Andreas Eschbach – Das Jesus-Video

Hat ein Zeitreisender von Jesu Leben ein Video gedreht? Archäologen finden in Israel die Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommt. Und befindet sich die Kamera mit dem Video ebenfalls in Israel?
Während der Projektleiter, ein Industrieller, vom Vatikan 10 Milliarden Dollar für seinen Fund haben will, kontert die römisch-katholische Kirche mit einem Kommando der Heiligen Inquisition. Steht ein Religionskrieg bevor?

Der Autor

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

Der Sprecher

Matthias Koeberlin, geboren 1974, spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers. Als ausgebildeter Schauspieler weiß er seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Aber er kennt nicht die Aussprache jedes einzelnen ausländischen Namens – wer könnte es ihm verdenken? Daher betont er beispielsweise den Namen des Papst-Agenten Scalfaro falsch: Er sagt Scalfáro statt Scálfaro.

Handlung

Gibt es Zeitreisende – und wenn ja, wo sind sie geblieben? Haben sie was mitgebracht?

Stephen Foxx, Mitglied der New Yorker Explorer’s Society, findet bei archäologischen Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommen soll. Es gibt nur eine Erklärung (oder?): Jemand muss versucht haben, Videos von Jesus Christus zu machen. Der Tote im Grab wäre demnach ein Mann aus der Zukunft, dem es gelungen war, in die Vergangenheit zu reisen. Und irgendwo in Israel wartet eine Kamera samt Videoaufnahmen in einem sicheren Versteck darauf, gefunden zu werden.

Aber möglicherweise ist ja alles nur ein groß angelegter Schwindel. Schließlich hat ein Medienzar, John Kaun, seine Finger im Spiel. Er finanziert die Ausgrabung, und ein dubioser britischer „Wissenschaftler“ leitet die Grabungen. Als John Kaun dem Vatikan die noch nicht einmal gefundenen Videobänder gegen eine astronomische Summe verkaufen will, beginnt ein lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel für Stephen Foxx, das ihn zuletzt an den Rand des Verdurstens in der Wüste Negev führt.

Mein Eindruck

Eschbachs große erzählerischen Vorbilder sind Konsalik und Alistair McLean. Der Leser stößt dementsprechend allenthalben auf Kniffe und effektvolle Strukturen in Eschbachs extrem spannenden Thriller. Auffallend sind die vielen Cliffhanger-Schlüsse an Kapitelenden.

Flache Figuren

Leider sind seine Figuren notgedrungen entsprechend flach, geradezu stromlinienförmig. Sie erfüllen häufig nur dramaturgisch notwendige Funktionen. Nur Stephen Foxx‘ engste Freunde wie Peter Eisenhardt, Judith & Joshua Menes erfahren deutlichere Charakterisierung. Immerhin rettet seine stellenweise auftretende Selbstironie den Erzählton vor dem Abrutschen ins pathetische Drama. Am markantesten gelungen ist wohl der eremitische Vater eines der Ausgrabungshelfer – er gibt den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib der Videokamera, doch schließt er sich selbst vom Geschehen, ja vom Rest der Welt aus.

Bildungsreise durch Israel

Ganz nebenbei vermittelt der Erzähler eine ganze Menge an Bildungswissen und wertvollen Einsichten: nicht nur über das politische Pulverfass Israel – allein schon der PLAN für eine Grabung an der Klagemauer könnte einen Krieg auslösen! -, sondern auch über seine vieltausendjährige Geschichte, auf die sich unter anderem auch unsere abendländische Kultur gründet. Hier agiert der Erzähler mit Tonnen von Material auf leichtfüßige Weise, glänzt stellenweise mit ironischem Witz und originellen Einsichten. Dies macht dieses Hörbuch nicht nur zu einem spannendem Hörerlebnis, sondern zu einem Vergnügen, das nicht so schnell zu wiederholen ist.

Zickzack-Epiloge

In den Epilogen, die der Haupthandlung folgen, verkehrt sich das vermeintlich so traurige Ergebnis der Haupthandlung mehrfach in ihr Gegenteil. Hier stellt der Autor die Frage, ob es so wahnsinnig wichtig ist, ob das Jesus-Video „echt“ ist und dies die „Wahrheit“ für alle Christen sei. Natürlich werden diese absoluten Wertkategorien relativiert. Aber rein aus Spaß an der Freud an diesem Spiel baut sich dann doch so etwas wie eine Zeitschleife auf. Nicht von ungefähr lautet der letzte Satz des Romans „Die Geschichte beginnt.“ Und der Begriff „Geschichte“ hat an dieser Stelle natürlich mehrere Bedeutungen. Selbst wenn wir dieses Buch lesen, sind wir Teil der „Geschichte“.

Originelle Sprache

Immer wieder fällt die abwechslungsreiche und originelle Verwendung der deutschen Sprache auf. So viele passende Begriffe wird man in kaum einer Übersetzung aus dem angelsächsischen Raum finden. Wörter wie „Kugelblitz“, „Glutball“, „herumfuhrwerken“ sind außerhalb der deutschen Sprache – und sogar innerhalb – nur wenig gebräuchlich.

Logischer Fehler

Ein Fehler ist auffallend, eine Fehlkalkulation in der Zeit: Die letzte Szene findet fünfeinhalb Jahre nach der Haupthandlung statt. Dort heißt es, die Videokamera käme in drei Jahren auf den Markt. Als der Zeitreisende auftaucht, sind die fünfeinhalb Jahre vergangen, die Kamera ist bereits seit zweieinhalb Jahren erhältlich. Dennoch wurde sie vom Verkäufer als „das Neueste vom Neuen“ empfohlen. Heute erscheinen zweieinhalb Jahre als eine Ewigkeit für einen Innovationszyklus.

Die musikalische Inszenierung

Diese Romanlesung ist sehr wirkungsvoll. Zum einen trägt ein ausgebildeter Schauspieler sie vor, zum anderen wurde sie mit dem Original-Soundtrack der ProSieben-Verfilmung inszeniert. Das bedeutet, dass jede CD mit einem Intro und einem Extro versehen ist, das den Zuhörer nach Israel versetzt. Das heißt auch, dass entsprechende Stimmen und Musikinstrumente erklingen, die in das jeweilige Milieu passen. Geräusche tauchen kaum auf. Sie würden auch nur stören, denn zwei „Tonspuren“ sind das Maximum, das das menschliche Gehör als erträglich empfindet (Grundkurs Tontechnik). Jede weitere Tonebene muss, wie jeder Spielfilm zeigt, entsprechend zurückgenommen werden.

Die letzte CD weist noch ein weiteres Schmankerl auf: den originalen Abschluss-Song, gesungen von einer Künstlerin. Unter „vocals“ gibt die Hörbuchbeilage „Anna“ an, mehr nicht. Die Musik selbst wurde komponiert, arrangiert, programmiert und aufgenommen von Egon Riedel (www.ego-n.de).

Unterm Strich

Die Hörbuchfassung vereint meines Erachtens das Beste aus beiden Fassungen: Gelesen wird die Buchfassung, aber mit der Musik und der Hauptrolle der ProSieben-Verfilmung. Der Film zeigt eine Variation der Geschichte und legt viel Wert auf Action und Tempo. Wer das Buch mag, kann man über den Film wohl nur den Kopf schütteln.

Deshalb bietet die Hörbuchfassung sozusagen das Original, aber multimedial aufbereitet: eine Rundumerfahrung, die die Längen des Buches hinter sich lässt (Redaktion: S. Scheibler), um zielstrebig zur Sache zu kommen (soweit das bei einer Katz-und-Maus-Jagd überhaupt möglich ist).

Umfang: 410 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Hesemann, Michael – Geheimakte John F. Kennedy

_Quo Vadis – Ein Überblick zum Fall Kennedy_
John Fitzgerald Kennedy dürfte den Meisten wegen seines berühmten Spruches an der Berliner Mauer „Ick bin ain Berlina“ bekannt sein – und natürlich wegen seines gewaltsamen Ablebens, das damals am denkwürdigen 22. November im Jahre 1963 weltweit für Furore sorgte. Der amerikanische Präsident war allseits beliebt – zumindest beim Volk, aber wohl doch nicht in allen Kreisen, bis hoch in die Ämter seiner eigenen Regierung. Das Attentat in Dallas/Texas gilt heute als DER Startschuss für den Vietnam-Krieg, den Kennedy seinerzeit unter keinen Umständen billigen wollte. Seine Liberalität war sein Todesurteil. Michael Hesemann greift die losen Fäden der Geschichte und des Mythos Kennedy noch einmal auf und fügt sie in diesem Buch zusammen.

Nein, Präsident Kennedy hatte wahrlich nicht nur Freunde, sondern auch überaus zahlreiche und mächtige Feinde: Waffenlobby, CIA, Mafia, Exil-Kubaner – um nur die Wichtigsten zu nennen. Vor allem die CIA hatte allen Grund zur Freude über seinen Tod, hatte er doch kurz zuvor ihre Zerschlagung angedroht, was gleichzusetzen mit einer Quasiauflösung des Dienstes gewesen wäre, sprich: erheblichem Machtverlust. Sie waren nicht die Einzigen, die davon profitierten, dass nach den tödlichen Schüssen beinahe im Vorbeigehen und noch am gleichen Tag des Attentats sein Vize Lyndon B. Johnson buchstäblich on-the-fly vereidigt wurde und Kennedys bereits eingeleitete Reformen sofort stoppte. Doch schon die Vorbereitung des Präsidentenbesuchs in Dallas bringt bei genauerer Betrachtung Erstaunliches zu Tage:

Kurz vorher wurde beispielsweise – vollkommen ungewöhnlich – die Fahrtroute der Kolonne gravierend geändert, sodass der offene Wagen des Präsidenten zwangsläufig an der Stelle der tödlichen Schüsse sehr langsam fahren musste. Ein Unding. Die ursprünglich geplante Route hätte ihn erst gar nicht auf den Präsentierteller des Dealey Plaza geführt, doch sein Sicherheitsschef – der dies nach eigenen Angaben niemals zugelassen hätte – wurde kurzerhand an einen anderen Einsatzort abberufen. Der ganze Einsatz des Sicherheitspersonals beim Präsidentenbesuch ist scheinbar ziemlich schief und stümperhaft gelaufen und weist einige Unstimmigkeiten auf, die man nur mit vorsätzlicher Absicht erklären kann. Offiziell fielen bei diesem Hinterhalt drei Schuss und diese allesamt aus den 5. Stock eines Schulbuchlagers hinter der Wagenkolonne des Präsidenten. Zeugen behaupten etwas anderes – sowohl was die Anzahl der Schüsse, als auch die Position der mutmaßlichen Schützen angeht – und auch ein von einem anwesenden Zuschauer aufgenommener Amateurfilm zeigt, dass der tödliche Kopftreffer von vorn kam und nicht von hinten.

Die Geschichte von der „magischen Kugel“, die Kennedy letztendlich getötet haben soll, gehört zu den lächerlichsten Chimären in der Geschichte der Neuzeit – und fast alle haben sie geglaubt. Denn um die vielfältigen Einschüsse und dieser 3-Schuss-Theorie widersprechenden Verletzungen Kennedys und seiner Mitfahrer zu erklären, dichtete man dem Projektil Fähigkeiten an, die der Physik und der Logik Hohn sprechen. Die Autopsie wurde hastig, mehr als mangelhaft durchgeführt und dokumentiert, Teile des Berichts darüber verschwanden oder wurden offensichtlich manipuliert, doch die mit der Klärung beauftragte Kommission nahm offensichtlich keinen Anstoß an solchen ‚Kleinigkeiten‘ wie Plausibilität und Physik. Die Warren-Kommission tat im Gegenteil augenfällig ihr Bestes, sich möglichst schnell auf einen Attentäter zu einigen: Lee Harvey Oswald – der konnte als Leiche ja auch schlecht widersprechen. Bekannterweise wurde Oswald kurz nach dem Attentat von einem angeblichen, irren Fanatiker liquidiert, welcher später unter ebenfalls äußerst mysteriösen Umständen verstarb. Solcherlei ‚ungeklärtes, plötzliches Ableben‘ (böse Zungen mögen es auch ‚Mord‘ nennen) potenzieller Petzen war kein Einzelfall, sondern eher die Regel.

Auch massenhaft der offiziellen Darstellung widersprechende, aber sehr glaubwürdige, unabhängige Zeugenaussagen, welche mehrere Schüsse aus einer ganz anderen Richtung als dem fraglichen Schulbuchlager wahrgenommen haben, wurden ignoriert, oder die betreffenden Zeugen unter Druck gesetzt, diffamiert oder gar peu à peu aus dem Weg geräumt. Summa summarum beläuft sich der Bodycount in diesem Zusammenhang auf 42 am Fall mehr oder weniger beteiligter Menschen (hauptsächlich Augenzeugen), die unter teils kuriosen Arten ihr Leben aushauchten. Zeugen zu beeinflussen oder zu beseitigen, Tatsachen zu verdrehen, Akten verschwinden zu lassen und die gesamte Sache möglichst in Nebel zu hüllen, zieht sich wie ein roter Faden durch den Fall Kennedy. Im Laufe der Zeit wankten die offiziellen Darstellungsversuche vom „alleinigen Einzeltäter“ Lee Harvey Oswald immer mehr und es kamen berechtigte Zweifel auf, dass Oswald überhaupt abgedrückt hatte – seine Verstrickung in diese tief verschachtelte Geschichte ist hinlänglich erwiesen, doch ist er auch der Täter gewesen?

Die Begleitumstände lassen das fragwürdig erscheinen und legen eher den Schluss nahe, dass er ein simples Bauernopfer war. Das Gewehr, dass er zur Tat angeblich verwendet hat, war ein Uralt-Prügel und alles andere als ein Präzisionsgewehr, doch soll er in knapp sieben Sekunden auf dreihundert Meter drei Schuss treffsicher abgefeuert haben. So ein Kunststück bringen selbst Scharfschützen mit besseren Gewehren kaum fertig. Zudem war das Zielfernrohr nachweislich defekt und er als mieser Schütze bekannt. Selbst wenn er es fertig gebracht haben sollte, so bleibt immer noch der bildliche Beweis des Amateurfilmers, dass der tödliche Treffer von vorne in Kennedys Schädel eindrang. Das spricht für noch mindestens einen weiteren Heckenschützen, der die Kolonne von vorn unter Feuer nahm. Wahrscheinlicher ist, dass es sogar eher drei Gunmen waren. Wieder belegen Zeugenaussagen, dass dem tatsächlich so war. Doch all das wurde geflissentlich übersehen.

Der Staatsanwalt von New Orleans – Jim Garrison – war Jahre später der Einzige, der sich getraute, den Fall noch einmal weitreichend und minutiös aufzurollen, weil es himmelschreiende Ungereimtheiten und Anzeichen für eine Verschwörung im großen Stil im Abschlussbericht der Kommission gab. Sein hartnäckiges Engagement war offensichtlich zu weitreichend für einige Gestalten. Er hatte geradewegs in ein Wespennest gestochen. Trotzdem man ihn versuchte, öffentlich zu diffamieren und sogar offen zu bedrohen, brachte er es bis zum Prozess und auf zwei Bücher zum Thema. Mehr als die Öffentlichkeit aufzurütteln, konnte er aber nicht bewirken, der Prozess gegen einige der mutmaßlichen Verschwörer endete aufgrund einer formaljuristischen Spitzfindigkeit mit einem – recht zweifelhaften – Freispruch. Auf diesem Stoff basierend, schuf Oliver Stone 1992 den Film „JFK – Tatort Dallas“ mit Kevin Costner in der Hauptrolle, der kurioserweise schon im Vorfeld durch eine Hetzkampagne niedergemacht wurde, jedoch das Interesse am Mordfall Kennedy in der Öffentlichkeit wieder entfachte.

