Child, Lee – In letzter Sekunde

Jack Reacher hat es auf seiner unsteten Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten ins wüstenheiße Westtexas verschlagen. Dem Streit mit einem rauflustigen, aber im Zweikampf glücklosen Kleinstadt-Cop verdankt der Ex-Militärpolizist die Bekanntschaft der schönen Carmen Greer, die ihn in ihrem Wagen aufliest und aus der Schusslinie bringt.

Dort er gerät wie so oft vom Regen in die Traufe: Die junge Frau ist auf der verzweifelten Suche nach einem Killer, der sie von ihrem gewalttätigen Gatten befreit. Die Greers sind ein Clan texanischer Ölbarone, wie er im schlechten Buche steht. Sloop, der bewusste Gatte, hat genug von seiner geprügelten, gedemütigten Frau, will sie loswerden und ihr die gemeinsame Tochter rauben – dies um so mehr, als Carmen ihn vor anderthalb Jahren ans Finanzamt verpfiff und ins Gefängnis brachte. Über seine degenerierte Familie lässt er Carmen samt Tochter in Echo gefangen halten bis zum Tag seiner Freilassung. Der steht nun bevor und dann wird Sloop sich rächen.

Reacher ist kein Mörder, helfen will er aber trotzdem. So begleitet er Carmen auf die Greer-Ranch und ins einsame Städtchen Echo, das den Greers mit Mann und Maus praktisch gehört. Alle warten auf den Moment, da Sloop erscheinen wird – die in unheiliger Vorfreude schwelgenden Greers, die verängstigte Carmen und ihre Tochter, der abwartende Reacher – und ein Trio mysteriöser Killer, die es offenbar auf den auch sonst im Umgang mit dem Geld seiner Geschäftsfreunde notorisch laxen Sloop abgesehen haben – oder hat Sloop selbst sie angeheuert, um es denen heimzuzahlen, die ihn an das Finanzamt verrieten?

Reacher verliert den Überblick, als sich die Ereignisse zu überstürzen beginnen. Carmen erweist sich als Mörderin und Lügnerin, Sloop womöglich nicht als der Unmensch, als der er hingestellt wurde. Die Killer belagern die Ranch; auf ihrer Todesliste steht inzwischen auch Reacher. Doch der lockt sie in die Wüsteneinsamkeit – und dann beginnt Echo wahrlich zu brennen …

Jack-Reacher-Romane sind Unterhaltungs-Literatur reinsten Wassers – sie werden von ihrem Verfasser fabriziert wie Möbelstücke. Jedes Jahr wird einer pünktlich fertig: solide Ware, ohne Schnickschnack, gern gelesen und treu neu gekauft. Das hat seine Gründe, Reacher-Thriller sind wirklich gut. Kein Wunder, denn Lee Child hat die Gesetze des Genres genau studiert und hält sich nun daran. Geradlinig und schnell müssen seine Geschichten sein, die Handlungsstränge sind arm an Zahl und Verwicklungen, Originalität oder Anspruchsdenken stören nie den Ablauf. Eines Besseren sei dabei belehrt, für den sich das negativ anhört. Wie die vier Vorgängerbände ist „In letzter Sekunde“ ein atemloser Action-Lesespaß.

Ein harter Mann, eine schöne Frau, eine von Schuften bevölkerte Wüstenstadt, die zusätzlich von Verbrechern bedroht wird – eine sehr klassische Konstellation, die schon manchen Western zuverlässig bis zum großen Final-Showdown gebracht hat. Die Story von „In letzter Sekunde“ ist also wohl bekannt, die Figuren sind es auch, Child gibt gar nicht vor, das Rad neu erfinden zu wollen. Stattdessen erzählt er einfach seine Geschichte.

Hier und da vorkommende Übertreibungen und allzu plakative Bilder – die Greer Ranch ist von den Grundmauern bis zum Dachfirst höllenrot gestrichen – verzeiht man dem Verfasser bzw. wertet sie großzügig als Reminiszenz an große Vorbilder; hat nicht schon Clint Eastwood in „High Plains Drifter“ (1973, dt. „Ein Fremder ohne Namen“) eine ganze Stadt rot anstreichen lassen, um deren Verkommenheit zu brandmarken?

Und dass Child Texas als Hort grenzdebiler Rassisten, korrupter Sheriffs, heruntergekommener Cowboys und absolutistischer Wüstenkönige schildert, muss er selbst mit den Einheimischen ausmachen … Als Kulisse funktioniert diese Provinzhölle jedenfalls gut. Sie erfüllt zudem den perfiden Zweck, die Leser in falscher Sicherheit zu wiegen. Als sie schon glauben, die Figuren zu kennen, sorgt Child für Spannung durch Unsicherheit, indem er Gute und Böse die Rollen tauschen lässt bzw. die Trennung zwischen ihnen aufhebt. Trauen können wir nur Reacher, denn der wird Tarnungen und Täuschungen garantiert und rabiat auf- und in die Luft fliegen lassen.

Reacher = Ritter. Auf diese Formel lässt sich die ohnehin karge Persönlichkeit unseres Reisenden reduzieren. Wenn er nicht gerade den Entrechteten und Hilflosen zur Seite springt, vertreibt er sich die Zeit damit, durch sein Heimatland zu treiben. Was ihn dazu bringt, die Sesshaftigkeit so zu fürchten, kann Child trotz diverser Erklärungsversuche nicht recht begreiflich machen. Letztlich ist es wohl so, dass Reacher ist, wie er ist, um als ideale Serienfigur eine schwungvolle Handlung an vielen Orten in Gang zu setzen. Lee Child ist ein ungemein ökonomisch arbeitender Autor, dem solcher Pragmatismus keineswegs fremd ist.

Als Mensch mögen wir Reacher nicht unbedingt, aber wir begleiten ihn gern bei seinen Abenteuern. Er redet nicht so schrecklich viel oder so viel Unsinn wie seine Action-Kollegen, er will uns weder belehren noch überzeugen. Stattdessen ist er einfach da und handelt. Solche Eindimensionalität lässt man sich durchaus gern gefallen, wenn sie so spannend verpackt ist wie hier. Ein dumpfer Schläger ist Reacher darüber hinaus sicher nicht.

Die verfolgte Schöne ist zwar schön und sexy, aber hilflos ist sie auch in übler Lage nicht. Child bemüht hier ein wenig das (politisch korrekte) Bild von der stolzen Latino-Prinzessin, die sich in eine rasende Mutter-Löwin verwandelt, doch auch das ist Täuschung: Carmen Greer ist sogar noch zäher als selbst Reacher es lange ahnt.

In Texas ist alles überlebensgroß – das Land, die Städte, die Hüte und auch die Arschlöcher. Letzteres ist Childs Interpretation, die er jedoch mit Leben zu füllen weiß. Reaktionäre, von sich eingenommene, großmäulig-laute, rassistische, chauvinistische, bigotte etc. Großfamilien hat es in Literatur und Film bereits viele gegeben. Auch hier ist Child nichts Neues eingefallen. Seine Leistung besteht darin, die eigentlich zum Klischee geronnenen Horror-Gestalten mit Leben zu füllen. Die Greers wirken schrecklich lebendig in ihrer angemaßten Selbstherrlichkeit, deren Demontage man deshalb genüsslich verfolgt.

Wieder einmal die Kirsche auf dem Kuchen sind Childs Nebendarsteller. Sofort in den Bann zieht die Darstellung des Killer-Trios; keine sadistischen Irren, die tarantinoesk dekorativ mit großkalibrigen Feuerwaffen umherfuchteln, sondern nüchterne, erfahrene, hart arbeitende Männer und eine Frau, Profis, denen man gern bei der Arbeit zusieht – und deshalb sofort ein politisch korrekt schlechtes Gewissen verspürt.

Lee Child ist ein waschechter Brite, 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thrillerserien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“ betreute) wurde Child 1995 wie sein später Serienheld Reacher „freigestellt“.

Seine Erfahrungen im Thrillergewerbe gedachte er nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt seiner Meinung nach jenseits des großen Teiches. Ausgedehnte USA-Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, so dass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor – zumindest bis 2006, dann hat er einen entsprechenden Vertrag pünktlich erfüllt.

Aber noch ist Reacher auf Reisen – und wie „In letzter Sekunde“ eindrucksvoll belegt, kann die Welt auch noch nicht auf ihn und seine besonderen Fähigkeiten verzichten … Lee Child hat uns jedenfalls wieder im Griff. Tempo, Tote, Terror, dazwischen fast lyrische Szenen und Spitzen gegen das (US-)Establishment: Dies ist ein „Pageturner“ im reinsten Sinn dieses Wortes!

Die Jack-Reacher-Romane:

1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“) – Heyne Taschenbuch Nr. 01/13026
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=905 – Heyne TB Nr. 01/13421
3. Tripwire (1999; dt. „Sein wahres Gesicht“) Blanvalet TB Nr. 35692
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=906 – Blanvalet TB Nr. 35715
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“) Blanvalet Hardcover
7. Persuader (2003, noch kein dt. Titel)
8. The Enemy (2004, noch nicht erschienen)

Hohlbein, Wolfgang / Hohlbein, Heike – Anders 1: Die tote Stadt

Es sind Schulferien. Für den Internatsschüler Anders Beron ist das die schönste Zeit des Jahres. Denn nun kann er endlich seinen Vater sehen, den ebenso reichen wie mächtigen Ottmar Beron, Besitzer eines riesigen Vermögens an Firmen, Land und Geld. Er wird von seinem Freund und Leibwächter Jannek abgeholt, der zwar freundlich lächelt, aber sehr nervös zu sein scheint. Dafür hat er auch alle Gründe, denn am Privatflugzeug kommt es zur Katastrophe. Jannek und Anders geraten in die Fänge zweier skrupelloser Entführer. Diese zwingen Jannek, das Flugzeug zu starten und die Berge anzusteuern. Schnell nimmt die Polizei in Hubschraubern die Verfolgung auf und die Entführer zwingen Jannek, in ein militärisches Schutzgebiet zu fliegen. Dort werden sie von futuristischen Kampfhubschraubern abgeschossen und müssen notlanden. Die Entführer überleben den Absturz nicht, doch wie durch ein Wunder bleiben Anders und Jannek am Leben. Doch dann tauchen Männer in Schutzanzügen auf und nehmen sie unter Beschuss, ebenso wie die Kampfhubschrauber. Eine abenteuerliche Flucht beginnt, bei der Jannek tödlich verletzt von einem Dach stürzt und Anders von einem unbekannten Mädchen gerettet wird.

Dieses Mädchen führt ihn durch eine zerstörte Stadt, in der eine schreckliche Katastrophe gewütet haben muss. Noch immer wird er von den Männern in den schwarzen Schutzanzügen verfolgt. Und noch andere Schrecken lauern in den Ruinen. Ein Schwarm von spinnenähnlichen Tieren frisst alles, was den Insekten begegnet. Nur knapp können die beiden den geheimnisvollen Männern mit ihren todbringenden Waffen und den Insektenmonstern entkommen. Das Mädchen bringt ihn zu ihrer Zuflucht, wo auch andere Überlebende der Katastrophe eine Notgemeinschaft bilden. Diese nach strengen Regeln lebende Sippe besteht aus merkwürdigen Geschöpfen. Teilweise sind sie menschlich, teilweise sehen sie aus wie Tiere. In welch einer Welt ist Anders gelandet und wie kann er ihr wieder entkommen?

Das vorliegende Buch ist der Beginn der vierteiligen Romanfolge von Heike und Wolfgang Hohlbein, die damit wieder mal ihrem Lieblingsthema folgen, das sie beispielsweise in „Druidentor“ und vielen anderen Romanen pflegen und hegen. Sie bringen ein Stück Fantasie (Legenden und Fantasy bunt gemischt) in unsere Welt. Dazu bemühen sie moderne Technik und Wissenschaft, die durch Legenden und Märchen angereichert werden. In diesem Fall haben Wissenschaftler in ihrem Labor etwas freigesetzt, das zusammen oder allein mit der nuklearen Vernichtung der Stadt in den Bergen (so ganz deutlich wird das nicht) Mutationen unter den Lebenden hervorruft. Jeder, der das Gebiet betritt und/oder mit den dort Lebenden konfrontiert wird, leidet unter einer schrecklichen Krankheit, die fast immer zum Tod führt. Die Mutationen sind nun eine praktische Angelegenheit für die Autoren, beliebige Fabel- und Fantasywesen auf die Bühne zu holen. So treffen wir hier Tiermenschen, Insektenvölker, Trolle, Zwerge, Gnome, Orks, Elfen und was die einschlägige Literatur noch so hergibt (wenn auch eventuell unter einem anderen Namen).

Die Geschichte beginnt schnell und furios und bleibt bis zum Ende des Buches sehr spannend. Fasziniert folgen wir Anders in sein persönliches Endzeitszenario, aus dem er von Anfang an verzweifelt zu entkommen versucht. Die Schrecken und Gefahren, die ihm dabei begegnen, sind bedrohlich und glaubhaft vermittelt.

Der Einstieg in das vierbändige Werk ist dem Autorenpaar am besten gelungen. Während die späteren Romanteile ein paar Längen, Wiederholungen, Brüche und Schleifen aufweisen, ist der erste Band eine spannende und interessante Angelegenheit.

Autorenhomepage des Verlages: http://www.hohlbein.at/

_Jens Peter Kleinau_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Joyce Reardon [= Ridley Pearson] – Das Tagebuch der Ellen Rimbauer: Mein Leben auf Rose Red

pearson-rose-red-cover-kleinIm Jahre 1907 heiratet der Großindustrielle John Rimbauer die junge Ellen. Die Ehe ist unglücklich, Rimbauers Villa Rose Red verflucht. Das Haus nährt sich von negativen Gedanken und Gefühlen und wird ein Ort, in dessen Wänden viele Personen spurlos verschwinden … – Der Roman erzählt die Vorgeschichte der TV-Miniserie (2002) als angebliches Tagebuch. Das Werk setzt gemächlich ein, weist auch im Mittelteil Längen auf, gewinnt aber im Finale Tempo und verwandelt sich in eine echte Geistergeschichte, die den Leser nicht hellauf begeistert, aber durchaus unterhält.
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Herbert, Brian / Anderson, Kevin J. – Butlers Djihad (Der Wüstenplanet: Die Legende 1)

Mit „Butlers Djihad“ beginnt eine zweiteilige Reihe, in der die Ursprünge des legendären Wüstenplanet-Zyklus beschrieben werden, die Anfänge von „Dune“, der erfolgreichsten Science-Fiction-Serie aller Zeiten. Brian Herbert, Sohn des 1986 verstorbenen „Dune“-Schriftstellers Frank Herbert, und Kevin J. Anderson haben sich bereits vor einiger Zeit mit der Vergangenheit des Hauses Atreides beschäftigt und die Chroniken in Form einer Trilogie abgearbeitet, die von Kritikern als das legetime Erbe des Original-Autors gelobt wurde, doch nun gehen sie noch weiter zurück und berichten von einer Zeit, die circa 10.000 Jahre vor der Herrschaft über den Planeten Arrakis spielt.

Die Welt wird in dieser Zeit vom mächtigen Allgeist Omnius beherrscht, der mit Hilfe seiner Denkmaschinen einzelne Planeten eroberte, die dort lebenden Menschen entweder brutal abschlachten ließ oder sie in die Sklaverei der Maschinen führte und schließlich die Vorherrschaft über das gesamte Universum übernahm. Dabei ist Omnius indirekt nur eine Erfindung einer unzufriedenen Schar Menschen gewesen, die seinerzeit das alte Imperium als Titanen stürzen konnte und sich schließlich selbst in Maschinen verwandeln ließ, so genannte Cymeks, die jedoch weiterhin über ein organisches Gehirn verfügten. Ein Fehler in ihrer Programmierung ließ schließlich den allmächtigen Omnius entstehen, der ihnen selber überlegen war und nun von überall her das Geschehen kontrollierte.

