Straub, Peter – Haus der blinden Fenster

_Break on through to the other side_*

Ein Serienmörder versetzt die Jugendlichen der Kleinstadt Millhaven in Angst und Schrecken. Den 15-jährigen Mark Underhill, der gerade seine Mutter verloren hat, jedoch beschäftigt etwas ganz anderes: Er ist besessen von dem verfallen aussehenden und verlassenen Haus, das an die Rückseite seines eigenen Hausgrundstücks grenzt, getrennt nur durch eine hohe Mauer. Er meinte, hinter den schmutzigen Fensternscheiben ein Mädchen gesehen zu haben, und sein Freund Jimbo hat darin angeblich einen dicken Mann mit silbernen Augen gesehen. Eines Nachts brechen sie zusammen in das Gebäude ein und machen eine grausige Entdeckung.

* Meine Überschrift zitiert den Titel eines Songs von |The Doors|, ca. 1967/68.

_Der Autor_

Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von zehn Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.

Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei |Heyne| erschienen:

Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen / Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht / [Hellfire-Club]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1110 (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
[Schattenstimmen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3090
[Esswood House]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1603

Die Storysammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ sind ebenfalls sehr zu empfehlen.

_Handlung_

Als der Schriftsteller Tim Underhill, den wir schon von Straubs Romanen „Koko“ und „Der Schlund“ sowie aus diversen Erzählungen kennen, einen Anruf von seinem Bruder Philip bekommt, fliegt er sofort nach Millhaven, das irgendwo im Hinterland von Chicago in Wisconsin liegen muss. Philips Frau ist gestorben, heißt es, und die Beerdigung ist schon am nächsten Tag. Doch Philip ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, ein richtiges Arschloch: der stellvertretende Schuldirektor der Quincy-Schule. Und so braucht Tim eine Weile, bis er herausbekommt, dass Nancy sich umgebracht hat. Ebenfalls eine Tatsache, die Philip auf die Palme bringt, weil er sie als Verrat an sich empfindet. Wie sich sein Sohn Mark dabei fühlt, ist ihm völlig schnuppe. Er ist ein ausgemachter Idiot.

Dafür wendet sich nun Tims Interesse umso stärker Mark zu, dem fünfzehnjährigen Halbwüchsigen, der ihm schon ein paar witzige E-Mails schickt hat. Er war es, der seine Mutter tot in der Badewanne gefunden hat – ein schreckliches Ereignis, das ihn aber zunächst nicht aus der Bahn zu werfen scheint. Er hängt mit seinem besten Freund Jim herum und fährt mit ihm Skateboard. Dass in Millhaven ein Serienmörder umgeht, der es auf Jungen zwischen 14 und 16 abgesehen hat, scheint ihn nicht sehr zu berühren. Es herrscht eben Ausgangssperre ab 22:00 Uhr, na und?

Kaum ist Tim Underhill nach der Beerdigung wieder abgeflogen – er hat Mark nach New York City eingeladen -, da erhält er nach einer Woche schon wieder einen Anruf von Philip. Mark wird vermisst. In den Verhören, denen er Marks engsten Freund Jimbo unterzieht, stellt sich heraus, dass Mark von einem bestimmten Haus in der Nachbarschaft geradezu besessen war. Das ist seltsam, denn er und Jim hatten dieses Haus nie zuvor bei ihrem Skaten bemerkt, dabei befindet es sich direkt hinter Marks eigenem.

Die Fenster sind schmutzig, die Veranda verfallen, die Fassade ist angekokelt, als habe es gebrannt. Aber der Rasen ist gemäht, was dem verlassenen Eindruck widerspricht. Bei ihren Erkundungsmissionen erspähen Mark und Jimbo erst einen großen Mann in schwarzem Mantel, dann ein Mädchen. Mark hält es nicht aus und bricht kurzerhand ein. In einem Versteck findet er ein Fotoalbum, das den Cousin seiner Mutter in jungen Jahren zeigt: Damals war Joseph Kalendar noch nicht der Serienkiller, der seine Frau, seine Tochter Lily und unzählige junge Frauen umbrachte, bevor man ihn 1980 schnappte. 1985 wurde er von einem Mithäftling getötet. Und dreimal darf man fragen, wo Kalendar, Marks Großonkel, seine Opfer tötete und quälte – genau in diesem Haus.

Als Tim Underhill mit Hilfe der Polizei und eines befreundeten Hackers nach Joseph Kalendar und Mark Underhill sucht, stößt er nicht nur auf eine lange verborgen gehaltene Unterwelt, die das wohlanständige Millhaven Lügen straft, sondern auch auf den Serienkiller, der gerade jetzt das Städtchen in Furcht und Schrecken versetzt.

_Mein Eindruck_

Zuerst dachte ich, dass Peter Straub schon wieder eine seiner ältesten Geschichten auf neue Weise erzählt. In „Der Talisman“ und „Das schwarze Haus“ muss ein Junge, der später nochmals das Gleiche durchmacht, durch ein Haus, das als Pforte dient, in die schreckliche Anderswelt reisen, um seine Mutter – oder andere Lieben – zu retten. Diese Anderswelt wird von schrecklichen Mächten beherrscht, die alles unternehmen, um den Erfolg dieser Mission zu vereiteln.

„Haus der blinden Fenster“ ist im Ansatz so ähnlich, aber zunächst keineswegs Fantasy, sondern purer Thriller, mit Anklängen an Horror. Der Kern, um den sich alles dreht, ist natürlich das titelgebende Haus, in dem nicht nur die finsteren Geheimnisse der Vergangenheit versteckt sind, sondern in dem sich auch eine Pforte in eine andere Dimension öffnet. Mark entdeckt die Geheimnisse nicht nur seiner eigenen Familie – dass nämlich seine Mutter eine Kalendar war und der Massenmörder ihr Cousin, vor dem sie Mark beschützen wollte -, sondern auch die finstere Unterwelt seiner Heimat Millhaven, quasi ihre Nachtseite. Das Symbol dafür ist der „Schattenmann“.

|Ein CSI-Thriller|

Da gab es einen Psychopathen, den man als solchen in seiner Straße kannte. Der alte Homosexuelle Omar Hillyard kann Tim Underhill dazu eine packende Story erzählen. Und da gibt es – makabre Wiederholung der Ereignisse – jetzt schon wieder einen Psychotiker, nur dass dieser nicht Frauen, sondern Jungs verfolgt und brutal ermordet. Hat sich der Unbekannte etwa Joseph Kalendar zum Vorbild erkoren? Folgt man Tim Underhills privaten Ermittlungen, so wird daraus ein richtig guter Thriller. Leider werden seine Bemühungen a) durch den bornierten Philip abgeschmettert und b) durch die unfähige Polizei ignoriert (außer dann, als Underhill handfeste Beweise liefert). Die ach so braven Bürger Millhavens scheinen unfähig, sich gegen eine Bedrohung aus ihrer Mitte zur Wehr zu setzen.

|Ein Akte-X-Thriller|

Auch Tims Neffe Mark ist quasi ein Privatschnüffler, allerdings befindet er sich in einer Akte-X-Handlung statt in der von „CSI“. Der Tod seiner Mutter und ein Aha-Erlebnis haben ihn besessen gemacht, das Geheimnis des verfallenen Hauses herauszufinden. Es ist, wie er entdeckt, nicht nur der Ort gewesen, wo Menschen gefoltert und gefangen gehalten wurden, sie wurden auch beobachtet – die Wände sind doppelt gezogen und von Geheimtreppen und -türen durchzogen. Kalendar war offenbar auch ein fähiger Schreiner.

|Lost boy meets lost girl|

Der eigentliche Grund für Marks Besuche in Haus Nr. 3323 ist allerdings – wen wundert’s? – ein Mädchen, vielmehr eine junge Frau von 19 Jahren, die sich Lucy Cleveland nennt. Früher war sie vielleicht mal Lily Kalendar, die kleine Tochter von Joseph, die einmal vor ihm geflohen war, aber dann wieder eingefangen wurde. Sie nennt den anderen Bewohner des Hauses den „Schattenmann“, und vor ihm will sie Mark retten. Der Haken bei der Sache ist jedoch, dass Lucy in einer anderen Dimension lebt. Jimbo beispielsweise kann Lucy nicht sehen, Mark hingegen schon. Um mit ihr zusammensein zu können, muss Mark die hiesige Dimension verlassen – eine schwierige Entscheidung zunächst, aber sobald er sich verliebt hat, nicht mehr.

Haben wir also wieder mal eine andere alte Story von Mister Straub zu ertragen – boy meets girl? Teils ja, teils nein. Denn Lucy Cleveland ist wieder einmal eine jener geisterhaften jungen Frauen, die Straub in „Das geheimnisvolle Mädchen“, „Julia“, „Die fremde Frau“ und „Wenn du wüsstest“ porträtiert hat, also vor langer Zeit (siehe die Daten auf Straubs Website peterstraub.net). Doch die Kommunikation mit unserer Dimension ist inzwischen viel einfacher geworden, schließlich gibt es das Internet. Das hebt diesen Handlungsstrang in die Sphäre des Cyberspace, den William Gibson schon 1983 bekannt gemacht hat (er wurde von einem anderen Autor erfunden). Deshalb ist das Auftauchen einer Website namens lostboylostgirl.org absolut folgerichtig. Tim Underhill wird im Stil der Zeit getröstet.

|Fallstricke: der Erzählstil|

Womit die meisten Leser ein Problem haben dürften, ist der extravagante Erzählstil des Autors. Der hat nun mal Philosophie studiert und kennt die großen Literaten aus dem Effeff, daher fällt es ihm leicht, eine Geschichte etwas anders und weitaus anspruchsvoller als seine Kollegen von der Paperback-Horror-Fraktion zu gestalten. Mit scheint, die Geschichte, die keineswegs linear erzählt wird, hat die Struktur einer Spirale.

Damit folgt sie nicht dem Pfeil der Zeit, der nur in eine Richtung zeigt, sondern der Arbeitsweise der Erinnerung, die sich oft in Kreisen strukturiert. Wenn die Kreisbewegung nicht an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern darüber hinausweist, ergibt sich eine Spirale. Das hat mehrere Konsequenzen. Die gleichen Ereignisse werden von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise betrachtet und folglich anders beleuchtet und gedeutet. Ob sich daraus andere Aktionen ergeben, ist noch dahingestellt. Aber für den Leser ist es etwas verwirrend und nervig, häufig von den gleichen Geschehnissen lesen zu müssen. Es ist ein doppelter Erkenntnisprozess: der von Mark, der zuerst das Haus und die Grenze erkundet, und dann von Tim, der ihm auf seinen Spuren folgt. Leider bedeutet dies, dass ständig die Perspektive wechselt: Mark, Tim und Jimbo. Geübte Leser kommen aber damit zurecht, schätze ich.

Und an einer Stelle wissen wir genau, was hinter der Badezimmertür auf Mark wartet, werden aber kurz davor abgehalten, weiterzugehen. Das baut Spannung auf. Als Mark dann durch die Tür tritt und seine tote Mutter findet, ist dies schon fast nicht mehr so schlimm – für uns, nicht für ihn. Eine weitere Manipulation der normalen Zeit-Wahrnehmung tritt ein, als Tim eine E-Mail erhält, die zwei Tage nach Marks Verschwinden abgeschickt wurde. Und durch Fernzugriff – eine zusätzliche Aufhebung der räumlichen Distanz – kann Tim in seinem Mail-Postfach feststellen, was Mark geschickt hat.

Die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit ist das Merkmal eines geübten und kunstfertigen Schriftstellers. Dennoch schreibt er seine Story in absolut einfachen und allgemein verständlichen Worten, so dass keiner über sprachliche Probleme klagen kann. Die Probleme tauchen erst auf, wenn man versucht, das Erzählte richtig einzusortieren, denn das Gehirn will unbedingt alles in eine chronologische Reihenfolge bringen. Dieser Versuch ist wegen der begrenzten Merkfähigkeit des Gehirns zum Scheitern verurteilt, es sei denn, man macht sich Notizen und bringt diese in entsprechende Ordnung. Eine Hilfe sind immerhin die datierten Tagebucheinträge Underhills.

|Der rote Himmel|

Der Himmel über der Dimension der Anderswelt, in der Lucy Cleveland lebt, ist nicht blau, sondern rot. Dass dies so sein muss, wusste Tims Vater oder einer von dessen Saufkumpanen ganz genau. Tim erscheint es daher nur plausibel, dass Mark das seinem Freund so erzählt hat. „Red skies over paradise“ – so hieß ein Song der Popgruppe |Fischer-Z|. Es ist auch der Titel des vierten Teils von „Haus der blinden Fenster“. Zufall oder Notwendigkeit?

Der Leser fragt sich am Schluss, als der Garten des unheimlichen Hauses umgegraben wird: Ist Mark wirklich tot oder in eine andere Dimension gewechselt? Diese Frage will sich Tim, will sich Marks Vater nicht stellen. Und letzten Endes erweist sie sich als unwichtig. Folglich wird sie auch nicht beantwortet. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen.

_Unterm Strich_

„Haus der blinden Fenster“ ist sowohl ein Roman für Jungs von fünfzehn, die erwachsen werden (wollen bzw. sollen) als auch für Erwachsene. Obwohl die Sprache, in der die Story erzählt wird, einfach genug ist, hat jeder Leser so seine Probleme, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Die Erzählstruktur folgen den Ereignissen nicht chronologisch, sondern hebt, wie in der Erinnerung, die Grenzen von Raum und Zeit auf. Doch keine Angst: Straub ist noch meilenweit von James Joyce entfernt (was nicht heißen soll, dass Straub nicht dazu fähig wäre, einen zweiten „Ulysses“ zu schreiben – aber wer wollte das schon tun?).

Diesmal rettet der jugendliche Held nicht seine Mutter – dafür ist es bereits zu spät. Er rettet sich selbst vor dem „Schattenmann“ und wohl auch ein Mädchen, das unter diesem Finsterling zu leiden hatte. So entkommt – je nach Lesart – der jugendliche Held der Nachtseite jener Stadt Millhaven. Die Stadt sollte ihm eigentlich in ihrer Wohlanständigkeit Schutz und Unterstützung bieten, hat aber letzten Endes nur zwei Serienkiller hervorgebracht, die wie Wölfe unter Schafen wüteten. Der Durchbruch in die andere Dimension – ist das die Flucht in ein Paradies des Cyberspace, der Virtualität? Bedeutet dies Eskapismus oder Hoffnung für unsere Generation und unsere Kinder? Die Antworten sind im Buch versteckt, man muss sie – jeder für sich – selbst finden. Sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Das unterscheidet einen Künstler wie Straub von den Groschenheftautoren.

|Originaltitel: Lost boy lost girl, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade|

Kilpatrick, Nancy – Todessehnsucht

Kathy wird von allen nur Zero genannt, denn sie ist nichts und sie hat nichts. Drogensüchtig und pleite, verkauft sie ihren Körper, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Für einen Schuss H würde sie alles tun – auch töten, wie sich herausstellen soll. So wird sie von einem anonymen Auftraggeber von New York nach Manchester geschickt, um dort einen vermeintlichen Vampir zu vernichten. Doch high wie sie ist, muss ihr kläglicher Versuch scheitern und sie gelangt in die Fänge des Blut saugenden Untoten.

Aber halt, würde der Blut saugende Untote das einzig Logische tun und Zero aussaugen oder ihr das Genick brechen oder ihr auf andere meisterliche Art das Lebenslicht auspusten, so hätte er sich und dem Leser viele Unannehmlichkeiten erspart. Doch David, so heißt der Vampir, ist ein Gentleman alter Schule: ein Dichter und Romantiker, der es nicht übers Herz bringt, seine Opfer zu töten und sich stattdessen in die Abgeschiedenheit seines englischen Landsitzes zurückgezogen hat – woher kommt einem das nur bekannt vor?

David also schnappt sich Zero, fesselt sie ans Bett und wartet erst einmal ihren kalten Entzug ab. Sodann machen sich die beiden auf nach Amerika, um herauszufinden, wer eigentlich hinter dem Attentat auf David steckt. Als sie New York erreichen, passiert, was der Leser schon seit Seite zehn befürchtet: David und Zero verlieben sich unsterblich ineinander; natürlich ohne wirklich etwas voneinander zu wissen oder je ein tiefgründiges Gespräch geführt zu haben. Das steht heißen Sexszenen selbstverständlich nicht im Wege und so springen die beiden bevorzugt miteinander ins Bett, während David hochdramatisch Byron deklamiert.

200 Seiten später sind David und Zero immer noch dem ursprünglichen Attentäter auf der Spur, haben sowohl Amerika als auch Kanada durchquert, den ersten Streit ihrer Beziehung hinter sich und es fertig gebracht, David per Sonnenlicht schwer anzukokeln. Des Rätsels Lösung kann nach etlichen abstrusen Wendungen der Handlung auch nur überraschen, wenn man noch nie einen Kriminalroman gelesen hat. Und so mag es kaum überraschen, dass sich das Ende des Romans in Friede, Freude, Eierkuchen auflöst und David und Zero gemeinsam in den sprichwörtlichen Sonnenuntergang reiten – rhetorisch gesehen, versteht sich.

Nancy Kilpatricks „Todessehnsucht“ erschien in Amerika erstmals 1994 und ist Teil einer mehrbändigen Reihe von lose verbundenen Geschichten um eine Gruppe von Vampiren (engl. Titel „The Power of the Blood Series“). Kilpatrick versucht, leider erfolglos, eine Milieustudie (die drogenabhängige Zero, das abgerissene Hotel, in dem sie in New York wohnen) mit ein paar Vampiren und einem guten Schuss Sex zu kombinieren. Eine solche Mischung könnte durchaus funktionieren, wäre sie rein stilistisch und erzählerisch mit einiger Meisterschaft zu Papier gebracht. Doch Kilpatrick bedient so ungefähr jedes Klischee, das ihr in den Weg kommt und hält ihre Geschichte damit in so vorhersehbaren Bahnen, dass beim Leser kaum Spannung aufkommen mag.

Da wäre zunächst ihr Vampir David, offensichtlich die zentrale Figur für die angestrebte weibliche Leserschaft. Natürlich war er mal Aristokrat, sieht vermutlich gut aus (doch hält sich Kilpatrick in der Regel nicht lange mit Äußerlichkeiten auf) und ist von so romantischem Gemüt, dass dem durchschnittlichen postmodernen Leser ganz schwarz vor Augen wird. Als ultimativen Beweis für seine sentimentale Grundhaltung und seine literarische Bildung lässt Kilpatrick ihn zu den unmöglichsten Momenten Lord Byron zitieren. Dies führt zwangsläufig zu Abnutzungserscheinungen, ganz abgesehen davon, dass Byron nicht der einzige romantische Dichter ist, der das Zitieren lohnt. Doch David besitzt scheinbar nur diesen einen Band Poesie …

Besser als gar nichts, denn Zero dagegen ist eine drogenvernebelte Schlampe ohne jegliche Bildung (bei ihr also nicht mal Byron), die sogar erfragen muss, was oder wo Montréal ist. Für einen Großteil der Handlung drehen sich ihre Gedanken um Heroin, danach obsessiert sie bevorzugt über David. Auf welcher Grundlage die beiden nun eigentlich zusammenfinden, lässt Kilpatrick stillschweigend offen und so bleibt ihre Liebesbeziehung oberflächlich und wenig überzeugend.

Überhaupt die Liebe. Gerade in diesen Szenen läuft Kilpatrick zu pathetischer Hochform auf und der Schwulstfaktor steigt in unerträgliche Höhen. Doch spätestens wenn David seiner Zero per Brief mitteilen lässt, „Kathy, süße Kathy, unschuldiges Kind, leidenschaftliche Frau, Wesen von azurnem Feuer, blauer Diamant mit unzähligen Facetten“, dann ist die Geduld des Lesers einfach erschöpft. Da ist es doch gut, dass David nur Gedichte von Byron zitiert anstatt eigener Poesie. Man wagt gar nicht daran zu denken, was in dem Fall rausgekommen wäre.

Abgesehen von den stilistischen Schwächen, kann aber auch der Plot selbst kaum überzeugen. Er ist abwechselnd zu durchsichtig oder zu abwegig. Natürlich, wenn man einem Kind eben noch sagt, dass ihm nichts passieren wird, dann ist es nur logisch, dass es auf der nächsten Seite prompt entführt wird. Solche erzählerischen Zaunpfähle sorgen nicht gerade dafür, dass man von der Handlung positiv überrascht wird. Viel zu unmotiviert erscheint auch das Ende. Zwar ist der Roman Teil einer Serie, doch ist es nicht nötig, für den Showdown ein ganzes Dutzend neuer Vampire einzuführen, die keine andere Funktion haben, als die Vampirarmee des Bösewichts mathematisch aufzuwiegen. All diese Charaktere bleiben schablonenhaft und austauschbar und Kilpatrick hätte sie am besten ganz weggelassen.

Die Rückseite des Romans bewirbt „Todessehnsucht“ als „gewagten Erotik-Horror“. Gewagt ist höchstens die unterdurchschnittlich schlechte Prosa. Horror wird der Liebhaber kaum finden und die Erotik ist wohl nur was für die wirklich seicht Veranlagten. Wer gern gefühlsduselig im Schwulst schwimmt, der mag bei Nancy Kilpatrick fündig werden. Für alle anderen gilt: Lieber ein anderes Buch zur Hand nehmen!

O’Hanlon, Redmond – Ins Innere von Borneo

Natürlich ist ein Urlaub der etwas extremeren Art heutzutage auch für den Herausgeber der „Literarischen Beilage“ (Ressort Naturgeschichte) einer so ehrwürdigen Zeitung wie der britischen „Times“ nichts Außergewöhnliches mehr. Dennoch stellt sich der Leser dieses Reiseberichtes bald die Frage, wieso die Wahl Redmond O’Hanlons ausgerechnet auf den Dschungel der Insel Borneo fiel. So genau geht er selbst auf diesen Punkt nicht ein, aber wenn man zwischen den Zeilen nach einem Motiv sucht, wird es wohl dasselbe ein, das sein ehrgeiziger Landsmann George Mallory einst vor seiner letzten Reise zum Mount Everest so in Worte fasste: Weil er da ist.

Zur Everest-Expedition von 1924 gibt es noch eine bemerkenswerte Parallele: Mit Redmond O’Hanlon und seinem Freund und Begleiter, dem Lyriker (!) James Fenton, begeben sich zwei Männer auf große Fahrt, die man mit Fug und Recht (sie würden es selbst sogleich zugeben) auch als Gewinner eines Wettstreits der inkompetentesten Reisenden dieser Welt bezeichnen könnte. Dabei ist auch das Borneo des 20. Jahrhunderts (O’Hanlon & Fenton unternahmen ihren Ausflug bereits 1984) kein ungefährliches Pflaster; nur die Medikamente sind inzwischen besser geworden, was zu preisen unsere Reisenden mehr als eine Gelegenheit finden werden.

Nicht dass der Bücherwurm und der Dichtersmann völlig ahnungslos im Land des Orang-Utans gelandet wären. Sie betreten es sogar mit recht dezidierten Vorstellungen, die man wiederum als romantische Selbstmord-Phantasien umschreiben könnte: Was O’Hanlon über Borneo zu wissen glaubt, entnahm er großzügig den Reiseberichten seiner Vorgänger. Zwar dunkel ahnend, dass in den vielen Jahrzehnten, die seither verstrichen, sich einiges geändert haben könnte, freut er sich dennoch auf und fürchtet sich vor einer feuchtheißen Tropenhölle, die von blutrünstig-primitiven Kopfjägern und tückisch-faszinierendem Fabelgetier bevölkert wird.

Darauf will er lieber vorbereitet sein, trainiert mit den britischen Ledernacken und reist später wie jeder europäische Entdecker von altem Schrot und Korn schwer bewaffnet in die Wildnis, was auf dem Flughafen von Singapur unter reger Beteiligung der örtlichen Polizeibehörden für eine erste aufregende Episode sorgt. Endlich trotzdem auf Borneo (bzw. in Sarawak, einer Provinz des malaysischen Inselreiches) angekommen, wird zudem rasch deutlich, dass es nicht mehr weit her ist mit der insgeheim erträumten kolonialen Herrlichkeit vergangener Zeiten, als O’Hanlon und sein Gefährte sehr prosaisch im örtlichen „Holiday Inn“- unterkommen: Die Zivilisation hat die Tropeninsel längst erreicht.

Glücklicherweise findet sie dann doch unweit der wenigen größeren Städte ihr rasches Ende. Mit dem Wagemut der absolut Ahnungslosen haben sich O’Hanlon und Fenton für eine Expedition die Flüsse Rejang und Baleh hinauf in jenes Land entschieden, in dem das seltenste Tier der Welt (vielleicht) sein sagenhaftes Dasein fristet: das (ironischerweise nach seiner eigentlichen Heimat benannte) Sumatra-Nashorn. Klein, dunkel und mit einem Fell (!) bekleidet ist es dank der über Jahrzehnte ungeteilten Aufmerksamkeit von Wilderern und Jägern aus aller Welt heute so selten, dass jede Sichtung als Sensation gefeiert wird.

