Straub, Peter – Hellfire Club – Reise in die Nacht

Mit „Hellfire Club – Reise in die Nacht“ hat Peter Straub einen packenden Psychothriller geschrieben, in dem es um ein altes Unrecht geht, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei stehen eine reiche Verlegerfamilie, die Chancels, und ihre dunkle Vergangenheit, ein skrupelloser Frauenmörder, eine brutale Entführung und ein mysteriöses Kultbuch in komplexem Zusammenhang. „Reise in die Nacht“ ist mit Abstand Straubs gelungenstes Buch, ästhetisch und künstlerisch wie auch für den Leser befriedigend, weist aber auch ein paar Fragen auf, die offen bleiben.

_Handlung_

Im Mittelpunkt des Interesses steht die sympathische Nora Chancel; der Leser verfolgt ab dem zweiten Drittel des Buches, wie sich ihr bis dato behagliches Leben in atemberaubenden Tempo „von innen nach außen kehrt“ – eine häufige Metapher in diesem Roman. Denn bis zum Schluss enthüllen sich Geheimnisse, lösen sich Rätsel und verändert sich das Bild, das der Leser von den Figuren anfangs erhalten hat. Es ist ein Buch mit zahlreichen Falltüren und unerwarteten Wendungen – umso besser!

Auf „Reise in die Nacht“, so der Titel eines fiktiven, 1939 erschienen Bestseller-Romans von Hugo Driver, gründen sich Vermögen und Erfolg der neuengländischen Familie Chancel und ihres Verlags Chancel House (ein Anklang an Random House). Davey Chancel, Sohn des Inhabers Alden, gehört ebenfalls zur großen und besessenen Fangemeinde dieses Kultbuches. Er ist ein Träumer, abhängig von seinem Vater.

Seine Frau Nora, die als Krankenschwester in Vietnam mit einer brutalen Realität konfrontiert war, teilt Daveys Enthusiasmus nicht. Aber nicht allein aus diesem Grund gilt sie in der Familie Chancel als Außenseiterin. Das Grauen aus Vietnam verfolgt sie noch immer in ihren Träumen, und hin und wieder sieht sie hämisch grinsende Dämonen im Augenwinkel.

In der Kleinstadt Westerholm, Connecticut, wo auch die Chancels residieren, versetzt seit Wochen ein kaltblütiger Frauenmörder die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Als Natalie Weil, die heimliche Geliebte Davey Chancels (wie auch seines Vaters) unter mysteriösen Umständen aus einem verwüsteten, blutgetränkten Zimmer verschwindet und erst einige Zeit später wieder auftaucht, fällt der Verdacht auf Nora.

Auch der wankelmütige Davey hält nicht zu ihr, als das FBI aufkreuzt. Doch kurz bevor der wahre Sachverhalt – ein schlechter „Scherz“ von Daveys Vater – aufgeklärt werden kann, wird Nora von dem Rechtsanwalt Dick Dart, der bereits als der Killer überführt ist, im Polizeibüro als Geisel genommen und entführt.

Während ihrer Flucht durch Neuengland kann Nora nur überleben, indem sie vorgibt, auf der Seite dieses Psychopathen zu stehen, während Dart jeden erbarmungslos umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Nora begegnet wieder ihren Dämonen.

Allmählich enthüllt Dart seiner Gefangenen, was er als seine „Mission“ begreift: Er hat in seiner Kanzlei, die Chancel House seit Jahren betreut, erfahren, dass die Angehörigen der 1938 verstorbenen Schriftstellerin Katherine Mannheim Rechte auf das Manuskript „Reise in die Nacht“ beanspruchen – die Dichterin sei die wahre Urheberin des Buches. Sie war 1938 mit Hugo Driver und anderen Dichterkollegen Gast auf einem Landgut namens Shorelands und verschwand unter mysteriösen Umständen.

Dart versucht nun, alle Zeugen, die die Urheberschaft Drivers an dem von Dart kultisch verehrten Buch in Frage stellen könnten, zu beseitigen. Dabei geht er keineswegs zimperlich vor.

Als Nora sich schließlich von ihrem Entführer befreien kann, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei dem ebenso düsteren wie blutigen Geheimnis um das berühmte Manuskript Zug um Zug näher, stets verfolgt von FBI und Dart.

Als sie ihm wieder in die Hände fällt und sie zusammen nach Shorelands fahren, zurück zum Ursprung des Unheils, findet sie den „goldenen Schlüssel“ zum Untergang des Hauses Chancel wie auch ihre eigene innere Freiheit.

_Mein Eindruck_

„Hellfire Club – Reise in die Nacht“ enthält eine zielstrebig vorwärts preschende Handlung, die von glaubwürdigen Charakteren gestützt und gelenkt wird, bis die Bösen den verdienten Untergang erleben und die Guten verändert aus dem Showdown hervorgehen. Das Buch setzt sich mit Lebenslügen, verkorksten Beziehungen und dem falschen Kult um Bücher und andere Medien auseinander.

Nora Chancel ist eine Heldin wider Willen auf einer Höllenfahrt, genau wie der leidgeprüfte jugendliche Held in Hugo Drivers verhängnisvollem Roman – einer der zahlreichen Fälle von subtiler Ironie in diesem Buch. Dass der Autor ihr und allen anderen Charakteren die menschliche Würde lässt und sie nicht zu einem Abziehbild degradiert, ist ein hohes Verdienst und trägt sicherlich dazu bei, die Lektüre zu einem eindrucksvollen und befriedigenden Erlebnis zu machen. Ungelöst bleiben lediglich Fragen, die Dick Darts Verhalten am Schluss betreffen – hier hat der Autor einiges unterdrückt, das dem angestrebten Effekt widersprochen hätte. Unklar bleibt auch die Rolle, die Dick Darts Vater spielt – er bleibt zu passiv im Hintergrund.

Die knapp 640 Seiten (660 bei der |Heyne|-Ausgabe) lesen sich leicht in zwei, drei Tagen und man bekommt Lust, sie gleich nochmal zu lesen. Straubs zuletzt bei uns veröffentlichte Romane waren die Vietnam-Psychothriller „Koko“ und „Der Schlund“ sowie [„Haus der blinden Fenster“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1003 und deren Grauen ist auch hier zu spüren. Doch im Gegensatz zu ihnen ist „Reise in die Nacht“ viel stärker mit der Rolle der Literatur und ihrem Bannkreis beschäftigt: ihren manchmal gar nicht feinen Produzenten, ihren blinden, süchtigen Fans und ihren skruppellosen Vermarktern: „Geschäft ist Geschäft“ ist die Moral Amerikas. Straub führt subtil vor Augen, wohin diese kapitalistische Moral führt, wenn man sie konsequent zu Ende verfolgt. Hut ab, Mister Straub! Dies ist ein Meisterwerk.

|Originaltiel: Night Journey, 1996
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber|

Nix, Garth – Sabriel (Das alte Königreich 1)

Garth Nix ist Fantasy-Lesern sicherlich durch den Zyklus um „Der Siebte Turm“ bekannt, welcher in den letzten Jahren beim |Dino|-Verlag erschien und sich vor allem an ein jugendliches Publikum richtete, das die Fantasy gerade erst durch Harry Potter, die „Herr der Ringe“-Filme oder entsprechende Computerspiele für sich entdeckt hatte. Jugendliche Helden wurden berufen, um ein düsteres Geheimnis zu lösen und durch die Reise erwachsen zu werden. Auch in seiner neuesten Trilogie müssen sich junge Helden bewähren.

Eine große Bannmauer trennt das Alte Königreich, in dem Magie und Zauberei noch an der Tagesordnung sind, vom technisch viel fortschrittlicheren Ancelstierre. Soldaten bewachen die Grenze, über die immer wieder freie Magie ausbricht und Schaden anrichtet, und lassen nur wenige Grenzgänger durch. Zu ihnen gehört auch Terciel Abhorsen, ein Magier und Nekromant des Alten Königreiches, der als einer der wenigen Garanten für die Sicherheit beider Reiche gilt, da das magisch begabte Herrschergeschlecht des Alten Königreichs vor ein paar Generationen ausgestorben ist.

Seine Tochter Sabriel wächst in Ancelstierre auf. In einem Mädcheninternat hat sie für das Leben wichtige Dinge gelernt und mit ihren Freundinnen viel Spaß gehabt, aber auch ihre Wurzeln nicht vergessen. So zögert sie nicht lange, als sie eine düstere Botschaft erreicht. Ihr Vater Abhorsen ist verschwunden, und an den Grenzen gehen seltsame Dinge vor sich: Die Toten versuchen nach Ancelstierre vorzudringen – es ist fast so, als würde sie eine düstere Macht kontrollieren.

Sabriel weiß, was sie nun zu tun hat. Sie lässt die Schule und ihre Kindheit hinter sich und kehrt in das Alte Königreich zurück, um ihren Vater zu retten. Sehr schnell stellt sie fest, dass sie sich noch einiges an Wissen aneignen muss, um gegen den geheimnisvollen Feind bestehen zu können, denn bei einem Überfall mächtigerer Toter verliert sie fast ihr Leben.

Dank der magischen Katze Mogget, die ihrer Familie schon viele Jahrhunderte dient, erlangt sie die ihr noch fehlenden Kenntnisse. So gerüstet, bricht sie ihrerseits auf, um den Feind herauszufordern. Doch auf dem Weg zu ihrem Ziel muss sie erkennen, dass sie nicht allein ausersehen ist, um die dunkle Macht zu brechen.
Auch der geheimnisvolle Jüngling Touchstone, der für Jahrhunderte in die Gallionsfigur eines Totenschiffes gebannt war, scheint ein Schlüssel zur Lösung des Problems zu sein, denn er ist vom Blut der alten Könige …

Die ersten Kapitel von „Sabriel“ erwecken den Eindruck, es mit einem weiteren Harry-Potter-Klon zu tun zu haben. Denn die Geschichte beginnt in einem englischen Internat, dessen Schülerinnen durchaus mit Magie vertraut sind. Garth Nix macht keinen Hehl daraus, dass Ancelstierre England irgendwann im 20. Jahrhundert ist.

Allerdings verfliegt der erste Eindruck ziemlich schnell und „Sabriel“ entwickelt sich zu einem eigenständigen Werk, das einen sehr eigenständigen Kosmos mit ungewöhnlicher Magie und fantasievoller, düsterer Atmosphäre entwickelt, die stellenweise die Dichte klassischer „Gothic Novels“ erreicht. Auch die Vermischung von Moderne und Fantasy ist gut gelungen und wirkt an keiner Stelle des Romans aufgesetzt.

Mich hat beeindruckt, wie elegant Garth Nix mit einem zwiespältigen Thema wie Nekromantie, d. h. der Totenbeschwörung, umgeht und ihre guten wie auch schlechten Seiten aufzeigt. Magie ist kein schmückendes Beiwerk, sondern das Hauptthema des Buches und nicht immer leicht zu beherrschen, wie Sabriel immer wieder lernen muss. Als Heldin ist sie angenehm normal – immer wieder wird sie in überheblichen Momenten in ihre Schranken verwiesen, kann aber auch durch Erfolge und Siege wachsen.

Auch die Nebencharaktere haben es in sich – Mogget ist nicht unbedingt das, wofür man ihn zunächst halten mag, und die Beziehung zwischen Sabriel und Touchstone bleibt bis zum Ende angenehm kitschfrei.

„Sabriel“ ist nicht nur für Jugendliche spannende Unterhaltung. Garth Nix hat ein interessantes und atmosphärisch sehr ausgereiftes Universum mit komplexer und ausbaufähiger Magie erschaffen, in eine Handlung verpackt, die immer wieder mit neuen und vor allem nicht nur vordergründigen Überraschungen aufwartet. Also Fantasy, in die man ruhig einmal einen Blick werfen sollte, wenn man der Drachen, Elfen und Zwerge einmal überdrüssig ist.

Wem die gebundene Ausgabe von |Carlsen| übrigens zu teuer ist, der kann auch auf die im April 2005 erschienene Taschenbuchausgabe von |Lübbe| zurückgreifen, die in ihrer Aufmachung dem Hardcover in nichts nachsteht, wenngleich das Titelbild dieser Ausgabe viel stimmungsvoller wirkt.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Jostein Gaarder – Maya oder Das Wunder des Lebens

S. 313: „Joker erwacht in einer organischen Festplatte auf dem Kopfkissen. Er spürt, dass er anfängt, sich aus einem heißen Strom halbfertiger Trugbilder an den Strand eines neuen Tages zu kämpfen. Welche Zellkraft steckt die Elfengehirne in Brand? Welche Turbinen treiben das Feuerwerk des Bewusstseins an? Welche atomare Kraft bindet die Gehirnzellen der Seele aneinander?“

Philosophie oder nur leeres Wortgeplänkel, das ist hier die Frage! Handelt es sich hierbei um hochwichtige Verse oder einfach nur inhaltslose Worthülsen, die keine Bedeutung mit sich tragen, aber wichtig klingen sollen? Ich denke, beide Deutungen sind möglich, wobei ich eindeutig zur zweiten tendiere, da Gaarder mich mit seinen philosophischen Ausführungen leider nicht überzeugen kann. Mit dem Erfolg von „Sofies Welt“ gelangte der norwegische Autor zu Weltruhm, auch seine nachfolgenden Romane wie „Das Kartengeheimnis“ oder „Der Geschichtenerzähler“ verkauften sich blendend, doch in „Maya oder Das Wunder des Lebens“ verlangt Gaarder seinen Lesern mehr Geduld und Ausdauer ab denn je.

Eine Geschichte in der Geschichte

Zunächst begegnet uns der Schriftsteller John Spooke, der von seinem Zusammentreffen mit dem Evolutionsbiologen Frank Andersen auf der kleinen Fidschiinsel Taveuni berichtet. Doch schon bald wechselt die Erzählerperspektive und der Großteil des Buches ist in Form eines Briefes von Frank an seine Frau Vera geschrieben, in welchem Frank seine Erlebnisse auf der Fidschiinsel zusammenfasst und von Ana und José erzählt.

Bei Ana und José handelt es sich um ein spanisches Paar, welches Frank auf Taveuni kennenlernt, die beiden unterhalten sich untereinander stets auf Spanisch und geben dabei merkwürdige philosophische Sätze von sich. Frank, der selbst Spanisch sprechen kann, lauscht ihnen heimlich und versucht, den beiden gegenüber zu vertuschen, dass er ihren Diskussionen folgen kann. Zudem hat Frank sofort das Gefühl, dass er Ana bereits irgendwo gesehen hat, doch kann er sie bzw. ihr Gesicht nicht einordnen. Komischerweise befällt John Spooke genau das gleiche Gefühl, doch findet er bald im Internet heraus, dass Ana der Maya auf Goyas Gemälde „La Maya Desnuda“ („Die nackte Maya“) nicht nur verblüffend ähnlich sieht, sondern diese Maya sein muss. Doch wie kommt Anas Gesicht auf ein 200 Jahre altes Gemälde? Erst spät werden dem Leser mögliche Antworten auf diese seltsame Frage präsentiert.

Frank und Vera leben seit dem Unfalltod ihrer kleinen Tochter getrennt voneinander, da dieses Unglück ihre Beziehung zueinander zu sehr überschattet hat. Doch in seinem Brief richtet Frank von Beginn an eine Bitte an Vera und verlangt von ihr, bis zum Ende des Schriftstückes durchzuhalten und alles zu lesen, was er für sie aufgeschrieben hat. Dabei berichtet er von philosophischen Diskussionen auf der kleinen Insel Taveuni und auch von ausführlichen Gesprächen mit dem Gecko Gordon, der Frank vom Trinken abhalten will.

Es wird deutlich, dass Ana und José eine Schlüsselposition einnehmen und insbesondere Goyas Werk in diesem Zusammenhang zu sehen ist, auch wird Frank am Ende in den Besitz des berühmten Manifestes gelangen, welches er mit Vera teilen möchte.

Philosophisches Verwirrspiel

Erneut hat Jostein Gaarder einen sehr philosophischen Roman vorgelegt, der dem Leser viel Konzentration, Geduld und Ausdauer abverlangt. Bereits die wechselnde Erzählerperspektive von John Spooke zu Frank Andersen und später wieder zurück zu John verwirrt, da nicht sofort klar wird, wer überhaupt der Erzähler ist. Auch streut Gaarder viele Andeutungen von bereits stattgefundenen Ereignissen ein, über die Frank später berichten will, sodass man schnell den Überblick zu verlieren droht und kaum noch behalten kann, auf welche Punkte der Autor nochmals zurückkommen möchte.

Jostein Gaarder versucht kläglich, eine gewisse Erwartungshaltung beim Leser aufzubauen, indem er schon früh andeutet, dass Frank in seinem Brief eine wichtige Bitte an Vera formulieren wird, doch am Ende erweist sich dieses Anliegen als trivial und nichtssagend, sodass man sich als Leser ziemlich verschaukelt fühlt, weil man doch mehr von diesem Buch erwartet bzw. sich erhofft hat. Gaarders Intention erschließt sich selbst dem aufmerksamen Leser nicht leicht. In langen philosophischen Abhandlungen schwärmen die verschiedenen Protagonisten des Buches vom Wunder des Lebens, preisen die Vorzüge der Evolution und beschreiben in furchtbar schwülstigen Worten die Natur der Fidschiinseln.

Sprachliche Hürden

Insbesondere sprachlich ist das Buch eine echte Herausforderung. So verliert Gaarder sich oftmals in langatmigen und detaillierten Naturbeschreibungen, die sich über etliche Seiten hinziehen und auch seine philosophischen Wortergüsse verlangen dem Leser viel ab. Gaarders Worte sind schwülstig und teilweise recht kompliziert, seine Ausdrucksweise mutet deutlich selbstverliebt an und die komplizierten Satzkonstrukte tragen auch nicht gerade zum Verständnis des Buches bei. Selten erlebe ich Romane, in denen mir unbekannte Worte auftauchen, doch Gaarder schafft es häufig, dem Leser Ausdrücke zu präsentieren, die nicht dem alltäglichen Wortschatz angehören. Aus dem Zusammenhang erschließen sich die meisten Bedeutungen, doch fand ich diese wertschwangere und überladene Sprache sehr lästig, auch wenn sie wohl zum beabsichtigten Inhalt des Buches passt. Ich bin sicherlich einiges an Kitsch gewöhnt, doch überschreitet Gaarder dieses Mal selbst bei mir die Grenze des Erträglichen. Die ellenlangen Darstellungen von Flora und Fauna auf Taveuni trieften vor Schmalz und waren in schier unerträgliche Wortungetüme gekleidet.

Doch was ist eigentlich Maya? Gaarder schreibt darüber Folgendes (S. 172/173): „Aber Laura ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie behauptete, jegliche Vielfalt sei nur ein Trug. Wenn wir jeden Tag die Welt als vielfältig erleben, dann beruhe das auf Blendwerk, auf dem, was in Indien viele Jahrtausende hindurch maya genannt worden sei. Denn nicht die äußerliche, sichtbare oder materielle Welt sei die wirkliche. Sie sei nur eine traumähnliche Illusion, zwar real genug für die, die darin gefangen seien, doch für weise Menschen sei nur brahman oder die Weltseele wirklich. Die Seele des Menschen sei identisch mit brahman, fügte sie hinzu, und erst, wenn wir das einsähen, könnten wir uns von der Illusion der äußeren Wirklichkeit befreien. Dann werde die Seele zu brahman, was sie ohne ihr eigenes Wissen ja schon die ganze Zeit gewesen sei.“

Da über die Hälfte des Buches in Form eines Briefes an Vera geschrieben ist, sind die Dialoge meist in indirekter Rede aufgeführt, was häufig zu langen Absätzen führt, durch die der Leser sich hindurch kämpfen muss. An dieser Stelle frage ich mich darüber hinaus, welche Frau einen solchen langen und schwülstigen Worterguss ihres Ehemannes lesen wird, von dem sie ohnehin getrennt lebt?!

Identifikation fehlgeschlagen

Die Figuren in diesem Roman bleiben leere Gestalten, die einzig dazu dienen, ihre Meinung über das Wunder des Lebens preiszugeben. Keine Person wird uns derart präsentiert, dass man sich ein gutes Bild von ihr machen könnte, die Figuren rücken völlig in den Hintergrund, Gaarder geht es einzig und allein um sein Manifest. Die wenigen Eigenschaften, die wir von den handelnden Charakteren erfahren, erlauben weder eine Identifikation noch führen sie dazu, dass jemand uns ans Herz wächst. Ganz im Gegenteil, die Figuren wirken unrealistisch und meist unsympathisch, besonders Ana scheint eher eine sagenumwobene Kunstfigur zu sein als ein Mensch aus Fleisch und Blut, und auch Frank kann nicht punkten. Spätestens, wenn er sich mit einem Gecko unterhält, der eines Abends auf seiner geliebten Ginflasche sitzt, beginnt man als Leser ernsthaft, sich Gedanken um den Gesundheitszustand des Erzählers zu machen. Wo dieses skurrile Zusammentreffen zwischen Mensch und Gecko anfangs noch zum Schmunzeln verleitet, so wird es doch auf Dauer immer lästiger, wenn sich selbst der Gecko an den philosophischen Abhandlungen beteiligt und seinen Standpunkt zum Besten gibt.

Was am Ende übrig bleibt

Im Gegensatz zu „Sofies Welt“, in der die schmückende Rahmengeschichte und die philosophischen Abhandlungen strikt voneinander getrennt sind (und es dem entnervten Leser schlussendlich ermöglichen, einen der beiden Handlungsstränge komplett zu überspringen), sind beide Elemente in diesem Buch eng miteinander verwoben. Zwar erzählt Frank von seinen Erlebnissen auf der kleinen exotischen Insel, doch taucht dort immer wieder das spanische Pärchen auf, das mit wichtigen Thesen nur so um sich wirft. Auch treffen sich eines Abends die Inselbesucher zu einer Diskussion um das Wunder des Lebens, die Entstehungsgeschichte, Illusionen und das Bewusstsein der Menschheit. Jede Figur steht für eine eigene Sichtweise und stellt diese lang und breit dar. Leider fehlt auch hier der rote Faden, der dem Leser zeigen könnte, wohin sich die Erzählung entwickeln wird und worauf der Autor hinausmöchte.

Am Ende bemerkt der Leser, dass Gaarder ihn an der Nase herumgeführt hat, denn Franks Brief stammt nicht aus seiner eigenen Feder, sondern aus der des Schriftstellers, der sich von Frank und dem Besuch auf Taveuni zu einem neuen Roman inspirieren ließ. Erst im Nachwort treffen beide Männer wieder zusammen und an manchen Stellen wird klar, wo im Brief Franks Realität aufhört und Johns Fiktion beginnt. Die genauen Grenzen zwischen Erdachtem und wahrem Geschehen bleiben jedoch verwaschen, es wird nicht immer deutlich, wo Johns Phantasie einsetzt und neue Dinge hinzuerfindet. Manch einer mag dies für eine besondere literarische Raffinesse halten, allerdings ist man am Ende des Buches so ausgelaugt und genervt von den Dingen, die man lesen musste, dass dies gleichgültig am Leser vorbeizieht.

Schon in „Sofies Welt“ versuchte Jostein Gaarder, die Geschichte der Philosophie in Romanform zu verpacken, sodass auch Leser ohne Vorwissen, wie zum Beispiel Kinder und Jugendliche, einen Einblick in diese Wissenschaft erhalten können. Auch „Maya oder Das Wunder des Lebens“ ist als Jugendbuch ausgewiesen, das ab 12 Jahren lesbar sein soll, doch halte ich diese Angabe der Zielgruppe für völlig verfehlt, da der Autor durch die wechselnde Erzählperspektive, die weitschweifenden Beschreibungen und die teils spezielle und komplizierte Wortwahl seine jugendlichen Leser überfordern dürfte. Während „Sofies Welt“ bei den Anfängen der Philosophie einsetzt und relativ einfach Grundzüge dieser Wissenschaft erklären soll, ist „Maya“ doch eher als eine Art Anwendung der Philosophie zu sehen, die speziell auf Fragen der Evolution und den Wert des Lebens eingeht. Diese Übertragung auf schwierigere Fragestellungen dürfte Lesern ohne Vorkenntnisse sehr schwer fallen, zumal Gaarder durch die Vermischung von Realität und Fiktion eine weitere Hürde schafft.