Nur ein geringer Teil der menschlichen Rasse wagt es noch, dem Allgeist Widerstand zu leisten. Gemeinsam bilden sie die Liga der Edlen, die sich zum Ziel macht, die bevorstehende Ausrottung ihrer Rasse durch die Roboter zu verhindern. Unter der Führung ihres Präsidenten Manion Butler, seiner wagemutigen Tochter Serena und ihres Verlobten Xavier Harkonnen stellen sie ein neues Heer auf, um sich gegen die Roboter zur Wehr zu setzen, jedoch bleiben sie stets in einer Verteidigerrolle. Erst in dem Moment, als sich Serena Butler dazu entschließt, den an die Denkmaschinen verlorenen Planeten Giedi Primus zurückzuerobern, erkennen die Menschen ihre Chancen, jedoch fällt Serena diesem Angriff selbst zum Opfer und landet als Gefangene auf der Erde, wo sie als Haussklavin des intelligenten Roboters Erasmus gehalten wird.

In ihrer Heimatwelt ist man indes von Serenas Tod überzeugt und bemerkt somit gar nicht, dass sie auch auf der Erde weiterhin für die Rechte der versklavten Menschen kämpft, dabei teilweise auch Erfolge erzielt und schlussendlich den Mord an ihrem unter Erasmus‘ Aufsicht geborenen Sohn zum Anlass nimmt, um mit einem Arbeiterfüher eine Revolte gegen die Maschinen anzuzetteln. Ihr erneuter Erfolg und das Wissen, das sie vom übergelaufenen Titanensohn Vorian Atreides übermittelt bekommen hat, lässt sie schließlich bei ihrer Rückkehr in die Liga der Edlen den Djihad gegen die von Omnius gesteuerten Maschinen ausrufen, der von ihrem ehemaligen Verlobten Xavier Harkonnen angeführt werden soll.

An vielen anderen Stellen wird dieser erneute Vorgänger harsch kritisiert, was mir persönlich überhaupt nicht verständlich ist, denn schließlich ist es dem eingespielten Team Herbert/Anderson eindrucksvoll gelungen, eine weitere atemberaubende Science-Fcition-Geschichte zu erzählen, die sich vor allem durch ihre ironische Brutalität von anderen Vertretern ihres Genres abhebt. Hiermit meine ich in erster Linie die Gleichgültigkeit, mit der die Roboter ganze Stämme ausrotten und die fast schon beiläufige Ironie, mit der das Autorenteam Stellung dazu bezieht. Diese zieht sich auch durch das ganze Buch und löst immer wieder Entsetzen aus, da sich hinter der Frage, wie viel ein Menschenleben eigentlich wert ist, ein unterschwelliges Stück Gesellschaftskritik verbirgt.

Davon einmal abgesehen, ist der Handlungsstrang ausgesprochen spannend arrangiert worden. Sehr viele Nebenschauplätze werden in kurzen Kapiteln eingeblendet, zahlreiche Charaktere vorgestellt, das Leben auf den verschiedensten voneinander unabhängigen Planeten wird beschrieben und trotzdem lässt sich der Wust an Informationen Stück füt Stück zusammenfügen und ergibt schließlich auch die erhofften Zusammenhänge. Dabei lesen sich die ersten 150 Seiten gar nicht mal so einfach, weil der eben beschriebene Prozess, sprich das Sammeln von Informationen, schon eine gewisse Zeit verschlingt, die sich jedoch im Endeffekt als wertvoll investiert erweist, denn je tiefer man in die Welt von Omnius, Xavier Harkonnen, Vorian Atreides, den Titanen und natürlich Serena Butler eingedrungen ist, desto wissbegieriger wird der Leser schließlich.

Schlussendlich lässt sich daher auch sagen, dass die beiden Autoren den sehr guten Ruf der Wüstenplanet-Saga nicht nur weiter aufrechterhalten, sondern ihn mit „Butlers Djihad“ sogar auf ein neues Level angehoben haben. Für diejenigen, die mit der „Dune“-Geschichte bisher noch nicht in Kontakt getreten sind, ergbit sich hier sogar die einmalige Möglichkeit, von ganz vorne zu beginnen, was die Sache neutral betrachtet sogar noch weitaus interessanter macht als die stetigen Rückblenden, die sich für den eingeschworenen Leser bieten.

Mehr Informationen zur Wüstenplanet-Saga gibt es u. a. bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Dune

Simmons, Dan – Hard as Nails

„Hard as Nails“ ist der dritte und letzte Krimi mit Privatermittler Joe Kurtz aus Buffalo im US-Bundesstaat New York. Gleich zu Beginn wird Joe über den Haufen geschossen. Dann heuern ihn zwei Mafiafamilien an, die sich gegenseitig verdächtigen: jemand hat bereits 22 Junkies und Dealer abgemurkst und die Leichen entsorgt. Will jemand die beiden Drogenbarone gegeneinander aufhetzen? Joe muss aufpassen, dass er nicht zwischen die Fronten gerät.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Handlung_

Gleich auf den ersten Seiten kriegt Joe Kurtz eine Kugel in den Kopf. Zugegeben, eigentlich ist es mehr ein Streifschuss, aber der Schuss, der sein Hirn um Millimeter verfehlt, setzt ihn erst einmal außer Gefecht. Und das kam so:

Joe hat elfeinhalb Jahre im Staatsgefängnis von Attica für Totschlag gesessen. Nun ist er, nachdem er den Knast wunderbarerweise überlebt hat, seit fast einem Jahr auf Bewährung draußen. Leichen pflastern seinen Weg, weil jeder dahergelaufene Mafioso was von ihm will (siehe „Hardcase“ und „Hard Freeze“), aber die Behörden können ihm nichts anhängen, so gerne sie das auch täten. Und das Beste ist: Seine Bewährungshelferin Peg O’Toole, die er gerade besucht, findet ihn integer und möchte seine Bewährungsauflagen lockern. Dann braucht er sich nicht mehr jede Woche, sondern nur noch jeden Monat bei ihr melden.

Sie erbittet eine kleine Gegenleistung. Er soll doch mal herausfinden, wo ein paar Fotos von einem alten, verfallenen Rummelplatz im Grünen aufgenommen wurden. Sie sei da auf eine Spur gestoßen. Leider scheint ihre Aktivität jemandem gewaltig auf den Zeiger zu gehen, denn als zuerst O’Toole und dann Kurtz die Tiefgarage betreten, werden sie beschossen. Alle Lampen sind abgeschlagen – das kommt Joe gleich verdächtig vor. Er schießt zwar zurück auf das Mündungsfeuer, doch plötzlich bricht O’Toole zusammen und er erhält besagten Kopfschuss. Feierabend?

Nicht ganz. Während O’Toole irgendwo auf der Intensivstation liegt, wird Joe gleich nach dem Erwachen von zwei Mitarbeitern des Morddezernats des Buffalo Police Departments (BPD) vernommen. Es handelt sich um seine alte Jugendflamme (Cathy) Rigby King und ihren Partner Detective Kemper. Sie erinnert ihn später an die alten Zeiten: Als Joe und Rigby einst im kirchlichen Waisenhaus – fein säuberlich nach Jungs und Mädels getrennt – aufwuchsen, trafen sie sich in der Basilika an einem versteckten Plätzchen, um Liebe zu machen. Jetzt würde Rigby gerne an die alten Zeiten anknüpfen, denn sie will Joe für einen Plan benutzen. Dazu setzt sie auch ihre weiblichen Waffen ein.

In der ersten Nacht nach dem Aufwachen erhält Joe unangenehmen Besuch. Der Onkel von O’Toole, ein ehemaliger Major der Army, haut ihm links und rechts eine in die Fresse. Als sei das nicht deutlich genug gewesen, schwört er ihm auch noch Rache. Bevor noch mehr ungebetene Besucher auftauchen, macht sich Joe aus dem Staub. Er sieht mit seinem blutigen Kopfverband aus wie der wandelnde Tod und sein Schädel brummt wie tausend Glocken, doch irgendwie hängt Joe an seinem Leben. Wahrscheinlich, weil er nur eines davon hat.

Zunächst schnappen ihn sich aber zuerst die Mafiafamilien, zuerst Toma Gonzaga, dann die Lady der Farinos. Beide wollen das Gleiche, als hätten sie sich abgesprochen. Doch sie verdächtigen sich gegenseitig. Joe soll herausfinden, wer ihre Junkies und Heroindealer kaltmacht. 22 Leute in nur vier Wochen, das ist eine ganze Menge. Und wer ihre Abnehmer kaltmacht, versaut den Markt. Schon klar. Während Angelina Ferrara Farino ihm karge 15.000 Mäuse bietet, winkt Toma Gonzaga mit immerhin 100 Riesen. Das Angebot ist verlockend – und „eines, das er nicht ablehnen kann“. Diese „Paten“-Sprüche gehen Joe total auf den Geist.

Dennoch Joe hat zunächst andere Prioritäten. Und er hat völlig Recht, zuerst herausfinden zu wollen, ob er oder O’Toole das Ziel des Anschlags in der Tiefgarage war. Die Spur führt zu einem Jemeniten, der als Schütze missbraucht und dann entsorgt wurde, und zu eben jenem Major Michael O’Toole, der so scharf auf Joes Kopf ist. Dort in Neola, im Süden des Bundesstaates New York, erlebt Joe eine handfeste Überraschung. Hier laufen viel zu viele Fäden zusammen, als dass es ein Zufall sein könnte. Und das Städtchen Neola ist geradezu „absurd wohlhabend“ …

_Mein Eindruck_

|Ein Kriegsschauplatz|

„Hard as Nails“ funktioniert ein wenig anders als „Hardcase“. Während in diesem Startband der Joe-Kurtz-Trilogie sich die Action in verschiedenen Episoden entfaltete, steigert sich in Band 3 die Spannung mit der Komplexität der Handlung, bis so etwas wie eine kritische Masse erreicht ist. Dann explodiert die Action geradezu mit einem monumental inszenierten Generalangriff, der das gesamte dritte Viertel des Romans einnimmt. Obwohl es sich um einen Krieg der Drogenimperien handelt, kommt dieser Angriff einem Söldnerangriff schon ziemlich nahe.

Entsprechend blei- und hämoglobinhaltig sind die Resultate. Aber das Ziel ist edel: Rigby King, seine Jugendflamme, muss gerettet werden, als handle es sich um die Jungfrau in Not. Und das ist sie in der Tat. Denn Kurtz weiß aus eigener schmerzhafter Erfahrung, welchen Unmenschen sie in die Hände gefallen ist. Und außerdem: Ihn kostet es keinen Cent, wenn sich die Drogenbarone gegenseitig umbringen. Er muss nur sich und Rigby mit heiler Haut da rauskriegen. Ob das hinhaut?

|Tapfere Mädels|

Es ist erstaunlich, aber nicht nur die beiden Frauen Rigby King und Peg O’Toole liegen Kurtz am Herzen, sondern auch seine Tochter Rachel, seine Sekretärin Arlene DeMarco und deren Schwester Gail – bei der Rachel aufwächst, nachdem Joe (in „Hard Freeze“) ihren üblen Stiefvater ausgeschaltet hat. Auch Arlene selbst sieht ein: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Kästner), und stellt sich zur Verfügung, um die Verlobte des jemenitischen Todesschützen an der kanadischen Grenze in Empfang zu nehmen. Wie sich zeigt, ist Arlenes Mission nicht nur menschenfreundlich und mutig, sondern auch lebensgefährlich. Denn der Killer jener 22 Junkies wurde ebenfalls entsandt, um die junge Jemenitin „in Empfang“ zu nehmen. Sie weiß zu viel.

|The Dodger|

Dieser Auftragsmörder ist eine recht interessante Figur. Er trägt den Spitznamen „The Artful Dodger“ oder kurz „Dodger“, nach einem bekannten Roman von Charles Dickens: „Oliver Twist“. Auch der Titel des Romans ist ein Zitat aus diesem Buch: »“Hard“, replied the Dodger. „As nails“, added Charley Bates.« Der Killer heißt Dodger, weil er allen Gefahren und Verfolgern auszuweichen versteht. Keiner außer seinem Boss kennt ihn. Nicht einmal sein eigener Vater weiß, dass er am Leben ist. Und an jedem Halloween-Fest zelebriert der Dodger mit den Leichen seiner jüngsten Opfer eine ganz besondere Rummelplatzveranstaltung. Denn Halloween ist sein Geburtstag.

Manchen |Amazon.com|-Lesern war dieser Psychopath ein Dorn im Auge, denn solch eine Figur hat offenbar in einem ordentlichen Krimi nichts zu suchen. Dafür sind offenbar Thrillerautoren wie Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) oder Patricia Cornwell zuständig. Ich halte diese Trennung für künstlich und den Auftritt des Psychopathen für nicht nur plausibel, sondern auch sehr wirkungsvoll. Er ist eine Marionette, die von einem Unbekannten gesteuert wird. Dieser Unbekannte hat es auf das Drogengeschäft im westlichen Bundesstaat New York abgesehen.

|Deus ex machina|

Mehr Probleme bereitete mir hingegen das zweite Finale des Romans. Joe ist wieder einmal in einer aussichtslosen Lage, wie so oft. Und wie so oft, findet sich eine Rettung für ihn. Allerdings wusste sich Joe in den ersten zwei Bänden selbst zu helfen, diesmal tritt eine Art „deus ex machina“ auf. Für mich war dies immer ein Beleg für schlechte Handlungsentwicklung. Es wirkt künstlich.

Ich bezweifle auch, dass der Plural von „Mafioso“ „Mafiosa“ lautet, wie Simmons schreibt. Es müsste eigentlich „Mafiosi“ heißen.

|Humor ist, wenn man trotz Tränen lacht|

Der Aspekt des Humors darf in jedem Joe-Kurtz-Roman nicht fehlen. Besonders im ersten Viertel wimmelt es von extrem ironischen Seitenhieben und Bemerkungen. Die bekommt man leider oft nur mit, wenn man die Umgangs- und Gangstersprache kennt. Diese wird ziemlich intensiv in den entsprechen Dialogen mit Gangstern benutzt. Am besten legt man sich ein Wörterbuch des amerikanischen Slangs bereit. Und der Autor tut den Teufel, um den Leser mit der Nase auf komische Stellen zu stoßen.

Am ehesten tut Simmons das noch an folgender Stelle. Arlene (oder Rigby?) sagt: „As tight as a proctologist’s dog’s asshole.“ Und dann wird hinzugefügt: „Kurtz thought about that for a moment.“ Nun muss man natürlich wissen, was ein Proktologe macht. Ich werde den Teufel tun und euch den Witz erklären. Das müsst ihr selbst herausfinden.

_Unterm Strich_

Wieder einmal ist es Simmons gelungen, mich zwei, drei Tage völlig in seinen Bann zu schlagen. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie diese Joe-Kurtz-Story ausgeht. Oftmals sah es nicht gut für den Helden aus, aber selbst mit drei Schusslöchern im Mantel, einem verbundenen Schädel und rasenden Kopfschmerzen nimmt es der Unbezwingbare mit allen Bösewichten auf. Damit er nicht wie eine Comicfigur wirkt, erfahren wir diesmal sehr viel über seine Vergangenheit: Joe wuchs (neben Rigby) als Waise auf, tat Dienst als Militärpolizist in Bangkok, wurde Privatermittler in Buffalo (Partnerin: Samantha, die Mutter von Rachel) und schließlich eingebuchtet – siehe oben.

Von Bösewichten gibt es in Buffalo und Umgebung mehr als genug. Der Bundesstaat New York ist unter fünf Mafiafamilien aufgeteilt worden, damit man sich nicht ins Gehege kommt. Hinzu kommen noch kleinere Lokalfürsten der Unterwelt, mit denen sich Kurtz auskennt. Nun drängen weitere Konkurrenten auf den Drogenarkt. Desweiteren wären da natürlich noch korrupte Polizisten und irgendwelche Finsterlinge, die mit brandneuen Superautos durch die Straßen rollen. Das sind die Schlimmsten: FBI, CIA, Heimatschutz, private Sicherheitsdienste – die reinste Buchstabensuppe.

Simmons lässt dazu einige bissige Bemerkungen fallen, die nicht alle aus dem Mund von Kurtz kommen. Im Jahre 2 nach 9/11 scheint sich diese Pest rasant auszubreiten. Und diese neuen Typen reden einen aufgesetzten englischen Akzent wie Pierce Brosnan, kleiden sich in 3000-Dollar-Anzüge und nennen ihre Opfer zynisch „alter Kumpel“ (old sport). Was ist aus der Welt geworden, wenn sich nicht mal mehr die Schurken wie Schurken kleiden, sondern wie Banker? Vielleicht besteht da ja auch kein Unterschied mehr.