Garrisons geradezu inquisitorischem Ermittlungseifer damals und auch dem ambitionierten Film Oliver Stones ist es jedoch zu verdanken, dass die amerikanische Regierung heutzutage immerhin – gezwungenermaßen zwar – „die Möglichkeit eines Komplotts“ offiziell einräumt, jedoch weiterhin stur an Oswald als Täter festhält – allen gegenteiligen Indizien, die in all den Jahren auftauchten und zusammengetragen wurden, zum Trotz. Der Mord und die weitreichende Vertuschung der Vorgänge sind längst Legende und alle Sachverhalte bei weitem nicht zufrieden stellend geklärt, nicht zuletzt deswegen, weil aufschlussreiche Akten weiterhin unter fadenscheinigen Vorwänden von offizieller Seite unter Verschluss gehalten werden. Das Mauern geht also auch jetzt, vierzig Jahre nach dem Attentat, munter weiter.

_Qui Bono – Kritik_
Die Konsequenzen des Anschlags ziehen bis zur Jetztzeit ihre Kreise und selbst einige der heute im Amt Sitzenden waren damals schon offensichtlich mehr oder weniger involviert. George Herbert W. Bush Senior beispielsweise. Das jedenfalls recherchiert Hesemann aus Akten aus der aktiven CIA-Zeit des Ex-Präsidenten und Daddys des aktuellen Chefs des Weißen Hauses. Obwohl es mittlerweile ja en vogue ist, auf den Bush-Clan einzuprügeln, nimmt dieses Kapitel nicht viel Platz ein. Bush Senior war wohl nur ein kleines Rad im Getriebe der damaligen Vorgänge – eins von vielen. Als treibende Kraft hinter allem macht Hesemann hauptsächlich die CIA und auch andere Gruppierungen aus, die sich zusammenschlossen, um den bei ihnen so verhassten liberalen Präsidenten über die Klinge springen zu lassen. Genüsslich zerpflückt er die Einzeltäter-Theorie und nimmt CIA, Mafia, Waffenlobby und die Exilkubaner aufs Korn– ja selbst die Freimaurer kriegen ihr Fett weg. Letzteres ist ein recht neuer Aspekt und gar nicht mal so abwegig, muss aber heikle Spekulation bleiben. Dennoch interessant hergeleitet.

Den anderen Aspiranten auf die Täterschaft kann man mit belegbaren Facts schon eher zu Leibe rücken, viel Neues hat Hesemann aber nicht zu bieten – die meisten Erkenntnisse stützen sich auf die Ermittlungsarbeit von Jim Garrison und rekapitulieren sie nur noch einmal zusammenfassend. Zeugenaussagen, Protokolle und der berühmte „Zapruder“-Film (benannt nach Abraham Zapruder, der das Attentat mit seiner Super8-Kamera filmte, dessen Bilder später um die Welt gingen) sind unlängst bekannt, wenn auch vielleicht nicht in unseren Landen. Vieles von dem, was er schreibt, kommt in dieser oder abgewandelter Form auch im oben erwähnten Film von Oliver Stone vor, den Hesemann auch mehr als einmal lobt – da gebe ich ihm Recht, der Film ist um einiges verdaulicher als die Literatur. Nicht dass der Schreibstil etwa langweilig wäre, nein, es ist nur verdammt schwer, die ganzen Namen der Beteiligten keinem Gesicht zuordnen zu können. Es gibt eine Menge Namen und Ämter zu verdauen, quasi ein Who-is-Who aus Wirtschaft, Politik und Geheimdienst dieser Zeit. Oftmals verwirrend für jemanden, der sich noch nie zuvor damit auseinander gesetzt hat und somit, denke ich, recht schwere Kost.

Hesemann verknüpft aber auch die derzeitige Großwetterlage Amerikas mit den damaligen Ereignissen, sind doch viele der Handelnden ehedem zu Amt und Würden gelangt und haben den Lauf der Geschichte in der Folge maßgeblich beeinflusst. Ein vordergründig ziemlich wackeliges Argument, denn jede geschichtliche Begebenheit zieht unweigerlich einen Rattenschwanz an Kausalitäten hinter sich her, inwiefern das steuerbar ist, sei dahingestellt. Erstaunlich jedoch, abgesehen vom Wie, dass die alten Seilschaften (oder deren Zöglinge) zum Teil immer noch an den Fäden ziehen bzw. in Machtpositionen sitzen; Kennedys Beseitigung hat diese Entwicklung auf jeden Fall begünstigt und beschleunigt – wenn nicht gar erst ermöglicht -, insofern muss man ihm beipflichten. Unstrittig ist auch die These des Komplotts, denn eine solche Vertuschungsaktion entspricht nicht der Handschrift eines verblendeten Einzeltäters, sondern erfordert eine Menge Leute und setzt eine komplizierte Planung, Logistik und hohe Machtposition voraus, etwas in diesem groß angelegten Stil durchzuziehen. Die Indizien, die gegen Oswald als Todesschützen sprechen, waren und sind erdrückend. Das dokumentiert Hesemann auch mit zahlreichen Quelltexten, Fotos und Schaubildern, die trotz ihrer Brisanz bemerkenswerterweise frei zugänglich sind und zum Nachdenken anregen.

_Status Quo – Fazit_
Durch die Gnade der späteren Veröffentlichung im Jahre 2003 ist das Buch natürlich um einige Erkenntnisse reicher als ältere Publikationen und illustriert, wie Verschleierungstaktik seit jeher zur amerikanischen Politik gehörte und gehört. Notfalls geht man dabei auch über die Leiche des eigenen Präsidenten. Diese Einsicht ist nicht gerade neu und wird zähneknischend nun auch von offizieller Seite bestätigt – halbwegs jedenfalls. Publikationen wie diese geraten schnell unter Beschuss und der Grat zwischen Phantasterei und wirklicher Enthüllung ist denkbar schmal. Hesemann geht den sicheren Weg und resümiert hauptsächlich den Tathergang und Hintergründe, wie sie allgemein hin schon als erwiesen angesehen werden – basierend auf der Vorarbeit von Jim Garrison – und reichert die ohnehin dichte Indizienkette gegen die Verschwörer mit einigen eigenen Theorien an. Die leitet er gut her, sie entbehren nicht einer gewissen Logik. Letztendliche Gewissheit aber kann man wohl nur erlangen, wenn die derzeit noch unter Verschluss gehaltenen Akten tatsächlich irgendwann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wenn. So sicher ist das nämlich nicht. Unterm Strich bleiben eine sehr detaillierte Zusammenfassung zum aktuellen Stand der Dinge im Mordfall Kennedy und eine prima Ergänzung/Nachschlagewerk zum Film Oliver Stones.

Ken Follett – Die Kinder von Eden

Kann der Mensch ein Erdbeben produzieren? Was recht unwahrscheinlich klingt, geschieht in Kalifornien: Eine Sekte von Späthippies fordert damit den Gouverneur heraus, um den Bau eines Staudamms zu verhindern, der ihr Tal überfluten würde. – Eines von Follets schwächeren Werken, aber stellenweise dennoch spannend und sogar apokalyptisch.

Der Autor

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Fleischhauer, Wolfram – Buch, in dem die Welt verschwand, Das

Eines Wintertages im Jahre 1780 wird der junge Arzt Nicolai Röschlaub aus Nürnberg vom Kammerherrn Selling in das Schloss des Grafen Alldorf gerufen, der seit längerer Zeit unpässlich ist. Röschlaub findet den Adligen tot, vergiftet – ein Selbstmord, nachdem Alldorf die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen konnte. Vor ihm waren ihr schon sein beiden Kinder und die Gattin zum Opfer gefallen.

Aus einer Tragödie wird ein Skandal, als sich herausstellt, dass Alldorf im großen Stil Immobilienschwindel und Kreditbetrug betrieben und eine ungeheuerliche Geldsumme zusammengetragen hat, die nach seinem Tod verschwunden ist. Offenbar gehörte der Graf einer obskuren Geheimorganisation an, die Übles gegen den Kaiser plante.

Bald ist Röschlaub wieder im Schloss. Der gefürchtete Giancarlo Di Tassi, Justizrat des Reichskammergerichts zu Wetzlar, hat sich des Falls angenommen. Gerade hat man den inzwischen verschwundenen Selling aufgefunden: grausam ermordet und verstümmelt, zu Füßen der Leiche eine bewusstlose Frau, die alles mit ansehen musste. Magdalena Lahner ist für den notorisch misstrauischen Di Tassi sehr verdächtig. Um sie, in die er sich umgehend verliebt, zu schützen, aber auch um seine Karriere in Gang zu bringen, lässt sich Röschlaub als Berater des Justizrates anwerben. Freilich hat er keine Ahnung, dass dieser auch ihn für einen Komplizen des Grafen hält.

Gemeinsam untersuchen Di Tassi und Röschlaub eine Serie seltsamer Postkutschen-Überfälle: Nichts wird geraubt, nur die Kutschen samt Ladung in Brand gesteckt. Es ergibt sich ein Muster: ein gigantisches, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das ganz Deutschland erfasst! Aber das ist nur eines der unzähligen Rätsel, vor das sich die Ermittler gestellt sehen. Hinter jedem Mysterium tut sich ein neues Geheimnis auf. Für Röschlaub wird aus Spiel Ernst, als er erkennt, dass auch Di Tassi keineswegs der ist, für den er sich ausgibt. Gemeinsam mit Magdalena flieht er vor dem übermächtigen Feind, um nun selbst der Sache auf den Grund zu gehen – doch wer ist eigentlich Magdalena, die so viel mehr weiß als sie bisher zugab …?

Die gerade skizzierte Handlung gibt nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens wieder. „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ weist einen komplexen (und komplizierten) Plot auf, der manchmal hinter diversen Erzählsträngen schwer zu erkennen bleibt. So ist es freilich vom Verfasser geplant: Seine Geschichte dreht sich weniger um die Macht obskurer Geheimbünde, sondern mehr um die Kraft oder die Ohnmacht von Ideen.

Als reine Kriminalstory mit Mystery-Touch funktioniert „Das Buch …“ über drei Viertel seines Umfangs fabelhaft. Selten liest man – zumal in Deutschland – ein Werk, das so geschickt konstruiert und elegant geschrieben wurde. Der Fan des Genres wird nicht vermissen, was er (oder sie) so liebt: Illuminaten, Rosenkreuzler & andere kapuzinierte Munkelmänner, Meuchelmörder, Räuber, Verschwörer, Geheimagenten, Intriganten, eine Maschine zum Sternenstaubsammeln, das alles dargeboten in der Welt des Jahres 1780. Jede Person spielt ein doppeltes, dreifaches Spiel, niemandem kann getraut werden, eine Hitchcocksche Atmosphäre des Misstrauens ist allgegenwärtig.

Es macht Freude diesen Thriller zu lesen, der sich so geschickt einer vergangenen Zeit zu bedienen weiß. Das alte Deutsche Reich in seinen letzten Zügen, ein seltsames Konglomerat aus unzähligen mittelgroßen, kleinen und kleinsten Fürstentümer und Kirchenstaaten, freien Städten und Abteien, in ihrer Gesamtheit notdürftig als „Deutschland“ unter einen Hut gebracht, tatsächlich aber hoffnungslos untereinander konkurrierend, sich verbündend, streitend … Das Leben muss vor allem für den, der viel reiste, ein Albtraum gewesen sein. Fleischhauer lässt seinen Nicolai Röschlaub diese Erfahrung mehr als einmal machen.

Viele Ereignisse knüpfen an diesen seltsamen territorialen Flickenteppich an, können sich nur hier so abspielen. Die oft bizarren Auswirkungen wirken in diesem Umfeld ganz natürlich, zumal Fleischhauer sein Wissen um die Vergangenheit nie aufdringlich doziert, sondern unauffällig in die Geschichte einfließen lässt. Das gilt ebenso für die politischen, religiösen oder wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Epoche. Wir erkennen rasch, wieso der Autor sein Garn gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen lässt.

Dies ist die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Absolutismus und Aufklärung. Auf der einen Seite symbolisiert das Deutsche Reich noch das Mittelalter mit seiner Adels- und Kirchenherrschaft, seinen Glauben an Geister und Hexen, an die Unwandelbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite steht die neue Zeit, deren Repräsentanten sich nicht mehr mit der alten Ordnung abfinden wollen. Die Wissenschaft schreitet voran, politisch weht in Preußen und besonders in Frankreich ein frischer Wind. Die Kirche kann ihre Vormacht nicht mehr halten, die Protestanten sind eine Macht geworden, die sich gegen Rom zur Wehr setzen kann.

Alle Fixpunkte der (deutschen) Existenz sind ins Rollen und Rutschen geraten. Um die Konsequenzen geht es in diesem Roman. Die Vertreter der alten Ordnung kämpfen gegen ihre Angst, dass deren Untergang das Ende der Welt einläuten wird, und natürlich für ihre Privilegien. Dagegen verlangen die Repräsentanten der Moderne den rigorosen Schnitt mit der Vergangenheit, der ihrer Meinung nach der Menschheit den Start in eine glanzvolle Zukunft ermöglichen wird.

„Das Buch, in dem die Welt verschwand“, verfasst vom Philosophen Immanuel Kant, ist Fleischhauers Symbol für den daraus erwachsenen Konflikt. Die Auflösung der unzähligen Geheimnisse wird viele Leser verwirren. Ihre Irritation entsteht aus Unwissen. Kann denn eine Idee eine ganze Welt aus den Angeln heben? Die Angst davor Menschen umbringen? Es fällt schwer nachzuvollziehen, dass dies wirklich geschehen ist. Zwar überspitzt Fleischhauer aus Gründen der Dramatik die reale Historie, doch es ist eine Tatsache, dass schon das Deutschland von 1835 – dem Datum der Rahmenhandlung – keine Ähnlichkeit mehr mit dem Deutschland von 1780 aufweist. Letzteres ist nach Fleischhauer in der Tat in einem Buch verschwunden – eine interessante, ungewöhnliche Interpretation, die nachhaltiger wirkt als das übliche Schlussgemetzel zwischen „Gut“ und „Böse“.

Nicolai Röschlaub, unser „Held“, ist in vielerlei Hinsicht ein reiner Tor. Er ist keineswegs dumm, aber sehr naiv. Mit anderthalb Beinen steht er bereits in der neuen Zeit. Die Ränken in Politik und Gesellschaft sind ihm fremd, für ihn steht die unverfälschte Wahrheit im Vordergrund. Deshalb hat er mit seinen eigenen medizinischen Forschungen kläglich Schiffbruch erlitten – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er nicht über das diplomatische Geschick verfügt, diese Wahrheit über die richtigen Kanäle zu verbreiten.

Aber echter Forschergeist lässt sich nie wirklich unterdrücken. Bald spürt Röschlaub neuen Krankheitserregern nach. Dieses Mal bleibt er bis zum bitteren Ende dabei. Das widerstrebt seinem eigentlichen Wesen, aber es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig. Siehe da, in der Krise entwickelt Röschlaub Überlebensqualitäten. Und zuletzt ist er es, der das Geheimnis des Buches nicht nur entdeckt, sondern überlebt und sogar profitiert.

Magdalena scheint zunächst die übliche weibliche Hauptrolle an der Seite von Röschlaub zu spielen. Auch hier durchbricht Fleischhauer das Klischee: Das angebliche Opfer entpuppt sich als religiöse Fanatikerin und gehört auf ihre Art in dasselbe Lager des Feindes wie Di Tassi. Beide wollen sie die alte Ordnung – ihre alte Ordnung – retten, fürchten sich vor einer Zukunft, die sie nicht mehr lenken, in der sie nicht mehr bestimmen können.

Wobei Di Tassi die politische Reaktion repräsentiert. Er spielt viele Rollen, dient aber letztlich dem Kaiser, das heißt dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen pompöser Titel mit der traurigen Realität kaum noch etwas gemein hat. Fortschritt ist für Di Tassi per se gefährlich und muss aufgehalten werden. Als ihm das nicht mehr gelingt, verschwindet er spurlos aus unserer Geschichte.