Gaarder scheint hochwichtige Botschaften in Romanform weitertragen zu wollen, doch scheitert er bei diesem Versuch. Sein Brückenschlag zwischen Roman und Sachbuch ist beim vorliegenden Werk völlig misslungen, da der Autor weder durch eine interessante Geschichte zu unterhalten weiß, noch philosophisches Fachwissen vermitteln kann. Lediglich viele hohle Phrasen werden ohne roten Faden aneinander gereiht, sodass der Leser Gaarders Gedankengängen nicht folgen kann. Für mich war dieses Buch der wohl letzte und abschreckendste Versuch, mit Jostein Gaarder und seinen Büchern warm zu werden.

Taschenbuch: 432 Seiten
www.dtv.de

Michael Peinkofer – Die Bruderschaft der Runen

Verschwörungsliteratur ist ein Wachstumsmarkt. Ein Trend, den vor allem Dan Brown mit „Illuminati“ maßgeblich ins Rollen gebracht hat. Kaum verwunderlich, dass andere Autoren auf den fahrenden Zug aufzuspringen versuchen, in der Hoffnung, dank des Booms ein Stückchen Erfolg abzusahnen. Doch nicht alles, was im Windschatten von Dan Brown auf den Buchmarkt geworfen wird, kann den Erwartungen standhalten. Auch Michael Peinkofer kommt mit seinem historischen Verschwörungsroman „Die Bruderschaft der Runen“ kaum umhin, sich den Vergleich mit dem Amerikaner gefallen lassen zu müssen. Ob er dem gewachsen ist, soll sich im Folgenden klären.

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Francis, Dick – Verrechnet

_Britische Krimikunst der obersten Liga_

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. Die dichte und spannende Inszenierung fasziniert durch ein überraschendes Ende und die unvergleichliche Stimme von Rolf Hoppe als Sir Ivan. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerkarriere. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Der Mitteldeutsche (MDR) und der Südwestrundfunk produzierten das Hörspiel im Jahr 2002. Mit Rolf Hoppe, geboren 1930, und Peter Fricke, geboren 1939, spielen zwei bekannte Bühnen- und TV-Stars mit. Uta Hallant, geboren 1939, ist am besten bekannt als Synchronstimme von Audrey Hepburn, Jamie Lee Curtis und Glenn Close. Sie wirkte an diversen Film- und Fernseharbeiten mit, so etwa an „Der Mörder und die Hure“ aus dem Jahr 1996.

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch (Götz Schulte), der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering (Uta Hallant) in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan (Rolf Hoppe), seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester (Peter Fricke) gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Hörspiel, bei dem Klaus Zippel Regie führte, unterhält den Zuhörer bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden. Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Die Inszenierung des von Alexander Schnitzler bearbeiteten Hörspiels verzichtet auf jegliche verwirrenden Nebenhandlungen. (Die einzige, die man vielleicht so bezeichnen könnte, dreht sich um den Buchhalter, der die Unterschlagungen begangen haben soll.) Dementsprechend leicht kann man dem Handlungsverlauf folgen. Der Zuhörer hält natürlich zu Alex, dem designierten Kronprinzen, und bangt mit, wenn er seine Maßnahmen einfädelt. Es ist schon sehr befrieidgend, wie die „guten“ Ladys auf seine Linie einschwenken und nachgerade nach seiner Pfeife tanzen. Schade, dass die Opposition nicht mitmacht.

|Die Sprechrollen|

Die Sprecher sind ausgezeichnet. Kein Wunder bei so vielen Profis. Rolf Hoppe spielt den sterbenden Patriarchen so glaubwürdig, dass man Sir Ivan nur viel Erfolg bei der Ausführung seiner Pläne wünschen kann. Götz Schulte trägt den braven Alex so redlich und aufrichtigen Herzens vor, dass ihm automatisch alle unsere Sympathien gelten. Uta Hallant ist als Lady Westering die Verkörperung von Würde und mütterlicher Wärme, worin sie effektvoll mit Patsy Benchmark, der gierigen Möchtegernerbin – typisch Middle Class! – kontrastiert. Am eindrucksvollsten fand ich hingegen Karin Gregorek in der Rolle als Margaret Morden – eine wahre Dame von Welt, die man hier zu hören bekommt. Den Jago im Stück gibt hingegen Peter Fricke als Anwalt Oliver Grenchester, der eine Menge auf dem Kerbholz hat und in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist – schließlich geht es um Millionen.

|Musik und Geräusche|

Musik gibt es nur selten und Geräusche fast gar nicht. Das dämpft zwar den realistischen Eindruck, hebt aber die Wirkung der geschliffenen Dialoge hervor. Die Musik erklingt nur zweimal. Dadurch wird das Hörspiel zu einem klassischen Dreiakter wie am Theater.

|Das Booklet|

Das Booklet sieht mit acht Seiten zwar umfangreich aus, doch die Hälfte davon ist Informationen plus Foto zum Autor gewidmet. Abzüglich der Frontseite verbleiben gerade mal zwei Seiten für drei Sprecherbiografien und die Credits. Man könnte von einem gewissen Ungleichgewicht des Informationsgehalts sprechen. Da ich vermute, dass vor allem das Booklet für den relativ hohen Preis von 15 Euro verantwortlich ist, finde ich diese Leistung ziemlich schwach. Andere 1-CD-Hörspiele kosten bei D>A

Die drei ??? und der sprechende Totenkopf (Band 5)

Schon seit meinen Kindertagen bin ich ein großer Fan der drei Fragezeichen, die 1964 – von Robert Arthur erfunden – ihren ersten Fall lösten. Seither sind die drei Juniordetektive aus dem fiktiven kalifornischen Nest namens Rocky Beach (irgendwo zwischen Los Angeles und Santa Barbara gelegen) aus der Jugendliteratur nicht mehr wegzudenken. Bekannter sind hierzulande jedoch die EUROPA-Hörspiele, welche 1979 – zunächst zaghaft – ihren famosen Siegeszug antraten. Seither werden immer neue Fälle gestrickt und natürlich längst nicht mehr von Robert Arthur, sondern vielen Autoren. Darunter neuerdings auch deutsche, denn vor allem die Hörspielserie wird hierzulande mit besonderem Elan erfolgreich weitergeführt. Was logischerweise auch dazugehörige Buchvorlagen voraussetzt. Dabei hat sich das besonders treue Klientel von den ehemaligen Teenies zu Thirtysomethings gewandelt. Wie in meinem Fall.

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Andreas Eschbach – Das Marsprojekt

Carl und Elinn Faggan, Ronald Penderton und Ariana DeJones sind die einzigen Kinder der Marssiedlung. Sie sind ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, der künstlichen Intelligenz AI-20 kleine Streiche zu spielen oder ihre Geheimnisse vor den Erwachsenen zu bewahren. Die kleine Siedlung von gut zweihundert Mitgliedern ist annähernd unabhängig von der Erde, nur gewisse Impfstoffe und Medikamente müssen regelmäßig eingeflogen werden. Die „Marskinder“ gelten auf der Erde als Berühmtheiten, auf dem Mars sind sie normale Kinder, die den Verwaltern von der Erde tierisch auf die Nerven gehen. Aber das ist nicht der Grund, warum die Siedlung geschlossen und damit die Erforschung des Mars beendet werden soll. Der Verwalter will unbedingt auf die Erde zurück, und dazu ist ihm jedes Mittel recht – auch wenn es so drastische Maßnahmen wie die Schließung der Siedlung sind. Er benutzt eine mächtige politische Strömung der Erde für seinen Antrag und argumentiert mit den laufenden Kosten der Siedlung. Nach einer Milchmädchenrechnung würde die Erdregierung fünf Milliarden Verrechnungspunkte sparen, und das ist in der momentanen Situation Grund genug, dem Antrag zu entsprechen.

Die Nachricht schlägt unter den Siedlern ein wie eine Bombe, doch die Kinder trifft es am härtesten. Sie haben die Erde nie erlebt, der Mars ist ihre Heimat. Und das Schlimmste: Unter der niedrigen Schwerkraft des Mars hat ein unbehandelter Geburtsdefekt an Elinns Lunge zu einer neuen Entwicklung geführt, wonach das Mädchen auf der Erde nicht mehr lebensfähig ist. Trotzdem soll die Schließung der Siedlung mit allen Mitteln durchgesetzt werden, und nur den Marskindern bietet sich eine winzige Chance, die Sache noch umzubiegen. Außerdem sind da noch die merkwürdigen Artefakte, bisher nur von Elinn gefunden, die daher fest an Marsianer glaubt …

Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete als Softwareentwickler und gründete eine kleine EDV-Firma, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. 2001 erschien im Arena-Verlag mit „Das Marsprojekt“ sein erstes Jugendbuch. Durch Bestseller wie „Das Jesus-Video“, „Quest“ oder „Eine Billion Dollar“ bekannt geworden, erhielt er nun die Gelegenheit, zum Marsprojekt Fortsetzungen zu schreiben. Im März 2005 erschien mit „Das Marsprojekt – Die blauen Türme“ der zweite Band der Reihe.

Offensichtlich kann Eschbach auch Jugendromane schreiben, denn dass „Das Marsprojekt“ einer ist, erkennt man auf den ersten Seiten, als Elinn in Todesgefahr gerät und die künstliche Intelligenz des Stützpunkts „AI-20“ als erstes ihren Bruder verständigt, ehe sie auf seine Anweisung richtig Alarm schlägt. Die Kinder stehen im Vordergrund, werden im Zweifelsfall von der KI unterstützt und gegen die Erwachsenen verteidigt – was Eschbach so erklärt, dass eine künstliche Intelligenz durch ihre Lernfähigkeit einige Eigenarten entwickeln kann, wenn man sie nicht regelmäßig neu kalibriert. Und das wurde bei AI-20 seit der Installation nicht getan. Uns fällt natürlich sofort die Bezeichnung „AI“ für eine KI auf – Artificial Intelligence. Ob sich hinter der 20 mehr verbirgt, bleibt ungewiss.

Die Kinder sind so charakterisiert, dass sich junge Leser schnell mit ihnen identifizieren können, jedes hat eigene Fähigkeiten und Eigenarten. Der jüngste von ihnen, Ronny, scheint ständig mit Flugsimulatoren zu spielen und meint, fast jedes fliegende Objekt der Menschheit steuern zu können. Später stellt sich heraus, dass diese Simulatoren jene Programme sind, mit denen auch die Astronauten der Erde trainieren. Ronny ist also trotz seiner Jugend ein wahrer Flugkünstler. Elinn ist ein ruhiges, etwas träumerisches Mädchen, das von seinem verstorbenen Vater oft lange Geschichten über die Marsianer gehört hat und nun von ihrer Existenz überzeugt ist. Sie ist die einzige, die diese seltsamen Artefakte aus „verunreinigtem Silizium“ findet, denn sie sieht oft ein seltsames Leuchten, mit dem sie ihrer Meinung nach die Marsianer auf sich aufmerksam machen wollen. An dem Ursprung des Leuchtens liegt immer ein kleines Stück des anscheinend vulkanischen Stoffes, der aber merkwürdigerweise sonst nicht zu finden ist. Aber auf ein Kind hört man ja nicht.

Ariana ist die Tochter des Siedlungsarztes und etwas zickig. Sie redet immer davon, wie wenig los auf dem Mars doch ist und wie gern sie zurück zur Erde will, um endlich |Jungs| kennen zu lernen. Sie ist eine Art von Gegenpart zu Carl, der als Ältester oft mit Vorschlägen aufwartet, die durch ihr Misstrauen hinausgezögert und durchdacht werden. Carl ist für einen Marsgeborenen sehr fit und kräftig, denn er will auf der Erde studieren und bei der Erforschung des Sonnensystems mitwirken, und dazu braucht man eine Muskulatur, um unter Erdschwerkraft leben zu können. Trotzdem trifft es ihn nicht weniger hart, als die Siedlung geschlossen werden soll, denn der Mars ist für ihn die wahre Heimat und er macht sich natürlich Sorgen um seine Schwester Elinn, die in ihre Idee von den Marsianern vernarrt ist und wegen des Defekts an der Lunge den Mars nicht verlassen kann.

Carl ist es auch, der die wohlprogrammierte KI zu irrationalen Handlungen bringt. Es ist eine philosophische Frage, die er ihr vorsetzt: Wenn die Siedlung geschlossen wird, wird auch AI-20 abgeschaltet. Was wäre, wenn es ein Aus für immer ist? Was bedeutet das für eine eigensinnige KI?

Der Roman ist auch für Erwachsene sehr schön zu lesen, gerade die sozialkritischen und philosophischen Fragen sind eher an sie gerichtet als an den jugendlichen Leser, für den diese Fragen aber eine Aufforderung zum Denken und Sich-Gedanken-Machen sind. Hintergründig und zurückhaltend, nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger, was ein Aspekt von Eschbachs Qualität ist: Er vermittelt seine Ansichten nicht plakativ, sondern versucht sie tröpfchenweise in das Bewusstsein des Lesers einzubringen.

An ein paar Stellen hat man das Gefühl, dass hier gekürzt werden musste; so wirken manchmal die Charakterisierungen der Kinder wie copy&paste-Übernahmen aus einem Datenblatt, oder die am Ende gedrängte Erzählung um die Aktivierung der „Blauen Türme“ … Vielleicht hat Eschbach hier aber auch schon auf einen Nachfolgeroman abgezielt. Und für die Marskinder hat er noch eine schockierende Überraschung parat: Der Sohn des irdischen Statthalters (ihres Gegenspielers) kommt zum Mars!
Insgesamt macht die Lektüre Spaß und Lust auf den zweiten Teil.

Taschenbuch, 304 Seiten

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

 

Lumley, Brian / Lansdale, Joe R. / Lovecraft, H. P. / Meyrink, Gustav / Laymon, Richard – Necrophobia 1

Sechs Horrorgeschichten versammelt dieses Hörbuch, darunter einige Spitzenkräfte des Genres wie etwa H. P. Lovecraft.

Es handelt sich um ein „inszeniertes Hörbuch“. Das heißt, es wurde mit Musik und dezenten Toneffekten wie Hall oder Stimmverzerrung produziert. Das Ergebnis ist fast ebenso perfekte Unterhaltung wie ein Film, nur viel näher am Original, wie es der Autor beabsichtigt hat.

_Die Autoren_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller. Zunächst eiferte er H. P. Lovecraft (s. u.) nach, doch mit seiner großen Vampir-Saga [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 gelangte er zu Bestsellerehren.

Joe R. Lansdale, geboren 1951 in Texas, war zunächst Gelegenheitsarbeiter, bevor er sich 1981 ausschließlich dem Schreiben widmete. Er schrieb Western, Fantasy, Abenteuerbücher, Krimi, Horror und Thriller. Jedes seiner Werke sei originell und unverwechselbar, schreibt der Verlag. Aus dem Geheimtipp sei ein renommierter Erfolgsautor geworden. Leider ist er in Deutschland noch unterrepräsentiert.

H. P. Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Gustav Meyrink (1868-1932) zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Phantastik (und galt zu Lebzeiten als äußerst streitbar und politisch engagiert). Seine unheimlich-grotesken und esoterischen Werke wie „Der Golem“ und „Walpurgisnacht“ sind trotz vieler Nachahmungsversuche unerreicht geblieben.

Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren. Erste kürzere Werke erschienen zu Beginn der 70er Jahre. Der Roman „The Cellar“ (1980) entwickelte sich zum weltweiten Bestseller. Laymon hatte etwa 50 Romane geschrieben, als er am Valentinstag, dem 14.2.2001, völlig unerwartet an einem Herzanfall starb.

Graham Masterton wurde 1946 im schottischen Edinburgh geboren. Zunächst arbeitete er als Journalist, seit 1970 lebt er als freier Schriftsteller. So veröffentlichte er sehr erfolgreiche Ratgeber zum Thema Sexualität und Partnerschaft. 1975 landete er mit dem unheimlichen Roman [„The Manitou“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=754 einen Bestsellererfolg, der auch verfilmt wurde. Seither hat er etwa 45 weitere Horrorromane veröffentlicht.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton und stellt hier wieder mal seine herausragenden Sprecherqualitäten unter Beweis.

Nana Spier leiht neben „Buffy“ auch Drew Barrymore ihre Stimme und überzeugt durch völliges Eintauchen in die jeweilige Rolle.

David Nathan ist Regisseur und gilt zudem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands, u. a. von Johnny Depp. Schade, dass man ihn nur sehr kurz mit einer einzigen Story zu hören bekommt: mit „Mein toter Hund Bobby“.

_Die Geschichten_

– |Brian Lumley: In der letzten Reihe| (1988; 21:26 Min.): Ein alter Mann geht mal wieder in sein Lieblingskino, weil ihn das an seine verstorbene Frau erinnert. Doch diesmal kann er sich nicht auf den Film konzentrieren. In der Reihe hinter ihm ist ein junges Pärchen heftig mit Liebesdingen beschäftigt und zwar so laut und eindeutig, dass er sich schließlich umdreht, um die beiden zur Ruhe zu gemahnen. Was er als Antwort hört, ist jedoch ein warnendes Knurren! Erst am Schluss der Vorstellung wagt er wieder, sich den beiden Radaubrüdern zuzuwenden. Was er erblickt, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Aber die eigentliche Pointe erfolgt erst mit den letzten Wörtern der Story.

– |Joe R. Lansdale: Mein toter Hund Bobby| (1987, 3:46 Min.): Selten eine derart makabre Story gehört! Ein Junge spielt mit „seinem toten Hund Bobby“, genau, nur dass dieser wirklich tot ist und der Junge ziemlich üble Dinge mit ihm anstellt. Danach kommt der Hund wieder in die Gefriertruhe, wo schon die tote Mutti wartet …

– |H. P. Lovecraft: Pickmans Modell| (1927, 43:18 Min.): Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend. +++ Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch dick und dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Copse Hill Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler. +++ Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als bislang Gesehene: Leichenfresser einer Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen. +++ Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …

– |Gustav Meyrink: Das Präparat| (1913, 14:40): Im Prag der Jahrhundertwende besprechen zwei Freunde namens Ottokar und Sinclair das Problem, dass ihr Freund Axel verschwunden ist. Aber sie haben einen Hinweis darauf erhalten, wo er sich befinden könnte: im Haus eines persischen Anatomen. Der Entschluss ist schnell gefasst; mit einem Trick haben sie den Mediziner fortgelockt. Im Haus selbst finden sie Axel – oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist. Viktor Frankenstein wäre stolz auf dieses „Präparat“ gewesen. Herz, Lungen, Adern sind noch vorhanden. Und der Kopf kann sprechen. – Leider fehlt dieser Story irgendwie die Pointe.

– |Richard Laymon: Der Pelzmantel| (1994, 23:08). Anfang und Mitte der neunziger Jahre machten militante Tierfreunde Jagd auf Leute, die Pelze trugen. In dieser Story treten sie in Gestalt zweier rabiater Frauen auf, die Janet, eine 36-jährige Witwe angreifen, weil sie einen Hermelinpelzmantel trägt. Obwohl Janet diese kostbare Erinnerung an ihren geliebten verstorbenen Gatten mit Klauen und Zähnen verteidigt und eine lange Verfolgungsjagd liefert, unterliegt sie am Ende doch. Allerdings geben sich die beiden Verfolgerinenn nicht damit zufrieden, wie sonst den Pelzmantel und das Haar der Trägerin mit roter Farbe zu besprühen. Sie wollen mehr. Schließlich werden ja auch die Tiere, die um ihres Fells wegen getötet werden, letztendlich gehäutet … – Diese Story geht wirklich bis zum Äußersten, konsequent bis zur entscheidenden Andeutung.

– |Graham Masterton: Ein gefundenes Fressen| (1990, 31.21): Die Brüder David und Malcolm sind Schweinezüchter im Gebiet zwischen Nordengland und Südschottland. Allerdings läuft das Geschäft sehr schlecht. Als David aus der Stadt in den Stall zurückkehrt, schaltet er die Lichter und die Futtermaschine ein. Ein markerschütternder Schrei ertönt! Die Schreie hören nicht auf, denn sie kommen aus der Futtermühle, einem sehr zuverlässigen deutschen Fabrikat. Malcolm steckt darin, und ist, bis David den Stopp-Knopf findet, bereits halb von den Scherblättern zermahlen. +++ Statt in Schmerzen zu vergehen, behauptet Malcolm jedoch, himmlische Ekstase zu empfinden. David tut ihm den Gefallen, ihn vollständig zu zermahlen. Tage später fällt David den Zähnen des tückischen alten Ebers Jeffries zum Opfer. Hoffnungslos zerbissen und blutend sehnt er sich nach der Ekstase, die Malcolm im Augenblick des Sterbens erfahren hat. Leider erlebt er eine böse Überraschung. – Auch diese Story geht bis zum Äußersten, liefert aber noch eine witzige Pointe am Schluss.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist ein Meister, der die Kunst, eine effektvolle Pause an der richtigen Stelle zu machen, perfektioniert hat. Daher sind die Geschichten, die er vorträgt, von höchster Wirkung, der sich niemand entziehen kann.

Lutz Riedel verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Kerzel und vermag den entsprechenden Gruseleffekt mühelos hervorzurufen. Nana Spier liest die Geschichte „Der Pelzmantel“, in der fast nur Frauen auftreten, mit Überzeugungskraft und ohne Zögern bei den intimeren weiblichen Details – die Geschichte ist nämlich auch sehr erotisch. David Nathans Auftritt ist, wie gesagt, leider viel zu kurz, aber einwandfrei.

Andy Materns Musik wird den Texten selbst sehr dezent unterlegt. Leise Pianotöne setzen an den Stellen ein, in denen die Story auf die Zielgerade gelangt. Dies steht im krassen Gegensatz zur Pausenmusik, die bombastischen Horror beschwört. Na ja.

_Unterm Strich_

Ob dies wirklich „die besten Horrorgeschichten der Welt“ sind, weiß ich nicht, aber sie gehören sicherlich in die oberste Liga, allen voran die klassische Story „Pickmans Modell“ von Lovecraft. Man kann auch nicht sagen, es wäre eine schwache darunter, allenfalls Meyrinks Geschichte kommt in diese Region, denn die Pointe scheint zu fehlen.

Die zweite CD geht mit den beiden jüngsten Geschichten weg vom subtilen Psychohorror und richtig ans Eingemachte. Das Einzige, was die Blutrünstigkeit der Masterton-Story noch übertreffen könnte, wäre eine Story von Clive Barker, etwa „Jacqueline Ess – ihr Wille und Vermächtnis“ oder „Das Leben des Todes“ aus den [„Büchern des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Und wieder einmal fehlt eine Geschichte von einer Frau. „Die gelbe Tapete“ von der Amerikanerin Gilman wäre nicht schlecht.

|137 Minuten auf 2 CDs|

[Necrophobia 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1073 erschien im März 2005.

Marzi, Christoph – Lycidas

Das alte London war seit jeher Schauplatz von Legenden und hat ein ganz eigenes Flair. Der deutsche Autor Christoph Marzi lässt den viktorianischen Charme der Metropole in seinem Roman „Lycidas“ neu aufleben. Dabei bedient er sich freizügig bei berühmten literarischen Vorbildern: Charles Dickens‘ Waisenhaus, John Miltons Elegie „Lycidas“ sowie Neil Gaimans Idee eines „Unter-London“, einer Stadt unter der Stadt, greift er auf. Auch Rabbi Löws Golem und Jack the Ripper geben sich die Ehre … und damit sind die Querverweise auf literarisch Werke, geschichtliche Ereignisse und bekannte Autoren bei weitem nicht erschöpft.