Wie heißt es so schön? Simmons macht in den Joe-Kurtz-Romanen keine Kompromisse. Das ist vielleicht zu gut, um wahr zu sein. Aber was ist an einem Roman schon wahr? Aber wenn ich mir heutzutage einen harten Krimi à la Chandler und „Mike Hammer“ aussuchen könnte, dann würde meine Wahl auf jeden Fall auf einen Krimi mit Joe Kurtz fallen.

|Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Kavanagh, Bruce – The Osbournes – Talking

Ozzy, Sharon, Jack, Kelly – mit anderen Worten: die Osbourne-Familie. Wie kaum eine andere Familie haben sie in den letzten Jahren die modernen Unterhaltungsmedien bevölkert und die Zuschauer in mehrere Gruppen gespalten. Die einen waren entsetzt davon, dass sich eine Legende wie Ozzy Osbourne dazu hinreißen lassen konnte, seinen Körper und seinen Geist für eine Serie herzugeben, in der er im Endeffekt nur als lachhafte Witzfigur dastehen konnte. Die anderen fanden die unendliche Raffgier seiner Frau Sharon unmöglich, in deren Augen sich selbst bei ihrer Krebsoperation nur die Dollarzeichen zu spiegeln schienen. Dann war da noch die Gruppe, denen die verzogenen Kinder der beiden Osbournes gehörig auf die Nerven gingen und die besonders der recht untalentierten Tochter Kelly jeden möglichen Stein beim Anlaufen ihrer Karriere als Sängerin in den Weg räumen wollten.
Ja, es gab und gibt viele Neider, viele Leute, für die „The Osbournes“ alles andere als eine Kultserie ist und eine Menge Menschen, die einfach nicht verstehen können, warum um diese Familie ein so großer Hype veranstaltet wird. Doch es gibt eben auch die dem entgegenstehende Fraktion, die vor Lachen auf dem Boden liegt, wenn der tolpatschige Ozzy über den Bildschirm huscht, wenn Jack und Kelly sich hitzige Wortgefechte liefern und wenn die Nachbarn der TV-Familie ein weiteres Mal mit fiesen Scherzen auf die Probe gestellt werden.

Egal, auf welcher der beiden Seiten man nun steht, das hier vorliegende Buch wird die jeweiligen Meinungen nur noch weiter verschärfen. „The Osbournes Talking“ ist nämlich eine Art Rückblick auf das Leben der Familienmitglieder, der sich ausschließlich aus vergangenen Statements zusammensetzt. So nehmen die vier Protagonisten Stellung zu allen erdenklichen Themen; Drogen, Sex, Lifestyle, Karriere, Krankheiten, Vorurteile usw. Dass hier manches Mal weit übers Ziel hinausgeschossen wird, war zu erwarten, und wenn Jack über seine Erfahrungen mit Drogen oder die beiden Geschwister über ihre Kindheit reden, dann weiß man als Leser, dass man nicht jedes Wort für bare Münze nehmen darf.

Langweilig ist das Buch daher aber sicherlich nicht, sondern eher sehr unterhaltsam, oft auch sehr komisch, besonders wenn man die Kommentare von Ozzy Osbourne, dem Füsten der Finsternis himself, liest, dessen verwirrtes Gedächtnis hier weitaus mehr Charme ausstrahlt als in der völlig konstruierten und auf Erfolg kalkulierten Serie.
Leider wiederholen sich die Kommentare nach einiger Zeit oder erscheinen nach einer Weile in abgeänderter Form wieder, so dass dem Buch zum Ende hin der Unterhaltungswert abhanden kommt. Zudem erscheinen manche Aussagen als äußerst widersprüchlich und widerlegen so manche vorher aufgestellte These, weshalb man an der Ernsthaftigkeit der Antworten schon mal zweifeln darf.

An der Aufmachung des Buches gibt es indes nichts zu mäkeln, und auch die Idee dahinter wurde recht gut umgesetzt, mit Bildern unterlegt und durch leichte Verständlichkeit auch dem jüngeren Publikum, Ozzys aktueller Zielgruppe, zugänglich gemacht. Nur frage ich mich rückblickend, ob die Osbournes tatsächlich die richtigen Adressanten für eine derartige Statement-Sammlung gewesen sind oder aber, ob ein wesentlich geringerer Umfang diesem Unterfangen dienlicher gewesen wäre, denn irgendwie hat man nach zwei Dritteln den Eindruck, dass alles Wichtige gesagt wurde und jede Zusatzinformation nicht mehr wichtig gewesen wäre.

Wenn man sich also nicht näher mit dem Phänomen „The Osbournes“ beschäftigt hat, ist dieses Buch auch nichts weiter als unnötiger Zeitvertreib, während Fans der Serie hier sicher ihren Spaßfaktor finden werden. Fazit: Gute Idee, gute Umsetzung, aber zum Ende hin etwas überstrapaziert.

Ruditis, Paul – Star Trek Voyager – Das offizielle Logbuch

172 Abenteuer erlebte die Crew des Föderationsraumschiffes „Voyager“ in sieben langen Fernsehjahren. Das ist eine stolze Leistung, die eines Rückblicks eindeutig würdig ist. Paul Ruditis widmet dem Anlass ein mächtiges Werk, das auf fast 500 Seiten fast alle Fragen beantwortet, die sich der Zuschauer womöglich gestellt hat. Er orientiert sich dabei naturgemäß an der Serienstruktur: Analog zu sieben TV-Staffeln gibt es sieben Großkapitel, welche jeweils mit den Neuigkeiten und Veränderungen eingeleitet werden, die zum Beginn und im Verlauf jeder Staffel zu vermelden sind.

Dieser Einleitung folgt eine eingehende Beschreibung der einzelnen Folgen. Was ansonsten geschehen ist bzw. wie diese Ereignisse in die Chronologien der „Voyager“, des Delta- sowie des Alpha-Quadranten einzupassen sind, wird in gesonderten Abschnitten aufgelistet. Dazu kommen die „persönlichen Logbücher“ der „Voyager“-Crew, in denen u. a. hochwichtige Fakten wie Captain Janeways Geburtstag (der 26. Mai) enthüllt werden. Ein „medizinischer Bericht“ vermerkt penibel sämtliche Verletzungen der agierenden Crew vom Schnitt in den Daumen bis zum Kopfschuss. Im „Episodenlogbuch“ werden einige Worte zur „Star Trek“-Saga und manchmal sogar zu den Dreharbeiten der „Voyager“-Serie verloren. Hinzu kommen Textboxen, in denen einzelne Besatzungsmitglieder ausführlich vorgestellt und pompös-weihevolle Worte der „Star Trek“-Macher zitiert werden, die sich selbst und ihren Einfallsreichtum hochleben lassen. Weitere Boxen listen auf, wann „Q“ auf der „Voyager“ erschien und welche witzigen Wortspiele er dabei zu Stande brachte. Dazu kommen tief schürfende Analysen, die sich mit Themen wie „Das Ende einer Beziehung: Kes und Neelix“ beschäftigen.

Zahlreiche Anhänge listet die Crew der „Voyager“ auf und scheiden sorgfältig die Toten von den Lebenden. Weiterhin gibt es endlose Listen der hinter den Kameras tätigen Crews. Selbstverständlich darf eine Aufzählung der „Voyager“-Folgen nicht fehlen, die seltsamerweise alphabetisch geordnet ist. Weitere Namenslisten sind den Drehbuchautoren und den Gastschauspielern gewidmet. Eine Art Ehrentafel mit den gewonnenen „Emmy“-TV-Auszeichnungen gibt es außerdem.

Jede Episode wird durch schwarzweiße Fotos illustriert, die offensichtlich direkt vom Bildschirm abgelichtet wurden und folglich reichlich grobgerastert, kontrastschwach und verschwommen daherkommen. Qualitativ besser sind diverse Standaufnahmen, die in den einleitenden Texten zu den einzelnen Saisons wiedergegeben werden. Insgesamt prunkt das „Logbuch“ mit ca. 400 Fotos.

Zunächst die positiven Aspekte (deren Aufzählung wenig Zeit beanspruchen wird): „Star Trek Voyager – das offizielle Handbuch“ ist ein schönes Stück Buchhandwerk. Ein Paperback zwar, aber großformatig, sachlich und „Star Trek“-bezogen layoutet, sorgfältig gebunden und auf gutes Papier gedruckt, so dass der Text und die meisten Abbildungen klar und deutlich zu erkennen sind. (Man denke nicht, dies sei eine Selbstverständlichkeit! Gerade Bücher zu beliebten Filmen oder TV-Serien setzen gern darauf, dass Fans gierig und ohne nachzudenken ohnehin alles kaufen, was die Qualität des Gebotenen offenbar zur Nebensache werden lässt.)

Dass Paul Ruditis vom „Star Trek“-Studio |Paramount |mit der Niederschrift dieses Buches beauftragt wurde, garantierte natürlich die Einhaltung gewisser Standards sowie den Zugriff auf Hintergrund- und Bildmaterial. Freilich hat dieses Privileg seinen Preis: Das „Offizielle Logbuch“ ist nicht mehr und nicht weniger als die rigoros positive Rückschau auf eine Serie, die demnach im Geiste roddenberryscher Eintracht von Idealisten, Genies und Menschenfreunden im Dienst des Zuschauers geschaffen wurde und zu den Sternstunden der Fernsehgeschichte gehört.

Tatsächlich war es wohl mehr als nur ein bisschen anders. „Star Trek Voyager“ gehört zu den ST-Serien, die recht ideenarm und lahm starteten, um erst im Laufe von Jahren an Fahrt und Qualität zu gewinnen, was nicht ohne Reibungsverluste und internen Ärger abging. Darüber verliert Ruditis kaum ein Wort. Er geht ohnehin anders an sein Thema heran. Die Ereignisse hinter den Kulissen sind für ihn Nebensache. Er schildert die Irrfahrt der „Voyager“ quasi als historische Realität, formt sie zu einer Chronik, beschreibt das Schiff, seine Besatzung, die unzähligen Spezies, mit denen es Janeway & Co. zu tun bekommen. Penibel listet Ruditis auf, wer wann auf dem Bildschirm erscheint und womöglich wiederkehrt, wie das in die „Voyager“- bzw. „Star Trek“-Chronologie passt (oder auch nicht), welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Dabei neigt der Verfasser zu Übertreibungen, verliert sich in eigentlich banalen Details, meint damit zu beeindrucken, wenn er aufklärt, in welcher Folge Tuvok Kaffee statt Wurzeltee trinkt. Als Fernsehzuschauer nimmt man solche Informationen am Rande auf, sie fügen sich ins Gesamtbild, lassen die Figuren plastisch, „menschlicher“ wirken. In einem Buch aufgelistet, sind sie unwichtig. Einige kritische Worte zu diversen Episoden – die eben nicht durchweg Science-Fiction der Oberklasse bieten – wären stattdessen angebrachter gewesen.

Doch über „Voyager“, das TV-Produkt, schweigt sich Rudditis recht beharrlich aus. Sein Schwelgen in „Star Trek“-Geschichte & Technobabbel ist kein Ersatz für diesen Aspekt der „Voyager“-Chronik, die Klassifizierung als „Logbuch“ wird ein wenig zu Ernst genommen. Dies setzt sich bei der Auswahl des Bildmaterials fort. Wiederum sehen wir nur die Schauspieler in ihren Rollen und Kulissen; auch hier fehlt der Blick aus der Perspektive des unabhängigen Beobachters, der Ruditis doch war während der Recherchen für dieses deshalb letztlich enttäuschende, weil wenig aussagekräftige Buch.

Paul Ruditis zählt zu jenen TV-Allessehern, die irgendwann auf den Gedanken kommen, aus ihrem Hobby klingende Münzen zu schlagen, indem sie darüber schreiben. „Schriftsteller“ sind sie deshalb noch längst nicht, auch „Sachbuch-Autor“ sollte ihnen als Berufsbezeichnung eigentlich verboten werden.

Denn es gehört mehr zu einem lesbaren und informativen Sachbuch als möglichst jeden Fakt zu sammeln und aufzulisten. Die Auswahl ist ein wichtiger Zwischenschritt, den diese Fan-Autoren gern überspringen. Für sie ist alles wichtig, was sie herausgefunden haben, sie können sich nicht davon trennen, weil sie es nicht verstehen oder wagen, zwischen Wichtigem, weniger Wichtigem und Unwichtigem zu differenzieen. Folglich wird der Leser mit einem Wust kaum gefilterter Informationen und Informationsspam konfrontiert. Das lässt solche Werke geschwätzig und vor allem langweilig wirken.

Ruditis ist nicht nur in dieser Hinsicht das Beispiel eines Fan-Autors. Ihm fehlt auch der Abstand zum Thema bzw. die Fähigkeit, buchstäblich hinter die Kulissen zu blicken. Dass sein „Star Trek“-Buch so bar jeder Kritik und jeglicher Insiderinfos ist, liegt sicherlich auch am Unvermögen des Verfassers, das Thema „Voyager“ sachlich zu betrachten, zwischen Werbung und Wahrheit zu differenzieren und aus den ausgewerteten Quellen ein ausgewogenes Bild der tatsächlichen „Voyager“-Historie zu destillieren. Dazu bedarf es nicht nur des Wissens, sondern einer Erfahrung und eines Selbstbewusstseins, die Ruditis offenbar abgehen. Vielleicht fehlt ihm auch die Zeit; er ist ein fleißiger Mann, der mit „Logbüchern“ sowie Ex-und-Hopp-Romanen zu Serien wie „Buffy the Vampire Slayer“, „Angel“, „Sabrina the Teenage Witch“ oder „Charmed“ auf dem Buchmarkt vertreten ist. Außerdem scheinen sich seine oberflächlichen Werke gut zu verkaufen – wieso also Zeit & Grips darauf verschwenden, ihnen mehr Tiefe, d. h. echte Informationsdichte zu verleihen?

Diese Haltung lässt Ruditis & Co. natürlich für die Filmstudios zu interessanten Partnern werden. Öffnet man ihnen die Türen, kann man sich darauf verlassen, dass der geblendete, plötzlich zum „Insider“ gewordene „Hausautor“ nur schreibt, was man veröffentlich sehen möchte, um auf diese Weise die Marketing-Maschine weiter unter Dampf zu setzen. Für solche Willfährigkeit gibt’s dann auch Interviews mit den Beteiligten, schöne Fotos – und Anschlussaufträge! Ruditis hat es längst „geschafft“ – er ist Profi geworden und veröffentlicht regelmäßig. Den nächsten logischen Schritt hat er inzwischen ebenfalls unternommen und mit „Enterprise: Shockwave“ einen Roman zur (fünften) Serie verfasst.

Schwindt, Peter – Justin Time – Der Fall Montauk

Justin ist vorwitziger Junge, den es nicht ruhig in seinem englischen Internat hält, seit seine Eltern bei einem Experiment mit einer Zeitmaschine verschwunden sind. Er reist ihrer Spur nach und stößt auf einen Krieg der Zeitagenten, in dem um die Vorherrschaft über die neue Technik gerungen wird: Denn wer die Macht hat, die Vergangenheit zu ändern, beherrscht automatisch die Gegenwart. Doch auf welcher Seite stehen seine Eltern? Justin muss es herausfinden, bevor es – buchstäblich – zu spät ist. Er ahnt nicht, dass er selbst der Schlüssel zum Rätsel ist.

|Der Autor|

Peter Schwindt ist der deutsche Autor der „Justin Time“-Trilogie, in der zuvor der Band [„Zeitsprung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=314 erschienen ist. Die Abenteuer des Helden Justin Time, der seine Eltern in den Zeiten sucht, sind für junge Leser ab zwölf Jahren geeignet.

Schwindt wurde 1964 in Bonn geboren. Nachdem er als Volontär und Redakteur für verschiedene Verlage gearbeitet hatte, betreute er zahlreiche Erwachsenen-Comics und arbeitete in der PC-Spielebranche. Seit 1997 ist Schwindt freiberuflich tätig und schreibt unter anderem als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen. Witzig: Er gründete eine Bauchtanz-Agentur. Er lebt mit Frau (eine Bauchtänzerin?) und Tochter im Siegerland.

Die „Justin-Time“-Bücher sind seine ersten Romane. Sie beruhen auf den drei Hörspielen, die Schwindt 2000 für den WDR schrieb. (Ich habe zum Teil auf Verlagsinfos zurückgegriffen.)

