Queen, Ellery – nackte Tod, Der

Nach harten Arbeitswochen möchte sich Kriminalschriftsteller und Detektiv Ellery Queen einen erholsamen Urlaub am Meer gönnen. Ein alter Freund, der ehemalige Richter Avra Macklin, begleitet ihn zum Spanish Cape an der Atlantikküste, wo ein kleines Ferienhaus auf sie wartet. Doch die Reisenden finden die Haustür aufgebrochen – und im Inneren gefesselt die junge Rosa Godfrey, die eine abenteuerliche Geschichte erzählt: Mit ihrem Onkel David Kummer ist sie am Vorabend von einem piratenhaften Seemann namens „Captain Kidd“ überfallen und entführt worden. Kummer wurde von Kidd auf ein Boot verschleppt und später anscheinend über Bord geworfen.

Fatalerweise hat der Pirat den falschen Mann erwischt: Eigentlich sollte es einem gewissen John Marco an den Kragen gehen. Der ist Gast im Haus von Rosas Eltern Walter und Stella Godfrey. Walter ist ein steinreicher Wallstreet-Hai, dem praktisch das gesamte Cape gehört. In seiner Villa tummeln sich im Sommer stets viele Besucher. Marco würde der Gastgeber freilich gern an die Luft setzen, da dieser ein Auge auf Tochter Rosa geworfen hat.

Seinen Fehler hat Kidd offenbar rasch ausgebügelt: Als Queen und Macklin Rosa in ihr Elternhaus bringen, ist dort bereits die Polizei eingetroffen: Auf einem bequemen Stuhl am Strand sitzt John Marco – erdrosselt, nackt unter einem altmodischen Umhang.

Wer hat den Mann umgebracht, wieso wurde er anschließend entkleidet? Inspector Moley fühlt sich überfordert und bittet den berühmten Ellery Queen um Schützenhilfe. Die Schar der Verdächtigen ist identisch mit den Bewohnern von Godfreys Villa. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie alle gute Gründe gehabt hätten, sich Marcos zu entledigen: Der hat sich seinen Lebensunterhalt als Gigolo verdient, der die umgarnten Damen anschließend als Erpresser kräftig zur Ader ließ.

Bis Queen endlich Licht am Ende des Ermittlungstunnels erblickt, muss er sich tüchtig belügen lassen, schier endlos widersprüchliche Beweise sortieren – und vor weiteren Attacken des Mörders auf der Hut sein, der zwar einen entscheidenden Fehler begangen, aber leider eine geradezu übernatürlich geniale Art der Tarnung für sich entdeckt hat …

Ein einsam gelegene Haus am Meer, erbaut auf einer Halbinsel, umgeben von schroffen Klippen – oder anders gesagt: Hier kommt niemand heimlich hinein oder hinaus. Wenn sich also ein Mord ereignet, dann befindet sich der Täter garantiert unter den Bewohnern. Damit sind die Weichen gestellt für einen archetypischen „Whodunit“-Krimi, in dem Mörder, Verdächtige, Opfer und natürlich diverse Gesetzeshüter unter einer Käseglocke behaglicher Isolation einander zur Gaudi des Lesers belauern.

Die Karten liegen offen auf dem Tisch: Ellery Queen und sein Publikum stoßen zeitgleich auf die für die Lösung des Falls relevanten Spuren. Offen bleibt die Frage, wer mit solcher Fairness mehr anzufangen weiß. Der Verfasser möchte selbstverständlich mit einem gewissen Vorsprung als Erster durchs Ziel gehen. Ist der Leser wenigstens guter Zweiter, wird er (oder sie) zufrieden auch zum nächsten Roman aus der bewährten Feder greifen.

Wer würde nicht gern solcher Verkaufslist auf den Leim gehen, da doch die Manipulation des Lesers ebenso elegant wie unterhaltsam gelingt? „Der nackte Tod“ ist ein hochkarätiger Krimispaß, der meisterhaft die „klassischen“ Regeln des Genres ausspielt. Wir kennen sie alle, aber wir lieben sie, so lange sie nur geschickt variiert werden. Das ist hier jederzeit garantiert.

Der Originaltitel ist übrigens ein hübsches Wortspiel: „Spanish Cape“ ist einerseits der Ort des Geschehens. Andererseits ist ein Cape das einzige Kleidungsstück, das die Blöße John Marcos – der ein Spanier ist – verhüllt.

Sie alle haben Dreck am Stecken. Irgendwie steht es ihnen auch ins Gesicht geschrieben. Manchmal so deutlich wie dem unglaublichen „Captain Kidd“, der nicht nur aussieht wie sein berüchtigtes historisches Vorbild, sondern sich auch so zu benehmen weiß. Mit seinem Auftritt findet Ellery Queen (der Autor) den idealen Einstieg in das vorliegende Abenteuer.

Auf Walter Godfreys feudalem Spanish-Cape-Anwesen tummeln sich zwar deutlich feinere, aber ganz sicher nicht vornehmere Zeitgenossen. Der Hausherr hat sein Vermögen auf höchstens halbwegs legale Weise erworben. Die meisten Gäste können nicht einmal das von sich behaupten. Ein zwielichtiger Abenteurer, eine Mitgiftjägerin, gleich drei Ehebrecherinnen zählen zu ihnen – und das sind nur die Sünder, die unser Detektiv mühelos enttarnt. Leid können sie uns nicht tun. Ellery Queen – der Ermittler wie der Autor – gönnt ihnen daher auch kein Happy-End. Als das Rätsel von Spanish Cape endlich gelöst ist, verlassen Queen und Macklin eine von den Ereignissen fast völlig zerstörte Gesellschaft.

Noch ganz andere Abgründe tun sich sehr bald in Gestalt von John Marco auf. Den lernen wir nur als Leiche kennen. Er ist aber lebendig genug in der Erinnerung seiner geplagten Opfer. Unerbittlicher Parasit, bösartiger Erpresser, zynischer Weiberheld – die Liste seiner Verfehlungen ist fast so lang wie seine Verfolger zahlreich sind. Heute mutet Marcos „Geschäft“ reichlich altmodisch an. Manche prominente Dame vermarktet ihre Schäferstündchen inzwischen selbst. Aber 1935 konnte „Schande“ eine Karriere in der gesellschaftlichen Elite noch zerstören. Insofern ist Marcos nacktes Ende – ein Skandal, der immer wieder schockiert angesprochen wird – eine Art ausgleichender Gerechtigkeit.

Ellery Queen erleben wir dieses Mal nicht an der Seite seines Vater. Inspektor Richard Queen bleibt zu Hause in New York. Die Stadt wird zu eng für einen Detektiv, der seinen Genius gern möglichst ungewöhnlichen Fällen widmet. Das verlangt letztendlich auch sein Publikum, das einen Tapetenwechsel ebenso schätzt.

Der Filius braucht anscheinend trotzdem einen weisen, alten Mann an seiner Seite. Diese Rolle übernimmt Richter Macklin, ein rüstiger, höchst unwürdiger Greis, der zusätzlich für die (sparsamen) Heiterkeitseffekte in dieser Geschichte verantwortlich ist.

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten. [„Chinesische Mandarinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=222 ist neunte und letzte Fall der „1. Queen-Periode“, die neun Romane der Jahre 1929 bis 1935 umfasst, welche stets das Wort „Mystery“ im Originaltitel tragen und als klassische „Wer war es?“-Krimis zum Mitraten konzipiert wurden.

Dabei half das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des „realen“ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als – Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das „Markenzeichen Queen“ zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 60er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern schrieen. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Anleitung der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich unter http://neptune.spaceports.com/~queen : eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

„The Spanish Cape Mystery“ wurde bereits 1935, im Jahr seines Erscheinens, von Hollywood verfilmt. Unter der Regie von Lewis D. Collins spielte Donald Cook den Ellery Queen. Albert DeMond verfasste das Drehbuch – und wem diese Namen rein gar nichts sagen, der sollte sich nicht grämen: Dies ist ein sogenanntes „B-Movie“, eine Schöpfung der 1930er Jahre. Um das Publikum auch während der Wirtschaftskrise in die Kinos zu locken, wurde ihm eine Doppelvorstellung geboten. Vor dem teuer produzierten, mit Stars gespickten Hauptfilm lief ein durchschnittlich 70 Minuten kurzer, billiger „Aufheizer“. Gern waren dies Episoden von Serien, die durch den Fortsetzungseffekt einen weiteren Anreiz für die Zuschauer boten. Auch Ellery-Queen-Streifen wurden so heruntergekurbelt. Aus heutiger Sicht sind sie freilich wieder reizvoll anzusehen, da „billig“ einst nicht identisch mit „Schund“ war. Auch „The Spanish Cape Mystery“ ist deshalb durchaus unterhaltsam.

Ardagh, Philip – Furcht erregende Darbietungen

Diese Geschichte ist der zweite Teil der Trilogie, die in [„Schlimmes Ende“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3898303942/powermetalde-21 ihren schlimmen Anfang nahm. In Eddies Hof landet ein Sarg, dem ein Entfesselungskünstler entsteigt, und später gerät Eddie in die Hände von Sträflingen. Alles dreht sich um einen Schatz, doch wer zuletzt lacht, lacht am besten.

_Der Autor_

Der Ire Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart (und ähnelt damit dem Sprecher Harry Rowohlt in frappierender Weise) – wie sein Foto belegt (das sich auf der fabelhaften und unterhaltsamen [Homepage]http://www.philipardagh.com/ des Autors finden lässt). Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben, für Kinder jeden Alters und unter verschiedenen Pseudonymen. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende‘ „, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte.

Auch dieses Buch wurde wieder von Harry Rowohlt übersetzt, und er ist auch der Sprecher des ungekürzten Hörbuchs.

_Handlung_

Kaum hat der junge Eddie Dickens die turbulente Reise nach „Schlimmes Ende“ lebendig überstanden, geht der Wahnsinn auch schon wieder los. Eddie und seine „abgebrannten“ Eltern leben nun bei Onkel Jack und Tante Maud. Eines schönen Morgens parkt ein herrenloser Leichenwagen im Hof von Schlimmes Ende, und auf seiner Ladefläche parkt wiederum ein Sarg.

„Merkwürdig!“ finden Eddie und sein Wahnsinniger Onkel Jack und wollen den Sarg zurück in den Wagen befördern. Doch eine Gasexplosion in Onkel Jacks Haus vereitelt alle Versuche. Unter enormem Getöse schießt das hölzerne Ungetüm durch die Luft auf den Boden und öffnet sich. Heraus steigt Der Große Zucchini, seines Zeichens Eskamoteur und Eskapologe, kurz Entfesselungskünstler. Gleich darauf landet ein Heißluftballon mit einem Fotografen an Bord auf dem Hof und es wird langsam eng. Die Polizei, dein Freund und Greyffer, lässt daher nicht lange auf sich warten, um nach dem Rechten zu sehen.

Und damit beginnt für Eddie ein neues haarsträubendes Abenteuer, indem sich Eddie in eine kamelgesichtige Dame mit dem schönen Namen Daniella (Zucchinis Assistentin) verliebt, sich ins Hochmoor verirrt, Bekanntschaft mit drei seltsamen Sträflingen macht, von denen einer bellen kann und die Ohren abschleckt. Eddie ahnt nicht, dass das Trio mit den Namen Knochenbrecher, Protz und Belfer hinter einem Schatz her ist, der sich möglicherweise im Sarg des Großen Zucchini befindet.

Ach ja: Die Wahnsinnige Tante Maud aus „Schlimmes Ende“ spielt natürlich ebenfalls wieder mit, sowie Malcolm alias Sally, ihr ausgestopftes Wiesel und ein Eisenwarenhändler namens Mr. Collins – obwohl er in dem Buch eigentlich gar keine Rolle spielt. Aber man höre selbst!

_Mein Eindruck_

Auf den ersten Blick scheint die Handlung nicht so wahnsinnig viel Sinn zu ergeben, aber das liegt nur an meiner wilden Zusammenfassung. In Wirklichkeit ist die Erzählung, die Harry Rowohlt so lebendig vorträgt, wesentlich zusammenhängender, schweift aber mitunter auch wesentlich wilder ab. Man kann nicht alles zugleich haben, oder?

Ansonsten ist die Story wieder mit den bewährten Zutaten gespickt: skurrile Gestalten, merkwürdige Begebenheiten (die Gasexplosion ist nur das lauteste Ereignis) und ständige Enthüllungen von Geheimnissen (wer hätte im Sarg schon einen Schatz vermutet, mal ehrlich?). Zwischendurch durchläuft Eddie alle Höhen und Tiefen des Lebens: Er trifft die „Frau seines Lebens“, Daniella, aber leider auch drei Ausbrecher, die ihn als Geisel nehmen wollen. Dann landet er mal wieder hinter Gittern, diesmal bei den Greifern.

Ständig wendet sich der Autor an die kind- oder jugendliche Zuhörerschaft (alle Verweise auf das Buch sind getilgt), um ein paar Dinge wie etwa das schwierige Wort „Euphemismus“ oder bestimmte Erfindungen wie etwa Gaslicht zu erklären. Dadurch erhält die Erzählung an pädagogischem Wert.

Die Illustrationen sind natürlich nicht alle zu sehen, doch ein paar haben’s ins Booklet des Hörbuchs geschafft: Die Polizisten sehen keinen Deut Vertrauen erweckender aus als die drei Ausbrecher. Die Sträflingskluft der letzteren ist insofern einfallsreich, als sie keine Streifen tragen, sondern Pfeile, die auf und abwärts zeigen…

Dieses Buch enthält einen besonderen Bonus: Wie bei Dickens findet sich eine „Liste der handelnden Personen“ oder „Dramatis personae“. Allerdings nicht am Anfang, weil sie dort nicht das Gedächtnis stützen würde, sondern in der Mitte! Diese Liste ist äußerst willkommen, um den roten Faden nicht zu verlieren bzw. den verlorenen Faden wiederzufinden.

_Der Sprecher_

Harry Rowohlt macht als Sprecher einen phantastisch guten Job. Er verleiht jeder Hauptfigur ihre eigene Ausdrucksweise. So ist Mrs. Dickens die verhuschte, zurückhaltende viktorianische Dame („seen but never heard“), während die Wahnsinnige Tante Maud ihr brutalstmögliches Gegenteil darstellt.

Klein-Eddie klingt wie die Stimme der Vernunft, der gegenüber Der Große Zucchini das Showbusiness-Pathos selbst verkörpert. Hier bringt Rowohlt sein in jahrelanger Übersetzungsarbeit erworbenes und verfeinertes Sprachgefühl ein: Es gibt keine falschen Noten. Allenfalls über die Betonung des einen oder anderen Satzes könnte man sich streiten.

Im Übrigen gibt die Lesung den vollständigen Text des Buches wieder. Es wurde nichts gekürzt. Musikuntermalung fehlt, wird aber keineswegs vermisst: Sie würde nur störend wirken. Allenfalls Monty Pythons Lied „Always look on the bright side of life“ aus „Das Leben des Brian“ könnte ich mir als Intro oder Abspannmusik vorstellen.

_Unterm Strich_

Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ meets Monty Python. Nun ja, vielleicht nicht ganz, aber die Ähnlichkeiten mit Montys schrägem Sinn für Humor sind nicht völlig von der Hand zu weisen.

Harry Rowohlts Vortrag lässt keine Wünsche offen und trägt sehr dazu bei, die Geschichte auch ohne Illustrationen und Textgrafiken genießen zu können. Er arbeitet die Sprechweise der Hauptfiguren so gut heraus, dass man sie sich lebhaft in ihrem jeweiligen Charakter vorstellen kann.

Das einzige Manko des Hörbuchs ist wie schon beim Buch „Schlimmes Ende“, dass es der Verlag nicht für nötig hält, eine Altersempfehlung abzugeben. Für Geschenke suchende Eltern (Weihnachten naht unaufhaltsam!) wäre das aber eine große Hilfe bei der Auswahl.

Meine Altersempfehlung daher (als Nichtpädagoge): ab 10 bis 12 Jahren, je nach sittlicher Reife, charakterlicher Festigung und sprachlichen Fähigkeiten des potenziellen Lesers. Dieser Stoff ist nicht ganz so hart wie „Harry Potter“ ab Band 3, weicht aber wesentlich von dessen Stereotypen ab.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Simon Winchester – Der Mann, der die Wörter liebte

winchester-mann-cover-2000-kleinJedes Wort der englischen Sprache soll ermittelt, erforscht und erläutert werden: Das „Oxford English Dictionary“ benötigt bis zur Vollendung sieben Jahrzehnte. Unter den Mitarbeitern ist ein wahnsinniger Mörder, dem die Forscherarbeit Halt und Trost bietet … – Autor Winchester findet für sein Thema – die eigentlich wenig spannende Geschichte des genannten Wörterbuchs – den idealen Einstieg über die Biografie von W. C. Minor: Ein Geisteskranker leistet Großes im Rahmen eines wahnwitzigen Projekts. Das Ergebnis ist ein Sachbuch mit Thriller-Qualitäten.
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Vaz, Mark Cotta – Hinter der Maske von Spider-Man – ein geheimer Blick hinter die Filmkulissen

Mit Spider-Man wurde einst eine Comicfigur erschaffen, die immer populärer wurde. Anlässlich der Verfilmung durch Regisseur Sam Raimi („Evil Dead“, „Army of Darkness“, „Darkman“, „The Quick and the Dead“, „The Gift“ und aktuell „Spider-Man 2“) erschien „Hinter der Maske von Spider-Man“. Ein opulentes Buch, das Eindrücke und Insiderwissen widerspiegelt.

Das Buch ist in drei Teile und insgesamt neun Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel beschäftigt sich ausgiebig mit einem Aspekt des Spider-Man-Films. Dabei wird auch auf die Comicabenteuer des Netzschwingers eingegangen und ausgiebig der Film beleuchtet. Allerdings verliert der Autor kein Wort über andere Spider-Man-Filme, wie zum Beispiel die unsäglichen frühen Streifen amerikanischer oder gar japanischer Herkunft. Doch das ist auch nicht die Aufgabe des Buchs.

Der neugierige Leser bekommt neben dem gut übersetzten und schön angeordnetem Text auch viele Farbfotos zu sehen, die fast alle Abschnitte des Films abdecken. Seien es nun die Darsteller, die Kulisse, die Leute hinter der Kamera, die Stuntmen, die Tricktechniker und vieles mehr. Hier werden keine Wünsche offen gelassen und auch der Erfinder Spider-Mans (Stan Lee) kommt zu Worte. Dabei legt er großen Wert darauf, dass niemand den Bindestrich in Spider-Man vergisst. Immerhin soll der Netzschwinger sich von seinem Konkurrenten Superman abheben.

Neben Stan Lees Vorwort sind überall im Buch Auszüge aus diversen Comicheften des Fassadenkletterers zu finden. Allerdings sind sie amerikanischer Herkunft und dementsprechend die Sprechblasen mit englischen Worten gefüllt. Doch reicht hier Schulenglisch aus, um die wenigen Texte zu übersetzen. Die Auszüge dienen vor allem der Dokumentation von Spider-Mans Herkunft und Werdegang.

