Eigel Wiese – Das Geisterschiff. Die wahre Geschichte der Mary Celeste

Darum geht’s:

1872 treibt das Frachtschiff „Marie Celeste“ unbeschädigt aber besatzungsleer im Meer; die Fragen nach dem Geschehen werden einerseits nie wirklich geklärt, während sie andererseits vor allem in den Medien ein Eigenleben annehmen, bis die Logik im Strudel kunterbunter Mythen versinkt … – Autor Wiese geht zurück an die Quellenbasis, entwickelt eine glaubhafte Erklärungstheorie und berichtet vom „Geisterschiff“, in dessen Schatten die Geschichte der „Marie Celeste“ längst nebensächlich geworden ist. Eigel Wiese – Das Geisterschiff. Die wahre Geschichte der Mary Celeste weiterlesen

Asher, Neal – Skinner – Der blaue Tod

In der Zukunft – auf dem Wasserplaneten Spatterjay: Das Leben ist hart, teuer und gefährlich. Die Bewohner verdienen ihr Geld mit dem Fang merkwürdiger Meeresbewohner, die alle sehr tödlich sind. Die Fauna hat sich vollständig dem Lebenszyklus angepasst – und so kann man gefressen werden und trotzdem überleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die hier leben. Sie sind unsterblich, flicken sich bei schweren Verletzungen einfach zusammen und müssen massiv verletzt werden, um überhaupt ausgeschaltet zu werden. Der Preis: Der Körper eines Unsterblichen mutiert, falls man nicht höllisch aufpasst.

Dieser merkwürdige Planet ist Ziel dreier Personen. Janer, Erlin und Keech. Obwohl sie alle verschiedene Motivationen vorantreiben, haben sie ein gemeinsames Ziel: den Skinner. Ehemals Sklaventreiber, Mörder und an einem Stück. Scheinbar war er tot, doch nun ist er wohl zurück – oder nicht?

Anlässlich von Filmen wie „Fluch der Karibik“ und „Master and Commander“ erfreuen sich Piratenstücke derzeit großer Beliebtheit. Wie passend, dass es sich bei „Skinner – Der blaue Tod“ um ein Piratenstück handelt. Zwar ist es in der Zukunft und auf einem fremden Planeten angesiedelt, aber dennoch spannend zu lesen und voller Überraschungen.

Moderne Technologie ist für Spatterjay kaum erschwinglich und so fahren hölzerne Kutter über das Meer. An Bord die unsterblichen Einheimischen, ausgestattet mit einem großen Waffenarsenal. Damit erwehren sie sich der bedrohlichen Tierwelt. Fortwährend gibt es kleine Einschübe des Autoren, die sich mit genau dieser Tierwelt beschäftigen und den Kreislauf des „Fressen und Gefressen werden“ behandeln. Recht anschaulich und faszinierend geschrieben. Neal Asher zeigt hier sein kreatives Talent und entwickelt eine einzigartige Umgebung für seine Geschichte.

In dieser Umgebung agieren dann künstliche Intelligenzen, semiintelligente Segel, Drohnen, Schnecken, die sich Menschen als Nahrungsmittel halten, ein seit siebenhundert Jahren toter Keech und andere Wesen.

Das Protagonisten-Trio ist Asher besonders gut gelungen. Am normalsten erscheint vielleicht Erlin. Die jugendliche Wissenschaftlerin hat bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel und entpuppt sich als knallharter Brocken. Auch Janer erscheint Anfangs normal, allerdings gehörte er zu einem Schwarmbewusstsein. Die Hornissen stellten sich im Laufe der Geschichte als intelligent heraus und wurden ziemlich mächtig. Durch Janer versuchen sie ihre Macht nun zu stärken. Am auffälligsten scheint jedoch Keech. Er ist seit Jahrhunderten ein wandelnder Leichnam, wird durch Elektronik eines Kults am Leben gehalten und von Rachegelüsten geleitet. Damit ergibt sich eine Sammlung verschiedener Charaktere, die alle gut zusammenpassen und miteinander harmonieren.

Das Charakterspiel der Hauptcharaktere, ihre Entwicklung und ihre Motivation, reizen den Leser, zwingen ihn zum Weiterlesen. Man wird vom Schicksal der Personen berührt, nimmt Anteil an ihrem Leben. Neal Ashers Roman ist im sozialen Bereich erstklassig geschrieben und auch die Übersetzung von Thomas Schichtel steht dem in nichts nach.

„Skinner – Der blaue Tod“ ist ein spannender Roman, flüssig zu lesen und gut aufgebaut. Zwar wechseln häufig Schauplätze, Personen und auch mal die Zeit, aber man behält stets den Überblick. Eine gelungene Piratengeschichte, tolles Seemansgarn und faszinierende Science-Fiction.

_Günther Lietz_ © 2004
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Lecouteux, Claude – Geschichte der Vampire, Die

Vampire sind vielseitig. Das ist an sich noch keine neue Erkenntnis. Man kann sie in der Literatur finden und auch im Film. Mit ein wenig genauem Hinschauen kann man ihnen auch im wahren Leben begegnen – als real vampyres. Doch das hier zu besprechende Buch widmet sich keinem dieser Themenbereiche, sondern packt das vampirische Übel an der Wurzel. Der Franzose Claude Lecouteux befasst sich in seinem Buch „Die Geschichte der Vampire – Metamorphose eines Mythos“ mit der Kulturgeschichte des Vampirs und versucht zu erhellen, welche Mythen an der Entstehung des Vampirs beteiligt waren und welche Ausprägungen des Vampirmythos man wo findet. Dabei beschränkt er sich, wie andere Studien vor ihm auch, hauptsächlich auf das Europa von circa 1700 bis 1900. Das heißt keineswegs, dass man nur hier und zu dieser Zeit Vampirmythen finden kann, doch sind die Entwicklungen in diesem Zeitraum entscheidend für die Entstehung des Vampirs, wie wir ihn heute kennen: Als einen wiedergekehrten Toten, der sein Grab verlässt, um das Blut der Lebenden zu trinken.

Dabei startet Lecouteux eher überraschend in seine Analyse, nämlich mit einer kurzen Einführung in die Gründerväter des literarischen Vampirs (er wählt hier exemplarisch Polidori, Le Fanu, Stoker und Tolstoi) und die Weiterverbreitung des Mythos durch Enzyklopädien. Erst mit dem zweiten Kapitel widmet er sich der Kulturgeschichte und fängt hier an, den Vampirmythos Europas weiträumig zu umkreisen. Als Einstieg beschäftigt er sich mit der Wahrnehmung des Todes ab dem 18. Jahrhundert. Hier unterscheidet er klar zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“ Tod, um zu illustrieren, dass Sterben keine einfache Angelegenheit war. Beim und nach dem Tode konnte einiges schiefgehen, was dazu führte, dass der Tote keine Ruhe fand und dadurch eventuell als Vampir wiederkehrte. Hatte der Tote kein vorbildliches Leben geführt (handelte es sich beispielsweise um eine Hexe, einen Exkommunizierten, einen Mörder etc.) gehörte er zur Gefahrengruppe, sprang ein Tier über die Leiche oder ließen sich die Augen des Toten nicht schließen, so galt dies als schlechtes Omen. Folglich umgaben Tod und Begräbnis zahlreiche strenge Rituale, die es einzuhalten galt, wollte man Wiedergängertum verhindern.

Doch ein Wiedergänger ist nicht unbedingt mit einem Vampir gleichzusetzen, stellt Lecouteux in einem folgenden Kapitel fest. Der Volksglauben war in ständigem Wandel begriffen und zusätzlich auch immer lokal geprägt. Das führt dazu, dass verschiedene Mythen einander beeinflussen oder gar zusammenfließen. So lief eine Hexe immer Gefahr zum Vampir zu werden. Und die in Dalmatien für den Vampir gebräuchliche Bezeichnung „vukodlak“ bildet sich aus dem Wortstamm für Wolf – eine eindeutige Verbindung zum Werwolf. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, versucht Lecouteux daher, verschiedene wiederkehrende Tote zu identifizieren: So den Rufer (jemand, der wiederkehrt und von draußen nach seinen Angehörigen ruft), den Aufhocker (ein Toter, der sich einem Schlafenden auf den Brustkorb setzt und ihm die Lebenskraft raubt) oder den Nachzehrer (ein Toter, der im Grab sein Totenhemd isst). Auch hier sind Überschneidungn zwischen verschiedenen Mythen unvermeidlich. Im Folgenden werden dann einige Bezeichnungen für den Vampir angeführt und erklärt, so der griechische broukolakos, die rumänischen strigoi oder walachische murony. Da die jeweiligen Bezeichnungen unterschiedlichen Nationen zuzuordnen sind, erwachsen auch hier wieder Unterschiede im eigentlich Vampirmythos: Wer wird zum Vampir und wie kann man ihn vernichten? Diese Dinge variieren von Land zu Land. Lecouteux geht daher sehr ausführlich darauf ein, wer nach dem Tode als Vampir wiederkehrt und wie selbiger vernichtet wurde. Erst 1755 verbot beispielsweise Maria Theresia die Hinrichtung von Verstorbenen, was darauf schließen lässt, dass das Exhumieren und Pfählen bzw. Köpfen bei Verdacht auf Vampirismus eine gängige Praxis war. Dies lässt sich auch durch archäologische Funde stützen, bei denen man immer wieder Leichen findet, die förmlich am Sarg festgenagelt wurden oder deren Kopf zwischen den Beinen niedergelegt wurde, damit der Vampir ihn nicht finde.

Erst im letzten Kapitel beleuchtet Lecouteux etwas genauer verschiedene Erklärungsversuche für das Phänomen des Vampirismus. Warum gab es ab 1700 eine derartige Blüte des Glaubens an Vampire? Ganze Scharen von Wissenschaftlern setzten sich zu damaliger Zeit (vollkommen ernsthaft) mit dem Phänomen auseinander und versuchten, bluttrinkende Tote logisch zu erklären. Erklärungen, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen, finden sich ebenfalls hier wieder: So die Seuchentheorie, die erklären könnte, warum ganze Dörfer Vampiren zum Opfer fielen. Hierbei nimmt man an, dass der vermeintliche Vampir tatsächlich ein Cholera-, Tollwut- oder Typhusopfer war und dass das Ausgraben der Leiche die Seuche daher nicht eindämmte, sondern im Gegenteil noch verschlimmerte.

Claude Lecouteux hat ein umfassendes Buch geschrieben für all jene, die sich für die historischen Facetten des Vampirs interessieren. Er liefert zahlreiche Quellen und historische Berichte und beleuchtet den Volksglauben in Europa durchaus tief, sodass man sich nach der Lektüre exzellent informiert fühlt. Dennoch muss angefügt werden, dass Lecouteux keineswegs Pionierarbeit leistet. Wer sich ein wenig mit dem Vampirmythos beschäftigt hat, wird vieles schon kennen, was in „Die Geschichte der Vampire“ besprochen wird. Schon 1926 hat Montague Summers mit „The Vampire in Lore and Legend“ ein Standardwerk geschrieben, das auch Lecouteux mit seinem siebzig Jahre später erschienenen Buch nicht überflügeln kann. Er liefert stattdessen eine abgespeckte und lesbarere Version des Buches von Summers und ist daher für Einsteiger besonders zu empfehlen.

Allerdings finden sich in „Die Geschichte der Vampire“ auch einige Fehler, die entweder Lecouteux selbst oder seinem deutschen Übersetzer unterlaufen sind. So basiert der Film „Interview mit einem Vampir“ natürlich nicht auf dem Roman „Der Fürst der Finsternis“ und die deutsche Abhandlung „Tractatus von dem Kauen und Schmatzen der Todten in den Gräbern“ wird in der Rückübersetzung aus dem Französischen ganz modern in „Die Kaubewegungen der Toten in ihren Gräbern“ umbenannt. Solche Kleinigkeiten schmälern die Zuverlässigkeit des Werkes, wenn sie auch den meisten Lesern in der Regel nicht auffallen werden.

Davon abgesehen, ist Lecouteuxs Rundumschlag durchaus für all jene zu empfehlen, die sich für die Wurzeln des europäischen Vampirs interessieren. Denn der Vampir war zu jener Zeit eine durchaus reale Erscheinung, deren Existenz zumindest auf dem Lande keineswegs angezweifelt wurde. Und die zahlreichen wissenschaftlichen Traktate aus jener Zeit zeigen, dass trotz Aufklärung auch die gebildeten Schichten nicht gefeit waren vor der Angst vor den Toten!

Grisham, John – Bruderschaft, Die

Drei verurteilte Richter brüten im Gefängnis einen genialen Plan aus und wollen sich damit ihre Zukunft für die Zeit nach ihrer Entlassung sichern. Mit ihrem Plan geraten sie eines Tages jedoch an den falschen Kandidaten…

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher_

Charles Brauer kennen wir aus Film und Fernsehen, v.a. als den Kommissar Brockmüller in den „Tatort“-Krimis an Manfred Krugs Seite. Darüber hinaus hatte Brauer Engagements an den großen Theaterbühnen in Hamburg und München. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ u.a. von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Trumble gilt bei den Häftlingen als Geheimtipp unter den Gefängnissen der USA – vergleichbar eher mit einem Ferienlager als mit einem Knast. Hier sitzen vorwiegend Kleinkriminelle, Steuersünder und Wallstreet-Gauner ihre Strafe ab. Die drei Ex-Richter Finn Yarber, Hatlee Beech und Joe Roy Spicer sitzen hier auch ein. Einst waren sie erfolgreiche Streitschlichter, und nun treten sie in Trumble als „Die Bruderschaft“ auf: Die Bibliothek erklären sie zu ihrem Gerichtssaal, wo sie sich wöchentlich der Rechtsangelegenheiten ihrer Mithäftlinge annehmen – nicht ganz unentgeltlich, versteht sich.

Weniger harmlos als ihre „Richtersprüche“ sind allerdings die infamen Erpresserbriefe, die sie gemeinsam verfassen. Über Postfachadressen, einen abgehalfterten Anwalt als Kurier und ein geheimes Konto streichen sie somit beträchtliche Summen ein, die ihnen la dolce vita nach ihrer Entlassung gewährleisten sollen.

Eines Tages geraten sie aber an den falschen Kandidaten, den Bilderbuch-Politiker Aaron Lake, mit dem man höhere Pläne hat und dessen lupenreines Image auf keinen Fall beschmutzt werden darf. Von diesem Augenblick an sind die Tage der Bruderschaft gezählt, wie es scheint. Aaron Lake hat äußerst gefährliche Freunde, die sehr auf sein Image bedacht sind. Doch die Bruderschaft gibt nicht so leicht klein bei und nimmt den Kampf auf. Aber was können die Drei schon viel von ihrem Knast aus ausrichten, fragt man sich? Lesen und sich wundern!

_Die CD_

Die 6 CDs der gekürzten Hörbuchfassung reichen für 405 Minuten Vortrag, also für sechsdreiviertel Stunden. Brauer trägt prononciert und klar verständlich vor. Die Klangqualität auf meiner bescheidenen Anlage genügte meinen Ansprüchen.

_Mein Eindruck_

Grisham verarbeitet hier aktuelle politische Themen wie etwa Erpressung und Bestechung von Politikern, wobei auch die Grauzonen zwischen Justiz und Politik zu erkennen sind. Da wird gemauschelt, dass sich die Balken biegen.

Doch Grisham bleibt Grisham. Der Leser sollte nicht ein Übermaß an tiefer Charakterisierung verlangen oder erwarten. Eine spannende und unterhaltsame Lektüre sollte ihm genug sein. Dennoch fand ich die tiefe Ironie, die in manchen Szenen zum Tragen kam, sehr erfrischend.

Hinweis für Hörbuchneulinge: „Musik und Geräusche“ fehlen bei dieser Lesung, wie sonst auch. So etwas gibt es (in der Regel) nur in Hörspielen.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Robin Hobb – Der Ring der Händler (Die Zauberschiffe 1)

Schon einmal im Hafen mit der Galionsfigur eines Handelsschiffes gesprochen? Schlimmer noch, hat sie sich bewegt und geantwortet? Wird es Zeit, geistigen Getränken völlig zu entsagen?