Wolfgang Fleischhauer wird am 9.Juni 1961 in Karlsruhe geboren, wo er bis zu seinem Abitur 1974 lebte. Anschließend studierte er Literatur in Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA. Dort schrieb er sich in diverse Kurse für kreatives Schreiben ein. Nach langjährigen Recherchen entstand 1996 „Die Purpurlinie“, ein historischer Thriller, der Kritiker und Leser sind gleichermaßen begeisterte.

Mit „Die Frau mit den Regenhänden“ blieb Fleischhauer dem Genre 1999 treu. Er wurde für sein Werk mit dem dritten Platz des Deutschen Krimipreises 2000 (Sparte „National“) ausgezeichnet. Im Sommer 2001 erschien „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“, ein in Südamerika spielende Geschichte um Liebe und Verrat, Macht und Politik.

Fleischhauer lebt in Brüssel und arbeitet als Konferenzdolmetscher bei der EU-Kommission.

Rudolf Kreis – Wer schrieb das Nibelungenlied? Ein Täterprofil

Die gegenwärtige Weltlage lädt förmlich dazu ein, das Nibelungenlied als Beispiel zu nehmen, um aufzuzeigen, welches Ende blutrünstige Rachefeldzüge nehmen können. Die Situation vor 800 Jahren war der heutigen recht ähnlich, es war die Zeit der Kreuzzüge der Christen gegen den Islam und die Juden. Diese Parallele nimmt der Autor Rudolf Kreis zum Anlass, den unbekannten Dichter des Nibelungenliedes zu entchristianisieren und in ihm einen Juden bzw. dem Judentum Nahestehenden zu vermuten. In Worms verfügte die jüdische Bevölkerung damals über die gleichen Rechte wie die eigentlichen Bürger auch. Die rabbinische Gelehrsamkeit strahlte stark auf die christliche Theologie ab. Für das europäische aschkenasische Judentum war Worms das „Jerusalem“ des Westens. Seit dem 9.Jahrhundert kontrollierten die jüdischen Kaufleute von Worms den Fernhandel mit dem Orient bis Indien und China. Neben der Synagoge existierte eine Talmudschule von überregionalem Rang, der den der bis dahin führenden Hochschule von Babylon übertraf.

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Pringle, Heather – Mumien-Kongress, Der. Reise in die Welt des ewigen Todes

„Der Kongress“ ist es, der die Wissenschaftsjounalistin Heather Pringle anfänglich in den Bann zieht. Genauer gesagt ist es der „3. Weltkongress der Mumienforschung“, an dem sie auf der Suche nach Berichtenswertem im fernen chilenischen Arica als Zuhörerin teilnimmt. Aus der ganzen Welt sind kluge Männer und Frauen zusammengekommen, um über künstlich oder zufällig konservierte Leichen und deren Aussagewert für die Wissenschaft zu diskutieren.

Pringle erwartet, an einen unheimlichen Ort voller Sonderlinge zu geraten. Dies bestätigt sich voll und ganz, aber nach kurzer Zeit ist sie den Mumien trotzdem gänzlich verfallen: Ihrer morbiden Faszination kann offenbar niemand widerstehen. Die Mumienforscher entpuppen sich zudem bei aller Verschrobenheit als liebenswürdige, kontaktfreudige Menschen, die gern über ihre Arbeit Auskunft geben.

So beschließt Pringle, sich nach dem Besuch in Arica nicht sogleich anderen Themen zu widmen, sondern sich echten Eintritt in die Welt der Mumien zu verschaffen. Sie beschließt dort damit zu beginnen, wo aus Laiensicht alles begann: im alten Ägypten. „Das Messer des Pathologen“ beschreibt zum einen die Grundlagen der Mumifizierung. Es ist gar nicht so leicht Menschenfleisch wirklich haltbar zu machen. Längst sind die diesbezüglichen Geheimnisse nicht alle gelöst. Eine Gruppe von Forscher studiert den Prozess und sein Objekt am Ergebnis selbst, d. h. an der Mumie. Die wird zu diesem Zweck wie eine x-beliebige Fundleiche auf den Untersuchungstisch gehievt, um anschließend nach allen Regel ärztlicher Kunst auseinandergenommen zu werden. Die Einzelteile werden anschließend à la „CSI“ mit moderner Labortechnik untersucht.

Erstaunliches kommt dabei ans Licht. Mit ein gutes Argument gegen jene, die sich gegen die Störung der Totenruhe aussprechen – Mumien waren schließlich einst Menschen, die viel Zeit & Geld in ihre körperliche Unsterblichkeit investierten -, ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier, sondern der „allgemeine Nutzen“. So ist auch das moderne Ägypten ein von fiesen Wasserparasiten geplagtes Land. Deren Lebenskreislauf ist unerhört kompliziert. Eines steht fest: Eine fest eingeplante Station ist der Mensch. Die unglücklichen „Wirte“ verenden an grausigen Krankheiten, die sich nach wie vor nicht heilen lassen. Es gilt mehr über diese uralten Geißeln der Menschheit zu erfahren – und uralt sind sie wirklich, denn sie lassen sich in Mumien nachweisen und so besser erforschen.

„Drogenbarone“ überschreibt Pringle provokativ das nächste Kapitel. Mumienforscher sind keineswegs ein einig‘ Volk gemeinsam studierender Brüder & Schwestern. Eifersüchtig hüten sie ihre „Claims“, verteidigen ihre Theorien, befehden einander. Einen Aspekt dieses an sich gesunden, die Diskussion in Gang haltenden Verfahrens greift Pringle auf, als sie das Rätsel auffälliger Kokain- und Tabaknachweise in Mumiengewebe beschreibt. Gab es etwa urzeitliche Verbindungen zwischen Altägypten und Südamerika?

Mumien sind das ideale Objekt für „Kriminalgeschichten“. Sie konservieren oft unabsichtlich die Geschichte eines gewaltsamen Todes. Überall auf der Welt werden mumifizierte Männer und Frauen gefunden, die man erdrosselt, denen man den Hals durchgeschnitten oder die man sonstwie zu Tode gebracht hat. Dies übrigens auch im kalten und feuchten, dem Mumienbau ansonsten eher abträglichen Mitteleuropa, wo es die berühmten Moorleichen sind, die das Interesse späterer Generationen finden. Mord oder Menschenopfer, das ist hier die Frage, die sich zwar schwierig, aber doch häufiger als gedacht beantworten lässt.

Das Sprichwort vom Kehren (unangenehmer) Beweise unter den Tisch lässt sich auch auf die doch scheinbar harmlosen, weil von Äonen in einer völlig fremden Urwelt entstandenen Mumien anwenden. Sie können urplötzlich wieder sehr präsent werden, wenn moderne Politik und Religion ins Spiel kommen. Die Volksrepublik China ist ein großes und mächtiges, aber auch empfindliches Land. Kommunistisches Unrecht beim Aufbau einer „neuen, besseren Welt“ haben nicht die Zustimmung des Auslands gefunden. Deshalb achten die Machthaber sehr auf die Wahrung ihrer Ansprüche. Die Realität wird dem nicht selten angepasst. Das gilt auch für die Vergangenheit. So ist man im „offiziellen“ China sehr stolz darauf, deutlich früher und aus eigener Kraft als die viel gerühmten europäischen Länder zur Kulturnation aufgestiegen zu sein. Da ist es peinlich, dass unlängst sehr gut erhaltene Mumien entdeckt wurden, die eine andere Sprache sprechen. Bisher unbekannte „Eindringlinge aus dem Westen“ sind vor vielen tausend Jahren aus Europa nach Asien gekommen und haben dort viele der großen Erfindungen, derer man sich dort heute rühmt, erst eingeführt – ein prekäre Situation, die den Mumienforschern sehr zu schaffen macht, da sie mit Unterstützung unter diesen Umständen kaum zu rechnen haben.

Vor gar nicht so langer Zeit war dies allerdings auch im „freien“ Westen der Welt kaum anders. Pringle erzählt traurige Geschichten von „Wissenschaftlern“, die mit Hilfe der Mumien die geradezu biblische Überlegenheit der weißen „Herrenrasse“ belegen wollten. Wie üblich setzen die Nazis den traurigen Höhe- und Schlusspunkt dieser breiten Sackgasse.

Sie möchten im Wohnzimmer ihren Freunden eine getrocknete Königstochter präsentieren? Vielleicht reicht auch ein Kaminaufsatz aus geschmackvoll arrangierten Kinderköpfen? Oder wie wäre es gegen Unwohlsein und Alterswehwehchen mit einem Tee aus Mumienpulver? Damit lassen sich übrigens auch tolle Bilder malen! Vor kaum einem Jahrhundert war die Erfüllung solcher Wünsche kein Problem; der kultivierte Europäer, der nicht ins schmutzige und heiße Ägypten reisen wollte, konnte sich Mumien sogar bestellen. „Mumienhändler“ traten in vielen Gestalten auf – und sie tun es sogar noch heute, obwohl das Gewerbe gefährlich geworden ist.

So mancher Zeitgenosse schafft es erst nach dem Tod, in den erlauchten Kreis der „Berühmtheiten“ aufgenommen zu werden. „Ötzi“ aus Tirol beweist, dass sogar potthässliche Mumien zu echten Kultstars aufsteigen können. Das gilt noch viel mehr für die berühmten Inkakinder-Mumien aus Südamerika. Eine Laune der Natur ließ sie sich manchmal erschreckend gut erhalten – erschreckend deshalb, weil prompt konkurrierende Gruppen um die Toten zu raufen beginnen. Pringle schildert das (Zwerchfell) erschütternde Gezerre zwischen Entdeckern, Mäzenen, Regierungen, Medien und Moralaposteln im Fall „Juanita“, der vielleicht prominentesten Inkamumie.

Mumien in Europa? Die Moorleichen haben wir schon kennengelernt. Aber es gibt auch echte Mumien – und sogar einen eigenen Begriff für sie: „Die Unvergänglichen“ sind Männer und Frauen, auf die ihre Zeitgenossen auch im Tode einfach nicht verzichten wollten. Also wurden sie konserviert und in ihrer Mitte platziert. Die Katholische Kirche hat sogar einen regelrechten Kult um ihre „Heiligen“ betrieben, die im Leben so fromm waren, dass sie im Tod kein Wurm anzubohren wagte. Pringle weist nach, dass hierbei recht oft kräftig und wenig ehrerbietig nachgeholfen wurde.

Aber das Mittelalter ist vorüber, die Menschen sind über solchen Reliquienkult hinaus? Pringle besucht in Moskau die kleine Gruppe hochqualifizierter Spezialisten, die nach wie vor die berühmteste Mumie der Jetztzeit in Schuss halten. Der Sowjetdiktator Lenin gehört zu den zahlreichen kommunistischen „Despoten“, die quasi als Heiligenersatz im 20. Jahrhundert mit ungeheuerlichem Aufwand konserviert wurden. Josef Stalin, Ho Chi Minh, Kim Il Sung – sie alle erfuhren diese Behandlung, doch nur Lenin hat sie „überlebt“.

Wie kam der Mensch vor Äonen auf den Gedanken, seine Verstorbenen vor dem Verfall zu bewahren? Die ältesten bekannten Mumien der Welt scheinen einen sehr verständlichen Grund zu offenbaren: Schon zweieinhalb Jahrtausende vor den Ägyptern schufen die chilenischen Chinchorro Mumien – sie präparierten so ihre „Kinder“ für die Ewigkeit. So begann womöglich die Mumifizierung: als Versuch untröstlicher Eltern, ihre Lieben auch im Tod bei sich zu behalten.

Und es geht weiter. Mumien sind längst nicht ausgestorben. Sie scheinen an Zahl sogar zuzunehmen. „Selbstkonservierung“ nennt Pringle ihr letztes Kapitel. Sie beschreibt darin die bizarre Praxis überfrommer japanischer Mönche, sich buchstäblich selbst bei lebendigem Leibe zu mumifizieren. Wer die Ewigkeit nicht als Wurmfutter, aber etwas bequemer betreten will, findet heute (bei ausreichend dicker Geldbörse) zahlreiche Alternativen. Pringle besucht bizarre Kühlhäuser, in denen sorgfältig tiefgefrorene Leichen auf eine mögliche Wiederauferstehung in ferner Zukunft warten. Wer es wünscht, kann sich aber auch auf altägyptische Weise, d. h. ganz klassisch mumifizieren und in Leinenbinden einwickeln lassen, womit sich der Kreis wohl geschlossen hätte.

Der Mensch und der Kult um seine Toten … ein unerschöpfliches Thema, das gleichzeitig fasziniert, erschreckt und abstößt. Dafür gibt es kaum ein besseres Symbol als die Mumie. Sie repräsentiert, was nach Auffassung zumindest der Bewohner der westlichen Erdhemisphäre lieber sorgfältig außer Sicht gehalten werden sollte. Aber so denken eben längst nicht alle Menschen, und selbst in Europa oder Nordamerika, wo der Tod heute vom Leben separiert wird, war es vor gar nicht langer Zeit ganz anders.

Leichen gehören zum Alltagsleben. Das kann groteske Formen annehmen, aber auch rührend wirken. Heather Pringle versucht das gesamte Spektrum des Mumienphänomens nachzuzeichnen. Sie hat dabei buchstäblich eine Weltreise unternommen und erstaunliche, erschreckende und – man vergesse nie, dass Leiden & Lachen Verwandte sind – erheiternde Fakten zusammengetragen.

Pringle nähert sich dem komplexen und schwierigen Thema nicht unvoreingenommen. Sie bekennt schon früh, dass sie Probleme mit Bereichen der Forschung hat. Mumien sollten ihrer Meinung nach erhalten werden – nicht als historische „Objekte“, sondern als Hüllen einst lebendiger Menschen, denen es wichtig war, gut konserviert in die Ewigkeit einzugehen. Nun landen sie auf dem Labortisch und werden zum Wohl der Wissenschaft in kleine Stückchen zerhackt.

Dieser Riss klafft sogar zwischen den Mumienforschern selbst. Es gibt heute schonende Untersuchungsmethoden, aber Praktiker schwören weiterhin auf das Pathologenmesser. Sie könnten Recht haben. Darf man sie aufgrund moralischer Vorbehalte stoppen? Oder sind Mumien doch nichts als wissenschaftlich hochinteressantes Aas? Eine schwierige Frage mit vielen Antworten, die längst nicht beantwortet ist.

Nur einmal verliert Pringle ihre Objektivität. „Kinder“, die Geschichte der Chinchorro-Mumien, gerinnt ihr zur rührseligen Gute-Nacht-Geschichte, für die sie vor ihrem geistigen Auge schluchzende Mütter materialisieren lässt, die eine Möglichkeit gefunden haben, ihre Kinder bis über den Tod hinaus lieben. Dass es dafür erforderlich wurde, die lieben Kleinen u. a. zu häuten, scheint Pringle in ihrem urzeit-paradiesischen Traueridyll nicht weiter zu irritieren. Auch fragt sich, was die Chinchorro den lieben langen Tag eigentlich sonst noch getrieben haben außer ihre aufwändigen Mumien zu basteln und auszubessern. Die zeitliche Distanz zur aufgeklärten Jetztzeit schützt Chinchorro offenbar vor solcher Kritik.

Den Pringleschen Schutz verlieren die mumifizierwütigen Mitmenschen, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Die Verfasserin setzt möglicherweise voraus, dass der Mensch mit den Jahren „klüger“ wird und folglich auch den Drang zur unbeschädigten Jenseitsfahrt überwunden haben sollte. Wieso eigentlich? Wir sollten froh darüber sein, dass dies tatsächlich so ist, und die wenigen Abweichler mit Nachsicht betrachten.

In einem hat Pringle freilich absolut Recht: Den Hightech-Mumien von heute wird es in der Zukunft nicht anders ergehen als ihren Vorgängern. Eines Tages wird man sie finden, beileibe nicht neu beleben, sondern wiederum neugierig untersuchen, ausstellen (ausrauben wird nicht mehr lohnen, da keine Beigaben im Kühlsarg liegen) und sich viele Gedanken um sie machen. Aber das ist seit jeher das kalkulierte Risiko bei der Sache gewesen.