Sollte dieses Unternehmen scheitern, bleibt ja noch immer der aufregende Kontakt mit den Iban, den menschlichen Bewohnern Borneos, die nach Ansicht O’Hanlons stets ein wenig zu laut bekräftigen, die Kopfjagd inzwischen aufgegeben zu haben. Allerdings ist der echte Horror Borneos eher im Mikrokosmos angesiedelt. Dort warten u. a. 250 Fleisch fressende Ameisenarten und 1.700 höchst unterschiedliche Parasitenwürmer auf unvorsichtige Besucher. O’Hanlon spart nicht an gruseligen Details, die das Schicksal jener schildern, die sich nicht wie er und Fenton an jedem Morgen in Insektenpulvern und -sprays buchstäblich wälzen.

Überbordende Fruchtbarkeit auf der einen und ständiger Zerfall und Verwesung auf der anderen Seite machen auch den übrigen Teilnehmern der Expedition tüchtig zu schaffen: Alfred Russell Wallace, James Keppel, Charles Hose und Tom Harrisson sind nur die wichtigsten aus dem Kreise derer, die zumindest im Geiste allzeit um O’Hanlon sind; in Gestalt ihrer Bücher über Borneo nämlich, die der unverbesserliche Romantiker in großer Zahl dorthin geschleppt hat, wo ihre Lebensdauer arg begrenzt ist und aus denen er gern und oft zitiert. Von der Kritik ist ihm dies zum Vorwurf gemacht worden, doch hier gilt es wohl eher den Stil des Autoren zu achten. Die Zitate sind nicht nur klug gewählt und informativ, sondern sie konterkarieren auch das Dilemma, dem sich O’Hanlon ausgesetzt sieht: In Borneo ist die Steinzeit zwar an vielen Orten noch nicht zu Ende gegangen.

Trotzdem ist die Insel nicht das magische Wunderland, das er sich im heimischen Elfenbeinturm zu Oxford erträumt hat. Dort, wo die Vergangenheit noch fortlebt, enthüllt sie immer wieder recht hässliche Seiten. So muss der Reisende feststellen, dass die ihn bezaubernde weibliche Jugend in den Dschungeldörfern schlicht deshalb in der Überzahl ist, weil die meisten Einheimischen einer der vielen schrecklichen Krankheiten zum Opfer fallen, bevor sie alt werden können. O’Hanlon und Fenton bereisen Borneo nicht in Slapstick-Manier als zwei Männer im Boot (vom Rhinozeros ganz zu schweigen), wie der Klappentext suggeriert, sondern durchaus offenen Auges und wachen Geistes. Deshalb entgehen ihnen auch keineswegs die allgegenwärtigen Schrecken eines ungehemmten Raubbaus an der Natur: Es gibt keine Bodenschätze auf Borneo, nur das Edelholz des Dschungels, der deshalb rücksichtslos niedergeholzt wird. Die Menschen sind sich der Folgen durchaus bewusst, doch sie sehen keine Alternativen – und sie haben auch keine Lust, zum Frommen naturromantischer Westler ein tarzanoides Naturkinder-Dasein zu fristen.

Anlass zu echter Negativ-Kritik gibt indes ein Verdacht, der sich schon auf den ersten Seiten einstellt und im Verlauf der weiteren Lektüre schnell zur Gewissheit wird: O’Hanlon mischt Fakten und Fiktion um des Effektes vielleicht etwas zu freizügig in dem Bemühen, eine an sich interessante, aber eben nicht spektakuläre Reise für den Leser dramatischer zu gestalten, und inszeniert, übertreibt und überspitzt. James Fenton, O’Hanlons Begleiter, ist beispielsweise keineswegs der weltfremde Barde, der sich ebenso wagemutig wie ahnungslos ins Abenteuer stürzt, sondern ein erfahrener Kriegsberichterstatter, der in der Vergangenheit einigen Mut bewiesen und wohl nicht von ungefähr auf dem ersten nordvietnamesischen Panzer gesessen hat, der 1975 nach dem Fall von Saigon in die von den Amerikanern aufgegebene Stadt rollte. Auch mit dem Sumatra-Nashorn ist das so eine Sache; So selten es ist, man kann es immer noch finden, nur eben nicht dort, wo O’Hanlon es angeblich versucht hat. Das muss er auch gewusst haben, aber natürlich ist es im Nachhinein publikumswirksamer, eine Reise, die ihr Ziel aus verschiedenen Gründen verfehlt hat, zu einer romantischen Queste zu verklären.

So verbissen darf man aber vielleicht gar nicht an „Ins Innere von Borneo“ herangehen. Die Übergänge zwischen dem klassische Reisebericht und dem Abenteuerroman sind seit jeher fließend; wenn unsere beiden wackeren Briten auch nicht gerade viel Neues entdecken, lesen sich ihre Abenteuer doch amüsant, zumal O’Hanlon wirklich schreiben kann und seine wohl gesetzten Worte ihren Umweg zum deutschen Leser über die Übersetzung gut überstanden haben.

Übrigens hat der Autor die vielen drastischen Zwischenfälle der Borneo-Reise wohl besser verkraftet als er dies 1984 selbst gedacht hätte: Seither ist Redmond O’Hanlon noch mehrfach in anderen Dschungeln dieser Welt unterwegs gewesen und hat auch diese Reisen literarisch aufgearbeitet. „Kongofieber“, die Bilanz eines fünfmonatigen Aufenthaltes in den Tiefen des afrikanischen Kongos im Jahre 1989, hat in Form und Inhalt sogar die Ausmaße eines echten Epos‘ angenommen und gilt inzwischen als echter Klassiker der Reiseliteratur; ein Werk, das die O’Hanlons der Zukunft mit auf ihre Entdeckungsreisen nehmen werden.

Buchwurminfos II/2005

Die Zusammenarbeit Hörbuch und Publikumszeitschrift scheint sich überaus zu lohnen. In diesen Wochen liegen der _“Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“_ jeweils in drei Folgen ungekürzte Hörbuchlesungen von „Die Schatzinsel“, „Robinson Crusoe“, „In 80 Tagen um die Welt“ und „Robin Hood“ kostenlos bei. Die PR-Aktion für die Jugendklassiker-Reihe des „Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen“ soll einer größeren Öffentlichkeit für die insgesamt 18 Titel umfassende Reihe dienen. Auch Random House und Verlagshaus Gruner + Jahr – konkret die Frauenzeitschrift „Brigitte“ – haben eine gemeinsame _Hörbuch-Edition „Starke Stimmen“_ konzipiert und das kommt richtig gut an. Bereits die erste Ausgabe für Elke Heidenreichs Interpretation von Dorothy Parkers „New Yorker Geschichten“ hatte schon vor dem Erstverkaufstag 50.000 Vorbestellungen. Für ein Hörbuch eine gigantische Zahl. Hörbücher bleiben zwar mit einem steigenden Marktanteil von nur 3,2 % eigentlich unbedeutend, aber statistisch glaubt man an den Erfolg. Denn dieser schnellt nach oben. 2004 14,7 % Umsatzzuwachs gegenüber 2003, 2003 waren es 10,3 % gegenüber 2002 gewesen. An kräftigsten natürlich im Bereich der Belletristik. Und dort gibt es nun die ersten literarisch anspruchsvollen satten Verkaufserfolge. Der Verband der phonographischen Wirtschaft verleiht dem Verlag _steinbach sprechende Bücher_ gleich _drei goldene_ Schallplatten für die Hörbücher von _Paulo Coelho_. 150.000-mal wurde sowohl das Hörbuch „Der Alchemist“ wie auch „Der Wanderer“ verkauft und 100.000-mal „Unterwegs“. Der auf die ungekürzte Lesung profilierte Verlag mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer Literatur, klassischen Autoren, literarisches Sachbuch sowie Kinderhörbuch produziert jährlich etwa 30 Titel, lieferbar sind rund 200 Titel. Gespannt kann man jetzt schon auf das im Mai erscheinende Hörbuch „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami mit 20 CDs sein. Die Preise für Hörbücher purzeln endlich auch immer mehr. Den gestarteten Niedrigpreisreihen anderer Verlage hat sich nun auch der Münchner _Hörverlag_ mit seiner „Smart Edition“ angeschlossen. Die Reihe startete mit neun Titeln zum Preis von 7,99 Euro.

Zeitungen scheinen mit den Bucheditionen richtig Geschäfte zu machen. Die _“SZ-Bibliothek“_ der Süddeutschen Zeitung, die auf 50 Titel konzipiert war, wird fortgesetzt und um weitere 50 Bände erweitert. Nicht nur mit Büchern und Hörbüchern, auch mit DVDs wird da viel ausprobiert. Nach der _DVD-Reihe_ in Kooperation ZDF und der „Welt“ legte jetzt auch die _“Frankfurter Allgemeine Zeitung“_ in Zusammenarbeit mit „Spiegel TV“ eine zwölfteilige Dokumentation zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert vor. Außerdem hat die „FAZ“ seit Ende Februar bis Anfang Mai unter dem Titel „Faszinierende Natur“ eine zehnteilige Reihe von BBC-Dokumentationen auf DVD. Und nahtlos an die „SZ-Bibliothek“ begann sich die _“SZ-Cinemathek“_ anzuschließen, die ebenfalls 50 Spielfilme auf DVD umfasst. Was den Schaden solcher Zeitungs-Billig-Editionen für den Buchhandel angeht, beruhigt der Börsenverein. Im gesamten Kaufverhalten machte dieser Umsatz etwa 4 % aus und führte eher dazu, das Interesse an Büchern zu wecken.
Gut laufen im übrigen Buchgeschäft auch bestimmte _“Ratgeber“-Titel_. Das Lieblingsthema ist wie seit Jahren unverändert der eigene Körper und seine Befindlichkeit. Wellness und Selbstfindung liegt nach wie vor im Trend.

Am 16. Juli, eine Minute nach 1 Uhr (0.01 Uhr der britischen Sommerzeit), darf der _sechste Band von Harry Potter_ verkauft werden und im März ging der Hype schon wieder los. Die Buchhändler sind verärgert, denn wieder gibt es einen langen Vertrag mit 13 Punkten zu unterschreiben: Vor dem besagten Tag darf man weder selbst das Buch lesen, noch dürfen dies die Mitarbeiter; sogar Fotografien von Kartons sind unzulässig und noch mal anders als in den Vorjahren gibt es nur ein beschränktes Remissionsrecht: erst ab 1. November darf remittiert werden, die Gutschrift darf aber 20 % des Betrags der Eingangsbestellung bei Bloomsbury nicht überschreiten. Auf Nachbestellungen wird überhaupt kein Rückgaberecht mehr eingeräumt. Da keine Preisbindung vorliegt, läuft der Preiskampf auf Hochtouren, wahrscheinlich legen viel Händler wieder drauf, anstatt mal zu verdienen. Die Niedrigstpreisgarantie hat bislang Weltbild mit 15,75 Euro. Wer es woanders billiger bekäme, braucht dann sogar bei Weltbild nur diesen Preis zu zahlen. In diesem Jahr entschließen sich viele der kleinen Buchhändler erstmals dazu, die Verträge nicht zu unterzeichnen und Harry Potter bei Erscheinen nicht anzubieten, weil sie beim anstehenden Preisdumping einfach nicht werden mithalten können. Bei Interesse von Kunden nutzen sie die Barsortimente.

Die Zeitschrift _Hagal_, bislang im Verlag Zeitenwende erschienen, ist vom Regin-Verlag übernommen worden und kam im März erstmals unter ihrem neuen Untertitel „Zeitschrift für Tradition, Metaphysik und Kultur“ heraus. Der bisherige Untertitel „Zeitschrift für Mythologie, Religion, Metaphysik und Esoterik“ wurde geändert, weil esoterische und mythologische Themen künftig nur dann noch behandelt werden, wenn sie in einem Kontext mit der überlieferten Tradition stehen.

In Polen ist beim Warschauer Verlag XXL das in Deutschland verbotene Buch von Adolf Hitler _“Mein Kampf“_ als Neuausgabe gedruckt worden. Die Auflage liegt bei 2000. Bereits 1992 war dort eine erste Ausgabe erschienen, die inzwischen vergriffen war. Unter dem Kommunismus war das Buch in Polen verboten. In der Türkei ist Hitlers Buch seit langem sehr gefragt und erhältlich. „Kavgam“ (der türkische Titel) gehört dort zu den meist verkauften Büchern des ersten Quartals 2005.

_Rolf Hochhuth_ hat den Fehler begangen, sich differenzierter zu „rechten“ Zuordnungsmechanismen zu äußern, indem er den in Deutschland als „Holocaust“-Leugner bezeichneten britischen Historiker David Irving als „fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte“ bezeichnete. Diese Aussage führte sofort zu großem Aufschrei über Hochhuth in Deutschland, weswegen er sich von seiner eigenen Aussage schnell wieder distanzierte. Dennoch wird nun die Deutsche Verlagsanstalt die für Frühjahr 2006 geplante Autobiografie von Hochhuth, die zu seinem 75. Geburtstag am 1. April erscheinen sollte, nicht mehr veröffentlichen, da die getätigte Aussage nicht mit den Autoren von DVA in Einklang zu bringen sei. Hochhuth besteht allerdings auf Vertragserfüllung und geht mit Anwalt vor Gericht.

Bundesinnenminister Otto Schily hat den in Hessen ansässigen Verlag der türkischsprachigen _Zeitung „Anadoluda Vakit“_ wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung verboten. Unter dem Deckmantel einer angeblich seriösen Berichterstattung sei antijüdische und antiwestliche Hetze verbreitet worden. Bereits im Dezember hatte die CDU gegen das Blatt, das in Deutschland in einer Auflage von 10.000 Exemplaren erscheint, verfügt, Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet.

Am 18. Februar kam endlich der Rat für deutsche Rechtschreibung zu seiner ersten Arbeitssitzung über die _Rechtschreibreform_ in Mannheim zusammen. Diskutiert wurde die Getrennt- und Zusammenschreibung. Von den insgesamt 36 Sitzen des Gremiums blieben die beiden Plätze der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die aus Protest fernbleibt, nach wie vor unbesetzt. Da man nicht wirklich weiter weiß, wurde einfach mal wieder ein siebenköpfiger Arbeitskreis ins Leben gerufen. Das Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es, endlich eine diskussionsfähige Grundlage zu schaffen. Geleitet wird die Gruppe von Ludwig Eichinger, dem Direktor des Instituts für Deutsche Sprache. Eigentlich soll der Rat bis zum 1. August die bereits reformierte Reform noch mal reformieren, bis dahin trifft sich der Rat noch dreimal. Das Ganze bleibt schildbürgerisch und Eichinger rechnet auch nicht mit der Klärung aller strittigen Fragen bis zum Inkrafttreten der Reform in den Schulen am 1. August. Auch einer der ausgetretenen prominenten Reformgegner ergreift im „Rat für deutsche Rechtschreibung“ doch wieder das Wort. Sprachwissenschaftler _Theodor Ickler_ vertritt die Interessen des deutschen PEN-Zentrums. Er möchte im Rat die „Interessen der Schulbuchvertreter“ aufdecken, denen er unterstellt, die Rücknahme der Reform zu verhindern. Sein Hauptanliegen ist ein „Moratorium“ für die Reform, die im August an den Schulen eingeführt wird.

Mit _Hans Christian Andersen_ können viele Verlage in diesem Jahr Jubiläum begehen. Seine Märchen sind jedem bekannt, allerdings weniger, dass er auch fünf Romane geschrieben hatte. Sein erster Roman „Der Improvisator“ von 1835 ist nun im 170. Erscheinungsjahr. Ansonsten feierte man am 2. April seinen 200. Geburtstag und am 4. August wird der 130. Todestag gewürdigt. Deswegen sind jede Menge Neuerscheinungen der Andersen-Märchen und -Romane, sowie Bücher über den Autor frisch auf den Mark gekommen. Einen Überblick über die medialen Höhepunkte, die zu den Jubiläen stattfinden, gibt es auf http://www.HCA2005.com.

Auch der am 29. Januar 1455 in Pforzheim geborene _Johannes Reuchlin_ ist im 550. Jubiläumsjahr. Sein Kampf gegen religiösen Fanatismus, Anmaßung und Intoleranz bildet bist heute die vorherrschende Perspektive auf das Leben und Werk dieses Gelehrten. Als neuplatonisch-kabbalistischer Philosoph, lateinischer Dichter, Gräzist und Begründer der christlichen Hebraistik hätte Reuchlin ohnehin Eingang in die Geschichtsbücher gefunden; zu jenem epocheprägenden „Wunderzeichen“, als das ihn nicht zuletzt Goethe gerühmt hat, wurde er aber erst durch seinen entschiedenen Einsatz für den Erhalt der jüdischen Literatur und seine daraus erwachsene Rolle als Verteidiger der Wissenschaft. Seine gesamten Werke nebst seinen Briefwechseln sind bei Frommann-Holzboog aufgelegt (www.fromman-holzbog.de).

Immerhin auch schon 130. Geburtstag feierte man mit _Edgar Wallace_, geboren am 1. April 1875 in Greenwich, gestorben 10. Februar 1932 in Hollywood. Seine Kriminalromane wurden bereits in den 20er Jahren in Deutschland gelesen, aber ihre große Renaissance kam in den 50er Jahren mit der auffällig in rot gehaltenen berühmten Taschenbuchreihe des Goldmann-Verlages. Noch erfolgreicher waren dann die Filme – die ersten drei gab es bereits 1927 („Der große Unbekannte“), 1929 („Der rote Kreis“) und 1931 („Der Zinker“). Aber auch hier gelang der Durchbruch ebenso erst in den fünfziger Jahren mit „Der Frosch mit der eisernen Maske“. Wallace schrieb über hundert Kriminalromane. Davon wurden unter der Gesamtleitung von Horst Wendlandt und der Regie von Alfred Vohrer und Harald Reinl insgesamt 32 verfilmt. Ende der 60er Jahre ging es mit der Erfolgsreihe zu Ende, in welcher eine ganze Reihe großartiger Schauspieler regelmäßig agierten. Unvergesslich dabei vor allem Klaus Kinski in seinen Verbrecher-Rollen.

Der Verlag _Brockhaus_ begeht 200. Jahresjubiläum des Geburtstages von E. A. Brockhaus und zelebrierte diess mit einem spektakulären Festakt auf der diesjährigen Leipziger Messe.

Ebenso Jubiläum begeht der _Orlanda Frauenverlag_, der nun bereits seit drei Jahrzehnten gute Literatur für Frauen publiziert. Nachdem bei den meisten renommierten Verlagen die Frauenbuchreihen eingestellt sind, ist Orlanda einer der wenigen unabhängigen Verlage zur Frauenthematik. Begonnen hatte alles 1975 noch im Selbstverlag mit dem _“Hexengeflüster“_, einem Selbsthilfebuch der Frauengesundheitsbewegung. 1980 wurde der Verlag in sub rosa umbenannt, bevor 1986 die Idee kam, mit Orlanda den abgewandelten Titel eines Romans von Virginia Wolf als Verlagsnamen zu nehmen. Einer der weiteren großen Erfolge war _“Wechseljahre Wechselzeit“_ von Rina Nissim. Einer der Schwerpunkte von Anfang an ist auch die Literatur für das lesbische Publikum. In diesem Frühjahr startet mit |orlanda – die edition| eine neue Belletristikreihe, die von der langjährigen Fischer-Lektorin Ingeborg Mues betreut wird. Fischer hat ja seine anspruchsvolle Frauentaschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“ vor einiger Zeit eingestellt. Dagegen sind in die derzeit boomende Frauenbelletristik hauptsächlich Romanheldinnen in eine leicht zu lesende Unterhaltungsliteratur verpackt, die in hohen Auflagen gedruckt und als preiswerte Stapelware angeboten wird. Der dafür verwendete Begriff: _“freche Frauenliteratur“_. Die Zielgruppe sind Frauen zwischen 25 und 35. Die besten Titel erreichen Auflagen von drei Millionen Exemplaren. Literarisch wertvoll sind sie nicht, eher substanzlos aus dem Leben gegriffen. Die Autorinnen gehören auch nicht zu hochgejubelten deutschen Gegenwartsautorinnen. Die heutige Frauenliteratur hat nichts zu tun mit der engagierten Frauenliteratur der 70er Jahre, die im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung vor allem von Frauen für Frauen geschrieben wurde. Beispiele von damals: „Häutungen“ von Verena Stefan, „Wie kommt das Salz ins Meer?“ von Brigitte Schwaiger, „Gestern war heute“ sowie „Hundert Jahre Ewigkeit“ von Ingeborg Drewitz, „Kassandra“ von Christa Wolf oder auch die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. In all diesen Romanen ging es um die Beschreibung des Rollenverständnisses der Frau in einer vom Mann geprägten Gesellschaft. Begleitet wurde diese Erkundung von der großen Resonanz der feministischen Debatte innerhalb der Gesellschaft, was wiederum Verlage dazu veranlasste, eigene Frauen-Reihen aufzubauen. So entstanden 1977 die Reihen „Neue Frau“ bei Rowohlt und 1978 „Frau in der Gesellschaft“ bei S. Fischer. Damals wurden in dieser Sparte noch Alternativen und Antworten gesucht. Davon ist in dem neuen Genre der „frechen“ Frauen nicht mehr viel übrig geblieben. „Frech“ und „angepasst“ ist da kein Gegensatzpaar mehr. Der Stil dieser neuen Bücher ähnelt den weiblichen Psycho-Befindlichkeitstexten aus Frauenzeitschriften. Tatsächlich stammen viele der jüngeren Autorinnen aus den Redaktionen von „Brigitte“, „Cosmopolitan“, „Vogue“, „Freundin“ oder „Elle“. Begründet wurde das Genre Ende der 80er Jahre durch Eva Heller („Beim nächsten Mann wird alles anders“), Hera Lind („Ein Mann für jede Tonart“) und Gaby Hauptmann („Suche impotenten Mann fürs Leben“). Die Sehnsucht nach der großen Liebe und dem richtigen Mann fürs Leben scheint zeitlos. Auffallend an dieser Literatur ist jedoch, dass sie das traditionelle Frauenbild bevorzugt. „Frech“ hat heute nicht mehr den emanzipatorischen Beigeschmack der 70er Jahre. Der Markt dieser Literatur ist größtenteils aufgeteilt zwischen den Verlagen der Random-House-Gruppe (Goldmann, Heyne, Blanvalent etc.), Rowohlt, den S.-Fischer-Verlagen, der Verlagsgruppe Lübbe, Piper, Droemer Knaur und dtv. Die Übergänge zwischen „frechen“ Frauen als neuem Genre, aktueller Frauenliteratur und klassischen Liebesromanen sind fließend. Es gibt im dritten Jahr schon eine eigenständige Buchmesse – die „Liebesroman Messe“ vom 20. bis 22. Mai in Wiesbaden mit 200 geladenen Gästen, darunter Autorinnen und Autoren, Übersetzer, Lektoren und Literaturagenten. Die Verlagsgruppen Droemer Knaur, Lübbe und Random House haben dort Stände und die „freche“ Frauenliteratur Workshops und Gesprächsrunden.

Zehnjähriges Jubiläum begeht auch die Reihe _C.H. Beck Wissen_, in der bereits mehr als 250 Titel erschienen sind.

Am 20. Februar verstarb _Hunter S. Thompson_, einer der besten Schriftsteller unter den amerikanischen Journalisten. Am populärsten ist wohl sein Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“, der auch sehr erfolgreich verfilmt wurde.

Nach langer schwerer Krankheit ist der Verleger _Dr. Karl Blessing_ am 12.3.05 in München im Alter von 63 Jahren verstorben. Dr. Karl H. Blessing, geboren am 24. März 1941 in Berlin, verfasste nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie seine Dissertation über die Frühwerke Döblins. Lange Jahre in leitenden Positionen in der Verlagsbranche tätig, leitete er von 1982 – 1995 als Verleger und Programmgeschäftsführer die Verlage Droemer, Knaur und Kindler. 1996 gründete er mit der Bertelsmann Buch AG den Karl Blessing Verlag und verlegte dort niveauvolle Belletristik und interessante Sachbücher. Als klassischer Autorenverleger bot er in seinem zutiefst individuellen Programm immer wieder bekannten und noch nicht bekannten Autoren eine verlegerische Heimat. So wurde er 2004 vom Magazin |BuchMarkt| zum Verleger des Jahres gewählt. Unter dem Dach der Verlagsgruppe Random House wird das anspruchsvolle Programm im Sinne Karl Blessings weitergeführt.