Keine Panik, alles ganz normal. Zumindest in Bingtown.

Solche Dinge, die man gewöhnlicherweise als unter Alkoholeinfluss enstandenes Seemannsgarn abtun würde, sind dort Realität: Die aus Hexenholz gebauten Lebensschiffe der alteingesessenen Händlersippen sind im wahrsten Sinne des Wortes lebendig. Sie haben ihren eigenen Charakter, können sprechen und sich bewegen – sobald sie erwacht sind. Mindestens drei Angehörige einer Familie müssen auf den Planken eines Hexenholz-Schiffes versterben, um es mit Leben zu erfüllen. Hexenholzschiffe sind schneller, widerstandsfähiger und in nahezu jeder Beziehung gewöhnlichen Schiffen überlegen – welches normale Schiff könnte selbständig einer Sandbank ausweichen, wenn der Steuermann unachtsam ist?

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Engmann, Charlotte – Myranor – Den Göttern versprochen

„Myranor“ ist der neueste Ableger des Rollenspiele-Klassikers DAS SCHWARZE AUGE: ein weiterer Fantasy-Kontinent, in dem es vor Völkern, Abenteuern und Magie wimmelt, und Charlotte Engniann hat in ihrem Roman einerseits das Vergnügen, andererseits aber auch die nicht sonderlich beneidenswerte Aufgabe, die Grundlagen vorzustellen. Sehr viel Verantwortung also, die auf ihren Schultern lastete, eigentlich konnte es nur schief gehen, sollte man meinen.

Um es vorweg zu nehmen: Das Gegenteil ist der Fall!

Erzählt wird die Geschichte von Lycadia, deren Vergangenheit im Dunkeln liegt. Sie wächst bei Dha’veru, einer Heilzauberin auf, die ihre Ziehtochter in die Künste des Heilens einweist. Doch Lycadia hat eine ganz besondere Beziehung zur Magie: Sobald sie einen Patienten berührt, erkennt sie, wodurch er seine Verletzungen erlitten hat, sei es durch einen Schwertstreich bei einem verbotenen Gladiatorenkampf oder durch die Berührung eines Albschmeichlers, der niedlich aussieht, jedoch über ein hochwirksames Kontaktgift verfügt. Plötzlich erleidet Lycadia die Vision eines schrecklichen Wesens, das sie zutiefst erschüttert. Ein Wesen, das sich als Erijschu herausstellt, einst ein legendäres Tiefseewesen, heute nur noch ein Kinderschreck aus Märchen.

Regiert werden das Imperium und der Moloch Stadt von den Optimaten, einigen Familien, in denen die Magie besonders stark wirkt; sie zeichnen sich durch ihr drittes Auge auf der Stirn aus. Die Metropolitin aus einer der Familien herrscht mit religiös-diktatorischen Befugnissen.

Zusammen mit einigen Freunden und deren Freunden versucht Lycadia die Herkunft ihrer Vision zu ergründen und stellt dabei fest: Sie ist eng mit ihrer eigenen verknüpft. Zur Seite stehen ihr unter anderem Valorian, ein desertierter Myrmidone (Soldat), der einen Shingwa (Chamäleonid) aus den Händen seiner Truppe befreit hatte. Dann RaoRi, Lycadias katzenhafte Freundin vom Volk der Amaunir; sie ist Schamanin, Geistwesen können sich in ihr manifestierten. Rishuran hingegen ist Dha-verus dunkelhäutiger, väterlicher Freund und Leibwächter eines Optimatenhauses, sowie Shiniope, eine Kriegerin, und Groarhach, ein junger Löwe-Mensch-Hybrid vom Stamin der Leonir.

Mehr und mehr versinken Lycania und ihre Gefährten in einem Netz aus Lügen und Intrigen, und bei verlustreichen Ermittlungen stellt die junge Heilerin fest: Ihr Leben ist viel enger mit den Optimaten, Erijschu und nicht zuletzt auch einem verbotenen, archaischen Blutkult verknüpft, als sie anfangs annahm: Sie wurde nur geboren, um der Göttin des kalten Lichts, Madharya, geopfert zu werden, wurde als Baby jedoch in letzter Sekunde gerettet. Jetzt fordert Madharya ihr Recht…

Charlotte Engmanns Myranor-Debütroman besticht durch eine babylonisch zu nennende Völkervielfalt. Besonders Hybrid-Rassen aus Menschen und verschiedenen Tierarten herrschen vor, andererseits gibt es aber auch beispielsweise die vierarmigen, nachtaktiven Neristu und die Loualil, Meereswesen, die mit nichts zu vergleichen sind. Sehr farbenprächtig und facettenreich geschildert, dekoriert mit einigen amüsanten Details (z.B. werden kleine Hunde zwecks Nahrung gezüchtet, und es gibt – man höre und staune! – sogar eine Schwulen-Bar).

Dabei legt die Autorin einen ausgesprochen flüssigen Erzählstil zutage, der routiniert wirkt und sich dennoch extrem positiv von dem mancher Akkordschreiber unterscheidet. „Holperer“ beim Lesen habe ich beim besten Willen nicht finden können, was für sehr viel Sorgfalt spricht. Eine Investition, die sich gelohnt hat.

Einziger Kritikpunkt: Zu Beginn des Romans wirken die zahlreichen verschiedenen Völker und Protagonisten ein wenig verwirrend, man braucht einige Seiten, um sich einzulesen. Nicht jedem Volk wird der Platz zugestanden, den es eigentlich bräuchte, um Profil zu gewinnen. Doch dies ist entschuldbar und wohl eines der zwangsläufig auftretenden Probleme, wenn eine Welt „eingeführt“ wird, auf der spätere Romane basieren sollen. Dennoch: Diese Aufgabe wurde hervorragend gemeistert. Denn hat man sich erst eingelesen, springt der sogenannte „magische Funke“ mühelos über, sofort versinkt man in dem faszinierenden Ambiente. Und da die Handlung ausgesprochen spannend ist, möchte man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen.

Einige Rezensenten sollen behauptet haben, einen Schwarze-Auge-Roman könne im Prinzip ja jeder schreiben… Nun, bei einigen Werken der Reihe mag das möglicherweise zutreffen, nicht jedoch bei „Den Göttern versprochen“.

Ein mehr als empfehlenswerter Roman, nicht nur für eingefleischte Rollenspiel- und Fantasy-Fans!

_Markus Kastenholz_ © 2004
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Grisham, John – Verrat, Der

Grisham als Hörbuch – ist das denn spannend? Nun ja: Das ist so spannend wie jeder Grisham, wenn man nur die Geduld aufbringt, richtig zuzuhören. Und so wahnsinnig schwierig ist ja Grisham nicht zu konsumieren…

„Der Verrat“ ist ein typischer Anwaltskrimi wie etwa „Die Firma“, nur dass diesmal weder Killer noch Mafia auftauchen, sondern vielmehr ein Anwalt sein soziales Gewissen entdeckt und dabei einen Skandal aufdeckt.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher_

Charles Brauer, geboren 1935, ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Nichts kann Michael Brocks beruflichen Aufstieg bei einer großen, einflussreichen Anwaltskanzlei – 800 Mitarbeiter! – in Washington, D.C., aufhalten: Das Geld stimmt, und die Aussichten auf eine lukrative Teilhaberschaft in zwei Jahren sind für den jungen Anwalt mehr als gut. Bei diesem Leben auf der Überholspur bleibt keine Zeit, eine funktionierende Ehe zu führen, und ein Gewissen ist Luxus.

Bis Michael das Opfer einer Geiselnahme in seinem eigenen Bürohochhaus wird: Sein Leben bekommt nun eine unerwartete, neue Richtung. Der Geiselnehmer, ein heruntergekommener Obdachloser, wird erschossen – Michael selbst überlebt. Wer war dieser Mann, was trieb ihn zu dieser Wahnsinnstat?

Auf der Suche nach den Hintergründen gehen Michael die Bilder des Elends bald nicht mehr aus dem Kopf. Er lernt den Armenanwalt Mordecai Green kennen, der mit allen Wassern gewaschen ist und lässt sich zu einer Obdachlosenbetreuung überreden. Zunehmend schlägt er sich auf die Seite der Armen und Unterprivilegierten, besonders als eine junge Mutter von vier Kindern von ihm betreut wird, aber wenige Stunden später in ihrem Wagen erstickt – mit allen Kindern. Michael ist erschüttert.

Bei seinen heimlichen Nachforschungen in seiner Firma stößt er auf ein schmutziges Geheimnis, in das auch sein Arbeitgeber, die ehrwürdige Kanzlei Drake & Sweeney, verwickelt zu sein scheint: Die junge Frau gehörte ebenso wie der erschossene Geiselnehmer zu den Mietern eines Hauses, das von einem Mandanten von Brocks Firma betreut wird. Diese Mieter wurden auf die Straße geworfen, obwohl das natürlich illegal war. Die entsprechende Aktennotiz ist inzwischen verschwunden, wie Michael beim Diebstahl der entsprechenden Akte feststellt: Seine Firma hat ein eklatantes Verbrechen gedeckt, um einen lukrativen Hausverkauf an die US-Post an Land zu ziehen.

Doch nun steht Michael selbst am Pranger: Schwerer Diebstahl wird nicht gern gesehen. Doch als Michael kündigt und in Mordecais Anwaltsbüro eintritt, findet er bald Zeugen für die Zwangsräumung. Bald hat er auch die Presse Washingtons auf seiner Seite, für die der Skandal ein gefundenes Fressen ist.

Mit seinem Engagement für die Obdachlosen und die Rehabilitation der toten Mutter und des Geiselnehmers schafft er sich einen ernst zu nehmenden Feind: seine eigene Firma. Am Schluss kommt es zu einem handfesten Showdown – natürlich vor Gericht. Wird Michael seine Anwaltszulassung verlieren oder bekommt er Recht?

_Mein Eindruck_

„Der Verrat“ folgt quasi dem Strickmuster von Grishams Bestseller „Die Firma“: Junger, hoffnungsvoller Anwalt gerät auf Grund dessen, was entdeckt, in die Krise und wendet sich schließlich gegen seinen früheren Brotgeber. Doch diesmal ist nicht die Mafia Grund der Gewissensbisse unseres Helden, sondern die sozialen Verbrechen, die von einem Angestellten des Hauses begangen und vertuscht wurden.

Wer Grisham kennt, wird auch hier auf keine Überraschungen stoßen: geradlinie Handlung, mit wenigen Strichen skizzierte Figuren, einige anrührende bzw. kritische Situationen. Alles unterfüttert von Grishams profunder Kenntnis des US-amerikanischen Rechtswesens.

_Der Sprecher_

Der alte Profi Charles Brauer ist der ideale Sprecher für diese Art Roman: Durch treffsicher gesetzte Sprechpausen in den Sätzen pointiert er Beschreibungen, Aussagen, ja sogar einen charakteristischen Tonfall. Michael ist eher verbindlich, Mordecai ein wahrer Krieger oder Krämer (je nachdem, worum es ihm gerade geht) und die restlichen Anwälte sind meist irgendwelche gesichtslosen Handlanger.

Dabei wird er aber nie zum Schmierenkomödianten: Er bleibt immer zurückhaltend. Schwierigkeiten hat Brauer wegen seiner tiefen Stimme eher mit den Frauengestalten, etwa mit der cracksüchtigen Ruby oder der zupackenden Megan, in der Michael seine künftige Liebe findet.

_Der Titel_

Ein merkwürdig unpassender Titel, denn worin besteht er denn, der „Verrat“? Michael wollte die von ihm entliehene Akte ja nur kopieren, nicht stehlen. Niemand kann ihm nach geltenden Moralmaßstäben einen Strick draus drehen, dass er mit seinen daraus gewonnenen Erkenntnissen ein Verbrechen sühnen will.

Umfang: 350 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Berg, A. Scott – Katharine Hepburn. Ein Jahrhundertleben

1983 war Katharine Hepburn längst eine lebende Legende: fünf Jahrzehnte Film und Theater, dazu ein Lebensstil, der seiner – oder besser: ihrer – Zeit weit voraus war. Mit unvergleichlicher Energie waren Karriere und Privatleben gemeistert worden, als ein schwerer Autounfall die scheinbar unverwüstliche „Kate of Arrogance“ zeitweise zum Kürzertreten zwang.

Die ungewohnte Ruhe führte zu einigen Umwälzungen im Hepburnschen Alltag. So gab sie der Langeweile nach und empfing gnädig einen jungen Mann, der einen biografischen Zeitschriftenartikel über sie verfassen wollte. A. Scott Berg war kein Journalist, sondern Buchautor mit gutem Ruf, als er sich der berühmten, als exzentrisch bekannten Schauspielerin vorsichtig näherte.

Siehe da: Die Chemie stimmte, aus Interviewpartnern wurden rasch echte Freunde. Zwei Jahrzehnte gehörte Berg nun zum Hepburn-Haushalt. Wie wenige andere Menschen lernte er diese ungewöhnliche Frau kennen, verfolgte ihren hartnäckigen Weg zurück ins Berufsleben, die späten Triumphe, aber auch den erst allmählichen und dann immer rascheren Verfall, der die bitteren letzten Jahre bis zum Tod Katharine Hepburns im Alter von 96 Jahren nicht ausspart.

A. Scott Berg hat auf Wunsch der Künstlerin stets Augen und Ohren offen und den Stift gespitzt gehalten. Wenn man ihm Glauben schenkt, hat Hepburn ihn als Gesprächspartner mit beinahe therapeutischer Bedeutung geschätzt, mit dem sie über ihr keineswegs einfaches Leben reden konnte. Dabei kamen viele Details zur Sprache, die sehr privat waren und folglich die Gier der Medien erregten. Primär war dies die ebenso legendäre wie komplexe Liebesgeschichte zwischen Hepburn und Spencer Tracy, über deren alltäglicher Realität noch Jahrzehnte später Unklarheit herrscht.

In ihrer Autobiografie drückte sich Hepburn 1988 um viele für sie unbequeme oder belastende Aspekte ihres Privatlebens. Laut Berg hat sie diese ihm mehr oder weniger in die Feder diktiert, damit er – allerdings erst nach ihrem Tod – auch diese Geheimnisse offenbare. Diesen Auftrag erfüllt er mit dem vorliegenden Buch, das Biografie und Erinnerung an eine wertvolle Freundschaft gleichzeitig ist.

Wobei sich formal gegen beides keine Einwände erheben lässt. Die Mischung ist reizvoll, denn sie durchbricht das oft dröge Muster biografischer Beschreibungen: Sie wurde geboren, sie lebte, sie starb. Berg durchsetzt die Lebensbeschreibung immer wieder mit Erinnerungen an die „alte Kate“, was ihm u. a. die Möglichkeit gibt, diese vielen vergangenen Ereignisse quasi persönlich zu kommentieren.

Dabei betont Berg, dass er sich hauptsächlich auf die Wiedergabe von Fakten beschränkt. Seine übliche Arbeitsweise als Biograf bedinge normalerweise eine intensivere Beschäftigung mit dem vorgefundenen Quellenmaterial. Vor allem analysiere er dieses, um zwischen den Zeilen verborgene Wahrheiten zu entdecken. Dies unterbleibe hier, was an der Nähe zum Objekt seiner Beschreibung – einer wirklich engen Freundin – liege, welche die dafür erforderliche Distanz unmöglich mache. (Ein wichtige Rolle mag zudem der Zeitfaktor gespielt haben – der frühe Vogel fängt den Wurm; eine Hepburn-Biografie, die Berg-typisch mehrere Jahre der Archiv- und Schreibarbeit in Anspruch genommen hätte, wäre wohl kaum mehr auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit gestoßen.)