Dort werden auch die Unterschiede zwischen Comic und Film von Mark Cotta Vaz herausgearbeitet. Durch seine enge Zusammenarbeit mit den Machern des Films ist er in der Lage, viele der offenen Fragen zu beantworten. Vor allem Fans werden sich an die verstrahlte Spinne erinnern, die Peter Parker biss. Im Film ist die Spinne jedoch genetisch verändert. Auch das Verhältnis zwischen Peter und Mary Jane wird ein wenig anders dargestellt und der Leser entdeckt in diesem Buch die – logische – Erklärung dazu. Sam Raimi hat sich seine Gedanken zu dem Film gemacht und lässt sie durch Vaz nach außen dringen. Vor allem für Fans eine nette Geste.

Neben der Durchleuchtung des Mythos „Spider-Man“ steht der Kinofilm im Mittelpunkt. Ausführlich werden die Tricks erklärt, die Probleme aufgezeigt und die Darsteller ins rechte Rampenlicht gerückt. Dabei tritt Insiderwissen zutage, das in einem „Making of…“, zum Beispiel, kaum zu finden sein wird. Mark Cotta Vaz hat hier ausführlich und detailliert gearbeitet, was nun seinen Lesern zugute kommt. Dabei bringt er sein großes Fachwissen mit ein und zeigt mittels Querverweisen und sekundären Informationen weitere Details auf.

Neben ausführlichen Informationen über Spider-Man selbst, werden dem Leser auch die Darsteller nahe gebracht. Seien es nun Toby Maguire, Kirsten Dunst oder Willem Dafoe. Die hochkarätige Besetzung findet ebenso Beachtung wie die Maskenbildner oder Tricktechniker. Ausführlich beschreibt er die akribische Arbeit, die für den Film betrieben wurde, und zeigt seinen Lesern, wie genau dieses oder jenes funktionierte. Zum Beispiel erklärt er den scheinbar unkomplizierten Anzug Spider-Mans, in dem allerdings viel Know-how steckt. Für den Anzug wurden immerhin „Muskelpakete“ konstruiert und aufgedruckt, um die perfekte Illusion zu erzeugen. Selbst die Spinne wurde vom Tiertrainer in ein „Kostüm“ gesteckt, wie man dem Buch entnehmen kann.

Abgerundet wird der positive Gesamteindruck durch abschließende Filmfotos. Außerdem sind einige Storyboard-Sequenzen enthalten, die für den Film vorhergesehen waren, später aber nicht realisiert wurden. Ein informatives und flüssig zu lesendes Buch, das einfach Spaß macht und dem Leser Spider-Man nahe bringt. Sehr empfehlenswert.

_Günther Lietz_ © 2002
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Europa rüstet für den Krieg

Mit Lichtgeschwindigkeit ist Europa von der Nachkriegsordnung in eine Vorkriegszeit geraten. Den Krieg gegen Jugoslawien feierten die EU-Eliten als „Geburtsstunde“ des „neuen Europa“. Gewaltige Rüstungsprogramme ermöglichen Europa die globale Angriffskriegsfähigkeit. Der österreichische Soziologe und Journalist Oberansmayr zeichnet mit seinem Buch die Herausbildung der militärischen Supermacht historisch nach.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa geteilt und Westeuropa wurde militärisch den USA im Kampf gegen den kommunistischen Außenfeind unterstellt. Frankreich hatte das am wenigsten gepasst und so befasste es sich bereits 1950 mit Plänen für eine eigenständige europäische Armee. Nur aufgrund der Vorbehalte gegen den einstigen Kriegsgegner Deutschland scheiterten diese Pläne. Deutschland wurde dadurch allerdings nicht behindert, sondern konnte innerhalb der NATO durchaus militärisch wachsen. Die westdeutschen Machteliten gehörten zu den Gewinnern der Nachkriegskonstellation, was Frankreich gar nicht gefiel. Der Preis, den Deutschland für seine Militarisierung allerdings zahlen musste, war seine Spaltung. Das sowjetische Angebot, den Osten zugunsten eines entmilitarisierten Gesamtdeutschlands aufzugeben, wurde sowohl von den USA wie auch Westdeutschland entschieden abgelehnt.

Konrad Adenauer sah in einer europäischen Armee den besten Weg, den deutschen Osten wiederzuerlangen. Franz Thedieck (CDU), Staatssekretär 1952 im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen sah „das Herzstück Europas, Böhmen, Mähren und Schlesien überschwemmt von einer asiatischen Flut“. 31 von den 38 Generälen der neu gegründeten Bundeswehr waren schon Mitglieder des Generalstabs von Hitlers Wehrmacht gewesen. General Adolf Heusinger 1949: „Der Eintritt in die Europa-Armee wird es uns ermöglichen, unsere frühere Kampffront völlig wieder herzustellen“. Jacob Kaiser (CDU), Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, 1952: „Ein wahres Europa kann nur gebildet werden, wenn die deutsche Einheit wieder hergestellt wird. Sie umfasst außer Deutschland auch Österreich, einen Teil der Schweiz, die Saar und Elsaß-Lothringen“. Franz Josef Strauß, Verteidigungsminister ab 1957, kämpfte energisch für eine deutsche Nuklearmacht.

Frankreich unter Charles de Gaulle trieb diese Entwicklung der Atombombe aber im Alleingang an, ohne Deutschland und ohne Italien. 1961 legte Frankreich den Entwurf für eine über die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) hinausgehende Union der europäischen Staaten vor. Die Benelux-Länder lehnten ab, weil es ohne Beteiligung Großbritanniens nach französisch-deutscher Vorherrschaft aussah. Frankreich und Deutschland machten einen Alleingang mit dem deutsch-französischen Vertrag über Zusammenarbeit von 1963 (Èlysee-Vertrag). Das missfiel nun aber auch den USA. Frankreich wollte Europa damit unabhängig gegenüber den USA machen. Doch die inzwischen stärker „atlantisch“ orientierte Regierung unter Kanzler Ludwig Erhard zeigte sich wenig interessiert. 1966 tritt Frankreich aus der NATO aus. Deutschland wurde wichtiger. 1969 schlug der deutsche Kanzler Willy Brandt die Gründung einer europäischen Währungsunion vor, um sich vom Dollar als Leitwährung zu emanzipieren. Ende der 70er Jahre wurde das Europäische Währungssystem (EWS) eingeführt, aber schon da ging bereits das Gespenst der „Eurosklerose“ um. Großbritannien, seit 1973 Mitglied der EG, reagierte in traditioneller Anlehnung an die USA ohnehin allergisch auf deutsche Vormachtsbestrebungen.

Ab den 70er Jahren wurden ethnische Spannungen in den Nachbarländern geschürt. Der BND (Bundesnachrichtendienst) arbeitete auf die Verschärfung des Konflikts zwischen Zagreb und Belgrad hin. Unmittelbar vor dem Tode Titos war der deutsche Geheimdienst zu einem aktiven Gestalter der Balkanpolitik geworden. Der Innenminister Kroatiens, Krajacic, handelte nur noch in Absprache mit BND-Instituten und Ustacha-Repräsentanten im Ausland. Die Saat dieser Balkanpolitik ging Anfang der 90er Jahre auf.

1983 sah Otto Habsburg, Kaiserenkel und Europa-Abgeordneter der CSU, die Chance, die EG als „politischen Körper, in dem sich die Weltmacht Europa heranbildet“ neu zu strukturieren. 1984 erklärten die Außen- und Verteidigungsminister der sieben damaligen Mitgliedsstaaten in ihrer „Erklärung von Rom“, gemeinsam im Bereich der wehrtechnischen Grundlagen und der industriellen Wartung eingeführter Waffensysteme zusammenzuarbeiten, um die Führungsmacht USA auszuhebeln. Deutschland sah über eine atomare europäische Verteidigung die Möglichkeit, das ABC-Waffenverbot umgehen zu können. 1988 schritt man zu ersten militärischen Taten und entsandte europäische Minenräumboote in die Nahost-Golfregion. Dieser erste Einsatz außerhalb des NATO-Bündnisgebietes wurde auch mit deutschen Soldaten unter General Klaus Naumann vollzogen, der damit seine „höhere“ Karriere durchstartete. Beim NATO-Angriff 1999 war er dann Vorsitzender des NATO-Militärausschusses in führender Position.

Parallel dazu liefen die Zentralisierung der Rüstungsindustrie und Ankurbelung der Rüstungsforschung zur Herstellung eines gesamteuropäischen Rüstungsmarktes an. Bisheriger Kern der europäischen Verteidigung ist die deutsch-französische Brigade. Die früh verstorbene Galionsfigur der Grünen, Petra Kelly, war eine der entschiedensten Gegnerinnen dieses Rüstungswahns, die jetzige Gallionsfigur Joschka Fischer dagegen einer der Hauptbetreiber dieser Entwicklung. Der Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme wirkte als enormer Katalysator. General Naumann 1993: „Es gelten nur noch zwei Währungen auf der Welt: wirtschaftliche Macht und militärische Mittel, sie durchzusetzen“.

Die Amerikaner jedoch sind nicht bereit, den „Platz an der Sonne“ zu teilen. 1992 entwarfen sie den „No Rivals“-Plan und metzelten zuvor hunderttausende Iraker nieder, um der Welt die Botschaft von der „New World Order“ (Bush sen.) einzubrennen: dass es selbstmörderisch sei, die Hegemonie der USA in Frage zu stellen. Die Militarisierung Europas darf ihrer Ansicht nach nur unter strikter politischer, organisatorischer und militärtechnologischer Abhängigkeit zu den USA geschehen. Die europäischen Vorstellungen dagegen sind andere und gleichen denen der Politik Hitler-Deutschlands. Mit der deutschen Wiedervereinigung verschoben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der EU zugunsten Deutschlands. Joschka Fischer 1992 (noch vor seiner Zeit als Außenminister): „Deutschland soll eine Art `sanfte Hegemonie über Europa` bekommen, eine Übermacht, die ihm aufgrund seiner Größe, seiner wirtschaftlichen Stärke und seiner Lage auch zusteht“.

Das Konzept vom „Europa der Regionen“ läuft darauf hinaus, die kleinen Nationalstaaten zugunsten der ökonomischen Herrschaft des größten Nationalstaates – Deutschland – aufzulösen. Uraltprinzip: Teile und herrsche! „Der Osten ist als Aktionsraum für die deutsche Außenpolitik zurückgekehrt“ (Strategiepapier der CDU/CSU-Fraktionen zur Europapolitik (Schäuble/Lamers). Deutschland übernahm von Anfang an die Schrittmacherrolle bei der Zerstörung Jugoslawiens, indem es bei der Anerkennung von Slowenien und Kroatien voranpreschte. Die Amerikaner bezeichneten diesen Krieg als „Genscher-War“, denn erstmals wollten weder die USA noch die anderen Europäer (mit Ausnahme Österreich) dem Kriegskurs Berlins folgen. Die deutschen Eliten pokerten hoch, um diesen Krieg durchzusetzen, und riskierten sogar die Spaltung der EU. Sie setzten sich durch. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) übernahm die deutsche Kontrolle des kroatischen Geheimdienstes für 800 Millionen DM in bar. Die US-Militärzeitschrift „Defense Foreigns Affairs Strategic Policy“ 1992: „Der Krieg in den früheren jugoslawischen Republiken wird durch ein massives und komplexes System von Waffenlieferungen per Schiff nach Kroatien und Bosnen-Herzegowina, finanziert und organisiert von Deutschland, angeheizt“. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung: „Deutschland hat hier ein Verbrechen begangen“.

Ab 1996 baute der BND systematisch die Verbindung zur kosovarischen Untergrundsarmee UCK auf. Deutschland legte in der NATO ein Veto gegen die Unterbindung des Waffenschmuggels für die UCK ein. 1998 fordert Deutschland bei der NATO-Tagung in Brüssel ein direktes militärisches Eingreifen der NATO im Kosovo. Die USA änderten ihre Ansicht, denn sie sahen nun die Gefahr, dass die NATO an Bedeutung verlieren könnte, und übernahmen 1999 die militärische Führung beim NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien, nicht zuletzt, um die militärische Separation der EU von den USA zu verhindern – und erreichten das Gegenteil.

Die deutsche Präsidentschaft beim EU-Gipfel in Köln gab den Startschuss für eine – von der NATO unabhängige – EU-Interventionstruppe. Die deutsche Politik im Balkan geht in bewährter Weise weiter. Auch bei den letzten Kämpfen in Mazedonien hatte Deutschland mitgemischt, denn über den deutschen Besatzungssektor im Kosovo sickerten viele UCK-Kämpfer nach Mazedonien ein und destabilisierten nach bewährtem Muster das labile Land. Die Zerschlagung des blockfreien jugoslawischen Staates war notwendig, damit vor der EU-Erweiterung den Osteuropäern vorgeführt wurde, dass es zur Unterwerfung keine Alternative gäbe. Wer Weltmacht werden will, muss vor allem dafür sorgen, dass keiner mehr aus der Reihe tanzt. Wie gewohnt – ähnlich wie bei der Entmachtung Rumäniens und dem perversen Abschlachten von dessen Präsidenten (siehe auch http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=8 ) – wurden Nachrichten propagandagemäß gefälscht. Als die Untersuchungsergebnisse eines finnischen Ärzteteams die Meldung von einem „serbischen Massaker“ im Ort Racak nicht bestätigen wollte, hielt Fischer sie unter Verschluss und erzählte dagegen der Öffentlichkeit ungeniert: „Racak war für mich der Wendepunkt zum Krieg“ (1999).

General Naumann 1992: „Die Bundeswehr muss zum Alleingang bereit sein, wenn die NATO noch nicht handeln kann oder will“. Naumann 2003: „Die Bundeswehr muss die Soldaten wieder mit dem Tod vertraut machen“. Großbritannien, die weder beim Eurokorps noch bei der Währungsunion beteiligt sind, merkten inzwischen, dass sie mit massivem Bedeutungsverlust aus dem EU-Zentrum herauskippen könnten und versuchen sich an die Spitze der europäischen Militarisierung zu setzen, um deren Zentralisierung unter deutsch-französischem Kommando zu verhindern.

Der nächste große Coup war die Vorbereitung einer europäischen Verfassung, über die an anderer Stelle genügend berichtet wird (siehe http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=9 sowie http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=10 ). Die Zusammensetzung des Konvents ist aufschlussreich: Nur zwei von 65 stimmberechtigten Mitgliedern des Konvents waren deklarierte Gegner der EU-Militarisierung bzw. des Jugoslawien- und Afghanistankrieges (Jens Peter Bonde aus Dänemark und Sylvia Yvonne Kaufmann aus der BRD). Die Aufhebung der Vetomöglichkeit war Kernstück der neuen Verfassung. 310 der 460 Artikel, also ¾, wurden nie im Konvent diskutiert, sondern direkt zwischen den Außenämtern in Paris und Berlin ausgemauschelt.

Schwierigkeiten machen jedoch die neuen Ostmitglieder in der EU. Diese Länder sehen sich einer wirtschaftlichen Kolonisierung deutscher Konzerne gegenüber und lehnen sich deswegen militärisch eher an die USA an. Polen und Tschechen ordern Rüstungsprojekte bei den USA anstatt bei den europäischen Firmen, und im USA-Krieg gegen den Irak stellten sich weitere sieben Länder des „neuen Europa“ an die Seite der USA. Das „alte Europa“ formierte sich aber ebenso: Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg. In „ihrem“ Verfassungsentwurf ist die militärische Aufrüstung festgeschrieben. Abrüstungsbefürworter sind damit faktisch Verfassungsfeinde {Gegner des marktwirtschaftlichen Kapitalismus im Übrigen ebenso. – Anm. d. Lektors}.

Ein „Europäisches Amt für Rüstung, Forschung und militärische Fähigkeiten“ kontrolliert die EU-Mitgliedsstaaten drauf hin, ob sie ihrer Verpflichtung nachkommen. Aufstandsbekämpfung überall in der Welt ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrates ist ebenso in der Verfassung enthalten. Auf die Idee, den Kampf gegen den „Terrorismus“ in Verfassungsrang zu erheben, ist bislang nicht einmal Rumsfeld gekommen. Der Kampf gegen Terrorismus richtet sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Es besteht genügend Interpretationsraum, um politische Opposition zu kriminalisieren. Um zu verhindern, dass Staaten einfach so wieder austreten könnten, wurden die Austrittsbedingungen geändert. Bislang kann das noch jedes Land autonom entscheiden, mit Annahme der Verfassung jedoch nur noch mit Zustimmung der Mehrheit im europäischen Parlament. Und auch wer dort nicht drin ist, wird okkupiert. In Bosnien-Herzegowina und im Kosovo hat die „westliche Wertegemeinschaft“ Kolonialregimes errichtet. Der „Hohe Repräsentant“ der westlichen Staatengemeinschaft verfügt dort über volle Exekutivrechte in allen zivilen Angelegenheiten. Er kann Parteien auflösen, Wahlergebnisse annulieren, gewählte Präsidenten, Regierungschefs und Bürgermeister abberufen, Richter entlassen, Gesetze oktroyieren und neue Behörden schaffen und tut es auch. Zum Beispiel gab es 2002 153 solcher Kolonialerlässe. 2001 überfiel man einfach die staatliche Bank, sprengte alle Tresore und nahm alles Geld und Wertpapiere mit.

In der Vergangenheit stellte sich Europa – von der Öffentlichkeit in dieser Art kaum wahrgenommen – sehr unrühmlich auf die Seite der Völkerrechtsverbrecher in Afrika (Ruanda), Afghanistan und manch anderer Region. Palästina ist als Mitgliedsstaat der EU fest eingeplant, um ein Gegengewicht zum zur USA gehörenden Israel zu schaffen. Das Europäische Parlament will bis 2009 Kriege in der Größenordnung des Jugoslawienkriegs als eigenständige EU-Kriege führen können. Das wurde von der Mehrheit des Europäischen Parlaments in einer Entscheidung vom 23.10.2003 beschlossen. Die Ausgaben für Rüstung sind gigantisch und sie werden nicht wie andererseits die sozialen Haushalte im Maastrich-Defizitskriterium eingerechnet. Auch der Weg der EU zur Atommacht geschieht geräuschlos. Bis 2008 wird eine neue Generation von atomaren Langstreckenraketen entwickelt, ebenso wird bis dahin eine neue Generation an Atom-U-Booten einsatzbereit sein. Der seit Jahrzehnten angestrebte Zugriff Deutschlands auf die Atombombe hat sich verwirklicht. Mit europäischen Atomstreitkräften sieht sich Deutschland nicht mehr an die Atomwaffensperrverträge gebunden und nutzt seine Atomanlagen für militärische Forschung. Der von Rot-Grün beschlossene schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie ist eine Farce. Der Reaktor Garching II bei München ging erst 2003 in Betrieb.