Der diesjährige _Leipziger Buchpreis_, seit 1994 jährlich auf der Leipziger Buchmesse vergeben, geht an die kroatische Schriftstellerin _Slavenka Drakulic_, die seit Beginn der 1990er Jahre die jugoslawische Bürgerkriegstragödie in mehreren Romanen und Reportagebänden analyisiert. Die Auszeichnung gilt vor allem ihrem jüngsten Werk: „Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan“. Als Beobachterin der Prozesse am Internationalen Tribunal in Den Haag zeichnet sie dort die Portraits der Täter nach. Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung würdigt Autoren, die sich vor allem um die ost- und mitteleuropäische Annäherung verdient gemacht haben. Zu den Preisträgern gehörten bisher unter anderem Aleksandar Tisma, Peter Nadas, Imre Kertesz und Dzevard Karahasan. Auch andere Preise wurden auf der Messe vergeben, z. B. der seit 1977 vom |Börsenblatt| ausgeschriebene _Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik_, den diesmal _Hubert Spiegel_, der Leiter der „FAZ“-Literaturredaktion erhielt. Den _Kurt-Wolff-Preis_ erhielt der Bonner Verleger _Stefan Weidle_ vom Weidle-Verlag für sein engagiertes Programm mit Literatur der 20er und 30er Jahre als vorbildliches Beispiel für unabhängige Verlage in Deutschland. Und erstmals wurde in diesem Jahr der _Preis der Leipziger Buchmesse_ in den Kategorien Belletristik an _Terézia Mora_, Sachbuch/Essayistik an _Rüdiger Safranski_ und Übersetzungen an _Thomas Eichhorn_ verliehen. Auch zeigte sich die „kleinere Messe“ in diesem Jahr internationaler als je zuvor. Zunehmend gibt es Länder-Beiträge wie auch auf der Frankfurter Messe. Sogar Korea war angereist und gab einen Vorgeschmack auf die Frankfurter Messe, wo das Land dieses Jahr Gastland ist. Im Gegensatz zur Frankfurter Messe machen die kleineren und mittleren Verlage in Leipzig achtzig Prozent der Aussteller aus. Die Leipziger Buchmesse ist ansonsten mit der Aktion _“Leipzig liest“_ mit 1.200 Veranstaltungen und über tausend Mitwirkenden das größte europäische Literaturfest. Erfreulich war, dass die Bundeswehr dieses Jahr nicht mehr mit einem Werbestand auf der Buchmesse vertreten war. Unaufhaltsam wächst der Leipziger Branchentreff, bereits im 15. Nachwendemessenjahr, von Jahr zu Jahr.

Je näher der Termin der Messe anrückte, desto größer wurde innerhalb der Branche das Murren. Dass die Leipziger Messe zeitgleich mit der Lit.Cologne veranstaltet wird, stößt auf einheitliche Kritik, für dessen Ärgernis man die Kölner verantwortlich macht, denn Leipzig war nun einmal eher da. Man ist sehr gespannt, wie dieses Konkurrenzgebahren sich künftig entwickelt, denn die Kölner Messe hat nach dem Abgang der Popkomm kräftig in eine eigene Hörbuchmesse investiert. In der Öffentlichkeit ist Lit.Cologne auch nicht mehr wirklich beworben worden, sondern die meisten setzten dann doch wie gewohnt auf die Leipziger Messe. 120 Hörbuchverlage kamen nach Leipzig, im Jahre 2000 waren es gerade mal 40. Darunter waren alle renommierten Hörbuchverlage sowie alle ARD-Rundfunkanstalten, die sich als Hörbuchproduzenten nur in Leipzig vereint präsentieren. Wie auf der Frankfurter Messe gibt es nun das „Focus“-Hörbuch-Café mit attraktivem Fachprogramm. Bereits zum fünften Mal fand die zur Tradition gewordene „ARD-Radionacht der Hörbücher“ statt, die am Messefreitag live ausgestrahlt wurde. Als erfolgreichstes Hörbuch des Jahres wurde _“Die Päpstin“_ (DAV) mit dem _“HörKules“_ ausgestattet. Damit ist die Leipziger Messe der wichtigste Treffpunkt für die Hörbuchbranche geblieben.

Dennoch war die _5. Lit.Cologne_ mit rund 50.000 Besuchern ebenfalls überaus erfolgreich, was zu Änderungen führt. Der Termin für 2006 ist der 10. bis 18.März und die Messe wird damit von fünf auf neun Tage ausgedehnt und erstreckt sich über zwei Wochenenden. Da das Kinderprogramm auf der Messe auf großes Interesse stieß, wird es 2006 – neben der dann zweiten Kölner Hörbuchmesse – auch eine eigene Kinderbuchmesse geben. Der Streit um die Hörbücher wurde beigelegt, denn die Hörbuchmesse Audio Books Cologne wird nur vom 10. – 13. März 2006 gehen und die Leipziger Buchmesse ist dann erst die Woche darauf vom 16. – 19. März. Das überschneidet sich natürlich dennoch wieder mit der sonstigen Lit.Cologne. Zwar ist Köln eine Autorenmesse und Leipzig eine Buchmesse, dennoch erwartet Leipzig weiterhin, dass Köln den 2001 angezettelten widersinnigen Wettbewerb auf eine Weise löst, die in künftigen Jahren zu keinen Terminüberschneidungen mehr führt.

Das diesjährige Gastland auf der _Frankfurter Buchmesse_ könnte ein Flop werden. Politisch war die Auswahl des Gastlandes Korea – da Süd- und Nordkorea zusammen auftreten – ein genialer Coup, aber nun hat Südkorea sein kulturelles Rahmenprogramm radikal gestrichen. Als Grund wird angegeben, dass die einheimische Wirtschaft das Projekt im Stich gelassen habe und so wurden die geplanten Kultur- und Diskussionsveranstaltungen auf ein Minimum reduziert. Da verspricht man sich schon jetzt um so mehr vom Gastland 2006, welches Indien sein wird, denn dort entwickelt sich das Verlagswesen überaus rasant. Und 2007 folgt dann Katalonien als Ehrengast der Messe. Interessant dabei ist, dass sich damit nur eine Region präsentiert und nicht das gesamte Land Spanien. Erstmals schaut dann die Messe auf einen eigenständigen historischen Kulturraum und experimentiert mit einer neuen Herangehensweise an das Konzept des Gastlandes. In jedem Jahr nehmen die deutschen Verlage das Gastland zum Anlass, um Schwerpunkte in ihrem Programmen zu setzen.

Im _Börsenverein des deutschen Buchhandels_, dessen umfangreiche Reform in den letzten Jahren zu einem großen Wirtschaftsbetrieb geführt hatte, wird heftig um die Verbandsdemokratie diskutiert. Hauptthematik ist die bessere Kommunikation zu den Mitgliedern, denn „diese wollen nicht beruhigt werden, sondern beruhigt sein“ (Matthias Ulmer, Sprecher Arbeitsgruppe Verbandsreform). Bisherige Strategie war es immer gewesen, Probleme nicht an die große Glocke zu hängen. Dies erweist sich nun als ganz schlecht für die Bindung an die Mitglieder. Zum Beispiel durften auf den Hauptversammlungen bislang die Mitglieder dem Bericht des Vorstands lauschen, doch eigentlich sollte ein Vorstand doch auch hören, was die Mitglieder ihm zu sagen haben. Die einzelnen Sparten im gemeinsamen Verband driften immer mehr auseinander. Überhaupt verliert der Verband kontinuierlich pro Jahr etwa 200 Mitglieder. Vor kurzem ist auch Amazon aus dem Verband ausgetreten, was als Zeichen gewertet wird, dass die Großen den Börsenverein nicht mehr brauchen. Für die politische Lobbyarbeit ist es aber weiterhin wichtig, dass der Verband die gesamte Branche repräsentiert. Bertelsmann z. B. kann froh sein, dass der Börsenverein dem Club eine Plattform geboten hat, um das Potsdamer Abkommen neu zu verhandeln. Sehr problematisch ist auch, dass der Ruf nach einem eigenen Verlegerverband lauter wird. Die Differenzen in den Streitigkeiten – wie z. B. Konditionen mit dem Sortiment – scheinen zu groß zu werden. Der Börsenverein will nun, um als spartenübergreifender Verband bestehen zu bleiben, mehr das selbstständige Eigenleben der Sparten innerhalb des Verbands fördern. Für den Austausch unter den Sparten gab es bislang die Abgeordnetenversammlung, die aber in der Praxis nicht funktionierte. Auf den Treffen wurde genau das erzählt, was auch am Tag zuvor in den Fachausschüssen gesagt wurde. Die Mitglieder assoziieren mit der Abgeordnetenversammlung einen „Frankfurter Klüngel“ und wollen, dass Entscheidungen auf der Hauptversammlung getroffen werden, bei der jedes zahlende Mitglied Sitz und Stimme hat. Die Vision der künftigen Hauptversammlung ist ein wirklich lebendiger Verleger- und Buchhändlerkongress mit einem vielfältigen Rahmenprogramm und intensiver Diskussion über den Verein. Inzwischen fühlen sich selbst Vorstandsmitglieder desinformiert. Jetzt soll der Vorstand erweitert und mit neuen Strukturen die Verbandsarbeit wirklich revolutioniert werden. Auch die Vertreter der Landesverbände werden in den Vorstand mit aufgenommen. Um den Streitereien ein Ende zu bereiten, müssen alle an einem Strang ziehen können. Die Entfremdung der Mitglieder von den Landesverbänden ist allerdings seit Jahren schon nicht mehr übersehbar. Es besteht die Pflicht einer Doppelmitgliedschaft im Bundesverband wie im Landesverband, was die Mitglieder schon lange nicht mehr einsehen. Aufgrund solcher nun eskalierender Politik der letzten Jahre zum Wirtschaftsverband war das kulturpolitische Profil auf der Strecke geblieben. Das Ansehen als Kulturverband soll gestärkt werden mit den bewährten Projekten wie dem Friedenspreis oder dem Vorlesewettbewerb. Aber auch durch neue Projekte wie den Deutschen Buchpreis und „Ohr liest mit“.

|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|

Becka, Elizabeth – Mit dem letzten Atemzug

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James vom Gerichtsmedizinischen Institut Cleveland wird an einem kalten Novemberabend an einen Tatort gerufen, an dem man die Leiche einer jungen Frau aus dem Fluss Cuyahoga geborgen hat. Als wäre sie ein Mafiaopfer aus einem Hollywoodfilm, stecken ihre Füße in einem schweren Zementeimer, der Körper ist mit Ketten gefesselt. Weil sie sich nicht befreien konnte, nachdem sie lebend in das eisige Wasser geworfen worden war, musste sie ertrinken, obwohl sie „bis zum letzten Atemzug“ kämpfte.

Wenig später wird ein zweites derartiges Opfer gefunden, doch die Tochter des Bürgermeisters wurde am Flussufer erdrosselt – sie hatte sich aus dem Zementeimer und den Ketten befreien können! Weil Evelyn James früher mal an der Uni die Freundin des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland war, befindet sie sich bald in einem üblen Interessenskonflikt: Sie darf eigentlich nichts über den Fortgang der Ermittlungen preisgeben, doch Daryl Pierson musste sie versprechen, genau dies zu tun. Will er etwa private Rache üben?

|Die Autorin|

Elizabeth Becka ist wie ihre Hauptfigur Spurensicherungsexpertin und als Mitglied der „American Academy of Forensic Sciences“ auch als forensische Gutachterin vor Gericht tätig. Sie arbeitete fünf Jahre im Cuyahoga County Coroner’s Office in Cleveland, zuständig für Stoff-, Haar- und DNA-Analysen und ist heute für die Tatort-Sicherung im Cape Coral Police Department, Florida, verantwortlich.

_Handlung_

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James kann den November wie die meisten Leute auch nicht leiden. Das Leben einer alleinerziehenden Mutter eines pubertierenden Mädchens ist nicht einfach, und dann will auch noch ein intriganter Praktikant ihren Arbeitsplatz haben und sägt an ihrem Stuhl.

Nicht gerade bester Laune trifft sie daher am neuesten Tatort von Cleveland, Ohio, ein. Eine junge Frau wurde aus dem Cuyahoga-Fluss gefischt. Das Besondere an ihr: Man hatte sie von einer Brücke ins Wasser geworfen, als sie noch lebte. Aber sie konnte sich nicht durch Schwimmen retten, weil ihre Füße in einem Zementeimer steckten und sie mit Ketten gefesselt war. Es war kein Raubmord, und die reale Mafia hat eigentlich ganz andere Methoden, ihre Opfer zu erledigen: „zwei Schüsse in den Nacken“, meinen die Detectives Riley und Milaski.

Ein Besuch beim örtlichen Mafiaboss Mario Ashworth, einem Baulöwen, bringt daher nichts außer der Bekanntschaft seines imposant gebauten Gorillas Marcus. Und seine junge Frau lebt auch noch.

Die nächste Wasserleiche, die man wenige Tage später am Flussufer findet, ist wesentlich interessanter. Evelyn erkennt sie sofort. Destiny Pierson war es gelungen, den Zementeimer von den Füßen zu streifen und sich aus den Ketten zu lösen. Erst am Ufer hatte ihr Mörder sie erwischt und erdrosselt. Nicht nur Riley und Milaski sind erschüttert, sondern auch Evelyn: Destiny Pierson ist die Tochter des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland, der am College ihr Freund war, bevor er eine schöne reiche Erbin heiratete.

Pierson bittet Evelyn, ihm um der alten Freundschaft willen die Ermittlungsergebnisse unter der Hand weiterzuleiten, eine höchste illegale, korrupte und gefährliche Handlungsweise. Denn dadurch könnten nicht nur Beweisstücke vor Gericht für ungültig erklärt, sondern auch Unschuldige gefährdet werden. Und wenn der Deal rauskommt, könnte es so aussehen, als führte der Bürgermeister einen privaten Rachefeldzug – ein gefundenes Fressen für seine Gegner und die Medienhaie.

Destiny Pierson und Ophelia (welch ein passender Name, denken alle) Ripetti sind aber nicht die ersten Opfer des Zementeimer-Killers, es gab schon drei ähnliche Fälle davor. Evelyn und Milaski sind durch durch die Folgen, die das Verschwinden der Frauen für ihre Angehörigen hatte, erschüttert und arbeiten enger zusammen, ja sogar parallel zueinander. Die politischen Implikationen des Falles interessieren sie weniger, aber der Kontakt zum Bürgermeister rückt Evelyn ins Zwielicht. Kann ihr die Polizei noch vertrauen?

Eine brisante Zuspitzung erfahren die Ereignisse, als erst Evelyns Tochter Angel aus der Obhut ihres Vaters verschwindet und wenig später Evelyn selbst wie vom Erdboden verschluckt ist. Wird sie das nächste Opfer, dessen Füße man in einem Zementeimer unter einer Brücke findet?

_Mein Eindruck_

Obwohl es wegen der bizarren Tötungsmethode zunächst nicht so aussieht, ist doch „Mit dem letzten Atemzug“ ein außergewöhnlich realistisch erzählter Thriller. Der Realismus betrifft sowohl die an Patricia Cornwell, Tess Gerritsen und Kathy Reichs erinnernden Ermittlungsmethoden als auch die Darstellung des Privatlebens und der persönlichen Erlebnisse der Ermittler. Dabei steht das Paar Evelyn James und David Milaski im Mittelpunkt des Interesses. Beide stehen mit dem Rücken zur Wand, was ihren beruflichen Erfolg betrifft: Wenn sie den Fall nicht lösen, sind sie beide erledigt.

|Die unscheinbare Spur|

Das ist der Grund, warum Evelyn ein erhebliches Risiko eingeht, als sie sich auf eine Spur setzt, die von den anderen Ermittlern bislang ignoriert wurde. Es ist eine Faser. Eine ganz gewöhnliche Faser aus einer synthetisch hergestellten Tischdecke, wie Caterer sie bei Empfängen verwenden würden. Damit könnte man zum Beispiel einen Kofferraum auskleiden, in dem ein Mordopfer transportiert wird. Die Faser fand sich an den Kleidern eines der beiden Opfer.

Als David Milaski, von Evelyn darüber unterrichtet, genau solch eine Tischdecke bei einem Krankenpfleger vorfindet, der sowohl beide Mordopfer betreut als auch Evelyns Tochter Anngel nach ihrer Blinddarmoperation gepflegt hatte, schrillen bei ihm sozusagen sämtliche Alarmglocken. Ist dieser Mann das lange gesuchte Bindeglied zwischen den Opfern, die einander ja nicht gekannt hatten?

|Ein Frage des Vertrauens|

Obwohl der unverheiratete Milaski die alleinstehende Evelyn sehr attraktiv findet, fällt es ihm doch zunehmend schwerer, ihr im Beruf Vertrauen entgegenzubringen. Sie trifft den Bürgermeister und telefoniert mit ihm, teilt ihm dabei möglicherweise Ermittlungsergebnisse mit, die dann vor Gericht nicht standhalten. Was natürlich die Arbeit der Kriminalinspektoren völlig zunichte machen würde und sie wie die letzten Deppen aussehen ließe. Bloß gut, dass Evelyn nicht bei den Cops ist, sondern an einem städtischen Institut arbeitet. Andererseits wird schon kräftig an ihrem Stuhl gesägt. Ihre Position ist nicht die stabilste.

|Die politische Ebene|

Neben der privaten und beruflichen Ebene beleuchtet die Autorin auch noch die politische Dimension des Falles. Da klüngelt doch tatsächlich der Bürgermeister aus Eigeninteresse, nämlich besagten Rachegelüsten, mit dem Boss der hiesigen Mafia! Eine Hand wäscht die andere, wie es so schön heißt. Beschaffst du mir den Mörder, sorge ich dafür, dass du bei der Ausschreibung den Auftrag für den Neubau des Gerichtsmedizinischen Instituts (Evelyns Arbeitsstätte) bekommst – alles geritzt?

Die Autorin arbeitet inzwischen nicht mehr in Cleveland, sondern in Florida. Wer weiß, wen sie dort aufs Korn nimmt? Falls sie es sich beruflich leisten kann und niemand an ihrem eigenen Stuhl sägt.

|Der Erzählstil|

Sollte nun der Eindruck entstanden sein, der Erzählstil sei ebenfalls von kühlem Realismus angekränkelt, könnte vielleicht (hoffentlich) eine Textprobe vom Gegenteil überzeugen:

[Das Opfer wird lebend in den Fluss geworfen.] „Die Kälte fuhr ihr wie ein Messer durch den Leib. Mit aller Kraft widerstand sie dem fast überwältigenden Drang, nach Luft zu schnappen. Die Ketten über ihren Schultern, fest im Zementeimer verankert, zerrten sie auf den Grund des Flusses. Sie öffnete die Augen und sah nur schwarzes Nichts. Eine kalte, krallende Vorhölle. Ihre Lungen drohten zu platzen. Wasser drang in ihre Nase. Und sie dachte verzweifelt: Ich schaffe es nicht.“ (Man beachte die dramatisch kurzen Sätze, die für ein Drehbuch wie geschaffen sind.)

Das Finale ist dementsprechend höchst spannend, und die Rettung kommt in allerletzter Sekunde. So gehört sich das.

|Die Übersetzung|

Da kann ich eigentlich nicht meckern. Hier wurde saubere Arbeit geleistet. Aber auf den Seiten 149 und 150 fragte ich mich dann doch, warum „Slip“ auf einmal einen weiblichen Artikel (die) haben sollte, wenn in Deutschland alle Frauen „der Slip“ sagen.

Einen eindeutigen Fehler der Autorin findet man auf Seite 165. Was stimmt an folgendem Satz nicht? „Evelyn setzte sich vor den Computer und rief das Suchprogramm auf. Zwar arbeitete der alte Prozessor mit Höchstgeschwindigkeit, doch er rumpelte und knirschte, als wären Nägel in einen Reißwolf geraten.“ Da rollen sich dem PC-Fachman die Zehennägel auf, nicht wahr? Denn nicht der Hauptprozessor rumpelt, sondern die Festplatte (genauer: deren Schreib-/Lesekopf), und das auch nur bei sehr alten Modellen.

_Unterm Strich_

„Mit dem letzten letzten Atemzug“ ist handwerklich gut gemacht, spannend, realistisch und anschaulich erzählt und ragt damit ein wenig über die Massenware an Krimis und Thrillern hinaus.

Mit Evelyn James ist der Autorin eine glaubwürdige Hauptfigur gelungen, die allen alleinerziehenden Frauen sehr vertraut vorkommen dürfte. Hier herrscht kein Heile-Welt-Schema vor – jetzt dürfen auch Frauen mal kaputt, müde, genervt und unorganisiert sein. Dass auch Evelyn in die Schusslinie gerät, liegt in der Natur ihres Ermittlerjobs. Und dass sie von einem Mann gerettet werden muss, tja, wen freut das wohl am meisten?

Als Mann ist mir aber aufgefallen, dass die Figur des David Milaski weniger eingehend geschildert wird und daher blasser und weniger plausibel wirkt. Da muss die Autorin in ihren Charakterisierungen noch ein wenig üben. Nach diesem guten Start wird sie sicher bald das nächste Buch mit Evelyn James in der Hauptrolle verkaufen können.

|Orignaltitel: Trace Evidence, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ingeborg Ebel|

Brust, Steven – Athyra

„Athyra“ ist bereits der sechste Band der Serie um den Hexer und Assassinen Vlad Taltos, der nicht als strahlender Held sondern mit einem blauen Auge die meisten seiner Aufträge hinter sich bringt. Während die ersten fünf Romane alle noch in der großen Stadt Adrilankha spielten, wo Taltos sich mit Menschen und Dragaeranern herumschlagen musste, und in denen er sich durch die Kontrolle eines Stadtteils noch ein wenig Geld nebenher verdiente, ist dies in diesem Roman Vergangenheit.

Vlad Taltos ist auf der Flucht. Er hat sich einmal zu viel mit den Mächtigen der Stadt Adrilankha und des Imperiums angelegt und alles verloren außer dem nackten Leben: seinen Besitz, seine Stellung im Hause Jhereg und seine Gefährtin.
Trotzdem ist er nicht in Depressionen verfallen und hadert mit seinem Schicksal, sondern macht das Beste aus dem, was ihm geblieben ist. Unaufhörlich auf Wanderschaft, gelangt er schließlich in das Herrschaftsgebiet des Barons Kleineklippe. Der Landstrich ist von sturen Bauern bewohnt, die sich nur widerwillig mit der Regentschaft ihres neuen Herrn abfinden können, denn dieser ist ihnen mehr als unheimlich.

Dort lernt Vlad den jungen Savyn kenne, den Lehrburschen des Heilers. Wie viele Jungen in seinem Alter, träumt er von Abenteuern und Reisen, die ihn weg von seinem langweiligen und den Erwachsenen vorbestimmten Alltag führen, auch wenn er es besser hat als die meisten seiner Freunde.
So ist es für Vlad Taltos einfach, Savyns Neugier zu erregen. Er kennt viele spannende Geschichten und verspricht dem Jungen, ihm die Hexerei beizubringen, im Gegenzug für ein paar Informationen, nachdem ein Mann umgebracht wurde, den er zu seinen Bekannten zählte. Und die sind mehr als wichtig, denn ein Verdacht von Vlad wird dadurch bestätigt: Baron Kleineklippe ist kein anderer als Loraan, ein Magier des Hauses Athyra, der mit ihm ein Hühnchen wegen seiner Ermordung zu rupfen hat und nun als Untoter über noch mehr Macht als früher gebietet.

Es wird ernst, als Attentäter Vlad angreifen und schwer verletzen. Nun muss Savyn handeln und all seine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, um ihm zu helfen …

Da Steven Brust die einzelnen Bände seines Zyklus so angelegt hat, dass sie unabhängig voneinander lesbar sind und jeweils ein abgeschlossenes Abenteuer schildern, ist „Athyra“ ist ohne Vorkenntnisse für einen Neuleser verständlich. Wer bereits die anderen Roman kennt, wird aber schnell die versteckten Querverweise zu „Phönix“ (die Gründe für Vlads Flucht aus Adrilankha) und „Taltos“ (die erste sehr kurze Begegnung von Vlad Taltos mit Loraan) wiedererkennen.

Anders als die anderen Romane spielt „Athyra“ nicht im Herzen des dragaeranischen Reiches, sondern in einem verschlafenen Dorf – und was noch auffälliger ist, anstatt die Geschichte aus der Ich-Perspektive seines Helden zu erzählen, betätigt sich Steven Brust diesmal als unabhängiger Erzähler in der dritten Person, was etwas befremdlich wirkt – lernen wir Vlad diesmal doch aus den Augen dritter Personen können und erfahren nicht viel über die Gedanken hinter seinen schnoddrigen Äußerungen. Das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man sich an die früheren Bücher gewöhnt hat, mindert aber nichts an der Spannung der Geschichte.

Der Autor erzählt nicht von strahlenden Helden und epischen Abenteuern, seine Romane lassen sich mit den Krimis der „Schwarzen Serie“ vergleichen. Hier werden die Auswirkungen und Zaubern und Kämpfen nicht beschönigt oder umschrieben, sondern sehr realistisch und schmutzig dargestellt. Vlad Taltos ist ein Zyniker, der meistens erst einmal vom Schlechtesten ausgeht und froh ist, wenn er eine Sache hinter sich gebracht hat, der seine schwarze Seele nicht hinter Masken versteckt und erschreckend ehrlich ist. Im Gegensatz dazu steht der naive und unerfahrene Savyn, der die Lektionen in seinem Leben erst noch lernen muss.

Das macht den besonderen Reiz dieses Romans aus, der zwar keine neue Geschichte, dafür aber aus einem besonderen Blickwinkel erzählt und über lebendige Menschen erzählt, die mehr als nur Archetypen oder oberflächliche Schemen sind, die die Handlung tragen.

