Bova, Ben – Asteroidenkrieg, Der

Ben Bova (* 28.11.1932) ist ein Urgestein der amerikanischen Science-Fiction. Das Werk des ehemaligen Präsidenten der |SF Writers of America| und der |National Space Society| zeichnet sich durch die Nähe zum aktuellen Stand der Technik aus. Bovas Romane spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft und basieren auf Technologien und Annahmen, die schon bald Wirklichkeit werden könnten. Bova weiß, wovon er spricht: Während des „Space Race“ zur Zeit des Kalten Krieges war er am Projekt Vanguard beteiligt, dem ersten amerikanischen Satelliten und Antwort auf Sputnik I.

Im Jahre 1992 begann Bova mit „Mars“ eine neue Schaffensphase, die von Fans als seine „Grand Tour“ durch das Sonnensystem bezeichnet wird. Was als abenteuerliche, sehr realitätsnahe Reise durch das Sonnensystem begann und mit dem inoffiziellen Starterband „Mars“ zumindest inhaltlich noch überzeugen konnte, flachte in den Folgebänden „Rückkehr zum Mars“, „Venus“, „Jupiter“ und [„Saturn“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557 leider immer mehr ab.

Noch hat Bova zwar nicht alle Planeten des Sonnensystems beehrt, aber auch vor kleineren Planetoiden macht er nicht Halt: Dem Asteroidengürtel ist sogar ein auf drei Bände angelegter Minizyklus in der „Grand Tour“ gewidmet, dessen Auftakt „Der Asteroidenkrieg“ ist.

_Not macht erfinderisch_

Irgendwann im 21. Jahrhundert geht es der Menschheit an den Kragen: Zusätzlich zur Klimakatastrophe, die sich in Überschwemmungskatastrophen äußert, die bereits weite Teile der uns bekannten Welt unter Wasser gesetzt haben, kommt ein chronischer Mangel an Energie und Rohstoffen. Das Verhältnis zu den Mondkolonien ist gespannt, die Regierungen der Erde stehen modernen Technologien wie der Nanotechnologie ablehnend gegenüber und sind mehr damit beschäftigt, ihre eigenen Pfründe zu sichern, anstatt sich um die Zukunft der Menschheit zu sorgen.

Der Raumfahrtunternehmer Dan Randolph ist ein Visionär und Idealist, der die Lösung dieser Probleme im Erzreichtum des Asteroidengürtels sieht. Nur leider gibt es noch keine Antriebe, die eine effiziente Nutzung der dortigen Ressourcen ermöglichen würden. Randolph ist gezwungen, ein Zweckbündnis mit dem schmierigen Magnaten Martin Humphries zu schließen: Ein neuartiger Fusionsantrieb und geächtete Nanotechnologie würden erstmals die Möglichkeit eröffnen, seinen Plan in die Realität umzusetzen.

Im Gegensatz zu Randolph ist sein Partner jedoch kein Wohltäter, sondern ein Schwein. Randolph möchte persönlich an der Reise zu den Asteroiden teilnehmen – für Humphries die Gelegenheit, ihm eine tödliche Falle zu stellen und sich im Falle seines tragischen Ablebens Randolphs Firma |Astro Manufacturing| einzuverleiben … ohne Macht und Reichtum teilen zu müssen.

_Weltraummüll_

Eine vielversprechende Story – zudem mit einem verkaufskräftigen Titel und einem wirklich sehr schönen, thematisch passenden Titelbild von [Thomas Thiemeyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25 versehen.

Begeisterung kann dennoch nicht aufkommen – dafür Entsetzen. Das kommerzielle Szenario ist für Bova-Kenner nichts Neues, neue Ideen gingen ihm offenkundig bereits schon auf halber Strecke zwischen Mars und Jupiter aus. Der Idealist und Menschenfreund sowie der korrupte Kapitalist, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, sind nur einige der vielen Klischees, die Bova bis zur Neige ausschöpft. So sind die beiden Pilotinnen der Starpower I vermutlich aus einer Trash-SciFi-Parodie entlehnt: Die flachbrüstige Farbige Pancho Lane, eine der Hauptfiguren des Romans, mit dem Charme und der Sturheit eines Terriers, sowie die dumpfbackige Amanda, kurz Mandy, die mit Raumanzug sprengender Oberweite als ihr intellektueller Gegenpol und Lustobjekt nahezu aller männlichen Figuren fungiert.

Derartig abgeschmackte Konstruktionen hätte man nicht einmal im Jahre 1960 als Groschenheft veröffentlichen können, zumal sie sich mit dem sonst eher ernsten und fundierten Hintergründen des Romans beißen; Bova ist als Vertreter realitätsnaher SF bekannt und schreibt auch dementsprechend. Doch um an einigen Stellen die Handlung voranzutreiben, fiel Bova nichts Besseres ein, als Pancho Lane einen Unsichtbarkeitsanzug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie nach Belieben spionieren kann. Zu allem Überfluss wird er ihr von einem guten Kumpel geliehen – wie praktisch. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verliebt sich Fiesling Humphries in Mandys Kurven und entwickelt Heiratsgelüste – doch fatalerweise will sie unbedingt das sabotierte Raumschiff zum Asteroidengürtel steuern. Von der armen Wissenschaftlerin, deren Nanobots von Humphries als Waffe missbraucht werden, obwohl sie doch aller Welt den Nutzen dieser segensbringenden Technologie zeigen will, möchte ich gar nicht erst reden. Nur so viel: Humphries erpresst sie mit dem Leben ihrer Enkel auf der Erde …

Leider stellen diese Plattheiten den Großteil der Handlung dar. Glänzen kann Bova gelegentlich mit seinem Sachverstand und Wissen, zum Beispiel wie das Leben in Mondstädten aussehen könnte. Anstelle hier jedoch zu punkten und zu faszinieren, reduziert Bova diesen Teil auf ein Minimum. Stattdessen nimmt ein notgeiler Zollbeamter, der Mandy gerne ausgiebig kontrolliert und grundsätzlich jede Frau zum Essen einlädt, den größten Teil der Handlung auf dem Mond ein. Das soll vermutlich der sonst ziemlich faden, sich dahinziehenden Handlung ohne jegliche Spannungselemente Würze verleihen. Anstatt ausgeklügelte Konzernintrigen zu bieten, blamiert sich Bova mit erschütternd naiven Konstruktionen. Durch die Ermordung des Mehrheitseigners möchte Humphries eine ganze Firma schlucken. Man sollte keine weiterführenden Erklärungen erwarten, wie das gehen soll, weder Bova noch Humphries scheinen sich darüber weitere Gedanken gemacht zu haben, zumal Bova selbst am Ende des Romans zeigt, wie blauäugig Humphries Plan ist.

_SciFi oder Trash?_

Was ist nur in Bova gefahren. Derartig altbackene Storys lieferten nicht einmal genrefremde Notbehelfs-Autoren in den zahllosen gefloppten SF-Serien der 60er Jahre. Selbst diese hätten es jedoch nicht geschafft oder gewagt, ein Minimum an Handlung ohne jeglichen Spannungsbogen auf 461 Seiten aufzublasen.

Scheinbar fiel auch Bova auf, wie blutleer und hölzern sich seine Asteroidenexpedition liest. Sie im Jahr 2003/4 mit derart veralteten Klischees „aufzupeppen“, ging jedoch gehörig daneben. Es bleibt die Frage, worüber Bova in den folgenden beiden Bänden des Minizyklus schreiben wird. Bereits in diesem Roman geizte er mit seinen sonstigen Stärken und demonstrierte bei allem Respekt vor den interessanten Thematiken Asteroidenbergbau und der Macht großer Konzerne in der Zukunft eine erschreckende Ideenlosigkeit; man könnte fast meinen, es fehle ihm an Motivation. Für peinlichste Banalitäten ist er sich dagegen nicht zu schade. Die Übersetzung ist gelegentlich sehr holprig, die unterirdische Qualität vieler Dialoge möchte ich jedoch eher dem Autor anlasten.

An diesen Roman wurden leider sowohl ein wunderbares Titelbild als auch eine vielversprechende Thematik vollkommen verschwendet.

Homepage von Ben Bova:
http://www.benbova.com/

Byron, Lord / Polidori, John William – Vampyr, Der – Die Erzählungen

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati, schauriges Wetter bringt auf dumme Gedanken: Der berühmt-berüchtigte englische Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der bekannte Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft-Godwin (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten.

Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und „Der Vampyr“ hervorgehen. Das Besondere am „Vampyr“: Die Story wurde praktisch von Byron begonnen und von Polidori vollendet. Dumm nur, dass sich später niemand mehr an Polidori erinnern wollte.

_Der Autor Lord Byron_

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk »Childe Harold’s Pilgrimage« (deutsch »Ritter Harolds Pilgerfahrt«) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung) Seine Version von „The Vampyre“ erschien 1819 in der Sammlung „Mazeppa“.

_Der Autor John William Polidori_

John William Polidori wurde 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird! (Byron dementierte die Autorenschaft, aber es war allen klar, wer mit Lord Ruthven gemeint ist.)

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren in London Soho, vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift, obwohl neuere Forschung dies widerlegt. Er war der Onkel von zwei bedeutenden Dichtern der viktorianischen Ära: Dante Gabriel Rosetti und Christina Rosetti.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt, Jahrgang 1950, gab sein Fernsehdebüt mit 15 Jahren in der ARD-Serie „Tommi Tulpe“. Später arbeitete er als Mime an den Berliner Kammerspielen, am Hansa- und Renaissance-Theater und wirkte in zahlreichen Fernsehspielen mit. Im Laufe der Jahre verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Arbeit im Synchronstudio. Heute zählt J. Tennstedt zu den gefragtesten Synchronsprechern und -regisseuren des Landes. Man kennt ihn als Stimme von John Malkovich, Billy Crystal, Jeff Bridges und Michael Keaton. (Verlagsinfo)

Andreas Fröhlich wurde 1965 in Berlin geboren und mit sieben Jahren im Kinderchor des SFB als Synchronsprecher entdeckt (einen seiner frühen Einsätze hat er in „Die Herren Dracula“). Von Anfang bis Mitte der 70er sammelte er erste Hörspielerfahrungen und übernahm 1979 den Part des „Bob Andrews“ in der Serie „Die drei Fragezeichen“. Es folgten Arbeiten als Schauspieler für Film und Fernsehen sowie diverse Auftritte auf der Theaterbühne.

Fröhlich ist leidenschaftlicher „Hörspieler“, arbeitet als Drehbuch- und Dialogautor sowie als Synchronregisseur (Jacksons „Herr der Ringe“, Petersens „Troja“). Als Synchronsprecher leiht er seine Stimme u. a. John Cusack, Edward Norton und Ethan Hawke. In der deutschen Fassung von Jacksons „Herr der Ringe“ sprach er die (schizophrene!) Rolle des Gollum. (Verlagsinfo)

Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus

Musik: Stephan Jacobi;

Produktion: Ripper Records (Elmshorn) 2004.

_Handlung von Byrons Erzählung_

Der jugendliche Ich-Erzähler begibt sich während des 18. Jahrhunderts mit dem geheimnisvollen Augustus Darwell auf eine Reise durch Südeuropa, die ihn weiter in die Türkei führt, genauer: nach Smyrna, das heutige Izmir. Mit einem Führer und einem Soldaten reiten sie zu den Ruinen des antiken Ephesus.

Darwell leidet an der so genannten Auszehrung, aber auch an einer seelischen Wunde, deren Ursache er verbirgt. Wegen eines plötzlichen Unwohlseins muss die kleine Gruppe an einem türkischen „Totenacker“ Halt machen, dessen Grabsteine verwittert und halb versunken sind. Der Erzähler bringt Darwell in den Schatten einer düsteren Zypresse und gibt ihm zu trinken.

Im Sterben liegend, ringt Darwell seinem Begleiter ein unheilvolles Versprechen ab, das auch bei Polidori wieder auftaucht: Der Jüngling muss Darwells Tod, wenn er in die Heimat zurückkehrt, unbedingt verheimlichen. Außerdem soll er einen Siegelring in die Salzquellen der Bucht von Eleusis werfen sowie am 9. Tag eines Monats zu den Ruinen des Ceres-Tempels gehen. (Ceres / Demeter war die Mutter von Proserpina / Persephone, der Gattin von Hades, dem Gott der Totenwelt. Eleusis beherbergte in der Antike ein bekanntes Orakel.)

Nachdem sich ein Storch, der eine Schlange im Schnabel gepackt hält, auf dem Friedhof niedergelassen hat, stirbt Darwell, erschüttert wegen dieses symbolhaften Anblicks (Schlange = Satan; Storch = Lebensbringer). Der Chronist ist reichlich beunruhigt über den Umstand, dass sich das Gesicht Darwells fast schwarz färbt. Gift? Die drei Überlebenden begraben seine Leiche. Ob der Vampir wiederkehren wird? Das Fragment wurde nie vollendet.

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist belanglos genug, doch die Grundelemente für Polidoris folgen- und einflussreiche Erzählung sind schon angelegt. Ein Jüngling und ein älterer Mann mit einer Krankheit und einem Geheimnis gehen auf eine Reise, die tragisch endet. An ihrem Ende muss der Jüngling einen Schwur leisten und bestimmte geheimnisvolle Handlungen vollziehen, die wie ein Ritual anmuten.

Byron wurde von seinem Verleger Murray gezwungen, dieses Fragment 1819 in der Sammlung „Mazeppa“ zu veröffentlichen. Die literarische Qualität ist in keiner Weise mit „Manfred“ zu vergleichen, einem Versgedicht, das Byron bereits 1817 veröffentlichte. Darin zeigt er sich in seinem literarischen Ego Manfred als ein besessener Sucher, der keine Erfüllung finden kann. Dieser Charakterzug ist später stets Teil des Byronischen Vampirs, z. B. in den Vampirromanen von Anne Rice. Aber von Blutsaugerei ist bei Byron noch keine Rede.

_Handlung von Polidoris Erzählung_

In den Londoner Kreisen taucht ein seltsamer Edelmann auf, der dadurch auffällt, dass er sich nicht an den Vergnügungen beteiligt. Dieser Außenseiter hat „seelenlose graue Augen“ und ein „totenblasses, aber hübsches Gesicht“. Lady Mercer, eine bekannte Ehebrecherin, macht ihn vergeblich an, obwohl dieser Lord Ruthven keineswegs ein Kostverächter ist, wie sich zeigt.

Der junge Aubrey ist ein reicher Träumer, der noch unter Vormundschaft steht. Er umwirbt den mysteriösen Lord, der ihm wie aus einem Abenteuerroman entstiegen erscheint, dem es aber an Geld mangelt. Davon haben Aubrey ebenso wie seine Schwester mehr als genug. Ruthven revanchiert sich, indem er Aubrey zu einer Reise nach Europa einlädt. Dort verprasst er Aubreys Geld, allerdings scheint auf seinen Gaben ein Fluch zu liegen: Alle lasterhaften Empfänger, aber auch die Unschuldigen ereilt ein übles Schicksal.

In Rom ist Aubrey schon so weit von seinem Begleiter abgestoßen, dass er dem Rückruf seiner Vormünder Folge leisten will. Sie warnen, dass Ruthven Vergnügen darin findet, junge Damen in die Tiefen des Lasters hinabzuziehen (will heißen: sie werden danach Huren, wenn man sie nicht gleich ins Kloster steckt). Da bekommt er mit, dass Ruthven eine junge Gräfin verführen will. Nach Aubreys Intervention wird das verhängnisvolle Rendezvous abgesagt. Denkt er.

In Athen, das er ohne Ruthven erreicht, lernt er in seinem Logis die wunderschöne Ianthe kennen und verliebt sich, wovon sie allerdings nichts mitbekommt. Was er allerdings höchst interessant findet, ist ihr „Ammenmärchen“ von einem Vampir. Was soll das denn sein? Solch ein Mann, erklärt sie, lebe unerkannt unter den Bürgern, sauge aber in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen die Lebenskraft (= Blut) aus. Aubrey fällt auf, dass diese Beschreibung exakt auf seinen unliebsamen Bekannten Lord Ruthven passt. Doch Ianthes Eltern bestätigen ihre Geschichte, und das Mädchen warnt ihn davor, nachts durch den nahen Wald zu reiten. Vampire trieben dort ihr Unwesen.

Wie könnte es anders sein, so schafft es Aubrey in der unvertrauten Umgebung nicht, rechtzeitig aus dem Wald herauszukommen. In einer einsamen Hütte will er nach dem rechten Weg fragen. Da hört er einen grässlichen Schrei, der nur von einer Frau stammen kann! Als er eintritt, packt ihn ein Mann von hinten und stößt ihn nieder. Zum Glück erklingen Stimmen von draußen, und der Mann flüchtet. Entsetzt bemerkt Aubrey im Fackelschein Ianthes totes Gesicht – und in ihrem bleichen Hals die Bissmale des Vampirs.

Als Aubrey sein Fieber auskuriert, taucht Lord Ruthven auf. Nachdem dieser Aubreys Entsetzen und Grauen zerstreut hat und der Patient geheilt ist, machen sie sich gemeinsam auf eine Exkursion in eine Gegend, in der es von Räubern wimmeln soll, weshalb sie eine Schutztruppe mitnehmen. Leider erweisen sich die Räuber als zahlreicher und besser bewaffnet. Während diese auf das Lösegeld warten, verändert sich Ruthven. Im Sterben verlangt er Aubrey einen folgenschweren Schwur ab: Er soll über seinen Tod schweigen und ein Jahr und einen Tag lang nichts über das, was er über Ruthven erfahren habe, verlauten lassen. Blöderweise schwört Aubrey „bei allem, was ihm heilig ist“. Die Räuber haben die Leiche des Lords weggeschafft, doch als Aubrey nachschaut, ist nichts mehr davon zu finden …

London. Der letzte Teil des Dramas hebt an. Als Aubreys – im übrigen namenlose, aber ebenso reiche – Schwester nach ihrem 18. Geburtstag in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden soll, bemerkt Aubrey zu seinem Entsetzen Lord Ruthven, der sich dem Mädchen nähert. Ein erster Fluchtversuch gelingt, doch später hat Aubrey nicht so viel Erfolg. Sein Geisteszustand verwirrt sich und die Vormünder stellen ihn unter ärztliche Aufsicht. Leider darf er wegen seines Schwurs niemandem verraten, was die Ursache seiner seelischen Verzweiflung ist. Ruthven töten zu wollen, wäre sinnlos, denn er hat ja schon bewiesen, dass er unsterblich ist. Aubrey hat auch den Beweis, dass Ruthven Ianthes Mörder ist.

Aubrey wagt bereits wieder zu hoffen, denn die Zeit arbeitet für ihn: Bald werden das Jahr und der eine Tag vorüber und er frei sein, sein Geheimnis zu verraten! Da eröffnet ihm sein Schwesterherz, dass sie am nächsten Tag heiraten werde, und zwar einen Lord Marston. Man stelle sich Aubreys Erschütterung vor, als sich herausstellt, dass der Bräutigam kein anderer als der verfluchte Vampir ist.

Er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Hochzeit zu verhindern, sind es doch nur 24 Stunden, die er noch zum Schweigen verdammt ist …

_Mein Eindruck_

Polidori lieh sich den Namen seines Antihelden aus einem zeitgenössischen Roman namens „Glenarvon“ aus. Den hatte Lady Charlotte Lamb 1816 veröffentlicht, um sich an ihrem Ex-Lover Lord Byron zu rächen. Alle Welt wusste natürlich, wer sich hinter dem Namen des Schurken „Clarence de Ruthven, Lord Glenarvon“ verbarg. Und so fiel es den Zeitgenossen nicht schwer herauszufinden, wen Polidori meinte, als er einen Vampir mit diesem Namen versah. Und so wie Lambs Ruthven ein Zerrbild war, so ist auch Polidoris Byron eine Karikatur des echten Lords: „ein über Leichen gehender Salonlöwe von messerscharfem Verstand – attraktiv, kaltherzig, weltgewandt, grausam, aber auch charmant – Attribute, die allesamt auf Byron zutrafen“, wie das Booklet schreibt.

Aus diesem Grund ist seine Erzählung „The Vampyre“ nicht nur wegen der unübersehbaren literarischen Qualitäten im Gedächtnis geblieben, sondern auch weil sie einen festen Punkt im Zeit-Raum-Kontinuum markiert und alle späteren Vampirfiguren – die erste Oper folgte schon innerhalb der nächsten Dekade, der erste Film hundert Jahre später – beeinflusste.

Der Byronische Vampir ist ein satanischer, ausgebleichter, weltmüder Aristokrat, dessen Blick – besonders auf Frauen – eine hypnotische Wirkung ausübt und in dem Vampirismus und Verführung Teil des gleichen Vorgangs sind. Die Abgezehrtheit und Weltmüdigkeit sind jedoch lediglich eine Pose: Seine Energie stammt nämlich direkt aus der Hölle.

Der unsterbliche Blutsauger ist einer der Verdammten. Jeder, der mit ihm in Berührung kommt oder seinen Weg kreuzt, bekommt einen Teil von dieser Verdammnis ab. Für Aubrey gestaltet sich diese Begegnung unglücklicherweise so, dass er zunächst seine Verlobte Ianthe, dann seine Schwester und schließlich sich selbst an den Vampir verliert.

Aber aus welchem Grund? Zunächst hindert Aubrey ihn daran, sich an seiner Verlobten gütlich zu tun. Dann macht Aubrey seinen entscheidenden Fehler: Er leistet den Schwur, über Ruthven zu schweigen. Dadurch lädt er einen Teil der Verdammnis auf sich – und verurteilt so seine eigene Schwester zu einem grausamen Schicksal. Dieses kann Aubrey umso besser vorhersehen, als er bereits ein Opfer des Vampirs gekannt und geliebt hat: Ianthe.

Eigentlich müsste sich Aubrey die ganze Zeit in Selbstvorwürfen ergehen, doch Polidori traut dem Leser zu, dies sich selbst vorstellen zu können. Sein junger Held schwebt bereits am Rande des Wahnsinns, als er seine Schwester in Gefahr sieht. Uns interessiert in diesem Moment viel mehr, ob es ihm gelingen kann, Ruthven von seiner mörderischen Tat abzuhalten und sein Opfer zu retten.

