

Meist sprechen hier alte Männer, im Monolog dominiert Thomas Holtzmann als der alte General. Er spricht nuancenreich, wechselt oft das Tempo, je nachdem, ob er sich erinnert oder Konrad direkt anspricht. Die anderen bekannten Sprecher wie etwa Hans-Peter Hallwachs spielen eine sehr untergeordnete Rolle.

Dramaturgisch ist das Hörspiel aufgrund des dominierenden Monologs wenig attraktiv: Es passiert rein gar nichts, und nur die Psychologie des Augenblicks erschafft die Spannung aus der Frage, ob es am Ende Mord und Totschlag geben wird.

_Unterm Strich_

„Die Glut“ ist ein sehr ruhiges, absolut aktionsloses Hörspiel. Der Zuhörer ist gezwungen, genau hinzuhören, um zu erfassen, welches psychologische Drama sich entfaltet. Zudem finden viele Rückblenden Eingang in die psychologische Aufladung des Augenblicks, und die entscheidenden Zeitebenen liegen 41 Jahre auseinander. Dennoch mag das Hörspiel seinen hochliterarischen Reiz entfalten für denjenigen, der bereit ist, es sich mehrmals anzuhören. Es eignet sich definitv nicht für lange Autofahrten. Vielmehr sind in den Tiefen zwischen den Sätzen die Geheimnisse und Rätsel erst bei genauem Hinhören aufzuspüren. Dass sie existieren, können Millionen Leser in aller Welt bezeugen. „Die Glut“ war die literarischen Sensation der neunziger Jahre.

|Mehr Details über den Autor|

Sándor Márai, geboren am 11. April 1900 in Ungarn, studierte Philologie. Sein erster Gedichtband erschien 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Márai als Student und literarischer Feuilletonist in Deutschland und Paris. 1928 kehrte er zurück in die ungarische Heimat und erlebte dort in den dreißiger Jahren eine Zeit größter Schaffenskraft und literarischer Erfolge. 1948 floh er in den Westen und lebte in der Schweiz, in Italien und in Amerika. Nach dem Tod seiner Frau nahm Márai sich im Februar 1989 in San Diego, Kalifornien, das Leben.

Mehr dazu bei| [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor__M%C3%A1rai |

|Originaltitel: A gyertyák csonkig égnek
Originalausgabe 1942, Dt. Erstausgabe 1950, neu 1999 bei Piper
übersetzt von Christina Viragh|

James, Henry / Gruppe, Marc – Unschuldsengel, Die (Gruselkabinett 5)

_Psychodrama: Kampf der Unschuld gegen Dämonen_

England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Eine neue Gouvernante übernimmt die Betreuung und Erziehung der Waisen Miles und Flora auf dem einsam gelegenen, herrschaftlichen Landsitz Bly. Doch die Idylle trügt. Schreckliches hat sich hier ereignet.

Der böse Einfluss der vorherigen Gouvernante und des Hausverwalters scheint fortzuwirken, obwohl beide mittlerweile verstorben sind. Die neue Gouvernante beginnt, von Tag zu Tag mehr an den Unschuldsmienen ihrer Schützlinge zu zweifeln … (Verlagsinfo)

Empfohlen ab 14 Jahren.

_Der Autor_

Henry James (1843 bis 1916) wurde in den USA geboren, lebte aber ab 1876 in Großbritannien und entfaltete dort einen enormen Einfluss auf die Schriftsteller seiner Zeit, namentlich auf H. G. Wells und Joseph Conrad. Er ist eine zentrale Figur in der Entwicklung des modernen Romans und für die so genannte |Supernatural Fiction|, die heute unter Horrorliteratur subsumiert wird, von ebenso großer Bedeutung: Er führte das Konzept des „unzuverlässigen Berichterstatters“ als Erzählmodus ein und schrieb mit „The Turn of the Screw“ auch gleich das beste Beispiel dafür.

Wer sich den Film „The Others“ ins Gedächtnis ruft, dem wird auffallen, dass auch dort die Hauptfigur, durch deren Augen wir das Geschehen hauptsächlich – aber nicht durchgehend – verfolgen, ebenfalls höchst unzuverlässig ist. Das liegt an der einzigartigen Grundbedingung ihrer Wahrnehmung: Sie ist ein Geist.

_Die Sprecher_

Vor diesem Hintergrund ist es eine positive Überraschung zu lesen, dass die deutschen Stimmen der zwei Kinder der Hauptfigur in „The Others“ auch in „Die Unschuldsengel“ zu hören sind. Die deutschen Sprecher sind die selben: Lucas Mertens (Miles) und Charlotte Mertens (Flora).

Die weiteren Rollen:

Gouvernante (die durchweg namenlos ist): Rita Engelmann (dt. Stimme von Deneuve & Kim Novak)
Mrs. Grose: Regina Lemnitz (dt. Stimme v. Kathy Bates, Diane Keaton)
Violet Jessel, die vorherige Gouvernante: Arianne Borbach (zu hören als Catherine Zeta-Jones)
Peter Quint, der vorherige Hausverwalter, Violets Lover: David Nathan (Leonardo diCaprio, Christian Bale, Johnny Depp)
Vormund von Miles & Flora: Patrick Winczewski

_Handlung_

(Die sechs Seiten der Rahmenhandlung wurden auf eine einzige Szene verdichtet. Die Ich-Erzählung ist als eine Art Tagebuch anzusehen, das die tragischen Vorgänge auf Gut Bly erklären – und die Schreiberin rechtfertigen – soll.) „Niemals hätte ich diese Stellung annehmen dürfen.“

Eine junge Pfarrerstochter meldet sich auf eine Anzeige, in der eine Gouvernante gesucht wird, und stellt sich bei ihrem potenziellen Arbeitgeber vor. Sie begibt sich in das prächtige Stadthaus in der Harley Street, doch noch viel mehr fühlt sie sich durch den charmanten Hausherrn bezaubert. Er ist der Vormund der zwei Kinder seines in Indien verstorbenen Bruders und seiner Schwägerin. Da er als Junggeselle nichts von Kindererziehung verstehe, wolle er die Erziehung von Miles und Flora in kompetente Hände legen. Allerdings leben sie nicht in London, sondern auf dem Gut Bly, dem Stammsitz der Familie. Sie wäre quasi die Herrin auf Bly, falls sie zusage. Ihre Vorgängerinnen hätten, ähem, aufgegeben. Es gebe nur eine Bedingung, die er stelle: Sie dürfe ihn niemals, unter keinen Umständen, mit den Angelegenheiten auf Bly behelligen! Sie sagt zu.

Das Willkommen auf Bly könnte herzlicher nicht sein, und Mrs. Grose, die Haushälterin, ist eine hilfsbereite, wenn auch sehr einfache und ungebildete Frau. Die süße Flora teilt mit der neuen Gouvernante das Zimmer. Der zehnjährige Miles wird in drei Wochen aus dem Internat zurückerwartet, doch ein Brief seines Schuldirektors kündigt seine vorzeitige Rückkehr an. Die Gouvernante und Mrs. Grose können sich nicht erklären, warum Miles von der Schule verwiesen wurd: „schädliches Verhalten“ – was soll darunter zu verstehen sein?

Miles erweist sich als kleiner Gentleman und hat die arglose Gouvernante in Nullkommanix um den Finger gewickelt. Es ist Sommer und sie wähnt sich mit „ihren“ beiden Kindern wie im Paradies. Da sieht sie eines Tages einen fremden Mann auf dem Turm. Er wirkt auf sie wie eine dämonische Bedrohung, doch Mrs. Grose hat ihn nicht gesehen. Außerdem ist der Turm völlig unzugänglich. Doch die Gouvernante sieht den Fremden erneut draußen vor dem Fenster. Ihr ist klar: „Er sucht die Kinder!“

Nun muss Mrs. Grose mit der Wahrheit herausrücken: Es handle sich wohl der Beschreibung nach – feuerrotes Haar, stechender Blick, schlecht sitzende Kleidung – um Peter Quint, den früheren Hausverwalter. Doch er sei bereits Jahre tot. Nach einem seiner zahlreichen Kneipenbesuche habe er sich bei einem Sturz auf dem Heimweg eine tödliche Kopfwunde zugezogen. Miles sei ihm hörig gewesen, denn Quint führte unangefochten das Regiment auf Bly.

Der Schutzreflex der Gouvernante wird noch verstärkt durch die Geistererscheinung, die ihr am See widerfährt: Es ist Violet Jessel, die vorherige Gouvernante. Sie ruft nach Flora, so wie Quint stets nach Miles ruft. Doch Flora gibt vor, sie nicht zu kennen. Kein Wunder, denn auch Miss Jessel ist schon länger tot. Floras Verhalten weckt das Misstrauen der Gouvernante. Stecken sie und Miles etwa mit den beiden Geistern unter einer Decke? Haben sie sich gegen sie verschworen?

Da entdeckt die Gouvernante, welches Geheimnis sich hinter den beiden Geistern verbirgt. Ihre ernste Besorgnis steigert sich zu verzweifelter Panik, um ihre beiden Schutzbefohlenen vor dem Verderben zu retten.

_Mein Eindruck_

So wie Schönheit laut Volksmund im Auge des Betrachters liegt, so verhält es sich mitunter auch mit dem Bösen. Ist die Bedrohung durch Quint und Jessel für die Kinder wirklich oder eingebildet? Die Deutungen reichen von der Akzeptanz der beiden Geister bis hin zu einer völlig realistischen Erklärung. Die Gouvernante habe sich in ihren charmanten Dienstherrn, den Vormund, verliebt, doch als weit unter ihm stehende Pfarrerstochter unterdrückt sie ihre Libido, sublimiert sie vielmehr, indem sie sich zärtlich seinen beiden Mündeln widmet.

In Peter Quint erblickt sie den bedrohlichen Doppelgänger des Vormunds, und da sie weder auf Autorität noch auf Erfahrung zurückgreifen kann, ist sie völlig auf sich angewiesen. Ihren Befürchtungen ausgeliefert, bilde sie sich die Bedrohungen durch die beiden Vorgänger ein. Ihre eigenen Aggressionen gegen die Welt übertrage sie auf die beiden Vorgänger, verdammt sie zudem in moralischer Hinsicht, weil die beiden eine „schamlose“ Beziehung zueinander hatten. Ihre Aggression überträgt sie aber außerdem, und das ist letzten Endes ausschlaggebend, als Misstrauen auf die Kinder: Sie sollen Gehilfen der beiden Dämonen sein.

Dass das Auftauchen der Gouvernante die Dämonen erst zum Leben erweckten habe, ist eine weitere Deutung (E. F. Bleiler). Sie weigert sich zudem, den Dämonen irgendwelche Macht zuzugestehen, obwohl sie die Einzige ist, die sie wahrnehmen kann. Durch ihre Weigerung, eine weltliche Transzendenz der Realität zuzulassen, wird sie nicht der Epiphanie (vulgo: Erleuchtung) teilhaftig, wie sie für E. M. Fosters Figuren – etwa in „Ein Zimmer mit Aussicht“ – so charakteristisch ist. Sie erlangt nie das volle Verständnis der Lage der Dinge. Nicht nur sie, sondern vor allem ihre Schützlinge zahlen dafür einen hohen Preis.

Die größte Ironie besteht jedoch darin, dass sie selbst es ist, die zu einer Besessenen wird. In ihrem Kampf, sich als des Postens und der Aufgabe würdig zu beweisen, kann sie nicht auf Autorität oder altersbedingte Erfahrungen zurückgreifen. Mrs. Grose ist in ihrer Sturheit ebenfalls keine Hilfe. Die unschuldige Pfarrerstochter glaubt, endlich dem „schamlosen“ Geheimnis auf die Spur zu kommen, das Miles verbirgt: Worin bestand sein „schädliches Betragen“? Sie muss beweisen, dass die beiden Dämonen Quint und Jessel, das unmoralische Liebespaar, Besitz von den Kindern ergriffen haben. Nur so kann sie sich auch selbst für unschuldig halten und denken, sie befinde sich im Recht. Schlägt dieses Bemühen fehl, ist ihr Irrtum offenbar, ihr Versagen vollständig.

Und daher kennt ihre Besessenheit kaum Grenzen, als sie erkennt, dass die Kinder sie hänseln, ja, dass sogar der Hilferuf an ihren Vormund abgefangen wurde. Immer weiter wird die titelgebende Daumenschraube weitergedreht. Der innere Druck nimmt zu, ihre eigenen Repressalien – stets wohlmeinend zum Schutz der Kinder eingesetzt – erweisen sich schließlich als verhängnisvoll.

_Die Sprecher_

Die Hauptfigur ist natürlich die Gouvernante (die insgeheim als Ich-Erzählerin auftritt), und ihre Sprecherin Rita Engelmann präsentiert eine ausgezeichnete Darbietung ihres Könnens. Ihre Haltung wechselt von würdevoller Erzieherin häufig hin zur besorgten Mutterfigur, dann wieder – im Dialog mit Mrs. Grose – zur empörten Dame, die sich über das unmoralische Verhalten ihrer Vorgängerin Miss Jessel entrüstet. Mrs. Grose ist schnell als einfache Frau vom Lande zu erkennen; sie kann nicht einmal lesen. Die beiden Kinderrollen von Flora und Miles werden von Lucas und Charlotte Mertens ausgezeichnet ausgefüllt – sie sind ja auch seit ihrer Mitwirkung an „The Others“ richtige Profis.

Etwas kniffliger wird die Sache dann mit den beiden Geistern. Sie dürfen lediglich flüstern, doch es gibt auch etwas zu lachen. Besonders David Nathan als Lebemann Peter Quint tut sich mit einer hämischen Lache hervor, die ein bisschen dick aufgetragen wirkt. Schließlich darf er tatsächlich auch sexistische Schimpfwörter für die Gouvernante benutzen. Und in einer Szene verführt er sein Mitgespenst Violet Jessel wie ein wahrer Casanova. Dies ist der letzte Hinweis darauf, dass es in diesem Psychodrama nicht zuletzt auch um sexuelle Dominanz geht. Die Novelle lässt sich, wie gezeigt, in viele Richtungen deuten. Sie ist aufgrund dieser Thematik erst ab 14 Jahren empfohlen.

_Musik und Geräusche_

Da die Handlung im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, bietet es sich an, Musikformen jener Epoche einzusetzen. Dazu gehört die Klaviersonate. Am Anfang und Schluss erklingt das Piano, erst idyllisch-harmonisch, am Ende traurig in Moll. Zwischendurch hören wir aber auch ein volles Orchester, das mit einer dramatischen Passage die zunehmende Spannung im Hause Bly zum Ausdruck bringt.

Mehr als einmal tobt ein Gewitter über dem Anwesen und symbolisiert entsprechend aufgeregte Gefühle. Dabei überwiegt allerdings das Empfinden einer Bedrohung, eines nahenden Unheils: Raben krächzen. Dabei begann alles so idyllisch: zwitschernde Vögel, rauschende Bäume und plätscherndes Wasser. Doch wie so oft ist es Glockenklang – vor der Kirche, dem Symbol der Transzendenz -, der eine Wendung anzeigt. Die Gouvernante hat eine Entdeckung gemacht, die in ihren Augen Floras Komplizenschaft mit den Geistern belegt. Die Katastrophe lässt nicht auf sich warten.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel von Marc Gruppe vollzieht die langsam steigende Spannung, die stetige Entwicklung der Gouvernante leicht verständlich nach, so dass es keine Verständnisprobleme gibt. Anders als die ziemlich lange Novelle (die ich vor Jahren mal im Studium gelesen habe) kommt das Hörspiel ziemlich schnell auf den Punkt: Der Hörer weiß also stets, woran er ist.

Das bedeutet nicht, dass es hier eine Menge Action gibt, sondern vielmehr steht das Psychodrama im Vordergrund: Wie konnte es zu dem tragischen Verhängnis kommen, das uns am Ende schockt? Was an der Geschichte auffällt, ist indes die völlige Abwesenheit von Fantasy- und Horror-Accessoires wie etwa Werwölfe, Vampire, Giftmischer, Verwandlungen und dergleichen. Durchgehend sind wir in der Lage, das Befremden der Kinder nachzuvollziehen, die ihre Gouvernante immer wieder für verrückt halten – was diese natürlich keinesfalls akzeptieren will.