_Handlung_

|Vorgeschichte|

Der vierzehnjährige Justin Time reiste im ersten Band „Zeitsprung“ ins Jahr 1862. In London musste er auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern Abenteuer à la „Oliver Twist“ durchstehen und kehrte mit einer neuen Freundin in sein angestammtes Jahr 2384. Fanny hatte in einem Londoner Armenhaus gelebt, und das Leben dort war beileibe kein Zuckerschlecken. Justin suchte nach der berühmten Rechenmaschine des Charles Babbage, bekam von Charles Darwin einen unschätzbaren Gefallen erwiesen, ein Schurke namens Der schöne Bertie fiel ordentlich auf die Nase, und Fanny erlitt einen schrecklichen Verlust. Mehr sei nicht verraten.

|Hauptgeschichte|

Man schreibt zwar das Jahr 2384, aber in England, das noch nicht in der Nordseee versunken ist, gibt es immer noch die guten alten Internate. Und wieder einmal langweilt sich der aufgeweckte Justin fast zu Tode. Und da er es nicht geschafft hat, seine verschwundenen Eltern wiederzufinden, macht er sich immer noch Sorgen um sie. (Und wer soll dann sein Schulgeld zahlen?)

Da hilft ihm der Gärtner, ein Faktotum, das nur „Der Kapitän“ genannt wird. Mit ihm und Fanny begibt er nach Kanada, wo er er eine Spur zu finden hofft. Im hohen Norden an der Hudson Bay geht auch zunächst alles gut, doch dann manipuliert ein Unbekannter den Schweber, an dem der Kapitän werkelte. Der gute Mann wird halbtot ins Krankenhaus gebracht. Beim Versuch, am Schweber nach dem Rechten zu sehen, schließt das Vehikel ihn und Fanny ein und schwirrt ab, gesteuert vom Autopiloten. Nur ein Sturm zwingt sie zur Landung; es ist wohl mehr ein Absturz.

Zum Glück genau an der richtigen Adresse. Professor Curicaberis gehörte dem Forschungsteam von Justins Eltern an. Endlich bekommt Justin die Zusammenhänge erklärt. Es ging um das Projekt AION, das zur Entwicklung und dem Einsatz einer funktionierenden Zeitmaschine führte. Sie brachte zwar bei jedem Einsatz das Stromnetz von Oxford zum Zusammenbruch, doch die Erfinder waren völlig aus dem Häuschen.

Allerdings herrscht über die Anwendungsmöglichkeiten jeder Erfindung mitunter Uneinigkeit. So auch hier. Justins Eltern Avery und Annie wollten damit die Geschichte korrigieren, um all die Gräuel der Geschichte zu tilgen oder wenigstens zu lindern. Sie werden die Revisionisten genannt. Ihnen stehen die Konservativen gegenüber. Sie befürchten schwerwiegende Folgen für die etablierte Gegenwart, falls jemand in die Vergangenheit eingreift. Man kennt das ja von „Zurück in die Zukunft“: Wenn ich meine Großmutter umbringe, kann ich dann jemals geboren werden?

Justins Eltern verschwanden also, aber warum? Um den Missbrauch der Zeitmaschine zu verhindern, wurde jedenfalls von den Konservativen eine Geheimagentur gebildet, die von Catherine Janus geleitet wird. Ihre Agenten wiederum schauen in bestimmten Epochen nach dem Rechten und rekrutieren dort auch freiwillige Mitarbeiter. Leider muss Justin im weiteren Verlauf der Handlung feststellen, dass Agenten mitunter auch für beide Seiten arbeiten können.

Nachdem Justin das Holovideo angesehen hat, das ihm der Professor gegeben hat, wird ihm klar, dass er nun eine Chance hat, AION auf den Grund zu gehen und so vielleicht den Verbleib seiner Eltern herauszubekommen. Auf dem Video ist der Leuchtturm von Montauk Point auf Long Island zu sehen.

Doch Justin wäre es niemals gelungen, in das gesicherte Gebäude der Zeitreiseagentur Chrono Travel von Catherine Janus einzudringen, wenn ihm nicht ein braver Mann namens Herbert Hanfstäckl geholfen hätte. Der will unbedingt seinen Schwager Alois Bierbichler zurückhaben, der als deren Assistent zusammen mit Justins Eltern in der Zeit verschollen ist.

In den Wartungstunneln unter dem Gebäude von Chrono Travel schlagen sich Justin, Fanny und Hanfstäckl mit krakenförmigen Robotern à la „Matrix“ herum, die ihnen mit Laserstrahler den Garaus machen wollen. Der Zeitsprung gelingt, aber Hanfstäckl müssen sie zurücklassen.

Auf Long Island im Jahr 1983 stellen Fanny und Justin schon bald fest, dass es im Umkreis des Luftwaffenstützpunktes von Montauk von Verrückten wimmelt. Was könnte die Ursache sein? Werden hier illegale Experimente mit der Bevölkerung durchgeführt? Als eine Zeitagentin auftaucht und Fanny entführt, hat Justin nichts mehr zu lachen. Er muss seine Freundin schnellstens retten. Wer weiß, was man mit ihr anstellt.

_Mein Eindruck_

Manche von uns kennen den unterhaltsamen Science-Fiction-Film „Das Philadelphia-Experiment“, in dem Michael Paré eine seiner ersten Rollen spielte: einen Matrosen. Das war in den Achtzigern. Darin unternimmt die US-Navy 1943 einen verhängnisvollen Versuch, eines ihrer Schiffe, die USS Eldridge, gegen das Radar der deutschen U-Boote „unsichtbar“ zu machen. Der Versuch gelingt – bedingt. Die „Eldridge“ verschwindet zunächst und taucht dann wieder im Hafen von Philadelphia auf (daher der Experimentname).

Doch die Veränderungen, die die Beobachter an Bord vorfinden, sind Grauen erregend. Manche der Matrosen sind mit den Decksaufbauten verschmolzen und stecken im Stahl. Die Hypothese des Films besteht nun darin, dass drei der Matrosen aus dieser Zeit herauskatapultiert und 40 Jahre später wieder im Westen auftauchen. Dort beginnt ihre Odyssee nach Hause. Doch Parés Figur stößt auf ein zweites Philadelphia-Experiment, das weitaus verheerender zu enden droht.

Soweit der – durchaus gelungene – Film.

In „Der Fall Montauk“ greift Peter Schwindt den Fall wieder auf und erklärt seine Geschichte. Anders als vermutet, haben die Amerikaner jedoch ihre Experimente à la „USS Eldridge“ keineswegs eingestellt. Die Luftwaffenbasis, die im Jahr 1983, als Justin eintrifft, aufgelöst wird, birgt daher ein düsteres Geheimnis, das mit AION zu tun hat. Dieses gilt es aufzudecken, und vor Ort hilft Justin einer der „Verrückten“. Max Briggman hat man seine Erinnerungen gestohlen. Und seine Tochter Susan ist deswegen schier am Verzweifeln.

Wie sich zeigt, können Fanny und Justin diesen beiden armen Menschen helfen. Dafür müssen sie sich jedoch, ohne es zu ahnen, in große Gefahr begeben …

Wie man sieht, gelingt es dem Autor, den zunächst so harmlos beginnenden Fall Montauk zu einem spannenden Suchspiel aufzubauen, das den Leser durch zahlreiche erzählerische Kniffe bei der Stange hält, und zwar bis zum Schluss. Dabei erlebt man die Geschehnisse nicht immer nur aus dem Blickwinkel von Justin und Fanny.

|Menschliches Drama|

Allerdings ist dies keine Schnitzeljagd à la „Sakrileg“, sondern wird durch die beiden Figuren von Susan und Max Briggman zu einem menschlichen Drama, das den Leser durchaus zu bewegen weiß. Die Not, in der sich Susan befindet, als ihr „verrückter“ Vater verschwindet, ist durchaus glaubhaft dargestellt. Wer möchte schon mit 16 Jahren zur Vollwaise und Ausgestoßenen werden? Es dauert eine ganze Weile, bis die brave Susan auf Beweise stößt, dass sie Opfer einer Verschwörung geworden ist.

Ebenso glaubwürdig, wenn auch wesentlich seltsamer ist das Schicksal, das Max Briggmann widerfährt. Er selbst versucht verzweifelt, seinen Kopf abzuschirmen, den offenbar Strahlung von der Air-Force-Basis unter Beschuss genommen hat. Daher ist sein durch Antennen abgeschirmter Kopf doch recht merkwürdig anzuschauen. Aber vielleicht haben die beiden Besucher aus der Zukunft einen Tipp für ihn, was los ist? Und dass sie aus der Zukunft kommen, sieht man schon an Justins T-Shirt, auf dem hinten „Argentina Weltmeister 1986“ steht …

|Nur Science-Fiction?|

Nun könnte der eine oder andere Leser vielleicht meinen, diese Strahlung und ihre Auswirkungen seien an den Haaren herbeigezogene Science-Fiction. Dass aber unsere Gedankenimpulse auf elektrochemische Weise weitergeleitet werden, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Also sind sie auch auf elektronische Weise zu stören. Und was simple Radarstrahlen anrichten, könnten uns ein paar Radartechniker der Bundeswehr berichten, die gegen ihren früheren Arbeitgeber wegen Körperverletzung klagen.

|Lausige Logik? Oder doch Magie?|

Natürlich wird an keiner Stelle erklärt, wie die Zeitmaschine funktioniert. Das gelang schon ihrem Erfinder H.G. Wells nicht. Und es ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist das Drama, das dadurch ins Rollen gebracht wird: das Verschwinden von Justins Eltern und seine Jagd nach ihnen, eingebettet in einen Zeitkrieg, dessen Umrisse erst allmählich erkennbar werden.

Genauso wenig werden Geräte wie Emitter – eine Art Tarnkappe Marke Alberich – und Transponder für die Rückholung von Zeitreisenden erklärt. Das sind lediglich „gadgets“ und ebenfalls unwichtig. Und Floater, also Schweber, kann man sich leicht vorstellen. Dass sie aber erst im 24. Jahrhundert zur Verfügung stehen, kommt mir doch weit in die Zukunft verlegt vor.

Herbert Hanfstäckl hat mir am meisten Bauchschmerzen bereitet. Er ist ein Konservativer, wie er im Buch steht. Er konserviert alles, was schon heute leicht anachronistisch ist: Vinyl-Schallplatten beispielsweise. Wenigstens kann er Fanny und Justin mit echten Dollarnoten, die vierhundert Jahre alt sind, aushelfen. Auch wenn sie etwas müffeln …

Wie schon oben angedeutet, gibt es noch englische Internate – und auch sonst nicht viele Veränderungen. Ich könnte mir dieses England auch in 40 Jahre vorstellen, nicht erst in 400. Und das ist eines der größten Mankos von Zeitreiseromanen wie diesem: Der Autor ist gezwungen, seinem jungen zeitgenössischen Leser etwas vorzusetzen, was dieser aus seinem Umfeld – aus Filmen, Videos, Songs – kennt, aber dennoch eine Zukunft zu schildern, die genügend weit entwickelte Technik bietet, dass man sie für glaubwürdig hält.

An dieser Stelle tritt das Clarke’sche Axiom in Kraft: „Eine Technologie, die genügend weit entwickelt ist, lässt sich für uns nicht von Magie unterscheiden.“ Und da niemand Magie erklären kann, braucht man es bei dieser Art Superdupertechnik gar nicht erst zu versuchen.

|Witz, komm raus, du bist umzingelt!|

Wesentlich interessanter fand ich Schwindts lustige Sprachspiele: Justin = just in time, Avery = every Time, Annie = any Time. Und an einer Stelle kurz vor dem Finale dachte ich, der Autor bzw. Lektor hätte einen kapitalen Erzählfehler übersehen: Die Stelle wiederholte sich … Aber todesmutig las ich weiter – und siehe da, es handelte sich um einen gar witzigen Einfall. Den aber darf ich euch nicht verraten, terribly sorry!

_Unterm Strich_

Nach einem langsamen Start nahm Justins zweites großes Abenteuer mit seiner Ankunft im Jahr 1983 doch ziemlich schnell Dimensionen an, die mich für den Ausgang seiner Erlebnisse interessierten. Schließlich flogen die groß bedruckten rund 310 Seiten nur so vorüber. Wäre ich ein Zwölfjähriger, würde ich mich hervorragend unterhalten fühlen, da bin sicher.

Da ich aber kein junger Hüpfer mehr bin, vermisste ich streckenweise etwas die Psychologie und durchweg die Originalität an Schwindts Erzählgarn. Vorbilder wie „The Matrix“ habe ich schon erwähnt, auch Wells „Zeitmaschine“ ist schwer zu übersehen. Tarnkappentechnik war gerade wieder in Uli Edels Edel-Soap „Die Nibelungen“ zu bestaunen. Auch die Verschwörungsopfer Susan und Max Briggman meine ich irgendwoher zu kennen – vielleicht aus dem „Marathon-Mann“? Dass Justin als edler Ritter seine entführte Herzensdame retten muss, dürfte uns auch vertraut vorkommen. Witzig aber fand ich, dass er nach vollbrachter Rettung von ihr böse überrascht wird.

Das alles macht aber nichts, wenn es um den Unterhaltungswert geht. Und der ist ebenso hoch wie der Gehalt an menschlichem Drama und engagierter Aussage. Diese US-Regierung geht wirklich über Leichen, wenn es um die Entdeckung der Zeitreise geht. Und damit wären wir wieder beim „Philadelphia-Experiment“. Nur ein Film, oder …?

|Hinweis|

Im 3. Band reist Justin nach Sibirien ins Jahr 1908, als dort der so genannte Tunguska-Meteor einschlägt und ganze Wälder plattmacht. Bei dem Versuch (nicht dem „Verlust“, wie es im Buch „Der Fall Montauk“ heißt), die Pläne seiner Feinde zu vereiteln, verliert er um ein Haar sein Leben – gäbe es da nicht Lena, ein Mädchen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

p.s.: Ach ja, fast hätt‘ ich’s vergessen: Eure Handys strahlen auch Gedankenstrahlen aus! Aber das habt ihr euch wahrscheinlich schon gedacht. Besonders die SMS- und Klingelton-Junkies unter euch. Also, immer schön das Handy anlassen, damit ihr die Botschaften von Ming dem Gnadenlosen vom Planeten Mongo empfangen könnt!

Tolkien, John Ronald Reuel – Elbenstern, Der

In dem Dorf Großholzingen lebte einst ein Schmied, der – sei es durch Glück oder die Vorsehung – in den Besitz eines magischen Elbensterns gelangte.

Als Kind nahm er an einem ganz besonderen Fest teil, das nur alle paar Jahre stattfindet. Der Meisterkoch des kleinen Örtchens liefert zu dieser Gelegenheit stets sein Meisterwerk ab: Eine Torte, die ihn in den kulinarischen Annalen von Großholzingen unsterblich machen soll. In jenem besonderen Jahr, zu dem das Fest wieder einmal stattfand, war jedoch gerade ein besonders schlechter und fauler Mann Meisterkoch und nur mit Hilfe seines Lehrlings gelang es ihm überhaupt, eine Torte zu diesem Anlass zu präsentieren.
Da es üblich war, allerlei Tand, wie wertlose Münzen u. ä. in dem Backwerk zu verstecken, tat er auch den merkwürdigen Stern hinein, den er in der Gewürzkiste seines unter seltsamen Umständen hinfortgegangenen Vorgängers fand. So kam der Sohn des Schmiedes in den Besitz des Elbensterns, denn er verschluckte ihn versehentlich und war von nun an für alle, die es zu sehen vermochten, ein Besucher beider Welten: Der Stern der Elben leuchtete von Stund an auf seiner Stirn.

So begleitet der Zuhörer den Schmied durch ein ereignisreiches Leben. In dieser Welt ist er ein angesehenes Mitglied seiner dörflichen Gemeinschaft und ein Schmied ohnegleichen. Was er in seiner Schmiede aus Metallen macht, grenzt an Zauberei und erfreut das Auge ebenso, wie es sich im Alltag als nützlich erweist. Als Mann von Ehre und Gewissen nutzte er sein herausragendes Talent niemals, um eine Waffe herzustellen; obgleich ihm klar war, dass ein Schwert oder ein Speer aus seiner Schmiede den Stoff für Legenden geboten hätte, war ihm das Leben doch zu heilig, um seine Kunst einem so fürchterlichem und destruktiven Zweck zu unterstellen.