„Der Mumienkongress“ ist hier und da zwar ein wenig parteiisch, aber stets sachlich, gut recherchiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Nicht das Thema muss den Leser fesseln, die Verfasserin schafft es selbst. Für den Gruselfreund gibt es eine Strecke mit gar zu detailscharfen Fotos. Sie belegen vor allem eines, was dem Laien vielleicht gar nicht deutlich ist: Unsere Vorfahren waren Realisten. Sie wussten, dass ihnen eine 1:1- Präparierung nicht möglich war. Die Mumifizierung war die beste Alternative. Sie erhielt den Körper, der als Gefäß für den Tag der Wiederauferstehung bereit stand. Dass er dann nicht mehr ansehnlich war, wussten sie und nahmen es in Kauf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Mumienporträts mustert: Sie zeigen eben keine in ewigem Schlaf erstarrte Menschen, sondern grässliche Fratzen. Wieder eine der unzähligen nützlichen Infos, die wir Heather Pringle verdanken.

Robert R. McCammon – Tauchstation

McCammon Tauchstation Cover kleinDas geschieht:

Seit er vor sieben Jahren seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, lebt der ehemalige Bank-Hai David Moore zurückgezogen auf der kleinen Karibik-Insel Coquino, wo er ein Hotel – das „Indigo Inn“ führt. In seiner reichlichen Freizeit unternimmt Moore Tauchfahrten in die Gewässer um die Insel, die reich an Schiffswracks aus vielen turbulenten Jahrhunderten sind.

Ein paar Andenken aus einem im II. Weltkrieg versenkten Frachter möchte Moore bergen, als er aus dem Grund des Meeres etwas Überraschendes entdeckt: Im Sand steckt das nazideutsche U-Boot Nr. 198 – und eine Wasserbombe, deren verspätete Detonation Moore beinahe ins Jenseits und das Tauchgefährt an die Oberfläche befördert. Dort treibt es die Strömung genau in den Hafen von Coquina. Robert R. McCammon – Tauchstation weiterlesen

McCoy, Alfred W. – CIA und das Heroin, Die. Weltpolitik durch Drogenhandel

Was haben Drogen und internationale Politik miteinander zu tun? Wie ist der weltweite Anstieg des Drogenkonsums zu erklären? Das sind nur zwei der vielen Fragen, die in diesem über 800 Seiten starken Buch beantwortet werden.

Die Allianz zwischen Drogenwirtschaft und CIA baut auf einer langen Geschichte internationalen Drogenhandels auf. Sie beginnt mit dem Schlafmohn und dem Opium, dem „Ahnherr aller illegalen Drogen“ in der Antike. Damals wurde Opium lokal gehandelt, seit dem 17. Jahrhundert wurde es eine Welthandelsware, seit dem 20. Jahrhundert ist es als illegales Heroin gewinnbringender denn je.

Mit einer einmaligen Fülle an Fakten (Quellen- und Stichwortverzeichnis umfassen 150 Seiten) wird eine auf den ersten Blick befremdliche These belegt: Die rigide Antidrogenpolitik reagiert nicht auf weltweite Kriminalität – sondern im Gegenteil: sie schürt diese. In nie gekanntem Maße werden Verbrechen durch immer härteren Kampf gegen Kriminalität erzeugt. Zum Beispiel: „Nachdem die Häftlingsrate in den USA über ein halbes Jahrhundert lang stetig bei 100 Gefängnisinsassen auf 100.000 Einwohnern gelegen hatte, stieg sie, in die Höhe getrieben von immer höheren gesetzlichen Mindeststrafen für Drogenvergehen, von 138 Inhaftierten 1980 auf 702 im Jahr 2002 an…“ (S. 66). Außerdem senken Antidrogengesetze nicht den Konsum, sondern erschweren nur Anbau- und Handelskonditionen. In vielen Gebieten der Erde ist Drogenanbau die einzige Basis zum Überleben, und solange der Westen diese Armut erzwingt, sind alle Bemühungen gegen die Drogeninflation in der 1. Welt reine Sisyphusarbeit.

Aus irgendeinem bescheuerten Grund wird die US-Außenpolitik gern „pragmatisch“ genannt. Aber nichts liegt ferner, als dem Machtkampf der CIA Scharfblick und das Bedenken der langfristigen Folgen des eigenen Tuns zu unterstellen. Diese ach so ‚pragmatische‘ Machtpolitik verbraucht Bündnisse schneller, als neue geschlossen werden. Die CIA findet ‚Freunde‘, die für sich selbst und die CIA um lokale Macht kämpfen. Dafür brauchen sie mehr Ressourcen. Der Schlüssel sind Drogenanbau und -handel, in den Andenländern Südamerikas genauso wie in Zentralasien und Südostasien. Die CIA, internationaler Hauptarm der US-Politik, kann nicht alle strategischen Bündnisse weltweit selbst finanzieren, und das Kräftegleichgewicht kippt immer wieder, wenn ihre Partner eigene Interessen verfolgen – was sie früher oder später tun. Ein Beispiel unter vielen sind die Taliban in Afghanistan.

Umfangreich schildert McCoy die Entwicklung des Drogenhandels seit der Kolonialzeit. Eine neue Phase begann mit dem Kalten Krieg. Denn ab jetzt ging es nicht mehr nur um Profit, sondern der Kampf um ideologische Vorherrschaft in den Regionen kam hinzu und machte das Abhängigkeitsgefüge noch komplexer. Wirtschaft konnte Konkurrenz vertragen, der American Way of Life nie, und so eskalierten die aus politischen Gründen geführten Territorialkämpfe. Heute sind 50 (fünfzig!) US-Regierungsbehörden in den Handel mit Drogen involviert, in Anbau, Herstellung und Transport – auch ins eigene Land.
Die CIA macht mit Heroin Politik, indem sie ihren Einfluss auf den internationalen Drogenhandel zur Durchsetzung amerikanischer Interessen in aller Welt einsetzt: Drogenpolitik ist das Mittel, um Macht zu sichern. Destabilisierung von Regionen und Ländern und Kriege sind Begleiterscheinungen. McCoy, Professor an der Universität Wisconsin, zeigt die Dimensionen und Mechanismen. Es ist keine Verschwörung, kein unter Druck entwickelter finsterer Plan, der da verfolgt wird. Es ist ein Einblick in die Mechanismen einer Weltmacht.

Beispiele:
Der US-Geheimdienst kooperierte im 2. Weltkrieg mit der Mafia in Italien, in den Nachkriegsjahren mit korsischen Verbrechersyndikaten in Marseille, um dort die Macht der gewählten Kommunisten zu brechen. Mit Erfolg. Mit Bedacht legte die CIA das Fundament für die über zwanzigjährige Dominanz der Korsen-Connection im expandierenden US-Heroingeschäft.
Den Krieg in Nicaragua finanzierten CIA und Contras durch Drogenschmuggel. Das wurde in den USA zum Skandal, als sich Bürger aus L.A. über die Crack-Schwemme beschwerten, die mit CIA-Hilfe in den Markt gepumpt wurde. Die Polizei hatte Beweise, doch nichts passierte – zu viele Freunde in Regierungsnähe.
Seit dem Sieg der USA über die afghanischen Taliban blüht dort der Mohnanbau wie nie zuvor: Das Land gilt heute als die erste Opium-Monokultur der Welt mit historischen Rekordernten.

Versuche der CIA, das Buch zu verhindern, scheiterten.

_Knut Gierdahl_
für das Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de

Irwin, Valerie M. – Legende von Atlantis, Die

Der beliebteste Stoff für Fantasy neben der Artussage dürfte eine Erzählung sein, die bis in die Zeit der ersten Geschichtsschreibung überhaupt zurückreicht. Solon soll die Geschichte in einem ägyptischen Tempel auf einer Steinsäule entdeckt und abgeschrieben haben. Jahrhunderte später nahm Platon sich der Geschichte an. Sein „Kritias“ machte die Geschichte zum sagenhaften Mythos, um dessen Wahrheitsgehalt sich bis heute die Gelehrten streiten: Atlantis.
Neben vielen anderen Autoren, darunter Marion Zimmer-Bradley, hat sich auch Valerie M. Irwin des Themas angenommen. Ihre Version von Atlantis unterscheidet sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Sie wirkt wie ein Historienroman.

Ashinn ist ein junger Mann Mitte Zwanzig, der als Koch bei einem reichen Schiffbauer arbeitet. Er lebt ein ziemlich sorgenfreies Leben, genießt gutes Essen und Pferderennen, besucht gelegentlich seine Eltern und Freunde und liebt seinen Beruf. Doch eines Tages fällt ein Schatten auf diese zufriedene Welt: Das Gerücht kommt auf, dass der Meeresspiegel steigt, und bald ist es mehr als ein Gerücht. Ashinn, dessen Ziehvater Mitglied im Hohen Rat ist, gerät dadurch unversehens mitten in den Brennpunkt des Geschehens, denn Atlan soll an einem anderen Ort neu errichtet und die gesamte Bevölkerung umgesiedelt werden. Ein Mammutprojekt! Und Ashinn wird in den Rat des Neuen Atlan berufen, der dieses Projekt durchführen soll.
Allerdings hat das Projekt viele Gegner: eine Sekte, die sich „Die Diener“ nennt, hält die steigenden Fluten für eine Strafe des Sonnengottes En und die Umsiedlung von Atlan für Gotteslästerung. Ihr Einfluss wächst und macht die Arbeit für den Rat des Neuen Atlan zu einem Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen sein eigenes Volk.

Valerie M. Irwin hat sich in vielem dicht an Platon gehalten, so in ihren Beschreibungen der Stadt und der Insel insgesamt, der Wasserversorgung u.a. Was allerdings bei Platon hauptsächlicher, ja alleiniger Grund für den Untergang Atlantis‘ war, nämlich der Zorn des obersten Gottes über die Gottlosigkeit der Atlanter, ist hier nur eine von zwei sich unversönlich gegenüberstehenden Überzeugungen, verkörpert vor allem in dem hohen Priester Diarr. Die Gegenposition wird vertreten von Narr, Ashinns Ziehvater, der nicht an Götter, sondern an die Vernunft glaubt. Der Streit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Weltanschauungen wird zum größten Hemmnis bei dem Versuch der Atlanter, sich und ihre Kultur zu retten.
Den entscheidenden Ausschlag für das Misslingen des Versuchs jedoch gab schlicht menschliches Versagen.
Die Religion ist hier also nicht zum reinen Buhmann und alleinigen Bösen verkommen, wie es in vielen Romanen allzu oft der Fall ist. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten und Hierarchiestufen, sodass ein Schwarz-Weiß-Effekt vermieden wird.
In diese religiösen, politischen und ideologischen Konflikte ist die Geschichte von Ashinns Familie eingebunden und ergänzt sie durch die gesellschaftlichen Aspekte der atlantischen Kultur:
Sklaverei, Tafelrunden, die an mittelalterliche Gilden und Zünfte erinnern, Ehe und Konkubinat, gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen und Festessen geben zusammen mit Ashinns persönlichen Erlebnissen dem Gesamtbild Leben und Farbe. In Ashinns Familie spielen sich ähnliche Konflikte ab wie im Hohen Rat: Diener gegen Vertreter der Wissenschaft, Religion gegen Vernunft, nur dass es hierbei nicht so sehr um Macht als um Gefühle geht, um Liebe, Eifersucht und verletzten Stolz.
Allein der Teil der Geschichte, in der sich herausstellt, dass Ashinn und Oriole verwandt sind, wirkt, wenn auch nicht wirklich unrealistisch, so doch zumindest leicht konstruiert.

Abgesehen vom Verlauf der Handlung sind auch die statischen Elemente gut gelungen. Der Entwurf der religiösen Weltsicht und die dazugehörigen Riten sind stimmig und außerdem in die allerdings nur knapp umrissene Vergangenheit eingepasst. Ähnlichkeiten mit dem, was wir von den alten Hochkulturen im Zweistromland und Mittelmeerraum kennen, sind gewollt.
Ashinns Arbeit und seine gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Viertel Atlans, sowie aufs Land und zur Nachbarinsel Xetlan, wo er Oriole abholt, beleuchten alle Gesellschaftsschichten, sodass man ein lebhaftes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern erhält.
Die Charaktere sind ebenfalls überzeugend gezeichnet. Gekonnt hat die Autorin Aktion und Reaktion ineinander verzahnt und dadurch ein glaubwürdiges Geflecht von Beziehungen geschaffen, so zum Beispiel zwischen König Rastinn, der nichts mehr fürchtet als einen Putschversuch seines Halbbruders, und Prinz Ivorr, der daran überhaupt nicht denkt, sondern einfach nur Atlans Bevölkerung retten will; zwischen Ashinns Ziehvater Narr, dem Atheisten und Forscher, der gerade einen Dampfwagen erfunden hat, und seiner Frau Ocean, die früher zur Dienersekte gehörte und sich für so gut wie nichts interessiert, am allerwenigsten für Technik; zwischen Oriole und ihren Eltern, von denen sie sich rigoros abgrenzt, weil sie sich von beiden ständig in entgegengesetzte Richtungen gedrängt fühlt; und Diarr, der Hohepriester, der zwar fast außerhalb aller Beziehungen zu stehen scheint, aber dessen eindimensionale Denkweise, Dogmatik und Gnadenlosigkeit trotzdem klar herausgearbeitet sind.

So hat die Autorin es verstanden, ein Szenario zu entwerfen, das nicht nur realistisch, sondern in manchen Dingen, wie z. B. Elendsviertel und Überbevölkerung, geradezu modern wirkt. Und wenn, wie ein Teil der Wissenschaft glaubt, Platon sein Kritias nicht als Historienbericht sondern als Utopie, als Belehrung, geschrieben hat, dann ist Valerie Irwins Atlantis ein Exempel dafür, wie eine äußere Gefahr zur Krise und zum Untergang einer ganzen Kultur führen kann, wenn die Verantwortlichen nicht die Kraft und innere Größe haben, die Dinge sachlich und frei von persönlichen Gefühlen und Ideologien zu betrachten, sondern sich statt dessen in kleinlichen Rivalitäten und Machtkämpfen verzetteln.

Die gesamte Geschichte ist eingebettet in einen wissenschaftlichen Bericht über die Entdeckung von beschriebenen Tontafeln in Cornwall, und läßt den Verfasser dieser Tafeln, Ashinn, seine Geschichte selbst aus seinen Erinnerungen erzählen. Anfangs holpert der Erzählfluss ein wenig, da Ashinn sich immer wieder selbst unterbricht, um allgemeine Erklärungen und Beschreibungen über das Leben in seiner Stadt einfließen zu lassen, die für das Verständnis der Ereignisse wichtig sind, doch diese Unterbrechungen hören irgendwann auf, und Ashinn entwickelt sich zu einem guten Erzähler. Alle Erzählstränge sind gekonnt miteinander und ineinander verwoben und ergeben das detailliert ausgearbeitete Bild einer Natur- und menschlichen Katastrophe, eine Geschichte von religiösem Fanatismus, von Machtmissbrauch und politischem und menschlichem Versagen.

Alles in Allem kann man das Buch getrost als gelungen bezeichnen. Das Holpern am Anfang und die konstruierte Verwandtschaft zwischen Oriole und Ashinn stören nur wenig, und der realistische Entwurf, der ohne übliche Fantasy-Elemente wie Magie und mythische Wesen auskommt, hebt es aus der Masse heraus und macht es zu einer interessanten Abwechslung. Die Autorin schreibt flüssig und eher schlicht, aber durchaus lebendig, und auch wenn der Spannungsbogen sich nur allmählich aufbaut, wird es nie zäh oder flach. Durchaus empfehlenswert.

