Lovecraft, H. P. – Ding auf der Schwelle, Das & Die Ratten im Gemäuer

Das Hörbuch kombiniert zwei bekannte und sehr wirkungsvolle Horror-Erzählungen: „Das Ding auf der Schwelle“ (1937) und „Die Ratten im Gemäuer“ (1924). Wie schon bei „Der Schatten über Innsmouth“ spricht Lars Riedel die Rolle des Erzählers. Seine Intonation wird dem Hörer unweigerlich kalte Schauder über den Rücken jagen.

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu „Innsmouth“ zu erfahren war, reicht Lovecrafts Grauen weit über die landläufige Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als Liebe spendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton („James Bond“ u. a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

_Die Erzählungen_

a) |Das Ding auf der Schwelle|

„Es ist wahr, dass ich meinem besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und dennoch hoffe ich mit dieser Aussage zu beweisen, dass nicht ich sein Mörder bin. Zunächst wird man mich einen Wahnsinnigen nennen – wahnsinniger noch als der Mann, den ich in seiner Zelle in der Heilanstalt von Arkham niedergeschossen habe.“

Also spricht Daniel Upton, der Berichterstatter des grausigen Unglücks, das seinem Jugendfreund Edward Pickman Derby zugestoßen ist. Dieser Dichter des Absonderlichen und Student des Okkulten weist, wie etwa auch Charles Dexter Ward, autobiografische Züge auf. Auch er wurde verhätschelt und in eine seltsame Familie geboren. Er trieb sich lieber mit den Bohemiens und Säufern von der verrufenen |Miskatonic Uni| in Arkham herum, statt einem ordentlichen Beruf nachzugehen.

Jedenfalls solange, bis er mit 38 die Frau seines Lebens (oder seines Todes?) traf und heiratete: Asenath White ist die Tochter des alten Hexenmeisters Ephraim White aus dem verrufenen Innsmouth, wo man um 1850 einen Pakt mit seltsamen Wesen aus dem Meer geschlossen hatte (vgl. dazu unbedingt [„Der Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 ). Daniel Upton erinnert sich an White als „wölfisch“ und „gestorben im Wahnsinn“. Asenath, gerade mal 23 Jahre alt, scheint dessen Kräfte geerbt zu haben. Insbesondere als Hypnotiseurin leistet sie Ungewöhnliches, nämlich den Austausch der Persönlichkeit des Hypnotisierten, so dass dieser sich selbst durch Asenaths Augen sehen kann.

In Ed Derby hat sie ihr ideales Opfer gefunden. Sie hypnotisiert ihn und bemächtigt sich zeitweilig seines Körpers. Das geht über Jahre hinweg, und beide verändern sich so stark, dass sich Upton wundert: Während sich Derby von einem schlaffen Lethargiker zu einem dynamischen, lebensfrohen Macher entwickelt, sieht Asenath von Jahr zu Jahr älter aus. Doch die Wirklichkeit ist weitaus grauenerregender. Denn es ist nicht Asenath, die ihren Körper bewohnt, sondern ihr Vater, der sie schon im Kindesalter übernommen hat. Und dieser bemächtigt sich wiederum des Körpers ihres Mannes, Ed Derby. Sein Ziel besteht darin, wieder zum Mann und unsterblich zu werden, damit er in Kooperation mit den Großen Alten, die im Untergrund des hintersten Berglandes hausen, weiterhin seine okkulte Herrschaft ausüben kann.

Doch diesen Persönlichkeitsverlust verkraftet das zeitweilig übernommene Opfer nicht lange. Nach einem schrecklichen Zusammenbruch vertraut sich Derby seinem Freund an. Aus Verzweiflung erschlägt er schließlich seine Frau. Doch dies ist nicht ihr Ende. Aus dem Keller heraus, in dem er sie verstaut hat, zwingt sie ihn, den Körper mit ihr zu tauschen. Nun gelingt es Derby gerade noch, als „das Ding auf der Türschwelle“ bei seinem Freund zu erscheinen und ihm einen warnenden Brief zu geben, mit einer dringenden Bitte: „Töte das Wesen, das in der Heilanstalt von Arkham als Edward Derby gilt.“

b) |Die Ratten im Gemäuer|

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham-Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De La Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert (genauer: 1610) nach Virginia auswandern musste. Dort nahm die Familie die Namensform Delapore an, denn Adlige waren in der neuen Demokratie nicht gern gesehen …

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter als das 13. Jahrhundert. Sie stammen, wie der letzte Spross herausfindet, sogar noch von den Römern des 2. Jahrhunderts. Wie an Inschriften abzulesen, wurden hier abscheuliche Riten für die „magna mater“, die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele, und für den dunklen Gott Atys abgehalten. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher, „druidischer“ Zeit, und wer weiß, was damals im Tempel alles geopfert wurde …

Nach einer Woche hört De la Poer bzw. sein treuer Kater „Nigger“ das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „Archeologen“, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe.

Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterirdische Stadt aus uralter Zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten. Angeführt werden sie von Nyarlathotep, einem der Großen Alten, der im bodenlosen Abgrund haust und nun auch auf de la Poer seinen Einfluss ausübt …

Wie „Schatten über Innsmouth“ ist „Ratten“ eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes unaussprechlich.

_Mein Eindruck_

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet („unity of effect“) sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – verbürgte oder meist gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys „Necroscope“ oder Hohlbeins [„Hexer von Salem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249 wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte (er schrieb Briefe wie andere Leute E-Mails), ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: Xenophobie nennt man dieses Phänomen. Darüber hinaus hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb. Degeneration ist das Hauptthema in „Grauen von Dunwich“ und „Schatten über Innsmouth“, aber auch in den beiden hier gesammelten Erzählungen.

Edward Derby ist der dekadente Sprössling, der sich dem verderblichen Einfluss schwarzer Magie zuwendet und so an Asenath White bzw. ihren Vater Ephraim, den unsterblichen Hexenmeister, gerät. Der Letzte der de la Poer stößt, wie der Protagonist in „Innsmouth“, unversehens auf die schrecklichen Wurzeln seiner eigenen Familie, allerdings natürlich nicht in der Neuen, sondern in der Alten Welt, in England. Immer wieder wird bei Lovecraft das Grauen importiert: von anderen Weltgegenden, aber wichtiger noch – aus der alten Zeit. Denn in grauer Vorzeit, so HPLs Privatmythos, herrschten die Großen Alten auf der Erde, bevor sie vertrieben wurden. Daher bleiben von ihnen nur Spuren ihres Einflusses. Und wer lange genug nach seinen eigenen Wurzeln sucht, wird auf diese Wurzeln stoßen. Das „kosmische Grauen“ verschlingt den unseligen Sucher.

Ähnlich passiert dies auch Edward Derby, aber auf ganz andere Weise. Denn die verhängnisvollen Wurzeln verbergen sich in seiner Gattin Asenath, die wiederum von ihrem Vater besessen ist. Dieser wiederum ist ein Diener der Großen Alten, denen er die Unsterblichkeit per Seelenübertragung durch Körpertausch verdankt. Für den armen Ed kommt jede Hilfe, die ihm sein entsetzter Freund, unser Reporter vor Ort, gewähren könnte, häufig zu spät. Mit zwei Ausnahmen: Als Ed aus den Bergen und Wäldern Maines taumelt, fährt Dan ihn nach Hause, wobei Ed ihm die (vermutete) Wahrheit erzählt – bis zu einem gewissen Punkt, an dem Asenaths Geist ihn wieder übernimmt, sozusagen per Fernsteuerung. Die andere Ausnahme ist natürlich der Gnadenschuss für Edward Derby, das heißt: für seinen Körper.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Beide Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, „Die Ratten im Gemäuer“ sogar noch eindeutiger, unkomplizierter als „Das Ding auf der Schwelle“. Am Höhepunkt steigert sich Riedels Stimme in solche Höhen, dass ich sie einem Mann nicht zugetraut hätte. Doch dieses Stilmittel ist – nur in diesem Augenblick – völlig angemessen. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szene lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. (Ich stelle mir dazu gerne einen schwarzweißen Stummfilm aus der Ära von Bela Lugosi und Boris Karloff vor.)

Die Musik von Andy Matern und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa „Necroscope“.

_Unterm Strich_

Ist „Das Ding auf der Schwelle“ auch vielschichtiger aufgebaut als die frühe Erzählung „Die Ratten im Gemäuer“, so bieten beide doch garantiert Grauen höchster Qualität und Wirkung, wie man es nur in den besten Erzählungen von Autoren wie Lovecraft finden kann. Ist „Das Ding …“ eine Art längerer Sinfonie, die sich in Phasen der An- und Entspannung dem Finale nähert, so besticht „Ratten“ durch die strenge Ausrichtung auf die sich stetig steigernde, absolut einheitliche Wirkung, ohne lange nach rechts oder links abzuschweifen. Die Wirkung auf mich war entsprechend größer: wie ein Schlag in die Magengrube (ich wollte gar nicht mehr hinhören!). Der Hörer sollte sie sich als krönenden Abschluss des Hörbuchs gönnen – denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Lutz Riedel erweist sich als optimaler Sprecher der unterschiedlichen Stimmungen in den beiden Erzählungen. Seine stimmliche Modulationsfähigkeit ist wirklich beeindruckend und verhilft den Geschichten zu optimaler Wirkung. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet, die Umrahmung angemessen düster. |LPL records| hat wieder einmal eine sehr gelungene Produktion vorgelegt, die sich jedem Lovecraft- und Horror-Freund bedenkenlos empfehlen lässt.

|Hinweis|

Ein umfangreiches zweites Booklet stellt die weiteren LPL-Produktionen vor, zu denen auch eine Reihe von Erzählungen gehört, die „Alien“-Schöpfer H.R. Giger unter dem Label [„Vampirric“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 zusammenstellte. Diese Erzählungen stammen von bekannten Autoren wie Guy de Maupassant („Der Horla“, ein echter Klassiker) und Thomas Ligotti, einem modernen Amerikaner, der stark von Poe und HPL beeinflusst ist („Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“). Das Design der Hörbücher ist, einem Giger angemessen, bizarr und düster.

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Parry, Dan – D-Day: 6.6.44. Entscheidung in der Normandie

Im Jahre 1940 jagten die nazideutschen Truppen, die in einem beispiellosen „Blitzkrieg“ Westeuropa unter ihr Joch gezwungen hatten, die englischen Truppen schmachvoll über den Kanal zurück auf ihre Insel. An der Westfront herrscht seitdem ein Patt: Die Briten verfügen nicht über die Ressourcen, den Krieg zurück auf den Kontinent zu tragen. Hitlers Soldaten schaffen es andererseits nicht, England zu erobern. Außerdem sind sie an der Ostfront mehr als beschäftigt; seit Stalingrad sind die Sowjets auf ihrem unerbittlichen Vorstoß gen Deutschland.

1944 kehren die Briten – inzwischen Verbündete der US-Amerikaner und Kanadier – ins direkte Kriegsgeschehen zurück. Sie sind festen Willens, die Nazis zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen. Mit amerikanischer Unterstützung haben sie in den vergangenen Jahren eine beispiellose Kampfmaschine aufgebaut. Diese ist endlich bereit zur Errichtung einer „zweiten Front“ im Westen Europas.

Die Deutschen wissen um die Gefahr einer Invasion. Doch wo werden die Alliierten angreifen? Sie kommen von Westen, werden an der englischen Südküste starten und den Kanal überqueren, das ist klar. Aber steuern sie direkt auf die französische Küste zu? Oder suchen sie sich eine andere Stelle, wo die deutsche Verteidigung nicht mit ihnen rechnet?

In der Tat spielen die Alliierten ein gewagtes Spiel. Die Invasion soll in der Normandie erfolgen. Dort gibt es Küstenstriche, die eine Landung von mehr als 150.000 (!) Soldaten zu Wasser und aus der Luft ermöglichen. Allerdings gehört die Normandie zum Kommandogebiet der deutschen Armeegruppe B, dem der gefürchtete Feldherr Erwin Rommel vorsteht.

Sein Gegenüber ist der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte: General Dwight D. Eisenhower, weniger ein genialer Schlachtenlenker als ein besonnener Organisator, dem es zugetraut werden kann, ein so gewaltiges Unternehmen wie den „D-Day“ zu realisieren. Die Herausforderung ist enorm; noch niemals ist eine Invasion dieser Größenordnung geplant worden.

Die größten Gefahrenquellen sind Ort und Datum ihres Stattfindens, da dies den Deutschen die Gelegenheit für Gegenmaßnahmen gäbe. Also muss die Invasion geheim gehalten werden. Unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen werden in England alliierte Soldaten für den großen Tag ausgebildet. Agenten spielen den Deutschen gefälschte Nachrichten zu. Überall im Land werden Flugzeug- und Panzerattrappen aufgebaut. In Frankreich bereitet sich der Widerstand – die |Résistance| – darauf vor, durch Sabotage ihren Teil zur Invasion beizutragen.

Unendlich viele Pannen und Katastrophen später ist es am 6. Juni 1944 soweit: Die Invasionsflotte setzt über den Kanal und geht an fünf Stränden an Land. Der „längste Tag“ hat begonnen – sein Ausgang entscheidet über den Ausgang des II. Weltkriegs!

Nun, wir wissen, wie es ausgegangen ist. Liest man freilich Bücher wie dieses, kann man sich schon ein wenig darüber wundern. Mit bemerkenswerter Offenheit schildert der Autor die Geschichte eines Unternehmens, das sich durchaus als Kette menschlichen Versagens und unglücklicher Zufälle deuten lässt. Andererseits wird genauso deutlich, dass es anders wohl gar nicht kommen konnte. Ein Unternehmen wie die Invasion der Normandie war gewaltig, nie zuvor da gewesen, dazu abhängig von deprimierend vielen Faktoren.

Das wurde von der Geschichtsschreibung lange verschwiegen bzw. nicht gerade betont. Wer beispielsweise das Filmepos „The Longest Day“ (1961, dt. „Der längste Tag“) verfolgt, erlebt eine Invasion, die zwar organisatorisch komplex und leichenreich, aber grundsätzlich generalstabsmäßig abläuft.

So war es nicht, und es war höchste Zeit, diese Tatsache in die Darstellung einzubeziehen. Dies gilt um so mehr, als die Zeitzeugen, die es am besten wissen, allmählich knapp werden, um es salopp auszudrücken: Der 60. Jahrestag des „D-Days“ war wohl der letzte „runde“ Jubiläum, an dem Veteranen in nennenswerter Zahl teilgenommen haben – ihre Lebenszeit beginnt abzulaufen. Mit ihnen sterben die unmittelbaren Erinnerungsträger, die ein historisches Ereignis den Nachgeborenen noch nahe bringen können. Quellen und Fotos in allen Ehren: Ein Mensch, der dabei war, wird auch den Laien in seinen Bann ziehen können.

Besagter Jahrestag war auch der Anlass für die BBC, eine TV-Dokumentation zur Invasion zu drehen. Wie das meist üblich ist für diesen Sender, scheute man weder Kosten noch Mühen, arbeitete mit Historikern, Kriegsveteranen aller beteiligten Armeen und fähigen Filmemachern zusammen. Das Ergebnis ist Geschichte auf angelsächsische Art: umfassend und ausgewogen, aber gleichzeitig unterhaltsam und leicht verständlich. Dieselbe Qualität besitzt der Textbildband von Dan Parry, der an der Fernsehproduktion mitgearbeitet hat und auf dieses Material zugreifen konnte.

192 Seiten nur ist sein Werk stark, wobei der Anteil der Abbildungen beträchtlich ist. Der Spezialist wird diverse Details womöglich vermissen, doch der historische Laie darf sicher sein, die komplexe Geschichte der Invasion in der Normandie nach der Lektüre verstanden zu haben, ohne auf niedrigem Niveau mit Teilwissen abgespeist zu werden.

Wobei Parry den „D-Day“ schon mit seinen Vorbereitungen beginnen lässt. Die Vorgeschichte ist mindestens ebenso interessant wie das eigentliche Geschehen. Niemals zuvor war ein solches Unternehmen geplant und realisiert worden. Wieso eine Invasion dieses Umfang überhaupt nötig wurde, verdeutlicht Parry durch eine knappe, aber ausreichende Status-Quo-Schilderung der Kriegssituation in Europa.

Was in Deutschland, Frankreich und England 1944 vor sich ging, betrachtet Parry bevorzugt durch die Augen der Beteiligten. Soldaten, Seeleute, Widerstandskämpfer, Zivilisten – sie alle haben etwas zu erzählen. Wir lernen sie kennen, zumal Parry sie uns mit Bild und Kurzvita vorstellt. Der Krieg bekommt ein „Gesicht“ – und wir lernen, dass er in der Tat von Menschen geführt wurde – auf allen Seiten: Die bemerkenswert wertfreie Sicht auf die deutschen Aggressoren kündet von dem Bemühen einer objektiven Geschichtsschreibung; die traurigen Fakten sprechen ohnehin für sich.

Trotz des nur begrenzten Raumes ist stets Raum für Episoden und sogar Anekdoten. Viel bisher Geheimes oder in den Archiven Verschüttetes kam ans Tageslicht. Wer hat zuvor von dem dramatischen Zwischenfall einer völlig schief gelaufenen Landungsübung gehört, die schon vor dem „D-Day“ mehr als 700 Soldaten das Leben kostete? Oder wer kennt den Meisterspion „Garbo“, der scheinbar für die Deutschen arbeitete, diese tatsächlich jedoch als Doppelagent mit getürkten Depeschen an der Nase herumführte und zu den unbesungenen Helden des II. Weltkriegs gehört?

