Kenneth Robeson – Doc Savage: Der Gespensterkönig

Robeson Savage36 Gespensterkönig Cover kleinDas geschieht:

Im sumpfigen Marschland von Holland County geht der Geist von Englands Ex-König John um. Er beschuldigt die erstaunten Anwohner, ihm 1216 Gift in den Wein geträufelt zu haben, und zieht ihnen rachsüchtig eins mit dem Schwert über. Während sich die Presse lustig macht, findet der Archäologe und Geologe William Harper „Johnny“ Littlejohn endlich ein Ventil für seine Langeweile. Er reist nach England, stellt Nachforschungen an, trifft prompt den unfreundlichen König, wird von diesem niedergeschlagen und entführt.

Das war keine gute Idee, denn Littlejohn gehört zum Team von Dr. Clark „Doc“ Savage, jr., dem übermenschlich klugen und starken Bronzemann, der unermüdlich das Böse auf dieser Welt jagt und züchtigt. Als Savage, der in England einige Vorträge halten soll, seinen Freund und Gefährten vermisst, setzen er sowie Andrew Blodgett „Monk“ Mayfair und Theodore Marley „Ham“ Brooks sich auf dessen Spur. Kenneth Robeson – Doc Savage: Der Gespensterkönig weiterlesen

Alan Dean Foster – Alien 3

Mit knapper Not sind Ellen Ripley, Corporal Hicks, die junge Newt sowie der Androide Bishop vom Alien-Planeten Acheron entkommen (vgl. Alan Dean Foster: Aliens – Die Rückkehr, Wilhelm Heyne Verlag, TB Nr. 01/6839). An Bord des Truppentransporters SULACO sind sie auf dem Weg zur Erde; die Reise verbringen sie schlafend in den Kältekammern des Raumschiffs.

Doch auf Acheron konnte sich eine Alien-Larve an Bord der SULACO schleichen. Bei seinem Versuch, die Menschen in ihren Schlafkabinen anzugreifen, beschädigt das Wesen die Steuerung des Schiffs. Die SULACO kommt vom Kurs ab und setzt zu einer automatischen Notlandung auf dem Planeten Fiorina an. Die Schäden erweisen sich als so groß, dass der Transporter abstürzt. Das Alien stirbt, aber auch Hicks und Newt überleben das Unglück nicht. Allein Ripley kommt mit dem Leben davon.

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Powers, Tim – Tore zu Anubis Reich, Die

„The Anubis Gates“ ist Tim Powers bis heute beliebtester und bekanntester Roman. Der Autor gewann mit diesem Werk auf Anhieb den Philip-K.-Dick-Award für die beste Taschenbucherstveröffentlichung des Jahres 1983 und mittlerweile wurde dieses Werk in alle Weltsprachen übersetzt. Im Deutschen erschien das Buch erstmals 1988 als |Heyne|-Taschenbuch 06/4473 und war somit die erste deutsche Übersetzung eines Werkes des Amerikaners.

Powers besuchte in Fullerton das College und die Universität, wo er K. W. Jeter und James P. Blaylock kennen lernte, beide mittlerweile selbst Autoren Phantastischer Literatur.

Vor allem mit Blaylock verstand Powers sich gut, und als Anfang der 70er Jahre in ihrer Schülerzeitung einige bedeutungsschwangere und grottenschlechte Gedichte erschienen, dachten sich die beiden, dass sie dieses Niveau noch mühelos würden unterbieten können. Deshalb schrieben sie, sich dabei zeilenweise abwechselnd, Werke, die düster und bedeutungsvoll klingen sollten, ohne wirklich etwas auszusagen. Als Pseudonym wählten sie den Namen William Ashbless und erzählten allen möglichen Leuten, dass dies ein verkrüppelter und schüchterner Freund von ihnen sei, der sich persönlich nicht an die Öffentlichkeit traue. So entstand ein Kunstfigur, die nicht nur Protagonist von Powers bekanntestem Werk ist, sondern auch in einem von Blaylocks Romanen auftritt (obwohl beide dies nicht abgesprochen hatten, sondern erst erfuhren, als sie zufällig zeitgleich ihre Manuskripte beim selben Verleger einreichten). Mittlerweile gibt es sogar ein Kochbuch, welches unter dem Namen des Dichters erschienen ist.

„Die Tore zu Anubis Reich“ beginnt mit einer Beschwörung des gleichnamigen Gottes, welche dessen Macht wieder herstellen soll, jedoch auf fatale Weise schief geht. Stattdessen werden Löcher in die Abschirmung des Zeitflusses geschlagen. Diese reichen vom Anfang des 19. Jahrhunderts (in dem die Beschwörung erfolgte) knapp 300 Jahre in beide Richtungen (also Vergangenheit und Zukunft).

Im Jahre 1983 (in diesem Jahr erschien Powers Roman) startet ein reicher Millionär, der ebenfalls die Abschirmungslöcher entdeckt hat, eine Zeitreiseexpedition ins Jahr 1810, um dem berühmten Dichter Samuel Taylor Coleridge bei einem Vortrag zu lauschen. Zur Finanzierung des teuren Unternehmens lädt er noch Gäste ein, die sich finanziell beteiligen müssen. Als Service engagiert er den Coleridge-Fachmann Brendan Doyle, der die Expedition begleiten soll. Nach dem Vortrag wird Doyle jedoch überraschend entführt und kann so nicht ins Jahr 1983 zurückkehren. Doch auch der Millionär hat längst andere Pläne, kann er doch im Jahre 1810 eine Form der Unsterblichkeit erlangen, die wohl jeden verlocken würde. Denn die Beschwörung der alten ägyptischen Götter hat auch die naturwissenschaftlichen Gesetze teilweise außer Kraft gesetzt, und so finden sich im London des Jahres 1810 mehr Magie und Zauberei, als es vor allem Brendan Doyle lieb ist.

Bald muss er um sein Leben kämpfen, droht ihm doch von vielen Seiten der Tod, und erst das von Doyle in anderer Form erwartete Auftauchen des zeitgenössischen Dichters William Ashbless, für dessen Werk der Zeitreisende zufällig auch noch Fachmann ist, bringt für den Literaturwissenschaftler die Lösung einiger seiner Probleme …

Wie Doyle sich aus einer Bredouille in die nächste windet, und vor allem auf welch verblüffende Weise er den „heute fast vergessenen englischen Dichter des frühen 19. Jahrhunderts William Ashbless“ kennen lernt, davon erzählt „Die Tore zu Anubis Reich“ äußerst unterhaltsam und spannend.

Was Powers im Laufe der knapp 600 Seiten des Buches dabei an Action, frappierenden Ideen und tollen, verzwickten Handlungssträngen entwickelt, ist einfach sensationell. Nie lässt den Leser die faszinierenden Geschichte aus ihrem Griff. Dabei wechselt der Autor klug Action mit ruhigeren Passagen, in denen sich die vielschichtige Handlung entwickeln kann, ohne dass der Rezipient den Überblick verliert.

Dabei ist „The Anubis Gates“ nicht nur ein packender und zudem intelligenter Roman, er jongliert auch mühelos verschiedene Subgenres der Literatur, vor allem der Phantastischen. Neben Horror- und Fantasyelementen hat die Geschichte zudem eine SF-Rahmenhandlung aufzuweisen, ist außerdem genauso Kriminalroman wie historische Erzählung.

Bisher hat es wohl weltweit noch kaum ein anderer Autor geschafft, diese Genres dermaßen virtuos zu mixen (einziges, dem Rezensenten bekanntes Beispiel für ein ähnlich gelungenes Werk erscheint Christopher Priests genialer Roman „Das Kabinett des Magiers“ zu sein, welcher aber erst zwölf Jahre nach Powers Meisterwerk erschien).

|Heyne| legt dieses nun in einer überarbeiteten Übersetzung in seiner Reihe „Meisterwerke der Fantasy“ wieder auf, wobei das Buch sicherlich nicht der üblichen Fantasy zugeschlagen werden darf, eigentlich besser unter der Rubrik „Phantastik“ eingeordnet werden sollte.

Denn „Die Tore zu Anubis Reich“ ist Phantastik im ureigenstem Sinne, Literatur zum Staunen und Wundern, welche den Kopf genauso anspricht wie den Bauch, und welche perfekt die Balance hält zwischen dem berühmten „Sense of Wonder“ einerseits und einer überzeugenden, niveauvollen Handlung, die in ihrer herrlichen Irrwitzigkeit ihres Gleichen sucht.

Sollte es dort draußen noch Leser geben, die Powers Meisterwerk bisher nicht kannten: Nun, hier ist die ultimative Gelegenheit! Wer jetzt nicht zuschlägt, ist selbst schuld!

_Gunther Barnewald_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Baldacci, David – Versuchung, Die

_Lotterie, Betrug und Teufelspakt_

Thema des Thrillers ist im Grunde der uralte Traum von Geld und Glück und dessen Ausbeutung durch das größte Betrugssystem der Welt: die staatliche Lotterie. Doch ein Mann hebelt mit rücksichtslosen Methoden die Gesetze des Zufalls aus. Warum? Der Gewinn, der ihm winkt, ist gigantisch.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat u. a. bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Wer etwas fangen will, muss eine Falle aufstellen. Das macht der Mann, der sich „Jackson“ nennen lässt, ganz am Anfang der Geschichte. Da Jackson neben Chemie auch Schauspielerei studiert hat, kann er sich hervorragend verkleiden.

Eines seiner zwölf auserkorenen Opfer ist die zweite Hauptfigur des Romans: Die 20-jährige Lou Ann Tyler ist eine arme Sau: Sie schuftet als Kellnerin in einem Imbiss, hat ein Töchterchen namens Lisa und haust in einem Trailer vor den Toren der Stadt Rikersville, Georgia. Ihr Freund, Dwayne Harvey, ist ein Säufer und Autodieb, also ein wahrer Tunichtgut. Sie ahnt nicht, dass er sich auf Drogengeschäfte eingelassen hat. Wie es aussieht, hat Lou Ann in der Lotterie des Lebens nicht das große Los gezogen.

Das Eingreifen Jacksons könnte diesen beklagenswerten Zustand einen anderen werden lassen. Die Versuchung: Sie erhält die „astronomische“ Summe von 1000 Dollar im Monat, wenn sie zwei Wochen lang nur für ihn arbeitet. Sie soll bloß Werbespots anhören und bewerten. Das ist die Phase, in der Lou Ann auf ihre Zuverlässigkeit getestet wird. Dann folgt ihre Hauptaufgabe: Was sie wohl davon hielte, 50 Millionen Dollar in der staatlichen Lotterie zu gewinnen? Er, Jackson, werde dafür sorgen, dass sie Glück habe. Lou Ann träumt noch nicht einmal von einer solchen Summe …

Sie hat zwei Tage Zeit, sich Jacksons Angebot zu überlegen. Während dieser Zeit verändert sich Lou Anns Leben vollkommen. Zunächst ertappt sie ihre Nachbarin Shirley mit ihrem Freund Dwayne im Bett und schmeißt sie achtkantig raus, bevor sie ihm einen Tritt in die Eier verpasst. Sie findet Geld aus seinen Drogengeschäften.

Nach Nachforschungen über Jackson stößt sie in ihrem bis dahin so trauten Heim auf ein Blutbad: Kaum hat sie Dwayne tot auf dem Boden liegen sehen, wird sie von einem Unbekannten angegriffen. Außer sich vor Wut setzt sie ihn außer Gefecht und haut mit seinem Wagen, ihren Sachen und ihrer Tochter ab.

Sobald sie Jackson zugesagt hat, pfeift dieser seinen Killer zurück. Kaum ist sie in New York City, wird sie als Linda Freeman in einem Luxushotel untergebracht und von einem Ex-Boxer namens Charlie beschützt – unter anderem auch vor Jacksons Killer Anthony Romanello, der sich eigenmächtig auf ihre Spur gesetzt hat und versucht, sie zu erpressen. Natürlich sucht die Polizei sie in Georgia wegen der zwei Toten, die in ihrem Trailer liegen.

Soweit also der erste Akt.

Kaum hat sie pflichtgemäß in der Lotterie gewonnen, muss sie daher untertauchen. Nun ist es aber üblich, dass bei jedem solchen Teufelspakt der Leibhaftige einen stark überhöhten Preis verlangt. Jackson fordert, dass sie für zehn Jahre ins Ausland geht, den Namen Catherine Savage annimmt und ihm ihren Gewinn aushändigt. Sie wird lediglich ein erkleckliches Sümmchen pro Jahr erhalten, um in Luxus leben zu können. Nach zehn Jahren werde sie die gesamte Gewinnsumme erhalten: ein Sklavenvertrag.

Dieses war der zweite Akt, und der dritte folgt sogleich.

Zehn Jahre später hält es „Catherine Savage“ nicht mehr im Ausland, und sie zieht nach Virginia. Das macht „Jackson“ einen dicken Strich durch die Rechnung, denn er fliegt durch Catherine und einen neugierigen Journalisten auf.

In rasendem Tempo spitzen sich die Dinge zu. Eine Blutspur zieht sich durch Washington, D.C., und Virginia. Beim Showdown mit dem skrupellosen Mann kann sie froh sein, dass sie in Charlie einen guten Beschützer hat. Doch er allein wird gegen den chamäleonhaften Jackson nicht ausreichen …

_Mein Eindruck_

In meiner Inhaltsangabe habe ich zahlreiche Details im Dunkeln gelassen. So etwa das Rätsel, wie es „Jackson“ gelingt, die Lotterie zu manipulieren, und die Frage nach seinen tieferen Beweggründen, die in der Geschichte seiner Familie zu suchen sind – von seiner wahren Identität mal ganz abgesehen. Den Ausgang des Showdowns zu verraten, wäre ein Verbrechen.

Baldacci tut auch in diesem frühen Thriller von 1997 das, was er am besten kann und was er zu einem Erfolgsrezept ausgebaut hat: Er stellt eine Frau, manchmal auch einen Mann, die oder der im Grunde völlig unschuldig, unbeteiligt oder von guten Motiven bewegt ist, in einen Zusammenhang, der sie oder ihn zum Opfer werden lässt. Der Kontext kann ein Verbrechen sein, muss aber nicht. Aus dem Opfer wird ganz schnell ein von der Polizei Gesuchter und ein vom Schurken im Stück Bedrohter.

Im Falle der Kellnerin Lou Ann scheint sich zunächst alles relativ harmlos zu entwickeln, auch wenn sich in ihrem Kielwasser die Leichen zu Bergen häufen: zwei in Georgia, eine in New York City, zehn Jahre später mehr in Virginia und Washington. Doch als den Behörden und auch der Justizministerin klar wird, worin Lou Anns Verbrechen besteht, nimmt die Sache doch nationale Bedeutung an. Wenn bekannt wird, dass die staatliche Lotterie manipulierbar ist und sogar bereits massiv manipuliert wurde, dann kann der Veranstalter einpacken. Für den Spott braucht er nicht zu sorgen, der kommt von ganz alleine.

Hier wird leise ein wenig Kritik angebracht: Baldacci behauptet, die Lotterie – wenigstens in USA – ziele darauf ab, die einfachen Leute um ihr sauer verdientes Geld zu bringen. Er spricht nicht offen von Betrug, o nein. Aber die wenigen Gewinner werden nicht umsonst in medienwirksamen Pressekonferenzen vorgestellt und mit dummen Fragen bombardiert. Sie sind der Köder, um weitere chancenlose Träumer zum Spielen zu verführen. Ist dies die eigentliche „Versuchung“, die der Autor meint?

Die Handlung des Hörbuchs schreitet, wie oben skizziert, rasch voran und hält sich nicht lange mit subtilen und tief schürfenden Charakterisierungen auf. Die Einzigen, denen diese Ehre ansatzweise zuteil wird, sind Lou Ann und „Jackson“. Worauf es wie in jedem Thriller ankommt, ist die Spannung: Wird das Verbrechen gelingen? Wird das Opfer, d. h. die Komplizin Lou Ann überleben? Und wird es eine möglichst gerechte Bestrafung geben, sobald Zahltag ist? Alle Fragen werden beantwortet, aber natürlich nur zu gegebener Zeit und mit der gehörigen Vorbereitung. Man kann sagen, dass der Zuhörer nach allen Regeln der Kunst auf die Folter gespannt wird.

Die Story von „Die Versuchung“ mag vielleicht nicht die alleraktuellste sein (sie entstand weit vor Dotcom-Crash und 11. September), aber sie ist durchaus zugkräftig. Kurios ist es schon etwas, dass zwischen Verbrechen und Sühne zehn Jahre vergehen müssen oder dürfen. Das hat aber für den Leser keine Nachteile, den die zehn Jahre werden nicht erzählerisch dargestellt. Das wäre denn doch zu langweilig. Der Vorteil liegt vielmehr darin, dass er gleich zwei Höhepunkte miterleben darf: den in New York City und den in Virginia.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla muss sich in dieser Story nicht gerade verausgaben. Bei diesem Routinethriller amerikanischer Prägung sind keine theatralischen Mittel erforderlich, um für bestimmte Figuren wie etwa Lou Ann Tyler besonders Mitgefühl zu erzeugen. Schließlich ist Lou Ann eine Komplizin, keine Todeskandidatin. Pigulla macht aber auch nicht den Fehler, ihre Zeilen herunterzuspulen. Das würde man ihr als Herablassung ankreiden, und das hat sie auch gar nicht nötig.

_Unterm Strich_

Die Handlungslogik dieses Routinethrillers Marke Baldacci zu verstehen, erfordert weder Einstein noch Doktorhut. Vielmehr kommt es darauf, dass die Story einigermaßen spannend erzählt ist und genügend Überraschungen auftauchen, um das Interesse des Zuhörers wach zu halten. Beides erfüllt Baldaccis Roman zur Genüge. Die Sprecherin liest die gekürzte Fassung des Romans wie gewohnt kompetent vor, ohne theatralische Mittel einzusetzen, die hier auch fehl am Platze wären.

Es ist ein wenig schade, dass in der gekürzten Fassung die Psychologie des Täters ein wenig zu kurz kommt. Mir erschien es zumindest so. Ich bin eben ein Freund psychologischer Spannung, wenn nicht sogar Grusels. Dennoch ist „Die Versuchung“ kurzweilige Unterhaltung für lange Zug- und andere Fahrten.

|Umfang: 321 Minuten auf 5 CDs|

William Shatner (mit Judith u. Garfield Reeves-Stevens) – Sternendämmerung (Star Trek)

Das geschieht:

James Tiberius Kirk, Raumschiff-Captain außer Dienst aber weiterhin als Retter des Universums tätig, möchte mit seinem neuen Freund Jean-Luc Picard einige Tage Abenteuerurlaub machen. Aus Gründen der Handlungsdramatik beschließen die beiden, dies auf dem Planeten Bajor und im Schatten der Raumstation „Deep Space Nine“ zu tun. Sie haben keine Ahnung, dass sie ihre Atmosphären-Gleitsprünge ausgerechnet über einem Wüstengebiet absolvieren, das vor dreißig Jahren Schauplatz einer merkwürdigen Episode des bajoranisch-cardassianischen Krieges war. In Bar‘trila, der verlorenen Stadt, wurde eines jener als „Tränen der Propheten“ bekannten Artefakte vermutet, die der im Wurmloch über Bajor hausenden Superintelligenz zugeschrieben werden und dem Finder quasi übernatürliche Macht verleihen. Damals konnten die Bajoraner die Cardassianer unter hohen Opfern von diesem Platz verjagen. Die Überlebenden beider Seiten haben den ungehobenen Schatz freilich nicht vergessen.

Unsere gleitenden Helden werden zum Absturz gebracht. Die Notlandung lässt sie in der glühenden Wüste stranden. Während sie dem feuchten Horizont zustreben, bleibt viel Zeit, sich über Vergangenes zu unterhalten. Das bedingt eine lange Kette primär Kirkscher Reminiszenzen an glorreiche „Enterprise“-Zeiten und die Einsamkeit des Captains, der in brenzliger Lage kurzentschlossene Entscheidungen treffen muss.

Die Handlung wird wieder aufgenommen, als Kirk und Picard in eine archäologische Ausgrabung stolpern. Die verlorene Stadt wurde gefunden: von den Bajoranern, aber wohl nicht nur von ihnen, denn just fiel Professor Nilan einem merkwürdigen Unfall zum Opfer. Der Tod weiterer Forscher zeigt eine feindliche Macht am Werk ist. Oder sind es religiöse Fundamentalisten, die es nicht dulden, eventuelle Artefakte als Objekte der Wissenschaft missbraucht zu sehen? Die Lage ist undurchsichtig und eskaliert, als auf Kirk und Picard ein Mordanschlag verübt wird, der Letzteren in einem See versinken lässt. Ist Picard tot? Mit der für ihn typischen Mischung aus Elan und Zorn geht Kirk auf Konfrontationskurs und stört den Gegner auf …

Alter Mann mit jugendlichem Ego

Der rasende Rentner macht erneut das All unsicher. „Sternendämmerung“ ist der furiose Auftakt einer weiteren „Star-Trek“-Kirk-Trilogie. Weil er trotz seines überlebensgroßen Egos kein Dummkopf ist, hat sich William Shatner wiederum der Unterstützung des schreibenden Ehepaars Judith und Garfield Reeves-Stevens versichert. Eine kluge Wahl, denn kaum jemand kennt sich so gut im „Star-Trek“-Universum aus und trifft vor allem den Ton, der uns seine Protagonisten seit vielen Jahren zu lieben und teuren Feierabend-Gästen im Fernsehzimmer macht.

Shatner möchte selbstverständlich „Star-Trek“-Luxus-Science-Fiction produzieren. Das meint er sich und seinem Publikum als der leibhaftige und einzige James T. Kirk schuldig zu sein. Der Leser honoriert und schätzt es, nicht zum x-ten Male mit einem Abenteuer der legendären Fünfjahresmission behelligt zu werden, die sich längst alle irgendwie ähneln. „Sternendämmerung“ gelingt darüber hinaus, was man in Kino und Fernsehen oft entbehren muss: die (überzeugende) Verklammerung von „Star-Trek“- Vergangenheit und -Gegenwart, zwischen denen die Handlung immer wieder springt.

Damit stellt sich „Sternendämmerung“ tapfer der quasi realen, Jahrhunderte umspannenden Fiktion, welche die „Star-Trek“-Saga heute darstellt. Das Autorentrio fürchtet nicht die faktenreiche Historie (oder ihre detailversessenen, pingeligen Kenner), sondern stellt sie in den Nutzen ihrer Geschichte. Noch in den Nebensätzen werden immer wieder Ereignisse aufgegriffen, an die sich womöglich nur der absolute Trekkie erinnert. Das lässt ein außerordentlich dichtes Hintergrundgewebe entstehen, auf dem der eigentliche Plot stabil ruht.

Aller Anfang ist – langsam

‚Ruht‘ ist der zutreffende Ausdruck, denn obwohl stets etwas geschieht, ist „Sternendämmerung“ sichtlich die Ouvertüre zu einem Spektakel, das sich über mindestens 1200 Druckseiten hinziehen wird. So reihen sich zunächst zwar spannend geschriebene aber zusammenhanglos wirkende Episoden aneinander, bis endlich ein roter Faden – der Kampf gegen die „Totalität“ – sichtbar wird. Wer barockes Breitwand-Fabulieren schätzt, wird mit „Sternendämmerung“ nur allmählich auf seine Kosten kommen.