Valerie M. Irwin ist ein Pseudonym und „Die Legende von Atlantis“ scheint das einzige Buch zu sein, das sie unter diesem Pseudonym veröffentlicht hat. Informationen über die Autorin, wie eine Homepage o.ä., waren nicht zu finden.

http://home.pages.at/yoman/atlantis/platon.htm

Dunne, Patrick – Keltennadel, Die

Kilbrick, eine kleine Gemeinde westlich von Dublin auf der Insel Irland, kurz nach der Jahrtausendwende: In seiner Kirche macht Pfarrer Liam Lavelle eine grausige Entdeckung – auf dem Altar liegt wie aufgebahrt die nackte Leiche einer jungen Frau, grausam gefoltert, verstümmelt, ausgeblutet; in einer Wange steckt die Nachbildung einer keltischen Gewandnadel.

Lavelle vermutet sogleich einen rituellen Opfermord in der Tat. Er hat in den Vereinigten Staaten lange für „Cultwatch“ gearbeitet, eine Organisation, die sich ausgiebig mit dem modernen Sektenwesen beschäftigt. Der Pfarrer ist sofort bereit, sein Wissen mit der Polizei zu teilen. Er hat herausgefunden, dass die Frau am Tag der hl. Brigitta (1. Februar) ermordet wurde – und dass dieser kirchliche Feiertag einst einem viel älteren, „heidnischen“ Fest „übergestülpt“ wurde, das die keltischen Ureinwohner Irlands zu Ehren der Feuergöttin Brigida feierten.

Detective Inspector Kevin Dempsey von der Mordkommission ist durchaus geneigt, Lavelles Theorien zu folgen, doch der mit auf den Fall angesetzte Detective Sergeant Jack Taaffe hält wenig von allzu komplizierten Erklärungen. In guter, alter Polizeimanier ist in seinen Augen immer noch derjenige der Hauptverdächtige, der eine Leiche entdeckt. Zunächst hält Dempsey jedoch seine schützende Hand über Lavelle, der nun unerwartet Hilfe erhält.

Die junge Kunstkritikerin Jane Wade, die in der Redaktion der TV-Sendung „Artspeak“ arbeitet, macht sich Sorgen um ihre Schwester Hazel. Sie hat sich offenbar einer obskuren Glaubensgemeinschaft angeschlossen und ist nun spurlos verschwunden. Jane macht sich große Sorgen und fragt Pater Lavelle um Rat, von dessen Tätigkeit als „Sektenbeobachter“ sie erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit erfährt sie von dem bizarren Mord in der Kilbricker Pfarrkirche und beschliesst, Lavelle sowie die Polizei – die darüber wenig erbaut ist – zu unterstützen. Rasch kristallisiert sich heraus, dass es ungeahnte Verbindungen zwischen den unbekannten Mördern, dem Verschwinden von Hazel sowie einer Reihe ungeklärter Gewalttaten und Morden gibt, die seit einigen Monaten nicht nur die irischen Ermittlungsbeamten vor Rätsel stellen. Lavelle kommt einer mysteriösen Sekte namens „Zehnter Kreuzzug“ auf die Spur, einer militanten, auch in den USA aktiven Organisation, die sich an den asketischen Werten der frühen irischen Kirche sowie an der Religion der Kelten orientiert. Damit einher geht ein ausgeprägter Hass auf die weibliche Sexualität, die eine Verbindung zum Ritualmord in Kilbrick (dem bald ein zweiter folgt) herstellt. Lavelle wird alarmiert, als seine ehemaligen „Cultwatch“-Kollegen ihn darüber informieren, dass der Kopf des „Zehnten Kreuzzugs“ vermutlich Michael Roberts ist. Er kennt Roberts aus seiner Zeit auf dem Priesterseminar. Der charismatische, aber psychisch gestörte Mann fiel dort durch bizarre religiöse Praktiken auf und musste das Seminar verlassen. In den folgenden Jahren hat er offenbar seinen seltsamen Weg weiterverfolgt und ist dabei in seinen Ansichten immer radikaler geworden. Nun schreckt er in seinem selbst ausgerufenen Kampf gegen die „Ungläubigen“ dieser Welt auch vor extremer Gewalt nicht mehr zurück.

Dempsey und Taaffe verwickeln sich in ihrem Bemühen, die immer größere Zahl brutaler Ritual- und Rachemorde aufzuklären, ebenso wie Lavelle und Jane Wade in dem Dickicht seltsamer und zwielichtiger sektiererischer Gruppen, die zu ihrer Überraschung im modernen Irland erschreckend viele Anhänger um sich scharen. Deshalb erkennen sie zu spät, dass Roberts Untaten in Irland nur Teil eines wahnwitzigen Plans sind: Der Herr des „Zehnten Kreuzzuges“ plant nichts Geringeres als die buchstäbliche Sprengung einer Friedenskonferenz, die von den großen Kirchen dieser Welt auf historischem Boden abgehalten werden soll: in Bethlehem …

An dieser Stelle soll es genug sein mit der Inhaltsangabe, um jenen Lesern, die neugierig geworden sind, die Freude an der Lektüre dieses spannenden Romans nicht durch die Vorwegnahme der Auflösung zu verraten. Nur soviel sei verraten: Autor Patrick Dunne bleibt konsequent in seinem Bemühen, durch das Legen falscher Fährten und das Schlagen manchen Hakens seine Geschichte so überraschend wie möglich zu gestalten.

„Die Keltennadel“ ist das literarische Debüt des irischen Schriftstellers Patrick Dunne. In Dublin geboren, studierte er später Literatur und Philosophie, wurde dann Musiker und schrieb schließlich ein Musical, das sich auf die keltischen Wurzeln seiner Inselheimat stützte. Zur Ruhe kam er als Regisseur und Produzent beim irischen Rundfunk, wo er zwanzig Jahre später sein Fachwissen und seine Lebenserfahrung in seinen ersten Roman einfließen ließ.

Ein Debütroman weist in der Regel ganz spezifische Eigenschaften auf – im Guten wie im Bösen. „Die Keltennadel“ macht da keine Ausnahme. Positiv anzumerken ist die Sorgfalt, mit der Dunne seine nicht unkomplizierte Geschichte entwickelt. Die verwickelte religiöse und kulturelle Vergangenheit Irlands weiß er gut herauszustellen. Sie ist beileibe nicht abgeschlossen. Gerade im religiösen Bereich gilt Irland als „Wahlheimat“ zahlreicher moderner Kulte und Sekten, die ihre angebliche Weisheit hauptsächlich aus zwei Quellen speisen:

Wer weiß heute schon, dass gerade in Irland eine der Wiegen des frühen (oder besser frühmittelalterlichen) Christentums stand? Anders als auf dem europäischen Kontinent verkündeten asketisch lebende Mönche das Wort Christi. Ihre in der Regel karge, in ihrer Strenge aus heutiger Sicht geradezu menschenunwürdige Lebensweise ist es, die sie zu allen Zeiten für „Glaubenserneuerer“ vorbildlich erscheinen ließ: Nicht nur aus christlicher Sicht „taugt“ eine Religion für viele Gläubige nur dann etwas, wenn sie ihren Anhängern möglichst große Entbehrungen abfordert.

Die eher „heidnisch“ ausgerichtete Fraktion moderner Heilssucher zieht die „ursprünglichere“ Religionswelt der Kelten magisch an. Allerlei mystische Rätsel werden dieser untergegangenen bzw. vom sowieso ignoranten Christentum vom Erdboden getilgten und damit automatisch zu höchsten Weihen gelangten Kultur unterstellt. Dass die historische Realität freilich recht prosaisch aussah – auch Druiden waren letztlich nur Menschen -, ignorieren die Heiden von heute ebenso geflissentlich wie die Einsprüche lästiger Wissenschaftler, die bis auf den heutigen Tag eifrig Steinchen für Steinchen zusammentrugen und auf diese Weise die keltische Kultur durchaus erfolgreich aus der munkelhaften Nacht der Geschichte befreien konnten.

Das dumpfe Gebräu nur halb verstandener oder gleich ganz erfundener, immer wieder „ergänzter“ und vermischter Glaubensvorstellungen weiß Dunne gut in seine Geschichte zu integrieren. Gerade vor dem Hintergrund realer Wahnsinnstaten fanatisierter Fundamentalisten und Sektierer gewinnt „Die Keltennadel“ traurige Überzeugungskraft.

Dunne wählt für seinen Roman Irland als Ort der Handlung. Das macht bei der Lektüre zunächst nervös, weil man immer damit rechnet, dass der Autor fröhliche, rothaarige Trunkenbolde, Kobolde oder zumindest wild um sich schießende IRA-Terroristen auftreten läsät – dafür steht Irland nämlich in Wort, Bild und Film seit langer Zeit, und diese Klischees nerven. Aber Dunne wagt das politisch Unkorrekte und stellt Irland als Ort da, an dem ganz normale Menschen ein meist ganz normales Leben führen.

Einige weniger erfreuliche Aspekte der „Keltennadel“ dürfen an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben. Sie resultieren hauptsächlich aus dem Übereifer eines frischgebackenen Autors, der natürlich das Rad neu erfinden möchte. So weist der Handlungsfaden an vielen Stellen einige Knoten zuviel auf; Dunne gelingt es nicht, die aufwändig vorbereitete Auflösung durch einen entsprechenden Höhepunkt zu krönen. Sobald die Geschichte Irland verlässt, wird sie leicht lächerlich. Das trifft besonders auf das dramatische Schlusskapitel in Bethlehem zu – Weltgeschichte, wie der kleine Max sie sich vorstellt.

Auch die Demaskierung der so sorgfältig aufgebauten Bösewichter des „Zehnten Kreuzzugs“ enttäuscht. Diesen geistig minderbemittelten, dummes Zeug faselnden Gestalten soll es gelungen sein, die Polizei auf zwei Kontinenten und die Welt in Atem zu halten? So ist es wohl kaum eine Überraschung, dass Dunne auf den letzten Seiten in bewährter „Akte X“-Manier die „wahren“ Verschwörer aus dem Hut zaubert, die den gerade malerisch in Jenseits beförderten Schurken als Strohmann vorgeschoben haben und nun ihre düsteren Pläne ungestört weiterverfolgen können – ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung?

Zu erwähnen sind noch gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung, die allzu sehr nur zu bekannten Klischees folgt: die unermüdliche, unerschrockene Journalistin und der attraktive, mit seinem Glauben ringende Priester (die hier sogar zueinander finden dürfen – ho-ho, welch‘ revolutionärer Einfall! Da werden die Papisten aber aufheulen!), der „gute“ Bulle und sein treuer, aber ständig auf dem Holzweg befindliche und dem echten Täter dadurch in die Hand spielende Gefährte (der Konvention folgend, hätte er eigentlich im Verlauf der Handlung umkommen müssen), der genial-satanische Bösewicht, der souverän an den Fäden seines weltumspannenden Imperiums des Abscheulichen zieht (in denen er sich freilich – wenig überzeugend – sofort verheddert, sobald der „gute Held“ ihm auf die Schliche kommt) und natürlich seine treu ergebenen, zu jeder Schandtat bereiten Helfershelfer, die durch ausgeprägte Schusseligkeit ihren Teil dazu beitragen müssen, Held und Schurke zueinander finden zu lassen.

Insofern wartet auf den Leser ganz gewiss nicht „ein neuer Super-Schocker des neuen ‘King of Crime‘ aus Irland“, wie ein (klugerweise ungenannt bleibender) Fürsprecher auf der Rückseite des Covers mächtig dröhnt, sondern „nur“ ein solider und unterhaltsamer Thriller, der auf der allerdings auch schon wieder abflauenden Welle der „Massenmord-nach-der-Bibel“-Romane und -Filme reitet und trotz einiger Längen gute Unterhaltung bietet.

Gablé, Rebecca – Siedler von Catan, Die

„Die Siedler von Catan“ ist Rebecca Gablés Roman zum gleichnamigen Spiel des Jahres 1995 von Klaus Teuber. Dieser war von Rebecca Gablés Bestseller „Das Lächeln der Fortuna“ begeistert, sie selbst spielte gerne sein Spiel. Eine glückliche Verbindung – der Roman „Die Siedler von Catan“ war geboren. Auch wer das sehr empfehlenswerte Gesellschaftsspiel nicht kennt, wird mit einem hervorragenden historischen Roman belohnt:

Elasund ist ein kärgliches Land, das kaum genügend Nahrung hervorbringt, um seine wenigen Bewohner zu ernähren. Durch Überfälle der räuberischen Turonländer wird das Los der Einheimischen zusätzlich erschwert. Der reiche, von seinen Nachbarn beneidete und unbeliebte Olaf fasst einen verwegenen Plan: Er hat im Westen eine große Insel entdeckt, ein reiches und fruchtbares Land, das nur darauf wartet, erobert zu werden.

Hunger und Not treiben die Elasunder dazu, ihm aufs Meer zu folgen. Nach langer Irrfahrt glaubt man sich schon verloren, als ein Sturm die Flotte an ein fremdes Gestade spült, das jedoch nicht Olaf’s Insel zu sein scheint: Man entdeckt weiße Raben, und die alte Brigitta verkündet den Heimatlosen, man sei in Catan gelandet, der von Odin geschaffenen und der Welt entrückten Insel der Legende.

Die Insel ist unbewohnt, einzig ein großer Vulkan ist eine Bedrohung in dem ansonsten vermeintlichen Paradies. Doch wie in der Legende ist es der Mensch selbst, der Zwist und Hader säht – alte Machtansprüche, schlichter menschlicher Neid und Hass sowie das Aufkommen des christlichen Glaubens spalten die Elasunder in mehrere Fraktionen. – Wird die unerschütterliche Freundschaft von Candamir und Osmund überdauern, wenn auch noch missgünstige Frauen ihre Fehden auf den Rücken ihrer Männer austragen?

Rebecca Gablés historische Romane zeichneten sich vor allem durch exakte Recherche und ihre überzeugenden Charaktere aus. „Die Siedler von Catan“ macht da keine Ausnahme, das Buch ist zwar kein astreiner historischer Roman, kann jedoch ohne Zweifel als solcher gelten: Das Entdeckervolk der Wikinger war das Vorbild für die Siedler aus Elasund.

Zahlreiche bekannte Wikinger-Thematiken wurden übernommen: Ihre herzhaft rauhe Art, ihre Lebens- und Ackerbauweise sowie ihre Sitten und Gebräuche. Besonders dem Konflikt zwischen dem aufkommenden christlichen Glauben, den ein sächsischer Knecht nach Catan mitgebracht hat, und den Glauben an die nordischen Asen widmet sich Gablé. Besonders lustig sind die Kuhhändel, mit denen der ehemalige Mönch Austin versucht, die Wikinger zum wahren Glauben zu bringen – oft haarsträubend, aber nahe an der Historie. Einzig die blutigen Raubzüge fehlen, auf der Insel sind nur die Siedler, die sich allerdings bald gegenseitig bekriegen werden. Hier bindet die Autorin geschickt Elemente aus dem Spiel ein: Handel ist wichtig, auf Catan gibt es zwar viele Rinder, aber Schafe sind ein seltenes und gefragtes Gut. Ebenso wichtig ist die Suche nach Eisen – ohne Eisen keine Schmiede, ohne Schmiede ist der Bau von Werkzeugen nicht möglich.

Diese Konflikte spielten sich auch in der realen Weltgeschichte ab, hier kann man die Entstehung einer Kolonie im Zeitraffer erleben. Bis hin zum unvermeidlichen Machtkampf: Wer soll König von Catan werden?

Besonders schön fand ich, dass die Wikinger ausnahmsweise nicht wie so oft als rauhe Dumpfbacken mit urigem Humor daherkommen, sondern differenzierter dargestellt werden. Die Freunde Candamir und Osmund, gewissermaßen die Hauptfiguren des Romans, haben ihre individuellen Schwächen, aber auch ihre Stärken: Candamir verhätschelt seinen kleinen Bruder viel zu sehr, was diesen demütigt, da er ihn einfach nicht als Mann anerkennt. Seiner Magd Gunda gegenüber ist er aus diversen Gründen im Handlungsverlauf sehr nachtragend. Er ist aber auch ein sehr liberaler Mann und glaubt nicht ganz so fest an die Götter und alte Traditionen wie sein Freund Osmund. Dieser gehört zwar zur Sippe des unbeliebten Olaf, hält aber trotz des bald aufkommenden Streits zwischen den beiden fest zu Candamir, obwohl er die laxe Haltung seines Freundes hinsichtlich seiner mangelnden Verehrung der Götter nicht gutheißt. Selbst die schöne Siglind kann keinen Keil in die Freundschaft der beiden Männer treiben, hier habe ich sofort auf böses Blut getippt. Lasst euch überraschen, ob die beiden Freunde bleiben oder sich verfeinden werden.