Im Mittelteil schildert Parry das eigentliche Kampfgeschehen an den Stränden der Normandie – eine schwierige Aufgabe, da es dort lange Zeit drunter und drüber ging. Auch hier kann der Verfasser einzigartige Bilddokumente präsentieren. Der weltberühmte Kriegsberichterstatter Robert Capa und andere unerschrockene Reporter zogen mit den Soldaten in den Krieg; was sie erlebten und im Bild festhielten, wird sich jede/r vorstellen können, der die erste halbe Stunde von Stephen Spielbergs Kriegsepos „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat.

Auch nach dem „D-Day“ ging der Krieg weiter. Parry skizziert diese Fortsetzung auf der Basis der Invasion. Es wird deutlich, dass dies – nach Stalingrad – wirklich jene Schlacht war, die das Finale einläutete. Für viele Teilnehmer ist sie niemals zu Ende gegangen. In einem ungewöhnlichen Kapitel erzählt Parry die Lebensgeschichten jener Männer und Frauen, die den 6. Juni 1944 überlebten. Sie sind nicht selten vor ihrer Zeit gestorben oder blieben an Leib und Seele gezeichnet. Andererseits haben sich genau diese Männer, die einst aufeinander schossen, im Alter oft zusammengefunden und angefreundet; Parry lässt sie selbst erklären, wie so etwas möglich ist.

„D-Day: 6.6.44“ ist als Sachbuch ein gelungener Einstieg in ein zentrales Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte. Gestaltung und Inhalt sind ausgelegt, auch den historischen Laien zu locken. Diese Taktik ist völlig legitim, zumal sie hier den Fakten jederzeit Gerechtigkeit widerfahren lässt. Nur selten schießt Parry über das Ziel hinaus. So wirken die Bilder aus der TV-Rekonstruktion des „D-Days“ jederzeit deplatziert zwischen den authentischen Fotos, von denen man sich mehr gewünscht hätte. Auch die Info-Boxen, die in Layout und Schriftbild zeitgenössischen Telegrammen, Tagesbefehlen und anderen Dokumenten nachempfunden wurden, sind Geschmackssache. Das sind freilich nur marginale Einwände gegen ein ansonsten empfehlenswertes Sachbuch.

Douglass, Sara – Tanz der Sterne (Unter dem Weltenbaum 3)

Band 1: [„Die Sternenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=577
Band 2: [„Sternenströmers Lied“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=580

Beim dritten Band des Weltenbaum-Zyklus, „Tanz der Sterne“, lässt die Autorin Sara Douglass es wieder etwas langsamer angehen.

Aschure ist nach dem Kampf am Erdbaum den Ikariern zum Krallenturm, ihrem Wohnsitz im Gebirge, gefolgt, da die Awaren ihr kämpferisches Wesen ablehnten. Sie lässt sich überreden, sich zur Bogenschützin ausbilden zu lassen und gewinnt bei einer Wette einen magischen Bogen, der einst einem Zaubererkönig der Ikarier gehörte, und mit dem seit dessen Tod niemand mehr zu schießen vermochte.
Im Krallenturm trifft sie auch auf Axis, der nach dem Ausfall aus der Feste Gorken seine Truppen verlassen hat, um sich von seinem Vater und seiner Großmutter in die Magie des Sternentanzes einführen zu lassen. Die beiden beobachten seine leichten und raschen Fortschritte allerdings mit sehr gemischten Gefühlen und bald keimt ein schlimmer Verdacht auf.
Axis und Aschure freunden sich an, doch bei der Feier des Frühlingsfestes am Erdbaum kommt es zu verhängnisvollen Verwicklungen. Während Axis zu den Charoniten unter die Erde steigt, um ihr Wissen zu erwerben, versucht Aschure, so weit wie möglich von Axis wegzukommen.

Faraday ist unterdessen ihrem Gemahl in die Hauptstadt Karlon gefolgt. Der König ist binnen kurzem unter äußerst mysteriösen Umständen verstorben und Faraday gezwungen, bei der Krönung Bornhelds zuzusehen. Doch sie ist zu allem entschlossen, um ihre Kräfte zu Gunsten Axis‘ einzusetzen …

Der dritte Band dient wie der erste auch vornehmlich dem Aufbau einer Handlung, deren Höhepunkt sich erst im nächsten Band findet. Eine ungewöhnliche Einteilung, die einfach daher rührt, dass ein im Original dreibändiger Zyklus auf sechs Bände aufgeteilt wurde. Eine ziemlich lästige Angelegenheit für den Leser, der nicht nur mehr Bücher kaufen muss, sondern vor allem auch bei jedem zweiten Band mitten aus dem Geschehen gerissen wird! Dabei zeigt der |Symphony of Ages|-Zyklus („Rhapsody“; E. Haydon) mit seinen 800-1000 Seiten pro Band nur allzu deutlich, dass es auch anders geht!

Die Entwicklung der Personen betrifft in diesem Band vor allem Aschure. Die ungewöhnliche Frau wird mit jeder Andeutung nur immer geheimnisvoller und entwickelt sich immer mehr zu einer Person, die eine wichtige Rolle in der Prophezeiung zu spielen scheint, aber allen umso mehr zum Rätsel wird. Nebenbei entwickelt sie sich zu einer fähigen Kriegerin und gewinnt mehr Selbstvertrauen, nur mit ihrer Beziehung zu Axis kommt sie nicht richtig klar.
Axis wird zwar zu einem äußerst mächtigen Zauberer, seinem Verhalten gegenüber Aschure aber fehlt jegliche Vernunft, zumal es nicht durch Darstellung seiner Gedanken und Gefühlen nachvollziehbar wird, sodass man gelegentlich den Wunsch verspürt, ihn einmal kräftig zu ohrfeigen!
Faraday tritt in diesem Band stark in den Hintergrund, stattdessen wird mehr von Gorgrael erzählt und dem dunklen Mann an seiner Seite, der mindestens so rätselhaft ist wie Aschure, und jede Andeutung zu seiner Person macht ihn ebenso nur noch rätselhafter.
Und auch Jack hat sich irgendwie verändert …
Es ging im dritten Band also nicht nur um ein Rätsel.

Die Handlung hat, wie gesagt, wenig Bewegung, lediglich die Wiedererweckung der Burg Sigholt und das Frühlingsfest bilden leichte Höhepunkte, allerdings nicht so ausgeprägt wie die, die im ersten Band den Spannungsbogen stützten. Der dritte Teil bezieht seine Spannung weitestgehend aus den vielen ungelösten Fragen, die trotz einiger Enthüllungen einfach nicht weniger werden wollen. Der Berg an Fragen und Geheimnissen scheint eher größer zu werden als kleiner und lässt nicht zu, dass man das Buch zur Seite legt.
Gegen Ende des dritten Teils steht wieder der Winter vor der Tür, dazu kommen erneute Rivalitäten zwischen Bornheld und Axis und seine Verstrickung zwischen Faraday und Aschure, was darauf schließen lässt, dass im nächsten Band Kämpfe und Dramatik wieder stärker in den Vordergrund rücken werden. Die Erwähnung der Prophezeiung in Gestalt einer lebenden Person legt die Vermutung über Eröffnung eines neuen Handlungsstrangs nahe.

Sara Douglass versteht sich darauf, ihre Leser jederzeit zu fesseln, ganz gleich, ob es hoch hergeht oder eher leise. Jeder neue Handlungsstrang eröffnet eine Unzahl weiterer Facetten. Einiges kommt bekannt vor, so sind die Awaren und ihre Heiligtümer und Riten eindeutig an die Kelten angelehnt, und auch der Name „Charoniten“ kommt nicht von ungefähr. So mag der Eindruck entstehen, dass die Ideenvielfalt in der Ausgestaltung der Welt nicht besonders ausgeprägt ist, die Gewichtung innerhalb der Erzählung selbst liegt aber ohnehin eher auf den Personen und den Geheimnissen drumherum, zwischen denen sich die Handlung zuspitzt, und da bleibt nichts zu wünschen übrig.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse weitere Romane und Kurzgeschichten.

http://www.saradouglass.com

Buchwurminfos IV/2004

Die _Rechtschreibreform_-Entwicklung wurde an dieser Stelle schon länger genau beobachtet, aber gleich Anfang Sommer platzte dann tagelang die Sensation durch die Hauptnachrichten: Die Reform soll kurz vorm Ziel gestoppt werden. Der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier wird auf der Sitzung der Kultusministerkonferenz im Oktober den Antrag stellen, die vereinbarte Stichtagsregelung (1. August 2005) aufzuheben. Führende Zeitungsverlage („Spiegel“, „Springer“ und „Süddeutsche Zeitung“) haben sich von der Reform verabschiedet. Österreichische Zeitungen schließen sich dem an. Presseagenturen wie „dpa“ stehen auch davor, zur alten Schreibweise zurückzukehren. Deutschland ist gespaltet in Befürworter und Ablehner, Schüler schreiben anders als ihre Eltern und die Autoren ebenso. Im Grunde gibt es vier „deutsche“ Rechtschreibungen: eine westdeutsche, eine ostdeutsche, eine schweizerische und eine österreichische. In der Schweiz benutzte man noch nie das „ß“, sondern schrieb schon immer „ss“ (dies allerdings durchgehend). Ansonsten nehmen sich die Eidgenossen sowieso die Freiheit selbst zu entscheiden, wie sie jeweils schreiben.
Im Grunde ist das Chaos perfekt und passt recht gut zu all den Pannen der deutschen Innenpolitik. Die Bevölkerung steht nun mal nicht hinter den Reformen. Ein identitätsstiftendes Gebilde wie die Sprache lässt sich nicht durch staatliche Verordnungen regeln. Es erinnert zu sehr an orthografische Planwirtschaft und Kritiker sprechen von „staatlich verordneter Legasthenie“.
Die Verlage bleiben ebenfalls zerstritten, was die Position zur Reform angeht. Die Literaturverlage hatten mehrheitlich sowieso die alte Schreibweise beibehalten. |Suhrkamp| hatte im Einvernehmen mit den Autoren nie die „so genannte Reform“ übernommen. Wolfgang Balk, |dtv|-Verlag: „Ich sehe bis heute keine Notwendigkeit für diese seltsame Reform und verstehe noch weniger deren quasidiktatorische Durchsetzung. Die langfristige wirtschaftliche Belastung durch die weitgehend absurde Rechtschreibreform ist mit Sicherheit höher zu veranschlagen als die kurzfristigen Kosten für eine Rückführung“. Thedel von Wallmoden, |Wallstein|-Verlag: „Bei uns ist noch kein einziges literarisches Buch in neuer Rechtschreibung erschienen. Nicht nur, weil wir dagegen sind, sondern auch aus dem einfachen Grund, weil wir bislang kein Manuskript in neuer Rechtschreibung angeboten bekommen haben. Ich habe noch keinen literarischen Autor getroffen, der die neue Rechtschreibung anwendet. Diese so genannte Reform ist eine Missgeburt. Wir werden auf jeden Fall bei der alten Rechtschreibung bleiben“. Wolfgang Ferchl, |Piper|-Verlag: „Ich habe mich immer für den Erhalt der alten Rechtschreibung eingesetzt, ob bei |Eichborn| oder jetzt bei |Piper|. Es war abzusehen, dass die neuen Regeln zur Anarchie führen. Deswegen waren alle Verlage gut beraten, die das alte System beibehalten haben. Die jetzige Entwicklung zeigt, dass die Rechtschreibreform in wesentlichen Zügen gescheitert ist“. Klaus Eck, Geschäftsführer von |Random House|, verschließt sich der Rückkehr ebenso wenig. Bei |Random House| sieht man die Debatte relativ entspannt, denn gesetzt werden die Bücher sowohl in alter wie in neuer Rechtschreibung, je nach Willen des Autors.
Finanziellen Schaden würden allerdings tatsächlich die Schulbuch- und Kinderbuchverlage in beträchtlichen Summen haben. Das Gütesiegel „In neuer Rechtschreibung“ ziert ja deren Umschläge. |Beltz & Gelberg| wird – falls die Reform gestoppt wird – Schadensersatz von der Regierung fordern. Der |Duden| beharrt auf der Reform und hat die 23. Auflage des „Duden“ gerade neu ausgeliefert. Die Buchhändler erklären aber, dass sie diesen aufgrund der ganzen Irritationen nicht verkaufen können, obwohl sie ihn wie frühere Auflagen genügend geordert hatten. Bei der unklaren Situation geben die Kunden das Geld dafür nicht aus. In den Feuilletons wird der „Duden“ kritisch belächelt: „Das unmögliche Wörterbuch“ (FAZ), „Chaos voran“ (Süddeutsche Zeitung).
Die Reformer gingen vor sechs Jahren davon aus, dass mit der neuen Rechtschreibung von deutschen Schülern 13 Prozent weniger Fehler begangen würden. Untersuchungen zeigen jetzt allerdings, dass die Rechtschreibleistungen seitdem nicht besser geworden sind. In Wien wurde im August der „Rat für Rechtschreibung“ gebildet, der die Reform auf ihrem weiteren Weg begleiten wird und Änderungen und Kompromisse formulieren soll. Damit wurden dort die deutschen Mitglieder der |Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung| beauftragt. Nach Abschluss der Übergangsphase für die Rechtschreibreform im Sommer 2005 wird der „Rat“ dann an die Stelle der Zwischenstaatlichen Kommission treten. Gleichzeitig gründete sich allerdings in München ein unabhängiger |Rat für deutsche Rechtschreibung|, der sich für die Rücknahme der Reform einsetzt. Zu diesem Rat gehören unter anderem Egon Amman, Elfriede Jelinek, Günter Kunert, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki. Auch haben sich 37 Mitglieder der |Berliner Akademie der Künste| und der Darmstädter |Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung| dem Lager der Rechtschreibgegner angeschlossen. Und Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer von den Grünen plädiert nun ebenfalls für die Rücknahme der Reform, da diese in keinem Bundesland ein demokratisches Gremium durchlaufen habe.

_Bonnier_ hatte sich beim Bundeskartellamt gegenüber _Random House_ beschwert, da diese vor dem Verkauf der |Heyne-Fantasy|- und |Heyne-Esoterik|-Taschenbuchreihen gut verkäufliche Titel einfach in die allgemeine Reihe übernommen hatten. Um den Marktanteil im Taschenbuchsektor unter 33 Prozent zu halten, hatte |Random House| diese beiden Reihen verkaufen müssen. Die Beschwerde wurde allerdings nun vom Bundeskartellamt zurückgewiesen. Wahrscheinlich wird |Bonnier| nun den Streit auf zivilrechtlichem Wege weiterverfolgen.

_Rowohlt_ trennt sich vom _“Kursbuch“_, denn die Abonnentenzahl sinkt. Bis Mitte nächsten Jahres werden nur noch drei Ausgaben erscheinen. Das „Kursbuch“ war 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet worden und hat schon einige Verlagswechsel hinter sich. Zunächst erschien es bei |Suhrkamp|, später bei |Wagenbach| und schließlich bei |Rowohlt Berlin|. Die Herausgeber des „Kursbuchs“, Ina Hartwig und Tilman Spengler, suchen nun wieder nach einem neuen Verlag, erste Angebote sind schon eingegangen.

_Hanser_ wächst weiter, denn der zu |Hanser| gehörende _Paul-Zsolnay-Verlag_ hat den Literaturverlag _Deuticke_ übernommen. Erst im vorigen Jahr wurde dieser von _Klett_ gekauft und nun schon wieder abgestoßen. |Zsolnay| erweitert damit sein Programmspektrum mit österreichischen Autoren. Der Markenname |Deuticke| wird bestehen bleiben und als Imprint geführt.

Fantasy-Autorin _Ursula K. LeGuin_ feiert am 21.Oktober 2004 ihren 75. Geburtstag. Ihr Zyklus „Erdsee“ ist jetzt preisgünstig in der |Serie Piper| neu aufgelegt worden (Serie Piper 8523, 8542 und 8541).

Der Verleger _Ferdinand Schöningh_ verstarb im August an einem Herzversagen. Er war 1986 in die Leitung des 1847 gegründeten |Schöningh|-Verlags eingetreten und 1989 zu dessen Geschäftsführer bestellt worden. Im Jahr 2000 übernahm er auch die Geschäftsführung des Wissenschaftsverlags |Wilhelm Fink|. Er führte sein Familienunternehmen in fünfter Generation.

Auch Professor _Dietrich Kerlen_, Inhaber des Lehrstuhls für Buchwissenschaft und Buchwirtschaft am |Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft| der Universität Leipzig ,verstarb im August an einer Herzattacke. Er war Lektor bei |Klett-Cotta| und Mitglied der Geschäftsleitung im Gütersloher Verlagshaus. Seinen Lehrstuhl in Leipzig hatte er seit 1995.

_Hartz IV_ ist auch für Verlage und Buchhandel ein Ärgernis. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage wird sowieso seit längerem nicht mehr so viel gekauft wie früher („Geiz ist geil“), aber die Verunsicherung der Kunden, was da im Zuge von Hartz IV auf die Verbraucher zukommen mag, macht den ausbleibenden Umsatz nur noch schlimmer. Seit der Reformdebatte traut man sich noch viel weniger, Geld auszugeben. Das Reizwort Harz IV treibt die Menschen auf die Straße und in dieser Stimmungslage entwickelt niemand Kaufgelüste. Allein das Gefühl, es könnte noch enger werden, verkleinert den Kreis derjenigen, die mehr als das Notwendige ausgeben.