In dieser Hinsicht funktioniert Polidoris Erzählung ausgezeichnet als klassische Horrorgeschichte. Das Grauen speist sich nicht so sehr aus Bluttaten, die man – außer in Griechenland – nicht zu Gesicht bekommt, als vielmehr aus der Vorstellung, welches Schicksal dem Opfer droht. Am Schluss schwingt sich die Erzählung zu kriminalistischer Spannung auf, als wir Aubreys Bemühungen folgen, seine Schwester zu retten.

|Woher Vampire kommen|

Woher kommt überhaupt Byrons Vorstellung von einem blutsaugenden Mann, der, wiewohl unsterblich, auf Leben spendenden Nachschub an kostbarem Lebenssaft angewiesen ist? Einen Hinweis liefert Bram Stokers zeitloser Klassiker „Dracula“. Auch hier tritt der Blutsauger als einsamer, unsterblicher Adeliger mit unstillbarem Durst auf, der es auf die Hälse junger Damen abgesehen hat. Der Byronische Vampir ist noch lebendig. In Sheridan Le Fanus [„Carmilla“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (1871/72) tritt der Vampir als eine Verkörperung der antiken Sagengestalt Lamia in Erscheinung – noch dazu lesbisch. Dieser sinnliche Lamia-Aspekt wurde von Theophile Gautier in seiner Erzählung „La morte amoureuse“ (1836) ebenfalls hervorgehoben.

Doch die Idee, dass er noch von jenseits des Grabes als reanimierter Leichnam zuschlagen könnte, stammt laut „Encyclopedia of Fantasy“ aus verschiedenen osteuropäischen Volkslegenden, die solchen Leichen kannibalistische Gelüste zuschreiben. Die drei Einflüsse Byron, Lamia und Kannibalismus fanden ihre perfekte Verschmelzung in Stokers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 von 1897.

Erst 1980 begannen sich AutorInnen mit der Physiologie des Vampirs zu befassen, so etwa Suzy McKee Charnas in „Der Vampir-Baldachin“ von 1980: Wird ein Virus übertragen, der das Blut verändert? Doch ungeachtet dessen wird der Vampir stets der Inbegriff des dämonischen bzw. dämonisierten Liebhabers bleiben. Gerade wenn die Liebe am gefährlichsten ist, wird sie am aufregendsten. Und deshalb lieben besonders Frauen solche Storys.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt trägt die Geschichte des Ich-Erzählers wunderbar moduliert und verständlich vor. Es fällt nicht schwer, sich auf jedes Wort, jeden Satz zu konzentrieren – insbesondere dann, wenn man die Geschichte ein zweites Mal anhört. Der Autor hat nämlich etliche hintergründige und geheimnisvolle Verweise hineingepackt, so etwa den, dass Darwell, der Vampir, schon einmal zuvor in der türkischen „Totenstadt“ gewesen ist. Tennstedt spricht Byron in „Gespenstersommer am Genfer See“, daher ist es angemessen, dass er auch Byrons Story vorträgt.

Gleiches gilt für Andreas Fröhlich, der die Rolle des Dr. Polidori so wunderbar lebendig gestaltet hat. Allerdings gibt es hierbei keinen Ich-, sondern einen Er-Erzähler. Das macht aber nichts, denn die meiste Zeit verfolgen wir das Geschehen durch Aubreys Augen. Aber wir sind auch in der Lage, Aubrey selbst kritisch zu mustern. Fröhlich beherrscht die Kunst, durch Verzögern und Beschleunigen bestimmte Satzteile oder Passagen zu betonen, hervorragend.

Übrigens werden uns beide Erzählungen vor einer passenden Geräuschkulisse vorgetragen. An Anfang, Mitte und Schluss kracht der Donner einer Gewitternacht. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer. Wenn’s richtig heimelig wird, schaudert’s uns am liebsten.

_Das Booklet_

Allein schon das Cover-Design ist genau der Epoche angemessen, aus der die Erzählungen stammen: dunkelbraunes Lederimitat mit Leinenrücken. Darauf ein sepiabraunes Etikett mit den Autorennamen, dem Titel, dem Untertitel und den Namen der Sprecher. Einzig der Titel selbst fällt aus dem Rahmen, denn damals war diese Times-Roman-Schrift nur wenig verbreitet, wage ich zu behaupten. Dafür wirkt der handschriftlich in roter Tinte eingetragene Untertitel „Die Erzählungen“ doch ziemlich authentisch.

_Unterm Strich_

Sollte man dieses Hörbuch kaufen, wenn man bereits [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 besitzt? Nicht unbedingt, denn dort findet man die Byron-Story schon in voller Länge (oder besser: Kürze). Das Hörbuch lohnt sich jedoch vor allem wegen der endlich in voller Länge vorgetragenen Polidori-Story, deren literarische Qualitäten ich bereits oben gelobt habe.

Zwei der besten deutschen Sprecher – man könnte auch Sprachkünstler sagen, wenn es nicht so hochtrabend klänge – tragen die beiden Erzählungen nach allen Regeln der Kunst vor. Donner rollt, ein Kaminfeuer prasselt, und wir lassen unsgerne von diesen Schauergeschichten unterhalten. Ich könnte diese Storys immer wieder hören und doch stets etwas Neues entdecken.

|56 Minuten auf 1 CD
The Vampyre – Fragment of a Novel, 1819, aus dem Englischen von Bernd v. Guseck, ca. 1850;
The Vampyre. A Tale, 1819, aus dem Englischen von Helmut Splinter, 2004|

Wer an Ripper Records schreiben möchte, benutzt am besten die schaurig-sinnige Adresse jack@ripperrecords.de!

Thieme, Anja – Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney

_Fantasy in Leinen_

„Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney“ gibt es bislang nur in einer gebundenen Ausgabe des Verlags |Neue Erde| mit einem Volumen von 634 Seiten inklusive Anhang. Ich kann an dieser Stelle dem Buch zugute halten, dass es sich um eine wirklich schön gemachte Ausgabe handelt, gebunden in dunkelblaues Leinen mit einem gewebten Lesebändchen und einem sogar ganz nett aussehenden Schutzumschlag. Das Schriftbild ist absolut in Ordnung und sehr schön finde ich sogar die ungewöhnlich gestalteten Teilüberschriften. Dazu bietet das Buch einen reichhaltigen Anhang aus Stammbäumen, Fußnoten, Karten, Personenregister und einer Danksagung der Autorin. So viel Stil hat allerdings seinen Preis. 25,80 Euro müsst ihr derzeit für dieses Werk auf den Tresen legen.

_Anja Thieme – nie gehört?_

Nicht viel ist über Anja Thieme herauszufinden. Die Tochter einer Buchhändlerin und eines Verlagskaufmanns arbeitete bereits früh als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung und verfasste Kurzgeschichten, hat anschließend sympathischerweise ein Germanistik-Studium hingeworfen, schrieb weiterhin Kurzgeschichten und Gedichte und interessiert sich für Historik. Soweit ich feststellen kann, ist „Orkneys Söhne“ ihr bisher einziger veröffentlichter Roman.

_Sex and Crime an König Artus‘ Hofe_

Artus-Geschichten gibt es in allen Varianten. Unter der Vielzahl der zu diesem Thema veröffentlichten Romane findet man diese Legende aus sehr verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Und auch die Handlung variiert sehr stark. Nun war ich ja sehr gespannt, was eine deutsche Autorin aus diesem Garn für einen Stoff weben würde.

Gwyddion ist ein junger Mann, der bei seiner Mutter Ninian, der Hohepriesterin von Avalion, ausgebildet wird. Als seine Mutter erkrankt, sendet sie ihren Sohn zu Guennera, der ehemaligen Königin, die ebenfalls eine ausgebildete Hohepriesterin sein soll, um diese als „Krankheitsvertretung“ nach Avalion zu bringen. Diese Ereignisse sieht Raven, der König der Orkneys und zugleich der Mann, den Gwyddion als seinen leiblichen Vater kennt, mit seiner Sehergabe. Und Raven sieht die Zeit gekommen, Gwyddion seine Lebensgeschichte zu erzählen. Denn sein Name ist nicht nur Raven, sondern …
Mordred.

Mordred wächst als dritter von fünf Söhnen Königs Lot der Orkneys und seiner Frau Morgause auf. Doch Lot ist – mehr als zu seinen anderen Söhnen – unmenschlich hart und streng mit Mordred und nennt ihn einen Bastard. Mordreds Halt im Leben, seine Stütze und sein bester Freund zugleich ist sein Bruder Gawain (Gawalchmain, Gaven). Da beide Brüder eine seherische Gabe besitzen, werden sie gemeinsam zum Tempel von Avalion zur Ausbildung unter dem Hohepriester Taliesin, dem derzeitigen Merlin gesendet. Doch während Mordred im Glauben des Tempels aufgeht und bald selbst zum Druiden der dunklen Göttin Morrigan und später zum Hohepriester Avalions geweiht wird, fürchtet sich Gawain vor der dunklen Seite der Götter und verlässt den Tempel vor seiner Initiiation, um sich gemeinsam mit dem ältesten Bruder Agravain der Tafelrunde König Artus’ anzuschließen.

Mordred folgt seinen Brüdern dorthin, um als Merlin und Ratgeber an Artus’ Hof zu dienen und erkennt sehr schnell, dass er der Sohn des Königs ist. Das wäre ja schon arg genug, dass Lot mit seinen Bastard-Unkenrufen recht gehabt hätte, doch die Situation ist zusätzlich verzwickt, da Artus und Morgause Stiefgeschwister sind – zwar nicht blutsverwandt, doch das Volk sieht sie als Bruder und Schwester und das macht eine jede heiße Liebesnacht der beiden zu Inzest und bringt zudem Mordred in die Zwickmühle, mit Artus einen Onkel und Vater in der gleichen Person zu haben. Doch Artus ist gar nicht unerfreut, und einen Sohn zu haben, kommt ihm ganz gelegen, denn seine Frau Guennera kann keine Kinder bekommen und Lancelots Sohn Galahad, der für den Fall, dass Artus ohne leiblichen Sohn sterben sollte, als Erbe bestimmt ist, taugt eher zum Priester als zum König.

Guennera, eine Frau von überragender Schönheit und natürlich viel jünger als Artus, der mit ihr lediglich eine politische Heirat geschlossen hat, ist eine nicht nur überzeugte, sondern geradezu fanatische Christin und zofft sich mit dem heidnischen Hohepriester Mordred und auch dessen Geliebter, der Hohepriesterin Ninian, wo sie nur kann. Als sie zu weit geht und die Götter beleidigt, beschwören Mordred und Ninian einen Fluch auf die Königin herab, der ihr wahres Wesen zeigen soll. Und dieser Fluch bewirkt, dass Guennera, die schon immer etwas für Lancelot übrig hatte, komplett den Verstand verliert und sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit dem Oberst und besten Freund ihres Mannes des Königs unter lautem Stöhnen und lustvollem Gequietsche ins Heu verzieht. So geht das eine Weile. Mordred verhandelt indessen im Namen seines königlichen Vaters mit den ehemals feindlichen Sachsen um ein Bündnis gegen die einfallenden Römer. Und als er zurück am Hof ist, erscheint einigen dort das Bild des Grals, mit dem bekannten Ergebnis der Gralssuche, der sich auch Lancelot anschließt. Guennera ist indessen durch ihren Fluch komplett von der Existenz der Götter überzeugt, doch Mordred zögert, den Fluch von ihr zu nehmen und lässt sie aus persönlicher Rachsucht noch ein bisschen länger schmoren. Dadurch zieht er selbst sich den Zorn der Göttin zu, die ihn damit bestraft, dass er mit der Auflösung des Fluchs erkennt, dass er selbst in Guennera, seine Königin und Stiefmutter verliebt ist. Das kann natürlich nicht gut ausgehen …

_Mordred und Artus in der Legende_

Mordred (auch Medraut, Modred, Medrawd) ist in den Varianten der Artus-Legende, die wir heute kennen, zumeist der klassische Bösewicht. Die älteste historische Quelle zur Artus-Sage jedoch, die „Annales Cambriae“ gibt keinen Grund, das von ihm anzunehmen. Zwar ist darin die Rede davon, dass sowohl Artus als auch Mordred bei der Schlacht von Camlann im Jahre 537 fallen, doch gibt es darin keinen Anhaltspunkt, der besagt, ob sie auf der gleichen oder auf unterschiedlicher Seite gekämpft haben. Auch auf eine bestehende Verwandtschaft zwischen den beiden gibt es darin keinen Anhaltspunkt.

Eine weitere walisische Quelle, der „Traum von Rhonabwy“ nennt Mordred schlicht als Neffen Artus’, was er ja auch als Sohn Morgauses wäre.
Erst in Geoffrey of Monmouth’s „Historia Regnum Brittonum“ aus dem Jahre 1136, also fast 600 Jahre „Stille Post“ und eifriges Rätselraten später, erscheint Mordred (immer noch als Artus’ Neffe) das erste Mal als Verräter, der den Untergang Camelots und den Zerfall des Artus-Reiches herbeiführt, Artus’ Frau Guinevere heiratet und ihm den Thron streitig macht.

Und erst im Vulgate-Zyklus schließlich, einer französischen Sammlung von Texten über Artus, wird erstmals behauptet, Mordred sei Artus’ Sohn aus einer inzestuösen Beziehung mit seiner Schwester Morgause, der Königin von Orkney. Dabei sind sich auch diese schon nicht mehr ganz so frühen Quellen nicht über die Schuldzuweisung des Inzests einig; wird in einigen behauptet, beide hätten sich ohne über ihre Verwandtschaft zu wissen, einander hingegeben, so wird in einer anderen Quelle behauptet, Morgause habe ihren Bruder absichtlich getäuscht und ihren gemeinsamen Sohn Mordred als Erpressungsmittel gegen ihn genutzt. Doch eine wieder andere Variante gibt auch Artus die Schuld und behauptet, er habe sich als Morgauses Ehemann Lot verkleidet.

_Fantasy oder Historischer Roman?_

Schon schön, wenn sich die historischen Quellen – sofern überhaupt vorhanden – derart uneinig sind wie im Fall der Artus-Legende. Dann kann man sich als Autor von jeder Variante sein Lieblingshäppchen rauspicken und trotzdem mit der eigenen Recherchearbeit angeben. Das hat Frau Thieme sich wohl auch gedacht und fleißig ausgenutzt. Wo dann noch Lücken in der Geschichte blieben, hat sie diese bunt durchmischt gefüllt mit einem lustigen Potpourri aus historischem Wissen und noch mehr Phantasie und Fantasy.

Man möge mich nicht falsch verstehen, ich finde das nicht verkehrt. Wie soll man auch sonst in einem Fall wie der Artus-Sage vorgehen, wenn niemand nichts Genaues weiß? Aber das bedeutet eben auch unbedingt, dass ich dieses Buch als Fantasy oder meinetwegen als historische Fantasy einordne – ein historischer Roman ist es für mich nicht. Doch Frau Thieme macht hier und da den Eindruck, dass sie mit ihrer Version der Sage ernst genommen werden will. So finden sich im Text zahlreiche Fußnoten, die dann im Buchanhang Hintergründe erläutern, die belegen, dass sich die Autorin durchaus mit der Zeit und der Materie beschäftigt hat, und dem Buch eine gut recherchierte Note wie quasi bei einem historischen Roman verleihen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich letzten Endes nur um eine Themenvariante handelt, eine Spinnerei, wie es hätte gewesen sein können. Einige dieser Fußnoten sind übrigens denn auch für Verständnis und Hintergrund der Geschichte völlig belanglos und merkwürdig aus dem Zusammenhang gerissen, als ob die Autorin ihr Allgemeinwissen unter Beweis stellen wollte.

Die Story selbst ist sowohl von Atmosphäre und Schreibstil her als auch von der Charakterisierung der Hauptpersonen in zwei Hälften gespalten – vor und nach der entstehenden Liebe zwischen Mordred und Guennera.

Der erste Teil zeigt uns einen kecken Mordred; ständig eine dralle Maid auf dem Schoß, ist er ein verlässlicher Freund und Bruder, aber er kann auch boshaft sein und, wenn man ihn zu sehr reizt, auch rachsüchtig. Das stört mich nicht, im Gegenteil, dieser Mordred ist ein sympathischer „Bösewicht“, eine faszinierende, dunkle Persönlichkeit zwischen all den farblosen „guten“ Christen Camelots, sein Charakter ist tief und wirkt auf mich überaus anziehend. Ich bin selbst halb verliebt in diesen Mordred, der links den Becher und rechts die Weiber stemmt, seine böse Zunge nicht zurückhält und doch den Menschen, die er liebt, stets Loyalität beweist. Überhaupt trieft dieser erste Teil des Buches nur so vor Sex. Ganz Camelot scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als sich von einer Orgie in die nächste zu stürzen. Die ganze Pallette der sexuellen Ausschweifungen ist hier vertreten: Untreue Ehefrauen (Ehemänner sowieso), dralle Mägde, flotte Dreier und Vierer und rituelle Liebesakte zur Ehrung der Götter – so viel ist davon vertreten, dass es mir schon wieder etwas zu viel ist. Und auch gebechert wird heftig.

Doch dann kommt der Bruch. Die Strafe der Göttin. Und sie trifft nicht nur Mordred, sondern auch mich. Aus dem Mann, den ich eben noch nicht von der Bettkante gestoßen hätte, wird ein depressiver, von Liebeskummer umnachteter Junge. Aus dem schwarzen Hengst wird ein kolikkranker Wallach. Und in ein spannendes, mitreißendes Buch schiebt sich eine alberne, kitschige Liebesroman-Atmosphäre, begleitet von Unglaubwürdigkeiten. Nun – zumindest stellenweise. Da wäre zunächst einmal Guennera. War sie im ersten Teil noch „der Feind“, von fanatisch christlichem Glauben und erschien wie der Fluch von Camelot, so erlebt sie nun in der zweiten Buchhälfte die völlig unglaubwürdige Verwandlung in eine Hohepriesterin des keltischen Glaubens mit Sehergabe. Und Mordred. Mein Mordred! Eben noch ein sinnenfreudiger Casanova, wird er plötzlich reduziert auf sehnsüchtige, liebeshungrige Blicke. Und nicht nur das. Frau Thieme „rechtfertigt“ die Liebe zwischen Mordred und Guenevera auch noch damit, dass beide bereits in einem früheren Leben vereint waren. Dass ihre Verbindung zum Wohle des „Landes“ von den Göttern geplant ist. Nein, das war zwar auch im ersten Teil schon ein „Fantasy“-Roman, aber jetzt wird es mir einfach zu bunt!

… und zugleich zu trist.
Denn ab dieser verbotenen Liebe zwischen Stiefsohn und Stiefmutter mischt sich denn nun auch die bei diesem Thema natürlich vorprogrammierte Endzeitstimmung in das Buch. Dem Leser schwant nichts Gutes. Aber da der Bruch in zwei Teile bereits ziemlich genau in der Mitte des Werkes passiert, zieht sich diese Depri-Phase denn auch über mehr als 300 Seiten hin. Fortan ist Mordred hin- und hergerissen. Loyalität gegenüber dem Vater oder endlich Kissenschlacht mit Stiefmama? Und um ihn herum sinkt auch der Rest von Camelot so langsam in den Morast.

Lancelot, den wir aus so manch anderer Variante der Artus-Sage als strahlenden Ritter für die gute Sache kennen (wenn natürlich auch mit dem nahezu nichtigen Abstrich, dass er mit der Frau seines Freundes und Königs ins Bett geht) mutiert unter der Feder von Frau Thieme zu unserem neuen Bösewicht. Denn so ganz ohne schwarzes Schaf und Feindfigur schafft es auch diese Autorin nicht. Jemandem muss man ja die Schuld in die Schuhe schieben …. Hier ist es also Lance (nein, das habe ich mir nicht noch halb im Tour-de-France-Fieber ausgedacht, Lancelot wird tatsächlich im Buch so genannt, das wirkt auf mich so überhaupt nicht nach 500 n. Chr., ein echter Stilbruch zwischen so viel mühseliger Recherchearbeit …), der hinterhältig Verrat begeht und es auf Artus’ Thron und Frau abgesehen hat. Dabei sind Vater und Sohn Pendragon ihm gehörigst im Wege.

Mordred erscheint uns hier nicht als Thronräuber. Da er ein geweihter Druide ist, hat er zunächst kein Interesse daran, seinem Vater als Hochkönig auf den Thron zu folgen. Seine Interessenslage ist einfach anders. Dass er letztlich doch seiner Thronfolge zustimmt, erklärt die Autorin damit, dass das Land selbst es so will:
(„Plötzlich flackerten Bilder vor meinen Augen, gegen die ich mich verzweifelt wehrte, doch ohne daß ich es verhindern konnte, wurde ich zum Raben und flog über das Land. Wachend und suchend. Ich flog mit dem goldenen Drachen. Getragen von seinen gewaltigen Schwingen. Gleichzeitig riß der Nebel um Avalion auf und die Wolkendecke auch. Da lag die Insel in strahlendem Glanz vor mir. Ich konnte die blühenden Apfelbäume an ihrem Ufer sehen. VERNIMM DEN RUF, MORDRED OF ORKNEY, RABE, SOHN, PRIESTER. Und es geschah, das Land bat mich, forderte nachdrücklich sein Recht, sang meinen Namen, ein ewiges auf- und abschwellendes Lied, das mein weit geöffnetes Herz erreichte und erhört wurde. Artus wandte sich um und lief langsam in Richtung der Zelte. ‚Halt!‘, rief ich, noch immer in der Sicht. Meine ganze verwundete Seele schrie auf. ‚Ich tue es. Ich nehme den Reif an. Nicht Galahad, er ist zu schwach, es ist falsch. Ich muß, das Land fordert es.‘ …“ S. 194)
Für mich ist das einfach zu dick aufgetragen. Quer durch das Buch zieht sich diese vor Pathos triefende Verbindung zwischen Mordred und „dem Land“ und wenn ich auch Fantasyelemente wie Magie und Götter in „Orkney’s Söhne“ sehr gut dargestellt finde, hier endet die Begeisterung für mich.