Bis 2008 wird das europäische Programm GALILEO mit einem Netz von 27 künstlichen Himmelskörpern die Erde umkreisen, den gesamten Planeten im Auge haben und mit der Genauigkeit von einem Meter den USA überwachungsmäßig um Jahre voraus sein. Hauptsitz des Instituts ist in Deutschland, das Milliarden Euro dafür zahlt. Bemerkenswert, wo doch behauptet wird, die Staatskasse sei leer und wo massive Sozialkürzungen beschlossen sind. Die in den Medien verbreitete Behauptung, GALILEO sei ein rein ziviles Projekt, ist schlicht eine Lüge. GALILEO bringt das US-Monopol auf High-Tech-Blitzkriege ins Wanken. Es gibt noch mehr Weltraumprojekte als nur dieses System, und Deutschland ist nach den USA und Russland das dritte Land mit Radarüberwachung aus dem Weltraum.

Einer der größten Akteure ist die Deutsche Bank, größte Bank Europas, und wiederum größter Aktionär von Daimler-Chrysler, der wiederum größter Aktionär des kontinental-europäischen Rüstungskonzerns ist. Damit wird auch verständlich, wieso erst vor kurzem durch die Nachrichten ging, dass Amerika die Deutsche Bank aufkaufen wolle. Wer für Angriffskriege rüstet, will nicht Reichtum produzieren, sondern andere ausplündern. Francois Mer, französischer Wirtschaftsminister, 2002: „Der Direktor der Deutschen Bank meint: Das beste Mittel, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, ist ein Krieg. Ich denke wie er“. Aus dem Geschäftsbericht der europäischen Rüstungsindustrie 2001: „Unsere Verpflichtung ist es, für alle unsere Aktionäre Mehrwert zu schaffen. Wir halten, was wir versprechen“. Die Rüstungsinvestitionen liegen 50 Prozent über dem Höchststand des kalten Krieges, dabei ist es ein Wettrüsten zwischen den Konkurrenten West-West geworden, mit dem Preis des Sozialabbaus, der schon jetzt die Erde in eine historisch beispiellose Spaltung von Reichtum und Armut, Macht und Ohnmacht gerissen hat. Hinter den Planern der EU stehen Kräfte, die künftig mit zwei Räuberbanden anstatt nur einer die Welt unsicher machen und unter sich auf aufteilen wollen. Das 20. Jahrhundert endete, wie es begonnen hatte: Mit einem gemeinsamen Kolonialkrieg der großen Nationen, um ihre imperialen Interessen durchzusetzen.

Weiterführende Informationen:

[Europäische Union]http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%E4ische_Union (|wikipedia|)

[Europäische Verfassung]http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%E4ische_Verfassung (|wikipedia|)

[Es begann mit einer Lüge:]http://online.wdr.de/online/news/kosovoluege/ |Monitor|-Dokumentation des WDR über den Kosovo-Krieg

[German Foreign Policy:]http://www.german-foreign-policy.com/ Informationen zur deutschen Außenpolitik (mit zahlreichen Artikeln und Berichten zur Rüstungsentwicklung sowie Militärbündnissen und -planungen)

[Europa: Friedensmacht oder Militärmacht?]http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/themen/Europa/Welcome.html Beiträge zur Zukunft Europas von |Friedenspolitischer Ratschlag|, AG Friedensforschung, Uni Kassel

[EU für „Präventivkriege“ und „robuste Interventionen“. Die „Hard-Power“-Verfassung]http://www.imi-online.de/2003.php3?id=638 (G. Oberansmayr in: |guernica| Nr. 03/2003)

[“Spektakuläre Erfolge” im Waffenhandel]http://www.lebenshaus-alb.de/mt/archives/002291.html (|Lebenshaus Schwäbische Alb|)

[Europa: Militär & Rüstung]http://www.bessereweltlinks.de/book12c.htm

[Deutschland: Militär & Rüstung]http://www.bessereweltlinks.de/book12e.htm

[Deutschland: Rüstungsexport]http://www.bessereweltlinks.de/book16c.htm

[EU-Armee – ein Papiertiger]http://www.juergen-elsaesser.de/de/artikel/home/jw040524euroarmee.html

[Die militärische Machtentfaltung der Europäischen Union]http://www.linksnet.de/drucksicht.php?id=1236 von Lothar Schröter (UK) in: |UTOPIE kreativ|, H. 164 (Juni 2004), S. 530-534

[Im Gleichschritt, marsch]http://www.jungewelt.de/2004/06-17/004.php Brüsseler Gipfel will mit europäischer Verfassung vor allem die Militarisierung der EU voranbringen

[EU macht mobil]http://www.jungewelt.de/2004/06-16/001.php »Friedensgutachten 2004« vorgelegt. Scharfe Kritik an EU-Aufrüstung und deutschen Militäreinsätzen

_Gerald Oberansmayr
[Auf dem Weg zur Supermacht]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3853712169/powermetalde-21
Die Militarisierung der Europäischen Union
144 Seiten, Paperback, |ProMedia| 2004
ISBN 3-85371-216-9 _

Interview mit Kai Meyer

|Das nachfolgende Interview führte _Valentino Dunkenberger_ im April 2004 im Auftrag unseres Kooperationspartners [X-Zine]http://www.x-zine.de. Wir bedanken uns für die freundliche Leihgabe der Kollegen.|

[Kai Meyer]http://www.kai-meyer.com wurde am 23. Juli 1969 in Lübeck geboren und ist im Rheinland aufgewachsen. Er hat in Bochum einige Semester Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert {sowie Germanistik und Philosophie – Nachtrag d. Lektors} und anschließend mehrere Jahre als Journalist für eine Tageszeitung gearbeitet. Sein erstes Buch veröffentlichte er 1993 im Alter von 24 Jahren. Seit 1995 ist er freier Schriftsteller und gelegentlicher Drehbuchautor. Mittlerweile werden seine Romane in vierzehn Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau Steffi, ihrem Sohn Alexander und Hund Motte am Nordrand der Eifel. (Quelle: Autoren-Homepage)
Für September 2004 ist sein nächster phantastisch-historischer Roman [„Das Buch von Eden“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3785721749/powermetalde-21 als Hardcover und Hörbuch in Planung und wird bei |Lübbe| erscheinen, seine bei |Loewe| veröffentlichte |Wellenläufer|-Trilogie fand kürzlich erst ihren Abschluss, außerdem sind die ersten Bände der siebenteiligen |Mythenwelt|-Reihe in Kooperation mit anderen Autoren erschienen.

_X-Zine: _
Hattest du schon immer den Wunsch, Schriftsteller zu werden, oder gab es da einen Wendepunkt in deinem Leben, an dem du dich entschlossen hast, ein Buch zu schreiben?

_Kai Meyer: _
Ich wollte schon sehr früh Geschichten erzählen, ganz gleich in welcher Form. Mit siebzehn, achtzehn wollte ich eigentlich zum Film, vorher dachte ich einmal, ich könnte vielleicht Illustrator oder Comiczeichner werden. Zum professionellen Schreiben kam ich mit neunzehn durch meinen allerersten Versuch, ein Drehbuch für einen Kurzfilm zustande zu bringen. Aus dem Film wurde nichts, und so habe ich mich hingesetzt und begonnen, das Ganze als Roman aufzuschreiben. Nach etwas über dreißig Seiten habe ich mich gefragt, für wen ich das eigentlich mache, habe den Stapel mit einem höflichen Anschreiben eingetütet und an Michael Schönenbröcher bei |Bastei| geschickt. Damals dachte ich, das könnte etwas für die „Dämonenland“-Serie sein. Er hat mir dann einen sehr ausführlichen und sehr freundlichen Brief geschickt, in dem er mir erklärt hat, warum er den Roman nicht gebrauchen konnte – damals wurden in der Serie nur Nachdrucke veröffentlicht –, hat ihn aber an die Taschenbuchredaktion weitergeleitet. Dort wusste mein späterer langjähriger Lektor Reinhard Rohn auch nichts damit anzufangen und reichte die Seiten an die Redakteurin der „Mitternachtsroman“-Reihe weiter. Von ihr bekam ich schließlich eine Zusage, allerdings unter gewissen Auflagen. Meine Geschichte war eher gedacht in der Tradition von italienischen Horrorfilmen wie „Suspiria“; statt dessen wurde dann ein Gruselroman „für Frauen“ daraus – was immer genau das heißen mag.
Auf diesem Wege habe ich aber Reinhard Rohn kennen gelernt, der mir zwei, drei Jahre später die Chance gab, mein erstes Buch zu schreiben, einen True-Crime-Roman mit dem Titel „Der Kreuzworträtsel-Mörder“. Von da an ging es beständig aufwärts. Der eigentliche Durchbruch kam zwei Jahre später mit meinem ersten Hardcover „Die Geisterseher“, der erste große Erfolg mit [„Die Alchimistin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73.

_X-Zine: _
Woher nimmst du die ganzen Ideen für deine Bücher? Sind das spontane Einfälle oder dauert es seine Zeit, bis du die Grundstruktur eines neuen Romans ausgearbeitet und vor Augen hast?

_Kai Meyer: _
Jeder hat Ideen für Geschichten. Der Mann am Bankschalter, die Frau in der Supermarktschlange. Allerdings behandeln die Wenigsten ihre Ideen mit dem nötigen Respekt und der angemessenen Ernsthaftigkeit, sei es, weil sie einfach kein Interesse daran haben oder aber schlichtweg keine Zeit für das, was die meisten anderen Leute „Spinnereien“ nennen. Für uns Autoren sind Ideen Kapital, und das meine ich nur am Rande im finanziellen Sinne. Ich notiere mir unendlich viele Einfälle, manchmal Unfug, oft aber eben auch eine wirklich gute Idee, aus der dann tausend Seiten werden können. Aus solchen Grundideen baue ich mir über mehrere Wochen oder Monate hinweg ein Exposé, also eine Art szenisches Konzept, an dem ich mich beim eigentlichen Schreiben des Romans entlang arbeite.

_X-Zine: _
Was für Bedingungen brauchst du, um gut und viel schreiben zu können? Musst du dazu ganz allein sein oder brauchst du im Gegenteil Menschen um dich herum? Könntest du uns beschreiben, wie dein Arbeitsplatz ungefähr aussieht?

_Kai Meyer: _
Ein Rundblick über meinen Schreibtisch: Neben all dem technischen Schnickschnack wie Monitor, einem neuen und einem alten PC (den ich seit mindestens einem Jahr wegräumen will), Drucker usw. sehe ich unter anderem ungefähr fünfzig Bücher herumliegen, eigene und von anderen Autoren; eine Ablage aus Plastikfächern, deren obere beiden Etagen unter den Papierbergen, die sich darauf auftürmen, gebrochen sind; viele, viele lose Zettel und Blätter, darunter ein paar handschriftliche Leserbriefe, die ich schon lange hätte beantworten sollen; das Foto eines Mädchens, das gedacht hat, sich bei mir für die Verfilmung der |Merle|-Trilogie bewerben zu können (ein Trugschluss); die aktuelle VÄRTTINA-CD „Iki“; die Fahnen meines neuen Romans „Das Buch von Eden“, der im September erscheint; Quittungen für meinen Steuerberater; eine Sideshow-Skulptur von Tolkiens Hexenkönig auf seinem Flugungeheuer; zwei „Fighting Furies“-Piratenfiguren aus den 70ern; die Videokassette des russischen Märchenfilms „Das gestohlene Glück“; eine leere Kaffeetasse; den chinesischen Roman „Die Rebellen vom Liang Schan Moor“ (auf dem die ähnlich betitelte TV-Serie basiert); ein Kaktus; eine |Merle|-Schneekugel, die mir der |Loewe|-Verlag geschickt hat; ein Foto von mir vor dem Pub „The Eagle and the Child“ in Oxford aus dem letzten Jahr; eine Schreibfeder, die ich noch nie benutzt habe; und, ähem, ein paar Hundehaare, was bei zwei Hunden nicht ausbleibt.

Und das ist nur das, was auf meinem Schreibtisch steht. Die übrigen knapp 80 Quadratmeter meines Arbeitszimmers sehen genauso chaotisch aus, mit zig Stapeln aus Büchern, die sich überall auf dem Boden auftürmen; Bücherregalen, in die keine einzige lose Seite mehr passt; Kinoplakaten von fragwürdigen Filmen aus den 80er Jahren (u.a. „Der Zauberbogen“ und „Metalstorm“ …); ein uralter Flipper, der leider nicht mehr funktioniert; allerlei Actionfiguren, etwa zur Comicserie „Bone“; zwei Ledersofas, die halb unter Büchern und Comics begraben sind; und viel zu viele DVDs, die ich vermutlich nie im Leben anschauen werde.
All das brauche ich manchmal zum Schreiben – und manchmal lenkt es mich derart ab, dass ich lieber im Wohnzimmer oder, im Sommer fast immer, im Garten arbeite.

_X-Zine: _
Du bist mit 34 Jahren noch ziemlich jung, hast aber schon, wenn ich richtig informiert bin, an die vierzig Bücher geschrieben. Hast du einen bestimmten Maßstab, wie viel du am Tag schreibst?

_Kai Meyer: _
Ich versuche, zehn Manuskriptseiten am Tag zu schreiben, fünfmal die Woche – niemals am Wochenende. In der Regel brauche ich für einen Roman, je nach Länge, zwischen drei und sechs Monaten. An „Das Buch von Eden“ habe ich fast ein Jahr gesessen.

_X-Zine: _
Du hast großen Erfolg mit deinen Büchern, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Wie gut kannst du von dem, was du mit dem Schreiben verdienst, leben?

_Kai Meyer: _
Ganz gut. Als ich mich 1995 selbstständig gemacht habe, habe ich mir als Limit gesetzt, im ersten Jahr mindestens so viel zu verdienen wie vorher als fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung. Mittlerweile ist es ein Mehrfaches davon.

_X-Zine: _
Demnächst wird deine sehr erfolgreiche „Merle“-Trilogie verfilmt. Wie und vor allem warum kam es zu der Entscheidung, diese als Zeichentrickfilm umzusetzen und nicht als Realverfilmung, was ich persönlich sehr schade finde?

_Kai Meyer: _
Ganz einfach: Es war das erste seriöse Angebot einer Produktionsgesellschaft. Deutsche Produzenten – bis auf ganz wenige Ausnahmen – können mir noch so oft erzählen, dass sie die |Merle|-Bücher real umsetzen könnten. Ich würde ihnen, nach diversen Erfahrungen im Filmgeschäft, kein Wort glauben. Aber eine Zeichentrickverfilmung ist machbar. Und die Trickompany ist das beste Animationsstudio, das wir in Deutschland haben. Abgesehen davon, dass der Regisseur Michael Schaack und der Produzent Thomas Walker sehr nette und vor allem realistische Leute sind, was in dieser Branche keineswegs selbstverständlich ist.

_X-Zine:_
Ich habe mich ein wenig auf deiner [Homepage]http://www.kaimeyer.com umgesehen und war recht erstaunt, wie viel Zeit du dir für diese Seite und deine Fans nimmst. Ich finde das sehr lobenswert, denn es gibt nicht mehr sehr viele Autoren, die einen so guten Kontakt zu ihren Lesern pflegen! Folgere ich daraus richtig, dass dir deine Fans sehr am Herzen liegen?

_Kai Meyer: _
Klar, sonst würde ich das alles nicht machen. Das Ganze bedeutet eine Menge Arbeit – dessen technische Seite mir zum Glück abgenommen wird –, aber eben auch eine Menge Spaß. Ich kann mittlerweile schon gar nicht mehr recht nachvollziehen wie es war, als ich noch keinen so nahen Kontakt zu meinen Lesern hatte. Sicher, manchmal wird es auch ein wenig zu viel des Guten – die üblichen Fragen wiederholen sich ja sehr, sehr oft, gerade in E-Mails -, aber insgesamt überwiegen die angenehmen Seiten mit großem Vorsprung. Vor allen Dingen die Arbeit an der Rubrik „Journal“, eine Art Blog oder Arbeitstagebuch, ist klasse. Mittlerweile wird sie im Monat von 8.000 bis 9.000 Leuten gelesen, was eine ganz ordentliche Zahl für eine nicht-kommerzielle und weitgehend nicht beworbene Website ist.

_X-Zine: _
Du hast gerade zum neuen Jahr ein Projekt abgeschlossen, das unter dem Titel „Das Buch von Eden“ im Herbst auf den Markt kommt. Wieso liegt zwischen Schreiben und Veröffentlichung eine so große Zeitspanne?

_Kai Meyer: _
Tatsächlich ist sie diesmal sogar sehr kurz. Ich habe das Buch am 31. Dezember abgegeben. Im Mai müssen die fertig gedruckten Leseexemplare für Buchhändler und Medien vorliegen. Damit bleiben für Lektorat, Fahnenkorrektur, Titelbild, Innenillustrationen, Satz und die übrige Herstellung gerade einmal etwas über vier Monate. Das ist sensationell knapp. Zwischen Mai und September, dem offiziellen Erscheinungstermin, läuft dann noch die erste Pressearbeit.

_X-Zine: _
Kannst du uns schon Näheres darüber verraten?

_Kai Meyer: _
Der Roman spielt im Hochmittelalter. Es geht um die Suche nach dem wahren Standort des Gartens Eden. Im Prinzip ist es eine Queste, die Geschichte einer Odyssee durch das mittelalterliche Europa und den Orient. Sehr episch, sehr umfangreich. Die Hauptfiguren sind gerade einmal sechzehn Jahre alt, aber sie werden unter anderem von Albertus Magnus und ein paar anderen wunderlichen Gestalten begleitet.

_X-Zine: _
An welchem Projekt arbeitest du gerade? Worum handelt es sich dabei?

_Kai Meyer: _
Ich beginne in den nächsten Tagen ein neues Jugendbuch mit dem Arbeitstitel „Aurora“. Auch über die Arbeit daran werde ich auf meiner Homepage wieder Tagebuch führen. Aber es ist noch ein wenig früh, um jetzt schon etwas über den Inhalt zu verraten.

_X-Zine: _
Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche dir noch ganz viel Erfolg für deine Zukunft!

Hausdorf, Hartwig – Rückkehr der Drachen, Die

Mit einer Bestandsaufnahme beginnt der Verfasser, welche gleichzeitig Rechtfertigung ist: In den Kapiteln „Irrtümer wiederholen sich“ und „Lebende Fossilien“ lässt er die angeblich zurückkehrenden Drachen erst einmal außen vor und beschränkt sich auf deutlich kleineres Getier. Verblüffend ist es in der Tat, dass im Zeitalter des allsehenden Satelliten weiterhin mehr neue Tierarten entdeckt werden als der Mensch alljährlich ausrotten kann. Darunter sind Schweine, Hirsche, Rinder und andere kapitale Viecher, die sich dort, wohin sich unsereins aus gutem Grund (Hitze, hohe Berge, Dschungel, Parasiten, Bürgerkrieg oder alles zusammen) nicht traut, bisher verbergen konnten.