Heldin der Geschichte ist die einäugige Emily Laing, die in dem Waisenhaus des bösartigen Reverend Dombey aufwächst. Dort spricht sie eines Tages eine Ratte an, die sich als Lord Hironymus Brewster vorstellt. Er bittet sie, auf die kleine Mara aufzupassen. Diese wird kurze Zeit später von einem Werwolf entführt, Emily selbst bekommt Ärger mit Dombey und läuft weg. Sie wird von dem etwas verdrießlichen Wittgenstein, einem Gentleman alter Schule, und seinem Freund Maurice Micklewhite aufgenommen.

Diese offenbaren ihr ungeahnte Geheimnisse über ihre Herkunft und die Welt, in der sie lebt, über Elfen und deren Wechselbälger sowie über die uralten Familien Manderley und Mushroom. So existiert unter London eine nahezu exakte Kopie der Oberstadt, in der Fabelwesen und alte Götter sich ein Stelldichein geben. Im Tower der Unterstadt residiert der mysteriöse Meister Lycidas, in dessen Auftrag zahlreiche Kinder in die Unterwelt verschleppt werden.

Dies ist nur der Auftakt eines der drei Bücher, in die „Lycidas“ (das zweite heißt „Lilith“, das dritte „Licht“) unterteilt ist. Eine gewisse Kenntnis der literarischen Vorbilder ist zwar nicht notwendig, schadet jedoch nicht. So bestimmt John Miltons Version der Schöpfungsgeschichte große Teile der Handlung; wer sie kennt, kann erahnen, wer sich hinter dem Namen „Lycidas“ verbirgt. Die große Stärke des Buches sind zweifellos das stimmungsvolle Ambiente und seine trotz zahlloser Referenzen eigenständige Storyline. Die Charaktere sind durchweg tiefgründig; kein Bösewicht ist nur böse, alle haben gute Gründe und Motive, oft entpuppen sich die vermeintlichen Schurken als menschlicher und warmherziger als einige Engel wie Uriel – ja, auch Engel hat es nach London verschlagen …

Das Buch sprüht vor Ideenreichtum und Phantasie; ein weiterer Pluspunkt ist der dem altmodischen Ambiente entsprechende Humor der Figuren. So ist besonders Wittgensteins trockene Art sehr stilvoll und amüsant, seine Lieblingsredewendung „Fragen Sie nicht!“, meist als Antwort auf Emilys bohrende Fragen, ist jedoch ein zweischneidiges Schwert und kann auf Dauer auch etwas ermüden.

Einige Schwächen lassen sich einfach nicht leugnen. So hat das Buch einen deutlichen Hänger und Spannungsabfall in der Mitte, denn der namensgebende „Lycidas“ wird bereits am Ende des ersten Buchs ausgeschaltet, um erst im späteren Handlungsverlauf wieder herausgekramt zu werden. Die folgenden zwei Bücher wurden von Marzi erst auf Bitte des Verlags geschrieben, er wollte ursprünglich erst einmal nur den ersten Teil veröffentlichen, und sie sind deutlich weniger spannend als dieser. So tritt an die Stelle einer ständig neue Elemente einführenden, flotten Handlung eine lange Zeit relativ ziellose und träge, viel zu oft wiederholt dasselbe reflektierende Erzählung. Dafür bieten diese beiden Bücher philosophische Überlegungen, die vermeintliche Engel in einem schlechten und die Übeltäter des ersten Buchs in einem sehr positiven Licht erscheinen lassen. Die Erzählperspektive ist sicher auch nicht jedermanns Geschmack: Weitgehend ist Wittgenstein der Erzähler. Jedoch werden oft Orte und Personen gewechselt, der Wechsel von Wittgenstein auf einen neutralen Erzähler und wieder zurück ist des Öfteren abrupt und verwirrend. Desweiteren verwirrt der zeitliche Aspekt: So spielt die Geschichte im modernen London, es gibt McDonald’s und sonstige Aushängeschilder unserer Zeit. Doch merkwürdigerweise sind nicht nur das Waisenhaus in Rotherhithe, sondern auch Personen wie Wittgenstein und Micklewhite komplette Anachronismen. Die Unterstadt selbst befindet sich wohl seit Ewigkeiten in einem Zustand kurz vor der industriellen Revolution. Man fragt sich, warum Marzi die aufgesetzt wirkende und selten gebrauchte Neuzeit nicht ganz gestrichen hat und stattdessen die Geschichte vollständig in dieses Zeitalter verlegt hat.

Fazit: Neue Ideen braucht das Land. Was Marzi aus alten Klassikern macht, ist wirklich bemerkenswert. Man mag sagen, er habe alles nur geklaut – aber wer es schafft, Charles Dickens‘ Waisenkinder mit der Geschichte um Jack the Ripper zu verbinden, ohne dabei ins Absurde abzugleiten, sondern vielmehr zu begeistern, der muss sich nicht verstecken. Man merkt Marzi noch eine gewisse Unerfahrenheit an, schließlich ist „Lycidas“ sein erster größerer Roman. Die Wege die er beschreitet, sind frisch und unverbraucht, so dass man über einige Haken und Ösen hinwegsehen kann. Für Winter 2005 ist bereits ein Folgeband mit den Arbeitstitel „Pequod“ geplant, die Reihe ist laut Marzi eine Trilogie. Man darf gespannt sein, ob Marzi auf Walfang geht und sich zu China Miéville ([Perdido Street Station)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=695 nun auch noch Herman Melville gesellt … nur eines verrät der Autor: Das verschlagene Kopfgeldjägerduo Mr. Fox und Mr. Wolf wird wieder mit von der Partie sein.

Eine Leseempfehlung nicht nur für Fantasyfreunde – „Lycidas“ hat Stil, Charme und Niveau.

Homepage des Autors:
http://www.christophmarzi.de/

Straub, Peter – Haus der blinden Fenster

_Break on through to the other side_*

Ein Serienmörder versetzt die Jugendlichen der Kleinstadt Millhaven in Angst und Schrecken. Den 15-jährigen Mark Underhill, der gerade seine Mutter verloren hat, jedoch beschäftigt etwas ganz anderes: Er ist besessen von dem verfallen aussehenden und verlassenen Haus, das an die Rückseite seines eigenen Hausgrundstücks grenzt, getrennt nur durch eine hohe Mauer. Er meinte, hinter den schmutzigen Fensternscheiben ein Mädchen gesehen zu haben, und sein Freund Jimbo hat darin angeblich einen dicken Mann mit silbernen Augen gesehen. Eines Nachts brechen sie zusammen in das Gebäude ein und machen eine grausige Entdeckung.

* Meine Überschrift zitiert den Titel eines Songs von |The Doors|, ca. 1967/68.

_Der Autor_

Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von zehn Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.

Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei |Heyne| erschienen:

Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen / Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht / [Hellfire-Club]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1110 (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
[Schattenstimmen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3090
[Esswood House]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1603

Die Storysammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ sind ebenfalls sehr zu empfehlen.

_Handlung_

Als der Schriftsteller Tim Underhill, den wir schon von Straubs Romanen „Koko“ und „Der Schlund“ sowie aus diversen Erzählungen kennen, einen Anruf von seinem Bruder Philip bekommt, fliegt er sofort nach Millhaven, das irgendwo im Hinterland von Chicago in Wisconsin liegen muss. Philips Frau ist gestorben, heißt es, und die Beerdigung ist schon am nächsten Tag. Doch Philip ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, ein richtiges Arschloch: der stellvertretende Schuldirektor der Quincy-Schule. Und so braucht Tim eine Weile, bis er herausbekommt, dass Nancy sich umgebracht hat. Ebenfalls eine Tatsache, die Philip auf die Palme bringt, weil er sie als Verrat an sich empfindet. Wie sich sein Sohn Mark dabei fühlt, ist ihm völlig schnuppe. Er ist ein ausgemachter Idiot.

Dafür wendet sich nun Tims Interesse umso stärker Mark zu, dem fünfzehnjährigen Halbwüchsigen, der ihm schon ein paar witzige E-Mails schickt hat. Er war es, der seine Mutter tot in der Badewanne gefunden hat – ein schreckliches Ereignis, das ihn aber zunächst nicht aus der Bahn zu werfen scheint. Er hängt mit seinem besten Freund Jim herum und fährt mit ihm Skateboard. Dass in Millhaven ein Serienmörder umgeht, der es auf Jungen zwischen 14 und 16 abgesehen hat, scheint ihn nicht sehr zu berühren. Es herrscht eben Ausgangssperre ab 22:00 Uhr, na und?

Kaum ist Tim Underhill nach der Beerdigung wieder abgeflogen – er hat Mark nach New York City eingeladen -, da erhält er nach einer Woche schon wieder einen Anruf von Philip. Mark wird vermisst. In den Verhören, denen er Marks engsten Freund Jimbo unterzieht, stellt sich heraus, dass Mark von einem bestimmten Haus in der Nachbarschaft geradezu besessen war. Das ist seltsam, denn er und Jim hatten dieses Haus nie zuvor bei ihrem Skaten bemerkt, dabei befindet es sich direkt hinter Marks eigenem.

Die Fenster sind schmutzig, die Veranda verfallen, die Fassade ist angekokelt, als habe es gebrannt. Aber der Rasen ist gemäht, was dem verlassenen Eindruck widerspricht. Bei ihren Erkundungsmissionen erspähen Mark und Jimbo erst einen großen Mann in schwarzem Mantel, dann ein Mädchen. Mark hält es nicht aus und bricht kurzerhand ein. In einem Versteck findet er ein Fotoalbum, das den Cousin seiner Mutter in jungen Jahren zeigt: Damals war Joseph Kalendar noch nicht der Serienkiller, der seine Frau, seine Tochter Lily und unzählige junge Frauen umbrachte, bevor man ihn 1980 schnappte. 1985 wurde er von einem Mithäftling getötet. Und dreimal darf man fragen, wo Kalendar, Marks Großonkel, seine Opfer tötete und quälte – genau in diesem Haus.

Als Tim Underhill mit Hilfe der Polizei und eines befreundeten Hackers nach Joseph Kalendar und Mark Underhill sucht, stößt er nicht nur auf eine lange verborgen gehaltene Unterwelt, die das wohlanständige Millhaven Lügen straft, sondern auch auf den Serienkiller, der gerade jetzt das Städtchen in Furcht und Schrecken versetzt.

_Mein Eindruck_

Zuerst dachte ich, dass Peter Straub schon wieder eine seiner ältesten Geschichten auf neue Weise erzählt. In „Der Talisman“ und „Das schwarze Haus“ muss ein Junge, der später nochmals das Gleiche durchmacht, durch ein Haus, das als Pforte dient, in die schreckliche Anderswelt reisen, um seine Mutter – oder andere Lieben – zu retten. Diese Anderswelt wird von schrecklichen Mächten beherrscht, die alles unternehmen, um den Erfolg dieser Mission zu vereiteln.

„Haus der blinden Fenster“ ist im Ansatz so ähnlich, aber zunächst keineswegs Fantasy, sondern purer Thriller, mit Anklängen an Horror. Der Kern, um den sich alles dreht, ist natürlich das titelgebende Haus, in dem nicht nur die finsteren Geheimnisse der Vergangenheit versteckt sind, sondern in dem sich auch eine Pforte in eine andere Dimension öffnet. Mark entdeckt die Geheimnisse nicht nur seiner eigenen Familie – dass nämlich seine Mutter eine Kalendar war und der Massenmörder ihr Cousin, vor dem sie Mark beschützen wollte -, sondern auch die finstere Unterwelt seiner Heimat Millhaven, quasi ihre Nachtseite. Das Symbol dafür ist der „Schattenmann“.

|Ein CSI-Thriller|

Da gab es einen Psychopathen, den man als solchen in seiner Straße kannte. Der alte Homosexuelle Omar Hillyard kann Tim Underhill dazu eine packende Story erzählen. Und da gibt es – makabre Wiederholung der Ereignisse – jetzt schon wieder einen Psychotiker, nur dass dieser nicht Frauen, sondern Jungs verfolgt und brutal ermordet. Hat sich der Unbekannte etwa Joseph Kalendar zum Vorbild erkoren? Folgt man Tim Underhills privaten Ermittlungen, so wird daraus ein richtig guter Thriller. Leider werden seine Bemühungen a) durch den bornierten Philip abgeschmettert und b) durch die unfähige Polizei ignoriert (außer dann, als Underhill handfeste Beweise liefert). Die ach so braven Bürger Millhavens scheinen unfähig, sich gegen eine Bedrohung aus ihrer Mitte zur Wehr zu setzen.

|Ein Akte-X-Thriller|

Auch Tims Neffe Mark ist quasi ein Privatschnüffler, allerdings befindet er sich in einer Akte-X-Handlung statt in der von „CSI“. Der Tod seiner Mutter und ein Aha-Erlebnis haben ihn besessen gemacht, das Geheimnis des verfallenen Hauses herauszufinden. Es ist, wie er entdeckt, nicht nur der Ort gewesen, wo Menschen gefoltert und gefangen gehalten wurden, sie wurden auch beobachtet – die Wände sind doppelt gezogen und von Geheimtreppen und -türen durchzogen. Kalendar war offenbar auch ein fähiger Schreiner.

|Lost boy meets lost girl|

Der eigentliche Grund für Marks Besuche in Haus Nr. 3323 ist allerdings – wen wundert’s? – ein Mädchen, vielmehr eine junge Frau von 19 Jahren, die sich Lucy Cleveland nennt. Früher war sie vielleicht mal Lily Kalendar, die kleine Tochter von Joseph, die einmal vor ihm geflohen war, aber dann wieder eingefangen wurde. Sie nennt den anderen Bewohner des Hauses den „Schattenmann“, und vor ihm will sie Mark retten. Der Haken bei der Sache ist jedoch, dass Lucy in einer anderen Dimension lebt. Jimbo beispielsweise kann Lucy nicht sehen, Mark hingegen schon. Um mit ihr zusammensein zu können, muss Mark die hiesige Dimension verlassen – eine schwierige Entscheidung zunächst, aber sobald er sich verliebt hat, nicht mehr.

Haben wir also wieder mal eine andere alte Story von Mister Straub zu ertragen – boy meets girl? Teils ja, teils nein. Denn Lucy Cleveland ist wieder einmal eine jener geisterhaften jungen Frauen, die Straub in „Das geheimnisvolle Mädchen“, „Julia“, „Die fremde Frau“ und „Wenn du wüsstest“ porträtiert hat, also vor langer Zeit (siehe die Daten auf Straubs Website peterstraub.net). Doch die Kommunikation mit unserer Dimension ist inzwischen viel einfacher geworden, schließlich gibt es das Internet. Das hebt diesen Handlungsstrang in die Sphäre des Cyberspace, den William Gibson schon 1983 bekannt gemacht hat (er wurde von einem anderen Autor erfunden). Deshalb ist das Auftauchen einer Website namens lostboylostgirl.org absolut folgerichtig. Tim Underhill wird im Stil der Zeit getröstet.

|Fallstricke: der Erzählstil|

Womit die meisten Leser ein Problem haben dürften, ist der extravagante Erzählstil des Autors. Der hat nun mal Philosophie studiert und kennt die großen Literaten aus dem Effeff, daher fällt es ihm leicht, eine Geschichte etwas anders und weitaus anspruchsvoller als seine Kollegen von der Paperback-Horror-Fraktion zu gestalten. Mit scheint, die Geschichte, die keineswegs linear erzählt wird, hat die Struktur einer Spirale.

Damit folgt sie nicht dem Pfeil der Zeit, der nur in eine Richtung zeigt, sondern der Arbeitsweise der Erinnerung, die sich oft in Kreisen strukturiert. Wenn die Kreisbewegung nicht an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern darüber hinausweist, ergibt sich eine Spirale. Das hat mehrere Konsequenzen. Die gleichen Ereignisse werden von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise betrachtet und folglich anders beleuchtet und gedeutet. Ob sich daraus andere Aktionen ergeben, ist noch dahingestellt. Aber für den Leser ist es etwas verwirrend und nervig, häufig von den gleichen Geschehnissen lesen zu müssen. Es ist ein doppelter Erkenntnisprozess: der von Mark, der zuerst das Haus und die Grenze erkundet, und dann von Tim, der ihm auf seinen Spuren folgt. Leider bedeutet dies, dass ständig die Perspektive wechselt: Mark, Tim und Jimbo. Geübte Leser kommen aber damit zurecht, schätze ich.

Und an einer Stelle wissen wir genau, was hinter der Badezimmertür auf Mark wartet, werden aber kurz davor abgehalten, weiterzugehen. Das baut Spannung auf. Als Mark dann durch die Tür tritt und seine tote Mutter findet, ist dies schon fast nicht mehr so schlimm – für uns, nicht für ihn. Eine weitere Manipulation der normalen Zeit-Wahrnehmung tritt ein, als Tim eine E-Mail erhält, die zwei Tage nach Marks Verschwinden abgeschickt wurde. Und durch Fernzugriff – eine zusätzliche Aufhebung der räumlichen Distanz – kann Tim in seinem Mail-Postfach feststellen, was Mark geschickt hat.

Die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit ist das Merkmal eines geübten und kunstfertigen Schriftstellers. Dennoch schreibt er seine Story in absolut einfachen und allgemein verständlichen Worten, so dass keiner über sprachliche Probleme klagen kann. Die Probleme tauchen erst auf, wenn man versucht, das Erzählte richtig einzusortieren, denn das Gehirn will unbedingt alles in eine chronologische Reihenfolge bringen. Dieser Versuch ist wegen der begrenzten Merkfähigkeit des Gehirns zum Scheitern verurteilt, es sei denn, man macht sich Notizen und bringt diese in entsprechende Ordnung. Eine Hilfe sind immerhin die datierten Tagebucheinträge Underhills.

|Der rote Himmel|

Der Himmel über der Dimension der Anderswelt, in der Lucy Cleveland lebt, ist nicht blau, sondern rot. Dass dies so sein muss, wusste Tims Vater oder einer von dessen Saufkumpanen ganz genau. Tim erscheint es daher nur plausibel, dass Mark das seinem Freund so erzählt hat. „Red skies over paradise“ – so hieß ein Song der Popgruppe |Fischer-Z|. Es ist auch der Titel des vierten Teils von „Haus der blinden Fenster“. Zufall oder Notwendigkeit?

Der Leser fragt sich am Schluss, als der Garten des unheimlichen Hauses umgegraben wird: Ist Mark wirklich tot oder in eine andere Dimension gewechselt? Diese Frage will sich Tim, will sich Marks Vater nicht stellen. Und letzten Endes erweist sie sich als unwichtig. Folglich wird sie auch nicht beantwortet. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen.

_Unterm Strich_

„Haus der blinden Fenster“ ist sowohl ein Roman für Jungs von fünfzehn, die erwachsen werden (wollen bzw. sollen) als auch für Erwachsene. Obwohl die Sprache, in der die Story erzählt wird, einfach genug ist, hat jeder Leser so seine Probleme, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Die Erzählstruktur folgen den Ereignissen nicht chronologisch, sondern hebt, wie in der Erinnerung, die Grenzen von Raum und Zeit auf. Doch keine Angst: Straub ist noch meilenweit von James Joyce entfernt (was nicht heißen soll, dass Straub nicht dazu fähig wäre, einen zweiten „Ulysses“ zu schreiben – aber wer wollte das schon tun?).

Diesmal rettet der jugendliche Held nicht seine Mutter – dafür ist es bereits zu spät. Er rettet sich selbst vor dem „Schattenmann“ und wohl auch ein Mädchen, das unter diesem Finsterling zu leiden hatte. So entkommt – je nach Lesart – der jugendliche Held der Nachtseite jener Stadt Millhaven. Die Stadt sollte ihm eigentlich in ihrer Wohlanständigkeit Schutz und Unterstützung bieten, hat aber letzten Endes nur zwei Serienkiller hervorgebracht, die wie Wölfe unter Schafen wüteten. Der Durchbruch in die andere Dimension – ist das die Flucht in ein Paradies des Cyberspace, der Virtualität? Bedeutet dies Eskapismus oder Hoffnung für unsere Generation und unsere Kinder? Die Antworten sind im Buch versteckt, man muss sie – jeder für sich – selbst finden. Sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Das unterscheidet einen Künstler wie Straub von den Groschenheftautoren.

|Originaltitel: Lost boy lost girl, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade|

Kilpatrick, Nancy – Todessehnsucht

Kathy wird von allen nur Zero genannt, denn sie ist nichts und sie hat nichts. Drogensüchtig und pleite, verkauft sie ihren Körper, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Für einen Schuss H würde sie alles tun – auch töten, wie sich herausstellen soll. So wird sie von einem anonymen Auftraggeber von New York nach Manchester geschickt, um dort einen vermeintlichen Vampir zu vernichten. Doch high wie sie ist, muss ihr kläglicher Versuch scheitern und sie gelangt in die Fänge des Blut saugenden Untoten.

Aber halt, würde der Blut saugende Untote das einzig Logische tun und Zero aussaugen oder ihr das Genick brechen oder ihr auf andere meisterliche Art das Lebenslicht auspusten, so hätte er sich und dem Leser viele Unannehmlichkeiten erspart. Doch David, so heißt der Vampir, ist ein Gentleman alter Schule: ein Dichter und Romantiker, der es nicht übers Herz bringt, seine Opfer zu töten und sich stattdessen in die Abgeschiedenheit seines englischen Landsitzes zurückgezogen hat – woher kommt einem das nur bekannt vor?

David also schnappt sich Zero, fesselt sie ans Bett und wartet erst einmal ihren kalten Entzug ab. Sodann machen sich die beiden auf nach Amerika, um herauszufinden, wer eigentlich hinter dem Attentat auf David steckt. Als sie New York erreichen, passiert, was der Leser schon seit Seite zehn befürchtet: David und Zero verlieben sich unsterblich ineinander; natürlich ohne wirklich etwas voneinander zu wissen oder je ein tiefgründiges Gespräch geführt zu haben. Das steht heißen Sexszenen selbstverständlich nicht im Wege und so springen die beiden bevorzugt miteinander ins Bett, während David hochdramatisch Byron deklamiert.

200 Seiten später sind David und Zero immer noch dem ursprünglichen Attentäter auf der Spur, haben sowohl Amerika als auch Kanada durchquert, den ersten Streit ihrer Beziehung hinter sich und es fertig gebracht, David per Sonnenlicht schwer anzukokeln. Des Rätsels Lösung kann nach etlichen abstrusen Wendungen der Handlung auch nur überraschen, wenn man noch nie einen Kriminalroman gelesen hat. Und so mag es kaum überraschen, dass sich das Ende des Romans in Friede, Freude, Eierkuchen auflöst und David und Zero gemeinsam in den sprichwörtlichen Sonnenuntergang reiten – rhetorisch gesehen, versteht sich.

Nancy Kilpatricks „Todessehnsucht“ erschien in Amerika erstmals 1994 und ist Teil einer mehrbändigen Reihe von lose verbundenen Geschichten um eine Gruppe von Vampiren (engl. Titel „The Power of the Blood Series“). Kilpatrick versucht, leider erfolglos, eine Milieustudie (die drogenabhängige Zero, das abgerissene Hotel, in dem sie in New York wohnen) mit ein paar Vampiren und einem guten Schuss Sex zu kombinieren. Eine solche Mischung könnte durchaus funktionieren, wäre sie rein stilistisch und erzählerisch mit einiger Meisterschaft zu Papier gebracht. Doch Kilpatrick bedient so ungefähr jedes Klischee, das ihr in den Weg kommt und hält ihre Geschichte damit in so vorhersehbaren Bahnen, dass beim Leser kaum Spannung aufkommen mag.