Dann haben wir noch Artus, der im ersten Teil ein weiser Hochkönig sein darf, der Britannien geeint hat. Da wirkt er noch, wie ein großer König wirken muss: weise und majestätisch. Im zweiten Teil fragt man sich nur noch, wer dieser Artus eigentlich ist, dass er nicht sieht, dass seine Frau mit seinem Armeeführer fremdgeht. Dass er nicht sieht, dass sein Sohn sich in sie verliebt hat. Dass er nicht sieht, dass Lancelot ihn verrät. Dass er durch ein falsches Urteil zwei von Mordreds Brüdern auf dem Gewissen hat. Und dass überhaupt immer seltener im Buch die Rede von ihm ist und Frau Thieme ihn einfach wegrationalisiert. Von dem weisen König aus der ersten Hälfte finde ich hier keine Spur mehr. Stattdessen verkommt Artus zu einem schwachen Kerl, der dem erstbesten Schwätzer alles für bare Münze abnimmt.

Den wesentlichen Teil der Geschichte machen die Erinnerungen Mordreds aus der Perspektive des Ich-Erzählers aus. An einigen Stellen wird der Text jedoch durch kursiv eingeschobene Passagen durchbrochen, die uns in ein Geschehen blicken lassen, an dem Mordred nicht selbst beteiligt ist. Dabei handelt es sich dann entweder um Erlebnisse der anderen Personen oder auch um Dinge, die Mordred mit seiner Gabe „sieht“. Dadurch umgeht Anja Thieme geschickt die Einschränkungen, die einem Autor durch Verwendung der ersten Person aufgelegt sind, und kostet zugleich die Intimität mit dem Leser aus, die diese Schreibweise dennoch bietet. Der Schreibstil ist relativ ausführlich und gefühlsbetont, an manchen Stellen sogar andeutungsweise poetisch. Im Großen und Ganzen fand ich den Erzählstil zwar dennoch eingängig, an einigen Stellen passiert aber schon mal ein stilistischer Lapsus, gibt es mal eine merkwürdige Formulierung und dazwischen fallen mir immer wieder ein paar Sätze auf, die ganz süß zweideutig oder missverständlich formuliert sind. Ein schönes Beispiel von Seite 565: „Agravain ist schon die ganze Zeit allein auf den Orkneys. (…) Wer weiß, ob er sich nicht schon zu Tode getrunken hat. Wenn nicht, kann ich ihm vielleicht helfen.“ Sehr gut gelungen finde ich hingegen die Einflechtung von Liedern und Gedichten in den Text – etwas, das mich sonst in vielen Büchern langweilt und anödet, hat die Autorin hier wirklich mit Gefühl vollbracht.

_Fazit_

Nun habe ich in meiner Kritik und Meinung so viel über das Buch hergezogen und muss doch letzten Endes zugeben, dass es mir dennoch sehr gut gefallen hat. Wie kommt’s? Nun, es fällt zunächst immer etwas einfacher zu motzen. Mir fallen tausend Kleinigkeiten auf, die mich stören, aber es ändert nichts daran, dass ich dieses Buch mit Begeisterung gelesen habe, mich in die Geschichte katapultiert sah, mit Mordred gelitten habe und von dem Britannien um Fünfhundernochwas nach Christus, so wie Anja Thieme es aufzeigt, sehr angetan bin. Zwar kann ich dieses Buch nicht als historischen Roman durchgehen lassen, aber als historisch oder legendenangehauchte Fantasy ist es wirklich sehr gut gelungen. Für die erste Hälfte würde ich denn auch gerne eine „Unbedingt Lesen“-Empfehlung aussprechen, doch leider fallen Spannung und Lesefreude in der zweiten Hälfte des Buchs merklich ab. Trotzdem würde ich jederzeit wieder ein Buch der Autorin mit dieser oder einer ähnlichen Thematik lesen.

Richard Condon – Der Manchurian Kandidat

Das geschieht:

1951 gerät in Korea ein US-amerikanischer Spähtrupp in einen chinesisch-sowjetischen Hinterhalt. Die Männer werden in die nordostchinesische Mandschurei verschleppt, wo sie der Neurologe Yen Lo einer neuen Form der Gehirnwäsche unterzieht. Aus jungen Patrioten werden kommunistisch programmierte „Schläfer“, die als Kriegshelden in die USA zurückkehren, während sie weiterhin geistig „ferngesteuert“ werden.

Sergeant Raymond Shaw ist ein idealer (mandschurischer) Kandidat für dieses Projekt. Als Sohn einer einflussreichen Familie hat er Kontakte bis ins Weiße Haus. Er sieht gut aus und kommt in den Medien an. Das verschafft ihm die notwendige Bewegungsfreiheit. Richard Condon – Der Manchurian Kandidat weiterlesen

Jonathan Swift – Gullivers Reisen

Wundersame Reisen: Idylle des Abenteuers

Der englische Schiffsarzt Lemuel Gulliver sticht 1699 in See. Er strandet zunächst bei den Liliputanern, auf einer zweiten Reisen bei den Riesen von Brobdingnag und schließlich auf der fliegenden Insel Laputa. Enttäuscht von den seltsamen Wesen, denen er begegnet ist, schließt er sich mit Begeisterung den vierbeinigen Bewohnern des Landes der Hoyhnhms an. Wieder zurück in der Heimat, fällt es ihm jahrelang nicht leicht, wieder mit den Yahoos zusammenzuleben …

Der Autor

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Erwin, Birgit – Lichtscheu

Es ist ein kalter Novembertag und, wie sollte es auch anders sein, es regnet, wie es so ziemlich das ganze Jahr über in London der Fall ist. Dies ist der junge Priester genauso wenig gewohnt wie die Hektik, die auf den Straßen herrscht. Zu Hause im Vatikan hat es selten jemand eilig. Hinzu kommt, dass Matteo den Sinn seiner Reise nicht versteht. Wieso schickt man ihn nur für eine Taufe nach London? Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen macht er sich auf den Weg, diesen Auftrag schnellstmöglich zu erfüllen. Am Zielort angekommen, beginnt er zu begreifen, dass mehr an der Sache dran ist, als man im sagte. Der zu taufende Wissenschaftler Victor Westcamp lebt eingesperrt in einem völlig dunklen Keller im Tower. Die bloße Angst lässt Matteo das Blut in den Adern gefrieren, als er allein durch die Dunkelheit der Gewölbe zu dem mysteriösen Wissenschaftler wandeln muss. Als endlich der Lichtstrahl einer Kerze die Ungewissheit durchbricht, erblickt Matteo ein Wesen an Ketten, dessen Haut vom Weihwasser der Taufe sofort verätzt wird. Womit hat er es hier eigentlich zu tun? Mit einem, wie Victor selbst behauptet, im Sterben liegenden Vampir, oder einfach nur mit einem durchgeknallten Wissenschaftler? Aber unabhängig davon, wer es ist, geht es diesem wirklich schlecht, und er hat einen letzten Wunsch. Der verwirrte Priester kann ihm dies unmöglich abschlagen. Doch mit diesem einfachen Wunsch hat es auch weitaus mehr auf sich als vermutet, und es führt Matteo wesentlich tiefer in die Dunkelheit, als im lieb ist.

Für die junge Autorin Birgit Erwin ist „Lichtscheu“ der erste Roman. Die Gelegenheit dazu, einen Roman zu veröffentlichen, bekam sie als Preis für die Belegung des zweiten Platzes beim Jahreswettbewerb der Story-Olympiade 2003. Da sie auch 2004 den zweiten Platz belegte, können wir uns schon auf einen weiteren Roman von ihr freuen. Dieser ist bereits in Arbeit und wird den Namen „Neun Leben“ tragen.
Birgit Erwin wurde am 4. November 1974 in Aachen geboren. Nach ihrem theoretischen Studium der Anglistik und Germanistik arbeitete sie zunächst als PR-Assistentin in Frankfurt am Main. Seit dem September 2003 schließt sie den praktischen Teil ihres Studiums als Referendarin an einem Heidelberger Gymnasium ab.
Schon vor ihrem Roman hat Birgit Erwin zahlreiche Kurzgeschichten und Anthologien verschiedener Verlage veröffentlicht. Weitere Infos hierzu findet man unter http://www.wurdackverlag.de.

Mit „Lichtscheu“ ist Birgit Erwin ein sehr spannender Thriller gelungen. Es war zwar der erste Roman, doch der Leser erkennt keinen Unterschied zu den Arbeiten erfahrenerer Autoren. Der Roman ist nicht nur wegen der Story, sondern auch durch einen besonders angenehm lesbaren und fesselnden Schreibstil sehr unterhaltsam und mitreißend. Der Leser wird von Beginn an in die Welt des jungen Priesters Matteo entführt. Mit ihm reist man durch die Geschichte, stellt sich die gleichen Fragen wie er und denkt unentwegt darüber nach. Dies bewirkt, dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Der Roman lässt nicht nur Mattoes Blut in den Adern gefrieren.
Sehr authentisch sind für den Leser auch die Konflikte, in denen sich die Hauptperson befindet. Man ist hin- und hergerissen, ähnlich wie der Priester sich selbst fühlen muss. Vermutungen werden aufgestellt und wieder über den Haufen geschmissen und bis zu den letzten Seiten ist der Ausgang des Buches völlig ungewiss. Packend bis zum Schluss wurde hier eine gute Idee umgesetzt.

Viele Fragen, die während der Lektüre aufkommen, werden nicht unbedingt wie erhofft am Ende des Romans einfach beantwortet. Man wird nicht nur während des Lesens dazu angeregt, über die Zusammenhänge nachzudenken, sondern gelangt auch danach noch etwas ins Grübeln. Selbst nach längeren Überlegungen konnte ich mir jedoch nicht alles erklären. Wer also Bücher mit offenen Fragen nicht mag, sollte von diesem Buch eventuell Abstand nehmen.
Für alle anderen ist der Roman ein großer Lesespaß, der nicht nur Spannung und Mystik, sondern auch besonders prickelnde Romantik enthält. Die sprichwörtliche weiße Weste mancher Kirchenmitglieder wird in Frage gestellt, jedoch nicht nur in Bezug auf die Abstinenz …

Hodgson, William Hope / Newman, Kim / Busson, Paul / Lovecraft, H. P. / Somtow, S. P. / Lueg, Lars P – Necrophobia 2

_Symphonie des Grauens: Scherzo und Finale furioso_

Wieder mal hat Lars Peter Lueg als Regisseur, Produzent und Dramaturg ein Fest für Horrorfans vorbereitet. Sein Adlatus Andy Matern steuerte die Musik, den Schnitt und die Tontechnik bei. Zu den Autoren der neuen Storys gehören die bekanntesten Vertreter des Genres, darunter der unsterbliche Magier aus Providence, H. P. Lovecraft, dann aber auch einige Neutöner wie etwa S. P. Somtow, dessen Story „Summertime“ den Hörer einfach umhaut.

_Erzählung #1: William Hope Hodgson: Die Stimme aus dem Nichts_

|Der Autor|

William Hope Hodgson (1877-1918) war ein englischer Autor, der von 1891-99 bei der Handelsmarine arbeitete. Viele seiner Storiys stützen sich daher auf seine Seefahrer-Erlebnisse, beziehen das Unheimliche oder Übernatürliche ein, seine Romane „Das Haus an der Grenze“ (1908) und „Das Nachtland“ (1912) sind herausragende Beispiele für unheimliche Visionen in eine erschreckende Zukunft der Erde. „Die Stimme aus dem Nichts“ erschien zuerst 1907 unter dem Titel „The Voice in the Night“.

|Der Sprecher|

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört und sieht man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

|Handlung|

Ein Segler ist im Pazifik in eine Flaute geraten. Die Langeweile an Bord wird durch penetranten Nebel noch verstärkt. Während sein Freund Will schläft, hört der Ich-Erzähler eine Stimme aus der Nacht erschallen: „Schiff ahoi!“ Doch der Besitzer der Stimme, offenbar ein alter Mann, will sich nicht zeigen, schon gar nicht im Lampenlicht, sondern bittet lediglich für sich und seine kranke Frau um Proviant.

Der wird ihm selbstverständlich gewährt, und so kehrt er in der nächsten Nacht zurück, um seine Geschichte zu erzählen. Und um diese geht es im Grunde. John erlitt mit dem Passagiersegler „Albatros“, der von Newcastle nach San Francisco unterwegs war, Schiffbruch. Nach vielen Strapazen und Fährnissen strandeten er und seine Verlobte an einer seltsamen Insel unweit der südamerikanischen Küste.

Deren Boden ist von einem merkwürdigen, grauweißen Pilz bedeckt: Dieser Pilz kann sich bewegen und menschlichen Formen wie etwa Arme bilden. Nach vier Monaten der Bekämpfung zeigt sich der erste Übergriff des Pilzes auf menschliches Gewebe. John ertappt seine Frau dabei, wie sie von dem Pilz isst, als ob er ihr wirklich schmecken würde. Nicht lange, und ihm geht es genauso. Eine Umwandlung beginnt …

|Mein Eindruck|

Die Atmosphäre ist von Anfang an etwas unheimlich, doch als der Unbekannte aus der Nacht mit seiner Geschichte auftaucht, nimmt die Stimmung eine eindeutig bedrohliche Note an. Pilze, die wie Menschen aussehen und sie übernehmen? Klingt nicht sehr lustig, und die allerletzte Zeile – die „punch-line“ – verpasst dem Leser denn auch einen ordentlichen Tiefschlag, eben einen „punch“.

|Der Sprecher|

Helmut Krauss bringt mit seiner tiefen Stimme das Grauen dieser Begebenheit zur vollen Wirkung. Es fängt ganz langsam an, wird aber dann immer bedrohlicher, bis der Schrecken mit der letzten Zeile unvermittelt zuschlägt.

_Erzählung #2: Kim Newman: Der Mann, der Clive Barker sammelte_

|Der Autor|

Kim Newman, geboren 1959, ist ein britischer Schriftsteller, Kritiker und Radiosprecher, der früher mal im Kabarett auftrat. Zum einen verfügt Newman über ein umfassendes Wissen über phantastische (Horror etc.) Filme, zum anderen über einen bissigen Humor. Und selbstverständlich kennt er alle wichtigen Genre-Autoren in seinem Land, von Clive Barker über Neil Gaiman bis hin zu Paul McAuley. „The Man Who Collected Clive Barker“ erschien 1990.

|Die Sprecherin|

Bekannt wurde Marianne Groß als die deutsche Stimme von Anjelica Huston und Cher. Außerdem ist sie laut Verlag eine herausragende Synchronregisseurin und Dialogbuch-Autorin. 2004 wurde sie zweifach mit dem Deutschen Synchronpreis ausgezeichnet.

|Handlung|

Salley Rhodes, eine von den Serienhelden des Autors, ist eine Privatdetektivin, die sich gerne mit unheimlichen und okkulten Dingen befasst. Im Auftrag des „Australiers“ besucht sie den Buchsammler David Ringham in seinen Geschäftsräumen. Diese sind hypermodern eingerichtet, was Sally reichlich verblüfft: Dave sammelt nämlich die alten Schwarten und Hefte, die man als „Pulp“ bezeichnet, also wirklich unterste Schublade. Wie kann er sich diese moderne Einrichtung bloß leisten?

Dave ist Sammler mit Leib und Seele, er kennt alle seine Autoren und behandelt selbst Pulphefte wie Heiligtümer. Das Herzstück seiner Sammlung bildet Clive Barker. Er hat einfach alles von ihm. Aber nicht nur die normalen Ausgaben, die Hinz und Kunz im Laden kaufen können, sondern die wirklich wertvollen Sonder-Sonderausgaben, Sie wissen schon: mit Widmung, Spezialausstattung und so. Da wäre beispielsweise jene Ausgabe der „Bücher des Blutes“, die ganz in Menschenhaut gebunden ist und – nebst einer Widmung des Autors – mit dessen Blut gekennzeichnet ist. Doch es ist nicht die Haut irgendeines x-beliebigen Menschen, nein, meine Lady, sondern die mexikanischen Spender der Haut haben sich vor ihrem Ableben die Titelseite in ihren Rücken eintätowieren lassen – das nennt man Hingabe, was! Leider ist die Buchbinderin seitdem spurlos verschwunden …

Sally Rhodes interveniert und zückt ihren Ausweis als Detektivin: „Wissen Sie, wo Clive Barker ist?“ fragt sie streng. Dave lässt sich jedoch nicht beirren. „Schauen Sie mal, was ich hier als Krönung meiner Sammlung habe …“

|Mein Eindruck|

David Ringham, der Sammler, ist der lebende Beweis dafür, dass Passion, also Leidenschaft, in Obsession, in Besessenheit, umschlagen kann, ohne dass es der Betroffene überhaupt merkt. Das Fiese an der Story ist ja, dass der Leser / Hörer schon eine Weile vor dem Ende merkt, wie der Hase läuft, aber einfach nicht glauben kann, dass es wirklich so ist: Wo ist Clive Barker? Mit Daves stolzem Blick schauen wir genau darauf … Die Story ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass auch das Makabre bestens funktioniert, wenn nämlich der wider besseres Wissen ungläubige Leser / Hörer gnadenlos über die Kante des Abgrunds gezerrt wird.

|Die Sprecherin|

Marianne Groß vermittelt in gleichem Maße die wachsende Begeisterung des Sammler für das Herz-Stück (sic?) seiner Sammlung, die einhergeht mit einer wachsenden Ungläubigkeit seitens Sally Rhodes‘, die schließlich in Entsetzen umschlägt. Genau so muss die Story gelesen werden. Da hilft es nicht, zimperlich zu sein und ins Stocken zu geraten, sondern der Hörer müssen volle Kanne mit auf die Fahrt in den Abgrund des Grauens mitgenommen werden. Bravourös!

_Erzählung #3: Paul Busson: Rettungslos_

|Der Autor|

Es liegen mir keine Informationen zum Autor vor. Die Geschichte erschien zuerst im Jahr 1903.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton (James Bond u.a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

|Handlung|

Schon zwei Tage liegt der Scheintote bei vollem Bewusstsein in diesem Sarg, kann sich aber weder rühren noch verständlich machen, wenn seine Gattin um ihn weint oder der Priester die letzte Ölung vornimmt. Dann wird der Sarg ins kühle, dunkle, stille Grab hinabgelassen und Erde daraufgeworfen. Endlich gelingt es dem Bestatteten, zwei Finger seiner rechten Hand zu bewegen. Ein ganz klein wenig zu spät.

|Mein Eindruck|

Tja, was würde ich tun, wenn ich scheintot, aber bei vollem Bewusstsein im Sarg läge? Ich würde wahrscheinlich (vergeblich) versuchen, mich in den Hintern zu treten, dass ich so blöd war, mich überhaupt in diese Lage zu bringen. Als ob das irgendwie helfen würde! Die Story hat mich nicht beeindruckt, vielleicht auch deswegen, weil sie so kurz ist. Sie passt genau an den Schluss der ersten CD, weswegen sie wohl ausgewählt wurde: als Füllsel.

|Der Sprecher|

Dennoch legt der Sprecher Lutz Riedel all seine beträchtliche Ausdruckskraft in den Vortrag der Geschichte. Wider Willen ist der Hörer fasziniert von der absonderlichen Situation des Lebendigbegrabenseins des Ich-Erzählers und ein leises Grauen beschleicht ihn. Über die Schlusspointe kann man entweder zusammenzucken oder laut auflachen, je nach Mentalität des Hörers.

_Erzählung #4: H. P. Lovecraft: Der Außenseiter_

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin. „The Outsider“ wurde 1926 veröffentlicht.

|Der Sprecher|

David Nathan gilt als einer der besten Synchronsprecher hierzulande. Seine Erzählkunst erweckt den Horror zum Leben. Im Kino erlebt man ihn als Stimmbandvertretung von Johnny Depp und Christian Bale.

|Handlung|

Der Story ist ein Motto von John Keats, einem englischen Dichter der Romantik, vorangestellt. – Ein unbekannter Ich-Erzähler berichtet uns, dass er sein bisheriges Leben tief unter der Erde in den Gewölben eines uralten Schlosses, ohne Kontakt mit der Außenwelt, verbracht hat.

„Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde, außer dass das Schloss unendlich alt und unendlich grauenvoll war, voller dunkler Gänge und mit hohen Decken, an denen das Auge nur Spinnweben und Schatten wahrnehmen konnte. Die Steine in den verfallenden Korridoren schienen immer schrecklich feucht, und überall war ein widerwärtiger Geruch wie von den übereinander gestapelten Leichen toter Generationen. Nie war es hell, so dass ich manchmal Kerzen anzündete und sie still betrachtete, um mich zu trösten; auch schien draußen niemals die Sonne, denn die schrecklichen Bäume wuchsen weit über den höchsten zugänglichen Turm hinaus. Es gab einen einzigen schwarzen Turm, der über die Bäume hinaus in den unbekannten äußeren Himmel ragte, aber dieser war teilweise eine Ruine, und man konnte ihn nicht ersteigen, es sei denn, man hätte das schier Unmögliche vollbracht, Stein für Stein die senkrechten Wände emporzuklimmen.“

Letztlich beschließt der Außenseiter doch, seine Behausung zu verlassen und den finsteren Turm zu ersteigen. Er gelangt auf den festen Erdboden und befindet sich auf einem verlassenen Friedhof. Nach einer nächtlichen Wanderung erreicht er ein anderes Schloss, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Aus den offenen, erleuchteten Fenstern dringt ihm der fröhliche Lärm eines Festes entgegen.

Die pötzliche Erscheinung des Fremden versetzt die Festgesellschaft in panischen Schrecken, und sie ergreift in wilder Hast die Flucht. In einem Rahmen erblickt der Fremde ein dunkles Ungeheuer, das wie ein Kadaver aussieht, und erschrickt. Er taumelt und berührt das Monster an seiner Klaue, denn er hat noch nie in seinem Leben einen Spiegel gesehen …

|Mein Eindruck|

Bei keinem Zuhörer wird diese grausige Story ihre Wirkung verfehlen. Allein schon der Moment der Erkenntnis für den Fremden ist einfach purer Horror. Anfang und Stil der Geschichte erinnern an Edgar Allan Poe, bei dem ebenfalls Figuren und Erzähler vorkommen, die aus einem „uralten und dekadenten Geschlechte“ stammen. Sehr wirkungsvoll ist natürlich der Kunstgriff, die Geschichte aus der Perspektive des Phantoms – anscheinend ein auferstandener Leichnam oder ein Ghoul – zu erzählen.