Einige dieser Neubürger in der zoologischen Statistik sind von erstaunlichem Alter – nicht als Individuen, sondern als Art. Und da wird er auch schon vom Verfasser auf die Bühne geschubst, der Dauerbrenner Quastenflosser, dem „Urzeit-Überlebender“ auf die stummelfüßigen Flossenbeine tätowiert sein könnte! Leider sind sowohl dieser Fisch als auch seine hier vorgestellten Mit-Methusalems zwar sehr interessante Erdbewohner, aber nicht unbedingt das, worüber wir lesen wollen. Wo bleiben die Drachen?

Nur keine Ungeduld, es gilt die „wissenschaftliche“ Basis weiter zu festigen: „Die Sache mit den Drachen“ konfrontiert uns mit Überlieferungen in Form von Legenden und Steinzeichnungen, die eindeutig „belegen“, dass zumindest im Alltag unserer Vorfahren die Dinos noch sehr präsent waren. Verdammt, wo haben sie sich seither verkrochen?

Das ist das Stichwort für Kapitel 4 („Was kreucht …“) und 5 („Unheimliche Begegnung der ausgestorbenen Art“). „Verkriechen“ war in der Tat die Devise für die Veteranen aus Jura- und Kreidezeit. Es zog sie dorthin, wo die Wälder tief, die Täler dunkel oder Forscheraugen sonstwie getrübt sind. Dort springen oder fliegen sie vor ihren überraschten und generell entsetzten Besuchern auf; meist ist es dämmrig, die abergläubischen eingeborenen Führer und Trägern meutern und die Kamera gibt ärgerlicherweise genau jetzt den Geist auf.

Hilfreich für den Rückzug ist auch ein dem Menschen fremdes Medium: „Geheimnisse der Tiefsee“ und „Auge in Auge mit der Vergangenheit“ legen offen, wo sich auf jeden Fall klobiges Ungetier tummeln muss: in den unendlichen Tiefen der Weltmeere, die praktischerweise trotz moderner Technik bisher finster blieben. Schon immer haben wackere Seeleute sie getroffen, wenn sie ein dummer Zufall an die Oberfläche trieb: Seeschlangen, Riesenkraken, Monsterquallen. Spendierte man ihnen (gemeint sind die Seeleute) ein gutes Glas Rum, erzählten sie gern davon und sparten nie an Details. Hier und da wurde sogar Merkwürdiges aus den Fluten gefischt, das meist so erbärmlich stank, dass es nicht den am Hafen wartenden Wissenschaftlern und der Presse vorgeführt werden konnte, sondern zurück ins Meer geworfen werden musste.

Ortswechsel & Auftritt „Mokele M’bembe“, auch so ein Star der Szene, der im afrikanischen Victoria-See haust und den Miniatur-Brachiasaurus mimt. „In der Hölle von Likoula“ geistert er schon seit vielen Jahrzehnten umher, ein Paradebeispiel dafür, wie geschickt und schlau diese Tiere sind, wenn es gilt, sich den Nachstellungen ihrer Jäger zu entziehen!

Neuerlicher Kulissenwechsel: „Wo die Zeit stillsteht“, also auf südamerikanischen Hochplateaus, in Australien und Ozeanien, schleicht ebenfalls seltsames Getier umeinander. Wer einmal einen Aborigine gesehen hat, der „weiß“ sofort: Der wohnt im ältesten Land dieser Erde, hier hat sich seit Millionen Jahren rein gar nichts verändert. Vor Millionen Jahren lebten nachweislich die Dinosaurier. Ergo zieht der Verfasser für uns den Schluss: Hier sind sie noch heute auf jeden Fall!

Das Schlusskapitel ist der Ankündigung zukünftiger Sensationen gewidmet: „Auf leisen Sohlen in die ‘Verlorene Welt‘ – Am Vorabend weltbildstürzender Entdeckungen“. Dem Appell, die scheuen Drachen zukünftig gefälligst mit lautlosen Luftschiffen zu suchen, folgt ein letzter Tritt in die Kniekehler derer, die auch jetzt noch zweifeln: Wir leben leider auf einem Planeten der Naturwunder, die von verdammenswerten Spielverderbern unterdrückt werden. Die hat der Verfasser nunmehr mit einer Flut eindeutiger „Beweise“ mundtot gemacht. Nun heißt es nur noch: warten; sie werden schon kommen, unsere Drachen, nicht heute oder morgen, aber vielleicht schon vor der zweiten Auflage!

Das wäre freilich fatal. Einer Legion von Kryptozoologen, UFOlogen und Geisterjägern wäre damit die Lebensgrundlage genommen. Schließlich können sie nur existieren, solange sich die Objekte ihrer „Forschungen“ in möglichst stabiles Halbdunkel hüllen. Mit einer Materialisation der „Drachen“ in dieser unserer Gegenwart oder auch Zukunft ist jedenfalls nicht zu rechnen. Nicht nur der skeptische, sondern auch der gewagten Theorien gewogene Leser kann nach der Lektüre dieses Buches grundsätzlich zu keinem anderen Schluss kommen.

Die Welt des Übernatürlichen bzw. des mit den Mitteln der Gegenwart Unerklärlichen ist das Reich der Ringschlüsse. Wenn Quastenflosser, Brückenechsen und Nautilusse bis heute überlebt haben, dann „muss“ dies auf Plesio-, Brachio- oder sonstige Saurier ebenfalls zutreffen, so mutmaßt (träumt/fantasiert) der Verfasser. Irgendwo gibt es auf dieser geräumigen Erde sicherlich ein Fleckchen, an dem die Zeit stehen geblieben ist und die Donnerechsen überlebten! Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand …

Was ein arger Trugschluss ist, wie ernst zu nehmende Naturwissenschaftler (= Autor Hausdorfs Erzfeinde, weil auf handfesten Beweisen bestehend) zu bedenken geben. Fakt ist: 65 Millionen Jahre sind seit dem Untergang der Saurier verstrichen. Das ist in erdgeschichtlichen Dimensionen eine stolze Zeitspanne. Kryptozoologen wie Hartwig Hausdorf profitieren von der Tatsache, dass sich kein Mensch diese Spanne vorzustellen vermag. Eine Tierart mag 650 oder 6.500 Jahre „untertauchen“ – 65.000.000 Jahre sind eine ganz andere Dimension! Kein Stein blieb in dieser Zeit auf der Erdoberfläche auf dem anderen, kein Fleckchen von gewaltigen Veränderungen ausgespart.

Aber der Quastenflosser hat es doch auch geschafft und sich sogar 400 Millionen Jahre gehalten! Hat er? Eben nicht; er hat zwar seine archaische Gestalt behalten, aber er ist trotzdem ein Quastenflosser des 21. Jahrhunderts, der sich im Verlauf seiner langen Geschichte durchaus entwickelt und verändert hat.

Ist das denn nicht ein „Beweis“ für das Überleben der Saurier? Mokele M’bembe ist nach Ansicht der Kryptozoologen ein im Laufe der Äonen durch das Dschungelleben „geschrumpfter“ Brachiosaurier. Das ändert aber nichts an der simplen Tatsache, dass der Viktoriasee zwar Teil einer Landschaft ist, die uns Menschen uralt erscheint, jedoch keineswegs jene 65 Millionen Jahre alt ist, die auch Hausdorf als Spanne des Verschwindens unserer geliebten „Drachen“ akzeptiert. Wo oder wie hat Mokele M’bembe also ohne ihn überlebt?

Zeit ist ein Faktor, der auch Australien und die ozeanischen Inseln keineswegs verschont hat. Trauriger Fakt ist, dass es hier noch vor wenigen Jahrtausenden in der Tat „Monster“ gab, darunter giraffengroße Vögel und autobusgroße Echsen. (Wer sich an den Erkenntnissen der verhassten Wissenschaftler laben möchte, greife z. B. zu Terry Oakes‘ Sachbuch [„Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=252 erschienen bei der |Vgs|.) Der überaus tüchtige Mensch, unwiderstehlich auch in seiner Urzeit-Version, hat sie allerdings alle ausgerottet. Dabei war er schon im eigenen Interesse überaus gründlich: Als die großen, dummen, leckeren Viecher weniger wurden, hat er sie mit knurrendem Magen bis in die letzten Winkel verfolgt. Glaubt denn ernsthaft jemand, er habe dabei potenzielle Dinosaurier ausgespart?

Aber mit sachlich vorgetragenen Argumenten lassen sie sich seit jeher nicht aus dem Konzept bringen oder gar überzeugen, unsere Kryptozoologen, Esoteriker oder sonstigen Rätselfreaks. Die Gegenwart scheint ihnen so, wie sie nun einmal ist, einfach zu langweilig. Sie benötigen das Rätselhafte wie die Luft zum Leben. Dumm sind sie nicht; das wäre als Erklärung zu einfach. An dieser Stelle können wir über die Gründe des Glaubens – und mehr ist es nicht -, es könne noch Dinosaurier geben, keine Diskussion führen. (Es wäre ohnehin vergeblich.) Dabei entlarven sich Manifeste wie „Die Rückkehr der Drachen“ quasi selbst, und das exemplarisch.

Da werden Fakten aus obskuren „Quellen“, Legenden, Hörensagen und Wunschdenken nach Belieben gemixt. Wo Okapis, Zwergflusspferde und sonstige Überraschungen zum Vorschein kommen, werden nach Hausdorf auch Saurier möglich. Sie sind einfach bisher unentdeckt geblieben. So funktioniert Evolution aber nicht. Freilich ist der Verfasser von ihrer Realität ohnehin nicht überzeugt. Allen Ernstes erwägt er den Einfluss außerirdischer Genlabor-Späße auf die irdische Naturgeschichte. Da enden dann wohl Appelle an den gesunden Menschenverstand …

So lassen sich Hausdorfs „Argumente“ Stück für Stück widerlegen oder widerlegen sich selbst. Es soll an dieser Stelle unterbleiben – dies auch aus der Resignation heraus, dass Bücher wie dieses ohnehin nur für jene geschrieben werden, die entweder bereits „überzeugt“ sind, dass Hausdorf Recht hat, oder zumindest ahnten, dass es zwischen Himmel & Erde mehr gibt, als der gesunde Menschenverstand oder die verhasste (und von Hausdorf immer wieder kindlich beschimpfte) Wissenschaft erklären kann, und sich deshalb leicht „überzeugen“ lassen.

Deshalb befinden sich Hausdorf & Co., diese selbst ernannten Fox Mulders, diese Enkel des „Dr. h. c.“ Erich „von“ Däniken (von seinem Adepten Hausdorf im Text freundschaftlich „Erich“ genannt), auf der sicheren Seite: Die Argumentation der „richtigen“ Wissenschaft folgt eigenen Gesetzen, ist kompliziert, oft schwer verständlich, weil präzise und (theoretisch) auf Objektivität bedacht. Hingegen bieten die Eigenbau-Wissenschaftler einfache Erklärungen, die zudem gefallen. Und bei denen, die ohnehin an Dinosaurier, UFOs oder die Heilkraft von Magneten auf strapazierte Rückenwirbel glauben, laufen sie sowieso offene Türen ein. Da ist es gleichgültig, dass die Logik ignoriert wird, die wüst und willkürlich konstrierten „Beweise“ sich gegenseitig stützen müssen oder die absolute Wahrheit in geradezu erschütternd schlichter Prosa aufscheint.

Kongenial entlarven schließlich die Fotos dieses „Sachbuch“. Klar und deutlich sehen wir nur, was wir ohnehin bereits kennen. Wurde die Linse ausnahmsweise einmal auf ein Rätseltier gerichtet, dann ging garantiert etwas schief. Verschwommen, unter- oder überbelichtet, auf jeden Fall ohne jede Beweiskraft sind die auf Zelluloid gebannten Lächerlichkeiten. Nachdem in den mehr als anderthalb Jahrhunderten seit der Erfindung der Fotografie herabstürzende Meteore, Falken verprügelnde Hasen oder Michael Jackson ohne Maske auf Bildern fixiert wurden, sollte das irgendwann mit wenigstens einem Drachen halbwegs deutlich gelungen sein. Ist es aber nicht, was jedoch nur für uns nicht in die wahren Geheimnisse des Universums Eingeweihten Bände spricht …

„Liebe FreundInnen eines neuen, erweiterten Weltbildes“ begrüßt uns Hartwig Hausdorf auf seiner [Homepage.]http://www.vfgp.de/hartwighausdorf Es erwartet uns eine wahrlich aufregende Reise durch eine Welt, die uns so bisher vermutlich unbekannt war. Ein fremder Ort ist das, bevölkert von seltsamen Geschöpfen, den Bewohnern versunkener Reiche, beraten oder manipuliert durch Überwesen aus dem All. Pyramiden in China? Untertassen-Abstürze ebendort? Weltweite Komplotte von Politikern, Historikern u. a. Wissenschaftlern, welche die Menschen dumm und leicht regierbar halten wollen? Wer dies alles und noch viel mehr entlarvt sehen möchte, wende sich vertrauensvoll an den Verfasser. Rastlos durchstreift er die Welt, um den Lügnern, Verschweigern und Verschwörern die Masken vom Gesicht zu reißen und die Wahrheit zu enthüllen.

Lang ist die Liste der Hausdorf-Jünger. Auch die Liste seiner TV-Reverenzen flößt Vertrauen und Ehrfurcht ein: „Terra X/ZDF, Channel 7/Australien, Nippon-TV/Japan, Strange Universe/USA, Fliege/ARD, Arabella/PRO 7, SAT 1-Frühstücksfernsehen“. Da können doch nur noch Kleingeister und notorische Spötter dem Meister die Gefolgschaft verweigern! Recherchiert wird ansonsten in der „Fachliteratur“ gleich gepolter Mitstreiter oder gleich im Internet, jenem Medium, das für das Ausbrüten „geheimen Wissens“ förmlich erfunden wurde. Die Masche trägt: Hausdorf hat bisher ein Dutzend Bände voll des zusammengeklaubten Wundersamen auf den Buchmarkt geworfen; Fortsetzung folgt sicher, was zur Abwechslung einmal ein wahres Mirakel dieser Welt ist!

Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel

Das All ist seit Jahrtausenden von der Menschheit besiedelt, aber außerirdische Intelligenz wurde dabei bislang nicht entdeckt. Als vom sogenannten EinAus-Stern nahe des galaktischen Zentrums nichtmenschliche Funksignale aufgefangen werden, scheint sich der Traum eines Erstkontaktes zu erfüllen. Das Händlervolk der |Dschöng-Ho| rüstet eine Flotte aus, um sich bei den Aliens umzusehen. Der Stern ist schon für sich genommen seltsam genug, da er in langen Zeitabständen pulsiert und auch schon mal für Jahrzehnte verlöscht.

Bei der Ankunft müssen die |Dschöng-Ho| allerdings feststellen, das sie nicht die Einzigen sind, welche sich für die Fremden interessieren. Eine zwischenzeitlich in die Barbarei versunkene Zivilisation in der interstellaren Nachbarschaft des EinAus-Sterns hat sich wieder weit genug erholt, um ebenfalls eine Expedition losschicken zu können. Leider ist die soziale Entwicklung der spöttisch „Aufsteiger“ genannten Neuankömmlinge weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückgeblieben: Ihre faschistisch anmutende Gesellschaft ist auf der Versklavung und Ausbeutung Schwächerer aufgebaut. In einem Überraschungsangriff übernehmen sie auch die Schiffe der Dschöng-Ho. In den Kämpfen werden die Schiffe beider Parteien allerdings so schwer beschädigt, dass ein weiterer Weltraumflug nicht mehr im Bereich des Möglichen liegt.

Die |Aufsteiger| nutzen skrupellos das überlegene technologische Know-how der |Dschöng-Ho| für ihre Zwecke, nachdem sie alle Führungspersönlichkeiten der Händler exekutiert haben. Der Rest der versklavten Händler ist von der kaum vorhandenen Gnade der |Aufsteiger| abhängig. Die Versklavung wird durch exzellente Biotechnologie gewährleistet, welche in das Gehirn der Opfer eingreift und sie zu willenlosen Robotern macht. Wer von den Händlern gerade nicht benötigt wird, kommt in die Schlafkammern und wird „auf Eis“ gelegt.
Trotz all der scheinbaren Erfolge der |Aufsteiger| ist die übrig gebliebene Wirtschaftsbasis der verbliebenen Flotte viel zu gering, als dass ein langfristiges Überleben möglich scheint. Ohne Unterstützung einer planetaren Wirtschaft würde die Menschheit im System nach wenigen Jahrzehnten untergehen. Die planetaren Bewohner sind so wenig menschlich, wie man es nur sein kann: Sie stammen von einer Art Riesenspinne ab. Obwohl sie sich inzwischen an die Ökologie des Planeten gut angepasst haben, spricht doch vieles dafür, dass es sich bei ihnen keineswegs um Eingeborene handelt; die menschlichen Wissenschaftler vermuten eher, dass sie Nachfahren gestrandeter Raumfahrer sein könnten. Würde man ihnen ihre Geheimnisse entreißen können, hätte sich die Expedition trotz aller Verluste doch noch gelohnt! Vorerst müssen die |Aufsteiger| allerdings noch ein paar Jahrzehnte warten, denn die derzeitige technische Entwicklung wäre etwa mit der Erde um 1900 vergleichbar.

Aber während die |Aufsteiger| nun die Versklavung der Spinnen planen, proben die letzten überlebenden Händler den Aufstand…

Wie hält man eine Rebellion im Gang, wenn jedermann jederzeit überwacht wird und selbst Gedanken nicht mehr frei sind? Dieses Buch behandelt einen echten Alptraum eines Überwachungsstaates, in dem alle Menschen nur Verfügungsmasse der Aristokraten darstellen. Dagegen erscheint einem das geschilderte Leben des demokratischeren Spinnenvolkes fast schon als romantisches Idyll. Trotz ihrer körperlichen Fremdartigkeit sind die Spinnen geistig der Menschheit stark verwandt. Ich wäre ja von dieser Spiegelung menschlicher Denkungsart auf Aliens ein wenig enttäuscht gewesen, wenn Vinge nicht einen echten Kunstgriff angewandt hätte: Wir bekommen die Spinnen nämlich nicht direkt geschildert, sondern eher durch die Augen einer menschlichen Übersetzerin. Jede unpassende Vermenschlichung würde demnach das Werk dieser Sklavin sein, welche zu Analogien greift, um ansonsten nicht vermittelbare Gedankenwelten verständlich zu machen.

Vinges Werk wurde hoch gelobt und hat mir ebenfalls gut gefallen. Er hat sich auch jede billige direkte Kritik am ach so bösen Menschen verkniffen, selbst wenn sein Spinnenvolk im Vergleich mit den Aufgestiegenen als die Liebenswertere von beiden Lebensformen erscheint. Auch bei den Menschen gibt es „Gute“, während die Spinnen ebenso ihren Teil an bösartigen Intriganten aufweisen können. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, und die Geduld, mit der die Händler um ihre Freiheit kämpfen, hat durchaus etwas Bewegendes. Ich kann es auf alle Fälle empfehlen.
Die „Tiefe am Himmel“ des Buchtitels benennt übrigens ein lebenswichtiges Überwinterungsversteck in der Spinnensprache…

_sgo_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|

Europa ohne Demokratie?