Berg überspringt die allzu oft für Künstler- und besonders Schauspieler-Biografien übliche Grenze naiver Staranbetung. Er profitiert natürlich von der erwähnten Freundschaft. Dennoch kann zumindest der nüchtern interessierte Leser keine „Skandale“ offengelegt finden. Es stellt sich insgesamt die Frage, ob sich für ein nach Sensationen dürstendes Publikum die Lektüre lohnt. Trotz ihrer beneidensweiten Offenheit, die es Wert ist festgehalten zu werden, war Katharine Hepburn „nur“ ein Mensch. Insofern gibt es keine Schmutzwäsche ans Tageslicht zu zerren; was vor Jahrzehnten sicherlich für Aufsehen gesorgt hätte, lässt den privatfernsehgestählten Zeitgenossen der Jetztzeit nur noch müde abwinken.

So schreibt Berg die Hepburn-Geschichte nicht neu, sondern ergänzt sie höchstens um Details, korrigiert sie hier und da und entkleidet sie vor allem ihrer Legenden. Ob er dabei alle Klippen umschiffen konnten, weiß er selbst nicht recht; es ist in der Tat nicht einfach, nach dunklen Flecken auf der Weste eines Menschen zu fahnden, den man ehrlich schätzt.

Schwer fällt es zu entscheiden, wie tief die Freundschaft zwischen Hepburn und Berg denn nun wirklich gewesen ist. Zumindest in den ersten Jahren hat er lange Zeiträume unter ihrem Dach gewohnt und am Familienleben teilgenommen. Ob es dabei wirklich so US-amerikanisch-sentimental zugegangen ist, wie Berg es manchmal schildert, muss offen bleiben. Es ist auf der anderen Seite genug Offenheit in der Beschreibung der sehr alten Katharine Hepburn, die keine Ähnlichkeit mit der verehrten unabhängigen Persönlichkeit aufweist, sondern nur mehr eine kranke, senile, kaum mehr ansprechbare Frau ist. Auch große Künstler holt das Alter ein; was den meisten Biografen höchstens einige Zeilen Wert ist, beschreibt Berg in aller Ausführlichkeit. Dies liest sich oft traurig, ist aber kein Gazettenschwein-Wühlen im Medienschmutz, sondern eine ehrliche und auch notwendige Ergänzung. Schließlich ist Katharine Hepburn nach ihren letzten Filmen Mitte der 1990er Jahre nicht als unwürdige Greisin außer Dienst in ein Künstler-Nirvana verzogen, sondern hat noch bis 2003 gelebt.

Weil Berg über die Jahre notierte, was er bei oder mit seiner Freundin erlebte (diese wusste das übrigens und billigte es), ist sein Buch kein Schnellschuss, um den Hepburn-Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er kann auf echtes Material zurückgreifen, statt den bekannten Wust aus Fakten und Legenden noch einmal aufzukochen. Außerdem verfügt Berg über die Gabe zu schreiben. Knapp vierhundert Seiten lesen sich (auch in der Übersetzung) außerordentlich flüssig. Zeit- und Themensprünge lassen sich als Stilmittel erkennen, statt den unterbezahlten, von Terminen gehetzten Schreiberling zu verraten. In die Reihe von Scotts grundlegenden Biografien über den Herausgeber Max Perkins, den Filmmogul Sam Goldwyn oder die Fliegerlegende Charles Lindbergh reiht sich dieses Buch sicherlich nicht. Es ist eher eine Fingerübung, aber eine, die der Leser mit Freude und Gewinn zur Kenntnis nimmt.

A. Scott Berg wurde 1950 geboren, studierte an der Elite-Universität Princeton und beschloss bereits dort, sich seinen Lebensunterhalt als Biograf zu verdienen. Seine Abschlussarbeit über den Herausgeber Max Perkins baute er später zu seinem ersten Buch und Bucherfolg aus. Seither hat er drei weitere Werke veröffentlicht. Bergs nächstes Projekt – über US-Präsident Woodrov Wilson – besitzt wieder den für ihn üblichen Rahmen, er selbst hofft, es 2009 abschließen zu können …

Hohlbein, Wolfgang – u.a. – Vermächtnis der Feuervögel, Das

Einen Hohlbein kann man eigentlich (fast) immer lesen, ohne enttäuscht zu werden; und einige Bücher sind richtig spannend („Drachenfeuer“ oder „Spiegelzeit“ z.B.). Nicht dass wir besonders raffinierte oder gar innovative Genre-Stückchen vor uns hätten, aber der „deutsche Stephen King“ kann routiniert und flüssig schreiben, so wie halt King oder Koontz auch. Seine schlechtesten Bücher sind nicht schlechter als deren schlechteste Bücher, seine besten können manchmal gar (fast) mithalten und toppen die Durchschnittsware der Amerikaner, auch die gehobene. Wenn ich für diesen Band dennoch keinen Tipp ausspreche, so hat das drei Gründe, der erste ist bereits genannt: Routine, Handwerk, vom Hocker reißt nichts wirklich, vieles ist vorhersehbar. Der zweite und dritte haben zu tun mit der Verlagspolitik (kaum vorstellbar allerdings, dass Hohlbein keinen Einfluss darauf hat, er ist immerhin Hohlbein).

Hier wird nämlich – zweiter Grund – Irreführung betrieben. Das beginnt beim Untertitel „Fantasy-Stories“; davon enthält der Band eigentlich nur eine waschechte. Der Rest entstammt SF, Horror und dem, was man mitunter „Phantastik“ nennt (weil es weder Horror noch SF usw. ist). Ausschließlich auf Fantasy fixierte Leser (die gibt es!) dürften hier also weitgehend enttäuscht werden. Doch die Täuschung geht noch weiter; man ist gut beraten, sich vor Kauf das Inhaltsverzeichnis anzusehen: Drei der Geschichten, ein knappes Drittel des Textes, stammen gar nicht von Hohlbein, er hat nur die Vorworte geschrieben – und dann ist es vermessen zu titeln „Wohlgang Hohlbein und andere“, „Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler“ etc.

Dritter Grund: Piper recycelt kräftig. Ja, Hohlbein soll künftig stärker in den Verlag eingebunden werden – mindestens mit einer neuen Staffel ENWOR-Romane, die ab 2004 erscheinen wird. Und es ist nur verständlich, dass man möglichst viele Bücher eines unbestrittenen Erfolgsautors herausbringen will. Doch der potenzielle Käufer sollte seine WH-Sammlung durchsehen – falls diese Hohlbeins Fantasy-Selections der Jahre 1999 bis 2001 enthält (erschienen bei Weitbrecht Verlag in K. Thienemanns Verlag), dann besitzt er knapp 180 der 270 Seiten schon. Und von den restlichen 90 Seiten stammen nur 25 von Hohlbein. Anders gesagt: Der Band enthält nur eine (!) bisher nicht veröffentlichte Geschichte des Meisters … und diese, „Das Relief“, ist eine zugegeben schnell und sicher erzählte Horrorstory, aber nichts wirklich Neues. Harvard-Studenten suchen sich für einen Schabernack einen Friedhof aus, aber am Ende sind nicht die anvisierten Kommilitonen die Leidtragenden. Durchschnitt – lieber wieder einmal „Pickman’s Modell“ von Lovecraft lesen (dessen Grundidee hier variiert wird, doch auf nicht unbedingt überzeugende Art und Weise).

Alles Wesentliche zum Band wäre hiermit eigentlich gesagt; für Neugierigere folgt nun die Besprechung der Einzeltexte im Schnelldurchlauf:

„Das Vermächtnis der Feuervögel“, die Titel- und längste Geschichte, bringt einen Drehbuchautor, dessen Agenten und ihre beiden Freundinnen in das übliche alte, fast ruinierte Herrenhaus, dessen letzter Besitzer ein Vogelnarr war. Er vermachte die Immobilie denn auch seinen gefiederten Freunden, und man darf weder das Haus renovieren, noch die Vögel vertreiben, noch die Zimmer bewohnen, in denen sie nisten. Durchschaubar spätestens ab Seite 28, Ende inklusive. Horror Kingscher Machart, Dutzende Male gelesen.

„In Namen der Menschlichkeit“ gehört in die Rubrik „SF“, Unterabteilung „Alternative Geschichte“, Regal „häufig gebrauchte Grundideen“: Das Römische Imperium ist 1500 n. Chr. eine Weltmacht, die im Kampf mit dem Toltekenreich liegt – weltkriegsartige Zustände, Millionen Tote usw. Die Römer schicken eine Zeitkapsel mit 4 Mann und 2 Bomben in die Vergangenheit, um das Problem zu lösen, bevor es entsteht. Die Tolteken torpedieren das Unternehmen (im wahrsten Wortsinn); die Legionäre stranden irgendwo, irgendwann. Auf der ersten Seite fällt der Familienname der Hauptfigur: Cyrene, was beim leidlich bibelfesten Leser einen Verdacht weckt; drei Seiten später verdichtet der volle Name Simon Cyrene diesen zur Gewissheit (na? wer hat die passende Bibelstelle parat oder wenigstens die entsprechende Szene aus „Leben des Brian“??). Zum Glück gibt es immer weniger bibelfeste Leser, der immer größere Rest wird daher etwas später (vielleicht) überrascht. – Nee, ich muss hier mal die Katze aus dem Sack lassen: Natürlich ist der Ort der Handlung Jerusalem, die Zeit kurz vor dem Passahfest 33 n. Chr., und gewiss haben wir hier wieder einmal eine Jesus-Geschichte zu lesen. Originell daran sind Hohlbeins Entwurf der Ideologie des Römischen Imperiums – die Symbole Christi: Schwert und Lasergewehr -, die Idee der Gegner – Tolteken unter dem Banner Quetzalcoatls – und sein alternativer Geschichtsverlauf: Das Volk widersetzt sich der Kreuzigung, rebelliert, metzelt Römer, das Imperium wandelt sich, die Apostel werden Kaiser und Könige … Klar kommt es am Ende zu unserer Geschichte, doch wie, ist wieder schwach: Cyrene überlegt sich, wie viele Kriege im Namen Christi geführt werden und wie viele Menschen sterben – und gibt Judas Ischarioth dreißig Silberlinge. Eine fragwürdige Entscheidung, denn Cyrene macht einen ganz intelligenten Eindruck und müsste sich auch fragen, ob es ohne den Namen Christi wirklich weniger Kriege und weniger Tote wären. Ich behaupte mal: Nein. Wir hätten auch ohne die Religion einen Grund gefunden, das fortschrittliche Arabien zu überfallen oder die Indianer niederzumetzeln. Außerdem: Warum sollten die Leute nicht auch gegen die Kreuzigung rebellieren? – Schade, aus der Geschichte hätte sich mehr machen lassen; so jedoch weckt sie die meisten Erwartungen und enttäuscht daher am meisten.

„Das zweite Gesicht“ ist SF, verbunden mit Horror-Elementen, soll vor dem Missbrauch der Medizin warnen und die Frage stellen, ob wir alles dürfen, was wir können. Aber abgesehen davon, dass die Geschichte am Ende eigentümlich unentschieden bleibt, was diese Frage betrifft – sie geht auch unentschieden aus, ist in Teilen vorhersehbar und hat kein überzeugendes Ende.

„Im Schatten der Sonne“ wurde im Internet als Fortsetzungsgeschichte von 14 AutorInnen geschrieben. Macht pro Frau/Mann gut 1 Seite. Das merkt man. Nicht einmal C. L. Moore, Abraham Merritt, Robert E. Howard, Frank Belknap Long und Howard Phillips Lovecraft bekamen 1935 unter dem Titel „The Challenge from Beyond“ eine mehr als nur durchschnittliche Story zusammen (wobei Howards Schluss mit seiner ironischen Howard-Parodie wenigstens ein echter Brüller ist). Doch dieser 14-Mensch-Eintopf hier bleibt fade, verdorben im Sinne des Sprichworts von den vielen Köchen und enthält alles Mögliche, nur nix Nahrhaftes.

„Malicia“ aus der Feder Dieter Winklers, die allererste und bisher nicht veröffentlichte ENWOR-Geschichte, ist dann endlich einmal richtige Fantasy, gewürzt mit Horror-Elementen. Sie kann Howards „Conan“-Geschichten durchaus das Wasser reichen. In den Augen mancher Leser mag das freilich kein Kompliment sein, doch ich habe eine leise Schwäche für den Cymmerier, sofern er von Howard selbst zum Leben erweckt wird, bekenne mich fröhlich dazu und zu dieser Geschichte und empfehle den Puristen, es doch besser zu machen, wenn es so einfach ist, „Trivialliteratur“ zu schreiben. Eine akzeptable, spannende Story, die beste des Bandes – nur eben nicht von Hohlbein.

Esmee Weisleders „Engel laufen nicht!“ beschließt das Buch und ist laut WH die Siegergeschichte eines Schreibwettbewerbs des Hohlbein-Internet-Fanclubs. „Die Anzahl der Storys … war überwältigend, und die Qualität übertraf meine kühnsten Erwartungen (in jeder Hinsicht)“ schreibt der Meister doppelbödig. Je nun. Die Geschichte ist nicht schlecht, dennoch: Wenn sie die beste war, überbietet die Qualität der anderen die Erwartungen nur in einer Hinsicht, nach unten nämlich. Immerhin: konsequent komponiert, straff erzählt, die Hauptfigur lebendig gezeichnet, der Schluss in seinen Grundzügen erahnbar, aber gut ausgestaltet – eine Story auf besserem Fanzine-Niveau. Nicht mehr, nicht weniger.

Fazit dieser langen Rezension? Ein Buch mit wenigen Höhen und etlichen Tiefen, das mehr verspricht, als es hält; für Hohlbein- und/oder ENWOR-Freaks ein Muss, für alle anderen Leser eher fraglich. Nicht allzu enttäuschend freilich, aber das nimmt nicht Wunder – man erwartete ja auch nicht allzu viel …

© 2004 by _Peter Schünemann_
mit freundlicher Unterstützung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Grisham, John – Richter, Der

Drei Millionen unehrlich verdiente Dollar: eine hübsche Summe als Erbschaft für zwei Brüder (keiner weiß, woher das Geld kommt). Doch wie es so oft passiert, gönnt der eine dem anderen nichts, und so entwickelt sich eine verhängnisvolle Geschichte, in der zwar niemand getötet wird, die aber einem der Brüder den letzten Nerv raubt. Das Ganze endet mit einer handfesten Überraschung.

_Das Hörbuch_

Der Sprecher: Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

Der Autor: Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Handlung_

Eigentlich hat Ray Atlee, Juraprofessor an der Uni von Virginia, mit seiner Vergangenheit in Clanton, Mississippi, längst abgeschlossen. Der 43-Jährige hegt keine guten Erinnerungen an seine Kindheit in dem kleinen Südstaatenstädtchen, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Forrest unter der harten Hand seines Vaters aufwuchs, den auch die beiden Jungen nur „Judge“ nannten.

Ray versucht gerade seine überstürzte Scheidung zu verarbeiten, als die Erinnerung an Clanton auf einmal wiedererweckt wird: mit einer Vorladung – einer Vorladung zu seinem Vater. Ihm und seinem Bruder Forrest, dem schwarzen Schaf der Familie, der früh durch Drogen auf die schiefe Bahn geriet, steht eine unangenehme Reise in die Vergangenheit bevor: Auf Datum und Uhrzeit genau hat der Vater, bekannt als „Richter Atlee“, seine Söhne geladen, um mit ihnen sein Erbe zu regeln.

Vierzig Jahre lang hatte Judge Atlee als einflussreicher Staatsbeamter das Rechtswesen und die Politik der Gegend geprägt, und darüber hinaus Bedürftigen geholfen. Nun aber findet Ray seinen Vater tot auf, als er pünktlich zum Termin eintrifft.

Rays schlimmste Befürchtungen, dass sein Vater keines natürlichen Todes gestorben ist, werden wahr, als er in dessen Büroschränken drei Millionen Dollar entdeckt: Ordentlich sind die Hundert-Dollar-Scheine in Pappkartons verstaut. Dieses Geld, das er vor Forrest versteckt, bis er weitere Erkentnnisse über seine Herkunft hat, und für das sein Vater offensichtlich ums Leben gebracht wurde, wird nun auch für Ray eine Quelle der Angst, aber auch der Versuchung: Ray fängt an zu spielen und kauft sich ein Flugzeug.