Das Erscheinen des unheimlichen Gastes auf dem Fest ruft Assoziationen zu Poes klassischer Erzählung „Die Maske des roten Todes“ hervor. Bekanntlich bewunderte HPL Poe als Meister des Unheimlichen ohne Ende und eiferte ihm anfangs fleißig nach. Diese Story stammt aus dem Jahr 1926, also vom Ende der ersten zehnjährigen Schaffenszeit HPLs (die zweite dauerte von 1927 bis zu seinem Tod 1937).

Die albtraumhafte Erzählung lässt sich psychoanalytisch interpretieren, und Prof. Dirk Mosig hat dies im Sinne C. G. Jungs erfolgreich unternommen („The Four Faces of the Outsider“, in „Nyctalops“, Vol. II, 1974, S. 3-10); unter anderem regt er eine autobiografische Deutung an.

Wie auch immer man die Story auffasst: Sie gehört zu den wirkungsvollsten und am häufigsten abgedruckten Geschichten des Meisters aus Providence.

|Der Sprecher|

Zum Glück liegt der Lesung nicht die alte Übersetzung von H. C. Artmann zugrunde, sondern die moderne von Andreas Diesel und Frank Festa. So kann es gelingen, dass die unzähligen Adjektive wie unheilvoll, grausig, finster, düster, modrig usw. usf. nicht völlig veraltet daherkommen, sondern halbwegs modern. (Zudem hat Artmann nicht immer hundertprozentig werkgetreu übersetzt.)

Wie auch immer, jedenfalls klingt David Nathan an keiner Stelle wie Johnny Depp. Statt dessen relativ heller und sanfter Synchronstimme hat Nathan eine recht dunkle, tiefe Stimmlage gewählt, die besser zur der albtraumartigen Geschichte passt. Aufgrund der Struktur der Story dauert es aber eine ganze Weile, bis das Grauen ordentlich zuschlägt.

_Erzählung #5: S. P. Somtow: Summertime_

|Der Autor|

S. P. Somtow ist das Pseudonym des 1952 geborenen Thai-Schriftstellers, Komponisten und Filmemachers Somtow Papinian Sucharitkul. Unter diesem Namen schrieb er zunächst in den 80ern Science-Fiction, danach schwenkte er zu Fantasy um, die von der „Encyclopedia of Fantasy“ als „originell“ bezeichnet wird. 1984 veröffentlichte er seinen ersten Horrorroman: „Vampire Junction“, der angeblich die Splatterpunk-Bewegung vorweggenommen hat. (Fortgesetzt in „Valentine“, 1992, und „Vanitas“, 1995.) Die Story erschien unter dem Titel „Fish are Jumping, and the Cotton is High“ erstmals 1996. Andreas Diesel hat sie in Deutsche übertragen.

|Der Sprecher|

Torsten Michaelis ist der Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

|Handlung|

Der zwölfjährige Jody und sein Dad sind wie jeden Sommer unterwegs, um Fische zu fangen. Diese besondere Spezies der Fische jedoch ist weiblich und geht auf zwei Beinen, trägt meist einen Minirock und ein winziges Handtäschchen. Man kann diese Fischart ziemlich leicht erspähen, und so ist die Jagd meist erfolgreich. Jody und Dad sind Menschenfischer, zwei moderne Apostel. Im Kofferraum begleitet sie Großmutter. Ihre Gebeine liegen in einem Koffer, so dass sie es stets schön warm hat.

In dem Städtchen Sweetwater werfen Jody und Dad den Köder aus, denn die Fische sind manchmal misstrauisch und hüpfen nicht gleich an den Haken. Sobald sich der Fisch über den scheinbar verwundeten Jody beugt, braust Dad mit seinem Wagen heran und fängt die Frau mit einem Lasso ein. Sie wird verschnürt und geknebelt, in der Scheune eines verlassenen Bauernhofes findet dann das Gericht statt.

Dabei liest Jody zunächst passende Stellen aus der heiligen Schrift vor, um der Sünderin klarzumachen, worum es überhaupt geht. Durch verschiedene handgreifliche Maßnahmen bringt sein Dad dann die Sünderin dazu, Gott um Vergebung anzuflehen. Dann erlöst er sie von ihrem Dasein und führt ihren Körper seiner natürlichen Bestimmung zu. Und wieder einmal erzählt er seinem Sohn, warum sie das Menschenfischen jeden Sommer unternehmen müssten und wie alles damit anfing, dass Dad seine Mutter beim Sündigen ertappte.

Leider klappt ihre Jagdmethode immer weniger gut, je weiter Jody und Dad ihr Jagdrevier durchstreifen und je mehr Aufsehen ihr Treiben erregt. Und so stoßen sie eines Tages auf einen sehr hübschen Fisch, der leider selbst ein Köder ist …

|Mein Eindruck|

Dass das Grauen auch furchtbar viel Spaß machen kann, beweist diese herrlich makabre Geschichte, bei der einem glatt das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man nicht die richtige Art von schwarzem Humor mitbringt. Außerdem sollte man ordentlich abgebrüht sein, was die Darstellung sinnlicher Details anbelangt, und wissen, was wohl mit der „Milch der Gnade“ gemeint ist, wenn zwei Männer davon reden …

Natürlich ist „Summertime“ – der Titel verweist auf Gershwins Idylle vom amerikanischen Süden – eine waschechte Satire. Ihr Ziel ist die frömmelnde Bigotterie, mit der fundamentalistische Christen gegen die Vertreter der Sünder, hier als „Hure von Babel“ bezeichnet, zu Felde ziehen. Der Autor spielt lediglich durch, wie es wäre, wenn es nicht mehr bei Hetzreden bliebe, sondern sich einer dieser Männer nach einem einschneidenden Erlebnis (à la Ödipus mit seiner Mutter) dazu berufen fühlte, selbst zur Tat zu schreiten.

Besonders makaber: Nur wenn das Opfer um Vergebung seiner Sünden fleht, kann ihm Erlösung gewährt werden. Alles andere ist hingegen Mord. So hat es Dad seinem Sohn beigebracht. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als Jody quasi vom Glauben abfällt. Aber erst, nachdem Dad selbst den seinen schon verloren hat. Man sollte nun hoffen, dass Jody später geheilt werden kann. Aber alles, was weiblich ist und nach Fisch riecht, so beharrt seine Erinnerung, muss eine verkappte „Hure von Babel“ sein. Dieses Detail liefert denn auch noch einmal eine Pointe, die den Leser umhaut.

Wäre eigentlich nur noch die Frage zu klären, wie es kommt, dass Jody Dads leiblicher Sohn ist, wenn Dad doch alle Frauen als des Teufels betrachtet hat. Ob wohl die Gebeine von Großmutter in ihrem „Koffer“ die Antwort kennen? Ein Grund, den „Summertime Blues“ zu kriegen.

|Der Sprecher|

Torsten Michaelis vermag es ausgezeichnet, die enervierend makabre Geschichte mit völliger Aufrichtigkeit vorzutragen. Denn es ist der gläubige Jody, der sie uns erzählt. Dessen naive Einstellung spiegelt sich in seiner hellen Kinderstimme wider.

Dagegen nimmt sich die Stimme seines Dads, der schon lange auf der Fischjagd ist, viel dunkler, schleppender, unheilvoller aus. Wenn einmal ein „Fisch“ angebissen hat, so klingt auch die reichlich aus dem Häuschen geratene Lady entsprechend hoch und kreischend. (Nicht so jedoch der weibliche Köder.) Will heißen, dass der Hörer jederzeit klar unterscheiden kann, wer gerade spricht.

_Unterm Strich_

Eine „Symphonie des Grauens“ könnte man mit Murnau diese Sammlung von Horrorstorys nennen. Sie fängt ganz leise, verhalten und vielfältig (Scherzo inklusive) an, um dann auf der zweiten CD mit zwei Glanzstücken zu prunken, die in einem höchst makabren und actionreichen Finale enden. Man kann dem Hörer nur einen robusten Magen wünschen!

Besonders die zweite CD macht deshalb richtig Laune, und man möchte gleich wieder von vorne anfangen, um sich die Schmuckstückchen noch einmal in allen Details zu Gemüte zu führen. Wer jetzt noch kein Freund von Horror gewesen ist, wird es spätestens mit dieser schönen, vielseitigen Kollektion werden.

|146 Minuten auf 2 CDs|

Hamilton, Laurell K. – Bittersüße Tode (Anita Blake 1)

_Mrs. Rambo und die Nackenbeißer_

Anita Blake’s Hauptberuf wäre für manche Leute schon Abenteuer genug, denn sie arbeitet als Animator, was bedeutet, dass sie auf Aufträge hin Tote als Zombies zum Leben erweckt. Wozu das gut sein soll? Nun – zum Beispiel, um rechtliche Nachlassstreitigkeiten zu regeln oder Versöhnungsgespräche mit Toten führen zu können. Wahrlich kein langweiliger Schreibtischjob. Doch nebenbei dient Anita auch noch der örtlichen Polizei in St. Louis als sachkundige Expertin in anderweltlichen Fragen und arbeitet als Vampirjägerin, ein Feld in dem sie sich den Beinamen „The Executioner“ erarbeitet hat.
Denn die USA haben zwar diverse untote und paranormale Lebensformen als legal anerkannt, diese Kräfte jedoch unter rechtlicher Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen, dass Vampire, Werwesen, Ghoule, Zombies und andere mehr oder weniger menschliche Gestalten nicht außer Kontrolle geraten, ist für die Polizei zu einem echten Problem geworden.

So wird Anita denn auch hinzugerufen, als in St. Louis ein Mörder umgeht, der Vampire und selbst die besonders alten und mächtigen Meistervampire gnadenlos abschlachtet. Ins Jenseits befördert, wäre hier vielleicht der falsche Ausdruck. Nicht nur die Polizei heuert Anita an, sondern auch eine Gruppe um die örtliche Meistervampirin Nikolaos sichert sich durch Drohungen und Erpressungen ihre Arbeitsdienste in diesem Fall.

Die Ermittlungen führen Anita quer durch das Vampir-Vergnügungsviertel von St. Louis von der örtlichen Vampir-Strip-Bar „Guilty Pleasures“ über ein Treffen mit der Vereinigung „Menschen gegen Vampire“, ein Treffen mit dem Obervampir der „Kirche des Ewigen Lebens“ und auf eine Vampirfanparty. Schon bald glaubt Anita. einen ersten Hinweis zu haben, ihre Ermittlungen werden jedoch erschwert, als sie zwischen die Fronten eines Machtkampfes der Vampiranführerin Nikolaos mit dem Meistervampir Jean-Claude gerät.

_Autorin mit blutrotem Lippenstift_

Laurell K. Hamilton wurde in Heber Springs, Arkansas geboren, wuchs jedoch in einem kleinen Ort im Staat Indiana auf. Nach dem Tod ihrer Mutter 1969 wurde sie von ihrer Großmutter erzogen. Bereits im Alter von 13 Jahren beschloss sie nach der Lektüre von Robert E. Howards Geschichtensammlung „Pigeons from Hell“, dass sie selbst eine Autorin übersinnlicher Horrorstorys mit Fantasyelementen werden wollte. Sie hat einen Uni-Abschluss in Englisch und Biologie. Nach zahllosen Ablehnungen gelang ihr erstmals 1989 die Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in Marion Zimmer Bradley’s |Fantasy Magazine|. Ihr erster Roman „Nighseer“ erschien 1992. Danach verfasste sie einen „Ravenloft“-Roman und einen „Star Trek“-Roman, bevor sie 1993 mit „Guilty Pleasures“, dem ersten Teil der Anita-Blake-Serie, den endgültigen Durchbruch erreichte. Die Serie verkaufte sich zunehmend besser und im Jahr 2000 kam der erste Band der zweiten, unabhängigen Serie, der Merry-Gentry-Reihe über eine Feen-Prinzessin, die als Privatdetektivin in LA arbeitet, auf den Markt. Beide Serien sind noch nicht abgeschlossen.

„Guilty Pleasures“ ist der erste Band der Anita-Blake–Serie. Die genauere Auflistung samt Übersetzungstiteln (soweit vorhanden, es sind noch längst nicht alle Titel übersetzt):

1. Guilty Pleasures (dt. Bittersüße Tode)
2. The Laughing Corpse (dt. Blutroter Mond)
3. Circus of the Damned (dt. Zirkus der Verdammten)
4. The Lunatic Café
5. Bloody Bones
6. The Killing Dance
7. Burnt Offerings
8. Blue Moon
9. Obsidian Butterfly
10. Narcissus in Chains
11. Cerulean Sins
12. Incubus Dreams
13. Danse Macabre (erscheint 2006)

_Bis an die Zähne bewaffnet_

Laurell K. Hamilton gelingt das seltene Kunststück, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln. Vampirgeschichten, besonders wenn sie ins Grenzgebiet eines Genres namens |Vampire Romance| gehören, sind oft niederste Werke der Trivialliteratur. Hamilton erhebt sich hier angenehm von den billigen Plätzen und gewährt dem Vampirroman einen erstklassigen Logenplatz in der Spannungsliteratur. Dies schafft sie unter anderem dadurch, dass sie sich nur sehr selten auf die Spuren breitgetretener Klischees begibt und zudem gekonnt ihre nicht zu unterschätzenden Schreibkünste einsetzt. Zudem geizt sie wahrlich nicht mit Splattereffekten. Und obwohl das Buch durch seine mehr als nur unterschwellige erotische Stimmung durchaus zu den |Vampire Romances| gezählt werden kann, lässt sie sich beispielsweise nicht auf platte Liebesszenen ein. Weiter als ein paar – zugegebenermaßen tiefe – Küsse und Bisse kriegt der Leser in dieser Hinsicht zumindest nichts geboten, doch das reicht der Autorin, um eine schwindelerregende erotische Spannung fast durch das gesamte Werk hindurch aufrecht zu erhalten. Zudem konzentriert sie sich trotz der Knisterspannung auf den kriminalistischen Aspekt der Geschichte und die Horrorelemente und lässt die Geschichte nicht zu einer bloßen Sex-Klitsche verkommen. Der Leser will vor allem wissen, wer der Vampirmörder ist und wie Anita sich aus ihrer verfahrenen Situation herauswinden wird. Und an diesen Fragen arbeiten Anita und ihre Autorin hart und zur vollsten Zufriedenheit des Lesers.

Die Charakterisierung Anitas selbst ist sicher gelungen. Die Geschichte wird in der ersten Person aus ihrem Blickwinkel erzählt, dadurch erhält der Leser Einblick in ihre Gedanken und Ansichten. Als eine Mischung aus Stephanie Plum (mit dem weitreichenden Unterschied, dass Anita wirklich ein Profi ist, ihre Pistole nicht in der Keksdose aufbewahrt und auch stets bis an die Zähne bewaffnet durch die Lande kreuzt), Rambo und den Ghostbusters lässt sie sich von ihren zumeist überlegen erscheinenden Gegnern nicht unterkriegen und zaubert auch in der verfahrensten Situation immer noch ein Ass aus dem Ärmel. Dabei wirkt sie aber trotz ihrer Künste menschlich, mit ihren kleineren Schwächen und Fehlern. Gestört hat mich an ihr die etwas zu amerikanisch anmutende Denk- und Redeweise. Da wirken einige Sätze überzeichnet, zu „tough“, zu gekünstelt. Auch einige der zynischen Bermerkungen und Gags wiederholen sich hier ein wenig.

Ein aufwertender Aspekt des Buches ist es in meinen Augen unbedingt, dass Hamilton das Thema Untote und Vampire vielschichtig beleuchtet. So ist in Anitas Welt die Attraktivität der Kirche des Ewigen Lebens (einer Vampirkirche) nicht unlogisch damit begründet, dass die Menschen sich vor dem Tod und dem unbekannten „Danach“ fürchten. Auch wenn Anita sich fragt, was mit der Seele der Untoten, denen sie den letzten Rest gegeben hat, passiert, zeigt sich diese ambivalente Ansichtsweise. Die Vampire selbst werden ebenfalls vielfältig dargestellt: Da gibt es sowohl emotionslose Blutsauger als auch verständnisvolle Vertreter der Gattung, die in den Menschen um sie herum mehr sehen können als Blutspender. Nur so ist auch die aufregende Kombination aus Horror, Sado-Maso-Vampirismus und einer bittersüß-sinnlichen Anziehungskraft einzelner Vampire zu verstehen. Anitas Einstellung diesen Vampiren gegenüber ist ebenso gespalten. Denn obwohl sie sich nach ihrer Arbeit als Vampirjägerin immer wieder sagt, dass alle Vampire tote Monster sind, kann sie sich doch einer gewissen Anziehungskraft – insbesondere der langzahnigen Sahneschnitte Jean-Claude – nicht erwehren. Da der Leser in der Regel bereits wissen wird, dass es sich bei diesem Buch um den ersten Band einer Serie handelt, wird eine gewisse Erwartungshaltung in diese Beziehung hineingebaut, was die Folgebände betrifft.

Natürlich gibt es auch jede Menge normaler und paranormaler Nebenpersonen in der Geschichte. Leider sind einige dieser Charaktere nicht kräftig genug gezeichnet und erscheinen farblos, was durch die große Anzahl an Nebenprotagonisten noch unnötig betont wird.

Etwas vermissen muss der Leser auch einige Erklärungen zu der Welt, in der diese Geschichte spielt. Denn weder ist es eine fremde, konstruierte Welt in Fantasymanier, noch spielen die Romane in ferner Zukunft. Stattdessen könnte man von unserer Zeit und unserer Erde ausgehen, mit der Ausnahme, dass diese Alternativwelt von zahlreichen Untoten, Werwesen und anderen paranormalen Gestalten mitbewohnt wird.
Es gibt zu diesem Zeitpunkt keine richtigen Erklärungen für den Leser, welcher Umstand das Auftauchen der Untoten herbeigeführt hat und wo und wie sie vor ihren öffentlichen und legalen „Leben“ ihre Zeit verbracht haben. Und diese Zeit muss es ja gegeben haben, denn wenn die Vampirmeisterin Nikolaos mit ihren über eintausend Jahren auch ein geradezu antiker Sonderfall zu sein scheint, so sind doch einige der Langzähne schon seit hundert Jahren und mehr dem Vampirdasein verschrieben. Hierzu erhält der Leser keine Einführung, keine Erklärung und wird ohne lange Vorreden in diese Alternativwelt hineingeworfen.

Trotz einiger kleineren Kritikpunkte halte ich „Guilty Pleasures“ jedoch für einen gelungenen und vielversprechenden Einstieg in eine fesselnde Serie zwischen Horror, Sex und Crime.

|Originaltitel: „Guilty Pleasures“, Jove, 1993|

Homepage der Autorin: http://www.laurellkhamilton.org

Ludlum, Robert / Lynds, Gayle – Paris-Option, Die

Robert Ludlum sollte in Expertenkreisen eigentlich ein sehr bekannter Name sein, hat der Schriftsteller doch zu Lebzeiten die Ideen zu 27 Romanen gegeben und so die beeindruckende Anzahl von 210 Millionen verkauften Büchern erreichen können. Solche Absatzzahlen erreicht man schließlich nicht mir irgendwelchen Groschenromanen (hoffe ich zumindest).

Unter Ludlums Werken befinden sich unter anderem die Geschichten um den Profikiller Jason Bourne, der ja unlängst in Streifen wie „Die Bourne-Verschwörung“ und „Die Bourne-Identität“ zu Kinoehren gekommen ist. Weiterhin zu dieser Serie gehören übrigens auch der dritte Teil, „Das Bourne-Ultimatum“ und ein neuer Band von 2004, „The Bourne Legacy“, verfasst von Eric Van Lustbader nach Vorgaben von Ludlum.

30 Jahre lange widmete sich Ludlum seiner Karriere als Buchautor, nachdem er 1971 mit „Das Scarletti-Erbe“ sein Erstlingswerk abgeliefert hatte. Im März 2001 verstarb Robert Ludlum schließlich im Alter von 73 Jahren und hinterließ weitere Ideen zu spannenden Thrillern, die im Folgenden noch nachbearbeitet wurden, unter anderem von Gayle Lynds, der auch für die Bearbeitung der aktuellen Veröffentlichung „Die Paris-Option“ verantwortlich ist.

Dementsprechend war ich auch gespannt auf den Inhalt dieses vorerst letzten Romans, einem 600-Seiten-Thriller mit durchaus aktuellem Hintergrund, der ein Jahr nach Ludlums Tod weiterbearbeitet wurde – doch genau diese (vor allem stilistische) Überarbeitung könnte dem Buch schließlich auch zum großen Nachteil gereicht haben. Wie sich nämlich schon sehr schnell, eigentlich schon nach der ersten Lesestunde, herausstellt, ist „Die Paris-Option“ (übrigens der dritte Teil der so genannten Covert-One-Serie) nur eine recht mäßige Lektüre, die zudem inhaltlich mächtig aufgeblasen und unnötig ausgeschmückt scheint. Zusätzlich hält sich Ludlum bzw. Lynds mit übertriebenen Beschreibungen nicht zurück; wenn die Supermacht USA wirklich so toll wäre und alle Frauen Lynds‘ Körperschema erfüllten, dann wäre die Welt nämlich perfekt. Aber kommen wir erst einmal zum Inhalt, um den genauen Sachverhalt darstellen zu können:

Eine Bombenexplosion im berühmten Pariser Pasteur-Institut wird zum Schicksalsschlag für den berühmten Wissenschaftler Emile Chambord, der diesem Anschlag zum Opfer fällt. Chambord arbeitete gerade an der Entwicklung eines DNA-Computers und schien mit dieser Tätigkeit schon sehr weit fortgeschritten; sein tragischer Tod jedoch machte diesen wichtigen Forschungsschritt zunichte und zerstörte auch noch sämtliche wichtigen Unterlagen.

Doch auch weiterhin spielen sich im direkten Umfeld seltsame Dinge ab. Urplötzlich verschwinden amerikanische Kampfjets vom Radarschirm, und kurze Zeit später scheint sich zwischen diesen beiden konträren Gegebenheiten ein Zusammenhang zu entwickeln.

Covert-One-Agent Jon Smith fliegt höchstpersönlich nach Paris, um die Verbindung zwischen dem Anschlag auf das Labor des Wissenschaftlers und den Drahtziehern, die den Weltfrieden bedrohen, zu analysieren und ihnen auf die Schliche zu kommen.