Die Europäische Verfassung soll dazu dienen, die nach dem Kalten Krieg neu eingetretenen Ostblockstaaten auf einen unumkehrbaren Markt der Gesetze des Profits und der Logik des Kapitals festzuschreiben. Dies geschieht im Hau-Ruck-Verfahren, wo ein Konvent in nur eineinhalb Jahren einen Entwurf schuf, der jetzt verabschiedet wurde (und noch durch die Mitgliedstaaten der EU ratifiziert werden muss).

Demokratie spielt im Entwurf keine wesentliche Rolle, dagegen die marktwirtschaftliche Absicherung und militärische Aufrüstung um so mehr. Das verläuft seit der Spaltung bezüglich des Irakkrieges zwar sehr schleppend, dafür gehen die Vorhaben, die Monopolunternehmen Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands im militärisch-industriellen Bereich zu einer europäischen Rüstungsagentur zu vereinen, um so schneller voran. Der Philosophie des Neoliberalismus mit seiner freien Marktwirtschaft wird keine Alternative gestattet.

Interessant ist wohl auch, dass der Konvent eine reine Männerdomäne war, die 83 Prozent stellten. Unter den letztlich zwölf Stimmberechtigten gab es nur eine einzige Frau. Die Europäische Verfassung wurde somit fast unter Ausschluss der Frauen konzipiert. Aber auch in sonstiger Hinsicht stellte die Zusammensetzung des Konvents eine sehr groteske Verzerrung der politischen Realitäten in der Europäischen Union dar. Alles blieb in der Hand des strengen Präsidiums unter der Leitung von Giscard d`Estaing. Die Debatten wurden, trotz der multinationalen Zusammensetzung, ohne Übersetzung – nicht mal ins Englische – nur auf Französisch geführt. Natürlich sowieso auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zwar gab es einige Foren, die aber eine Farce waren, wo sich bestimmte Interessenvertreter jeweils drei Minuten äußern durften. Kritiker waren selbst dort ausgeschlossen.

Zu Recht wird bezweifelt, ob die von Giscard d`Estaing selbstherrlich am Ende als Konsens verkündeten Positionen überhaupt die einer Mehrheit waren. Schon gleich zu Beginn des Konvents gab es von Seiten der gewählten Abgeordneten des Europaparlaments Unterschriftensammlungen und eine mehrheitliche Kritik an der Arbeitsweise der Verfassungsentwurf-Gremien. Dies wurde ignoriert.
Eigentlich hätte die Verfassung bereits vor der Osterweiterung im Dezember 2003 verabschiedet werden sollen, war aber gescheitert. Nicht wegen der grundlegenden Inhalte, sondern wegen der Machtverteilung um die Vormachtstellung von Deutschland und Frankreich.

Die ganze Diskussion geht bislang an der Öffentlichkeit völlig vorbei und dies durchaus mit Absicht, denn seit dem Vertrag von Maastricht 1992 sind die europäischen Bürger misstrauisch. Sie haben früh erkannt, dass das Kapital die sozialstaatlichen Absicherungen massiv abbaut. Beitrittsabstimmungen in den Ländern – auch für den Euro – wurden so lange wiederholt, bis das Ergebnis passte und die manipulative Propaganda aus den eigentlich klaren Neins doch Zustimmung erschuf.

Das gefeierte neue Europa findet keine Sympathie, die Wählerstimmen zu den Europawahlen gehen kontinuierlich in die Tiefe. Das Europäische Parlament ist tatsächlich auch eine absurde Konstruktion. Es hat gegenüber den Kommissionen keinerlei Rechte und kann auch keine Gesetzesinitiativen einbringen. Die wichtigsten Teile der Politik der Europäischen Union sind außerhalb von parlamentarischer Kontrolle. Die mittels Wahlen ausgeübte Souveränität der europäischen Völker erstreckt sich nicht auf die zentrale Institution. Stellung darf man allerdings beziehen, aber, technisch unmöglich, von den Mitgliedsstaaten innerhalb einer Frist von sechs Wochen gefordert. Einspruch wird zugelassen, wenn dies neun der fünfundzwanzig Länder innerhalb dieser Frist gelingt. Für den Deutschen Bundestag ist das nicht zu schaffen, denn auch die Landesparlamente müssten noch Stellung beziehen. An begründete Stellungnahmen der Zivilgesellschaft ist dabei gar nicht zu denken. Aber selbst wenn es neun Ländern einmal fristgemäß gelänge, Einspruch zu erheben, kann die Kommission an ihrer Entscheidung festhalten und den Parlamenten bliebe nur der Weg der Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch das dürfte wenig Chancen haben, denn die Beweggründe der einzelnen Staaten werden unterschiedlich sein und der Gerichtshof darf auf keine nationalen Einwände eingehen, sondern muss auf gemeinschaftsrechtlicher Grundlage entscheiden. Die nationalen Parlamente der fünfundzwanzig Staaten haben keine wirksame Kontrolle mehr zur Wahrung ihrer Rechte. Das Europäische Amt für Rüstung unterliegt dann sowieso nicht einer Kontrolle des Europäischen Gerichtshofs.

Wer überwacht eigentlich all diese Kommissionen? Eine spannende ungeklärte Frage. Es ist überaus wichtig, sich mit der europäischen Thematik auseinanderzusetzen. Was da gerade geschieht, ist für eine westliche Demokratie völlig unglaublich.

Zur weiterführenden Information: die [Europäische Verfassung]http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%E4ische__Verfassung bei |wikipedia| – mit einigen zusätzlichen Verlinkungen ins Netz

Verlagsinformation zum Buch:
|Die Europäische Union ist auf dem Weg zur Weltmacht. Ihre Osterweiterung schafft einen Binnenmarkt, der größer ist als der der USA. Und auch die Bildung einer globalen Militärmacht Europa droht weiteren Auftrieb zu bekommen. Gleichzeitig steht die demokratische Legitimität der EU auf tönernen Füßen. Die legislativen Rechte des Europäischen Parlaments und seine Kontrollmöglichkeiten gegenüber der Exekutive sind weniger als bescheiden und entsprechen nicht einmal grundlegenden Normen parlamentarischer Demokratie. Daß der vorliegende Text für eine EU-Verfassung diesen Mangel an Demokratie festschreibt, ist der Öffentlichkeit noch kaum bewußt. Und auch nicht, daß er die permanente Aufrüstung wie den weiteren neoliberalen Sozialkahlschlag zur Verfassungspflicht erhebt. Höchste Zeit für eine breite öffentliche Debatte.|

_Andreas Wehr
[Europa ohne Demokratie?]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3894382724/powermetalde-21
Die europäische Verfassungsdebatte – Bilanz, Kritik und Alternativen
154 Seiten, Paperback, PapyRossa 2004
ISBN 3-89438-272-4 _

Fehn, Oliver – Schule des Teufels, Die

Oliver Fehn ist auf dem Gebiet des deutschsprachigen Satanismus kein Unbekannter. Literarisch hat er sich bisher als Co-Übersetzer von Anton LaVeys „Satanischen Essays“ (erschienen bei |Second Sight Books|) und als Autor von „Satans Handbuch“ (erschienen im |Bohmeier|-Verlag) hervorgetan. Laut Verlagsinfo hat Fehn (Jahrgang 1960) ursprünglich Theologie studiert, sein Studium aber dann aufgrund ideologischer Differenzen abgebrochen und sich in einer Vielzahl von Jobs versucht. Mit der „Schule des Teufels“ liegt nun sein persönlicher Output zum zweiten Mal in Buchform vor.

Das Buch soll, wie Fehn in seinem Vorwort erläutert, als eine Art Brückenschlag verstanden werden. Seit Anton Szandor LaVey in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Grundlagen des modernen Satanismus explizit gemacht hatte, ist von Seiten der Church of Satan aus nicht mehr viel Neues über den großen Teich geschwappt. Gleichzeitig lässt der Satanismus als subkulturelle Strömung im deutschsprachigen Raum LaVey-feindliche Tendenzen erkennen, ohne einen konsistenten Gegenentwurf präsentieren zu können. Satanismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts bedeutet – entgegen der „aufklärerischen“ Bemühungen vorgeblicher Sektenexperten – keine gesellschaftliche Bedrohung, sondern in erster Linie eine plakative Mischung aus invertchristlichen Motiven, anarchistischen Versatzstücken und ästhetischen Elementen, welche der Black-Metal- bzw. Gothicszene inhärent sind. Um dieser Trivialisierung entgegenzuwirken, versucht Fehn die Ideen LaVeys weiterzuentwickeln und an unseren kulturellen Standard anzupassen – die [„Satanic Bible“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=117 wurde schließlich im Kalifornien der 60er Jahre geschrieben, und es ist somit nicht verwunderlich, wenn dies bei Interessenten der Gegenwart für Irritationen sorgt. Nun könnte man argumentieren, dass ein intelligenter Satanist in der Lage sein müsse, die komplexen Hintergründe seiner Weltanschauung selbständig nachzuvollziehen, aber gerade für Neulinge kann ein wenig Orientierungshilfe sicherlich nicht schaden. Ich werde daher im Folgenden diskutieren, was die „Schule des Teufels“ im Wesentlichen zu leisten vermag und wer von seiner Lektüre gegebenenfalls profitieren könnte.

Im ersten Kapitel, „Vorsicht, Seelenfresser! oder Warum das Böse überlebensnotwendig ist“, schildert Fehn in einfacher Sprache, weshalb das gesellschaftlich Heterogene immer ein wichtiger Faktor sein wird. Die christlichen Ideen der „Schuld“ und des „Bösen“ haben eine dualistische Weltsicht produziert, welche essenzielle Bestandteile des menschlichen Lebens einfach ausklammern will. Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu. Frater Eremor z.B. hat bereits in seinem [„Kraftstrom des Satan-Set“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6 sehr anschaulich beschrieben, dass der moralische „Biomüll“ die Tendenz hat, ein unheimliches Eigenleben zu entwickeln. Ein Satanist muss die Ganzheit seines Wesens analysieren, was bedeutet, dass er auch vor gesellschaftlichen Tabus nicht die Augen verschließen darf.

Im zweiten Kapitel, „Geschichten vom Schicksalsschlaf oder Wie lange braucht ein Ritual, bis es zu wirken beginnt?“, entwirft Fehn einen theoretischen Überbau für rituelle Magie, welcher inhaltlich an LaVeys Essays „Das Zahlenschloss-Prinzip“ und „Phantasien aus dem Tartarus“ angelehnt ist. Zunächst nimmt Fehn eine methodische Unterscheidung zwischen „objektiver“ und „subjektiver“ Realität vor. Das bedeutet, der satanische Magier kann nur im Rahmen der naturgesetzlichen Grenzen, welche das objektive Universum festlegt, operieren. Veränderungen durch magische Rituale erfolgen daher zunächst innerhalb des subjektiven Universums bzw. (um im NLP-Jargon zu sprechen) der „Landkarte der Realität“ eines Individuums. Das Kriterium für erfolgreiche Magie ist dabei innerhalb des fehnschen Paradigmas ihre intersubjektive Überprüfbarkeit – ein geglückter Zauber manifestiert sich in der materiellen Welt und kann somit zwar nicht unbedingt kausal zurückverfolgt werden, aber es ist ggf. „objektiv“ erkennbar, dass die postrituellen Zustände dem Willen des Magiers entsprechen. Satanische Magie wirkt also indirekt – durch die rituelle Veränderung seines Unterbewusstseins nimmt der Satanist eine Korrektur der Kausalverhältnisse zu seinen Gunsten vor. Entscheidend ist hier vor allem, dass der Satanist das Ziel seines Rituals vorerst „vergessen“ muss, sobald der magische Prozess seinen Lauf genommen hat. Der Wille soll ja aktiv in die materielle Welt eingebettet werden, und nicht weiterhin passiv im Kopf des Satanisten herumspuken.

Kapitel 3, „Schleichwege zum Teufel oder Schwarze Magie für die Hosentasche“, vermittelt ein paar Rituale aus dem Bereich „lesser Magick“. Das „Instant-Ritual“ basiert auf einem sympathetischen Prinzip und wurde in ähnlicher Form bereits in der „Satanic Bible“ beschrieben. Die „Entlade-Methode“ ist denkbar einfach: Der Satanist staut ein negatives Gefühl auf und „pustet“ es auf einen seiner Kontrahenten. Der „magische Wille“ wird hier also nicht auf Papier oder Wein, sondern einfach auf einen Luftzug übertragen. Abschließend listet Fehn noch ein paar Dämonen- und Götternamen zwecks ritueller Anrufung auf. Ziel soll hier sein, das Wesen der angerufenen Entität in seinen momentanen Gemütszustand zu integrieren. All dies kann m.E. funktionieren, wenn der Magier davon überzeugt ist, aber im Grunde ist mir dieses Kapitel zu simpel gestrickt.

Kapitel 4, „Von menschlichen Fleischfressern und Humankaninchen oder Satans Energieerhaltungsgesetz“, beschäftigt sich mit individuellem Durchsetzungsvermögen. Souveränität ist, wie Fehn treffend bemerkt, auch in der modernen Zivilisation größtenteils immer noch auf animalische Verhaltensweisen zurückzuführen. Emotionen (von Fehn in diesem Kontext als „Energien“ definiert) können gemäß des fehnschen Paradigmas weder einfach verloren gehen, noch ohne weiteres in andere „Energieformen“ transformiert werden. Sie können allerdings von einem Subjekt auf ein anderes oder sogar auf unbelebte Objekte übertragen werden. Ferner können bestimmte Menschentypen für bestimmte „Energien“ prädestiniert sein. Wer Angst ausstrahlt, bekommt Aggression zurück. In diesem Sinne sollte ein Satanist daher laut Fehn seinen „Energiehaushalt“ gemäß seines Willens ausbalancieren. Hat er zu wenig oder zu viel von einer bestimmten Emotion, so muss er sein Verhalten gegebenenfalls ins Gegenteil verkehren, um das Kausalverältnis der „Energieströmungen“ zu korrigieren. Ich will nicht abstreiten, dass dieses Modell brauchbare Arbeitshypothesen produzieren kann, aber mir persönlich ist es einfach zu esoterisch.

Kapitel 5, „Wo kommen all die Teufel her? oder Wie der Mensch seinen Zecken-Gott erschuf“, beschreibt jenes Phänomen, welches in der jungschen Psychologie als „Archetyp“ und im traditionellen Okkultismus als „Egregor“ bezeichnet wird. Es ist im Grunde völlig egal, ob Leute wie Buddha, Jesus Christus oder Elvis Presley jemals existiert haben – im „kollektiven Unterbewusstsein“ erzeugen sie eine eigendynamische Struktur. Auf diese Weise entstehen jene Entitäten, welche gemeinhin als „Götter“ oder auch „Dämonen“ bezeichnet werden. Ich selbst empfehle in diesem Kontext zur persönlichen Erbauung die Lektüre von Terry Pratchetts Roman „Einfach göttlich“ 😉

Kapitel 6, „Satans Selbstverteidigungskurs oder Kann man sich vor magischen Angriffen schützen?“, analysiert die Möglichkeiten magischer Angriffe und Verteidigungen. Fehn sieht (wie auch LaVey) bereits in den Suggestionstechniken der Werbeindustrie magische Attacken. Diese „Subliminals“ wirken dann besonders effizient, wenn der Empfänger der Werbebotschaften gerade geistig abwesend oder sogar in Trance ist. Das Gleiche gilt für gezielte Attacken von feindlich gesonnenen Personen, wobei hier noch der sympathetische Faktor hinzu kommt, wenn der Kontrahent Magie anwendet. Magische Angriffe erfordern laut Fehn primär a) kausale Verhältnismäßigkeit und b) räumliche Erreichbarkeit. Die entsprechende Verteidigungsstrategie besteht daher folgerichtig in a) Vorenthaltung persönlicher Gegenstände und b) räumlicher Distanz.

In Kapitel 7, „Stairway to Hotel California oder Starb John Denver, weil er den Teufel traf?“, widerlegt Oliver Fehn einmal mehr das alte Märchen vom satanischen „Backwardmasking“. Überflüssig.

Kapitel 8, „Das Zeichen im Gesicht der Schafe oder Satans neue Kampfstrategien für den Alltag“, beschäftigt sich primär mit dem Schließen von den physiologischen Merkmalen eines Menschen auf seinen Charakter. Diese recht spekulative Technik erfordert m.E. präzise wissenschaftliche Kenntnisse; Fehn allerdings versucht sich in einem eher laienhaften Rundumschlag. Insofern eine äußerst zweifelhafte Angelegenheit. Die sinnigste Anmerkung dieses Kapitels wäre noch, dass die Qualität eines Magiesystems sich nicht an den moralischen Überzeugungen seines Erschaffers bemisst.

Kapitel 9, „Die vier magischen Geheimnisse oder Wie wir zu vollautomatischen Göttern werden“, greift inhaltlich das zweite Kapitel wieder auf. Vom Standpunkt der Kausalität aus betrachtet, wirken wir alle permanent „magisch“, aber aufgrund unserer beschränkten Sinne erkennen wir nie das vollständige Potenzial, über welches wir verfügen. Unsere „Landkarte“ versperrt uns den Zugang zu etlichen Ressourcen. Durch die „magische“ Manipulation unseres Unterbewusstseins wird gemäß Fehns Paradigma dieser Missstand ausgeglichen und wir können das „Gewebe“ der Kausalität für uns arbeiten lassen. Die „vier magischen Geheimnisse“, welche Fehn in diesem Kontext vorstellt, lassen sich dabei im Grunde zu einem einzigen Prinzip zusammenfassen: Separation. Abseits von den Konventionen der homogenen Gesellschaft verfügt der Satanist über einen unabhängigen Raum, in welchem er sich sammeln und seine Eingriffe in das ökonomische System präzise planen kann.

Kapitel 10, „Jekyll, wo ist dein Hyde? oder Die Angst vor dem Bösen macht uns böse“, greift wiederum Kapitel 1 auf. Fehn analysiert den moralischen Umbruch, welcher im Deutschland der letzten Jahrzehnte erfolgt ist. Das Christentum (welchem ja sowieso eine Tendenz zur Säkularisierung innewohnt) ist inzwischen mehr oder weniger dem „Gutmenschen“ gewichen. Anstatt Probleme und Tabus direkt anzugehen, neigen die Gutmenschen zur „politisch korrekten“ Verdammung und Zensur – was eben jene Bedrohung durch das Heterogene erst |ermöglicht|. Robert Steinhäuser ist nicht Amok gelaufen, weil er SLIPKNOT gehört hat, aber in einer Gesellschaft, welche sich offen und ehrlich mit Gewalt auseinandersetzen würde, hätte ihm SLIPKNOT vielleicht genügend Kompensationsmöglichkeiten für seine Aggressionen geboten. Fehn fasst seine soziale Bestandsaufnahme folgendermaßen zusammen:

„Sucht euch die dümmste, stupideste Person im Lande, die den größten potentiellen Gefahrenherd darstellt – und gratuliert ihr. Sie ist der ungekrönte Herrscher über all unsere Gesetze, all unsere Entscheidungen.“

Für mich ein Highlight dieses Buches!