Auch die offensichtlichen Bösewichte, wie der aufgrund seines Reichtums aber auch seiner Arroganz unbeliebte Olaf, werden nicht völlig eindimensional dargestellt: Ohne dessen Beharrlichkeit und Führungsqualitäten hätten die Siedler wohl nur den Meeresgrund und nicht Catan erreicht.

Verglichen mit Gablés früheren Romanen weisen die „Siedler von Catan“ die selben Stärken auf: Lebendige und interessante Charaktere, wobei Candamir und Osmund besonders sympathisch sind. Die historische Recherche ist hervorragend und sehr gut im Roman umgesetzt, man fühlt sich in die Zeit der Wikinger versetzt, die Eroberung einer unbewohnten Insel ist ebenfalls sehr reizvoll. Sogar Elemente aus dem Spiel wurden unauffällig und nicht im Geringsten störend in die Handlung eingebunden.

Als „Roman zum Spiel“ ist das Buch erstklassig, im direkten Vergleich gibt es jedoch bessere. Die Insellage beschränkt alle Interaktion des Buches auf die Siedler selbst, historische Zusammenhänge wie in „Das zweite Königreich“ oder dem „Lächeln der Fortuna“ kann man hier nicht erwarten. Es gibt nur Catan, der Rest der Welt fehlt. Der enge Fokus und ein unbefriedigend offenes Ende sind die größten Probleme des Romans. Auch wenn gelegentlich überraschende Wendungen gelingen, allzu oft kann man schon im Vorneherein Konflikte kommen sehen. Die Storyelemente sind wie gesagt durch das Szenario limitiert – Gablé macht jedoch wirklich das Beste daraus.

Die Umschlaggestaltung ist an das Spiel angelehnt, die gebundene Fassung besitzt ein Lesebändchen, zusätzlich fiel mir Werbung für Catan in Form eines damit recht überflüssigen gewordenen Lesezeichens entgegen.

Man muss das Spiel nicht kennen oder lieben, „Die Siedler von Catan“ bieten gute Unterhaltung für Freunde historischer Romane. Gablé-Fans werden vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, ihre bisherigen Bestseller konnte sie mit diesem Buch leider nicht toppen.

Homepage zum Buch:
http://www.catan-roman.de/

Homepage der Autorin:
http://www.gable.de/

Basil Copper – Die Eishölle

Anno 1932 macht sich eine fünfköpfige Expedition unter Leitung des charismatischen Professors Scarsdale auf die gefährliche Reise in die gefürchteten Schwarzen Berge irgendwo am asiatischen Ende dieser Welt. Dort wartet der „Große Weiße Raum“, der ein Tor in Zeit und Weltraum ist, an dessen Schwelle allerlei Ungeheuer warten … – Basil Copper wandelt in den Fußstapfen von H. P. Lovecraft, die er leidlich unterhaltsam trifft, ohne Denkwürdiges zur Geschichte der unheimlichen Literatur beizutragen.
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Pratchett, Terry – Rincewind, der Zauberer

Rincewind ist der berühmteste Zauberer der Scheibenwelt: ein lächerlicher Charakter, feige und völlig inkompetent, er flieht meist vor Magie, denn seine Zaubersprüche bewegen meist nur heiße Luft. Er wird begleitet von dem geheimnisvollen Gepäckstück Truhe und einem unbedarften Touristen namens Zweiblume.

_Die Farben der Magie_

„Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) ist Pratchetts erster Scheibenwelt-Roman. Widerwillig begleitet hier der junge Unterzauberer Rincewind Zweiblum, den ersten Touristen auf der Scheibenwelt, und dessen ebenso vielbeiniges wie psychopathisches Gepäckstück Truhe. Im letzten Drittel werden alle von Drachenkriegern auf einen umgedrehten Berg entführt, was zu unsäglich komischen Verwicklungen führt. Außerdem wechselt Rincewind kurzzeitig in unsere Dimension, wo er mit seinem Dusel eine Flugzeugentführung beendet. Dass die Truhe am Schluss wieder einschreitet, ist auch klar.

Die Parodie in „Farben der Magie“ dient Pratchett dazu, die Fantasy durch den Kakao zu ziehen, vom Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber, über H.P. Lovecraft bis hin zu den Drachenepen von Anne Caffrey.

_Das Licht der Phantasie_

Im zweiten Scheibenwelt-Roman, der direkten Fortsetzung von Band 1, treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übelriechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität. Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind: Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.

Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

_Der Zauberhut_

In diesem Band ist die Kraft der Zauberei derartig gesteigert, dass die Magier der Scheibenwelt zu Überheblichkeit verführt werden – und zum Krieg: Als Folge dräuen gar bald die Apokalypse und ihre vier Reiter (Pest, Krieg usw.). Ein widerwillig unternommener Akt unzureichender Zauberei rettet zwar die Welt, versetzt aber zugleich Rincewind in eine Anderswelt, die den Kenner doch schwer an H.P. Lovecraft erinnert („Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath“ und andere Werke). Für jede Magie gibt’s einen Verlust, um die Dinge im Gleichgewicht zu halten. (Magic and Loss – so heißt auch eine gute Platte von Lou Reed.)

_Eric_

Der etwa 14-jährige Eric ist so eine Art Möchtegernzauberer und macht Sachen, von denen seine Eltern nichts erfahren dürfen. Er beschwört einen Dämon und erhält statt dessen Rincewind. Er soll ihm drei Wünsche erfüllen: Eric möchte Herrscher der Welt sein, die schönste Frau besuchen und ewig leben. Na, denn prost, denkt sich Rincewind unwillig. Und ich meine: Das ist ja wie bei Dr. Faust.

Herrscher der Welt wird Eric im Urwald von Klatsch, wo auf Pyramiden Menschen den Göttern geopfert werden. Genau wie ihre Kulturgenossen, die Azteken, schneiden auch die Tezumaner ihren Opfern gern mit einem Obsidianmesser das Herz raus…

Nun hat aber der neue Herrscher der Hölle, Dämonenkönig Astfgl, neue Leitlinien für die Führung von dämonischen und höllischen Aktivitäten erlassen. Der Dämon, der für die Tezumaner zuständig ist, wird bei seiner Materialisierung auf der Steinpyramide leider das unerwartete Opfer einer vorbeikommende Truhe mit tausend Beinen. Eric und Rincewind sind gerettet.

Sogleich erfüllt sich der nächste Wunsch. Was bei „faust“ die schöne Helena in Troja, das ist für Eric die achtfache Mutter Elenor von Tsota, das nun von den Ephebianern umzingelt ist. Doch der schlaue Held Lavaeolus (= Odysseus) verschafft ihnen Einlass bei Elenor. Eric winkt dankend ab.

Das ewige Leben jedoch beginnt nirgendwo, das heißt im Nichts – denn eine Ewigkeit dauert von Anfang bis Ende einer Welt (Letzteres taucht ebenfalls auf, im Stil von H.G. Wells). Erst als ein (der?) Schöpfer auch die Scheibenwelt kreiert hat, dürfen Eric und Rincewind auf ihr landen. Wenig später stellt sich auch eine Truhe ein. Das ist auch nötig, denn den Dämonenkönig holt das Duo in die Hölle, wo dann der Showdown inklusive Revolution stattfindet.

_Fazit_

Viel Buch fürs Geld, wenn auch die vornehmlich ältesten Kamellen unter Pratchetts Büchern. Für den Einstieg ins Pratchett-Universum der Scheibenwelt eignet sich der Sammelband aber sehr gut. Ein fünfter Rincewind-Roman, „Interesting Times“, erwähnt auch wieder Cohen den Barbaren, wurde aber nicht in diesen Sammelband aufgenommen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

Wolfgang Hohlbein – einer der bekanntesten und preisgekrönten Autoren phantastischer Literatur – hat sich in seiner Serie „Der Hexer von Salem“ H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos angenommen und diesen wieder zu neuem Leben erweckt.

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)

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Suzuki, Kôji – Ring II – Spiral

Mitsuo Ando, Pathologe am Gerichtsmedizinischen Institut der Präfektur Tokio, ist ein gebrochener Mann. Vor fünfzehn Monaten war er im Urlaub unachtsam; sein dreijähriger Sohn Takamori ist durch seine Schuld im Meer ertrunken. Die Gattin gab ihm die Schuld, die Ehe ist zerbrochen.

Nur die Arbeit gibt Ando Halt. Er bekommt mehr Ablenkung als ihm lieb ist, als auf seinem Seziertisch ausgerechnet ein Kollege, Studienkollege und Freund landet: Ryuji Takahama, genialer Mediziner, Mathematiker und Philosoph wurde von seiner jungen Lebensgefährtin Mai Takano tot in der Wohnung aufgefunden – gestorben offenbar an einem Herzinfarkt.

Die Obduktion bestätigt diese Vermutung. Damit wäre der Fall erledigt, gäbe es da nicht den seltsamen Zettel, den Ando in der Bauchhöhle Takahamas findet. Darauf steht eine Zahlenkombination: 178 136 – ein Code, den der Pathologe zu entschlüsseln weiß: Die Folge steht für das Wort „Ring“.

Ando wird abgelenkt, als ein Kollege Takahamas wahre Todesursache erkennt: Der Gelehrte starb wie vom Blitz getroffen an einem Virus, das den Herzmuskel befällt. Breitet sich da etwa eine Seuche heimlich aus? Ando stellt Nachforschungen an und entdeckt, dass weitere Menschen dem Virus zum Opfer fielen. Wie haben sie sich angesteckt? Die einzige Gemeinsamkeit scheint ein Videoband zu sein, das sich die Verstorbenen vor ihrem Ende angeschaut haben.

Mai Takano könnte dies bestätigen; sie hat eine Kopie des Videos in Takahamas Nachlass gefunden und angeschaut. Seither ist sie spurlos verschwunden. Des Rätsels Lösung kennt nun womöglich nur noch ein Mensch: der Journalist Asakawa Kazuyuki, der in Sachen „Ring“ ermittelt hatte. Doch der liegt seit dem mysteriösen Sekundentod seiner Ehefrau und seines Kindes – ein Virus hat sie umgebracht … – im Koma.

Hartnäckig verfolgt Ando die Spur des Videos weiter – und so wird auch er schließlich Teil des perfiden Plans, mit dessen Hilfe sich die vor einem Vierteljahrhundert grausam ermordete, aber ganz und gar nicht tote Mutantin Sadako Yamamura an der ganzen Welt rächen will …

Die Videohexe ist zurück – bösartiger und mordlustiger denn je, wie es sich für eine Fortsetzung gehört. Der Reiz des ganz Neuen ist verflogen, die Geschichte ist bekannt, sie muss nun variiert und mit vordergründigeren Effekten erzählt werden: das bekannte Schicksal von Fortsetzungen, die selten die Qualität des Originals erreichen können.

Das gilt besonders, wenn sich diese ohnehin in Grenzen hält. „Ring“, der Roman aus dem Jahre 1991, ist ein unterhaltsamer aber mittelmäßiger Gruselthriller, der vor allem mit seiner Herkunft punkten kann: Horror aus Japan ist hierzulande nicht gerade alltäglich. Da die „Ring“-Saga inzwischen weltweit zum Kult avanciert ist, werden nun auch die deutschen Fans beglückt; zur angenehmen Abwechslung einmal eine Bereicherung.

Natürlich ruht sich Verfasser Suzuki über allzu lange Passagen auf seinen Lorbeeren aus. In [„Ring“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=170 (Heyne TB Nr. 01/13741) verfolgten wir ausführlich, wie Journalist Kazuyuki und Freund Takahama dem Spuk der Sadako Yamamura auf die Schliche kamen. Nun wird diese Geschichte lässig gerafft und langatmig nacherzählt; sie breitet sich über den gesamten Mittelteil der Handlung aus – für den Leser ein ziemlich starkes Stück, aber für den Verfasser eine angenehme Arbeitserleichterung.

Ansonsten wiederholt sich die Story von Teil 1 zunächst ziemlich deckungsgleich mit den neuen Protagonisten. Bis auch Ando & Freund Miyashita begreifen, wie der untote Hase läuft, werden wir erneut Zeuge ausgiebiger Lauf- und Sucharbeit. Wir kehren zurück an bekannte Orte, treffen bekannte Gestalten wieder. Schließlich haben auch unsere Helden erkannt, was wir längst wissen, und sind Sadako auf die Schliche gekommen.

Nunmehr gibt sich Suzuki echte Mühe, die Story weiter zu entwickeln. Wir erfahren, wie der Fluch funktioniert: Er nutzt das Fernsehen und später andere Informations- und Unterhaltungsmedien als „Trägerwelle“, um seinen Opfern eine üble Krankheit anzuhängen. Angesichts des modernen Freizeitverhaltens ist das ein todsicheres Vorgehen. Unter dramaturgischen Gesichtspunkten kann man Suzuki leider nicht zu seinem Einfall beglückwünschen: Möchten wir wirklich wissen, wie die böse Sadako arbeitet? Das ist recht ernüchternd.

Doch „Ring II – Spiral“ ist deutlich als Gegensatz zum Vorgänger angelegt. „Ring“ war klassischer Rache-Horror und vom Grundton eher philosophisch. Die Fortsetzung ist mehr Wissenschafts-Thriller, in dem sich das Grauen als Science-Fiction tarnt.

Was sich Suzuki dabei ausgedacht hat, ist völlig absurd, eigentlich sogar lächerlich. Der böse Geist verbündet sich mit einem entthronten Virus, um die Welt mit Ihresgleichen zu bevölkern. Suzuki verschlimmert es, indem er lange Passagen einflicht, in denen er mit angelesenem medizinischen Halbwissen ungelenk „nachweisen“ möchte, wie das eingefädelt wird. Selbst der Laie bemerkt den puren Schwachsinn dieser Prämissen; sie sind zudem für die Handlung überflüssig. Noch einmal: Nichts tötet den Horror zuverlässiger als die Erkenntnis. (Immerhin leuchtet ein, dass Suzukis Sadako wesentlich effektiver arbeiten kann als dies der Hollywood-Sadako im Kinofilm von 2002 zugestanden wurde, die für jeden Mord höchstpersönlich als Wasserleiche aus dem Fernseher kriechen musste …)

Fast gibt Suzuki der Story den Rest, als er im letzten Drittel die spukhafte Sadako einen Brief schreiben lässt (!), in dem sie – wieso auch immer – haarklein berichtet, was bisher nur angedeutet wurde – Seiten, die das mysteriöse Dunkel zuverlässiger killen als jeder Fluch.

Die definitive Realitätsferne ist andererseits der Rettungsanker. Kombiniert mit Suzukis Fähigkeit, sein Garn nüchtern und flott zu spinnen (dieses Mal spendierte der Heyne-Verlag sogar eine Übersetzung des japanischen Originals, statt die US-Ausgabe übertragen zu lassen) und dabei durchaus gruselige Szenen zu inszenieren, entstand ein kurzweiliges Spektakel mit unerwartetem, trügerisch glücklichem Finale.

Der merkwürdige deutsche Titel scheint übrigens eine Anspielung auf die Gestalt der (menschlichen) DNS zu sein, deren Elemente sich in Spiralform anordnen. Und da das denglische „Spiral“ in den Ohren haargegelter Werbestrategen attraktiver klingt als das altmodische „Spirale“, müssen wir uns ein paar Gedanken darüber machen, was uns der Titel sagen will. (Eventuell heißt „Rasen“ ebenfalls „Spirale“, aber das muss euer Rezensent, der des Japanischen nicht mächtig ist, unbeantwortet lassen.)