Eigentlich ist die Sache schon nach kurzer Zeit klar, denn bevor Lynds im Buch den nächsten Schritt beschreibt, ist der Leser ihm in Gedanken schon wieder ein ganzes Stück voraus. Vorhersehbarkeit ist daher auch das größte Manko dieser partiell einigermaßen spannenden Geschichte. Doch auch die eben angesprochene Schwäche, dass wirklich jede kleine Maus in aller Ausführlichkeit beschrieben wird und Lynds zeitweise den Blick fürs Wesentliche verliert, schmälert die Spannung erheblich.

Was mich an „Die Paris-Option“ aber am meisten nervt, ist dieser unterschwellige politische Hintergrund. Die Weltpolizei USA wird mal wieder als der Retter des Weltfriedens angepriesen, während die übrigen Staaten nicht in der Lage sind, ihre internen Probleme zu lösen; eine Tatsache, die sich grundlegend in vielen Ludlum-Romane abspielte, hier aber überhand nimmt. Zwar wird das Böse dieses Mal von einer anderen Macht verkörpert als man das gewohnt ist, aber dieses recht dämliche Gut-gegen-Böse-Gehabe, welches sich durch den gesamten Roman zieht, wirkt auf mich vollkommen überladen.

Dasselbe gilt im Prinzip auch für die klischeehafte Darstellung des Hauptdarstellers. Jon Smith ist ein Superheld, wie er im Buche steht – im Comic-Buch. Insbesondere hier neigt Lynds zur vollkommenen Übertreibung und verliert den Boden unter den Füßen.

Schade ist dies alles, weil die Grundzüge der Story eigentlich sehr gut sind, in ihrer hier vorliegenden Darstellung aber nie echte Spannung aufkommen lassen. Hätte Lynds/Ludlum die Sache von einer anderen Seite aus angepackt, sämtliche Klischees außen vor gelassen und zudem dafür gesorgt, dass der Leser nicht bereits recht früh erahnen kann, wie die Geschichte um den Covert-One-Agenten ausgehen wird, hätte man nämlich an dieser Stelle höchstwahrscheinlich nur wenig Anlass zum Meckern gehabt. So hat Lynds nämlich im Endeffekt nicht nur seinem eigenen Ruf als Autor geschadet, sondern auch dem Namen des verstorbenen Ideengebers – den ich hier nachfolgend aber noch einmal als Ausnahmeautor hochhalten möchte.

Mehr über Robert Ludlum erfährt man unter http://www.ludlumbooks.com.

http://www.heyne.de

Winterson, Jeanette – Verlangen

Zwei Menschen wachsen in der Ära Napoleons auf und finden zueinander am unwahrscheinlichsten Ort: in den Schützengräben vor Moskau, wo die Grande Armée des Korsen lagert, hungert und friert. Doch die Lady hat ein Geheimnis, denn sie kommt aus Venedig, einer Stadt, in der fast alles möglich ist …

_Die Autorin_

Die 1959 in England geborene Jeanette Winterson wurde von einer Familie von Pfingst-Evangelisten aufgezogen. Ihre Bestimmung war es eigentlich, Missionarin zu werden. Stattdessen verließ sie ihr Zuhause, um verschiedene Tätigkeiten auszuüben, bevor sie sich für ein Englisch-Studium an der Uni Oxford einschrieb. Sie arbeitete im Theater, bevor sie ihren ersten Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ veröffentlichte, der den angesehenen Whitbread-Literaturpreis für den besten Debütroman gewann. Auch „Verlangen / The Passion“ errang eine Auszeichnung. Seither hat sie folgende Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht:

– Das Geschlecht der Kirsche
– Das Schwesteruniversum
– Das Powerbook
– Auf den Körper geschrieben
– Kunst und Lügen
– Lighthousekeeping

_Handlung_

|Teil 1: Der Kaiser|

Man schreibt das Jahr 1804. Henri, das französische Landei, hat sich den Soldaten in Napoleons Armee angeschlossen. Im Lager bei Boulogne an der Kanalküste hilft er aber meist nur in der Küche und trägt dem Feldherrn Bonaparte das Essen auf. Der General plant die Invasion Englands, doch irgendwie kommt es nicht dazu. Er ist mehr mit dem Werben um eine gewisse Josephine Beauharnais beschäftigt, als sich um die Invasionsarmee zu kümmern.

Henri verehrt den General ebenso wie seine Mutter, und als sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen – und etlicher unterworfener Länder – erklärt, sind beide völlig aus dem Häuschen. Derweil lungern die Soldaten der Invasionsarmee vor sich hin. Sie vertreiben sich die Zeit hauptsächlich mit Saufen und Herumhuren, wovon es einige drastische Szenen zu erzählen gäbe. Immerhin hält wenigstens einer ein Auge auf die Engländer: der irische Priester Patrick, der Henri eine nette Geschichte über irische Kobolde zu erzählen weiß.

|Teil 2: Die Pikdame|

Venedig im Jahre 1804. Die Lagunenstadt ist von den Franzosen besetzt, nachdem Bonaparte Oberitalien usw. erobert hat. Hier lebt die junge Frau Villanelle, die mit einem Gondoliere verheiratet ist, der sie aber verlassen hat. Ihr Geheimnis: Zwischen ihren Zehen befinden sich Schwimmhäute. So was kommt vor, sagt sie. Aber sie sagt auch: Ich erzähl euch Geschichten, vertraut mir. Ob sie wohl auf dem Wasser laufen kann? Die Bettler munkeln davon. Doch Venedig ist voller Geschichten.

Während sich die Einwohner und Besatzer im Casino vergnügen, legt sie ihnen die Karten, verkleidet als junger Mann. Eine schöne Dame zieht die Pikdame, das Symbol Venedigs und ein Zeichen des Glücks. Sie streicht dem „jungen Mann“ über die Wange, eine Leidenschaft entfachend, die zwischen Täuschung und Sehnsucht gefangen ist. Vorerst bleibt es daher bei heißen Küssen, während der Gatte der Dame auf Reisen ist. Mehr wird daraus, als die Dame erklärt, sie wisse längst, dass Villanelle kein Mann sei. Passion – Leidenschaft, das ist der Zustand zwischen Furcht und Sex, sagt Villanelle. Und verliert die Dame an deren Ehemann. Es ist der Neujahrstag 1805.

|Teil 3: Der Null-Winter|

Henri ist inzwischen in Russland angekommen, auf Bonapartes unglückseligem Winterfeldzug nach Moskau im Jahr 1812. Die russische Armee stellt sich Bonaparte nicht, sondern weicht immer weiter ins Land zurück, wobei sie die Dörfer niederbrennt, um dem Feind weder Unterkunft noch Verpflegung zu hinterlassen. Schon bald geht der Herbst in den Null-Winter über, auf den die Soldaten in keinster Weise vorbereitet sind. Sogar die Stadt Moskau, die Bonaparte demütigen wollte, um sich am Zaren zu rächen, wird von ihren eigenen Bewohnern niedergebrannt. Henri hasst den einst bewunderten Mann.

Nur Henri geht es noch einigermaßen gut, weil er in der Küche des Generals arbeitet. Doch seine Freunde Domino und Patrick haben es nicht so gut getroffen. Er beschließt zu desertieren. Domino lehnt es als Wahnsinn ab, Henri zu begleiten, doch Patrick, der irische Ex-Priester mit dem fern-sehenden Auge, hat nichts dagegen. Und zu ihrem Glück kommt noch jemand mit: Villanelle.

Wie hat es sie nur nach Moskau verschlagen? In einem Unterstand auf dem langen Fluchtweg nach Venedig erzählt sie ihnen davon. Es ist eine Geschichte in der Geschichte. Jedenfalls wurde sie in Venedig, der Stadt der Verkleidungen und Intrigen, von ihrem Ehemann, den sie bestohlen hatte, an Bonapartes General Murat verkauft, für eine stattliche Summe. Sie sollte den Offizieren jederzeit zur Verfügung stehen. Als sich die Gelegenheit bot, ihnen zu entkommen, zögerte sie nicht und schloss sich Henri an.

Der hat sich in die Schöne verliebt und würde sie am liebsten heiraten. Doch Villanelle hat wohl andere Pläne …

|Teil 4: Der Fels|

Wie jeder weiß, haben die Feinde des Korsen den abgesetzten Kaiser auf ein einsames Eiland mitten in der Wasserwüste verbannt. Henri ergeht es beinahe genauso. Nachdem er in einen Mord an dem Koch, den er im 1. Teil kennen gelernt hatte, verwickelt worden ist, hat man ihn zur Verbannung in ein Irrenhaus verurteilt. Und dieses liegt auf einer einsamen Insel in der Bucht von Venedig. Dort besuchen ihn die Geister der Vergangenheit …

_Mein Eindruck_

Der vierteilige Roman, Wintersons dritter, lässt sich sehr gut als Beispiel für Magischen Realismus beschreiben. Das Setting der Handlung ist durchweg in der Geschichte und den Ereignissen der Napoleonischen Ara festzumachen, sowohl an der Kanalküste und in Moskau als auch in den zwei Venedig-Kapiteln. Aber das phantastische Element dringt mit der geheimnisvollen Figur der Villanelle ein. Als Tochter eines Bootsführers weisen ihre Füße Schwimmhäute auf. Ob sie damit wirklich auf dem Wasser gehen kann, wie sie behauptet? Henri wird es herausfinden.

Venedig selbst ist ein magischer Ort. Die Lagunenstadt ist ein Labyrinth aus Kanälen, an deren Rändern alle möglichen Wesen leben oder besser: vegetieren. Villanelle kennt diese Wesen seit ihrer Kindheit – und auch deren persönliche Geschichten, so etwa die der uralten Frau in Lumpen, die einstmals eine reiche Gräfin war. Aufstieg und Fall liegen ebenso eng beieinander wie Wahrheit und Täuschung. Nicht umsonst feiert man hier regelmäßig Karneval und treibt allerlei Mummenschanz. Im Kasino, in dem Villanelle als Wahrsagerin arbeitet, liegen Vergnügen und Unglück eng beieinander. Karten wie die Pik-Dame, das Symbol Venedigs, verheißen Glück – auch in der Liebe.

|Passion: Leidenschaft, Leidensgesichte|

Deshalb ist der Roman auch eine wunderschöne Variation auf das Motiv der Liebesgeschichte. Liebe, Passion – was in der Übersetzung nicht ganz korrekt mit „Verlangen“ gleichgesetzt wird – und natürlich damit einhergehenden Obsessionen. Passion, also Leidenschaft, das sei der Zustand zwischen Furcht und Sex, weiß Villanelle. Und sie könne leicht in Obsession umschlagen, wenn diese Liebe enttäuscht werde. Das ist der Fall mit Henris Liebe zu Napoleon, der seine große Armee in den Untergang geschickt hat.

Wie sieht das Endstadium der Obsession aus? Henri entzieht sich ihr in einem Irrenhaus, mit den Geistern der Vergangenheit und einer fernen Villanelle, die ab und zu mit ihrer ebenso rothaarigen Tochter, Henris Kind, vorbeirudert. Denn „Passion“ bedeutet im Englischen auch „Leidensgeschichte“. Und wenn man genau hinsieht, geht es nicht um irgendeine „passion“, sondern um „The passion“, eine ganz bestimmte Leidenschaft und Leidensgeschichte. Diese muss jeder Leser im Buch für sich selbst suchen. Denn die „Passion Christi“ wird wohl kaum gemeint sein.

|Die Poesie der Sprache|

Das hervorstechendste Merkmal des Romans ist seine poetische Sprache. Dass hier auch reale Ereignisse auf realistische Weise geschildert werden, ist eher die Ausnahme. Vielmehr entstehen durch die Sprache die Gedanken und Empfindungen der Figuren vor unserem Bewusstsein und lassen einen psychologischen Kosmos zu Leben erwachen, der für diese Figur, Zeit und Epoche einzigartig und unwiederholbar ist.

Die Wirklichkeit ist dadurch viel tiefer beschrieben und erfahrbar als in einem durchweg „realistischen“ Roman. Symbole wie die Pikdame können eine große Bedeutung annehmen und Menschen zu Handlungen veranlassen, die sie sonst unterlassen hätten. Die geschilderte Wirklichkeit kann den Boden der Empirie verlassen: Wer hat schon mal jemanden auf dem Wasser gehen sehen? Oder jemanden mit Schwimmhäuten an den Füßen?

Wenn aber in dieser Welt seltsame und ungewöhnliche Dinge möglich sind, so sind auch Orte und Zeiten mit weitaus mehr Potenzial aufgeladen. Dies gilt insbesondere für Venedig. Es ist eine Welt für sich. Aber Villanelle findet sich in seinen Labyrinthen zurecht, weil sie einer anderen Art von Landkarte folgt, wenn sie die Kanäle befährt. Diese Landkarte ist verinnerlicht und Teil ihres Selbst und so ist auch die Stadt Teil von ihr – und umgekehrt. Als Henri erstmals in Venedig ausgeht, verirrt er sich sofort hoffnungslos. Er ist der Außenseiter.

|Beispiel: Das verlorene Herz|

Villanelle hat ihr Herz verloren. Es muss irgendwo in der Stadt sein, in einem bestimmten Palazzo, und Henri soll es holen. Er hat es ihr versprochen, als er sie in Moskau kennen lernte. Was nun passiert, ist die realistische Darstellung eines symbolischen Vorgangs. Henri findet tatsächlich das Herz, sicher verwahrt in einem Krug, und bringt es seiner Liebsten zurück, die es sich einverleibt. Und ja: Vorher konnte er keinen Herzschlag feststellen, jetzt aber schon. Ist es nicht wundervoll!

In der Tat ist das ebenso wundervoll wie magisch-poetisch. Aber andere Leute wie etwa Schurken haben auch ein Herz, noch dazu ein schwarzes, wie Henri alsbald feststellen muss … Die Autorin schrammt hier hart an der Allegorie vorbei, bleibt aber noch in den weiten Gewässern des Symbolismus. Die Welt ist so viel reicher und schöner, wenn sie tiefer und höher ist als die realistisch wahrgenommene Welt.

_Die Übersetzung_

Mal von dem völlig unpassenden Titelbild abgesehen, so fand ich auch die Übersetzung nicht überzeugend. Über Entsprechungen wie passion = Verlangen kann man sich des Langen und Breiten streiten. Aber wenn Zeilen und Absatzabstände fehlen, hört der Spaß auf.

Gleich am Anfang, auf Seite 17, fehlt ein Satz: „I dropped down beside her.“ Klingt nicht nach viel, aber was, wenn das nicht die einzige Auslassung ist?

Was auf Seite 209 gemacht wurde, ist hingegen viel ärgerlicher für den Leser. Weil an keiner Stelle von einem Über-Erzähler gesagt wird, wer gerade spricht, in Teil 4 aber sowohl Villanelle als auch Henri in der Ich-Form sprechen, ist es umso wichtiger für den Leser, feststellen zu können, wo ein Abschnitt aufhört und ein anderer anfängt. Und genau an der wichtigsten Stelle, nämlich dem Wechsel der Sprecher, fehlt eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen.

Die Wirkung: Der Leser meint, er habe es noch mit dem gleichen Sprecher zu tun, gerät aber zunehmends in Verwirrung, weil dieser nun Dinge äußert, die einem ganz anderen Sprecher zuzuordnen wäre. Der Leser wird sich sehr schwer tun, genau diejenige Stelle zu finden, an der der Sprecher wechselt. Die Folge sind Frust und Ärger. Hier hilft nur, sich daran zu erinnern, dass es wahrscheinlich nicht Villanelle, sondern Henri ist, der ein französisches Zitat anführt: „Apres moi, le déluge“ (nach mir die Sintflut).

_Unterm Strich_

Dies ist ein Roman, den man am besten im Original liest. Denn das Wichtigste an seiner Wirkung wird nur durch die besondere Sprache hervorgerufen, ein Element, das in der deutschen Übersetzung nur unzureichend wiedergegeben wurde (und dazu noch mit den oben genannten Fehlern). Die Sprache errichtet einen Kosmos des Erlebens und der Bedeutungsschichten, zwar nur mit kurzen Sätzen und relativ kurzen Abschnitten, doch ihre Wirkung ist hypnotisch im poetischen Gebrauch der Wörter.

Wer versucht, den Roman als Unterhaltung zu lesen, wird schon nach wenigen Seiten scheitern. Denn jeder einzelne Satz will beachtet und ausgekostet sein, ebenso wie die Zeilen eines Gedichts. Und wie sollte dies ergiebiger sein als mit dem Original? In der Übersetzung geht der Übersetzer immer Kompromisse ein, die Möglichkeiten der Bedeutung ausschließen.

Die Handlung könnte sicherlich spannender erzählt werden, doch darum geht es der Autorin nicht. Sie ist stärker daran interessiert, eine Spannung aus dem Meer der Möglichkeiten, die sich aus der Psychologie der beiden Hauptfiguren ergeben, zu generieren. Welche Entscheidungen treffen die beiden? Wohin wird es sie verschlagen, und werden sie dort eine Zukunft haben oder nicht?

Die dritte Hauptfigur ist natürlich der große Korse. Nur vor seinem übermächtigen Schatten als Folie und Kulisse ist das Schicksal von Henri und Villanelle aufführbar. Dies wird wiederholt so gegenübergestellt: Wo der Korse gerade Linien und klare Gesetze durchsetzen will, dort steht ihm in Venedig das genaue Gegenteil entgegen. Venedig ist die Welt der Magie und Poesie: eine „lebendige Stadt“, keine Planung auf dem Reißbrett. Venedig ist auch die Stadt, wo sich lesbische Liebe realisieren lässt, während in Paris nur eine kühle Ehe zwischen Napoleon und Josephine herrscht – und in der Armee nur Hurerei. Während wir uns in den letzten Jahren mit Planermegacities wie Paris oder Berlin abfinden mussten, sehnen wir uns wieder zum kreativen Mikrokosmos à la Venedig zurück.

Ist der Roman also eine rückwärts gewandte Utopie, in der sich die Autorin, eine bekennende Lesbierin, eine Idealwelt zusammenträumte? Das Buch ist nach dem Gesagten eine Um- und Neubewertung nicht nur des Anfangs der Moderne, die mit dem Korsen begann, sondern auch eine Standortbestimmung der Gegenwart, erblickt durch einen Spiegel aus der Vergangenheit. Der Spiegel besteht vor allem aus dem sprachlichen Kosmos, den die Autorin erbaut. Und das ist eine fabelhafte Leistung, ermöglicht durch magischen Realismus.

|Originaltitel: The Passion, 1987
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Runge|

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus)

Wieder erzählt Ursula Le Guin eine Geschichte aus ihrem „Hainish“-Universum, dem Universum der Liga, die hier Ökumene¹ heißt. Die junge Terranerin Sutty arbeitet als Beobachterin der Ökumene auf Aka, einem Planeten, der zweiundsiebzig Jahre vor der erzählten Zeit zum ersten Mal angeflogen wurde – von einem terranischen Schiff. Die Umstände des Besuches bleiben lange im Dunklen, aber die Folgen liegen sofort klar vor Augen: Die Körperschaft (die herrschende Beamtenschicht Akas) propagiert den rückhaltlosen Fortschritt, macht aus der Wissenschaft eine Quasireligion und aus der Mitgliedschaft in der Ökumene das Paradies; andererseits dürfen sich nur vier Fremdweltler auf Aka aufhalten, noch dazu in ihrer Bewegungs- und Informationsfreiheit sehr eingeschränkt.

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus) weiterlesen

Sterling, Cheryl – What Do You Say to a Naked Elf?

Jane hält sich für eine typische amerikanische Mittzwanzigerin: Jüngstes von fünf Kindern, Single, tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und abends verkauft sie auf selbstorganisierten „Tupperpartys“ essbare Unterwäsche und ähnliches Erotikspielzeug. Nach einer dieser Partys gerät ihr auf dem Heimweg auf einer verlassenen Landstraße ein Kaninchen unter die Autoräder und sie verursacht einen Unfall, bei dem ihr Fahrzeug in Flammen aufgeht. Die fünf grazil gebauten Herren in merkwürdiger Kleidung, die ihr helfen, ihre kostbare Erotik-Ladung aus dem Kofferraum zu retten, kommen ihr gerade recht. Als sie ihnen jedoch folgt und sich in einer anderen Welt wiederfindet, ahnt sie, dass das Schicksal ihr einen mehr als üblichen Streich spielt. Ihr Hauptbegleiter ist Charlie, seines Zeichens halb Elf und halb „Fairy“ – was sowohl seine Ähnlichkeit mit Legolas, seine spitz zulaufenden Spock-Ohren als auch seine Flügel erklären sollte. Doch nicht genug der Dinge, muss Jane doch erkennen, dass Charlie zu ihrem Anwalt erkoren wurde – denn der überfahrene Hase war ein gestaltwandelnder Elf und sie findet sich auf der Mordanklagebank wieder. So weit – so schlecht. Doch dann entwickelt Jane plötzlich magische Kräfte und eine entschiedene Fetischvorliebe für Sex mit geflügelten Männern und übernimmt die Organisation der örtlichen sexuellen Befreiungsfront.

Klingt das nach einer Story, die einem Fantasy-Autor während eines schlechten Trips eingefallen ist? Möglich. Im Grunde möchte das Buch sich jedoch in die Reihe der |Fantasy Romance| einreihen. Fantasy vermutlich, weil Elfen, Zwerge, Zauberer etc. vorkommen, sowie ein „Portal“ zwischen den Welten. Romance – vielleicht, weil es im Grunde keine vernünftige Story gibt und das Ganze wirkt wie ein paar zusammengewürfelte Fantasy-Elemente, die sich um ziemlich detaillierte und penetrante Liebesszenen zwischen Jane und dem Elfenmann Charlie gruppieren.

Geschichten, in denen die Heldin oder der Held plötzlich und unerwartet entdecken, dass sie Erbin des Königsthrons sind, sind im Grunde flach, haarsträubend und idiotisch genug. Wenn dies gleich beiden Hauptcharakteren passiert (mit zwei verschiedenen Thronen wohlgemerkt), dann fällt mir dazu vor lauter Plattheit der Autorin eigentlich kein Kommentar mehr ein.