Obwohl also kein typischer Horror, wirkt doch die Story so, als könnten die Geister entweder echt sein oder auch nicht. In letzterem Fall wäre es eine Studie in entstehendem Wahnsinn, in ersterem eine der besten Gespenstergeschichten, die je geschrieben wurden. Kein Wunder also, dass sie mehrmals verfilmt wurde und es davon sogar eine Oper gibt, wenn ich mich recht entsinne.

|Originaltitel: The Turn of the Screw, 1898
ca. 72 Minuten auf 1 CD|

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5166 (Gruselkabinett 27)

Collins, Max Allan – CSI Miami: In der Hitze der Nacht

Standesgemäß und spektakulär kommt Kurt Wallace zu Tode: Aus einem fahrenden Auto erschießt man Miamis berüchtigten Bandenchef mit einem schweren Sturmgewehr. Acht weitere Menschen – meist Unbeteiligte – kostet der Anschlag ebenfalls das Leben. Droht ein Machtkampf unter organisierten Verbrechern in einen Bandenkrieg auszuarten? Das Gleichgewicht des Schreckens unter den Gangs der Stadt ist ohnehin labil. Ein Vorfall wie dieser reicht aus, die Lunte zu zünden. Die Polizei will dies unbedingt verhindern. Deshalb muss der Schuldige rasch gefunden werden.

Da dieser scheinbar keine Spuren am Tatort hinterlassen hat, geht das beste Team der Crime Scene Investigation, kurz C.S.I. genannt, unter Lieutenant Horation Caine von der Miami-Dade Police an seine schwierige Arbeit. Während Feuerwaffenexpertin Calleigh Duquesne und ihre Kollegen Tim Speedle und Eric Delko mit modernster kriminalistischer Technik und Alexx Woods in der Pathologie Indizien sichern, sieht sich Caine rasch den üblichen Zuständigkeitsquerelen unter verschiedenen Bundesbehörden ausgesetzt. Da der Mord an acht Menschen von den Medien ausgeschlachtet wird, drängen sich außerdem Karrieristen und kommunale Politiker in die Ermittlungen, um sich als möglichst tatkräftige Volksvertreter zu profilieren.

Unter diesen sticht der ehrgeizige Bezirksbundesanwalt Kenneth LaRussa hervor. Gleichzeitig gehört er zu den Verdächtigen: Die C.S.I.-Gruppe findet heraus, dass die Tatwaffe eigentlich im Beweismitteldepot seiner Behörde liegen müsste, nachdem sie im Rahmen eines früheren Verbrechens konfisziert wurde. Sie ist auch an Ort und Stelle, was die Frage aufwirft, wie sie aus dem Depot und nach der Mordattacke wieder hinein kam. Ist etwa Korruption im Spiel?

Der Verdacht erhärtet sich, als der unbekannte Mörder gezielt wieder zuschlägt. Er schießt auf den DEA-Agenten und Bandenspezialisten Jeremy Burnett, tötet aber „nur“ dessen Ehefrau. Als sich einige Gangbosse an einem geheimen Ort versammeln, um über einen Waffenstillstand zu beraten, werden auch sie umgebracht. Der Bandenkrieg in den Straßen von Miami ist da, die Zahl der Opfer steigt – und immer wieder ist der mysteriöse Mörder genau dort, wo er das Feuer weiter schüren kann. Wer informiert ihn, wer deckt ihn, wer ist er? Zäh arbeiten sich Caine und seine Leute an die Lösung des Rätsels heran, aber ihr Weg ist lang, bitter und gefahrenreich …

Seit 2002 jagt es für das Fernsehen im US-Sonnenstaat Florida mit Köpfchen, Reagenzglas & Superkleberdampf fast perfekte Mörder: das Team des „C.S.I. Miami“, ein Spin-off der ungemein erfolgreichen Serie „C.S.I. Las Vegas“ (seit 2000), welche 2004 sogar noch einen zweiten „Ableger“ bekam: „C.S.I. New York“.

Das Konzept der drei Serien ist grundsätzlich identisch: Mit modernstem Methoden der Ermittlungstechnik und der Gerichtsmedizin werden Verbrechen geklärt, die zunächst unter die Kategorie „unlösbar“ fallen. Angelehnt an den aktuellen Stand der Wissenschaft (wobei dieser TV-gerecht angehoben bzw. auch ignoriert wird, wenn es der Story nützt), verpackt in schnelle, bunte Bilder und besetzt mit fabelhaft kooperierenden Darstellern, finden die spannenden Storys ein begeistertes Publikum.

Dieses Potenzial wird von der Fernsehindustrie schon längst für Zusatzgeschäfte genutzt. Es gibt u. a. C.S.I.-Games, C.S.I.-Comics – und C.S.I.-Romane. Diese „tie-ins“ weisen eine für solche „Literatur“ ungewöhnliche Qualität auf. Normalerweise fabrizieren No-Name-Schreiberlinge möglichst billig „Bücher zum Film“, die als Verbrauchsware mit frühem Verfallsdatum gelten. Aller drei C.S.I.-Serien hat sich mit Max Allan Collins jedoch ein ungemein professioneller und mit eigenen Werken bekannt und erfolgreich gewordener Thrillerautor angenommen.

Die Lektüre verrät den Unterschied: „C.S.I. Miami: In der Hitze der Nacht“ ist zwar immer noch kein wirklich „guter“ Krimi, aber kein TV-Abfallprodukt. Collins hat sich gut in die Materie eingearbeitet. Der gelungene Plot hält sich dicht an das oben skizzierte Konzept. Die aus dem Fernsehen bekannten Figuren erkennt man sofort wieder – ein wichtiger Aspekt für die Leser eines „tie-ins“. Die Handlung ist rasant und erinnert mit ihren schnellen, aber nicht übertriebenen Sprüngen an den Schnittstil der TV-Vorlage. So liest man eine nicht verfilmte „C.S.I. Miami“-Episode und kann die Bilder sehr gut vor dem geistigen Auge selbst ablaufen lassen.

Die meisten Verfasser von „tie-in“-Romanen stören sich nicht an den Beschränkungen, die ihnen das Genre auferlegt: Sie sind in ihrer schriftstellerischen Freiheit deutlich eingeschränkt. Die Figuren müssen in Verhalten und Sprache ihrem Kino- oder TV-Pendant entsprechen. Abweichungen – zu denen auch eigene Einfälle zählen – führen leicht zu Irritationen. Ein weiteres Problem entsteht aus der Tatsache, dass Film und Buch zwei unterschiedliche Medien sind: Film rafft ein Geschehen, das im Buch beschrieben werden muss. Collins beherrscht die Kunst, „Drehbuchlücken“ mit eigenen Inhalten zu füllen, ohne dass diese auf das C.S.I.-typisch hohe Handlungstempo drücken.

Größer ist der Spielraum für die Charakterisierung von Nebenfiguren, wobei natürlich die Crux darin besteht, dass sich die Leser primär für das C.S.I.-Team interessieren. Die bekannten Wesenszüge (und Macken) der einzelnen Hauptpersonen weiß Collins geschickt zu vertiefen, ohne das TV-Konzept (oder -Korsett) zu sprengen. Horatio Caine wirkt sogar authentischer als im Fernsehen, weil Collins jenen Manierismus unberücksichtigt lässt, der den Schauspieler David Caruso penetrant zur Seite und ins Leere starren lässt, wenn er mit einem Verdächtigen spricht und bedeutungsschwanger wirken möchte.

Kein Wunder, dass Collins seine Helden am liebsten dort zeigt, wo sie auch die Fans gern sehen: bei der Arbeit. Leider wirken die oft verblüffenden (oder verblüffend gut erfundenen) Methoden der Spurensicherung in der Beschreibung nicht durchgängig so überzeugend wie im Fernsehen. Collins kompensiert dies, indem er dosiert Hintergrundinfos zur jeweils eingesetzten Methode einfließen lässt. Das gelingt nicht immer harmonisch, d. h. wirkt manchmal aufgesetzt, aber in der Regel funktioniert es. Zudem beherzigt der Verfasser eine Fernseh-Grundregel: Gib dem Spektakulären stets den Vorzug vor der Logik! Also fährt Calleigh Duquesne mit einem AK-47-Sturmgewehr in ein Schwimmbad, um es dort zu Testzwecken ins Wasser abzufeuern. So kennt man es, so will man es, so bekommt man es: keine Klagen seitens des Lesers. Den schwarzen Peter darf man getrost dem Unglückswurm zuschieben, der (oder die) den Einfall hatte, den Originaltitel „Heat Wave“ ausgerechnet mit „In der Hitze der Nacht“ zu „übersetzen“ …

Max Allan Collins wurde 1948 in Muscatine, US-Staat Iowa, geboren. Er entwickelte wie viele Kinder ein ausgeprägtes Interesse an Comics, entdeckte aber auch generell seine Liebe zur Populärkultur: zum Thriller, zur Musik, zum Fernsehen und für den Film. Collins beschloss schon früh, selbst schriftstellerisch aktiv werden. Sechs Romane verfasste der junge Mann während der High School; sie blieben alle unveröffentlicht.

In den ersten beiden Jahren als Student arbeitete Collins als Reporter. Ab 1971 unterrichtete er Englisch an einem College. 1977 gab er dies auf und etablierte sich als freier Schriftsteller. Sechs Jahre zuvor hatte er seinen ersten Roman verkaufen können: „Bait Money“ (dt. „Köder für Nolan“) wurde zugleich das Debüt seines ersten Serienhelden Nolan, der als professioneller Dieb ständig mit der Polizei wie mit der Unterwelt in Konflikt gerät. 1975 schuf Collins seine bisher bekannteste und erfolgreichste Figur. Ursprünglich war der Privatdetektiv Nathan Heller als Held einer Comic-Serie geplant, die jedoch ihre Premiere nicht mehr erlebte. Die aufwändigen Recherchen versetzten den Schriftsteller in die Lage, Heller 1983 mit „True Detective“ (dt. „Chicago 1933“) einen ebenso voluminösen wie eindrucksvollen ersten Auftritt zu verschaffen. Wie selten zuvor im Genre gelang Collins die Einbettung des klassischen „Schnüfflers“ in das historische Umfeld der frühen 1930er Jahre.

Im Comic-Bereich feierte Collins erste Erfolge als Texter für den Klassiker „Dick Tracy“, der seit 1931 läuft. Collins führte die Serie an ihre Ursprünge zurück und zu neuem Ansehen. Er textete auch für „Batman“ und schuf mit dem Zeichner Terry Beatty die erfolgreiche Comic-Serie „Ms. Tree“ um eine weibliche Privatdetektivin.

1990 entdeckte Collins ein neues Betätigungsfeld: Als „Dick Tracy“-Spezialist wurde er engagiert, das Buch zum Film von und mit Warren Beatty zu verfassen. Auch zwei Fortsetzungen flossen aus seiner Feder. Der Damm war gebrochen, seitdem schreibt Collins immer wieder „tie-ins“, die gegenüber den allzu oft minderwertigen, weil als „Nebenprodukt“ zum Film produzierten Romanen weniger talentierter bzw. inspirierter Kollegen durch ihre sorgfältige Machart und ihre Lesbarkeit auffallen.

Die Schaffenskraft des fleißigen Schriftstellers ist mit den beschriebenen Aktivitäten längst nicht erschöpft. Max Allan Collins schreibt und spielt seit den 1970er Jahren Rockmusik und gehörte verschiedenen Bands an, die durchaus kleinere Erfolge verzeichnen konnten. Im Film ist er inzwischen als Drehbuchautor („A Matter of Principa“, 2003), Produzent und Regisseur (u. a. die Independant-B-Thriller „Mommy“, 1995, und die Fortsetzung „Mommy’s Day“, 1997) aktiv, wenn auch auf diesem Gebiet (noch) nicht gerade berühmt. Zu seinen Erfolgen gehört allerdings die Graphic Novel „The Road to Perdition“ (1998), die in das Drehbuch zum gleichnamigen Film einfloss.

Lee, Julianne – Verbannung, Die (Das Schwert der Zeit 2)

Auch im zweiten Band ihrer Saga um „Das Schwert der Zeit“ entführt die Autorin Julianne Lee den Leser in die Zeit der letzten großen schottischen Aufstände gegen die Engländer. Sie bewegt sich dabei in den Spuren erfolgreicher Romane von Diana Gabaldon und Filme wie „Rob Roy“ und „Braveheart“.

Erinnern wir uns: Der Amerikaner Dylan Robert Matheson wurde von der Fee Sinann in die Vergangenheit zurückgeholt, um dem Volk der Schotten zu helfen und das Blatt der Geschichte vielleicht zu wenden. Der Mann aus der Zukunft weigerte sich zwar zunächst, passte sich dann aber an, als er den Clan seiner Vorfahren kennen und lieben lernte – und vor allem die Tochter des Lairds. Doch Neid und Verrat trennte die beiden Liebenden. Während das Mädchen mit einem Kaufmann aus Edinburgh verheiratet wurde, obwohl sie bereits ein Kind von Dylan erwartete, geriet der junge Mann in einen Hinterhalt und schloss sich nach seiner Genesung Rob Roy an, anstatt zum Clan zurückzukehren, weil dort die Verräter Oberhand gewonnen hatten.

Als er durch die schwere Verwundung in einer Schlacht wieder in die Zukunft zurückgeworfen wird, fühlt sich Dylan nicht mehr in der Gegenwart wohl. Er kann sich nicht mehr einleben. Obwohl er weiß, dass er manche Annehmlichkeiten vermissen wird, beschließt er, alle Brücken abzubrechen und in die Zeit zurückzukehren, die ihm mehr am Herzen liegt.
Der erneute Zauber gelingt mit Sinanns Hilfe. Diesmal entgeht Dylan dem beinahe tödlichen Schwertstoß und kann vom Schlachtfeld fliehen. Er beschließt nun seinem Herzen zu folgen und nicht mehr irgendwelchen Idealen, denn die Engländer haben den Aufstand blutig niedergeschlagen und nehmen nun brutal Rache.

Dylan weiß um Catrionaigs Schicksal und hofft, sie aus den Klauen ihres bösartigen Mannes Connor Ramsay zu befreien. Dazu schleicht er sich sogar bei diesem als Leibwächter ein und bekommt so einiges von dessen schurkischen Geschäften mit – unter anderem mit seinem Erzfeind, dem englischen Hauptmann Bedford, der Dylan einst tiefe Narben auf dem Rücken verpasste.

Dylan kann zunächst alles für sich und Catrionaigh zum Guten wenden. Sie kehren nach Hause zurück und werden miteinander vermählt, bauen sich auf dem ererbten Land eine eigene Hütte auf und vergrößern ihre Familie mit einer kleinen Tochter. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, denn die Schatten der Vergangenheit holen die Liebenden ein – und nur das Wissen einer Freundin aus der Zukunft kann noch Hilfe und Rettung bringen.

Ähnlich wie in „Vogelfrei“, dem ersten Band der Geschichte, entführt uns Julianne Lee in eine wild bewegte Zeit und auf die Seite der Hochlandschotten. Diesmal stehen jedoch weniger große historische Ereignisse im Vordergrund, sondern das kleine, persönliche Schicksal Dylans. Wieder begegnen wir hassenswerten Charakteren wie dem Lowlander Ramsay, der mit den Engländern gemeinsame Sache macht und auch noch anderen Perversitäten frönt, und Dylans liebenswerten Freunden. Die Autorin lässt ihren Helden langsam in die Zeit hineinwachsen – um so krasser ist dann das kurze Wiedersehen mit seiner Jugendfreundin Cody, durch das deutlich wird, wie sehr er das Denken und Fühlen seiner neuen Umgebung bereits verinnerlicht hat.

Auch wenn „Die Verbannung“ eher Gewicht auf die Liebesgeschichte legt, so führt das Buch doch die spannende und abenteuerliche Geschichte gelungen und konsequent weiter und ist ebenfalls lesenswert.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Stoker, Bram – Draculas Gast

Bei |LPL records| kennt man sich mit gepflegtem Grusel ja aus. In schöner Regelmäßigkeit werden dort ansprechende Hörbücher mit hochkarätigen Sprechern produziert und der Slogan von LPL, „Gänsehaut für die Ohren“, ist keineswegs ein leeres Versprechen. Bei LPL hat man schon Lovecraft oder Lumley auf CD gebannt, den Zuhörer mit Gruselmärchen unterhalten und HR Giger für eine Zusammenarbeit gewonnen. Bei so viel Gruselpotenzial darf natürlich auch ein Altmeister des gotischen Grauens nicht fehlen: Bram Stoker, wohl am besten (und fast ausschließlich) für seinen [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210 bekannt, hat eine durchaus stolze Anzahl Romane und Kurzgeschichten geschrieben. Es gibt also keinen Grund, dem Hörer noch eine Interpretation des „Dracula“ zu bieten (die gibt es schon zur Genüge), stattdessen hat man sich bei LPL für drei Kurzgeschichten entschieden.