Im Land der Elben, das er dank seines wundersamen Sterns ebenfalls bereisen kann, ist er ein Wanderer, der die Wunder zu schätzen weiß und den sein Herz voller Liebe immer wieder in das geheimnisvolle Reich jener Wesen zieht – auch wenn er weiß, dass er dort nur Gast sein kann.

Was es jedoch mit dem geheimnisvollen Stern auf sich hat, wieso gerade er ihn bekommen hat und all die anderen Fragen, die sich im Laufe der Geschichte herauskristallisieren, das wird der freundliche Schmied erst am Ende eines langen und glücklichen Lebens erfahren.

Mit dem Namen Tolkien kann man dieser Tage eine Menge Geld machen, und da wäre es doch dumm, sich auf den „Herrn der Ringe“ zu beschränken. Schon munkelt man von einer Verfilmung des „Kleinen Hobbits“, Tand und Schrott aller Art – Hauptsache, es hat irgendetwas mit dem Kultautoren zu tun – erscheinen massenhaft und da bringt der Hörverlag also den „Elbenstern“ als Hörbuch heraus. Man mag sich seinen Teil dazu denken, doch kann man den Hype offensichtlich auch zu positiven Zwecken nutzen.
„Der Elbenstern“ ist ein wundervolles und poetisches Märchen – nicht mehr und nicht weniger. Wer also Fantasy erwartet, ist hier sicher falsch. Kein orkmordender Legolas und auch kein weiser Elrond, Tolkien präsentiert die Elben hier ganz in der Tradition der englischen Märchen und Sagen und schafft natürlich dennoch eine Synthese aus den überlieferten Volksmärchen und seiner eigenen Welt.
Tatsächlich ist es nicht uninteressant, festzustellen, wo Tolkien ihm wichtige Gedanken aus dem „Herrn der Ringe“ auch im „Elbenstern“ aufgreift, etwa seine berühmte Liebe zu den Bäumen oder auch das Sujet vom „kleinen Mann“, der es zu etwas ganz Besonderem bringt, ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen.

Dass es sich beim „Elbenstern“ um ein Märchen handelt, bedeutet allerdings auch, dass sich die Geschichte in erster Linie an Kinder richtet. Ich höre jetzt natürlich schon den Aufschrei und lese vor meinen inneren Augen bereits die Anmerkungen sämtlicher Fans zu dieser Rezension, in denen sie versichern, dass sie den „Elbenstern“ auch als Erwachsene genießen und ihn allen wärmstens weiterempfehlen – meinetwegen. Fakt ist aber, dass sich die Figuren in typischer, märchenhafter Eindimensionalität bewegen, die Geschichte eigentlich keinen Höhepunkt hat, sondern stattdessen auf ihre moralische Botschaft hinsteuert und das alles in einem sehr gemächlichen Tempo.

Perfekt besetzt ist Joachim Höppner in der Rolle des Erzählers – dem Kinogänger dürfte er noch als Gandalf im Ohr sein. Seine ruhige und einfühlsame Art und Weise passt perfekt zum Stil der Kurzgeschichte, doch auch hier bedeutet dies zweierlei: Zwar ist Höppner ebenso poetisch und warmherzig wie der „Elbenstern“ selbst, doch klingt er auch ein bisschen zu sehr nach „Märchenonkel“, was sich insbesondere in den sehr pointiert vorgetragenen Dialogen zeigt.

Am Ende muss jeder selbst wissen, was er vom „Elbenstern“ hält. Im Gegensatz zum „Herrn der Ringe“ wird man vielleicht nicht automatisch verzaubert, sondern muss die Bereitschaft mitbringen, sich auf das Märchen einzulassen.
Kinder sind mit Sicherheit sehr gut bedient, Erwachsenen dürfte die recht simpel gestrickte Geschichte mit ihrem gemächlichen Tempo vielleicht doch ein wenig zu einfach geraten sein.
Die durch die Erzählung herausgestellte Moral, die immerhin nicht ganz so aufdringlich wie in klassischen Märchen daherkommt, ist aber in jedem Fall mehrheitsfähig: Ein Plädoyer für die Macht der Phantasie – wer könnte da schon nein sagen?

_Marcel Dykiert_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Robert D. Ballard – Rückkehr nach Midway

Schiffswracks interessieren mich nicht nur vom historischen / archäologischen Kontext her, sie umgibt als düstere Zeugen von Katastrophen und Tragödien etwas gespenstisch Düsteres & Geheimnisvolles, das mich seit jeher in seinen Bann schlug. Angefangen hat diese Manie, als ich zum ersten Mal vom Unglück der Titanic in meinen Kindertagen hörte, seither stapelt sich Buch um Buch in meinem erklecklichem Fundus. War meine Sammelwut zuerst nur auf dieses wohl berühmteste Schiffswrack der Geschichte fokussiert, habe ich mittlerweile ein zweites Steckenpferd entdeckt – meine Vorliebe für Seeschlachten – und dadurch eine ganze Menge anderer Titel meiner kleinen Bibliothek einverleibt.

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Raphael, Frederic – Eyes Wide Open. Eine Nahaufnahme von Stanley Kubrick

Als Stanley Kubrick den Entschluss fasste, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ zu verfilmen, brauchte er einen kundigen Autor, der das Drehbuch verfasste. Er suchte lange und sorgfältig. Seine zögerliche Wahl fiel auf Frederic Raphael. Dies sind die Protokolle und Erlebnisse des Autors mit einem Genie des Filmemachens.

|Der Autor|

Frederic Raphael lebt als Autor, Feuilletonist und Dramaturg in Frankreich und Großbritannien. Sein Drehbuch für „Darling“, das 1965 mit Julie Christie verfilmt wurde, wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. In den beiden Jahren 1995 und 1996, als er für und mit Kubrick an dem Drehbuch für „Eyes Wide Shut“ (1999) schrieb, beschreibt er sich selbst als „um die sechzig Jahre alt“ – er wurde 1931 in Chicago geboren. Er gehört der |Royal Society for Literature| an. Seine Fernsehserie „After the War“ wurde weltweit ausgestrahlt.

Ich setze Stanley Kubrick als bekannt voraus. Wer Infos braucht, lese meine Artikel zu
[„2001: Odyssee im Weltraum“]http://www.powermetal.de/video/review-294.html
[„Eyes Wide Shut“]http://www.powermetal.de/video/review-297.html
[„Full Metal Jacket“.]http://www.powermetal.de/video/review-296.html

_Inhalte_

Stanley Kubrick starb bekanntlich am 7. März 1999. Die Erleichterung über die wohlwollende, um nicht zu sagen: enthusiastische Aufnahme seines neuesten, letzten Films „Eyes Wide Shut“ bei den Studiobossen und den ersten Kritikern hatte ihm eine derartige Last von der Seele gewälzt, dass offenbar eine körperliche Reaktion einsetzte. Sein Film hatte noch nicht das Stadium des allerletzten Schnitts erreicht, und so kam in die Kinos eine Fassung, die unfertig war. Sie ist die Fassung letzter Hand, wie man in der Literatur sagt.

Nichtsdestotrotz stellt sie das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit am Drehbuch und noch einmal zweieinhalb Jahren bei Dreharbeiten und Schnitt dar. Frederic Raphaels Buch beschreibt lediglich die Arbeit am Drehbuch und stoppt vor den Dreharbeiten, die im November 1996 begannen.

Schon lange hatte Kubrick nach Raphaels Worten den Plan, einen Kunstporno zu drehen. Den entsprechenden Versuch seines Drehbuchautors an „Dr. Seltsam“, Terry Southern, mit „Candy“ fand er erbärmlich misslungen. Er selbst nutzte die liberale Kunstzensur der USA, die nach einem Urteil seit 1966/67 bestand, ebenfalls aus, und zwar mit „Uhrwerk Orange“. Darin waren schon eine Menge leicht bekleidete Damen zu sehen, ja sogar eine Massenvergewaltigung. Der Skandal nach dem Film war so enorm, dass die Kubricks Morddrohungen erhielten und ans Auswandern dachten. Fortan verschanzte sich der Maestro in seinem Landhaus und gestaltete seine Kontakte zur Umwelt sehr umsichtig und mit größter Vorsicht.

Aber Kubrick wollte noch weiter gehen als in „Orange“ und eine richtige Orgie zeigen. In Schnitzlers „Traumnovelle“ fand er eine, die ihm zusagte. Sie fand natürlich nicht bei den ollen Römern statt, sondern im dekadenten Wien um die Jahrhundertwende von 1900. Und durch die Qualität eines Traums ließ sich das Gezeigte a) leicht als Produktion der Einbildung entschuldigen und b) ohne Schwierigkeiten stilisieren und zu etwas anderem überhöhen. Zu Kunst eben.

Allerdings brauchte er einen Schreiberling, der ihm Schnitzlers Prosa in kompetente Szenen eines dramaturgischen Mediums transformierte. Deshalb bekam Raphael über seine Literaturagentur William Morris im Frühjahr und Sommer 1994 rätselhafte Anfragen, ob er eventuell verfügbar sein. Noch war nicht ganz klar, von wem sie ursprünglich stammten, denn natürlich hatte auch Kubrick seine Agentenscharen.

Als Raphael und seiner Frau endlich klar wird, wer dahintersteckt, erinnern sie sich an einen Filmemacher, den sie 1972 auf einer von Stanley (noch ein Stanley) Donens Partys kennengelernt hatten. Raphael bewunderte „Wege zum Ruhm“ und bis zu einem gewissen Grad auch „Spartacus“, den Kubrick für Kirk Douglas drehte, seinen Hauptdarsteller aus „Wege zum Ruhm“. Raphael hingegen hatte immerhin einen Oscar errungen, für sein Drehbuch zu „Darling“ (1967), und er hatte ein witziges Skript für Donens „Two for the Road“ mit Audrey Hepburn und Albert Finney geliefert (der kaum je im Free-TV gezeigt wird).

Und nun sollte Raphael für das Filmgenie einen Kunstporno schreiben? Nun ja, sagt sich Raphael, es kommt drauf an, wie es gemacht wird. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer.

_Mein Eindruck_

Raphael hat seine detaillierten Schilderungen der Arbeit mit den Protokollen seiner Dialoge mit Kubrick aufgelockert. Da ruft meist der Regisseur an: „Freddie, stör ich gerade?“ Und Raphael verneint natürlich stets. Schließlich ist Kubrick der Auftraggeber. Doch obwohl dieser nach den ersten 40 Seiten entzückt über das Gelieferte ist, scheint der weitere Verlauf in eine andere Richtung zu gehen. Zunächst ist Raphael froh, ein absolut traditionelles Skript geliefert zu haben, das hohen Ansprüchen genügt. Nach einer Verschnaufpause meldet sich Kubrick wieder, um etwas anderes zu verlangen. „Schreiben Sie alles in Prosa und mit genauen Anweisungen.“ Also keine Dialoge.

|Vercingetorix vs. Caesar|

Das findet Raphael sehr merkwürdig. Und in der Tat kommt auch diese Version nicht gut an. Allmählich macht sich der Autor Sorgen über das, was zwischen ihm und Kubrick läuft. Was ist das für eine Art Verhältnis? Er zieht Parallelen und stößt – als Franzose – auf Gaius Julius Caesar und Vercingetorix, den letzten Feldherrn der Gallier. Dieser musste 52 v. Chr. bei Alesia kapitulieren, nachdem Caesar ihn wochenlang in seiner Bergfestung belagert und auch den Ersatz ausgesperrt hatte.

|Just like Sisyphos|

Immer weitere Änderungswünsche von Seiten Kubricks treiben Raphael, der ein kluger, intelligenter Mann ist, keineswegs in den Wahnsinn. Schließlich gibt es noch anderes und Wichtigeres auf der Welt, als für einen englischen Regisseur zu arbeiten. Doch nachdem das erste Jahr verstrichen ist, denkt Raphael das erste Mal an Sisyphos. Der griechischen Sage nach straften die Götter den überheblichen König, indem sie ihn einen Felsen einen Berg hochwälzen ließen. Sobald er fast den Gipfel erreicht hatte, ließen sie den Felsen wieder hinabrollen. Doch Sisyphos‘ Strafe dauerte ewig, und so musste er den Felsen wieder und wieder hochwälzen.

Allmählich kam sich Raphael wie ein moderner Sisyphos vor. „All diese Monate der Arbeit für Stanley wirkten wie Einzelhaft ohne den Trost des Alleinseins.“ (228) Er änderte hier, er änderte dort. Doch was bezweckte Kubrick mit diesen Änderungen? Warum konnte es ihm Raphael nie recht machen? Nach einer ganzen Weile kommt er zu einer Erkenntnis, dass es für ein Genie wie Kubrick ganz einfach notwendig ist, nichts zu akzeptieren, das man ihm fix und fertig vorsetzt. Er muss einfach alle Möglichkeiten austesten und Untaugliches eliminieren, bis er einen gangbaren Weg gefunden hat. Niemals darf sich ein Autor anmaßen, ihm vorzuschreiben, was er zu drehen habe.

|Der Prozess|

So kommt ein Prozess wie in einer Werkstatt in Gang. Vorsichtig besucht Raphael den Meister, seinen Meister und diskutiert, aber nicht rechthaberisch, sondern konziliant. Die meiste Zeit telefonieren sie, dargestellt in Dialogform. Das sieht mitunter recht komisch aus, mit einer Menge ironischer Untertöne. Sie erörtern die Situation eines jüdischen Menschen um 1900 und heute. Gibt es Unterschiede? Und wenn ja, welche? Welche Filme sind misslungen, welche gut? Heikle Fragen, doch Raphael spricht mit Kubrick auf der gleichen Augenhöhe. Er ist ein enorm gebildeter und auf der Höhe der Zeit befindlicher „homme des lettres“.

Während diese Dialoge kurzweilig zu lesen sind, sind es die – zum Glück wenigen – langen Passagen leider nicht, in denen sich der Autor Überlegungen darüber hingibt, in welcher psychologischen Lage sich er (Sisyphos, Vercingetorix) und Kubrick (Caesar, das Genie, die Diva, der Mann im Käfig) befinden. Danach sollte sich der Leser eine Ruhepause gönnen. Verschnaufen lässt sich auch bei Schilderungen der geschäftlichen Abläufe – ist der Scheck eingetroffen? – und der gesellschaftlichen Ablenkungen wie etwa Urlaub, Partys und Feiertage.

|Ein begnadeter Schweinehund|

Am interessantesten sind vielleicht Kommentare über Kubricks Filme: welche zum Beispiel als misslungen zu betrachten sind, wie Raphael meint. Dazu zählt er eindeutig „Lolita“ und wohl auch „Full Metal Jacket“. Zahlreiche Informationen über Schauspieler wie James Mason oder Kirk Douglas bleiben im Gedächtnis. Douglas, der Produzent von „Spartacus“, sagt auf der Rückseite des Buches: „Stanley Kubrick ist ein begnadeter Schweinehund.“ Voilà, ein Filmfan oder Cineast kann hier einige Funde machen. Über Cruise & Kidman wird man allerdings kaum ein Wort finden. Um die Dreharbeiten kümmerte sich der Autor nicht. Über diesen Aspekt gibt es andere Bücher.

_Unterm Strich_

„Eyes Wide Open“ ist keine populärwissenschaftliche Behandlung des Themas „Wie aus Schnitzlers ‚Traumnovelle‘ ein Kubrick-Film namens ‚Eyes Wide Shut‘ wurde“, auch kein rezensierendes Resümee von Kubricks Werk. Es handelt sich vielmehr um eine intellektuell anspruchsvolle Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Regisseur und dessen allerletztem Film. Cruise: „There will never be another Kubrick movie, ever.“

Die Sicht auf diesen zweijährigen Prozess ist durchweg subjektiv, sie kann auch nichts anderes sein. Dadurch aber erringt der Prozess eine menschlich anrührende Dimension: ein Zweikampf und Dialog, eine Auseinandersetzung und ein Austausch.