Wer jedenfalls ein Faible für düstere, schmutzige Fantasy hat, ohne gleich mit exotischen Waffen durch actionreiche Blutbäder und Metzeleien waten zu wollen, der wird an Steven Brusts Romanen sicher seinen Spaß haben.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Ballard, Robert D. – Geheimnis der Titanic, Das

Die Riege der Unterwasserforschungs- und Wrack-Publikationen des Titanic-Entdeckers Robert D. Ballard wäre alles andere als komplett, wenn ich nicht auch seinen Bestseller und zugleich sein Erstlingswerk unter die Lupe nähme, das ihm seinen heutigen Ruf erst verpasst hat. Das Objekt seiner damaligen Begierde hingegen brauche ich ich wohl nicht näher vorstellen: Die RMS Titanic (RMS steht für „Royal Mail Ship“) manchmal in alten Quellen auch als SS Titanic bezeichnet (für „Steam Ship“, also Dampfschiff). Kaum ein Schiff und die es umwabernden Legenden hat die menschliche Phantasie in Sachen tragischer Unglücke so beflügelt wie diese eine Katastrophe. Mich fasziniert die Geschichte bereits seit meinen frühen Kindertagen. Bis heute ist das Interesse daran ungebrochen – und nicht nur meines.

_Der Autor_
Robert Dwayne Ballard ist eine feste Größe geworden, der besagte Fund hat den Grundstein gelegt für den umtriebigen Doktor der Woodshole Oceanographic Institution. Dabei ist er eigentlich Meeresgeologe, der einst das Terrain der Unterwasserlandschaften kartographierte und erforschte. Zum ruhmreichen Titel des Godfathers unter den heutigen Wrackfindern kam er wie die Jungfrau zum Kind. Seine Tätigkeit für die US-Navy und die Entwicklung damals revolutionärer Tiefsee-Forschungs-U-Boote brachte ihm die Anfrage ein, ob er sich – gesponsort vom amerikanischen Militär und einigen anderen – mit seinem hierfür zweckentfremdeten Equipment statt doofe Steine, sturzlangweilige Felsen und an Ödnis kaum zu übertreffende Unterwassergräben zu erforschen, nicht lieber auf die Suche nach dem berühmten Liner machen wolle. Zuvor war 1983/84 schon der Milliardär Jack Grimm zweimal mit seinen privat finanzierten, medienwirksamen Expeditionen gescheitert, wie Ballard später nicht müde wird hämisch zu sticheln.

Er hat es grade nötig. Ballard ist nicht unumstritten, vor allem die Franzosen werfen ihm vor, sie bei der Titanic-Expedition (die man gemeinsam unternahm, der Ruhm jedoch ging alleine an ihn) herzlichst über den Löffel barbiert zu haben. Zumindest waren sie die ersten, die es wagten, seinem neu erworbenen Hochglanzimage ein paar fiese Dellen zu verpassen. Übersteigerte, mediale Geltungssucht ist das Schlagwort. Wer dieses und seine anderen Bücher mehr oder weniger aufmerksam liest, wird feststellen, dass dies gar nicht so weit hergeholt ist. In der Tat ist Ballard ein tüchtiger und fähiger Wissenschaftler, doch der stetige Erfolg seines gepriesenen Suchsystems ist ihm seit damals irgendwie zu Kopf gestiegen. Und wie das so ist, dreht sich die Spirale seither munter weiter: Mit jedem weiteren Wrack wächst sein Ego näher heran an den schmalen Grat des Größenwahns. Kein Wunder, dass er von vielen einer Kollegen mittlerweile geschnitten wird. Derzeit sucht er übrigens die Arche Noah … Petri Heil.

_Unsinkbar – Das Schiff und seine Geschichten_
Eine Menge Mythen ranken sich um das berühmteste Passagierschiff seiner Zeit, das seine Jungfernfahrt von Liverpool nach New York am 14./15. April 1912 denkbar außerplanmäßig beendete. Die unsanfte Begegnung mit dem Eisberg und die darauf folgende Tragödie ist hinlänglich bekannt. Ihre Berühmtheit hat sich bis heute gehalten, zudem kann der Untergang als sicheres Ende des „vergoldeten Zeitalters“ angesehen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Technikgläubigkeit gerade in England schier grenzenlos. Beinahe täglich neue Erfindungen, die das Leben einfacher und komfortabler gestalteten. Der Mensch im sicheren Glauben, die Natur mit Ingenieurskunst auf ewig besiegen zu können – das musste ja irgendwann schief gehen. Ihre Erbauer haben sich eine Menge pfiffiger und bahnbrechender Details einfallen lassen und doch hat es nicht gereicht, um alle Eventualitäten auszuschließen.

Die Titanic war das ikonische Sinnbild dieser euphorischen Ära: Gebaut nach dem letzten Schrei der Technik, mit viel Wert auf pompösen Luxus – weniger jedoch auf Geschwindigkeit und (wie sich in der schicksalsträchtigen Nacht überdeutlich zeigt) auch weniger sicher respektive „unsinkbar“, als man glaubte. Dieses oft bemühte Adjektiv stammt übrigens aus der Presse seinerzeit, die Reederei widersprach dem Superlativ aus Werbegründen natürlich absichtlich nicht. Im Nachhinein konnten sie mit Fug und Recht behaupten, so etwas nie gesagt zu haben. Der Legendenbildung ist das fehlende Dementi aber vollkommen wurscht. Die Realität hat den Nimbus, dass „nicht mal Gott persönlich dieses Schiff versenken“ könne, zerstört. Quid ad est demonstrandum. Gott war dazu nicht nötig, ein popeliger Eisberg reichte vollkommen. Eine ganze Epoche ging nicht nur metaphorisch mit der Titanic baden und beendete die bedingungslose Technikgläubigkeit.

Eine ganze Latte Falschinformationen und Halbwahrheiten hat sich hartnäckig gehalten; so wird sogar heute noch vielenorts unterstellt, Captain E. J. Smith und der Vertreter der White-Star-Reederei Bruce Ismay wären auf das Blaue Band (die Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung) aus gewesen. Das ist mit Blick auf die vergleichsweise schwachen Triebwerke der Titanic ausgekochter Dummfug. Dazu wäre sie niemals in der Lage gewesen – wenngleich Ismay nachweislich wohl mehr als einmal gedrängt haben soll, etwas mehr Tempo zu machen, um früher als geplant in NY anzukommen. Das kann man nachvollziehen, bedeutete es doch eine gute Werbung im hart umkämpften Markt, wenn der prachtvollste Pott aller Zeiten das Manko, dafür aber eine eine lahme Schnecke zu sein, ein wenig ablegen könnte. Das Blaue Band jedoch war niemals ein Thema oder auch nur annähernd in Gefahr. Das hielt die Cunard Line mit ihren viel stärker motorisierten Schiffen „Mauretania“ und „Lusitania“ jahrzehntelang.

Klassendenken, zu wenige Rettungsboote (kurios, aber mehr als der Gesetzgeber damals forderte), ein zu nördlicher Kurs, ein fataler Denkfehler in der Konstruktion, fehlende Ferngläser im Ausguck, spiegelglatte See, ein Fahrfehler des Ersten Offiziers, ein Schiff, das nicht zur Rettung erschien – die oft strapazierte „unglückliche Verkettung von Ereignissen“-Liste ließe sich fast beliebig fortführen, um diese Tragödie zu erklären, die vor allem in den Reihen der Zweite- und Dritte-Klasse-Passagieren dem Sensenmann eine große Ernte bescherten, ja ganze Familien auslöschte. Geschichten von Heldenmut, Tragödien, „Be British!“-Gedröhn und eine Band, die bis zum allerletzten Vorhang spielte, sind durch Zeugenaussagen überliefert und haben die Zeit überdauert. Der eigentlichen Grund für das rasche Absaufen konnte nie befriedigend geklärt werden.

Die Untersuchungskommission kurz nach dem Desaster konnte kein Licht ins Dunkel bringen oder wollte es zum Teil auch gar nicht. Mochten sich Zeugen auch noch so widersprechen, man ignorierte es. Man hing einem sehr falschen Schadensbild nach, doch man konnte es in diesem speziellen Punkt wirklich nicht besser wissen. Woher auch? Zu guter Letzt beschuldigte man sogar den Kapitän eines offensichtlich in der Nähe befindlichen Schiffes der unterlassenen Hilfeleistung. Beweisen konnte man Captain Lord sein vermeintliches Fehlverhalten nie so recht. Aber man hatte immerhin schon mal einen publikumswirksamen Sündenbock, den man zumindest für einen Teil der Opfer verantwortlich machen konnte. Man beeilte sich seinerzeit auffällig, die Untersuchung zu einem schnellen Abschluss zu bringen, es ging aus wie das Hornberger Schießen.

Heute weiß man mehr. Der Schaden war eigentlich gar nicht so riesig. Kein 90 Meter langer Riss im Rumpf, sondern „nur“ viele kleine. Diese dafür an besonders prekären Stellen. Das reichte, um den Titanen zu Fall zu bringen. Der Rumpf ist entzwei gerissen, dessen Teile stehen 600 Meter voneinander entfernt auf Grund. Ballard rekonstruierte anhand der Fundlage und Schäden den Ablauf des Untergangs zum ersten Mal schlüssig. Eine ausgefeilte Theorie, die aufgrund ihres sehr hohen Wahrscheinlichkeitsgrades weiterhin Gültigkeit hat. Es kommt nach Bergung einiger Stahlproben vom Wrack (durchgeführt Mitte der 90er vom Discovery Channel – ohne Ballard) sogar eine neue Komponente hinzu: Der Werkstoff soll minderwertig und kältespröde sein, dass heißt bei Temperaturen unter 0° C besonders zum Bersten neigen. Ein weiterer Sargnagel für das Ende des Schiffes in jener kalten Nacht mit Wassertemperaturen um -2° C.

Wie man es dreht und wendet, lange Zeit gab die sagenumwobene Titanic massig Stoff für Spekulationen und ungelöste Rätsel her. Je weiter die Zeit voranschritt, desto wilder wurden die Phantasien. Clive Cussler hebt die Titanic in seinem gleichnamigen Roman gar und lässt sie – logischerweise „etwas“ verspätet, aber immerhin – gesteuert von seinem Lieblingshelden Dirk Pitt in New York einlaufen. In seinem Kielwasser hatten Hebe-Hypothesen Konjunktur, das „Wie?!“ reichte hier vom klassischen Ponton bis hin zu äußerst schrägen Lösungen. Die Japaner kamen auf die Idee, das Wrack mit Tischtennisbällen zu füllen und ihm dadurch Auftrieb zu verleihen. Das ist schon mal schräg. Getoppt wird dieser Plan aber davon, das gesamte Schiff mittels flüssigem Stickstoff in einen künstlichen Eisberg zu verwandeln und diesen dann nach dem Auftauchen in einen Hafen zu schleppen. Das ist zwar kreativ, aber schon nicht mehr schräg, sondern höchst skurril. Einen kleinen Schönheitsfehler hat diese ganze Vorschuss-Kreativität allerdings: Zu diesem Zeitpunkt ist das Wrack noch immer verschollen.

Finden wollte man sie seit langem, doch erst nach 77 Jahren wird der zerschmetterte Leib der Königin der Meere am 1.9.1985 aufgespürt – auch Ballard braucht zwei Anläufe, bis er das dunkle Massengrab in fast 4000 Metern Tiefe fast auf den letzen Drücker seiner Expedition ortet. Endlich ein paar greifbare und belastbare Fakten, die aus dem Schlick des Meeresbodens ans Tageslicht gelangen. Man könnte nun annehmen, dass jetzt mit der Gewissheit endlich Ruhe im Gerüchte-Karton herrschen würde. Weit gefehlt. Robin Gardiner und Dan van der Vat gossen zum Beispiel auch lange nach dem Fund noch viel Atlantik-Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker und fabulierten von einem gewaltigen Versicherungsbetrug der Reederei. Statt der Titanic soll ihr Schwesterschiff Olympic vor Neufundland liegen. Absichtlich versenkt. Klar. Man sieht, Unmengen an Publikationen und Ideen. Manches gut recherchiert, anderes purer Humbug.

Mit der Totenruhe des Wracks ist es seit Ballards erstem Besuch Essig. Unvorsichtigerweise posaunte er gleich nach dem Fund die tatsächliche Sinkposition gegenüber einem seiner Sponsoren aus, was diese nicht für sich behielten. Dank moderner Technik hat sich das Wrack seitdem zu einem ziemlichen Touri-Magneten entwickelt – sofern man die Kohle dafür hat. Telly Savallas moderierte eine Fernsehshow von dort aus und James Cameron tauchte hinab, um an authentisches Filmmaterial für seinen verkitschten Streifen zu kommen. (Die Untergangssequenz stützt sich aber zu hundert Prozent auf Ballards Theorie, was ihn alleine deswegen sehenswert macht.) Russen sowie die Franzosen haben sich auch schon mehrfach dort unten getummelt; obwohl die Wissenschaft gerne vorgeschoben wurde, nicht immer zum Besten der alten Lady. Die Schatzjäger haben Teile gehoben und durch schiere Unachtsamkeit vermeidbare Schäden verursacht. Die oft postulierten Schätze hat man trotzdem nie gefunden.

Dabei haben sie sich den Zorn der internationalen Gemeinschaft zugezogen, die der Meinung ist, dass die Grabschänderei ein Ende haben muss. Hier muss man Ballard zugute halten, dass er von Anfang an gegen eine kommerzielle Ausschlachtung des Schiffes war. Denn um nichts anderes handelt es sich. Mal abgesehen davon, dass solche Plünderungen auch immer gefährlicher werden. So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Wrack begünstigt durch den starken Rostbefall unter seinem Eigengewicht zusammenbrechen wird. Schätzungen zufolge verwandelt sich die bis jetzt noch halbwegs ansehnliche Bugsektion in einigen Jahren in einen unförmigen Trümmerhaufen. Der Zerfallsprozess hat ein fortgeschrittenes Stadium erreicht. Das infolge einer Implosion beim Untergang schon arg gebeutelte (und dadurch wesentlich schlechter erhaltene) Heck gleicht jetzt bereits einem Schlachtfeld aus verdrehtem, rostigem Metall.

Noch reckt die Titanic stolz und trotzig ihren steilen Bug aus dem Schlamm, in welchem sie in aufrechter Lage ihre vorletzte Ruhe gefunden hat. Ein gespenstisches Bild. Irgendwann wird sie auch den allerletzten Kampf verlieren: den gegen die omnipräsente Korrosion. Die Natur lässt sich nicht nur nicht besiegen, sie fordert unerbittlich auch alles wieder zurück, was man ihr entnommen hat. In diesem Fall vielleicht sogar mit einem ironischen, siegessicheren Lächeln. Der Kreis hat sich dann geschlossen, und nur noch ein riesiger Rostfleck in der ewigen Dunkelheit der Tiefsee wird zurückbleiben. Doch solange es eine Geschichtsschreibung gibt, existiert die gefallene Titanin in den Köpfen weiter und wird immer wieder zu ihrer schicksalsträchtigen Jungfernfahrt aufbrechen, von der es keine Wiederkehr gibt – als sinnbildliche Mahnung gegen menschliche Überheblichkeit und überkommenes Klassendenken.

_Das Buch_
Selbstverständlich rekapituliert ein solches Werk die Vorgänge von der Kiellegung über markante Wegmarken in ihrem recht kurzen Leben bis hin zum Untergang. Bis man allerdings bis zum fraglichen Teil des Fundes vorstößt, dauert es eine Weile und man muss Ballards Schwadroniererei hinsichtlich der Vorbereitung der Expedition und seines von ihm entwickelten Suchsystems über sich ergehen lassen. Inklusive einer ganzen Reihe technischer Defekte und der ersten fehlgeschlagenen Expedition unter seinem Kommando. Der Leser wird dröge in die hohe Kunst des „Rasenmähens“ eingeführt, ein guter Vergleich, wie ich finde. Hierbei wird der Meeresgrund tatsächlich streifenweise mit Sonar abgegrast. Ausgebrachte Transponder erlauben eine exakte Positionierung des eigenen Schiffes innerhalb dieses Sonar-Netzwerks, zusätzlich vertraut man auf GPS. Das hätte man aber getrost kürzen können und/oder stattdessen dem Wrack mehr Aufmerksamkeit widmen können. 252 Seiten sind für eine so umfangreiche Thematik, allein zur Titanic selbst, knapp bemessen.

Zugute halten muss man Ballard, dass diese ersten Suchfahrten zwar das Wrack zutage brachten, jedoch aufgrund widriger Umstände eine ausgiebige Begutachtung nicht zuließen. Erst 1989 kehrte er mit besserem Equipment noch einmal zurück und konnte zusätzliche Untersuchungen durchführen. Drucklegung der Erstveröffentlichung war aber schon 1987, also gut zwei Jahre nach dem spektakulären Fund und Auswertung der bisherigen Ergebnisse. Spätere Auflagen wurden mit den neueren Erkenntnissen bereichert und aktualisiert. Viel war das nicht, fügte aber weitere Puzzlesteinchen ins Bild, über die man vorher nur spekulieren konnte, die nun aber beweisbar wurden. Legendär ist Ballards Ausflug mit dem Tauchroboter „Jason“ in den großen Ballsaal, der erstmals faszinierende Einblicke ins Innere des Wracks gewährte. Vorher waren ihm nur Außenaufnahmen möglich gewesen.

Das Buch ist reichhaltig bebildert und lebt zum Teil alleine davon. Dies ist Ballards erste (und bis heute andauernde) Zusammenarbeit mit Illustrator Ken Marschall. Ein Glücksgriff. Niemand sonst versteht es, Wrack-Panoramen so akribisch-detailreich und stimmungsvoll mit dem Airbrush auf Leinwand zu bannen. Und das nur anhand von Beschreibungen und Bildausschnitten, denn man darf nicht vergessen, dass die Sichtweite des Lichtkegels in dieser Tiefe mit dem damaligen Equipment nur rund 15 Meter betrug. Zwei ausklappbare Panoramabilder zeigen seine eindrucksvolle Arbeit und auf den Rückseiten die Schnittzeichnung bzw. den Originalaufriss des Schiffes und eine Fotomontage des Ist-Zustandes aus der Draufsicht. Neben Marschalls zahlreichen Illustrationen sicher ein Highlight der Publikation. Der Text beinhaltet eine Menge interessanter Informationen und zeitgenössischer Darstellungen, hat aber einen leicht hochnäsigen und selbstdarstellerischen Unterton.

_Fazit_
Sieht man von der typisch Ballardschen Selbstbeweihräucherung mal ab, ist dies ein lohnenswertes Buch für alle, die sich für das berühmte Schiff und insbesondere das Wrack interessieren. Ballards Stil ist gewöhnungsbedürftig, das ändert sich mit erst mit späteren Projekten, bei denen er Rick Archbold als Redakteur, historischen Berater und Co-Autor stärker einbindet. Dieses Werk hier ist noch ziemlich Ballard pur, ohne Archbolds Feinschliff, mit allen seinen schon damals erkennbaren Schrullen – wenngleich der Vorfall mit den düpierten Franzosen immerhin Erwähnung findet und teilweise von ihm entschuldigt wird. Das muss man anerkennen, obwohl es sich aus seiner Feder naturgegeben anders darstellt. Bleibt zu erwähnen, dass die wertigere Hardcover-Ausgabe wegen der größeren Bilder vorzuziehen ist – beide Versionen sind mittlerweile out of print, jedoch sowohl als Hardcover als auch Taschenbuch immer noch recht problemlos erhältlich. Ein Dauerbrenner, wie das Thema an sich und Pflichtlektüre für Freunde („Fans“ erscheint mir in diesem Zusammenhang doch etwas pietätlos) der alten Lady.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Discovery Of The Titanic“
Ersterscheinung: 1987 – Madison Publishing Inc. / NY
Deutsche Ersterscheinung: 1987 – Ullstein / Berlin
Übersetzung: Ralf Friese und Jutta Wannenmacher
Zugrundeliegende Version: Hardcover / 7. Auflage 1993
Derzeit letzte Drucklegung: November 2000
Seiten: 252 / durchgängig bebildert + 2 ausklappbare Panoramen
ISBN: 3-550-07653-3 (HC) – out of print
ISBN: 3-548-23280-9 (TB) – out of print

Woodall, Clive – Vogelherz

_Kampf um Vogelland_

Das Böse ist lautlos und kommt scheinbar aus dem Nichts. Es ist schwarz, verschlagen und schattengleich: Es sind Elstern, treue Diener ihres Führers Slyekin, der ganz Vogelland mit Tod und Verderben überziehen lässt. Die Singvögel sind fast vollständig ausgerottet, die Elstern beherrschen den Himmel über den Menschenstädten. Sie haben unter anderem dem Rotkehlchen Kirrick alles genommen, was es auf der Welt liebte. Doch es nimmt den aussichtslos erscheinenden Kampf auf, Vogelland vor dem völligen Untergang zu bewahren. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der aus West-Irland stammende Autor Clive Woodall ist allein erziehender Vater und arbeitet als Supermarktangestellter irgendwo in der englischen Grafschaft Hertfordshire. „Vogelherz“ begann als Geschichte, die er abends seinen Söhnen erzählte. Zahlreiche englischen Verlage lehnten das Manuskript ab, bevor es zufällig in die Hände des Produzenten Frank Roddam gelangte. Der war so begeistert, dass er für „Vogelherz“ einen eigenen Verlag gründete und noch vor Erscheinen des Romans die Filmrechte in einem Millionen-Deal an Disney verkaufte. „Vogelherz“ erscheint in 20 Ländern. Der Autor arbeitet vorerst immer noch im Supermarkt, aber nur noch halbtags.

_Handlung_

Das Rotkehlchen Kirrick versteckt sich in einem Gebüsch und beobachtet wachsam den Himmel. Die Jäger sind ihm bereits dicht auf den Fersen: zwei Elstern, die mit ihrem schwarzen Schnabel tödliche Hiebe ausführen können. Von einem kleinen zarten Rotkehlchen würden sie nichts übrig lassen.

Kirrick ist, soweit er weiß, das letzte Rotkehlchen in ganz Vogelland. Seine Familie wurde von den Elstern ebenso ermordet wie fast alle anderen Singvögel. Die Elstern breiten sich und ihre finstere Macht immer mehr aus, spannen alle anderen Rabenvögel für ihre Zwecke ein, bis auch Amseln, Drosseln und selbst die verbreiteten Spatzen vertrieben oder ermordet sind. Den Menschen ist das gleichgültig, vielmehr sind Vögel für sie nur lästige Räuber, die ihnen das Saatgut aus der Ackerscholle stehlen.

Da Kirrick nichts mehr zu verlieren hat, beschließt er mit dem Mut der Verzweiflung, etwas gegen das Töten zu unternehmen. Sobald er den beiden Elstern um Haaresbreite entkommen ist, trifft er eine nette Haubentaucherin, die ihm vom Großen Rat der Vögel erzählt und ihm sagt, wo der Ratsälteste zu finden ist. Dieser weisen Eule namens Tomar klagt er sein Leid und kann ihn zum Verbündeten gewinnen.

|Die Mission|

Tomar schickt ihn auf eine scheinbar unmöglich zu erfüllende Mission. Auf drei schier endlosen Reisen muss Kirrick die Unterstützung der Falken, der Milane, der Adler des Nordens und der Seemöwen der Steilküste gewinnen. Doch wider Erwarten gewinnt Kirrick nicht nur deren Unterstützung, sondern auch die Liebe eines Rotkehlchenweibchens namens Portia, das ebenfalls schon dachte, das letzte Rotkehlchen auf der ganzen Welt zu sein.

|Die Jäger|

Dass die beiden ausgesandten Jäger nicht Kirrick, sondern ein Karnickel getötet haben, merkt aber ihr Hauptmann Traska nur zu schnell. Er lässt die beiden Unfähigen kurzerhand liquidieren. Alles andere hätte seine Autorität untergraben. Allerdings muss er sich nun selbst zum Rapport bei seinem Oberbefehlshaber begeben. Slyekin ist seinem Ziel, ganz Vogelland zu beherrschen, ein großes Stück nähergekommen. Er hat alle Elsternstämme unter sich vereint und die anderen Rabenvögel zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Singvögel sind praktisch ausgerottet, und während sich die Falken und Milane heraushalten, leisten nur die Adler des Nordens Widerstand. Aber das kann Slykin im Grunde schnuppe sein, denn die Adler sind viel zu wenige, um zu zählen.

Worauf es Slyekin wirklich ankommt, ist der Ältestenrat von Vogelland. Durch List, Tücke und brutale Gewalt lässt er ein Mitglied nach dem anderen entführen und in sein Hauptquartier schaffen. Sie sollen ihm alle am Tag des großen Festes, wenn er sich zum König von Vogelland krönen lässt, seine Zehen küssen!

Traska putzt er erst gehörig herunter, dann schickt er ihn auf zwei Geheimmissionen: 1) Kirrick muss gefunden und getötet werden, und 2) soll Traska den Ratsältesten Tomar festnehmen und herschaffen. Denn Slyekin war einst selbst ein Adept des Rates und kennt alle seine Geheimnisse. Wie wunderbar, dass er schon bald an den früheren hochnäsigen Lehrmeistern seine Rache vollziehen kann!

|Wunder dringend gesucht|

Während Traska von der armen Haubentaucherin, die Kirrick half, kaum etwas übrig lässt und eine andere Elster brutal vergewaltigt, um Kirricks Spur folgen zu können, scheint eben dieses Rotkehlchen an der Aufgabe, die Tomar ihm gestellt hat, zu scheitern: Die Falken und Milane wollen nichts von ihm wissen, und die Möwen stehen nur auf Fische.