Da wäre zunächst ihr Vampir David, offensichtlich die zentrale Figur für die angestrebte weibliche Leserschaft. Natürlich war er mal Aristokrat, sieht vermutlich gut aus (doch hält sich Kilpatrick in der Regel nicht lange mit Äußerlichkeiten auf) und ist von so romantischem Gemüt, dass dem durchschnittlichen postmodernen Leser ganz schwarz vor Augen wird. Als ultimativen Beweis für seine sentimentale Grundhaltung und seine literarische Bildung lässt Kilpatrick ihn zu den unmöglichsten Momenten Lord Byron zitieren. Dies führt zwangsläufig zu Abnutzungserscheinungen, ganz abgesehen davon, dass Byron nicht der einzige romantische Dichter ist, der das Zitieren lohnt. Doch David besitzt scheinbar nur diesen einen Band Poesie …

Besser als gar nichts, denn Zero dagegen ist eine drogenvernebelte Schlampe ohne jegliche Bildung (bei ihr also nicht mal Byron), die sogar erfragen muss, was oder wo Montréal ist. Für einen Großteil der Handlung drehen sich ihre Gedanken um Heroin, danach obsessiert sie bevorzugt über David. Auf welcher Grundlage die beiden nun eigentlich zusammenfinden, lässt Kilpatrick stillschweigend offen und so bleibt ihre Liebesbeziehung oberflächlich und wenig überzeugend.

Überhaupt die Liebe. Gerade in diesen Szenen läuft Kilpatrick zu pathetischer Hochform auf und der Schwulstfaktor steigt in unerträgliche Höhen. Doch spätestens wenn David seiner Zero per Brief mitteilen lässt, „Kathy, süße Kathy, unschuldiges Kind, leidenschaftliche Frau, Wesen von azurnem Feuer, blauer Diamant mit unzähligen Facetten“, dann ist die Geduld des Lesers einfach erschöpft. Da ist es doch gut, dass David nur Gedichte von Byron zitiert anstatt eigener Poesie. Man wagt gar nicht daran zu denken, was in dem Fall rausgekommen wäre.

Abgesehen von den stilistischen Schwächen, kann aber auch der Plot selbst kaum überzeugen. Er ist abwechselnd zu durchsichtig oder zu abwegig. Natürlich, wenn man einem Kind eben noch sagt, dass ihm nichts passieren wird, dann ist es nur logisch, dass es auf der nächsten Seite prompt entführt wird. Solche erzählerischen Zaunpfähle sorgen nicht gerade dafür, dass man von der Handlung positiv überrascht wird. Viel zu unmotiviert erscheint auch das Ende. Zwar ist der Roman Teil einer Serie, doch ist es nicht nötig, für den Showdown ein ganzes Dutzend neuer Vampire einzuführen, die keine andere Funktion haben, als die Vampirarmee des Bösewichts mathematisch aufzuwiegen. All diese Charaktere bleiben schablonenhaft und austauschbar und Kilpatrick hätte sie am besten ganz weggelassen.

Die Rückseite des Romans bewirbt „Todessehnsucht“ als „gewagten Erotik-Horror“. Gewagt ist höchstens die unterdurchschnittlich schlechte Prosa. Horror wird der Liebhaber kaum finden und die Erotik ist wohl nur was für die wirklich seicht Veranlagten. Wer gern gefühlsduselig im Schwulst schwimmt, der mag bei Nancy Kilpatrick fündig werden. Für alle anderen gilt: Lieber ein anderes Buch zur Hand nehmen!

O’Hanlon, Redmond – Ins Innere von Borneo

Natürlich ist ein Urlaub der etwas extremeren Art heutzutage auch für den Herausgeber der „Literarischen Beilage“ (Ressort Naturgeschichte) einer so ehrwürdigen Zeitung wie der britischen „Times“ nichts Außergewöhnliches mehr. Dennoch stellt sich der Leser dieses Reiseberichtes bald die Frage, wieso die Wahl Redmond O’Hanlons ausgerechnet auf den Dschungel der Insel Borneo fiel. So genau geht er selbst auf diesen Punkt nicht ein, aber wenn man zwischen den Zeilen nach einem Motiv sucht, wird es wohl dasselbe ein, das sein ehrgeiziger Landsmann George Mallory einst vor seiner letzten Reise zum Mount Everest so in Worte fasste: Weil er da ist.

Zur Everest-Expedition von 1924 gibt es noch eine bemerkenswerte Parallele: Mit Redmond O’Hanlon und seinem Freund und Begleiter, dem Lyriker (!) James Fenton, begeben sich zwei Männer auf große Fahrt, die man mit Fug und Recht (sie würden es selbst sogleich zugeben) auch als Gewinner eines Wettstreits der inkompetentesten Reisenden dieser Welt bezeichnen könnte. Dabei ist auch das Borneo des 20. Jahrhunderts (O’Hanlon & Fenton unternahmen ihren Ausflug bereits 1984) kein ungefährliches Pflaster; nur die Medikamente sind inzwischen besser geworden, was zu preisen unsere Reisenden mehr als eine Gelegenheit finden werden.

Nicht dass der Bücherwurm und der Dichtersmann völlig ahnungslos im Land des Orang-Utans gelandet wären. Sie betreten es sogar mit recht dezidierten Vorstellungen, die man wiederum als romantische Selbstmord-Phantasien umschreiben könnte: Was O’Hanlon über Borneo zu wissen glaubt, entnahm er großzügig den Reiseberichten seiner Vorgänger. Zwar dunkel ahnend, dass in den vielen Jahrzehnten, die seither verstrichen, sich einiges geändert haben könnte, freut er sich dennoch auf und fürchtet sich vor einer feuchtheißen Tropenhölle, die von blutrünstig-primitiven Kopfjägern und tückisch-faszinierendem Fabelgetier bevölkert wird.

Darauf will er lieber vorbereitet sein, trainiert mit den britischen Ledernacken und reist später wie jeder europäische Entdecker von altem Schrot und Korn schwer bewaffnet in die Wildnis, was auf dem Flughafen von Singapur unter reger Beteiligung der örtlichen Polizeibehörden für eine erste aufregende Episode sorgt. Endlich trotzdem auf Borneo (bzw. in Sarawak, einer Provinz des malaysischen Inselreiches) angekommen, wird zudem rasch deutlich, dass es nicht mehr weit her ist mit der insgeheim erträumten kolonialen Herrlichkeit vergangener Zeiten, als O’Hanlon und sein Gefährte sehr prosaisch im örtlichen „Holiday Inn“- unterkommen: Die Zivilisation hat die Tropeninsel längst erreicht.

Glücklicherweise findet sie dann doch unweit der wenigen größeren Städte ihr rasches Ende. Mit dem Wagemut der absolut Ahnungslosen haben sich O’Hanlon und Fenton für eine Expedition die Flüsse Rejang und Baleh hinauf in jenes Land entschieden, in dem das seltenste Tier der Welt (vielleicht) sein sagenhaftes Dasein fristet: das (ironischerweise nach seiner eigentlichen Heimat benannte) Sumatra-Nashorn. Klein, dunkel und mit einem Fell (!) bekleidet ist es dank der über Jahrzehnte ungeteilten Aufmerksamkeit von Wilderern und Jägern aus aller Welt heute so selten, dass jede Sichtung als Sensation gefeiert wird.

Sollte dieses Unternehmen scheitern, bleibt ja noch immer der aufregende Kontakt mit den Iban, den menschlichen Bewohnern Borneos, die nach Ansicht O’Hanlons stets ein wenig zu laut bekräftigen, die Kopfjagd inzwischen aufgegeben zu haben. Allerdings ist der echte Horror Borneos eher im Mikrokosmos angesiedelt. Dort warten u. a. 250 Fleisch fressende Ameisenarten und 1.700 höchst unterschiedliche Parasitenwürmer auf unvorsichtige Besucher. O’Hanlon spart nicht an gruseligen Details, die das Schicksal jener schildern, die sich nicht wie er und Fenton an jedem Morgen in Insektenpulvern und -sprays buchstäblich wälzen.

Überbordende Fruchtbarkeit auf der einen und ständiger Zerfall und Verwesung auf der anderen Seite machen auch den übrigen Teilnehmern der Expedition tüchtig zu schaffen: Alfred Russell Wallace, James Keppel, Charles Hose und Tom Harrisson sind nur die wichtigsten aus dem Kreise derer, die zumindest im Geiste allzeit um O’Hanlon sind; in Gestalt ihrer Bücher über Borneo nämlich, die der unverbesserliche Romantiker in großer Zahl dorthin geschleppt hat, wo ihre Lebensdauer arg begrenzt ist und aus denen er gern und oft zitiert. Von der Kritik ist ihm dies zum Vorwurf gemacht worden, doch hier gilt es wohl eher den Stil des Autoren zu achten. Die Zitate sind nicht nur klug gewählt und informativ, sondern sie konterkarieren auch das Dilemma, dem sich O’Hanlon ausgesetzt sieht: In Borneo ist die Steinzeit zwar an vielen Orten noch nicht zu Ende gegangen.

Trotzdem ist die Insel nicht das magische Wunderland, das er sich im heimischen Elfenbeinturm zu Oxford erträumt hat. Dort, wo die Vergangenheit noch fortlebt, enthüllt sie immer wieder recht hässliche Seiten. So muss der Reisende feststellen, dass die ihn bezaubernde weibliche Jugend in den Dschungeldörfern schlicht deshalb in der Überzahl ist, weil die meisten Einheimischen einer der vielen schrecklichen Krankheiten zum Opfer fallen, bevor sie alt werden können. O’Hanlon und Fenton bereisen Borneo nicht in Slapstick-Manier als zwei Männer im Boot (vom Rhinozeros ganz zu schweigen), wie der Klappentext suggeriert, sondern durchaus offenen Auges und wachen Geistes. Deshalb entgehen ihnen auch keineswegs die allgegenwärtigen Schrecken eines ungehemmten Raubbaus an der Natur: Es gibt keine Bodenschätze auf Borneo, nur das Edelholz des Dschungels, der deshalb rücksichtslos niedergeholzt wird. Die Menschen sind sich der Folgen durchaus bewusst, doch sie sehen keine Alternativen – und sie haben auch keine Lust, zum Frommen naturromantischer Westler ein tarzanoides Naturkinder-Dasein zu fristen.

Anlass zu echter Negativ-Kritik gibt indes ein Verdacht, der sich schon auf den ersten Seiten einstellt und im Verlauf der weiteren Lektüre schnell zur Gewissheit wird: O’Hanlon mischt Fakten und Fiktion um des Effektes vielleicht etwas zu freizügig in dem Bemühen, eine an sich interessante, aber eben nicht spektakuläre Reise für den Leser dramatischer zu gestalten, und inszeniert, übertreibt und überspitzt. James Fenton, O’Hanlons Begleiter, ist beispielsweise keineswegs der weltfremde Barde, der sich ebenso wagemutig wie ahnungslos ins Abenteuer stürzt, sondern ein erfahrener Kriegsberichterstatter, der in der Vergangenheit einigen Mut bewiesen und wohl nicht von ungefähr auf dem ersten nordvietnamesischen Panzer gesessen hat, der 1975 nach dem Fall von Saigon in die von den Amerikanern aufgegebene Stadt rollte. Auch mit dem Sumatra-Nashorn ist das so eine Sache; So selten es ist, man kann es immer noch finden, nur eben nicht dort, wo O’Hanlon es angeblich versucht hat. Das muss er auch gewusst haben, aber natürlich ist es im Nachhinein publikumswirksamer, eine Reise, die ihr Ziel aus verschiedenen Gründen verfehlt hat, zu einer romantischen Queste zu verklären.

So verbissen darf man aber vielleicht gar nicht an „Ins Innere von Borneo“ herangehen. Die Übergänge zwischen dem klassische Reisebericht und dem Abenteuerroman sind seit jeher fließend; wenn unsere beiden wackeren Briten auch nicht gerade viel Neues entdecken, lesen sich ihre Abenteuer doch amüsant, zumal O’Hanlon wirklich schreiben kann und seine wohl gesetzten Worte ihren Umweg zum deutschen Leser über die Übersetzung gut überstanden haben.

Übrigens hat der Autor die vielen drastischen Zwischenfälle der Borneo-Reise wohl besser verkraftet als er dies 1984 selbst gedacht hätte: Seither ist Redmond O’Hanlon noch mehrfach in anderen Dschungeln dieser Welt unterwegs gewesen und hat auch diese Reisen literarisch aufgearbeitet. „Kongofieber“, die Bilanz eines fünfmonatigen Aufenthaltes in den Tiefen des afrikanischen Kongos im Jahre 1989, hat in Form und Inhalt sogar die Ausmaße eines echten Epos‘ angenommen und gilt inzwischen als echter Klassiker der Reiseliteratur; ein Werk, das die O’Hanlons der Zukunft mit auf ihre Entdeckungsreisen nehmen werden.

Buchwurminfos II/2005

Die Zusammenarbeit Hörbuch und Publikumszeitschrift scheint sich überaus zu lohnen. In diesen Wochen liegen der _“Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“_ jeweils in drei Folgen ungekürzte Hörbuchlesungen von „Die Schatzinsel“, „Robinson Crusoe“, „In 80 Tagen um die Welt“ und „Robin Hood“ kostenlos bei. Die PR-Aktion für die Jugendklassiker-Reihe des „Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen“ soll einer größeren Öffentlichkeit für die insgesamt 18 Titel umfassende Reihe dienen. Auch Random House und Verlagshaus Gruner + Jahr – konkret die Frauenzeitschrift „Brigitte“ – haben eine gemeinsame _Hörbuch-Edition „Starke Stimmen“_ konzipiert und das kommt richtig gut an. Bereits die erste Ausgabe für Elke Heidenreichs Interpretation von Dorothy Parkers „New Yorker Geschichten“ hatte schon vor dem Erstverkaufstag 50.000 Vorbestellungen. Für ein Hörbuch eine gigantische Zahl. Hörbücher bleiben zwar mit einem steigenden Marktanteil von nur 3,2 % eigentlich unbedeutend, aber statistisch glaubt man an den Erfolg. Denn dieser schnellt nach oben. 2004 14,7 % Umsatzzuwachs gegenüber 2003, 2003 waren es 10,3 % gegenüber 2002 gewesen. An kräftigsten natürlich im Bereich der Belletristik. Und dort gibt es nun die ersten literarisch anspruchsvollen satten Verkaufserfolge. Der Verband der phonographischen Wirtschaft verleiht dem Verlag _steinbach sprechende Bücher_ gleich _drei goldene_ Schallplatten für die Hörbücher von _Paulo Coelho_. 150.000-mal wurde sowohl das Hörbuch „Der Alchemist“ wie auch „Der Wanderer“ verkauft und 100.000-mal „Unterwegs“. Der auf die ungekürzte Lesung profilierte Verlag mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer Literatur, klassischen Autoren, literarisches Sachbuch sowie Kinderhörbuch produziert jährlich etwa 30 Titel, lieferbar sind rund 200 Titel. Gespannt kann man jetzt schon auf das im Mai erscheinende Hörbuch „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami mit 20 CDs sein. Die Preise für Hörbücher purzeln endlich auch immer mehr. Den gestarteten Niedrigpreisreihen anderer Verlage hat sich nun auch der Münchner _Hörverlag_ mit seiner „Smart Edition“ angeschlossen. Die Reihe startete mit neun Titeln zum Preis von 7,99 Euro.

Zeitungen scheinen mit den Bucheditionen richtig Geschäfte zu machen. Die _“SZ-Bibliothek“_ der Süddeutschen Zeitung, die auf 50 Titel konzipiert war, wird fortgesetzt und um weitere 50 Bände erweitert. Nicht nur mit Büchern und Hörbüchern, auch mit DVDs wird da viel ausprobiert. Nach der _DVD-Reihe_ in Kooperation ZDF und der „Welt“ legte jetzt auch die _“Frankfurter Allgemeine Zeitung“_ in Zusammenarbeit mit „Spiegel TV“ eine zwölfteilige Dokumentation zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert vor. Außerdem hat die „FAZ“ seit Ende Februar bis Anfang Mai unter dem Titel „Faszinierende Natur“ eine zehnteilige Reihe von BBC-Dokumentationen auf DVD. Und nahtlos an die „SZ-Bibliothek“ begann sich die _“SZ-Cinemathek“_ anzuschließen, die ebenfalls 50 Spielfilme auf DVD umfasst. Was den Schaden solcher Zeitungs-Billig-Editionen für den Buchhandel angeht, beruhigt der Börsenverein. Im gesamten Kaufverhalten machte dieser Umsatz etwa 4 % aus und führte eher dazu, das Interesse an Büchern zu wecken.
Gut laufen im übrigen Buchgeschäft auch bestimmte _“Ratgeber“-Titel_. Das Lieblingsthema ist wie seit Jahren unverändert der eigene Körper und seine Befindlichkeit. Wellness und Selbstfindung liegt nach wie vor im Trend.

Am 16. Juli, eine Minute nach 1 Uhr (0.01 Uhr der britischen Sommerzeit), darf der _sechste Band von Harry Potter_ verkauft werden und im März ging der Hype schon wieder los. Die Buchhändler sind verärgert, denn wieder gibt es einen langen Vertrag mit 13 Punkten zu unterschreiben: Vor dem besagten Tag darf man weder selbst das Buch lesen, noch dürfen dies die Mitarbeiter; sogar Fotografien von Kartons sind unzulässig und noch mal anders als in den Vorjahren gibt es nur ein beschränktes Remissionsrecht: erst ab 1. November darf remittiert werden, die Gutschrift darf aber 20 % des Betrags der Eingangsbestellung bei Bloomsbury nicht überschreiten. Auf Nachbestellungen wird überhaupt kein Rückgaberecht mehr eingeräumt. Da keine Preisbindung vorliegt, läuft der Preiskampf auf Hochtouren, wahrscheinlich legen viel Händler wieder drauf, anstatt mal zu verdienen. Die Niedrigstpreisgarantie hat bislang Weltbild mit 15,75 Euro. Wer es woanders billiger bekäme, braucht dann sogar bei Weltbild nur diesen Preis zu zahlen. In diesem Jahr entschließen sich viele der kleinen Buchhändler erstmals dazu, die Verträge nicht zu unterzeichnen und Harry Potter bei Erscheinen nicht anzubieten, weil sie beim anstehenden Preisdumping einfach nicht werden mithalten können. Bei Interesse von Kunden nutzen sie die Barsortimente.

Die Zeitschrift _Hagal_, bislang im Verlag Zeitenwende erschienen, ist vom Regin-Verlag übernommen worden und kam im März erstmals unter ihrem neuen Untertitel „Zeitschrift für Tradition, Metaphysik und Kultur“ heraus. Der bisherige Untertitel „Zeitschrift für Mythologie, Religion, Metaphysik und Esoterik“ wurde geändert, weil esoterische und mythologische Themen künftig nur dann noch behandelt werden, wenn sie in einem Kontext mit der überlieferten Tradition stehen.

In Polen ist beim Warschauer Verlag XXL das in Deutschland verbotene Buch von Adolf Hitler _“Mein Kampf“_ als Neuausgabe gedruckt worden. Die Auflage liegt bei 2000. Bereits 1992 war dort eine erste Ausgabe erschienen, die inzwischen vergriffen war. Unter dem Kommunismus war das Buch in Polen verboten. In der Türkei ist Hitlers Buch seit langem sehr gefragt und erhältlich. „Kavgam“ (der türkische Titel) gehört dort zu den meist verkauften Büchern des ersten Quartals 2005.

_Rolf Hochhuth_ hat den Fehler begangen, sich differenzierter zu „rechten“ Zuordnungsmechanismen zu äußern, indem er den in Deutschland als „Holocaust“-Leugner bezeichneten britischen Historiker David Irving als „fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte“ bezeichnete. Diese Aussage führte sofort zu großem Aufschrei über Hochhuth in Deutschland, weswegen er sich von seiner eigenen Aussage schnell wieder distanzierte. Dennoch wird nun die Deutsche Verlagsanstalt die für Frühjahr 2006 geplante Autobiografie von Hochhuth, die zu seinem 75. Geburtstag am 1. April erscheinen sollte, nicht mehr veröffentlichen, da die getätigte Aussage nicht mit den Autoren von DVA in Einklang zu bringen sei. Hochhuth besteht allerdings auf Vertragserfüllung und geht mit Anwalt vor Gericht.

Bundesinnenminister Otto Schily hat den in Hessen ansässigen Verlag der türkischsprachigen _Zeitung „Anadoluda Vakit“_ wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung verboten. Unter dem Deckmantel einer angeblich seriösen Berichterstattung sei antijüdische und antiwestliche Hetze verbreitet worden. Bereits im Dezember hatte die CDU gegen das Blatt, das in Deutschland in einer Auflage von 10.000 Exemplaren erscheint, verfügt, Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet.

Am 18. Februar kam endlich der Rat für deutsche Rechtschreibung zu seiner ersten Arbeitssitzung über die _Rechtschreibreform_ in Mannheim zusammen. Diskutiert wurde die Getrennt- und Zusammenschreibung. Von den insgesamt 36 Sitzen des Gremiums blieben die beiden Plätze der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die aus Protest fernbleibt, nach wie vor unbesetzt. Da man nicht wirklich weiter weiß, wurde einfach mal wieder ein siebenköpfiger Arbeitskreis ins Leben gerufen. Das Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es, endlich eine diskussionsfähige Grundlage zu schaffen. Geleitet wird die Gruppe von Ludwig Eichinger, dem Direktor des Instituts für Deutsche Sprache. Eigentlich soll der Rat bis zum 1. August die bereits reformierte Reform noch mal reformieren, bis dahin trifft sich der Rat noch dreimal. Das Ganze bleibt schildbürgerisch und Eichinger rechnet auch nicht mit der Klärung aller strittigen Fragen bis zum Inkrafttreten der Reform in den Schulen am 1. August. Auch einer der ausgetretenen prominenten Reformgegner ergreift im „Rat für deutsche Rechtschreibung“ doch wieder das Wort. Sprachwissenschaftler _Theodor Ickler_ vertritt die Interessen des deutschen PEN-Zentrums. Er möchte im Rat die „Interessen der Schulbuchvertreter“ aufdecken, denen er unterstellt, die Rücknahme der Reform zu verhindern. Sein Hauptanliegen ist ein „Moratorium“ für die Reform, die im August an den Schulen eingeführt wird.

Mit _Hans Christian Andersen_ können viele Verlage in diesem Jahr Jubiläum begehen. Seine Märchen sind jedem bekannt, allerdings weniger, dass er auch fünf Romane geschrieben hatte. Sein erster Roman „Der Improvisator“ von 1835 ist nun im 170. Erscheinungsjahr. Ansonsten feierte man am 2. April seinen 200. Geburtstag und am 4. August wird der 130. Todestag gewürdigt. Deswegen sind jede Menge Neuerscheinungen der Andersen-Märchen und -Romane, sowie Bücher über den Autor frisch auf den Mark gekommen. Einen Überblick über die medialen Höhepunkte, die zu den Jubiläen stattfinden, gibt es auf http://www.HCA2005.com.

Auch der am 29. Januar 1455 in Pforzheim geborene _Johannes Reuchlin_ ist im 550. Jubiläumsjahr. Sein Kampf gegen religiösen Fanatismus, Anmaßung und Intoleranz bildet bist heute die vorherrschende Perspektive auf das Leben und Werk dieses Gelehrten. Als neuplatonisch-kabbalistischer Philosoph, lateinischer Dichter, Gräzist und Begründer der christlichen Hebraistik hätte Reuchlin ohnehin Eingang in die Geschichtsbücher gefunden; zu jenem epocheprägenden „Wunderzeichen“, als das ihn nicht zuletzt Goethe gerühmt hat, wurde er aber erst durch seinen entschiedenen Einsatz für den Erhalt der jüdischen Literatur und seine daraus erwachsene Rolle als Verteidiger der Wissenschaft. Seine gesamten Werke nebst seinen Briefwechseln sind bei Frommann-Holzboog aufgelegt (www.fromman-holzbog.de).