Der Leser wird Zeuge eines Dramas und eines Einfühlungsvorgangs, einer Analyse. Ob der Autor diesen Regisseur in seiner Gänze erfasst hat, darf bezweifelt werden, aber ich habe bislang keine tiefer schürfenden Analysen der Psyche des Genies Kubrick, des Menschen Stanley, gefunden. Insofern ist das Buch für mich eine Bereicherung gewesen. Aber ich möchte die Mühe nicht noch einmal aufbringen müssen, es zu lesen. Jedenfalls nicht so bald.

|Originaltitel: Speaking with Kubrick, 1999
Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Sabinski.|

Stephen King – Der Turm (Der Dunkle Turm 7)

„Der dunkle Turm“ wird von Stephen King selbst als sein Lebenswerk bezeichnet. Der erfolgreiche Autor erklärte den Ende 2004 erschienenen siebten Band „Der Turm“ zu seinem letzten großen Roman und Abschluss seines vor 22 Jahren begonnenen Turmzyklus, der als Metafiktion viele Bezüge zu anderen Werken Kings, zum Leben des Autors sowie der realen Welt herstellt.

Bereits vor dem Erscheinen des ersten Bandes, „Schwarz“ (1982), spukten die Gedanken zu der Gestalt des Roland von Gilead und die Grundlage zu seinem späteren Turmzyklus in Kings Kopf. Das 1855 von Roland Browning geschriebene Gedicht „Childe Roland to the Dark Tower came“ – man findet es auf Kings Dark-Tower-Homepage ]http://www.stephenking.com/DarkTower/ – setzte dabei einen kreativen Prozess in Gang, der sich nach und nach verselbstständigte, King wob immer mehr Bezüge zu seinen Romanen und der realen Welt in die Geschichte um den dunklen Turm ein.

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Harrison, Harry / Holm, John – König und Imperator (Hammer und Kreuz 3)

Wie sähe die Zivilisation heute ohne Christentum aus? Nun, jedenfalls wesentlich menschenfreundlicher und fortschrittlicher, meinen die zwei Autoren der „Hammer & Kreuz“-Trilogie. Sie haben diese Annahme einmal in einem alternativen Geschichtsverlauf nachgezeichnet. Das Ergebnis ist durchaus bedenkenswert, auch für Leser ohne Hang zu nordischen Religionen. Aber auch Leser, die unterhalten werden wollen, kommen hier voll auf ihre Kosten.

_Vorgeschichte_

Im Jahr 865 suchen die Wikinger mit grausamen Raubzügen den Norden Englands heim. Shef, ein junger Schmied nordischer Abstammung mit erstaunlicher Auffassungsgabe für technische Zusammenhänge, bringt den Wikingerbanden blutige Niederlagen bei und baut eine Streitmacht auf – unter einer Fahne, die sowohl den Hammer Thors als auch das Kreuz als Zeichen führt. Er selbst wählt als sein „Totem“ die Pfahlleiter, denn sie ist das Symbol für seinen göttlichen Vater Rigr, einen der nordischen Asen.

Shef schlägt sogar eine Streitmacht der Franken, die die katholische Kirche gegen ihn ausgesandt hat. Im 2. Band der Trilogie, [„Der Pfad des Königs“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=791 erobert Shef aufgrund seiner brillanten Ideen Skandinavien und besiegt seine wichtigsten Kontrahenten, die Söhne Ragnar Lodbroks, der England plünderte. Fortan regiert er als der Eine König des Nordens, während sein Mitkönig Alfred von Wessex halb England beherrscht. Doch Shef hat sich in Deutschland einen mächtigen Feind geschaffen: Bruno, den Lanzenritter. Dieser wird unterstützt von Diakon Erkenbert, der bei der Eroberung von York durch die Wikinger entkommen war. Dieses Duo taucht nun, im 3. Band, wieder auf: Bruno ist Kaiser der Deutschen und Franken.

_Handlung_

Im Süden Europas haben die Nachfolger des West- und des Oströmischen Reiches, Kaiser Bruno und der Patriarch von Byzanz, ein Militärbündnis geschlossen, um die vorgedrungenen Piraten der Mohammedaner zurückzuschlagen. Denn wer die Inseln beherrscht und deren Brunnen, der beherrscht das Mittlemeer. Mit Hilfe des geheimnisvollen „Griechischen Feuers“, dem aus Erdöl gewonnenen Naphtha, verbrennen die Griechen die arabische Flotte. Nun ist der Weg nach Südfrankreich und Spanien frei. Doch dort herrschen die Araber unter dem Kalifen von Cordoba.

Der immer auf „Neues Wissen“ erpichte Shef erhält die Nachricht, dass die Griechen eine neue Waffe einsetzen. Außerdem macht er sich Sorgen um seine strategische Lage: Sobald Spanien wieder christlich ist, geht es England und dem Norden an den Kragen, also seinem Reich. Mit seiner Flotte von Schlacht- und Langschiffen besucht er erst einmal Cordoba. Dort interessieren ihn die Kunst des Fluges und Teleskope. Außerdem freut es ihn, dass hier anscheinend Moslems, Christen und Juden einträchtig zusammenleben. Allerdings müssen letztere Steuern zahlen, die Moslems aber nicht.

Nächste Stopps sind Mallorca und Septimanien, das in der Gegend von Montpellier liegen dürfte, an einen steilen Berghang geschmiegt: Auch hier leben Juden und Christen zusammen, allerdings gibt es hier auch christliche Ketzer, die später als Katharer bekannt und von der Inquisition blutig verfolgt wurden. Die Ketzer erkennen in Shefs Emblem die Pfahlleiter, die für sie eine heilige Reliquie darstellt: den Gral beziehungsweise graduale. Diesen Gral sucht Bruno verzweifelt aus den Ketzerburgen zu bergen, um seine Macht zu mehren.

Natürlich wissen sich die Ketzer umgehend die Unterstützung Shefs zu sichern, indem sie seine Geliebte, Svandis, entführen. Svandis ist zwar Atheistin, aber das macht nichts: Shef muss sie wiederhaben. Es kommt, wie es kommen muss: Wieder einmal stehen sich Shef und sein Erzrivale Bruno gegenüber – zwar nicht Aug in Aug, aber doch mit drastischen Resultaten: Shef lässt Feuer vom Himmel regnen und schickt Knaben in Flugdrachen zur Aufklärung in die Luft, der Gral wird in Sicherheit gebracht und etliche Katapulte kommen zum Einsatz. Viel Action allhier: eine Schlacht der sechs Religionen: katholische Kirche, griechisch-orthodoxe Kirche, Nordischer Weg (= Shef), Juden, Islam und Ketzer.

Nachdem Shef in hartem, knappem Kampf Bruno geschlagen hat, erhält dieser die willkommene Gelegenheit, den Kalifen von Cordoba, der den Ungläubigen mitsamt Heer entgegen gezogen ist, vernichtend zu schlagen. Durch Verrat fällt ihm auch noch der Gral in die Hände. Frohgemut zieht Kaiser Bruno gen Rom, um den dortigen Papst durch Diakon Erkenbert, seinen treusten und intelligentesten Berater, zu ersetzen. Dass die Italiener etwas dagegen haben, dürfte klar sein – und der amtierende Papst sowieso.

Und wenn sich Shef nicht beeilt, kommt er zu spät, um sein eigenes Reich gegen diesen fanatisch christlichen Kaiser zu verteidigen. Es kommt schon bald zum Showdown vor den antiken Mauern der Ewigen Stadt …

_Mein Eindruck_

Im Vergleich zu den Landschaften und Ideengebäuden, auf die Shef und seine Mannen (und Frau) in diesem Band treffen, muten die vorherigen geradezu vorsintflutlich und finster an. In den warmen südlichen Gefilden des Mittelmeers tauchen nun Geisteshaltungen und Begriffe auf, die uns schon recht neuzeitlich vorkommen.

|Erfindungen 1: Algebra|

Bei den Arabern von Cordoba erfährt Shef erstmals vom Konzept der Zahl Null, die die Araber „sifr“ nennen, wovon unser Wort „Ziffer“ stammt. Damit eng verbunden ist das Konzept der Algebra (al-gabr), das es Shef erstmals erlaubt, besser zu rechnen, als es die Römer konnten. Da Diakon Erkenbert nur römisch rechnen kann, um seine Katapultschüsse richtig einzustellen, hat Shef nun einen schweren militärischen Vorteil: Ihm fallen Teilen, Malnehmen, Abziehen und Addieren sehr viel leichter, insbesondere auch noch auf einem Rechenbrett, dem Abakus. Mit nur zwei Schüssen zerstört er das gegnerische Katapult: zack, peng!

|Erfindungen 2: Fliegen|

Das ist nicht alles: Von den Arabern lernt Shef das Fliegen. Dass dies nicht ganz ungefährlich ist, sieht er schon an seinem arabischen Lehrmeister Ibn-Firnas: Der hat sich schwer am Bein verletzt. Doch bei eigenen Versuchen mit dem Drachenfliegen greift Shef zunächst auf Knaben zurück, dann traut er sich selbst – mit viermal größerer Segelfläche.

|Erfindungen 3: Sprengstoff, Luftwaffe|

Von den Griechen klaut Shef das Geheimnis des Griechischen Feuers. Dies zusammen mit dem Drachenflug erlaubt ihm die Entwicklung einer Art Luftwaffe – die von den Christen natürlich sofort für Engel mit Flammenspeeren gehalten wird. Dass man solches Feuer auch werfen kann, demonstrieren seine Loki-Jünger vor Rom.

|Erfindungen 4: Buchdruck|

Die weitaus folgenreichste Erfindung Shefs dürften allerdings der Buchdruck mit beweglichen Lettern und die damit gedruckte Progaganda sein. Denn was nützen militärische Siege, wenn der Gegner weiterhin borniert und in alten Denkmustern verhaftet bleibt? Die drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum sind allesamt Religionen des Buches: Neue Gedanken dürfen nicht gegen die niedergeschriebenen Glaubenssätze, das Dogma, verstoßen. Daher, so Shef, würden Araber nie richtig fliegen lernen: Es ist nicht Teil des Dogmas (dessen, was – von Wenigen, die dazu befugt sind – gelehrt wird).

Nachdem er den Ketzern der Pyrenäen eines ihrer heiligen Bücher abgeluchst hat, verbreitet Shef das alternative Evangelium, demzufolge Jesus von Nazareth gar nicht in den Himmel auffuhr, sondern putzmunter im Untergrund weiterlebte und fröhlich Kinder zeugte. Der heilige Joseph von Arimathaia holte den überhaupt nicht toten Religionslehrer mit einer Leiter (= Graduale oder Gral) vom Kreuz und verbarg ihn. Joseph wird im verbotenen Evangelium des Nikodemus erwähnt und ist im südenglischen Glastonbury kein Unbekannter …

|Erfindungen 5: Sexualaufklärung|

Wesentlich lustiger als solche Ketzerei ist jedoch die Verbreitung der Tricks und Tipps, die Svandis von den arabischen Frauen gelernt hat: Damit kann ein christlicher Mann, etwa ein Bischof, einer Frau, etwa einer Mätresse, beiwohnen, ohne mit ihr ein Kind zu zeugen, das er dann wieder teuer unterhalten müsste (es kostet Mitgift oder Lehrgeld). Die Autoren führen mehrere amüsante Beispiele für die Folgen der Lektüre solcher Bettratgeber an. Selber schuld, wer sich beim Lesen erwischen lässt – das Büchlein wird konfisziert und der Leser schier exkommuniziert oder nach Sibirien verbannt. Es gibt eben nichts Gefährlicheres, als über Sex Bescheid zu wissen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass es stets eine gewisse Menge Text erfordert, um solche bahnbrechenden Erfindungen zu erklären und ihre Übernahme und Umsetzung zu schildern. Leider schaffen es die beiden Autoren nicht immer, die Geduld des Lesers nicht überzustrapazieren. Das war besonders an ein oder zwei Stellen in der Mitte der Fall. Das belegt aber einmal mehr, dass diese Trilogie nicht nur aus Abenteuerromanen besteht, sondern in erster Linie eine Art alternative Ideengeschichte ist: Was wäre, wenn …

|Die zweite Ebene: Lokis Ausbruch|

Wie gesagt, ist Shef der Sohn des Gottes Rigr. Immer wenn Shef ein gewisses Quantum von „Mutterkorn“, dem giftigen Belag von Roggenkörnern, genossen hat, bekommt er Visionen, zumindest lebhafte Träume. Er sieht dann das Geschehen in der Anders- oder Götterwelt, unter anderem kommuniziert er mit seinem Vater – der ganz bestimmt nicht sein Freund ist. Andersherum ist er dann dort selbst präsent (auch wenn Svandis dies vehement abstreitet).

So bekommt er mit, dass Loki zunächst von seinen göttlichen Brüdern wegen „Verrats“ in einer unterirdischen Höhle gefesselt und dem ätzenden Gift einer Schlange ausgesetzt worden ist. Eines Tages jedoch ist Loki frei (Shef weiß nicht, dass Rigr dafür verantwortlich ist) und auf Rache aus. Loki, der listenreiche Gott des Feuers, bietet Shef seine Hilfe an, wenn er ihm dient. In der Folge gelingt Shef die Nutzbarmachung des Griechischen Feuers und des Sprengstoffs.

Doch Shef hat eine Abneigung, Loki bei seiner Rache zu helfen. Schließlich lebt der Lichtgott Balder, für dessen Tod Loki verantwortlich gemacht wurde, ja noch, wenn auch hinter den Mauern von Hel. Und so schafft Shef schließlich auch in der Anderswelt, was ihm im Diesseits gelingt: Versöhnung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Standpunkten. Es kommt eben darauf an, beiden Seiten etwas zu geben, was sie zufrieden stellt. (Wenn es nur immer so einfach wäre!)

_Für wen eignet sich dieses Buch?_

Freunde der |Recluce|-Fantasyromane von L. E. Modesitt könnten sich an manche Szenen erinnert fühlen: In einer archaisch-frühmittelalterlichen Welt tauchen Maschinen auf und schließlich sogar Raumschiffe („Sturz der Engel“).

Allerdings schildern Harrison und Holm die Entstehung solcher Erfindungen aus einem komplexen und durchdachten Umfeld heraus: Shef hat eine Philosophie des Suchens nach „Neuem Wissen“, die Teil der Religion des „Weges“ ist. Insofern wirken diese Anachronismen nicht aufgesetzt oder von Außenstehenden eingeführt (wie abgestürzte Raumschiffe), sondern von innen her erzeugt oder zumindest aufgenommen und weiterentwickelt. (Die Araber haben keinen Buchdruck entwickelt, lediglich die Grundlage.) Hieran dürfen sich Freunde der Kultur- und Ideengeschichte erfreuen.

Kritiker der Religionen des Buches (s. o.) und ihrer dogmatischen Lehren kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Sie werden hier reichlich Munition finden.

Dass die wichtigsten Erfindungen dem militärischen Vorteil dienen, ist natürlich für Pazifisten nicht so schön. Andererseits wären die Träger der neuen Ideen ohne diese Vorteile schlicht und ergreifend vernichtet worden: Es war bekanntlich im Mittelalter weitverbreitete Sitte, Andersdenkende, „Ketzer“ genannt, aufzuknüpfen. Auch Judenprogrome waren in Mitteleuropa an der Tagesordnung.

Glücklicherweise kommt der Humor nicht zu kurz. Der richtet sich gegen zwei Mitglieder von Shefs Expeditionstrupp. Brand ist ein hochaufgeschossener Norweger, dessen Abstammung offenbar nicht ganz menschlich ist, jedenfalls was den homo sapiens angeht. – Und Svandis, die aufbrausende Atheistin an Shefs Seite – und in seinem Bett – weiß ab und zu durch ihre unorthodoxen Ansichten zu verblüffen: Sie nimmt Thesen der Psychoanalyse vorweg. Dadurch steht sie manchmal in den Augen ihrer männlichen Expeditionskollegen recht merkwürdig da. Denen ist es lieber, Visionen und seltsame Zufälle durch den Willen der Götter zu erklären.

|Originaltitel: King and Emperor, 1996
Übertragung aus dem US-Englischen & Glossar: Frank Borsch
Webseite des Autors: http://www.harryharrison.com|

Hans Hellmut Kirst – Die Nacht der Generale

Kirst Nacht der Generale Cover 1994 kleinDarum geht’s:

Ein hochrangiger Offizier lebt im II. Weltkrieg seinen Drang als Serienkiller aus; dem für das Nazi-Regime peinlichen Treiben soll ein Ermittler unauffällig ein Ende bereiten, doch der Mörder ist geschickt, nutzt seine Privilegien und setzt seine grausigen Taten fort … – Dieser (deutsche!) Quasi-Vorläufer der seit Hannibal Lecter bestsellerabonnierten Killer-Thriller bedient sich bereits der bekannten Spannungselemente und hat seinen Unterhaltungswert nicht eingebüßt: lesenswert! Hans Hellmut Kirst – Die Nacht der Generale weiterlesen

Elrod, P. N. – rote Tod, Der (Jonathan Barrett 1)

P. N. Elrod gehört zu jener Spezies vielschreibender Autoren, mit deren Büchern man problemlos ganze Regale füllen könnte. Zwar veröffentlichte sie ihr erstes Buch erst 1990, doch mittlerweile kann man unglaubliche 20 Romane von ihr kaufen – ganz zu schweigen von den Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien veröffentlicht wurden. Dabei hat sie sich auf das Vampirgenre spezialisiert, in das sie mit erfrischender Leichtigkeit neuen Wind zu bringen vermag. Ihre umfangreichste Serie, „The Vampire Files“ (erscheint ebenfalls beim |Festa|-Verlag), begleitet den [Vampirdetektiv Jack Fleming]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=432 und verbindet damit den klassischen Vampir-Roman mit dem Detektiv-Genre. Die Romane um Jonathan Barrett – „Der rote Tod“ ist der erste Band von bisher zwei auf deutsch erschienenen aus der Reihe – stellen einen neuen Protagonisten vor, später in der Serie wird es aber Überschneidungen zwischen beiden Reihen geben.