Araber haben seit dem 11. September 2001 hierzulande eine schlechte Presse, wenn seither die Medien auch um so gründlicher über die islamische Welt informieren. Die _Buchmesse_ bietet in diesem Jahr den Arabern die Plattform zu einer gründlichen „Gegenoffensive“. Ab 2006 wird die Führung der Frankfurter Buchmesse neu besetzt. Der Vertrag mit dem amtierenden Geschäftsführer _Volker Neumann_ endet am 31.12.2005 und wird nicht verlängert. Dieses unfreiwillige Ausscheiden sorgt derzeit für Turbulenzen in der Branche. Der Aufsichtsrat duldet anscheinend keinen starken Messedirektor, heißt es unter anderem. Auch wird gemunkelt, dass einer der Gründe darin liegt, dass Neumann die Messeverlegung forcierte und alternative Standorte anstatt Frankfurt prüfte. Aber auch anderer Gegenwind weht noch: Die _Frankfurter Messegesellschaft_, denen die Messehallen gehören, ist an einer kompletten Übernahme der Buchmesse interessiert oder zumindest an einer Beteiligung. Der _Börsenverein_, von dem die Buchmesse eine Tochtergesellschaft ist, sieht allerdings keine Veranlassung, sich von der Messe zu trennen und sucht nicht das Gespräch mit der |Frankfurter Messe GmbH|.
Im nächsten Jahr wird es zum Auftakt der Messe auch einen neuen Buchpreis geben. Der _Deutsche Buchpreis_ unterscheidet sich in seinem Konzept deutlich vom einstigen _Deutschen Bücherpreis_, der im März 2004 zum letzten Mal in Leipzig vergeben wurde. Ausgezeichnet werden nun die besten Romane des Jahres in deutscher Sprache. Da der Preis nun von Leipzig nach Frankfurt wandert, vergibt die Leipziger Messe im nächsten Jahr stattdessen erstmals den _Preis der Leipziger Buchmesse_ zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Essayistik sowie Übersetzung. Dass der Börsenverein den in den vergangenen Jahren in Leipzig vergebenen |Deutschen Bücherpreis| nicht fortführt, wird politisch interpretiert, man spricht von einer Vertiefung des Ost-West-Konflikts.

Das Börsenblatt, das die hauptsächlichen Quellen für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.

Nesser, Hakan – Sein letzter Fall

_Schwarze Logik: Van Veeterens großer Irrtum_

Jedes Kunstwerk ist ein Betrug und jeder Betrug ein Kunstwerk – dieser Satz könnte auch auf den Fall G. zutreffen, den Kommissar Van Veeteren fünfzehn Jahre lang ungelöst mit sich herumschleppt. Bis sich dann endlich Hoffnung auf das Lösen des Rätsels ergibt – und der Kommissar in eine tödliche Falle tappt.

|Der Autor|

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar Van Veeteren wurden verfilmt. Auf Deutsch sind u. a. erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl). Zuletzt erschienen die Romane „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“ sowie „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“.

_Handlung_

Maarten Verlangen ist ein Privatdetektiv, der in seiner Heimatstadt Maardam schon mal bessere Tage gesehen hat. Er war bis zu einem Korruptionsskandal ein relativ unbescholtener Polizist, doch seitdem hat sich seine Frau von ihm scheiden lassen und seine Tochter Belle mitgenommen. Jetzt, mit 47, hat er keine großartigen Perspektiven mehr. Man schreibt das Jahr 1987.

Mit dem neuen Beschattungsauftrag winkt ihm hingegen ein Tausender für leichte Arbeit, und so greift er ohne Zögern zu. Barbara Hennan will, dass er zwei Wochen lang ihren Mann überwacht. Leider kennt Maarten diesen Typen ganz genau: Jaan G. Hennan hat er seinerzeit selbst in den Knast gebracht. Damals schwor ihm Hennan Rache. Anfangs gestaltet sich die Beschattung wie erwartet langweilig, doch dann bezecht er sich eines Nachts mit Hennan selbst. Am anderen Tag hofft er, dass er Hennan nicht im Suff verraten hat, dass er ihn beschattet – und in wessen Auftrag.

Das Wochenende verbringt Maarten recht sorglos, zunächst bei einer Freundin, dann zu Hause, wo er endlich dazu kommt, die Zeitung zu lesen. Da endlich trifft ihn die Nachricht des Tages wie ein Vorschlaghammer: Barbara Hennan wurde tot in ihrem leeren (!) Swimmingpool unter dem Sprungturm aufgefunden. Sie war für das Baden angezogen und hatte über 1,4 Promille Alkohol im Blut. War sie besoffen ins vier Meter tiefe Becken gestürzt – oder hatte jemand nachgeholfen? Jaan G. Hennan hatte sie gefunden und die Polizei von Linden gerufen, die später die Polizei von Maardam hinzurief: Kommissar Van Veeteren und Inspektor Münster.

Genau wie Verlangen kennt auch Van Veeteren seinen früheren Schulkameraden, den Sadisten und Leutequäler Hennan. Er ist ebenfalls keineswegs erfreut, ihn wiederzusehen. Unterdessen erfährt Verlangen vom Direktor der Versicherungsgesellschaft, die ihm ab und zu Aufträge zuschanzt, dass Barbara Hennan eine Woche vor ihrem Tod eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte: Für den Fall ihres natürlichen oder eines Unfallstodes erhält Hennan 1,2 Millionen. Die Versicherung würde ungern zahlen. Verlangen solle doch mal zusehen, ob man nicht einen Totschlag oder Selbstmord daraus machen könnte …

Doch der Privatdetektiv ist eine ehrlichere Haut, als er selbst von sich gedacht hatte. Er erzählt Van Veeteren, was er weiß. Der Kommissar ist entzückt: Hennan, den er selbst bis aufs Blut hasst, hatte ein einmalig gutes Motiv, er hatte die Mittel. Allerdings hat er für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi: Verlangen selbst. Und selbst härteste und raffinierteste Verhörmethoden, ja sogar eine Gerichtsverhandlung können Hennan nicht festnageln.

Der Fall G., muss Van Veeteren widerwillig zugeben, ist an einem toten Punkt angekommen.

Fünfzehn Jahre später, man schreibt das Jahr 2002, meldet Verlangens Tochter Belle ihren Vater als vermisst – allerdings nicht auf dem Polizeirevier, sondern bei Van Veeteren in dessen Antiquariat persönlich. Wochen zuvor hatte er noch ihren Sohn kurz angerufen – er habe die Lösung des Falles G. endlich gefunden. Van Veeteren kombiniert auch gleich richtig: Verlangen tätigte seinen letzten Anruf nicht aus Maardam, sondern aus der Nachbarstadt Kaalbringen.

Was für ein Glück! In Kaalbringen hatte er einmal zu tun (in „Das vierte Opfer“), und seitdem hat er dort einen guten Freund, den ebenfalls in den Ruhestand gegangenen Kommissar Bausen, der nun eifrig malt. Und VV erinnert sich noch gut an eine ebenso hübsche wie fähige Inspektorin namens Moerk (mit der Kommissar Münster mal was hatte).

Da müsste es ja mit dem Teufel zugehen, wenn sie im Fall G. nicht endlich weiterkommen würden, oder? Leider hat Maarten Verlangen zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes zusätzliches Loch im Schädel …

_Mein Eindruck_

So wie Gallien gemäß Julius Cäsar in drei Teile aufgeteilt wurde, so zerfällt auch dieser Roman in zwei separate Teile. Der erste spielt 1987, als VV gerade mal 15 Jahre im Polizeidienst ist, und der zweite 2002, als er den Dienst bereits quittiert hat, um ein Antiquariat zu führen.

|Fieberkurven|

Die Spannungskurve verhält sich diesen Teilen entsprechend, aber anders als in den üblichen Thrillern und Krimis: Von einem hohen Niveau nach der Entdeckung des Todes von Barbara Hennan verläuft sie in einem abfallenden Bogen nach unten. Die Verhöre bringen nichts – oder hat die Polizei etwas übersehen? Die Fall G. landet an einem toten Punkt. Nur um sich dann im zweiten Teil ebenso steil wieder nach oben zu arbeiten, bis sich die Spannung zu einem Finale steigt, das man sich dramatischer kaum vorstellen kann – für VV geht es nämlich um Leben oder Tod.

Für den (oder die, falls G. einen Helfer hatte) wahren Täter verläuft die Erfolgskurve natürlich genau umgekehrt. Denn jeder Betrug ist ein Kunstwerk, wie gesagt. Und da dieser Betrug – an der Versicherung, an der ach so schlauen Polizei – so hervorragend geklappt hat, geht Jaan G. Hennan als freier Mann von dannen, und um 1,2 Millionen Gulden (etwa 600.000 Dollar) reicher. Für Maarten Verlangen aber führt die Kurve des Erfolges steil nach unten – bis kurz vor seinem Ende, als er einen Hoffnungsfunken zu erhaschen meint.

|Seltsame Irrtümer|

Warum konnte die Polizei in Linden und Maardam den Fall G. nicht lösen? Das fragt sich der Leser verblüfft am Schluss. Denn der Betrug konnte nur aufgrund weniger Details, die übersehen wurden, vollständig gelingen. Waren es die Ermittlungsmethoden, die keineswegs auf DNA-Analyse und Elektronenmikroskope zurückgreifen konnten? Oder lag es an der mangelnden Vorstellungskraft der Ermittler? Waren sowohl VV als auch Verlangen derart von ihrem Hass gegen Hennan geblendet, dass sie seinen Trick nicht durchschauen konnten – oder nicht wollten?

Eines steht jedenfalls fest: Wer das überraschende Ende des Falles G. erfahren hat, will den Roman sogleich von Neuem lesen. Allein schon um mitzubekommen, wie sich die entscheidenden Details anders interpretieren lassen. Man sieht dann die Abläufe und Ermittlungsresultate mit anderen Augen – und liest einen völlig anderen Roman. (Ähnlich wie bei „Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ der Schluss den ganzen Roman umwertet – ein gelinder Schock für den Leser.)

|Qual|

Mir selbst erging es ein wenig schlechter als so manchem Amazon-Kommentator. Ich quälte mich durch den ersten Teil. Doch im zweiten Teil, der auf Seite 279 beginnt, schreitet die Handlung rasch voran. Quasi wie auf einer Schnitzeljagd führt ein Ermittlungsergebnis zum nächsten und so weiter. Bis es dann zu spät ist für Van Veeteren.

Ich möchte niemandem den ersten Teil miesmachen, aber er könnte sich doch als eine gelinde Enttäuschung herausstellen. Da hilft nur ein Gedanke: Es kann nur besser werden!

|Private Entscheidung|

Und so ganz nebenbei führt der ungelöste Fall G. am Ende des ersten Teils doch zu einer Entscheidung. VV beschließt, sich von seiner Frau Renate zu trennen, da seine Ehe praktisch nur noch auf dem Papier existiert. Da lebt sein Sohn Erich noch, ebenso seine Tochter Jess. Im zweiten Teil ist Erich bereits tot, wie wir aus dem Roman „Der unglückliche Mörder“ wissen. Und VV ist glücklich mit Ulrike Fremdli verheiratet, einem „wahren Wunderwerk von einer Frau“. Wäre es da nicht ein Jammer, wenn VV irgendwo im Wald bei Kaalbringen abgeknallt werden würde? Na also.

|Der Dekalog ist fertig|

Van Veeteren besucht mit Ulrike gerne das Kino, und diesmal gehen sie in einen Film von K. Kieslowski aus dessen „Dekalog“-Reihe. Mit „Sein letzter Fall“ hat der Autor ebenfalls einen Dekalog abgeschlossen: zehn Romane um Kommissar Van Veeteren, mit Intermezzi um seine engsten Kollegen, Moreno („Der Tote am Strand“) und Münster („Das vierte Opfer“), insgesamt rund 3500 Seiten.

|Das Beiheft|

Der Leinenausgabe ist ein schmales dunkelrotes Heftchen beigelegt. Es trägt den schönen Titel „Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?“ und versteht sich als „Ein Führer durch Håkan Nessers Romanwelt“. Geschrieben hat diesen nützlichen Cicerone ein gewisser Eugen G. Brahms, über den wir auf der letzten Seite folgendes erfahren: „Brahms kam 1950 nach Schweden. Nach Studium u. a. der Mathematik und der Literaturgeschichte an der Uni Uppsala und der Hochschule von Örebro war er tätig als Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger. Wohnhaft in Uppsala und schließlich auch in Stockholm.“ Von ihm ist wohl besonders zu erwähnen, dass er einen Essay mit dem Titel „Der ultimative Romanumfang – 3500 Seiten“ schrieb, und das bereits 1993!

Dass Brahms aber doch kein Hellseher ist, sondern lediglich ein fähiger Literaturkritiker, belegen seine Ausführungen über Nessers Romanwelt, die er auf 27 Seiten ausbreitet und auf weiteren Seiten mit Anmerkungen und einer Straßenkarte von Kumla versieht.

Hier erfahren Nesser-Kenner und solche, die es werden wollen, wie das fiktive Land aussieht, in dem die VV-Romane spielen, wo es ungefähr liegen könnte, wie es beschaffen ist, was man sich unter Maardam und Kumla vorzustellen hat. Noch weitaus wichtiger als diese Realien sind die Ergebnisse, zu denen Brahms hinsichtlich der Philosophie des „Hauptkommissars“ gelangt, denn VV ist ja Agnostiker und hat in 30 Jahren Dienst seine eigene Lebensanschauung entwickelt und wiederholt revidiert. Das ist doch recht interessant – mindestens so interessant wie die ungewöhnlichen Verläufe, die die Fälle in den VV-Romanen nehmen. „Es gibt eine schwarze Logik“, sagt VV einmal. Und es lohnt sich, den Sinn hinter dieser seltsamen Bemerkung aufzudecken.

_Unterm Strich_

Als ich die erste Hälfte des Romans gelesen hatte, wollte ich ihm nur ein müdes Resultat bescheinigen, allenfalls noch einen Bonus für das nützliche Beiheft spendieren. Nach dem sehr bewegenden Epilog, der auf das dramatische Finale folgt, bin ich geneigt, dem Roman eine maximale Wertung angedeihen zu lassen. Sei’s drum!

„Sein letzter Fall“ ist ein Kunstwerk, und jedes Kunstwerk ist bekanntlich – wie Geschichten oder Gemälde – ein Betrug, zu unserer Unterhaltung. Diese Geschichte ist kunstvoll aufgebaut, auch wenn sich Spannung nicht so recht einstellen will. Doch es werden Weichen gestellt, und schließlich nähert sich der „Fall G.“ unaufhaltsam seinem Ende, das so oder so ausgehen mag.

Wir wünschen Van Veeteren, dass seine letzte Dienstreise gut ausgeht, doch andererseits wäre es vielleicht nicht allzu schlimm, wenn ihm das nicht vergönnt wäre. So wie sich der Kreis des Falles G. nun schließt, so schließt sich auch sein privater Lebens-Lauf. (Wieder einmal taucht, wie in jedem Nesser-Buch, ein Läufer, ein Jogger auf.)

|Die Übersetzung|

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt hat, mal wieder, eine großartige Leistung vollbracht. An manchen Stellen ist genau zu spüren, dass sie eine Weile nach dem haargenau treffenden deutschen Wort suchen musste, z. B. „kleidsam“, um die spezielle Philosophie, die Van Veeteren entwickelt hat, zum Ausdruck zu bringen. Es ist ihr ein ums andere Mal gelungen. Ein „Wunderwerk“, um es mit VV zu sagen. Fünf Romane Nessers harren noch ihrer Übersetzung. Wir können uns schon mal drauf freuen.

Deutsche Nesser-Verlagsseite: http://www.hakan-nesser.de.

Ohff, Heinz – König Artus. Eine Sage und ihre Geschichte

Heinz Ohff, Jahrgang 1922, war von 1961 bis 1987 Feuilletonchef beim Berliner „Tagesspiegel“. Im Büchergewerbe ist er bisher vor allem als Biograph hervorgetreten (über Fontane, über Schinkel, Preußens Könige u.a.). Hier nun schrieb er „die Biographie eines Mannes, der wahrscheinlich nie gelebt hat“, wie er gleich zu Beginn gewollt paradox formuliert. Weiter unten heißt es, historisch greifbar sei Artus kaum, und obwohl über seine Zeit mittlerweile vieles bekannt sei, wüssten wir immer noch nicht, ob es ihn jemals gegeben hat.

Warum dann diese Biographie? Aus drei Gründen: Artus ist eine gesamteuropäische Erscheinung; die Literatur über ihn füllt ganze Bibliotheken; und Artus stellt ein „Wunschbild des Abendlandes“ dar. Daher ist die „Traumfigur aus Historie, Sage und Wunschvorstellung […] realer und greifbarer geblieben als die meisten historisch gesicherten Gestalten“. Und somit verdient sie ein Buch, das ihren Spuren, der Wandlung ihres Bildes und dem gesammelten Erzählgut aus eineinhalb Jahrtausenden nachgeht.