Kapitel 11, „Reservate der Fantasie oder Satans Heilmittel gegen Depressionen“, hingegen fällt wieder ab – es ist nichts als ein dreister Verschnitt aus LaVeys Essays „Ein Heilmittel gegen Melancholie oder Wie man D.P.s vermeidet“ und „Geschlossene Erlebniswelten – einige neue Vorschläge“. Kann im Original – nun, origineller nachgelesen werden. Für Satanisten kann dieses Kapitel allerdings ein Anreiz sein, sich mal etwas ausführlicher mit ihrer Kindheit zu befassen und diese als Ressource zu begreifen – frei nach Erich Kästner: „Nur wer erwachsen wird, und dennoch ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“

Kapitel 12, „Jeder Tag ein Fest in eurem Herzen! oder Die Satanischen Feiertage“, ist ein Katalog von Feiertagen, die alle irgendwie mit Satanismus in Verbindung gebracht werden können. Nett.

Kapitel 13, „In der Schule des Teufels oder Fundamentalsätze der niederen Magie“, vermittelt noch ein paar Tricks und Kniffe für den Alltagsgebrauch: 1. Wenn man vom Mob gemieden werden will, verpasse man sich absichtlich einen schlechten Ruf. (Meiner Erfahrung nach reicht es allerdings völlig aus, man selbst zu sein; das hält die Idioten mindestens genauso sicher fern.) 2. Wer sich über Bagatellen aufregt, möge sich die wirklich relevanten Probleme ins Gedächtnis zurückrufen (ja, klingt plausibel). 3. Mache Bekannten bewusst, dass deine Freundschaft auf Unabhängigkeit basiert (sehr wichtig). 4. Entferne falsche Freunde bzw. psychische Vampire aus deinem Leben (essenziell). 5. Sei ein Gentleman. Mit Höflichkeit erreicht man mehr als mit unkultiviertem Benehmen (korrekt, sofern man keine Perlen vor die Säue wirft).

Der Anhang des Buches gliedert sich in verschiedene Sektionen. Fehns Aphorismensammlung ist von recht schwankender Qualität. Mein Favorit: „Satanismus ist die einzige Religion, für die man zu dumm sein kann.“ Die „Hymnen“ braucht dagegen kein Mensch. „Satans Neues Testament“ ist ein pseudobiblischer Text aus Fehns Feder, welcher in der Tradition von Miltons „Paradise Lost“ steht. Ich finde den Text recht gelungen, aber Michael Aquinos „Diabolicon“ ist größtenteils noch um einiges besser. Die abschließenden FAQ haben sicher auch ihre Existenzberechtigung, aber jener Text, welcher sich an satanische Kids richtet, wird wohl höchst selten zu den richtigen Empfängern finden, vermute ich.

Unterm Strich hat Oliver Fehns „Schule des Teufels“ einen guten Eindruck bei mir hinterlassen. Man braucht das Buch natürlich nicht, wenn man sich bereits mit der übrigen Fachliteratur vertraut gemacht hat. Aber der eine oder andere Neuling wird hier vielleicht ein paar nützliche Impulse vermittelt bekommen. Ich erinnere mich dabei unweigerlich daran, was Marcel Reich-Ranicki einmal über Dietrich Schwanitz‘ „Campus“ gesagt hat:

„Ich bin für dieses Buch. Ich freue mich, daß ich es gelesen habe.“

Baldacci, David – Versprechen, Das

Nach einem schweren Autounfall verlieren die 12-jährige Lou und der siebenjährige Oz ihren Vater, während ihre Mutter für immer im Koma zu liegen scheint. Sie müssen von der Großstadt nach Virginia in die Berge ziehen, wo sie bei ihrer Urgroßmutter leben können. Doch auch dort ist das Leben keineswegs einfach und sicher. Die Bergbaugesellschaft will die Familie von ihrem angestammten Land vertreiben. Nur das Gewinnen eines Prozesses könnte die Rettung bringen.

_Der Autor_

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Im Bruchteil der Sekunde“ (September 2004).

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat u. a. mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Die junge Lou Cardinal glaubt nicht mehr an Wunder, seit sie ihren Vater Jack bei einem Autounfall verloren hat und ihre Mutter Amanda nach Wochen noch immer im Wachkoma liegt. Auf der Farm ihrer Urgroßmutter Louisa May Cardinal in den Bergen von Virginia finden sie und ihr jüngerer Bruder Oz ein neues Zuhause. Hier, in der Einsamkeit des Appalachen-Gebirges, lernen die Geschwister, was es heißt, um sein Glück zu kämpfen – und die Hoffnung nie aufzugeben.

Die beiden Stadtkinder aus New York City müssen erst einmal lernen, ohne Strom, Innenklo und fließendes Wasser im Haus auszukommen: Louisa Mays Bauernhof ist technisch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Immerhin hilft ihn ein Farbiger namens Eugene, und mit dem Nachbarsjungen Jimmy „Diamond“ Skinner können sie spielen und die Gegend erforschen. Dies ist das Land, in dem ihr Vater aufwuchs, bevor er in die Stadt ging. Skinner zeigt ihnen den schönsten Wasserfall der Welt.

Cotton Longfellow ist Oma Louisas Anwalt, allerdings lebt er in Dickens, der Stadt unten im Tal. Während die beiden Kinder dort in die Einheitsschule gehen müssen, kümmert er sich um die geistig abwesende, aber sonst gesunde Mutter der Kinder, Amanda Cardinal: Er liest ihr Bücher vor. Als die Kinder der Einheimischen Oz verprügeln wollen, verhaut Lou deren Anführer, einen Jungen namens Billy Davis. Doch Davis kann nichts dafür, dass er so aggressiv ist, denn sein Vater George, Louisas Nachbar, lässt seine ganze Großfamilie lieber hungern als mal von seiner Arbeit abzulassen.

Eines Abends stoßen Lou, Oz und Diamond auf George Davis‘ Schwarzbrennerei. Sie folgen einem Schwarzbären, der die Destille zerstört. Davis schießt mit seinem Gewehr auf die Kinder, beschwert sich dann sogar noch bei Louisa May über die Lausebengel und verlangt eine Entschädigung. Nur Diamond zahlt: einen alten Silberdollar. Wie sich zeigt, wird Davis sich rächen, indem er Louisa von ihrem Land vertreibt.

Als ein Vertreter und ein Landvermesser von der Kohlenbergbaugesellschaft Southern Valley bei Louisa auftauchen und ihr dieser Mr. Hugh Miller eine Menge Geld für ihr Land bietet, lehnt Louisa May natürlich ab. Sie will ihr Land an die Kinder und Eugene vererben. Durch ihre Weigerung blockiert sie den Landverkauf anderer Bauern und handelt sich damit erhebliche Antipathie ein, die auch Longfellow zu spüren bekommt.

Doch die Minenleute haben sich heimlich in Louisas Mine geschlichen und sind dort auf ein Erdgasvorkommen gestoßen, das sie ausbeuten wollen. Als Tage später Eugene mit den drei Kindern Kohle für den Eigenbedarf holen will, kommt es zu einer Explosion, weil sich das austretende Gas entzündet: Diamond stirbt und Eugene kommt nur knapp mit dem leben davon. Ein klarer Fall von fahrlässiger Tötung, doch man hält es zunächst nur für einen tragischen Unfall.

Wenige Tage später steht die Scheune, in der die Wintervorräte lagern, durch Brandstiftung in Flammen, und die 80-jährige Louisa erleidet einen Schlaganfall. Nun wird die Lage kritisch: Sollte sie sterben, stünden die Kinder ohne Vormund da, und da ihre Mutter keinen Anspruch auf das Land erheben kann, würden sie es verlieren. Diese Chance sehen auch Davis und die Bergbaugesellschaft haarscharf: Sie lassen die Cardinals auf Herausgabe des Landes verklagen.

Werden Lou und Oz ihre neue Heimat verlieren? Oder ist Longfellow wirklich ein so guter Anwalt, wie er immer behauptete? Und dann geschieht doch noch ein Wunder.

_Mein Eindruck_

David Baldacci kombiniert die Schilderung des ursprünglichen Landlebens mit einer juristischen Krise, die vor Gericht entschieden wird. Daher könnte dieses Buch als direkter Konkurrent zu John Grishams „Die Farm“ betrachtet werden.

In der gekürzten Fassung des Hörbuchs wird das Schwergewicht stark auf die Spannung im zentralen Handlungsverlauf gelegt, so dass das Zuhören praktisch nie langweilig wird. Ständig passiert etwas: Sei es ein Geburtstag oder die Weihnachtsfeier, seien es Naturerlebnisse oder eben die erwähnten Katastrophen: Scheunenbrand, Minenexplosion usw. Aber auch der deprimierende Besuch bei der Davis-Familie gehören dazu, bei der sich Oma Louisa erst als Geburtshelferin engagiert, nur um sodann von George Davis mit dem Gewehr bedroht zu werden.

All diese kleinen Dramen bettet Baldacci in die große Umwälzung während des 2. Weltkrieges ein, zu der ein Großteil der Handlung spielt. Virginia ist zwar ein reicher Staat, aber die Companies haben ihn systematisch ausgebeutet und nichts zurückgelassen außer Armut: Wild, Erz, Wald, Kohle, Gas – alles weg. Und die Companies haben die Regierung stets auf ihrer Seite. Immer gibt es einen korrupten Beamten im Apparat, der sich für deren Belange hergibt. Im Falle der Cardinals ist es deren Landenteignung.

Die verschwundene und verschwindende Kultur der Landbevölkerung bewahrt ausschließlich das Schreiben vor dem Vergessen. Erst schrieb Lous Vater Jack über seine Heimat, dann beginnt Lou selbst mit der Schriftstellerei. Wie wir am Schluss erfahren, verewigt sie das Land in 15 Romanen. In dieser Hinsicht hat Baldacci in ihrer Nachfolge geschrieben: einen Heimatroman im besten Sinne, wie ihn im 19. Jahrhundert auch deutsche Autoren wie Stifter, Raabe und Fontane schrieben.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla spricht die verschiedenen Rollen mit großer Anteilnahme und emotionalem Einsatz. Kein Wunder, denn es ist eine sehr schöne und spannende Geschichte. Besondere Wärme lässt sie den Stimmen der Geschwister und der Urgroßmutter zukommen. Die meisten Männer außer Longfellow kommen weniger gut weg. Eugene Randall, der Farbige, hat eine besonders markante Stimme erhalten: Er spricht ziemlich langsam.

Die Spezialeffekte sind in dieser frühen Hörbuchproduktion von 2001 noch recht einfach. Des Öfteren ist die Stimme der Sprecherin mit Hall unterlegt. Dies soll signalisieren, dass man ihre Gedanken oder Erinnerungen hört. Nun ja: Der Effekt ist nicht sonderlich geglückt und wirkt aufgesetzt. Heute würde man bessere Filter einsetzen.

_Unterm Strich_

Mit Recht fragt sich der Leser, ob dieses Buch einen Thriller darstellt oder so eine Art Heimatschnulze ist. Eine Schnulze à la „Heidi“ von Johanna Spyri – Stadtkind kommt auf die Alm – ist „Das Versprechen“ schon mal gar nicht, obwohl auch die schönen Stunden nicht verschwiegen werden.

Einen Thriller könnte man das Buch durchaus nennen, selbst wenn die handelsüblichen Zutaten wie etwa Serienkiller und Privatdetektive fehlen. Dennoch entpuppt sich George Davis indirekt als Mörder, denn er hat mit seiner Brandstiftung das spätere Ableben Louisas in Kauf genommen. Und die Bergbaugesellschaft ist für Diamond Skinners Tod direkt durch fahrlässige Tötung verantwortlich. Dass all dies abgestritten und vertuscht werden soll, dürfte nicht überraschen. Aber auch die Landenteignung ist ein krimineller Plan, der möglicherweise erst durch eine Gerichtsverhandlung vereitelt werden kann.

Durch die verdichtete Handlung der Hörbuchfassung kommen diese Spannungselemente verstärkt zum Tragen und sorgen für kurzweiliges Hörvergnügen. Franziska Pigulla trägt die Sprechrollen ausgezeichnet vor, so dass ein Gefühl wie bei Filmszenen aufkommt. Beschreibender Text wird aus Lous Perspektive eingefügt, so dass der größere Zusammenhang alle Elemente zu einem Ganzen verbindet. Am Schluss hat man das Gefühl, eine komplette Lebens- und Landesgeschichte gehört zu haben. Ein Epilog bindet die Fäden der Story so ab, dass kaum Fragen offen bleiben.

Verschiedene Szenen des Buches sind nicht für Kinder unter 12 Jahren geeignet. Umfang: 335 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Dan Simmons – Fiesta in Havanna

1942 beschließt der patriotische (und gelangweilte) Schriftsteller Ernest Hemingway, auf eigene Faust Krieg gegen die Nazis zu führen, ohne dafür die tropische Gemütlichheit der Karibik zu verlassen; wie der Zufall will, stolpern er und seine ebenso untauglichen Kampfgefährten über echte Saboteure, woraufhin aus Spaß bitterer Ernst wird … – Autor Simmons spinnt ein Abenteuer-Garn, das gerade so in sein historisches Umfeld eingepasst ist, dass die Illusion von Wahrscheinlichkeit entsteht; in dieser Kulisse lässt Simmons unterhaltsam die Puppen tanzen.
Dan Simmons – Fiesta in Havanna weiterlesen

Crichton, Michael – Timeline

In Arizona wird ein Mitarbeiter der Firma ITC aufgefunden, der im Krankenhaus unter mysteriösen Umständen stirbt. In seinem Besitzt befindet sich der Ausschnitt eines Grundrisses. In Frankreich arbeiten Archäologen in der Dordogne. Hauptsponsor der Ausgrabungen ist ITC. Als nun der Forschungsleiter, Professor Edward Johnston, den Grundriss zugespielt bekommt, erkennt er sofort, dass die Zeichnung zu einem Kloster gehört, das gerade erst ausgegraben wird. Es kann gar keine Pläne geben. Johnston fliegt in die USA und stellt seinen Geldgeber zur Rede.

Kurz darauf entdecken Johnstons Gehilfen und Studenten eine Kammer. Dort finden sie ein Papier aus dem Mittelalter, auf dem sich ein schriftlicher Hilferuf des Professors befindet – und eines seiner Brillengläser. Doch wie kann das sein? Etwas später setzt sich der Chef von ITC – Robert Doniger – mit den Leuten des Professors in Verbindung. Mittels der Quantentheorie ist es gelungen, eine Zeitmaschine zu entwickeln. Johnston unternahm einen kleinen Ausflug und ist seitdem verschollen.

Chris, Katherine und André reisen ihrem Professor hinterher. Doch im französischen Mittelalter geht einfach alles schief. Zusätzlich zerstört ein Unfall das ITC-Labor. Außerdem werden erst nach und nach einige Punkte offenbart, die Doniger im Vorfeld einfach unter den Tisch fallen ließ. Unter anderem befindet sich bereits eine Person der Gegenwart in der Vergangenheit und erweist sich als größter Feind der Rettungsmannschaft. Diese findet zwar Johnston, allerdings sind sie ständig auf der Flucht. Scheinbar will jeder die Fremden töten …

Michael Crichton ist vor allem durch seine verfilmten Romane bekannt geworden („Congo“, „Jurassic Park“ etc.). Auch „Timeline“ schlägt in diese Kerbe und wurde von Regisseur Richard Donner verfilmt. Doch zurück zu Crichtons Roman.

„Timeline“ ist spannend zu lesen, besitzt ein ordentliches Tempo und räumt mit einigen Vorurteilen über das Mittelalter auf. Michael Crichton hat ordentlich recherchiert, wie man auch den Quellenangaben entnehmen kann. Alleine der Auftakt des Romans ist gelungen. Hier gleitet der Bestsellerautor langsam von der Realität in die Fiktion, nimmt auch während des gesamten Romans schon mal Bezug auf Personen oder Firmen der Gegenwart. Dadurch gewinnt sein Roman auch an Glaubwürdigkeit. Leider besitzt der Roman auch viele Schwachstellen, über die Crichtons guter Ruf nur schwerlich hinwegtäuschen kann.

Alleine die Motivation Donigers ist sehr merkwürdig. Er steckt sein ganzes Geld – und das seiner Teilhaber – in ein Zeitreiseprojekt, um später authentische Freizeitparks eröffnen zu können. Na ja, etwas Dümmeres als Argument ist Crichton {nach dem „Jurassic Park“ – Anm. d. Lekt.} wohl nicht eingefallen, der Doniger eigentlich als cleveren Kopf in Szene setzt.

Die Zeitreise selbst wird vom Autoren auch recht verständlich erklärt. Der Mensch wird im Computer gespeichert, in der Gegenwart zerstört und in der Vergangenheit neu aufgebaut. Eine Vergangenheit, bei der es sich allerdings um ein Paralleluniversum handelt. Dadurch wundert sich der Leser nur, warum ein Paralleluniversum Einfluss auf unsere Gegenwart in Form eines Hilfebriefs und eines Brillenglases nehmen kann. Und egal wie ähnlich es in der parallelen Vergangenheit zugeht, authentisch wäre es nicht. Außerdem zerstört die Maschine den Körper des Reisenden. Nun, damit wäre die Person tot. Auch wenn sie woanders wieder aufgebaut wird, was ist mit der Seele und sämtlichen theologischen {und philosophischen – Anm. d. Lekt.} Fragen, die dadurch aufgeworfen werden? Doch darum kümmert sich Crichton erst gar nicht. Ein weiterer Gedankengang: Wenn der Mensch vorher gespeichert wird, warum muss er erst zerstört werden, um woanders wieder aufgebaut werden zu können? Tatsächlich könnte man ihn einfach kopieren. Crichton findet zwar eine Antwort, aber die ist sehr fadenscheinig.

Tatsächlich sieht der Roman aus, als wäre eine Filmvorlage gebraucht worden, die man schön umsetzen kann. Im Kino werden selten tiefer gehende Fragen gestellt, dort soll ein Film nur zwei Stunden lang unterhalten. Das Buch trägt dem Film Rechnung. Die Protagonisten sind nur am Laufen und es gibt ständig blutige Actionszenen. Und am Ende einen überraschenden Schluss.

„Timeline“ ist ein feiner Roman, der Spaß macht und kurzweilig unterhält. Aber es ist kein großer Schlag, sondern siedelt sich mehr im Mittelfeld an. Schade, hier hätte Crichton mehr von seinem Talent zeigen können. Der Stoff besitzt genug Potenzial, das leider verschenkt wurde. Trotzdem lesenswert.