Nehmen wir die Charakterisierungen der Protagonisten und auch der diversen Nebenfiguren, so finden sich stets nur noch weitere Klischees. Im Grunde wirkt das alles sehr nach amerikanischen Vorabendserien. Jane, unsere zunächst so simple menschliche Heldin ist Vertreterin einer Spezies, die in amerikanischen Liebesromanen stets die Hauptrolle zu spielen scheint. Hübsch, Mitte zwanzig, Single, chaotisch, selbstbewusst bis zum Grad der kompletten Selbstüberschätzung und rückhaltlos vorlaut. Sie reißt einen vermeintlichen Gag nach dem nächsten – schade nur, dass keiner davon wirklich lustig ist. Im Zuge der Geschichte mausert sie sich dann zu Superwoman in Elfenland, entwickelt magische Fähigkeiten, entdeckt ihr königliches Blut, wird schwanger, verliebt sich haltlos in anderes königliches Blut etc. etc. Gähn. Ihre für mich hervorstechendste Eigenschaft ist eigentlich ihre absolute Nervigkeit. Sie redet zu viel – vor allem zu viel Schwachsinn, handelt völlig jenseits menschlicher Vernunft und stets außerhalb der Linien des guten Geschmacks. Sie nervt bis über die Kopfschmerzgrenze hinaus. Und sie ist rundum unsympathisch.
Charlie ist ein Legolas-look-a-like. Das ist dann aber auch schon sein einziger Pluspunkt. Er ist ansonsten ein ziemlich langweiliger Charakter, ein typischer Jurist, nur mit Spitzohren und Flügeln, der im Laufe des Buches zu Janes Lebensretter mutiert. Obwohl er der zweite Hauptprotagonist des Buches ist, ist sein Charakter nur unvollständig skizziert. Wir erfahren zwar einiges über seine Vorgeschichte, aber er selbst bleibt eine unbekannte Größe. Es gibt daher beim besten Willen nicht mehr über ihn zu sagen.
Auch die anderen Charaktere sind völlig oberflächlich gezeichnet und haben zum größten Teil nur darauf gewartet, von Jane aus ihrem bislang stumpfsinnigen Elfendasein gerettet zu werden.

Die beiden Hauptcharaktere, Jane und Charlie, werden von der Autorin in ausführlich beschriebenen, völlig überzeichneten Liebesszenen zusammengeworfen – mal wird Jane von Charlie stehend gegen die Tür genommen, dass das ganze Elfenland in dem gemeinsamen Orgasmus erzittert, bis hin zu wollüstig-kitschigen „Ich-liebe-dich-liebst-du-mich-auch“-Szenen an magischen Teichen. Das Ende des Buchs ist die Mutter aller Klischees mit Heirat, Babys und allem drum und dran. Interessantere Geschichten, weniger stereotype Charaktere und weniger offensichtliche Handlungsverläufe findet man selbst in den Sammlungen der Gebrüder Grimm.

Die Sprache des Buches ist der Handlung entsprechend sehr einfach gehalten, sämtliche Wortneuschöpfungen sind erklärt oder ergeben sich aus dem Zusammenhang. Die Sätze sind kurz und einfach gehalten. Selbst für Anfänger im Originalelesen sollte dieses Werk keine besondere Herausforderung darstellen. Eine Übersetzung gibt es bislang nicht.

„What do you say to a naked elf?“ ist Cheryl Sterlings erster veröffentlichter Roman. Zuvor hat Cheryl Sterling, eine ausgebildete Informatikerin aus dem amerikanischen Staat Michigan, verheiratet und Mutter zweier Kinder im Teenager-Alter, Geschichten geschrieben, die in der Gegenwart spielen, die jedoch bislang unveröffentlicht geblieben sind.

Alles in allem ist dies das schlechteste Buch, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe. Weder beherrscht die Autorin die Kunst, den Leser zu fesseln, noch hat sie überhaupt eine richtige Geschichte zu erzählen. Aufgrund der graphischen Erotikszenen ohne verbindende Handlung werte ich das Buch als „Porno mit Elfen“. Der absolut einzige Lichtblick ist der marketingorientierte, originelle Titel, auf den ich hier dann auch komplett hereingefallen bin.

Homepage der Autorin: http://www.cherylsterlingbooks.com

Dan Brown – Diabolus

Dan Browns Kirchen-Thriller „Illuminati“ und „Sakrileg“ platzieren sich beständig an der Spitze internationaler Bestsellerlisten. Die immense Popularität dieser Romane zeigt sich auch in der für 2006 mit internationalen Stars wie Tom Hanks, Jean Reno und Audrey Tautou geplanten Verfilmung von „Sakrileg“. Bis zum Erscheinen seines nächsten Buches, Thema sind diesmal die Freimaurer, dürfte noch einige Zeit vergehen. Brown selbst gibt an, er wäre noch nicht weit genug fortgeschritten, um einen Termin nennen zu können.

Grund genug für den |Lübbe|-Verlag, Browns damals nur mäßig erfolgreiches Erstlingswerk „Digital Fortress“ unter dem deutschen Titel „Diabolus“ auf den Markt zu bringen.

_Wer überwacht die Wächter?_

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Isaac Asimov – Die Rückkehr zur Erde (Foundation-Zyklus 10)

Golan Trevize wurde von Gaia, dem komplexen Planetenorganismus mit starken mentalistischen Fähigkeiten, dazu ausersehen, das Schicksal der Galaxis zu bestimmen. Gaia erkannte in Trevize die Fähigkeit, ohne ausreichende Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, was ihn geradezu prädestiniert, intuitiv zwischen den verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden: Dem zweiten Imperium nach Vorstellung der Foundation oder der zweiten Foundation, die im Hintergrund die Fäden ziehen würde, oder einem galaxisweiten Superorganismus nach Gaias Vorbild, ein Galaxia, ein allumfassendes Wesen, in dem der Mensch als Individuum keine Rolle mehr spielen wird, sondern jedes Wesen Teil des Ganzen wäre.

Trevize entschied sich für Galaxia, doch vertraut er selbst nicht auf seine von Gaia erkannte Fähigkeit, sondern will wahrhaftig wissen, warum er sich so und nicht anders entschied, da ihm persönlich die Vorstellung, alle Individualität aufgeben zu müssen, nicht erstrebenswert erscheint. Doch mit der gleichen Intuition, die ihn zu dieser Entscheidung trieb, weiß er, dass er die Gewissheit nur auf der Erde, dem vergessenen Ursprungsplaneten der Menschheit, erhalten wird. Also setzt er seine Suche nach der Erde mit dem gravitischen Raumschiff der ersten Foundation fort, begleitet weiterhin von Dr. Pelorat, dem Mythologen und Historiker, und Wonne, einem menschlichen Teil Gaias, die mit ihren durch Gaia vermittelten Fähigkeiten für Trevizes Sicherheit sorgen soll. Da sie immer mit Gaia in Verbindung steht, erfährt Gaia gleichzeitig den Fortschritt der Suche.

Trevize ist der Überzeugung, irgendwo in den gigantischen Bibliotheken der galaktischen Menschheit müssten sich Hinweise auf die Erde finden, da fast jeder Planet mit Mythen und Legenden um diese Welt aufwarten kann. Durch Gendibal, den Sprecher der zweiten Foundation, erfuhr er, dass selbst auf der Hauptwelt des ersten Imperiums alle Informationen über die Erde entfernt wurden, und das unter den Augen der Mentalisten von der zweiten Foundation, was auf eine größere Macht hindeutet. Die Hinweise der Mythen über die Erde, die in allerlei Variationen von einer unerreichbaren, radioaktiven Erde erzählen, überzeugen den ehemaligen Ratsherr Trevize endgültig: Jemand oder etwas von der Erde versucht, ihre Existenz zu verheimlichen – mit mächtigen Mitteln.

Nur auf den verbotenen Welten der ersten Siedlungswelle, den fünfzig Planeten der so genannten Spacers, finden sich vergessene oder übersehene Informationen, die Trevize und seinen Begleitern einen mühseligen Weg in Richtung Erde zeigen. Unterstützt durch den fortschrittlichen Computer des Raumschiffs scheint das Ziel endlich erreichbar zu sein …

Mit dem vorliegenden Roman bringt Asimov seinen Zyklus um die Foundation zu einem fulminanten Abschluss. Schon im vorhergehenden Band „Die Suche nach der Erde“ versuchte er einen Ringschluss mit einigen seiner früheren Werke, indem er die bisher im Foundation-Universum gänzlich fehlenden Roboter behutsam erwähnte. Diese Maschinenintelligenzen und eine großartig angelegte Geschichte der galaktischen Menschheit bilden einen wichtigen Punkt im Hintergrund des Abschlussromans. Mit den zwei Siedlungswellen der Spacers und Settlers wirft er einen Blick zurück und bindet weitere Ideen in das Universum ein, wie auch die Ansatzpunkte der Stahlhöhlen (hier noch in Mythen und Legenden verankert) oder die Radioaktivität der Erde. Auch der Lenker im Hintergrund, der Überroboter Daneel Olivav, stellt eine Anekdote der Vergangenheit und ein Verbindungsglied zu früheren Werken dar, so dass Asimov tatsächlich ein geschlossenes Werk seiner Eroberung des Weltraums schafft.

Asimov ist bekannt für sein Bestreben, jede Geschichte in absoluter Logik zu entwickeln. In Golan Trevize fand er einen herrlich passenden Protagonisten für diese seine Leidenschaft, über ihn konnte er die verschiedenen losen Enden des großen Zyklus’ verknüpfen und die angelegten Rätsel befriedigend entwirren. Obwohl Trevize dadurch manchmal wie ein Übermensch oder antiker Held wirkt, ist er nicht ohne menschliche Schwächen und dadurch durchaus sympathisch. Vielleicht merkte Asimov erst nach dem Ende des Vorgängerromans, welche Probleme ein Galaxia für die Individualität bedeuten würde, vielleicht war aber die Lösung durch die Rückkehr bereits geplant. Jedenfalls greift er genau diesen Punkt mit den ersten Worten des Romans auf und widmet die Geschichte einer befriedigenden Lösung. Ob die Lösung, die er ansteuerte, wirklich befriedigend ist, mag jeder für sich entscheiden, logisch ist sie allemal.

Mit dem 0. Gesetz der Robotik schiebt Asimov einen Punkt nach, der einige Probleme in der Robotpsychologie hervorruft oder auch eindeutiger löst. Hier hätte seine Psychologin Susan Calvin sicherlich ihre Freude gehabt: Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass ihr Schaden widerfährt. Die drei anderen Gesetze müssen entsprechend abgestuft werden. Ist das wirklich wünschenswert? Mit diesem Gesetz, das die Roboter selbst entwickelten, können sie sich zur Unabhängigkeit von einzelnen Menschen entwickeln, je nach Auslegung. Daneel geht sogar so weit, sein Jahrtausende altes Gehirn mit dem eines Menschen zu verschmelzen, der unabhängig von den Robotergesetzen ist, um eben diese Gesetze umgehen zu können (natürlich zum Wohl der ganzen Menschheit!).

Gaia ist eine durch Roboter entwickelte Entität, das Ausbreiten dieses Wesens auf die Galaxis würde auch durch Roboter gefördert werden. Demnach wäre Galaxia eine künstliche Entwicklung nach Vorstellung der Roboter, die für die Sicherheit der Menschheit handeln und dabei die Individualität des Einzelnen hintanstellen. Trotzdem hat sich Trevize für diese Variante entschieden, und in diesem Buch gibt Asimov Antwort, warum.

Ganz in Asimovs typischem Stil gehalten, dominieren lange Dialoge den Roman. Mag er manchem Leser anstrengend oder gestelzt erscheinen, fasziniert mich diese Art der Erzählung und bietet mir Asimovs Gedanken und Ideen in Form wunderbarer Unterhaltung dar, die spannender nicht sein könnte. Die Geschichte um die Foundation kommt endgültig zu einem Abschluss, und mit den Anspielungen auf frühere Werke (die hinten im Buch als erweiterter Foundation-Zyklus aufgelistet sind) macht Asimov Lust auf mehr. Wer eintauchen möchte in die Welt der Psychohistorik und asimovschen Erzählweise, dem möchte ich die Foundation wirklich ans Herz legen. Allerdings muss erwähnt werden, dass „Die Rückkehr zur Erde“ nicht für sich allein steht, sondern den direkten Anschluss an „Die Suche nach der Erde“ bildet. Empfehlenswert ist der Einstieg mit der Foundation-Trilogie oder nach Asimovs Zusammenstellung mit dem Sammelband „Meine Freunde, die Roboter“.

Isaac Asimov ist einer der bekanntesten, erfolgreichsten und besten Science-Fiction-Schriftsteller, die je gelebt haben. Neben ihm werden oft Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke genannt. Asimov wurde 1920 in der Sowjetunion geboren und wanderte 1923 mit seinen Eltern nach New York aus. Seine erste Story erschien 1939. Zwischenzeitlich arbeitete er als Chemie-Professor in den USA, er schrieb neben seinen weltbekannten Romanen auch zahlreiche Sachbücher. 1992 verstarb er.

Zum Foundation-Zyklus

Meine Freunde, die Roboter
Die Stahlhöhlen
Der Aufbruch zu den Sternen
Das galaktische Imperium
Die frühe Foundation-Trilogie
Die Rettung des Imperiums
Das Foundation-Projekt
Die Foundation-Trilogie
Die Suche nach der Erde
Die Rückkehr zur Erde

Roché, Henri-Pierre – Jules und Jim

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …

|Der Autor|

Henri-Pierre Roché, 1879-1959, war jahrelang Berater und Agent in der Pariser Kunstszene, später Kritiker, Übersetzer und Schriftsteller. In seinem 1953 erschienenen Roman „Jules et Jim“ verarbeitet er seine Freundschaft zu dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel. Beide lieben ein Leben lang im Wechsel dieselbe Frau: die Malerin Helen Grund, spätere Hessel.

|Die Sprecherin|

Eva Mattes spielte an allen großen Bühnen Deutschlands und war in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum. Filmfreunden ist sie vor allem als eine der Lieblingsschauspielerinnen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung, sie spielte aber auch neben Klaus Kinski in Büchners „Woyzeck“ (Wim Wenders). Für |Hörbuch Hamburg| hat sie u. a. das Nixenmärchen „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué gelesen.

Das Titelbild zeigt das Trio Jules, Jim und Kathe in einer Szene des Films, die am Strand spielt.

|Hinweis|

Es ist anfangs ein wenig verwirrend, dass der Franzose Jim einen englischen Namen trägt und der Deutsche Jules einen französischen. Man kann nur annehmen, dass der Autor nicht wollte, dass der Leser die beiden Männer automatisch einem bestimmten Land zuordnet, nur weil sie einen entsprechenden Namen tragen. Sie könnten auch ganz andere Namen tragen. Kathe hingegen ist weder ein deutscher noch ein französischer oder englischer Name, hat aber Anklänge an die Namen Käthe und Katharina bzw. Catherine.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1907, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Weltkrieg ist noch weit entfernt. Jim stammt aus Paris und nimmt seinen zu Besuch weilenden Freund Jules auf einen Ball mit, denn Jules braucht hier ein Mädchen. Er hat zwar schon drei in München, woher er stammt, doch warum soll er in der Fremde einsam sein? Die beiden Freunde schreiben Gedichte und übersetzen aus der Sprache des jeweils anderen.

Als Jim den Besuch erwidert, werden die Schönheitsideale der beiden ebenso klar wie ihre charakterlichen Eigenschaften. Jules ist geduldig, aber nicht so fordernd wie Jim, und macht gerne den Spielleiter, allerdings fehlt ihm eine gewisse Festigkeit in seinen Entschlüssen. In Jims Augen ist Luzie eine „gotische Schönheit“, der die Strenge einer Äbtissin eignet.

Gertrud hingegen reißt gern Bäume aus, ist eine ledige Mutter (skandalös für die damalige Zeit), ein verbannter Freigeist und eine „griechische Schönheit“. Lina, Jules‘ Freundin Nr. 3, findet keineswegs Jims Interesse und scheidet sozusagen aus dem Spiel aus. Da wir die Geschehnisse aus Jims Sicht (auch der Autor ist Franzose) betrachten, erkennen wir schnell seine Eigenschaften: Er ist kein Kostverächter, sondern weiß zuzupacken. Allerdings ist die Freundschaft zu Jules für ihn sehr wertvoll.

|Prototyp|

Luzie, Jules und Jim – dieses Dreieck ist bereits eine Vorform dessen, was später folgen soll. Es bestehen keinerlei Geheimnisse zwischen den dreien, und das ist das Wichtigste für diese Art von Liebesfreundschaft. Luzie lehnt Jules‘ Heiratsantrag ab, meint aber, zu dritt wären sie ideal für sie. Es folgen philosophische Ausführungen über Relativität und Absolutheit, die für eine „ménage à trois“ relevant sind.

|Prägung|

Eine weitere Vorstufe für das, was kommen soll, ist die Griechenlandreise. Gemeinsam besuchen Jules und Jim die antiken Stätten und ziehen durch die Bars von Athen, wo sie die Schönheiten mit Gertrud und Luzie vergleichen. Als penetrant dogmatischer Führer schließt sich ihnen der rassistische Albert an, der später noch vielfach auftauchen wird, denn er wird von Kathe als Waffe gegen Jules & Jim benutzt. In Delphi haben Jules & Jim ein Aha-Erlebnis: Sie bewundern eine antike griechische Statue. Das Lächeln der Frau zieht sie in ihren Bann: Es ist göttlich, bezaubernd, aber auch ein wenig kalt und gnadenlos.

|Kathe|

Daher sind sie quasi wie vom Blitz getroffen, als sie unter den vier Berlinerinnen, die sie in Paris besuchen kommen, eine Frau entdecken, die exakt das gleiche Lächeln aufweist wie jene Statue. Es ist Kathe. Am Nationalfeiertag verkleidet sich die junge Frau als Junge, den alle Thomas nennen müssen. „Sein“ Lächeln ist schön und grausam zugleich in seiner Unschuld. Die Pariser lassen sich von der Verkleidung nicht lange narren.

Jules verliebt sich in die blonde „germanische Schönheit“, die sowohl ihn als auch Jim um den kleinen Finger wickelt. Als Jim erfährt, dass sein Freund Kathe heiraten will, hat er Bedenken. Jim kennt sich mit Frauen aus, denn er hat – nach zahllosen Affären, versteht sich – selbst eine heimliche Geliebte in Paris. Nach der Hochzeit kommt es zu einer Krise, als Kathe ohne ersichtlichen Grund in die Seine springt und Probleme mit dem Schwimmen zu haben scheint.

Doch es ist nicht der sonst so autoritäre Jules, der ins Wasser springt und sie rettet, sondern sein Freund Jim. Während Jules geknickt ist, verschwindet Jim, bevor sich ihm Kathe an den Hals werfen kann. Sie triumphiert wie ein siegreicher General. Wieder einmal hat sie ihre Eigenständigkeit behauptet, einfach indem sie den einen gegen den anderen ausgespielt hat. Und wo dies nicht geht, holt sie sich andere Liebhaber ins Bett (nicht ins eheliche, versteht sich), so etwa den erwähnten Albert und andere.

|Nach dem Krieg|

Der Krieg vergeht ebenso wie weitere Jahre, und die drei Liebhaberfreunde sehen sich wieder. Doch das Gleichgewicht im Dreieck verschiebt sich permanent, und so sind die Freuden stets auch mit Leid vermischt. Jim trägt’s philosophisch und erntet die Früchte, die Kathe ihm gewährt, wohingegen Jules sich zu einem duldenden Benediktinermönch entwickelt, der in seiner literarischen Arbeit aufgeht.

|Lebenstaumel|

Doch mit dem fortschreitenden Alter entwickelt Kathe zunehmend Gedanken an Selbstmord. Denn der „Lebenstaumel“, der ihr Lebenselixier ist, lässt sich nun nicht mehr so einfach durch risikoreiche Spiele erringen. Bücher wie Kleists „Penthesilea“ und Goethes „Wahlverwandschaften“ gaben früher Jim Hinweise auf Kathes Interessen.

Aber auf den Reisen an den Atlantik, nach Paris und Venedig erweist sich Kathe als zunehmend abwesend, wenn auch nicht abweisend. Sie hat etwas vor. Jim ahnt, dass es etwas Drastisches sein wird, denn das war schon immer Kathes Art, sich ihr Lebendigsein zu bestätigen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

_Mein Eindruck_

Wenn man Truffauts Film gesehen und sich über die jungen Schauspieler gefreut hat, ist man etwas erstaunt darüber, dass die Dreiecksgeschichte zwischen Jules, Jim und Kathe sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Figuren wirken aber auch am Schluss keineswegs alt, sondern so dynamisch wie am Anfang. Das liegt natürlich an Kathe, die sich immerzu bestätigen muss, dass sie eine lebendige Frau ist und sich dazu allerlei Eskapaden leistet.

Es liegt aber auch daran, dass die Außenwelt lediglich in einer Art Chiffren vorkommt, quasi als Kulisse für das Beziehungsgeflecht des Trios. Nur am Rande erfährt man also, dass ein Weltkrieg stattgefunden hat und dass es in Deutschland eine Hyperinflation gibt. Der Eindruck entsteht, dass die ménage à trois der einzige Kosmos ist, der zählt. (Dieser Eindruck mag im Buch ein anderer sein, denn es ist anzunehmen, dass der Text so gekürzt wurde, dass sich die Geschichte auf das Trio konzentriert.) Doch das Trio muss sich an einer Stelle mit der Bürokratie herumschlagen, ob es will oder nicht. Bürgerliche Beziehungen werden eben anders geregelt, meistens schwarz auf weiß.

|Anschaulich|

Weil sich der Text auf die Handlungen konzentriert, ist der Stil anschaulich wie ein Kinofilm und wir folgen den Aktionen der Figuren mit Interesse, ohne dass langweilige Erklärungen die Szene stören würden. Nur selten erfahren wir daher – meist von Jim -, wie sich Jules und Kathe in ihren jeweiligen bürgerlichen Existenzen entwickeln. Aber auch philosophische Betrachtungen über das Wesen einer bzw. dieser ménage à trois sind sehr selten; zumindest kann ich mich an kaum eine erinnern. Wenn jemand reflektiert, dann ist dies in der Regel Jim, unser Mann vor Ort. (Es ist ein französischer Roman für französische Leser, und Jim ist eben Franzose.) Seine Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern stellen a) die Chronik der Ereignisse dar und b) sind sie Teil der Interaktion im Trio.

|Unmoralisch? Nie im Leben!|

An keiner einzigen Stelle kommt Jim die Idee, dass die ménage à trois etwas Unmoralisches sein könnte. Warum auch? Das Buch selbst ist ja das Manifest des Autors, dass er solche Beziehugnen nicht als unmoralisch, sondern lediglich als schwierig aufrechtzuerhalten ansieht. Die Probleme liegen nicht auf der moralischen, sondern auf der psychologischen Ebene. Für die Zeitgenossen lag die Herausforderung wohl eher in der Vorstellung, dass nicht nur Männer mehrere Geliebte haben können, sondern auch Frauen. Solche Frauen werden von der Gesellschaft geächtet, wie es der armen Gertrud in München widerfährt.