Ein Buch, an dem einfach alles stimmt. Zum einen ist es hoch informativ, zum anderen ausgezeichnet lesbar, keine Lektüre nur für Fachleute (obwohl auch die, ausgenommen Puristen, ihren Spaß daran haben werden). Ohff schreibt klar, quicklebendig, humorvoll, und er webt eigene Erlebnisse und Eindrücke in seinen bunten Faktenteppich ein. Auf gut 330 Seiten zeigt er in 28 Kapiteln, was an Artus’ Lebensgeschichte mit einiger Wahrscheinlichkeit als gesicherte Tatsache betrachtet werden kann (leider recht wenig) und was die Dichtung daraus gemacht hat (erfreulicherweise recht viel). Ganz „nebenbei“ lässt er auch noch die Landschaft Cornwalls und ihre Bewohner vor den Augen des Lesers entstehen, erzählt Geistergeschichten und würdigt die bedeutendsten unter den Artus-Dichtern. Auch deutet er gekonnt und mit feiner Ironie die wechselvollen Ausgestaltungen der Sage und die Wandlungen ihrer Gestalten. Niemand wird „fannish“ beweihräuchert – mit liebevoller Sympathie und einigem Augenzwinkern spricht er über Artus und Gawain, Lancelot und Ginevra, Tristan und Isolde so, als seien sie reale Zeitgenossen, uns allen vertraute Bekannte. Auch die Orte – Tintagel, Loe Pool, Stonehenge, Glastonbury – werden bereist, und Abbildungen führen ihre bizarre Schönheit vor Augen. Am Ende des Buches erwarten den Leser ein Register der wichtigsten Personen des Artuskreises, eine Zeittafel der Artus-Geschichte(n) und eine Bibliographie, die zum Nach- und Weiterlesen anregt. Das Ganze erhält man für 8,90 Euro … Nein, ich finde an diesem Buch nichts auszusetzen. Dass die Zeittafel 1982 endet, mit dem Hinweis auf Marion Zimmer Bradleys „Nebel von Avalon“ und Gillian Bradshaws Artus-Trilogie, mag vielleicht nach den fehlenden 22 Jahren fragen lassen (immerhin erschien die Originalausgabe 1993, auch da waren es schon 11 Jahre; man hätte jetzt aktualisieren können). Aber Ohff vermerkt im letzten Satz seines Textes selbst, ein Ende der Neu- und Nachdichtungen um Artus sei nicht abzusehen, und außerdem: Seit „Die Nebel von Avalon“ gab es meines Wissens keinen wirklich großen oder innovativen Artus-Roman mehr. Also doch: Ich finde nichts zu kritisieren an diesem kleinen Juwel für Artus-Interessierte aller Art, vom Deutsch- oder Englischlehrer bis zum Fantasyfan.

_Peter Schünemann_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Lyon Sprague de Camp – H. P. Lovecraft. Eine Biographie

De Camp Lovecraft Cover 2012 kleinLovecraft als Figur der Projektion

Er ist heute so etwas wie ein Popstar der Phantastik, der ob seiner Vorliebe für Adjektive von der Kritik viel geschmähte, für seine stimmungsvolle Verschmelzung von Horror und Science Fiction gerühmte Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), der den qualligen ET-Götzen Cthulhu und seine nicht minder bösen Kumpane auf die Menschheit losließ.

Vor allem weist Lovecraft auf, was ihn von einem simplen Schreiberling & Schreibtischtäter zur Kultfigur erhebt: ein bizarres, unglückliches Privatleben, das denen, die es nicht führen, sondern nur darüber lesen müssen, unterhaltsam dünken kann und viel Raum für angenehme Schauder lässt. Lovecraft gilt als „Einsiedler von Providence“, der geradezu kamikazehaft am schnöden Alltag scheiterte und sich ganz in eine Fantasiewelt zurückzog, die ihm die Möglichkeit bot, sich eine Existenz als vornehm verarmter Gentleman im Stil des 18. Jahrhunderts vorzugaukeln. Lyon Sprague de Camp – H. P. Lovecraft. Eine Biographie weiterlesen

Klewe, Sabine – Schattenriss

Die 38-jährige Sabine Klewe, selbstständige Literaturübersetzerin und Dozentin in Düsseldorf, gibt mit „Schattenriss“ ihr Romandebüt. Der Inhalt ihres 227 Seiten umfassenden Erstlingswerkes ist schnell erzählt. Die Landschaftsfotografin Katrin Sandmann fotografiert für einen Artikel über Sterbehilfe des Niederkassler Kuriers Gräber auf dem Düsseldorfer Südfriedhof. Am nächsten Morgen wird auf einem dieser Gräber eine Leiche gefunden. Alles sieht danach aus, als hätte die 15-jährige Schülerin Tamara Arnold Selbstmord begangen, doch Katrin entdeckt auf den Fernsehbildern, dass etwas auf dem Grab fehlt. Auf den von ihr aufgenommenen Bildern wird der Grabstein von der Figur eines kleinen steinernen Engels geziert. Sie zeigt ihre Fotos der Polizei und tatsächlich ist der steinerne Engel verschwunden. Zuerst glauben die Ermittler Komissar Klaus Halverstett und Rita Schmitt nicht an einen Zusammenhang, doch dann ergeben sich neue Hinweise.

Tamara war nicht allein auf dem Friedhof, laut Obduktionsbericht hatte sie kurz vor ihrem Tod noch Geschlechtsverkehr. Dabei ist beunruhigend, dass Tamaras Körper mit Schnittwunden und Striemen übersäht ist. Einige dieser Wunden sind fast schon vernarbt. Wurde Tamara über längere Zeit missbraucht?
Als Katrin nach einer weiteren Befragung vor dem Polizei-Präsidium Tamaras Eltern kennen lernt, fühlt sie sich verpflichtet, zur Aufklärung des Falles beizutragen, und fängt an auf eigene Faust zu ermitteln. Mehr zufällig als aufgrund detektivischer Fähigkeiten, gelingt es ihr auch den Fall zu lösen, dabei gerät sie in tödliche Gefahr.

Die Geschichte um den Mord an Tamara Arnold hätte sehr großes Potenzial geboten, einen „psychologisch-intelligenten“ (Klappentext) Krimi zu schreiben, Sabine Klewe schafft es jedoch nicht, aus einem zweitklassigem Krimi – den man innerhalb weniger Stunden gelesen und in genauso kurzer Zeit auch wieder vergessen hat – einen wirklich erstklassigen Psycho-Thriller zu machen. Möglichkeiten dazu hätte sie genug gehabt, denn „Schattenriss“ bietet einen äußerst interessanten Plot, der sich im Verlauf der Geschichte auch spannend entfaltet. Leider hat der Roman aber ein paar Ecken und Kanten, die dem Lesevergnügen eher abträglich sind.

Die Geschichte des Opfers Tamara Arnold, mit ihrem Hang zur Selbstverstümmelung und Masochismus, und die Motivation zu ihrem Mord bleibt zum größten Teil im Dunkeln. Was hat dieses Mädchen dazu getrieben, sich selbst zu verletzen? Warum erpresste die ehemals sehr gute Schülerin ihren Chef in der Videothek und versteckt dann das Geld in ihrem Zimmer? Sabine Klewe benutzt den Mord an Tamara nur als etwas, das aufgeklärt werden muss, unter der Prämisse: Wenn der Mörder gefunden wurde, wird schon wieder alles gut. Der Mörder in „Schattenriss“ ist aber kein Serienkiller, der sich ein x-beliebiges Opfer ausgesucht hat, Tamara wurde gerade wegen ihrer drastischen Veränderung vom netten Mädchen in eine selbstzerstörerische, erpresserische Masochistin umgebracht. Was hat Tamara Arnold so verändert, dass der Mörder sich gezwungen sah, sie umzubringen? Die Beantwortung dieser Fragen hätte dem Leser sicherlich einen emotionaleren Blick auf den Mord verschaffen können.

Profitiert hätte der Roman auch von einer sorgfältigeren Ausarbeitung der übrigen Figuren. Manche der aufgeführten Charaktere hätte man komplett streichen können, so nutzlos und uninteressant sind sie für den Verlauf der Geschichte (Rita Schmitt). Einige spielen nur Hinweisgeber für die Hauptfigur, bleiben für die Geschichte jedoch völlig bedeutungslos und austauschbar. Ein „Schuss Romantik“ sollte sich wohl aus der Beziehung von Katrin Sandmann mit Manfred Kabritzky ergeben, man erfährt jedoch so gut wie nichts über den Reporter. Eine Zeitlang gibt er Hinweise, dann ist er Katrins Hauptverdächtiger (aufgrund eines unglaubwürdigen Indizes), dann darf er die Heldin aus einer lebensbedrohlichen Situation retten, trotzdem ist während des ganzen Romans von Gefühlen zwischen den beiden nichts zu spüren.

So richtig schlecht ist dann aber die Aufklärung des Falles durch Katrin Sandmann. Das Indiz, das sie letztendlich zum Mörder führt, ist vollkommen lächerlich. Ohne einen richtigen Hinweis, nur einem Gefühl nach, besucht sie am Ende den Mörder, der, obwohl sie noch keine Frage gestellt hatte, sofort gesteht. Dann legt er Katrin Handschellen an, die dabei völlig passiv bleibt und holt erst danach einen Messer, mit dem er sie bedroht. Anschließend muss sie natürlich vom strahlenden Helden gerettet werden, den sie vorher zu Unrecht beschuldigt hat (s. o.).

Fazit: „Schattenriss“ ist ein durchaus spannender Krimi, bei dem der Mörder nicht schon auf den ersten Seiten klar ist. Dabei bleibt er allerdings meilenweit unter seinem Potenzial, die Figuren bleiben leblos und die Aufklärung des Falles ist nicht wirklich nachvollziehbar.

Zu erwähnen wäre noch ein merkwürdiger Druckfehler, der sich durch das gesamte Buch zieht, anstelle der Buchstabenkombination vera wurde rita gedruckt also z. B. „ritabreden“ für „verabreden“. Das stört den Lesefluss an manchen Stellen dann doch erheblich.

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – HR Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts

HR Gigers Zusammenstellung von Vampirkurzgeschichten, die 2003 unter dem Titel „HR Giger’s Vampirric“ in Buchform bei Festa erschienen ist, ist nun auch in vier einzeln erhältlichen Hörbüchern bei LPL records auf den Markt gekommen. Eine Auswahl von insgesamt sechs Erzählungen (also eine Art „Best-of“ der Anthologie) soll beim Hörer für gepflegten Grusel sorgen – der Slogan des Verlags lautet schließlich nicht umsonst „Gänsehaut für die Ohren“. Zwei dieser Kurzgeschichten finden sich auf dieser ersten CD: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ (amerik. „The Lost Art of Twilight“, 1989) von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ (dem Band „Cuentos de Amour, de Locura y de Muerte“ von 1917 entnommen) von Horacio Quiroga. Eingeleitet werden beide Geschichten jeweils von einem kurzen Vorwort des „Meisters“ Giger selbst.

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – HR Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts weiterlesen

Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

Douglass, Sara – Sternenströmers Lied (Unter dem Weltenbaum 2)

Band 1: [„Die Sternenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=577

Der zweite Band des Weltenbaum-Zyklus trägt den Titel „Sternenströmers Lied“, wobei ich mich immer noch frage, worauf genau sich dieser Titel wohl bezieht.

Axis ist auf dem Weg über Smyrdon und Sigholt nach Gorken gezogen. Unterwegs ist er auf Spuren seiner Vergangenheit gestoßen, und unter anderem will er jetzt endlich herausfinden, was bei und nach seiner Geburt mit ihm und seiner Mutter geschah. Und er will seinen Vater finden. Doch als er Gorken erreicht, erwartet ihn erst einmal ein Schock.
Faraday hat sich ebenfalls mit Hilfe zweier Hüter der Prophezeiung, Yr und Jack, nach Gorken durchgeschlagen und, obwohl sie Axis liebt, dort ihren Verlobten Bornhelm geheiratet. Ihren Versuchen, die beiden hasserfüllten Rivalen von einem tödlichen Zweikampf abzuhalten, ist allerdings nur mäßig Erfolg beschieden. Bornhelm drängt Axis in alle möglichen gefährlichen Situationen, in der Hoffnung, er möge darin umkommen. Axis jedoch meistert alle Herausforderungen mit Erfolg und erkämpft sich dadurch nicht nur die Unterstützung der übrigen Heerführer der Burg, sondern auch der einfachen Soldaten.
Schließlich kommt es zur entscheidenden Schlacht um Gorken, und Axis wird schwer verwundet …

Zur gleichen Zeit, in der das Heer der Achariten Gorken gegen die geisterhaften Kreaturen, Skälinge genannt, zu verteidigen sucht, wird auch der Wald im Osten angegriffen. Die beiden anderen Völker des Kontinents, die Awaren und die Ikarier, feiern dort die Wintersonnwende. Bei ihnen ist Aschure, eine junge Acharitin, die irgendetwas Besonderes an sich hat. Sie scheint sich dessen nicht bewusst zu sein, doch ist es vor allem ihr zu verdanken, dass es dem obersten Zauberer der Ikarier, Sternenströmer, gelingen konnte, Faraday zu Hilfe zu rufen. Denn Faraday ist die Baumfreundin …

Im zweiten Teil des Zyklus kommt die Geschichte allmählich in Fahrt!

Axis erkennt immer deutlicher, dass er kein einfacher Acharite ist. Seine Musikalität, die immer schon außergewöhnlich war, wird immer stärker. Bereits im ersten Band konnte er Dinge damit bewirken, und im zweiten Band beginnt er bewusster, sie einzusetzen, um das Geheimnis um seine Mutter zu lüften. Je deutlicher seine Abstammung sich abzeichnet, umso eher, wenn auch widerwillig, fängt er an, seine Bestimmung zu akzeptieren.
Auch Faradays Fähigkeiten beginnen zu wachsen. Nachdem sie am Ende des ersten Bandes einen Eid geleistet hat, der Mutter zu dienen, erhält sie als Geschenk eine hölzerne Schale, mit deren Hilfe sie mit der Mutter in Verbindung treten kann. Binnen kürzester Zeit schafft sie es, nicht nur Kraft daraus zu schöpfen, sondern ganz durch das Tor zu treten. Schon bald tritt ihre Fähigkeit, zu schützen und zu heilen, offen zu Tage.
Zusätzlich zu den bekannten Personen werden noch weitere eingeführt, die bisher kaum oder gar nicht auftauchten.
Aschure, die junge Frau, die zwei Awaren das Leben gerettet hat, spielt eine tragende Rolle im Kampf am Erdbaum und wird wohl im nächsten Band noch wichtiger werden. Goldfeder, die im ersten Band nur ganz kurz auftaucht, rückt ebenfalls mehr in den Vordergrund, als sie sich als Axis‘ Mutter Rivkah zu erkennen gibt. Außerdem hat Axis Vater Sternenströmer seinen ersten Auftritt, und in den Gedanken des Hüters Jack taucht erstmals ein weiterer Hüter auf, eine Frau namens Zecherach.

Auch die Handlung wird weiter ausgebaut.
Der Hauptstrang dreht sich größtenteils um die Rivalität zwischen Bornheld und Axis und um die Belagerung Gorkens, die parallel zu dem Angriff auf das Sonnwendfest abläuft. Daneben laufen die feineren Fäden von Axis Suche nach seinen Eltern und von der alarmierenden Entwicklung Timozels, Faradays Ritter.
Neu ist die Erwähnung eines vierten Volkes von Tencendor, wie Achar früher genannt wurde, der Charoniten. Ebenso wie die Suche nach Zecherach bildet dies den Beginn eines neuen Handlungsfadens.

Spätestens an dieser Stelle hat der Zyklus epische Formen angenommen. Bisher ist es der Autorin sehr gut gelungen, alle Handlungsstränge gleichmäßig weiterzuführen und die Klippe der Gleichzeitigkeit der beiden Schlachten, die durch Faraday miteinander verbunden sind, hat sie gut gemeistert.
Das Erzähltempo hat deutlich zugenommen, am Spannungsbogen hat sie kräftig gedreht. Die Bedrohung selbst hat ein wenig von ihrem Schrecken des Unbekannten verloren, trumpft dafür mit schierer Übermacht und ein paar abscheulichen Heerführern auf. Natürlich ist klar, dass Axis überleben muss, denn sonst wäre der Zyklus zu Ende, doch hält einen das Schicksal der Festung Gorken und der übrigen Personen bei der Stange.
Einziger kleiner Hänger ist die Tatsache, dass die Zahl der Völker Tencendors ursprünglich drei lautete, und plötzlich sind es vier. Nicht gravierend, aber eigentlich leicht umgehbar.

Im Großen und Ganzen jedoch ist es der Autorin zweifellos gelungen, den hohen Erwartungen nach dem ersten Band voll gerecht zu werden. Sie hat es geschafft, den Leser mitfiebern zu lassen und ihm gleichzeitig so viele Fragen aufgeworfen, dass er schon aus purer Neugier zum nächsten Band greift. Bleibt am Ende des zweiten Buches eigentlich nur noch die Frage, um welches Rätsel es im nächsten Teil gehen mag. Weiterhin gilt: Man darf gespannt sein!

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse weitere Romane und Kurzgeschichten.