_Günther Lietz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Fetjaine, Jean-Louis – Vor der Elfendämmerung

„Vor der Elfendämmerung“ ist der Auftakt zu einer Trilogie, die auf eine außergewöhnliche Art die Artussage nacherzählt. Außergewöhnlich deshalb, weil es zunächst überhaupt nicht um Artus geht.

Der Zwergenkönig Baldwin kommt in die Hauptstadt des Königreiches Logres. Um einen Zwergenkönig, noch dazu einen so alten, dazu zu bewegen, seinen Berg zu verlassen, muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Doch der König gibt sich reserviert. Erst auf der Ratsversammlung des folgenden Tages lässt er die Katze aus dem Sack: Der Zwergenkönig Troin wurde ermordet. Von einem Elf! Elfenkönig Llandon und seine Königin Lliane fallen aus allen Wolken.
Eine Komission wird ausgesandt, bestehend aus zwei Elfen, zwei Zwergen und zwei Menschen mit jeweils einem Pagen, die den beschuldigten Elfen finden und zurückbringen sollen. Doch sie werden verfolgt, und schon bald lichten sich ihre Reihen. Wer ist der Verfolger? Und welches Ziel verfolgt er?
Während die Komission mit den Widrigkeiten der Reise kämpft, ziehen sich dunkle Wolken über der Hauptstadt Loth zusammen…

Wie gesagt, von Artussage ist noch nicht viel zu spüren. Lediglich die angedeutete Mythologie der Kelten, die das grobe Gerüst für die Geschichte stellt, sowie einige Namen – Gorlois, Uther, Igraine, Tintagel – deuten darauf hin, was der eigentliche Kern der Geschichte ist. Aber auch wirklich nur der absolute Kern! Der keltische Anteil ist mit den magischen Artefakten der Elemente – Kessel, Stein, Speer und Schwert – bereits erschöpft, und die Handlung ist frei von den gewohnten christlich-mittelalterlichen oder neuheidnischen Interpretationen. Dieses Buch ist Fantasy in Reinform.
Natürlich spielt das Christentum trotzdem eine Rolle, allerdings eine eher untergeordnete: die Mönche und Priester sind nicht, wie anderswo, Vertreter eines selbstständigen Machtfaktors, sondern reduziert auf Handlanger des Menschenkönigs. Religion ist in dieser Version kein Thema. Hier geht es um Macht:

Die Welt, die Fetjaine zeichnet, ist trist und trübselig. Verhangener Himmel, ständiger Nieselregen, Nebel, Kälte, graubraunes Gras, eintönige Ebenen, Leere. In den Sümpfen kommen außerdem noch Gestank und Mücken dazu. Überhaupt nicht geheimnisvoll. Nur deprimierend.
In diese Grundstimmung sind die Charaktere eingebettet. Zunächst die der Völker insgesamt: Elfen, Zwerge und Menschen. Seit der großen Schlacht gegen den Dunklen Herrn sind sie Verbündete. Doch der Bund steht auf äußerst wackligen Füßen. Die Zwerge, aufgrund ihrer Körpergröße empfindlich und von übertriebenem Ehrgefühl, hegen sowohl Verachtung als auch Misstrauen für die Elfen, und lassen sie das auch deutlich spüren. Die Elfenkönige wissen um diese Eigenschaften der Zwerge, doch die hitzköpfigeren von ihnen tun sich enorm schwer mit ihrer Selbstbeherrschung, zumal ein Teil von ihnen vor dem großen Krieg mit dem Dunklen Herrn grausame Verfolgung durch die Zwerge zu erdulden hatte. Dazwischen die Menschen, mit beiden Völkern freundschaftlich verbunden und stets damit beschäftigt zu vermitteln.

Der Tod des Zwergenkönigs Troin bringt die unsichere Allianz noch mehr ins Wanken. Die Zwerge beschuldigen die Elfen des Mordes und des Diebstahls eines silbernen Kettenhemdes, und fordern Genugtuung. Der Mörder soll bestraft werden. Die Elfen dagegen wollen zunächst den Beschuldigten finden und befragen, denn sie bezweifeln seine Schuld. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, die die Zwerge jedoch nicht interessieren. Krieg droht!

Die Komission hat von vornherein schlechte Chancen, denn die Parteien spielen ein doppeltes Spiel. Die Zwerge haben verschwiegen, dass ihnen nicht nur ein zwar teures, aber im Grunde läppisches Kettenhemd gestohlen wurde, sondern auch Caledfwch, das Schwert der Göttin Dana, der Talisman des Volkes der Zwerge, der ihr Überleben garantiert: Excalibur. Sie haben den Erben des ermordeten Königs Troin als Pagen in ihre Gruppe eingeschmuggelt, und der fanatische Zwerg ist eine wandelnde Zeitbombe.
Die Menschen dagegen haben auf diese wichtige Mission zwei ihrer jüngsten und unerfahrensten Krieger mitgeschickt. Während diese auf dem Weg nach Norden sind, verwandelt sich die Stadt Loth ganz allmählich in ein Heerlager.
Und keiner der Angehörigen der Komission weiß, dass auch noch die Gilde ihre Finger im Spiel hat, die Gilde der Diebe und Mörder.
Irgendjemand rüttelt ganz gehörig an den Grundfesten der bestehenden Ordnung, und zwar mit Absicht. Das wird im Laufe der Handlung immer deutlicher, und es wird auch deutlich, wer da rüttelt. Allmählich wird die Reise der Komission zu einem Wettlauf mit der Zeit.

Wir haben hier also sozusagen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte der eigentlichen Sage vor uns. Das zeigt sich allerdings hauptsächlich am Anfang und am Ende der Geschichte, wo Merlin das erste Mal ernsthaft auftaucht und die Geburt Morganas voraussagt, der Tochter von Uther und Lliane.
Dazwischen haben wir eine Handlung, die davon völlig unabhängig, aber durchaus interessant angelegt ist. Die Komission schleppt aufgrund ihrer Zusammensetzung die schwelenden Konflikte der Völker mit sich herum, die im Laufe der Reise immer stärker an die Oberfläche dringen, parallel dazu eskaliert die Sache auch auf höherer Ebene. Allerdings fehlt dem Ablauf der Geschehnisse der Schwung. Es ist, als hätte die trübe Grundstimmung des Buches dem Autor so aufs Gemüt geschlagen, dass er den Handlungsverlauf nicht mehr vorantreiben, sondern nur noch mitschleppen konnte. Die Spannung bleibt dabei fast völlig auf der Strecke.
Was deutlich rüberkommt, sind die Stimmungen, sowohl die Tristesse der Landschaft, als auch das bunte und gefährliche Treiben in der Stadt der Gnome. Die Charaktere der verschiedenen Völker sind gut herausgearbeitet, wenn auch die Vorstellung von blauhäutigen Elfen etwas gewöhnungsbedürftig und die Darstellung der Zwerge manchmal ein wenig übertrieben ist und damit ins Klischeehafte abzurutschen droht. Aber das reicht nicht.
Die Charaktere der handelnden Einzelpersonen bleiben ziemlich blass und ohne Tiefe, von ihren Gedanken erfährt man nichts. Soziale Strukturen und geographische Gegebenheiten sind nur skizziert. Schade, daraus hätte man mehr machen können!
Zwar ist das gesamte Potenzial von Fetjaines Entwurf längst nicht ausgeschöpft: Merlin kam bisher nur am Rande vor, die Dämomen ebenso, und am Ende des Buches weiß nur der Leser, wer die Intrige wirklich angezettelt hat. Allerdings neigen Fortsetzungen auch bei einem schwachen Anfang nicht unbedingt zur Steigerung, mein Interesse an den Folgebänden hält sich deshalb in Grenzen.

Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht. Fetjaine schreibt kompakt, aber elegant. Seine Sätze sind lang und voller Nebensätze, aber nicht verschachtelt. Insgesamt liest es sich sehr angenehm. Allerdings wären gelegentliche Absätze hilfreich. Wenn mitten im Text plötzlich aus dem Blickwinkel einer anderen Person erzählt wird, sorgt das kurzzeitig für Verwirrung.
Das Lektorat ist ganz in Ordnung. Außer einem gröberen Schnitzer sind mir nur zwei kleinere Tippfehler aufgefallen. Auch das Cover des Buches finde ich recht gelungen. Der Vergleich mit Tolkien dagegen hinkt wieder mal! Fejaines Elfen haben keinerlei Ähnlichkeit mit Tolkiens Elben, genausowenig wie die Menschen. Seine Gnome kommen bei Tolkien überhaupt nicht vor. Magie ist viel seltener und auch anders. Und Fetjaines Welt ist keine erfundene, sie ist die wirkliche Welt aus einer anderen Sicht heraus. Man hüte sich also vor falschen Erwartungen. Das betrifft auch alle, die vom Blickwinkel der Artussage aus an das Buch herangehen. Der Autor selbst hat seine Geschichte als Elfentrilogie bezeichnet, und das ist gut so.

Jean-Louis Fetjaine studierte Philosophie und mittelalterliche Geschichte und arbeitete dann als Journalist und Verleger. Er hat mehrere humoristische Bücher veröffentlicht, bevor er sich mit seiner Elfentrilogie der Fantasy zuwandte. Der zweite Band ist unter dem Titel „Nacht der Elfen“ erschienen, der dritte Band trägt den Titel „Stunde der Elfen“. Im Oktober dieses Jahres erscheint „Der Weg des Magiers“. Im Original trägt das Buch den Titel „Le pas de Merlin“, die Vermutung liegt also nahe, dass es zumindest mit der Trilogie in Verbindung steht. Nichts Genaues war dazu aber nicht zu finden, ebensowenig eine Homepage des Autors.

Die europäische Verfassung im globalen Kontext

Wenn Europa weltpolitisch mitreden will, geht der Weg an einer Verfassung nicht vorbei. Europa will mit einer Stimme sprechen, aber die Realität erscheint ganz anders.
Der Irak-Krieg zeigte das drastisch. Von den drei Großen waren Deutschland, Frankreich und Russland (wenngleich Letztere allerdings nicht zur EU gehörend sind) antiamerikanisch (im Sinne des derzeitigen außenpolitischen Kurses der US-Regierung). England dagegen war völlig auf Kurs mit den USA und zeigte dies durch einen sehr überraschenden Paukenschlag mit einer gemeinsamen Erklärung von vier weiteren EU-Regierungschefs (Dänemark, Italien, Portugal, Spanien) zur Unterstützung der amerikanischen Irak-Politik, dem sich sogar drei weitere Regierungschefs aus den damals noch nicht angehörenden Beitrittsländern Polen, Tschechien und Ungarn anschlossen. Damit war Europa politisch gespalten und keine wünschenswerte einheitliche Linie mehr vorhanden.

Die Initiative für eine Verfassung ging von Deutschland aus. Im deutschen Bundestag wurde 1995 die Idee einer europäischen Charta behandelt und von 1999 bis 2000 wurde unter Bundespräsident Roman Herzog die Grundrechtcharta vorgelegt. Gerade diese Menschenrechte stoßen auf Blockaden, England kennt in seiner nationalen Verfassung keine Menschenrechte und wehrt sich vehement, solche in eine europäische Verfassung aufzunehmen. In Nizza war im Dezember 2000 die Grundrechtcharta zwar schon feierlich verkündet worden, ist aber nicht rechtsverbindlich. Ungeachtet dieser Tatsache wird sie von der europäischen Gerichtsbarkeit bis hin zum Europäischen Gerichtshof seitdem angewandt. Juristisch sehr zweifelhaft. Interessant im Buch sind auch viele Beispiele darüber, was da bislang überhaupt vor dem Gericht verhandelt wurde, denn der europäische Bürger bekommt davon ja überhaupt nichts mit. Dass Grundrechte in eine Verfassung gehörensollte – abgesehen von der englischen Position – keine Frage sein, denn schon bei der Aufnahme neuer Mitgliedsstaaten sollte man doch wissen, ob diese bereit sind, grundlegende Menschenrechte anzuerkennen. Konkretes Beispiel sind die derzeitigen Beitritsverhandlungen mit der Türkei. Da muss es um die Abschaffung der Todesstrafe, das Verbot der Diskriminierung von Minderheiten oder das Folterverbot und um Selbstverständlichkeiten wie Rundfunk- und Pressefreiheit gehen – nur um ein paar Rechte aus der Grundrechtcharta zu nennen. Eine Verfassung, die keine Grundrechte garantiert, sollte den Namen „Verfassung“ gar nicht verdienen.

Eigentlich sollte die Verfassung mit dem historischen Eintritt der zehn Ostblockländer im Mai 2004 schon eingeführt sein, aber dies ist nicht der Fall. Sieht man sich die Diskussionen – in welche die Bürger nicht einbezogen sind – an, gleicht auch alles einer Farce. Dies zeigt sich an einfachen Sätzen, die in diesem eigentlich seriösen Buch eher einer Satire gleichen:

|“Bei der Konstituierung des Konvents prägte der Konventspräsident Giscard d`Estaing den unbestreitbar richtigen, eindrucksvollen Satz: ‚Der Konvent ist der Konvent‘. Dies lässt sich nicht bestreiten und zeigt, dass es gelegentlich die Notwendigkeit gibt, unterschiedliche Perspektiven zu erkennen und sich gegenseitig zu überzeugen.“|

Bei der Diskussion zur Europäischen Verfassung lohnt sich ein Vergleich zur Verfassung der Vereinigten Staaten, da diese verschiedenen Staaten durchaus – wenn auch anders als im Vergleich zu Europa – ähnliche Beweggründe hatten. Bis diese sich letztlich durchsetzen konnte, war übrigens auch ein Prozess vonnöten, der fast hundert Jahre andauerte. Die Unabhängigkeitserklärung von Thomas Jefferson 1776 beendete das Joch von der englischen Krone, ähnlich will sich Europa heute wohl wiederum von der Vormachtstellung der USA lossagen, weswegen die USA das „alte Europa“ sehr argwöhnisch beäugen. Die Grundfragen, die es bei einer Verfassung zu beachten gibt, sind denen der USA von vor nunmehr 215 Jahren also ähnlich. Der große Unterschied ist allerdings, dass Europa kein Klon der USA werden will. Genau wie damals ist aber längst nicht vorhersehbar, wo künftig die geographischen Grenzen Europas überhaupt einmal sein werden.

Vorbildhaft am Beispiel USA allerdings wäre bereits deren Grundrechtekatalog |Bill of Rights| von 1791, der sehr demokratisch eingeführt wurde und ein Dokument der amerikanischen Bürger darstellt. Im Gegensatz zur europäischen Diskussion, von denen die Bewohner der Nationalstaaten überhaupt nichts inhaltlich mitbekommen und wo die Verantwortlichen an der Realisierung arbeiten, als wären sie in einem „Geheimbund“.

Eine europäische Identität ist aber auch durchaus etwas anderes bei all der kulturellen und sprachlichen Vielfalt. Wir Europäer sprechen keine einheitliche Sprache und sind stolz auf eine „Einheit in der Vielfalt“. Keine Kultur darf dominieren, um das demokratische Miteinander zu gewährleisten. In den USA sprachen eigentlich alle schon hauptsächlich englisch. Diese sprachliche und kulturelle Problematik wird aber auch in einem künftigen Amerika kommen. Um 1900 waren noch 90 % aller Amerikaner europäischer Abstammung (davon 25 % deutsch) und das ist mittlerweile auf 70 % gesunken. 90 % der jetzigen Einwanderer kommen aus dem spanisch sprechenden Raum. Kalifornien hat keine weiße Mehrheit mehr und Texas wird in 20 Jahren mehrheitlich spanisch sprechen.

Angst machen den USA der eingeführte Euro und auch eine eventuelle europäische Armee, die die NATO schwächen könnte. Andererseits blickt man aber auch mit Interesse und Respekt auf die europäischen Bemühungen. Es stehen ja tatsächlich auch konkrete Bestrebungen dahinter, die UNO, welche keinen Frieden organisieren kann, und die WTO, die keine Gerechtigkeit organisieren kann, mit europäischen Ideen zu reformieren.

Ganz unterschiedliche Meinungen gibt es zum Amt eines europäischen Präsidenten. Tony Blair (England) will einen Superpräsidenten wie in den USA. Deutschland will diesen nicht, schon gar nicht von einem obskuren europäischen Rat am Ende gegen den Bürgerwillen eingesetzt. Giscard d`Estaing (Frankreich) will einen Wahlkongress für den Präsidenten mit dem gesamten Europarat und gleich vielen Abgeordneten der angeschlossenen Nationalstaaten. Personalentscheidungen aus einem Kongress mit über 1.400 Mitgliedern zu treffen, dürfte sehr schwierig werden.

Information über all diese Dinge bleibt wichtig, und mitreden zu können, sollte auch möglich sein. Ein Blick ins Internet auf das |Institut für Europäisches Verfassungsrecht| lohnt, um aktuell zu bleiben: http://www.whi-berlin.de

_Ingolf Pernice / Walter-Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht (Hrsg.)
[Die europäische Verfassung im globalen Kontext]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/383290512X/powermetalde-21
Forum Constitutionis Europae – Band 5
136 S., Pb., NOMOS 2004
ISBN 3-8329-0512-X _

Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen

Das geschieht:

1963 starb auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.

Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat – Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen. Reginald Hill – Ins Leben zurückgerufen weiterlesen

Lewis, Clive Staples – König von Narnia, Der (Die Chroniken von Narnia)

Die mehrbändigen „Chroniken von Narnia“ stehen in Großbritannien auf einer Stufe mit dem „Kleinen Hobbit“, „Alice in Wunderland“ und dem „Wind in den Weiden“. Das vorliegende Hörbuch ist das einzige mir bekannte Hörbuch dazu in deutscher Sprache. Es handelt sich nicht um ein Hörspiel wie fürs Radio, sondern um eine – leicht gekürzte – Lesung.

_Der Autor_

Clive Staples Lewis, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J. R. R. Tolkiens (mehr dazu weiter unten). Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch in der Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurden auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie [„Perelandra“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1665 ein ambitionierter Weltentwurf, ist eben zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack.

In den Narnia-Büchern hingegen kommen altbekannte Fantasythemen zum Tragen, so etwa der Gegensatz zwischen Gut und Böse. Außerdem ist Narnia eine Parallelwelt, die durch ein Tor erreicht wird; es gibt sogar Zeitreisen und andere Dimensionen. Die Bücher werden als christliche Allegorien interpretiert, aber das würde ihnen wenig gerecht: Sie sind hervorragende und bewegende Geschichten – wenn auch mit sprechenden Tieren.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele Londoner Kinder aus der bombardierten Stadt aufs Land evakuiert. Dies passiert auch den vier Geschwistern Peter (dem Ältesten), Edmund, Suse und Lucy (sie ist die Jüngste). Sie finden ein neues Zuhause im weitläufigen Haus eines alten Professors, der hier mit seiner Haushälterin lebt.