_Mein Eindruck_

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Meine Inhaltsangabe betrifft also gerade mal das erste Drittel der ersten Hälfte des Buches. Der erste Teil ist wirklich ein fetziger Thriller, der es mit „Unten am Fluss“ von Richard Adams locker aufnehmen kann. Die Story folgt einem klassischen Muster und strebt einem geschickt vorbereiteten Finale zu: der Schlacht um Vogelland. Man kann sie sich wie die „Schlacht der Fünf Armeen“ in Tolkiens „Hobbit“ vorstellen. Hier enden aber schon die Parallelen, denn Bilbo Beutlin ist mit einer ganzen Schar Gefährten unterwegs, doch Kirrick, der Held, hat nur Portia und ein paar Ratgeber – das war’s.

|Zweiter Teil|

Der zweite Teil des Buch bildet die Fortsetzung, die sich in zwei oder sogar drei Handlungsstränge gabelt. Als Traska seinerzeit eine unschuldige Elster vergewaltigte, zeugte er einen Sohn, den seine Mutter zu ihrer Rache benutzte: Venga (von „revenge“, Rache). Während Traska eine zweite Schreckensherrschaft errichtet, sucht Venga nach ihm. Unterdessen versuchen Portia und ein Gefährte im Land jenseits des Meeres nach Vögeln, die das von allen Singvögeln leer gefegte Vogelland wieder besuchen und besiedeln sollen. Was aus Kirrick geworden ist, soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

|Englische Tierabenteuer|

Der erste Teil hat mir ausnehmend gut gefallen, denn Tierabenteuer können die naturverbundenen Engländer ausgezeichnet erzählen, sei es nun Richard Adams, Garry Kilworth – oder eben ein Supermarktverkäufer. Wie der Autor ausgerechnet auf Elstern als die neuen Nazis gekommen ist, bleibt sein Geheimnis, aber wenn man sich in unserer Natur ein wenig umschaut, ist auffällig, dass vor allem Krähen und Elstern unterwegs sind, darüber schwebt dann vielleicht noch ein Mäusebussard. Elstern sind im Unterschied zu Krähen ziemlich vorwitzige Vögel, die auch nicht vor einem Besuch im Vorgarten zurückschrecken. Die „diebische Elster“ ist nicht umsonst eine stehende Redewendung. Dass das Gehirn von Vögeln viel leistungsfähiger ist als man bisher annahm, hat sich erst vor kurzem herausgestellt.

|Der letzte Mohikaner|

Dass ein Einzelner gegen den Tyrannen antritt, ist ja nun nicht gerade die allerneueste Geschichte. Aber dass dieser letzte Mohikaner auf die Unterstützung von Bundesgenossen hoffen kann, ist offenbar keineswegs selbstverständlich. (Hier könnte man müßige politische Parallelen ziehen, aber das überlasse ich kompetenteren Leuten, die spekulieren wollen.)

„One for sorrow, two for joy“, heißt der Originaltitel. Um wirklich Auftrieb zu erhalten, ist die Liebe erforderlich. Portia ist Kirrick anfangs nur eine hilfreiche Gefährtin, doch daraus wird durch die gemeinsam überstandenen Gefahren mehr. Sie wird seine Frau und später Mutter von Kirricks Kindern, die nach seinem Tod den Kampf um Vogelland fortführt.

|Design|

Die duale Einheit aus Frau und Mann, aus Kämpfer und Gefährte wird im Buch-Design wiederholt und bekräftigt. Auf dem Cover und dem eingelegten Lesezeichen sind auf der Vorderseite jeweils ein schwarzer Flügel und auf der Rückseite ein weißer Flügel abgebildet – das erinnert an die Farben der Elster. Auf der Umschlagrückseite sind die zwei Flügel zusammengesetzt zu sehen: Erst jetzt kann das Paar einen Vogel durch die Luft tragen. Mich erinnert dieses Schwarzweiß-Design an das chinesische Yin-Yang-Symbol, das unter anderem auch die Einheit des Männlichen und Weiblichen symbolisiert.

|Schwächen|

Dass das Buchmanuskript von allen Verlagen abgelehnt wurde, liegt höchstwahrscheinlich an den ein oder zwei Vergewaltigungsszenen. So etwas möchte man den Kids offenbar nicht zumuten. Diese Haltung befindet sich im Widerspruch zur englischen Realität, in der auch junge Mädchen (und Jungs) zu Opfer von Vergewaltigung und Schlimmerem werden. Allerdings kann man sich solche brutalen Akte in einem Harry-Potter-Roman nicht vorstellen. Deshalb gehen die Verlage lieber auf Nummer Sicher, um sich den Erfolg nicht zu verbauen. Ob der familienbewusste Filmkonzern Disney eine Vergewaltigung im geplanten Filmprojekt zu zeigen wagt, möchte ich doch stark bezweifeln.

Zur Übersetzung brauche ich nicht viel zu sagen, denn sie schlichtweg makellos. Über den einen oder anderen Druckfehler kann man getrost hinwegsehen.

_Unterm Strich_

Das Tierabenteuer „Vogelherz“ eignet sich meiner Meinung nach erst ab 15 Jahren, denn all die Grausamkeiten, die hier von den brutalen Elstern begangen werden, würde ich nie einem jüngeren Kind zumuten wollen. Aber Kinder ab diesem Alter dürften sich vor allem auf die spannenden Abenteuer Kirricks und seiner Gefährtin Portia konzentrieren und sich damit bestens unterhalten fühlen. Der zweite Teil fällt ein wenig dagegen ab und ist mit seiner komplizierteren Struktur etwas anspruchsvoller. Aber ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, indem ich das Buch las. Es ist halt immer schön, wenn Tyrannen verlieren und untergehen – gerade dann, wenn sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht wähnen. Sauron und Gandalf lassen schön grüßen.

|Originaltitel: One for sorrow, two for joy, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Anja Schünemann|

Gary Braver – Das Elixier

Das geschieht:

1980 spürte Biochemiker Dr. Christopher Bacon im Dschungel von Papua-Neuguinea heilsamen Pilzen nach, Weil er dabei seinem einheimischen Begleiter, dem Schamanen Iwati, das Leben rettete, weihte ihn dieser in das Geheimnis der Tabukari-Pflanze ein, die dem Menschen Unsterblichkeit schenkt; er selbst sei auch schon 130 Jahre alt, eröffnete Iwati damals dem staunenden Freund.

Sechs Jahre später tüftelt Bacon immer noch an einer Version des Wundermittels, das er „Tabulon“ nennen möchte. Inzwischen werden seine Labormäuse steinalt. Bacon würde gern selbst die eigene Medizin versuchen, gäbe es nicht hässliche Nebenwirkungen gäbe: So manche Maus holt plötzlich die Zeit ein, die sie dank Tabulon betrügen konnte. Das Ende ist ebenso spektakulär wie tödlich, was Bacon klugerweise zur Zurückhaltung mahnt. Allerdings muss er erfahren, dass ihn sein alter Freund und Mitforscher Dexter Quinn, den er als einzigen ins Vertrauen zog, schnöde hinterging: Quinn hat sich heimlich Tabulon injiziert. Die Wirkung entsprach tatsächlich dem Sturz in den Jungbrunnen, bis es ihm eines Tages ergeht wie besagten Mäusen. Gary Braver – Das Elixier weiterlesen

Astin, Sean / Layden, Joe – There and back again

Der Darsteller des Samweis Gamdschie in Peter Jacksons modernem Filmklassiker „Der Herr der Ringe“ erzählt von seinen Erlebnissen und Gedanken vor, während und nach den Dreharbeiten, für die er rund zwei Jahre in Neuseeland verbrachte.

_Der Autor_

Sean Astin, geboren Anfang der 70er Jahre, stand schon mit acht Jahren vor der Kamera eines TV-Studios in Hollywood und spielte eine Rolle neben seiner Mutter. Auch sein Vater John Astin ist ein (in den USA) bekannter Schauspieler. Aufgrund dieses Hintergrunds gewöhnte sich Sean schon früh und ganz selbstverständlich an den Besuch von zahlreichen Filmgrößen in seinem Elternhaus. Daher war es für ihn keine Frage, dass er bald ebenfalls im Geschäft sein würde und fing alsbald an, zu fotografieren oder einen Amateurfilm zu drehen. Los Angeles und Hollywood boten das richtige Klima dafür.

Dabei blieb es nicht, denn – egal, ob aus Ehrgeiz oder wegen familiären Gruppendrucks – er spielte nicht nur Rollen als Schauspieler (als Kinderstar in „Die Goonies“, ein Spielberg-Film!), sondern arbeitete an Drehbüchern (Warren Beatty) mit und begann, seine eigene Produktionsfirma Lava Films aufzubauen. Für den Film „Rudy“ erhielt er sogar eine OSCAR-Nominierung. Und er fragte sich, warum er für die Rolle des Sam Gamdschie nicht auch eine bekommen sollte – oder gar die begehrte Trophäe selbst? Astin ist mit Christine verheiratet und hat zwei süße Töchter, Alexandra (Ali) und Elizabeth.

Diesen Background sollte man beachten, wenn man seine Biografie liest. Denn genau das ist das Buch und nicht etwa ein weiteres Making-of von „Der Herr der Ringe“.

Joe Layden, laut Verlag ein „preisgekrönter Journalist“, hat über 30 Bücher verfasst, u. a. „The Rock Says“ (gemeinsam mit dem Wrestler und Schauspieler Dwayne ‚The Rock‘ Johnson), das angeblich fünf Monate lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“ stand.

_Inhalt_

Am Anfang hofft der Leser noch, dass der Autor schnell zur Sache kommen wird: nämlich auf seine Mitarbeit an „Herr der Ringe“. Falsch gedacht. Wenige Seiten später sieht man sich schon tief in die biografischen Details verwickelt, die der Autor chronologisch ausbreitet. Dann hofft man, dass dieser „Exkurs“ in die Biografie bald vorüber sein möge – vergebliche Hoffnung. Dieser Exkurs dauert etwa 70 Seiten, bis erstmals das H-Wort fällt: „Herr der Ringe“. Peinlich: Astin hatte noch nie etwas davon gehört, geschweige denn eine Zeile davon gelesen. Selbst den „Kleinen Hobbit“ verwechselt er mit etwas anderem. Aber Hauptsache, seine Agentin glaubt, dass er für Jacksons Mammutprojekt Feuer und Flamme ist.

Erst um die Seite 120 herum, also nach dem ersten Drittel, geht das HdR-Projekt einigermaßen los. Astin hat zweimaliges Vorsprechen hinter sich, doch weil er so rank und schlank ist, zweifelt Jackson, ob Astin einen dicken Sam spielen könne. Flugs werden einige Archivaufnahmen eines übergewichtigen Sean Astin hervorgekramt und mit flehendem Brief nach Neuseeland geschickt. Es klappt, und Astin kriegt einen ellenlangen Vertrag, der ihn zu hundertprozentiger Anwesenheit für 18 Monate verpflichtet – dieser Film sollte besser wirklich gut werden, sonst kann er seine Karriere abschreiben. Danach folgen seltsame Drehbücher mit dem ulkigen Titel „Jamboree“. Auch dies dient der Geheimhaltung des Projekts und dem Schutz des geistigen Eigentums von |New Line Cinema|. Astin entsagt allem gewerkschaftlichen Schutz, der in L. A. die Projekte so unglaublich verteuert – sonst hätte das HdR-Projekt das Dreifache gekostet.

Neuseeland – Astin kommt mit Frau Christine und Tochter Ali an und wird erstmal in sein bescheidenes Quartier gesteckt. Auch die Studios sind nicht sonderlich glamourös: eine ehemalige Farbfabrik im Industrieviertel von Wellington. Von Containern können die Darsteller bald in Wohnwagen umziehen, immerhin. Viel wichtiger sind aber die Leute, mit denen Astin zusammenkommt, allen voran Peter Jackson und den beiden Drehbuchautorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens. Am besten kommt Astin mit Elijah Wood zurecht, den er schon L. A. beim Perückenmacher getroffen hatte. Die enge Frendschaft kommt auch im Film „Die Rückkehr des Königs“ gut zur Geltung.

Schon bald hat Astin aber ein massives Problem: Er ist unterbeschäftigt. Und das, obwohl er schon morgens um 4:30 Uhr aufstehen muss, um sich dann drei Stunden lang Ohren und Füße anpassen zu lassen. Und das, während seine Produktionsfirma brach liegt und die Hypotheken für sein neu gekauftes Haus fällig werden. Dieser Zwiespalt zwischen unterfordertem Schauspieler und nicht realisiertem Regisseur/Produzenten zieht sich durch das gesamte mittlere Drittel des Buches – eine unangenehme Quelle des Frustes für Astin wie auch für den Leser, der etwas anderes erwartet hat.

Das letzte Drittel befasst sich in erster Linie mit den Folgen des Films und seines anschließenden Megaerfolgs auf Astin, seine Umgebung und die (Medien-)Welt im Allgemeinen. Astin nennt auch nicht so angenehme Folgen, wie etwa die massive Beschneidung seiner Privatsphäre überall dort, wo er hinkommt. Wer aber erwartet hat, dass er auch sagt, wie viel der dritte Film eingenommen hat, sieht sich enttäuscht. Auch das ist geheim, Leute. Aber man kann sich an fünf Fingern ausrechnen, dass New Line Cinema für jeden Dollar, den es in das Projekt gesteckt hat, mindestens zehn Dollar wieder herausbekommen hat – wahrscheinlich sogar viel mehr, wenn man die DVDs dazurechnet. Von seiner Prämie, so rutscht es Astin einmal in einer Talkshow heraus, könnte er sich ein weiteres Haus kaufen …

Das Buch wurde im Frühjahr 2004 abgeschlossen, das heißt, dass die DVD sowie die Special Extended DVD zum dritten Film noch in die Video-Läden kommen mussten. Aber die Oscar-Nacht am 29. Februar 2004, in der „Die Rückkehr des Königs“ elf Trophäen abräumte – u. a. für das beste „Ensemble“ -, wird noch ausgiebig berücksichtigt. Astin selbst ging leer aus, aber hey, das ist ein Ensemble-Film, nicht wahr? Das sieht er auch so.

_Die Fotos_

… sind vielleicht das Beste am ganzen Buch. Auf acht Seiten findet der Leser hier eine ganze Menge Vierfarbfotos von den Dreharbeiten. Natürlich ist meist der Autor mit seiner Familie zu sehen, aber oft auch die anderen Hobbits und einmal sogar Ian McKellen im Tattoo-Studio, über das sich Astin des Langen und Breiten auslässt.

_Mein Eindruck_

„There and back again“ – der Titel ist dem Untertitel von Tolkiens Kinderbuch „Der Hobbit“ entnommen und assoziiert dementsprechend ein Bild von einem Hobbit, der sich aufmacht, einen Auftrag auszuführen (Bilbo als Meisterdieb, Astin als Darsteller des Samweis), aber alsbald in abenteuerliche Turbulenzen gerät und froh sein kann, wieder lebendig nach Hause zu gelangen. Wenn man dem Autor glauben will, so hatte er wirklich eine harte Zeit bei den Kiwis. Böse Zungen wären allerdings froh, wenn er dort am Rande der Welt geblieben wäre.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Einerseits-andererseits-Eindruck.

Einerseits wird schnell deutlich, dass Astin ein Profi im Geschäft ist, der sich gegen die Konkurrenz ständig durchsetzen muss. Am Set der Dreharbeiten darf er jedoch nur Schauspieler sein, sonst nichts. Immerhin verhilft ihm sein Background dazu, die Dreharbeiten um einiges kritischer zu betrachten und realistischer zu beurteilen, als es die von |New Line Cinema| lizenzierte Literatur bislang zugelassen hat. Die Bücher von Jude Fisher, Brian Sibley und selbst jenes lustige von Andy „Gollum“ Serkis sind allesamt durch die Zensur des Studios gegangen und entsprechend euphorisch über das Produkt und seine Entstehung.

Astins Buch bedeutet das Ende der Schonzeit und räumt mit manchen euphemistisch dargestellten Details auf. So etwa war der Aufenthalt bei den Kiwis zwar schon auch anregend, aber keineswegs die Sensation, sondern vielmehr auch eine Plackerei – und eine gefährliche obendrein. Der Autor setzt mit Fug und Recht voraus, dass der Leser, also ein Fan des Films, eh schon die Dokumentationen auf den drei Special Extended Editions der DVDs kennt. Von daher ist bekannt, dass Astin ein vorsichtiger Zeitgenosse ist, der sich der Gefahren, die am Set lauern, bewusst ist. Oft als überängstliches Dickerchen belächelt, wurde er jedoch selbst Opfer eines Arbeitsunfalls.

Als Sam am Schluss des ersten Films Frodo in den See am Wasserfall folgt, passierte es Astin beim ersten Take, dass er in eine Scherbe oder einen Ast trat (er weiß bis heute nicht, was das war), dieses Ding seinen Fuß mitsamt Prothese durchbohrte und er wie ein Schwein blutete. Ein Heli brachte ihn ins Krankenhaus. Elijah Wood passierte hingegen nie etwas, obwohl er offenbar der Übermütigste von allen Darstellern war.

Breiten Raum nehmen Astins Beschreibungen der wichtigsten Darsteller sowie des Regisseurs ein. Das ist vielleicht mit der interessanteste Teil, denn auch hier werden dem Leser einige Illusionen über den guten Charakter verschiedener Schauspieler genommen. Darunter sind durchaus Berühmtheiten wie etwa Ian Holm, der andere Ian, nämlich McKellen, John „Sallah“ Rhys-Davies, Bernard Hill, Viggo Mortensen usw. Der Einzige, der überhaupt nicht erwähnt wird, ist Hugo Weaving, obwohl Elrond ja die Ratssitzung leitet, die den Dreh- und Angelpunkt des ersten Films bildet. Dafür schildert Astin genau die großen Probleme, die Jackson & Co. bei dieser Szene bewältigen mussten.

Die Bemerkungen dazu verraten einen Mann vom Fach, der Ahnung von so etwas hat, und sich durchaus eine Beurteilung von Jacksons Arbeit daran erlauben kann. Diese Freiheit hat sich zuvor niemand herausgenommen. Astins Kurzfilm „The Long and the Short of It“ dient als Beleg für seine Fähigkeiten: Jackson, Kameramann Lesnie, Serkis wirkten daran mit – keine schlechte Referenz.

|Andererseits|

Leider gibt es eine ganze Menge „andererseits“-Punkte, und ich weiß kaum, wo anfangen. Astin mag zwar ein Profi sein, aber das Bild, das er vor uns – vielleicht in selbstironischer Absicht – von sich entstehen lässt, ist das des Gegenteils. Astin zeigt sich dermaßen als rühmsüchtiger, aber verunsicherter und allzuoft mit psychologischer Blindheit geschlagener Underdog, der unbedingt nach oben will, dass man häufig nur den Kopf schütteln kann.

Ich habe mich am Schluss gewundert, dass Astin so viele Fehler zugibt, mit denen er Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen hat. Und dazu zählt nicht nur so mancher Kollege (der ihm gleich Bescheid gestoßen hat), sondern auch seine eigene Frau und sogar „die Hand, die ihn gefüttert hat“, nämlich Peter Jackson. Wie er das gemacht hat, werde ich nicht aufzählen – die Liste ist schier endlos. Aber er hat sich immer entschuldigt, was man ihm hoch anrechnen muss. Und am Ende einer monatelangen Promotion-Tour durch amerikanische TV-Sender kann einem schon mal eine Bemerkung rausrutschen, für die man sich später, wieder halbwegs bei Bewusstsein, gewaltig in den Hintern treten würde. Hat er dann ja auch getan.

Was aber für den Leser unverzeihlich ist, ist erstens die ständige Lobhudelei, die er für andere Kollegen vom Fach äußert, sei es Spielberg, sei es Jackson, seien es liebe Schauspielkollegen wie Dominic „Merry“ Monaghan oder Billy „Pippin“ Boyd. Astin wirft mit so vielen Superlativen um sich, dass diese Münze schon bald ihres Glanzes beraubt ist: unglaublich, enorm, absolut, fabelhaft und ähnliche Hülsen lassen den Autor schon bald unglaubwürdig klingen.

Und zweitens wirkt dieses Austeilen von Lob so, als habe er es nötig und erniedrige sich dafür. Die anbetende Demutshaltung wird nirgends so deutlich wie beim Besuch von Sir Edmund Hillary, dem Erstbesteiger des Mount Everest und einem würdigen Ritter des Königlichen Hosenbandordens (dem weltweit nur 20 Personen angehören dürfen, plus der Queen natürlich). Die DVD-Doku dazu spricht Bände, deshalb brauche ich das hier nicht zu vertiefen. Hier ist die Verehrung vielleicht angebracht, doch der Ton macht die Musik, und der ist definitiv nicht angebracht. So manches Mal wünschte ich mir, ein souveräner Autor mit 20 Jahren mehr Lebenserfahrung hätte als Erzähler fungiert.

Im ersten Drittel habe ich mich regelrecht aufs Kreuz gelegt gefühlt. Es ist zwar legitim, dass ein Schauspieler von seiner bisherigen Laufbahn erzählt, aber nicht so hinterrücks, als habe er es nötig, seine Ego einzuschmuggeln, wenn der Leser doch gespannt auf die heißen Gerüchte und Storys vom Dreh des Megafilms „Herr der Ringe“ wartet. Ich habe frustriert die meisten Seiten überschlagen, bis ich endlich auf das ersehnte Stichwort stieß. Auch dann dauert es noch eine Weile, bis es endlich losgeht in Neuseeland. Es ist schon ein Kreuz. Aussagekräftige Kapitelüberschriften wären eine große Hilfe gewesen. Doch es wird einfach durchgezählt, von eins bis 19 plus einem Epilog.

_Die Übersetzung_

Meine Zweifel an der Qualität der Übersetzung begannen bereits auf Seite 9 zu keimen, als die Rede von einem Vietnam-Veteranen ist, der von „Südwestasien“ erzählt. Wo, bitte schön, soll denn „Südwestasien“ liegen? Gemeint ist natürlich SüdOSTasien, und das passt dann auch zu Vietnam.

Auf den Seiten 94 und 95 soll Sam für die Rolle eines Hobbits einen Akzent aus Merry Old England erlernen – nicht ganz einfach für jemanden, der immer nur Westküstenamerikanisch gesprochen hat. Für mich als Sprachwissenschaftler stellte sich die Frage: Erlernt Astin einen Akzent oder einen Dialekt? Für Nichtlinguisten grenzt die Frage wahrscheinlich an Haarspalterei, aber für Linguisten besteht doch ein Unterschied zwischen Kategorien. Jedenfalls werden diese Kategorien nicht ganz sauber gehandhabt. Ich will das aber nicht weiter vertiefen, sonst müsste ich hier eine Abhandlung schreiben.

Echt schräg fand ich hingegen die Vorstellung, das Landei Sam Gamdschie solle einen Dialekt sprechen, der aus der Großstadt London kommt und nur in der Arbeiterklasse gesprochen wird: Cockney. Gottseidank wurde dieser Plan fallen gelassen. Nun spricht Sam Englisch aus der ländlichen Grafschaft Gloucestershire – sehr passend.

„Edgar Allan Poe“ wurde natürlich falsch geschrieben: Allen statt Allan (S.140). Dieser Fehler ist weit verbreitet, weil man den Mittelnamen für einen Vor- statt einen Nachnamen hält. Etwas erstaunlicher ist schon die Schreibweise der weltbekannten Kostümbildnerin des „Herrn der Ringe“-Projekts: Sie soll auf einmal Ngila „Dixon“ statt „Dickson“ heißen (S. 148). Die rumänische Landschaft „Wallachei“ (S.181) hat ihren Namen nicht von einem kastrierten Hengst, so viel sollte klar sein.

Dass auch die Korrektoren nach 200 Seiten schlapp machten, scheint mir dieser Satz auf Seite 207 zu belegen: „Das war stand nie außer Frage.“ Ein ähnlicher Fall findet sich auf Seite 224: „…, und im Endeffekt sie wurde verworfen.“

Dass man zwischen Komponisten und Composern (S. 217) den Unterschied wissen und kenntlich machen sollte, ist eigentlich selbstverständlich, aber die Übersetzung schmeißt sie auf Seite 217 durcheinander. Da werden Composer zu Komponisten gemacht, und der Leser fragt sich, was Cutter mit Komponisten gemein haben. (Composer arbeiten am digitalen Bild, so etwa bei CGI und Animationen.)

Wahrscheinlich wollte ich danach nur noch die Ziellinie erreichen, denn ich habe keine weiteren Bugs mehr vermerkt. Die Liste ist ja eh schon lang genug, oder?