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Giovetti, Paola – gefallene Engel, Der. Über den Teufel und das Böse in der Welt

„Der gefallene Engel“ ist eine interessante Arbeit über den Teufelsglauben, verfasst von einer italienischen Geisteswissenschaftlerin und damit einmal mehr ein notwendiger Beitrag dahin, dass auch Frauen vermehrt beginnen, sich in wissenschaftlichen Arbeiten mit der Teufelsthematik auseinander zu setzen. Denn dies geschieht auf andere Weise als es frühere männliche Kollegen taten. In ihrem Werk erscheint der Teufel nicht als das „Böse“, sondern sie greift auf alte Mythologien zurück und auf Aspekte des luciferischen Prinzips eines „Lichtbringers“, der z. B. bei den Griechen als Prometheus – welcher Zeus das Feuer raubte und es den Menschen brachte – in hohem Ansehen stand. Hervorragend ist ihre Aufarbeitung der Thematik in den romantischen Schriften und in der Kunst, Musik, Literatur – wo man ja über Dante, Goethe, Schiller, Baudelaire, Hugo, Dostojewski und viele andere im Teufelsthema sehr fündig werden kann. Aus dieser kulturhistorischen Sichtweise gelangt sie auch zu den heutigen psychologischen Auslegungen, ausgehend vor allem von der „Schatten“-Thematik bei C. G. Jung bis hin zu seinem bahnbrechenden Buch „Antwort auf Hiob“. Den inquisitorischen Diffamierungen gegenüber „schwarzen Messen“ und anderen Ausschweifungen der Satanisten hält sie den Spiegel der mittelalterlichen Hexenverbrennungen und des damit verbundenen „Aberglaubens“ an Besessenheiten entgegen und beruft sich dabei auf die Arbeiten von Sigmund Freud, der dies alles als absurde Phantasien des Unbewussten enttarnte. Das „Böse“ erkennt sie durchaus in politischer Hinsicht und führt Beispiele wie Adolf Hitler, die Golfkriege gegen Hussein oder die Konflikte im Balkan auf. Den Teufel kann sie darin nicht erkennen.

Nicht zuletzt aufgrund der reichhaltigen Bebilderung eine sehr schöne Arbeit, welche die Faszination des Lucifers in kulturspezifischer Hinsicht zusammenfasst. Im Grunde ist dies in etwa die Position wie sie in Deutschland auch der Orden „In Nomine Satanas“ (INS) vertritt. Leider gelingt ihr aber nicht der Sprung, den Teufel aus weiblicher Sicht ganz anders als patriarchalisch-traditionell neu zu definieren, wie es z. B. die deutsche Autorin Dagmar Scherf in ihrem Buch „Der Teufel und das Weib“ erstmalig vorlegte. In Italien war das Buch von Giovetti in der „Edizioni Mediterranee“ 1997 erschienen. Dieser Verlag ist einer der niveauvollsten okkulten Verlage Italiens, leider in Deutschland bisher nicht so sehr bekannt. Vor allem die umfassende Julius-Evola-Ausgaben dieser Edition warten noch auf ihre deutschen Übersetzungen. Es ist begrüßenswert, dass ein Großverlag wie |Hugendubel|, dem |Kailash| angehört, sich zu einer solche Übersetzung entschließen konnte und das macht Hoffnung, dass auch andere Titel dieses bedeutenden Verlages demnächst in deutscher Sprache zugänglich werden.

Rankin, Ian – Ein eisiger Tod

Der neue Fall beginnt spektakulär aber trügerisch: Detective Inspector John Rebus von der Kriminalpolizei Edinburgh und sein Chef Frank Lauderdale verfolgen zwei junge Männer, die angeblich die Tochter von Lord Provost gekidnappt haben. Die Jagd endet im Desaster; Rebus und Lauderdale verunglücken mit dem Wagen, die in die Enge getriebenen „Entführer“ – die keineswegs taten, wessen man sie verdächtigt – stürzen sich lieber in den Tod als ins Gefängnis zu wandern.

Rebus kann diesen Vorfall nicht verwinden. Er stellt Nachforschungen an, die wie üblich seine Vorgesetzten missmutig stimmen, sobald die Spur in höchste politische und wirtschaftliche Kreise weist. Offenbar arbeiten Beamte wie besagter Lord Provost – aber nicht nur er – mit großen Konzernen zusammen. Gewaltige Fördergeldsummen und Privilegien werden zweckentfremdet, um Schottland in eine Hard- und Softwareschmiede zu verwandeln.

Schleunigst wird Rebus auf einen anderen, weniger brisanten Fall angesetzt. Vor den Augen des Stadtrats Tom Gillespie hat sich der Ex-Sträfling Hugh McAnally mit einer Schrotflinte den Schädel vom Hals gesprengt. Im zunächst verärgerter Rebus erwacht Eifer, als er entdeckt, dass auch Gillespie zur Gruppe der Verschwörer gehört. Anscheinend sollte er eindringlich gewarnt werden, denn der Stadtrat beginnt offenbar die Nerven zu verlieren.

Für Rebus kommt es knüppeldick. Er ist den inneren Kreis der Verschwörer inzwischen zu nahe gekommen. Der Polizeichef selbst tanzt nach deren Pfeife. Rebus wird „beurlaubt“, was ihn jedoch nicht abhält, auf eigene Faust seine Nachforschungen fortzusetzen. Er öffnet den Deckel zur Büchse der Pandora. Dort lauern keine Monster, sondern die eiskalten Großspekulanten einer globalisierten Oberschicht, die sich an die Gesetze und Regeln der „normalsterblichen“ Bürger nicht gebunden fühlen. Sie schicken Rebus keine Schläger auf den Hals, sie haben ganz andere, erschreckende Möglichkeiten, um ihren Gegner „legal“ auszuschalten.

Freilich kennen sie John Rebus nicht. Dessen Privatleben ist wieder einmal ein Chaos, und die Angst, seinen Job und damit seine einzige Stütze zu verlieren, lässt ihn erst recht die Flucht nach vorn antreten. Mit dem Mut der Verzweiflung foppt er seine Feinde, tritt sie in die Kniekehlen, schreckt selbst vor nächtlichen Einbrüchen nicht zurück, um ihnen begreiflich zu machen, dass die Welt nicht ihr persönliches Eigentum ist …

Kein irrer Serienmörder, kein Rätsel schmiedender Kidnapper, kein „richtiger“ Verbrecher treibt dieses Mal sein Unwesen. Nicht zum letzten Mal trifft John Rebus auf eine viel gefährlichere Kategorie von Schurken. Es sind die Herrscher der Gegenwart, denen ihre Macht zu Kopf gestiegen ist. Längst haben auf dieser Welt nicht mehr Könige das Sagen. Auch ihre demokratisierten Nachfolger mussten das Feld längst räumen. Heute tanzen sie wie die Mehrheit ihrer Bürger nach der Melodie, die gesichtslose Großkonzerne anstimmen.

Mit perfider „Logik“ verwischen diese die Grenze zwischen „Falsch“ und „Richtig“. Simple Gesetze kümmern sie nicht, die das „Ganze“ im Auge behalten. Naiv ist, wer glaubt, man könne eine Industrie ansiedeln, indem man sie einlädt zu kommen. Im Rahmen des Gesetzes sind gewisse Investitionsanreize möglich. Sie reichen längst nicht mehr aus. „Interessenten“ müssen mit Fördergeldern, Steuernachlässen und anderen Sonderrechten massiv umworben werden.

Wenn das Gesetz keinen ausreichenden Spielraum bietet, solche Firmen zu locken, dann muss man dieses Gesetz halt biegen oder auch brechen: Arbeitsplätze winken als „Preis“ für solche Mauscheleien, welche die Unbeweglichkeit der Justiz in einer schnellen, globalisierten und letztlich eigenen Regeln gehorchenden Geschäftswelt ausgleichen.

So reden sich jedenfalls jene ihr Handeln schön, die in dieses „Spiel“ verwickelt sind. Nicht einmal die Tatsache, dass sie selbst finanziell von ihren Manipulationen profitieren, bringt ihre Selbstgerechtigkeit ins Wanken: Dies ist die Belohnung, die wagemutigen Kämpfern gegen die Rezession zusteht; wir kennen diese Argumentation aus diversen realen Prozessen gegen gestrauchelte, aber niemals einsichtige Finanzgenies.

Wie Ian Rankin seinen John Rebus herausfinden lässt, ist es auch zu einfach: Besonders im angeblich vereinten Europa ist die Subventionspraxis so verwickelt, dass eigentlich niemand ihr Funktionieren wirklich begreift. Das öffnet dem Betrug Türen und Tore. Manche Kapitel lesen sich etwas zäh, wenn Rankin aufdröselt, wie dies in Schottland funktionieren könnte. Tatsächlich erfasst den Leser Verzweiflung, wenn er (oder sie) begreift, dass der Kontinent Europa wohl niemals eine echte Gemeinschaft bilden wird. Jedes Land blickt auf eine viele Jahrhunderte währende individuelle Geschichte zurück. Einheit lässt sich nicht erzwingen. Kompromisse sollen sie gedeihen lassen. Diese sind unendlich kompliziert in ihren Details. Wer sich in diesem Gestrüpp auskennt, kann sein Wissen kriminell in blanke Münze verwandeln.

Schottland ist ein ideales Beispiel. Einst war dies ein eigenes Königreich und erbitterter Feind des Herrschers von England. Die „Vereinigung“ erfolgte durch Gewalt, und die britische Insel ist längst noch nicht zusammengewachsen. So existiert Schottland um des lieben Friedens willen heute als „quasi-selbstständiges“ Land im Norden Großbritanniens. Die politischen Konsequenzen sind unendlich kompliziert – und teuer für die Bürger, die mit ihren Steuern die daraus resultierenden Streitigkeiten und Absurditäten brav finanzieren.

Auch John Rebus ist keineswegs ein unbeirrbarer Idealist, der den gordischen Knoten der Korruption durchschlagen will. Er macht sich seine Gedanken darüber, dass sein Handeln die Schiebereien auffliegen lässt und das Aufblühen einer Industrie verhindern wird, deren Arbeiter sich einen Dreck um die Unrechtmäßigkeit ihrer Entstehung kümmern würden. Rankin hat die wichtigste Währung der Gegenwart und Zukunft bereits erkannt: Es sind Arbeitsplätze, die heute als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Rankin gönnt sich die literarische Freiheit, noch einmal „das Recht“ obsiegen zu lassen. Freilich ist er nicht so naiv zu glauben, dass die Entlarvung einzelner Konzernkrimineller das System noch aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Man glaubt es kaum, aber Ian Rankin gelingt es noch jedes Mal, die Welt für seinen John Rebus ein wenig düsterer zu gestalten, ohne damit aufdringlich oder unglaubhaft zu wirken (d. h. die sog. „Wallander“-Verdrießlichkeit heraufzubeschwören). Dieses Mal ist es vor allem die echte und gut nachvollziehbare Furcht unseres „Helden“ vor Gegnern, die sakrosankt erscheinen und sich mit normalen kriminalistischen Methoden – die Rebus so perfekt beherrscht – nicht aus der Reserve locken lassen.

Darüber hinaus ist Rebus‘ Privatleben sogar noch bemitleidenswerter als sonst. Seine geliebte Dr. Patience Aitken hat ihn vor die Tür gesetzt. An Versöhnung ist nicht zu denken, nachdem Rebus nach einer für ihn üblichen Unbedachtsamkeit auch noch ihre geliebte Katze gekillt hat (eine der für Rankin typischen, von knochentrockenem Humor geprägten Episoden, an denen „Ein eiskalter Tod“ wieder einmal so reich ist).

Im Büro setzt man ihm als neue Vorgesetzte ausgerechnet Gill Templer, eine andere Ex-Gefährtin, vor die Nase, die durch forcierte Unfreundlichkeit deutlich zu machen gedenkt, dass Rebus keine Sonderrechte genießt. Da ist dessen Kampf mit dem schleimigen Kollegen Flower fast eine Erleichterung, weil dieser dem ebenso boshaften wie einfallsreichen Inspektor nicht wirklich gewachsen ist.

In und um das Revier St. Leonard’s tummeln sich wie immer Rebus‘ geplagte, verärgerte, schockierte, sarkastische, abgebrühte Kolleginnen und Kollegen. Ihr Auftritt bietet jeweils ein willkommene Ablenkung von den deprimierenden Heimlichkeiten der „Ehrenmänner“, mit denen es Rebus in diversen Ministerien, Konsulaten oder Firmenpalästen zu tun bekommt. Die Polizisten Siobhan Clarke und Brian Holmes, die es noch am besten mit Rebus aushalten, müssen sich freilich dieses Mal mit Nebenrollen begnügen.

Ian Rankin wird 1960 in Cardenden (Verwaltungsbezirk Fife), einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studiert er ab 1983 Englisch, zunächst mit dem Schwerpunkt Amerikanische, später Schottische Literatur.
Schon früh hat Rankin zu schreiben begonnen. Zunächst ein hoffnungsvoller Poet, wechselt er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versucht er sich an einem Roman, findet aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erscheint 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Nachdem sein Stipendium ausgelaufen ist, verlässt Rankin 1986 die Universität. Gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Gattin geht er nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitet. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionageroman „Watchman“ (1990).

Allmählich beginnt sich der Erfolg einzustellen. Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasst Rankin in rascher Folge drei actionlastigen Thriller. 1991 greift Rankin eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hat auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus von der Kriminalpolizei der schottischen Metropole Edinburgh. „Knots & Crosses“ war 1987 weniger als Kriminalroman, sondern eher als intellektueller Spaß im Stil Umberto Ecos gedacht, den sich der literaturkundige Autor mit seinem Publikum machen wollte. Schon die Wahl des Namens, den Rankin seinem Helden gab, verrät das Spielerische: Um Bilderrätsel – Rebusse – dreht sich die Handlung.

Mit John Rebus gelingt Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftet. Als man ihn immer wieder auf das weitere Schicksal des Sergeanten anspricht, wird er sich dessen Potenzials bewusst. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt seither den dunklen Seiten nach, die den Bürgern, vor allem aber den (zahlenden) Touristen von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kirche gern vorenthalten, aber nicht selten von ihr, deren Angehörige sich über die ‚Normalsterblichen‘ und ihre Regeln und Gesetze erhaben fühlen, mit verursacht werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Simple Schurken, deren möglichst malerisches, weil „gerechtes“ Ende bejubelt werden kann, gibt es bei ihm nicht.

Ian Rankins Rebus-Romane kommen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zwei Mal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 1992 ehrt man ihn in den USA mit dem „Chandler-Fulbright Award“ als „vielversprechendsten Nachwuchsautoren des Jahres“. Rankin gewann im Jahre 2000 weiter an Popularität, als die britische BBC begann, die Rebus-Romane zu verfilmen.

Ian Rankins Website (http://www.ianrankin.net ) ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Die John-Rebus-Romane erscheinen in Deutschland im |Wilhelm Goldmann Verlag| (Stand: Herbst 2004):

01. Verborgene Muster (1987, Knots & Crosses) – TB-Nr. 44607
02. Das zweite Zeichen (1991, Hide & Seek) – TB-Nr. 44608
03. Wolfsmale (1992, Wolfman/Tooth and Nail) – TB-Nr. 44609
04. Ehrensache (1992, Strip Jack) TB-Nr. 45014
05. Verschlüsselte Wahrheit (1993, The Black Book) – TB Nr. 45015
06. Blutschuld (1994, Mortal Causes) – TB Nr. 45016
07. Ein eisiger Tod (1995, Let it Bleed) – TB Nr. 45428
08. Black & Blue (1997)
09. The Hanging Garden (1998)
10. Dead Souls (1999)
11. Der kalte Hauch der Nacht (Set in Darkness, 2000) – TB Nr. 45387
12. Puppenspiel (The Falls, 2001) – TB Nr. 45636
13. Die Tore der Finsternis (Resurrection Man, 2002)
14. Die Kinder des Todes (A Question of Blood, 2003)
15. Fleshmarket Close (2004; noch kein dt. Titel)

Darüber hinaus gibt es zwei Sammlungen mit Rebus-Kurzgeschichten: „A Good Hanging & Other Stories“ sowie „Beggars Banquet“.

H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

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Douglass, Sara – Sternenbraut, Die (Unter dem Weltenbaum 1)

„Die Sternenbraut“ bildet den Auftakt zu Sara Douglass‘ |Weltenbaum|-Zyklus, einer insgesamt sechs Bände umfassenden Reihe, deren letzter am 30. September herauskommen wird.

Schlechte Nachrichten erreichen Jayme, den Bruderführer und Obersten vom Orden des Seneschalls, der Kirche von Achar. Gestaltlose, grausame Wesen, scheinbar unverwundbar, tauchen immer wieder in den Nordlanden auf und greifen Soldaten des dortigen Außenpostens an. Die Brüder dort vermuten dahinter die |Unaussprechlichen|.
Um mehr darüber zu erfahren, schickt Jayme Axis, den Anführer seiner Truppen, zum Wald der schweigenden Frau, um von den dort lebenden Brüdern so viel wie möglich über die Unaussprechlichen zu erfahren. Danach soll er mit seinen Männern nach Norden reiten, um den Grenzposten zu verstärken. Ein Adliger des Reiches drängt Axis auch noch seine Tochter Faraday auf, die mit dessen verhasstem Halbbruder Bornheld verlobt ist. Axis soll sie nach Arkness geleiten, das auf seinem Weg liegt.
Doch die Reise verläuft keineswegs wie geplant und stürzt die beiden in heillose Verwirrung von Gefühl und Glauben.