Wer ist der beste „Enterprise“-Kapitän aller Zeiten? William Shatner kennt die Antwort auf diese Frage genau, und seit er ‚Schriftsteller‘ geworden ist, nutzt er jede Gelegenheit, die Trekkies auf seine Seite zu ziehen. Dieses Mal konnten ihn die Reeves-Stevens offenbar nicht so gut kontrollieren wie sonst. Das Ergebnis: ein durch Raum und Zeit kapriolender Kirk, den sein Freund Picard gnädig begleiten darf (wenn er denn Schritt halten kann).

Jean-Luc Picard ist in der Tat ein manchmal dröger Zeitgenosse, aber zum Steigbügelhalter des entfesselten Kirk degradiert zu werden, hat er ganz sicher nicht verdient! Auf der anderen Seite weiß Shatner anschaulich zu machen, dass die Sturm- und Drangzeit der Föderation Männer wie ihn – Tatmenschen – benötigte, die nach der Konsolidierung einer nüchterner forschenden Generation Platz machen konnten und mussten.

Picard ist in der Krise durchaus zu schnellen, die Regeln großzügig auslegenden Entscheidungen fähig. Kirk lebt allerdings in einer Welt, der jedem Moment eine potenzielle Ausnahmesituation entspringen kann. Das hat ihn geprägt und zu dem unberechenbaren Strategen werden lassen, der geachtet und gefürchtet (oder verflucht) wird.

Interessant sind Kirks Selbstreflexionen, die viel vom wahren William Shatner verraten. „Im Gegensatz zu den verlorenen Details standen die Gefühle der damaligen Zeit … Einen Traum verwirklicht zu haben, mit hoch angesehenen Profis und guten Freunden zusammenzuarbeiten … Er konnte immer noch auf jene Erinnerungen zurückgreifen, auch wenn manche von ihnen dunkler und schmerzhafter waren“ (S. 100). Diese Passage spiegelt womöglich Shatners lückenhafte und geschönte Erinnerung an seine „Star-Trek“-TV-Tage wider, die er nach Auskunft seiner erbosten Schauspieler-Kollegen weitgehend vergessen hat, um sie erst im Alter autobiografisch und lukrativ wieder zum Leben zu erwecken.

Autor/en

William Shatner wurde am 22. März 1931 im kanadischen Montreal geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, wurde aber schon in jungen Jahren Schauspieler – zunächst beim Theater, wo er u. a. in zahlreichen Shakespeare-Stücken auftrat. 1956 ging Shatner nach New York zum Broadway. Parallel dazu spielte er in TV-Dramen, die damals noch live gesendet wurden. Zwei Jahre später tauchte Shatner in „The Brothers Karamazov“ (dt. „Die Brüder Karamasow“) an der Seite von Yul Brunner und Maria Schell im Kino auf.

Der echte Durchbruch blieb aus. In den nächsten Jahren spielte Shatner in zahlreichen aber schnell vergessenen Kinofilmen und TV-Shows mit. Darin lieferte er trotz seiner theatralischen bis pathetischen Darstellungsweise durchaus achtbare Leistungen ab, die ihm die Kritik bekanntlich gern abspricht. 1966 bis 1969 folgte die Hauptrolle in „Star Trek – The Original Series“, gefolgt von einer langen Durststrecke und den für Shatner typischen Rollen in B-Movies und Fernsehserien.

Aber Shatner blieb am Ball. Die Rückkehr als Captain Kirk in den „Star-Trek“-Kinofilmen brachte ihm endlich die Popularität, die er sich wünschte. Er nutzte sie geschickt, um in den 1980er und 90er Jahren eine parallele Karriere als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Gang zu bringen. Seine Aktivitäten als Schauspieler schränkte er keineswegs ein, versuchte sich als Sänger, wurde Pferdezüchter, gründete eine Firma für Spezialeffekte – und entwickelte schriftstellerische Ambitionen.

Von Anfang an sah sich Shatner primär als Lieferant von Plots und Ideen, die von Profischreibern in literarische Form gegossen wurden aber unter seinem zugkräftigen Namen erschienen. Als Ghostwriter für die „Tek-War“-Serie (ab 1994) fungierte SF- Veteran Ron Goulart. Da der Erfolg sich in Grenzen hielt, besann sich Shatner seines Alter Egos James T. Kirk, den er mit tatkräftiger Unterstützung der Reeves-Stevens (s. u.) ins Leben zurückkehren ließ.

Trotz seines Alters denkt Shatner nicht an den Ruhestand. In seiner Rolle als unwürdiger Greis besetzt er im Kulturleben der USA heute etwa dieselbe Nische wie hierzulande Dieter Bohlen oder Jürgen Drews und hat sich als Trash-Ikone und Amerikas liebster Toupet-Träger eine solide Alterskarriere aufgebaut. William Shatner ist in dritter Ehe verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Südkalifornien und Kentucky.

Website

Judith und Garfield Reeves-Stevens schreiben Romane und Drehbücher. Außerdem sind sie Produzenten für Kinofilme und Fernsehserien, Ideenlieferanten für SF- und Fantasy-Games und, und, und … Im „Star-Trek“- Universum zählen die Reeves-Stevens zu den Besten unter den Fließband-Literaten des Franchises. Garfield allein schrieb bisher fünf Thriller, die Elemente der Science Fiction mit der des Horrors verknüpfen.

Garfield und Judith sind kompetente „Star-Trek“-Chronisten, die über die verschiedenen Serien großformatige, sehr informative und unterhaltsame Sachbücher verfasst haben.

Taschenbuch: 404 Seiten
Originaltitel: Captain‘s Peril (New York : Pocket Books 2002)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
http://www.randomhouse.de/heyne

eBook: 730 KB
ISBN-13: 978-3-641-11518-0
http://www.randomhouse.de/heyne

Der Autor vergibt: (3.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Bradbury, Ray – Fahrenheit 451

In einem totalitären Zukunftsstaat sind Bücher verboten. Die Feuerwehr dient nicht dem Löschen von Feuer, sondern dem Verbrennen der gefährlichen Literatur. Einer der Feuerwehrmänner wandelt sich in seinen Ansichten zum Systemgegner, doch der Ausstieg ist gar nicht so einfach, wie er schnell herausfindet.

_Der Autor_

Raymond Bradbury, geboren 1920 (und immer noch quicklebendig!) in Waukegan, Illinois, ist einer der bekanntesten Erzähler der USA, und zwar nicht nur in der Science-Fiction, sondern auch im sogenannten Mainstream. Als Ray 14 Jahre alt war, übersiedelte seine Familie nach Kalifornien, wo er 1938 seinen Highschool-Abschluss machte. Diesen Verlust der Heimat hat er immer wieder thematisiert.

1937 kam er erstmals mit der Science-Fiction-Szene in Kontakt, als er Ray Harryhausen (Film), Forrest Ackerman (Fandom) und Henry Kuttner (Autor) traf. Zum Teil konnte er seine Träume mit ihnen erfüllen. Harryhausen wurde zu einem der größten Trick- und Special-Effects-Könner auf dem Gebiet des phantastischen Films („Kampf der Titanen“ u. v. a.), während Bradbury später als Autor weit über die Grenzen des Genres hinaus bekannt wurde.

Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin („Star Wars Episode V“) Leigh Brackett beeinflusste ihn wesentlich in seiner Entwicklung. 1943 wurde sein Stil poetischer, nostalgisch und zeigte einen Hang zum Makabren. Die damals großen Magazine wie die „Saturday Evening Post“ sollen sich angeblich um seine Storys gerissen haben. Er schrieb für John Huston das Drehbuch zu „Moby Dick“.

In letzter Zeit ist es still um Bradbury geworden, aber von ihm erscheinen immer noch aufwendig gemachte Novellen- und Storybände. Ridley Scott hat in seinem Film „Blade Runner“ eine Hommage eingebaut: Das Hotel, in dem der Showdown stattfindet, heißt „The Bradbury“. Und der Regen fällt wie in Bradburys Story „The Day It Rained Forever“ unablässig.

Seine wichtigsten Werke:

Fahrenheit 451 (1953, verfilmt 1966 von F. Truffaut)
Der illustrierte Mann (1951, verfilmt 1968 mit Rod Steiger, dt. Titel: „Der Tätowierte“)
Die Mars-Chroniken (1946-50, verfilmt 1980 mit Rock Hudson)

_Handlung_

Fahrenheit 451 – oder 232° Celsius – ist die Temperatur, bei der Buchpapier Feuer fängt. Und um Bücher scheint es vordergründig zu gehen. Sie sind nämlich selten – und außerdem ist ihr Besitz strengstens verboten. Wer damit erwischt wird, ein Buch zu besitzen, zu lesen, daraus für andere zu rezitieren, dessen Haus wird mitsamt der Bibliothek abgefackelt. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt, denn die meisten modernen Häuser in dem geschilderten Land sind sowieso feuerfest. Bis auf gewisse Ausnahmen.

Die Jungs, die das Verbrennen besorgen, sobald eine entsprechender Befehl in der Zentrale eingegangen ist, sind natürlich die Feuerwehrmänner. Jungs wie Guy Montag: brav in der Berufsausübung, effizient in der Aktion und vor allem linientreu. Montag ist ein Feuerwehrmann, also Angehöriger des Staatlichen Ordnungsdienstes, der mit seinem „Salamander“ bzw. „Feuerwehrauto“ in den Einsatz fährt, um das Kerosin zu verspritzen.

Als er einmal zu einem Haus gerufen wird und das ordnungsgemäße Bücherverbrennen beginnen soll, weigert sich die alte Hausbewohnerin, ihr Domizil zu verlassen. Doch wie die Pflicht erfüllen? Montags Boss Beatty hat zum Glück keine Skrupel, doch er kommt zu spät. Die alte Dame hat selbst ein Streichholz angerissen und das überall verspritzte Kerosin in Brand gesteckt. Montag ist ziemlich verstört. Etwas kann hier nicht stimmen.

Er lebt in einem totalitären Zukunftsstaat, der sich bemüht, das Denken und Handeln seiner Bürger vollständig zu kontrollieren. Bücherlesen ist ein unkalkulierbarer Risikofaktor. Hauptmann Beatty erklärt es Montag haarklein, immer wieder: |Das Wichtigste ist das Glück, das in der Gemütsruhe, dem Seelenfrieden liegt. Alles andere ist zweitrangig. Was den Seelenfrieden und die allgemeine Ordnung stört, muss eliminiert werden.| Doch wer legt fest, was dem „Seelenfrieden“ förderlich und was schädlich ist? Nun, jedenfalls sind Bücher schädlich und die Dauerberieselung durch multimediale Funkkanäle mit Seifenopern förderlich.

Während sich Montags Frau Mildred bis zur Besinnungslosigkeit von den drei bis zur Decke reichenden Fernsehwänden mit dem staatlichen Unterhaltungsprogramm berieseln lässt, hält es Montag nicht bei solchem Stumpfsinn. Er lernt beim Spazierengehen die 16-jährige Clarisse McClellan kennen. Sie kennt nicht nur Bücher und wie man liest, sondern führt auch, o Wunder, ein reges Familienleben. Durch sie ändert sich seine Einstellung ziemlich grundlegend. Außerdem hat er selbst etwa 20 Bücher mitgehen lassen und in seinem Haus versteckt.

Doch Montags Wandel stößt auf allseitigen Widerstand: Mildred ist zunächst unverständig, dann ablehnend, schließlich denunziert sie ihn. Clarisse McClellan wird mitsamt ihrer Familie abgeführt und getötet. Und Hauptmann Beatty, der linientreue Vertreter der Regierung, liest seinem „Fireman“ Montag die Leviten. Dabei zeigt sich Beatty als ein sehr belesener Zeitgenosse, der sogar Shakespeare auswendig zu zitieren vermag.

Die einzige Hilfe erhält Montag von dem alten Mann Faber, der nicht nur eine Bibliothek sein Eigen nennt, sondern auch ein Elektrobastler ist. Er gibt Montag einen Funkempfänger, den er in die Ohrmuschel stecken kann. So kann er Montag vor kritischen Situationen warnen. Das ist auch vielfach notwendig, denn Montags Wut und Frustration kennt nach Clarisses Tod kaum noch Grenzen. Emotionaler Höhepunkt ist Montags Rezitation des viktorianischen Gedichts „Dover Beach“: „ignorant armies clash by night“ (sehr Kuttner-esk).

|(Achtung: Spoiler!)|

Es kommt zur Katastrophe: Der nächste Einsatz führt zu Montags eigenem Haus. Doch ihm gelingt es, Beatty auszuschalten und zu fliehen. Doch der mechanische Hund ist nun die größte Gefahr: Das künstliche Tier lähmt oder tötet seine Opfer mit einer „Procain“-Spritze, die es aus dem Maul ausfährt. Beinahe erwischt es auch den Fliehenden, bevor er in den Fluss springen kann, der die Stadt von der Wildnis abgrenzt.

In der Wildnis begegnet er Leuten, von denen ihm schon Clarisse erzählt hatte: Jeder der ehemaligen Professoren der Literatur und Philosophie hat ein Buch oder Buchteil memoriert. Diese Erinnerungen sind das Einzige, was von den Büchern übrig geblieben ist. Die Angehörigen der Gruppe, die im ganzen Land Kontakte hat, ziehen umher und verbreiten das Wort denjenigen, die es hören wollen. Es ist sehr passend, dass Montag Teile des Bibelteils „Buch des Predigers Salomo“ erinnert.

Doch kaum ist Montag in die Gruppe aufgenommen, bricht der schon lange erwartete Krieg aus. Flogen bislang nur Düsenbomber über den Himmel, so fallen nun die Wasserstoffbomben. Es ist ein Drei-Minuten-Krieg: kaum begonnen, schon vorbei. Doch danach existiert die Stadt nicht mehr. Und so ist für Montag und Co. die Zeit gekommen, einen Neuanfang zu machen und „das Wort“ zu verbreiten: „und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung der Völker“.

|(Spoiler Ende)|

_Mein Eindruck_

In „Fahrenheit 451“ hat Bradbury Anfang der fünfziger Jahre seine Wut und Frustration herausgelassen. Sein Wutschrei gilt den Massenmedien des 20. Jahrhunderts, die er in Form des frühen Fernsehens bereits aufkommen sah und vor deren vermeintlichen Folgen er warnte. Fernsehen, Popmusik, Massensportveranstaltungen, sogar Comics und Freizeitparks – Bradbury lehnt alles ab, was nicht der Erbauung, sondern nur dem bloßen Vergnügen dient. Deshalb kommt es für ihn einer Todsünde gleich, Bücher, dieses Gedächtnis einer Kultur, verbannen und vernichten zu wollen. Denn er weiß (mit Heinrich Heine): „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch bald Menschen.“ So geschehen in Nazi-Deutschland, über das Bradbury sicher einige Berichte gehört, gelesen oder sogar gesehen hat.

Allerdings ist das Buch, das er geschrieben hat, auch die Litanei eines konservativen, puritanischen Moralisten. Montag macht eine moralische Entwicklung durch, angestoßen durch ein junges, intellektuell erscheinendes Mädchen (Clarisse). Seine Kontrahenten sind seine Frau Mildred und sein Hauptmann Beatty. Bradbury ist regelrecht sexistisch, wenn er Montag seine Frau als „stupid, empty-headed woman“ bezeichnen lässt, wenn sie Seifenopern via Wandfernsehen und Kopfhörersound in sich aufnimmt und darin versinkt. Doch im Gegensatz zu Montag hat sie noch Freunde. Beatty hingegen ist ein aufgeklärter Regimevertreter, der sehr an Winstons Peiniger in Orwells Roman „1984“ (1948) erinnert. Er hat selbst eine Menge Bücher gelesen und heuchelt seine Linientreue lediglich. Um seinen Job zu behalten, muss er allerdings Abweichler wie Montag ausmerzen.

Der einzige Freund, den Bradbury Montag gestattet, ist im Grunde Faber. Dieser „Handwerker“ (von lateinisch ‚faber‘) und Bücherfreund wird Montags Verbindung zum Untergrundnetz. So gelangt er zu den lebenden Büchern, die sich in der Wildnis treffen. Montag wandelt sich hier in Bradburys Ideal: zum Prediger des Wortes, zum Bewahrer der buchbasierten Kultur. Hätte Bradbury sein Buch dreißig Jahre später geschrieben, hätte er sicher gegen Computerspiele und Heimvideos gewettert. (Montag würde heute aber nicht mehr als Wanderprediger auftreten, sondern auch im Fernsehen oder Internet.)

Es ist daher kein Wunder, dass seine Botschaft bei Lehrern und anderen Kulturwächtern gerne gehört wurde. Da die Botschaft in eine unterhaltsame Geschichte mit poetischen Untertönen verpackt ist, stellte sie sich auch mit der Zeit als sehr akzeptabel heraus – nicht nur im Westen, sondern auch in der UdSSR (1956, 1963ff) und in der DDR (1974), wie Erik Simon in einer Fußnote zur |Heyne|-Ausgabe darlegt. Schön, wenn da ein Westler mal gegen die modernen Auswüchse des kapitalistischen Systems wettert.

Bradburys Buch ist daher weltweit in den Bücherkanon und die Lehrpläne aufgenommen worden – nicht nur weil es so schön schmal ist, sondern weil es auch frei von Sex und ähnlich schlüpfrigen Dingen ist. (Natürlich ist Clarisse kein weibliches Wesen; sie spricht ja nicht einmal wie ein Mächen, sondern genau wie Mädchen bei vielen anderen Science-Fiction-Autoren der vierziger und fünfziger Jahre, etwa bei Asimov: hölzerne Phrasen, die allesamt wie Botschaften eines Alter Ego des Autors klingen.) Dass sich darin eine Frau verbrennt und der Atomkrieg ausbricht, scheint nicht weiter schlimm zu sein. Man könnte das Buch ja sonst für harmlos halten.

Als Traktat für Teenager hat diese einfach gehaltene Dystopie sicher ihre Meriten, doch es handelt sich nicht um einen Science-Fiction-Klassiker für Erwachsene. „Fahrenheit 451“ ist zu unausgewogen, als dass man es als ernsthaften Versuch betrachten könnte, mit erzählerischen Mitteln die moralischen Folgen des Mediensperrfeuers, dem Montags Gesellschaft und Heim ausgesetzt sind, umzusetzen und darzustellen. Vielmehr ist Montag von vornherein immun gegen die Medienberieselung, die seine „dumme, hohlköpfige“ Frau über sich ergehen lässt. Er lehnt „Big Brother“ – in jedem Sinne – ab. Das macht seinen Sinneswandel aber nur wenig verständlicher.

_Unterm Strich_

Man sollte das Buch nicht mit François Truffauts Film vergleichen. Und wer die Story des Films ohne weiteres auf das Buch überträgt, begeht einen Fehler. Beide folgen ihren eigenen Gesetzen, verfügen über ihre eigenen Ausdrucksmittel. Die poetische Sprache ist im Film kaum je wiederzufinden, doch die Bilder des Films sagen etwas anderes als das Buch. Ein Vergleich täte beiden Unrecht, deshalb versuche ich das gar nicht.

Wer kann, sollte den Roman im Original lesen, nicht nur wegen der schöneren und genaueren Sprache, sondern auch wegen der Vollständigkeit des Textes. Ist schon die |Diogenes|-Fassung länger als die bei |Heyne| abgedruckte, so erfährt man in der „Encyclopedia of Science Fiction“, dass in den letzten Textfassungen zwei Kurzgeschichten, eine Coda und ein Nachwort des Autors hinzugekommen sind. Das wäre dann die definitive Ausgabe.

Wer wirklich gute Prosa von Bradbury lesen will, der greife zu den „Mars-Chroniken“ und dem „illustrierten Mann“, also sehr frühen Texten. Beide wurde verfilmt.

Bernd Wedemeyer-Kolwe – Der neue Mensch. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

Zur Alternativkultur vor 100 Jahren, der sogenannten „Lebensreform“, gibt es für Interessenten eine Vielzahl von Titeln. Noch nie wurde bislang allerdings diesbezüglich eine Analyse des Bereiches der Sport-, Körper- und Kulturgeschichte aus diesem Zeitraum vorgelegt. Dabei war bis zur Naziergreifung 1933 diese Bewegung neben der Turn- und Sportbewegung in der breiten Bevölkerung sehr erfolgreich. Hunderttausende gehörten bereits zum Übergang ins 20. Jahrhundert zu dieser neuen Bewegung, die zu einem Zentralbegriff des modernen Zeitbewusstseins wurde. Sie war Teil der grundlegenden Lebensreform, die eine neue Welt aufzubauen versuchte, um die sozialen Fragen damit zu lösen. Intern selbst so weit gefächert wie alle anderen Reformbewegungen dieser Zeit, waren die Bezüge zu anderen Gruppierungen, welche den utopischen Gesellschaftsentwurf eines „neuen Menschen“ auf ihren Fahnen geschrieben hatten, ineinander gleitend.

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Nicholls, Stan – Orks, Die

Der „Herr der Ringe“, dessen Verfilmung zahllose Fans begeistert hat, mag ein Grund sein, warum auf einmal die fantasy-typischen Standardbösewichte,

_DIE ORKS_,

sich so großen allgemeinen Interesses erfreuen dürfen.

|Piper| legt mit Stan Nicholls‘ „Die Orks“ einen Sammelband von drei Ork-Geschichten vor, die uns ein Abenteuer aus Ork-Sicht schildern. So erhält man mit dem 800 Seiten dicken Buch eine komplette und abgeschlossene Trilogie!

Der eher unbekannte australische Autor Stan Nicholls schrieb neben den Orks die bisher ausschließlich im englischen Original erschienene „Quicksilver“-Trilogie und die „Nightshade-Chronicles“, die beide klassische Fantasythemen behandeln.

Der Sammelband „Die Orks“ ist ein sehr sauber und solide broschiertes/kartoniertes Buch. Auf dem breiten Buchrücken sowie dem schwarzen Cover ist eine riesige, vermeintliche Ork-Axt abgebildet – ironischerweise die Axt „Snaga“ des Helden Druss von David Gemmell … Darüber prangt der goldene Schrifzug „Die Orks“ – eine sehr gefällige Gestaltung! Eine SW-Karte zeigt den Handlungsort Maras-Dantien, zur Einstimmung beginnt das Buch mit einem alten Orks-Kriegslied, das sehr schön und sich gut reimend übersetzt wurde.

Das Buch besteht aus den Einzelromanen:

Leibwächter des Blitzes (Bodyguard of Lightning)
Legion des Donners (Legion of Thunder)
Krieger des Sturms (Warriors of the Tempest)

– alle von Stan Nicholls, zusammen eine abgeschlossene Handlung bildend.