Immerhin auch schon 130. Geburtstag feierte man mit _Edgar Wallace_, geboren am 1. April 1875 in Greenwich, gestorben 10. Februar 1932 in Hollywood. Seine Kriminalromane wurden bereits in den 20er Jahren in Deutschland gelesen, aber ihre große Renaissance kam in den 50er Jahren mit der auffällig in rot gehaltenen berühmten Taschenbuchreihe des Goldmann-Verlages. Noch erfolgreicher waren dann die Filme – die ersten drei gab es bereits 1927 („Der große Unbekannte“), 1929 („Der rote Kreis“) und 1931 („Der Zinker“). Aber auch hier gelang der Durchbruch ebenso erst in den fünfziger Jahren mit „Der Frosch mit der eisernen Maske“. Wallace schrieb über hundert Kriminalromane. Davon wurden unter der Gesamtleitung von Horst Wendlandt und der Regie von Alfred Vohrer und Harald Reinl insgesamt 32 verfilmt. Ende der 60er Jahre ging es mit der Erfolgsreihe zu Ende, in welcher eine ganze Reihe großartiger Schauspieler regelmäßig agierten. Unvergesslich dabei vor allem Klaus Kinski in seinen Verbrecher-Rollen.

Der Verlag _Brockhaus_ begeht 200. Jahresjubiläum des Geburtstages von E. A. Brockhaus und zelebrierte diess mit einem spektakulären Festakt auf der diesjährigen Leipziger Messe.

Ebenso Jubiläum begeht der _Orlanda Frauenverlag_, der nun bereits seit drei Jahrzehnten gute Literatur für Frauen publiziert. Nachdem bei den meisten renommierten Verlagen die Frauenbuchreihen eingestellt sind, ist Orlanda einer der wenigen unabhängigen Verlage zur Frauenthematik. Begonnen hatte alles 1975 noch im Selbstverlag mit dem _“Hexengeflüster“_, einem Selbsthilfebuch der Frauengesundheitsbewegung. 1980 wurde der Verlag in sub rosa umbenannt, bevor 1986 die Idee kam, mit Orlanda den abgewandelten Titel eines Romans von Virginia Wolf als Verlagsnamen zu nehmen. Einer der weiteren großen Erfolge war _“Wechseljahre Wechselzeit“_ von Rina Nissim. Einer der Schwerpunkte von Anfang an ist auch die Literatur für das lesbische Publikum. In diesem Frühjahr startet mit |orlanda – die edition| eine neue Belletristikreihe, die von der langjährigen Fischer-Lektorin Ingeborg Mues betreut wird. Fischer hat ja seine anspruchsvolle Frauentaschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“ vor einiger Zeit eingestellt. Dagegen sind in die derzeit boomende Frauenbelletristik hauptsächlich Romanheldinnen in eine leicht zu lesende Unterhaltungsliteratur verpackt, die in hohen Auflagen gedruckt und als preiswerte Stapelware angeboten wird. Der dafür verwendete Begriff: _“freche Frauenliteratur“_. Die Zielgruppe sind Frauen zwischen 25 und 35. Die besten Titel erreichen Auflagen von drei Millionen Exemplaren. Literarisch wertvoll sind sie nicht, eher substanzlos aus dem Leben gegriffen. Die Autorinnen gehören auch nicht zu hochgejubelten deutschen Gegenwartsautorinnen. Die heutige Frauenliteratur hat nichts zu tun mit der engagierten Frauenliteratur der 70er Jahre, die im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung vor allem von Frauen für Frauen geschrieben wurde. Beispiele von damals: „Häutungen“ von Verena Stefan, „Wie kommt das Salz ins Meer?“ von Brigitte Schwaiger, „Gestern war heute“ sowie „Hundert Jahre Ewigkeit“ von Ingeborg Drewitz, „Kassandra“ von Christa Wolf oder auch die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. In all diesen Romanen ging es um die Beschreibung des Rollenverständnisses der Frau in einer vom Mann geprägten Gesellschaft. Begleitet wurde diese Erkundung von der großen Resonanz der feministischen Debatte innerhalb der Gesellschaft, was wiederum Verlage dazu veranlasste, eigene Frauen-Reihen aufzubauen. So entstanden 1977 die Reihen „Neue Frau“ bei Rowohlt und 1978 „Frau in der Gesellschaft“ bei S. Fischer. Damals wurden in dieser Sparte noch Alternativen und Antworten gesucht. Davon ist in dem neuen Genre der „frechen“ Frauen nicht mehr viel übrig geblieben. „Frech“ und „angepasst“ ist da kein Gegensatzpaar mehr. Der Stil dieser neuen Bücher ähnelt den weiblichen Psycho-Befindlichkeitstexten aus Frauenzeitschriften. Tatsächlich stammen viele der jüngeren Autorinnen aus den Redaktionen von „Brigitte“, „Cosmopolitan“, „Vogue“, „Freundin“ oder „Elle“. Begründet wurde das Genre Ende der 80er Jahre durch Eva Heller („Beim nächsten Mann wird alles anders“), Hera Lind („Ein Mann für jede Tonart“) und Gaby Hauptmann („Suche impotenten Mann fürs Leben“). Die Sehnsucht nach der großen Liebe und dem richtigen Mann fürs Leben scheint zeitlos. Auffallend an dieser Literatur ist jedoch, dass sie das traditionelle Frauenbild bevorzugt. „Frech“ hat heute nicht mehr den emanzipatorischen Beigeschmack der 70er Jahre. Der Markt dieser Literatur ist größtenteils aufgeteilt zwischen den Verlagen der Random-House-Gruppe (Goldmann, Heyne, Blanvalent etc.), Rowohlt, den S.-Fischer-Verlagen, der Verlagsgruppe Lübbe, Piper, Droemer Knaur und dtv. Die Übergänge zwischen „frechen“ Frauen als neuem Genre, aktueller Frauenliteratur und klassischen Liebesromanen sind fließend. Es gibt im dritten Jahr schon eine eigenständige Buchmesse – die „Liebesroman Messe“ vom 20. bis 22. Mai in Wiesbaden mit 200 geladenen Gästen, darunter Autorinnen und Autoren, Übersetzer, Lektoren und Literaturagenten. Die Verlagsgruppen Droemer Knaur, Lübbe und Random House haben dort Stände und die „freche“ Frauenliteratur Workshops und Gesprächsrunden.

Zehnjähriges Jubiläum begeht auch die Reihe _C.H. Beck Wissen_, in der bereits mehr als 250 Titel erschienen sind.

Am 20. Februar verstarb _Hunter S. Thompson_, einer der besten Schriftsteller unter den amerikanischen Journalisten. Am populärsten ist wohl sein Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“, der auch sehr erfolgreich verfilmt wurde.

Nach langer schwerer Krankheit ist der Verleger _Dr. Karl Blessing_ am 12.3.05 in München im Alter von 63 Jahren verstorben. Dr. Karl H. Blessing, geboren am 24. März 1941 in Berlin, verfasste nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie seine Dissertation über die Frühwerke Döblins. Lange Jahre in leitenden Positionen in der Verlagsbranche tätig, leitete er von 1982 – 1995 als Verleger und Programmgeschäftsführer die Verlage Droemer, Knaur und Kindler. 1996 gründete er mit der Bertelsmann Buch AG den Karl Blessing Verlag und verlegte dort niveauvolle Belletristik und interessante Sachbücher. Als klassischer Autorenverleger bot er in seinem zutiefst individuellen Programm immer wieder bekannten und noch nicht bekannten Autoren eine verlegerische Heimat. So wurde er 2004 vom Magazin |BuchMarkt| zum Verleger des Jahres gewählt. Unter dem Dach der Verlagsgruppe Random House wird das anspruchsvolle Programm im Sinne Karl Blessings weitergeführt.

Der diesjährige _Leipziger Buchpreis_, seit 1994 jährlich auf der Leipziger Buchmesse vergeben, geht an die kroatische Schriftstellerin _Slavenka Drakulic_, die seit Beginn der 1990er Jahre die jugoslawische Bürgerkriegstragödie in mehreren Romanen und Reportagebänden analyisiert. Die Auszeichnung gilt vor allem ihrem jüngsten Werk: „Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan“. Als Beobachterin der Prozesse am Internationalen Tribunal in Den Haag zeichnet sie dort die Portraits der Täter nach. Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung würdigt Autoren, die sich vor allem um die ost- und mitteleuropäische Annäherung verdient gemacht haben. Zu den Preisträgern gehörten bisher unter anderem Aleksandar Tisma, Peter Nadas, Imre Kertesz und Dzevard Karahasan. Auch andere Preise wurden auf der Messe vergeben, z. B. der seit 1977 vom |Börsenblatt| ausgeschriebene _Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik_, den diesmal _Hubert Spiegel_, der Leiter der „FAZ“-Literaturredaktion erhielt. Den _Kurt-Wolff-Preis_ erhielt der Bonner Verleger _Stefan Weidle_ vom Weidle-Verlag für sein engagiertes Programm mit Literatur der 20er und 30er Jahre als vorbildliches Beispiel für unabhängige Verlage in Deutschland. Und erstmals wurde in diesem Jahr der _Preis der Leipziger Buchmesse_ in den Kategorien Belletristik an _Terézia Mora_, Sachbuch/Essayistik an _Rüdiger Safranski_ und Übersetzungen an _Thomas Eichhorn_ verliehen. Auch zeigte sich die „kleinere Messe“ in diesem Jahr internationaler als je zuvor. Zunehmend gibt es Länder-Beiträge wie auch auf der Frankfurter Messe. Sogar Korea war angereist und gab einen Vorgeschmack auf die Frankfurter Messe, wo das Land dieses Jahr Gastland ist. Im Gegensatz zur Frankfurter Messe machen die kleineren und mittleren Verlage in Leipzig achtzig Prozent der Aussteller aus. Die Leipziger Buchmesse ist ansonsten mit der Aktion _“Leipzig liest“_ mit 1.200 Veranstaltungen und über tausend Mitwirkenden das größte europäische Literaturfest. Erfreulich war, dass die Bundeswehr dieses Jahr nicht mehr mit einem Werbestand auf der Buchmesse vertreten war. Unaufhaltsam wächst der Leipziger Branchentreff, bereits im 15. Nachwendemessenjahr, von Jahr zu Jahr.

Je näher der Termin der Messe anrückte, desto größer wurde innerhalb der Branche das Murren. Dass die Leipziger Messe zeitgleich mit der Lit.Cologne veranstaltet wird, stößt auf einheitliche Kritik, für dessen Ärgernis man die Kölner verantwortlich macht, denn Leipzig war nun einmal eher da. Man ist sehr gespannt, wie dieses Konkurrenzgebahren sich künftig entwickelt, denn die Kölner Messe hat nach dem Abgang der Popkomm kräftig in eine eigene Hörbuchmesse investiert. In der Öffentlichkeit ist Lit.Cologne auch nicht mehr wirklich beworben worden, sondern die meisten setzten dann doch wie gewohnt auf die Leipziger Messe. 120 Hörbuchverlage kamen nach Leipzig, im Jahre 2000 waren es gerade mal 40. Darunter waren alle renommierten Hörbuchverlage sowie alle ARD-Rundfunkanstalten, die sich als Hörbuchproduzenten nur in Leipzig vereint präsentieren. Wie auf der Frankfurter Messe gibt es nun das „Focus“-Hörbuch-Café mit attraktivem Fachprogramm. Bereits zum fünften Mal fand die zur Tradition gewordene „ARD-Radionacht der Hörbücher“ statt, die am Messefreitag live ausgestrahlt wurde. Als erfolgreichstes Hörbuch des Jahres wurde _“Die Päpstin“_ (DAV) mit dem _“HörKules“_ ausgestattet. Damit ist die Leipziger Messe der wichtigste Treffpunkt für die Hörbuchbranche geblieben.

Dennoch war die _5. Lit.Cologne_ mit rund 50.000 Besuchern ebenfalls überaus erfolgreich, was zu Änderungen führt. Der Termin für 2006 ist der 10. bis 18.März und die Messe wird damit von fünf auf neun Tage ausgedehnt und erstreckt sich über zwei Wochenenden. Da das Kinderprogramm auf der Messe auf großes Interesse stieß, wird es 2006 – neben der dann zweiten Kölner Hörbuchmesse – auch eine eigene Kinderbuchmesse geben. Der Streit um die Hörbücher wurde beigelegt, denn die Hörbuchmesse Audio Books Cologne wird nur vom 10. – 13. März 2006 gehen und die Leipziger Buchmesse ist dann erst die Woche darauf vom 16. – 19. März. Das überschneidet sich natürlich dennoch wieder mit der sonstigen Lit.Cologne. Zwar ist Köln eine Autorenmesse und Leipzig eine Buchmesse, dennoch erwartet Leipzig weiterhin, dass Köln den 2001 angezettelten widersinnigen Wettbewerb auf eine Weise löst, die in künftigen Jahren zu keinen Terminüberschneidungen mehr führt.

Das diesjährige Gastland auf der _Frankfurter Buchmesse_ könnte ein Flop werden. Politisch war die Auswahl des Gastlandes Korea – da Süd- und Nordkorea zusammen auftreten – ein genialer Coup, aber nun hat Südkorea sein kulturelles Rahmenprogramm radikal gestrichen. Als Grund wird angegeben, dass die einheimische Wirtschaft das Projekt im Stich gelassen habe und so wurden die geplanten Kultur- und Diskussionsveranstaltungen auf ein Minimum reduziert. Da verspricht man sich schon jetzt um so mehr vom Gastland 2006, welches Indien sein wird, denn dort entwickelt sich das Verlagswesen überaus rasant. Und 2007 folgt dann Katalonien als Ehrengast der Messe. Interessant dabei ist, dass sich damit nur eine Region präsentiert und nicht das gesamte Land Spanien. Erstmals schaut dann die Messe auf einen eigenständigen historischen Kulturraum und experimentiert mit einer neuen Herangehensweise an das Konzept des Gastlandes. In jedem Jahr nehmen die deutschen Verlage das Gastland zum Anlass, um Schwerpunkte in ihrem Programmen zu setzen.

Im _Börsenverein des deutschen Buchhandels_, dessen umfangreiche Reform in den letzten Jahren zu einem großen Wirtschaftsbetrieb geführt hatte, wird heftig um die Verbandsdemokratie diskutiert. Hauptthematik ist die bessere Kommunikation zu den Mitgliedern, denn „diese wollen nicht beruhigt werden, sondern beruhigt sein“ (Matthias Ulmer, Sprecher Arbeitsgruppe Verbandsreform). Bisherige Strategie war es immer gewesen, Probleme nicht an die große Glocke zu hängen. Dies erweist sich nun als ganz schlecht für die Bindung an die Mitglieder. Zum Beispiel durften auf den Hauptversammlungen bislang die Mitglieder dem Bericht des Vorstands lauschen, doch eigentlich sollte ein Vorstand doch auch hören, was die Mitglieder ihm zu sagen haben. Die einzelnen Sparten im gemeinsamen Verband driften immer mehr auseinander. Überhaupt verliert der Verband kontinuierlich pro Jahr etwa 200 Mitglieder. Vor kurzem ist auch Amazon aus dem Verband ausgetreten, was als Zeichen gewertet wird, dass die Großen den Börsenverein nicht mehr brauchen. Für die politische Lobbyarbeit ist es aber weiterhin wichtig, dass der Verband die gesamte Branche repräsentiert. Bertelsmann z. B. kann froh sein, dass der Börsenverein dem Club eine Plattform geboten hat, um das Potsdamer Abkommen neu zu verhandeln. Sehr problematisch ist auch, dass der Ruf nach einem eigenen Verlegerverband lauter wird. Die Differenzen in den Streitigkeiten – wie z. B. Konditionen mit dem Sortiment – scheinen zu groß zu werden. Der Börsenverein will nun, um als spartenübergreifender Verband bestehen zu bleiben, mehr das selbstständige Eigenleben der Sparten innerhalb des Verbands fördern. Für den Austausch unter den Sparten gab es bislang die Abgeordnetenversammlung, die aber in der Praxis nicht funktionierte. Auf den Treffen wurde genau das erzählt, was auch am Tag zuvor in den Fachausschüssen gesagt wurde. Die Mitglieder assoziieren mit der Abgeordnetenversammlung einen „Frankfurter Klüngel“ und wollen, dass Entscheidungen auf der Hauptversammlung getroffen werden, bei der jedes zahlende Mitglied Sitz und Stimme hat. Die Vision der künftigen Hauptversammlung ist ein wirklich lebendiger Verleger- und Buchhändlerkongress mit einem vielfältigen Rahmenprogramm und intensiver Diskussion über den Verein. Inzwischen fühlen sich selbst Vorstandsmitglieder desinformiert. Jetzt soll der Vorstand erweitert und mit neuen Strukturen die Verbandsarbeit wirklich revolutioniert werden. Auch die Vertreter der Landesverbände werden in den Vorstand mit aufgenommen. Um den Streitereien ein Ende zu bereiten, müssen alle an einem Strang ziehen können. Die Entfremdung der Mitglieder von den Landesverbänden ist allerdings seit Jahren schon nicht mehr übersehbar. Es besteht die Pflicht einer Doppelmitgliedschaft im Bundesverband wie im Landesverband, was die Mitglieder schon lange nicht mehr einsehen. Aufgrund solcher nun eskalierender Politik der letzten Jahre zum Wirtschaftsverband war das kulturpolitische Profil auf der Strecke geblieben. Das Ansehen als Kulturverband soll gestärkt werden mit den bewährten Projekten wie dem Friedenspreis oder dem Vorlesewettbewerb. Aber auch durch neue Projekte wie den Deutschen Buchpreis und „Ohr liest mit“.

|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|

Becka, Elizabeth – Mit dem letzten Atemzug

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James vom Gerichtsmedizinischen Institut Cleveland wird an einem kalten Novemberabend an einen Tatort gerufen, an dem man die Leiche einer jungen Frau aus dem Fluss Cuyahoga geborgen hat. Als wäre sie ein Mafiaopfer aus einem Hollywoodfilm, stecken ihre Füße in einem schweren Zementeimer, der Körper ist mit Ketten gefesselt. Weil sie sich nicht befreien konnte, nachdem sie lebend in das eisige Wasser geworfen worden war, musste sie ertrinken, obwohl sie „bis zum letzten Atemzug“ kämpfte.

Wenig später wird ein zweites derartiges Opfer gefunden, doch die Tochter des Bürgermeisters wurde am Flussufer erdrosselt – sie hatte sich aus dem Zementeimer und den Ketten befreien können! Weil Evelyn James früher mal an der Uni die Freundin des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland war, befindet sie sich bald in einem üblen Interessenskonflikt: Sie darf eigentlich nichts über den Fortgang der Ermittlungen preisgeben, doch Daryl Pierson musste sie versprechen, genau dies zu tun. Will er etwa private Rache üben?

|Die Autorin|

Elizabeth Becka ist wie ihre Hauptfigur Spurensicherungsexpertin und als Mitglied der „American Academy of Forensic Sciences“ auch als forensische Gutachterin vor Gericht tätig. Sie arbeitete fünf Jahre im Cuyahoga County Coroner’s Office in Cleveland, zuständig für Stoff-, Haar- und DNA-Analysen und ist heute für die Tatort-Sicherung im Cape Coral Police Department, Florida, verantwortlich.

_Handlung_

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James kann den November wie die meisten Leute auch nicht leiden. Das Leben einer alleinerziehenden Mutter eines pubertierenden Mädchens ist nicht einfach, und dann will auch noch ein intriganter Praktikant ihren Arbeitsplatz haben und sägt an ihrem Stuhl.

Nicht gerade bester Laune trifft sie daher am neuesten Tatort von Cleveland, Ohio, ein. Eine junge Frau wurde aus dem Cuyahoga-Fluss gefischt. Das Besondere an ihr: Man hatte sie von einer Brücke ins Wasser geworfen, als sie noch lebte. Aber sie konnte sich nicht durch Schwimmen retten, weil ihre Füße in einem Zementeimer steckten und sie mit Ketten gefesselt war. Es war kein Raubmord, und die reale Mafia hat eigentlich ganz andere Methoden, ihre Opfer zu erledigen: „zwei Schüsse in den Nacken“, meinen die Detectives Riley und Milaski.

Ein Besuch beim örtlichen Mafiaboss Mario Ashworth, einem Baulöwen, bringt daher nichts außer der Bekanntschaft seines imposant gebauten Gorillas Marcus. Und seine junge Frau lebt auch noch.

Die nächste Wasserleiche, die man wenige Tage später am Flussufer findet, ist wesentlich interessanter. Evelyn erkennt sie sofort. Destiny Pierson war es gelungen, den Zementeimer von den Füßen zu streifen und sich aus den Ketten zu lösen. Erst am Ufer hatte ihr Mörder sie erwischt und erdrosselt. Nicht nur Riley und Milaski sind erschüttert, sondern auch Evelyn: Destiny Pierson ist die Tochter des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland, der am College ihr Freund war, bevor er eine schöne reiche Erbin heiratete.

Pierson bittet Evelyn, ihm um der alten Freundschaft willen die Ermittlungsergebnisse unter der Hand weiterzuleiten, eine höchste illegale, korrupte und gefährliche Handlungsweise. Denn dadurch könnten nicht nur Beweisstücke vor Gericht für ungültig erklärt, sondern auch Unschuldige gefährdet werden. Und wenn der Deal rauskommt, könnte es so aussehen, als führte der Bürgermeister einen privaten Rachefeldzug – ein gefundenes Fressen für seine Gegner und die Medienhaie.

Destiny Pierson und Ophelia (welch ein passender Name, denken alle) Ripetti sind aber nicht die ersten Opfer des Zementeimer-Killers, es gab schon drei ähnliche Fälle davor. Evelyn und Milaski sind durch durch die Folgen, die das Verschwinden der Frauen für ihre Angehörigen hatte, erschüttert und arbeiten enger zusammen, ja sogar parallel zueinander. Die politischen Implikationen des Falles interessieren sie weniger, aber der Kontakt zum Bürgermeister rückt Evelyn ins Zwielicht. Kann ihr die Polizei noch vertrauen?

Eine brisante Zuspitzung erfahren die Ereignisse, als erst Evelyns Tochter Angel aus der Obhut ihres Vaters verschwindet und wenig später Evelyn selbst wie vom Erdboden verschluckt ist. Wird sie das nächste Opfer, dessen Füße man in einem Zementeimer unter einer Brücke findet?

_Mein Eindruck_

Obwohl es wegen der bizarren Tötungsmethode zunächst nicht so aussieht, ist doch „Mit dem letzten Atemzug“ ein außergewöhnlich realistisch erzählter Thriller. Der Realismus betrifft sowohl die an Patricia Cornwell, Tess Gerritsen und Kathy Reichs erinnernden Ermittlungsmethoden als auch die Darstellung des Privatlebens und der persönlichen Erlebnisse der Ermittler. Dabei steht das Paar Evelyn James und David Milaski im Mittelpunkt des Interesses. Beide stehen mit dem Rücken zur Wand, was ihren beruflichen Erfolg betrifft: Wenn sie den Fall nicht lösen, sind sie beide erledigt.

|Die unscheinbare Spur|

Das ist der Grund, warum Evelyn ein erhebliches Risiko eingeht, als sie sich auf eine Spur setzt, die von den anderen Ermittlern bislang ignoriert wurde. Es ist eine Faser. Eine ganz gewöhnliche Faser aus einer synthetisch hergestellten Tischdecke, wie Caterer sie bei Empfängen verwenden würden. Damit könnte man zum Beispiel einen Kofferraum auskleiden, in dem ein Mordopfer transportiert wird. Die Faser fand sich an den Kleidern eines der beiden Opfer.