In „Draculas Gast“, der titelgebenden Geschichte, treffen wir auf Jonathan Harker, der auf seiner Reise nach Transsilvanien gerade einen Stopp in München einlegt. Von der Abenteuerlust gepackt, begibt er sich auf eine Ausfahrt, um die Gegend zu erkunden – die Warnungen seines Kutschers nicht beachtend. Dieser nämlich stirbt fast vor Angst, ist doch grad Walpurgisnacht. Dem Engländer allerdings bedeutet der kontinentale Volksglauben im katholischen Bayern überhaupt nichts, und so treibt er seine Erkundungstour nötigenfalls auch ohne den schlotternden Kutscher voran. Allerdings nicht, bevor dieser ihm eine unheimliche Geschichte von einem verlassenen Dorf ganz in der Nähe erzählt hat, dessen Bewohner offensichtlich Vampiren zum Opfer fielen. Jonathan lacht dem Kutscher – und der Gefahr – ins Gesicht, schickt die Kutsche zurück zum Hotel und geht zu Fuß weiter. Bald trifft er auf einen Friedhof, auf ein seltsames Grab, auf einen starken Schneesturm und und einen viel zu zutraulichen Wolf … Selbst dem überhaupt nicht abergläubischen Jonathan wird es da mulmig.

„Draculas Gast“ ist eigentlich das verworfene erste Kapitel von Stokers großem Roman über den Grafen der Vampyre und damit merkt man der Geschichte den Expositionscharakter auch an. Eigentlich wirft die Geschichte nämlich mehr Fragen auf als sie klärt, besonders nach dem ominösen Schluss (der hier natürlich nicht verraten wird). Stoker nimmt sich viel Zeit, seinen Handlungsort zu schildern und den Leser auf die kommenden unheimlichen Ereignisse einzustimmen. Und auch hier, stärker noch als später im Roman, wird dem Protagonisten seine überhebliche Haltung gegenüber dem Glauben und den Gebräuchen seines Reiselandes zum Verhängnis – offensichtlich ein beliebtes Thema für Stoker, wie die beiden anderen Kurzgeschichten zeigen werden. Zu Hochform läuft Stoker auf, wenn er die aufgewühlte Natur während des Schneesturms beschreibt. Wald und Wetter werden zum personifizierten Gegner, zu einem Charakter innerhalb der Geschichte, der zu großen Teilen für das Unwohlsein seines Zuhörers verantwortlich ist. Harker dagegen ist nur ein Spielball größerer Mächten – sein aufgeklärter Rationalismus hilft ihm angesichts solcher Ereignisse nicht weiter.

In „Das Haus des Richters“ geht es traditioneller und geordneter zu. Der Student Malcolm Malcolmson zieht sich aufs Land, genauer ins Städtchen Benchurch, zurück, um dort ungestört für sein Mathematikexamen lernen zu können. Er mietet sich in einem leer stehenden Haus ein, das im Ort nur als „das Haus des Richters“ bekannt ist, was bei der Gastwirtin hysterische Anfälle auslöst, ohne dass sie erklären könnte, was es mit dem Haus genau auf sich hat. Doch Malcolm, genauso rational veranlagt wie Jonathan Harker, lässt sich von einem neurotischen Frauenzimmer nicht schrecken und macht es sich in dem Haus bequem. Zunächst kommt er mit dem Lernen auch gut zurecht und lässt sich selbst von den zahlreich vorhandenen Ratten nicht stören (er ist eben sehr stoisch). Zwar befindet sich unter den Ratten auch ein besonders großes Exemplar, das sich ganz selbstverständlich auf einem Sessel niederlässt, doch kann er das Tier vertreiben, indem er es mit Büchern bewirft (was für eine Taktik). Nun sollte ihm zu denken geben, dass seine Mathematikbücher keine Wirkung zeigten und die Ratte sich nur durch die geworfene Familienbibel vertreiben ließ – doch Malcolm ist wie gesagt Rationalist und fröhnt keinesfalls dem Aberglauben.

Natürlich wird ihm letztendlich genau diese Einstellung zum Verhängnis und das Haus des Richters macht seinem Namen alle Ehre. Und so hat der arme Malcolmson ganz umsonst für sein Examen gelernt, stellt sich doch letztendlich heraus, dass die riesige Ratte gar keine Ratte ist.

„Das Haus des Richters“ ist eine klassische Gruselgeschichte über ein Spukhaus, das dennoch (oder gerade deswegen) seine Wirkung nicht verfehlt. Zwar bleiben einige Fragen offen, doch überzeugt Stoker gerade in der Beschreibung der Abgeschiedenheit seines Handlungsortes. Und natürlich läuft sein Protagonist Malcolmson sehenden Auges in sein Unglück, sodass man nur begrenztes Mitleid für ihn entwickeln mag.

Die dritte Geschichte, „Die Sqaw“, ist gleichzeitig der makabre Höhepunkt des Hörbuchs. Ein Ehepaar in den Flitterwochen (doch ihre romantischen Neigungen halten sich in Grenzen) befinden sich auf Sightseeingtour in Nürnberg. Ihnen schließt sich der Amerikaner Hutcheson an, der das Ehepaar durch seine Anwesenheit fortan nicht nur vom Streiten abhält, sondern es auch mit Abenteuergeschichten unterhält. Die beiden fressen, aus irgendeinem unverständlichen Grund, sofort einen Narren am laustarken und überheblichen Hutcheson, der beweist, dass das Stereotyp des unverdient selbstbewussten Amerikaners nicht erst eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Und so stellt sich Hutcheson selbst zwar als liebenswürdig und empfindsam dar, beschreibt die Indianer seiner Heimat aber als brutale Barbaren und ist sich nicht zu schade, eine Geldbörse aus Menschenhaut bei sich zu tragen. Kurzum: Dem Leser stößt Hutcheson mehr und mehr auf. Und das geht auch einer Katze so, auf die das Trio auf der Nürnberger Burg stößt. Hutcheson erschlägt – ganz aus Versehen natürlich – deren Junges mit einem Stein und spätestens seit Poe wissen wir, dass mit Katzen nicht zu scherzen ist. Hutcheson wird sein Ende finden, und es wird besonders blutig und besonders unangenehm sein.

Wieder ereilt den Protagonisten, der unfähig ist, andere Kulturen zu verstehen und zu akzeptieren, ein tödliches Schicksal. Doch wo Harker und Malcolmson noch Sympathien beim Leser hervorrufen konnten, da sieht man sich in „Die Sqaw“ unversehens auf der Seite der Katze wieder, die geschickt Rache an Hutcheson nimmt und so den Tod ihres Nachwuchses rächt. Das Ende, das Hutcheson ereilt, wird von Stoker lange und genüsslich vorbereitet und der Leser weiß längst, welchen Ausgang die Geschichte nehmen wird, als Hutcheson sich noch lautstark amüsiert.

Es ist wirklich eine Bereicherung, mal etwas anderes von Stoker genießen zu können als immer nur „Dracula“, wenn natürlich, der Gerechtigkeit halber, hinzugefügt werden muss, dass „Dracula“ sein bestes und suggestivstes Werk bleiben wird. Doch Stokers gotische Kurzgeschichtenschrecken vermögen auch heute wohlige Schauer hervorzurufen, gerade wenn sie von einem so patenten Sprecher wie Lutz Riedel vorgetragen werden. Mit Freude arbeitet er jeweils auf den Höhepunkt der Geschichte hin, um diesen dann ausgiebigst auszukosten. Billige Effekte braucht es da nicht. Stimme und Wortgewalt reichen vollkommen aus. Abgerundet wird das Hörbuch wie immer durch die Musik von Andy Matern, dessen dräuende Melodien dem Hörer wohlige Schauer über den Rücken laufen lassen werden. Mal wieder ist |LPL| damit ein Treffer ins Schwarze gelungen!

George Orwell – 1984

Aufruf zum Thoughtcrime

Die Ära des Kommunismus, auf die Orwell mit seiner omnipotenten, bedrohlichen und in ihrer Gesamtheit niemals erklärbaren Partei, dem Hinweis auf Drei-Jahres-Pläne (vgl. die kommunistischen/sozialistischen Fünf-Jahres-Pläne) und dem beständigen Mangel an Konsumgütern bei gleichzeitiger Planerfüllung, die mit Hilfe von Manipulationen erreicht wird, anspielt, ist Geschichte. Doch, obwohl kein totalitäres System im Ausmaße von „1984“ existiert (fraglich, ob es so umfassend jemals existieren könnte), sehen wir gerade heute wieder ganz deutlich die Gültigkeit von Orwells Analyse der Funktion von Krieg. Auch einer der interessantesten Komponenten des Romans wollen wir die nötige Aufmerksamkeit schenken: der Funktion von Newspeak (dt. Neussprech), der Manipulation von Sprache.

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Franz Fühmann – Prometheus

Prometheus‘ Geheimnis: das Experiment Mensch

Das Hörspiel des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) aus dem Jahr 2001 beruht auf den zwei Romanen „Prometheus. Die Titanenschlacht“ und „Prometheus. Die Zeugung“ des DDR-Autors Franz Fühmann (siehe unten).

Fühmann, schon immer ein Freund der literarischen Gattung Mythos, verarbeitet die ältesten griechischen Sagen über die Entstehung von Himmel und Erde, die Titanen, ihre Niederlage gegen die (neuen) Götter, das Schicksal des Prometheus und seine Erschaffung der Menschen. Wie es danach weiterging, muss man bei Gustav Schwab nachlesen, denn Fühmanns Romane blieben unvollendet.

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Gibson, William / Sterling, Bruce – Differenzmaschine, Die

_Die Computer-Rebellen des 19. Jahrhunderts_

William Gibson hat sich einen Ruf als Moralist der Science-Fiction erworben, hier bestätigt er ihn. Zusammen mit Bruce Sterling vernichtet er den Mythos von einer heilsbringenden Herrschaft der Computer, ja die Vorstellung von einer |Future History| der Menschheit überhaupt. Daher sollte dieses Werk keinesfalls unterschätzt werden.

Dieser Roman ist dem so genannten „Steampunk“ zuzurechnen: Elektronik, Magie, Zeitreise, d. h. alle möglichen SF-Themen finden im 19. Jahrhundert statt in der Zukunft oder Gegenwart ihre Anwendung. Und im 19. Jahrhundert dient den Autoren das London von Charles Dickens als Schauplatz der Handlung.

_Die Autoren_

William Gibson lebt in Vancouver, British Columbia, jener Gegend, in der auch seine Kollege Douglas Coupland lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er fing als Englischlehrer an, floh vor dem Wehrdienst ins kanadische Toronto und schrieb ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre Erzählungen, die die Science-Fiction verändern sollten.

Höhepunkt dieser Entwicklung war der Roman „Neuromancer“, in dem er den „Cyberspace“ postulierte, das, was wir heute als Internet kennen und nutzen. Allerdings stöpselt sich Gibsons Held Case direkt in den Computer ein. Auch an dieser direkten Gehirn-Maschine-Verbindung wird bereits gearbeitet, Geräte für Endverbraucher waren schon auf der CeBIT 2004 zu sehen.

Sein Werk bestand bis zu „Pattern Recognition“ aus vielen Storys und zwei Roman-Trilogien, der „Neuromancer“- und der „Idoru“-Trilogie. Alle Bücher sind bei |Heyne| erschienen. Doch „Mustererkennung“ erscheint im Juli 2004 bei einem Verlag, der nicht gerade für Science-Fiction bekannt ist, sondern vielmehr für Tolkien und andere Fantasy: bei |Klett-Cotta|.

Mehr Infos unter: http://www.williamgibsonbooks.com.

William Gibson bei |Buchwurm.info|:
[Neuromancer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280
[Neuromancer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=521 (Hörspielfassung)
[Mustererkennung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=463

Bruce Sterling ist der eigentliche Wortführer („Vincent Omniaveritas“) des Cyberpunk und neben William Gibson und Walter Jon Williams der wichtigste Autor dieser postmodernen Richtung der Science-Fiction. Seine Anthologie „Mirrorshades“ (dt. als „Spiegelschatten“, bei Heyne als Nr. 06/4544 erschienen) setzte seinerzeit Maßstäbe. Sie gilt als die beste und wichtigste Anthologie der Achtzigerjahre. Inzwischen hat Sterling mehrere bedeutende Romane wie „Heiliges Feuer“ und „Brennendes Land“ vorgelegt.

Bruce Sterling bei |Buchwurm.info|:
[Inseln im Netz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=736

_Handlung_

London im Smog, Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Parallelwelt. Das Computerzeitalter ist angebrochen, seit es dem berühmten Erfinder Charles Babbage 1821 gelungen ist, seine auf dem Lochkartensystem basierende „Differenz-Maschine“ zu vervollkommnen. Dampfbetriebene Computer treiben die Industrielle Revolution voran, Großbritannien und Frankreich haben Europa untereinander aufgeteilt, ebenso den kolonisierbaren Rest der Welt. Eine goldenes Zeitalter?

Leider nein, denn die menschliche Natur ist die gleiche geblieben: Neid, Hass und Verrat gedeihen wie eh und je und verstricken die unterschiedlichsten Menschen in folgenreiche Ereignisse von Gewalt und Brutalität. An der Spitze der sozialen Pyramide: der skrupellose Wüstling Lord Byron als Premierminister einer technokratischen Regierung.

Da wäre zum Beispiel Sybil Gerard, die Tochter eines berüchtigten Ludditen, d.h. Maschinenstürmers – eine „gefallene Frau“ und Edelprostituierte; und da wäre Edward Mallory, Entdecker, Paläontologe und Rekonstrukteur des Land-Leviathan; und da wäre Lady Ada Byron, die Tochter des Premierministers, ein mathematisches Genie und eine zwanghafte Glücksspielerin; und schließlich Laurence Oliphant, seines Zeichens Leiter der Geheimdienstabteilung des Außenministeriums, ein Diplomat und Drahtzieher.

Diese vier und viele weitere sind wider Willen gefangen im Netz einer Verschwörung, das Großbritannien mit dem Frankreich Louis Napoleons und Karl Marx‘ Kommune von Manhattan miteinander verbindet. Und es kommt noch dicker: Der Computer des Titels scheint auf dem besten Weg, ein Bewusstsein zu erlangen und die Weltherrschaft anzustreben …

_Mein Eindruck_

Großbritannien wird dargestellt als ein negatives Utopia, dessen sichtbare Verelendung und Verschmutzung die apokalyptischen Visionen, die Charles Dickens (z.B. aus „Hard Times“) von einem industrialisierten Land hatte, widerzuspiegeln scheint. Dieses Land wird beherrscht von Berechnung, Berechenbarkeit, Bemessung und streng „praktischen“ Erwägungen. Große Autobahnen für stinkende Automobile durchziehen das erstickende London; gigantische Hochäuser beherbergen die bürokratische Elite der Technokraten, die die MASCHINEN bedienen, das heißt die großen, dampfbetriebenen Lochkartencomputer. Hier wird der Maschinengott elektronisch erleuchtet, sein erwachendes Bewusstsein ist eine Bedrohung der gesamten Welt.

Dies verlangt geradezu nach einer Maschinenstürmerin wie Sybil Gerard. In der Jagd auf sie inszenieren die beiden Autoren ein wildes Autorennen quer durch die versmogte Innenstadt von London, mit einem fulminanten Showdown in den elenden Hafendocks, wo das Verbrechen blüht.

Für den Leser erweist es sich jedoch als großer Vorteil, wenn er schon viel über das viktorianische London und über die Arbeitsweise von Computern weiß. Dies verhilft zu etlichen ironischen Einsichten, die die Handlung und einige der Charaktere anbieten. Karl Marx nach Manhattan zu verfrachten und seine Kommune dort, in der Hochburg des Kapitalismus, einrichten zu lassen, ist schon ein starkes Stück.

|Originaltitel: The Difference Engine, 1990
Aus dem US-Englischen übertragen von Walter Brumm
Mit einem Nachwort von Michael Nagula|

Brodkey, Harold – Unschuld

_Erotisches Er(d)beben_

„Unschuld“ beschreibt die Bemühungen des Ich-Erzählers, die Studentin Orra Perkins zum ersten Mal in ihrem Leben zu einem Orgasmus zu bringen. Der Autor hat die Möglichkeiten, zugleich plastisch als auch reflektiert über Sexualität zu sprechen, erweitert: Momentaufnahmen des Bewusstseins in unterschiedlichsten Zuständen.

|Der Autor|

Harold Brodkey, geboren 1930 in Illinois,, veröffentlichte 1958 unter dem Titel „Erste Liebe und andere Sorgen“ seinen ersten Erzählband. Erst dreißig Jahre später legte er den Band „Stories in an almost classical mode“ („Nahezu klassische Stories“) vor, dem „Unschuld“ entnommen ist. Brodkey erkrankte an AIDS und starb 1996.

|Der Sprecher|

Matthias Fuchs, geboren 1939, war Ensemblemitglied im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, spielte in diversen Film- und Fernsehrollen und hat zahlreiche Hörbücher gelesen. Er starb am 1. Januar 2002, drei Monate nach der Aufnahme dieses Hörbuches. Die Lesung bietet den ungekürzten Text der Erzählung.