Im Grunde gibt es über den ersten Band noch nicht allzu viel zu sagen. Handlung ist noch nicht übermäßig viel vorhanden, am Ende des Buches ist Axis noch nicht mal an der Front angekommen. Salopp formuliert könnte man sagen, der erste Band besteht aus 365 Seiten Einleitung, der Anlage von Charakteren und Handlungssträngen, der Welt, in der die Erzählung spielt, und ihrer Geschichte. Dabei lässt die Autorin sich viel Zeit; ein Charakter nach dem anderen wird langsam aufgebaut und in das Geschehen eingefügt, sodass auch die Beziehungen der Personen untereinander deutlich werden. Der Charakterzeichnung tut das gut, die Hauptfiguren des Buches, Axis und Faraday, erhalten dadurch Tiefe und Echtheit. Der Weltentwurf macht anfangs gelinde Schwierigkeiten, denn auch hier lässt die Autorin es langsam angehen, und man muss sich ein Stück weit einlesen, bis die Sache durchschaubar wird, da manche Begriffe wie zum Beispiel „Seneschall“ eine andere Bedeutung haben als gemeinhin üblich.

Sobald sich jedoch die anfängliche Verwirrung gelegt hat, entwickelt das Buch erste Spannung. Kaum hat der Held sich aufgemacht, die Welt zu retten, tauchen bereits die ersten Stolpersteine auf, und schon bald, genau genommen gleich nachdem man sich in die Welt hineingedacht hat, wird einiges wieder auf den Kopf gestellt. Menschen sind nicht, was sie zu sein scheinen, Wahrheiten entpuppen sich als unwahr, Sichtweisen verschieben sich.
Unterstützt wird dieser leichte Spannungsbogen noch von kurzen Geschehnissen wie dem Eissturm, die nicht nur der Entwicklung der Personen dienen, sondern auch Leben in die Handlung bringen und so über Längen hinweghelfen. Gegen Ende des Buches sind so viele Handlungsstränge und Fallstricke angelegt, so viele Rätsel und Geheimnisse angedeutet, dass das Potenzial für steigende Spannung locker für die folgenden beiden Bände ausreichen dürfte.

Sara Douglass erzählt flüssig und geschickt. Besonders intensiv wird ihre Sprache in dunklen, bedrohlichen Situationen wie Axis‘ Albträumen oder dem Eissturm. Auf übermäßig blutige Details wurde jedoch – abgesehen von Faradays Vision – verzichtet. Bei steigender Bewegung und Zuspitzung der Handlung dürften beide Punkte ein klares Plus für die Spannung bedeuten.

„Die Sternenbraut“ ist ein vielversprechender, wenn auch langer Einstieg, was allerdings bei knapp 2.500 Seiten Gesamtlänge des Zyklus nicht wirklich stört. Trotz gängiger Bausteine wie Bedrohung der Welt durch einen grausamen Zauberer, Prophezeiungen und Feindschaft und Misstrauen zwischen den bedrohten Völkern, wirken die Ideen, soweit sie sich bisher herauskristallisiert haben, eigenständig und machen neugierig auf Details. Die Hauptpersonen sind glaubwürdig, keine statischen Figuren, sondern auf Entwicklung angelegt und frei von Stereotypen.
Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht und ob es der Autorin gelingt, die hohen Erwartungen zu erfüllen, zu denen der Start berechtigt.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten.

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Picciotto, Richard – Paisner, Daniel – Unter Einsatz meines Lebens. Ein New Yorker Feuerwehrmann im World Trade Center

Es ist ein Arbeitstag wie so viele andere im Berufsleben des Feuerwehrmanns Richard Picciotto. In 28 Jahren hat er sich bis zum Battalion Commander des FDNY (Fire Department of New York) Battalion 11 empor gearbeitet – ein hoher Posten mit viel Verantwortung, der dem „Chief“ jedoch die Möglichkeit bietet, gemeinsam mit seinen Männern vor Ort Brände zu bekämpfen.

Dieser 11. September 2001 führt Picciotto und seine Gefährten in das „ganz Große“, jenes gefürchtete, halb mythische Feuer, dem sie womöglich nicht gewachsen sind: Terroristen haben eine Verkehrsmaschine in den Südturm des „World Trade Center“-Komplexes gelenkt. Das mehr als 400 Meter hohe Gebäude steht in Flammen. Kurze Zeit darauf rammt ein weiteres Flugzeug den Nordturm.

Aus ganz Manhattan, dann aus ganz New York eilen Feuerwehrleute an den Ort des Geschehens. Auch Battalion 11 ist, obwohl eigentlich nicht zuständig, zur Stelle. Picciotto stürmt mit seinen Männern in den Nordturm. Apokalyptische Szenen spielen sich hier ab, die Menschen oberhalb der Feuergrenze sind verloren. Unterhalb macht die Räumung Fortschritte, als der Nordturm einstürzt.

Die Feuerwehrleute wissen nun, dass auch sie in Lebensgefahr schweben. In Windeseile beginnen sie den Nordturm zu evakuieren, als das Befürchtete eintritt und auch dieser in sich zusammenbricht. Noch immer sind überall Feuerwehrleute im Gebäude. Auch Picciotto und einige Kollegen geraten in den Sog des Untergangs.

Wie durch ein Wunder werden sie bei dem Einsturz nicht zermalmt wie 343 andere Feuerwehrleute, sondern in einen Treppenhaus-Hohlraum gewirbelt. Unter dem Schuttberg des gigantischen Nordturm finden sie sich lebendig begraben wieder. In dem Chaos nach dem Inferno ist die Angst berechtigt, dass niemand sie finden oder auch nur suchen wird. Also beginnen die geschockten, verletzten Überlebenden, verzweifelt nach einem Ausweg zu suchen …

Eine Gruppe gut ausgebildeter, erfahrener Profis gerät in eine Krise, die sie in völlige Hilflosigkeit stürzt: Das ist eine Geschichte, die es zweifellos wert ist erzählt zu werden. Zwar wurde uns über den Terroranschlag auf die „Twin Towers“ in den vergangenen Jahren mehr als genug Lesestoff geboten. „Unter Einsatz meines Lebens“ bietet jedoch in doppelter Hinsicht eine ungewöhnliche Perspektive: Zum einen schrieb dieses Buch ein Mann, der buchstäblich „vor Ort“ war und dessen Erfahrungen unmittelbar sind. Zum anderen entstand Picciottos Bericht kaum drei Monate nach den Ereignissen, die hier noch „frisch“ und weitgehend ohne den Filter nachträglicher Interpretation rekonstruiert werden.

Richard Picciotto ist kein Schriftsteller; er spricht es selbst immer wieder an. Das hat seine Vorteile, weil er so schreibt, wie er vermutlich auch seine Einsatzberichte als Feuerwehrmann verfasst: nüchtern, den Blick auf Abläufe gerichtet, die minutiös beschrieben werden. (Um die Lesbarkeit des Ergebnisses zu garantieren, wurde mit Daniel Paisner ein Profi als Co-Autor engagiert.) Weil er nach knapp drei Jahrzehnten seinen Job in- und auswendig kennt, gibt es viele interessante Fakten und Interna über die militärähnlich strukturierte New Yorker Feuerwehr zu erfahren.

Weniger sachlich bzw. fachbezogen sind Picciottos Erinnerungen an den 11. September 2001. Schock und Stress trüben verständlicherweise das Bild, doch seine Schilderungen sind trotzdem von großer Bedeutung: Es gibt kaum Zeugen, die sich bis zuletzt in den beiden Türmen aufhielten und dies überlebten, um dann darüber berichten zu können.

Sehr anschaulich und fesselnd beschreibt Picciotto die Mischung aus Professionalität und Todesangst, die ihn wechselweise „funktionieren“ ließ und dann wieder lähmte. Als Leser fragt man sich natürlich, wie man selbst in einer solchen Situation reagieren würde. Picciotto macht deutlich, dass jede Vorstellungskraft versagen kann. Ständig erinnert er sich an sein Unvermögen, den Umfang der Katastrophe tatsächlich zu begreifen. Mitten in New York hielt er sich auf und kam sich doch vor wie gestrandet auf einem fremden Planeten. Wie Picciotto es in Worte fasst, glaubt man ihm das.

Bewusst beschränkt sich der Verfasser darauf, von „seinem“ 11. September 2001 zu berichten. Wie gesagt entstand „Unter Einsatz meines Lebens“ nur kurze Zeit später. Über die Hintergründe der Untat war da noch nicht viel bekannt. Um diese geht es auch gar nicht in Picciottos Buch. Er bedient diejenigen Leser, die es drängt, dem Unglück ein „Gesicht“ zu geben. So monumental war die Katastrophe jenes Septembertags, dass eines manchmal in Vergessenheit gerät: Jedes Opfer war ein Individuum, nicht nur Beiwerk eines schrecklichen Spektakels.

Ein lesenswertes Buch und auf seine Weise keinen „literarischen Schnellschuss“ auf der Jagd nach dem raschen Dollar hat Picciotto also verfasst. Einwände lassen sich dennoch gegen dieses Werk erheben. Aber „darf“ man das denn überhaupt? Gilt es nicht ehrfürchtig zu schweigen, wenn ein echter Held davon erzählt, wie er und seine Kumpels ihren „Job“ taten und dabei nicht nur an sich selbst, sondern vor allem an die ihnen zur Rettung anvertrauten Mitbürger dachten? „Sie nennen uns Helden, aber wir tun nur unsere Arbeit.“ – statt einer Widmung leitet dieses Zitat das Buch ein; derartig zur Schau gestellte Bescheidenheit kann durchaus als Koketterie ausgelegt werden. Am 11. September taten die Feuerwehrleute von New York weit mehr als ihre „Arbeit“.

Weiterhin berichtet der Autor vom Ende des World Trade Centers, jenes Gebäudekomplexes, der nach einem hochkriminellen Akt unentschuldbaren Terrors in Trümmer fiel und dessen „Ground Zero“ in einem zweiten Schritt – hier betreten wir den unsicheren Boden zwischen Sachlichkeit und wogenden Gefühlen – zur nationalen Weihestätte erhoben wurde.

Viel Schindluder wurde seither bekanntlich mit „11/9/2001“ getrieben. Jene, die trotz des Schocks zu Mäßigung bzw. Nachdenken rieten, wurden niedergeschrieen oder als „Landesverräter“ eingeschüchtert. Zusammen mit der Ungeheuerlichkeit des Geschehens entwickelte sich eine Art Reflex, der bei der Nennung von Reizworten wie „World Trade Center“ oder „Ground Zero“ zu bestimmten Reaktionen zwingt. Dazu gehört die Unterdrückung kritischer Fragen. „Unter Einsatz meines Lebens“ ist kein Produkt, sondern ein Bestandteil dieser Entwicklung. Als Picciotto schrieb, formierten sich die Fronten erst. Wir hören einen noch nicht indoktrinierten „WTC“-Zeugen. Das macht seine Worte besonders wertvoll.

Obwohl sich Picciotto um Sachlichkeit bemüht, misslingt es ihm – aber es misslingt ihm interessant bzw. viel sagend. Da ist auf der einen Seite das Zusammengehörigkeitsgefühl der Feuerwehrleute – sehr leicht nachvollziehbar, weil diese regelmäßig in Situationen geraten, die es lebenswichtig erscheinen lassen, sich auf die Kollegen verlassen zu können. Dieser Teamgeist wird indessen von Picciotto geradezu hollywoodlike überhöht. Eine New Yorker Feuerwache funktioniert wie ein Uhrwerk, der Vorgesetzte ist Kumpel, aber doch immer geachteter Chef. Feuerwehrleuten sind harte Jungs mit goldenen Herzen, die in ihrer Wache wohnen, schon Stunden vor dem Dienst dort erscheinen, eigentlich nur nach Hause fahren, um dort ihren Familien liebevoller Ehegatte und Vater zu sein, und sich auf jedes Feuer stürzen wie einst die US-Kavallerie auf widerspenstige Rothäute.

So geht es recht märchenhaft immer weiter. Picciotto übertreibt es völlig unnötig, denn die Taten der New Yorker Feuerwehrleute während des „World Trade Center“-Brandes sprechen eindeutig für sich und sie. Deshalb muss man wohl davon ausgehen, dass die Verklärung Absicht ist.

Mit Kritik hält sich Picciotto dagegen lange und überhaupt zurück. Man muss schon genau lesen, um zu erfahren, dass doch nicht alles Gold ist im US-Feuerwehr-Imperium. Die Männer sind schlecht bezahlt und unzureichend ausgerüstet, ihre Einsatzkoordination ist mangelhaft. Aber auch hier stützt sich Picciotto auf simple Schwarz/Weiß-Bilder: Während „an der Front“, d. h. in den Wachen und auf der Leiter, trotz aller Schwierigkeiten perfekte Arbeit geleistet wird, sitzt der „Feind“ – die Bürokratie – weit ab von jedem Feuer am Schreibtisch und zählt ohne Wissen und Verstand Erbsen, statt Entschlossenheit zu zeigen und die Geldbörse zu zücken. Wen präzise er damit meint, verrät uns Picciotto leider nicht; sein Mut reicht zwar aus, sich in ein brennendes Gebäude zu stürzen, aber mit der Stadtverwaltung legt er sich lieber nicht an.

So mischen sich mehr und mehr propagandistische Töne in Piciottos Schilderung. Er will mit seinem Bericht nicht nur informieren, sondern etwas erreichen: ein höheres Budget, mehr Entscheidungsfreiheit, weniger Gängelei. Das ist in Ordnung und wird zudem so offen und naiv vorgetragen, dass sich kein Leser manipuliert fühlen dürfte.

Dasselbe gilt für die unbeholfenen Patriotismen, die offenbar zur US-Mentalität gehören. Ein Feuer ist kein Feuer, sondern ein „Feind“, dessen unheilvolles Wirken Piciottos Mannen sehr persönlich nehmen. Lauter Individualisten verwandeln sich zu seiner Bekämpfung – und auch diese Bezeichnung ist hier ganz wörtlich zu nehmen – in ein Team, das alle an einem Strang ziehen lässt. Man kann das begeistertes Engagement nennen, man darf aber (ohne sich als europäischer Zyniker abqualifizieren zu lassen) auch leise Zweifel anmelden, ob dieses markig-idyllische Idealbild der Wirklichkeit entspricht.

Marklund, Liza – Rote Wolf, Der

Ein gesuchter schwedischer Terrorist kehrt nach 30 Jahren im französischen Exil, wo er für die baskische ETA tötete, in seine alte Heimat zurück, um hier zu sterben. Zur gleichen Zeit beginnt eine Reihe von mysteriösen Morden, die Liza Marklunds Serienheldin Annika Bengtzon, eine Reporterin, neugierig machen. Wenn sie sich mal nicht die Finger an dieser Story verbrennt.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. „Olympisches Feuer“ wurde laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)

Mehr Infos: http://www.lizamarklund.net.

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane:

„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
„Prime Time“,
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
„Studio 6“

gelesen, die alle als Buch und Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.

Winter liest die von Gabriele Gierz gekürzte Fassung. Regie führte Georg Gess.

_Handlung_

PROLOG. Ein alter Mann kehrt aus der Fremde zurück in seine schwedische Heimat, nach Luleå (ausgesprochen ‚lüvleå‘). Vorerst hat er keinen Namen, aber wir erfahren, dass er todkrank ist (Krebs?) und gegen die Schmerzen Morphium nehmen muss. In seinen Albträumen hat er dunkelrotes Blut an den Händen. Er erinnert sich an die glorreiche Zeit vor 30 Jahren, an seine früheren Kameraden in der „Bewegung“. Und unter ihnen an „Roter Wolf“. – Schon bald geschieht ein Mord in Luleå, dann, wenig später, ein zweiter …

HAUPTTEIL.

Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat ihrem Chefredakteur Anders Schümann erfolgreich eine neue Serie „verkauft“: Sie will unaufgeklärte Terroranschläge zum Thema machen. Die neue, faktenorientierte Ausrichtung des Blattes, für die Schümann verantwortlich zeichnet, erlaubt es ihr.

Als sie hoch im Norden in Luleå ankommt, ist ihr Kontaktmann tot: Benni Ekland wurde am selben Morgen von einem Auto überfahren, offenbar war es ein Unfall, glaubt die Polizei. Annika wollte mit dem Reporter von der Lokalzeitung ihre Aufzeichnungen kollegial austauschen. Nun erfährt sie überrascht, dass er seinen Artikel bereits am Freitag zuvor veröffentlicht hat, und auch noch mit Infos und Formulierungen, die von ihr stammen. Saubere Arbeit, denkt sie zynisch.

Sie waren beide am gleichen Thema dran: Vor 30 Jahren erfolgte in der Nacht zum 18. November 1969 ein Anschlag auf den Fliegerhorst Norrbottn. Ein Militärflugzeug vom Typ F-21 flog in die Luft, angeblich nachdem jemand einen Eimer Restbenzin angezündet hatte. Dabei kam ein Mann ums Leben, ein zweiter wurde verletzt. Wie unwahrscheinlich diese Ursache wirklich ist, erfährt Annika nicht vom Pressesprecher des Fliegerhorstes.

Und es waren wohl auch nicht die Russen, wie er behauptet, sondern eine linke maoistische Splittergruppe, wie ihr Kommissar Suub erzählt. Deren Kopf operierte wie alle Gruppenmitglieder unter einem Decknamen; seiner war „Ragnvald“: das isländische Wort für den „Beherrscher göttlicher Mächte“. Er ging später erst nach Uppsala, kam zurück und verließ nach dem F-21-Anschlag das Land, um sich der baskischen Separatistengruppe ETA anzuschließen. Ragnvald ist offenbar Bombenspezialist.