Als David Milaski, von Evelyn darüber unterrichtet, genau solch eine Tischdecke bei einem Krankenpfleger vorfindet, der sowohl beide Mordopfer betreut als auch Evelyns Tochter Anngel nach ihrer Blinddarmoperation gepflegt hatte, schrillen bei ihm sozusagen sämtliche Alarmglocken. Ist dieser Mann das lange gesuchte Bindeglied zwischen den Opfern, die einander ja nicht gekannt hatten?

|Ein Frage des Vertrauens|

Obwohl der unverheiratete Milaski die alleinstehende Evelyn sehr attraktiv findet, fällt es ihm doch zunehmend schwerer, ihr im Beruf Vertrauen entgegenzubringen. Sie trifft den Bürgermeister und telefoniert mit ihm, teilt ihm dabei möglicherweise Ermittlungsergebnisse mit, die dann vor Gericht nicht standhalten. Was natürlich die Arbeit der Kriminalinspektoren völlig zunichte machen würde und sie wie die letzten Deppen aussehen ließe. Bloß gut, dass Evelyn nicht bei den Cops ist, sondern an einem städtischen Institut arbeitet. Andererseits wird schon kräftig an ihrem Stuhl gesägt. Ihre Position ist nicht die stabilste.

|Die politische Ebene|

Neben der privaten und beruflichen Ebene beleuchtet die Autorin auch noch die politische Dimension des Falles. Da klüngelt doch tatsächlich der Bürgermeister aus Eigeninteresse, nämlich besagten Rachegelüsten, mit dem Boss der hiesigen Mafia! Eine Hand wäscht die andere, wie es so schön heißt. Beschaffst du mir den Mörder, sorge ich dafür, dass du bei der Ausschreibung den Auftrag für den Neubau des Gerichtsmedizinischen Instituts (Evelyns Arbeitsstätte) bekommst – alles geritzt?

Die Autorin arbeitet inzwischen nicht mehr in Cleveland, sondern in Florida. Wer weiß, wen sie dort aufs Korn nimmt? Falls sie es sich beruflich leisten kann und niemand an ihrem eigenen Stuhl sägt.

|Der Erzählstil|

Sollte nun der Eindruck entstanden sein, der Erzählstil sei ebenfalls von kühlem Realismus angekränkelt, könnte vielleicht (hoffentlich) eine Textprobe vom Gegenteil überzeugen:

[Das Opfer wird lebend in den Fluss geworfen.] „Die Kälte fuhr ihr wie ein Messer durch den Leib. Mit aller Kraft widerstand sie dem fast überwältigenden Drang, nach Luft zu schnappen. Die Ketten über ihren Schultern, fest im Zementeimer verankert, zerrten sie auf den Grund des Flusses. Sie öffnete die Augen und sah nur schwarzes Nichts. Eine kalte, krallende Vorhölle. Ihre Lungen drohten zu platzen. Wasser drang in ihre Nase. Und sie dachte verzweifelt: Ich schaffe es nicht.“ (Man beachte die dramatisch kurzen Sätze, die für ein Drehbuch wie geschaffen sind.)

Das Finale ist dementsprechend höchst spannend, und die Rettung kommt in allerletzter Sekunde. So gehört sich das.

|Die Übersetzung|

Da kann ich eigentlich nicht meckern. Hier wurde saubere Arbeit geleistet. Aber auf den Seiten 149 und 150 fragte ich mich dann doch, warum „Slip“ auf einmal einen weiblichen Artikel (die) haben sollte, wenn in Deutschland alle Frauen „der Slip“ sagen.

Einen eindeutigen Fehler der Autorin findet man auf Seite 165. Was stimmt an folgendem Satz nicht? „Evelyn setzte sich vor den Computer und rief das Suchprogramm auf. Zwar arbeitete der alte Prozessor mit Höchstgeschwindigkeit, doch er rumpelte und knirschte, als wären Nägel in einen Reißwolf geraten.“ Da rollen sich dem PC-Fachman die Zehennägel auf, nicht wahr? Denn nicht der Hauptprozessor rumpelt, sondern die Festplatte (genauer: deren Schreib-/Lesekopf), und das auch nur bei sehr alten Modellen.

_Unterm Strich_

„Mit dem letzten letzten Atemzug“ ist handwerklich gut gemacht, spannend, realistisch und anschaulich erzählt und ragt damit ein wenig über die Massenware an Krimis und Thrillern hinaus.

Mit Evelyn James ist der Autorin eine glaubwürdige Hauptfigur gelungen, die allen alleinerziehenden Frauen sehr vertraut vorkommen dürfte. Hier herrscht kein Heile-Welt-Schema vor – jetzt dürfen auch Frauen mal kaputt, müde, genervt und unorganisiert sein. Dass auch Evelyn in die Schusslinie gerät, liegt in der Natur ihres Ermittlerjobs. Und dass sie von einem Mann gerettet werden muss, tja, wen freut das wohl am meisten?

Als Mann ist mir aber aufgefallen, dass die Figur des David Milaski weniger eingehend geschildert wird und daher blasser und weniger plausibel wirkt. Da muss die Autorin in ihren Charakterisierungen noch ein wenig üben. Nach diesem guten Start wird sie sicher bald das nächste Buch mit Evelyn James in der Hauptrolle verkaufen können.

|Orignaltitel: Trace Evidence, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ingeborg Ebel|

Brust, Steven – Athyra

„Athyra“ ist bereits der sechste Band der Serie um den Hexer und Assassinen Vlad Taltos, der nicht als strahlender Held sondern mit einem blauen Auge die meisten seiner Aufträge hinter sich bringt. Während die ersten fünf Romane alle noch in der großen Stadt Adrilankha spielten, wo Taltos sich mit Menschen und Dragaeranern herumschlagen musste, und in denen er sich durch die Kontrolle eines Stadtteils noch ein wenig Geld nebenher verdiente, ist dies in diesem Roman Vergangenheit.

Vlad Taltos ist auf der Flucht. Er hat sich einmal zu viel mit den Mächtigen der Stadt Adrilankha und des Imperiums angelegt und alles verloren außer dem nackten Leben: seinen Besitz, seine Stellung im Hause Jhereg und seine Gefährtin.
Trotzdem ist er nicht in Depressionen verfallen und hadert mit seinem Schicksal, sondern macht das Beste aus dem, was ihm geblieben ist. Unaufhörlich auf Wanderschaft, gelangt er schließlich in das Herrschaftsgebiet des Barons Kleineklippe. Der Landstrich ist von sturen Bauern bewohnt, die sich nur widerwillig mit der Regentschaft ihres neuen Herrn abfinden können, denn dieser ist ihnen mehr als unheimlich.

Dort lernt Vlad den jungen Savyn kenne, den Lehrburschen des Heilers. Wie viele Jungen in seinem Alter, träumt er von Abenteuern und Reisen, die ihn weg von seinem langweiligen und den Erwachsenen vorbestimmten Alltag führen, auch wenn er es besser hat als die meisten seiner Freunde.
So ist es für Vlad Taltos einfach, Savyns Neugier zu erregen. Er kennt viele spannende Geschichten und verspricht dem Jungen, ihm die Hexerei beizubringen, im Gegenzug für ein paar Informationen, nachdem ein Mann umgebracht wurde, den er zu seinen Bekannten zählte. Und die sind mehr als wichtig, denn ein Verdacht von Vlad wird dadurch bestätigt: Baron Kleineklippe ist kein anderer als Loraan, ein Magier des Hauses Athyra, der mit ihm ein Hühnchen wegen seiner Ermordung zu rupfen hat und nun als Untoter über noch mehr Macht als früher gebietet.

Es wird ernst, als Attentäter Vlad angreifen und schwer verletzen. Nun muss Savyn handeln und all seine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, um ihm zu helfen …

Da Steven Brust die einzelnen Bände seines Zyklus so angelegt hat, dass sie unabhängig voneinander lesbar sind und jeweils ein abgeschlossenes Abenteuer schildern, ist „Athyra“ ist ohne Vorkenntnisse für einen Neuleser verständlich. Wer bereits die anderen Roman kennt, wird aber schnell die versteckten Querverweise zu „Phönix“ (die Gründe für Vlads Flucht aus Adrilankha) und „Taltos“ (die erste sehr kurze Begegnung von Vlad Taltos mit Loraan) wiedererkennen.

Anders als die anderen Romane spielt „Athyra“ nicht im Herzen des dragaeranischen Reiches, sondern in einem verschlafenen Dorf – und was noch auffälliger ist, anstatt die Geschichte aus der Ich-Perspektive seines Helden zu erzählen, betätigt sich Steven Brust diesmal als unabhängiger Erzähler in der dritten Person, was etwas befremdlich wirkt – lernen wir Vlad diesmal doch aus den Augen dritter Personen können und erfahren nicht viel über die Gedanken hinter seinen schnoddrigen Äußerungen. Das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man sich an die früheren Bücher gewöhnt hat, mindert aber nichts an der Spannung der Geschichte.

Der Autor erzählt nicht von strahlenden Helden und epischen Abenteuern, seine Romane lassen sich mit den Krimis der „Schwarzen Serie“ vergleichen. Hier werden die Auswirkungen und Zaubern und Kämpfen nicht beschönigt oder umschrieben, sondern sehr realistisch und schmutzig dargestellt. Vlad Taltos ist ein Zyniker, der meistens erst einmal vom Schlechtesten ausgeht und froh ist, wenn er eine Sache hinter sich gebracht hat, der seine schwarze Seele nicht hinter Masken versteckt und erschreckend ehrlich ist. Im Gegensatz dazu steht der naive und unerfahrene Savyn, der die Lektionen in seinem Leben erst noch lernen muss.

Das macht den besonderen Reiz dieses Romans aus, der zwar keine neue Geschichte, dafür aber aus einem besonderen Blickwinkel erzählt und über lebendige Menschen erzählt, die mehr als nur Archetypen oder oberflächliche Schemen sind, die die Handlung tragen.

Wer jedenfalls ein Faible für düstere, schmutzige Fantasy hat, ohne gleich mit exotischen Waffen durch actionreiche Blutbäder und Metzeleien waten zu wollen, der wird an Steven Brusts Romanen sicher seinen Spaß haben.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Ballard, Robert D. – Geheimnis der Titanic, Das

Die Riege der Unterwasserforschungs- und Wrack-Publikationen des Titanic-Entdeckers Robert D. Ballard wäre alles andere als komplett, wenn ich nicht auch seinen Bestseller und zugleich sein Erstlingswerk unter die Lupe nähme, das ihm seinen heutigen Ruf erst verpasst hat. Das Objekt seiner damaligen Begierde hingegen brauche ich ich wohl nicht näher vorstellen: Die RMS Titanic (RMS steht für „Royal Mail Ship“) manchmal in alten Quellen auch als SS Titanic bezeichnet (für „Steam Ship“, also Dampfschiff). Kaum ein Schiff und die es umwabernden Legenden hat die menschliche Phantasie in Sachen tragischer Unglücke so beflügelt wie diese eine Katastrophe. Mich fasziniert die Geschichte bereits seit meinen frühen Kindertagen. Bis heute ist das Interesse daran ungebrochen – und nicht nur meines.

_Der Autor_
Robert Dwayne Ballard ist eine feste Größe geworden, der besagte Fund hat den Grundstein gelegt für den umtriebigen Doktor der Woodshole Oceanographic Institution. Dabei ist er eigentlich Meeresgeologe, der einst das Terrain der Unterwasserlandschaften kartographierte und erforschte. Zum ruhmreichen Titel des Godfathers unter den heutigen Wrackfindern kam er wie die Jungfrau zum Kind. Seine Tätigkeit für die US-Navy und die Entwicklung damals revolutionärer Tiefsee-Forschungs-U-Boote brachte ihm die Anfrage ein, ob er sich – gesponsort vom amerikanischen Militär und einigen anderen – mit seinem hierfür zweckentfremdeten Equipment statt doofe Steine, sturzlangweilige Felsen und an Ödnis kaum zu übertreffende Unterwassergräben zu erforschen, nicht lieber auf die Suche nach dem berühmten Liner machen wolle. Zuvor war 1983/84 schon der Milliardär Jack Grimm zweimal mit seinen privat finanzierten, medienwirksamen Expeditionen gescheitert, wie Ballard später nicht müde wird hämisch zu sticheln.

Er hat es grade nötig. Ballard ist nicht unumstritten, vor allem die Franzosen werfen ihm vor, sie bei der Titanic-Expedition (die man gemeinsam unternahm, der Ruhm jedoch ging alleine an ihn) herzlichst über den Löffel barbiert zu haben. Zumindest waren sie die ersten, die es wagten, seinem neu erworbenen Hochglanzimage ein paar fiese Dellen zu verpassen. Übersteigerte, mediale Geltungssucht ist das Schlagwort. Wer dieses und seine anderen Bücher mehr oder weniger aufmerksam liest, wird feststellen, dass dies gar nicht so weit hergeholt ist. In der Tat ist Ballard ein tüchtiger und fähiger Wissenschaftler, doch der stetige Erfolg seines gepriesenen Suchsystems ist ihm seit damals irgendwie zu Kopf gestiegen. Und wie das so ist, dreht sich die Spirale seither munter weiter: Mit jedem weiteren Wrack wächst sein Ego näher heran an den schmalen Grat des Größenwahns. Kein Wunder, dass er von vielen einer Kollegen mittlerweile geschnitten wird. Derzeit sucht er übrigens die Arche Noah … Petri Heil.

_Unsinkbar – Das Schiff und seine Geschichten_
Eine Menge Mythen ranken sich um das berühmteste Passagierschiff seiner Zeit, das seine Jungfernfahrt von Liverpool nach New York am 14./15. April 1912 denkbar außerplanmäßig beendete. Die unsanfte Begegnung mit dem Eisberg und die darauf folgende Tragödie ist hinlänglich bekannt. Ihre Berühmtheit hat sich bis heute gehalten, zudem kann der Untergang als sicheres Ende des „vergoldeten Zeitalters“ angesehen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Technikgläubigkeit gerade in England schier grenzenlos. Beinahe täglich neue Erfindungen, die das Leben einfacher und komfortabler gestalteten. Der Mensch im sicheren Glauben, die Natur mit Ingenieurskunst auf ewig besiegen zu können – das musste ja irgendwann schief gehen. Ihre Erbauer haben sich eine Menge pfiffiger und bahnbrechender Details einfallen lassen und doch hat es nicht gereicht, um alle Eventualitäten auszuschließen.

Die Titanic war das ikonische Sinnbild dieser euphorischen Ära: Gebaut nach dem letzten Schrei der Technik, mit viel Wert auf pompösen Luxus – weniger jedoch auf Geschwindigkeit und (wie sich in der schicksalsträchtigen Nacht überdeutlich zeigt) auch weniger sicher respektive „unsinkbar“, als man glaubte. Dieses oft bemühte Adjektiv stammt übrigens aus der Presse seinerzeit, die Reederei widersprach dem Superlativ aus Werbegründen natürlich absichtlich nicht. Im Nachhinein konnten sie mit Fug und Recht behaupten, so etwas nie gesagt zu haben. Der Legendenbildung ist das fehlende Dementi aber vollkommen wurscht. Die Realität hat den Nimbus, dass „nicht mal Gott persönlich dieses Schiff versenken“ könne, zerstört. Quid ad est demonstrandum. Gott war dazu nicht nötig, ein popeliger Eisberg reichte vollkommen. Eine ganze Epoche ging nicht nur metaphorisch mit der Titanic baden und beendete die bedingungslose Technikgläubigkeit.

Eine ganze Latte Falschinformationen und Halbwahrheiten hat sich hartnäckig gehalten; so wird sogar heute noch vielenorts unterstellt, Captain E. J. Smith und der Vertreter der White-Star-Reederei Bruce Ismay wären auf das Blaue Band (die Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung) aus gewesen. Das ist mit Blick auf die vergleichsweise schwachen Triebwerke der Titanic ausgekochter Dummfug. Dazu wäre sie niemals in der Lage gewesen – wenngleich Ismay nachweislich wohl mehr als einmal gedrängt haben soll, etwas mehr Tempo zu machen, um früher als geplant in NY anzukommen. Das kann man nachvollziehen, bedeutete es doch eine gute Werbung im hart umkämpften Markt, wenn der prachtvollste Pott aller Zeiten das Manko, dafür aber eine eine lahme Schnecke zu sein, ein wenig ablegen könnte. Das Blaue Band jedoch war niemals ein Thema oder auch nur annähernd in Gefahr. Das hielt die Cunard Line mit ihren viel stärker motorisierten Schiffen „Mauretania“ und „Lusitania“ jahrzehntelang.

Klassendenken, zu wenige Rettungsboote (kurios, aber mehr als der Gesetzgeber damals forderte), ein zu nördlicher Kurs, ein fataler Denkfehler in der Konstruktion, fehlende Ferngläser im Ausguck, spiegelglatte See, ein Fahrfehler des Ersten Offiziers, ein Schiff, das nicht zur Rettung erschien – die oft strapazierte „unglückliche Verkettung von Ereignissen“-Liste ließe sich fast beliebig fortführen, um diese Tragödie zu erklären, die vor allem in den Reihen der Zweite- und Dritte-Klasse-Passagieren dem Sensenmann eine große Ernte bescherten, ja ganze Familien auslöschte. Geschichten von Heldenmut, Tragödien, „Be British!“-Gedröhn und eine Band, die bis zum allerletzten Vorhang spielte, sind durch Zeugenaussagen überliefert und haben die Zeit überdauert. Der eigentlichen Grund für das rasche Absaufen konnte nie befriedigend geklärt werden.

Die Untersuchungskommission kurz nach dem Desaster konnte kein Licht ins Dunkel bringen oder wollte es zum Teil auch gar nicht. Mochten sich Zeugen auch noch so widersprechen, man ignorierte es. Man hing einem sehr falschen Schadensbild nach, doch man konnte es in diesem speziellen Punkt wirklich nicht besser wissen. Woher auch? Zu guter Letzt beschuldigte man sogar den Kapitän eines offensichtlich in der Nähe befindlichen Schiffes der unterlassenen Hilfeleistung. Beweisen konnte man Captain Lord sein vermeintliches Fehlverhalten nie so recht. Aber man hatte immerhin schon mal einen publikumswirksamen Sündenbock, den man zumindest für einen Teil der Opfer verantwortlich machen konnte. Man beeilte sich seinerzeit auffällig, die Untersuchung zu einem schnellen Abschluss zu bringen, es ging aus wie das Hornberger Schießen.

Heute weiß man mehr. Der Schaden war eigentlich gar nicht so riesig. Kein 90 Meter langer Riss im Rumpf, sondern „nur“ viele kleine. Diese dafür an besonders prekären Stellen. Das reichte, um den Titanen zu Fall zu bringen. Der Rumpf ist entzwei gerissen, dessen Teile stehen 600 Meter voneinander entfernt auf Grund. Ballard rekonstruierte anhand der Fundlage und Schäden den Ablauf des Untergangs zum ersten Mal schlüssig. Eine ausgefeilte Theorie, die aufgrund ihres sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrades weiterhin Gültigkeit hat. Es kommt nach Bergung einiger Stahlproben vom Wrack (durchgeführt Mitte der 90er vom Discovery Channel – ohne Ballard) sogar eine neue Komponente hinzu: Der Werkstoff soll minderwertig und kältespröde sein, dass heißt bei Temperaturen unter 0° C besonders zum Bersten neigen. Ein weiterer Sargnagel für das Ende des Schiffes in jener kalten Nacht mit Wassertemperaturen um -2° C.

Wie man es dreht und wendet, lange Zeit gab die sagenumwobene Titanic massig Stoff für Spekulationen und ungelöste Rätsel her. Je weiter die Zeit voranschritt, desto wilder wurden die Phantasien. Clive Cussler hebt die Titanic in seinem gleichnamigen Roman gar und lässt sie – logischerweise „etwas“ verspätet, aber immerhin – gesteuert von seinem Lieblingshelden Dirk Pitt in New York einlaufen. In seinem Kielwasser hatten Hebe-Hypothesen Konjunktur, das „Wie?!“ reichte hier vom klassischen Ponton bis hin zu äußerst schrägen Lösungen. Die Japaner kamen auf die Idee, das Wrack mit Tischtennisbällen zu füllen und ihm dadurch Auftrieb zu verleihen. Das ist schon mal schräg. Getoppt wird dieser Plan aber davon, das gesamte Schiff mittels flüssigem Stickstoff in einen künstlichen Eisberg zu verwandeln und diesen dann nach dem Auftauchen in einen Hafen zu schleppen. Das ist zwar kreativ, aber schon nicht mehr schräg, sondern höchst skurril. Einen kleinen Schönheitsfehler hat diese ganze Vorschuss-Kreativität allerdings: Zu diesem Zeitpunkt ist das Wrack noch immer verschollen.

Finden wollte man sie seit langem, doch erst nach 77 Jahren wird der zerschmetterte Leib der Königin der Meere am 1.9.1985 aufgespürt – auch Ballard braucht zwei Anläufe, bis er das dunkle Massengrab in fast 4000 Metern Tiefe fast auf den letzen Drücker seiner Expedition ortet. Endlich ein paar greifbare und belastbare Fakten, die aus dem Schlick des Meeresbodens ans Tageslicht gelangen. Man könnte nun annehmen, dass jetzt mit der Gewissheit endlich Ruhe im Gerüchte-Karton herrschen würde. Weit gefehlt. Robin Gardiner und Dan van der Vat gossen zum Beispiel auch lange nach dem Fund noch viel Atlantik-Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker und fabulierten von einem gewaltigen Versicherungsbetrug der Reederei. Statt der Titanic soll ihr Schwesterschiff Olympic vor Neufundland liegen. Absichtlich versenkt. Klar. Man sieht, Unmengen an Publikationen und Ideen. Manches gut recherchiert, anderes purer Humbug.

Mit der Totenruhe des Wracks ist es seit Ballards erstem Besuch Essig. Unvorsichtigerweise posaunte er gleich nach dem Fund die tatsächliche Sinkposition gegenüber einem seiner Sponsoren aus, was diese nicht für sich behielten. Dank moderner Technik hat sich das Wrack seitdem zu einem ziemlichen Touri-Magneten entwickelt – sofern man die Kohle dafür hat. Telly Savallas moderierte eine Fernsehshow von dort aus und James Cameron tauchte hinab, um an authentisches Filmmaterial für seinen verkitschten Streifen zu kommen. (Die Untergangssequenz stützt sich aber zu hundert Prozent auf Ballards Theorie, was ihn alleine deswegen sehenswert macht.) Russen sowie die Franzosen haben sich auch schon mehrfach dort unten getummelt; obwohl die Wissenschaft gerne vorgeschoben wurde, nicht immer zum Besten der alten Lady. Die Schatzjäger haben Teile gehoben und durch schiere Unachtsamkeit vermeidbare Schäden verursacht. Die oft postulierten Schätze hat man trotzdem nie gefunden.

Dabei haben sie sich den Zorn der internationalen Gemeinschaft zugezogen, die der Meinung ist, dass die Grabschänderei ein Ende haben muss. Hier muss man Ballard zugute halten, dass er von Anfang an gegen eine kommerzielle Ausschlachtung des Schiffes war. Denn um nichts anderes handelt es sich. Mal abgesehen davon, dass solche Plünderungen auch immer gefährlicher werden. So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Wrack begünstigt durch den starken Rostbefall unter seinem Eigengewicht zusammenbrechen wird. Schätzungen zufolge verwandelt sich die bis jetzt noch halbwegs ansehnliche Bugsektion in einigen Jahren in einen unförmigen Trümmerhaufen. Der Zerfallsprozess hat ein fortgeschrittenes Stadium erreicht. Das infolge einer Implosion beim Untergang schon arg gebeutelte (und dadurch wesentlich schlechter erhaltene) Heck gleicht jetzt bereits einem Schlachtfeld aus verdrehtem, rostigem Metall.