Jonathan Barrett ist 17 und hat bisher ziemlich unbescholten mit seinem Vater und seiner Schwester (die drei verbindet eine geradezu übelkeitserregende familiäre Idylle) auf dem Anwesen der Familie in Long Island gelebt. Seine hysterische und absolut unausstehliche Mutter war in seiner frühen Jugend nach Philadelphia abgeschwirrt, kehrt nun jedoch heim, da die Stadt während des Unabhängigkeitskriegs (die Handlung setzt 1773 ein) ein zu heißes Pflaster ist. Jonathans friedliches Dasein wird also jäh gestört, als diese Furie ins Leben der kleinen Familie tritt und die bisherige Routine durcheinander würfelt. Als sie Jonathan nach Cambridge auf die Universität schicken will, kommt es zum Eklat. Jonathan will nicht ins ferne England, um zu studieren, doch muss er herausfinden, dass das Geld der Familie vom Erbe seiner Mutter herrüht, die damit auch seine Ausbildung finanziert. So hat er keine Chance sie umzustimmen und findet sich bald darauf auf einem Schiff nach London wieder.

Sein anfänglicher Unwillen gegenüber Cambridge löst sich in Luft auf, als er sich, in England angekommen, sofort mit seinem Cousin Oliver und dessen Kumpel Tony anfreundet. Bei seiner ersten Nacht in London beschließt er, seinen lang gehegten Plan – nämlich seine Unschuld zu verlieren – endlich in die Tat umzusetzen. Und tatsächlich gelingt ihm das auf Anhieb. Tony will Jonathan und Oliver seine neue Flamme vorstellen, doch diese weist dessen Antrag prompt ab und wählt stattdessen Jonathan. Dieser ist von der schönen und weltgewandten Nora Jones vollkommen hingerissen. Zwar überrascht es ihn, dass sie ihn einfach mit nach Hause nimmt, um mit ihm zu schlafen (Skandal!), doch verbannt er diese Gedanken schnell, als er erst mit ihr im Bett liegt.

Nora hat offensichtlich einen Narren an Jonathan gefressen und folgt ihm nach Cambridge nach. Dort führen sie ihre Affäre fort, allerdings muss Jonathan frustriert feststellen, dass sie noch zahlreiche andere Bettgeschichten unterhält. So kann sie jedem der jungen Männer beim Akt kleine Mengen Blut abnehmen, um selbst zu überleben. Der Leser ahnt es längst: Nora ist ein Vampir. Jonathan dagegen tappt völlig im Dunkeln und errät ihre Identität auch nicht, als er sie tagsüber ohne Puls vorfindet oder sie ihm während des Liebesspiels ihr eigenes Blut zu trinken gibt.

Doch wer vermutet, Jonathan stehe nun sofort als Vampir wieder auf und mache mit seiner Flamme Nora die britischen Inseln unsicher, der irrt. Die Blutspielchen der beiden bleiben zunächst, zur Verwunderung des Lesers, vollkommen ohne Konsequenzen und es müssen noch einige Seiten im Roman vergehen, bis Jonathan eine Ahnung davon erhält, welch außergewöhnliches Geschenk Nora ihm eigentlich gemacht hat.

„Der rote Tod“ braucht keine zehn Seiten, um den Leser völlig zu begeistern. Ich-Erzähler Jonathan Barrett schlägt einen kurzweiligen und von ironischen Seitenhieben geprägten Ton an. Auch wenn die Exposition ungefähr ein Drittel des Romans einnimmt und die Vampirin Nora dadurch relativ spät ins Spiel kommt, kommt keine Langweile auf. Jonathan ist ein genauer Beobachter und selbst die Beschreibungen seiner Lebenssituation in Long Island – obwohl eigentlich unspektakulär – werden dadurch farbenprächtig und interessant.

P. N. Elrods Vampirwelt lebt von den Charakteren. Jonathan Barrett ist zwar jung und – vor allem in Liebesdingen – auch bis zu einem gewissen Grade naiv, doch er ist uneingeschränkt sympathisch, ohne als Charakter kitschig oder flach zu erscheinen. Jonathan ist durch und durch gut und Elrod schafft es trotzdem, ihn nicht zu einer Schablone verkommen zu lassen. Ähnlich steht es mit allen anderen Charakteren des Romans. Nora Jones ist die perfekte Vampirin: Schön, unwiderstehlich, verführerisch, geheimnisvoll und selbstbewusst. Und doch wird sie weder zum Archetyp des depressiven Vampirs noch zum seelenlosen Mörder. Stattdessen ist sie eine wahre Liebende, die jedoch mit einigen besonderen Bedürnissen zu kämpfen hat. Und genau das macht den Reiz aus; Elrod verurteilt weder die Existenz des Vampirs (das böse Höllenwesen), noch romantisiert sie ihn endlos (der untote Träumer), sondern verwurzelt ihre bluttrinkenden Charaktere fest in einer realen Umwelt, an der sie teilhaben anstatt sie zu verneinen. Und so ist es auch möglich, dass Jonathan als Vampir eine Familie hat – ein absolutes Novum in der Vampirliteratur, in der Blutsauger in der Regel Einzelgänger sind. Hier jedoch suchen Vampire die Nähe zu Menschen, ohne sie in jedem Fall als Futter wahrzunehmen. Mehr noch, das Motto des Romans scheint zu lauten: „Vampire sind auch nur Menschen“, und so gibt Jonathan Barrett als junger Student und später als untoter Protagonist eine hervorragende Identifikationsfigur ab.

„Der rote Tod“ ist ein unterhaltsames, spannendes und stellenweise auch komisches Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte. Jonathan Barrett wächst dem Leser so schnell ans Herz, dass man unbedingt an seinen Abenteuern teilhaben möchte. Und der Schluss des Buches lässt vermuten, dass die wahren Abenteuer erst jetzt beginnen, da Jonathan nun zu den Untoten gehört. Es empfiehlt sich also, fix im zweiten Band weiterzulesen!

Verlagsseite: http://www.festa-verlag.de
Webseite der Autorin: http://www.vampwriter.com

Simmons, Dan – Hard Freeze

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo, New York State, gar nicht so einfach. Er gerät nicht nur zwischen die Fronten zweier verfeindeter Mafiafamilien, sondern kommt auch einem psychopathischen Serienkiller in die Quere, der momentan auf der „richtigen“ Seite des Gesetzes arbeitet.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne).

Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wird. Simmons lebt in Colorado, wuchs aber in Buffalo, dem Schauplatz der Kurtz-Romane, auf.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder ein paar Fälle an. Leider sitzt ihm die Polizei genauso im Nacken wie die Mafia. Im eisigen Winter auf Buffalos Straßen entkommt er den Kontraktkillern um Haaresbreite.

Doch wer hat den Kontrakt für ihn ausgeschrieben? Ist es Angelina Farino Ferrara, die aus Italien zurückgekehrte Mafiaerbin des in Attica einsitzenden Bosses Stephen „Little Skag“ Farino, den Kurtz bestens in schlechter Erinnerung hat? Oder ist es ihr Gegenspieler, der schmierige Drogenschieber Emilio Gonzaga mit dem miserablen Geschmack und dem noch übleren Mundgeruch, mit dem sie sich zum Schein arrangieren muss?

Als sei dies noch nicht genug Kummer, bekommt Kurtz auch noch Besuch von einem relativ betuchten, aber todkranken Schwarzen namens John Wellington Frears, der nach Jahren endlich den immer noch frei herumlaufenden Mörder seiner Tochter Crystal finden will. Da hat sich Kurtz auf was eingelassen: Der berechnende Mädchenserienkiller, ein Meister der Verkleidung, hat nun eine Rechnung mit Kurtz offen und alle Trümpfe in der Hand: James B. Hansen arbeitet im Augenblick unter falscher Identität auf der Seite der Gesetzeshüter, hat eine respektable Familie und ein respektables Haus in einem vornehmen Viertel. Sein finsteres Geheimnis bewahrt er in einer Titanschachtel in einem Safe seines stets abgesperrten Arbeitszimmers auf. Zumindest so lange, bis Joe Kurtz es dort aufspürt.

So oder so wird es für Joe Kurtz ein heißer Winter in Buffalo, der kältesten Stadt im Bundestaat New York, gleich neben den Niagara-Fällen. Der Showdown findet folgerichtig während eines Schneesturms am totesten und kältesten Ort der Stadt statt: in den verfallenen dunklen Gewölben des alten verfallenen Hauptbahnhofs.

_Mein Eindruck_

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen.

Kurtz hat eine Tochter namens Rachel, die er wegen seiner 12-jährigen Haft nie kennen lernen durfte. Samantha, ihre Mutter, war Kurtz‘ Geliebte und berufliche Partnerin. Emilio Gonzaga hat sie auf dem Gewissen. Kurtz‘ Feldzug gegen Gonzaga entspringt also seinem Wunsch nach Vergeltung. Rachel hat inzwischen einen Pflegevater namens Donald Rafferty, doch der stellt sich als saufender und hurender Taugenichts heraus. Als er auch Rachel an die Wäsche will, läuft sie davon. Kurtz hat Abhörgeräte in Raffertys Haus angebracht, doch die neueste Entwicklung überrascht auch ihn. Plötzlich sind seine Qualitäten als Vater gefragt. Und wie sich zeigt, ist dies für Donnie Rafferty äußerst ungesund.

Auch gegenüber Frauen zeigt sich Kurtz souverän. Während er mit seiner Berufspartnerin Arlene DiMarco hervorragend auskommt, ohne zu persönlich zu werden, handhabt er die Mafiaerbin Angelina Farino Ferrara, wie es sich gebührt: eiskalt, vorsichtig und geschäftsmäßig. Für jeden muss etwas dabei herausspringen, wenn man etwas erreichen will. Ferrara will Gonzaga ebenso aus dem Weg haben wie ihren „kleinen Bruder“ Little Skag, der vom Bundesgefängnis in Attica weiterhin die Familiengeschäfte leitet. Als Angelina merkt, dass Kurtz imstande sein könnte, es mit den beiden aufzunehmen, will sie ihn benutzen. Dummerweise hat er eine Tonbandaufnahme von ihr, auf der sie gesteht, ihr Baby, das sie von Emilio Gonzaga gegen ihren Willen bekommen hatte, getötet zu haben …

In einer Welt der Psychopathen, Bodyguards, eiskalten Drogenschieber und Kindermörder nimmt sich ein Killer wie Joe Kurtz dennoch recht normal aus. Für einen Killer ist er sogar außerordentlich belesen und gebildet. In Attica hatte er zwölf Jahre Zeit fürs Lesen. Er liebt Shakespeare, und der Showdown im Hauptbahnhof gemahnt ihn an den Schlussakt von Shakespeares „Titus Andronicus“: eine wahre Schlachtplatte (inzwischen verfilmt mit Sir Anthony Hopkins).

Ungewöhnlich für einen Hardboiled-Thriller: Kurtz‘ geistiger Mentor, ein Ex-Professor in Princeton, wartet mit einer Theorie der moralischen Entwicklung auf. Wie Jean Piaget bewiesen hat, dass sich jeder Mensch in einer geistigen und sozialen Entwicklung befindet und es verschiedene Entwicklungsphasen gibt, so postuliert der Ex-Professor sieben Entwicklungsstufen des moralischen Empfindens und Bewusstseins. Ein Kinderschänder und Mahatma Gandhi mögen zwar beide der Spezies Mensch angehören, stehen aber wohl kaum auf der gleichen sittlichen Stufe. Kurtz‘ Beitrag zu dieser Theorie: Es gibt eine Nullstufe, und er kenne einige Vertreter dieser Stufe persönlich. Der Ex-Prof muss ihm widerwillig zustimmen. Ein solcher Vertreter hat gerade kalblütig seinen Doppelgänger erschossen. Man nennt diese Leute gemeinhin „Monster“.

Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie der Kurtz-Thriller. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht. Zu guter Letzt sind hier nicht nur die Winter besonders hart und lang, sondern es gibt am Lake Erie ein spezielles Wetterphänomen: einen extrem starken Schneesturm, der von Westen über die Weite des Sees heranbraust, bis er die Stadt mit ungeheurer Wucht trifft. Keine Frage, dass dies genau dann eintritt, als der Showdown des Buches stattfindet. Daher auch der Titel.

_Unterm Strich_

„Hard Freeze“ ist als zweiter Band der Kurtz-Serie vielleicht nicht so gewalttätig wie der erste, auf dessen Ereignisse ständig verwiesen wird. Aber „Hard Freeze“ entwickelt eine unaufhaltsam wirkende Wucht, die wie der sich zusammenbrauende Sturm irgendwann zum Ausbruch kommen muss.

Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise.

Dies bedeutet nicht, dass Gewalt Selbstzweck ist. Im Gegenteil. Jeder der Schurken wird nicht nur in seinem Handeln, Reden und Denken dargestellt, sondern auch anhand der Konsequenzen seines Tuns. James B. Hansen, den wir wie keine andere Figur im Buch kennen lernen, ist beispielsweise ein vorbildliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und Polizei, doch die Tatsache, dass er bereits über zwei Dutzend zwölfjährige Mädchen vergewaltigt und brutal umgebracht hat, macht ihn zum Monster.

Sobald eine seiner vielen Identitäten ausgedient hat, bringt er seine Gastfamilie um und hinterlässt die Leiche eines Unschuldigen im brennenden Haus, so dass man Hansen für tot hält. Eine Spur der Vernichtung kennzeichnet seinen Lebensweg. Kurtz‘ Tochter könnte sein nächstes Opfer sein.

Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hard Freeze“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen. Dass Simmons sich nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird.

Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, diebische Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Simon Winchester – Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach

Inhalt:

Der 27. August 1883 ist ein Tag, den nicht nur Augenzeugen nie vergessen werden. Krakatau ist ein unbedeutendes Eiland in der ostindischen oder besser indonesischen Inselwelt zwischen Sumatra und Java. Batavia, die koloniale Handelsmetropole, liegt zwar nur einige Schiffsstunden entfernt an der javanischen Nordküste, aber auch dort hat seit jeher kaum jemand einen Gedanken an die von sich hin rumpelnde Vulkaninsel verschwendet. Hier und da hat die Erde in den letzten Monaten zwar gezittert, aber was soll schon geschehen? Die geschäftigen und geschäftstüchtigen niederländischen Kolonialherren haben Ostindien fest im Griff und sonnen sich im Glanz ihrer politischen, wirtschaftlichen und (angeblich) kulturellen Überlegenheit.