_Piper-Orks, Heyne-Orks?_

Wer sich wundert, warum „Die Orks“ auf einmal bei |Piper| und nicht wie ursprünglich bei |Heyne| erscheinen: |Heyne| gehört zu der Verlagsgruppe |Random House|, deren Anteil im Fantasytaschenbuchmarkt so groß wurde, dass vom Bundeskartellamt der Verkauf einiger Reihen gefordert wurde. Die Reihe |Heyne Fantasy|, zu der auch „Die Orks“ gehören, erscheint somit neben anderen klangvollen Namen wie Ursula K. LeGuin, Terry Pratchett und Robert Jordans „Rad der Zeit“ nun bei |Piper Taschenbuch|. Optisch wurde nur der Schriftzug des Verlags auf dem Cover der „Orks“ verändert, alle genannten Reihen werden weiterhin erscheinen. Man kann auf die kommende und nun wahrlich opulente Fantasy-Vorschau des Piper-Verlages zu Recht gespannt sein! Weitere Details finden sich in den [Buchwurminfos III/2004]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=19.

_Zur Sache – was mordet Ork in diesem Buch?_

Der von dem Ork Stryke geführte Kriegstrupp der „Vielfraße“ führt auf den Schlachtfeldern Maras-Dantiens einen blutigen Krieg im Namen ihrer halborkischen Königin Jennesta. Die „älteren“ Rassen der Orks, Zwerge und Elfen stehen im Kampf mit den „Spätankommer“ genannten Menschen. War das Land Maras-Dantien reich an Magie, zehrt die Ankunft der Menschen an dessen Substanz, und der Zauber wird immer schwächer. Glaubenskriege zwischen den die älteren Göttern verehrenden „Mannis“ und den an den einen Gott glaubenden „Unis“ prägen das Land von der Kirgizil-Wüste bis zum Hojanger-Ödland im Norden. Dabei kämpfen Menschen und andere Rassen auch untereinander. Die Orks gelten als die besten Krieger Maras-Dantiens, treten jedoch nicht als eigene Nation auf, sondern werden als Leibwächer oder Kriegstrupps von vielerlei Herren angeworben, von den Menschen verständlicherweise weniger.

Eines Tages erhält Stryke den Auftrag, seiner Herrin Jennesta ein besonderes magisches Artefakt zu überbringen. Der Trupp gerät jedoch in einem Hinterhalt, Kobolde können das Artefakt entwenden. Bei der erzürnten Jennesta fällt der Trupp sofort in Ungnade, und sie hetzt ihre Soldaten, Kopfgeldjäger und sogar Drachen den „Vielfraßen“ hinterher …

Stryke erfährt bald mehr über das Artefakt, eines von fünf sogenannten „Instrumentalen“ … Zusammengesetzt werden sie zu einem Objekt großer Macht, das den Niedergang der Magie stoppen und vielleicht sogar die Orks aus der in Strykes Augen unwürdigen Leibknechtschaft befreien könnte.

Auf der Flucht vor Jennesta und der Suche nach den weiteren Instrumentalen stoßen Stryke und sein Trupp mehrfach mit fanatischen Menschen, Zentauren, Fischwesen und allen Arten von Geschöpfen, welche die Fantasyliteratur bisher hervorbrachte, zusammen. Der geheimnisvolle Seraphim sowie die ebenfalls recht widerwärtigen beiden Schwestern Jennestas mischen sich immer wieder in die Geschicke des Trupps ein … bis es zum Showdown zwischen Stryke, seinen „Vielfraßen“ und der bösen Königin kommt.

_Doch keine „echten“ Orks?_

Auch wenn der Klappentext „Ein etwas anderes Fantasy-Epos – mit den Bösen aus J. R. R. Tolkiens |Herr der Ringe| in den Hauptrollen“ verspricht: Die Welt Maras-Dantien ist doch sehr verschieden von Tolkiens Mittelerde!

Die Orks sind nicht ganz so hässliche Kreaturen wie die anscheinend das Zahnersatz-Bonusheft verachtenden Stinkfüße aus dem Herrn der Ringe, die zudem extreme Hautprobleme und miserable Beauty-Berater haben.

Groß, kräftig, wild, tödlich – im Gegensatz zum |Herrn der Ringe| wirbelt hier ein Ork locker drei, vier Menschenkrieger durch die Luft, nicht umgekehrt. Geblieben ist die Denkart: Orks lösen ein Problem direkt – mit dem Schwert und Körpereinsatz. Zimperlich sind sie nicht, im Gegenteil, sie leben erst so richtig auf, wenn Körperteile und Blut nur so spritzen! Vorurteile gegen die geldgierigen Zwerge hegen sie ebenso, was sich in den unterhaltsamen Streitigkeiten des Ork-Feldwebels Haskeer mit dem einzigen Zwerg im Trupp, Feldwebel Jup, zeigt.

Ein Unterschied zum klassischen Ork ist die Disziplin der Vielfraße: Professionelle, gut ausgebildete und schlachtenerprobte Krieger, die vor allem auch |diszipliniert| sind, das sind Nicholls Orks. Trotz dieser Unterschiede bleibt das barbarische Wesen der Orks dennoch weitgehend unangetastet.

Kämpfe gibt es im Verlauf der sehr linearen Storyline zuhauf. Obwohl einige wirklich brutale Dinge wie die Opferungen menschlicher Gefangener durch die halborkische Königin Jennesta, denen sie zu magischen Zwecken das Herz herausreißt (vorher „vergnügt“ sie sich gerne mit ihren Opfern im Bett oder auf dem Altar …) enthalten sind, gehen Gräuel und Fanatismus selten von den Orks aus. So sind menschliche Söldner oder hetzerische Menschen-Prediger die wahren Bösewichte, nicht die gewalttätigen, kämpferischen und etwas dummen Orks.

Die Vielfalt an fantasytypischen Rassen und Figuren, die im Handlungsverlauf auftreten, ist enorm. Für Abwechslung ist gesorgt, auch beschränkt sich die Story nicht nur auf Hauen und Stechen. Der Zwerg Jup darf so z. B. in einer Menschenstadt spionieren, einzelne Truppmitglieder werden geschnappt von ihren Jägern und erleben parallel zum Haupttrupp ihr eigenes Abenteuer. Gelegentlich wird zu Jennestas ebenfalls bösartiger Schwester Adpar und ihrem Kampf gegen die fischartigen Merz umgeblendet. Besonders amüsant ist auch der fanatische Menschenprediger Kimball Hobrow, seine hartherzige Tochter mit dem passenden Namen „Milde“ und die gemeinen Söldner um Micah Lekmann.

Die Kampfszenen sind sehr lebendig und spannend, sogar Drachen tauchen kurz auf, alles was das Herz des Orkfreunds begehrt. Was will man mehr?

Leider können die schöne Aufmachung und der geglückte Versuch, auf der Massenbegeisterungswelle des |Herrn der Ringe| mitzureiten, nicht verbergen, dass Nicholls einfach kein zweiter Tolkien ist.

Neben dem Ork Stryke, der für einen Ork ungewöhnlich schlau ist, zeigen nur die Figuren in seinem Kriegstrupp wie Alfray, Coilla, Jup und Haskeer so etwas wie Charakter. Alle anderen Orks, auch die des Trupps, sind bedeutungs- und weitgehend sogar namenlos. Dasselbe gilt für die anderen Fantasyrassen: Sie werden wie Statisten nacheinander besucht, ihres Artefakts beraubt und abgehandelt. Königin Jennesta wird als ziemlich flacher, böser Charakter dargestellt. Die Menschen werden ganz gut zum Teil als üble Bösewichte geschildert, ohne zu platt zu werden.

Die furiosen Gefechte können nicht über im späteren Handlungsverlauf auftretende Durststrecken hinwegtäuschen. Das von Nicholls selbst erdachte Finale kam bei mir sogar noch weniger gut an als seine oft geradezu zwanghaft in die Handlung integrierten, geklauten Fantasywesen/rassen an. Alles in allem jedoch keinesfalls ein schlechtes Buch. Allerdings auch keine wirkliche Empfehlung.

Eine kleine Leseprobe aus dem orkischen Marschlied am Anfang des Buchs:

|“Wir sahn einen Bauern so fett mit seiner Tochter so nett,
die Spitzen unserer Dolche weckten ihn rau,
er fing an zu stammeln und zu kreischen, gab uns Gold ohne zu feilschen,
die Tochter floh, also brieten wir seine Frau.

Und jetzt, orkische Lumpen, hebt euren vollen Humpen,
in tüchtigen Schlucken sauft das starke Bier,
spießt sie auf im Geplänkel wie von Schweinen die Schenkel,
fett und reich, so sehen wir Vielfraße uns wieder hier!“|

_Fazit_

Für Fantasy-Freunde ein Paradies. Die Ork-Perspektive des Buches weiß zu gefallen. Trotzdem kommt das Buch oft nicht über gutes Mittelmaß hinaus. Wer selten Fantasy liest oder Tiefgang und Anspruch sucht, der wird hier nicht fündig. Da das Buch ein sehr schön gestalteter Riesenwälzer von 800 Seiten ist, stellt es jedoch ein sehr schönes Geschenk für die entsprechende Zielgruppe dar.

|Tipp – oder Warnung (?)|

Dank des großen Verkaufserfolgs der Orks gibt es nun auch die „Zwerge“ und die „Elfen“ sowie Weiteres von Stan Nicholls. Man kann nur hoffen, dass hier nicht auf Kosten bekannter Fantasylieblinge deren Fans mit reihenweise Mittelmaß bombardiert werden. „Die Zwerge“ zumindest kamen bei der Zielgruppe allerdings überwiegend gut an.

Homepage des Autors: http://herebedragons.co.uk/nicholls/

Andreas C. Knigge – Alles über Comics

Mit einer Mischung aus Rückblick und Comic-Biografie setzt „Alles über Comics“ ein: Autor Knigge erzählt unter dem Kapiteltitel „Vom heiteren Fridolin zum kleinen Arschloch. Reise durch ein Comic-Biotop“ von seinem persönlichen Werdegang im deutschen Comicland nach 1945, das von sekundärliterarischer Ignoranz einerseits und hysterischen Treibjagden auf „Schmutz & Schund“ andererseits geprägt wurde, bis sich einige wackere Pioniere daran machten, das Dunkel zu lichten, das über Vergangenheit und Gegenwart des geliebten und gehassten Mediums lastete.

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Lloyd, Alexander – Taran – Der schwarze Kessel

Dieses Hörspiel beruht auf dem zweiten Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

|Der Autor|

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen sprechen zu kommen. Der erste Band sowie Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

|Die Sprecher|

„Der schwarze Kessel“ ist eine Produktion des Südwestrundfunks Baden-Baden aus dem Jahr 2004. Die Hörspielbearbeitung besorgte Andrea Otte, die Dramaturgie Klaus Schmitz, die Regie führte Robert Schoen. Die stilechte Musik trug „der deutung und das ro“ bei, die auch schon woanders in Erscheinung traten.

Die Namen der Sprecher sind mir leider nicht vertraut, eine Ausnahme bieten lediglich Tommi Piper und Christian Redl. Doch die eine oder andere Stimme habe ich bereits in Fernsehproduktionen gehört, so etwa Rolf Schult als deutsche Stimme von Anthony Hopkins. Er spricht den Zauberer Dallben.

Erzähler: Jürgen Hentsch

Taran: Tim Sander

Eilonwy: Natalie Spinell (Aussprache: e’lónwi)

Dallben: Rolf Schult ( da[stimmloses th]ben)

Fflewdur Fflam: Jens Harzer ( flodjir flam)

Fürst Gwydion: Tommi Piper

Gurgi: Joachim Kaps

Doli: Michael Habeck ( dolí)

Adaon: Oliver Stokowski ( a’daun)

Ellidyr: André Szymanski ( echi:dir)

Gwystyl: Carl Heinz Choynski (gwistil)

König Morgant: Christian Redl

Orddu / Orwen / Orgoch: Eva Weißenborn (or[stimmhaftes th]i:, orwen, orgoch)

_Handlung_

Der Waisenjunge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das magische „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Doch die friedlichen Jahre, die auf das Ende seines ersten Abenteuers folgten, haben jäh ein Ende, als sich verschiedene hohe Herrschaften auf dem Gehöft von Dallben und Taran einfinden. Fürst Gwydion hat eine Ratsversammlung beim Zauberer Dallben einberufen. Der Feldherr von Hochkönig Math fordert die anderen Fürst auf, auf eine gefährliche Mission ins Reich Annuvin des Todesfürsten Arawn zu ziehen. Solange Arawn mit Hilfe des magischen schwarzen Kessels weiterhin Zombiekrieger erzeugen könne, werde Prydain nicht sicher sein vor seinem Angriff. Und in letzter Zeit sei Arawn sogar dazu übergegangen, nicht nur Tote zu Kesselkriegern zu machen, sondern auch Lebende, die er einfangen und töten lasse.

Auf dem Feldzug gerät Taran ständig mit dem hochmütigen Prinzen Ellidyr aneinander, der es wirklich auf den „Schweinejungen“ abgsehen hat. Nur Adaon, der Sohn des obersten Barden Taliessin, hilft den Gefährten. Und auch um den Feldzug ist es nicht gut bestellt, denn als Doli, der Zwerg, der sich unsichtbar machen kann, vom Dunklen Tor, dem Eingang zu Annuvins, zurückkehrt, berichtet er, der schwarze Kessel sei gar nicht dort, wo man ihn erwartet habe. Er ist weg!

Doch ein weiterer Zwerg namens Gwystyl beziehungsweise dessen Rabe Kaw wissen, wo sich der Kessel jetzt befindet: in den Marschen von Morva. Und wer wohnt dort? Drei alte Hexen namens Orddu, Orgoch und Orwen, die über Zauberkräfte verfügen. Tarans Gefährten und er selbst entgehen erst dann dem traurigen Schicksal, gefressen oder als Kröten zertreten zu werden, als Taran erwähnt, dass er in der Obhut des Zauberers Dallben lebt. Die drei Hexen erinnern sich sehr gut an das Knäblein Dallben: Sie haben es selbst aufgezogen.

Zwar entdecken die Gefährten den schwarzen Kessel tatsächlich auf dem Grund und Boden der Hexen, doch das nützt ihnen gar nichts. Sie bekommen ihn nur gegen einen hohen Kaufpreis: Taran muss die Spange des Wissens hergeben, die ihm der Barde Adaon in Verwahrung gegeben hatte, als er nach der Schlacht starb.

Doch das ist noch gar nichts gegen den Preis, den der schwarze Kessel für seine Zerstörung fordert: Ein lebendiger Mensch muss freiwillig in den Kessel springen, dieser werde daraufhin zerbersten. Tatsächlich: Hämmer und Stangen richten gegen das magische Monstrum nichts aus, und so müssen ihn die Gefährten durch die Lande zu Fürst Gwydion schleppen, denn der werde schon Rat wissen.

Allerdings haben sie die Rechnung ohne den Ehrgeiz des Prinzen Ellidyr gemacht.

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch lässt sich knapp einer Stunde anhören, und doch hat man das Gefühl, eine ausgewachsene, tief gehende Geschichte erfahren zu haben. Das liegt daran, dass es hier nicht mehr darum geht, Wissen und Gefährten zu erwerben, um schließlich damit den eindeutig erkennbaren Gegner von der Gegenseite zu überwinden.

Diesmal sind die Gegner in den eigenen Reihen zu finden: falscher Ehrgeiz, Ruhmsucht und mehrfacher Verrat vereiteln um ein Haar den Erfolg der Guten, die auf der Seite von Recht und Gesetz stehen. Fürst Arawn tritt überhaupt nicht in Erscheinung, allenfalls seine Häscher, die Kesselkrieger. Und so müssen schon bald die Besten dafür büßen, unter ihnen der kluge, seherisch begabte Adaon. Und obwohl er die nahe Zukunft kennt, überlässt er Taran die Entscheidung, wie man weitermachen will: zurück zu Fürst Gwydion oder doch in die Marschen von Morva?

Dieses Taran-Abenteuer ist sowohl sehr spannend als auch anrührend. Das Fazit, das Gwydion und Taran am Schluss ziehen, ist relativ niederschmetternd: Dies ist also die Welt eines Mannes, eine Welt aus Verrat, Blut, Niedertracht und falschem Ehrgeiz. Kann dies alles sein? Nicht wenn man dem Pfad der Ehre und der Wahrheit und der Liebe folgt, sagt Gwydion.

Doch Liebe hat Taran noch nicht kennen gelernt, allenfalls indirekt durch Adaon. Der war nämlich mit Prinzessin Arian Llyn verlobt, und das Unterpfand ihrer Liebe war eben jene Spange, die Taran für den Zauberkessel hergeben musste und die ihrem Träger seherische Kraft verleiht.

So erwirbt ein Symbol der Liebe ein Werk des Bösen, um dieses der Vernichtung zuführen zu können. Nur ein weiteres Opfer kann die Vernichtung dann auch tatsächlich vollbringen. Doch die Wahl des Freiwilligen fällt ganz anders aus als erwartet.

_Das Hörspiel_

Zur Einstimmung beginnt das Hörspiel mit einem keltisch anmutenden, möglicherweise walisischen Volkslied. Es wird noch des Öfteren im Hintergrund angespielt und stammt von einem Duo mit einem bemerkenswerten Namen: „der deutung und das ro“. Dabei handelt es sich um Tobias Unterberg und Robert Beckmann, die bereits die Hörspielproduktion „Schloss Draußendrin“ unterstützten und bei alternativen Bands wie |The Inchtabokatables|, |Milar Mar| oder |Deine Lakaien| mitmischen. Der Zuhörer mit ein wenig Erfahrung in keltisch inspirierter Folk-Musik fühlt sich sofort in selige Zeiten von |Clannad|-Konzerten zurückversetzt. Wo immer man in Irland, Schottland oder Wales als Tourist hingelangt, kann man diese Art von Musik finden. Denn diese Musik ist nicht einfach Touristenattraktion, sondern ein integraler Teil der Identität der keltischen Völker.

Wir sind also schon mal auf der richtigen Baustelle. Sodann entspinnt sich der erste Dialog zwischen Taran, dem hochmütigen Prinzen Ellidyr und Eilonwy. Wenig später tragen die Abenteuer Taran hinfort, bis zum glücklichen Ausgang. Doch bei den walisischen Namen sollte man die Ohren spitzen. Sie sind für unsere Hörgewohnheiten doch recht ungewöhnlich. Siehe dazu meine Aussprachehinweise oben.

Die Stimmen der Sprecher finde ich sehr passend und angemessen. Es gibt kein Zögern, keine falschen Töne, so dass die Sätze ganz natürlich klingen und nicht, als hätte man sie ein Dutzend Mal geübt. Ich war erstaunt, dass Tommi Piper eine derart tiefe und raue Stimme hat, dass er ohne weiteres die Autorität ausstrahlt, die einem Fürsten wie Gwydion gebührt. Bemerkenswert finde ich, dass ein bekannter Schauspieler wie Christian Redl auch einmal Zeit findet, an einem Hörspiel mitzuwirken. Am lustigsten ist sicher die Stimme der quicklebendigen Prinzessin Eilonwy, die Taran in Grund und Boden plappert.

Zu meinem großen Vergnügen gibt es auch ein komödienhaftes Zwischenspiel: der Aufenthalt bei den drei Hexen. Man kann hier durchaus an Shakespeares „wyrd sisters“ am Beginn von „Macbeth“ denken. Tatsächlich spielen die drei Schwestern die Rolle der |parzen| (Schicksalsgöttinnen). Die stimmliche Umsetzung ist sehr gelungen. Orddu verfügt über ein piepsiges Stimmchen, als wäre sie ein Kind. Orwen hat eine relativ normale, mittel-alte Stimmlage, rollt aber das R ganz vorrrtrrefflich. Orgoch als die Älteste hat eine tiefe und heisere Stimme. Zusammen spiegeln die drei Schwestern die Dreifaltigkeit der keltischen Göttin Morrigan wider: die Jungfrau, die Mutter und die Greisin.

Da dies ein Hörspiel ist, gibt es nicht nur Stimmen, sondern – neben der Musikuntermalung – auch Geräusche. Dazu gehören grunzende, quiekende Schweine ebenso wie reißende Harfensaiten. Ständig ist auch das Krächzen des Raben Kaw (sprich: ka’u) zu hören, der sich Taran anschließt. Ein Hang bricht zusammen, und ein Fluss rauscht. Am Schluss erklingen Schlachtgeräusche, Pferdegetrappel und eine mittlere Explosion – das volle Programm.

_Unterm Strich_

„Der schwarze Kessel“ ist ein spannendes Abenteuer, das bereits mehrere unerwartete Wendungen in Tarans Entwicklung enthält und den Helden reifen lässt. Wir wissen immer noch nicht, wer er in Wahrheit ist: ein Findling, aufgezogen von einem anderen Findling, nämlich Dallben. Angesichts der Weisheit und Gerissenheit des Erzählers ist nun mit allem zu rechnen, wenn es in die nächsten drei Abenteuer geht (siehe oben).

Auch diese Hörspiel-Folge besticht wieder durch Professionalität, spannende Unterhaltung und sehr gute Audio-Ausstattung. Das bezieht sich allerdings nicht auf die Ausstattung der CD: Lediglich ein dünnes Faltblatt liegt bei, das uns mit Informationen versorgt. Wahrscheinlich hat der Verlag zugunsten eines niedrigen Verkaufspreises gespart. Das Titelbild ist aber ebenso schön wie das des Buches (es stammt von Geoff Taylor).

|Umfang: 55 Minuten auf 1 CD|

Interview mit Tobias O. Meißner

_Mit seinem Fantasy-Roman „Das Paradies der Schwerter“ machte Tobias O. Meißner dieses Jahr allerorts Schlagzeilen. Nicht nur die Feuilletons von |FAZ| und |SÜDDEUTSCHE ZEITUNG| sind begeistert, auch aus der SF- und Rollenspiel-Szene kommen zahlreiche lobende Rezensionen. [ALIEN CONTACT]http://www.epilog.de/Magazin/ sprach mit ihm über seine Romane, seine Arbeitsweise und sein nächstes Buch._

_AC:_
Für viele Leser aus der Science-Fiction- und Fantasy-Szene bist du noch ein unbeschriebenes Blatt. Kannst du uns etwas über deinen Werdegang erzählen?

_Meißner:_
Ich wurde 1967 in der Weltstadt Oberndorf am Neckar geboren und bin im Alter von zwei Jahren mit meinen Eltern nach Berlin emigriert. Beruflich wurde ich vor allem von meinem Vater geprägt, der Journalist war. Mit 18 Jahren habe ich selbst angefangen als Journalist zu arbeiten. Danach habe ich Publizistik und Theaterwissenschaften studiert und abgeschlossen. In der Zeit habe ich auch mehrere Praktika gemacht, unter anderem für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen. Dabei habe ich festgestellt, dass Journalismus doch nicht das Richtige für mich ist, weil ich es nicht so gut finde, wenn man innerhalb ganz kurzer Zeit Resultate erzielen muss, weil immer ein extremer Zeitdruck herrscht. Beim Schreiben von Belletristik arbeite ich zwar auch gern mit Deadlines, aber die sind dann schon etwas fürstlicher. Ich hatte bei den Zeitungen immer das Gefühl, dass man unglaublich viel verschenkt, wenn man sehr schnell schreiben muss.