_Handlung_

|Phase 1.|

Die 21-jährige Orra Perkins ist in Harvard (bei Boston) eine schöne und reiche „Prinzessin“, die gerne mit Männern schläft. Sie tut dies schon seitdem sie 15 ist, doch wie Willy, unser gleichaltriger Erzähler herausfindet, hat sie noch nie einen Orgasmus gehabt. Willy selbst nimmt sich im Vergleich zu ihr wie ein Bettler aus, jedoch: Er ist in sie verliebt.

|Nächste Phase.|

Willy empfängt Orra in seinem Zimmer im Studentenwohnheim, unter der Bettdecke ist er nackt. Sofort schlüpft sie entkleidet zu ihm, denn ihr scheint mehr am Glück der Männer zu liegen als an ihrem eigenen. Er findet sie dilettantisch im Bett, sie kann wie immer nicht kommen. Da sie seine Trophäe ist, schließt ihr Besitz seine Liebe im Grunde aus, also muss er sie anlügen. Er ist im Grunde seines Wesens ein Lehrer und Gestalter …

Sie verweist auf die Romane, die Frauen über Sex geschrieben haben, doch diese Bücher findet Willy naiv, manipulativ und romantisch. Sie hätten mit der Realität rein gar nichts zu tun: Intelligente Frauen wollen Kontrolle ihrer Lust, wohingegen die frechen und forschen sie befriedigen wollen und sich zu ihr bekennen. Zu ihnen gehört Orra nicht. Sie behauptet zwar, im Bett eine „Tigerin“ zu sein, doch entzieht sie sich ihrer Verantwortung, die die dabei entstehenden Gefühle mit sich bringen: Sie produziert Sex um der Glücksgefühle willen, die sie den Männern damit spenden kann.

|3. Phase.|

Willy hat eine Mission beschlossen: Er will Orra „erwecken“, koste es, was es wolle. Am gleichen Ort, zu einer anderen Zeit nimmt er sie mehrmals. Um sie weiter erregen zu können, behauptet er, sie zu seinem eigenen (!) Vergnügen lecken zu wollen. Entgegen ihrer Proteste setzt er den Cunnilingus fort: Ist er Masochist oder stolzer Egoist? Er betrachtet sich wie ein altgriechisches Kriegsschiff, das den Meeresschaum durchpflügt. Das Meer ist Orras Körper und ihre Lust.

Orras Lust geht von sexueller zu religiöser Erregung über. Vor Willys Augen (und seiner unermüdlichen Zunge) scheint sie sich in einen Engel mit drei Flügelpaaren zu verwandeln. In drei Phasen entfaltet sie je ein Flügelpaar, und ihr Körper bäumt und schwingt sich auf. „Willy, etwas passiert!“ ruft sie. „Es hört gar nicht mehr auf. Es tut weh.“ …

_Mein Eindruck_

Ob Willy das Ziel seiner Mission, sei sie nun selbstlos oder selbstsüchtig, erreicht, muss jeder selbst nachlesen. Dürre Kritikerworte reichen nicht aus, um die Glorie des „Höhepunkts“ (in jeder Hinsicht) zu beschreiben.

Eines steht fest: Dieser Bursche kann wirklich mit Sprache umgehen. Das Geschehen selbst könnte von einem Lohnschreiber erfundenen worden sein und in jedem an Magazine wie „Penthouse“ oder „Hustler“ geschickten „Bekenntnisbrief“ stehen. Die können auch ganz schön saftig und anschaulich sein. Sie bedienen sich ebenfalls einer offenherzigen Umgangssprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch Brodkeys „Unschuld“ geht weit darüber hinaus.

„Unschuld“ ist hohe, großartige Literatur. Die Begegnung zwischen Willy und Orra Perkins ist nicht nur sehr intensiv und in zahlreichen Bildern poetisch überhöht – siehe oben: Trireme, Engel, Tigerin usw. -, sondern es ist auch deutlich, dass sich hier zwei verschiedene Kulturkreise treffen. Und die beiden unterscheiden sich in ihrer Einstellung zu dem, was Sex ihnen bringen soll, grundsätzlich.

Hat Willy, der Jude, einen Christuskomplex? Warum will er unbedingt Orra „erwecken“? Muss sie erlöst werden? Von ihrer Ichbezogenheit, von ihrer zwanghaft erledigten Beglückung der Männer bei gleichzeitiger Hintanstellung eigenen Glücks?

Dies ist schwankender Boden, was die Beurteilung von Willys und Orras Ethik angeht. Ob er Egoist oder Altruist ist, ein Christusjünger oder einfach doch nur ein Sexbessessener, das hängt manchmal nur vom Standpunkt des Betrachters ab. Orra selbst urteilt nicht. Jegliche Urteilskraft hat sie fahren lassen, ihre Proteste gegen den Cunnilingus ignoriert Willy geflissentlich. Und danach wird sie nur noch vom Einsturz psychischer Mauern in Anspruch genommen.

Orra verwandelt sich daher, und Willy ist in seiner jüdischen Metaphorik gefangen, vergleicht sie mit einem Engel, der einen meerumschlungenen Glasberg emporklimmt. Ein Seraph, der in ein fremdartiges neues Element vordringt, nur noch halb menschlich, ansonsten ein übermenschliches Wesen, meint Willy.

Brodkey gelingt es scheinbar mühelos, die richtigen, passenden Wörter zu finden, um sowohl die mundanen körperlichen Aktivitäten als auch die seelische Ekstase zu beschreiben und in ihren Auswirkungen eindrucksvoll zu schildern.

Denn dies ist sein Glaubensbekenntnis: |“Ich misstraue allen Zusammenfassungen, jedem raffenden Durchgleiten der Zeit, jedem zu hoch gegriffenen Anspruch, unter Kontrolle zu haben, was man erzählt; ich glaube, wer zu verstehen behauptet, diese Emotion aber nur gemächlich aus der Erinnerung holt, der ist einfach ein Narr und ein Lügner. VERSTEHEN HEISST ZITTERN. SICH WIRKLICH ERINNERN HEISST WIEDEREINTAUCHEN UND ZERRISSEN WERDEN.“| Dieser Satz (meine Hervorhebung) steht bereits ziemlich am Anfang der Erzählung. Wie ein Motto.

Am Schluss ist der Zuhörer ebenso erschöpft und erleichtert wie die beiden zitternden Protagonisten der Erzählung. Niemanden kann die Story unberührt lassen, schon gar nicht in seinen Hormonen. „Unschuld“ erfährt man, um es mit den alten Griechen zu sagen, wie ein „heiliger Schauder“.

_Der Sprecher_

Matthias Fuchs‘ tiefe, raue Stimme verfügt über die unabstreitbare Autorität, die nötig ist, um selbst schlüpfrigste und tabuisierte Wörter wie selbstverständlich in den Mund zu nehmen. Dies sind nicht die griechisch-lateinischen Bezeichnungen der Wissenschaft, wie etwa „Vagina“, „Penis“ und dergleichen, sondern vor allem die Bezeichnungen, die die Umgangssprache für die Genitalien und den Geschlechtsverkehr kennt. Und das sind eine ganze Menge.

Dennoch verletzt er nie die Würde der Beteiligten, schon gar nicht die von Orra, wie es ja leicht passieren könnte. Schließlich ist die Studentin das Objekt von Willys Mission und Anstrengung. Matthias Fuchs ist in seiner Autorität und Unparteilichkeit mit Joachim Kerzel zu vergleichen. Kerzel bringt noch ein wenig mehr Energie in seinen Vortrag. Dass Fuchs Schauspieler ist, merkt man seinem Vortrag kaum jemals an.

_Unterm Strich_

„Unschuld“ ist die Geschichte eines Bemühens um den ersten Orgasmus. Die Geschichte einer Mission, aber auch einer Grenzüberschreitung in ein „fremdartiges neues Element“. Die Geschichte des Aufeinandertreffens zweier Kulturen, aber auch zweier Individuen. Beide sind nicht ehrlich, dürfen es nicht sein, lassen nur Lügen zu. Und doch erreichen sie eine gemeinsame Wahrheit, die unleugbar ist.

Unabdingbar ist hierbei die Ehrlichkeit der darstellenden Sprache. Und wenn der Autor Metaphern wie „Engel“, „Trireme“ (= Dreideckerschiff der Antike) oder „Tigerin“ gebraucht, so sind auch diese Vergleiche in einem gewissen Sinne wahr. Dort, wo heutige Sprache versagt, helfen nur noch Bilder, um das Unnennbare auszudrücken. Die Bibel etwa bemühte hierfür Gleichnisse. Dem Autor waren sie sicherlich nicht fremd. Nur wer „Unschuld“ mehrmals erlebt – denn darum handelt es sich: um ein Erlebnis -, dringt in die Tiefen der Bedeutungsschichten vor.

Die Lesung, die Matthias Fuchs aufgenommen hat, ist angemessen beeindruckend, makellos. Zusammen mit dem erotischen Titelmotiv ist ein wunderschönes Hörbuch für Erwachsene gelungen. Minderjährigen unter 16 Jahren würde ich das Erlebnis dieser Erzählung aber nicht zumuten.

|Originaltitel: Innocence, 1988
Deutsch 1990 von Hans Wollschläger und Dirk van Gunsteren
121 Minuten auf 2 CDs|

Wehrli, Reto – Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe)

Dass Heavy Metal in Teilen unserer Gesellschaft nicht gerade den besten Ruf genießt, ist bekannt. Ebenso die Tatsache, dass Heavy-Bands ab und an für Skandale sorgen und damit Aufruhr seitens des Gutbürgertums auslösen, was immer wieder in zensorischen Eingriffen gipfelt. Doch was genau steckt dahinter? Mit dieser Frage beschäftigt sich Reto Wehrli im vorliegenden Buch „Verteufelter Heavy Metal“.

Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile – „Grundlagen und Geschichte“ sowie beispielhafte „Falldarstellungen“. Abgerundet wird das Ganze durch viele beanstandete Songtexte und insgesamt 295 Abbildungen, darunter viele der im Text beschriebenen Corpora Delicti, womit man Reto Wehrlis Werk wohl ohne zu zögern ebenfalls in die Liste jugendgefährdender Kunst und Kultur aufnehmen müsste. Ein paar der Bilder weisen jedoch keine gute Qualität auf, da sie zu unscharf aussehen. Kuriose Folge dessen ist, dass die Abbildung manches wegen Gewaltdarstellung beanstandeten CD-Covers (z.B. CANNIBAL CORPSE) in diesem Buch aussieht, als wäre sie gerade deshalb unkenntlich gemacht worden, was aber vom Autor keinesfalls so beabsichtigt war.

Reto Wehrli arbeitet sehr viel mit Zitaten und hat für sein Werk eine sehr umfangreiche Recherche betrieben, was für hohe Objektivität und differenzierte Schilderungen sorgt.

Im Unterschied zur Erstausgabe wurde der Umfang sehr stark erweitert, es wurden mehr Bilder abgedruckt, und die strikte Trennung der beiden oben genannten Teile vorgenommen (in der Erstausgabe waren die Falldarstellungen in die jeweiligen Kapitel eingearbeitet). Hier wird man als Leser allerdings vor die Entscheidung gestellt, ob man sich zuerst in die allgemeinen Abhandlungen und dann in die Fallbeispiele vertieft oder ob man gemäß der Referenzierung der Beispiele immer hin und her pendelt. Bestimmte Sachverhalte tauchen daher auch doppelt auf, z. B. die empörte Aufregung von Tipper Gore über die Obszönitäten auf einem PRINCE-Album, welche die Gründung des PMRC (Vereinigung besorgter Mütter zur Säuberung der Gesellschaft von teuflischer Rockmusik) zur Folge hatte, oder der Selbstmord eines Jugendlichen, der zu dieser Tat angeblich durch den OZZY OSBOURNE-Song ‚Suicide Solution‘ angestiftet wurde, und der dann sogar Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gegen den Madman war.

Doch nun erst einmal ein paar Worte zum Aufbau von „Verteufelter Heavy Metal“. Zunächst wird der Ursprung des Heavy Metal geklärt und der Autor nimmt eine grundsätzliche Charakterisierung dieser „Teufelsmusik“ sowie von deren Anhängern vor. Gerade die Vergleiche zu anderen Genres wie Blues oder dem Horrorfilm machen die Einordnung sehr gelungen. Es werden die Anfänge der Zensurbestrebungen und ihrer Ursachen geschildert, und zum besseren Verständnis erfolgt auch noch eine Abhandlung über die „Psychologie des christlichen Fundamentalismus“. Nachdem damit quasi die Grundlagen der Thematik geklärt sind, widmet Wehrli noch ein paar „Besonderheiten“ eigene Kapitel. Da wäre zunächst das Phänomen des Backward Maskings (Rückwärtsbotschaften in Rocksongs), in dem er sowohl die typischsten Beispiele (ich sage nur ‚Stairway To Heaven‘) für solche Anschuldigungen detailliert beschreibt, als auch die Wirksamkeit solcher Botschaften vom wissenschaftlichen Standpunkt aus untersucht. Ein weiteres Kapitel reflektiert Literatur von bekennenden Heavy-Metal-Gegnern, deren Thesen er nicht nur auf argumentatorisch hohem Niveau entkräften kann, sondern denen er gleichzeitig auch noch ungenügende Detailkenntnisse und ein oberflächliches, unwissenschaftliches Vorgehen nachweist. Auch dem NS-Black-Metal wird ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem sehr detailliert auf die Vorgänge in Skandinavien als auch im deutschen Raum in den neunziger Jahren eingegangen wird.

Bei den Falldarstellungen, in denen sehr viel Detailwissen wiedergegeben wird, tauchen natürlich auch die hierzulande bekanntesten Beispiele von Zensur und öffentlicher Entrüstung auf; es seien hier exemplarisch die Indizierung von CANNIBAL CORPSE-Covern, die im Zuge der Schulschießereien von Littleton respektive Erfurt massiv angefeindet und dafür (mit-)verantwortlich gemachten Bands MARYLIN MANSON, RAMMSTEIN und SLIPKNOT, oder auch die Playgirl-Nacktfotos eines Peter Steele (im Buch übrigens mehrfach gemächtig abgebildet) genannt. Es sei in diesem Zusammenhang auch gleich darauf verwiesen, dass hier beileibe nicht nur Heavy-Metal-Bands abgehandelt werden, vielmehr werden alle mit Zensurbemühungen in Berührung gekommenen Künstler und damit verschiedenste Musikstile anhand von Beispielen reflektiert, wobei die ältesten vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen.

Einige der Fallbeispiele kommen ob ihrer Charakteristik für die Thematik dieses Buches sehr umfangreich daher (das sind vor allem die von den SEX PISTOLS, MADONNA und MICHAEL JACKSON), die trotz ihrer Länge stets sehr interessant zu lesen sind, zumal sie zumeist ein recht differenziertes Bild (im Gegensatz zum durch die Medien verbreiteten Kurzeindruck des jeweiligen Künstlers) zeichnen und auch mit psychologischen Interpretationsversuchen und Verhaltensdeutungen nicht hinter dem Berg halten. Vereinzelt sind auch kritische Töne des Autors gegenüber den Künstlern zu hören (beispielhaft seien hier das exzentrische Getue von GUNS ‚N ROSES-Sänger Axl Rose und der „unreife Satanismus“ derer von BELPHEGOR genannt), insgesamt sind die Darstellungen aber sehr objektiv gehalten.

Auch sehr aktuelle Geschehnisse wurden bereits in die Neuauflage eingearbeitet (z. B. JANET JACKSON und der „Nipplegate“-Skandal), am zeitnahsten ist allerdings die „Entgleisung“ von Prinz Harry, der als Faschingskostüm eine Rommel-Uniform mit Hakenkreuz trug, was Wehrli zu einer Bemerkung ob der prophetischen Gabe der SEX PISTOLS veranlasste. Als besonders spannend empfand ich persönlich hingegen gerade die Beispiele der Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, da der Autor hier einen interessanten Kontrapunkt zur heutigen Zeit setzt, indem gezeigt wird, womit man damals bereits Provokationen und Empörung auslösen konnte.