Tief unter der Erdoberfläche staut sich seit geraumer Zeit ein Gemisch aus heißem Gas und Magma an, das keinen Raum zum Entweichen findet. Als die Erdkruste dem Druck nicht mehr standhalten kann, kommt es zur Katastrophe: Krakatau, eine Insel von 130 qm Größe, fliegt in die Luft, wird in Myriaden kleiner Stücke zerrissen. Der Knall ist noch 4700 Kilometer entfernt vernehmbar. Die Druckwelle rast siebenmal um den Erdball. Das Wasser des Ozeans türmt sich zu mörderischen Wasserwänden auf, die den indonesischen Archipel heimsuchen und ganze Inseln tier- und menschenleer spülen. 36000 unglückliche Insulaner verlieren ihr Leben. Das Klima der gesamten Erde wird auf Monate in Mitleidenschaft gezogen. Knapp 40 km hoch hat der sterbende Vulkan Asche, Staub und Steine geschleudert. Gigantische Wolken werden über den halben Globus getrieben, sorgen für einen quasi atomaren Winter und spektakuläre Sonnenuntergänge. Simon Winchester – Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach weiterlesen

Harrison, Harry / Holm, John – Pfad des Königs, Der (Hammer und Kreuz 2)

Dies ist der zweite Roman der Trilogie „Hammer und Kreuz“ um einen alternativen Geschichtsverlauf im Mittelalter. Shefs Abenteuer (siehe meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=782 zu „Hammer des Nordens“) finden nun in Skandinavien ihre Fortsetzung, bis er den entscheidenden Kampf gegen die drei verbliebenen Söhne Ragnar Lodbroks aufnehmen kann: Shef wird König des Nordens.

_Handlung_

Nachdem seine Schwester Godive seinen Allianzpartner König Alfred von Wessex und Mercien geheiratet hat, ist Shef, der König von Ost- und Mittelanglien, relativ einsam. Da trifft es sich gut, dass es eine Menge für sein Land zu tun gibt. Shef lässt eine Reihe von sogenannten ‚Schlachtschiffen‘ bauen, auf denen sich jeweils ein schwerfälliges Katapult befindet. Mit diesen Schiffen segelt er nach Friesland, um dort den auf Raubzug ausfahrenden Wikingern aus Dänemark Paroli zu bieten.

Schon bald kommt es zu einem Seegefecht mit der Flotte der Ragnarssöhne, in dessen Verlauf Shef zwar ein oder zwei feindliche Schiffe versenken kann, sein eigenes Schiff aber im Wattenmeer der Elbmündung auf Grund setzt. Mit knapper Not entkommt er den Nachstellungen der gewieften feindlichen Anführer und findet Unterschlupf in einem fremden Dorf in Dithmarschen. An der Tür wird er erst einmal von einem Fausthieb niedergestreckt – sicher ist sicher, denkt sich der Hausherr. Er freundet sich mit Karli, dem Boxer, an, soll aber dann von den Dörflern in Haithabu als Sklave verkauft werden. Haithabu ist ein hervorragender Ort für Shefs Bemühen, wieder Kontakt zu seiner Sekte aufzunehmen, und so willigt er ein.

Haithabu, an der Schlei in Schleswig-Holstein gelegen, ist im Jahr 867 vor seiner Zerstörung durch die Wikinger der wichtigste Handelsplatz zwischen Süd- und Nordeuropa. Und König Horik sorgt dafür, dass hier jeder mit praktisch allem Handel treiben kann. Natürlich wartet auch hier Ärger auf Shef. Mit knapper Not entkommt er sowohl einem neuen Deutschritterorden (die Leute von Diakon Erkenbert) als auch Angehörigen der Ragnarssons und natürlich dem Dithmarscher Sklavenhändler. Dafür verscherbelt ihn König Horik an die Norweger in Kaupang, dem späteren Oslo.

In Kaupang berät die Akademie des ‚Weges Asgards‘ über die Zukunft, die Shef für die Welt bedeutet: Ist er der prophezeite Einiger und Retter der Welt, der aus dem Norden kommt? Die Priesterschaft ist gespalten, und so wird Shef auf eine geheime Probe gestellt. Wird ihm sein fast schon sprichwörtliches Glück beistehen?

|Königin Ragnhilds Rache|

Die Verhältnisse in Südnorwegen sind kompliziert, und Shef gerät ahnungslos mittenhinein. Die Frau des erfolgreichen Königs Halfdan von Ostfold ist Königin Ragnhild. Sie residiert auf einer Insel im Oslo-Fjord, die nur über mehrere Brücken und zwei vorgelagerte Inseln zu erreichen ist. Bei ihr wohnt ihre Schwiegermutter, doch die beiden hassen sich bis aufs Blut. Ragnhilds einziger Lebenssinn liegt in der Erziehung ihres Sohnes Harald Schönhaar.

Doch das Verhängnis beginnt, als sie Shef zu sich einlädt: „Die Brücke ist bewacht, doch das Eis ist dick.“ Der sexuell frustrierte Shef zieht umgehend mit Freund Karli los. Leider ist das Eis zwar dick und es bricht auch nicht, doch es säuft einfach ab! Beinahe finden die beiden ein nassen beziehungsweise eisigen Tod. Gleich darauf müssen sie mit ein paar bissigen Wolfshunden fertigwerden. Als Lohn der Mühe darf sich Shef in den Armen Königin Ragnhilds fast um den Verstand rammeln, und auch Karli wird in dieser Hinsicht gut versorgt.

Von den Sklavinnen der Königin erfährt Karli, dass Shef nach erfolgreicher Befruchtung der Königin vergiftet werden soll. Karli haut heimlich ab und holt seine Freunde zu Hilfe, die denn auch einen erfolgreichen Angriff auf die Königinneninsel starten. Als unbeabsichtigte Folge dieses Angriffs sterben der junge Harald Schönhaar sowie die Schwiegermutter Ragnhilds, und schließlich wird sogar der König von ihr vergiftet. Ragnhilds Wut kennt keine Grenzen mehr. Als Shef nach Nordnorwegen flieht, setzt sie ihm nach, um ihre Rache zu bekommen …

_Mein Eindruck_

Dies ist nur die erste Hälfte des Inhalts dieses abenteuerlichen Romans. Shefs Reisen führen ihn zu riesigen Trollen, merkwürdigen Finnen, zwischen Mörderwalen und Wölfen hindurch bis nach Schweden. Mit seinen Freunden macht er zahlreiche Entdeckungen und ebenso viele Erfindungen, da ja der Weg Asgards stets nach neuem Wissen strebt.

Erfunden werden: die drehbare Windmühle, der mechanisch betriebene Hammer, gehärteter Stahl, ein gepanzertes Schlachtschiff mit zwei Katapulten – und sogenanntes ‚Winter-Ale‘, das wohl so etwas wie Aquavit sein könnte. Insgesamt beachtliche Leistungen. Der Eindruck entstand bei mir, dass diese Romantrilogie durch solche Elemente nicht nur Fantasy ist, sondern ebenso auch Science-Fiction. Dafür spricht auch das Element des alternativen Geschichtsverlaufs.

_Unterm Strich_

Während auch in diesem Band wieder Action und Abenteuer überwiegen, so findet doch nun die Frage, woher Shef kommt und was er auf Erden soll, eine vorläufige Antwort, die für die Religionen von größter Bedeutung ist. Shef ist offenbar nicht der Sohn eines Menschen (siehe ‚Shef Sigvarthsson‘ in Band 1), sondern der des Gottes Rigr, der wiederum Odins Sohn ist. Daher findet auch das Ringen zwischen Odin und Rigr um Shefs Zukunft seine Fortsetzung, was sich etwa in der Spaltung der Sekte des Wegs Asgards äußert: Odins Priester Valgrim schließt sich der rachsüchtigen Ragnhild an, muss aber dafür einen hohen Preis bezahlen.

Beide Götter beeinflussen Shef mit ihren Visionen, und Shefs Aufgabe besteht darin, zu wählen, wessen Einfluss er gehorchen will. Er entscheidet sich schließlich für keinen von beiden, sondern geht seinen eigenen Weg, den der Lanze. Die Lanze hat er in einer Trollhöhle gefunden, und es ist diejenige, die ein deutscher Legionär Jesus am Kreuz in die Seite gestoßen hatte. (Diese Lanze wird von den Leuten des deutschen Ritterordens verzweifelt gesucht.)

Mithin vereint Shef nun die beiden nordischen Götter mit dem christlichen Gott in sich, wenn es um Entscheidungen geht. Für mich ist es vor allem dieses Element, das es so spannend und interessant macht, seinen Weg zu verfolgen, so etwa dann, als er Anhänger des ‚Wegs‘ aus Schweden vor dem Opfertod retten muss.

|Humor|

Dieser zweite Band erschien mir noch humorvoller als der erste, soweit dies überhaupt möglich ist. Doch da es sich unter anderem auch um eine Reiseerzählung à la Karl May handelt, sorgen die Begegnungen mit fremden Sitten und Bräuchen für komische Elemente. Zu Shefs denkwürdigsten Erlebnissen gehört sicherlich der Besuch bei einem finnischen Schamanen, bei dem er den Urin seiner Trinkbrüder zu trinken hat. Da dieser Urin mit einem Fliegenpilzextrakt durchsetzt ist, kommen Shef recht wunderliche Visionen in den Sinn. Viel spricht trotzdem nicht dafür, dass sich diese Trinksitte ausbreiten wird …

Ach so – und Königin Ragnhild? Tja, um deren Schicksal zu erfahren, müsst ihr das Buch schon selbst lesen. Ich bin ja nicht der Spoiler vom Dienst.

|Originaltitel: One King’s Way, 1995
Übertragung aus dem Englischen & Glossar: Frank Borsch|

Stone, Richard – Mammut – Rückkehr der Giganten?

Pelzige Elefanten stapfen durch sibirisches Schnee und Eis, während sich in Nordägypten erschöpfte Bürger des Feierabends am Anblick der Pyramiden erfreuen – das ist keine Science-Fiction, sondern Realität: Das Mammut ist tatsächlich erst vor 3.700 Jahren ausgestorben.

Ist es das wirklich? Diese Frage wird uns in diesem spannenden Buch gleich mehrfach gestellt. Autor Richard Stone stellt die Rüsseltiere des Pleistozäns als Zeitzeugen, aber auch als Mysterium der Gegenwart vor: Eine bizarre Laune der Natur führt dazu, dass Mammuts in ewigem Eis und Permafrost ihrer seit jeher kalten Heimat fast komplett erhalten blieben. Wir müssen sie anders als die Dinosaurier nicht aus zusammengepuzzelten Knochen mühsam rekonstruieren (oder digital neu erschaffen), sondern können sie uns anschauen, sie berühren und erforschen. (Sogar ihr Fleisch haben wahrlich wagemutige Forscher probiert – sie überlebten es, konnten das Experiment aber niemals weiterempfehlen.)

So kennt die Wissenschaft das Mammut beinahe genauso gut wie den Afrikanischen oder Indischen Elefanten der Gegenwart. Stone lässt es in allgemein verständlicher Sachbuch-Sprache in seiner eiszeitlichen Umwelt wieder durch Europa, Asien und Nordamerika ziehen, von Urmenschen gejadt werden (oder war es eher umgekehrt?) und allerlei zeitgenössischen Unbilden trotzen.

Im Mittelpunkt des Beschriebenen steht dann die Frage, wieso ein so perfekt an seine Umwelt angepasstes und keineswegs „primitives“ Tier aussterben konnte. War es der schon damals böse Mensch (eine lieb gewonnene Theorie weltverbesserischer Naturapostel), ein Supervirus, eine Klimaveränderung (noch kälter oder zu warm stehen zur Auswahl) oder gar von allem ein bisschen? Jede Theorie hat ihre Anhänger.

Weiterhin rankt sich Stones Mammutbuch um die spannende Frage, ob es gelingen könnte, die Pelzrüssler zurück ins Leben zu rufen. Das erinnert sehr an die „Jurassic Park“-Filme Hollywoods, denn auch hier soll „Cloning“ das Zauberwort sein: Jede Zelle enthält die kompletten Informationen, die ein neues Lebewesen für seine Entstehung braucht. Also suchen wir einfach ein gut gefrostetes Mammut, entnehmen ihm eine intakte Zelle, pflanzen sie einer (bei Gelingen zweifellos erstaunten) Elefantenkuh ein – und zwei Jahre später (so lange dauert es bis zur Geburt) steht ein langmähniger Jumbo vor der versammelten Weltpresse!

So dachte sich das jedenfalls der Genetiker Kazufumi Goto, der mit mehr Geld als Verstand ausgestattet durch Sibirien reiste, um einen geeigneten Spender-Kandidaten zu finden. Aber wie heißt ein Mammutsucher-Sprichwort so schön: „Du kannst kein Mammut finden – es muss dich finden.“ Hohn und Spott und ein ausgetrockneter Fetzen Rhinozeroshaut waren daher der einzige Lohn für den Pionier.

Mehr Glück war dem Franzosen Bernard Buigues beschieden. Sicher wird sich so manche/r noch an die Bilder erinnern, die damals durch die Medien gingen: Unter einem Hubschrauber hängt ein gewaltiger Eisklotz, aus dem vorne theatralisch zwei geschwungene Stoßzähne ragen.

Dass diese mit Eisenklammern nachträglich befestigt wurden, um dem Sponsor „Discovery Channel“ einprägsamere Bilder zu bescheren, wurde damals nicht so deutlich angesprochen wie Stone dies nun nachholt. Er selbst war mehr als einmal in Sibirien und hatte auch die Buigues-Expedition besucht. (In dem Klotz steckten außer viel Frostmatsch übrigens nur ein paar Knochen.)

Also gilt es weiter zu hoffen, zu forschen und zu klonen. Gern hätte Stone sein Buch mit dem Knalleffekt einer bevorstehenden Auferstehung ausklingen lassen; er muss sich mit spannenden Fakten und spinnenden Träumern zufrieden geben.

Falls die Vorstellung des Buches im Rahmen dieser Besprechung dem Leser etwas sprunghaft vorkommt, so liegt dies durchaus in der Absicht des Rezensenten. Auch Stone mäandert durch sein Thema, springt von (trotz der düsteren Umgebung farbenfrohen) Impressionen diverser Reisen durch den Wilden Osten der zerfallenen Sowjetunion zur Entdeckungsgeschichte berühmter Mammut-Kadaver, weiht uns in die Geheimnisse des Klonens ein, lässt dann die Welt der Eiszeit neu erstehen, erzählt von weiteren Reisen, weiß noch etwas übers Klonen … Es fehlt ein wenig der rote Faden, was indes wenig ausmacht. Das unsterbliche Mammut erledigt seinen Teil; von seiner Wiederkehr als Ei(s)spuk mag man gern weiterlesen.

Richard Stone hatte in der Tat gewisse Schwierigkeiten mit der Niederschrift dieses Werkes. Sein ausführliches Nachwort deutet dies nicht nur an. Mit einjähriger Verspätung legte er es schließlich vor. Strukturell hat es weiterhin deutliche Schwächen. Inhaltlich könnte man ihm höchstens eine gewisse Leichtgläubigkeit vorwerfen. Aber das würde den Kern der eigentlichen Kritik verfehlen: Stone ist in Sachen Mammut Mulder & Scully in Personalunion: Er will glauben, aber er kann es nicht. Die harten Fakten kollidieren immer wieder mit seinem Traum, das Mammut dereinst wieder durch die Eissteppe schlüren zu sehen. Der Traum obsiegt, aber es klingt hohl, wenn Stone seinen Glauben an den zukünftigen Sieg der Genetik über den Artentod bekräftigt.

Kein Wunder, denn Stone selbst hat die Karten offen auf den Tisch gelegt: Es ist faktisch unmöglich, ein Mammut zu klonen. Es funktioniert ja nicht einmal bei einem lebenden Säugetier mit blutfrischen Zellen. Wer erinnert sich nicht an Klonschaf „Dolly“, Überlebende einer langen Reihe gruselig fehlgeschlagener Experimente. (Hat jemand „Alien 4“ mit den eingedosten Ripley-Klonen gesehen?) Kaum sechs Jahre nach ihrer Geburt begann Dolly auseinander zu fallen und musste eingeschläfert werden.

Es ist also ein langer Weg bis zur Rückkehr des Mammuts. „Pleistocene Park“ wird noch geraume Zeit leer stehen. Aber „Mammut“ ist auch die Geschichte sympathischer und exzentrischer Visionäre, die unsere Welt so dringend braucht, damit sie nicht den Sparschweinen und Spielverderbern in die Hände fällt.

Richard Stone ist ein mehrfach preisgekrönter Wissenschafts-Journalist, der für Magazine und Zeitungen wie „Discover“, „Washington Post“, „Moscow Times“ und zahlreiche andere Publikationen geschrieben hat. Er hat an der Cornell University und dank eines Stipendiums in Russland studiert.