In meiner Freizeit habe ich angefangen zu schreiben, bereits während der Schulzeit. 1990 habe ich mit drei Freunden einen kleinen Literaturklub gegründet, den wir »Deadline Project« nannten. Es ging darum, dass jeder in jedem Monat ein Kapitel einer Geschichte schreibt und es den anderen schickt. Jeder schrieb also einen Text und bekam drei. Nach einem halben Jahr gaben zwei von den vieren als Autoren auf, weil es nicht jedermanns Sache ist, jeden Monat pünktlich ein neues Kapitel liefern zu müssen. Aber die beiden blieben uns weiter als Leser treu, während Michael Scholz und ich als Autoren übrig blieben. Wir beide haben uns gegenseitig immer weiter angestachelt, weil keiner aufgeben wollte. Im Rahmen dieses »Deadline Projects« sind von 1990 bis 1996 meine ersten in sich geschlossenen Bücher entstanden: „Starfish Rules“, „HalbEngel“ und „Hiobs Spiel“, und Michael verfasste „Der Schreiber“, „Revolver“ und „Splitterkreis“. Dabei haben wir gar keine Kontakte zu Verlagen gesucht, das war nicht wichtig für uns. Erst als ich drei fertige Romane in der Schublade liegen hatte, dachte ich, dass es toll wäre, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nämlich den Spaß am Schreiben mit finanziellen Einkünften zu verbinden. Ich habe es zunächst mit „Starfish Rules“ versucht, und es klappte dann auch.

_AC:_
Zu welchen Verlagen hast du den Roman geschickt?

_Meißner:_
Das waren nur sechs oder sieben Verlage. Ich habe mich dabei an meiner eigenen Büchersammlung orientiert, um herauszufinden, welchen Verlagen ich meinen Text anvertrauen würde. Verblüffend früh hat sich |Rotbuch| in Hamburg für das Manuskript interessiert. Ich habe allerdings nicht das Manuskript versendet, weil ich befürchtete, dass es in einer Flut von unverlangt eingesandten Texten untergeht. Stattdessen habe ich eine Art Werbeseite designt, auf der die Schlagworte draufstanden sowie der Satz: »Bei Interesse fordern Sie das Manuskript an.« Rotbuch war der einzige Verlag, der auf diese Werbeseite reagierte und demzufolge auch der einzige, der das Manuskript bekommen hat. Allerdings hat es noch ein Jahr gedauert, bis sie sich durchgerungen hatten, einen völlig unbekannten Autor mit einem derart extravaganten Text zu publizieren. Sie hatten inzwischen drei Gutachten in Auftrag gegeben, die alle begeistert waren.

In diesem Jahr hatte ich an einem Drehbuch geschrieben und an weiteren »Deadline«-Projekten gearbeitet. Danach hatte ich Glück, weil der |Rowohlt|-Verlag die Taschenbuchrechte an „Starfish Rules“ gekauft hat, wovon ich ein weiteres Jahr leben konnte. Leider hatte das Taschenbuch ein entsetzliches Titelbild, das dem Verkauf nicht gerade förderlich war.

_AC:_
Lass uns über das neue Buch reden. „Das Paradies der Schwerter“ ist dein erster Fantasy-Roman …

_Meißner:_
Der erste veröffentlichte …

_AC:_
Wie meinst du das?

_Meißner:_
Ich habe mit Fantasy angefangen. Ich habe zwischen meinem 18. und 22. Lebensjahr ein Buch verfasst, das, wäre es fertig geworden, ungefähr 2000 Seiten umfasst hätte. Ich habe allerdings nach rund 400 Seiten aufgehört, weil ich gemerkt habe, dass es einfach zu lange dauert, wenn ich für die ersten 400 Seiten schon vier Jahre gebraucht habe. Ich dachte mir, ich könnte noch weitere 16 Jahre an diesem einen Buch arbeiten – oder ich beginne lieber kleinere, überschaubarere Projekte. An „Starfish Rules“ habe ich allerdings auch vier Jahre gearbeitet. Jedenfalls habe ich mir damals mit den 400 Fantasy-Seiten einen guten Teil des Handwerks des belletristischen Schreibens selbst beigebracht.

_AC:_
Woher kam dein Interesse am Fantasy-Genre?

_Meißner:_
Eigentlich bin ich kein Fantasy-Fan oder –Kenner. Ich war in meiner Jugend von diesem eigenartigen Zeichentrick-Herr-der-Ringe-Film mehr beeindruckt als von Tolkiens Roman. Beim Lesen von Fantasy-Literatur hatte ich immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt, dass irgendetwas nicht stimmt. Vieles war sehr gestelzt, klischeebeladen oder zu weit weg. Mir fehlte immer irgendetwas, das ich bei anderen Literaturformen gefunden habe. Ich hatte eine eigene Vision davon, wie ich Fantasy anders darstellen würde: den reinen Eskapismus weglassen, die Geschichte grobkörniger gestalten. So ähnlich wie das Verhältnis zwischen einem klassischen amerikanischen Edelwestern zu einem dreckigen Italowestern.

_AC:_
Michael Swanwick hat in einem aktuellen Interview gesagt, dass sich die meisten Fantasy-Autoren damit begnügen, die Staffage zu lernen – also Drachen, Elfen, Zwerge und so weiter – und dabei die Verankerung in der Realität vernachlässigen. Science-Fiction, auch schlechte Science-Fiction, hat diese Verankerung, weil sie eine, wenn auch manchmal minimale, Extrapolation unserer Welt ist. Momentan gibt es aber einen Trend, dass Fantasy realistischer und schmutziger wird. Ein Beispiel dafür ist China Miéville.

_Meißner:_
Ich habe irgendwann aufgehört Fantasy zu lesen, nachdem ich als Jugendlicher von der Ideenvielfalt der Romanheftserie „Mythor“ recht beeindruckt war. Aber ich kam mit dem Schreibstil nicht klar. Das Problem habe ich auch mit anderen Romanheften. Ich finde es schön, wie viele Ideen darin stecken, aber es ist leider so schlecht geschrieben. Da ich nicht weitergelesen habe, ist mir vielleicht auch einiges entgangen. Ich habe noch nie einen Jack Vance oder Fritz Leiber gelesen, Moorcock habe ich mir erst letztes Jahr mal angeschaut. Ich hatte immer den Eindruck, dass alle Fantasy daraus besteht, dass ein böser, dunkler Fürst das Land bedroht und kleinwüchsige Wesen oder Elfen oder Drachenreiter sich verbünden müssen, um diesen bösen Fürsten zu bekämpfen. Ich sah nirgendwo ein Gegenbeispiel. Ich dachte mir immer, dass es so nicht sein dürfte, denn das wäre ja so, als würde jeder klassische Abenteuerroman nur von Musketieren handeln. Aber ich bin wirklich kein Experte für Fantasy. Ich bin sozusagen aus Enttäuschung keiner geworden.

_AC:_
Was war der Anstoß für „Das Paradies der Schwerter“?

_Meißner:_
Da gab es mindestens vier Anstöße. Die brauchte ich auch, sonst hätte ich mich nicht daran gesetzt. Ich wusste von Anfang an, dass es drei Jahre dauern würde, das Buch zu schreiben – 36 Kapitel zu je einem Monat ergibt drei Jahre. Eine der Grundideen für „Paradies der Schwerter“ war, die Allwissenheit und Allmacht des Autors aus der Hand zu geben und eine Handlung zu entwickeln, die vom Zufall bestimmt werden kann, ohne dass das Handlungsgerüst aus dem Ruder läuft. Ich brauchte ein mathematisches Grundsystem, und dafür bot sich ein Turnier an. Ich wurde zum Reporter eines Geschehens, das ich selber nur in Gang gebracht habe, das dann aber aus kinetischer Energie selbst anfing zu rollen und immer schneller wurde. Das erklärt aber nicht, warum es ein Fantasy-Roman geworden ist.

Da ich mit Fantasy angefangen hatte zu schreiben, wollte ich irgendwann zu diesem Format zurückkehren, wenn sich die Gelegenheit bot. Die dritte Idee war, dass ich ein Buch mit vielen Protagonisten schreiben wollte, von denen man nicht weiß, welcher der wichtigste ist. Es sollten mindestens zehn sein – im Buch waren es dann sogar sechzehn –, die die Postmoderne in sich tragen; die auch aus Kulturkreisen stammen, die man eindeutig unserer Welt zuordnen kann und die in eine mittelalterliche Fantasy-Welt vielleicht gar nicht reinpassen. Die aus einem Italowestern, einem Samuraifilm oder einem Blaxploitation-Movie stammen könnten und die ich in dieses Buch hineinwerfen konnte, damit es ein phantastischer Schmelztiegel aus unterschiedlichen Storys und Beweggründen wird. Der vierte Ansatz war, dass ich mit sechzehn Protagonisten unterschiedliche Stilistiken und Blickpunkte anwenden konnte. Ich wollte die Geschichte nicht »von oben« betrachten, sondern für jede Perspektive eine eigene Deutungsweise schaffen. Es sollten Figuren sein, an denen man sich reiben kann.

_AC:_
Du sagtest, dass das Buch auf dem Zufall basiert. Wie ist das gemeint?

_Meißner:_
Ich habe die sechzehn Protagonisten entworfen, habe ihnen nach Rollenspielregeln bestimmte Körperwerte zugeordnet – also Geschicklichkeit, Attacke- und Paradefähigkeiten, Rüstungen – und habe die Kampfbegegnungen ausgewürfelt. Es war also nicht vorher festgelegt, wer gewinnt. Ich habe auch die Paarungen der Kämpfe nicht festgelegt, das ist sehr wichtig für das Buch. Ich habe sie stattdessen ausgelost und live, während ich die Lose aus dem Holztopf gezogen habe, geschildert, wer gegen wen antritt. _[Achtung: In den nächsten Sätzen werden einige Handlungswendungen verraten! Bitte erst „Das Paradies der Schwerter“ lesen!]_ Das ist fast noch wichtiger als die Kampfwerte, weil es bestimmte Konstellationen gibt, in denen zum Beispiel einer, der mit die besten Werte hat, der Degenfechter Cyril Brécard DeVlame, schon sehr großes Pech haben musste, gegen einen der beiden Gegner gelost zu werden, die eine dermaßen starke Rüstung tragen, dass er sie mit seinem Degen kaum verwunden kann. Genau das hat aber das Los entschieden. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hätte DeVlame das ganze Turnier gewinnen können, das Los hat aber entschieden, dass er Pech hat und gleich in der ersten Runde ausscheidet. Ich war sehr begeistert darüber, wie die Lose mitgespielt haben, und dass sie mir auch einige zu klischeehafte Situationen erspart haben – zum Beispiel, dass die beiden Brüder gegeneinander antreten. _[Entwarnung!]_ Ich habe oft das Gefühl gehabt, dass der Zufall ein besserer Autor ist als ich. Es war spannend, damit umzugehen und den Zufall ins Schreiben einzubinden. Oder auch Situationen umzubiegen, die zunächst sinnlos erscheinen. Die Sinnlosigkeit hat auch viel mit dem wirklichen Leben zu tun. Es endet eine Spannungskurve, die man aufgebaut hat, plötzlich ganz abrupt, wie im wirklichen Leben.

_AC:_
Gab es eine Situation, in der du versucht warst zu mogeln?

_Meißner:_
Glücklicherweise überhaupt nicht. Ich hätte auch auf keinen Fall gemogelt. Ich hatte auch meine Freunde aus dem |Deadline Project| als Kontrollinstanz, die auch alle Rollenspieler sind. Der Produktionsprozess war ganz offen, ich habe ihnen meine Würfeltabellen mitgegeben. Es gab ein paar Situationen, von denen ich gehofft habe, dass sie nicht passieren, hätte sie aber als Herausforderung an den Autor begriffen.

_AC:_
Die Kapitel des Buches, insbesondere die Kämpfe, sind unterschiedlich lang. Liegt es daran, dass du an einigen besonderen Spaß hattest?

_Meißner:_
Es hängt direkt mit dem Würfeln zusammen, dass einige Kämpfe schon sehr schnell vorbei waren. Andere Kämpfe zogen sich über mehrere Seiten als Würfel-Zahlentabellen hin, weil beide Kontrahenten jede Attacke des Gegners parierten. Dadurch wird das Kapitel automatisch sehr viel länger. Aber ich habe mir auch die Freiheit genommen, mich vom ganz konkreten Kampfgeschehen zu lösen. Bei der Auslosung habe ich gleichzeitig geschrieben, bei den Kämpfen habe ich nicht während des Würfelns geschrieben. Ich habe also nicht jede einzelne Attacke, die ausgewürfelt war, genau eins zu eins wiedergegeben, sondern habe mir den Kampf erst einmal ganz angeschaut und habe mir dann überlegt, was die Essenz des Kampfes ist. Oftmals habe ich dann auch bereits im ersten Satz der Schilderung eines Kampfes auf die Essenz hingearbeitet. Wenn ich weiß, wer am Ende stirbt, dann habe ich den Kenntnisstand, dass ich diese Figur tatsächlich zum letzten Mal beschreibe und ich hinterher nichts bedauern muss.

_AC:_
Du hättest aber hinterher noch etwas ändern können.

_Meißner:_
Das mache ich nie. Das habe ich beim |Deadline Project| gelernt. Dadurch, dass man an jedem Monatsende die Geschichte sozusagen |in progress| publiziert, also an die Freunde schickt, kann man nichts mehr ändern. Ich habe meine Freunde als Kontrollleser und bete, dass sie keine Fehler finden.

_AC:_
Dadurch setzt du dich als Autor aber auch sehr unter Stress.

_Meißner:_
Ich weiß nicht, wo mehr Stress liegt. Einer der vier Autoren im |Deadline Project| hat nach einem halben Jahr aufgehört zu schreiben, weil er immer wieder am ersten Kapitel Änderungen vorgenommen hat und irgendwann gar nicht mehr dazu kam weiterzuschreiben. Leider ist er uns als Schriftsteller dadurch verloren gegangen, obwohl er tolle Ideen hatte. Diesen Stress der nachträglichen Änderung habe ich mir nie gemacht. Ich schreibe ein Kapitel, und in den letzten Tagen eines Monats überarbeite ich es noch einmal richtig, und dann ist es halt fertig. Ich muss dann nicht noch einmal rückwärts durch das ganze Buch gehen.

_AC:_
Aber du arbeitest sehr konzentriert und in sehr kleinen Einheiten.

_Meißner:_
Ja, ich arbeite konzentriert. Das hängt damit zusammen.

_AC:_
Woher weißt du so viel über Waffen und Kampftechniken?

_Meißner:_
Vieles davon habe ich mir durch unterschiedliche Regelwerke der Fantasyrollenspiele in der Theorie angeeignet. Rollenspiele haben den schönen Aspekt, dass dort versucht wird, Traditionen oder bestimmte Bereiche des Daseins zu simulieren. Es gibt Experten, die dicke Bücher verfassen, wie man bestimmte japanische Waffen oder bestimmte Kampftechniken in Würfelergebnisse übersetzen kann. Diese Arbeit kann ich mir ersparen.

_AC:_
Hast du für das Buch speziell recherchiert?

_Meißner:_
Ja natürlich, ich habe mir aus vielen verschiedenen Quellen Inspirationen für meine Figuren geholt, habe aber auch vieles selbst entwickelt. Ich habe ein inzwischen veraltetes Regelwerk von |Das Schwarze Auge| als Grundsystem benutzt, allerdings dann modifiziert. Ich habe da eine gewisse Erfahrung, mir Regeln auszudenken, weil ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr Spielleiter von Rollenspielkampagnen bin.

_AC:_
Du sagtest, dass das Buch in einer Art Mittelalter spielt.

_Meißner:_
Eher auf einer mittelalterlichen Entwicklungsstufe. Das kann natürlich auch zu einer postapokalyptischen Zeit sein, das habe ich gar nicht festgelegt. Es gibt viele Endzeitgeschichten, die in eine Art Mittelalter zurückfallen. Ich wollte für den Roman nicht festlegen, ob er in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt.

_AC:_
In einigen Rezensionen zu „Das Paradies der Schwerter“ wurde bemängelt, dass der Roman Anachronismen enthält. Die waren dann also Absicht?

_Meißner:_
Das sind keine Fehler, die mir unterlaufen sind, sondern eher Andeutungen, dass das Ganze auch in der Zukunft spielen könnte. Es gibt zum Beispiel den Begriff »an der Nadel hängen«, den man aus dem Mittelalter nicht kennt. Auch Wörter wie »Logistik« kommen vor. Ein solches Mittelalter, wie im Buch beschrieben, hat es ohnehin definitiv nie gegeben.

_AC:_
Welcher der Kämpfer war dein Favorit?

_Meißner:_
Einen Favoriten durfte ich nicht haben. Es wäre fatal gewesen, wenn ich einen gehabt hätte. Der Sinn des Spieles war, genau das zu vermeiden. Normalerweise, in anderen Büchern, habe ich immer einen Protagonisten, aber selbst da sind sie nicht immer meine Favoriten, zum Beispiel in „Starfish Rules“. Anders bei „Hiobs Spiel“; darin ist es offensichtlich, dass ich an Hiob klebe und jede seiner Bewegungen mit einer großen Faszination, manchmal auch mit Abscheu – aber das ist ja etwas Ähnliches – verfolge. Bei „Paradies der Schwerter“ wollte ich genau das nicht.

_AC:_
Auf der Impressumseite steht die Vorbemerkung: »|Paradies der Schwerter| ist der Roman, der in Tobias O. Meißners Neverwake-Zukunft unter dem Titel |Rakuen| veröffentlicht und berühmt wird (siehe Tobias O. Meißner |Neverwake|, Eichborn Berlin, 2001).«

_Meißner:_
Ja. Innerhalb der Neverwake-Chronologie wurde das Buch von einem Autor verfasst, dessen Akronym »Ein Robot.Messias« lautet. Wenn man die Buchstaben von »Ein Robot.Messias« umstellt, kommt dabei Tobias O. Meissner raus. Das muss man dann aber wirklich in „Neverwake“ nachlesen. Es ist nämlich so: Wenn man das Gesamtwerk verstehen will, muss man alles gelesen haben. Auch das unveröffentlichte …

_AC:_
War die Vorbemerkung nur ein Spaß, oder spielt sie für dich eine wichtige Rolle?

_Meißner:_
Es ist insofern wichtig, dass ich zuerst „Rakuen“ geschrieben habe. „Das Paradies der Schwerter“ hieß nämlich ursprünglich „Rakuen“, wurde dann aber aus vertriebstechnischen Gründen umbenannt, weil schon die Teilnehmer der Vertreterkonferenz des Verlages das Wort „Rakuen“ auf die absurdeste Art und Weise verdreht haben, so dass schnell klar wurde, dass im Buchhandel irgendetwas ganz anderes ankommt und es nie gelingen wird, dieses Buch jemandem zu vermitteln. Deswegen habe ich selber als Alternativvorschlag den Titel „Das Paradies der Schwerter“ eingebracht. Also, ich habe zuerst „Rakuen“ geschrieben, und danach erst „Neverwake“, auch wenn die Romane in anderer Reihenfolge erschienen sind. Ich konnte in Neverwake nur deshalb behaupten, dass es dieses Buch gibt, weil ich es schon geschrieben hatte. Daher also die Vorbemerkung.

_AC:_
Du hast so etwas wie einen Schutzengel, und der heißt Wolfgang Ferchl. Als |Rotbuch| „Starfish Rules“ gekauft hat, war er dort als Lektor beschäftigt und hat dich dann zum |Eichborn|-Verlag mitgenommen, wo er Programmchef war. Inzwischen ist er Verlagsleiter bei |Piper|. Welche Bücher sind in diesen drei Verlagen denn noch erschienen?

_Meißner:_
Beim |Rotbuch|-Verlag gab es „Starfish Rules“ und danach „HalbEngel“, ein Roman über Populärkultur und Rockmusik. Bei |Eichborn| hatte ich einen Vertrag über drei Projekte, zuerst „Todestag“, das ich damals noch gar nicht geschrieben hatte. „Todestag“ wollte ich sehr schnell schreiben, es durfte nur drei Monate dauern und hat sich direkt auf die Gegenwartspolitik bezogen. Das zweite Projekt bei |Eichborn| war „Neverwake“. Es sollte eigentlich eine Trilogie werden, aber daraus wird wohl nichts, weil es leider das kommerziell unverkäuflichste meiner Bücher geworden ist. Und zu meiner großen Überraschung war das dritte „Hiobs Spiel“. Keiner hat das Buch jemals verstanden, keiner mochte das Buch, aber Wolfgang Ferchl, mein »Schutzengel«, sagte, es gibt Projekte, die muss man als Verleger einfach bringen. Leider verkauften sich die drei Bücher nicht gar so gut. Wolfgang Hörner, der mich bei |Eichborn.Berlin| von Ferchl übernommen hatte, hat „Das Paradies der Schwerter“ gesehen, als es noch „Rakuen“ hieß. Er war davon überzeugt, und tatsächlich läuft es jetzt besser als alle meine anderen Bücher. Jetzt habe ich ein Angebot von |Piper|, und ich habe das Konzept für einen Fantasy-Zyklus aus meiner Schublade geholt, der zwölf Bände umfassen soll. Ich kann nur hoffen, dass |Piper| wirklich alle Bände bringen wird. Das hängt natürlich vom Erfolg ab.

_AC:_
„Hiobs Spiel“ und auch „Starfish Rules“ haben eine sehr extravagante Typographie. War das deine Idee?

_Meißner:_
Das ist nicht so einfach zu beantworten. In meinem Originalmanuskript ist so etwas schon angedeutet, mit unterschiedlichen Schrifttypen. Dass aber für jedes Kapitel eine eigene Kapitelüberschrift und jeweils eine andere Textgestaltung designt wurde, das hatte ich gar nicht zu träumen gewagt. Ich fand es aber toll. Und sie haben meinen Hinweis befolgt, dass jeder Handlungsstrang in „Starfish Rules“ immer die gleiche Schrifttype hat, was Struktur in das Chaos des Buches bringt. Bei „Hiobs Spiel“ sieht mein Manuskript relativ einfach aus, und ich finde es großartig, was der Designer daraus gemacht hat.

_AC:_
Hattest du Einfluss auf die endgültige Gestaltung?

_Meißner:_
Überhaupt nicht, ich habe nur die fertigen Druckfahnen bekommen, um sie abzusegnen.

_AC:_
„Hiobs Spiel“ ist zum Teil unglaublich brutal. Hat der Verlag darauf reagiert oder etwas verändern wollen?