Auch Kathe kann nicht der freien Liebe frönen, ohne sich alsbald durch eine Heirat den Mantel der Respektabilität umzuhängen, danach aber – sobald die Kinder da sind – mit ihrer Praxis der freien Liebe fortzufahren. Dass Jules sie dabei mehr oder weniger freiwillig deckt, kommt ihr zugute, wirft aber kein gutes Licht auf den Zustand ihrer Ehe. Sie schlafen in getrennten Betten, was bereits alles sagt. Dafür erhält Jim seine Chance, mit Kathe schöne Tage zu verleben.

Es ist nicht so, dass die beiden Männer eines Tages beschlossen hätten, dass sie sich Kathe teilen, als wäre sie eine Schlampe. Vielmehr verhält es sich wohl so – eine Frage der Interpretation -, dass es Kathe selbst ist, die sich das Recht auf Wahlfreiheit vorbehält. Darin bestätigt sich ihr Status als „Löwin“ und „Göttin“, als die sie von Jim tituliert wird. Sie ist ein höheres Wesen, und die beiden Männer sind schon durch ihr Delphi-Erlebnis vorgeprägt, sie dementsprechend zu behandeln. Weil aber keiner von beiden einen absoluten Anspruch auf sie erheben mag oder kann, funktioniert die ménage à trois überhaupt erst.

|Die Relativitätstheorie|

Wenn es keine Absolutheit gibt, herrscht Relativität. Darüber reflektiert Jim mehrere Minuten lang. Wenn aber alle Beziehungen und die darin vermittelten Gefühle der Wertschätzung und Herabsetzung relativ sind, dürfen sie auch nicht verabsolutiert werden. Jim weiß also, dass sich Kathe sowohl rächen als auch ihn wieder willkommen heißen wird. Diese Gewissheit der Ungewissheit begleitet ihn ständig, wenn er mit Kathe zusammen ist. Und weil alles schon am nächsten Tag vorbei sein kann, genießt er den Moment, der ihm geschenkt oder von ihrer Majestät Kathe gewährt wird, bis zur Neige. Dementsprechend intensiv ist seine Erfahrung des Lebens.

Es hilft auch nichts, dagegen aufzubegehren. Denn Kathe weiß sich auf subtile Weise zu rächen und ihre beiden Männer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Sie nimmt sich einen anderen Lover, sei es der aufgeblasene Albert oder ein Engländer. Diese Eskapaden bereiten ihren Männern nicht nur Verdruss, sondern zunehmend auch Besorgnis. Auf welche Stufe der männlichen Gesellschaft wird sich Kathe noch herablassen? Und wird sie eines Tages völlig wegbleiben und ihre Kinder im Stich lassen?

|Authentisches Lebensmodell|

Der Autor schildert also die Dreiecksbeziehung nicht nur als ein Modell der freien Liebe, sondern als Lebensmodell. Dieses lässt sich über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten, wenn auch nur unter Mühen. Doch der Lohn ist ebenso groß wie die Mühe, die man in diese besondere Beziehung investiert. Diese Beziehung hat sich Roché nicht aus den Fingern gesogen, sondern Kathe und Jules haben reale deutsche Vorbilder aus jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und dreimal darf man raten, wer sich hinter Jim verbirgt (siehe den Abschnitt „Der Autor“ oben).

_Die Sprecherin_

Eva Mattes verfügt über eine relativ tiefe, aber einschmeichelnd sanfte Stimme, die sie wohldosiert einzusetzen weiß. Das Vortragstempo ist genau richtig, und sie schafft es, den Sätzen eines Abschnittes eine Art Spannungsbogen und Zusammenhang zu verleihen. Das ist auch sehr notwendig, denn der Text selbst bietet nur wenig Spannungselemente. Die beinahe einzige Ebene der Spannung befindet sich auf der der Psychologie. Nur selten ergeben sich Actionszenen wie jene, in der Jim und Kathe um einen Revolver streiten.

Weil es so wenig oberflächliche Spannung gibt, muss der Vortrag die unterschwellige Anspannung reflektieren. Aber wie soll die Sprecherin das bewerkstelligen, ohne durch Übertreibung lächerlich zu wirken oder sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen? Mattes hält sich daher – wie jeder gute Sprecher – zurück und überlässt es dem Hörer, aus den vorgetragenen Ereignissen eine Entwicklung herauszulesen und entsprechende Gefühle dafür zu entwickeln. Ihr Vortrag erfordert – ebenso wie das Buch – den mündigen Leser und Hörer.

_Unterm Strich_

„Jules und Jim“ schildert ein interessantes Modell für Liebe und Leben, das von François Truffaut kongenial und mit eigener Aussage verfilmt wurde. Doch der Roman verweigert sich absichtlich jeglichen Ansprüchen auf Unterhaltung, indem er keine Spannungsbögen größerer Art im Stile eines Kriminalromans oder einer Groschenromanze anbietet. Der Autor interessiert sich vor allem dafür, wie diese Dreierbeziehung in der Realität und auf der psychologisch-menschlichen Ebene funktionieren kann.

Dabei stellt er von vornherein keine Erwartungen oder gar Bedingungen auf, sondern schildert, was da kommt. Das Ergebnis ist ein angenehmer Bericht der laufenden Ereignisse, die sich durchaus dramatisch zuspitzen können. Doch der Schluss ist folgerichtig eben kein von langer Hand herbeigeführtes Finale inklusive Showdown, sondern kommt quasi aus dem Nichts: so wie manche Entscheidungen von Menschen nirgendwoher zu kommen scheinen. Der Schluss mag traurig stimmen, aber wer auch nur einen Funken Sympathie für die drei Hauptfiguren entwickelt hat, wird das Geschehen akzeptieren.

Eva Mattes hatte vielleicht ihre liebe Not mit der Darbietung des Textes, aber sie entledigt sich ihrer Aufgabe mit Anstand. Sie hält sich zurück, obwohl es nur wenig Spannungsbögen oder Dramatik gibt, vielmehr trägt sie die Ereignisse vor, als handle es sich um alltägliche Routine. Jede andere Vortragsweise würde nämlich werten, und damit würde sich die Sprecherin auf die fragwürdige Seite moralischer Zensur begeben.

Es mag nämlich genügend Zeitgenossen (immer noch oder schon wieder) geben, die wie in den fünfziger Jahren, als das Buch erschien, mit Verdammung über dieses herziehen würden, in der Meinung, nur die Ehe zwischen Mann und Frau – ohne einen Dritten, versteht sich – sei die EINZIGE legitime Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. George W. Bush würde ihnen zweifellos beipflichten.

Gegen diese Engstirnigkeit wendet sich der Roman ebenso wie das Hörbuch. Insofern handelt es sich um ein literarisches Stück Aufklärung: Es zeigt ein erfolgreiches Alternativmodell auf, das den bevormundeten Zeitgenossen einen Ausweg aus ihrer potenziellen Ehe-Misere aufzeigt. Eine ménage à trois verwechselt der Autor nie mit Zügellosigkeit nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip. Das würde Kathe zu einer Schlampe degradieren. Und daher ist seine ménage à trois auch kein Freibrief für „freie Liebe“ zwischen jedermann und -frau. In Zeiten von AIDS käme das auch wenig gut an.

|223 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Jules et Jim, 1953
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Peter Ruhff|

Izzo, Jean-Claude – Sonne der Sterbenden, Die

Marseille ist Izzo. Izzo ist Marseille. Fast schon untrennbar sind die Stadt und der Autor verbunden. Kein Wunder, dass auch Izzos letzter Roman, den er vor seinem Krebstod 2000 geschrieben hat, in „seiner“ Stadt spielt. Ebenso wie schon die „Marseille-Trilogie“ („Total Cheops“, „Chourmo“, „Solea“), mit der ihm der Durchbruch gelang und durch die er in die Topliga der französischen Krimiautoren aufstieg, ist auch „Die Sonne der Sterbenden“ eine Liebeserklärung an Marseille.

Dabei war Izzo nie zwangläufig nur auf Krimis festgelegt. Nur Marseille, Marseille war immer sein wichtigstes Thema – nicht nur die Stadt an sich, sondern auch deren Einwohner, die Izzo stets am Herzen lagen. „Die Sonne der Sterbenden“ ist ebenfalls kein Kriminalroman. Vielmehr eine Lebensgeschichte, ein Reflektieren des Erlebten und eine Analyse des Scheiterns.

Erzählt wird das Leben von Rico, einem Pariser Clochard. Rico lebt schon seit einigen Jahren auf der Straße, losgelöst vom normalen Leben und von der Gesellschaft. Einen Freund und Vertrauten hat er in Titi gefunden. Titi ist ebenfalls Clochard und lebt schon länger auf der Straße als Rico. Die Beiden passen aufeinander auf und können sich aufeinander verlassen – jederzeit. Bis Titi eines kalten Wintertages tot unter der Bank einer Metrostation gefunden wird. Rico zieht es das letzte bisschen Boden unter den Füßen weg. Mit Titi verliert er seinen einzigen Bezugspunkt.

Mit Titis Tod will auch Rico seinem Leben in Paris einen Schlusspunkt setzen. Er erinnert sich der glücklichen Momente in seinem Leben, an die Frauen, die er einst geliebt hat, besonders seine große Liebe Lea, und erinnert sich damit zwangsläufig an Marseille, wo er seinerzeit mit Lea lebte und liebte. Rico zieht Bilanz: Er hat alles verloren, wurde von seiner Frau Sophie geschieden, was den ersten Schritt in den Abgrund markierte, darf seinen Sohn Julien nicht mehr sehen und haust nun schon seit Jahren auf der Straße. Kurzum, Rico hat sein Leben gründlich verpfuscht. Mit Titis Tod fällt diese Bilanz umso schmerzhafter aus und Rico beschließt, Paris zu verlassen. Er macht sich auf in Richtung Süden, Marseille als Ziel seiner Reise vor Augen. An Marseille knüpft er alle seine Hoffnungen …

„Die Sonne der Sterbenden“ erzählt die Geschichte von Rico, allerdings nicht aus seiner Perspektive. Der eigentliche Erzähler der Geschichte ist Abdou, ein junger Araber, der in den Straßen von Marseille zu Hause ist und der in Rico eine Art väterlichen Freund findet. Ihm scheint genauso wie dem Leser Ricos Lebensbeichte zu gelten. Und die fällt, typisch für Jean-Claude Izzo, genauso düster wie ehrlich und unverklärt aus. Doch in all den dunklen Gedanken, in all den schweren Erinnerungen, die auf Ricos verhärteter Seele lasten, glimmt auch ganz klein und fast unscheinbar immer noch ein Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sich irgendwann doch noch alles zum Guten wendet. Rico nährt diese Hoffnung durch die Rückkehr nach Marseille, den Ort, an dem er die glücklichsten Momente seines Lebens verbrachte.

Izzos klassische „Hauptfigur“ Marseille betritt dabei erst im letzten Drittel des Romans die Bühne. Bis dahin steht die Reflektion von Ricos Leben im Vordergrund. Während seiner Reise gen Süden denkt Rico immer zurück an die Vergangenheit. Erinnerungen vermischen sich mit neuen Eindrücken. Rico trifft unterwegs neue Menschen, erhält neue Perspektiven, bei denen vor allem zwei prägend sind. Zunächst wäre da der Junge Felix. Etwas zurückgeblieben, stets in Begleitung eines Fußballs, den er unter dem Arm umherträgt, und mit einem tätowierten Eidechsenkopf an der Schläfe, wirkt der Junge stets etwas verschlossen und geheimnisvoll. Und dann wäre da noch Mirjana, die aus Bosnien nach Frankreich geflüchtet ist und nun dadurch, dass sie sich an Männer verkauft, versucht, die Schulden abzubezahlen, die sie bei den Schleppern für die „Einreise“ nach Italien bezahlt hat. Diese Begegnungen hinterlassen bleibenden Eindruck bei Rico und er denkt auch später immer wieder daran zurück.

Das Reflektieren seines eigenen Lebens vollzieht er entlang seiner Reiseroute immer wieder in verschiedenen Momenten. Rico erzählt, wie es zu seinem Absturz kam. Erschreckend und faszinierend zugleich, wie einen Menschen eine beendete Beziehung aus der Bahn werfen kann, wie ihn unerwiderte Gefühle irgendwann an den Rand der Gesellschaft drängen. Rico beschreibt dabei eine fast schon klischeehafte und doch so logische Chronologie des Absturzes: unerwiderte Liebe, Alkohol, Einsamkeit, Jobverlust, Schulden, Obdachlosigkeit. Irgendwann hat Rico einfach kapituliert, die Illusion auf eine Rückkehr ins normale Leben aufgegeben. Izzo drückt das so aus: |“Nicht in die Gesellschaft zurückkehren zu wollen, war kein Unvermögen. Nur eine große Müdigkeit.“| (S. 135)

Während Rico seine Vergangenheit reflektiert, kristallisiert sich immer deutlicher seine gegenwärtige Erscheinung heraus. Rico ist nur noch ein Schatten dessen, was er einmal war, ein Toter, der noch immer unter den Lebenden wandelt: |“Wir ziehen mit unserer alten Haut durch die Gegend. Wir sind nur noch leere Hüllen.“| (S. 142) So bringt Mirjana die klägliche Existenz auf den Punkt, die nicht nur sie selbst führt, sondern auch Rico. Ein Aspekt, der die Figuren verbindet. Beide sind ganz unten angekommen und jeder geht mit seinem Schicksal auf seine eigene Art um. Die Unterschiede in der Existenz der Beiden sind nur marginal und dennoch überdeutlich, was Rico dadurch betont, dass er sich an die Worte seine Freundes Titi erinnert: |“Ich will dir mal was sagen, Rico, wenn ein Mann am Ende ist, geht er betteln, eine Frau dagegen, die verkauft sich. Also denk immer daran, die Erniedrigung, die du empfindest, ist im Vergleich zu der, die sie empfinden müssen, gar nichts.“| (S. 144)

Izzo wäre nicht Izzo, wenn sich aus seiner Geschichte nicht auch gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse ziehen ließen, in denen stets auch Kritik mitschwingt. Auch dafür eignet sich „Die Sonne der Sterbenden“ wunderbar, genau wie es schon bei der „Marseille-Trilogie“ der Fall war. Izzo lässt den Leser durch die Augen des Clochards Rico die Gesellschaft von außen betrachten. Er verpasst dem Leser einen veränderten Blickwinkel, indem er ihn Ricos Perspektive einnehmen lässt. Erst eine Figur, die am Rand der Gesellschaft steht, die nicht mehr Teil von ihr ist, macht die Kritik an der Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft besonders deutlich und schärft den Blick für die Problematik der an den Rand Gedrängten, die im gesellschaftlichen Auf und Ab irgendwann unter die Räder gekommen sind. Rico ist ein Paradebeispiel dafür: |“Rico gehörte nicht zu denen, die in Wiedereingliederungsstatistiken erfasst wurden. Andere ja, zweifellos. Glücklicherweise. Oder unglücklicherweise, wer weiß. Aber für einen, der wieder auf die Beine kam, wie viele stürzten da wohl im gleichen Moment ab?“| (S. 181)

Rico fühlt sich nicht mehr dazu in der Lage, etwas wie Liebe zu empfinden. |“Die Worte der Liebe wie „ich liebe dich“ und alle anderen, abgeschmackt und infantil, die man erfindet, waren langsam zerfasert. Sie riefen nur noch Erinnerungsfetzen hervor.“| (S. 133) Trotz der offensichtlichen emotionalen Wüste, die Rico durchwandert, merkt man der Erzählung an, dass Izzo große Gefühle mit seinen Figuren verbindet. Er zeichnet sie liebevoll und mit einem feinsinnigen Gespür für ihr Schicksal. Izzo hat eben ein großes Herz, wie seine Bücher immer wieder zeigen, nicht nur für Marseille, sondern auch für Menschen und im Besonderen eben auch für die, die am Rande stehen. Das ist eine der großen Stärken, die einem bei jedem Izzo-Roman aufs Neue ins Auge fallen.

Etwas verwirrend empfand ich im ersten Moment die Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler bleibt dem Leser zunächst verborgen. Man weiß nicht, wer er ist, mutmaßt zunächst, es wäre vielleicht der Autor selbst, um dann beim Einstieg ins letzte Drittel der Geschichte mit Abdou in Marseille endlich den Erzähler präsentiert zu bekommen. Marseille spart Izzo sich für sein Finale auf. Mit dem erstmaligen Auftauchen Abdous vollzieht sich ein Bruch. Izzo verändert den Blickwinkel mit dem Auftauchen des Jungen, was beim Lesen im ersten Moment wie ein Stolperstein (bewusst oder unbewusst) wirkt. Man fällt ein wenig aus dem Erzählfluss heraus und mich persönlich hat dieser Bruch ein wenig irritiert. Man braucht danach einen Augenblick, um wieder in die Handlung zurückzufinden und sich wieder voll und ganz auf das Schicksal von Rico einzulassen.

Sprachlich ist „Die Sonne der Sterbenden“ ein fast typischer Izzo. Schon der Titel verheißt Tragik und Dramatik. Einerseits schreibt Izzo klar und gradlinig, ohne zu beschönigen, andererseits aber wunderbar poetisch und melancholisch. Izzo schafft es immer wieder, das Seelenleben seiner Protagonisten in perfekt passende Worte zu kleiden, ohne dabei verschwenderisch mit ihnen umzugehen. Das ist seine ihm eigene Art, die ihn neben der Leidenschaft für seine Figuren so lesenswert macht.

Izzos Figuren gehen einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf. Man trägt Rico auch weiter mit sich herum. Ein Einzelschicksal, zweifellos, aber dennoch eines, das einem dank Izzos fabelhafter Darstellung in eindrucksvoller Erinnerung bleibt – packend und ergreifend.

Michael Pearce – Die Schätze des Pharao

Das geschieht:

Kairo, die alte Metropole am Nil, ist im Jahre 1908 die Hauptstadt der autonomen osmanischen Provinz Ägypten. Doch das Osmanische Reich – der „kranke Mann am Bosporus“ – ist politisch zerrüttet und wirtschaftlich am Ende. In Ägypten mussten die Osmanen schon vor dreißig Jahren die Hilfe der Briten erbitten, um sich an der Macht zu halten. Die Briten kamen gern – und blieben. Seither ist der Zhedife – der einheimische Herrscher über Ägypten – nur eine Galionsfigur; die wahre Macht übt der Generalkonsul aus, der seine Anweisungen aus London erhält.

Die Ägypter hat niemand um ihre Meinung gefragt. Sie sind die Fremdherrschaft allerdings gewöhnt und haben sich in ihrer Mehrheit damit abgefunden. Nichtsdestotrotz gibt es eine nationalistische Untergrundbewegung, die von den Briten scharf im Auge behalten wird. Das ist die Aufgabe der Geheimpolizei, der in Kairo Captain Gareth Owen, der „Mamur Zapt“, vorsteht. Offiziell sorgt er für die öffentliche Ordnung in der Stadt und verfolgt Verbrechen, die an Reisenden aus dem Ausland begangen werden.

In diesem Zusammenhang lernt Owen die junge amerikanische Kunstexpertin Enid Skinner kennen. Sie unternimmt eine Studienreise und hat einen Onkel, der womöglich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Unter diesen Voraussetzungen bemühen sich ihre britischen Gastgeber, Miss Skinner sehr zuvorkommend zu behandeln, obwohl diplomatische Zurückhaltung für sie ein Fremdwort ist. So macht sie sich für eine strenge Ausfuhrkontrolle für altägyptische Bodenaltertümer stark. Überall im Land graben Archäologen im Auftrag europäischer und amerikanischer Museen, Kunsthändler oder privater Sammler nach den Schätzen der Pharaonenzeit. Mit großer Selbstverständlichkeit werden sie anschließend außer Landes geschafft.

Bisher verhallten die Protestrufe der wenigen Mahner, die diese Kleinodien im eigenen Land halten wollen, ungehört. Sollte sich allerdings jemand finden, dessen Stimme Gewicht hat und sich im Ausland gegen die organisierten Plünderungen erhebt, könnte das lukrative Geschäft in Gefahr geraten. Hat aus diesem Grund jemand versucht, Miss Skinner vor einen Straßenbahnwagen zu stoßen? Als sie wenig später die Ausgrabungsstätte Deir al Bahari im Süden des Landes besucht, wird ein weiterer Anschlag auf ihr Leben verübt. Captain Owen reist Miss Skinner nach. Er möchte die Gelegenheit nutzen, sich selbst ein Bild von den Grabungs- und Kunsthandelspraktiken zu machen – und stößt in ein Wespennest …

Archäologie zwischen Fundsicherung und Grabraub

„Die Schätze des Pharaos“ ist der sechste (und nicht der zweite, wie uns der Klappentext weismachen möchte) Fall des „Mamur Zapt“ Gareth Owen im Ägypten der britischen Kolonialzeit. Die buchstäblich farbenfrohe Kulisse des Orients ist es, die diesen Krimis ihre Originalität verleiht. Ägypten um die Jahrhundertwende ist ein hochinteressanter Schauplatz, der sich für einen Thriller geradezu anbietet, liefern sich hier doch gleich vier Staaten (Osmanisches Reich, Ägypten, England und Frankreich) einen stillen, hinter den Kulissen erbittert geführten Machtkampf um das strategisch wichtige Land als Einfallstor zum afrikanischen Kontinent.