Noch reckt die Titanic stolz und trotzig ihren steilen Bug aus dem Schlamm, in welchem sie in aufrechter Lage ihre vorletzte Ruhe gefunden hat. Ein gespenstisches Bild. Irgendwann wird sie auch den allerletzten Kampf verlieren: den gegen die omnipräsente Korrosion. Die Natur lässt sich nicht nur nicht besiegen, sie fordert unerbittlich auch alles wieder zurück, was man ihr entnommen hat. In diesem Fall vielleicht sogar mit einem ironischen, siegessicheren Lächeln. Der Kreis hat sich dann geschlossen, und nur noch ein riesiger Rostfleck in der ewigen Dunkelheit der Tiefsee wird zurückbleiben. Doch solange es eine Geschichtsschreibung gibt, existiert die gefallene Titanin in den Köpfen weiter und wird immer wieder zu ihrer schicksalsträchtigen Jungfernfahrt aufbrechen, von der es keine Wiederkehr gibt – als sinnbildliche Mahnung gegen menschliche Überheblichkeit und überkommenes Klassendenken.

_Das Buch_
Selbstverständlich rekapituliert ein solches Werk die Vorgänge von der Kiellegung über markante Wegmarken in ihrem recht kurzen Leben bis hin zum Untergang. Bis man allerdings bis zum fraglichen Teil des Fundes vorstößt, dauert es eine Weile und man muss Ballards Schwadroniererei hinsichtlich der Vorbereitung der Expedition und seines von ihm entwickelten Suchsystems über sich ergehen lassen. Inklusive einer ganzen Reihe technischer Defekte und der ersten fehlgeschlagenen Expedition unter seinem Kommando. Der Leser wird dröge in die hohe Kunst des „Rasenmähens“ eingeführt, ein guter Vergleich, wie ich finde. Hierbei wird der Meeresgrund tatsächlich streifenweise mit Sonar abgegrast. Ausgebrachte Transponder erlauben eine exakte Positionierung des eigenen Schiffes innerhalb dieses Sonar-Netzwerks, zusätzlich vertraut man auf GPS. Das hätte man aber getrost kürzen können und/oder stattdessen dem Wrack mehr Aufmerksamkeit widmen können. 252 Seiten sind für eine so umfangreiche Thematik, allein zur Titanic selbst, knapp bemessen.

Zugute halten muss man Ballard, dass diese ersten Suchfahrten zwar das Wrack zutage brachten, jedoch aufgrund widriger Umstände eine ausgiebige Begutachtung nicht zuließen. Erst 1989 kehrte er mit besserem Equipment noch einmal zurück und konnte zusätzliche Untersuchungen durchführen. Drucklegung der Erstveröffentlichung war aber schon 1987, also gut zwei Jahre nach dem spektakulären Fund und Auswertung der bisherigen Ergebnisse. Spätere Auflagen wurden mit den neueren Erkenntnissen bereichert und aktualisiert. Viel war das nicht, fügte aber weitere Puzzlesteinchen ins Bild, über die man vorher nur spekulieren konnte, die nun aber beweisbar wurden. Legendär ist Ballards Ausflug mit dem Tauchroboter „Jason“ in den großen Ballsaal, der erstmals faszinierende Einblicke ins Innere des Wracks gewährte. Vorher waren ihm nur Außenaufnahmen möglich gewesen.

Das Buch ist reichhaltig bebildert und lebt zum Teil alleine davon. Dies ist Ballards erste (und bis heute andauernde) Zusammenarbeit mit Illustrator Ken Marschall. Ein Glücksgriff. Niemand sonst versteht es, Wrack-Panoramen so akribisch-detailreich und stimmungsvoll mit dem Airbrush auf Leinwand zu bannen. Und das nur anhand von Beschreibungen und Bildausschnitten, denn man darf nicht vergessen, dass die Sichtweite des Lichtkegels in dieser Tiefe mit dem damaligen Equipment nur rund 15 Meter betrug. Zwei ausklappbare Panoramabilder zeigen seine eindrucksvolle Arbeit und auf den Rückseiten die Schnittzeichnung bzw. den Originalaufriss des Schiffes und eine Fotomontage des Ist-Zustandes aus der Draufsicht. Neben Marschalls zahlreichen Illustrationen sicher ein Highlight der Publikation. Der Text beinhaltet eine Menge interessanter Informationen und zeitgenössischer Darstellungen, hat aber einen leicht hochnäsigen und selbstdarstellerischen Unterton.

_Fazit_
Sieht man von der typisch Ballardschen Selbstbeweihräucherung mal ab, ist dies ein lohnenswertes Buch für alle, die sich für das berühmte Schiff und insbesondere das Wrack interessieren. Ballards Stil ist gewöhnungsbedürftig, das ändert sich mit erst mit späteren Projekten, bei denen er Rick Archbold als Redakteur, historischen Berater und Co-Autor stärker einbindet. Dieses Werk hier ist noch ziemlich Ballard pur, ohne Archbolds Feinschliff, mit allen seinen schon damals erkennbaren Schrullen – wenngleich der Vorfall mit den düpierten Franzosen immerhin Erwähnung findet und teilweise von ihm entschuldigt wird. Das muss man anerkennen, obwohl es sich aus seiner Feder naturgegeben anders darstellt. Bleibt zu erwähnen, dass die wertigere Hardcover-Ausgabe wegen der größeren Bilder vorzuziehen ist – beide Versionen sind mittlerweile out of print, jedoch sowohl als Hardcover als auch Taschenbuch immer noch recht problemlos erhältlich. Ein Dauerbrenner, wie das Thema an sich und Pflichtlektüre für Freunde („Fans“ erscheint mir in diesem Zusammenhang doch etwas pietätlos) der alten Lady.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Discovery Of The Titanic“
Ersterscheinung: 1987 – Madison Publishing Inc. / NY
Deutsche Ersterscheinung: 1987 – Ullstein / Berlin
Übersetzung: Ralf Friese und Jutta Wannenmacher
Zugrundeliegende Version: Hardcover / 7. Auflage 1993
Derzeit letzte Drucklegung: November 2000
Seiten: 252 / durchgängig bebildert + 2 ausklappbare Panoramen
ISBN: 3-550-07653-3 (HC) – out of print
ISBN: 3-548-23280-9 (TB) – out of print

Woodall, Clive – Vogelherz

_Kampf um Vogelland_

Das Böse ist lautlos und kommt scheinbar aus dem Nichts. Es ist schwarz, verschlagen und schattengleich: Es sind Elstern, treue Diener ihres Führers Slyekin, der ganz Vogelland mit Tod und Verderben überziehen lässt. Die Singvögel sind fast vollständig ausgerottet, die Elstern beherrschen den Himmel über den Menschenstädten. Sie haben unter anderem dem Rotkehlchen Kirrick alles genommen, was es auf der Welt liebte. Doch es nimmt den aussichtslos erscheinenden Kampf auf, Vogelland vor dem völligen Untergang zu bewahren. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der aus West-Irland stammende Autor Clive Woodall ist allein erziehender Vater und arbeitet als Supermarktangestellter irgendwo in der englischen Grafschaft Hertfordshire. „Vogelherz“ begann als Geschichte, die er abends seinen Söhnen erzählte. Zahlreiche englischen Verlage lehnten das Manuskript ab, bevor es zufällig in die Hände des Produzenten Frank Roddam gelangte. Der war so begeistert, dass er für „Vogelherz“ einen eigenen Verlag gründete und noch vor Erscheinen des Romans die Filmrechte in einem Millionen-Deal an Disney verkaufte. „Vogelherz“ erscheint in 20 Ländern. Der Autor arbeitet vorerst immer noch im Supermarkt, aber nur noch halbtags.

_Handlung_

Das Rotkehlchen Kirrick versteckt sich in einem Gebüsch und beobachtet wachsam den Himmel. Die Jäger sind ihm bereits dicht auf den Fersen: zwei Elstern, die mit ihrem schwarzen Schnabel tödliche Hiebe ausführen können. Von einem kleinen zarten Rotkehlchen würden sie nichts übrig lassen.

Kirrick ist, soweit er weiß, das letzte Rotkehlchen in ganz Vogelland. Seine Familie wurde von den Elstern ebenso ermordet wie fast alle anderen Singvögel. Die Elstern breiten sich und ihre finstere Macht immer mehr aus, spannen alle anderen Rabenvögel für ihre Zwecke ein, bis auch Amseln, Drosseln und selbst die verbreiteten Spatzen vertrieben oder ermordet sind. Den Menschen ist das gleichgültig, vielmehr sind Vögel für sie nur lästige Räuber, die ihnen das Saatgut aus der Ackerscholle stehlen.

Da Kirrick nichts mehr zu verlieren hat, beschließt er mit dem Mut der Verzweiflung, etwas gegen das Töten zu unternehmen. Sobald er den beiden Elstern um Haaresbreite entkommen ist, trifft er eine nette Haubentaucherin, die ihm vom Großen Rat der Vögel erzählt und ihm sagt, wo der Ratsälteste zu finden ist. Dieser weisen Eule namens Tomar klagt er sein Leid und kann ihn zum Verbündeten gewinnen.

|Die Mission|

Tomar schickt ihn auf eine scheinbar unmöglich zu erfüllende Mission. Auf drei schier endlosen Reisen muss Kirrick die Unterstützung der Falken, der Milane, der Adler des Nordens und der Seemöwen der Steilküste gewinnen. Doch wider Erwarten gewinnt Kirrick nicht nur deren Unterstützung, sondern auch die Liebe eines Rotkehlchenweibchens namens Portia, das ebenfalls schon dachte, das letzte Rotkehlchen auf der ganzen Welt zu sein.

|Die Jäger|

Dass die beiden ausgesandten Jäger nicht Kirrick, sondern ein Karnickel getötet haben, merkt aber ihr Hauptmann Traska nur zu schnell. Er lässt die beiden Unfähigen kurzerhand liquidieren. Alles andere hätte seine Autorität untergraben. Allerdings muss er sich nun selbst zum Rapport bei seinem Oberbefehlshaber begeben. Slyekin ist seinem Ziel, ganz Vogelland zu beherrschen, ein großes Stück nähergekommen. Er hat alle Elsternstämme unter sich vereint und die anderen Rabenvögel zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Singvögel sind praktisch ausgerottet, und während sich die Falken und Milane heraushalten, leisten nur die Adler des Nordens Widerstand. Aber das kann Slykin im Grunde schnuppe sein, denn die Adler sind viel zu wenige, um zu zählen.

Worauf es Slyekin wirklich ankommt, ist der Ältestenrat von Vogelland. Durch List, Tücke und brutale Gewalt lässt er ein Mitglied nach dem anderen entführen und in sein Hauptquartier schaffen. Sie sollen ihm alle am Tag des großen Festes, wenn er sich zum König von Vogelland krönen lässt, seine Zehen küssen!

Traska putzt er erst gehörig herunter, dann schickt er ihn auf zwei Geheimmissionen: 1) Kirrick muss gefunden und getötet werden, und 2) soll Traska den Ratsältesten Tomar festnehmen und herschaffen. Denn Slyekin war einst selbst ein Adept des Rates und kennt alle seine Geheimnisse. Wie wunderbar, dass er schon bald an den früheren hochnäsigen Lehrmeistern seine Rache vollziehen kann!

|Wunder dringend gesucht|

Während Traska von der armen Haubentaucherin, die Kirrick half, kaum etwas übrig lässt und eine andere Elster brutal vergewaltigt, um Kirricks Spur folgen zu können, scheint eben dieses Rotkehlchen an der Aufgabe, die Tomar ihm gestellt hat, zu scheitern: Die Falken und Milane wollen nichts von ihm wissen, und die Möwen stehen nur auf Fische.

_Mein Eindruck_

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Meine Inhaltsangabe betrifft also gerade mal das erste Drittel der ersten Hälfte des Buches. Der erste Teil ist wirklich ein fetziger Thriller, der es mit „Unten am Fluss“ von Richard Adams locker aufnehmen kann. Die Story folgt einem klassischen Muster und strebt einem geschickt vorbereiteten Finale zu: der Schlacht um Vogelland. Man kann sie sich wie die „Schlacht der Fünf Armeen“ in Tolkiens „Hobbit“ vorstellen. Hier enden aber schon die Parallelen, denn Bilbo Beutlin ist mit einer ganzen Schar Gefährten unterwegs, doch Kirrick, der Held, hat nur Portia und ein paar Ratgeber – das war’s.

|Zweiter Teil|

Der zweite Teil des Buch bildet die Fortsetzung, die sich in zwei oder sogar drei Handlungsstränge gabelt. Als Traska seinerzeit eine unschuldige Elster vergewaltigte, zeugte er einen Sohn, den seine Mutter zu ihrer Rache benutzte: Venga (von „revenge“, Rache). Während Traska eine zweite Schreckensherrschaft errichtet, sucht Venga nach ihm. Unterdessen versuchen Portia und ein Gefährte im Land jenseits des Meeres nach Vögeln, die das von allen Singvögeln leer gefegte Vogelland wieder besuchen und besiedeln sollen. Was aus Kirrick geworden ist, soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

|Englische Tierabenteuer|

Der erste Teil hat mir ausnehmend gut gefallen, denn Tierabenteuer können die naturverbundenen Engländer ausgezeichnet erzählen, sei es nun Richard Adams, Garry Kilworth – oder eben ein Supermarktverkäufer. Wie der Autor ausgerechnet auf Elstern als die neuen Nazis gekommen ist, bleibt sein Geheimnis, aber wenn man sich in unserer Natur ein wenig umschaut, ist auffällig, dass vor allem Krähen und Elstern unterwegs sind, darüber schwebt dann vielleicht noch ein Mäusebussard. Elstern sind im Unterschied zu Krähen ziemlich vorwitzige Vögel, die auch nicht vor einem Besuch im Vorgarten zurückschrecken. Die „diebische Elster“ ist nicht umsonst eine stehende Redewendung. Dass das Gehirn von Vögeln viel leistungsfähiger ist als man bisher annahm, hat sich erst vor kurzem herausgestellt.

|Der letzte Mohikaner|

Dass ein Einzelner gegen den Tyrannen antritt, ist ja nun nicht gerade die allerneueste Geschichte. Aber dass dieser letzte Mohikaner auf die Unterstützung von Bundesgenossen hoffen kann, ist offenbar keineswegs selbstverständlich. (Hier könnte man müßige politische Parallelen ziehen, aber das überlasse ich kompetenteren Leuten, die spekulieren wollen.)

„One for sorrow, two for joy“, heißt der Originaltitel. Um wirklich Auftrieb zu erhalten, ist die Liebe erforderlich. Portia ist Kirrick anfangs nur eine hilfreiche Gefährtin, doch daraus wird durch die gemeinsam überstandenen Gefahren mehr. Sie wird seine Frau und später Mutter von Kirricks Kindern, die nach seinem Tod den Kampf um Vogelland fortführt.

|Design|

Die duale Einheit aus Frau und Mann, aus Kämpfer und Gefährte wird im Buch-Design wiederholt und bekräftigt. Auf dem Cover und dem eingelegten Lesezeichen sind auf der Vorderseite jeweils ein schwarzer Flügel und auf der Rückseite ein weißer Flügel abgebildet – das erinnert an die Farben der Elster. Auf der Umschlagrückseite sind die zwei Flügel zusammengesetzt zu sehen: Erst jetzt kann das Paar einen Vogel durch die Luft tragen. Mich erinnert dieses Schwarzweiß-Design an das chinesische Yin-Yang-Symbol, das unter anderem auch die Einheit des Männlichen und Weiblichen symbolisiert.

|Schwächen|

Dass das Buchmanuskript von allen Verlagen abgelehnt wurde, liegt höchstwahrscheinlich an den ein oder zwei Vergewaltigungsszenen. So etwas möchte man den Kids offenbar nicht zumuten. Diese Haltung befindet sich im Widerspruch zur englischen Realität, in der auch junge Mädchen (und Jungs) zu Opfer von Vergewaltigung und Schlimmerem werden. Allerdings kann man sich solche brutalen Akte in einem Harry-Potter-Roman nicht vorstellen. Deshalb gehen die Verlage lieber auf Nummer Sicher, um sich den Erfolg nicht zu verbauen. Ob der familienbewusste Filmkonzern Disney eine Vergewaltigung im geplanten Filmprojekt zu zeigen wagt, möchte ich doch stark bezweifeln.

Zur Übersetzung brauche ich nicht viel zu sagen, denn sie schlichtweg makellos. Über den einen oder anderen Druckfehler kann man getrost hinwegsehen.

_Unterm Strich_

Das Tierabenteuer „Vogelherz“ eignet sich meiner Meinung nach erst ab 15 Jahren, denn all die Grausamkeiten, die hier von den brutalen Elstern begangen werden, würde ich nie einem jüngeren Kind zumuten wollen. Aber Kinder ab diesem Alter dürften sich vor allem auf die spannenden Abenteuer Kirricks und seiner Gefährtin Portia konzentrieren und sich damit bestens unterhalten fühlen. Der zweite Teil fällt ein wenig dagegen ab und ist mit seiner komplizierteren Struktur etwas anspruchsvoller. Aber ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, indem ich das Buch las. Es ist halt immer schön, wenn Tyrannen verlieren und untergehen – gerade dann, wenn sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht wähnen. Sauron und Gandalf lassen schön grüßen.

|Originaltitel: One for sorrow, two for joy, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Anja Schünemann|

Gary Braver – Das Elixier

Das geschieht:

1980 spürte Biochemiker Dr. Christopher Bacon im Dschungel von Papua-Neuguinea heilsamen Pilzen nach, Weil er dabei seinem einheimischen Begleiter, dem Schamanen Iwati, das Leben rettete, weihte ihn dieser in das Geheimnis der Tabukari-Pflanze ein, die dem Menschen Unsterblichkeit schenkt; er selbst sei auch schon 130 Jahre alt, eröffnete Iwati damals dem staunenden Freund.

Sechs Jahre später tüftelt Bacon immer noch an einer Version des Wundermittels, das er „Tabulon“ nennen möchte. Inzwischen werden seine Labormäuse steinalt. Bacon würde gern selbst die eigene Medizin versuchen, gäbe es nicht hässliche Nebenwirkungen gäbe: So manche Maus holt plötzlich die Zeit ein, die sie dank Tabulon betrügen konnte. Das Ende ist ebenso spektakulär wie tödlich, was Bacon klugerweise zur Zurückhaltung mahnt. Allerdings muss er erfahren, dass ihn sein alter Freund und Mitforscher Dexter Quinn, den er als einzigen ins Vertrauen zog, schnöde hinterging: Quinn hat sich heimlich Tabulon injiziert. Die Wirkung entsprach tatsächlich dem Sturz in den Jungbrunnen, bis es ihm eines Tages ergeht wie besagten Mäusen. Gary Braver – Das Elixier weiterlesen

Astin, Sean / Layden, Joe – There and back again

Der Darsteller des Samweis Gamdschie in Peter Jacksons modernem Filmklassiker „Der Herr der Ringe“ erzählt von seinen Erlebnissen und Gedanken vor, während und nach den Dreharbeiten, für die er rund zwei Jahre in Neuseeland verbrachte.

_Der Autor_

Sean Astin, geboren Anfang der 70er Jahre, stand schon mit acht Jahren vor der Kamera eines TV-Studios in Hollywood und spielte eine Rolle neben seiner Mutter. Auch sein Vater John Astin ist ein (in den USA) bekannter Schauspieler. Aufgrund dieses Hintergrunds gewöhnte sich Sean schon früh und ganz selbstverständlich an den Besuch von zahlreichen Filmgrößen in seinem Elternhaus. Daher war es für ihn keine Frage, dass er bald ebenfalls im Geschäft sein würde und fing alsbald an, zu fotografieren oder einen Amateurfilm zu drehen. Los Angeles und Hollywood boten das richtige Klima dafür.

Dabei blieb es nicht, denn – egal, ob aus Ehrgeiz oder wegen familiären Gruppendrucks – er spielte nicht nur Rollen als Schauspieler (als Kinderstar in „Die Goonies“, ein Spielberg-Film!), sondern arbeitete an Drehbüchern (Warren Beatty) mit und begann, seine eigene Produktionsfirma Lava Films aufzubauen. Für den Film „Rudy“ erhielt er sogar eine OSCAR-Nominierung. Und er fragte sich, warum er für die Rolle des Sam Gamdschie nicht auch eine bekommen sollte – oder gar die begehrte Trophäe selbst? Astin ist mit Christine verheiratet und hat zwei süße Töchter, Alexandra (Ali) und Elizabeth.

Diesen Background sollte man beachten, wenn man seine Biografie liest. Denn genau das ist das Buch und nicht etwa ein weiteres Making-of von „Der Herr der Ringe“.

Joe Layden, laut Verlag ein „preisgekrönter Journalist“, hat über 30 Bücher verfasst, u. a. „The Rock Says“ (gemeinsam mit dem Wrestler und Schauspieler Dwayne ‚The Rock‘ Johnson), das angeblich fünf Monate lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“ stand.

_Inhalt_

Am Anfang hofft der Leser noch, dass der Autor schnell zur Sache kommen wird: nämlich auf seine Mitarbeit an „Herr der Ringe“. Falsch gedacht. Wenige Seiten später sieht man sich schon tief in die biografischen Details verwickelt, die der Autor chronologisch ausbreitet. Dann hofft man, dass dieser „Exkurs“ in die Biografie bald vorüber sein möge – vergebliche Hoffnung. Dieser Exkurs dauert etwa 70 Seiten, bis erstmals das H-Wort fällt: „Herr der Ringe“. Peinlich: Astin hatte noch nie etwas davon gehört, geschweige denn eine Zeile davon gelesen. Selbst den „Kleinen Hobbit“ verwechselt er mit etwas anderem. Aber Hauptsache, seine Agentin glaubt, dass er für Jacksons Mammutprojekt Feuer und Flamme ist.

Erst um die Seite 120 herum, also nach dem ersten Drittel, geht das HdR-Projekt einigermaßen los. Astin hat zweimaliges Vorsprechen hinter sich, doch weil er so rank und schlank ist, zweifelt Jackson, ob Astin einen dicken Sam spielen könne. Flugs werden einige Archivaufnahmen eines übergewichtigen Sean Astin hervorgekramt und mit flehendem Brief nach Neuseeland geschickt. Es klappt, und Astin kriegt einen ellenlangen Vertrag, der ihn zu hundertprozentiger Anwesenheit für 18 Monate verpflichtet – dieser Film sollte besser wirklich gut werden, sonst kann er seine Karriere abschreiben. Danach folgen seltsame Drehbücher mit dem ulkigen Titel „Jamboree“. Auch dies dient der Geheimhaltung des Projekts und dem Schutz des geistigen Eigentums von |New Line Cinema|. Astin entsagt allem gewerkschaftlichen Schutz, der in L. A. die Projekte so unglaublich verteuert – sonst hätte das HdR-Projekt das Dreifache gekostet.

Neuseeland – Astin kommt mit Frau Christine und Tochter Ali an und wird erstmal in sein bescheidenes Quartier gesteckt. Auch die Studios sind nicht sonderlich glamourös: eine ehemalige Farbfabrik im Industrieviertel von Wellington. Von Containern können die Darsteller bald in Wohnwagen umziehen, immerhin. Viel wichtiger sind aber die Leute, mit denen Astin zusammenkommt, allen voran Peter Jackson und den beiden Drehbuchautorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens. Am besten kommt Astin mit Elijah Wood zurecht, den er schon L. A. beim Perückenmacher getroffen hatte. Die enge Frendschaft kommt auch im Film „Die Rückkehr des Königs“ gut zur Geltung.