_Unterm Strich_

Das Buch eignet sich ausschließlich für Fans der drei „Herr der Ringe“-Filme und vielleicht des Regisseurs und des Autors. Sie erfahren mehr über die genannten Dinge und Personen sowie etliche Details, die über die Kollegen Astins so konzentriert noch nicht verlautbart wurden, sondern allenfalls verstreut in Internetforen, TV-Sendungen, Dokus, Interviews und Magazinartikeln zu finden waren.

Auf geschwätzige und lobhudelnde Weise lässt sich Astin vor allem ständig über sich selbst aus, statt sich auf seine Umgebung zu konzentrieren und dahinter zurückzutreten. So aber betrachten wir alles durch seinen Blickwinkel, seine Brille, und fragen uns, ob das die Wahrheit ist. Und es ist nicht einmal eine interessante Art von Wahrheit (die vielleicht nur eine Chimäre ist), sondern eine bis zum letzten Tropfen ausgepresste Art von Wirklichkeit aus subjektiven Erlebnissen. „An Actor’s Tale“ fürwahr! Ein Garn, von dem gut und gerne ein Drittel verzichtbar ist.

Das Buch selbst bietet kein Stichwortverzeichnis, keine Inhaltsangabe (da die Kapitel keine Überschriften tragen), nicht einmal einen Teil der Besetzungsliste und des Mitarbeiterstabs an dem HdR-Projekt. (Dann wäre man vielleicht darauf gekommen, dass es keine „Ngila Dixon“ gibt, sondern nur eine „Ngila Dickson“.) Ein Trostpflaster bildet der achtseitige Fototeil in der Mitte des Buches, der wirklich schöne und persönliche Aufnahmen zeigt: einen dünnen Sean Astin und einen Elijah Wood mit Brille. Aber wieso weist das Treppenhaus von Barrie Osborne, dem Produzenten, eine Feuerwehrstange auf?

|Originaltitel: There and back again – An Actor’s Tale, 2004, St. Martin’s Press, New York City|
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anne Litvin|

Isau, Ralf – geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz, Die (Die Legenden von Phantásien)

Eine von Karl Konrad Koreanders herausragendsten Eigenschaften ist seine Liebe zu Büchern. Eine weitere ist die Tatsache, dass er sich selbst so gut wie gar nichts zutraut und deshalb möglichst vermeidet, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Außerdem neigt er dazu, unbequeme Fragen zu stellen, was allerdings weniger auf Mut als auf Unbedachtheit zurückzuführen ist.
Dem Antiquar Thaddäus Tillmann Trutz jedoch scheinen die Fragen des jungen Mannes zu gefallen. Und auch seine Antworten. Er bietet ihm eine Stelle in seinem Laden an mit der Option, sein Nachfolger zu werden. Koreanders kühnste Träume scheinen wahr zu werden. Doch dann ist der alte Mann plötzlich verschwunden! Und die Generalvollmacht für den Laden ist nicht unterschrieben. Formaljuristisch ein wertloser Fetzen Papier, wie ihm Trutzens Notar versichtert. Doch Herr Trutz war ein sehr kautziger alter Mann, und dementsprechend sieht auch das Testament aus. Koreander macht sich auf Empfehlung des Notars auf die Suche nach Herrn Trutz.
Das Antiquariat des Herrn Trutz stellt sich als überraschend weitläufig heraus, und die Bücher als äußerst ungewöhnlich. Als Koreander dann auf ein kleines Männlein trifft, das aussieht wie ein Bleistift und ihm erklärt, Herr Trutz sei in einer Welt namens Phantásien verschollen und außerdem die Bücherei bedroht durch ein geheimnisvolles Nichts, ist er überzeugt zu träumen. Nur deshalb lässt er sich überreden, selbst nach Phantásien zu gehen. Dort angekommen, gerät seine Überzeugung zu träumen schon bald ins Wanken …

Aufgrund dieser Angaben könnte man jetzt einen billigen Abklatsch der „Unendlichen Geschichte“ erwarten. Ist es aber nicht.
Die Intention der Legenden von Phantásien war es nicht, „Die unendliche Geschichte“ fortzusetzen, sondern eigene Geschichten mit eigenen Ideen zu verfassen und damit das Land Phantásien jedes Mal ein wenig bunter, lebendiger und vielfältiger zu machen. Wichtige Figuren aus der „Unendlichen Geschichte“ dürfen deshalb höchstens am Rande vorkommen. Ralf Isau hat sich vorbildlich an diese Vorgaben gehalten. Außer seinem Helden Koreander, der in der „Unendlichen Geschichte“ nur eine kleine Randfigur ist, kommen in seinem Buch nur noch der Gmork und Xayide vor, Letztere nicht einmal in Person, sondern nur als Abbild.

Isaus Koreander ist ein recht liebenswerter Held mit dem Herz auf dem rechten Fleck, ein wenig unschuldig und noch weit weniger bärbeißig als zu Beginn der „Unendlichen Geschichte“. Seine schlechte Meinung von sich selbst hindert ihn nicht daran, dem verschollenen Herrn Trutz nachzueilen, und sei es zunächst auch nur wegen der fehlenden Unterschrift. Gleich sein erster Schritt nach Phantásien führt ihn in ein Abenteuer, und obwohl er nur ungern Entscheidungen trifft, heißt das nicht, dass er es nicht kann, wenn es drauf ankommt! Noch eine ganze Weile hat er mit seinem eigenen Unglauben zu kämpfen, man könnte es auch Realitätssinn nennen, und doch verändert er sich ganz allmählich. Wie Herr Trutz so treffend feststellte: Phantásien verändert jeden. Angenehmerweise hat der Autor seinen Helden aber keinen strahlenden Übermenschen werden lassen, sondern ist im Rahmen der Glaubwürdigkeit geblieben.

Abgesehen davon hat Ralf Isau Phantásien um ein paar wirklich bemerkenswerte Ideen bereichert, so zum Beispiel das Haus der Erwartungen mit der Hexe Hallúzina, oder die Wolkenstadt mit dem König Kummulus und seiner Imaginárien-Sammlung, oder die beiden steinernen Hände Lux und Nox; mal verspielte, mal philosophisch angehauchte Stationen auf dem Weg zur Lösung des Rätsels um das Nichts.
Auf Atréjus Frage, was das Nichts denn nun sei, ließ Michael Ende den Gmork antworten, das Nichts sei die Weigerung der Menschen, an die Existenz Phantásiens zu glauben, die Tatsache, dass sie sich nur noch um die Realtität, nicht mehr um ihre Träume und Wünsche kümmerten. Bei Ralf Isau ist das Nichts gleichgesetzt mit dem Verschwinden von Büchern aus der Phantásischen Bibliothek und im Weitergedachten mit dem Diebstahl und Wegsperren von Ideen und Gedanken, was durchaus eine weitgehende Entsprechung zu Michael Endes Aussage bedeutet. Nur ist es in diesem Fall nicht damit getan, ein Menschenkind nach Phantásien zu bringen, das der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Hier müssen auch die Bücher gerettet werden. Die Bedrohung ist also nicht unbedingt in der Masse der Menschen zu suchen, die sich für Phantásien nicht mehr interessieren, sondern eher in einigen wenigen, die diktieren wollen, was die Masse denn zu denken hat. Nicht umsonst ist Isaus Geschichte in den Enddreißigern des 20. Jahrhunderts angesiedelt!

„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erzählt also sozusagen die Vorgeschichte zur „Unendlichen Geschichte“, was durchaus gut gemacht ist. In vielen kleinen Einzelheiten knüpft der Autor an den Vorgänger an, so in seiner Beschreibung des alten Karl Koreander in der Spiegelwabe und in seiner Angewohnheit, „ach du liebes Bisschen“ zu sagen, in Koreanders Schwert, in der Funktionsweise des Aufzugs im dunklen Elfenbeinturm und darin, etwas durch Namensgebung zu bewirken, und nicht zuletzt in der Beschreibung des roten Buches mit dem Auryn auf dem Buchdeckel. Er erreicht dadurch, dass die Geschichte einerseits eigenständig, andererseits aber auch in den großen Kontext eingebunden ist, und der Leser hat bei der Lektüre unwillkürlich den Eindruck, als hätte er beim Puzzlen ein weiteres Teil gefunden, das wirklich genau passt.
Oder fast genau. Denn ein paar kleine Logikfehler sind doch hängen geblieben, der Teufel steckt eben meist im Detail!

Nach der „Unendlichen Geschichte“ ist zum Beispiel die Bezeichnung goldäugige Gebieterin ein Titel der Kindlichen Kaiserin, kein Name. Nach Isau hat Herr Trutz der Kindlichen Kaiserin diesen Titel als Namen gegeben, was auch deshalb nicht stimmen kann, weil die Kindliche Kaiserin von Koreander einen neuen Namen braucht, und den braucht sie immer dann, wenn der vorige in Vergessenheit geraten ist.
Auch fragte ich mich, woher Herr Trutz all seine vergessenen Erinnerungen zurückbekommen hat. Laut Michael Ende kann ein Menschenkind seine vergessenen Erinnerungen nur durch das Wasser des Lebens zurückerhalten. Herr Trutz dagegen musste nur die Spiegelwabe im Haus der Erwartungen betreten.
Im Hinblick auf die Gesamtheit des Buches seien diese kleinen Schnitzer aber gern verziehen.

Die Prämisse für die Legenden von Phantásien, nämlich eine gute Geschichte zu erzählen und gleichzeitig der Welt Michael Endes weitere fantasievolle Wesen, Orte und Dinge hinzuzufügen, hat dieser Band in jedem Fall erfüllt, und, indem er nicht völlig losgelöst von Bastians Geschichte dasteht, sondern sich behutsam daran angebunden hat, sogar noch ein bisschen mehr. Auch das Layout des Buches – Design, Leseband – ist schön und liebevoll gemacht, allerdings ist der Einband nicht abwischbar. Penible Leser waschen sich also die Finger und nehmen zusätzlich vor dem Lesen den Schutzumschlag ab!
„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ ist ein gelungener Einstieg in die Legenden von Phantásien, der selbst Skeptiker überzeugen dürfte. An weiteren Bänden in dieser Reihe sind bisher erschienen: „Der König der Narren“, „Die Seele der Nacht“, „Die Verschwörung der Engel“, „Die Stadt der vergessenen Träume“ und „Die Herrin der Wörter“.

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing, weil er seiner damals neunjährigen Tochter ein Buch versprochen hatte. Letztlich wurde die Geschichte aber so uferlos, dass er eine neue, kürzere begann, fertig schrieb und selbst band. Diese erschien 1994 unter dem Titel „Der Drache Gertrud“ als Bilderbuch, und ein Jahr später auch die uferlose Geschichte unter dem Titel „Die Träume des Jonathan Jabbok“ – die Neschan-Trilogie. Seither hat Isau noch weitere Jugend- und inzwischen auch Erwachsenenbücher geschrieben, darunter „Der Leuchtturm in der Wüste“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Der Herr der Unruhe“.

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19642-7

http://www.droemer-knaur.de/home
http://www.isau.de/index.html

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Murphy, Pat – Geisterseherin, Die (Magic Edition Band 1)

„Magic Edition“ ist eine weitere neue Reihe des [BLITZ-Verlages,]http://www.blitz-verlag.de und mit diesem Buch startet sie exquisit. Pat Murphy versteht es, faszinierend, spannend und berührend zugleich zu erzählen. Faszinierend: denn die Handlung ihres Buches dreht sich um die Maya-Kultur. Spannend: denn in den Ruinen von Dzibilchaltún lauern genügend Gefahren auf die Archäologen. Und berührend: Murphy versteht es, das Innenleben der drei weiblichen Hauptfiguren dem Leser nahezubringen.

Da wäre zuerst Elizabeth Butler: einundfünfzig, zielstrebig, erfolgreich, Autorin mehrerer viel gelesener Bücher über die Maya und die Archäologie (Kostproben aus ihrem neuen Manuskript fügt Murphy harmonisch ins Buch ein). Außerdem ist Elizabeth verrückt, aber nicht, weil sie vor Jahren Selbstmord begehen wollte und von ihrem Ehemann in die Psychiatrie eingeliefert wurde, sondern weil sie tote Menschen sieht, zum Beispiel die Maya von Dzibilchatún – keine Geister, nein, diese Menschen selbst und das, was sie zu Lebzeiten taten. Daher rühren Elizabeths Erfolge, aber auch ihre Isolation von ihren Mitmenschen: Ihre „Gesichte“ sind ihr vertrauter als Zeitgenossen, die sie entweder schlecht behandelt haben oder einfach nicht interessieren. Sie lebt ganz für die Archäologie, die es ihr ermöglicht hat, sich aus einer erstickenden Ehe zu lösen und auf eigene Füßen zu stellen, unabhängig von einem „Ernährer“. Der Preis dafür war der Verlust ihrer Tochter Diane.

Diane Butler: Sie fliegt Hals über Kopf nach Mexiko, zu ihrer Mutter, die sie fünfzehn Jahre nicht gesehen hat. Ihr Vater ist unverhofft gestorben, ihr Geliebter (verheiratet) hat die Beziehung beendet und sie daraufhin gekündigt, denn der Geliebte war zugleich der Chef. Diane weiß nicht so recht, was sie in Mexiko will, aber ihre Mutter nimmt sie ins Team auf. Bald zeigt sich, dass sie die gleiche Fähigkeit wie Elizabeth hat, wenn auch nicht so ausgeprägt. Aber sie ist sich lange nicht klar darüber, dass es überhaupt eine Fähigkeit ist – sie hält, was sie sieht, für Tagträume.

Die dritte wichtige Frau ist Zuhuy-Kak, Priesterin der Mondgöttin zu der Zeit, als die Tolteken das Reich der Maya angriffen. Sie opferte ihre Tochter für den Sieg ihres Volkes, musste aber dennoch erleben, wie dieses den Eindringlingen unterlag. Von den Eroberern wegen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten gefürchtet, sollte sie im heiligen Cenote-Brunnen von Chichén Itzá geopfert werden, überlebte den Sturz aber, was sie zur Botin machte, die den Willen der Götter verkündet – und sie sorgte dafür, dass die Tolteken keine Freude an ihrem Sieg hatten. Dennoch findet sie keine Ruhe, auch wegen ihres scheinbaren Versagens beim Opfer. Sie nimmt mit Elizabeth Kontakt auf und möchte die Macht der Mondgöttin wieder herstellen, indem nun Diane geopfert werden soll.

Genug Zündstoff also, um eine wirklich spannende Handlung in Gang zu setzen und ständig zu beschleunigen – und Pat Murphy macht das vorzüglich. Ihre Kenntnisse über die Maya und das Leben der Archäologen sind hervorragend, ein lebendiges Bild des vergangenen Volkes und des Daseins der Forscher entsteht. Dazu schafft sie psychologisch tiefgründig angelegte, glaubwürdige Figuren. Auch verzichtet sie auf billigen Geister-Horror und simple Gut-Böse-Konstellationen. Es gibt in dem Buch keine moralisch vorbildliche Gestalt, aber auch keine plakativ schlechte. Lebensechte Konflikte wirken als treibende Kräfte und verleihen dem Figurentableau Nähe. Murphy erzählt von Leuten, deren Probleme nicht ungewöhnlich sind, auch wenn sie in einer ungewöhnlichen Kulisse zum Tragen kommen. Was den Menschen in diesem Buch geschieht und wie sie damit umgehen, erscheint vertraut: Es geht um Freiheit, Selbstverwirklichung und um die Alternative, vor Schwierigkeiten davonzulaufen oder sich ihnen zu stellen. Das ist interessanter als Gegrusel oder Gemetzel. „Die Geisterseherin“ erweist sich in jeder Hinsicht als kleines Juwel einer stark realitätsbezogenen Phantastik.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Patterson, James – Vor aller Augen

Moderner Sklavenhandel in den respektabelsten Kreisen der US-Gesellschaft? Der „russische Wolf“ macht es möglich in Pattersons neuestem Thriller mit dem frischgebackenen FBI-Agenten Dr. Alex Cross.

„Vor aller Augen“ ist wesentlich spannender als etwa „Mauer des Schweigens“ und besticht durch seine gesellschaftliche Aktualität und Relevanz. Denkt man ein kleines Weilchen über die verschiedenen Ebenen des Buches nach, so läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Denn Menschenhandel gibt es überall, nur wird er nicht so bezeichnet.

_Der Autor_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der „tearjerker“ [„Briefe an Nicholas“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=428 Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf / Vor aller Augen“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

_Handlung_

Am Schluss von „Mauer des Schweigens („Four blind Mice“) hatte Alex Cross das Angebot angenommen, von der Washingtoner Polizei zum FBI im nahen Quantico überzuwechseln. Doch anders als Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ sind die modernen FBI-Agenten vor allem Bürokraten und Computerjockeys, findet Cross, nachdem er seinen Einführungskurs besucht hat. Auch die Art und Weise, wie man „draußen im Feld“ bei Festnahmen vorgeht, findet er ziemlich befremdlich: Eine Menge Neulinge scheinen dabei eingesetzt zu werden – riskant.

Doch auch er selbst befindet sich in keiner beneidenswerten Position. Er ist der FNG: der Fucking New Guy, und obendrein auch noch das Schoßhündchen des neuen FBI-Direktors Burns, der Cross angeheuert hat. Schon bald macht sich Cross den Trainingsleiter Nooney zum Feind und sich selbst zum Opfer der Innenpolitik: Man übergeht ihn schlichtweg.

All diese Interna sind zwar Nebensache in der Erzählung, aber im Endeffekt nicht unwichtig in ihrer Auswirkung darauf, wie sich der neueste, schreckliche Fall entwickelt, nämlich ungünstig.

|Der Fall „White Girl“|

Elizabeth Connelly, eine liebende Mutter von drei Kindern, die aussieht wie Claudia Schiffer, wird am hellichten Tag in der Tiefgarage des Einkaufszentrums von Atlanta gekidnappt. Zwei russisch sprechende Typen betäuben sie, werfen sie in einen Van und brausen mit ihr weg. Sie wird nie wieder gesehen. Das Gleiche passiert mit Audrey Meeks, im Einkaufszentrum King of Prussia außerhalb Philadelphias (ich war schon mal dort: Es ist riesig, vor allem deshalb, weil es in Pennsylvania keine Textilsteuer gibt). Das dritte Opfer ist jedoch ein Mann: Er sieht aus wie Brad Pitt und wird aus einer Bar an der Ostküste entführt.

Allerdings ist das Vorgehen der Kidnapper zunehmend schlampiger geworden: Man hat sie erkannt, denn sie gaben sich keine Mühe, ihre Gesichter zu verbergen. Cross fragt sich nach dem Grund der Entführungen und kommt zum Schluss, dass sie keineswegs aus Leidenschaft erfolgten, sondern mit Geld zu tun hatten. Die Entführten waren bestellt worden, die Kidnapper lieferten sie: Manchmal sogar nach Saudi-Arabien oder Japan. Doch wer verdient an diesem modernen Menschenhandel, der schon seit Jahren zu laufen scheint? Wer ist der Kopf dahinter?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal haben es die Schurken auf unschuldige Menschen abgesehen. Aber nicht etwa, um ihnen das Blut auszusaugen wie in „Violets are blue“ oder ihnen das Lebenslicht auszublasen wie in „Mauer des Schweigens“. Nein, sie werden schlicht und einfach bestellt, eingefangen und als Sklaven verkauft. Mit modernem Menschenhandel, so deutet der Autor an, haben besonders die Russen Erfahrung. Die Rote Mafiya hat ein weltumspannendes Verbrechensnetz aufgebaut, in dem Menschenhandel globalen Ausmaßes nur einen geringen Teil der lukrativen Geschäfte ausmacht.

Das Einschleusen von russischen, ukrainischen und weißrussischen Frauen nach Westeuropa ist uns in Deutschland vertraut, wenn man die nationalen Zeitungen liest – im Fernsehen tauchen diese beunruhigenden Nachrichten fast nie auf. Wenn man aber als Mann ins Innere Thailands reist, wird einem schon mal ganz nebenbei eine Tochter des Hauses angeboten – natürlich nur zum Heiraten (und wahrscheinlich auch in Pattaya und Phuket). Eine der Figuren in Pattersons Roman zitiert aber aus der Tageszeitung, dass selbst der thailändische Premierminister nichts dabei findet, wenn selbst Zehnjährige den Weg in die Prostitution finden.

Wie Elizabeth Connellys Sklavenschicksal aussieht, möchte ich mit Rücksicht auf jüngere Leser hier nicht beschreiben: Es ist einfach schrecklich und zwingt die gut aussehende junge Frau dazu, sich in eine Traumwelt der Erinnerungen zurückzuziehen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Weitere Details sind überflüssig.

Umso beunruhigender ist die Analogie, die sich in Alex Cross‘ privatem Leben zu diesem Menschenhandel ereignet. Natürlich wird dies nie ausdrücklich so gesagt, aber die Art und Weise, wie Christine Johnson Anspruch auf ihren seit zwei Jahren bei Cross lebenden Sohn Alex junior erhebt, grenzt an Erpressung und Handel. Christine zog sich nach den schrecklichen Ereignissen in „Wer hat Angst vor dem Schattenmann“, in denen sie selbst als Sklavin gehalten wurde, mehrere tausend Meilen weit von Alex zurück: nach Seattle.

Nun kehrt sie zurück, um ihm auch ihren Sohn wegzunehmen. Begründung: Er sei als Polizist und FBI-Agent eine ständige Gefahr für das Kind. Das ist schon verdammt ironisch, findet Cross: Er versucht die Menschen vor Verbrechern zu schützern und als Dank dafür wird er als „Blitzableiter für Gefahr“ bezeichnet, als Bedrohung für seinen Sohn. Am Ende der Verhandlungen wird ihm das Sorgerecht für Alex entzogen, was ihm schier das Herz bricht. Wir erhalten keine nähere Erklärung dafür: der unergründliche Lauf der Justiz. Cross hat den Eindruck, man könnte ihn fast für einen Kinderschänder halten, so besorgt sind Christines Anwälte und andere Behördenvertreter um den kleinen Alex.

Die Parallelen zum modernen Menschenhandel des „Wolfes“ sind unübersehbar, die Schlussfolgerungen daraus nicht gerade angenehm. Menschen als Objekte, die man hin und her schiebt, wie es einem gefällt. Ein weiteres Indiz in dieser Richtung: der Auftraggeber für Elizabeth Connellys „Verkauf“ lebt in ihrem engsten Umfeld.

_Unterm Strich_

Nachdem ich „Stunde der Rache“ und „Mauer des Schweigens“ nicht so begeisternd gefunden habe, hat mich „Vor aller Augen“ – so benannt nach dem Wolf im Märchen von den drei kleinen Schweinchen – wieder ausgezeichnet unterhalten. Die Story ist sehr detailreich und zudem sorgfältig konstruiert. Zunächst hat Patterson ein paar Startprobleme und verfällt wieder in zusammenfassendes, nachrichtliches Erzählen. Das dient dazu, den Leser möglichst schnell über die Hauptfiguren zu informieren, ist aber leider nicht spannend.

Erst als die Szenen beginnen, richtig ausgespielt zu werden, kommt die Geschichte in Fluss und Spannung baut sich auf. Praktisch jedes Kapitel hat eine Pointe, die zum Weiterlesen zwingt, und die Geschichte wird aus Cross‘ Blickwinkel so verdichtet vorgetragen, dass sich der Leser häufig seinen eigenen Reim darauf machen muss: Nichts mehr wird ihm auf dem Silbertablett serviert wie am Anfang.

Es ist, als würde sich Cross immer weiter auf vermintes Gelände vorwagen, auf dem er jederzeit in Lebensgefahr schwebt. Die Ebene, auf der er operiert, wird immer höher, bis in schwindelerregende Kreise auf politischer Ebene: Hier arbeitet er sogar mit dem Secret Service (stellt die Leibwächter der Präsidentenfamilien) zusammen, der ja dem Finanzministerium unterstellt war und nun der Heimatschutzbehörde untersteht. Prekär wird Cross‘ Lage dadurch, dass „der Wolf“ einen Informanten im FBI-Hauptquartier hat.

|Bitte, bitte eine Fortsetzung!|

Das Beste zum Schluss: Dieses Buch muss unbedingt eine Fortsetzung haben. Den Grund kann man sich an den zehn Fingern ausrechnen. Hiermit verfolgt Patterson die gleiche Taktik, die auch bei [„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429 und „Stunde der Rache“ so erfolgreich war: Warum nur ein einziges Buch schreiben, wenn sich zwei auf der gleichen Grundlage verkaufen lassen? Mit dem „Wolf“ hat der Autor einen Schurken geschaffen, der gleichermaßen furchteinflößend und ungreifbar ist, um eine Fortsetzung zu gewährleisten, ja, notwendig zu machen. Wir können nur hoffen, dass die Fortsetzung einen ebenso starken Eindruck hinterlässt wie „Vor aller Augen“.

|Originaltitel: The Big Bad Wolf
Originalverlag: Little, Brown & Co. 2003
Aus dem Amerikanischen von Edda Petri|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Haines, Tim / Riley, Christopher – Weltraum-Odyssee. Eine Reise zu den Planeten

Die fünfköpfige Besatzung des Raumschiffs „Pegasus“ begibt sich auf eine mehr als sechs Jahre währende Reise durch das Sonnensystem. Planeten, Monde, die Sonne und ein Komet werden be- und untersucht, unzählige Experimente durchgeführt, gefährliche Unfälle gemeistert, bis man, das zerbeulte Schiff bis unters Dach mit Daten und Proben vollgepackt, im Triumph zur Erde zurückkehrt.
Wobei eine imaginäre Reise ins Weltall nicht gerade ein taufrischer Plot ist. Auch im Sachbuch hat es das schon gegeben. Das eigentlich Neue ist die verblüffend gut gelungene Verklammerung, welche die Grenze zwischen Fiktion und Fakten praktisch aufhebt. Die Reise der „Pegasus“ wurde von der BBC in Zusammenarbeit mit echten Wissenschaftlern so ‚realistisch‘ wie möglich geplant und ‚durchgeführt‘. So intensiv wie es eben im Rahmen einer TV-Show machbar und praktikabel ist, orientierte man sich an den Raumflügen der Vergangenheit, deren Realität man unter Berücksichtigung dessen, was in mehr als drei Jahrzehnten unbemannte Raumfahrt erkundet wurde, auf das „Pegasus“-Unternehmen projizierte.