Im vorliegenden Band rücken die politischen Querelen ein wenig in den Hintergrund. Pearce greift ein Thema auf, das den meisten Lesern in der geschilderten Deutlichkeit wahrscheinlich unbekannt ist. Streift man heute durch die großen Museen für Altertumskunde in Europa, um die riesigen Sammlungen exquisiter Kunstschätze aus Ägypten, dem antiken Griechenland oder Rom zu bestaunen, denkt man meist nicht darüber nach, wie diese Kostbarkeiten an Orte gelangten, für die sie definitiv niemals bestimmt waren.

Diese Sammlungen sind die eindrucksvollen Zeugen einer Ausgrabungspraxis, die einst allerorts üblich war: Finanziere eine archäologische Grabung in einem fremden Land, zahle den Einheimischen ein wenig Kleingeld – du kannst es beschönigend „Zoll“ nennen – und lasse alles dorthin schaffen, wo du es zu sehen wünscht. Klar, dass hier dem Missbrauch buchstäblich Tür und Tor geöffnet wurden. Es gab freilich kaum ein Unrechtsbewusstsein, denn schließlich kamen die Kostbarkeiten in die kundigen Hände derer, die sie zu würdigen wussten.

Auch die Ägypter hatten nichts gegen diesen Kunst-‚Handel‘ einzuwenden, denn er brachte Geld ins Land. Den Rahm schöpften zwar neben dem Zhedifen die örtlichen Paschas und anderen aristokratischen Würdenträger ab, aber die Bevölkerung fand immerhin sichere Arbeitsplätze auf den Grabungen und verdiente mit Grabraub, Schmuggel und dem Verkauf von Fälschungen gut nebenbei.

Lästige Beeinträchtigungen eines lukrativen Geschäfts

„Die Schätze des Pharao“ spielt in einer Epoche, in der sich erster Protest gegen solche systematischen Plünderungen zu formieren beginnt. Es muss bitter für Idealisten vom Schlage einer Miss Skinner gewesen sein: Sie mögen damit gerechnet haben, dass sie sich in ihrem Bestreben, die Kunstschätze Ägyptens zu retten, den Zorn der ausländischen ‚Kunstfreunde‘ zuzogen. Doch auch die Ägypter selbst, für die sie besagte Schätze retten wollten, leisteten Widerstand oder blieben uninteressiert. Nach Jahrhunderten der Fremd- und Misswirtschaft existierte in der breiten Bevölkerung kein Bewusstsein für oder Stolz auf die eigene große und großartige Geschichte. Erst das Ende der Kolonialzeit brachte hier einen Wandel.

Aus der geschickten Umsetzung dieses Themas und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zieht „Die Schätze des Pharaos“ seinen Unterhaltungswert. Auch der Rückblick in die Geschichte der britischen Schatten-Kolonie Ägypten besticht durch das offensichtliche Wissen des Autors um Land und Leute; Michael Pearce kennt die späte Phase der afrikanisch-britischen Kolonialgeschichte noch aus seiner Jugend im ägyptischen Sudan, in den er nach einigen Jahren in England als Lehrer zurückkehrte.

Wohl aus diesem Grund ist Pearce die Figurenzeichnung ausgezeichnet gelungen. Was aus der „Mamur-Zapt“-Serie hätte werden können, zeigen die in ähnlichen Kulissen spielenden, überlangen, vor angelesenem Buchwissen raschelnden, peinlich ‚komischen‘ Abenteuer um die viktorianische Archäologin Amelia Peabody, ihren Göttergatten und den unsäglichen Wundersohn Ramses, mit denen Elizabeth Peters viel zu viele Jahren die Freunde des Historienkrimis traktierte.

Land mit echten Leuten

Gareth Owen ist nicht der Tee trinkende, knarzige britische Offizier, der die ‚Wilden‘ väterlich Mores lehrt, sondern ein Mann, der selbst zu einer Minderheit zählt; er ist Walliser, was seinen Aufstieg in die höheren gesellschaftlichen Schichten und damit eine echte berufliche Karriere verbaut, ihn aber hellhörig macht für die Stimmen des ‚gewöhnlichen‘ Volkes.

Auch die einheimischen Ägypter müssen sich nicht mit der Rolle der pittoresken, wahlweise treuherzigen oder schurkischen ‚Eingeborenen‘ bescheiden. Pearce erspart ihnen auch das Schicksal des politisch korrekten Historienthrillers, der die Rolle des Bösewichts stets dem Ausländer überträgt, während die ‚edlen Wilden‘ sich als tragische Helden und Opfer darstellen lassen müssen. Pearces Ägypter sind – egal ob armer Wasserhändler, frustrierter Regierungsbeamter oder feudaler Pascha – Menschen mit den üblichen Ecken und Kanten. Die Schwierigkeiten einer quasi mittelalterlichen Gesellschaft im beginnenden 20. Jahrhundert gehen nicht nur auf die koloniale Fremdherrschaft zurück, sondern sind durchaus hausgemacht. Pearce verdichtet dies geschickt in der schwierigen Beziehung Owens zur unkonventionellen Aristokratentochter Zeinab, die weder von den Vorgesetzten und Kollegen des einen noch von der Familie der anderen gern gesehen wird.

Dass Michael Pearce neben feinem Humor Sarkasmus keineswegs fremd ist, stellt das zwiespältige aber sehr konsequente Finale seiner Geschichte unter Beweis. Glanzvoll kann Captain Owen die diversen Verbrechen des bis dato rätselhaften Falls aufklären und alle daran Beteiligten festsetzen – nur um sie sogleich wieder ziehen lassen zu müssen, da ihnen die riesigen Gesetzeslücken in Sachen Kunst-‚Handel‘ besser bekannt sind als dem Mamur Zapt. Der Verzicht auf den im Krimi auch heute noch üblichen Sieg des ‚Guten‘ rundet das Bild eines nicht tiefgründigen aber in den Grenzen seines Genres stimmigen, immer unterhaltsamen Romans ab. Dennoch merkwürdig mutet die Entscheidung der britischen „Crime Writers‘ Association“ an, dieses Buch 1993 mit einem „Last Laugh Dagger“ als humorvollsten Kriminalroman des Jahres auszuzeichnen.

Autor

Michael Pearce (*1933) wuchs im britisch beherrschten Sudan auf. Er verließ das Land nach einer Ausbildung zum Übersetzer, kehrte aber später als Lehrer dorthin zurück. Seine Kenntnis der russischen Sprache setzte Pearce während des Kalten Krieges für den militärischen Geheimdienst ein.

Herkunft und Berufserfahrung schlagen sich in der schriftstellerischen Karriere nieder. Pearce war bereits Mitte 50, als er seinen ersten Roman veröffentlichte. „The Mamur Zapt and the Return of the Carpet“ war gleichzeitig Start einer bis heute fortgesetzten Serie um den britischen Geheimpolizisten Gareth Owen im kolonialen Ägypten um 1900.

2004 begann Pearce eine zweite Reihe. Stets mit „A Dead Man in…“ beginnend, spielen die Abenteuer von Sandor Seymour, einem Officer in Scotland Yards 1883 gegründeter Special Branch, den das Außenministerium ruft, wenn es gilt, in der politisch turbulenten Ära vor dem I. Weltkrieg Verbrechen in Diplomatenkreisen aufzuklären.

Taschenbuch: 272 Seiten
Originaltitel: The Mamur Zapt and the Spoils of Egypt (New York : HarperCollins Publishers Ltd. 1992)
Übersetzt von Peter Pfaffinger
http://www.randomhouse.de/diana

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Francis, Dick – Verrechnet

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerlaufbahn. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch, der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan, seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Buch unterhält den Leser bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden.

Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Unterm Strich_

„Verrechnet“ bietet britische Krimikunst aus der obersten Liga, das ist schon richtig. Humorvolle Unterhaltung und spannendes Geschehen halten sich wirkungsvoll die Waage, so dass dem Leser nie langweilig wird – solange er den Überblick über die Fülle der Figuren behält.

|Originaltitel: To the hilt, 1996
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch|

Sedgwick, Marcus – Buch der toten Tage, Das

Boy, der Waisenjunge ohne Namen, assistiert seit vielen Jahren dem übellaunigen Illusionisten Valerian, in dessen Anwesen er eine winzige Kammer bewohnt und für den er auch außerhalb der Theaterarbeit rund um die Uhr im Dienst ist. Dessen missmutiges Temperament wird in letzter Zeit nur noch von seiner gedanklichen Abwesenheit und Unlust an der Bühnenarbeit übertroffen. Etwas bereitet dem alten Trickkünstler deutliche Sorgen, und da sein Herr eher jemand ist, der zum Frühstück rostige Eisennägel verspeisen könnte, muss der Quell dieses Übels etwas wahrhaft Schreckliches sein, mutmaßt Boy.

Als Valerian seinen vierzehnjährigen Leibsklaven – anders lässt es sich kaum betrachten – zwecks Informationsbeschaffung zu einem Agenten entsendet, dieser jedoch vor Boys Augen auf recht unheimliche Weise ermordet wird, beginnt einige wilde Aufregung in das triste und regengraue Dasein des Jungen Einzug zu halten oder besser gesagt über ihn hinwegzurollen. Auch der Theaterdirektor wird in der gleichen Nacht ums Leben gebracht und von Willow gefunden, einem Mädchen in Boys Alter, das des Jungen Schicksal in ähnlicher Weise als Bedienstete der exzentrischen Sängerin Madame Beauchance teilt. Willow und Boy geraten unter Mordverdacht und stante pede ins Gefängnis. Valerian befreit die beiden, verwendet dabei allerdings einen „Trick“, der in Boy den Verdacht aufkeimen lässt, dass die Magie des Alten wohl doch nicht nur aus Taschenspielereien besteht, sondern mehr dahinter steckt. Zudem: Warum sollte sein unangenehmer Herr und Meister ihn aus dieser misslichen Lage befreien, wo er sich doch sonst kein Deut um den Jungen scherrt? Etwas ist wohl faul im Staate Dänemark. Was sich da zusammenbraut, beunruhigt Valerian und damit Boy zutiefst, hat etwas mit dem Näherrücken der Silvesternacht zu tun, mit einem lang zurückliegenden dämonischen Pakt und mit dem mysteriösen „Buch der toten Tage“, hinter dem der Bühnenmagier ohne Rücksicht auf Verluste her ist.

So sind die vier Tage vor dem Jahreswechsel angefüllt mit einer wilden, atem- und schlaflosen Jagd nach diesem Buch. Friedhöfe, Verliese, Stadtwächter, ein verrückter Präparator, ein genialer Wissenschaftler und obskure Erfindungen, eine alte Kirche, vergessene Kanäle unter der Stadt und vielerlei Absonderliches mehr erwarten unsere Helden wider Willen in dem nun folgenden Abenteuer.

_Die Zeit der toten Tage_

Wintersonnenwende, Mittwinter, das Julfest, die Weihnachtszeit, Jahreswechsel – dieser Jahresabschnitt war in unserem Kulturraum bereits seit „heidnischen“ Zeiten von Tagen des Friedens, der Ruhe und der Familie geprägt. Alles fließt langsamer und befindet sich in einer Art von Zwischenstadium, von einem erwartungsvollen Zwielicht durchwirkt. Marcus Sedgwick beschreibt „die sonderbar stille Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr“ als „tote Tage – Tage, an denen die Türen zwischen unserer Welt und jener unsichtbaren, die gleich darunter liegt, geöffnet sind.“

Diese Stimmung und durchaus düstere Bilder waren für den früheren Buchhändler und Lektor, der nun seit 1994 Jugendromane verfasst und in England zu den Großen seiner Zunft zählt, der Ausgangspunkt für die gar abenteuerliche und gotisch-düstere Erzählung, die uns nun der |Hanser|-Verlag in deutscher Übersetzung angedeihen lässt. Inspiriert von Orten wie den Pariser und Krakauer Friedhöfen, Katakomben und Bolognas geheimnisvoller Kanalisation, entwirft Segwick das stimmungsvolle Bild einer fiktiven, organisch wirkenden Metropole, die zeitlich in einem Übergang zwischen Aberglaube und Magie auf der einen Seite und ersten Wissenschaften und Experimenten auf der anderen angesiedelt ist. Damit greift die gewählte Epoche die Ausgangsidee der toten Tage auch bildhaft auf. Alles bewegt sich in einem Zwischenraum, einem Übergang, ist zeitlos und schwer greifbar.

_Tage ohne Atempause_

In dieser Umgebung lässt der Autor ein wahres Gewitter an Ereignissen auf den jungen (oder jung gebliebenen) Leser einprasseln, dass dieser aus dem Staunen nicht mehr herauskommen mag. Die Kapiteleinteilung ist kurz und knackig, die Szenenwechsel erfolgen rasch. Verschnaufpausen gibt es kaum; die Geschichte nimmt uns in sich auf und entlässt uns erst wieder in die Wirklichkeit, wenn das letzte Rätsel gelüftet und die finalen Gefahren überstanden sind. Segwick ist dabei keineswegs zimperlich – für einen jugendlichen Leser mag so manche Situation und Begebenheit für wahrhaft schlaflose Nächte sorgen. So ist auch die Erzählweise ernsthaft und unheimlich genug, den erwachsenen Leser ausreichend zu fesseln. Humorige Elemente sucht man dagegen vergebens.

_Was dabei auf der Strecke bleibt_

Angesichts des Erzähltempos und der handlungsorientierten Geschichte bleibt allerdings einiges auf der Strecke. Zunächst hält der Autor sich sehr zurück, was atmosphärische Beschreibungen und Eindrücke der Umgebung angeht. Das rechte Bild will sich nur aufbauen, wenn man mit Lokalitäten, wie sie oben erwähnt wurden, durch eigene oder filmische Erfahrungen etwas vertraut ist. Ob man so viel stimmungsvolle Kopfarbeit von einem jugendlichen Leserkreis bereits freiweg erwarten kann, ist vielleicht bezweifelbar. Auch die Charakterausarbeitungen beschränken sich auf ein Minimum. Genauere Vorstellungen bekommt man nur von Valerian und Boy, aber auch sie bleiben schablonenhaft; ziemlich im luftleeren Raum existiert dagegen bereits Willow, deren Wesenszüge und Motivationen weitgehend unklar bleiben. Irgendwann kommt es beispielsweise zu wohl kaum vermeidbaren romantischen Aufwallungen gegenüber Boy, aber warum das so ist, wird nicht nachvollziehbar. Willow liebt Boy mit einem Schlage über alles und würde ihr Leben für ihn geben, und das müssen wir so hinnehmen, scheint’s. In dieser Art gäbe es noch einiges bei Randfiguren zu erwähnen, doch will ich es hierbei belassen.

Bei der Gelegenheit sei auch noch ein Wort zur Übersetzung verloren. Diese wirkt stellenweise recht unbeholfen und lässt sprachliches Feingefühl vermissen. Ein vergleichender Blick ins Original gibt seitenweise Anlass, sich zu wundern. Regional gefärbte Wendungen irritieren zusätzlich. Zwei Beispiele dazu, herausgegriffen von Seite 108: „Es kam sie alle hart an.“, „Willow war es fast schlecht geworden …“. Unsicherheiten bei den neuen Rechtschreibregelungen kommen hinzu. (Bleiben wir auf Seite 108: „zurück führen“ wird auch nach der Reform „zurückführen“ geschrieben.) In der Summe wird der Lesegenuss durch diese Schwachpunkte durchaus spürbar getrübt.

_… und was vom Tage übrig blieb_

Detail- und Feinarbeiten darf man letztlich im „Buch der toten Tage“ nicht erwarten, dafür aber eine spannende und dramaturgisch geschickt aufgebaute Abenteuergeschichte mit unheimlicher und düsterer Grundstimmung. Das, was man in schöner Aufmachung zwischen den Buchdeckeln präsentiert bekommt, weiß bis auf die deutsche Bearbeitung zu gefallen, aber zu einem wirklich erinnerungswürdigen Leseerlebnis fehlen noch einige handwerkliche Ingredienzien, wie eine glaubhafte Charakterzeichnung oder stimmungsvoll ausgearbeitete Bilder, die nicht zu viel der Fantasiearbeit des Lesers überlassen. Dennoch: Das Reinschmökern in verregneter und frostiger Witterungslage lohnt allemal und verspricht ein kurzweiliges Lesevergnügen, wenn man die literarische Erwartungshaltung nicht zu hoch ansetzt.

Gundermann, Bettina – Lysander

_Von Menschen, die verloren haben._

„Lysander“ ist der zweite Roman der Autorin Bettina Gundermann, Jahrgang 1969. Geboren wurde sie in Dortmund, den ersten Roman „Lines“ legte sie 2001 vor. Lysander heißt auch der Protagonist der Erzählung, in der Bettina Gundermann zuweilen die Atmosphäre eines Gruselmärchens verbreitet, die Rolle des bösen Wolfs übernimmt hier aber das Leben selbst.

Unterteilt wurde die 152-seitige Erzählung in zwei Kapitel. Das erste umfasst nur drei Seiten und schildert als Prolog die widrigen Umstände, unter denen der Protagonist in Form eines Antihelden das Licht der Welt erblickt. Mit „Lysander wurde im Dreck geboren“ wird der Roman begonnen, es folgen Sätze wie „Seine Mutter schwitzte, stank, japste und schrie“ oder „Sie sprach kein Wort zu ihrem Kind, sie trug es wie eine schwere Last, nicht einmal schaute sie ihr Baby an, überprüfte, ob noch Leben in ihm sei. Fast hätte sie es einfach fallen lassen auf ihrem Weg.“ Dem Säugling kommt von der ersten Minute seines Leben keine Liebe entgegen, versteckt im Wald gebärt die Mutter, will es am liebsten dort zurücklassen und zündet es schließlich an. Aber Lysander hat Glück, sollte man denken, denn er wird gerettet und zu einem kirchlichen Kinderheim gebracht.

Dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen, wird das Leben für das entstellte Kind zur Qual. Die Erzieherinnen wissen nicht mit ihm umzugehen, die anderen Kinder im Heim lachen es aus, vergraben es einmal sogar im Schnee. Lysander zieht sich in sich selbst zurück und lauscht der Melodie in seinem Kopf, die immer da ist, wenn es regnet. Als er geboren wurde, regnete es auch. Er versteckt sich tagsüber im Keller, spricht kaum, denn niemand spricht mit ihm.

Eines Tages reicht es dem gehänselten Kind und es rammt sich frustriert eine Gabel in die Stirn. Er überlebt unbeschadet, wird als Gefahr für sich und andere aber in ein Heim für psychisch gestörte Kinder überwiesen. Auch da lacht man ihn aus, außer Riccardo. Der ist „Hässlichkeit gewöhnt“ und wird zum besten und einzigen Freund Lysanders.

Die Freunde teilen ein gemeinsames Schicksal, sie haben beide im Spiel des Lebens verloren und keine Aussicht auf Besserung. Riccardo musste im Kindesalter mit ansehen, wie seiner Mutter Augen und Zunge aus dem Gesicht geschnitten wurden. Sie starb daran, der Vater wurde verrückt. Riccardo kommt zu einer neuen Familie, er entwickelt sich nach außen gut, seine neue Mutter ist stolz auf ihn, bis er auf einem Jahrmarkt das Feuer eröffnet und mehrere Menschen durch seine Hand sterben. Jetzt hat auch er niemanden mehr und muss ins Heim.

Als sie erwachsen sind, können sie das Heim verlassen. Lysander kommt ein Jahr vor seinem Freund raus. Der freute sich schon auf die Freiheit, Lysander hatte Angst vor ihr. Was will er auch damit? Andere Menschen haben Angst vor ihm. Bis Riccardo aus dem Heim entlassen wird, geht Lysander keinen Schritt vor die Tür, zeigt sich niemandem und überlebt nur durch die Vorfreude auf seinen einzigen Freund. Als der wieder da ist, geht es Lysander aber nur für kurze Zeit besser. Riccardo geht nach draußen, so oft wie es geht. Besorgt sich einen Job und viele Frauen, die seine innere Leere ausfüllen sollen. Dem Leser wird schnell klar, dass sie beide hässlich sind: Lysander von außen, Riccardo von innen.

Lysander fühlt sich schnell im Stich gelassen, ist trotz der Wohngemeinschaft mit Riccardo einsam. Der schenkt ihm schließlich ein Klavier, damit Lysander die Melodien in seinem Kopf spielen und Riccardo das Leben weiter in sich aufsaugen kann.

Bald kommt eine dritte Person ins Spiel. Kira liegt stark blutend auf der Straße, als sie Riccardo bei seinen nächtlichen Streifzügen findet und sich verliebt. In ihr sieht er etwas, das ihm helfen kann, die unsterbliche Leere seiner Seele zu füllen, die schwere Melancholie seiner selbst mit ihrer „Leichtigkeit“ zu füllen. Lysander zeigt sich ihr nicht, sorgt mit seinem berührenden Klavierspiel aber dafür, dass Kira sich in Riccardo, der das Spiel als das Seine ausgibt, unsterblich verliebt.

Sie heiraten, Lysander bleibt allen zurück. Er spielt nicht mehr auf dem Klavier, die Melodien kommen nicht mehr zu ihm, er vereinsamt abgeschnitten von der Außenwelt. Auch Riccardo geht es immer schlechter, Kiras Liebe kann ihn nicht vor Angst und düsteren Gedanken retten. Ein finsterer Schatten legt sich über beide und begleitet sie bis zum unvermeidbaren Ende.

„Lysander“ ist eine Geschichte von Menschen, die das Glück einfach nicht finden können und stattdessen in den eigenen Untergang marschieren. Es ist auch eine Geschichte, die den Leser mit ihrer schonungslosen Gestaltung überrollt. Sie überzieht den Leser mit ihrer kalten aber kurz vor dem Überschwappen stehenden Gefühlswelt. Die Sätze sind kurz und klar, beschönigen nichts und legen den Schmerz einer gefühllosen Welt offen, so dass ihn jeder sehen kann. Der allwissende Erzähler taucht nach Belieben in die Gedanken und Erinnerungen der Personen ein und gibt alles so wieder, als würde es ihn nicht berühren. Und so hat der Leser auch nach der Lektüre an diesem originellen wie auch hervorragenden Roman zu knabbern.