Bei seinen Nachforschungen über die Herkunft der drei Millionen Dollar kommt er nach und nach hinter ein düsteres Geheimnis, das außer ihm offensichtlich noch jemand anderer kennt. Und dieser Andere will natürlich auch das Geld…

_Mein Eindruck_

Grishams Generation ist eine von Erben; beerbt werden jene Väter, die seit dem Zweiten Weltkrieg wohlhabend geworden sind. Und so eine Erbschaft kann durchaus eine Versuchung sein, wie sich an Ray Atlee zeigt: Er hätte das gefundene Geld im Nachlass angeben und mit seinem Bruder (und den Steuerbehörden) teilen müssen. Aber nein: Die Versuchung ist so groß, dass sie die Stimme moralischer Verantwortung übertönt.

Der Plot erinnert an die biblische Geschichte um Isaaks Söhne Jakob und Esau. Esau, der haarige, geistig und moralisch als minderwertig Angesehene, war der Erstgeborene. Jakob, der Gewitztere, betrog ihn für ein Linsengericht und erhielt so die Rechte eines Erstgeborenen (welche für nomadische Israeliten offenbar beträchtlich waren).

Aber für Ray Atlee endet mit dem Betrug an seinem Bruder die Geschichte nicht. Die gigantische Summe von drei Millionen Dollar lässt sich nicht aus den legalen Einkünften seines Vaters erklären. Und da noch jemand davon weiß und Ray droht, ihn umzubringen, falls er es nicht herausrücke, entwickelt das Geld ein Eigengewicht, das Ray bald wie ein Mühlstein am Hals hängt. Seine Aktionen werden von Panik gekennzeichnet: Er engagiert einen Privatdetektiv, der entdeckt einen Einbruch in Rays Wohnung, Ray flieht – ausgerechnet nach Clanton. Und von dort immer weiter bis zur Küste. Immerhin klärt sich dort einiges auf…

Wie man sieht, ist der Plot zwar halbwegs spannend, aber keineswegs von Gewaltanwendung gekennzeichnet. Schade, dass die Hörbuchfassung gekürzt ist, denn so kommt nicht richtig zum Tragen, worum es eigentlich geht: um den moralischen Konflikt eines Anwalts, der Gesetztestreue geschworen hat und diesen Schwur bricht.

Ist das nun irgendwie für den Rest der Welt wichtig, fragt man sich, wenn sich zwei Brüder ums liebe Geld balgen? Das nicht, aber man sollte die gesellschaftliche Relevanz nicht verkennen, die darin besteht, dass, sobald eine große Summe ins Spiel kommt, auch der beste Anwalt moralisch ins Schleudern gerät.

Es geht also um Bestechlichkeit. Und es gibt schmierige, skrupellose Leute – auch in diesem Buch – die dies wissen und schamlos ausnützen: Für sie sind Anwälte nur bessere Handlanger, um ihre Interessen zu vertreten.

Und als solcher wurde auch der rechtschaffene Richter Atlee benutzt, ohne es zu wollen. Eines seiner Urteile machte einen aufstrebenden Anwalt, der sich auf Sammelklagen von Pharmaopfern spezialisierte (der Bayer-Lipo-Skandal), auf einen Schlag reich.

Grisham schildert diesen schmierigen Typen namens Patton French (was für ein Name) in einer hervorragend ausgearbeiteten Dinnerszene mit Ray Atlee: ein dekadentes Abendessen auf einer Jacht, von der seine zu scheidende Frau nichts erfahren darf, damit ihr Anwalt das Boot nicht in die Finger kriegt. Das sind also die Sorgen der neureichen Staranwälte dieser Welt. Von Rechtsbewusstsein oder gar moralischer Verantwortung keine Spur. Ray schaudert es innerlich.

_Unterm Strich_

Grisham bleibt Grisham: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein halbwegs spannender Plot, eine Verfolgungsjagd, eine mysteriöse Geldsumme, ein gegensätzliches Brüderpaar – viel mehr ist da nicht. Das mag gute Unterhaltung sein, aber mir reicht das nicht.

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders, wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

Umfang: 375 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2002ff

Bernard Cornwell – Die Galgenfrist

Im Jahre 1817 beauftragt der englische Innenminister einen ehemaligen Offizier, ein wegen Mordes verhängtes Todesurteil zu überprüfen. Zum Unwillen der Justiz entdeckt dieser, dass die Beweise gefälscht wurden und der angebliche Täter unschuldig ist … – Gelungener Historienkrimi, der sich geschickt der zeitgenössischen Rechtsprechung bedient. Das alte London und seine pittoresken Bewohner nehmen vor dem Leser Gestalt an, ohne um der Unterhaltung willen in historische Zerrbilder verwandelt zu werden: ein durchweg empfehlenswertes Lektürevergnügen.
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Grisham, John – Schuld, Die

Ein junger Pflichtverteidiger wird von einem geheimnisvollen Fremden dazu verführt, die juristische Drecksarbeit für einen Pharmakonzern zu erledigen. Zu spät erkennt Clay Carter, in welcher Klemme er nach nur wenigen Monaten steckt. – Grisham zeigt auf, wie verführbar junge, unterbezahlte Anwälte sind und wie das dreckige, aber völlig legale Geschäft mit den Sammelklagen in den USA funktioniert.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher _

Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“, „Der Richter“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Der junge Rechtsanwalt Clay Carter träumt von einer lukrativen Stelle in einer der großen Kanzleien. Leider fristet er vorerst sein Dasein als Pflichtverteidiger des Office of Public Defense (OPD). Da er gerade zufällig als Einziger vom OPD im Gerichtssal anwesend ist, bekommt er den merkwürdigen Fall des Tequila Watson aufs Auge gedrückt.

Tequila, gerade mal 20 Jahre jung, hat mitten auf der Straße scheinbar wahllos einen Mord begangen. Mitten in Washington, D.C., schoss er einen jungen Drogendealer nieder: Ramón Pumfrey. In Clays Verhören gibt der junge Tequila an, er habe einfach nur jemanden töten wollen, egal wen. Das wird ja immer seltsamer, denkt sich Clay.

Seine Nachforschungen im Umfeld ergeben: Watson war bis vor einem halbem Jahr noch Crack-Junkie, bevor er in eine Entzugsanstalt eingewiesen wurde. Im „Deliverance Camp“ herrschten militärische Zucht und Ordnung. Nach 90 Tagen war Tequila clean gewesen, erzählt der Anstaltsleiter, ein massiger Farbiger namens Talmage X. Nach 100 Tagen hatte Tequila erstmals Freigang gehabt. Am 115. Tag hatte er Ramón Pumfrey erschossen, aber keiner wusste, wieso, am allerwenigsten der Mörder selbst. Er war vorher Gewalt stets aus dem Weg gegangen.

Clay Carter hatte schon mal leichtere Fälle. Er verdient gerade mal 36.000 Dollar im Jahr (also nicht mal 3.000 Euro im Monat). {Oh mein Goth, wie schröckelich. Anm. d. Lektors.} Da kann man sich schon überlegen, sich nach etwas Lukrativerem umzusehen. Und Clay bekommt sein Chance. Ein gewisser Max Pace bietet ihm in einem Luxushotelzimmer die Chance seines Lebens an. Pace behauptet, für einen Pharmakonzern zu agieren, der ungenannt bleiben wolle.

Der Konzern habe ein Suchtheilmittel erprobt, nicht nur in drei Städten außerhalb der USA, sondern auch in Washington, D.C. – weil es hier ja viele Farbige gebe. Testlabors seien die Entzugskliniken gewesen, solche wie Deliverance Camp. Tequila Watson sei nur einer von etwa hundert Probanden gewesen. Leider habe sich gezeigt, dass das Medikament bei etwa acht Prozent der Testpersonen schwere Nebenwirkungen hervorrufe: zum Beispiel Mordlust.

Inzwischen seien zwar alle mit „Tarvan“ versorgten Kliniken weltweit geschlossen, doch sollten die Familien der Opfer entschädigt werden, um spätere Schadensersatzforderungen abzuwehren, falls die Sache doch einmal ruchbar werden sollte. Und hier kommt endlich Clay ins Spiel: Er soll die Entschädigungsverfahren mit außergerichtlichen Vergleichen zu einem glücklichen Ende bringen.

Als sich Clay hierbei bewährt, betraut Max Pace ihn mit einem Sammelklagenfall, gegen den sich die 50 Millionen Dollar des Tarvan-Falles wie Peanuts ausnehmen. Er, Clay, werde allein daran über 100 Millionen Dollar verdienen. Clay bleibt die Spucke weg.

Dieser Fall könnte Clay Carters Karriere zerstören, doch sollte er Erfolg haben, wäre er am Ende des Verfahrens nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein bekannter und berüchtigter Opferanwalt. Doch warum hat man ausgerechnet ihm diesen Fall angeboten? Wer ist der geheimnisvolle Fremde mit dem verlockenden Angebot?

Und tatsächlich: Schon etwa 15 Monate später steht das FBI bei Clay Carters kräftig gewachsener eigener Anwaltskanzlei auf der Matte.

_Mein Eindruck_

Grisham lässt seinen Helden noch zwei weitere Fälle mit Sammelklagen anpacken, aber das sind dann schon die heikleren Sachen – sie werden Clays Untergang herbeiführen. Der eigentliche Grund: Clays sinn- und grenzenlose Geldgier, seine Geltungssucht gegenüber den ebenso gierigen Anwaltskollegen.

_Und der Haifisch, der hat Zähne_

Das überhand genommene Sammelklagengeschäft (beispielsweise gegen die Bayer AG) ist ein einziger Haifischteich, und die Gelackmeierten sind nicht etwa die Beklagten, sondern die Kläger: die Geschädigten, die eh schon unter gesundheitlichen und sonstigen Schäden zu leiden haben. Aber da die Anwälte astronomische Honoraranteile verlangen, werden die Opfer ebenso wie die Beklagten um vernünftige Kompromisse und Vergleiche gebracht. Der Einzige, der bei diesem Scheißspiel gewinnt, so Grisham, ist der Anwalt.

Vorerst zumindest. Denn anhand des Falles von Clay Carter exerziert Grisham durch, wie dieser Schuss nach hinten losgehen kann. Anwälte wie Carter (und der uns aus „Der Richter“ vertraute Patton French aus Biloxi) lassen sich durch eine freie Presse, aber auch durch noch schärfere Fische im Haifischteich der Anwälte bekämpfen und zu Fall bringen. Und wenn sie dann auch noch so dumm sind, an der Börse Insidergeschäfte zu tätigen, schaltet eben bald die Börsenaufsicht das FBI ein.

_Auch der Haifisch ist nur ein Mensch_

Doch Clay Carter ist keineswegs nur der Haifisch, der den Hals nicht voll bekommen kann. Er ist ja selbst ein Opfer: Er ließ sich von dem Betrüger Max Pace vor dessen Karren und den der Konzerne spannen und muss dafür schließlich büßen (wie in jedem anständigen Krimi). Indirekt zeigt also Grisham, wie sich ahnungslose junge und unterbezahlte Anwälte zu Werkzeugen in den Intrigen der großen Konzerne machen lassen.

Clay Carter überlebt lediglich dank seiner Freunde aus dem OPD. Er hatte sie als erste in seine Kanzlei geholt und ihnen freiwillig (!) einen Bonus von je 10 Millionen gezahlt. So etwas vergisst man ihm nicht, und so üben sie eben auch Solidarität, als es ihm wieder dreckig geht: Er liegt mit gebrochenen Knochen im Hospital. (Und ich habe den starken Verdacht, dass im Hörbuch eine komplette Liebesgeschichte gestrichen worden ist. Das trüge noch stärker zu Clays menschlicher Seite bei.)

_Der Sprecher _

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

_Unterm Strich_

„Die Schuld“ hat eine überschaubare Handlung, die im Grunde aus vier bis fünf Komplexen besteht: Clays Fällen. Sie werden linear hintereinander abgehandelt, und es gibt kaum Rückblenden. Das klingt nicht sonderlich spannend, und psychologische Spannung kommt auch nur in den Gesprächen mit Max Pace und dem FBI auf.

Worauf es Grisham in erster Linie ankam, ist seine Absicht, uns zu zeigen: „Nun schaut euch mal an, wie diese Schweinerei vonstatten geht.“ Die „Schweinerei“ ist vor allem das Geschäft mit den riesigen Sammelklagen, bei denen mehrere spezialisierte Staranwälte Tausende von Mandanten sammeln und in einen Topf werfen, selbst wenn die das gar nicht wollen. Doch diese Masse erzeugt Druck auf den Beklagten. Und Zweck der Übung ist nicht etwa ein Prozess, sondern ein außergerichtlicher Vergleich, bei dem die Anwälte bis zu einem Drittel der Entschädigungssumme einsacken. Da kann es durchaus um Milliarden Dollar gehen. Ganz legal. Aber auch moralisch gerechtfertigt?

Genauso gut könnten wir also einem Paar Einbrecher bei seiner kriminellen Arbeit zusehen, so aufregend ist Grishams Story: Das ist informativ, lehrreich (für Nachwuchsjuristen?), engagiert, teilweise spannend, aber wenig bewegend. Wer mehr von der Story haben will, sollte das Buch lesen. Das ist dann wenigstens ungekürzt.

Umfang: 381 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Gibson, William – Neuromancer

William Gibson ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der letzten zwanzig Jahre. Er hat, wie kein anderer SF-Autor, in kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Sein Erstlingswerk „Neuromancer“ wurde mit dem |Nebula Award|, dem |Hugo Award|, dem |Locus Award| und dem |Philip K. Dick Memorial|-Preis ausgezeichnet.