Der Kommissar erzählt ihr dies nur, weil ihm Annika berichtet, was sie von einem jungen Augenzeugen des „Unfalls“, der ihrem Kollegen Ekland zugestoßen war, erfahren hatte. Ekland wurde von einem Mann in einem schweren Volvo mehrfach überfahren und praktisch zermalmt. Es war kaltblütiger Mord. Am Tag nach der Zeitungsveröffentlichung dieser Erkenntnis wird dem Augenzeugen, dem Jungen Linus Gustafsson, die Kehle durchgeschnitten. Annika ist von schweren Schuldgefühlen geplagt. Ihre Klaustrophobie kommt unter seelischem Stress immer stärker zum Ausbruch, wobei sie imaginäre Stimmen hört, die sie trösten wollen.

Hat die neuerliche Mordserie etwas mit dem F-21-Anschlag vor dreißig Jahren zu tun und mit Eklands Artikel darüber? Wenn ja, dann schwebt auch Annika in Lebensgefahr, die sich nun auf die Spur des Terroristen Ragnvald und seiner Freundin „Roter Wolf“ gesetzt hat, obwohl es ihr der Chefredakteur ihres Blattes verboten hat. Er glaubt nicht an Terroristen in Nordschweden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Doch Annika hat Recht: Ein Mitglied von Ragnvalds Maoistengruppe nach dem anderen findet einen unnatürlichen Tod. In einem alten verstaubten Archiv stößt Annika auf ein brisantes Bild: Es zeigt Ragnvald neben einer jungen Frau, wie sie im November 1969 ihre Hochzeit proben. Die junge Frau ist Karina Björnlund, die gegenwärtige Kultusministerin …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Liza Marklund in Gestalt ihrer Serienheldin Annika Bengtzon ein heißes Eisen an: die früheren linken Splittergruppen der sechziger Jahren, deren Mitglieder dann entweder Normalos wurden oder in den terroristischen Untergrund gingen. Nach dreißig Jahren ist der Spuk aber nicht vorbei, sondern geht in Luleå von neuem los. Lange Zeit ist unklar, ob wirklich „Ragnvald“, mit bürgerlichem Namen Göran Nilsson, hinter der neuen Mordserie steckt – oder ob nicht ein Trittbrettfahrer sich die Rückkehr des alten Leitwolfs zunutze macht, um alte Rechnungen zu begleichen. Daher bleibt die Handlung auch bis zum Finale spannend.

|Zweites Finale|

Aber es gibt noch ein zweites Finale. Dieses schließt einen zweiten Handlungsstrang, der in meiner Inhaltsangabe nur angedeutet wird. Hier steht Chefredakteur Anders Schümann im Mittelpunkt. Sein Herausgeber und Verlagseigner Wennargren bietet ihm einen Karrieresprung an: Schümann könnte Vorsitzender des mächtigen Verlegerverbandes werden und in dieser Position die Medienpolitik der schwedischen Regierung im Sinne Wennargrens beeinflussen.

Und das ist auch dringend nötig, denn die Amerikaner drängen mit aller Macht auf den schwedischen Markt, indem sie digitales Fernsehen forcieren, das im gesamten Skandinavien zu empfängen wäre, würde es die Regierung, sprich: Björnlund, ohne Vorbehalte erlauben. Doch genau diese Vorbehalte spielt den beiden nun Annika Bengtzon in die Hand, ohne es zu ahnen: Die Tatsache, dass Björnlund eine Art „Terroristenbraut“ war, macht sie erpressbar. Schon bald stößt Annika in Björnlunds (öffentlich zugänglichen!) Briefwechsel auf seltsame Botschaften – nicht nur von einem „Gelben Drachen“ (= Ragnvald), sondern auch von Herrn Wennargren.

Im Finale dieses Handlungsstrangs hauen sich Schümann und Bengtzon gegenseitig die jeweiligen Verfehlungen um die Ohren. Schümann hat die Regierung manipuliert, doch Annika hat ihrerseits ihre journalistische Freiheit missbraucht, um die Geliebte ihres Mannes zu diffamieren und um den Job zu bringen.

|Drittes Finale|

Und so kommt es im dritten Handlungsstrang denn auch zu einem weiteren Finale. Das nimmt nicht die Form eines lautstarken Ehekrachs an, sondern vollzieht sich quasi heimlich, still und leise. Annika hat aus ihren Beziehungen gelernt. Sie hat zwei wunderbare Kinder, die sie liebt und die sie ihrerseits lieben. Doch Thomas ist frustriert über Annikas häufige dienstliche Abwesenheiten, gerade an Wochenenden. Daher kommt ihm ein weiches Weibchen, das ihn verwöhnt, gerade recht: Sofia Grenburi ist eine Kollegin, die er fast täglich in seinem Landtagsverband sieht.

Allerdings ist er so verschossen in sie, dass er auf der Straße unvorsichtig wird, wo ihn Annika eines Tages voll Entsetzen in den Armen einer anderen sieht. Der Schock sitzt tief, und sie weint sich bei ihrer besten Freundin Anne Snapfane (aus „Prime Time“) aus. Doch Anne geht es selbst nicht so gut, denn die Regierung unter Björnlund will ihren Sender |TV Scandinavia| praktisch dichtmachen. (Wir wissen, warum.) Annika kriegt auch diesmal die Kurve und packt den Stier bei den Hörnern. Drei Anrufe einer neugierigen Journalistin beim Landtagsverband genügen und Sofia Grenburri ist als rechtsextreme Steuerhinterzieherin und Betrügerin gebrandmarkt.

|Ergo|

Das wiederum bringt Annika zwar ihren Thomas zurück, spielt aber Schümann einen Trumpf gegen sie in die Hand (Sofias Vorgesetzte haben sich bei ihm über Annika beschwert). In dem beschriebenen zweiten Finale stellt Annika ihn vor eine schwere moralische Entscheidung: Entweder er geht den von Wennargren vorgezeichneten Weg die Karriereleiter hinauf und erpresst Björnlund weiterhin – oder er bringt Annikas Hintergrundartikel mit der Wahrheit über Björnlund, die Maoistengruppe und den wahren Mörder in Luleå. Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Natürlich gibt es noch ein viertes Finale, in dem sich Annikas Konfrontation mit dem Serienmörder von Luleå abspielt, doch es wäre wirklich fies, irgendetwas darüber zu verraten.

|Nobody like you|

Thomas erkennt aufgrund des Artikels im „Abendblatt“, mit welch einer einzigartigen Ehefrau er gesegnet ist: „Es gibt einfach niemanden, der so ist wie Annika.“ Na, das ist doch schön, wenn ein Ehemann das erkennt, nachdem er fremdgegangen ist! Doch wir wundern uns von Anfang an, ob es nicht vielmehr auch die Stimmen in Annikas Kopf sind, die sie so einzigartig machen. Mehrere Male ist Annika nahe dran, aufzugeben und sich wie zu einem Fötus zusammenzukauern, weil die Gewalt, die sie bedroht, so unüberwindbar und überwältigend erscheint. Dann melden sich die Stimmen, die sie trösten und verwirren: Sie singen von Sommerabenden und Blumen und wie schön es in ihrer Jugend war, als sie die Großmutter (die in „Paradies“ starb) besuchte.

Annika muss sich immer selbst zur Ordnung rufen, um dem Sirenengesang Einhalt zu gebieten und der äußeren Welt Widerstand zu leisten. Da Annika wahrlich einzigartig zu sein scheint, ist anzunehmen, dass eine Reihe von Frauen es nicht schafft, diesen Widerstand zu leisten. In „Studio 6“ erzählte Marklund von zwei Frauen im Sexgewerbe, denen dies nicht gelang.

Annika, keineswegs der Übermensch, hat aber auch Angst vor „dem Tunnel“. Es blieb mir im ganzen Hörbuch unklar, ob ein bestimmter Tunnel gemeint ist, denn ich kenne „Olympisches Feuer“ nicht. Oder ob mit „dem Tunnel“ beziehungsweise „dem Tunnelblick“ ein ähnliches Angst- und Stressverhalten wie bei den Stimmen gemeint ist. Der „Tunnelblick“ ist ein allgemein bekanntes Phänomen, das beispielsweise bei Wut und Übermüdung auftritt. Deshalb wäre es vielleicht nützlich, doch das Buch zu lesen.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt allerdings nicht. Glücklicherweise ist Schwedisch nicht so schwierig wie das Walisische. 😉

So etwas wie Musik ist zwar ebenfalls zu hören, aber es handelt sich lediglich um einen einzelnen, bedrohlich klingenden Basston, der Anfang und Ende einer CD begrenzt. „Musik“ würde ich das nicht nennen.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Marklund ein wirklich packendes Abenteuer ihrer Heldin Annika Bengtzon vor. Sie zeigt auf, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, sondern im Gegenteil einen langen Schatten wirft, der bis heute und in höchste Regierungskreise reicht. Welche Konsequenzen dies haben kann, zeigt die Medienpolitik auf, die Marklund von innen heraus kennt. Aber auch für Annika erweisen sich die Folgen der Rückkehr eines früheren Terroristen als verhängnisvoll – besonders dann, als sie trotz Pflicht- und Schuldgefühlen nicht aufhören will, den Spuren auf den Grund zu gehen.

Auch diesmal macht Judy Winter das Marklund-Hörbuch zu einem Hörereignis erster Güte. Dies macht sich am eindrücklichsten in jener klaustrophobischen Szene bemerkbar, als Annika mit den anderen Ex-Mitgliedern von Ragnvalds Gruppe in einem eiskalten, stockdunklen Häuschen aus Beton eingesperrt ist – und den anderen Anwesenden nacheinander die Sicherungen durchbrennen. Annika hat größte Mühe, nicht ebenfalls in Panik auszubrechen und aufzugeben. Denn das wäre ihr Ende im Kältetod. Diese Szene ist unvergesslich; das ist größtenteils Winters Verdienst.

|Umfang: 443 Minuten auf 6 CDs|

Oidium, Jan – Wacken Open Air History

15 Jahre |Wacken Open-Air| sind für die Veranstalter sicherlich ein legitimer Grund zum Feiern und zur Veröffentlichung einer ‚Festschrift‘. Das Buch „15th Anniversary Wacken Open Air – Die offizielle History“ wurde anlässlich des diesjährigen Festivals von der |Oidium Verlags GmbH| im Auftrag der Wacken-Organisatoren geschrieben und sollte schnellstens zur Pflichtlektüre jedes W:O:A:-Fans avancieren. Wer während des Festivals sein Taschengeld lieber in Getränke, Verpflegung oder Merchandise investiert hat, kann das Buch mittlerweile für 19,99 € regulär über den Buchhandel beziehen. Dafür erwarten den Fan 140 großformatige Glanzseiten Geschichte in Sachen Heavy Metal mit einer lesenswerten Vielfalt an Eindrücken und Hintergründen, teils informativ und wissenswert, teils auch einfach nur witzig.

Wie jede gute Festschrift beginnt auch diese mit Grußworten lokaler Offizieller, darunter auch ein bemerkenswerter Brief von Ute Erdsieck-Rave, der Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Die Dame muss über eine gute Presseabteilung verfügen, in der zumindest ein eingeweihter Metalhead an ihren Briefen arbeitet. Anders ist es kaum erklärbar, dass sie ihren Brief mit ‚Louder than hell‘ beginnt, vom ‚legendären Wacken Open-Air‘ schreibt und sich über die ‚friedliche Metal-Invasion im Norden‘ freut. Ein gelungenes Grußwort von einer Stelle, von der man solches sicherlich nicht erwartet hätte. Im weiteren Verlauf gliedert sich das Werk in vier Teile: Zuerst kommen Crew, Bands und Fans zu Wort, bevor das Buch mit knapp vierzig Seiten weitgehend unkommentierter Bilder endet.

Wer schon immer mehr über die Geschichte des W:O:A: erfahren wollte, wird von den Organisatoren Thomas Jensen, Holger Hübner und Sheree Hesse bestens bedient. Die Macher schreiben von ihren ersten Versuchen, eine mehr oder minder private Metalparty zu organisieren und gehen auf jedes Jahr W:O:A: mit allen Hochs und Tiefs, Erfolgen und Rückschlägen ausführlich ein. Dabei machen sie vor bisher sicherlich kaum bekannten organisatorischen, persönlichen und auch finanziellen Dingen keinen Halt und bieten einen tiefen und intimen Einblick in das ‚Hinter-den-Kulissen‘. Deutliche Worte fallen auch zu dem Disput mit dem |RockHard| bezüglich des Festivals 2002 und stellen die Situation aus Sicht der Veranstalter dar, fairerweise kommt aber auch Chefredakteur Götz Kühnemund zu Wort. Komplettiert wird der Teil durch einige Berichte der vielen Helfer und Mitarbeiter, ohne die das Festival in der jetzigen Form wohl kaum auf die Beine zu stellen wäre.

Was Jan Oidium und sein Team an Redakteuren danach an Berichten, Statements und Interviews von den beteiligten Bands zusammengetragen hat, ist schlicht beachtlich. Auf gut vierzig der A4-Seiten kommen insgesamt 104 Bands aus aller Welt in alphabetischer Reihenfolge mit mal mehr, mal weniger langen Aufsätzen zu Wort und berichten von Erinnerungen an ihren Auftritt und ihrer Sicht des Festivals sowie ihren witzigsten und auch gelegentlich peinlichsten Momenten. Besonders sei der Bericht von Sabina Classen (TEMPLE OF THE ABSURD/HOLY MOSES) erwähnt, der vom reinen Umfang her nicht mehr weit von einem eigenen Buch zu Wacken entfernt ist und sich mit genauso viel Spaß liest, wie ihn die Autorin beim Schreiben gehabt haben muss. Dass auch der eine oder andere ‚Maulfaule‘ dabei ist, sollte hier nicht weiter stören. Alleine, dass so viele Bands es sich nicht nehmen ließen, zu dem Buch beizutragen, spricht für den Stellenwert, den das W:O:A: bei den Musikern genießt.
Wenig Informatives, aber umso Witzigeres ist im darauf folgenden ‚Fan‘-Teil zu erwarten, in dem die von Oidium per Internet aufgerufenen Besucher zu Worte kommen und ihre ’schönsten Reiseerlebnisse‘ wiedergeben. Wenn diese jemals als Schulaufsätze eingereicht worden wären, hätte vermutlich mindestens die Hälfte der Schreiber niemals einen Schulabschluss erreicht. Und damit sind nicht die häufig zu verzeichnenden orthographischen und grammatischen Pannen gemeint – die Redaktion hat nur in groben Fällen der reinen Lesbarkeit wegen eingegriffen und ansonsten die Statements weitgehend im Original belassen – sondern schlicht der bedenkliche Lebenswandel, den die metallische Jugend anscheinend pflegt. Zumindest scheint in fast allen Berichten die Musik eine dem reichlichen Genuss von alkoholischen Getränken mit dementsprechenden Ausfallerscheinungen eher untergeordnete Rolle zu spielen, und so ergibt sich von der ewig präsenten Zeltsuche in betrunkenem Zustand über Erlebnisse mit vollkommen weggetretenen Besuchern, merkwürdigerweise meist skandinavischer Herkunft, ein Bild, das nicht so recht zu den Worten einer Ministerin für |Kultur| und |Bildung| zur Eröffnung des Buchs passen will (da sich Smilies und Ähnliches in einer Rezension verbieten, sei dies alles mit einem gehörigen Augenzwinkern verstanden). Auch wer noch nicht selbst dabei war, wird aufgrund der ‚plastischen‘ Beschreibungen sowie der bildlichen Impressionen von Fans in allen erdenkbaren körperlichen Zuständen nicht mehr aus dem Lachen herauskommen. Für Wacken-Besucher, die den ständigen Wahnsinn bereits hautnah haben erleben durften, dürfte die Lektüre einige längst vergessene bzw. in dunklen Alkholnebeln verblasste Erinnerungen heraufbeschwören, auffrischen und immer wieder für ein: ‚Ja, genau, den/das habe ich auch gesehen‘ (oder im schlimmsten Fall für ein: ‚Upps, das war ich‘) sorgen.

Es wird wohl nicht viele Wacken-Besucher geben, die ohne irgendwelches eigenes Bildmaterial nach Hause zurückkehren. Insofern ist die Bilderabteilung eher ein nettes Beiwerk, dafür aber qualitativ deutlich hochwertiger als die Schnappschüsse aus der hauseigenen Familienfotoknipse. Jedem Festival hat Oidium jeweils eine Doppelseite gewidmet, alle aufgetretenen Bands gelistet, mit einem Bild des jeweiligen Konzertplakats gewürzt und Aufnahmen von Musikern auf und hinter der Bühne beigefügt. Auf jeden Fall eine gute Abrundung des Gesamtwerks und ein gelungener Ausklang.

Die „Wacken Open Air History“ ist nicht nur ein Buch für Fans und Besucher des Festivals, sondern sollte jedem Metaller mit Sinn für Humor und Interesse an der ‚Szene‘ Spaß machen. Und wer bisher keine Lust hatte, das Festival zu besuchen, wird spätestens nach diesem kurzweiligen und unterhaltsamen Buch seine Karte für das nächste Jahr bestellen. Kurzum, ein gelungenes Werk, mit dem Autor und Redaktionsteam genauso zufrieden sein können wie Auftraggeber und Fans.