Mitsuo Ando ist wie Asakawa Kazuyuki aus Teil 1 ganz und gar kein heldenhafter Charakter, sondern ein Durchschnittsmensch, der sogar unsympathische Züge trägt. Besonders helle ist er ebenfalls nicht – es wäre ihm sonst womöglich früher aufgefallen, dass tote Freunde normalerweise keine verschlüsselten Warnungen per Leichen-DNS aus dem Jenseits senden. Aber auch das kennen wir aus „Ring“: Für Japaner ist das Übernatürliche offenbar Bestandteil des Alltagslebens und wird nicht groß in Frage gestellt, sondern akzeptiert.

Die ursprünglich wohl nicht geplante Fortsetzung von „Ring“ bedingte einige Brüche in der Figurenzeichnung. Das vermied Suzuki dort, wo er die wenigen Überlebenden aus Teil 1 noch vor Einsetzung von Teil 2 umbrachte oder ins Koma sinken ließ. Auffällig ist jedoch die Verschiebung bei Sadako Yamamura. Sie war zunächst Opfer und wurde aus Rache zur Täterin. Dieser Gedanke lebt fort, wird aber nun mit dem Virus-Plot gekreuzt. Dadurch wird Sadako überflüssig in ihrer eigenen Geschichte. Man merkt es sofort, wenn sie persönlich und neuerdings in Fleisch und Blut auftaucht – auch kein glücklicher Einfall übrigens, denn die wiedergeborene Sadako ist erschreckend gewöhnlich.

Ryuji Takahama ist ein zynischer Schweinehund geblieben. Allerdings hat sich die Dimension seiner Menschenverachtung geändert: Während er sich in „Ring“ die Freizeit damit vertrieb Frauen zu überfallen und zu vergewaltigen (und diese Gruselgeschichten womöglich nur erfand), entpuppt er sich nunmehr als Statthalter des Weltuntergangs – eine mögliche, aber so wie von Suzuki geschildert wenig wahrscheinliche Entwicklung.

Suzuki Kôji = Stephen King aus Japan. So urteilt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist. Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich solchen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus der Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen Websites verwiesen. Eurem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“ Heyne TB Nr. 01/13741)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Oakes, Terry – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der Weg des urzeitlichen Menschen über die Erde wird in diesem Sachbuch nachgezeichnet. Ganze Kontinente galt es zu betreten, zu erforschen, zu besiedeln. Immer trafen die Neuankömmlinge dabei auf tierische Ureinwohner, die zwar nicht besonders schlau, aber entweder schmackhaft oder wenig erfreut über konkurrierende Nachbarn waren. Auf jeden Fall waren sie groß und mit scharfen Zähnen oder Klauen ausgestattet, was der Geschichte des Homo Sapiens ihre ganz eigene Prägung verlieh. „Menschen gegen Monster“ folgt der komplexen Evolution unserer Vorfahren, die einher geht mit ihrem Siegeszug über den Planeten Erde. Die Kapiteln zeichnen den zeitlichen Ablauf nach.

Kapitel 1: Der Mensch ist nach Ansicht der modernen Forschung in Afrika „entstanden“. Sechs Millionen Jahre ist es her, dass dort durch dichten Urwald ein kleines Tier sprang, aus dem sich später Affen und Menschen entwickelten. Bis es soweit war, mussten beide der heimischen Großfauna ihren Tribut zollen. Nach Ansicht der Forschung war es vor allem die Angst, die unsere Vorfahren über Äonen vor ihren überlegenen (und hungrigen) Gegnern ausstanden, welche einerseits das Hirn zwecks Gegenwehr wachsen ließ, während sich andererseits die Erinnerung an die Schmach, ständig gejagt und gefressen zu werden, genau dort einprägte. Deshalb „wissen“ wir instinktiv noch heute, dass um einen Löwen lieber einen Bogen zu schlagen ist, während sich dieser daran „erinnert“, dass sich die leckere Beute von einst erst zu einer Landplage und dann zu einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Ähnlich „denkt“ der Elefant, der (angeblich) nicht vergessen kann, dass sich der zweibeinige Nachbar irgendwann Waffen ausdachte, die es möglich machten, ein viel größeres und stärkeres Tier in einen leckeren Braten zu verwandeln …

Kapitel 2: Vor 60.000 Jahren war es dann soweit: Der Mensch verfügte über das (geistige) Rüstzeug und die Entschlossenheit, über den afrikanischen Tellerrand zu schauen. Wie es aussieht, war es Australien, das man zuerst ansteuerte; Europa lag zwar näher, wurde aber gerade wieder einmal von Eiszeit-Gletschern blockiert. Die Vorfahren der heutigen Aborigines stellten ihre Intelligenz und Entschlossenheit deutlich unter Beweis, denn Australien war damals wie heute ein Inselkontinent, der sich nur per Boot erreichen ließ. Sie erreichten eine Welt, die an einen fernen Planeten erinnerte, denn sie wurden u. a. erwartet von straußengroßen Enten und gelenkbuslangen Waranechsen …

Kapitel 3: Vor 35.000 Jahren war es dann soweit – das Eis über Europa zog sich zwar nicht zurück, aber es konnte den Menschen nicht mehr stoppen. Köpfchen und Kleidung zeichneten Siedler aus, der ganz sicher keine grunzenden Höhlenbewohner waren. Das war nur gut so, da man in der neuen Welt viele unerfreuliche alte Bekannte fand: Vor dem Menschen hatte die afrikanische Großtierwelt Europa als Lebensraum entdeckt. Löwen, Hyänen, Bären, Elefanten, Nashörner – sie waren alle schon da, nur dass sie in der Kälte an Größe, Haaren und Selbstbewusstsein noch zugelegt hatten …

Kapitel 4: Vor 13.000 Jahren ging der Mensch daran, den riesigen amerikanischen Doppelkontinent unter die Lupe zu nehmen. Die größte Landnahme, seit er Afrika verlassen hatte, fand unendlich lange vor Kolumbus statt. Die Monster warteten auch hier schon, aber inzwischen hatte ihr zweibeiniger Kontrahent längst gelernt, solche Kämpfe für sich zu entscheiden; selbst elefantengroße Faultiere und andere bizarre Ungetüme wurden jetzt über kurz oder lang ausgerottet.

Kapitel 5: Blieben noch die letzten weißen Flecken. Die Polynesier übernahmen es, sich den Rest der Erde untertan zu machen. Großinseln wie Madagaskar, Neuseeland oder Hawaii wurden vergleichsweise spät, d. h. manchmal erst vor wenigen Jahrhunderten besiedelt. Da blieb den Menschen wenig Zeit, die vor Ort gefundenen Monster auszurotten. Aber sie hatten sich weit entfernt von den ängstlichen Duckmäusern aus Ur- Afrika, so dass sie die letzten faszinierenden Großtiere der Eiszeit gerade noch umbringen konnten, bevor sich der Naturschutzgedanke manifestierte …

Ein abschließendes Kapitel versucht auszuwerten, was uns im Schnelldurchlauf vorgestellt wurde: Hat die (eiszeitliche) Welt den Menschen oder hat der Mensch die Welt geprägt? Der kaum überraschende Schluss bejaht beides, nur dass sich das Schwergewicht stetig verschob. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto souveräner wusste der Mensch seine Position zu behaupten. Aus der Beute wurde im Laufe von Äonen der Nachbar und schließlich der Herr – ein unduldsamer Herr, der seine Ressourcen allzu oft unbedacht vernichtete, statt sie einzuteilen. Der Kampf „Menschen gegen Monster“ ging daher ausnahmslos mit dem „Sieg“ der Zweibeiner zu Ende. Bis es so weit war, musste freilich viel blutiges Lehrgeld gezahlt werden. Das schärfte den Intellekt, so dass wir Menschen den „Monstern“ viel zu danken haben: Ohne sie wären wir wohl nicht sehr weit gekommen, sondern würden womöglich weiterhin in einem warmen Land von Ast zu Ast springen …

Der Weg des Menschen über die Erde, bevor sie ihm „gehörte“, die einzelnen Stationen fassbar gemacht mit Hilfe der ursprünglichen Bewohner, die ihm das Leben schwer machten, es aber gleichzeitig erst möglich machten: „Menschen gegen Monster“ ist trotzdem ein „Locktitel“, erdacht anscheinend aus dem Gedanken heraus, dass man Naturwissenschaft heutzutage „spannend“ verkaufen muss, um ihr ein nach ständigen Sensationen gierendes Publikum zu gewinnen.

Glücklicherweise ist dies wohl der einzige billige Trick, denn im Buchinneren geht es wesentlich sachlicher zu. Schon im Vorwort relativiert der Verfasser die Bezeichnung „Monster“: Er definiert diese primär als Ausdruck einer Emotion, die unsere Vorfahren empfanden, die sich oftmals hilflos den Löwen, Säbelzahntigern und anderen Raubtieren ausgeliefert sahen. Gleichzeitig waren da die Mammuts, Auerochsen und andere schmackhafte Kreaturen, die sich einfach nicht kampflos in den Kopftopf werfen lassen wollten und erst durch wahre Knochenarbeit dorthin zu zwingen waren.

Vielleicht spricht man deshalb besser von „Großtieren“, die indes auch nicht ständig im Zentrum der Darstellung stehen. Tatsächlich versucht das Autorenteam, seine Leser kurz und knapp mit dem faszinierenden Phänomen der Erdbesiedlung vertraut zu machen. Die stellt sich aber nicht als ständiger Krieg gegen geifernde Ungeheuer dar. Statt dessen lernen wir, den Menschen als zunehmend klügeren und vor allem hartnäckigen Zeitgenossen kennen, der sich seine Nische erst sucht und später erobert.

„Menschen gegen Monster“ stellt uns dabei die erstaunliche Bandbreite der Ausgangssituationen vor. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, die pazifische Inselwelt: Stets mussten eigene Strategien entwickelt werden. Die unglaubliche Herausforderung weiß dieses Buch deutlich zu machen, indem es die unterschiedlichen Welten vorstellt. Die eigentlichen „Monster“ entpuppen sich dabei als extreme Kälte oder Hitze, scheinbar unüberwindliche Bergketten oder Wasserflächen und selbstverständlich zwischenmenschliche Konflikte, die unsere Spezies begleiten, seit es sie gibt.

„Monster“ sehen wir deshalb vergleichsweise selten. Da es sie nicht mehr bzw. nur noch als klägliche Knochenhaufen gibt, wurden sie mit Hilfe modernster Technik digital neu erschaffen. Dabei bediente man sich der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Geologen, Klimatologen, Biologen, Archäologen … Das Spektrum ist enorm, die daraus resultierende Arbeit gewaltig. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Zusammenführung des vorhandenen Wissens summiert sich zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Die darzustellende Zeitspanne ist gewaltig, die Materie komplex. Das führt zu Vereinfachungen, die den Fachmann sicherlich mehrfach die Stirn runzeln lassen. Aber auch der Laie merkt, dass ihm (oder ihr) manchmal Informationen fehlen. „Menschen gegen Monster“ ist vor allem eine Einführung, ein erster Überblick. Allzu simpel und oft sprunghaft rasen die Autoren durch die Zeit. Hier macht sich zudem bemerkbar, dass „Menschen gegen Monster“ das „Nebenprodukt“ einer Fernsehserie ist. Dieses Medium gibt seine Informationen durch Bild und Ton weiter und kann dabei „Tempo machen“, ohne den Zuschauer zu überfordern. Das Buch fordert mehr eigene Denkarbeit. Dies macht mehr Input und eine andere Art der Wissensvermittlung erforderlich. Hier ist „Menschen gegen Monster“ irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben.

Gut aufgewogen wird dieses Manko durch das fabelhafte Abbildungsmaterial. Gestochen scharfe, oft großformatige Farbfotos und sehr anschauliche Karten fesseln das Auge. Viel wurde dabei verständlicherweise aus den TV-Filmen übernommen. Das betrifft vor allem die aufwändigen Digitalbilder längst ausgestorbener Kreaturen. Von Kostenersparnis und „Serienproduktion“ kündet im Amerika-Kapitel auch die 1:1-Übernahme von Bildern aus dem BBC-Band „Wildes Amerika“.

„Menschen gegen Monster“ ist ein Gemeinschaftswerk von Terry Oakes, Amanda Kear, Annie Bates und Kathryn Holmes, ihres Zeichens Naturwissenschaftler bzw. Journalisten, die der Vermittlung von Wissen den Vorzug vor der Forschung gegeben haben. Das ist eine wichtige und auch schwierige Aufgabe: Sie schaffen eine Schnittstelle zwischen der Forschung und dem durchaus interessierten, aber oftmals überforderten Laien. Die vier Autoren – auch verantwortlich für die TV-Miniserie – leisten gute Arbeit, für die sie sich nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern die Urheber der vorgestellten Thesen und Erkenntnisse nennen. „Menschen gegen Monster“ – dies sei hier abschließend noch einmal in Erinnerung gerufen – ist trotz des reißerischen Titels und des leichten Tons ein Schnappschuss der aktuellen Forschung in ihren vielen unterschiedlichen Zweigen, deren Ergebnisse an dieser Stelle zusammengefasst und allgemein verständlich aufbereitet werden.

Lustbader, Eric Van – Ring der Drachen, Der

Ein Klassiker der Science-Fiction lieferte Eric Van Lustbader die Inspiration zu seinem neuesten Fantasyepos, dessen ersten Band „Der Ring der Drachen“ darstellt: Frank Herbert’s „Dune – Der Wüstenplanet“.

War es in der Vorlage Paul Atreides, der den Fremen den Weg aus der Wüste in eine bessere Zukunft ebnete und die Harkonnen samt Imperator und Raumfahrergilde zum Teufel jagte, heißt bei Lustbader der ersehnte Messias Annon und gehört zu der raumfahrenden und kriegerischen Rasse der V’ornn, die vor 101 Jahren den Planeten Kundala wie ein kosmischer Heuschreckenschwarm überfallen hat, in der Absicht ihn wie unzählige Planeten zuvor seiner Ressourcen zu berauben, verödet zurückzulassen und dann weiterzuziehen.

Für die weit unterlegenen Kundalan eine Katastrophe – sie konnten den V’ornn nicht Widerstand leisten, selbst ihre Religion wird in den Grundfesten erschüttert: Die oberste Priesterin der Göttin Miina, genannt Mutter, wurde angeblich von (männlichen) Ramahan und den Rappas, den auserwählten Tieren Miinas, getötet. Die Perle und der Ring der Drachen, mystische Artefakte der Kundalan, gingen in den Kriegswirren verloren.

Nur der prophezeite Dar Sala-at kann die Kundalan in eine bessere Zukunft führen, indem er die Perle und den Ring der Drachen rettet und die Knechtschaft durch die V’ornn beendet. Deren Herrscherkaste, die genetisch und technologisch in eine Art Cyborgs transformierten Gyrgonen, sind von Kundala fasziniert: Sie können nicht das Geheimnis des verschlossenen Tempels der Kundalan lösen, ihre Magie stellt selbst ihre selbst fast ans magische grenzenden technologischen Fertigkeiten auf die Probe. Nur deshalb wurde der Planet noch nicht verlassen. Zudem hat die Mythologie der Kundalan einige Übereinstimmungen mit der der V’ornn: Za Hara-at, bei den Invasoren die „Stadt der Millionen Edelsteine“ genannt. Die Gyrgonen versprechen sich von der Perle, dem Ring und der mythischen Stadt, die auf Geheiß des V’ornn-Königs Eleusis Ashera gemeinsam von V’ornn und Kundalan gebaut wird, einen Quantensprung in ihrer Entwicklung, die zur Stagnation gekommen ist.

Dessen Konkubine Giyan ist eine Kundalan – die kahlköpfigen V’ornn lieben langes Haar. Aber während die Kundalan ansonsten schlechter als Tiere behandelt werden, verliebt sich Eleusis in Giyan – eine der letzten mit der Gabe gesegneten Anhängerinnen der Göttin Miina. Ihr Sohn Annon ist einer der wenigen lebensfähigen Bastarde, normalerweise sterben sie jung oder werden von den Gyrgonen vermutlich für Experimente eingesammelt. Offiziell gilt Annon als Sohn einer von Eleusis verstoßenen Gemahlin.