William Gibson entführt seine Leser in eine Welt immanenter, teils futuristischer Technik, die sich aber von ihrem sozialen und politischen Gefüge her kaum von unserer wirklichen Welt unterscheidet – multinationale Megakonzerne beherrschen die Wirtschaft und die Politik; die Ballungsräume haben sich zu immer größeren, geschwürartigen Gebilden entwickelt, bis sie irgendwann zusammengewachsen sind; ein sehr großer Teil der Bevölkerung lebt in den Randgebieten des Sprawl – in den Slums – und kämpft ums Überleben. Einige von ihnen haben sich die Technik zu Nutze gemacht und verdienen ihr Geld mit Datendiebstahl und Industriespionage.

|“Cyberpunks nennen sich die Computerfreaks mit implantierter Elektronik im Schädel, allesamt verrückt und süchtig nach irren Abenteuern jenseits der Realität. Die Direktschaltung von Gehirn und Computer verheißt Allgegenwart und nie dagewesene Sensationen. Eine neue Welt tut sich auf, intensiv wie ein elektrischer Schock.“| (Bruce Sterling)

Case war ein solcher Cyberpunk. Mit 22 Jahren war er einer der besten Deckjockeys im Sprawl – ein |Cowboy|, wie er es nannte. Er war ein Dieb, der für die großen, reicheren Diebe arbeitete. Seine Auftraggeber beschafften ihm die Software, die er benötigte, um in die riesigen Industrie-Komplexe mit ihren geheimen Forschungslaboratorien einzubrechen und dort all jene Daten zu stehlen, an denen sie interessiert waren.
Dann machte er den klassischen Fehler. Case behielt etwas von dem zurück, was ihm nicht gehörte. Er wollte das große Geld machen – und zwar schnell. Sie kamen ihm auf die Schliche, fanden ihn und bestraften ihn auf eine Art, die für Case schlimmer war als der Tod. |“Sie schädigten sein Nervensystem mit einem russischen Mykotoxin aus Kriegszeiten. In einem Hotel von Memphis ans Bett gefesselt, halluzinierte er dreißig Stunden lang. Mikron für Mikron brannte sein Talent aus. Der Schaden war gering, unauffällig, aber äußerst wirksam.“ (S. 14/15)| Seit dieser Nacht war der Cyberspace nur noch eine Erinnerung, ein Traum. Die Ärzte in den schwarzen Kliniken hatten seine Verstümmelung bestaunt, doch sie konnten ihn nicht heilen.
Darauf folgte der soziale und gesellschaftliche Abstieg. Er begann Drogen zu nehmen, Speed und Alkohol, und steigerte sich in eine akute Suizidgefahr hinein. Case stand mit einem Mal am Rande der Gesellschaft und agierte hart an der Grenze zur Unterwelt. Er war nur ein kleiner Gauner unter vielen.
|Heute| ist Case 24 Jahre alt. Er ist ein Punk, der orientierungslos einen Leitfaden durch sein Leben sucht. Case versucht den Eindruck zu erwecken, er habe mit seinem |früheren| Leben abgeschlossen, doch Drogen und mehr oder weniger unmotivierter Sex vermögen ihm nicht zu geben, was er außerhalb des Cyberspace entbehren muss.. |“(…) Der Körper war nur Fleisch. Case wurde ein Gefangener des Fleisches.“ (S. 15)|
Er ist einer der unzähligen Straßendealer in Ninsei, den Slums von Chiba City. Er schläft in den billigsten Absteigen und schlägt sich mit illegalen Geschäften für das organisierte Verbrechen und manchmal auch mit Mord durchs Leben. Die neuen Yen, die ihm seine Deals einbringen, investiert er direkt in den nächsten Auftrag und in Drogen.
Eines Abends tritt Molly in sein Leben. Molly ist eine kybernetisch aufgewertete Straßenkämpferin mit implantierten Linsen und Nagelmessern. Ihr Job ist es, Case zu ihrem Auftraggeber Armitage zu bringen – nur um zu reden, wie sie ihm versichert. Armitage unterbreitet ihm einen interessanten Deal. Er will Case’s Nervenschäden in einer illegalen Klinik heilen lassen, wenn dieser dafür einen Auftrag im Cyberspace übernimmt. Anfänglich zögert Case, da er zu oft enttäuscht wurde. Sein altes Leben wieder zum Greifen nah, willigt er dann aber doch ein, da er der Verlockung, endlich wieder den Cyberspace betreten zu können, nicht widerstehen kann …

William Gibson wurde am 17. März 1948 in Convay, South Carolina (USA), geboren. Nachdem 1966 seine Mutter starb, verließ er im Alter von 19 Jahren die USA und zog, um sich der Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen, nach Toronto (Kanada). Seit 1971 wohnt er in Vancouver, British Columbia (Kanada).
Auf der |University of British Columbia| begann William Gibson zu schreiben. 1977 verkaufte er, zu Beginn der Punkbewegung, seine Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“ (später im Heyne-Verlag veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“) an die wenig verbreitete Zeitschrift UnEarth.

Er begründete den Begriff |Cyberspace| und beschrieb die |Virtuelle Realität| (VR) und das |Internet|, bevor die meisten Menschen deren Existenz auch nur erahnten.

Der Cyberspace ähnelt im Großen und Ganzen unserem heutigen Internet. Während man, um das Internet zu benutzen, vor einem Bildschirm sitzt und seine Daten via Tastatur und Maus eingibt, |’steckt’| der User in Gibsons Vorstellung jedoch nur noch |’ein’|, worauf sein Geist in den Cyberspace eintaucht und dort agiert. Die Visualisierung basiert auf der Technologie der virtuellen Realität, die auf eine abstrakte Art und Weise an die reale Welt angelehnt ist.
Der Cyberspace wird z.B. genutzt, um Geschäftsprozesse von jedem Ort auf der Welt für die berechtigten Benutzer zugänglich zu machen. Aus den Mauern der realen Industriekomplexe und Banken werden im Cyberspace unsichtbare Mauern aus EIS (Elektronisches Invasionsabwehr-System). Auch hier gibt es, wie in der Realität, technische Möglichkeiten, diese Abwehrmechanismen zu umgehen. Genau wie in der realen Welt, treiben auch im Cyberspace Gauner, Diebe und Industriespione ihr Unwesen. Ihre Werkzeuge sind nur nicht mehr Dietrich und Schneidbrenner, sondern eigens zum Durchbrechen der Mauern aus EIS geschriebene Computerviren.
In Gibsons Vorstellung kann ein Deckjockey im Cyberspace auch sterben. Die Idee, welche dahintersteht, ist, dass, wenn der Geist im Cyberspace angegriffen und |getötet| wird, eine Rückkopplung erfolgt, die das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes grillt. Es besteht also ein gravierender Unterschied zwischen unseren heutigen Computerspielen, z.B. in Virtual-Reality-Cafés, und Gibsons Cyberspace. Wenn ein Deckjockey im Cyberspace einen schwerwiegenden Fehler begeht, dann wird kein virtuelles Leben abgezogen und es gibt auch keinen Schriftzug |Game Over|, der in roter Schrift im Blickfeld aufblinkt, der Deckjockey stirbt einfach – sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt.

Als Hommage an Gibsons „Neuromancer“ entstand das Pen&Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“, welches in der düsteren Welt von „Neuromancer“ spielt.

William Gibson gilt auch als Begründer einer neuen literarischen Strömung in der Science-Fiction, dem |Cyberpunk| oder – in Anlehnung an „Neuromancer“ – der |Neuromantik|.

Der Titel „Neuromancer“ ist ein Wortspiel zu |Necromancer| (dt.: Nekromant), was soviel wie Geisterbeschwörer bedeutet, und |neuro|, also Nervensystem. Case, der Protagonist der Geschichte, ist ein zeitgenössischer, in naher Zukunft angesiedelter Zauberer. Seine Hexerei besteht darin, das menschliche Nervensystem mit dem elektronischen neuronalen Netzwerk der Computerwelt zu |interfacen| und diese zu manipulieren bzw. von ihr manipuliert zu werden. Dieser Gedanke folgt analog dem wechselwirkenden Eintritt eines Schamanen in traditionelle mystische Bereiche (die Geisterwelt) mittels Drogen und/oder Trance.

Das Genre ist geprägt vom Lebensgefühl der Punkkultur, die sich in einer modernen, von Elektronik geprägten Welt wiederfindet. Im Mittelpunkt steht ein Computernetzwerk ähnlich unserem Internet, der Cyberspace oder auch die Matrix, welches dem Menschen mittels Interfaces ein völlig neues Terrain eröffnet.

William Gibson verbindet in seinen Romanen zwei Strömungen der Science-Fiction, die |Hard SF| und die |New Wave| der siebziger Jahre. Seine wissenschaftlich-technische Extrapolation entstammt der Hard SF, während seine stilistische Ausführung New Wave pur ist, das heißt, er schreibt gesellschaftskritisch mit einem romantischen Impuls und er bedient sich des in der New Wave verwendeten Archetypus der Protagonisten.

Die Hard SF zeichnet sich durch einen logischen Positivismus, traditionelle moralische Werte und ein wissenschaftliches Weltbild aus. Streng wissenschaftlich orientiert, werden in simpler, transparenter Erzählkunst die Geschichten gestählter Könnertypen und gefühlloser Technikmenschen dem Leser nahe gebracht. Die Archetypen dieser Stilrichtung sind beispielsweise Computerhacker oder Weltraumkommandanten, die meist aus mittelständischen oder aristokratischen Gesellschaftsschichten stammen.
Aus der Sicht der Hard-SF-Autoren vertreten die Autoren des New Wave eine nihilistische, gegen Wirtschaft und Technik gerichtete Einstellung.

Die New Wave hingegen begründet sich auf ein |gesundes| Volksempfinden, welches sich in der Rebellion gegen Establishment und Krieg manifestiert. Sie steht für sexuelle Befreiung und einen kulturellen Pluralismus, aus dem sich ein charakterologischer Realismus ergibt, der sich auch in den Archetypen, wie z. B. Hippies oder Punks widerspiegelt. Stilistische Experimente, wie z. B. Slang oder mehrere Erzählstränge und ein starker romantischer Impuls, der sich in der Einbeziehung und Beschreibung des Banden- und Straßenmilieus offen zeigt, runden das Bild der New Wave ab.
Die New-Wave-Autoren werfen den Autoren der Hard SF vor, sie seien naiv, da sie zu glauben scheinen, ein Aufschwung in Wirtschaft und Technik müsse eo ipso zur Verbesserung der menschlichen Bedingungen beitragen.

Die Merkmale dieser beiden Strömungen galten lange Zeit als unvereinbar. Doch Gibsons Werke scheinen genau den Nerv der Zeit zu treffen. Er vereinigt in seinen Romanen eine komplexe Synthese der Popkultur mit High-Tech und einem fortgeschrittenen Schreibstil. Seine Werke beheimaten dichte und bizarre Storys, eine kantige und düstere Leidenschaft und intensive Detailfreude. Hervorzuheben sind dabei neben der Neuromancer-Trilogie, welche durch „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ komplettiert wird, die |Sprawl-Serie|, zu der die Kurzgeschichten „Johnny Mnemonic“, „New Rose Hotel“ und das fabelhafte „Burning Chrome“ gehören. Die Charaktere sind ein Sammelsurium aus Verlierern, Gangstern, Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Irren, mit denen man sich durchaus zu identifizieren vermag. Gibson schreibt von |normalen| Menschen, die sich in unserer technisierten Welt zurecht finden müssen und nicht von den unfehlbaren |Super|-Helden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, wie es die Hard SF bevorzugt.

Im Vorwort von „Cyberspace“ schreibt Bruce Sterling über Gibsons Erzählungen:
|“(…) In seiner Welt ist die Wissenschaft kein Wunderbrunnen schrulliger Genies, sondern eine allgegenwärtige, alles durchdringende, greifbare Kraft.
Die Geschichten zeichnen ein Bild der modernen Misere, das ein jeder auf den ersten Blick erkennt. Gibsons Extrapolationen führen uns mit überspitzter Klarheit den verborgenen Teil eines Eisbergs sozialen Wandels vor. Dieser Eisberg treibt mit finsterer Majestät durchs späte zwanzigste Jahrhundert, aber seine Proportionen sind gewaltig und düster.“|

Gibsons Schreibstil, die kantige und düstere Leidenschaft seiner Geschichten, spiegelt sich in der Passage auf der ersten Seite des Buches wider. Er nutzt nicht nur in der wörtlichen Rede, sondern auch bei seinem Erzählstil eine Syntax, die dem Straßenslang sehr nahe kommt. Hier zeigt sich der Impuls des New Wave, der in Gibsons Geschichten eine große Rolle spielt.
|Case schloss die Augen.
Fand den geriffelten EIN-Schalter.
Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosphene aus den Grenzen des Raumes auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information.
Bitte, betete er, jetzt …
Eine graue Scheibe, Himmelsfarbe von Chiba.
Jetzt …
Die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zur hellgrauen Sphäre. Weitete sich.
Und floß, entfaltete sich für ihn. Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit entfernt sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn.
Und irgendwo er, lachend, in einer weiß getünchten Dachkammer, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht mit Freudentränen überströmt.
in Liebe für Deb,
die es möglich gemacht hat|

Mir liegen noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung auf der Seele.

Zum Einen wirkt es ein wenig befremdlich, wenn man anstelle des weit verbreiteten Begriffes |Cyberspace| immer wieder |Kyberspace| lesen muss. Noch schlimmer kann man ein englisches Wort wohl kaum verunstalten – das erste Teilwort auf Deutsch und das zweite weiterhin auf Englisch. Nun gut, diese Übersetzung ist in der Mitte der achtziger Jahre entstanden und so mag man es dem guten Reinhard Heinz nachsehen, aber ehrlich gesagt, habe ich mich da im gesamten Buch nicht dran gewöhnen können.
Dieser Hirnverdreher ist zwar in der neuen Auflage behoben, dafür ist aber der gesamte Sprachstil |geglättet| worden. Meiner Meinung nach verliert der Roman dadurch viel an Atmosphäre. Da „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ nicht mehr einzeln erhältlich sind, wird sich der geneigte Leser ein Bild davon machen können, wenn er die neue Fassung mit der alten vergleicht. Ich empfehle wirklich, den ersten Roman in der älteren Übersetzung zu lesen.
Leider tritt das gleiche Phänomen auch bei der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“ auf und auch hier verlieren die Geschichten an Atmosphäre.

Alles in allem ist dieses Buch in jedem Falle ein Leckerbissen für alle „Cyberpunk“- und „Shadowrun“-Rollenspieler, aber auch alle Nicht-Rollenspieler, die sich an diesem Genre erfreuen, werden ihre helle Freude daran haben.

|Siehe ergänzend dazu Michael Matzers [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=521 zum Hörspiel.|

Follett, Ken – Mitternachtsfalken

War in „Die Leopardin“ Frankreich der Schauplatz der Ereignisse, so ist es diesmal das von Nazis besetzte Dänemark des Jahres 1941, in dem sich das Schicksal so mancher Agentin und manches Agenten erfüllt. Und ein unscheinbarer Oberschüler beginnt eine kriegswichtige Rolle zu spielen.

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein aktueller Roman „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Die Sprecher_

Anja Moll studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin/Rostock. Sie machte sich auf den verschiedensten Theaterbühnen, als Sprecherin beim Rundfunk sowie als Synchronsprecherin einen Namen. Sie verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Franziska Pigulla.

Philipp Schepmann erhielt nach seiner Schauspielausbildung zahlreiche Theaterengagements, ist seit vielen Jahren Sprecher in Rundfunk und Fernsehen und blickt auf viele Hörbuchproduktionen wie etwa „Der König von Narnia“ (Brendow, Moers) zurück. Die Wandlungsfähigkeit seiner Stimme erinnert an Rufus Beck.

_Handlung_

In Europa tobt im Jahr 1941 der Zweite Weltkrieg. In England, das von deutschen Bomberangriffen heimgesucht wird, fragt sich Hermia Mount, eine Agentin im Innenministerium, woher die hohen Verluste der britischen Bomberstaffeln rühren, wenn sie die deutsche oder dänische Küsten anfliegen. Haben die Deutschen vielleicht eine ähnliche Radartechnik wie die Briten entwickelt, obwohl die Auslandsagenten das Gegenteil behaupten?

Hermia Mount ist als Tochter eines Diplomaten in Skandinavien aufgewachsen. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse wurde ihr die Leitung der Auslandsgruppe Dänemark im Nachrichtendienst übertragen. Ihr Verlobter lebt im deutschbesetzten Königreich Dänemark: ein junger Pilot namens Arne Olufsen aus Jütland.

Aber Hermias Position in dem von Männern dominierten Geheimdienst ist keineswegs einfach. Als sie von dem Bruder eines britischen Piloten, Digby Hoare, erfährt, dass die deutschen Funksprüche eine Informationsquelle namens „Freya“ erwähnen, nimmt keiner ihren Hinweis ernst, das heißt: keiner außer Winston Churchill, dem Premierminister. Digby Hoare und Hermia sollen herausfinden, was „Freya“ ist. Doch Arne Olufsen lebt in Dänemark und alle Nachrichten an ihn oder von ihm werden von der deutschen Zensur durchgesehen. Hermia fliegt ins neutrale Schweden, in der Hoffnung, ihn treffen zu können: ein konspiratives Treffen, das für beide den Tod bedeuten kann.

Etwa zur gleichen Zeit, im Frühjahr 1941, stößt Arnes Bruder Harald, ein 18-jähriger Oberschüler, nahe seinem dänischen Elternhaus auf dem deutschen Militärgelände, an dessen Errichtung er selbst mitgearbeitet hat, auf ein neues unbekanntes Gerät: Es ist „Freya“, die neuartige, dreiteilige Radarantenne, mit der die deutsche Luftabwehr die anfliegenden Bomber der Briten frühzeitig entdeckt und den Gegenangriff koordinieren und lenken kann. Das weiß Harald natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Erst als er seinen Bruder Arne besucht, um Flugstunden zu nehmen, nimmt ihn Arnes Kollege Poul Kirke beiseite, um ihn über diese Radarstation auszufragen. Harald fertigt eine Positionskarte und eine Gerätezeichnung an. Er verfügt über großes technisches Verständnis. Doch Kirke gehört der Widerstandsgruppe der „Mitternachtsfalken“ an, die Hermia Mount in Dänemark aufgebaut hat. Kirke versteckt das Papier in seinen Bürounterlagen auf dem Fliegerhorst.