Ein paar kritische Bemerkungen müssen jedoch auch getroffen werden, denn bei Reto Wehrli haben sich hie und da ein paar Ungenauigkeiten eingeschlichen. Bei den Ausführungen zum Thema Songtexte offenbart der Autor m. E. ein etwas zu eingeschränktes Sichtbild. Die Feststellung, dass es im Heavy Metal keine Songtexte gibt, die eine positive und optimistische Grundaussage beinhalten und vielleicht sogar Hoffnung oder Romantik propagieren, halte ich in dieser Deutlichkeit für falsch. Natürlich sind solche Lyrics klar in der Minderheit gegenüber den Schilderungen vom zwanglosen Ausleben von Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll sowie Beschreibungen von Chaos, Vernichtung und Tod – nichtsdestoweniger gibt es einige (auch sehr bekannte) Bands, deren Songtexte konträr dazu stehen. Das beschränkt sich dann auch nicht auf die christlichen White-Metal-Bands, es sei nur einmal auf Gruppen wie SAVATAGE oder PAIN OF SALVATION verwiesen.

Bei der Thematisierung der in den Lyrics zum Ausdruck gebrachten Gesellschaftskritik hätte der Autor zudem auch ruhig darauf eingehen können, dass sich eben jene Kritik nicht nur am Spießbürgertum bzw. an den aufdiktierten Normen und der Scheinheiligkeit der „heilen Welt der Etablierten“ fest macht, sondern durchaus auch „massenkompatible“ Kritik zur Sprache kommt, die der textlichen Thematisierung von Tod, Zerfall und Verderben sogar zum Teil entgegensteht. Als Beispiel (viele andere wären möglich) sei hier nur einmal die aktuelle KREATOR-Scheibe „Enemy Of God“ erwähnt, auf der mit Kriegstreibern wie George W. Bush aufgeräumt und generell die Lösung von politischen Konflikten mittels Gewalt angeprangert wird.

Auch die Charakterisierung (oder vielleicht sollte ich es eher Psychoanalyse nennen) des typischen Metallers empfinde ich als etwas zu oberflächlich und einseitig. Obgleich Heavy-Metal-Fan zu sein, für die meisten Betroffenen nicht nur den Musikgeschmack, sondern das Lebensgefühl reflektiert, wäre hier eine differenzierte Reflexion angebracht gewesen. Es ist schon ziemlich gewagt, bestimmte Charakter- und Wesenszüge sowie Verhaltensmuster zu definieren und zu behaupten, dass sich in dieses Schema der überwiegende Teil der Metal-Anhänger einordnen lasse. Außerdem scheint mir der Autor den gemeinen Metalfan zu sehr in der Gruppe der Jugendlichen anzusiedeln, die nach Orientierung und eigenen (nicht von außen aufdiktierten) Wertvorstellungen im Leben suchen. Dabei lässt er die Tatsache unter den Tisch fallen, dass Heavy Metal nicht wie noch in den achtziger Jahren als „Teenie-Mucke“ kategorisiert werden kann. Natürlich zeichnet sich der Heavy Metal durch eine gewisse rebellische Attitüde aus, zu sehr verallgemeinern sollte man hier dennoch nicht. Auch wird Heavy Metal nicht mehr ausschließlich von Weißen produziert, auch wenn diese natürlich nach wie vor die absolute Mehrheit darstellen. Die Ausführungen zu den angesprochenen Punkten sind somit zwar durch eine unbestreitbar gekonnte Argumentationsführung, allerdings auch durch eine gewisse Einseitigkeit gekennzeichnet.

Es ist allerdings festzuhalten, dass dies die absolute Ausnahme darstellt, und die Argumentationen insgesamt sehr fundiert und für den Leser nachvollziehbar sind. Sprachlich liest sich das Werk hingegen recht unterschiedlich. Mitunter schmeißt der Autor mit komplizierten Fachbegriffen nur so um sich, so dass wohl der eine oder andere Leser nur unter Zuhilfenahme des Dudens den gesamten Sinn erfassen kann. Hier scheint sich der Autor ein bisschen in hochtrabenden Wortkonstruktionen sonnen zu wollen. Auf der anderen Seite hat die Wortwahl stellenweise aber auch schon fast Straßenslang-Charakter, wobei man über solche phantasievollen Umschreibungen wie bspw. „nymphomanischer Wanderpokal“ (als Bezeichnung für die jugendliche MADONNA, S. 465) durchaus herzhaft lachen kann.

Gerade bei den Falldarstellungen kommt die Sprache immer wieder auf die Werbewirksamkeit von politischen Boykottaufrufen oder gesetzlichen Zensurmaßnahmen für die betroffenen Künstler und darauf, wie vorhersehbar die Reaktionen auf eine gelungene Provokation doch immer wieder ausfallen und sogar Inhalt von geschickt kalkulierten Marketingstrategien sind. Aber auch der umgekehrte Fall ist typisch, wie dem sehr interessanten Abschnitt „Zensur durch marktwirtschaftliche Lenkungsmaßnahmen“ zu entnehmen ist, der die schleichende Zensur durch Boykott thematisiert.

Zu den Fallbeispielen ist noch zu sagen, dass die Liste natürlich noch beliebig hätte verlängert werden können, was aber sinnvoll gewesen wäre, da sie bereits jetzt fast 400 Seiten umfasst (und damit über die Hälfte des gesamten Buches) und sich zudem die Skandale sowieso ständig wiederholen. Vielleicht hätte man auf die gerade in Deutschland doch recht populären Fälle der Bands EISREGEN (deren Alben in schöner Regelmäßigkeit verboten und damit Livekonzerte nahezu unmöglich gemacht werden) oder MOTÖRHEAD (die von Kritikern immer mal wieder in die rechte Ecke gedrängt wurden, obwohl man Mastermind Lemmy Kilmister wohl viel eher ein gesteigertes historisches Interesse bescheinigen muss) eingehen können, aber insgesamt sind es wohl eher schon zu viel Skandalschilderungen als zu wenige.

Andererseits birgt die komprimierte Zusammenfassung der Beispiele und deren Unteilung in den angloamerikanischen Raum sowie den Bereich Deutschland/Frankreich/Schweiz hochinteressantes Vergleichspotenzial. So werden gerade in den USA jegliche Form von Sexualität, Satanismus (im deutschen Raum tendenziell nur vergleichbar mit dem Freistaat Bayern), sowie „unpatriotische Auswüchse“ in der Kunst gegeißelt, während es im deutschspachigen Raum eher Gewaltdarstellungen sind und Dinge, die mit der unrühmlichen Geschichte Deutschlands zusammenhängen (und zwar solche, die ganz im Gegensatz zur USA zu „patriotisch“ bzw. nationalistisch anmuten). Müßig zu erwähnen, dass die Gewichtung dabei des Öfteren sehr merkwürdig erscheint. So musste z. B. für das SODOM-Album „Til Death Do Us Unite“ ein Alternativcover angefertigt werden, das nüchtern betrachtet weit mehr Anlass zur Beanstandung geboten hätte. So ist auch der Autor der Meinung, dass ein Überdenken der gesellschaftlichen Wertbilder dringend angesagt scheint, wenn es besser ist, einen bis an die Zähne bewaffneten Knarrenheinz aufmarschieren zu lassen, als den Bauch einer schwangeren Frau zu zeigen. Auch der „Nipplegate“-Skandal um JANET JACKSON passt in diese Ecke. Hier gibt Wehrli ein Zitat von Lewinsky (nicht Monica) wieder: „Durch Amerika, wo Mord und Totschlag lange nicht so obszön sind wie ein unverhülltes sekundäres Geschlechtsmerkmal, ging ein Aufschrei der Empörung. Im Land der Heuchler, wo man gegen einen Krieg wenig einzuwenden hat, solange die Leichen seiner Opfer nur züchtig bekleidet bleiben, übten sich die Moralapostel in Entrüstung“ (S. 538) (aus „Die wirklich wichtigen Dinge“ von C. Lewinsky). Nothing more to say …

Ähnlich im deutschsprachigen und amerikanischen Raum ist jedoch die meistens sehr oberflächliche Auseinandersetzung der Kritiker mit dem beanstandeten Material, die auch oftmals in schlichter Fehlinterpretation kumuliert. Sogar die Leipziger Popper DIE PRINZEN wurden wegen ihres Songs ‚Bombe‘, der nun wirklich absolut unzweifelhaft ein Anti-Nazi-Statement abgibt, angefeindet, was beweist, wie wenig differenziert und vor allem sachlich ungenau sich manche Menschen mit Kunstprodukten verschiedener Art auseinandersetzen, bevor sie diese verdammen. Auch diese Thematik kommt in Wehrlis Buch immer wieder zur Sprache. In diesem Zusammenhang sei auch auf die absolut nachvollziehbare Logik verwiesen, dass durch den Heavy Metal real existierende Probleme und Missstände nicht hervorgerufen werden, sondern auf sie aufmerksam gemacht wird. Aber das Prinzip, dass der Bote für die überbrachten schlechten Nachrichten zu büßen hat, ist ja nun wahrlich kein neues, weil damit so herrlich von der schmerzhaften Realität abgelenkt werden kann.

Eine Bemerkung sei bei dieser Gelegenheit noch zum Abschnitt über die BÖHSEN ONKELZ erlaubt. Wenn sie tatsächlich nicht als (ehemalige) Neonazi-Kapelle zu bezeichnen sind, wie es der Autor behauptet, dann stellt sich natürlich die Frage, warum sich die Frankfurter Band dennoch mehrfach genötigt sah, sich von der eigenen Vergangenheit deutlich zu distanzieren.

Auch die Assoziation, dass die alleinige Betrachtung des Textes des FALCO-Songs ‚Jeanny‘ lediglich an einen schleimigen Verführer, der ein Mädchen anbaggert, erinnert, kann ich nicht so richtig teilen, was natürlich nicht bedeuten soll, dass ich die moralische Entrüstung in Bezug auf diesen Song teile oder gutheiße. Hier gilt wie für so viele andere Beispiele auch, dass deutlich extremere Songtexte unbeanstandet durch die Jugendschutzkontrollen kommen, sofern sie nur in englischer Sprache verfasst sind. Wahrscheinlich sind die verantwortlichen Personen in der Bundesprüfstelle der englischen Sprache einfach nicht mächtig oder gestehen diese Fähigkeit dem jugendlichen Hörer schlicht nicht zu.

Als sehr wichtig erachte ich es, dass dem Leser bei der Lektüre genug Raum gelassen wird, selbst zu entscheiden, wie er den verschiedenen Provokationen und Skandalen persönlich gegenübersteht. Es erfolgt auch nicht zwangsläufig eine Reinwaschung der betroffenen Künstler. Es geht dem Autor in erster Linie darum, Fakten darzustellen, Vergleiche anzubringen und gesellschaftliche Vorgänge zu hinterfragen. Im Blickpunkt steht somit die Beschneidung von künstlerischer Freiheit im Allgemeinen, die Wertung der eigentlichen skandalträchtigen „Aktionen“ erfolgt nur ansatzweise (und kann dann sowohl als Entlarvung einer stumpfsinnigen Provokation als auch als gelungenes Aufzeigen eines Spiegelbildes der Gesellschaft geschehen), was für mich einen entscheidenden Aspekt darstellt. Ob eine Provokation positiv oder negativ in Inhalt und Ausdruck ist, liegt somit im Auge des Betrachters bzw. Lesers, und genau diese mündige Entscheidungsfreiheit wird dem Bürger durch staatliche Zensurmaßnahmen ja abgesprochen. Das ist auch ein wesentlicher Punkt, der durch dieses Werk verdeutlicht werden soll.

Fazit: Schon allein aufgrund des immensen Umfangs (700 Seiten + Anhang) und der intensiven Recherche zu diesem Buch ist „Verteufelter Heavy Metal“ als Referenzwerk für dieses Thema zu bezeichnen. Hier bekommt der Leser eine Menge geboten und kann sich weit mehr als nur einen bloßen Überblick verschaffen. Ich kann dieses Buch somit jedem empfehlen, dessen Interesse über das bloße Hören der Musik hinausgeht.

http://www.telos-verlag.de/

Henning Mankell – Tea-Bag

Erfolgloser Poet bietet Schreibtechnikseminar

Jesper Humlin veröffentlicht genau ein Buch pro Jahr und zwar eine Gedichtsammlung, die sich im Schnitt etwa tausendmal verkauft, doch seinem Verleger ist das nicht mehr genug, er möchte Jesper davon überzeugen, endlich einen Kriminalroman zu schreiben. Dabei ist Jesper doch erfolgreich auf seinem Gebiet, seine Gedichte sind anerkannt und gerade erst ist er von einer monatelangen Südseereise zurückgekommen, die er sich nur durch ein Stipendium finanzieren konnte. Sein wichtigstes Anliegen ist ihm nun eigentlich seine Sommerbräune, die er so lange wie möglich aufrecht erhalten möchte, doch neben seinem unzufriedenen Verleger stellt auch seine Freundin Andrea immer mehr Ansprüche. Sie möchte endlich ein Kind mit ihm und droht mit der Trennung und der Veröffentlichung ihres Privatlebens in Romanform. Es ist nicht so sehr die Angst vor der Trennung, die ihm schwer im Magen liegt, sondern die Möglichkeit, dass Andreas Buch sich besser verkaufen könnte als seine Gedichtsammlung.

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Gaiman, Neil – Keine Panik! – Mit Douglas Adams per Anhalter durch die Galaxis

_Alles über Arthur Dent, Trillian & Co._

Keine Panik! Habt ihr alle euer Handtuch dabei? Ja? Fein, dann kann euch ja nix mehr passieren, selbst wenn ihr diese Rezension lest – natürlich vollständig auf eigene Gefahr!

_Der Autor_

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der Sandman-Comicbooks bekannt. Er hat mit [„Die Messerkönigin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1146 ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei |Heyne| verlegt).

_Das Buch_

Das vorliegende Buch hatte Gaiman schon 1988 veröffentlicht, aber laufend ergänzt. Aktualisiert und erweitert wurde es schließlich von David K. Dickson und MJ Simpson, so dass es mittlerweile auf dem letzten Stand ist. Sogar das Programm für den Ablauf der Gedenkfeier für Douglas Adams ist berücksichtigt (S. 276/77), das in „Lachs im Zweifel“ detailliert abgedruckt ist (David Gilmour sang Pink Floyds „Wish you were here“!).

_Inhalte_

Wer war Douglas Adams? War er der wichtigste Autor des 20. Jahrhunderts – oder nur der witzigste? Feststeht, dass er der Science-Fiction als einer der wenigen Autor eine witzige Seite abringen konnte, und das ist schon eine bemerkenswerte Leistung in einem Genre, das sich zwischen Revolverhelden, glubschäugigen Monstern und Angst vor der Gedankenkontrolle bewegt – zumindest seit 1929, als ein gewisser Hugo Gernsback das heute so benannte Genre aus der Taufe hob, weil er in seinen Groschenheften nicht unendlich H. G. Wells und Jules Verne verkaufen konnte.

Kein Wunder, dass Adams nicht anders konnte, als sämtliche Klischees der Science-Fiction durch den Kakao zu ziehen. Dass er bei zwei bekannten englischen Komödientruppen aufgetreten war, schadete auch nicht: die Cambridge Footlights war die eine, Monty Python’s Flying Circus – allerdings nur im Hintergrund – die andere. Doch ach! Der Ruhm ließ auf sich warten, und so kam es, dass sich der 24-jährige Dougie ohne einen Penny in der Tasche bei seiner Muddi im abgeschiedenen Devonshire einquartierte und dort ein halbes Jahr lang einen Drehbuchentwurf nach dem anderen tippte und verwarf.

Endlich fand er eine Hauptfigur namens Aleric B., die er mit einem tragfähigen Plot ausstatten konnte. Und die Idee dazu war ihm auf einer (inzwischen längst zubetonierten) Wiese in der Nähe von Innsbruck gekommen, als er durch Europa trampte: Man müsste so etwas wie einen Reiseführer durch die Galaxis schreiben, einen „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“. Und so hieß denn auch das erste Manuskript, das Douglas an einen Produzenten bei der BBC schickte. Aus Aleric B. wurde Arthur Dent und den Guide schrieb unter anderem dessen bester Freund und Saufkumpan Ford Prefect. Der Rest ist Geschichte.

Und diese Geschichte ist in höchstem Maße multimedial – kulturhistorisch ein wichtiges Phänomen: Fortan findet Science-Fiction im Medienverbund statt. Zuerst gab es die Serie von Radiohörspielen. Dann gab es die Schallplatte und die TV-Serie. Wie die Arbeit beim Fernsehen ablief, ist ein faszinierendes Kapitel, denn mit dem Regisseur kam Douglas überhaupt nicht zurande, obwohl der Mann sicher sein Handwerk verstand.