_Meißner:_
Die Brutalität war nicht das Problem, sondern vielmehr die stilistischen Experimente, die ich in dem Buch gemacht habe; Sätze, die aus ihrem grammatischen Zusammenhang geschleudert wurden und vieles andere, das zunächst für mich ohne Beispiel war. Ich habe versucht, neuschöpferisch mit Sprache umzugehen und einen gewissen schamanistischen Ansatz zu finden. Wenn man ein Buch über Magie schreibt, dann sollte man auch versuchen, wie ein Schamane etwas Magisches in das Buch hineinzustecken. Und das geht bei einem Buch nun mal nur mit Sprache. Ich hatte also irrwitzige Sätze gebaut, die vom Lektorat hinterher herausgenommen wurden, weil sie angeblich unverständlich gewesen wären. Ich finde, dass der schamanistische Charakter des Buches unter dem Lektorat sehr gelitten hat. Andererseits kann man aber auch nicht deutlich genug betonen, dass |Eichborn| den Mut hatte, ein solches Buch überhaupt zu bringen.

_AC:_
Du sagtest, dass das Buch niemand verstanden hat. Ist es dir egal, dass es keiner versteht?

_Meißner:_
Ich glaube, dass ich selber nicht weiß, wie man es richtig verstehen sollte. Es besteht aus sehr vielen Einzelteilen, die viele Bedeutungen haben – zum einen für mich, aber auch historisch bedingt, wofür ich intensiv recherchiert habe. Die meisten Rezensionen wurden dem aber nicht gerecht. In „Starfish Rules“ habe ich ungefähr das Achtfache an Zeit investiert, das ich für meine Magisterarbeit an der Universität benötigt habe. Insofern wäre „Starfish Rules“ rein rechnerisch ein Buch, mit dem man sich acht Universitätsgrade holen könnte. Es steckt nichts Zufälliges drin, auch wenn es auf den allerersten Blick so aussehen mag.

_AC:_
Was ist dein Antrieb, dich jeden Tag an den Schreibtisch zu setzen und weiterzuarbeiten? Ist es der Spaß am Schreiben, oder eher, dass du etwas loswerden musst, das in dir lauert?

_Meißner:_
Der Hauptantrieb ist der Spaß und die Möglichkeit, Kreativität zu verarbeiten, ohne dass einem jemand reinredet. Das ist ganz anders als zum Beispiel beim Filmemachen, wo man auf viel zu viele Leute Rücksicht nehmen muss.

_AC:_
Obwohl du eigentlich schon immer Genreliteratur geschrieben hast – Science-Fiction, Fantasy, Horror – wurdest du vom Fandom nie wahrgenommen. Das ging allerdings auch anderen Autoren so, wie zum Beispiel Dietmar Dath oder Kai Meyer. Liegt das an deinem Anspruch, weil du »literarische« Bücher schreibst?

_Meißner:_
Das mag sein. Das Spannende für mich an meinem neuen Projekt für |Piper| ist, dass ich meine Stilistik sehr weit runterschraube und keine Sprachexperimente mehr mache. Ich möchte, dass das Buch ganz leicht zu lesen ist. Aber gleichzeitig versuche ich, eine extrem komplexe Geschichte aufzubauen, deren Komplexität man im ersten Band noch gar nicht unbedingt bemerkt. Aber ich habe ja das Gesamtprojekt im Kopf, ich weiß, was ich in den zwölf Bänden alles machen werde. Ich kenne bisher nichts Vergleichbares, sonst würde ich es nicht umsetzen wollen. Wenn ein anderer Fantasy-Autor so etwas schon gemacht hätte, würde ich dafür nicht zwölf Jahre meines Lebens opfern. Ich bin ja kein Masochist.

_AC:_
Fürchtest du dich nicht vor dem Berg an Arbeit? Oder dass du zwischendurch das Interesse an der Geschichte verlieren könntest?

_Meißner:_
Gar nicht. Die Herausforderung spornt mich eher an. Der Gedanke, einen so umfangreichen Zyklus zu schreiben, ist etwas Neues, das ich noch nie versucht habe.

_AC:_
Wobei du das Glück hast, dass du den Zyklus in einem Genre schreibst, in dem das möglich ist. Obwohl ich bei den meisten Zyklen nach dem ersten Band keine Lust mehr habe weiterzulesen.

_Meißner:_
Das geht mir genauso, denn ich habe das Gefühl, dass die meisten Fantasyautoren kein Gesamtkonzept haben, sondern einfach nur immer weiter schreiben und sich zu viel wiederholt.

_AC:_
Themawechsel. Welche Rolle spielen Realität und Virtualität für dich?

_Meißner:_
Realität ist ja auch immer virtuell. Ich glaube nicht, dass es eine einzige Wahrheit gibt. Deshalb ist es schwer, Realität zu fassen. Ich bin ein Verfechter der multiplen Perspektiven, und das merkt man meinen Büchern auch an. Es gibt immer sehr viele Figuren, die eine völlig unterschiedliche Sichtweise auf ein und dasselbe Geschehen haben.

Virtualität finde ich leichter zu beschreiben als Realität. Realität ist ein so unüberschaubarer Raum, dass man ihn nicht fassen kann, während man in der Virtualität ein Kontinuum schaffen kann, das vollständig begreifbar ist, weil man es nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten entwickelt hat. Das fasziniert mich auch immer wieder an Computerspielen, denn man kann ein Spiel quasi zu hundert Prozent durchqueren und lösen, was in der wirklichen Welt niemals möglich ist. Die Virtualität hält für einen Geschichtenerzähler immer Möglichkeiten bereit, irgendwo im hintersten Winkel etwas zu verbergen, das vom Leser aber trotzdem gefunden wird.

Ich habe früher sehr viele Computerspiele gespielt, und dann eine Pause von fast zehn Jahren gemacht, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Seit es die PlayStations gibt, spiele ich wieder mehr, zum einen zur Entspannung, aber auch zum kreativen Input. Es ist manchmal eine Art Meditation, durch diese virtuellen Räume zu gleiten oder zu laufen. Oder auch Rennspiele zu spielen, in denen man irgendwann eine Geschwindigkeit erreicht, bei der man nicht mehr nachdenken darf, sondern intuitiv reagiert. All das fasziniert mich sehr. Irgendwann will ich ein Buch schreiben, das man nur noch intuitiv erfassen kann und gar nicht mehr über den Intellekt, aber dafür bin ich wahrscheinlich noch nicht gut genug.

_AC:_
Wir sind sehr gespannt auf deine nächsten Bücher. Vielen Dank für das Gespräch!

|Das Gespräch führten _Hardy Kettlitz_ und _Hannes Riffel_ am 5. Juli 2004 für das Magazin [ALIEN CONTACT.]http://www.epilog.de/Magazin/ Die Veröffentlichung bei |Buchwurm.info| erfolgt mit freundlicher Genehmigung der AC-Redaktion.|

_[Das Paradies der Schwerter]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3821807237/powermetalde-21
von Tobias O. Meißner
|Eichborn.Berlin|
Februar 2004
gebundene Ausgabe
ISBN: 3821807237_

Heinlein, Robert A. – Zwischen den Planeten

Robert Anson Heinlein (1907-1988) hat zweifellos eine ganze Menge bedeutenderer und unterhaltsamerer Romane geschrieben als „Zwischen den Planeten“. Die Karriere des Autors begann 1939 mit der Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in |Astounding Science Fiction|, herausgegeben von John W. Campbell, der viele weitere Storys folgen sollten, ehe ihm der Absprung aus den Pulps hin zum viel beachteten Romanautor gelang, der in den siebziger und achtziger Jahren regelmäßig in den amerikanischen Bestsellerlisten zu finden war. Neben zahlreichen Science-Fiction-Romanen für ein erwachsenes Publikum, wie den allesamt mit dem |Hugo Award| ausgezeichneten „Double Star“ (1956), „Starship Troopers“ (1959), „Stranger in a Strange Land“ (1961) und „The Moon is a harsh Mistress“ (1966) veröffentlichte Heinlein zwischen 1947 und 1963 eine Reihe von Romanen für Jugendliche, zu denen – wenngleich eindeutig zu den qualitativ schwächeren – auch „Between the Planets“ zu rechnen ist.

Don Harvey erhält überraschend ein Telegramm seiner Eltern. Drei Monate vor dem Ende seiner schulischen Ausbildung wird er darin aufgefordert, die Erde zu verlassen und zu seinen Eltern auf den Mars zu kommen. Dieser ist ebenso wie die Venus von den Menschen kolonisiert. Noch bevor er sein Schiff besteigen kann, lernt Don einen der Eingeborenen der Venus, Saurier-ähnliche Wesen, die der Einfachheit halber als „Drachen“ bezeichnet werden, namens „Sir Isaac Newton“ kennen. Aus dem Flug zum Mars wird nichts, da kurz nach dem Start auf der Venus eine Rebellion gegen die irdische Regierung ausbricht: Das Schiff wird abgefangen, Don selbst wird zur Venus gebracht. Eigentlich hält er sich in diesem Konflikt für neutral, sieht er sich doch selbst als Bürger des ganzen Sonnensystems, da sein Vater Erdgeborener ist, seine Mutter eine Venus-Kolonistin der zweiten Generation und er auf einem Raumschiff geboren wurde. Doch einem vermeintlich billigen Plastikring, den er bei sich trägt, scheint eine größere Bedeutung beizukommen, als Don ahnt, was ihn in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen rückt.

Der mageren Handlung zum Trotz liest sich der Roman auch über fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch recht flüssig, was für Heinleins erzählerische Begabung spricht, auch einem mäßig interessanten Stoff noch halbwegs unterhaltsame Seiten abzugewinnen. Damit hat es sich aber weitgehend: Der naive und gleichzeitig völlig von sich eingenommene Protagonist Don stößt dem Leser ebenso sauer auf wie die verschenkte Möglichkeit, die Urzivilisation der Venus detaillierter und nicht gar so oberflächlich zu schildern, wie es hier geschieht. Von der wenig prickelnden, sehr schwarz-weiß und amerikanisch gemalten Kolonisten-Rebellion gegen die obligatorische irdische Diktatur ganz zu schweigen. So bleibt „Zwischen den Planeten“ unterm Strich einer der schwächsten Romane Heinleins, den man ganz sicher nicht unbedingt gelesen haben muss.

Heinleins Jugendbücher in chronologischer Reihenfolge:
1947: Rocket Ship Galileo (dt. Reiseziel: Mond; BL 24293)
1948: Space Cadet (dt. Weltraumkadetten; BL 23220)
1949: The red Planet (dt. Der rote Planet; BL 23214)
1950: Farmer in the Sky (dt. Farmer im All; BL 24286)
1951: Between Planets (dt. Zwischen den Planeten, BL 23263)
1952: The rolling Stones (dt. Die Tramps von Luna; BL 24311)
1953: Starman Jones (dt. Gestrandet im Sternenreich; BL 24220)
1954: Star Beast (dt. Die Sternenbestie; BL 24163)
1955: Tunnel in the Sky (dt. Tunnel zu den Sternen; BL 23201)
1956: Time for the Stars (dt. Von Stern zu Stern; BL 23191)
1957: Citizen of the Galaxy (dt. Bewohner der Milchstraße; BL 23167)
1958: Have Space Suit – will travel (dt. Invasion der Wurmgesichter; noch nicht bei BL, zuletzt 1982 als Heyne TB 06/3862)
1963: Podkayne of Mars (dt. Bürgerin des Mars, noch nicht bei BL, zuletzt 1980/82 als Goldmann TB 23354)
(Zusammenstellung von Gunther Barnewald)

_Armin Rößler_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Camilleri, Andrea – Kavalier der späten Stunde, Der

„Commissario Montalbano wundert sich“ lautet der Untertitel dieses Abenteuers des sizilianischen Originals Montalbano. Denn auch in seiner Heimat hofft man auf das schnelle Geld: Aktien, Spekulanten, Börse – hohe Gewinne verspricht Emanuele Gargano, der „Magier der Finanzen“. Doch nicht lange, denn plötzlich ist er verschwunden … Montalbano muss herausfinden, ob Gargano ein gemeiner Dieb – oder ebenfalls ein Opfer ist.

|Der Autor|

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Marinella, Vigàta und die Provinzhauptstadt Montelusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.)

Ein paar Montalbano-Krimis:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine
– Der Dieb der süßen Dinge
– Das kalte Lächeln des Meeres

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Wie alle anderen Camilleri-Hörspiele kommt auch dieses aus dem Hause des Südwestrundfunks (SWR). Die Hörspielbearbeitung erfolgte durch Daniel Grünberg, Regie führte Leonhard Koppelmann, die Musik steuerte Henrik Albrecht bei.

Den Commissario spricht Gerd Wameling, den Fazio Andreas Pietschmann. Auch Montalbanos Freundin Livia ist mit von der Partie, gesprochen von Frauke Poolmann. Als Erzähler fungiert Horst Mendroch. Es gibt noch etwa ein Dutzend weitere Sprechrollen, doch sie alle aufzuzählen, würde nur verwirren.

_Handlung_

Alles passiert schneller, kommt es Salvo Montalbano vor. Sogar der Sommer scheint ohne Pause in einen kalten Winter überzugehen, so eilig haben es die Jahreszeiten.

Diese Eile der modernen Zeiten hat sich offenbar auch Emanuele Gargano zunutze gemacht. Der Finanzmagier hat mit seiner Agentur „König Midas“ in nur sechs Monaten 15 Millionen Euro aus den Taschen der Rentner in der Umgebung von Vigàta gezogen, sie um ihre Lebensersparnisse gebracht. Dabei brauchte er ihnen lediglich vorzugaukeln, sie könnten bei ihm den schnellen Euro verdienen, bei einer astronomischen Rendite von 20 Prozent.

Nun ist der Ehrenmann Gargano seit vier Wochen verschwunden, und am Zahltag ist der Katzenjammer groß. Montalbano wird herbeigerufen, weil einer der Opas die Nerven verloren hat und mit einem Revolver herumfuchtelt. Der Geometer Garzulo will sein Geld zurück oder er schießt Garganos Sekretärin Mariastella Cosentino. Salvo behauptet unverfroten, der Finanzmagier sei bereits festgenommen worden und man werde das entwendete Geld bald zurückgeben. Er lässt sich den Revolver aushändigen. Wenig später rafft den alten Geometer nach seinem Wildwestauftritt ein Herzinfarkt dahin.

Als Montalbano von seinem Assi Fazio hört, dass Dottore Guarnotta die Ermittlungen im Fall Gargano aufgenommen hat, fällt er vor Lachen fast vom Stuhl. Guarnotta war Immobilienschwindlern auf den Leim gegangen, die das Colosseum in eine Luxuswohnanlage verwandeln wollten! Aus dieser Ecke sind wohl keine weltbewegenden Enthüllungen zu erwarten.

Während er mühselig herausbekommt, wie Gargano das anvertraute Geld veruntreut und ins Ausland geschafft hat, erfährt er, dass sogar die Köchin seines Lieblingslokals |Calogero| ihre Ersparnisse verloren hat. „Sie soll gerächt werden!“ versichert er ihrem Mann nach einem göttlichen Mahl.

Doch aus einer unerwarteten Richtung wirft ihm ein alter Widersacher Knüppel zwischen die Beine. Der Questore, also Polizeipräsident, hat einen anonymen (!) Brief erhalten, der Montalbano der Unterschlagung eines Sparbuchs mit dem Guthaben von 250.000 Euro bezichtigt. Das Sparbuch habe er der tunesischen Prostituierten abgenommen, deren Sohn François er außerdem „gestohlen“ habe. Wütend schickt er dem Questore die Bestätigung über die notarielle Hinterlegung des Sparbuchs, unterschrieben mit „Ein Freund“, der obligatorischen Signatur unter allen anonymen Briefen in Sizilien.

Nun ist Montalbano wirklich sauer. Er sehnt sich nach seinem alten Freund aus [„Der Dieb der süßen Dinge“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=316 an den ihn diese Jahre zurückliegende Geschichte erinnert hat. Doch der Baum ist zu seiner Überraschung gefällt und zum Sterben liegengelassen worden. Das bricht Salvo fast das Herz. Diesen Frevel konnte doch nur der Besitzer des geschmacklosen neuen Landhauses begehen, das hier errichtet wurde, oder? Salvo verwüstet das Haus – die beste Actionszene des Romans.

Am nächsten Morgen erfährt er, dass das Haus dem Gargano-Mitarbeiter Giacomo Pellegrino gehört, der ebenfalls seit Wochen verschwunden ist, angeblich auf einer Mission in Deutschland. Doch eine zweite Sekretärin Garganos, Michela Manganaro, berichtet Salvo, dass Pellegrino nur ein mickriges Gehalt gezahlt bekam. „Außerdem hatten die beiden etwas miteinander“, sagt die verführerische Lady, die zu Salvos Verwunderung keinen BH trägt. „Wer?“ fragt er. „Na, Gargano und Pellegrino waren schwul, verdammt!“ zischt sie und stiehlt sich vom Commissario einen Zungenkuss.

Nach diesen in jeder Hinsicht verblüffenden, ähem, Enthüllungen fährt Montalbano schließlich zu einem Verrückten. Der alte Antonino Tommasino ist zwar schon über siebzig und hat schlohweißes Haar, aber offensichtlich verfügt er noch über alle Tassen in seinem Schrank. Er hat Garganos Wagen am Rand der Klippen in der Nähe gesehen. Und es war um eine ungewöhnliche Tageszeit: Mitternacht!

Als Montalbano sich über den Rand der Klippe beugt und hinabschaut, trifft ihn die Erleuchtung wie ein Blitzschlag. Liegt die Lösung des Rätsels um Garganos Verschwinden etwa am Grunde des tiefen blauen Meeres?

_Mein Eindruck_

Die Verbindungen, die Camilleri zwischen moderner Eile und Spekulantentum herstellt, sind alles andere als beruhigend. Es geht nämlich im ganzen Buch um Wahnsinn.

Wahnsinn nimmt, wie der Autor und sein Held wissen, vielerlei Gestalt an. Mal handelt es sich um die landläufige Verrücktheit, wie sie dem alten Tommasino unterstellt wird, wenn er dreiköpfige Meeresungeheuer gesehen haben will. Doch das ist gar nichts gegen den Wahn, der viele Menschen befallen hat, wenn sie auf die Schnelle ihr Geld vermehren wollen, als ob es ums Ausbrüten von goldenen Eiern ginge. Der Autor kritisiert diese Haltung keineswegs direkt, sondern untersucht vielmehr die Gründe, wie so etwas möglich ist.

Moderne Finanzmagier nennt Montalbano (oder sein Assi) „finanzoman“. Sie kennen das Geld in- und auswendig, sogar wie es isst, vögelt und aufs Klo geht. Sie haben aus dem Internet die aktuellen Kurse von allem und jedem heruntergeladen und jonglieren damit ohne Skrupel. In Nullkommanix haben sie auch dem uralten Tommasino seine Ersparnisse abgeluchst. In Deutschland haben auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase selbst alte Omas ihren Sparstrumpf zur Bank getragen, um Infineon- und Telekom-Aktien („Volksaktien“, was für ein Hohn!) zu ergattern. Die traurigste Form des Wahnsinns.

Und genau das macht Montalbano wütend. Der Wahnsinn, der ihn packt, ist quasi eine Art heiliger Zorn, als er angesichts des gefällten „sarazenischen“ Olivenbaumes, dieses Inbegriffs der Traditionen des Landes und seiner langen Vergangenheit, die neumodische Parodie von einem Landhaus kurz und klein schlägt und mit der Graffiti „Arschloch“ verschmiert. Selbst die Gier nach schnellem Sex, der die verführerische Michela packt, als sie den Commissario überrumpelt, ist harmlos gegen den Wahn der modernen Zeit. Salvo kann damit spielend umgehen.

Ein heiliges Grauen überkommt ihn jedoch, als er in das Haus des Mörders eingeladen wird und sich dort umsieht. Ein Grabgeruch liegt in der Luft. Er fühlt sich an eine William-Faulkner-Geschichte erinnert, in der es um übermäßige Liebe geht, die bis zum Realitätsverlust führt. Und dies, so suggeriert der Autor, ist das Paradigma, mit dem sich all diese Phänomene der modernen Zeit beschreiben (wenn auch nicht erklären) lassen: Realitätsverlust. Ein Verdrängen der Tatsachen, ganz besonders dann, wenn sie voller Schrecken sind.

Dies ist das mittlerweile bekannte Phänomen der „Risikogesellschaft“, die sich an die Bedrohung ihres eigenen Untergangs schon so gewöhnt hat, dass sie die Gefahr nicht mehr wahrnehmen |will|. So wie der Frosch, der normalerweise aus dem heißen Wasser springen würde, es nicht tut, wenn das Wasser, in dem er schwimmt, ganz langsam erhitzt wird. Geduldig lässt er sich zu Tode kochen. —

Und Montalbano? Er erlaubt sich bittere Scherze: Er gibt Dottore Guarnotta einen guten Tipp, indem er sich als General Jaruzelski aus Polen ausgibt, und lauscht am „Herzen“ des gefällten Olivenbaums, als sei er ein Kind an der Brust eines Sterbenden. Erst als seine Freundin Livia ihn besucht, lässt er seinen Tränen freien Lauf: „Gott sei Dank!“ Liebe – der süßeste Wahn von allen.

|Das Hörspiel|

Wieder gibt es ein paar Highlights, die von den Sprechern kommen. Da ist gleich am Anfang der wunderbar knorrige Akzent der Figur des Geometers Garzulo, der ich leider keinen Sprecher zuordnen kann. Das Gleiche gilt für den „verrückten“ Antonino Tommasino. Das sind wahrlich Charakterstimmen, wie sie in einem sizilianischen Hörspiel keinesfalls fehlen dürfen. Schon gar nicht, wenn es um Wahnsinn geht.

Wie vernünftig klingen dagegen die Stimmen von Montalbano (wieder einmal Gerd Wameling) und Fazio (Andreas Pietschmann) und Mimi Augello (Max Volkert Martens), der eigentlich heiraten wollte, aber nun nicht darf. Der Frauenentzug werde ihn entweder umbringen oder in den Wahnsinn treiben, meint er launig. Ohne Sex kann offenbar auch Michela nicht leben, denn sie macht sich ohne Umschweife über Salvo her. Mit großem Erfolg.

|Geräusche|

Die Geräusche sind sehr realistisch gestaltet, insbesondere die Autos. Sie quietschen, hupen, dröhnen, in fast jeder zweiten Szene. Dafür erklingt das Klicken einer Schreibmaschine im Kommissariat relativ penetrant in seiner endlosen Wiederholung. Erstaunlich, wie so ein leises Geräusch so stark ablenken kann. Besonders gelungen fand ich die Unterwassergeräusche und das Plätschern der Meereswellen. Hier hat der Toningenieur tief ins Archiv seiner Samples gegriffen.

|Musik|

Wie bei jedem Camilleri-Hörspiel ist die Musik von großer Bedeutung, und allzu oft scheiden sich an dem, was Henrik Albrecht beisteuert, die Geister. Denn die Musik dient hier nicht wie in anderen Hörbüchern nur zur Trennung von Szenen (Punktuation), sondern ist eine integrale Stütze der Szene hinsichtlich der Stimmung, die vermittelt werden soll.