Doch leider hat die Pastorenfamilie Olufsen einen Feind, der sie befehdet: die Familie Flemming, die auf der gleichen jütischen Insel wohnt und wesentlich besser gestellt ist. Und Peter Flemming ist gar nicht gut auf Arne und Harald Olufsen zu sprechen. Eigentlich arbeitet er ja für die Verkehrspolizei in Kopenhagen, doch er wurde kürzlich von dem Nazi-General Braun und dem dänischen Polizeichef Juel der Sicherheitsabteilung zugewiesen.

Es dauert nicht lange und mehrere Hinweise führen ihn auf die Spur von Poul Kirke. Bevor er diesen festnehmen kann, riecht Kirke, was er vorhat und will im Flugzeug abhauen. Kaltblütig schießt Flemming den Flüchtigen mitsamt Flieger ab, so dass er brennend in den Boden donnert. Als Flemming kurz darauf in Kirkes Büro auf die Zeichnung der Radarstation stößt, fällt sein Verdacht auch auf Arne Olufsen, Kirkes Kollegen. Und über Arne führt Flemmings Weg, auf dem er eine blutige Spur von Leichen zurücklässt, zu Hermia Mount…

Werden die Briten jemals die Informationen über „Freya“ erhalten, um Hitler stoppen zu können, der gerade Russland überfallen hat?

_Mein Eindruck_

Dieser kurze Handlungsabriss kann lediglich andeuten, wieviel Action, menschliches Heldentum und spannende Agentenunternehmungen noch in diesem Buch stecken. Ich habe nur das erste Drittel skizzieren können. Die dreisträngige Handlung konzentriert sich besonders auf drei Paare: Hermia und Arne, Harald und dessen Freundin Karen Duchwitz sowie Peter Flemming und dessen „Kollegin“ Tilde Jespersen. Um jedes dieser Paare ist ein Kreis von Nebenfiguren angeordnet. So tauchen unter anderem die jeweiligen Familienmitglieder, aber auch Winston Churchill und – nur im Buch! – der König von Dänemark auf.

In einem fein gesponnenen Geflecht von Aktion und Gegenaktion, Spionage und Abwehr, Wiedersehen und Wiederverlieren bewegen sich die Figuren auf einen furiosen Höhepunkt auf dem Schloss derer von Duchwitz zu. Nicht jeder erreicht lebend diesen Handlungspunkt. Doch wenn Harald Olufsen es schaffen sollte, den alten klapprigen Doppeldecker der Familie Duchwitz flottzukriegen, dann haben er und Karen eine winzige Chance, die Freya-Informationen nach England zu Churchill zu schaffen. Leider sind ihnen die Nazis und Peter Flemming dicht auf den Fersen. Und falls sie den Start schaffen sollten, gibt es immer noch die deutsche Flak und Luftwaffe…

Mit „Mitternachtsfalken“ ist Follett wieder ein Volltreffer gelungen, der an seine großen Erfolge wie „Die Nadel“, „Nacht über den Wassern“ sowie „Die Leopardin“ erinnert. Die Zeit der Mittelalterschmöker à la „Säulen der Erde“ ist wohl endgültig vorbei, denn die Mode der „Name der Rose“-Kopien ist längst passé.

_Unterschiede zum Buch_

Es gibt einige gravierende Unterschiede zwischen dem Buch und der gekürzten Hörbuchfassung. Ich konnte zum Glück vergleichen. Wie bereits gesagt, taucht im Hörbuch der König von Dänemark nicht auf. Sein Auftritt im Theater von Kopenhagen, um sich nach der im Ballett gestürzten Karen Duchwitz zu erkundigen, trägt auch wirklich nichts zur zentralen Handlung bei, die zur diesem Zeitpunkt unter enormem zeitlichem Druck steht. Also flog der König raus – sorry, Majestät, aber wir haben’s eilig!

Follett geizt wirklich nicht mit erotischen Szenen. Wie schon in „Die Kinder von Eden“ schreckt er keineswegs vor der Erwähnung von Brüsten, Busen, Schenkeln und sogar heißen Liebesszenen zurück. Freunde solch deftigen Stoffes sollten beim Buch bleiben, denn im Hörbuch ist davon kaum noch etwas übriggeblieben. Ich dachte schon, es sei auf FSK 12 heruntergekürzt worden, da verblüffte mich eine Liebesszene zwischen Hermia und Arne, bei der es wirklich zur Sache geht.

Ansonsten ist wie so oft festzustellen, dass die Geschichte des Hörbuchs viel stärker auf die zentrale Handlung um Harald, Hermia und Flemming konzentriert ist als das Buch. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Ausdruck tiefer inniger Gefühle unmöglich oder unplausibel wirkt. Wenn der Pastor trotz seines christlichen Glaubens das erste Mal in seinem Leben lügt, um seinen einzigen überlebenden Sohn vor den Deutschen zu retten, so geht dies wirklich zu Herzen und wirkt nicht nebensächlich oder aufgesetzt.

_Die Sprecher_

Anne Moll spricht die Passagen von Hermia und Peter Flemming, Schepmann die Passagen, in denen Harald Olufsen und Karen Duchwitz im Mittelpunkt stehen. Beide Sprecher machen ihre Arbeit hervorragend. Besonders zeigt sich dies in der korrekten Aussprache der dänischen Eigennamen. So wird aus „Hansen“ ein gesprochenes „hensen“, aus „Peter“ ein „peddar“ und aus „Amalienborg“ ein „amalienbor“ (sic!). Lediglich die Städtenamen bleiben eingedeutscht, so etwa Kopenhagen (statt „Kobnhavn“). Interessant wirkt auch die Änderung der Tonhöhe, wenn der jeweilige Sprecher einer Figur des jeweils anderen Geschlechts die Stimme leihen muss. Da klingt Anna Moll beim Sprechen von Pastor Olufsen durchaus mal wie ein alter Preuße – da kommt die Stimme „aus dem Keller“.

_Unterm Strich_

Wie schon „Die Nadel“ und „Die Leopardin“ ist „Mitternachtsfalken“, der Name einer dänischen Widerstandsorganisation, ein spannendes Agenten- und Kriegsabenteuer, das jeden Leser, der etwas für diese Zeit übrig hat, mitreißen wird. Ich habe versucht, nach drei CDs eine Pause einzulegen, musste aber feststellen, dass eine Pause unmöglich war: Die Story ist viel zu spannend dafür. Man will einfach wissen, wie sie ausgeht. Ein deutliches Zeichen, dass dies ein gut geschriebenes Buch ist – hier stimmen auch die kleinen, scheinbar unwichtigen Details, die aber die Glaubwürdigkeit der Story perfekt machen. Und einige der geschilderten Ereignisse haben sich laut Autor wirklich zugetragen. So wird hier beispielsweise eine Erklärung für die englischen „Bomberströme“ geliefert: Sie hängen eng mit „Freya“, dem deutschen Radar, zusammen.

Das Hörbuch ist noch spannender als das Buch selbst, weil es mehr Wert auf den Fortgang der zentralen Handlung legt. Die Sprecher sind kompetent, besonders in der Aussprache dänischer Eigennamen. Ein Vergleich mit der Schreibweise im Buch führt zu einigen Überraschungen.

Umfang: 390 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Stephen Baxter – Evolution

Über mehr als eine halbe Milliarde Jahre spannt sich der Bogen dieses Romans, der den langen Weg der Menschwerdung beschreibt, um schließlich mit dem Ende der Menschheit und sogar allen Lebens zu schließen; in seinen ersten beiden Dritteln ein Quasi-Sachbuch mit erzählerischen Elementen, das mit dem Sprung in die nahe und besonders in die ferne Zukunft den Charakter einer Vision gewinnt. Ob 1000 Seiten erforderlich sind, eine im Grunde aus Episoden montierte Geschichte zu erzählen, ist ein diskussionswürdiger Punkt. Zwar nicht „das große Meisterwerk der Science Fiction“ (Klappentext), aber definitiv ein lesenswertes Buch! Stephen Baxter – Evolution weiterlesen

Follett, Ken – zweite Gedächtnis, Das

In den Pioniertagen der amerikanischen Weltraumfahrt sucht ein Raketenwissenschaftler sein verlorenes Gedächtnis. Welche seiner Kenntnisse war so wichtig, dass man ihm die Vergangenheit raubte, um ihn zum Schweigen zu bringen?

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein aktueller Roman ist 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Der Sprecher _

Der Synchronsprecher Frank Glaubrecht ist die deutsche Stimme von so bekannten Schauspielern wie Al Pacino, Richard Gere oder Jeremy Irons.
Er liest eine gekürzte Romanfassung mit seiner bekannten markanten Stimme. Den Kürzungen fielen die technischen Beschreibungen der Rakete zum Opfer, doch um diese ist es wahrlich nicht schade. Sie würden den Fluss der Handlung erheblich hemmen.

_Handlung_

Ende Januar 1958 am Cape Canaveral: Die Amerikaner möchten endlich ihre erste Sonde in die Erdumlaufbahn schießen. Sie sind stinkesauer, dass ihnen die Russen mit Sputnik und Sputnik 2 (mit einem Hund an Bord) zuvorgekommen sind. Nachdem ihre erste Satellitenrakete kurz nach dem Start explodiert ist, hängt nun alles von „Explorer“ ab. Wenn dieser erneute Versuch wie schon die vorigen scheitert, dann wird die Eroberung des Weltraums eine Sache der verhassten Kommunisten aus Russland sein. Allein schon die Vorstellung macht Eisenhower krank.

Denn wenn die Sowjetunion die besseren Wissenschaftler zu haben scheint, dann ist wohl auch ihr konkurrierendes Gesellschaftssystem dem des kapitalistischen Westens vorzuziehen – das zumindest dürften sich die Staaten der 3. Welt denken. Schon ist Ägypten 1956 unter Oberst Nasser zum Feind übergelaufen, und in Indochina haben die Franzosen 1954 eine schwere Niederlage gegen das künftige Nordvietnam hinnehmen müssen (daraus entsteht der Vietnamkrieg). Dieser Raketenstart muss also klappen – die Augen der Welt sind auf Cape Canaveral gerichtet.

Im Washingtoner Bahnhof der Union Station kommt der Raketenwissenschaftler Dr. Claude Lucas, genannt „Luke“, zu sich – und kann sich zu seinem Schrecken an nichts aus seiner Biografie erinnern: Er weiß nicht, wer er ist, ob er verheiratet ist, wo sein Zuhause ist.

In seinen Pennerklamotten fällt es ihm schwer, sich das Vertrauen der Passanten zu erwerben, um etwas über sich herauszufinden. Nur ein Kumpel, der sich Pete nennt, hilft ihm ein wenig weiter. Er ahnt nicht, dass „Pete“ für die CIA arbeitet.

Erst bei einer Armenspeisung in einer Kirche merkt Luke, wie gebildet er ist: Er löst ein Kreuzworträtsel im Handumdrehen. Wenig später merkt er, dass er von mehreren Männern beschattet wird. ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel folgt, in dem Luke merkt, dass er über die Ausbildung eines Polizisten, wenn nicht sogar eines Agenten verfügt. Er entkommt seinen Beschattern und sucht in der Hauptstadt Hinweise auf sich selbst. Er findet heraus, dass sein Gedächtnis partiell gelöscht wurde – offensichtlich mit voller Absicht.

17 Jahre zuvor, im Dezember 1941, am Harvard College in Boston, Neuengland. Luke lernt an der Uni die rothaarige Schönheit Elspeth kennen und mag sie einigermaßen. Doch dieses Gefühl ist nichts im Vergleich zu der Leidenschaft, die die temperamentvolle Billie Josephson in ihm auslöst. Eigentlich ist sie ja die Freundin von Anthony Carroll, doch der wurde mit ihr gesehen. So streng sind die Sitten bei der Geschlechtertrennung anno 1941, dass Anthony der Verweis von der Uni droht.

Wenn Luke sich nicht geopfert hätte, um Billie zu Verwandten zu fahren, wäre auch sie in die Bredouille gekommen. So aber geht alles noch glimpflich ab: Luke, der Ehrenmann zwischen zwei Frauen. In der Folge verliebt sich Luke in Billie, allerdings auf Kosten seiner gesellschaftlichen Anerkennung: Als Jüdin wird Billie eine Karriere in den USA verwehrt. Um seinerseits einem Uni-Verweis zu entgehen, meldet sich Luke sofort freiwillig zur Armee, um gegen die Japaner zu kämpfen, die gerade Pearl Harbour überfallen haben.

Während die Haupthandlung fortschreitet und Luke immer mehr von seinem Leben entdeckt, erfolgen mehrere Rückblenden, die die Weiterentwicklung der Hauptfiguren von 1941 über 1943 bis 1954 zeigen: Luke, Elspeth, Anthony, Billie und Billies Ex-Mann Bern Rothstein. Am Tag nach Pearl Harbor meldet sich Luke, wie gesagt, zur Armee. Auch drei der anderen treten den Streitkräften bei, allerdings im Geheimdienst. Einzige Ausnahme ist Bern, der zunächst als regulärer Soldat kämpft und danach als Journalist arbeitet. Als Drehbuchautor in Hollywood setzt ihn Senator McCarthy auf die Schwarze Liste. Bern muss sich als Kinderbuchautor durchschlagen.

Auf seiner Selbstentdeckungstour durch Washington, Alabama und Florida begegnet Luke sämtlichen Freunden von früher, doch allmählich geht ihm auf, dass unter ihnen ein Verräter sein muss, der den Start der „Explorer“ verhindern will. Und dieser Doppelagent hat wohl auch sein biografisches Gedächtnis gelöscht. Aber wo steht denn geschrieben, dass es nur einen Verräter geben muss?

_Mein Eindruck_

„Das zweite Gedächtnis“ ist ein kunstvoll konstruierter Unterhaltungsroman: ein spannender Agententhriller, der die psychologische und berufliche Entwicklung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachzeichnet.

Ich kann mir das Hörbuch sehr gut als historischen Thriller à la „Das Haus in der Carroll Street“ vorstellen, in dem aufgedeckt wird, wie deutsche Wissenschaftler das Raketenprogramm der Amerikaner erst ermöglichten – jedoch auf Kosten der unterdrückten Sühne für ihre Verbrechen. Auch in Folletts Roman tauchen eine Reihe von Wissenschaftlern mit deutschen Namen (v.a. in Huntsville/Alabama) auf, aber mehr noch amerikanische Ingenieure und CIA-Angehörige.

Alle Figuren in Folletts Roman haben in ihrem Leben Fehler gemacht, die meisten sogar einen oder mehrere Menschen getötet: beim US-Geheimdienst, in der französischen Résistance, an der Front. Es sind Erwachsene mit einer belasteten Vergangenheit und entsprechend vielen Selbstzweifeln. Die einzigen, die nicht in einem Netz von Lügen leben, scheinen Luke – und dessen Gedächtnis wird gelöscht – und Bern zu sein, dessen Karriere von der CIA zerstört wurde und der sich nun als Kinderbuchautor durchschlägt.

Doch auch Luke muss erfahren, dass er mehrmals hintergangen wurde: zuerst von der geliebten Billie (die sein Kind abtreiben ließ), dann auch noch von seiner Ehefrau (die sich sterilisieren ließ) und sogar von seinem vermeintlichen besten Freund, Anthony Caroll, der bei der CIA arbeitet.

Obwohl ich das Hörbuch sehr schnell angehört habe, so vermisste ich doch hin und wieder eine tiefergehende Betrachtung von Situationen und Personen, auch eingehendere Beschreibungen des Umfelds und der Zeit – das wird weitgehend als bekannt vorausgesetzt. Gut möglich, dass dann aber so Riesenwerke wie „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon oder Neal Stephensons „Cryptonomicon“ entstanden wäre. Auch in diesen zwei Romanen wird der Zweite Weltkrieg als entscheidende Generationerfahrung geschildert.