Dann gab es noch die fünfteilige „Buchtrilogie“, die erst mit „Rupert“ endete. Ein durchgehendes Grundmotiv, das bei jedem Produkt, zu dem sich Adams durchquälte, wiederkehrte, besteht darin, dass er grundsätzlich zu spät abgab. Sein Verleger bei |PAN Books| ging dazu über, ihn für vier bis sechs Wochen in ein Zimmer (Haus, Hotel, wo auch immer) einzusperren, bis das Manuskript verwertbar war. So geschehen bei Band 1 der Buchserie, der denn auch recht abrupt endet, weil ihm der Verleger die Seiten aus den Händen riss …

|Dirk Gently|

Natürlich versuchte Adams, nicht ewig am „Anhalter“ zu schreiben. Er dachte sich einen Multikulti-Detektiv namens Dirk Gently aus. Zwei Romane erschienen zu Lebzeiten, ein halber posthum in der Sammlung „Lachs im Zweifel“. Gaiman hat zu jedem der drei Bände Infos zu ihrer Entstehung, ihren Inhalten und ihrer kritischen Aufnahme zusammengetragen, die jedem Laien eine gute Kaufberatung bieten. Das ist besonders bei „Lachs im Zweifel“ ebenso wichtig (das Hardcover ist teuer, im April 2005 erschien aber die Taschenbuchausgabe bei |Heyne|) wie aufschlussreich, denn Adams legte hierzu ja keine Hand mehr an (höchstens, öh, ektoplasmatisch). Der Herausgeber stoppelte zwei bis drei verschiedene Fassungen zu einer zusammen – da können schon Zeifel an der Vorgehensweise aufkommen.

|Erfinderisch|

Adams schrieb zwei sehr ungewöhnliche Bücher: „The Meaning of Liff“ (dt. als „Der tiefere Sinn des Labenz“) stellte eine Sammlung – mitunter neu erfundener – Wörter vor, die sich nicht in den Wörterbüchern befinden, aber doch bekannte Geistes- und Gemütszustände beschreiben. Die meisten solcher Wörter bestehen aber aus Ortsnamen (Woking, Ely, Rickmansworth etc.), und das brachte Adams einen Plagiatsvorwurf ein – Näheres im Buch.

Das andere, etwas erfolgreichere Buch heißt „Die Letzten ihrer Art“ und besteht aus Reportagen über die letzten Vertreter einer Spezies, meistens Tiere. Von diesen Reisen um die Welt und der Begegnung mit aussterbenden Arten rührt Adams Engagement für das (aussterbende) Rhinozeros und für Delphine her (Jangtse-Flussdelphine waren schon zu Adams‘ Zeiten vom Aussterben bedroht).

|Endlich online!|

Es ist nur wenig bekannt, dass Adams ein großer Fan der Informationstechnologie war. Er wurde zu zahlreichen Kongressen eingeladen und war ein witziger, origineller Redner. Auch das Web entdeckte er schon frühzeitig, und dort richtete er zunächst eine H2G2-Site zum „Anhalter“ ein (sie findet sich heute bei der BBC) und schrieb ein textbasiertes Abenteuerspiel zum „Anhalter“ – so etwas würde sich heute kaum noch verkaufen, war aber damals, vor Windows und GUIs, eine witzige Sache.

Zweitens richtete er eine Site namens „Global Village“ ein, auf der allerlei Wissen zusammengetragen wurde. Hier wurden auch die Entwürfe für „Raumschiff Titanic“ veröffnet, einem Computerspiel, dessen Romanfassung Terry Jones verfasste, ein früher Monty-Python-Kämpe. Das Spiel selbst ist nicht sonderlich witzig oder gar logisch, aber schön gezeichnet.

|Der Anhalter-Film|

Und der Spielfilm? Ja ja, der Anhalter-Spielfilm. Zunächst, etwa 1979/1980, wollte Hollywood so etwas wie eine „Star Wars“-Verulkung, doch dazu sagte Adams gerne „nein, danke“. Und nahm die Sache selbst in die Hand. Zwanzig Jahre lang. Diesen Abgabetermin durfte er immer wieder hinausschieben. So lange, bis ihm der große Regisseur im Himmel im Fitnessraum einen Herzinfarkt bescherte und Adams den Löffel abnahm. Und der Spielfilm? Ja ja, der Spielfilm. Er befand sich anschließend wieder in der „development hell“, wo ein anderer Autor, Karey Kirkpatrick, das Drehbuch zurechtbosselte.

|Die Anhänge (Bonusmaterial)|

1) Per Anhalter durch die Galaxis – die Original-Synopsis (der Radioversion)

2) Der Anhalter: Thema und Variation (die Inhalte der verschiedenen Fassungen auf Schallplatte, im TV und im Buch)

3) Who is who im Universum – einige Erläuterungen von Douglas Adams

4) Wie verlasse ich diesen Planeten auf dem schnellsten Wege? Endgültige Fassung

5) Dr. Who und die Krikkitmen – Auszug aus einem Drehbuchentwurf von Douglas Adams

_Mein Eindruck_

„Es ist alles schockierend wahr – bis auf die Stellen, die gelogen sind.“ Douglas Adams

„Wahrscheinlich das witzigste Buch, das ich seit dem Frühstück gelesen habe.“ Terry Jones

„Schreiben ist ganz einfach. Du musst nur so lange auf ein blankes Stück Papier starren, bis dir die Stirn blutet.“ Douglas Adams (S. 160)

Ich könnte noch tonnenweise weitere hübsche Zitate anführen, aber das wäre vermutlich ermüdend und würde nur die Kaffeeröster beglücken. (Ich nehme gerne Sponsorenspenden an …) Warum sollte man sich lang fassen, wenn es auch kurz geht? Also: Dieses Buch ist notwendig, kurzweilig, informativ und wahrscheinlich das witzigste im Universum, das es zu Douglas Adams gibt (witziger sogar als die offizielle Biografie, die für 2003 angekündigt war). Denn Neil Gaiman befindet sich als Autor auf der gleichen Wellenlänge wie Douglas Adams, interviewte ihn x-mal und trank wohl auch ab und zu mal einen Schoppen mit ihm.

Gaimans zwei Mitarbeiter David K. Dickson und MJ Simpson (MJ = Maryjane = Marihuana?) brachten die Infos auf den neusten Stand und trugen wahrscheinlich auch etliche Komponenten der Anhänge zusammen, so etwa das Drehbuch zu der „Dr. Who“-Folge „Dr. Who und die Krikkitmen“, aus der gewisse Teile für eines der Anhalter-Bücher verwendet wurden. („Dr. Who“ ist die erfolgreichste Science-Fiction-Serie in Großbritannien und besteht schon fast so lange wie die Regierungszeit der Queen.)

Nicht nur für Leser und solche, die es werden wollen (und noch Scrabble spielen), ist „Keine Panik!“ ein geeigneter Einstieg in das Anhalter-Universum, das Leben und den ganzen Rest. Auch für Sammler von Adams-Memorabilien und -Devotionalien bietet das Buch eine Fülle von Hinweisen. Sogar auf Bücher, die nur in einem Paralleluniversum erschienen sind, so etwa die PAN-Komplettausgabe der ersten drei Anhalter-Bände. Parallelweltreisende sollten sich also schnellstens melden: Sie bekommen ihr Exemplar dieser Ausgabe mit Gold aufgewogen. Das sollte für ein Rückticket reichen.

_Caveats_

Es empfiehlt sich, vor dem Aufschlagen der ersten Seite den einen oder anderen Anhalter-Roman gelesen oder die TV-Serie oder die DVD oder natürlich den Kinofilm gesehen zu haben. Ich hatte seinerzeit (ca. 1991) die |Klett-Cotta|-Ausgabe des deutschen Hörspiels gehört und war hingerissen. Trotzdem kann ich ohne Douglas Adams leben, was mich doch sehr erleichtert. Andere Zeitgenossen sind nicht so vom Glück gesegnet und jagen nach jeder Memorabilie und Devotionalie des Maestros, bis sie pleite sind. (Sie haben keine Chance, mich anzupumpen.)

Aber: Keine Panik! Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch vor dem Ende der Welt weitere D.-Adams-Werke geben, die man aus seiner Festplatte ausgegraben hat. Und dann ist da ja immer noch der Spielfilm, auf den wir alle 25 Jahre warten mussten …

|Originaltitel: Don’t panic, 1988/2002
Aus dem Englischen übersetzt von Gerald Jung / Ralf Schmitz|
http://www.neilgaiman.de/

Buschheuer, Else – Ruf! Mich! An!

_Die Frau mit der Walther PPK_

„Rotzfrech und sehr amüsant“, urteilt |Die Welt| über das Buch, auf dem die leicht gekürzte Hörbuchfassung basiert. Buschheuer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie schonungslos die erotischen Zu- und Missstände in unserer neuen Republik beschreibt.

Die ostdeutsche Autorin, die 1965 in Eilenburg bei Leipzig geboren wurde, ist vor allem durch ihre Arbeit bei Spiegel-TV, Pro7 (als Wetterfee) und N24 bekannt geworden. „Ruf! Mich! An!“ – kurz RMA – ist ihr erster Roman und wurde ein Mega-Erfolg.

_Inhalt_

Die Heldin Paprika ist Werbeagenturdirektorin in Berlin, somit Großverdienerin, die sich eine Wohnung in Daimler-City im Herzen der Stadt leisten kann. Wie schockiert ist diese empfindsame Stadtneurotikerin jedoch, als bei ihr gegenüber ein grauenhaft geschmacklos gekleidetes Ossi-Pärchen einzieht: Mandy und Maik. Sie betreiben einen „Bärschn-Glubb“, sprich: ein Bordell (Pärchen-Klub). Paprika ist versucht, zu ihrer Handtasche zu stürzen und ihre Walther PPK rauszuholen, um die beiden „Broiler“ umzunieten.

Die Talkshows von Bärbel Schäfer, die sie sich regelmäßig reinzieht, sind ebenso zum Davonlaufen: Die sexuellen Nöte und Heldentaten der Neuen RepublikanerInnen ziehen der Betrachterin stets fast die Schuhe aus. Da liegt Paprika schon eher die Ansicht ihres Bekannten Dietrich, der ihr empfiehlt, mal wieder „unter die Leute zu gehen, sonst würde das böse mit ihr enden“. Dabei sucht er selbst fortwährend „etwas Fickbares“. Auch ihr Bekannter Robert, ein sensibler Romantiker, scheint ihr nicht so recht der Mann ihrer Träume zu sein.

Dieser erscheint ihr vielmehr als erotische Stimme (ich sage nur: Christian Brückner!) von der Telefonauskunft, der ihr nur seine Nummer gibt. Während sie die devote Eugenie spielt, gibt er als der geheimnisvolle Valmont aus „Gefährliche Liebschaften“ (die Frears-Fassung, nicht die von Forman, klar?) kurz angebundene Befehle, wo Paprika sich ihm zur Verfügung zu halten habe. Die Liebschaft kennt keine Tabus – sie wird auf der Hörbuch-CD nicht bis ins letzte Detail dargestellt, keine Angst! Dennoch ist es schauerlich mit anzuhören, wie diese |amour fou| unsere Heldin langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Sie selbst registriert ihren Verfall mit geradezu medizinischer Präzision und Unterkühltheit. Gott sei Dank ruft ER eines Tages nicht mehr an.

_Fazit_

RMA enthält die witzigsten, frechsten und pointiertesten Beschreibungen des Großstadtalbtraums in Berlin, die ich in letzter Zeit gelesen und gehört habe. Allein schon die Überschriften sind Gold wert. Und die kurzen Kapitel sind geschliffen formuliert, um die Beobachtungen auf den Punkt zu bringen – allerdings ohne erhobenen Zeigefinger.

Das Lob der zynischen Vernunft, das Buschheuer hier praktiziert, legt unter anderem den sexuellen Zynismus bloß, der körperliche Liebe zur Ware degradiert, und die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit, ja, den Rassismus, den Ostdeutsche wie Maik und Mändy anscheinend immer noch völlig in Ordnung finden. Geistige Gesundheit – was soll’n das sein? Buschheuer entlarvt mit unverstelltem, aber aufgeklärtem Blick das moderne Großstadtelend, ohne dabei weinerlich zu werden. Notfalls hilft ihr stets der Griff zur Walther PPK.

Die Autorin liest auf dieser Aufnahme selbst, und das ist ein großer Vorteil gegenüber dem gedruckten Buch: So bekam ich die sächselnde und Berliner Aussprache genau mit, zudem erhielt ich für die Sätze die richtige Betonung frei Haus geliefert. Es macht richtig Spaß, Else zuzuhören. Ich empfehle den Genuss in Portionen von je einer halben Stunde. Zu diesem Zeitpunkt kringelt man sich sowieso vor Lachen auf dem Teppich.

Brown, Eric – Nada-Kontinuum, Das

_Die Sehnsucht des Raumfahrers_

Paris im 22. Jahrhundert: Der Niedergang der Kulturzentren der Welt, darunter Paris, manifestiert sich in verlassenen Wohnblöcken, dschungelartigen Straßen. Hier hausen die arbeitslosen „Antriebsmänner“, jene Navigatoren, die die Sternenschiffe einst mit der Kraft ihres Geistes zu den fernsten Zielen lotsten. Man hat sie nach der Einführung der übergangslosen KV-Interfaces – Direktverbindungen zu den Kolonien – alle entlassen, die stolzen Schiffe verschrottet. Viele Antriebsmänner setzen ihrer sinnlosen Existenz ein freiwilliges Ende.

Antriebsmann Ralph Mirren bekommt ein unverhofftes Angebot: Er soll ein restauriertes Schiff zu einer der Randwelten steuern, streng geheim natürlich und illegal. Mirren sagt sofort zu, denn die Gelegenheit, sich geistig wieder mit dem Nada-Kontinuum zu vereinen, würde das ersehnte Ende seines langen Entzugs von dieser höchsten quasi-religiösen Erfahrung bedeuten. Er nimmt seinen Bruder Bobby mit. Bobby lebt seit seinem letzten Flug zeitversetzt: Er erlebt das, was vor 24 Stunden geschah, als die Gegenwart.

Auf der Randwelt |Hennessy’s Reach| angekommen, findet Ralph heraus, was mit Bobby passiert war. Auf Reach existieren noch Reste der insektenhaften, intelligenten Alien-Urbevölkerung, die Lho. Die geistliche Lho-Elite hatte mit ihren Psi-Kräften versucht, Bobby zur ewigen Einheit mit dem Nada-Kontinuum zu verhelfen. Weil die menschliche Technik den Kontakt abbrach, wurde Bobbys Geist geschädigt. Nun, auf dem Flug nach Reach, wird Bobby wiederhergestellt und selbst mit Psi-Kräften ausgestattet: Er ist der erste menschliche „Verwirklicher“. Auch Ralph wird diese Ehre zuteil und er erkennt, dass das Universum, das er im Nada-Kontinuum wahrnimmt, durch die Energieausbrüche der Interfaces in seiner Existenz bedroht ist.

Die Lho werden von der faschistischen „Danzig-Organisation“ systematisch ausgerottet. Ralph und Bobby retten die letzten Überlebenden und kehren zur Erde heim. Ihr Auftraggeber ist ein ehemaliger Danzig-Anhänger, jetzt ein Nadaner. Allen zusammen gelingt es, die Interfaces zu schließen. 15 Jahre später fliegen die Antriebsmänner als „Verwirklicher“ wieder Raumschiffe.

_Fazit_

Eric Brown ist bei uns mit exzellenten, einfallsreichen Kurzgeschichten bekannt geworden, die unter dem Titel „Pithecanthropus Blues“ (Heyne) erschienen. Auch „Das Nada-Kontinuum“ belegt sein Talent für Sprache, geschickten Handlungsaufbau, lebendige Charakterzeichnung und überraschende Einfälle. Actionreiche Passagen wechseln sich mit psychologisch fundierten Retrospektiven ab. So genannte „Flashbacks“ liefern paketweise die – in Mirrens Gehirn gelöschte – Vorgeschichte. Eine Nebenhandlung um eine Pariser Malerin, die von Reach stammt und mit den Lho Kontakt hatte, bildet ein Gegengewicht zu Mirrens Geschichte.

„Das Nada-Kontinuum“ mag vielleicht ein „langsames“ Buch sein, aber die Geduld lohnt sich!

|Originaltitel: Engineman, 1994
Aus dem Englischen übertragen von Yoma Cap|

Rebhandl, Bert – Orson Welles. Genie im Labyrinth

Mit nur einem Jubiläum wäre man dem Radio-, Theater-, Kino-, Fernseh- und Zirkusmenschen Orson Welles wahrscheinlich nicht gerecht geworden. Also bejubelt bzw. betrauert man ihn 2005 doppelt: Am 6. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden, am 9. Oktober jährt sich sein Todestag zum zwanzigsten Mal. Jetzt, wo er tot ist und nicht mehr stört, kann man ihn weltweit als Ausnahmetalent abfeiern. Das war er tatsächlich, obwohl das Genie mit seinem Spieltrieb niemals mithalten konnte und von inneren Konflikten stärker als lange deutlich wurde geprägt war. Orson Welles versuchte viel, es gelang ihm wenig – das Ergebnis ist ein Leben voller Experimente und Brüche, das sich je nach Veranlagung des Kritikers als reich & bunt oder tragisch interpretieren lässt.