Die Musik wechselt von unterschwelliger Spannung zu actionbetonender Dynamik, von komödiantischer Heiterkeit bis zur sinnlichsten Verführung. Man kann darüber streiten, ob beim Einsatz der romantischen Geigen nicht zu dick aufgetragen wird. Aber angesichts der Ironie zahlreicher Szenen ist das zu verschmerzen, wenn man sie nicht zu ernst nimmt. Insgesamt fand ich die musikalische Untermalung angemessen. Sogar einige sizilianische Weisen meine ich ausgemacht zu haben, wenn ich mich an Coppolas „Pate“-Filme erinnere. Sehr passend.

_Unterm Strich_

Der Autor attackiert das Unwesen des Spekulantentums und der Finanzhaie, die sich in Berlusconis Bella Italia zunehmend ungestraft bedienen dürfen (solange sie nicht dessen Cäsarenimperium in die Quere kommen). Camilleri hängt dieses Brigantentum aber an einem größeren Zusammenhang auf: dem Wahnsinn der modernen Zeit, die sich in Eile, schnellen Gewinn und Realitätsverdrängung flüchtet, um eben die obengenannten Verbrechen sowie die globale Misere zu vergessen – gibt es kein Morgen mehr?

Das Hörspiel arbeitet die wichtigsten Handlungsstränge sauber heraus, ohne die Stimmung zu vernachlässigen, die mit den einzelnen Begegnungen verbunden ist. Die Sprecher beiderlei Geschlechts sind sehr kompetent und mitunter sogar echte Originale mit knorrigem Akzent. Die Geräusche sind durchaus realistisch, manche sogar derart, das man sich in das Ambiente des Handlungsortes versetzt glaubt. (Ich frage mich, wie das erst auf einer DVD mit DD-5.1-Sound klingen würde.) Die Musik von Henrik Albrecht unterstützt die Stimmung der Szenen kompetent, manchmal übertreibt sie es auch ein wenig.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung von Christiane von Bechtolsheim, die mitunter mit sizialianischen Dialektausdrücken zu kämpfen hat, ist einwandfrei. Im Hörspiel sind natürlich die Erklärungen für die Gerichte, an denen sich Salvo gütlich tut, nicht zu sehen – sie stehen stets am Schluss eines Montalbano-Romans. Doch der Hörspielbearbeiter Daniel Grünberg hat versucht, wenigestens minimale Erklärungen einzuflechten. Das ist aber meist nur ein schwacher Ersatz für die lange Erläuterung im Buch.

Von der Übersetzerin stammt wohl auch der deutsche Titel, der das ursprüngliche „Der Geruch der Nacht“ (L’odore della notte) ersetzt. Wenn man den Schluss kennt, nimmt der deutsche Titel eine eigenartig makabre Bedeutung an.

|Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs|

Iris Johansen – Das verlorene Gesicht

Johansen Gesicht Cover 2001 kleinDas geschieht:

Eve Duncan ist Spezialistin für computersimulierte Alterungsprozesse im „Nationalen Zentrum für verschwundene und missbrauchte Kinder“ in Arlington, US-Staat Virginia. Ihre Fachkenntnisse ermöglichen es, über einem Totenschädel das verschwundene Gesicht eines Opfers quasi neu erstehen zu lassen. Diese Mischung aus Wissenschaft und Kunst wird von der Justiz und den Polizeibehörden oft in Anspruch genommen. Sie hat sich ohnehin in einen Workaholic verwandelt, nachdem ihre kleine Tochter einem geistesgestörten Kindesmörder zum Opfer fiel.

John Logan ist ein amerikanischer Selfmade-Millionär. Er verdient viel Geld in der Hardware-Branche, nutzt aber sein Vermögen und seinen Einfluss auch, um in der Politik seines Landes mitzumischen. Dabei ist er einem Komplott auf die Spur gekommen, das ganz oben in der US-Hierarchie anzusiedeln ist und die Person des Präsidenten selbst in ein sehr schiefes Licht rückt. Wer regiert die letzte Großmacht dieses Planeten wirklich? Iris Johansen – Das verlorene Gesicht weiterlesen

Rollins, James – Sub Terra

McMurdo Base, eine Forschungsstation der US-Navy, auf Ron Island und unweit des Mount Erebus an der Antarktisküste – oder eigentlich darunter, ganze drei Kilometer sogar. Dort wurde ein gigantisches System unterirdischer Kavernen entdeckt; allein die Haupthöhle weist einen Durchmesser von acht Kilometern auf. Aber es kommt noch toller: Die Spähtrupps der Navy stießen auf Artefakte, die zwar primitiv, aber eindeutig einer intelligenten Zivilisation zuzuordnen sind. Datiert wurden sie auf ein stolzes Alter von 5,2 Mio. Jahre, und nun wird es unheimlich, weil sich der Mensch erst eine Million Jahre später zu entwickeln begann.

Da es in der unterirdischen Düsternis nichts gibt, auf das sich schießen ließe, ist nun der Zeitpunkt gekommen, wissenschaftliche Hilfe von außen anzufordern. Das chronische Misstrauen der Militärs – vielleicht findet sich da unten ja etwas, mit dem sich die vielen Feinde Amerikas noch besser in Schach halten lassen – bringt den Geologen und Vulkanologen Dr. Andrew Blakely ins Spiel. Er arbeitet ohnehin schon unter McMurdo für die Navy – da kann er wohl auch eine Expedition planen und mit anerkannten Fachleuten besetzen.

Professor Ashley Carter, Paläoanthropologin und Archäologin, gräbt gerade in Neumexiko alte Indianersiedlungen aus, als sie der Ruf aus der Antarktis erreicht. Sie sagt zu, bringt aber ihren elfjährigen Sohn Jason mit. Der Australier Benjamin Brust, Ex-Soldat und Höhlenforscher, organisiert den eher Körpereinsatz erfordernden Part der Kletterei; das Team wird komplettiert durch noch einen weiblichen Professor – die Biologin Linda Furstenberg aus Kanada -, Khalid Najmon, Geologe ägyptischer Herkunft, sowie Major Dennis Michaelson und zwei kernige Marines, die offiziell für die Logistik des Unternehmens, aber außerdem für den Schutz der Wissenschaftler zuständig sind. Denn der recht zwielichtige Blakely hat seinen Forschern eine kleine, aber wichtige Tatsache verschwiegen: Sie sind nicht das erste Team, das sich in die Tiefe wagt. Ihre Vorgänger sind allerdings spurlos verschwunden – und mit ihnen immer wieder Soldaten, die sich ein Stück zu weit ins Unbekannte gewagt hatten. Die Menschen sind ganz sicher nicht allein hier |sub terra|, und sie werden keineswegs gastfreundlich empfangen. Als ob dies nicht genug der Gefahr sei, entpuppt sich dann auch noch einer der Forscher als fanatischer Terrorist, der sicherstellen soll, dass sich die verhassten USA nicht auch noch unter der Erdoberfläche breit machen …

Dreimal geraten, liebe Leser, wer das wohl sein könnte aus unserer Runde! Nun ja, einmal wird wohl reichen (dazu unten mehr) – und damit wissen wir schon, wessen Geistes (Findel-)Kind der Roman „Sub Terra“ ist. Der Doktor und das liebe Leservieh … James Rollins alias James Clemens, geboren 1961 in Chicago, Illinois, als James Czajkowski, Doktor der Veterinärmedizin, vulgo Tierarzt, im kalifornischen Sacramento, dazu Reisender und Geschichtenerzähler – ein Lebenslauf, wie ihn die US-Amerikaner lieben, suggeriert er doch Weltläufigkeit und dass in diesem Land jedermann berühmt und reich werden, wenn er (oder sie) sich nur recht eifrig darum bemüht.

Die Qualität dessen, was dabei das Licht der Welt erblickt, ist von sekundärer Bedeutung. In unserem Fall ist das einleuchtend, wenn wir Dr. Czajkowski lauschen, wie er in Erinnerungen schwelgt an die schöne Zeit, als er mit der Linken hustende Dobermänner kurierte und mit der Rechten „Subterranean“, seinen Romanerstling, niederschrieb: drei Seiten an jedem schönen Tag, den der Herr werden ließ, nicht mehr, nicht weniger, bis das Werk getan. (Diese und weitere Informationen zur Person und zum Werk des James Rollins liefert die Website www.jamesrollins.com, die sich allerdings mit demselben Adjektiv wie das schriftstellerische Potenzial ihres Herrn beschreiben lässt: dürftig.)

Diese ungewöhnliche Art der Schriftstellerei bedingt natürlich gewisse Einschränkungen. Um den Tagesdurchschnitt von drei Seiten nicht zu gefährden, gilt es beispielsweise auf jeglichen Ehrgeiz zu verzichten, sein Werk um den Faktor Originalität zu bereichern. Wozu denn auch, steckt doch die Welt des Abenteuerthrillers voller erprobter und bewährter Szenen und Figuren, die förmlich danach schreien, dass sich ein fix und ökonomisch arbeitender Schreiber(ling) ihrer bedient.

Oder wollen wir männlichen Leser etwa behaupten, wir verfolgten nicht gern – in allen Ehren selbstverständlich – die Abenteuer der 2.004ten schönen Frau, die auf den Spuren Lara Crofts die Unterwelt der Antarktis erobert? Wir müssen uns da keine Vorwürfe machen, ist diese Ashley Carter doch nicht nur hübsch, sondern auch schlau und eine gute Mutter obendrein, so dass sie politisch völlig korrekt bewundert werden darf. Sicher, das Treiben ihres Sprösslings – einer Nerven sägenden Heimsuchung, die das Disney-Studio geschickt haben könnte – lässt insgeheim den Wunsch aufkommen, ein gütiges Schicksal – vielleicht in Gestalt eines hungrigen Höhlenbären? – möge ihn möglichst rasch aus dem Geschehen reißen, aber schließlich muss Autor Rollins schon eine zukünftige Verfilmung bedenken, und da ist eine Identifikationsfigur für die eintrittskartenkaufende US-Teenagerschaft unbedingt erforderlich.

Aber keine Sorge: Guter, altmodischer Abenteuer-Machismo manifestiert sich in der Figur des Australiers Benjamin Brust, der eine Art Stalaktite Dundee gibt und noch in lebensbedrohlicher Notlage die Muße findet, die unbemannte Ashley ordentlich zu bebalzen (was sich auch die moderne Frau des 21. Jahrhunderts insgeheim ganz gern gefallen lässt, wie Rollins mit einem Augenzwinkern deutlich macht). In Reserve hält sich Frau Nr. 2, Linda Furstenberg, der aber eher die Rolle der schwarzhaarigen Verderbnis zugedacht wurde, die ein übles Ende nimmt: In dieser Geschichte ist nur Platz für eine Heldin.

Klassisch auch die Schurkenrollen: Mit falschem Lächeln zieht Dr. Blakely – intrigant, egoistisch, ehrgeizig: kein vom Wissensdurst beseelter Forscher, sondern ein Politiker eben – feige hinter den Kulissen die Fäden. Fürs grobe Tücken vor Ort (Belügen & Bedrohen der Helden, Bestehlen & Umbringen der Eingeborenen, Versündigen gegen Mutter Erde etc.) ist Khalid Najmon zuständig, dessen Namen im Ohr des wachsamen Durchschnittsamerikaners verdächtig nach Ausland und Nahem Osten klingt. (Ägypten? Ist das nicht die Hauptstadt des Iran?)

Bleiben noch der stramme Major Michaelson und seine beiden Mannen, harter Kern in stählerner Schale, mutig und dringend erforderlich, um die gar zu sorglosen Wissenschaftler zu ihrem eigenen Besten vor den Gefahren der Finsternis zu schützen. Außerdem gilt es uramerikanische Interessen zu vertreten: Wo kämen wir denn dahin, wenn am Mittelpunkt der Erde ein anderes als das Sternenbanner wehte? Hei, da kommt patriotischer Stolz auf, wenn tapfere Marines den Polar-Morlocks tüchtig in die Ärsche treten! Ach, wenn das mit den Iranern (Libyern, Kubanern u. a. Strolchen) doch auch nur so einfach wäre!

Der Blick auf die Handlung zeigt indes, dass mit den oben beschriebenen Protagonisten genau die richtigen Personen „Sub Terra“ gegangen sind. Was in der Theorie paradox klingt, weiß Autor Rollins wunderbar zu realisieren: Geografisch geht es klaftertief hinab, während die Geschichte durchweg flach bleibt. Hier Jules Vernes wunderbare [„Reise zum Mittelpunkt der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=325 („Voyage au Centre de la Terre“, 1864) als Vorbild zu nennen, zeugt von einem gut ausgebildeten Selbstbewusstsein – oder kündet vom dreisten Versuch, den zögerlichen Buchladen-Besucher zwecks Kauf des Bandes zu überrumpeln. Parallelen gibt es in der Tat: Auch Vernes Forscher sind Papier gewordene Klischees. Allerdings fand ihre Reise vor fast anderthalb Jahrhunderten statt. Inzwischen hat sich in Sachen Figurenzeichnung und -entwicklung einiges getan – oder eben nicht, wie Rollins hier deutlich macht. Es reicht nicht, sich populärwissenschaftlich auf den aktuellen Stand zu bringen. Natürlich ist es richtig, dass es dieses Mal nicht mehr zum Mittelpunkt der Erde hinab geht, weil wohl heute selbst dem dümmsten Zeitgenossen klar ist, dass dieser einen glühenden, flüssigen und deshalb ziemlich unzugänglichen Kern bildet.

Ein bisschen Realität braucht auch ein Phantastik-Garn wie „Sub Terra“. Auch ein gewisser naiver Charme in Form und Inhalt schadet nicht in einem Genre, dessen Autoren kaum um den Nobelpreis für Literatur zu buhlen pflegen. Doch Rollins übertreibt es bzw. versucht erst gar nicht, Bekanntes wenigstens zu variieren, Das Ergebnis ist spannend dort, wo reine Aktion die Szene bestimmt. Rollins Darstellung einer exotischen Höhlenwelt tief unter der Erde hat ganz sicher ihre Reize. Doch sobald seine Protagonisten auf der Bildfläche erscheinen und womöglich auch noch den Mund aufmachen, ist der Zauber verflogen.

„Sub Terra“ ist ein Debütwerk und muss deshalb mit einer gewissen Nachsicht beurteilt werden. Allerdings lassen Rollins Nachfolgewerke nicht die geringste Tendenz erkennen, die oben beschriebenen Probleme in den Griff zu bekommen. Wie könnte dies auch geschehen, da es doch erklärtes Ziel des Verfassers ist, die lesende Welt mit mindestens einem Abenteuer/Mystery-Thriller und einem Fantasy-Roman – in Deutschland veröffentlicht Rollins als James Clemens die Serie „The Banned and the Banished“ – pro Jahr zu beglücken? Der selbst auferlegte Arbeitsdruck führt denn auch dazu, dass „Excavation“ (1999; dt. „Das Blut des Teufels“), „Deep Fathom“ (2000; dt. „Im Dreieck des Drachen“) und „Amazonia“ (2001, dt. „Operation Amazonas“) unter den bekannten Schwächen leiden.

Da „Sub Terra“ erfreulich preisgünstig erstanden werden kann, ist ein Kauf trotz der beschriebenen Mankos kein Fehler, wenn man einfach nur (irgendwie) und ohne jeden Tiefgang unterhalten werden möchte, was ja manchmal auch ganz angenehm ist.

Pelecanos, George P. – King Suckerman

Am Anfang drei Fragen: Gibt es wirklich einen Film, der „King Suckerman“ heißt? Spielt Sean Combs („P. Diddy“) darin eine Hauptrolle? Was hat dieser Krimi damit zu tun? Antworten kommen bald, zuvor noch einige Basis-Infos:

„King Suckerman“ ist 1997 als sechster Roman des amerikanischen Autors George P. Pelecanos erschienen und wurde 2000 als deutsche Übersetzung bei |Dumont| veröffentlicht (als |Dumont Noir|–Taschenbuch Nr. 16).

_George P. Pelecanos_

Wie der Name schon vermuten lässt, ist er griechischer Herkunft, allerdings in Washington DC geboren (1957) und dort auch aufgewachsen. Er lebt immer noch dort, heute indes mit Frau und drei Kindern in Silver Springs (formal Maryland, aber eigentlich ein Teil von Washington). In seiner Jugend hat er viel Basketball gespielt (mit 16 sogar in der Freizeitmannschaft, die die Stadtmeisterschaft gewann). Nur logisch, dass da fast jedes seiner Bücher auch ein Basketball-Nebenthema hat.
Als Krimi-Autor fühlt er sich (wie so häufig) von Hammet und Chandler angeregt, wichtigste Inspirationen waren ihm zu Beginn seiner Laufbahn allerdings James Crumley und Kem Nunns „Tapping the Source“. Von seinen Kollegen mag er besonders Michael Connelly und Dennis Lehane (beide wirklich sehr zu empfehlen).
Pelecanos ist nicht bloß Krimi-Schreiber. Er hat mal Schuhe verkauft, leitete eine kleine Ladenkette für Unterhaltungselektronik und später auch die Produktionsfirma Circle Films, die u. a. sämtliche der frühen Filme der Coen-Brüder produziert hat – „Blood Simple“, „Raising Arizona“, „Miller’s Crossing“ und „Barton Fink“. Pelecanos war es auch, der John Woo (u. a. „Face/Off“) nach Amerika holte. Heute verdient er sein Geld zu etwa gleichen Teilen mit Krimis und mit Fernsehen. Er veröffentlicht ungefähr ein Buch pro Jahr und ist Produzent der recht erfolgreichen TV-Serie „The Wire“ auf HBO.

_Washington DC, Sommer 1976_

Die 200-Jahr-Feier der USA steht an. Es ist heiß. In den Kinos läuft gerade ein weiterer Blaxploitation-Film los, „King Suckerman“ (fiktiver Titel). Aus dem tiefen Süden kommt ein seltsames Verbrecher-Häuflein nach DC, um einen größeren Drogendeal zu machen: Wilton Cooper, schwarz, ultrahart, Berufsverbrecher, ultraböse. Bobby Roy Clagget, ein unterbelichteter dürrer weißer Bengel, der am liebsten ein richtig harter böser Neger wäre und gerade den Besitzer eines Autokinos abgeknallt hat (weil der ihn so komisch anglotzte). Dazu Ronald und Russell Thomas, zwei schwarze Brüder an der Grenze zwischen massivem Schwachsinn und Tollwut, mordgeübt, mordlustig, mordbereit.

Hier sind sie nun in DC und holen sich Informationen bei einem lokalen Dealer, der sich nebenbei auch noch als Hehler betätigt. Cooper und Clagget treffen ihn, und treffen dabei auch auf zwei andere Gäste, die eher zufällig da sind. Das sind die wesentlichen Helden, beide Ende zwanzig:
Marcus Clay, groß, schwarz, ehemaliger Basketballer, in Vietnam gewesen, jetzt Eigentümer eines Plattenladens („Real Right Records“). Er liebt die Musik von Curtis Mayfield, seine Freundin Elaine, seinen 72er Buick Riviera und immer noch den Basketball. Außerdem kann er hart zuschlagen, aber nur, wenn es sein muss.
Dimitri Karras, sein bester Freund seit Kindertagen, auch groß und Hobby-Basketballer, Grieche (dritte Generation). Karras war mal auf dem College, hat sogar Kurse dort gehalten, doch seit einigen Jahren beschäftigt er sich vorwiegend mit den Frauen und arbeitet nebenher noch ein wenig als kleiner Drogendealer, verkauft Hasch und Tabletten an College-Kids. Nicht dass er deswegen auf der Seite des Bösen stünde.
Heute sind sie beide hier, um wieder mal ein wenig Stoff zu holen, Marcus ist nur dabei, weil sie gemeinsam noch zum Freizeit-Basketball fahren wollen.

Es kommt zum Streit mit Cooper und Claggett. Wenn die beiden mit ihren grenzdebilen Schießfreunden das Drogengeschäft erledigt haben (zusammen mit einer ganzen Rockerbande), dann wollen sie zurückkommen und auch Clay und Karras erledigen. Es wird viel Blut geben. Am Ende einen großen Showdown während des 200-Jahr Feuerwerks. Marcus und Dimitri, gestützt durch die Hilfe einiger alter und neuer Freunde, werden überleben – nicht ohne Verletzungen.

Eine harte Geschichte, dichte Atmosphäre, viel Blut und Gewalt. Einige kleine Nebenplots, die auf andere Bücher Pelecanos‘ verweisen. Tief verwurzelt in der Story die Moral: Freundschaft, Familie und Eigentum sind lebenswichtig und zu schützen, egal was an sittlichen Verfehlungen sonst so anfällt. So gesehen eigentlich recht konservativ, wie so ziemlich jeder gute „hard boiled“-Krimi. Dazu aber auch viel Musik der Zeit, coole Autos und, ganz wesentlich, interessant gebrochene Charaktere. Diese Leute, die Guten vielleicht etwas eher als die Bösen, wirken glaubhaft. Insgesamt liest sich „King Suckerman“ sehr flüssig und schafft es, mich als Leser von Beginn an zu fesseln. Nein, diese Story lässt sich nicht so einfach weglegen (und das Buch hat nicht zu Unrecht einige Preise gewonnen).

_Zum Schreibstil_

„King Suckerman“ bietet |Creative Writing| der Oberklasse (auch wenn Pelecanos das nie ausdrücklich gelernt hat). Schnell, direkt, plastisch, fast schon filmisch. Die filmische Struktur wird immer wieder deutlich, häufig springen den Leser beinahe fertig ausgearbeitete kleine Filmszenen an. Ich denke beim Lesen: Das Ding muss doch schon verfilmt sein, und einen Soundtrack müsste es doch auch geben …

Ganz wichtig für den Genuss dieses Krimis (wie der anderen Pelecanos-Bücher) sind die präzisen und profunden Milieukenntnisse. Ob das die Schilderung der Umgebung ist, der Kleidung, der Musik, der Bewegungen, alles stimmt bis ins Detail. Ganz besonders gilt das für den Dialog. Und hier offenbart die deutsche Übersetzung dann doch erhebliche Schwächen. Ich muss zugeben, diese Schwächen erst richtig gesehen zu haben, nachdem ich mir im Anschluss an „King Suckerman“ andere Bücher von Pelecanos auch mal im Original durchgelesen habe (es gibt ja längst nicht alles von ihm auf Deutsch).
Sämtliche Figuren werden da glasklar durch ihre Sprechweise charakterisiert, nicht bloß die schwarze Ghettosprache wird sauber abgebildet, bis in die letzte Nebenfigur stimmen Akzent und Wortwahl (soweit ich das mit amerikanischen Verwandten und mehrjähriger Ostküsten-Erfahrung beurteilen kann). Hier kommt das Deutsche einfach nicht nach, irgendwelche deutschen Sprachmuster einfügen zu wollen, wäre auch fatal. Auch die immer wieder eingewobenen Songtexte und Basketball-Referenzen verlieren durch die Übersetzung doch deutlich an Energie. Das ist schade, denn die enorme Farbigkeit von Pelecanos‘ Schreibe kommt so insgesamt nur etwas matt herüber. Also, meine Empfehlung (selbst wenn die Englisch-Kenntnisse nicht |so| perfekt sein mögen): Möglichst im Original kaufen. Trotzdem ist die Übersetzung von Bernd Holzrichter solides Handwerk. Und für den Einstieg eignet sich eins der |Dumont|-Bücher durchaus.