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht legt eine sehr dynamische Lesung hin. Seine tiefe Stimme vermittelt den Ernst der Lage, in der sich nicht nur Luke, sondern das gesamte US-Raketenprogramm befinden. Die Zeit drängt: Die ganze Handlung passiert binnen 48 Stunden und geschlafen wird nur ein paar wenige Stündchen. Die Stimme des Sprechers kommt aber nicht nur den Männern zugute, die fast allesamt Agenten oder Militärs sind, sondern auch den Frauen: Elspeth ist ebenfalls Agentin und spielt im gleichen Spiel wie die Männer mit. Nur Billie, die Neurologieforscherin, fällt ein klein wenig aus dem Rahmen, aber auch sie hat an der Klinik einen harten Kampf auszufechten und steht Luke zur Seite.

Die Fehler, die auch sehr guten deutschen Sprechern unterlaufen können, halten sich bei Glaubrecht sehr in Grenzen. Er spricht beispielsweise das englische Wort „strategic“ falsch aus, mit einem „e:“ statt einem langen „i:“ in der Mitte.

_Unterm Strich_

„Das zweite Gedächtnis“ ist in der gekürzten Hörbuch-Fassung noch spannender als in der Buchform. Natürlich bleibt die Haupthandlung (es gibt noch einen kurzen Epilog) auch hier bis zur allerletzten Sekunde extrem spannend. Aber der Handlungsverlauf selbst wird noch klarer herausgearbeitet, so dass man ihm mühelos folgen kann. Selbst wenn die Schilderung einer Verfolgungsjagd in einem Hotel etwas räumliches Vorstellungsvermögen verlangt, so bleibt dies einer der wenigen anstrengenden Momente beim Zuhören. (Wer’s nicht sofort kapiert, kann ja zurück-„spulen“.) Ansonsten kann man sich zurücklehnen, angespannt vorbeugen oder was auch immer – nur: Weghören, das geht leider gar nicht.

In seiner ruhigen, sehr kompetent lesenden Art hat Frank Glaubrecht den Text jederzeit im Griff. Mit 99,99 Prozent aller englischen Wörter – und der deutschen sowieso – hat er keinerlei Problem. Der Rest ist vernachlässigbar und fällt nur sehr geübten Englischsprechern auf.

_Der günstige Preis_ (ist nicht selbstverständlich)

Das Hörbuch „Das zweite Gedächtnis“ ist eines der ersten, das vom Verlag zu einem herabgesetzten Preis von rund 15 Euro angeboten wurde und nun sogar für lediglich 12 Euro erhältlich ist. Üblich sind leider immer noch Preise zwischen 22 und 30 Euro für Mehrfach-CD-Hörbücher. Aber je beliebter Hörbücher selbst werden und je mehr Menschen das Prinzip ihrer Ästhetik verstehen und belohnen, desto mehr Exemplare werden gekauft, was wiederum das Senken der Preise erlaubt.

Tolkien-Hörbücher wie „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ sind nun schon ab 15 bis 20 Euro zu bekommen (neu, wohlgemerkt). Der Hörverlag gibt die Verkaufserfolge und hohen Stückzahlen an den Verbraucher weiter. Dieses Beispiel sollte Schule machen, etwa bei Ullstein und Bertelsmann.

Umfang: 348 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Bionda, Alisha (Hg.) / Borlik, Michael (Hg.) – Wellensang

Mit der Anthologie „Wellensang“ haben Alisha Bionda und Michael Borlik eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammengetragen, die „nicht im Einheitsbrei der Masse untergehen sollte“.

Die Anthologie umfasst achtzehn Geschichten mit einem breit gefächerten Spektrum in der Thematik, es reicht von alten Kulturen über Märchen und Futuristisches bis zu typischen Fantasy-Motiven wie Zwergen und Drachen.
So erzählt „Das Lied der Krähe“ von einer geraubten und zur Ehe gezwungenen keltischen Fürstentochter, die grausame Rache an ihrem Entführer nimmt, die „Welt zwischen den Zeilen“ von einem Mädchen, das einen Weg aus seiner kalten und technisierten Welt sucht, „Wenn die Eiswölfe singen“ vom Kampf einer unvollständig ausgebildeten Hexe gegen die Eroberer ihrer Heimat, und „Dämonenbrut“ von einem Drachen, dessen Brut sich vom Angstschweiß der Menschen ernährt.
Einige Geschichten verknüpfen unsere alltägliche Welt mit einer Fantasiewelt, wie zum Beispiel „Mohnblumenkönigin“, andere spielen ganz in unserer, wie „Haus ohne Schlüssel“, oder ganz in einer Fantasy-Welt, wie „Heimkehr nach Kalipay“. Manche lassen uns schmunzeln, wie „La Belle et la Bête“, oder gruseln, wie „Zwischen 9 und 9“.

Zu den Schmunzel-Geschichten gehört „Die Tränen des blauen Gottes“. Zwei Gauner versuchen den Coup ihres Lebens: Sie wollen den Tempel des blauen Gottes berauben. Gläubige bringen dem Gott kostbare Opfer dar, Gold und Silberschmuck, mit Perlen und Juwelen verziert, um dafür mit seinen Tränen beschenkt zu werden, faustgroßen blauen Edelsteinen. Der kleinere der beiden Gauner hat ausgekundschaftet, dass diese Edelsteine keine echten Tränen sind, sondern von den Priestern durch die löchrigen Augenhöhlen der Götterstatue hindurchgereicht werden. Tatsächlich gelingt es den beiden, sich Edelsteine aus dem Tempel zu beschaffen….
Die Geschichte ist leicht und amüsant erzählt, trotz der Erzählkürze sind die beiden Gauner gut getroffen, auch wenn das Duo „klein und schlau“ gemeinsam mit „groß und eher langsam“ nicht ganz neu ist. Leider geht die eigentliche Ironie der Erzählung etwas verloren, weil das Ende zu früh absehbar ist, deshalb gehört diese Geschichte auch nicht zu den besten des Buches.

„Zolineks Geschichte“ ist eigentlich Erikas Geschichte, aber Zolinek ist derjenige, der sie erzählt. Zolinek ist ein Zwerg, der mit seiner Frau, einer Koboldin, als Kräuterverkäufer durchs Land zieht. Die beiden fanden Erika im Wald und päppelten das arme Wesen wieder auf. Erika fängt an, ihnen zu vertrauen, und erzählt ihnen, dass der für seine Grausamkeit berüchtigte Graf Sulak ihre ganze Familie ermorden ließ. Jetzt ist er hinter Erika her. Erika aber will nicht davonlaufen, sondern sich rächen, und macht sich auf die Suche nach jemandem, der ihr den Weg zu einem besonderen Berg zeigen kann. Dort wohnt ein Geist, den sie um Hilfe bitten will. Doch die Suche zieht sich in die Länge, und die Häscher kommen näher….
Was diese Erzählung auszeichnet, ist weniger die Handlung an sich als die liebevolle Erzählweise, in der die Geschichte vorgetragen wird. Zolinek erzählt mal drollig, mal ernst, und man kann beinahe die Kummerfalten auf seiner Stirn sehen, wenn er zum Ende kommt. Der Zwerg wird durch seine Worte richtig lebendig, was unter anderem daran liegt, dass er ebenso viel von sich und seiner Frau wie von Erika erzählt. Dieser Teil der Geschichte ist der interessantere, denn im Gegensatz zu der Handlung um Erika, die im Grunde nicht viel hergibt, sind die Beschreibungen des kuriosen Paares und seines Planwagens samt Mitbewohner einfallsreich und gelungen.

Zu meinen eindeutigen Favoriten gehört „Das Orakel“. Die junge Priesterin der Pinks, vogelähnlicher Wesen, sucht in jeder Vollmondnacht die Höhle ihres Gottes auf. In diesen Nächten öffnet sich die Tür zum Orakel, das vorhersagt, was in dieser Nacht geschehen wird. Denn in den Vollmondnächten passieren seit mehreren Mondzyklen jedes Mal irgendwelche Katastrophen…
Edgar Halverfeld wird seit mehreren Monaten von Albträumen geplagt, immer in den Vollmondnächten, und die ganze Nacht hindurch immer wieder. Alle Versuche wachzubleiben, sind gescheitert, schlag Zwölf schläft er ein und träumt jedesmal von entsetzlichen Katastrophen….
Hier lebt die ganze Geschichte voll von den beiden parallelen Handlungen, wobei der Teil um Edgar der kleinere ist. Die fremde Welt der Pinks ist nur knapp skizziert, gerade ausreichend, damit der Leser versteht, worum es geht, und doch fließen hier und da ein paar im Grunde völlig nebensächliche Details ein, mit der frappierenden Wirkung, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ganz genau zu wissen. Tatsächliche Antworten erhält man aber kaum. Nur eine kurze Erklärung wird geliefert, warum die Welt der Pinks und die Edgars auf einmal durch eine Tür miteinander verbunden sind. Andere Fragen wie die nach dem Grund für Edgars Albträume und Ahnliches bleiben unbeantwortet. Die Geschichte erhält dadurch etwas Rätselhaftes. Gute Idee gut umgesetzt.

„Von Zähnen, Sternen und Feen“ hat zunächst überhaupt nichts Fantastisches an sich. Jeff verschluckt sich beim Frühstück an einem ausgebissenen Zahn. Sein letzter Milchzahn. Aber die Bemerkung seines Vaters über die Zahnfee bringt ein Fass zum überlaufen und es gibt Zoff. Was das Fass gefüllt hat, erfährt man allmählich, während Jeff die Schule schwänzt. Als er endlich abends im Bett liegt, erlebt er eine Überraschung.
Jeff hat offenbar nicht unbedingt das beste Zuhause, aber im Großen und Ganzen klingt das alles eigentlich ziemlich banal und alltäglich. Wenn da nicht das seltsame Verhalten von Jeffs Mutter wäre. Jeff grübelt darüber nach, ob sie wirklich trinkt, wie ein Klassenkamerad behauptet hat. Richtig gruselig wird es erst, als die Zahnfee auftaucht, und der Leser grübelt hinterher über etwas ganz Anderes nach: „War sie’s oder war sie’s nicht?“

Auch die Hauptfigur in „Die gläserne Stadt“ ist ein amerikanischer Durchschnittsjunge, und er läuft vor etwas davon, stürzt aber im Nebel und landet an einem unbekannten Ort. Er befindet sich an einem stillen, dunklen Fluss, und jenseits schimmert Licht. Dann taucht eine Gestalt auf, die eine Maske trägt. Sie ist gekommen, um Martin etwas zu zeigen, etwas jenseits des Flusses…
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit mit einer Traumsequenz, ist aber nicht wirr und auch nicht beängstigend. Sie spiegelt eine Art Suche wieder, ein Verarbeiten von Verlust, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch hier bleiben Fragen offen, zum Beispiel, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Maskierten handelt, aber die Botschaft ist eindeutig tröstlich.

Eine wirklich traurige Geschichte dagegen ist ein weiterer meiner Favoriten: „Heimkehr nach Kalipay“. Kalipay ist ein wunderbarer Ort, fast ein Paradies. Doch die Jungen werden mit zwölf Jahren aus Kalipay fortgeschickt, um in einer wüsten Ödnis nach seltenen Steinen zu graben. Für die Steine erhalten sie Punkte, und nur mit genügend Punkten dürfen sie nach Hause zurückkehren. Siebenundzwanzig Jahre schuftet Gashiah schon, und ist trotzdem noch unendlich weit vom Ziel entfernt. Nur weil er bereit ist, sich in tödliche Gefahr zu begeben, kann er schließlich seine Heimat wieder betreten. Doch das Paradies währt nur kurz…
Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Gashiah am Ende zufrieden ist so wie es ist, und das trotz all der Jahre des Schuftens und der Sehnsucht. Dieses Akzeptieren ohne jede Bitterkeit verleiht der Geschichte einen Hauch wehmütiger Melancholie und ihrem Helden innere Größe.

Auch wenn die angesprochenen Erzählungen nur ein Drittel des Buches ausmachen, dürfte die Vielfalt und Besonderheit der Sammlung deutlich geworden sein, und man darf den Herausgebern bescheinigen, dass sich diese Anthologie in der Tat von der Masse abhebt: Keine Abenteuerfahrten, kein Held, der als einziger die Welt retten kann, keine Schlachten, keine großen Zauberer. Alle Geschichten zeichnen sich durch ein begrenztes Umfeld aus, das sich mehr oder weniger stark auf die Hauptperson konzentriert. Es sind kleine Welten, die hier dargestellt sind, und kleine Geschehnisse, auch wenn sie große Folgen nach sich ziehen.
Der Grund dafür liegt sicher auch in der Erzählform der Kurzgeschichte. Im Vordergrund steht das Geschehen an sich, Landschaftsbeschreibungen oder detaillierte Charakterdarstellungen fehlen. Für epische Breite ist kein Platz. Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, sie neigen zur Unvollständigkeit, fangen mittendrin an und hören auch mehr oder weniger mittendrin auf. Im Gegensatz zum Roman, wo man ungeklärte Fragen als Manko empfindet, gehört dies hier durchaus dazu. Eine Kurzgeschichte macht sich nicht die Mühe zu erklären, sondern verlangt, dass der Leser selbst nach einer Erklärung sucht, Lücken ausfüllt, sich vielleicht ein eigenes Ende oder eine eigene Vorgeschichte ersinnt.
Das unterscheidet diese Anthologie auch von anderen wie zum Beispiel der Diebeswelt, die Robert Asprin ins Leben rief. Dort wurde eine gemeinsame Welt erschaffen, in der die Geschichten aller Autoren spielen, und die Geschichten wurden mehrfach fortgesetzt, wodurch die Diebeswelt schon wieder epische Ausmaße annimmt. In „Wellensang“ steht jede Geschichte und jede Welt für sich allein, und es gibt auch zu keiner eine Fortsetzung, sodass der Charakter der Kurzgeschichte erhalten geblieben ist. Dadurch kann man das Buch nicht einfach von vorne nach hinten durchlesen. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Geschichten Pausen einzulegen und das Gelesene nachwirken zu lassen.

Ich fand die Sammlung äußerst bemerkenswert. Im Allgemeinen liegen mir Kurzgeschichten nicht so sehr, ich ziehe Geschichten, die sich über längere Zeit entwickeln, den Anthologien vor. Diese war jedoch eine angenehme Abwechslung, sowohl in sich selbst als auch im Vergleich zu anderen Werken. Auch wenn ich vereinzelt Assoziationen zu bekannten Werken hatte, wie in „Das Lied der Krähe“ und „Zwischen 9 und 9“, ist der Großteil der Geschichten erfrischend unverbraucht und außergewöhnlich.
Bemerkenswert finde ich aber nicht nur die Geschichten, sondern auch die Illustrationen jeweils am Beginn der einzelnen Geschichten. Mal romantisch, mal als Karrikatur, geben sie wesentliche Teile der Geschichte wieder und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild der Anthologie ein. Sehr gelungen.
Ebenfalls lobend erwähnen möchte ich das ausgezeichnete Lektorat des Buches, was leider immer weniger selbstverständlich wird.