Auf eine Expedition zu sämtlichen Planeten unseres Sonnensystems wird deshalb verzichtet: Die Physik verbietet es, da ein direktes Ansteuern derselben gar nicht möglich ist. Sonden und potenzielle Raumschiffe müssen die Gravitation anderer Planeten oder großer Monde nutzen, um zu beschleunigen oder abzubremsen, sonst reicht der Treibstoff nicht. Also wurde die Reiseroute gemäß der zum Zeitpunkt der „Pegasus“-Reise aktuellen Planetenkonstellation festgelegt. Sie lautet wie folgt: Venus (Landung) – Mars (Landung) – Sonne (Umkreisung in geringer Entfernung) – Planetoidengürtel – Jupiter (Vorbeiflug) – Jupitermond Io (Landung) – Saturn (Vorbeiflug und Ring-Untersuchung) – Pluto (Landung) – Komet Yano-Moore (Rendezvous).

„Weltraum-Odyssee“ ist das angebliche Protokoll dieser Reise. ‚Authentische‘ Einsatzbeschreibungen (in welche aktuelles Forschungswissen mehr oder weniger unauffällig einfließt) und persönliche Kommentare der Planetenforscher wechseln sich mit Artikeln zur realen Weltraumforschung in Vergangenheit und Gegenwart ab. Diese sind an den astronomischen Laien gerichtet, der sich anschließend tatsächlich informiert vorkommt, woran klare, einleuchtende Grafiken und vor allem eine verschwenderische Fülle großformatiger, meist farbiger ‚Fotos‘ (= tatsächliche Aufnahmen, die oft farbbereinigt, nachgeschärft oder sonst wie bearbeitet oder gleich vollständig digital geschaffen wurden) großen Anteil haben.

Doch nicht Information oder informative Unterhaltung allein lockt die Leser. Es geht auch um einen Traum: Was wäre, wenn … die Menschen endlich wieder selbst Raketen & Raumschiffe besteigen würden, um persönlich die Rätsel und Wunder des Alls in Augenschein zu nehmen, statt dies Raumsonden & Robotern zu überlassen? Natürlich können es die Maschinen besser und billiger. Eine Flut bemerkenswerter Daten und Bilder wurde gerade in den letzten Jahren vom Mars oder vom Jupitermond Europa gefunkt. Astronauten müssen sich nicht ewig in winzige Blechbüchsen quetschen, von kosmischer Strahlung rösten lassen, sich in permanente Lebensgefahr bringen.

Ein echter Fortschritt also – und doch … Der Mensch ist ein seltsames Tier: Ihm genügt der Eindruck aus zweiter Hand nicht. Er will die Welt be-greifen. Ohne diesen Drang säße er wohl immer noch in einer Höhle und würde einen Stock anbeten, wie es einst in einer klassischen TV-Comedy hieß. Allen berechtigten Einwänden zum Trotz will er selbst hinauf ins All, was natürlich gar nicht so dumm ist, weil sich ferngesteuerte Forschungsdrohnen trotz Hightech stets sehr beschränkt geben, was vor allem die Suche nach außerirdischem Leben frustrierend gestaltet. Diesen Zwiespalt zwischen Vernunft und Vision versucht das Team Tim Haines und Christopher Riley mit seinem aktuellen Filmprojekt zu schließen. Bisher ließ der britische Sender diverse Donnerechsen („Dinosaurier – Im Reich der Giganten“) und deren säugetierischen Nachfolger („Die Erben der Saurier – Im Reich der Urzeit“) digital wiederbeleben und außerordentlich quotenträchtig über die Bildschirme stapfen. Weil sich der daraus resultierende Aha-Effekt inzwischen abgenutzt hat, brach man buchstäblich zu neuen Ufern auf. Schon in früheren Serien hatte man sich unauffällig vom Konzept der strikt wissenschaftlichen Rekonstruktion verabschiedet und immer neue Gimmicks einfließen lassen; so konnte es beispielsweise durchaus geschehen, dass einem interviewten Forscher während seines Referats ein Digitaldino über die Schulter schaute oder ein Kollege eine Zeitreise in die Urzeit unternahm („Monster der Tiefe“).

Das Prinzip Brot & Spiele bzw. Infotainment, wie man diese Mischung aus Science und Fiction heute nennt, prägt auch und noch viel mehr als zuvor die „Weltraum-Odyssee“. Dieses Mal schlagen die Fakten die Fiktion indes um Längen. Selten zuvor ist eine Reise durch das Sonnensystem so faszinierend und langweilig zugleich gewesen. Der Spagat ist insofern misslungen, als der gut gemeinte und kluge Versuch, den ‚Faktor Mensch‘ in die fiktive Weltraumfahrt zu integrieren, auf TV-Format und mit politisch geradezu aggressiv korrekten Mustermensch-Schauspielern realisiert wurde, während die Bilder Kinoformat besitzen. An Bord eines Raumschiffs setzt sich trotz der permanenten Krisensituation, in der man sich eigentlich befindet, eine gewisse Routine durch, denn der Mensch ist anpassungsfähig. Routine fesselt freilich keine Fernsehzuschauer. Also werden diverse dramatische Zwischenfälle konstruiert. Diese sehen am Bildschirm spannend aus, lesen sich aber denkbar unspektakulär, weil sie in demselben pseudo-offiziellen, um Sachlichkeit bemühten Stil wie die Tagesberichte beschrieben werden. ‚Private‘ Aufzeichnungen der Raumfahrer sollen dagegen deren Einsamkeit, innere Ängste, Trauer etc. deutlich machen. Leider wurde auch hier jeglicher Funken echter Emotion getilgt – sei es absichtlich, um ein unpassendes Star-Trek-Feeling zu vermeiden, oder sei es, weil die Autoren mit der Niederschrift einer echten Rahmenstory schlicht überfordert waren.

Bleiben die eingeschobenen Sachartikel mit ‚echten‘ Bildern von Planeten und Monden und den dazu geleisteten Erläuterungen. Hier klappt die Vermittlung von Weltraumforschung ohne Schwierigkeiten, hier spielt das Team von „BBC Worldwide“ seine langjährige Erfahrung bei der Herausgabe inhaltlich auf den Punkt gebrachter, perfekt layouteter Sachbücher voll aus. „Weltraum-Odyssee“, der Film, ließ sich am besten genießen, wenn man (auch wegen der kriminell zu nennenden deutschen Synchronisation) den Ton abdrehte und sich auf die Bilder konzentrierte. Die sind einfach unglaublich. Der modernen Tricktechnik sind offensichtlich keine Grenzen mehr gesetzt – die Schauspieler stehen überzeugend auf fremden Planeten, deren Eigenheiten im Rahmen der bekannten Fakten jederzeit glaubhaft inszeniert werden. Für die Zukunft bzw. die weiteren Projekte der BBC in Sachen (Re-)Konstruktion des Unmöglichen wünscht man sich deshalb – egal ob Film oder Buch – ein Zurück zum Dokumentarischen & den Verzicht aufs allzu Zirzensische.

Erwin, Birgit – Lichtscheu

Pater Matteo, direkt aus dem Vatikan angereist, soll den Wissenschaftler Victor Westcamp in einer unheimlichen Nachtaktion im Londoner Tower taufen. Wer wusste schon, dass der Tower seinem Zweck als Verlies noch immer nachkam? Matteo findet Victor in einem stockfinsteren Keller, mit Silberketten gefesselt, abgemagert, aber von einer charismatischen Aura umgeben, die ihn sofort sympathisch erscheinen lässt. Matteo verspritzt sein Weihwasser über dem Gesicht des anscheinend Verrückten, der sich für einen Vampir hält. Die Haut schlägt Blasen, der Mann schreit, Matteo ist schockiert. Welche Krankheit ist das, die Menschen wie den mythischen Vampir empfindlich gegen Weihwasser macht? Bevor er Hals über Kopf aus dem Tower flieht, gewährt er Victor eine Bitte: Seiner Tochter Silver von diesem Treffen erzählen, mit der Aufforderung, seinen Weg zu vollenden. Er würde in dieser Nacht sterben.

Matteo findet Silver, und damit gerät er in einen Strudel der Ereignisse, der ihn zu verschlingen droht. Mord und Intrigen, grausame Foltern – er findet den Vatikan in der Mitte des Geschehens, und wie soll er seine brennende Liebe zu Silver mit den silbernen Augen bewältigen?

Wir sehen, wie Matteo immer weiter abrutscht und sich in einem Netz aus Geheimnissen und Mythen verstrickt, die gegen seine tiefste Überzeugung stehen. Die aktuellen Geschehnisse verbinden sich mit dunklen Punkten in der Vergangenheit seiner Familie, eine große Verwirrung verzerrt sein Wirklichkeitsbild und bringt ihn schließlich zu einer Auflistung der Toten, die er zu beklagen hat. Dass „Gott“ einer dieser für Matteo Toten ist, entwickelt sich vor allem in der zweiten Hälfte der Geschichte zur Offensichtlichkeit – für Matteo widersprechen sich die Lehren der Kirche und die nahezu offensichtliche Existenz von Vampiren, die fast mit allen mythologischen Schwächen und Stärken behaftet sind. Er fragt sich nur nicht, wie ein Vampir von Weihwasser angegriffen werden kann, wenn es keinen Gott gibt.

Selbstironisch lässt Birgit Erwin ihren Protagonisten fragen, ob er sich in einem Roman von Dan Brown befinde, bei all den dunklen Machenschaften, in die der Vatikan verwickelt ist – wovon der normale Priester im Allgemeinen nichts weiß. Nach der letzten Stellungnahme der Kirche, die Dan Browns „Sakrileg“ ächtete, lassen sich diesbezüglich tatsächlich Verbindungen knüpfen (ich kann aufgrund der offenen Ironie nur vermuten, dass sich die Autorin davon nicht beeinflussen ließ).

Obwohl „Lichtscheu“ der erste Roman der Autorin ist, fesselt sie den Leser mit großem Geschick ab der ersten Seite. Sowohl theoretisch als auch kreativ überzeugt Erwin ohne Einschränkung, ja begeistert sogar und kann sich problemlos mit Meistern der Belletristik messen lassen.

[…]|
»Mach, dass es nur ein Traum war! Oh. Mein. Gott!«
Ohne die Augen zu öffnen, tastete er nach der Wolldecke, die sich auf Höhe seiner Kniekehlen zu einem harten Klumpen zusammengeballt hatte, und zerrte sie über seinen schutzlosen, sündigen Körper.
»Vergib mir, Vater, vergib mir, vergib mir …«, flüsterte er.
»Soll ich rausgehen, während du dich kasteist, oder ist es dir lieber, wenn ich zusehe. Macht dich das scharf?«|
[…]
Auszug aus „Lichtscheu“, Seite 107.

Intrigen werden gesponnen, Matteo verliert den Glauben an die Menschen und an Gott, und obwohl er von jedem nur benutzt zu werden scheint, macht er weiter, und auch wenn es ihn abstößt, sucht er weiter. Seine Tage als „Laufbursche, der keine Fragen stellt“ sollen für ihn vorbei sein, und außerdem ist da noch seine brennende Liebe zu Silver. Mit dem unerwarteten Faustschlag (Erwin vertieft sich mit uns in Matteos Gedanken und überrascht uns ebenso wie ihn) beginnt der phantastische Teil der Geschichte, die trotzdem nicht an Realismus verliert. In einem Strudel jagen sich nun die Erkenntnisse, die sich teils widersprechen und neue Rätsel aufgeben, bis Matteo in einem letzten Aufbäumen die Wahrheit erkennt, und im gleichen Moment, in dem er die Fesseln des Benutzten abwirft, neuerdings Opfer einer Beeinflussung wird.

Es bleiben einige wenige Fragen offen, zum Beispiel konnte ich mir die Bestandsaufnahme ganz zum Schluss nicht völlig erschließen, denn wenn ich Matteos Mutter einbeziehe, erhält die Liste einen Sinn, der eine andere gelistete Person ausschließt. Insgesamt macht „Lichtscheu“ Lust auf mehr, es entreißt uns der Wirklichkeit und lässt erst wieder los, wenn das letzte Wort gelesen ist. Und genau das ist für mich das wichtigste Kriterium für einen guten Roman.

_Birgit Erwin_ wurde in Aachen geboren und studierte Anglistik und Germanistik. Seit September 2003 ist sie Studienreferendarin an einem Gymnasium, nebenbei schreibt sie Rezensionen und Geschichten. 2003 und 2004 belegte sie jeweils den zweiten Platz beim Jahreswettbewerb der [Storyolympiade.]http://www.storyolympiade.de Ihr Preis: Die Möglichkeit, einen Roman zu schreiben.
Mit „Lichtscheu“ erschien ihr Erstling, ein weiterer Thriller ist für 2006 geplant und soll unter dem Titel „Neun Leben“ ebenfalls im [Wurdack-Verlag]http://www.wurdackverlag.de erscheinen.

Volker Dehs – Jules Verne. Biographie

Zum 100. Todesjahr erschien diese Biografie des Schriftstellers Jules Verne (1828-1905) Volker Dehs stellt Verne nie als isoliertes Individuum, sondern als Bürger Frankreichs dar, das während des 19. Jahrhunderts gewaltigen Veränderungen und Entwicklungen unterworfen war. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich Vernes Leben und Werk wirklich deuten. Das geschieht in diesem Buch überzeugend; es darf daher mit Fug und Recht als Standardwerk bezeichnet werden (das sich manchmal ein wenig anstrengend liest, weil der Verfasser auf kein biografisches Detail verzichten mag). Mehr als 35 s/w-Abbildungen und umfangreiche Anhänge runden das Werk ab.
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Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?

|Die Autorin|

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen.

|Die Sprecherin|

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

_Handlung_

Sara Linton, Mitte dreißig, ist nebenberuflich Gerichtsmedizinerin in Grant County. Vor dreizehn Jahren ist sie von Atlanta hierher aufs Land gezogen, um an der Kinderklinik zu arbeiten. Als Gerichtsmedizinerin wird sie von Sheriff Jeffrey Tolliver, ihrem Ex-Mann, zu einem Tatort gerufen. Entgegen ihren Gepflogenheiten nimmt sie ihre hochschwangere Schwester Tessa, 34, im Auto mit, weil das auf dem Weg zu Tessas Haus liegt.

Ein junger Mann liegt tot unter einer Brücke, die zu einem beliebten Jogging-Parcours der Studenten des nahen Grant College gehört. Daher wurde er von einer Studentin gefunden, die hier joggte, Ellen Shaeffer. Während Tessa in den nahen Wald geht, um ihre Blase zu erleichtern, untersucht Sara die Leiche. Der Mann weist eine Menge Tattoos und Piercings auf. Auffällig ist für Sara vor allem ein Kratzer auf dem Rücken des Mannes. Wurde er etwa gestoßen? Am Brückenpfeiler stehen rassistische Parolen und ein Hakenkreuz. Wie sich zeigt, war Andy Rosen Jude …

Mit einem Mal wundert sich Sara, wo ihre Schwester abgeblieben ist. Sie geht ihr mit ein paar Polizisten nach und findet sie auf einem Waldpfad in schwerverletztem Zustand. Sie wurde mehrmals mit einem Messer gestochen, unter anderem in den Bauch … In der Hand hält Tessa ein Stück weißes Plastik von einer Tüte. Hat sie etwas eingesammelt?

Da kommt eine College-Sicherheitsbeamtin namens Lena Adams aus dem Wald zurück. Sie hat einen Mann gesehen, der aber sofort geflüchtet ist. Lena war bis vor sieben Monaten bei der Polizei, doch Sheriff Tolliver feuerte sie wegen Unzuverlässigkeit. Lena trägt schwer an einem Vergewaltigungstrauma, das sie zur Alkoholikerin gemacht hat.

Sobald Tessa vom Helikopter in das nahe Krankenhaus geflogen worden ist, machen sich Sara und der Sheriff Gedanken über diesen seltsamen Tag, der beinahe zwei Opfer gefordert hätte. Am nächsten Tag ist auch Ellen Shaeffer tot. Es sieht zwar wie ein weiterer Selbstmord aus, doch die geübte Sportschützin hat die falsche Munition verwendet – sehr verdächtig.

Etwas Bedrohliches geht an diesem College vor sich, denkt Sara, und dies könnten nicht die letzten Opfer gewesen sein. Sie soll leider Recht behalten.

_Mein Eindruck_

Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Linton bildet ein klassisches Ermittlerpaar à la Sherlock Holmes und Dr. Watson, so dass sie sich gut ergänzen. So gelangen beide unabhängig und in regelmäßigem Informationsaustausch zu hilfreichen Erkenntnissen. Aber ob das schon reicht?

|Living on the edge|

Außerdem ist die akribische Kleinarbeit längst nicht so aufregend wie das, was Lena Adams unternimmt und erlebt. Lena ist eine faszinierende Figur, die ebenso vollständig realisiert worden ist wie Tolliver und Linton. Schon allein deshalb gebührt ihr unsere volle Aufmerksamkeit.

Lena war jahrelang bei der Polizei, bis sie eines schlimmen Tages von einem Unbekannten entführt, eingesperrt, unter Drogen gesetzt, an Händen und Füßen an den Holzboden einer Hütte genagelt (!) und 48 Stunden lang vergewaltigt wurde. Welches seelisches Trauma dies zur Folge hatte, mag (und kann) man sich kaum vorstellen. Ihre Wundmale sehen aus wie die eines gewissen Zimmermanns aus Nazareth. Sie erhält zwar psychotherapeutische Betreuung von Dr. Jill Rosen, der Mutter von Andy Rosen, doch das hilft nichts. Nur Medikamente scheinen zu helfen – und Alkohol. Sie hat bereits eine Entziehungskur hinter sich.

Doch die Versuchung ist permanent, rückfällig zu werden. Und als ein interessanter junger Mann namens Ethan Green sie einlädt, zu einer Party zu gehen, gibt sie der Versuchung nach. Sofort geht es ihr besser. Im Hinterzimmer erzählt ihr ein Drogenpanscher und Dealer von Andy Rosen, dem „Selbstmörder“. Wenig später gerät sie wegen des Todes dieses Dealers in massive Schwierigkeiten. Und es hilft ihr keineswegs, dass Ethan Green den Sheriff angreift, um ihr beizustehen. Klar, dass Ethan, der von Kopf bis Fuß mit Nazisymbolen bedeckt ist, nicht nur an Lenas süßem Händchen interessiert ist, sondern mehr will. Doch Lena ist Halbjüdin …

Aber sie ist zumindest auf die Spur eines Drogenringes gekommen, der am College tätig ist. Ob in diesen gefährlichen Kreisen der oder die Täter zu finden ist/sind? Lena erkundet den Abgrund, und ihre Ermittlungen sind wesentlich handfester und gefahrvoller als die von Tolliver und Linton zusammen. Aber gehen sie auch in die richtige Richtung?

|Jagdgründe|

Nicht nur Drogenhändler und Vergewaltiger scheinen das College als ihre Jagdgründe ausgesucht zu haben. Auch in der biologischen Forschungsabteilung, in der Jill Rosens Mann Brian Keller seit 20 Jahren arbeitet, geht es nicht gerade fein zu. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, und wer weiß, wer Lenas getötete Zwillingsschwester Sybil, eine Biologin, auf dem Gewissen hat? Aber mehr darf dazu nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Die Frauen an diesem College und in seiner Nähe hätten also allen Grund, in Deckung zu gehen. Doch vieles ist vertuscht und so manches nicht aufgeklärt worden. Die Autorin stellt aber ziemlich klar, dass sich die Frauen zwar fürchten, aber dennoch tapfer um ihr berufliches und menschliches Überleben kämpfen. Bei dem ihre jeweiligen männlichen Partner nicht immer hilfreich sind. Brian Keller, so erfährt Sara Linton, schlägt seine Frau seit Jahren. Und Ethan Green, Lenas neuer Freund, sieht mit den Nazi-Tattoos, die seinen Körper bedecken, auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Er wird mit Dr. Jekyll und Mister Hyde verglichen, Na, Prost Mahlzeit!

_Die Sprecherin_

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um beispielsweise auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

_Unterm Strich_

Karin Slaughter zeichnet in ihrem Thriller ein wüstes Bild vom universitären Amerika. Drogensüchtige, Rassisten, korrupte Sicherheitsbeamte, Homosexuelle beiderlei Geschlechts (offenbar auch ein Feindbild), Vergewaltigungsopfer, Gewalt in der Ehe, Angriffe auf Schwangere – das volle Programm. Da bleibt man doch am besten Jungfrau, und deshalb haben sich die amerikanischen Jungfrauen auch organisiert und bilden bereits eine lautstarke Gruppe. Sara Linton ist leider nicht dafür qualifiziert: Sie kann keine Kinder mehr bekommen, erfahren wir nebenher.

Fast alle haben entweder etwas auf dem Kerbholz oder sind ein Opfer geworden. Selbst der Sheriff ist auch nur ein Mensch: Er hat Sara Linton betrogen, als die noch seine Frau war. Wie also soll in diesem Sumpf irgendetwas zu retten sein? Es gibt weit und breit keinen Retter. Vielleicht sollte man sich an Präsident Bush und seine Neo-Cons (Neo-Konservative) wenden? Allenfalls Sara Linton könnte die Retterin spielen, denn sie verfügt als Einzige über die nötige Integrität und Erfahrung, um den Fall zu lösen. Tolliver und Lena Adams helfen ihr dabei. Nur im Teamwork ist der Fall zu lösen. Es geht also auch ohne Neo-Cons.

„Dreh dich nicht um“ weist ein ausreichendes Quantum von Spannung auf, um als Thriller gut zu unterhalten – das Quantum an Leichen ist sowieso übererfüllt. Besonders Frauen dürften sich für das Buch interessieren, denn nicht nur die meisten Figuren sind weiblich, sondern auch die meisten Opfer. Allerdings haben mich das Hin und Her der Handlung sowie die hohe Zahl an Figuren mehrmals verwirrt. Dass die kurz zuvor eingeführten Figuren mitunter wenig später den Löffel abgeben, trägt nur unwesentlich zur Übersichtlichkeit bei: Die Liste bleibt dennoch lang.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr emotional nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin.

|374 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A faint cold fear, 2003
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz|

Rößler, Armin (Hrsg.) – Überschuss

Bereits in die dritte Runde geht die Anthologiereihe des |Wurdack|-Verlages. Leider sind „Deus Ex Machina“ und [„Walfred Goreng“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=844 die Vorgänger dieser Anthologie, an mir vorüber gegangen, aber wenn „Überschuss“ eine konsequente Fortsetzung in Auswahl und Präsentation darstellt, sind auch die ersten beiden SF-Kurzgeschichten-Sammlungen eine nähere Betrachtung wert.
Der Herausgeber Armin Rößler spricht im Vorwort von einer Bewegung im Kurzgeschichtenbereich, von einer „positiven Entwicklung“. Diese ist an eine kreative Schicht von Autoren gebunden, die sich aktiv um eine Veröffentlichung ihrer Werke bemühen und dabei zunächst nicht mit den großen Serien an die Öffentlichkeit treten, sondern ihre Ideen in kurzen Geschichten ausformulieren und dabei ein in Deutschland wenig genutztes Sprungbrett für sich entdecken, das besonders durch den fehlenden Markt für Pulp- und SF-Magazine wenig Aussicht auf Erfolg verspricht.
Aber vielleicht ist auch nur die Zeit der großen Verlage vorbei, die neben |Star Trek| ab und zu ein Erstlingswerk wagen.
Also her mit den Autoren der neuen deutschen Literatur!

Die Titelgeschichte von Torben Kneesch präsentiert eine Methode zur Entsorgung menschlichen Überschusses, die die Motive von Zeitreise und Kälteschlaf mischt. Nicht wirklich neu, aber in seiner logischen Konsequenz sehr gut vorstellbar. Eigentlich fehlt nur die Technik, sonst könnte Kneeschs sarkastische Vision Realität sein.

Ähnlich dicht an die bekannte Welt lehnt sich auch Lutz Herrmanns „Der Irrtum“ an. Kaltes Managergehabe in einer gefühlsarmen Welt. Der Sieg des kleinen Mannes hinterlässt einen fahlen Geschmack, die Story bleibt im Grunde pessimistisch. Solide, wenn auch wenig inspirierend.