Eines Tages erkundet Lucy, die Jüngste, einen riesigen Wandschrank, in dem Kleider hängen. Jenseits des Schrankes liegt jedoch Narnia. Es ist im Augenblick ihres Besuchs tief verschneit. Der Grund dafür ist, wie sie später herausfindet, die Herrschaft der Eiskönigin Jadis.

Als erstes Wesen trifft Lucy Herrn Tumnus, einen Faun. Sein Menschenkopf sitzt auf einem aufrecht gehenden Ziegenkörper, in der Hand hält er einen roten Regenschirm. Der freundliche Herr Tumnus erzählt Lucy von einer lang vergangenen Zeit: dem Sommer. Da tummelten sich Bacchus, Silenus und diverse Waldnymphen im Grünen. Man kann sich ja denken, was sie so trieben.

Nach dem Tee in seiner Wohnhöhle entschuldigt er sich bei der Evastochter, dass er sie angelockt habe, und schickt sie zurück in den Wandschrank. Natürlich glaubt ihr mal wieder keiner. Doch als Nächster gerät Edmund in die Parallelwelt Narnia, und ihm ergeht es schlechter als Lucy: Er trifft die Eiskönigin persönlich. Durch Essen und Trinken von ihrer Tafel gerät er unter ihren Bann. Sie will ihn zum Prinzen in ihrem Palast machen, sofern er alle seine Geschwister – lauter Adamssöhne und Evastöchter – beim nächsten Mal mitbringt.

Das verspricht Edmund, kehrt in das Professorenhaus zurück, zeiht Lucy der Lüge – es gebe kein Narnia – und wird dafür von Peter und dem Professor ausgescholten. Beim nächsten Mal gehen alle vier Geschwister nach Narnia, wobei sich Edmund selbst als Heuchler entlarvt, indem er auf die Straßenlaterne hinweist, die auf der Narniaseite steht. Herrn Tumnus‘ Wohnhöhle ist verwüstet, und eine Bekanntmachung der Geheimpolizei der Königin Jadis erklärt, warum: Tumnus war nicht linientreu und wurde im Palast von der Hexe in Stein verwandelt.

In den nächsten Kapiteln erleben die Geschwister Abenteuer mit sprechenden Bibern und ziehen zum Palast der Königin in Feeneden. Sie erfahren von einer Prophezeiung, die das Verhalten der Königin erklärt, die nicht von Eva, sondern von Adams erster Frau Lilith abstammt: „Sitzen zwei Adamssöhne und zwei Evastöchter auf den vier leeren Thronen von Feendeden, so endet die Herrschaft der Hexe.“

Da aber die Menschen dies nicht allein fertigbringen, erhalten sie mächtige Hilfe: Aslan, der Löwe, herrscht normalerweise über das Königreich Narnia. Doch mit ihm hat es eine ganz besondere Bewandtnis …

_Mein Eindruck_

Viel ist in dieses Buch und andere Narnia-Romane hineingedeutet worden. Dies muss nicht alles wiederholt werden. Feststeht aber, dass die Narnia-Chroniken seit über 50 Jahren in Großbritannien zum Standard der Jugendliteratur gehören, und das sicher nicht ohne Grund. Sie verbinden Abenteuer und Wunder mit einer christlichen Botschaft.

Denn Edmund ist ein gefallener Mensch, der dem Bösen erlegen ist – ähnlich wie Gollum dem Bann des Einen Ringes. Er muss unbedingt erlöst werden, soll die Welt Narnia weiterbestehen können. Dafür aber muss ein bestimmtes Wesen eine der bösen Macht ebenbürtige Tat vollbringen. So viel sei verraten: Dieses zauberische Wesen ist der Löwe Aslan. Aber welche bewegende und erlösende Heilstat er vollbringt, müsst ihr selbst herausfinden.

Die Ähnlichkeit mit bestimmten Aspekten des „Herrn der Ringe“ ist unübersehbar, kommt aber nicht von ungefähr: Die Oxforder Professoren C. S. Lewis und Tolkien gehörten der gleichen lockeren Literatenvereinigung an, den |Inklings| (das heißt sowohl „Tintenkleckser“ als auch „Ahnungen“) und lasen sich bei den Meetings ihre Manuskripte vor. Doch während Tolkien auf altisländische (Edda) und altenglische Quellen (Beowulf) zurückgriff, fühlte sich der Theologe C. S. Lewis in antiken Gefilden wesentlich heimischer: Daher die vielen Fabelwesen und Naturgeister, die noch bis in die Spätantike und Renaissance die mediterrane Vorstellungswelt bevölkerten.

Aber die beiden Profs verband der religiöse Glaube: Während sich Lewis mit der christlichen Religion als Atheist auseinandersetzte, war Tolkien von einem tiefgläubigen Katholizismus erfüllt, den er sicher nicht immer in seinem Werk verbergen konnte. Frodo etwa ist ebenso eine Erlösergestalt wie der wiederkehrende König Aragorn / Elessar. Und auch der gefallene Hobbit Gollum hat eine zentrale Rolle zu spielen. Von einem |deus ex machina| kann keinesfalls die Rede sein, weder bei Tolkien noch bei Lewis. Aber Lewis ist wesentlich einfacher zu lesen.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Mal erklingen die Stimmen unisono, mal stereo, dann wieder mit einem Halleffekt. So ist für Abwechslung gesorgt. Bei nur drei CDs kann man nicht viel falsch machen. Aber es ist trotzdem eine Menge Text: fast vier Stunden.

_Unterm Strich_

Für Kinder ist dieses Hörbuch ein ideales Geschenk, das es durchaus mit Tolkiens „Kleinem Hobbit“ aufnehmen kann. Die Interpretation durch den Sprecher macht das Zuhören zu einem Erlebnis, dem man mit Spannung folgt. Der Text ist übrigens ein ganz klein wenig gekürzt, wie mir ein Vergleich mit dem Buch zeigte.

_Die Übersetzung_

… von Lisa Tetzner aus dem Jahr 1982 ist jedoch recht betulich und klingt heute ebenso altmodisch und überholt wie die erste deutsche Übersetzung des „Herrn der Ringe“. Doch wie die Reaktion der Fans auf die HdR-Neuübersetzung durch Wolfgang Krege gezeigt hat, muss dies keineswegs ein Nachteil sein: Kreges Leistung wurde vielfach abgelehnt. Deshalb kann es gut sein, dass Tetzners Übersetzung überdauert. Ich störte mich jedenfalls nur selten an ihren Formulierungen.

© _Michael Matzer_

King, Stephen – Wolfsmond (Der Dunkle Turm V)

Ihre Reise durch die Mittwelt, eine parallele Welt, die durch mysteriöse Portale mit unserer Erde verbunden ist, hat den Revolvermann Roland Deschain von Gilead und seine drei durch Dimension und Zeit zu ihm gekommenen Gefährten Susannah (aus 1964), Jake (1977) und Eddie Dean (1987) ein Stück näher an den mystischen „Dunklen Turm“ gebracht, der das symbolische Zentrum des geordneten Universums darstellt. Die Mächte des Chaos versuchen unter dem Einfluss des Scharlachroten Königs diesen Turm in ihre Gewalt zu bringen. Gelingt ihnen das, ist die Welt, wie wir oder die Bewohner von Mittwelt sie kennen, verloren – dann herrscht der König mit Schmerz und Tod.

Zur Zeit ziehen Roland und die Seinen durch ein Grenzland im Westen der Mittwelt. Hier leben die Menschen nach eigenen Gesetzen und Regeln und fahren gut damit. Der Alltag ist hart, der Boden karg, gefährliche wilde Bestien streifen durch die Nacht. Aber die Männer und Frauen, die in oder um die kleine Stadt Calla Bryn Sturgis leben, kennen es nicht anders und sind zufrieden.

Doch nun kündigt sich Böses an: Die „Wölfe von Calla“ sind wieder auf einem ihrer seltenen, aber unbarmherzigen Raubzüge. Söldner des Bösen sind es, die in Werwolf-Gestalt für noch grässlichere Herren kämpfen, munkelt man. Sie ziehen durch das Land und fordern von den Farmern Ausrüstung, Verpflegung – und Zwillingskinder! Diese werden einer unbekannten Prozedur unterzogen, die sie als hirnlose, in groteske Höhe wachsende „Minder“ zu ihren Familien zurückkehren lässt.

Tian Jaffords will seinen Nachwuchs nicht den Wölfen opfern. Er ruft seine Mitbürger zum Widerstand auf. Pere Donald Callahan, der Dorfgeistliche, stellt sich auf seine Seite. Die Männer von Calla sind keine Kämpfer und scheuen die Gewalt. Doch Callahan, der einst aus den USA des Jahres 1983 nach Mittwelt kam, kennt eine Alternative. Er hat von Roland und seinen Gefährten erfahren und weiß, dass die Revolvermänner von Gilead verpflichtet sind, den Schwachen ihrer Welt zu helfen, wenn diese sie darum bitten.

Die uralte Verpflichtung wird von Roland ernst genommen, obwohl nicht alle Bewohner der Calla hinter ihm stehen. Viele fürchten die Rache der Wölfe oder haben keine Kinder, die in Gefahr sind. Außerdem gibt es Verräter, die für die Wölfe spionieren. Der Feind weiß Bescheid, bevor die eigentliche Schlacht beginnt. Ohnehin kämpfen Roland und seine Gefährten an zwei Fronten: Im fernen New York gilt es die geheimnisvolle Rose, Symbol für den Fortbestand der universellen Ordnung, vor den Schergen des Scharlachroten Königs zu schützen …

„Wie man Überdruss und Ideenarmut zum Programm erhebt“: Auch das wäre ein passender Titel für diese Besprechung. Schon längst hat sich Stephen King entweder geistig von seinem einstigen literarischen Lieblingskind, der „Saga vom Dunklen Turm“, verabschiedet, oder sich in den filzigen Schlingen des Monumentalwerkes verheddert; vermutlich trifft beides zu. Aber die Fans heulen nach Fortsetzung, Verträge wurden geschlossen. So muss King wohl oder übel immer wieder ran, um sich neue Episoden einer inzwischen recht sinnfreien Reise aus dem Hirn zu wringen.

Zwanzig Bände hatte der Verfasser ursprünglich angedroht; sieben werden es letztlich bleiben, denn King hat die Notbremse gezogen. Freilich sind die Teile 4 und jetzt 5 auf ein Seitenmaß angeschwollen, welches das Gesamtwerk, sollte sich King nicht disziplinieren, zum Stapel getürmt zu einem ganz eigenen Turm formen wird.

„Getretener Quark wird breit, nicht stark“ – eine alte Binsenweisheit, die hier einmal mehr Bestätigung findet. Wer meinte, nach Turmband 4 – „Glas“ – könne es unmöglich noch schlimmer kommen, muss sich hier eines Schlechteren belehren lassen. Es stört nur beiläufig die Unmöglichkeit, als nicht Eingeweihter noch in die Geschichte „einzusteigen“ – der Verfasser selbst warnt in seinem Vorwort allzu wagemutige Leser: Es gilt sich durch vier Bände zu kämpfen, will man den Anschluss finden.

Gravierende Kritik richtet sich gegen die Kluft zwischen Ambition und Ausführung. Lässt man sich durch Kings Wortgedonner oder seine allgegenwärtigen Andeutungen auf angeblich gewaltiges Geschehen im geheimnisvoll multidimensionalen Gefüge des Universums (das bei ihm eher ein Multiversum ist) nicht beeindrucken, kann man „Wolfsmond“ in zwei simpel gestrickte Handlungsstränge zerlegen.

Da ist zum einen die Fortsetzung der Reise zum Dunklen Turm. Obwohl es inzwischen angeblich eilt, ihn zu erreichen, bevor der böse Gegner sich seiner bemächtigt, bummeln Roland & Co. recht gemächlich durch Zeit und Raum. Sie haben mehr als genug damit zu tun, das immer schwerer werdende Gepäck unbewältigter Konflikte mit sich zu schleppen, das ihnen King in den vergangenen vier Bänden aufgebuckelt hat. Identitätskrisen, üble Flashbacks, Streitigkeiten, diverse Besessenheiten – ständig sucht eine neue Plage unsere kleine Schar heim, die stets ausführlich diskutiert werden muss.

Strang Nummer Zwei ist wahlweise als genialer Schachzug oder als bodenlose Unverfrorenheit zu bewerten. King macht gar keinen Hehl daraus, dass der Kampf gegen die Wölfe der Calla eine (sacht) ins Fantastische verfremdete „Hommage“ an den Westernklassiker „The Magnificent Seven“ (dt. „Die glorreichen Sieben“) aus dem Jahre 1960 ist: Die friedlichen Bewohner eines abgelegenen Dorfes werden regelmäßig von Banditen überfallen. Um sich zu wehren, heuern die Bürger eine Schar professioneller Revolvermänner an, die den Schurken nach vielen Schlachten und unter großen Verlusten den Garaus macht.

Zwar weist King darauf hin, dass sich auch Hollywood diesen Stoff bereits „entliehen“ hatte (er basiert auf Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ von 1954), aber er kann anders als die Macher der US-Version ganz sicher nicht für sich beanspruchen, aus der Vorlage etwas Originelles geschaffen zu haben. Also versucht er es erst gar nicht bzw. will seine Leser auf seine Seite ziehen, indem er sie mit allerlei Insider-Mätzchen ablenkt. So finden wir unter den Bewohnern der Calla viele, die in Gestalt und Benehmen den Figuren klassischer Westernfilme und -geschichten gleichen. Einige tragen sogar bekannte Namen; so heißt ein prominenter Dorfbürger Wayne D. Overholser – im „realen Leben“ ein bekannter Verfasser von Wildwest-Romanen. Und „Calla Bryn Sturgis“ erinnert an John Sturges, der „Die Glorreichen Sieben“ inszeniert hat.

Weil es inzwischen kaum noch möglich ist, sich im Gestrüpp der „Turm“-Saga zurecht zu finden, schaltet King immer wieder Rückblenden – und noch mehr Rückblenden. Ständig komplizierter wird das Geschehen. King täuscht auf diese Weise eine Tiefe vor, die seine Geschichte bei kritischer Betrachtung einfach nicht (mehr) hergibt.

Womit die Verflechtungen gerade erst anfangen. King hat damit begonnen, nicht nur die „Turm“-Saga“, sondern auch sein eindrucksvolles Gesamtwerk zu einem eigenen Kosmos zu formen. Er bezieht sich immer wieder auf Ereignisse, die nicht in der Mittwelt ihren Ursprung nahmen. So ist Pater Callahan, den unsere Reisenden in der Calla treffen, eine Figur aus „Salem’s Lot“ (1975; dt. „Brennen muss Salem“). Plötzlich mischen auch die Vampire aus dem Marstenhaus beim Kampf um den Turm mit. King scheint es gleichgültig zu sein, wie bemüht das wirkt.

Längst lappt das „Turm“-Universum umgekehrt in die „normalen“ King-Werke hinein. „Black House“ (2001; dt. „Das Schwarze Haus“) ist sogar fast eine „inoffizielle“ Episode. „Hearts of Atlantis“ (1999; dt. „Atlantis“) knüpft ebenfalls Gemeinsamkeiten. „Glas“ spielte u. a. in der Welt von „The Stand“ (1978/90; dt. „Das letzte Gefecht“). Weitere Querverbindungen aufzulisten überlasse ich denen, die solche Nitpicker-Spielereien schätzen. (Ganz zu schweigen von der Fahndung nach kingfremden „Gaststars“ wie den „Schnaatz“ aus den „Harry Potter“-Abenteuern.) Das Ergebnis straft den Aufwand Lügen. King leistet hier eine Fleißarbeit, die er lieber in eine straffe Handlung investieren sollte.

Bleiben bei allem Gemurre eigentlich auch positive Aspekte? Selbstverständlich, denn King war und ist ein gewandter Geschichtenerzähler, der sein Handwerk beherrscht. Zuverlässig stößt man genau dann, wenn man den „Wolfsmond“ eigentlich schon in einem einsamen Winkel des Bücherschranks untergehen lassen möchte, auf eine fesselnde Passage, die den Verfasser auf der Höhe zeigt. Recht souverän weiß er zudem die Genres zu mischen: „Wolfsmond“ ist Fantasy, Science-Fiction, Horror, Western, Thriller, Liebesgeschichte … Die Liste dürfte unvollständig sein.

Im großen Finalkampf zieht das Tempo an. Da spürt man endlich den alten King-Zauber wieder. Hoffentlich hält er an, denn es gilt. sich bald durch die beiden abschließenden Bände der „Turm“-Saga zu kämpfen. King setzt zum Befreiungsschlag an und wirft sie binnen eines Jahres auf den Buchmarkt. Anschließend haben er und wir endlich unsere Ruhe.

Roland von Gilead hat Arthritis. Susannah ist mit einem Dämonenbaby schwanger und wieder schizophren. Gatte Eddie macht sich berechtigte Sorgen. Nesthäkchen Jake wird erwachsen und begehrt gegen Ersatzvater Roland auf. Weiter keine besonderen Vorkommnisse in der Schar unserer Revolverhelden. Was immer diese bewegt, wir kennen es bereits, denn es sind nur Variationen (allzu) bekannter Seelenqualen.

Die Bewohner der Calla sind Statisten aus einem Italo-Western, der in den Kulissen der Cowboy-Seifenoper „Gunsmoke“ (dt. „Rauchende Colts“) gedreht wurde. Handfestes Landvolk, schlicht im Geiste, aber gut und mutig – dieses Lied singt King auf so vielen Buchseiten, dass man es rasch über hat. Er beherrscht die Klaviatur der menschlichen Alltäglichkeit so gut wie bisher, aber was nützt das, wenn es ihm misslingt, uns diese „Howdy“-Phrasen dreschenden Popanz-Pioniere wirklich nahe zu bringen?

Pater Callahan ist keineswegs die tragische Gestalt, die der Autor gern aus ihr gemacht hätte. Für den King-Historiker ist es zweifellos interessant zu erfahren, welche „Fortsetzung“ die Ereignisse aus „Brennen muss Salem“ nahmen. Hier dehnen sie sich allerdings über mehrere Rückblenden aus, die fast schon ein eigenes Buch füllen könnten. Mit dem eigentlichen Geschehen haben Callahans Erlebnisse grundsätzlich nichts zu tun, obwohl King schließlich eine dürftige Verbindung konstruiert.

Was sich sonst diesseits und jenseits der Dimensionsportale tummelt, ist so zahlreich, dass es schwerfällt den Überblick zu behalten. So wichtig ist es allerdings gar nicht. Zumindest die Bösen treten ohnehin in immer neuen Masken auf. Der King-Fachmann erkennt hier erneut manchen alten Bekannten. Immerhin gelingt dem Verfasser auch hier manchmal ein Glückstreffer: Service-Roboter Andy macht als Parodie auf den Blechmann aus „Der Zauberer von Oz“ eine gute Figur. Und wie es aussieht, tritt King im Schatten des Turm womöglich höchstpersönlich in seine literarische Welt.