_Und was war jetzt mit dem Film?_

April 1998. Sean Combs (da noch „Puff Daddy“) ist auf dem Höhepunkt der Verkaufszahlen seiner Plattenfirma |Bad Boy| angekommen. Aber sein Ego ist zu groß, um sich nur mit einer Rolle als Plattenproduzent und Gelegenheits-Rapper bescheiden zu wollen. Modeschöpfer will er werden, und Filmstar. Die erste „Sean John“-Modelinie lässt er entwerfen – und er sichert sich die Rechte für die Verfilmung von „King Suckerman“. Oliver Stone soll den Regisseur geben. Für sich selber reserviert Puffy die Rolle des Marcus Clay (eigentlich erstaunlich, wo er doch eher kleinwüchsig ist).
Das von Pelecanos gelieferte Skript wird mehrfach umgeschrieben, doch eigentlich liegt es nicht am Skript, dass aus dem Film bis auf weiteres nichts wird: Der Herr Combs ist einfach kein Schauspieler (um es mal zurückhaltend zu sagen). Immerhin hat es mit der Mode funktioniert, die überteuerte „Sean John“-Konfektion läuft seit Jahren außerordentlich gut.
Schade um den Film jedoch. Dieses Buch hätte eine gute Verfilmung nicht bloß verdient – es bietet sich ganz klar dazu an, immer noch.

_Was geschah |nach| „King Suckerman“?_

George Pelecanos hat mittlerweile ein halbes Dutzend weiterer Bücher veröffentlicht. Vom direkten Nachfolger „The Sweet Forever“ liegt bereits eine deutsche Übersetzung vor (als „Eine süße Ewigkeit“ bei |Dumont Noir|). Die wichtigsten Charaktere aus „King Suckerman“ tauchen wieder auf, es ist 1986, Marcus Clay hat mittlerweile vier Plattenläden und Dimitri Karras ist sein BMW-fahrender Geschäftsführer – mit einem deutlichen Kokainproblem. Es gibt allerlei dramatische Verwicklungen mit jugendlichen Drogendealern und korrupten Polizisten, die ich hier nicht weiter verraten will. Stattdessen eine klare Kaufempfehlung.
Auch „Shame the Devil“, Anfang 2000 erschienen, greift auf Clay und Karras zurück, spielt aber wieder zehn Jahre später, 1996 – und ist meines Wissens bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt (dafür aber auf Französisch als „Funky Guns“ erhältlich). Das gilt auch für sein aktuelles Buch, „Hard Revolution“, in dem er Clay und Karras mal alleine lässt. Stattdessen besucht er einen anderen seiner Serienhelden, den schwarzen Privatdetektiv Derek Strange, als jungen Polizisten im Jahre 1968. Bin mal gespannt …

Als Einstieg in die Welt des George P. Pelecanos ist allerdings „King Suckerman“ kaum zu schlagen. Dass er nebenbei noch die auslaufende Blaxploitation-Welle und das schwarze Amerika der Mittsiebziger sauber aufzeichnet, das sind nur Nebenargumente: Hier ist einer der besten amerikanischen Autoren für „hard boiled“–Krimis am Werk – und er schreibt trotz verzeihlicher kleiner Abschweifungen ganz vorzüglich. Dieser Krimi ist spannend, kraftvoll und auf zugängliche Weise echte Literatur.

Also nochmals meine eindringliche Empfehlung: Go get it!

Lem, Stanislaw – Sterntagebücher

„Aus den Erinnerungen Ijon Tichys“ lautet der Untertitel des zweiten Abschnittes des voluminösen Buches, das Lem bereits 1957 begann und bis 1971 fortsetzte. Das bedeutet, dass die Erzählungen nur den letzten Teil des Buches „Sterntagebücher“ bilden. Die Erzählungen Tichys führen nicht zu den Sternen, sondern bleiben in den vertrauten Verhältnissen, die man sich für das Jahr 1971 in Polen ausmalen kann.

Dabei sollte der Hörer berücksichtigen, dass Polen damals von der allmächtigen Kommunistischen Partei regiert wurde, die ihre Anweisungen vom Zentralkomitee und Politbüro in Moskau erhielt. Wenn hier Lem also von immateriellen Dingen wie einer „Seele“ erzählt, so steht dies im krassen Widerspruch zur kommunistischen Doktrin des Materialismus.

Hinweis: Diese Auswahl hat nichts mit den 1968 in den Studios des Berliner Reichstagsufers vertonten Aufnahmen von sieben Reisen Ijon Tichys zu tun.

|Der Autor|

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

Wichtige weitere Bücher Lems:

Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Der futurologische Kongress, 1971 (gehört zum Ijon-Tichy-Zyklus)

|Der Sprecher|

Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover und den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.

|Der Regisseur|

Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.

_Die Erzählungen_

Die Erzählungen I bis IV tragen keine Titel.

**I.: Ijon Tichy scheint ein Gelehrter zu sein, der für alle möglichen verrückten Erfinder die erste Anlaufstelle ist. Aber als Journalist besucht er sie auch in ihren diversen Labors.

So auch den Kybernetiker Professor Corcoran, der laut Gerüchten an Geister glaubt. Wie absonderlich für einen sozialistischen Wissenschaftler! Der Prof führt Tichy in einen Raum mit 17 Truhen. In jeder der Truhen befindet sich ein elektronisches Gehirn, das einer Leibniz’schen Monade entspricht: Es stellt ein menschliches Bewusstsein dar, das aber seine Eindrücke nicht von der realen Außenwelt, sondern von den Speicherbändern empfängt, auf denen menschliche Erlebnisse aller Art aufgezeichnet sind. Für die Monade ist das Band die (virtuelle) Welt und sonst nichts.

Doch unter ihnen gibt es als Probe aufs Exempel einen „Wahnsinnigen“, der tatsächlich glaubt, er sei ein Elektronengehirn in einer Kiste, das seine Sinneseindrücke von einem Band empfange und alle anderen seien nur Illusionen – wie irrsinnig! Doch damit nicht genug, weigert er sich, einen Gott anzuerkennen: Dieser sei nur eine weitere Ebene von Illusionen, die wiederum ein Gott höherer Ordnung erzeuge und so weiter ad infinitum.

**II.: Professor Decantor besucht Tichy: ein Mann, der aus zwei verschienen Hälften zusammengesetzt zu sein scheint, einer ängstlich-romantischen und einer zynisch-nüchternen. Decantor ist vergleichender Ontogenetiker. 48 der 58 Jahre seines Lebens hat er sich einem einzigen Problem gewidmet: der Konstruktion einer Seele. Endlich ist es ihm gelungen, und er zeigt seine neue Errungenschaft: Da liegt sie auf einem weißen Wattebausch, eingeschlossen in einem lilafarbenen Kristall.

Tichy erholt sich von seinem Schreck und fragt neugierig. Ja, lautet die Antwort, diese Seele ist unsterblich und währt ewig, übersteht also auch den Tod der Sonne in 15 Milliarden Jahren. Das scheint Tichy ein trauriges Schicksal für jede Seele zu sein. Doch die Information, dass als Ausgangsmaterial dafür Decantors eigene Frau diente, die dafür sterben musste – um natürlich ewig zu leben! -, erfüllt Tichy mit Abscheu und Angst. Er kennt nur eine konsequente Handlungsweise und überzeugt auch den enttäuschten Decantor davon: Diese Seele muss erlöst werden …

**III.: Vor einem furchtbaren Gewitter Unterschlupf suchend, stößt Tichy auf das Haus des übel beleumundeten Erfinders Prof. Sasul. Mit Drohungen verschafft er sich Eintritt. Sasul, ein buckliger Gnom, zeigt ihm sein Labor und schließt eine Wette ab, dass Tichy ihn nicht anzeigen werde, habe er erst einmal seine neueste Erfindung begutachtet.

Sasul zeigt ihm einen Tank, in dem ein regungsloser Mann wie tot schwimmt. Sasul erzählt, wie er zahllose Tiere und dann sich selbst mittels eines neuartigen Proteins exakt kopieren (klonen) konnte. Doch welcher der beiden ist nun das Original und welcher Sasul die exakte Kopie?

**IV.: Eine weitere Sturmnacht weht einen durchnässten Besucher in Tichys trautes Heim. Es handelt sich um den Physiker Molteris, und er hat einen verpackten Apparat dabei. Molteris ist äußerst schweigsam. Doch seine Erfindung ist beinahe genial: eine Zeitmaschine. Für deren Weiterentwicklung erbittet er Tichys finanzielle Unterstützung, genau wie Decantor.

Was könnte wohl als überzeugendes Testobjekt dafür dienen, dass die Maschine als temporaler Transmitter funktioniert? Ach ja, eine Viertelsjahreszeitschrift über kosmische Medizin. Da diese Ausgabe tags zuvor aufgetaucht war, ist Tichy überzeugt.

Doch wie sieht es mit dem zweiten Betriebsmodus aus, der Maschine als Transportmittel für Menschen? Bei dieser Demonstration kommt es leider zu einem bedauerlichen Unglück. Es beweist, dass alle Autoren, die über Zeitvehikel geschrieben haben, Unrecht hatten: Es ist nicht möglich, durch die Zeit zu reisen und dabei nicht selbst ebenfalls zu altern, so als wäre man in einer Kapsel und könnte außerhalb des Zeitstroms reisen und dann später wieder in ihn zurückkehren. Ergo: Molteris alterte mit derjenigen Zeit, die er durchmaß. Die Folgen könnten recht fatal ausfallen, stellt sich Tichy vor …

|Die Waschmaschinen-Tragödie|

Diese lange Erzählung besteht eigentlich aus zwei bis drei Storys und bildet somit die längste dieses Hörbuchs. – In ihrem immerwährenden Wettlauf um Marktanteile haben die zwei Waschmaschinen-Hersteller Snodgrass und Nudlegg ihre Geräte mit immer mehr Intelligenz ausgestattet, die sie zu einer wachsenden Zahl von Fertigkeiten befähigen. Bald gibt es Maschinen, die eine Ehefrau ersetzen, bald eine, die einen Ehemann ersetzt. Leider wird die Einstein-Ersatzmaschine ein Flop, doch der Waschomat für Junggesellen ist ein absoluter Hit, denn er kommt mit der Figur von Mayne Jansfield oder anderen Sexbomben einher.

Allerdings hat so viel Intelligenz in Maschinen auch ihre Kehrseiten: Waschmaschinen haben sich zu Gangsterbanden zusammengeschlossen und überfallen harmlose Passanten! Daher wird ein Gesetz nach dem anderen erlassen, um der Auswüchse Herr zu werden. Es ist ein Wettlauf wie zwischen Panzerung und Geschoss. Waschmaschinen sehen inzwischen aus wie Menschen, sprechen auch so und bekommen schließlich sogar den Status einer juristischen Person. Das ist ein Wendepunkt, denn nun können Waschmaschinen auch Senatoren sein und Gesetze beeinflussen. Auch das versuchen die Menschen zu verhindern.

Die Krise erreicht diese Entwicklung, als der Bordcomputer eines Raumschiffs einen Staat nur für Roboter ausruft. Auch dieses Problem wird bewältigt. Bis schließlich ein gewisser (nomen est omen!) Kathodius Mattrass auftritt, die Sekte der „Kybernophilen“ gründet und draußen im Krebsnebel ein eigenes Staatswesen für Maschinen errichtet: Es besteht aus einem körperlichen Zusammenschluss einzelner Roboter. Damit hat das State Department (Außenministerium) der Erde ein Problem. Doch wie kann man einen Planeten verhaften? Der gewitzte Anwalt von Mattrass hält ständig neue Gegenargumente bereit.

Eines Tages erhält auch Ijon Tichy Gelegenheit, mit diesem jahrelangen Rechtsstreit näher bekannt zu werden. Man lädt ihn zu einer Anhörung der Anwaltskammer ein. Die vorgebrachten Argumente erstaunen ihn weniger als die Tatsache, dass mit Hilfe eines magnetischen Kompasses einer der Redner nach dem anderen als Roboter entlarvt wird. Nachdem sich Ijon aller Metallgegenstände entledigt hat und als Mensch bestätigt ist, richtet er den Kompass auf den einzigen Übriggebliebenen im Saal: den Vorsitzenden selbst …

Merke: Die Dinge gehen ihren Gang, und von einem Prozess profitieren nur die Anwälte.

|Die Anstalt des Doktor Vliperdius|

Ijon Tichy liest öfters mal Zeitung. Diesmal fällt ihm die Roboter-Gazette „Der menschenfreie Kurier“ in die Hände. Darin steht auch eine Annonce für die Heilanstalt für psychische und Nervenkrankheiten. Wohlgemerkt: Hier sollen Maschinen geheilt werden. Das klingt ja spannend.

Der Direktor, Dr. Vliperdius, hat keine Zeit für ihn, also besucht Ijon den schönen Park. Schon bald wird er für einen der Patienten gehalten. Einer davon spricht ihn an, doch Ijon erkennt ihn nicht. Es ist Prolaps, der einst als seine tüchtige Linotype-Setzmaschine arbeitete. Prolaps glaubt, er stecke im falschen Leib, nämlich in einem aus Blech. Ständig jagt er hinter seinem richtigen, einem menschlichen Leib her. Auch ein harmloser Hypochonder-Roboter findet sich hier.

Wesentlich ernster ist der nächste Fall. Der Robot bedauert Ijon zutiefst ob seines natürlichen Körpers, in dem er festsitze. Seine Maxime: Man muss die Natur abschaffen, den man sieht ja, zu was die Unvollkommenheit der biologischen Evolution geführt hat: Abfall, Schund, Schleim! Der Tobende und um sich Schlagende wird abgeführt. Tichy ist sehr erleichtert. Er fürchtete schon um die Unversehrtheit seines Körpers, wie unvollkommen der auch erscheinen oder sein mag.

Wie angenehm ist doch der nächste Fall. Dieser Sonderling wirft den Schwänen auf dem Teich kleine Drahtstückchen zu. Er ist ein berühmter Philosoph, dieser Professor Urlipan. Er hat die Ontologie des Nichts, die Neantologie, erfunden. Er ist der festen Ansicht, dass alles ein Traum sei, der nie an die Realität heranreichen könne, folglich könne nichts real existieren.

Ijon geht entnervt nach Hause.

_Mein Eindruck_

Zunächst einmal zu den ersten vier Erzählungen. Hier greift der Autor vier beliebte und verbreitete Mythen der Science-Fiction-Literatur auf. Auf die Science-Fiction amerikanischer Herkunft und Machart war Lem nämlich überhaupt nicht gut zu sprechen. Er nahm lediglich zwei Autoren von seinem Bannstrahl aus: Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. (Er liegt hier auf einer Linie mit dem Kritiker Darko Suvin, vgl. dessen „Poetik der Science Fiction“.)

|Liebe SF-Mythen|

Die Mythen, die Lem mit seinen Storys parodiert und so der Kritik aussetzt, sind a) die vollkommene Virtualisierung der Welt bzw. deren Wahrnehmung – bis hin zu modernen Beispielen wie [„Otherland“;]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 dies hat Konsequenzen, die der Kybernetik innewohnen und die viele Autoren einfach ignorieren; b) die Erschaffung einer künstlichen Seele, die über ewiges Leben verfügt – für Tichy kann einer menschlichen Seele kaum etwas Schrecklicheres widerfahren, erlebt sie doch auch den Untergang des Menschen, der Erde und des gesamten Kosmos aufgrund des fortschreitenden Prozesses der Entropie. Totale Einsamkeit wie auch höchstwahrscheinlich Wahnsinn dürften die Folgen sein.

Die dritte Story (c) zeigt auf sehr einfache Weise die Erschaffung eines Klons und ihre Folgen. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, die Kopie vom Original zu unterscheiden und sie im Sinne des Gesetzes, das für „natürliche Personen“ gemacht wurde, für ihre Handlungen haftbar zu machen. Dazu könnte beispielsweise die Tötung des Originals gehören – wenn man nur wüsste, welches das jetzt ist. Wie in Märchen und Groschenromanen deutet die körperliche Verunstaltung des Übeltäters eine moralisch-seelische Deformation (Perversion?) an.

Die vierte Erzählung (d) stellt der Erfindung des „Zeitvehikels“ ein schlagendes Argument entgegen: Es kann keine Ortsbewegung außerhalb der Zeit geben, folglich muss der „Reisende“ auch mitaltern. Aber als Transmitter für tote Gegenstände scheint die Zeitmaschine zu taugen. Bücher sind schwierig umzubringen.

|Ijon Tichy|

In allen vier Fällen tritt Ijon Tichy als Lems Stellvertreter auf. Er ist der „Mann von der Straße“, nur ein wenig gebildeter und vor allem für Ideen der Wissenschaft aufgeschlossen. Deshalb wird er auch ab und zu von Forschern eingeladen, die sich in der Zeitung abgedruckt sehen wollen. Wenn ihm eine Erfindung nicht gefällt, so flippt er nicht aus, sondern argumentiert auf ruhige und gefasste Art, selbst wenn ihn so manches Phänomen – wie die kristallisierte Seele – mit Grauen erfüllt. Doch meistens führen die Forscher ihre „Errungenschaften“ schon selbst ad absurdum. Wie etwa der unglückliche Zeitreisende.

|Sozialismus|

Auch der Sozialismus sowjetischer Prägung glaubte an den unendlich fortsetzbaren Fortschritt, vor allem auch im Wettlauf mit dem kapitalistischen System, besonders dem der Vereinigten Staaten. Mit „Sputnik“ schienen die Sowjets endlich 1957 die Nase vorn zu haben – in diesem Jahr erschienen die ersten „Sterntagebücher“. Lems Parodien und Münchhausiaden von unzulänglichen Gesellschaftssystemen auf anderen Welten kritisierten und warnten vor einer Selbstüberschätzung dieser von Fortschrittsglauben erfüllten Ingenieure. Diese brachten allzuoft Opfer, die ihnen später Leid taten. Beispielsweise opferten sie ihre körperliche Gesundheit und Unversehrtheit oder die Umwelt – oder gleich ganze Teile der Bevölkerung, etwa durch radioaktive Verseuchung.

|Kapitalismus|

Dass auch das kapitalistische System mit seinen Prinzipien des Wettbewerbs, des ständigen Wachstums und der Weiterentwicklung nicht gegen haarsträubende Auswüchse wie den Waschmaschinenkrieg gefeit ist, zeigt Lems entsprechende parodistische Erzählung.

Wie schon in den parodistischen [„Robotermärchen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=660 kritisiert der Autor durch Überspitzung ad absurdum die möglichen Auswüchse eines Systems. Dass er als Exempel ausgerechnet Waschmaschinen auswählt, zieht die ganze Entwicklung ins Lächerliche. Waschmaschinen haben sich aus der Herrschaft der Hausfrauen und Junggesellen emanzipiert, sobald man ihnen entsprechend viel Intelligenz spendiert hatte. Nun begeben sie sich in jeder Hinsicht in Konkurrenz zum Menschen, doch mehr noch: Sie gründen einen Konkurrenzstaat, quasi nach dem Vorbild gewisser Insekten wie der Ameisen oder Bienen.

Anders als bei gewissen US-Autoren führt dies aber nicht zu einem Krieg, denn die armen Waschmaschinen wollen den Menschen nichts Böses. Vielmehr entspinnt sich ein Rechtsstreit, der für jeden Juristen dieser Erde ein gefundenes Fressen ist – und für den Leser ein Paradebeispiel abstruser Logik. Die Ironie dabei: Diese Juristen bestehen selbst aus Blech und Elektronik. Anstatt ihren freiheitlich gesinnten Brüdern im fernen Krebsnebel zu helfen, ist ihnen das gefüllte Bankkonto näher. Die Übertragung dieses Phänomens auf aktuelle Verhältnisse ist dem Leser überlassen – sie ist nicht allzu schwierig vorzunehmen.

|Divertimento|

Die letzte vorgelesene Erzählung (keineswegs die letzte des Buches) nimmt sich gegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ wie ein heiteres Divertimento aus, eine Komödie der Absurditäten, ein Panoptikum von Seelenkrankheiten – mit dem Unterschied, dass damit lediglich Roboter behaftet sein sollen. Die Philosophie des Nichts hat man aber auch schon unter Menschenwesen beobachten können.

|Der Sprecher|

Michael Schwarzmaier ist ein professionell geschulter Sprecher. Dies ist an seiner präzisen, deutlich die einzelnen Worte hervorhebenden Sprechweise ebenso abzulesen wie an der einfühlsamen Art, die Sätze zu intonieren und mit Pausen zu versehen, um bestimmte Teile hervorzuheben. Er tritt als Vortragender hinter dem Inhalt zurück, so dass die Geschichte ohne Distanzierung auf uns wirken kann.

Durchweg hört man dem Sprecher das offensichtliche Vergnügen an, diese verrückten Münchhausiaden vorzutragen. Das war schon bei den „Robotermärchen“ herauszuhören. Dass dieses Vergnügen aber auch das Ergebnis von harter Sprecharbeit sein kann, lässt sich an der verwickelten „Waschmaschinen-Tragödie“ ablesen. Deren Mittelteil besteht aus einem mitunter recht sinnlos erscheinenden Rechtsstreit zwischen Menschen und Maschinen. Man atmet regelrecht auf, als dieses Kapitel durch die Szene in der Anwaltskammer abgelöst wird, denn diese wird recht anschaulich erzählt. Und sie findet auch zu einem befriedigenden Höhepunkt der Ironie des Absurden, als Tichy den Kompass auf den Richter richtet …

Ansonsten bietet das Hörbuch weder Musik noch Geräusche auf, um Stimmung zu erzeugen. Dies ist sehr viel weniger, als viele moderne Hörbücher vorweisen können.

Das Titelbild ist dem Buch (Seite 79) entnommen und zeigt die „Verlobte eines Roboters“. Recht auffällig sind ihre weiblichen Formen und Attribute, die uns heute recht lächerlich erscheinen mögen.

_Unterm Strich_

Bis auf eine Erzählung machte mir dieses Hörbuch viel Spaß. Die meisten Storys sind kurz und auf die Pointe hin erzählt. Einzige Ausnahme sind eventuell die Wendungen, die in der Zeitmaschinen-Story auftreten. Die Vliperdius-Parodie eines Sanatoriums à la „Der Zauberberg“ hingegen bildet einen heiteren Ausklang der Sammlung.