Annon wächst auf und freundet sich mit Kurgan an, dem Sohn eines Erzfeindes seines Vaters: Wennn Stogggul. Dieser plant schon lange im Geheimen den Untergang der Asheras, zusammen mit Sternadmiral Kinnnus Morcha, der den weichen und auf Verständigung angelegten Kurs des Königs gegenüber den Kundalan nicht gutheißt.

König Eleusis wird gemeuchelt, nur Giyan und Annon können vorerst entkommen. Da Stogggul den Ring der Drachen gefunden hat und ihnen zur Verfügung stellt, akzeptieren sie ihn vorerst als neuen Herrscher.

Sein Sohn Kurgan erweist sich wiederholt als schlechter Freund: Er gibt Kinnnus Morcha den entscheidenden Tipp, wohin Giyan und Annon geflohen sind. Als Test der Loyalität soll der Eleusis treue Truppkommandeur Rekkk Hacilar Annon exekutieren. Doch Annon wird ihm bereits tot von der in die Enge getriebenen Giyan ausgeliefert, die er insgeheim begehrt und als Kriegsbeute und Mätresse zu sich nimmt.

Dennoch wird er seines Kommandos enthoben und durch einen linientreuen Khagggun (Soldatenkaste) ersetzt. Dank der Hilfe des Gyrgonen Nith Sahor, der wie Rekkk, Eleusis und Giyan an ein friedvolleres Zusammenleben von V’ornn und Kundalan glaubt, kann er mit Giyan in die Berge entkommen – sie machen sich auf den Weg zu der Weißheim-Abtei, wo der in einen weiblichen Kundalan-Körper transferierte Annon von Giyan’s verbitterter Schwester Bartta auf seine Rolle als Dar Sala-at vorbereitet wird, was für Annon zur Gefahr wird: Zwar glauben beide an die Prophezeihung, doch Bartta ist von der Göttin Miina abgefallen und hat sich der schwarzen Kunst, Gyofu, zugewandt, die von jedermann erlernt werden kann. Sie verdirbt jedoch ihre Anwender – und das seit langer Zeit, alle mit der Gabe geborenen Kundalan wurden nicht in „Osoru“ unterrichtet, die Synthese beider Magien ist mit dem Tod der Hohepriesterin verlorengegangen – ebenso wie das Todesurteil über alle (männlichen) Ramahan dafür sorgte, dass nur noch die Kundalan-Frauen Magie wirken können. Miinas heilige Rappas, eine Art sechsbeiniger Raupen mit großem Maul, die ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügen, gelten ebenso als ausgerottet, ihnen wurde ebenfalls die Schuld am Tod von Mutter gegeben.

Viel Zeit bleibt Annon in seiner Rolle als Dar Sala-at nicht mehr: Die Gyrgonen haben den Ring der Drachen in das Tor des Tempels gesetzt, das aber leider verschlossen blieb – wenn der Dar Sala-at ihn nicht entfernt oder einsetzt, wie die Prophezeiung es gebietet, wird Kundala vernichtet.

Das Buch umfasst 816 Seiten und bietet genügend lose Enden und Konfliktstoff für etliche weitere. Wie das Vorbild Dune hat das Buch ein Glossar, das allerdings winzig und nicht von wirklichem Nutzen ist.

Lustbader wandelt auf einem schmalen Grat – ständig wird man an bekannte Vorbilder erinnert: Eleusis Ashera teilt das Schicksal von Leto Atreides, auch er wird von seinem Erzfeind übertölpelt – während Giyan und Annon ähnlich Lady Jessica und Paul entkommen können. Sogar bei Truppkommandeur Rekkk Hacilar kommt man nicht umhin, sofort an einen Mix aus Duncan Idaho und Gurney Halleck zu denken. Über das Thema „Ionenschwert“ und den zwei Seiten der Magie, einer „Guten“ und einer „Bösen“, muss man auch nicht lange nachrätseln. Aber nicht nur aus Star Wars flossen Elemente ein, die rein weibliche Priesterschaft erinnerte mich an Robert Jordans „Aes Sedai“ aus dem „Rad der Zeit“-Zyklus.

Wer so hemmungslos Ideen klaut, muss sich zwangsläufig auch den Vergleich mit den großen Vorbildern stellen. Die Frage ist, ob nicht die Gefahr besteht, dabei literarischen Schiffbruch zu erleiden: Wer will schon eine lauen Aufguss von „Dune“ lesen?

Zum Glück hat Lustbader aber kein Plagiat geschaffen, sondern ist in einigen wesentlichen Punkten von Herbert’s ausgetretenen Wüstenpfaden abgewichen, mit zwei Pärchen, die sinnbildlich für zwei der großen Thematiken des Buches stehen könnten:

Die offene, liebevolle Giyan und ihre verbitterte, engstirnige Schwester Bartta sowie ihr Sohn Annon und sein egoistischer und rücksichtsloser Freund Kurgan.

In den Augen Barttas hat die Göttin Miina ihr Volk in der Not verlassen, sie neidet ihrer Schwester ihre Gabe, hasst alle V’ornn, weil sie V’ornn sind, zieht Vergebung gegenüber den Peinigern der Kundalan nicht in Betracht und ist in ihrem Hass gefangen, der sich ironischerweise letzten Endes gegen ihr eigenes Volk wenden wird: Immer mehr Kundalan schwören der Göttin Miina ab und werden in ihren Methoden radikaler, der Widerstand geht hart gegenüber liberaleren Kundalan vor, die weiterhin die Göttin verehren, und ist auf seine Weise nicht weniger brutal als die V’ornn. Giyan hingegen hat zwar nicht viel für die V’ornn übrig, aber sie hat in der Gefangenschaft auch gelernt, einige zu achten und später gar zu lieben. Sie lehnt Barttas unbeugsame Härte und ihre dogmatischen Schemata von Gut und Böse ab, und sie wird Recht haben, wie sich herausstellen wird. Barttas und ihre Schülerinnen richten mit fanatischem Eifer für die „gerechte Sache“ viel Unheil an, zumal ihre Abtei damit den Feinden des Dar Sala-at, die nicht nur V’ornn sind, in die Hände spielt.

Kurgan ist in gewisser Hinsicht Bartta ähnlich: Alle Kundalan sind für ihn kaum besser als Tiere, und wenn eine hübsch ist, so vergewaltigt man sie ohne Gewissensbisse. Er ist ein intelligenter, selbstbewußter V’ornn, besitzt aber wie der Großteil seines Volkes eine gewisse Herrenrassenmentalität. Er ist trotz seines Egoismus ein guter Freund von Annon, den er schätzt, aber für zu weich und sonderbar hält. Dass sein Vater und der Annons Todfeinde sind, kümmert ihn wenig – er selbst kann seinen Vater nicht ausstehen. Auch er wird seit frühester Jugend manipuliert, ohne dass es ihm klar ist: Seine egoistische und machthungrige Ader ist ein Ergebnis dieses Einflusses. Er verrät seinen Freund Annon, um Adjutant des Sternenadmirals Kinnnus Morcha zu werden, später spielt er sogar diesen gegen seinen eigenen Vater aus. Als er erkennt, wer der mysteriöse „Alte V’ornn“, sein Freund und Lehrmeister der Jugend, in Wahrheit ist, hat dieser sich einen mächtigen Feind geschaffen: Wie er es ihn gelehrt hat, steht Kurgan nur auf einer Seite: Auf der seines eigenen Vorteils.

Annon ist zwar nicht so gerissen wie Kurgan, dafür wie sein Vater eine Ausnahme unter den V’ornn: Er wurde von Giyan großgezogen, sie lehrte ihn viele Geheimnisse der Kundalan und Lebensweisheiten, er fühlt sich zwar jedem Kundalan überlegen, aber es gefällt ihm nicht, wie andere V’ornn mit ihnen umgehen. Er ist ein Zweifler und erkennt, wie ungerecht die V’ornn gegenüber den Kundalan sind. Seine Rolle als Dar Sala-at überfordert ihn, er hat seinen Vater verloren und sein eigener Körper ist tot, jetzt muss er im Körper eines halbwüchsigen Kundalan-Mädchens leben, ein weiterer Schock – dazu bleibt nur wenig Zeit, den Ring der Drachen an sich zu nehmen, um den drohenden Weltuntergang zu verhindern, wobei es sicher ist, dass ihn am Tempel eine Falle erwarten wird.

Lustbader schreibt indirekt gegen Intoleranz und pauschalen Fremdenhass. In den USA ein weit heißeres Eisen als bei uns ist die Beziehung zwischen zwei verschiedenen Rassen, es wird eigentlich nur in der Tatsache, dass Eleusis und Giyan ein Kind haben, angesprochen, wurde aber in amerikanischen Kritiken interessanterweise oft besonders hervorgehoben. Im Gegensatz zu „Dune“ spielt Religion hier trotz allem eine eher untergeordnete Rolle: Dogmen liegen hier sehr menschliche und primitive Gefühle zugrunde, was mir etwas besser lag als Herbert’s besonders in den Folgebänden von Dune wahrlich ausufernde Religionswut.

Seine Charaktere müssen sich nicht verstecken: Wie die Hure Dalma, deren ehrgeiziges Spiel als Doppelagentin vieler Herren sie in Lebensgefahr bringt, oder die geheimnisvollen Gyrgonen Nith Sahor und Nith Batoxxx, die sich erst durch ihre Helfer bekriegen, bis es zur direkten Konfrontation kommt. Einige Charaktere bleiben relativ eindimensional, Wennn Stogggul ist stets ein simpler, lüsterner und machthungriger Emporkömmling, während sein Sohn Kurgan hinter seinem Rücken die Fäden in die Hand nimmt und sich auf interessante Weise weiterentwickelt. Bemerkenswert ist auch die von Kurgan vergewaltigte Eleana, eine Kundalan, die sich in Annon verliebt hat – der nun im Körper einer Kundalan-Frau steckt und sich ihr nicht offenbaren kann.

Es wimmelt nur so von gelungenen Nebenfiguren, viele werden das Ende dieses Buchs nicht erleben. Natürlich wird es Annon gelingen, den Ring an sich zu nehmen. Aber man kann gespannt sein, wie es weitergehen wird: Kundala ist keine reine Wüstenwelt, es gibt neben der großen Wüste und den Druugen, zu denen es Annon am Ende des Buchs ziehen wird, noch große Ozeane und mit den Sarakkon einen wettsüchtigen und seefahrenden Stamm der Kundalan, der von den V’ornn nicht unterworfen wurde – sie handeln mit seltenen radioaktiven Elementen; Versuche sie zu unterwerfen endeten mit Heerscharen verstrahlter V’ornn-Soldaten. Gyrgonen lieben es, an sich selbst zu experimentieren, um sich zu vervollkommen – und so handelt man mit den Sarakkon, zum beiderseitigen Nutzen. Neben den Interessen der Kundalan, der V’ornn und ihrer herrschenden Kaste drängen auch noch Dämonen in die Welt, während die Gyrgonen in den Kundalan-V’ornn-Bastarden eine Chance sehen, sich zu „vervollkommnen“. Genetik und Dämonen werden in den kommenden Bänden noch eine große Rolle spielen. Dabei kann ich selbst nach Vorausblicken auf den noch nicht übersetzten dritten Band der Reihe (der angeblich der beste sein soll!) keinerlei Vermutung abgeben, wie die Saga enden wird – geschweige denn, wieviele Bücher sie umfassen wird. Lobenswert ist, dass Heyne die deutsche Übersetzung, die mir gut gelungen scheint, nicht wie so oft üblich auf zwei Bände verteilt, sondern in einem Stück belassen hat. Normalerweise rate ich bei so dicken (816 Seiten!) Büchern immer zum Hardcover, aber das Paperback ist optisch genauso schön gestaltet und überdurchschnittlich gut gebunden, vor allem auch knickfrei umzublättern, ohne dass ein, wie er so oft üblich ist, nervender Druck des Fingers nötig ist, um die Seiten daran zu hindern, das Buch zuzuschlagen. Für 9,95 EUR bzw. 14,00 EUR sind die Bücher auch relativ preiswert. Die deutsche Version zeigt einen stilisierten goldenen Drachen auf rot marmorierten Hintergrund, der zweite Band einen Löwen auf identisch blau marmorierten Hintergrund und gefällt mir ausnahmsweise sogar besser als das Original.

Nach allem Lob darf auch die Kritik nicht fehlen: Wie Giyan und Eleusis die Geburt von Annon vor den Gyrgonen geheim halten und seine Herkunft verschleiern konnten, wo diese doch sonst allwissend erscheinen, das weiß wohl nicht einmal Lustbader selbst. Ebenso erstaunlich ist, wie Eleana sich in Annon verlieben kann, während dieser Kurgan nicht davon abhalten kann, sie zu vergewaltigen. Es gibt noch einige weniger gravierende Mängel dieser Art, die jedoch von dem hohen Erzähltempo der Geschichte kompensiert werden können. Nach und nach werden neue Geheimnisse enthüllt, es existiert keinerlei Leerlauf. Etwas mehr Sorgfalt hätte Lustbader auch auf die Technik der Gyrgonen verwenden können: Er weiß besser zu beschreiben, wie Zauber gesprochen werden oder diverse dunkle Rituale ablaufen, als auch nur ein Wort an die „Okummmon“ der V’ornn, eine Kombination aus Handy, PDA und Waffe, zu verschwenden. Dafür brennen überall Fusionslampen – hat man etwa Atombirnen in der Lampe, nur weil der Strom mit Kernkraft erzeugt wird? Nun, darüber hat Lustbader wohl nicht nachgedacht, es klingt eben recht gut – als Hexenmeister macht Lustbader eine bessere Figur denn als Technokrat.

Die Namensgebung ist auch zwiespältig: V’ornn-Namen haben oft eine Verdreifachung von Buchstaben, wie Kinnnus Morcha, Rekkk Hacilar, Okummmon, Looorm, oder mein Favorit, Wennn Stogggul. Der obligatorische Apostroph im Rassennamen fehlt auch nicht. Teilweise klingen diese Namen wirklich gut, einige sind jedoch, wie man sieht, grausam auszusprechen. Wenn der Held Eric Van Lustbader’s dann auch noch fast „Der Salat“ heißt, muss man ihm ein Talent für missdeutbare Namen zuschreiben. Er selbst wird oft für einen Holländer gehalten, ist aber ein Amerikaner, und „Van“ ist ein zweiter Vorname, ähnlich wie in George Walker Bush.

Ein Tribut an das positiv hohe Erzählempo ist ein gewisser Mangel an Beschreibung der verschiedenen Szenerien; Räume und Umgebung der Personen werden bestenfalls skizziert, das Augenmerk liegt auf den Personen, ihrer individuellen Perspektive und der Geschichte selbst, was ich persönlich nicht als negativ empfinde.

„Der Ring der Drachen“ ist ein gefällig präsentiertes Epos, welches ich jedem Fantasy-Fan nur empfehlen kann. Wer glaubt, Lustbader zu kennen, sollte bemerkt haben, wie wenig dieser Roman mit seinen bekannten Romanen „Der Ninja“, „French Kiss“ oder „Weißer Engel“ zu tun hat. Das Szenario ist einfach vollkommen anders. Vielleicht ein wenig zu sehr von anderen Romanzyklen beeinflusst, um selbst jemals Kultstatus zu erreichen, wird man nicht enttäuscht, wenn man einen überdurchschnittlich guten, komplexen und breit angelegten Fantasyzyklus der etwas anderen Art sucht. Der zweite Band, „Das Tor der Tränen“, ist bereits in Übersetzung erschienen.

Homepage des Autors:
http://www.ericvanlustbaderbooks.com/

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die

London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.

St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.

Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …

Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …

Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.

Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.

Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.

Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.

James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.

So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.

Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.

Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.

Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.

Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.

Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.

P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.

Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.

T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.