[Informationsseite des Verlages]http://www.oidium-comics.de/verlag/Deutsch/D14__Artikel/SHOP/WOA__Historie/woa__historie.html (mit Bestellmöglichkeiten und großformatiger Muster-Abbildung aus dem Buch)

Das Buch ist über den Verlag und jede Buchhandlung zum Preis von 19,99 Euro unter der ISBN [3-9809697-0-3]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3980969703/powermetalde-21 zu beziehen. Eine englische Version ist unter der ISBN 3-9809697-1-1 bestellbar.

Kemelman, Harry – Am Dienstag sah der Rabbi rot

An einem bislang unbescholtenen College in Boston, Massachusetts, ereignet sich eine Bombenexplosion, der offenbar einer der Dozenten zum Opfer fällt. Doch Rabbi David Small hält weder die fünf aufrührerischen Studenten für die Täter noch sich selbst, wie der Staatsanwalt behauptet, sondern findet etliche Ungereimtheiten in der Beweiskette. Um den Täter zu überführen, muss er seine talmudische Gelehrsamkeit bemühen.

_Der Autor_

Harry Kemelman wurde 1908 in Boston geboren und studierte an der |Boston University| und in Harvard. Er arbeitete als Verkäufer und Lehrer, ehe er eine Professur am |State College| in Boston annahm. 1964 erschien der erste Fall für Rabbi David Small, „Am Freitag schlief der Rabbi lang“, der mit dem |Edgar Allan Poe Award| ausgezeichnet wurde. Seitdem veröffentlichte Kemelman noch zehn erfolgreiche Fälle für den Schriftgelehrten und scharfsinnigen Hobbydetektiv, bevor er 1996 88-jährig in Boston starb.

Alle Rabbi-Titel:

Am Freitag schlief der Rabbi lang
Am Samstag aß der Rabbi nichts
Am Sonntag blieb der Rabbi weg
Am Montag flog der Rabbi ab
Am Dienstag sah der Rabbi rot
Am Mittwoch wird der Rabbi nass
Der Rabbi schoss am Donnerstag
Eines Tages geht der Rabbi
Ein Kreuz für den Rabbi
Ein neuer Job für den Rabbi
Als der Rabbi die Stadt verließ

_Die Sprecher /Produktion_

Die Hörspielproduktion entstand 1987 beim WDR. Die literarische Vorlage wurde von Ingo Golembiewski bearbeitet, der den roten Faden herausarbeitete. Regie führte Joachim Sonderhoff. Die Musikuntermalung steuerte Matthias Thurow bei (Länge: 14:10 Minuten).

Der in den siebziger und achtziger Jahren bekannte und beliebte Schauspieler Gerd Baltus tritt als Rabbi David Small auf. Die „bestrickende“ Millicent Hanbury wird von Angela Eckert gesprochen, der Staatsanwalt Ames von Christian Rode. Hervorzuheben ist die distinguierte Stimme von Jürgen Thormann in der Rolle des Police Sergeamts. Thormann spielt auch in [„Die Vorleserin“]XXX ein wichtige Rolle als Magistrat.

_Handlung_

Rabbi Lambden braucht am Bostoner |Windermere College| eine Reisevertretung und bittet daher Rabbi David Small, in seiner Abwesenheit die Seminare für jüdisches Denken und Philosophie abzuhalten. David, der eigentlich an der Bostoner Synagoge arbeitet, willigt ein, nachdem sein sondierendes Gespräch mit Dekanin Millicent Hanbury positiv verlaufen ist. Nur Davids Fraum Miriam hat etwas Zweifel, ob das eine gute Idee ist, denn am Windermere College ereignete sich ein Jahr zuvor ein Bombenanschlag.

Wird schon nix passieren, beruhigt David sie und zieht schon bald in sein winziges Büro ein, das er sich mit dem antisemitisch eingestellten Englischdozenten Hendrix teilen muss. Gleich neben an ist Dekanin Hanburys Büro; beinahe kann man ihre Stricknadeln klappern hören, die sie leidenschaftlich benutzt. David lernt auch Präsident Macomber kennen, der in seinem Zimmer Golf spielt, und Professor Roger Fine, den er noch kennt, seit er ihn und seine Frau getraut hatte.

Schon nach wenigen Tagen kommt Unruhe in die Studentenschaft: Es hat sich herumgesprochen, dass Dekanin Hanbury den beliebten Prof. Fine dazu zwingen will zu kündigen, weil er angeblich einer Studentin bei der Prüfung zu besseren Noten verholfen hat. Die Studenten organisieren einen Sitzstreik, um zu protestieren, was Rabbi Small doch erheblich frustriert: In seinen Unterricht kommt kaum noch jemand.

Kurz nachdem am Freitag, den 13. November, eine Studentendelegation vergeblich bei Hanbury zugunsten Fines interveniert hat, explodiert eine Bombe in Hanburys Büro. Hanbury selbst hatte ihr Büro wütend verlassen. Merkwürdigerweise befindet sich das einzige Opfer im Zimmer nebenan: Prof. Hendrix liegt mit eingeschlagenem Schädel in seinem Blut. Offenbar hat die Erschütterung seine geliebte Homer-Büste zum verhängnisvollen Sturz auf seinen Gelehrtenschädel veranlasst. Seine Leiche bietet keinen schönen Anblick.

Und einen äußerst ungewöhnlichen obendrein, findet der ermittelnde Staatsanwalt Ames. Denn wie die Obduktion ergibt, starb der arme Prof. Hendrix spätestens um 14:40 Uhr, wohingegen sich die Explosion erst um 15:05 Uhr ereignete. Wer also brachte den Professor um? Und aus welchem Grund? Weil er ein Antisemit war? Am Ende fällt der Verdacht des Staatsanwalts sogar auf Rabbi David Small. Denn wie konnte der Mörder in Hendrix verschlossenes Büro gelangen? Nur der Rabbi, der sich mit Hendrix das Büro teilen musste, hatte noch einen Schlüssel, oder?

_Mein Eindruck_

Dass Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und dergleichen auch nicht vor den Mauern von Colleges und Universitäten Halt machen, wissen wir spätestens seit Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“. Doch Harry Kemelman schrieb seine Storys über den Rabbi David Small schon etwa 20 Jahre zuvor, und offensichtlich wusste er, wovon er redete. So viel also zur andauernden Aktualität von Kemelmans Erzählungen.

Aber Kemelman weiß auch einen gediegenen Kriminalfall zu konstruieren, ohne dass der Leser gleich durch irgendwelche Logiklöcher fällt. Das Geflecht der Beziehungen zwischen den Angestellten des Windermere College ist das erste, was er vor uns ausbreitet, denn nur daraus – und nicht etwa von außen – entwickelt sich das kriminelle Geschehen.

Die üblichen Ermittler tauchen auf: der Polizeisergeant, der Staatsanwalt. Beide kommen mit ihrem Latein nicht allzu weit, denn im zeitlichen Ablauf kann irgendetwas nicht stimmen, wie schon die Diskrepanz zwischen Hendrix‘ Todeszeitpunkt und der Bombenexplosion zeigt. Fieserweise hat der Täter aber auch falsche Spuren gelegt.

Doch Rabbi Small weiß Abhilfe. Obwohl es die Herren Ermittler zunächst zum Schmunzeln bewegt, verweist Rabbi auf den jüdischen Talmud. Diesen würden Rabbis in aller Welt, die ja nicht bloß Religionslehrer, sondern auch Rechtssprecher seien, dazu heranziehen, um Gerechtigkeit zu finden. Denn der Talmud biete eine Methode an, mit der man auf ebenso einfache wie stringente Art und Weise die Wahrheit herausfinden könne. Dazu müsse man allerdings erst einmal alle Fakten kennen und alle Möglichkeiten berücksichtigen. Und wie sich zeigt, sind die Beziehungen zwischen den Beteiligten des Falles dabei von besonderer Bedeutung. Interessant ist jedenfalls, dass der Junggeselle Hendrix von einem Kollegen als „sexbesessen“ bezeichnet wird …

|Die Sprecher /Produktion|

Gerd Baltus besticht durch seine Darstellung des Taldmudgelehrten David Small. Er ist zugleich verständnisvoll gegenüber der neuen Umgebung des Colleges, andererseits auch wieder enthusiastisch, wenn es um seinen Talmud geht, der ja von den Ermittlern nicht ernst genommen wird. Baltus vermittelt in diesem heiklen Umfeld den Rabbi als eine sehr sympathische Figur.

Die Ermittlungsgespräche von Sergeant Schroeder und Staatsanwalt Ames sind aber auch sauber herausgearbeitet. Schließlich geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Jedermann außer dem Rabbi scheint ein gutes Alibi zu haben, und Dekanin Hanbury sogar mehrere. Diese bleibt uns fast bis zuletzt als harmlose, aber in der Sache Roger Fine ziemlich autoritär auftretende Amtsinhaberin in Erinnerung.

Wie stets bei Krimis empfiehlt sich das mehrfache Anhören des Hörspiels. Aufgrund des umfangreichen Personals könnte der Überblick verloren gehen. Und beim zweiten Anhören werden schnell weitere Details und Zusammenhänge deutlich. Ein häufigeres Anhören würde aber wohl nur Langeweile erzeugen, denn dafür ist die Handlung einfach nicht komplex genug.

|Musik & Geräusche|

Die Geräusche haben ein erstaunlich hohes Niveau, das man sonst nur vom Fernsehen kennt. Nicht nur die Tonqualität in den unterschiedlichsten Umgebungen (Büro, Autofahren, Park, Treppenhaus) ist erstklassig, sondern auch Effekte wie etwa Hall (im Treppenhaus) oder Blätterrascheln (Park). Wer beim Hallen von mehreren Stimmen gleichzeitig nicht genau aufpasst, erhält einen schwammigen Sound, der einem Durcheinander nahe kommt. Das ist zum Glück nicht der Fall, vielmehr sind alle Stimmen in Stereoton sauber zu unterscheiden.

Die Musik ist ein Kapitel für sich und somit Geschmackssache. Sie wurde mit einem Synthesizer erzeugt, der noch über keine Samples verfügte, allenfalls Cembalo. Daher klingt die Musik künstlich. Sie hat zwei Funktionen: zu untermalen und Pausen in Szenenwechseln zu füllen. Während die Pausenfüller wie sehr knappe Werbejingles klingen, bildet die zweimal eingesetzte Szenenuntermalung einen dezent vernehmbaren Klangteppich, der sich nicht aufdrängt – schließlich soll der Dialog zu verstehen sein. Man kann sich also lediglich über die als Kontrapunkt eingesetzten Pausenfüller streiten, aber das ist wie gesagt Ansichtssache.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel klingt von der Tonqualität her und aufgrund der guten Dramaturgie wie ein Fernsehkrimi à la „Derrick“. Wenn man keine allzu hohen Ansprüche hinsichtlich der Komplexität einer 40 Minuten währenden Handlung stellt, so wird man mit einer spannenden Erzählung mit einem ungewöhnlichen Ermittler, einem Rabbi, belohnt. Erst dem Rabbi gelingt es, den Kreis der Verdächtigen in die richtige Richtung auszudehnen.

Die Sprecher erwecken die Handlung quasi zum Leben, doch die Abfolge der sauber abgetrennten Szenen erinnert ein wenig zu sehr ans biedere deutsche Fernsehen der siebziger und achtziger Jahre. Es gibt vermutlich Schlimmeres.

Was mich aber immer noch verwirrt, ist der rätselhafte Titel. Er passt überhaupt nicht zum Inhalt, denn die Haupthandlung mit der Bombenexplosion findet an einem Freitag, den 13., statt. Und natürlich sieht der Rabbi an keiner einzigen Stelle rot. Das würde auch den sympathischen Eindruck verderben, den er hinterlässt.

|Umfang: 52 Minuten auf 1 CD|

Hoffmann, Arne – Lexikon der Tabubrüche, Das

Der sehr erfolgreiche Journalist Arne Hoffmann, der schon in vorherigen Büchern mit besonders Grenzen aufbrechenden Themen wie Sadomasochismus oder gar dem Sexismus durch Frauen Aufsehen erregte, legte 2003 ein Lexikon der zeitgenössischen Tabus vor. Wenn man sich die scheinbare sexuelle Freizügigkeit in den Medien unserer Gesellschaft ansieht, denken viele sicherlich, wir lebten eigentlich schon heute in „Sodom und Gomorra“ – aber dabei ist auch unsere jetzige Welt alles andere als tabulos, wie uns „Das Lexikon der Tabubrüche“ unterrichtet.

In seiner Einführung erklärt Hoffmann, was ein Tabu ist und woher der Begriff überhaupt stammt, welche Tabus es bei uns gab und wie sie sich immer mehr verschoben haben. Danach beginnt das spannende Lexikon von A – Z, wobei auch immens viele Fernsehserien und Filme aufgelistet werden. Vieles ist – um ein solches Lexikon zu füllen – natürlich eigentlich eher unwesentlich und harmlos. Erstaunlich finde ich, wie viel Aufmerksamkeit auf jede Andeutung von Homosexualität und lesbische Liebe in überzogen wirkender akribischer Weise in Film und Fernsehserie gelegt wird.

Wirklich interessant dagegen sind die vielen Verschiebungen gesellschaftlicher Ansichten, z. B. bei Sex mit Minderjährigen und Pädophilie, die in den 70er Jahren durchaus ausgewogen diskutiert werden konnten, als eine breite Bevölkerungsschicht noch für die völlige Abschaffung der Altersbegrenzungen eintrat, wogegen heute deutlich die Mehrheit Sex mit Kindern völlig verachtet. Im Großen und Ganzen wird Sex in jeder Art ansonsten fast komplett toleriert, auch extreme Gewaltdarstellungen im Kino. Die Realität solcher Behörden wie FSK und Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften – eine bundesdeutsche Absurdität, welche sich durch völlige Unqualifiziertheit und Zufallsbewertungen äußerst blamabel zu künstlerischer Freiheit und Verstümmelungen hervortut – wird letztlich zu Recht in Frage gestellt und ihre endgültige Abschaffung gefordert.

Aufschlussreich sind die Tabus, die heutzutage zu politischen Themen stattfinden. Angefangen mit dem Irak-Krieg und dem Anti-Amerikanismus bis hin zu den immer stärker auftretenden Distanzierungen und Skandalen wegen angeblichen Antisemitismus‘, wo z. B. die Möllemann-Affaire mit dessen Freitod endete und sein Widersacher, der in Frauenhandel und Prostitution verstrickte Michel Friedman, relativ ungeschoren aus den Skandalen herausgelangen konnte. Einige solcher Fälle mehr werden ausgiebig dargestellt. Sogar eine politische Diskussion wie eine mögliche rot-rote SPD-PDS-Regierung zählte zu den absoluten Tabus unserer Gesellschaft.

Natürlich haben auch Satanismus (und sein medienbekanntestes Beispiel, die Rudas), Vampirismus, Zoophilie, Kannibalismus (der Kannibalenmord per Internet) und Nekrophilie größere Beiträge innerhalb des Lexikons. Kannibalismus gibt es eigentlich kaum und wird kulturgeschichtlich relativ neutral bewertet, ohne völlig verurteilt zu werden. Auf mich persönlich schockierender wirken interessanterweise die beiden Beiträge zu Nekrophilie und zu Zoophilie, weil beide Artikel sich lesen wie eine praktische Anleitung zum Nachvollziehen. Ausführlich wird erklärt, wie man Leichenwürmer vermeidet – Nekrophilie geschieht viel häufiger als man annehmen würde – und auch eine ganze Reihe sodomistischer Ratschläge wird sehr konkret gegeben, welche Tiere auf welche Art zu nutzen sind und worauf genau geachtet werden müsste.

Das sind dann auch tatsächliche Highlights, wobei es verwundert, dass diese zu beschreiben erlaubt ist und das Tabubuch deswegen nicht schon selber indiziert wird. Aber das kann ja noch kommen. Natürlich ist die Auswahl, die ich in dieser Besprechung jetzt traf, sehr subjektiv hervorgehoben. Selbstverständlich wird jeder Leser seine eigenen ihn besonders interessierenden Beiträge finden. Ich bin der Ansicht, dass dies ein lohnenswertes Buch ist, in das man immer wieder hineinschauen wird und aus dem man sich sicherlich auch dieses Buch oder jenen Film, die dort erwähnt werden, unbedingt mal besorgen wird.

Verlagsinformation zum Autor: |Tabubrüche sind ein Leitmotiv in den bisherigen Veröffentlichungen Arne Hoffmanns. Sie finden sich sowohl in SM-Erotika wie »FOX« (Marterpfahl-Verlag 2002) als auch in Sachbüchern wie dem »Lexikon des Sadomasochismus« sowie dem jetzt schon berühmt-berüchtigten »Sind Frauen bessere Menschen?«, in dem er sich mit häuslicher und sexueller Gewalt durch weibliche Täter auseinandersetzte und den Feminismus demontierte (Schwarzkopf & Schwarzkopf und Lexikon Imprint Verlag, 2001).
Hoffmann ist nicht-praktizierender Bisexueller und wandte sich im Herbst 2001 einer Schauspielerkarriere zu, als deren erster Höhepunkt er im Dorftheater seines Heimatortes die Titelrolle in »Warten auf Godot« verkörpern durfte. Wenige Monate später begann er seine Arbeit an einer Novelle, die zentrale Elemente von Shakespeares »Cardenio« sowie Büchners »Pietro Arentino« aufgreifen wird. Ostern 2002 ernannte sich Arne Hoffmann ex cathedra zum evangelischen Papst und gilt seitdem als unfehlbar. Versuchen Sie mal, ihn davon abzubringen … |

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