Ein schwerer Brocken scheint mir hingegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ zu sein. Zum Glück hatte ich den Buchtext vorliegen, so dass ich den irrwitzigen Wendungen der langen Story, die über keine Handlung im eigentlichen Sinn verfügt, folgen konnte und alle Namen verstand. Es dürfte für den Ersthörer notwendig sein, diese lange Erzählung, die sich aus zwei bis drei Abschnitten zusammensetzt, mehrmals zu hören, um auch Details wahrzunehmen.

|Für wen sich das Hörbuch eignet|

In erster Linie Freunde der spekulativen und phantastischen Literatur scheinen mir die geeigneten Hörer zu sein, Leute, die auch mit versponnenen Ideen und parodistischen Erzählformen etwas anfangen können. Eingefleischte Science-Fiction-Leser, die amerikanische – und zunehmend auch britische – Einheitskost gewohnt sind, werden hier weniger auf ihre Kosten kommen.

|Umfang: 184 Minuten auf 3 CDs|

Foster, Alan Dean – Aliens – Die Rückkehr

Mit letzter Kraft hat sich Ellen Ripley, Deckoffizier an Bord des Raumfrachters NOSTROMO, des unheimlichen, schier unsterblichen Aliens erwehren können, das sie und ihre Kameraden auf Geheiß der „Gesellschaft“, eines mächtigen Konzernmultis, ahnungslos vom Planeten LV-426 bergen mussten. Mit Jones, der Schiffskatze, treibt sie im Kälteschlaf in der Rettungskapsel der untergegangenen NOSTROMO im All und wartet auf ihre Rettung. (Die Vorgeschichte beschreibt Alan Dean Foster in [„Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=645 .)

Schließlich findet man die Kapsel, doch inzwischen sind 57 Jahre vergangen. Ripley kehrt zur Erde zurück, wo ihre Angehörigen und Freunde längst gestorben sind. Die Schatten der Vergangenheit lassen sie nicht los. Da sind die ständigen Albträume. Schlimmer sind allerdings die Intrigen der „Gesellschaft“, die das so fatal fehlgeschlagene und höchst heikle Projekt LV-426 unbedingt vertuschen will und Ripley zum Sündenbock für den Verlust der NOSTROMO und ihrer Mannschaft stempelt. Ripley findet sich auf einer schwarzen Liste wieder, was es ihr doppelt schwer macht, in einer ihr völlig fremd gewordenen Welt Fuß zu fassen.
Da wendet sich Carter Burke, ein Repräsentant der „Gesellschaft“, an Ripley. Sie muss erfahren, dass die „Gesellschaft“ in den vergangenen Jahrzehnten eine Kolonie auf LV-426 – jetzt „Acheron“ genannt – eingerichtet hat. Riesige Maschinen sollen den unwirtlichen Planeten in eine zweite Erde verwandeln. Im Verborgenen wird gleichzeitig das Wrack untersucht, in dem die Mannschaft der NOSTROMO einst auf das Alien stieß.

Ganz plötzlich ist der Kontakt zur Vorzeige-Kolonie abgebrochen. Hat Ripley womöglich doch die Wahrheit gesagt? Die „Gesellschaft“ geht kein Risiko ein. Sie schickt den Truppentransporter SULACO und eine kleine Gruppe kampferprobter Soldaten nach Acheron, die dort nach dem Rechten sehen sollen. Ripley wird ihnen als Beraterin zur Seite gestellt; ihr bleibt keine Wahl, denn der lange Arm der „Gesellschaft“ wird sonst dafür sorgen, dass sie nirgendwo eine Heimat findet.
Nach der Ankunft findet die Gruppe die Kolonie menschenleer und zerstört vor. Ripley findet die einzige Überlebende: die sechsjährige Newt, die ihnen berichtet, wie Horden von Aliens die Kolonie überfallen und sämtliche Bewohner getötet oder verschleppt haben.

Rasch müssen die Soldaten, die Ripleys Warnungen über die Gefährlichkeit der Aliens bisher keinen Glauben geschenkt haben, die Erfahrung machen, dass ihre Bewaffnung und ihre Ausbildung gegen diesen Feind wenig ausrichten. Ein erster Vorstoß in das Nest der Aliens endet in einem Fiasko; einige Männer, darunter der Kommandant, sterben, das Landefahrzeug wird zerstört. Nun ist die Gruppe auf Acheron gefangen – und in der Nacht werden die Aliens kommen …

Seit etwa 1980 ist der „tie-in-Roman“ – die Nacherzählung eines Kino- oder TV-Films – eine feste Größe im Vermarktungskonzept der Film- und Fernsehindustrie. Das Drehbuch liegt sowieso vor; warum es dann nicht als Grundlage eines Romans noch einmal profitbringend recyceln? Im schlimmsten Fall werden die schon vorhandenen Dialoge und Handlungsvorgaben mit einigen Überleitungen verbunden, und schon kann das Produkt – und mehr ist es dann nicht – auf den Markt geworfen werden.
Unter diesem Aspekt ist es einleuchtend, dass sich eine ganze Reihe von zweit- und drittklassigen Autoren auf das Verfassen von Filmromanen spezialisiert hat. Aber auch Schriftsteller von Rang und Namen verdienen sich gern ein kleines Zubrot, wenn die Karrierekurve einmal einen Knick erfährt.

Alan Dean Foster gehört zu den redlichen Vertretern seiner Zunft. Er begann als „richtiger“ Autor und debütierte 1972 mit dem Roman „The Tar Aiym-Krang“ (dt. „Das Tar Aiym Krang“) dem er bis heute knapp 100 (!) weitere folgen ließ: Foster gilt als schneller, aber versierter und unterhaltsamer Handwerker. Als solcher erregte er schon früh die Aufmerksamkeit der Film- und Fernsehindustrie, der er schon vorher durch seine Arbeit in der PR-Abteilung eines kleinen kalifornischen Studios verbunden war. Zwischen 1974 und 1978 verwandelte er die Drehbücher der STAR TREK-Zeichentrickserie in eine zehnbändige Buchreihe. Anschließend ging es Schlag auf Schlag: Neben den „Alien“-Romanen entstanden Bücher zu Filmen wie „Starman“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Outland – Planet der Verdammten“, aber auch zu Western wie „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ – bis Anfang der 90er Jahre insgesamt etwa 25 Romane.

Der fleißige Autor hatte 1979 bereits den ersten Teil der „Alien“-Saga in Romanform gebracht und dabei sehr gute Arbeit geleistet. Die Fortsetzung sollte ihn vor ungleich größere Probleme stellen. „Aliens – Die Rückkehr“ ist ein James-Cameron-Film. Dieser Regisseur und Drehbuchautor ist bekannt und berühmt für seine fabelhaften Action-Filme (u. a. „Terminator“, „Terminator II“, „Abyss“). Gegen sein enormes Talent, eine spannende Geschichte in packende Bilder zu kleiden, fällt seine Fähigkeit, dieser Geschichte Tiefe zu verleihen, ab. Zumindest der frühe Cameron (mit „Titanic“ hat sich seine inszenatorische Bandbreite stark erweitert) achtete deshalb darauf, dass vor der Kamera immer etwas geschieht. In „Aliens – Die Rückkehr“ gibt es durchaus ruhige Passagen (das gilt besonders für den „Director´s Cut“, der fast eine halbe Stunde länger ist als die Kinofassung), der Film weist dennoch einen völlig anderen Grundton auf als sein Vorgänger.

Zwangsläufig erschwert die Betonung des Körperlichen einem Schriftsteller wie Alan Dean Foster die Arbeit. Er denke sich gern in die Köpfe seiner Figuren, sagte er in einem Interview einmal (nachzulesen in: Jens H. Altmann, „Am Ende passt alles zusammen“. Ein Interview mit Alan Dean Foster, in: Wolfgang Jeschke [Hg.], Das Science Fiction Jahr 1998, Heyne Verlag, Nr. 06/5925, S. 565-574). Dazu lässt ihm das Drehbuch zu „Aliens“ wenig Spielraum. Foster kann in die actionbetonte Story keine längeren Passagen einfügen, die dieser völlig entgegenlaufen. Also muss er sich mit Andeutungen begnügen. (So erfährt man beispielsweise zum ersten Mal etwas über das Privatleben Ellen Ripleys, die hier zudem endlich zu ihrem Vornamen kommt). Trotzdem gelingt ihm wieder ein spannend zu lesender Roman, der gegen den auf seine Art überragenden Film, der sich wie sein Vorgänger sofort zu einem Klassiker des Genres entwickelte, allerdings dieses Mal deutlich abfällt.

Hesemann, Michael – Hitlers Religion

Der frühere „Magazin 2000“-Herausgeber lebt mittlerweile ausschließlich von seinen vielen Sachbüchern, die meist Bestseller-Status haben. In seinem aktuellsten Buch beschäftigt er sich mit den spirituellen und okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Obwohl unter Historikern nach wie vor eher Tabu, gibt es dennoch bereits eine ganze Anzahl solcher Studien. Zunächst erhält man beim Lesen auch den Eindruck, dass sich Hesemanns Werk nicht so sehr von den bisherigen Veröffentlichungen unterscheidet. Auch stellt sich anfangs die Frage, wie seriös seine Untersuchungen zu nehmen sind, da er sich im groben an „Hitlers Tischgesprächen“ von Hermann Rauschning orientiert, deren Wahrheitsgehalt bekannterweise sehr angezweifelt wird. Was er dann allerdings auf dieser Grundlage und zudem an der – wenn auch sehr dezimierten – Bibliothek Hitlers rekonstruiert, ist eine große Leistung, die anders daherkommt als die Versuche seiner Vorgänger. Tatsächlich reiht er sich damit ein in die Reihe der großen wichtigen Hitlerbiografen wie Joachim C. Fest, John Toland und Ian Kershaw und ergänzt auch die profunden Studien Werner Masers oder Guido Knopps. Hesemann kann recht überzeugend darlegen, dass Hitlers Nationalsozialismus durchaus eine ernstzunehmende Religion darstellte und nicht – wie bislang – einfach unter reinen politischen Gesichtspunkten gesehen werden darf. Diese These ist gesellschaftlich ungeheuer provokant, aber die vorliegende Studie ergibt Sinn und erscheint recht überzeugend.

Hitler war zeitlebens Katholik und deswegen werden von Historikern die immer genannten Verflechtungen zum heidnisch-völkischen Germanentum und zu den okkulten Bewegungen als nicht haltbar bezeichnet, da unter der Nazi-Herrschaft diese verboten und verfolgt wurden. Aufgrund seiner umfangreichen Recherchen bietet Hesemann allerdings ein detailliertes Bild all dieser damaligen Strömungen und zeigt auf, welche Wechselwirkungen es zwischen Hitler und anderen Nazi-Größen in der Auseinandersetzung mit Führern dieser Bewegungen tatsächlich gab. Nicht anders als ebenso bei den Kirchen wurden diese zeitweise unterstützt, zeitweise abgelehnt und bekämpft. Das Nazi-Regime war mit ständigem Taktieren verschiedenster Positionen befasst und zeichnete sich vor allem durch die Brutalität aus, mit welcher einstige Bündnispartner ausgemerzt wurden – je nach Situation und scheinbarer Notwendigkeit. In der Einschätzung der Bewegung Hitlers machten auch fast alle völkischen und okkulten Lager einen groben Fehler, indem sie in den Anfängen Hitler unterstützten und tatsächlich einen prophezeiten Messias zu erkennen glaubten. Entgegen der Darstellung der gegenwärtigen Antifaschisten und Linken wird dabei aber auch genauso klar, dass all die völkischen Bewegungen und okkulten Gruppierungen – zusammengefasst unter Lebensreformbewegung – natürlich nicht pauschal als faschistische Wurzel und Wegbereiter betrachtet werden können. Dennoch bewegten sich die Nazis in ihrer Anfangszeit in all diesen Kreisen und Hitler sah sich natürlich als Führer in der Rolle eines Wotanspriesters und benutzte auch seinen Vornamen Adolf entsprechend als „Adewolf“ (der edle Wolf), was sich auch in den Namen seiner Hauptquartiere widerspiegelte (Wolfsschanze, Wolfsschlucht, Wolfsburg). Hitler ersetzte alle christlichen Feiertage mit naturreligiösen Entsprechungen.

Der Leser dieser „esoterischen“ Hitler-Biografie erhält einen sehr umfangreichen Einblick in die Geschichte der relevanten geisteswissenschaftlichen und spirituellen Strömungen des letzten Jahrhunderts und kann aufgrund der Neutralität und Objektivität, die Hesemann wahrt (im Gegensatz zu bisherigen Historikern, welche sich allesamt parteiisch positionierten), auf spannende Weise verfolgen, wie sich vieles, das auch immer noch positiv erscheint, in diese furchtbare, monströse, menschenfeindliche Diktatur entwickeln konnte. Selbst der Antisemitismus war ursprünglich ja nicht mit diesem schrecklichen Ausgang geplant, selbst Hitler schreckte davor zurück, die Brutalität des christlichen Mittelalters und der damals schon vorhandenen Judenfeindlichkeit zu wiederholen. Obwohl er offiziell – trotz Unterschiedlichkeiten – gegenüber den Kirchen immer Christ blieb und der Vatikan ihm dies auch – ebenso zwar mit Misstrauen – im Grunde glaubte, weist Hesemann nach, dass die Nazis die Politik („erst die einen, danach die anderen“) verfolgten und dass nach erfolgreicher Judenvernichtung in gleicher Weise die Vernichtung der Christen geplant war. Das Buch endet mit dem bekannten – in der Welt immer noch beispiellosen – Schrecken der Gaskammern, der letztlich auch zum Zusammenbruch des Nazi-Regimes führte. Ohne diese Bestialität wäre der 2. Weltkrieg vielleicht ganz anders ausgegangen und Deutschland hätte seine Kriege gewinnen können. Aber mit diesem gewaltigen Völkergenozid hatte sich Nazi-Deutschland endgültig isoliert, und keine Macht der Welt stand am Ende noch auf seiner Seite.

Hesemann hat mit dieser Biografie sein bislang wichtigstes und bedeutendstes Werk vorgelegt, mit dem er auf lange Zeit ein Standardwerk geschaffen haben dürfte, dem sicherlich noch intensivere und detailliertere Forschungsarbeiten anderer Autoren folgen werden. Auch in aktueller politischer Hinsicht ergibt es durchaus Sinn, sich mit diesem Buch zu beschäftigen. Denn ähnlich wie der fanatisierte islamische Fundamentalismus einen „Heiligen Krieg“ führt, verfolgten auch die Nazis eine heilsgeschichtliche Mission. Und nicht von ungefähr ist Hitler ein Idol der Radikal-Islamisten.

Ergänzende Literatur zu den okkulten Wurzeln des Dritten Reiches:
[Das schwarze Reich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=179 von E. R. Carmin.

Asher, Neal – Drache von Samarkand, Der

Im Jahr 2432 hat sich die Menschheit über die ganze Galaxis ausgebreitet. Die Regierungsgewalt liegt bei einem riesigen Netzwerk künstlicher Intelligenz, „Earth Central“ genannt. Entfernungen spielen kaum noch eine Rolle, denn mit Hilfe der so genannten „Runcible“-Stationen kann man sich in Sekundenbruchteilen von Planet zu Planet beamen. Runcible-Stationen werden ebenfalls von künstlichen Intelligenzen betrieben und gelten als absolut zuverlässig. Bis auf dem Planeten Samarkand ein Runcible in einem gewaltigen Feuerball vergeht, tausende von Menschen tötet und den terrageformten Planeten in eine lebensfeindliche Wüstenei zurückverwandelt.

Ein Fall für ECS (Earth Central Security). Diese schickt ihren besten Agenten, Ian Cormac, ins Gefecht. Der seit Jahrzehnten mit der KI vernetzte Cormac muss diesen Einsatz ohne Direktlink zu Earth Central bestreiten: Bei seinem letzten Einsatz zeigten sich Schwächen seinerseits, mit „normalen“ Menschen umzugehen. Deshalb musste er die Schwester des Separatisten Arian Pelter töten, die ihn entlarven konnte.

Während Cormac auf Samarkand auf die exotische, außerirdische Lebensform „Drache“ stößt, hetzt Pelter ihm mit dem Söldner Stanton und dem irren Androiden Mr. Crane hinterher …

_Der Autor_

Neal Asher wurde 1961 in Essex geboren. Seine Homepage gibt sich recht zurückhaltend mit persönlichen Daten. Bereits im Alter von 17 Jahren veröffentlichte er mehrere Fantasy-Geschichten, außerdem einige Drehbücher für in Deutschland unbekannte TV-Serien (u. a. „Trines“). „Der Drache von Samarkand“ (Gridlinked) erschien im Jahre 2001 und stellt sein erstes größeres Werk im Bereich der Science-Fiction dar. Im so genannten „Polis“-Universum sind auch die Romane [„Skinner – Der blaue Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=291 und „Das Erbe Dschainas“ angesiedelt, deren Hauptakteure stets ECS-Agenten sind. Cormac hat erst im „Erbe“ seinen nächsten Auftritt, auf „Skinners“ Wasserwelt Spatterjay vertritt ihn Agent Keech.

_Science-Fiction, Agententhriller … oder eine Mogelpackung?_

Ian Cormac ist ein Bond-Verschnitt erster Güte: Ausgestattet mit einem Arsenal exotischer Waffen, z. B. einem Wurfstern mit KI, macht er von seiner Lizenz zum Töten ausgiebig Gebrauch.

Asher zeichnet ein komplexes Universum, mit allem, was die Science-Fiction zu bieten hat: Von der Serie „Stargate“ und Simmons‘ „Hyperion“ inspirierten Teleport-Toren und künstlichen Intelligenzen bis hin zu Golems genannten Androiden. Inklusive eines vermeintlich komplexen Helden, der, nach Jahren von der |Earth-Central|-KI getrennt, nun wohl gewaltigen persönlichen Problemen gegenübersteht, sowie einer absolutig fremdartigen, mysteriösen, ja geradezu gigantischen außerirdischen Lebensform namens „Drache“. An und für sich klingt das alles nicht schlecht, eher vielversprechend. Genauso wie der Klappentext:

|Abwechslungsreich und farbenfroh, für alle Freunde von Peter F. Hamilton.|

Ich möchte dem heftigst widersprechen: Massenweise Ideen anderer Autoren zu übernehmen, garantiert keinen guten Roman. Denn leider ist der Ozean an Ideen, den Asher angezapft hat, bei ihm zwar umfassend, aber so oberflächlich, dass er weniger Tiefgang als eine Pfütze hat.

So ist Ian Cormac von Anfang bis Ende eher unpersönlich, kein starker Heldencharakter oder Antiheld – eher ein Langweiler. Wie der Rest seiner Antagonisten auch. Die angepriesene High-Tech-Waffenspielerei beschränkt sich auf seinen KI-gesteuerten Shuriken. Dann gibt es noch den „Golem“ Mr. Crane, der ein wenig an den „Beißer“ aus diversen James-Bond-Filmen erinnert. Er ist zwar ein Stereotyp, aber er hat mehr Charakter als die lauen Opfer und Nebencharaktere, die blass in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Schleierhaft ist mir die Titelgebung des Romans: Der erwähnte Drache taucht mitten in einer kleinen Privatfehde zwischen dem Separatisten Pelter und Cormac, den dieser seit Jahren erfolgreich bekämpft, auf. Das Schlimme ist: Diese kleine Fehde macht den Hauptteil der Handlung aus!

Und leider … ist sie unglaublich langweilig. Angerissen, aber nie zuende gebracht – das zeichnet alle Handlungsstränge dieses Buches aus. Cormac war lange mit der KI vernetzt – aha, jetzt hat er wohl Probleme ohne diese. Pustekuchen – keinerlei Konflikt. Genauso fallengelassen wie ein wenig Licht ins Dunkel der Motivation des Drachen zu bringen, der wohl ein wenig Grauen ob des Unbekannten in die Handlung bringen sollte. Ansonsten rüsten sich alle Protagonisten gerne genetisch oder technologisch auf. Aber auch hier beschränkt sich Asher auf die rein physischen Resultate, ohne näher ins Detail zu gehen. Die künstlichen Intelligenzen werden auch nicht gerade berauschend in der Art körperloser Stimmen aus dem Off beschrieben, Kontakt per Funk oder Vernetzung in der Regel – wenn Simmons, Asimov und andere Autoren über KIs schreiben, wird wesentlich mehr geboten.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Übersetzung, die für ein und dieselbe Technik, die „Runcible“ genannten Teleporttore à la Stargate, einen Mix aus Deutsch und Englisch („Runcible“ meets „Zinklöffel“ – wie bitte?) bietet, auch die Namensgebung kann abschrecken. Anglophoner geht es nicht: Arian Pelter, Horace Blegg, Mr. Crane … es fehlt nur der so beliebte und für Engländer anscheinend wohlklingende Name Artemis für einen Mann, dann würde ich schreiend davonrennen. Desweiteren gibt es noch das krude übersetzte „‚Wie es aussieht‘ von Gordon“ …

Was das ist? Zu Beginn jedes Kapitels gibt es eine kleine Einleitung mit Infos zu Geschichte und Technik, eben „Gordon“ oder das „Quittenhandbuch“. An und für sich eine gute Idee, aber meistens ohne Bezug zur aktuellen Handlung und ohne dem vielfältigen Universum ein wenig mehr Tiefe zu verleihen. Ob es am Autor liegt oder am Übersetzer, sei dahingestellt: Sprachlich ist der Roman ein plattes Machwerk. Die Handlung ebenso. Mischen wir den irreführenden Klappentext hinsichtlich der fremdartigen Alien-KI Drache hinzu, haben wir eine literarische Katastrophe: Wer hat den Drachen erbaut, und zu welchem Zweck? Ist er nicht vielmehr ein Lebewesen denn eine KI? Dies wird nie geklärt, anscheinend auch nicht in den zwei folgenden Romanen.

Eine reine Nebenhandlung, die Interesse auf die uninteressante Haupthandlung lenken soll. Wer einen Roman zum Thema KI oder außerirdische Intelligenz erwartet, wird hier ganz klar irregeführt. Dieser Roman ist zu allem Überfluss auf jedem Gebiet, das er anschneidet und fallen lässt, leider nur mäßig bis unterdurchschnittlich.

_Der seichte SciFi-Bruder von James Bond_

Man darf Cormac weder mit James Bond vergleichen, noch anspruchsvolle Science-Fiction erwarten. Andererseits bieten selbst Heftserien wie Perry Rhodan markigere Charaktere, im vorliegenden Buch wird leider nur zwischen blass und stereotyp abgewechselt.

Obwohl es oft blutig zugeht und die Zahl der Todesopfer bemerkenswert hoch ist, die Cormacs Fehde mit Pelter fordert, für einen Actionroman wird zu wenig Finesse geboten. Oberflächliche, unausgegorene Handlungsstränge gibt es dafür zuhauf – die Vergleiche mit Hamilton sind sehr schmeichelhaft, an den |sense of wonder| eines Armageddon-Zyklus oder die Krimis der Mindstar-Reihe kommt dieser Roman bei weitem nicht heran.

Alleine Earth Central, die Regierungs-KI, hätte so viele Möglichkeiten geboten… hätte man daraus nicht zwangsweise etwas machen müssen? Eine KI zum Guten oder Bösen? Fehlanzeige. Gemäß dem scheinbaren Motto des Romans eingeführt und dann sofort wieder fallengelassen worden wie eine heiße Kartoffel.

Neal Asher hätte einen großartigen Mix aus Science-Fiction, Action und Agententhriller schaffen können. Diese Vielfalt hat einen gewissen Reiz. Leider kann der „Drache“ weder einzeln noch in Kombination der Genres das Mittelmaß überbieten.

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