„Wellensang“ trägt den Untertitel „Fantasy-Welten“.
Zu meiner Schulzeit unterschied man noch zwischen Fantastischer Literatur und Fantasy, wobei Fantasy als trivial galt und deshalb das Schmuddelkind war, das man bestenfalls nachsichtig belächelte. Literatur dagegen war, grob vereinfacht gesagt, interpretierbar.
„Wellensang“ zeigt, dass diese strenge Grenze offenbar durchlässig geworden ist. Viele der darin enthaltenen Geschichten zeigen deutliche Spuren fantastischer Literatur. Im Gegenzug hat der Begriff „Fantasy“ seinen abwertenden Beigeschmack verloren.
Stephanie Bense hat sich im letzten Kapitel des Buches die Mühe gemacht und versucht, den Bergen von Genres und Subgenres ein gewisses Maß an Ordnung und Erklärung zu geben. Es ist ihr gut gelungen, ich gestehe aber, dass es für mich persönlich nicht so wichtig ist, zu welchem Genre oder Subgenre eine Geschichte gehört. Wichtig ist, dass das Thema mich anspricht und die Geschichte gut erzählt ist. Von „Wellensang“ kann ich das fast ausnahmslos behaupten. Die Erzählungen kommen aus vielen verschiedenen Ecken, sodass für jede Vorliebe etwas Passendes dabei sein dürfte, und sie sind flüssig und gut erzählt. Was man jedoch vergeblich sucht, ist Action. Auch wer es gern monumental mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

Sowohl Alisha Bionda als auch Michael Borlik haben bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und auch bei diversen Anthologien mitgewirkt. Von Alisha Bionda ist der Fantasyroman „Regenbogen-Welt“ in Vorbereitung. Michael Borlik schreibt außerdem an seinem zweiten Roman. Zu beiden sowie auch zu den Autoren der einzelnen Geschichten und dem Illustrator findet man im Anhang des Buches eine Art Ministeckbrief.

http://www.alisha-bionda.de
http://www.borlik.de

Sardou, Romain – dreizehnte Dorf, Das

Im Januar des Jahres 1284 verschlägt es den jungen Priester Henno Gui nach Südfrankreich und dort in das Dörflein Domines. Es gehört zur winzigen und völlig unbedeutenden Diözese Draguan, die außerhalb dieses abgelegenen Landstrichs kaum jemand kennt. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, doch in diesen Tagen herrscht große Aufregung: Kurz vor Guis Ankunft wurde der alte Bischof Haquin von einem Unbekannten brutal ermordet.

Die abergläubischen Dorfbewohner sehen sofort einen Zusammenhang mit unheimlichen Vorkommnissen im Vorjahr. Da hatte der Fluss Montayon die Leichenteile eines Herzogs und seiner beiden Söhne angespült. Sie hatten sich im dichten Wald verirrt und waren dort ihren Mördern in die Arme gelaufen. Haquin hatte damals flussaufwärts Nachforschungen anstellen lassen. Dabei war zwar nicht der Täter, aber etwas viel Seltsameres entdeckt worden: Heurteloup, das unbekannte dreizehnte Dorf der Diözese, tief verborgen in Wald und Sümpfen, seit 1233 ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)? Das kann die Kirche nicht dulden! Haquin wollte Gui als „Missionar“ nach Heurteloup schicken. Dieser übernimmt den Auftrag und macht sich mit seinem Schüler Floris de Meung und dem Riesen Mardi-Gras auf in die feindliche Wildnis …

Derweil bringt Haquins Vikar Chuquet die Leiche seines ermordeten Herrn nach Paris. Er nutzt die Gelegenheit, um eigene Nachforschungen anzustellen. Haquin war ein Mann scheinbar ohne Vergangenheit, aber von großem Wissen, der keineswegs in ein Nest wie Domines gehörte. Tatsächlich kommt Chuquet in Paris eigentümlichen Vertuschungen auf die Spur. Offenbar war Haquin in eine alte Verschwörung des „Konvents von Armaggedon“ verwickelt, die mächtige Kirchenmänner aus ganz Europa einschließt und ihr Zentrum womöglich am Hofe des Papstes in Rom hat. Aus Chuquets Suche nach der Wahrheit wird bald eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber unerbittlichen Feinden …

In Rom bittet der Ritter Enguerran du Grand-Celier, Held diverser Kreuzzüge, im Papst- Palast, dem Lateran, Artemidore, den Kanzler Martins IV., demütig um das Leben seines Sohnes. Aymard hatte seinen Adelsstand ausgenutzt, um mit verderbten Freunden den „Orden der Frommen Brüder“ zu gründen. Dieser diente als Kulisse für einen Kreis blasphemischer Teufelsanbeter, die zudem hohe Stiftungsgeldsummen veruntreuten. Eigentlich müsste Aymard vor Gericht gestellt werden, aber sogar der Papst fürchtet den Skandal. So wird Aymard der geheimen Gemeinschaft von Albert le Grand überstellt und dort zu einem robotergleichen Gotteskrieger dressiert, der für den Konvent in Heurteloup diverse Drecksarbeiten erledigen soll …

Wüste Verschwörungen in ferner Vergangenheit, die ihren Weg niemals in die Geschichtsbücher gefunden haben, sind eindeutig „in“, wie der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt. Das gilt besonders, wenn das geheimnisvolle Geschehen sich auf den Vatikan konzentriert: Die katholische Kirche, der älteste Konzern der Welt, ist nicht für seine Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte bekannt. Dafür gibt es gute Gründe, haben sich doch die Päpste im angeblichen Namen des Herrn seit jeher diverser und recht monumentaler Verbrechen schuldig gemacht, die dann mehr schlecht als recht, aber unter Einsatz von Gewalt und Drohungen vertuscht werden sollten.

Wo man nichts Genaues weiß, lässt sich herrlich spekulieren. Zwei Jahrtausende Geschichte bieten mehr als genug Nischen dafür, zumal die Kirche immer noch Züge einer Geheimgesellschaft aufweist. Im Mittelalter war sie sogar eine reale politische Macht, die durchaus Interesse an der Weltherrschaft zeigte – selbstverständlich wiederum nur im Dienst der göttlichen Sache …

Im 13. Jahrhundert wogt der Kampf zwischen Kirche und Welt mächtig hin und her. Auch innerhalb der Kirche gibt es reichlich Ränke und Intrigen. Die zunehmende Verweltlichung, die Korruption lässt konservative Kleriker an der Kirche zweifeln. Immer wieder spalten sich Gruppen ab, die teils misstrauisch beobachtet, wie die Bettelorden, teils als „Ketzer“ verfolgt werden, wenn sie sich nicht Rom unterwerfen wollen. Ihre Zahl ist so groß geworden, dass der Stuhl des Papstes durchaus wackelt. Deshalb ist die „offizielle“ Kirche nervös und schlägt hart zu, wo sie ihre Privilegien in Gefahr sieht.

Eine verheißungsvolle Kulisse für einen historischen Roman; sie wird nicht zum ersten Mal genutzt. Weil ihm die Realität als Schablone nicht ausreichend erscheint, greift Autor Romain Sardou außerdem auf Elemente des Mystery- und Horrorthrillers zurück. „Akte X“ selig ist Kinderkram gegen die x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent.

Kinderkram ist leider auch die Lösung, die sich der Verfasser für seinen vielen Haupt- und Nebenplots einfallen ließ. Sie sollen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber eine Warnung sei gestattet: Die sorgfältig aufgebaute und kunstvoll geschürte Spannung fällt im Finale zusammen und wird sogar von Enttäuschung abgelöst. S o dämlich waren auch die Menschen des Mittelalters nicht, wie Sardou es ihnen hier unterstellt!

Nicht die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens irritiert dabei – dies ist schließlich ein Unterhaltungsroman, kein Sachbuch. Es genügt, wenn die historischen Fakten nicht gar zu sehr vernachlässigt werden, was man dem Verfasser nicht vorwerfen kann: Er hat seine Geschichte geschickt in diverse Lücken platziert oder bedient sich interpretationsfähiger Episoden der Vergangenheit. Nein, es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll. Alle Stränge, die bisher weitgehend selbstständig liefen, sollen sich in Heurteloup treffen, doch das will einfach nicht klappen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass am Ende ein gigantisches Gemetzel steht, das praktisch keine Hauptfigur mehr überleben lässt. Sardou fand wohl keine andere Möglichkeit mehr, seine Geschichte zum Abschluss zu bringen.

Bis sich die Ernüchterung einstellt, bietet „Das dreizehnte Dorf“ freilich die angestrebte Unterhaltung. Der nüchterne Stil, die kurzen Sätze fördern den Eindruck, eine reale historische Episode zu verfolgen. Die zeitgenössischen Impressionen aus Paris oder Rom fallen auffällig zurückhaltend aus; der Verfasser ergeht sich nicht in Details, sondern ordnet den Orte stets seiner Handlung unter, zeigt sogar die großen Städte der Vergangenheit aus der Sicht seiner gehetzten, an Wichtigeres denkenden Figuren.

Sucht man für „Das dreizehnte Dorf“ nach einer Schublade (oder einem Vorbild?), könnte man die Geschichte übrigens mit dem (ebenfalls französischen) Erfolg „Le pacte des loups“ (dt. „Der Pakt der Wölfe“) vergleichen; die winterkalte Stimmung, die Atmosphäre des Unheimlichen prägt vor allem den gleichnamigen Film.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt. Es verwirrt zunächst, dass sich diese höchstens zufällig über den Weg laufen, aber ansonsten isoliert agieren. Der ständige Wechsel der Schauplätze ist Stilmittel, er ist zudem wichtig, denn Aktion muss vor allem im zweiten und dritten Teil Tiefe und erzählerische Dimension ersetzen.

Im Zentrum des Geschehens stehen „gute“ und „böse“ Kirchenmänner. Die Fronten sind klar, sie wurden vor allem in der Gegenwart gesteckt: „Gut“ sind Männer wie Henno Gui oder Chuquet, die sich den alten Idealen der Kirche und den Menschen verpflichtet fühlen. Auf der Gegenseite stehen die Mitglieder des „Konvents“, die vor allem die Macht lieben und zu allen Schandtaten bereit sind, um der Sache der Kirche, wie sie diese interpretieren, und natürlich dem eigenen Vorteil zu dienen.

Leider fällt Sardou wenig Neues ein. Er zeichnet uns Pfaffenbilder, die wir schon kennen. Höchstens Chuquet macht einen Wandel durch, entwickelt sich vom kritiklosen Jasager zum Kämpfer für das Recht. Der Papst ist dieses Mal nicht der Böse, sondern eher der Dumme. Den Rest der Welt vermittelt uns der Verfasser als Spielball der Kirche. Dass dem in der Realität längst nicht so war und sich die Könige, Herzöge oder Grafen ihrer Haut schon zu wehren wussten, deutet er zwar an, negiert es freilich um der Story willen. Er müsste sonst beispielsweise auf den schwachsinnigen Einfall verzichten, sich den Konvent die Heerstraße nach Heurteloup quasi erkaufen zu lassen.

Die Bewohner des „dreizehnten Dorfes“ stellen nach dem Willen Sardous Ratten in einem Versuchslabor dar. Als solche mimen sie als moderne Wilde die üblichen Bewohner einer vergessenen Welt. Sie können niemals Profil gewinnen, bleiben exotische Statisten, deren Schicksal kalt lässt. Der Verfasser muss zu viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Nur selten bleibt ihm die Zeit, konturstarke Protagonisten für sein Spiel zu schnitzen.

Er verzettelt sich gern, manchmal witzig (Bischof Haquin blättert im „Necronomicon“, dem fiktiven Buch des absoluten Bösen, das Phantastik-Klassiker H. P. Lovecraft erfand), dann verwirrend (Elfen treten als Gaststars auf), manchmal sogar ärgerlich (Irgendwo in Asien hat der „Konvent“ – wahrscheinlich durch Vermittlung Quentin Tarantinos – einen weisen Chinamann angeheuert, der die geheime Kunst der fernöstlichen Gehirnwäsche beherrscht). „Das dreizehnte Dorf“ ist ein wenig zu sichtbar auf den Effekt hin inszeniert.

Es bleibt ein historischer Roman, der mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde (s. u.), die er so nicht verdient – ein interessanter Bucherstling, der stark beginnt, aber im wichtigen Schlussteil arge Schwächen an den Tag legt, lesenwert, aber auch enttäuschend: ein Retorten-Bestseller halt.

Romain Sardou (geb. 1974) trägt einen wahrlich großen Namen: Sein Vater ist der Chansonier Michel Sardou, was sicherlich recht praktisch war, als es darum ging, für das Manuskript von „Das dreizehnte Dorf“ einen Verlag zu finden und das fertige Werk zu vermarkten.

Für seinen Erstling konnte Sardou jr. auf einschlägige Erfahrungen im modernen Unterhaltungsgewerbe zurückgreifen. Er arbeitete in der (Kinder-)Filmindustrie von Hollywood, wo er offenkundig lernte, ein öffentlichkeitswirksames Garn zu spinnen. Der „Traum vom großen historischen Roman“ (so pompös der Klappentext) trieb ihn zurück nach Paris.

„Groß“ ist „Das dreizehnte Dorf“ tatsächlich geworden – zwar nicht ob seiner literarischen Qualitäten, aber als Produkt: Gleich in zwölf Ländern wurde es mit viel Mediendonner auf den Buchmarkt gebracht und entwickelte sich offenbar planmäßig zum Verkaufsschlager. Über weitere Sardou-Stücke („Le roman du temps“ ist Epos Nr. 2) werden wir sicherlich bereits im Vorfeld ausgiebig informiert …

Barth, Claudia – Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur

Wir kennen solche kritischen Bücher, wo alles Esoterische als tendenziell faschistisch diffamiert wird, und winken meist müde bis stark verärgert ab. Dieses Buch bildet keine Ausnahme und dennoch ist es anders als die einschlägig bekannten diffamierenden Texte.

Die junge Autorin greift in keinem Satz aggressiv unter der Gürtellinie an, sondern rezipiert im Detail, was man vorfindet, wenn man gut recherchiert. Und sie hat hervorragend recherchiert. {Der Lektor wackelt mit dem Koppe ein Naja, sacht aber nüschte.} Natürlich muss ihrer Grundannahme widersprochen werden, dass Esoterik grundsätzlich entpolitisiere und deswegen kein soziales Engagement mehr beinhalten könne, und natürlich auch, dass alles was an monotheistischer Religionskritik geäußert wird – vor allem jüdisch-christlicher Prägung – deswegen schon faschistisch infiziert sei. Sicher gibt es solche Bezüge – die man aber nicht so überzogen thematisieren und gleichsetzen muss mit menschenverachtenden Ideologien -, die jeder Esoteriker kennen und nicht einfach die Augen verschließen sollte. Claudia Barth liefert dafür die historischen Fakten und Zusammenhänge auf eine durchaus neue und interessante Art, die lesenswert erscheint. Sie steht in der Tradition der antifaschistischen Linken und untersucht Esoterik deswegen auf spezifisch deutsche Ausprägungen. Die Fakten aus der Zeit vor und während des 3. Reiches sollte man einfach kennen und im zweiten Teil vergleicht sie die damaligen Strömungen mit denen unserer heutigen Zeit.

Sie unterliegt dabei auch sehr merkwürdigen Annahmen, indem sie angesehene Wissenschaftler wie Fritjof Capra oder Rupert Sheldrake zu Sozialdarwinisten macht oder sogar einmal mehr das „Zentrum einer experimentellen Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) bei Berlin zu einer „braun“ gefärbten Sekte abstempelt. Letztere Befürchtungen wären ganz einfach auszuräumen, wenn man diese sogenannte Sekte einfach mal besuchen würde und sich anschaut, was da real passiert, anstatt nur in Anschuldigungen nachzulesen.

Einige Kritiken erscheinen zutreffend: Zum Beispiel die Kritik an der hierarchischen Form und dem Geschichtsbild der „systemischen Familientherapie“, wie sie Bert Hellinger betreibt. Auch die Entmystifizierung von Tibet und seinem Buddhismus erscheint notwendig. Nicht, um den tibetischen Buddhismus zu diskreditieren, aber der Mythos eines friedlichen Volkes ist geschichtlich gesehen einfach unrichtig. Solche Fakten sollte man kennen, wenn man ernsthaft mitreden möchte.

Obwohl die Autorin also zu den Gegnern von Esoterik zählt und überall Faschismus wittert, bleibt das Buch spannend, informativ und kann empfohlen werden, da es sich nicht auf dem gewohnt platten Feindbild-Niveau des „Wir vernichten euch und schlagen euch die Fresse ein“ bewegt. {Nachtrag des Lektors: Ja, an die Sorte AntiFas kann ich mich noch vom letzten WGT erinnern, auf dem ich war. Die hatten sich ihre Meinung geBILDet und radikal wie gehabt „nachgeschlagen“, allerdings nicht in Büchern.}

|Ursprünglich erschienen im Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 02/2004|