„Barrieren“ von Armin Rößler hat es schwer. Der Stoff ist für eine Kurzgeschichte eigentlich zu umfangreich. So bleiben zu viele Fragen übrig. Die Hauptfigur, die hier eine kolossale Weiterentwicklung der Evolution symbolisiert, bleibt ungewohnt blutarm.

Fritten ins Weltall schießt Birgit Erwin mit ihrer Groteske „Nur ein Gedanke“. Witzig, überraschend und kurz. Definitiv eine Glanzleistung der spacigen Frittierkunst.

„Der Spaziergang“ von Markus K. Korb überzeugt in der präzisen und detailgetreuen Beschreibung eines „Lost in Space“-Erlebnisses. Allerdings hinterlässt diese kurze Skizze keine bleibenden Eindrücke, es fehlt ihr die Idee für eine Geschichte.

Die Mediensatire „Der Untergang der Titan“ von Bernhard Weißbecker verhilft den öffentlich-rechtlichen Sendern zu unverhoffter Unterstützung. Das unmenschliche Gerangel um die Übertragungsrechte der letzten Stunden einer vom Untergang bedrohten Raumschiffbesatzung ist pointiert und absolut realistisch in Szene gesetzt.

Andrea Tillmanns begleitet in „Nicht ganz Atlantis“ ein junges Mädchen, das die Grenzen ihrer Welt kennen lernt. Eine unaufdringliche Erzählung, die besonders durch die einfühlsame Sprache auffällt und dabei dennoch ein gewichtiges Thema angeht: Die menschliche Zivilisation ist nur eine hauchdünne Schicht über den Trieben des Tieres Mensch.

Eine rabiate Art zukünftiger Bestrafungen präsentiert Peter Hohmann in „Strafvollzug“: Den Delinquenten wird das aufgebrummte Strafmaß in Form von Lebenskraft entzogen. Leider ist der Plot selbst zu vorhersehbar und wenig fesselnd.

In „Wider Willen“ werden Tradition und Familienehre einer Kolonialwelt in Frage gestellt. Mit drastischen Mitteln versucht ein Vater, seinen Sohn zu einer Vernunftehe zu zwingen, allerdings gibt es genau gegen diese Ehen ein Gesetz; man soll nur aus Liebe heiraten. Die Geschichte lässt den Leser irritiert zurück, handelt es sich doch um eine unübliche Science-Fiction-Story, die am ehesten noch mit einer „Darkover“-Erzählung zu vergleichen ist.

Der Horror geht um im „Festtagsprogramm“ von Thorsten Küper. Die Raumstation Lowell ist Schauplatz einer grausigen Auseinandersetzung, die actionreich, mit Sarkasmus und einer gehörigen Menge Blut unter die Haut geht. Die Darstellung ist dabei sehr plastisch, was der Atmosphäre zugute kommt.

Nina Horvaths „Spirale“ ist ein kurzer philosophischer Moment. Wenn auch wenig passiert, enthält die Kurzgeschichte genau jene Nachdenklichkeit, die nach dem gruseligen „Festtagsprogramm“ angebracht scheint. Die Frage, inwieweit das Leben in vorgefertigten Abläufen stagniert, und wie man diese durchbrechen kann, ist eindringlich bearbeitet worden.

„Der Besucher“ ist ein Alien vom Planeten Xeracox, der die Erde bereist und dort so seine Erfahrungen macht. Die leichtfüßige Geschichte von Uwe Herrmann macht Spaß, ohne dabei mehr zu wollen.

Da hat es der Besucher in „Albas bestes Spiel“ von V. Groß schon schwerer. Um sein Leben wird gespielt. Die Geschichte ist solide, beschränkt sich aber mehr auf die Personen als auf eine tatsächliche Story.

Edgar Güttge bleibt seinem Ruf als Meister der Groteske treu. „Flasken“ ist eine großartige Parodie mit bösen Seitenhieben, neckischen Einfällen und einer temporeichen Erzählweise, die begeistert. Für mich ist Güttke eines der großen erzählerischen Talente unter den unentdeckten Autoren.

Nicht minder hochwertig geht es mit Ilka Sehnerts „Das Buch“ weiter. Im Autorenkästchen, deren Präsenz zu Beginn jeder Geschichte zunächst irritiert, aber zunehmend interessanter wird, stellt man die Schauspielerei der Autorin als Ursache für ihren knappen und rhythmischen Sprachstil dar. Tatsächlich fällt er aus den Rahmen der übrigen Texte; von graziler Schönheit, ist die Wiederfindung einer natürlichen Fortpflanzung auch inhaltlich ein Glanzstück dieser Sammlung.

Die Realität in Frage stellt Bernhard Schneider in „Der Bewohner“. Die Geschichte zielt auf die Pointe ab und ist trotz des bereits arg strapazierten Themas lesenswert.

Die dritte herausragende Geschichte der Anthologie ist Antje Ippensens „Alles wandelt sich“. Die grüne Evolution wird in treffsicheren Bildern und Wortspielen ausgeführt, sie wächst quasi zur vollen Blüte. Es ist bewundernswert, wie leicht der Autorin der Umgang mit dem pflanzlichen Sujet fällt, wie einleuchtend ihr die GRASWURZELDIMENSION (welch Wort!) gelingt.

Uwe Sauerbrei beschreibt eine etwas andere Art der Verwandlung in „Allmacht“. Aus einer sehr genau und detailliert dargestellten Alltagszenerie heraus entwickelt er eine Mutation über den menschlichen Status Quo hinaus, bis die Grenzen der Schöpfung erreicht werden. Nach dem außergewöhnlichen Besuch der GRASWURZELDIMENSION erscheint die Erzählung etwas bieder.

Die Anthologie endet abrupt mit der „Fallstudie: Terroristin Jenny S.“ von Heidrun Jänchen. Hier wird recht gefühlvoll die Auswirkung einer rigiden Einsetzung der Klontechnologie beschrieben. Jenny Seidel gerät in die Zerhacker einer genmanipulierten Gesellschaft, in der es normal ist, Klone als Ersatzteillager zu halten. Mit dieser bedrückenden Geschichte verschiebt sich die Waage der besonders guten Geschichten in dieser Anthologie noch weiter hin zur weiblichen Seite.

„Überschuss“ ist besonders im zweiten Teil eine Sammlung überaus interessanter und beeindruckender Erzählungen und Shortstorys. Armin Rößler und der |Wurdack|-Verlag sorgen dafür, dass der deutsche SF-Markt eine kreative Unterfütterung mit dem Nährboden guter Phantastik erhält: Brillante Kurzgeschichten.

© _Ralf Steinberg_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Stoker, Bram – Draculas Gast

Diese Horror-Erzählungen können sich sehen (und hören!) lassen. In „Draculas Gast“ erlebt Jonathan Harker eine unheimliche Begegnung in der bayerischen Provinz, in „Das Haus des Richters“ wird der jugendliche Held zur Zielscheibe des Hasses einer Riesenratte, und in „Die Squaw“ vollzieht eine schwarze Katze, deren Junges mutwillig getötet wurde, blutige Rache am Übeltäter.

_Der Autor_

Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des berühmten Theaterschauspielers Henry Irving (der zwecks PR auch in „Die Squaw“ erwähnt wird!) verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.

Alle hier vertretenen Erzählungen erschienen posthum im Jahr 1914 in London. „Das Haus des Richters“ und „Die Squaw“ erschienen zuerst 1893 in „Holly Leaves“. Später wurde „Die Squaw“ in „The Black Cat“ umbenannt – keine glückliche Wahl, denn diesen Titel trägt bereits eine bekannte Erzählung von E. A. Poe.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimmbandvertretung von „James Bond“ Timothy Dalton. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie. Ich schätze besonders seine Interpretation von H. P. Lovecrafts Schauergeschichten wie etwa [„Das Ding auf der Schwelle“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=589

Die Texte wurden nicht gekürzt, was doch bemerkenswert ist.

_Die Erzählung „Draculas Gast“_

Diese Story war ursprünglich ein Teil des Bestsellers „Dracula“. Daher kommen hier die Hauptfiguren vor, besonders Jonathan Harker.

Jonathan Harker macht sich per Kutsche von München aus auf den Weg nach Transsylvanien, um Graf Dracula zu besuchen, der ihn eingeladen hat. Der Hotelbesitzer Delbrück warnt Jonathan, denn heute Nacht sei Walpurgisnacht, und man wisse ja, dass dabei der Teufel umgehe. Den vernünftigen Engländer kümmert das wenig. Er glaubt nicht an Teufel und Hexen. Wir sind ja nicht mehr im Mittelalter, oder?

Als Harker ein merkwürdig abgelegenes Tal erspäht, befiehlt er dem Kutscher Johann, abzubiegen und dort hinunter zu fahren. Doch Johann weigert sich. Mal von der Tatsache abgesehen, dass an dieser Kreuzung ein Selbstmörder begraben liegt, sollen unten im verlassenen Dorf lauter Vampire gelebt haben, weshalb es ja auch schon seit hundert Jahren verlassen sei. Was der Herr wohl dort wolle?

Wölfe heulen, und ein Schneesturm ist im Anzug. Allmählich wird es ungemütlich. Trotzdem schickt Harker in seinem jugendlichen Hochmut Johann zurück nach München. Als in diesem Moment ein Fremder auf dem Hügelkamm auftaucht, gehen die Pferde durch. Gleich darauf ist der Fremde verschwunden. Wohl oder übel muss Harker allein und zu Fuß ins Tal hinabgehen.

Er beeilt sich, denn der Schneesturm kann gleich losbrechen. Nachdem er im Dunkeln einen düsteren Zypressenhain durchquert hat, landet er auf einem Friedhof und zwar direkt vor einem weißen Grabmal aus Marmor. Doch es wurde seltsamerweise einer Selbstmörderin errichtet. In Kyrillisch ist der Satz eingemeißelt: „Die Toten reisen schnell.“ Sehr lustig. Als er im Grabmal vor dem Hagelsturm Zuflucht sucht, erblickt er im Schein eines Blitzes die Gestalt einer schönen Frau auf dem Grab. Sie scheint sich aufzurichten und ihn anzulächeln.

Während der Sturm heult, wird Harker ganz schwummrig. Als er für einen Moment erwacht, liegt ein riesiger Wolf auf ihm und, äh, leckt ihm die Kehle! Harker wird gleich wieder ohnmächtig. Seine Konstitution ist eben nicht die allerbeste …

_Die Erzählung „Das Haus des Richters“_

Der junge Malcolm Malcolmson ist ein englischer Student der Mathematik, der sich für das Büffeln auf sein Abschlussexamen in einen ruhigen Ort zurückziehen möchte, statt sich wie seine Kommilitonen zwecks Ablenkung ins Vergnügen zu stürzen. Sehr löblich! Der erste Ort im Zugfahrplan ist Benchurch, also steigt er dort aus und fragt die Gastwirtin am Ort nach Quartier. Er hat am Ort ein stattliches Herrenhaus erspäht, das aber leer zu stehen scheint. Ob man sich da wohl einmieten könne, fragt er.

Die gute Mrs. Witham ist ein Frauenzimmer, das das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sie ist etwas entsetzt über Malcolms Plan, im „Haus des Richters“ gleich drei Monate zu verbringen. Dort wohnte vor mindestens hundert Jahren ein strenger und grausamer Richter. Immerhin hat das Haus eine Alarmglocke, falls dem armen Herrn Malcolmson irgendetwas, äh, nicht ganz in Ordnung vorkommen sollte. Tagsüber sorgt die gute Mrs. Dempster als Haushälterin für Essen und Sauberkeit. Sie hat kein Problem mit dem Haus.

Das liegt wohl daran, wie Malcolm feststellt, dass das Haus erst nachts zum Leben erwacht. Die Ratten veranstalten hinter der Wandvertäfelung einen Radau sondergleichen. Das stört den fleißig büffelnden Malcolm aber erst, als der Lärm abrupt aufhört. Er wundert sich und schaut sich um. Da sitzt doch tatsächlich eine riesige schwarze Ratte auf dem Stuhl neben dem Kamin und starrt ihn, Malcolm persönlich, mit bösen Augen an!

Doch bevor er sie mit dem Schürhaken erschlagen kann, rast sie schon das Seil der Alarmglocke, das neben dem Kamin baumelt, hinauf und verschwindet – ja, wo eigentlich? Nach der zweiten Nacht mit dem gleichen Erlebnis lässt Malcolm Licht darauf werfen: Es ist das Gemälde eines grausam und unerbittlich dreinblickenden Mannes, der genau auf jenem Stuhl sitzt, wo die Ratte saß: Es ist der Richter, dem das Haus gehörte. Und in dem Gemälde befindet sich das Loch, durch das die Ratte verschwindet und hartnäckig wieder erscheint.

Die brave Mrs. Witham ist vor Entsetzen schier einer Ohnmacht nahe, als Malcolm ihr minuziös von seinen nächtlichen Erlebnissen berichtet. Sie hat den guten Doktor Thornhill herbeigerufen, der Malcolm warnt. Jenes Glockenseil pflegte der Richter dazu zu verwenden, die Unglücklichen, die er verurteilte, daran aufzuhängen.

Die Nacht der Entscheidung ist gekommen. Zum dritten Mal dürfte die Riesenratte erscheinen, ahnt Malcom und trifft Vorbereitungen. In der letzten Nacht konnte nur die Bibel, die er nach ihr geworfen hatten, sie vertreiben. Doch was, wenn dies heute Nacht nicht ausreichen sollte?

_Die Erzählung „Die Squaw“_

Nürnberg, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, vor dem Touristenboom. Der Ich-Erzähler, ein Amerikaner, ist mit seiner jungen Frau Amelia auf seiner Hochzeitsreise in die mittelalterlich anmutende, nie eroberte oder zerstörte Stadt gekommen, um ihre pittoresken Schönheiten zu besichtigen. Begleitet werden sie von Elias P. Hutchison, einem wagemutigen Westmann, der von Karl May geschaffen sein könnte und sich ihnen einfach angeschlossen hat. Er unterhält sie mit Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen.

Die imposante und beherrschende Burg besuchen sie zuletzt, quasi als Höhepunkt ihres Aufenthalts. Sie verfügt über einen tiefen Burggraben, der nun mit Baumhainen und Cafés bedeckt ist. Herabblickend erspäht Hutchison mit seinem Adlerblick eine schwarze Katze, die mit ihrem Jungen spielt. Er will einen Stein hinabfallen lassen, um mit ihr zu spielen, natürlich nicht, um sie zu verletzen. Leider hat sich das Schicksal gegen ihn verschworen. Der Stein zerschmettert den Kopf des Kätzchens. Die empfindsame Amelia ist zutiefst entsetzt und fällt fast in Ohnmacht (was vielleicht auch an ihrem engen Korsett liegen mag).

Wütend springt die Katze an der Burgmauer hoch, doch sie schafft es nie bis zur Mauerkrone. In ihren Augen erblickt Amelia pure Mordlust. Der abgebrühte Hutchison lacht bloß darüber. Die Katze erinnere ihn an jene Squaw, deren Kind von einem Weißen getötet worden war und die dessen Mörder drei Jahre lang verfolgt und schließlich zur Strecke gebracht habe – nachdem sie ihn schrecklich gefoltert hatte. Hutchison erschoss die Frau. Als sich die Katze zu beruhigen scheint, hält er das für die Demut einer Squaw und vergisst die Katze.

Nicht so Amelia und ihr Mann. Sie bemerken bei ihrem Rundgang, wie die Katze ihnen nachschleicht, und gelangen schließlich zum Höhepunkt ihrer Tour: in den Folterturm. Alles ist noch genauso, wie es die Folterknechte und Scharfrichter vor Jahrhunderten zurückließen. Amelia kann einen zaghaften Schauder angesichts der blanken Richtschwerter, den Richtblocks und der unzähligen Marterinstrumente, mit denen man die Unglücklichen zum Geständnis bewegte, nicht unterdrücken.

Hutchison aber stürzt sich begierig auf das Herzstück der grotesken Sammlung: die berühmte Eiserne Jungfrau. Dieses sargähnliche Gebilde sieht keineswegs aus wie eine Frau, sondern eher so plump wie der Sarkophag eines Pharao. Nur das eine Ende trägt das Antlitz einer Frau, daher der Name. In diesen aufklappbaren Behälter wurde der gefesselte Delinquent gesteckt. Dann ließ man ganz langsam und schmerzhaft den an einem Halteseil und einem Flaschenzug befestigten Deckel hinab. Dessen Innenseite ist mit eisernen Stacheln versehen, die in die Augen, das Herz und in lebenswichtige Organe des Opfers eindringen …

Als der übermütige Hutchison sich vom Wächter fesseln und in die Eiserne Jungfrau stecken lässt, um die Top-Sensation seiner Reise zu erleben, taucht die rachedurstige Katze wieder auf …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch geht vom Bekannten und doch Neuen aus und steigert sich dann über eine interessante Zwischenstufe zu einem höchst blutigen Finale und Höhepunkt, das es mit dem Besten von Poe aufnehmen kann. Doch der Reihe nach.

|“Draculas Gast“|

Jeder, der schon mal eine möglichst werkgetreue Verfilmung von Stokers „Dracula“ gesehen hat – am besten jene von Francis Ford Coppola -, wird sich sofort in die Lage von Jonathan Harker versetzen können, wird ihm vielleicht sogar das schmale, bleiche Gesicht von Keanu Reeves zuweisen. Harker hat ein morbides Interesse an allem Unheimlichen und verlangt daher sofort, in das Dorf der Vampire gefahren zu werden. Schließlich muss er doch laufen, begleitet von sämtlichen Vorboten des Unheils: ein am Kreuzweg begrabener Selbstmörder (in ungeweihter Erde bestattet), Sturm, Dunkelheit, Wolfsgeheul, Zypressen (typisch für südliche Gottesacker) und natürlich Gräber.

Natürlich bleibt das Unheil nicht aus. Blöd nur, dass Harker ständig das Bewusstsein verliert, was seiner Erzählung eine gewisse stroboskopartige Beleuchtung der laufenden Ereignisse verleiht. Ist aber vielleicht besser so, denn angesichts dessen, was Harker noch in Transsylvanien bei seinem Gastgeber erleben soll, darf der Autor nicht allzu viel vorwegnehmen, um die Spannung nicht zu verderben. Wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass Harker nicht doch von jenem Geisterwolf auf dem Friedhof gebissen wurde. Die Pointe kommt natürlich erst ganz am Schluss, als Harker ein seltsames Telegramm erhält …

|“Das Haus des Richters“|

In dem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert trifft die moderne Kultur auf die alte. Im 17. Jahrhundert wurde Irland, die Heimat des Autors, von Oliver Cromwell quasi ein zweites Mal unterworfen, mit verheerenden Folgen für die einheimische Bevölkerung. Der Richter, der sich in eine Riesenratte verwandelt, verkörpert dieses grausame Regime, das bis heute geisterhaft nachwirkt – und somit auch den neuesten Bewohner jenes verfluchten Gebäudes nicht verschont, in dem die Verurteilten gleich an Ort und Stelle gehängt wurden.

Das Seil, das vermaledeite Seil! Es spielt eine zentrale und umkämpfte Rolle im Zweikampf zwischen dem jungen Malcolm und der Riesenratte. Allzu leicht lässt sich daraus nämlich eine Henkersschlinge knüpfen. Symbolisch verbindet es die Last der Vergangenheit, und ganz buchstäblich wird dem jungen vorwitzigen Bewohner „ein Strick daraus gedreht“. Dieser wehrt sich zunächst, lächerlich genug, mit dem Werfen von Matheüchern. Doch erst das fünfte trifft und vertreibt die Ratte: Es ist die Familienbibel. Das bedeutet zweierlei: Die Kraft des Glaubens schützt den jungen Mann ebenso wie die Verankerung in die Familie, die Tradition. Als er dies – warum auch immer – nicht tut, ist er verloren.

Es hat mich aber schon ein wenig misstrauisch gemacht, dass Malcolm alles mit sich anstellen lässt, sobald ihn der hypnotische Blick des leibhaftig auferstandenen Richters gebannt hat. Er ist quasi wie gelähmt – das ideale Opfer, wie das Kaninchen vor der Schlange. Es ist übrigens erwähnenswert, dass es keiner der braven Bürger des fiktiven Ortes Benchurch – von der namengebenden Kirche wird absolut nichts erwähnt – es für notwendig erachtet, Malcolm beizustehen. Über entsetztes Händezusammenschlagen und eine ernsthafte Warnung geht die „Hilfe“ aber leider nicht hinaus. Die Zugehfrau Mrs. Dempster darf ihr Armenhaus nächtens nicht verlassen – ein Hinweis auf die üblen Zustände an diesem Ort. Malcolm wird nicht nur ein Opfer der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart: kein gutes Omen für die Zukunft.

|“Die Squaw“|

Die Vergangenheit schlägt mit voller Härte zu, als den Missetäter in „Die Squaw“ im mittelalterlichen Nürnberg die gerechte Strafe dafür ereilt, dass er das Kätzchen getötet hat. So wie er dessen Köpfchen zerschmettert hat, so wird auch ihm der Schädel traktiert – von jener teuflischen Foltervorrichtung, der einige weibliche Attribute gegeben werden. Dazu gehört zunächst der Name: „Eiserne Jungfrau“, dann das eingravierte Gesicht, zudem die Aufnahme in den Apparat wie in einen Mutterschoß.

Auffällig ist die durch den Titel hervorgehobene Parallele zu Hutchisons Ermordung der Squaw, die sich an einem Weißen für die Ermordung ihres Kindes gerächt hatte. Sein grausiger Tod ist also nicht nur die Strafe für das tote Kätzchen, sondern auch für die tote Indianerin. In beiden Fällen spielt der Aspekt verachteter Mutterliebe eine große Rolle. Wie ironisch und passend dann Hutchisons Tod im Mutterschoß der Eisernen Jungfrau! Der Mann glaubte sich dort sicher, weil er bereits einmal Ähnliches mit einem Pferd praktiziert hatte. Er versteckte sich in dessen Bauchhöhle, um sich vor anrückenden Indianern zu verstecken.

Hutchison verkörpert das lebensfeindliche Prinzip, das bei der Eroberung der Neuen Welt waltet. Die junge Frau des Erzählers, Amelia, ist wohl auch deshalb so angeekelt und entsetzt von Hutchisons Verhalten, weil ihre natürliche Rolle in der gerade erst eingegangenen Ehe die der Mutter ist. Man darf sogar mit Fug und Recht annehmen, dass sie bereits schwanger ist – die häufigen Ohnmachtsanfälle legen dies nahe. Wie abstoßend muss ihr daher Hutchisons Verhalten vorkommen, das sich unter anderem darin manifestiert, dass er eine Brieftasche aus Menschenhaut bei sich trägt.

Von allen drei Geschichten endet „Die Squaw“ am blutigsten und brutalsten. Das ist ein echter Tiefschlag für das Nervenkostüm des unvorbereiten Zuhörers, daher ist an dieser Stelle eine ernstgemeinte Warnung angebracht.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Die drei Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, wie bereits erwähnt. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szenen lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. Sehr witzig und gelungen fand ich auch, wie Riedel Frauen intoniert: Seine Stimme klettert in ungeahnte Höhen, ohne dabei jedoch irgendwie tuntenhaft zu klingen.

Die Musik von Andy Matern erklingt jeweils am Anfang und Ende einer CD sowie zwischen den Texten, passend in düsteren Klängen. Die Musik und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 oder „Necrophobia“.

_Unterm Strich_

|LPL records|, |Festa|-Verlag und |Lübbe Audio| produzieren ausgezeichnete Horror-Hörbücher, so auch das vorliegende. Passende Musik und ein jeweils hervorragender Sprecher gehen eine wirkungsvolle Verbindung ein, die das Grauen langsam vorbereitet, um schließlich im Finale vollen Schrecken zu entfalten. So muss solider Horror sein. Die sich steigernden drei Geschichten in „Draculas Gast“ liefern den schlagenden Beweis dafür.

Dennoch ist dies keine Kost für jedermann. Sie ist meines Erachtens erst für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet. Das gilt besonders für „Die Squaw“. Katzenfreunde kommen hier keineswegs auf ihre Kosten, sondern seien besonders davor gewarnt, was ihren Lieblingen hier angetan wird.

|132 Minuten auf 2 CDs|

Charlotte Link – Der fremde Gast

„Mach Fremden nicht die Tür auf“, so schärft man es kleinen Kindern immer wieder ein, Charlotte Links aktueller Thriller macht aufs Schärfste deutlich, was einem blühen kann, wenn man sich nicht an diesen Leitsatz hält. Hatte ich bislang nur vier von Links historischen Gesellschaftsromanen gelesen, so bekam ich durch ihr neu erschienenes Taschenbuch nun endlich die Möglichkeit, auch einen ihrer Thriller zu lesen. Wieder einmal beweist Link eindrucksvoll, dass sie Leser an ihre Bücher fesseln kann und zu unterhalten weiß. Einmal angefangen, kann man ihre Werke nicht mehr aus den Händen legen, „Der fremde Gast“ stellt hier keine Ausnahme dar …

Wenn der Mörder zweimal klingelt

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