Schon bald hat Astin aber ein massives Problem: Er ist unterbeschäftigt. Und das, obwohl er schon morgens um 4:30 Uhr aufstehen muss, um sich dann drei Stunden lang Ohren und Füße anpassen zu lassen. Und das, während seine Produktionsfirma brach liegt und die Hypotheken für sein neu gekauftes Haus fällig werden. Dieser Zwiespalt zwischen unterfordertem Schauspieler und nicht realisiertem Regisseur/Produzenten zieht sich durch das gesamte mittlere Drittel des Buches – eine unangenehme Quelle des Frustes für Astin wie auch für den Leser, der etwas anderes erwartet hat.

Das letzte Drittel befasst sich in erster Linie mit den Folgen des Films und seines anschließenden Megaerfolgs auf Astin, seine Umgebung und die (Medien-)Welt im Allgemeinen. Astin nennt auch nicht so angenehme Folgen, wie etwa die massive Beschneidung seiner Privatsphäre überall dort, wo er hinkommt. Wer aber erwartet hat, dass er auch sagt, wie viel der dritte Film eingenommen hat, sieht sich enttäuscht. Auch das ist geheim, Leute. Aber man kann sich an fünf Fingern ausrechnen, dass New Line Cinema für jeden Dollar, den es in das Projekt gesteckt hat, mindestens zehn Dollar wieder herausbekommen hat – wahrscheinlich sogar viel mehr, wenn man die DVDs dazurechnet. Von seiner Prämie, so rutscht es Astin einmal in einer Talkshow heraus, könnte er sich ein weiteres Haus kaufen …

Das Buch wurde im Frühjahr 2004 abgeschlossen, das heißt, dass die DVD sowie die Special Extended DVD zum dritten Film noch in die Video-Läden kommen mussten. Aber die Oscar-Nacht am 29. Februar 2004, in der „Die Rückkehr des Königs“ elf Trophäen abräumte – u. a. für das beste „Ensemble“ -, wird noch ausgiebig berücksichtigt. Astin selbst ging leer aus, aber hey, das ist ein Ensemble-Film, nicht wahr? Das sieht er auch so.

_Die Fotos_

… sind vielleicht das Beste am ganzen Buch. Auf acht Seiten findet der Leser hier eine ganze Menge Vierfarbfotos von den Dreharbeiten. Natürlich ist meist der Autor mit seiner Familie zu sehen, aber oft auch die anderen Hobbits und einmal sogar Ian McKellen im Tattoo-Studio, über das sich Astin des Langen und Breiten auslässt.

_Mein Eindruck_

„There and back again“ – der Titel ist dem Untertitel von Tolkiens Kinderbuch „Der Hobbit“ entnommen und assoziiert dementsprechend ein Bild von einem Hobbit, der sich aufmacht, einen Auftrag auszuführen (Bilbo als Meisterdieb, Astin als Darsteller des Samweis), aber alsbald in abenteuerliche Turbulenzen gerät und froh sein kann, wieder lebendig nach Hause zu gelangen. Wenn man dem Autor glauben will, so hatte er wirklich eine harte Zeit bei den Kiwis. Böse Zungen wären allerdings froh, wenn er dort am Rande der Welt geblieben wäre.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Einerseits-andererseits-Eindruck.

Einerseits wird schnell deutlich, dass Astin ein Profi im Geschäft ist, der sich gegen die Konkurrenz ständig durchsetzen muss. Am Set der Dreharbeiten darf er jedoch nur Schauspieler sein, sonst nichts. Immerhin verhilft ihm sein Background dazu, die Dreharbeiten um einiges kritischer zu betrachten und realistischer zu beurteilen, als es die von |New Line Cinema| lizenzierte Literatur bislang zugelassen hat. Die Bücher von Jude Fisher, Brian Sibley und selbst jenes lustige von Andy „Gollum“ Serkis sind allesamt durch die Zensur des Studios gegangen und entsprechend euphorisch über das Produkt und seine Entstehung.

Astins Buch bedeutet das Ende der Schonzeit und räumt mit manchen euphemistisch dargestellten Details auf. So etwa war der Aufenthalt bei den Kiwis zwar schon auch anregend, aber keineswegs die Sensation, sondern vielmehr auch eine Plackerei – und eine gefährliche obendrein. Der Autor setzt mit Fug und Recht voraus, dass der Leser, also ein Fan des Films, eh schon die Dokumentationen auf den drei Special Extended Editions der DVDs kennt. Von daher ist bekannt, dass Astin ein vorsichtiger Zeitgenosse ist, der sich der Gefahren, die am Set lauern, bewusst ist. Oft als überängstliches Dickerchen belächelt, wurde er jedoch selbst Opfer eines Arbeitsunfalls.

Als Sam am Schluss des ersten Films Frodo in den See am Wasserfall folgt, passierte es Astin beim ersten Take, dass er in eine Scherbe oder einen Ast trat (er weiß bis heute nicht, was das war), dieses Ding seinen Fuß mitsamt Prothese durchbohrte und er wie ein Schwein blutete. Ein Heli brachte ihn ins Krankenhaus. Elijah Wood passierte hingegen nie etwas, obwohl er offenbar der Übermütigste von allen Darstellern war.

Breiten Raum nehmen Astins Beschreibungen der wichtigsten Darsteller sowie des Regisseurs ein. Das ist vielleicht mit der interessanteste Teil, denn auch hier werden dem Leser einige Illusionen über den guten Charakter verschiedener Schauspieler genommen. Darunter sind durchaus Berühmtheiten wie etwa Ian Holm, der andere Ian, nämlich McKellen, John „Sallah“ Rhys-Davies, Bernard Hill, Viggo Mortensen usw. Der Einzige, der überhaupt nicht erwähnt wird, ist Hugo Weaving, obwohl Elrond ja die Ratssitzung leitet, die den Dreh- und Angelpunkt des ersten Films bildet. Dafür schildert Astin genau die großen Probleme, die Jackson & Co. bei dieser Szene bewältigen mussten.

Die Bemerkungen dazu verraten einen Mann vom Fach, der Ahnung von so etwas hat, und sich durchaus eine Beurteilung von Jacksons Arbeit daran erlauben kann. Diese Freiheit hat sich zuvor niemand herausgenommen. Astins Kurzfilm „The Long and the Short of It“ dient als Beleg für seine Fähigkeiten: Jackson, Kameramann Lesnie, Serkis wirkten daran mit – keine schlechte Referenz.

|Andererseits|

Leider gibt es eine ganze Menge „andererseits“-Punkte, und ich weiß kaum, wo anfangen. Astin mag zwar ein Profi sein, aber das Bild, das er vor uns – vielleicht in selbstironischer Absicht – von sich entstehen lässt, ist das des Gegenteils. Astin zeigt sich dermaßen als rühmsüchtiger, aber verunsicherter und allzuoft mit psychologischer Blindheit geschlagener Underdog, der unbedingt nach oben will, dass man häufig nur den Kopf schütteln kann.

Ich habe mich am Schluss gewundert, dass Astin so viele Fehler zugibt, mit denen er Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen hat. Und dazu zählt nicht nur so mancher Kollege (der ihm gleich Bescheid gestoßen hat), sondern auch seine eigene Frau und sogar „die Hand, die ihn gefüttert hat“, nämlich Peter Jackson. Wie er das gemacht hat, werde ich nicht aufzählen – die Liste ist schier endlos. Aber er hat sich immer entschuldigt, was man ihm hoch anrechnen muss. Und am Ende einer monatelangen Promotion-Tour durch amerikanische TV-Sender kann einem schon mal eine Bemerkung rausrutschen, für die man sich später, wieder halbwegs bei Bewusstsein, gewaltig in den Hintern treten würde. Hat er dann ja auch getan.

Was aber für den Leser unverzeihlich ist, ist erstens die ständige Lobhudelei, die er für andere Kollegen vom Fach äußert, sei es Spielberg, sei es Jackson, seien es liebe Schauspielkollegen wie Dominic „Merry“ Monaghan oder Billy „Pippin“ Boyd. Astin wirft mit so vielen Superlativen um sich, dass diese Münze schon bald ihres Glanzes beraubt ist: unglaublich, enorm, absolut, fabelhaft und ähnliche Hülsen lassen den Autor schon bald unglaubwürdig klingen.

Und zweitens wirkt dieses Austeilen von Lob so, als habe er es nötig und erniedrige sich dafür. Die anbetende Demutshaltung wird nirgends so deutlich wie beim Besuch von Sir Edmund Hillary, dem Erstbesteiger des Mount Everest und einem würdigen Ritter des Königlichen Hosenbandordens (dem weltweit nur 20 Personen angehören dürfen, plus der Queen natürlich). Die DVD-Doku dazu spricht Bände, deshalb brauche ich das hier nicht zu vertiefen. Hier ist die Verehrung vielleicht angebracht, doch der Ton macht die Musik, und der ist definitiv nicht angebracht. So manches Mal wünschte ich mir, ein souveräner Autor mit 20 Jahren mehr Lebenserfahrung hätte als Erzähler fungiert.

Im ersten Drittel habe ich mich regelrecht aufs Kreuz gelegt gefühlt. Es ist zwar legitim, dass ein Schauspieler von seiner bisherigen Laufbahn erzählt, aber nicht so hinterrücks, als habe er es nötig, seine Ego einzuschmuggeln, wenn der Leser doch gespannt auf die heißen Gerüchte und Storys vom Dreh des Megafilms „Herr der Ringe“ wartet. Ich habe frustriert die meisten Seiten überschlagen, bis ich endlich auf das ersehnte Stichwort stieß. Auch dann dauert es noch eine Weile, bis es endlich losgeht in Neuseeland. Es ist schon ein Kreuz. Aussagekräftige Kapitelüberschriften wären eine große Hilfe gewesen. Doch es wird einfach durchgezählt, von eins bis 19 plus einem Epilog.

_Die Übersetzung_

Meine Zweifel an der Qualität der Übersetzung begannen bereits auf Seite 9 zu keimen, als die Rede von einem Vietnam-Veteranen ist, der von „Südwestasien“ erzählt. Wo, bitte schön, soll denn „Südwestasien“ liegen? Gemeint ist natürlich SüdOSTasien, und das passt dann auch zu Vietnam.

Auf den Seiten 94 und 95 soll Sam für die Rolle eines Hobbits einen Akzent aus Merry Old England erlernen – nicht ganz einfach für jemanden, der immer nur Westküstenamerikanisch gesprochen hat. Für mich als Sprachwissenschaftler stellte sich die Frage: Erlernt Astin einen Akzent oder einen Dialekt? Für Nichtlinguisten grenzt die Frage wahrscheinlich an Haarspalterei, aber für Linguisten besteht doch ein Unterschied zwischen Kategorien. Jedenfalls werden diese Kategorien nicht ganz sauber gehandhabt. Ich will das aber nicht weiter vertiefen, sonst müsste ich hier eine Abhandlung schreiben.

Echt schräg fand ich hingegen die Vorstellung, das Landei Sam Gamdschie solle einen Dialekt sprechen, der aus der Großstadt London kommt und nur in der Arbeiterklasse gesprochen wird: Cockney. Gottseidank wurde dieser Plan fallen gelassen. Nun spricht Sam Englisch aus der ländlichen Grafschaft Gloucestershire – sehr passend.

„Edgar Allan Poe“ wurde natürlich falsch geschrieben: Allen statt Allan (S.140). Dieser Fehler ist weit verbreitet, weil man den Mittelnamen für einen Vor- statt einen Nachnamen hält. Etwas erstaunlicher ist schon die Schreibweise der weltbekannten Kostümbildnerin des „Herrn der Ringe“-Projekts: Sie soll auf einmal Ngila „Dixon“ statt „Dickson“ heißen (S. 148). Die rumänische Landschaft „Wallachei“ (S.181) hat ihren Namen nicht von einem kastrierten Hengst, so viel sollte klar sein.

Dass auch die Korrektoren nach 200 Seiten schlapp machten, scheint mir dieser Satz auf Seite 207 zu belegen: „Das war stand nie außer Frage.“ Ein ähnlicher Fall findet sich auf Seite 224: „…, und im Endeffekt sie wurde verworfen.“

Dass man zwischen Komponisten und Composern (S. 217) den Unterschied wissen und kenntlich machen sollte, ist eigentlich selbstverständlich, aber die Übersetzung schmeißt sie auf Seite 217 durcheinander. Da werden Composer zu Komponisten gemacht, und der Leser fragt sich, was Cutter mit Komponisten gemein haben. (Composer arbeiten am digitalen Bild, so etwa bei CGI und Animationen.)

Wahrscheinlich wollte ich danach nur noch die Ziellinie erreichen, denn ich habe keine weiteren Bugs mehr vermerkt. Die Liste ist ja eh schon lang genug, oder?

_Unterm Strich_

Das Buch eignet sich ausschließlich für Fans der drei „Herr der Ringe“-Filme und vielleicht des Regisseurs und des Autors. Sie erfahren mehr über die genannten Dinge und Personen sowie etliche Details, die über die Kollegen Astins so konzentriert noch nicht verlautbart wurden, sondern allenfalls verstreut in Internetforen, TV-Sendungen, Dokus, Interviews und Magazinartikeln zu finden waren.

Auf geschwätzige und lobhudelnde Weise lässt sich Astin vor allem ständig über sich selbst aus, statt sich auf seine Umgebung zu konzentrieren und dahinter zurückzutreten. So aber betrachten wir alles durch seinen Blickwinkel, seine Brille, und fragen uns, ob das die Wahrheit ist. Und es ist nicht einmal eine interessante Art von Wahrheit (die vielleicht nur eine Chimäre ist), sondern eine bis zum letzten Tropfen ausgepresste Art von Wirklichkeit aus subjektiven Erlebnissen. „An Actor’s Tale“ fürwahr! Ein Garn, von dem gut und gerne ein Drittel verzichtbar ist.

Das Buch selbst bietet kein Stichwortverzeichnis, keine Inhaltsangabe (da die Kapitel keine Überschriften tragen), nicht einmal einen Teil der Besetzungsliste und des Mitarbeiterstabs an dem HdR-Projekt. (Dann wäre man vielleicht darauf gekommen, dass es keine „Ngila Dixon“ gibt, sondern nur eine „Ngila Dickson“.) Ein Trostpflaster bildet der achtseitige Fototeil in der Mitte des Buches, der wirklich schöne und persönliche Aufnahmen zeigt: einen dünnen Sean Astin und einen Elijah Wood mit Brille. Aber wieso weist das Treppenhaus von Barrie Osborne, dem Produzenten, eine Feuerwehrstange auf?

|Originaltitel: There and back again – An Actor’s Tale, 2004, St. Martin’s Press, New York City|
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anne Litvin|

Isau, Ralf – geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz, Die (Die Legenden von Phantásien)

Eine von Karl Konrad Koreanders herausragendsten Eigenschaften ist seine Liebe zu Büchern. Eine weitere ist die Tatsache, dass er sich selbst so gut wie gar nichts zutraut und deshalb möglichst vermeidet, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Außerdem neigt er dazu, unbequeme Fragen zu stellen, was allerdings weniger auf Mut als auf Unbedachtheit zurückzuführen ist.
Dem Antiquar Thaddäus Tillmann Trutz jedoch scheinen die Fragen des jungen Mannes zu gefallen. Und auch seine Antworten. Er bietet ihm eine Stelle in seinem Laden an mit der Option, sein Nachfolger zu werden. Koreanders kühnste Träume scheinen wahr zu werden. Doch dann ist der alte Mann plötzlich verschwunden! Und die Generalvollmacht für den Laden ist nicht unterschrieben. Formaljuristisch ein wertloser Fetzen Papier, wie ihm Trutzens Notar versichtert. Doch Herr Trutz war ein sehr kautziger alter Mann, und dementsprechend sieht auch das Testament aus. Koreander macht sich auf Empfehlung des Notars auf die Suche nach Herrn Trutz.
Das Antiquariat des Herrn Trutz stellt sich als überraschend weitläufig heraus, und die Bücher als äußerst ungewöhnlich. Als Koreander dann auf ein kleines Männlein trifft, das aussieht wie ein Bleistift und ihm erklärt, Herr Trutz sei in einer Welt namens Phantásien verschollen und außerdem die Bücherei bedroht durch ein geheimnisvolles Nichts, ist er überzeugt zu träumen. Nur deshalb lässt er sich überreden, selbst nach Phantásien zu gehen. Dort angekommen, gerät seine Überzeugung zu träumen schon bald ins Wanken …

Aufgrund dieser Angaben könnte man jetzt einen billigen Abklatsch der „Unendlichen Geschichte“ erwarten. Ist es aber nicht.
Die Intention der Legenden von Phantásien war es nicht, „Die unendliche Geschichte“ fortzusetzen, sondern eigene Geschichten mit eigenen Ideen zu verfassen und damit das Land Phantásien jedes Mal ein wenig bunter, lebendiger und vielfältiger zu machen. Wichtige Figuren aus der „Unendlichen Geschichte“ dürfen deshalb höchstens am Rande vorkommen. Ralf Isau hat sich vorbildlich an diese Vorgaben gehalten. Außer seinem Helden Koreander, der in der „Unendlichen Geschichte“ nur eine kleine Randfigur ist, kommen in seinem Buch nur noch der Gmork und Xayide vor, Letztere nicht einmal in Person, sondern nur als Abbild.

Isaus Koreander ist ein recht liebenswerter Held mit dem Herz auf dem rechten Fleck, ein wenig unschuldig und noch weit weniger bärbeißig als zu Beginn der „Unendlichen Geschichte“. Seine schlechte Meinung von sich selbst hindert ihn nicht daran, dem verschollenen Herrn Trutz nachzueilen, und sei es zunächst auch nur wegen der fehlenden Unterschrift. Gleich sein erster Schritt nach Phantásien führt ihn in ein Abenteuer, und obwohl er nur ungern Entscheidungen trifft, heißt das nicht, dass er es nicht kann, wenn es drauf ankommt! Noch eine ganze Weile hat er mit seinem eigenen Unglauben zu kämpfen, man könnte es auch Realitätssinn nennen, und doch verändert er sich ganz allmählich. Wie Herr Trutz so treffend feststellte: Phantásien verändert jeden. Angenehmerweise hat der Autor seinen Helden aber keinen strahlenden Übermenschen werden lassen, sondern ist im Rahmen der Glaubwürdigkeit geblieben.

Abgesehen davon hat Ralf Isau Phantásien um ein paar wirklich bemerkenswerte Ideen bereichert, so zum Beispiel das Haus der Erwartungen mit der Hexe Hallúzina, oder die Wolkenstadt mit dem König Kummulus und seiner Imaginárien-Sammlung, oder die beiden steinernen Hände Lux und Nox; mal verspielte, mal philosophisch angehauchte Stationen auf dem Weg zur Lösung des Rätsels um das Nichts.
Auf Atréjus Frage, was das Nichts denn nun sei, ließ Michael Ende den Gmork antworten, das Nichts sei die Weigerung der Menschen, an die Existenz Phantásiens zu glauben, die Tatsache, dass sie sich nur noch um die Realtität, nicht mehr um ihre Träume und Wünsche kümmerten. Bei Ralf Isau ist das Nichts gleichgesetzt mit dem Verschwinden von Büchern aus der Phantásischen Bibliothek und im Weitergedachten mit dem Diebstahl und Wegsperren von Ideen und Gedanken, was durchaus eine weitgehende Entsprechung zu Michael Endes Aussage bedeutet. Nur ist es in diesem Fall nicht damit getan, ein Menschenkind nach Phantásien zu bringen, das der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Hier müssen auch die Bücher gerettet werden. Die Bedrohung ist also nicht unbedingt in der Masse der Menschen zu suchen, die sich für Phantásien nicht mehr interessieren, sondern eher in einigen wenigen, die diktieren wollen, was die Masse denn zu denken hat. Nicht umsonst ist Isaus Geschichte in den Enddreißigern des 20. Jahrhunderts angesiedelt!

„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erzählt also sozusagen die Vorgeschichte zur „Unendlichen Geschichte“, was durchaus gut gemacht ist. In vielen kleinen Einzelheiten knüpft der Autor an den Vorgänger an, so in seiner Beschreibung des alten Karl Koreander in der Spiegelwabe und in seiner Angewohnheit, „ach du liebes Bisschen“ zu sagen, in Koreanders Schwert, in der Funktionsweise des Aufzugs im dunklen Elfenbeinturm und darin, etwas durch Namensgebung zu bewirken, und nicht zuletzt in der Beschreibung des roten Buches mit dem Auryn auf dem Buchdeckel. Er erreicht dadurch, dass die Geschichte einerseits eigenständig, andererseits aber auch in den großen Kontext eingebunden ist, und der Leser hat bei der Lektüre unwillkürlich den Eindruck, als hätte er beim Puzzlen ein weiteres Teil gefunden, das wirklich genau passt.
Oder fast genau. Denn ein paar kleine Logikfehler sind doch hängen geblieben, der Teufel steckt eben meist im Detail!

Nach der „Unendlichen Geschichte“ ist zum Beispiel die Bezeichnung goldäugige Gebieterin ein Titel der Kindlichen Kaiserin, kein Name. Nach Isau hat Herr Trutz der Kindlichen Kaiserin diesen Titel als Namen gegeben, was auch deshalb nicht stimmen kann, weil die Kindliche Kaiserin von Koreander einen neuen Namen braucht, und den braucht sie immer dann, wenn der vorige in Vergessenheit geraten ist.
Auch fragte ich mich, woher Herr Trutz all seine vergessenen Erinnerungen zurückbekommen hat. Laut Michael Ende kann ein Menschenkind seine vergessenen Erinnerungen nur durch das Wasser des Lebens zurückerhalten. Herr Trutz dagegen musste nur die Spiegelwabe im Haus der Erwartungen betreten.
Im Hinblick auf die Gesamtheit des Buches seien diese kleinen Schnitzer aber gern verziehen.

Die Prämisse für die Legenden von Phantásien, nämlich eine gute Geschichte zu erzählen und gleichzeitig der Welt Michael Endes weitere fantasievolle Wesen, Orte und Dinge hinzuzufügen, hat dieser Band in jedem Fall erfüllt, und, indem er nicht völlig losgelöst von Bastians Geschichte dasteht, sondern sich behutsam daran angebunden hat, sogar noch ein bisschen mehr. Auch das Layout des Buches – Design, Leseband – ist schön und liebevoll gemacht, allerdings ist der Einband nicht abwischbar. Penible Leser waschen sich also die Finger und nehmen zusätzlich vor dem Lesen den Schutzumschlag ab!
„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ ist ein gelungener Einstieg in die Legenden von Phantásien, der selbst Skeptiker überzeugen dürfte. An weiteren Bänden in dieser Reihe sind bisher erschienen: „Der König der Narren“, „Die Seele der Nacht“, „Die Verschwörung der Engel“, „Die Stadt der vergessenen Träume“ und „Die Herrin der Wörter“.

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing, weil er seiner damals neunjährigen Tochter ein Buch versprochen hatte. Letztlich wurde die Geschichte aber so uferlos, dass er eine neue, kürzere begann, fertig schrieb und selbst band. Diese erschien 1994 unter dem Titel „Der Drache Gertrud“ als Bilderbuch, und ein Jahr später auch die uferlose Geschichte unter dem Titel „Die Träume des Jonathan Jabbok“ – die Neschan-Trilogie. Seither hat Isau noch weitere Jugend- und inzwischen auch Erwachsenenbücher geschrieben, darunter „Der Leuchtturm in der Wüste“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Der Herr der Unruhe“.

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19642-7

http://www.droemer-knaur.de/home
http://www.isau.de/index.html

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