Bert Rebhandl geht mit „Orson Welles. Leben im Labyrinth“ zwangsläufig den zweiten Weg. Er konzentriert sich auf die Widersprüche, die Welles’ Leben und Werk prägen, wobei er vor allem die Querverbindungen zwischen beiden Welten aufdeckt: Der öffentliche und der private Orson Welles sind Geschöpfe, die eine immer stärkere Personalunion eingehen, bis man sie schließlich nicht mehr unterscheiden kann. Welles selbst hat das ebenfalls nicht mehr geschafft – nach Rebhandl eine weitere Quelle seiner nur bedingt geglückten bzw. glücklichen Selbstmystifizierung.

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Welles-Literatur ist es schwer, zwischen Wahrheit, Mythos und Kritikerinterpretation zu unterscheiden. Rebhandl bezeichnet sein Werk ausdrücklich nicht als Forschungsarbeit. Er stützt sich auf Material, das zugänglich ist: Welles’ Kino- und Fernsehfilme, seine Texte, seine berühmten Fragmente und Seltsamkeiten, die er im ungebrochenen Schaffensrausch seiner isolierten späten Jahren zustande brachte.

Biografische Entdeckungen schließt Rebhandl aus. Sie lassen sich aus Welles’ Werk nur bedingt erschließen und werden daher nur dort explizit ins Spiel gebracht, wo sie für die Kunst eine unmittelbare Rolle spielen. Seine Darstellung dieser Kunst gliedert der Verfasser in drei Linien:

– eine kulturkritische, die am Beispiel von Orson Welles der Frage nachgeht, wie oder ob sich künstlerische Subjektivität in einer kunsthandwerklichen Industrie behaupten kann;
– eine medienhistorische, die Welles folgt, der eine Spur durch praktisch sämtliche mediale Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts zog;
– eine autobiografische, welche die Werke und persönlichen Äußerungen Welles’ nutzt, um seine multiple Persönlichkeit zu erkennen und zu entschlüsseln.

Rebhandl kommt zu dem Ergebnis, dass diese drei Linien niemals ein exaktes Gesamtbild des Menschen Orson Welles ergeben können; dazu hat dieser zu erfolgreich an seinem eigenen Welles-Bild gearbeitet. Auch Rebhandl interpretiert, wobei er mögliche Missverständnisse oder Fehler (besonders in den biografischen Passagen) keineswegs ausschließt.

Damit steht er nicht allein, obwohl viele seiner Vorgänger es nicht zugeben mochten. Orson Welles (1915-1985), die „Erste Person Singular“, der große Medien-Magier, der an seiner Maßlosigkeit und am Unverständnis einer Welt, die seine Grandiositäten nicht finanzieren wollte, langsam und kläglich zu Grunde ging: So etwa sieht das Welles-Bild aus, das gern gemalt wird. Die Vorlage lieferte der Meister selbst, der gleich mit mehreren Donnerschlägen seine Karriere startete (u. a. „Krieg der Welten“, 1938 – Welles lässt marsianische Invasoren in den USA landen und sorgt für eine landesweite Panik; „Citizen Kane“, 1941 – Welles schreibt, dreht und spielt den bzw. in einem der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte), um seinen Wunderkind-Status in den nächsten Jahren systematisch zu demontieren, ohne jemals Einsicht in die Tatsache zu zeigen, dass auch der bedeutendste Künstler das System nicht permanent vor den Kopf stoßen und erwarten kann, von ihm getragen und gefördert zu werden. Welles hat genau dies sein Leben lang gefordert, den Bogen überspannt und ist dennoch auf seinem einsamen Marsch gegen die Institutionen geblieben. Lange Zeit ist es ihm gelungen, das daraus resultierende Scheitern als Sieg des Individuums als Märtyrer der Kunst zu verbrämen.

Erst allmählich verschaffen sich Ketzer Laut, die a) das Scheitern eines Künstlers nicht automatisch mit dem Scheitern eines großen Künstlers gleichsetzen, b) künstlerische Größe nicht primär an den Schwierigkeiten messen, denen ein Künstler sich in der bösen Banausenwelt ausgesetzt sieht, und c) Welles, den Breitband-Künstler, und sein Werk unter die Lupe nehmen und dabei entdecken, dass dieser oft auch nur mit Wasser kocht, um es salopp auszudrücken.

Dies ist kein Wühlen in biografischem Müll, sondern eine Entmystifizierung, die an der Bedeutung Orson Welles’ für die Kunst des 20. Jahrhunderts rein gar nicht rüttelt. Schließlich gibt es einen Welles nach „Citizen Kane“, dem u. a. Regie-Meisterwerke wie „Othello“ (1952), „Touch of Evil“ (1958) oder „Chimes at Midnight“ (1966) gelangen – ganz zu schweigen vom Schauspieler Welles, der zwar grausigen Zelluloidmist drehte, um eigene Projekte finanzieren zu können, aber immer wieder zu Glanzleistungen auflief, wenn man ihm eine angemessene Rolle bot („The Third Man“, 1949; „Moby Dick“, 1956 oder [„Catch-22“,]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=335 1970; um nur drei von mehr als 100 Filmen nicht von aber mit Welles zu nennen).

Bücher über Genies – gerade über missverstandene – neigen zu einer gewissen Seitenfülle. Im Falle von Orson Welles, der sich gern als verhinderter Renaissancemensch sah, läge dies besonders nahe. Viele von Ehrfurcht gepackte Welles-Biografen und –Interpreten sind in diese Richtung gegangen. Bert Rebhandl verweigert sich dem. Er fasst zusammen und interpretiert neu, wofür ihm 192 Seiten reichen. Als Leser hat man nicht das Gefühl, dabei informativ zu kurz zu kommen.

Vor allem wirkt Rebhandls Buch nicht wie ein Schnellschuss zum Welles-Jubiläum, obwohl es natürlich von dem weltweiten Rummel – so stand u. a. im August 2005 eine Retrospektive von Welles-Werken auf dem Filmfestival von Locarno an – profitiert. Erstaunlicherweise liegt Welles’ filmischer Nachlass nicht irgendwo in den USA, wo ihm das Filmestablishment seine Eskapaden nie wirklich verzieh, sondern in Europa, das ihn wesentlich herzlicher empfing. (Finanziell auf dem Trockenen ließ man ihn freilich auch hier sitzen.) In München bemüht man sich – ebenso hilfsbereit wie argwöhnisch beobachtet von Welles’ letzter Lebensgefährtin Oja Kodar – seit 1995 um dieses Erbe, das Bert Rebhandl die Chance bot, manchen selten gesehenen oder gelesenen Film oder Text in seine Betrachtungen einfließen zu lassen.

Hier und da verfällt Rebhandl auf genau den Fehler, welchen er auch vielen Welles-Kritikern vorwirft: Er verbeißt sich um seiner Grundhypothese willen in Einzelheiten, die er förmlich zu Tode interpretiert, ohne dabei überzeugen zu können. Letztlich ist es „Rebhandls Welles“, der uns hier vorgestellt wird. Aber das hatte uns der Autor ja gesagt, also überspringen wir solche Passagen und werden rasch wieder mit angenehm formulierter Sachlichkeit belohnt, die uns die Lektüre zum informationsreichen Vergnügen werden lässt.

Grangé, Jean-Christophe – Imperium der Wölfe, Das

Die Morde an drei türkischen Frauen erschüttern das Pariser Türkenviertel. Die Kripo traut sich nur mit unorthodoxen Methoden, in dieser Schattenwelt zu ermitteln. War es ein Serienmörder? Keineswegs: Eine Frau wird von den Killern der türkischen Mafia gesucht, eine Verräterin. Doch sie suchen anhand des falschen Bildes …

_Der Autor_

Jean-Christophe Grangé ist der Franzose, der die literarische Vorlage zu dem Thriller [„Die purpurnen Flüsse“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=936 geliefert hat. Weitere Romane sind „Der Flug der Störche“ und das packende Buch „Der steinerne Kreis“.

Sein besonderes Markenzeichen ist das jeweils sehr spannend verarbeitete außergewöhnliche Thema. In „Purpurne Flüsse“ war es die Elite-Uni, die als genetisches Experimentierfeld und Zuchtanstalt missbraucht wurde. In [„Der steinerne Kreis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1349 ging es unter anderem um geheime russische Atomanlagen. Auch in „Imperium der Wölfe“ geht es um eine furchterregende Geheimorganisation, die sich aus nationalistischen Großmachtträumen speist.

Und praktisch immer bei Grangé geht es um Identität und Anonymität. In „Purpurne Flüsse“ treten Zwillinge auf. In „Imperium der Wölfe“ ist das nicht mehr nötig: ein einzelner Mensch kann zwei Identitäten oder mehr besitzen. Und nicht nur an der Oberfläche …

_Handlung_

Anna Heymes hat sich bislang für eine kultivierte Pariserin gehalten und sah auch so aus: äußerst schlank, blasse Haut, schwarzes Haar, große Augen und modische Kleidung. Ihr Mann Laurent ist ein hohes Tier bei der Polizei und lädt Anna gerne zu den Herrenrunden der Oberbullen ein, die Philippe Charlier, der Chef der Anti-Terror-Einheiten, veranstaltet. Anna besteht darauf, einer Arbeit nachzugehen: Sie arbeitet Teilzeit in einem Schoko-Laden an einem schicken Boulevard.

In letzter Zeit plagen Anna ein wiederkehrender Albtraum und seltsame Erinnerungslücken. Sie kann sich nicht mehr an Gesichter erinnern, die sie noch kurz zuvor gesehen hat. Selbst ihr eigener Mann bereitet ihr Angstzustände, wenn unvermittelt sein Gesicht auftaucht. Der besorgte Polizist schickt sie zu einem Neurologen in einer Militärklinik. Eric Ackermann durchleuchtet ihr Gehirn, findet aber nichts Ungewöhnliches. Doch als er eine Gewebeprobe von ihrem Hirn nehmen möchte, rastet Anna beinahe aus.

Sie vertraut sich einer Psychiaterin an: Die geschiedene Mathilde Wilcrau ist zwar schon ein älteres Semester, doch körperlich total fit. Und sie kennt sowohl Eric Ackermann als auch die Uni, wo er studiert hat. Das lässt sie das Schlimmste befürchten. Dass Ackermann Anna in einer Militärklinik untersucht hat, macht sie stutzig. Und tatsächlich bringt es ein Anruf bei Mathildes Exmann ans Licht: Jede Frage nach Annas Geheimnis ist wie der Schritt in ein Minenfeld. Was sie herausfindet, ist schrecklich:

Laurent ist nicht Annas Mann.
‚Anna Heymes‘ ist nicht Annas wahrer Name.
Dies ist nicht Annas Gesicht.
Dies ist nicht Annas Leben.
Wer ist Anna dann? —

Im Pariser Türkenviertel, wo eingeschmuggelte Arbeitskräfte unter unmenschlichen Bedingungen in „sweatshops“ schuften, geschehen drei schreckliche Morde. Die Opfer: junge türkische Frauen, alle rothaarig, von gleicher Gesichtsform – und natürlich nicht gemeldet. Allen wurde das Gesicht zerstört, der Körper weist Spuren einer grausamen Folter auf. Jemand hat Informationen gesucht, aber welche? Und warum gleich dreimal?

Paul Nerteux ist eigentlich ein engagierter Polizist und er hält sich für erfahren. Doch nicht erfahren genug, um es mit der abgeschotteten Schattenwelt der Pariser Klein-Türkei aufzunehmen. Also spannt er einen alten Experten ein: Jean-Louis Schiffer. Der bullige Ex-Bulle, der jetzt im Altenheim wohnt, trägt zwei Spitznamen. Nerteux will, wie alle Polizisten, das „Eisen“, doch was er bekommt, ist lediglich „Chiffre“. Mit einem Wort: Man kann Schiffer nicht trauen.

Doch Chiffres unorthodoxe Methoden führen schnell zu Erfolg: Schon bald sind die drei Toten identifiziert und mit Wohnort und Foto versehen. Eine hat beim ungekrönten König der Klein-Türkei gearbeitet, mit dem Schiffer sehr vorsichtig redet, eine andere hat mit Schiffers Ex-Frau, einer türkischen Unternehmerin, zu tun gehabt. Alle Zeugen kriegen es mit der Angst und warnen Schiffer: Sie schützen die Täter.

Bis endlich einer redet: „Boskurt“, die „Grauen Wölfe“. Schiffer gefriert das Blut in den Adern. Die Terroreinheit der türkischen Mafia in Paris? Kein Wunder, dass alle Angst haben! Und diese skrupellosen Killer suchen eine ganz bestimmte Frau. Eine Frau, die etwas mit Drogenschmuggel zu tun hat, Verrat beging und zu viel weiß.

Eine Frau wie Anna Heymes?

_Mein Eindruck_ [Vorsicht, Spoiler!]

Zwischen Paris und Istanbul, zwischen Gehirnmanipulation und türkischer Mafia bewegt sich Grangés neuester Thriller. Die Zutaten sind so ungewöhnlich und doch in ihrem Zusammenspiel so wirkungsvoll, dass es mir schwer fallen würde, den Autor nicht dafür zu bewundern, wie er das wieder hingekriegt hat. Schon in „Purpurne Flüsse“ entwickelte er das verblüffende Szenario aus zwei völlig verschiedenen Richtungen, die erst dann zusammen einen Sinn ergaben, wenn man die einzige Lösung akzeptierte, die noch logisch erscheint, und sei sie auch noch so exotisch.

Genauso verfährt Grangé auch diesmal. Doch statt sein bekanntes Rezept selbst zu kopieren, nämlich nach drei Morden einen Serientäter zu präsentieren, geht er diesmal ganz anders vor. Das Ergebnis ist aber genauso furchteinflößend und beklemmend wie „Purpurne Flüsse“, wenn auch schwer zu glauben. Totale Gedächtniskontrolle, das Ersetzen einer Identität – was bislang nur der Science-Fiction vorbehalten war, ist in Grangés Thriller in der militärischen Forschung bereits Wirklichkeit. Der Autor nimmt sich die Freiheit des Poeten, das Mögliche weiterzuspinnen. Bis zur letzten schrecklichen Konsequenz.

|Fundament aus Fakten|

Das Mögliche muss jedoch stets auf bekannten Fakten aufgebaut sein, sonst hängt es als Fantasie in der Luft. Und was der Autor alles über die türkische Mafia zu berichten weiß, kann auf keinen Fall an den Haaren herbeigezogen sein, sondern dürfte ziemlich genau der Realität entsprechen.

Es geht weniger um die Organisation selbst, als vielmehr um die terroristische Einheit, die als „Graue Wölfe“ in der zweiten Romanhälfte die Hauptrolle spielt. Ursprünglich waren sie lediglich die „Idealisten“ und kämpfen für die nationalistischen Konservativen unter Arpaslan Türkes. Nach dem Militärputsch 1980 spannte Türkes seine alten Helfer nicht als Parteischlägertruppe ein, sondern als Ausführungsgehilfen bei politischen Morden, an Kurden und Armeniern etwa. Und da er zwecks Geldbeschaffung die türkische Drogenindustrie aufbaute, setzte er die „Grauen Wölfe“ als Schmuggler und Agenten ein, die Heroin etc. nach Westeuropa schmuggelten.

So wie alle drei getöteten Frauen aus Anatolien kamen, so stammen auch die meisten „Grauen Wölfe“ aus der kargen, extrem konservativen Osttürkei. Und einer von ihnen ließ sich von einem der „Paten“, die hier „Babas“ heißen, einfangen, trainieren und strategisch einsetzen. Dumm nur, dass er zu viel Geschmack am Töten fand. Folgerichtig führt am Ende die Spur zurück nach Anatolien, wo der letzte einer ganzen Reihe von Showdowns stattfindet.

|Auch Humor gibt’s hier|

Doch ist nicht alles grimmig hier: Paul Nerteux, der Otto Normal in diesem verrückten Plot, wirkt in seiner Hilflosigkeit komisch und sympathisch. Er wirkt umso sympathischer, als er von seiner kleinen Tochter Céline getrennt lebt und doch gerne alles für sie tun würde. Er wirkt auf mich wie Kerkorian (gespielt von Vincent Cassel) neben Kommissar Niémans (Jean Reno) in „Die purpurnen Flüsse“, sozusagen der Sidekick des Helden.

|Die Übersetzung|

Bei der Beurteilung der Übersetzung von Christiane Landgrebe schwanke ich zwischen „gewöhnungsbedürftig“ und „ein Ärgernis“. Einige Fehler sind eindeutige Sachfehler. So schreibt sie beispielsweise „überirdisch“ statt „oberirdisch“, wenn es um simple Stadtbahnen geht. Sie schreibt „Explosionsmotor“ statt „Verbrennungsmotor“ (200) und „Fell-“ statt „Pelzhändlerin“ (213) sowie „übersah“ statt „überschaute“ (218).

In einem anderen Fall kann man sich über den korrekten Terminus streiten. Niemand in Deutschland außer einem totalen Experten würde wohl „Ästhetische Chirurgie“ statt „Plastische Chirurgie“ sagen (286 ff). Aber Ersteres ist offenbar der gängige Ausdruck im Französischen, um Gesichtschirurgie zu bezeichnen – Französisch ist ja so viel feiner in der Ausdrucksweise, nicht wahr?

_Unterm Strich_

Ebenso wie in [„Die purpurnen Flüsse“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=936 erzeugt Grangé auch diesmal eine beklemmende Atmosphäre der Paranoia, die sich erst allmählich aufbaut, um sich dann – besonders im zweiten Handlungsstrang – explosiv in brutaler Action zu entladen.

Es ist faszinierend, wie sich diese beiden Elemente gegenseitig ergänzen und verstärken. Dennoch wirken sie nicht als Show, sondern stehen auf einem soliden Fundament an bekannten Fakten. Es gibt lediglich eine Stelle, an der mein Unglauben nicht aufgehoben wurde: die Sache mit der Gehirnmanipulation. Gestern noch Science-Fiction, heute schon Wirklichkeit? Da müsste man die Experten fragen.

Kaum eine der Hauptfiguren erreicht die Ziellinie, und doch ist ihr Kampf nicht vergebens. Es bleiben keine losen Enden übrig, und der Leser kann das Buch getrost beiseite legen: Gerechtigkeit, die gibt es auch hier. Ein spannendes, beklemmendes und sehr zufriedenstellendes Buch, finde ich. Aber nichts für zarte Gemüter, so viel steht fest.

|Originaltitel: L’empire des loups, 2003
Aus dem Französischen übersetzt von Christiane Landgrebe|

Murakami, Haruki – Tony Takitani

„Tony Takitani“ ist ein Buch, das aus dem Rahmen fällt. Recht großformatig geschnitten, etwas minimalistisch gestaltet und für den Zyniker geradezu papierverschwenderisch gedruckt. Gerade mal 64 Seiten, gerade mal etwa eine Dreiviertelstunde Lesevergnügen, für die der geneigte Leser satte 16 €uro auf den Tisch zu legen hat. Ganz haarspalterisch betrachtet, sind das 25 Cent pro Buchseite oder gar 35 Cent pro Leseminute. Manch einer wird angesichts dieses Preis-/Lesezeitverhältnisses nicht nur schlucken, sondern gleich die Finger von dem Buch lassen. Das ist einerseits verständlich, andererseits ob der Inhalte aber auch bedauerlich, denn „Tony Takitani“ ist ein waschechter Murakami, mit all seinen Qualitäten – nur eben in Kleinstausgabe.

Dass Haruki Murakami ein Ausnahmeautor ist, haben viele Leser schon längst begriffen. Er hat ein außerordentlich vielfältiges Repertoire, hangelt sich von Genre zu Genre, erzählt Romantisches, Visionäres und Fantastische, versteht sich aber auch auf ernste Themen mit dokumentarischem Charakter. Alles auf gleichsam hohem Niveau. Schon mit „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ oder mit „Der Elefant verschwindet“ hat Murakami bewiesen, dass er auch über die kurze Distanz zu erzählen und den Leser gefangen zu nehmen weiß. Mit „Tony Takitani“ liefert er einen weiteren Beleg dafür.

Darüber hinaus ist „Tony Takitani“ der erste Murakami, der nicht nur als Buch Eindruck machen kann, sondern auch als Kinoverfilmung. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches läuft auch der gleichnamige Film in den deutschen Programmkinos an, wenngleich auch sicherlich eher vor kleinem Publikum. Das mag wieder den Zyniker auf den Plan rufen, der einwirft, dass er für einen Buchkauf auch zweimal ins Kino gehen könnte, so teuer wie das Buch ist. Das lässt sich alles nicht leugnen und ob ein so hoher Preis für lediglich eine Novelle gerechtfertigt ist, da darf man sicherlich so manchen Zweifel hegen.

Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen der eigentliche Inhalt des Buches. Murakami erzählt wieder einmal eine Geschichte über Zwischenmenschliches – über Nähe und Isolation, über Liebe, Einsamkeit und Verlust.

Tony Takitani, Hauptfigur und Namensgeber der Geschichte, hat keine leichte Kindheit. Die Mutter stirbt drei Tage nach seiner Geburt, das Verhältnis zum Vater bleibt stets ein wenig unterkühlt. Obendrein wird er aufgrund seines amerikanischen Vornamens gehänselt, teilweise gar als vermeintliches Mischlingskind verspottet. Dabei ist Tony Takitani ein waschechter Japaner.

Seine Kindheit verläuft ansonsten unspektakulär. Der Vater verdient seine Brötchen als Jazz-Posaunist, während Sohnemann seine Leidenschaft für das Zeichnen entdeckt. Ganz akkurat und geradezu detailbesessen führt Tony Takitani den Bleistift. Dass er später technischer Zeichner wird, verwundert niemanden. Ähnlich akkurat und leidenschaftslos wie seine Zeichnungen, verläuft auch Tony Takitanis Privatleben. Er ist allein und lebt recht unspektakulär vor sich hin. Tony Takitani hat sich mit seiner Einsamkeit abgefunden.

Das ändert sich, als er eines Tages eine junge Frau kennen lernt. Schnell erkennt er, dass diese Frau für ihn etwas Besonderes bedeutet. Er verliebt sich in sie – eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht. Die beiden heiraten und Tony Takitani findet in seinem Leben endlich das, was ihm immer gefehlt hat. Der einzige Schatten, der dieses Glück trübt, ist die Besessenheit, mit der Tony Takitanis Frau Kleider kauft. Als ihre Kleider irgendwann schon ein ganzes Zimmer in Tony Takitanis Haus füllen, bittet er seine Frau, sich doch vielleicht ein bisschen zu mäßigen. Sie zeigt sich einsichtig, weiß um das Krankhafte ihrer Leidenschaft und verspricht sich zu bessern.

Kurz darauf verunglückt die Frau tödlich mit dem Auto. Tony Takitani ist untröstlich. Der Anblick des Zimmers voller Kleider ist ihm unerträglich. Er versucht all die abgestreiften Hüllen, die seine Frau zurückgelassen hat, wieder mit Leben zu füllen und macht sich auf die Suche nach einer 1,61 m großen Frau mit Kleidergröße 34 …

„Tony Takitani“ ist eine Geschichte, die einem so schnell nicht aus dem Kopf geht und somit ein typischer Murakami. Murakami ist ein Meister im Erzählen von Geschichten, die einem nicht aus dem Kopf gehen und so steht „Tony Takitani“ in bester Murakami-Tradition.

Schon nach wenigen Zeilen nimmt uns die Geschichte gefangen. Haruki Murakamis Erzählstil wird von einer merkwürdigen Poesie getragen. Seine Geschichten haben etwas Magisches, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Er fesselt, durch seine Art zu erzählen, durch seinen bedachten Umgang mit Worten, durch die Bilder, die er im Kopf erzeugt. Seine Erzählweise, die auf den ersten Blick ein wenig kühl und distanziert wirken mag, ist bei näherer Betrachtung das genaue Gegenteil: eindringlich und emotionsgeladen – aber eben auf ihre ganz eigene Art und immer wieder auch ein wenig verstörend.

Auch „Tony Takitani“ zeigt deutlich diese Mischung. Auf der einen Seite Distanz und deutlich spürbare Kühle. Auf der anderen Seite ein tiefer Einblick in Emotionales. Tony Takitanis Frau bekommt nicht einmal einen Namen, man erfährt nichts über ihr Leben, weiß nur um ihre Kleiderbesessenheit. Ihr Tod kommt plötzlich und unerwartet, geradezu beiläufig und gerade darin liegt bei Murakami so viel Wucht: |“In diesem Moment raste ein Lastwagen, der noch bei Gelb über die Kreuzung fahren wollte, mit voller Geschwindigkeit in ihren Renault Cinque. Ihr blieb nicht einmal Zeit, etwas zu spüren.“|

Tony Takitani ist fortan wieder allein. Und trotz der Kürze der gesamten Geschichte kann man sehr gut mit ihm fühlen. Diesmal erwischt die Einsamkeit ihn eiskalt. Isoliert steht er da, während das Leben vor seiner Tür weiterzieht und er scheint unfähig, daran teilzuhaben. Einsamkeit war ihm von früherer Zeit so vertraut und doch ist sie ihm so neu. Murakami schafft es mit ganz einfachen Mitteln, mit so wenigen Worten, dies einfühlsam zu vermitteln.

Es sind Erzählelemente, die recht typisch für Murakami sind. Liebe und Einsamkeit, Verlust und Isolation spielen oft eine Rolle in seinen Erzählungen und dennoch zeigt „Tony Takitani“ noch eine eigene Spielart. Unstrichen wird diese auch durch die Aufmachung des Buches. „Tony Takitani“ ist in zweifacher Hinsicht ein Kunstwerk – literarisch und visuell.

Das Buch mit dem dicken, schlichten Pappeinband ist angereichert mit Bildern aus der Verfilmung von Jun Ichikawa. Bilder, die schon einen recht guten Eindruck vermitteln und Lust auf den Film machen. Bilder, die all die Emotionen widerspiegeln, die auch Murakami auf erzählerische Art vermittelt. Entfärbt und in schlichtem, kühlem Blaugrau gehalten, erzeugen die Bilder ein absolut stimmiges Bild. € 16,- für eine 64-seitige Novelle mögen schon sehr teuer sein, aber zweifelsohne bekommt man dafür auch ein ungewöhnliches Buch geboten.

Haruki Murakami beweist mit „Tony Takitani“ einmal mehr auf eindrucksvolle, nachhaltig beeindruckende Art, dass er ein Meister des Erzählens ist. Man denkt auch nach dem Ende der Erzählung immer wieder an Tony Takitani zurück. So leidenschaftslos sein Leben auch wirken mag, er ist dennoch eine Figur, die einem immer wieder in den Sinn springt, aber das haben Murakami-Figuren auch irgendwie so an sich. Ein Murakami zieht nicht spurlos an einem vorbei – auch dieser nicht. Ein Autor, der Eindruck macht und eine Erzählung, die im Gedächtnis haften bleibt.

Murakami-Fans werden so auch weiterhin daran festhalten, den Nobelpreis für ihren Star zu fordern. Oder, wie ich es einst in einer Kundenrezension des Online-Buch-Giganten |Amazon| las: „Sie haben noch nie einen Murakami gelesen? Sie Glücklicher. Dann haben Sie das Beste ja noch vor sich.“

Brooks, Terry – Schwert von Shannara, Das

Als es darum ging, Tolkiens Erfolg mit „Herr der Ringe“ fortzusetzen oder gar zu wiederholen, war Terry Brooks mit „Shannara“ rechtzeitig zur Stelle. Kein Wunder, dass er seinen Riesenerfolg von 1977 bis heute fortzusetzen versucht, zuletzt mit der Trilogie um „Jerle Shannara“ und „High Druid of Shannara“.

http://www.terrybrooks.net/

Das soll aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass der erste Roman „Das Schwert von Shannara“ eine ziemlich offensichtliche Kopie des berühmten Tolkien-Epos ist. Der |Goldmann|-Verlag schlug seinerzeit sofort mit einer – auf drei Bände verteilten – Übersetzung zu. Doch Übersetzungen, die Tony Westermayr anfertigte, begegne ich stets mit einer gewissen Zurückhaltung und Skepsis, seit ich erfahren habe, dass er dazu angeheuert wurde, auch Science Fiction-Romane radikal zu kürzen und sogar zurechtzustutzen. Jeder Heinlein, den er übersetzte, wird seit kurzem wieder in vollständiger Fassung bei |Bastei-Lübbe| herausgebracht.

_Handlung_

Rund 2000 Jahre in der Zukunft spielt die Saga, lange nachdem die Großen Kriege fast die gesamte Welt verwüstet haben. Der Entwicklungsstand der Kulturen von Menschen, Elfen, Zwergen und Gnomen entspricht unserem frühen Mittelalter, doch die meisten dieser Völker besitzen nicht einmal Pferde oder Mulis. Das ist ein guter Grund, um die Helden der Saga lange, lange Fußmärsche ausführen zu lassen – so kriegen sie wenigstens etwas von der Gegend zu sehen, beispielsweise Sumpfungeheuer.

Doch der Reihe nach: Der junge Shea (sprich: schej) wächst als der Halbbruder von Flick Ohmsford in einem idyllischen Bergdorf namens Shady Vale auf. Bis eines Tages der zwielichtige Mystiker und Gelehrte Alannon in sein Heim platzt und ihn warnt, er solle sich sofort auf die Socken machen, um vor einer großen Gefahr aus dem Nordland zu fliehen. Shea sei nämlich der letzte Sproß eines elfischen Königshauses, jenes von Shannara, und daher bestimmt, mit dem sagenhaften Schwert von Shannara die Welt vor dem Dämonenkönig aus dem Nordland zu retten.

Na klasse, was soll der Scheiß?, denkt sich Shea, und kaum ist Alannon wieder auf unbekannten Missionen unterwegs, fällt er in tiefen Schlaf. Doch als sein Bruder Flick ihn weckt, ist es schon fast zu spät: ein dunkler Schatten schleicht durchs Dorf und macht die Hunde kalt. Im letzten Moment können die beiden fliehen. Auf dem Weg zu Sheas Freund Prinz Menion von Leah erweisen sich die Elfensteine, die Shea von Alannon empfangen hat, von großem Nutzen gegen Ungeheuer.

Um Alannon wiederzusehen, müssen die drei zu der Zwergenstadt Curvalen reisen, natürlich wieder zu Fuß. Vorbei an unheimlichen Wäldern und sich bewegenden Bäumen sowie verhängnisvollen Sirenen – Nachahmungen des Alten Weidenmannes am Rande des Alten Waldes im „Herr der Ringe“ – führt sie ihr Weg, doch gerettet werden sie von geheimnisvollen Lichtern, alten Männern und zu guter Letzt den Zwergen.

Curvalen entspricht Bruchtal, einem Refugium vor allen Gefahren, einem Ort der Heilung und des Fassens neuer Pläne. Mit Alannon, zwei Elfen, dem Krieger Balinor und dem Zwerg Höndel machen sich Shea und Flick auf den Weg, um das Schwert von Shannara aus der Höhle des Löwen zu holen. In der ehemaligen Druidenfestung Paranor „hinter den sieben Bergen“ liegt das Schwert nun in der Hand des Erzbösewichts, des Dämonenkönigs Brona.

_Mein Eindruck_

Mal abgesehen von den für jeden Kenner offensichtlichen Parallelen zum „Herrn der Ringe“ bietet „Das Schwert von Shannara“ solide Fantasyabenteuer für Leser ab etwa zehn bis zwölf Jahren. Gegenüber der Masse an Routinearbeiten dieses Genres hebt sich „Shannara“ durch eine genaue (aber nicht zu penible) Charakterisierung der Figuren und durch einen einheitlichen geschichtlichen Hintergrund seiner Welt ab. Der Hintergrund ist wie die Geografie von höchster Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Handlung und die Tragkraft der Idee, dass es immer wieder Ausbrüche des Bösen gibt – etwa alle 500 Jahre – die von aufrechten Zauberern und tapferen Menschen etc. bekämpft werden müssen und können.

Wer die Vorgeschichte dieses Bandes erfahren möchte, der lese [„Der Ausgestoßene von Shannara“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=851 Darin erfährt man, wie die letzte Invasion des Dämonenkönigs Brona abgewehrt wurde: vom Druiden Brimen und dem Elfenkönig Jerle Shannara.

|Originaltitel: The sword of Shannara (Part 1), 1977
Aus dem US-Englischen übertragen von Tony Westermayr|

Seit Dezember 2003 gibt es die ersten drei Bücher auch im preiswerten Sammelband [Shannara I: Das Schwert – Der Sohn – Der Erbe]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442242673/powermetalde-21 bei |Blanvalet|.