Murphy, Pat – Geisterseherin, Die (Magic Edition Band 1)

„Magic Edition“ ist eine weitere neue Reihe des [BLITZ-Verlages,]http://www.blitz-verlag.de und mit diesem Buch startet sie exquisit. Pat Murphy versteht es, faszinierend, spannend und berührend zugleich zu erzählen. Faszinierend: denn die Handlung ihres Buches dreht sich um die Maya-Kultur. Spannend: denn in den Ruinen von Dzibilchaltún lauern genügend Gefahren auf die Archäologen. Und berührend: Murphy versteht es, das Innenleben der drei weiblichen Hauptfiguren dem Leser nahezubringen.

Da wäre zuerst Elizabeth Butler: einundfünfzig, zielstrebig, erfolgreich, Autorin mehrerer viel gelesener Bücher über die Maya und die Archäologie (Kostproben aus ihrem neuen Manuskript fügt Murphy harmonisch ins Buch ein). Außerdem ist Elizabeth verrückt, aber nicht, weil sie vor Jahren Selbstmord begehen wollte und von ihrem Ehemann in die Psychiatrie eingeliefert wurde, sondern weil sie tote Menschen sieht, zum Beispiel die Maya von Dzibilchatún – keine Geister, nein, diese Menschen selbst und das, was sie zu Lebzeiten taten. Daher rühren Elizabeths Erfolge, aber auch ihre Isolation von ihren Mitmenschen: Ihre „Gesichte“ sind ihr vertrauter als Zeitgenossen, die sie entweder schlecht behandelt haben oder einfach nicht interessieren. Sie lebt ganz für die Archäologie, die es ihr ermöglicht hat, sich aus einer erstickenden Ehe zu lösen und auf eigene Füßen zu stellen, unabhängig von einem „Ernährer“. Der Preis dafür war der Verlust ihrer Tochter Diane.

Diane Butler: Sie fliegt Hals über Kopf nach Mexiko, zu ihrer Mutter, die sie fünfzehn Jahre nicht gesehen hat. Ihr Vater ist unverhofft gestorben, ihr Geliebter (verheiratet) hat die Beziehung beendet und sie daraufhin gekündigt, denn der Geliebte war zugleich der Chef. Diane weiß nicht so recht, was sie in Mexiko will, aber ihre Mutter nimmt sie ins Team auf. Bald zeigt sich, dass sie die gleiche Fähigkeit wie Elizabeth hat, wenn auch nicht so ausgeprägt. Aber sie ist sich lange nicht klar darüber, dass es überhaupt eine Fähigkeit ist – sie hält, was sie sieht, für Tagträume.

Die dritte wichtige Frau ist Zuhuy-Kak, Priesterin der Mondgöttin zu der Zeit, als die Tolteken das Reich der Maya angriffen. Sie opferte ihre Tochter für den Sieg ihres Volkes, musste aber dennoch erleben, wie dieses den Eindringlingen unterlag. Von den Eroberern wegen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten gefürchtet, sollte sie im heiligen Cenote-Brunnen von Chichén Itzá geopfert werden, überlebte den Sturz aber, was sie zur Botin machte, die den Willen der Götter verkündet – und sie sorgte dafür, dass die Tolteken keine Freude an ihrem Sieg hatten. Dennoch findet sie keine Ruhe, auch wegen ihres scheinbaren Versagens beim Opfer. Sie nimmt mit Elizabeth Kontakt auf und möchte die Macht der Mondgöttin wieder herstellen, indem nun Diane geopfert werden soll.

Genug Zündstoff also, um eine wirklich spannende Handlung in Gang zu setzen und ständig zu beschleunigen – und Pat Murphy macht das vorzüglich. Ihre Kenntnisse über die Maya und das Leben der Archäologen sind hervorragend, ein lebendiges Bild des vergangenen Volkes und des Daseins der Forscher entsteht. Dazu schafft sie psychologisch tiefgründig angelegte, glaubwürdige Figuren. Auch verzichtet sie auf billigen Geister-Horror und simple Gut-Böse-Konstellationen. Es gibt in dem Buch keine moralisch vorbildliche Gestalt, aber auch keine plakativ schlechte. Lebensechte Konflikte wirken als treibende Kräfte und verleihen dem Figurentableau Nähe. Murphy erzählt von Leuten, deren Probleme nicht ungewöhnlich sind, auch wenn sie in einer ungewöhnlichen Kulisse zum Tragen kommen. Was den Menschen in diesem Buch geschieht und wie sie damit umgehen, erscheint vertraut: Es geht um Freiheit, Selbstverwirklichung und um die Alternative, vor Schwierigkeiten davonzulaufen oder sich ihnen zu stellen. Das ist interessanter als Gegrusel oder Gemetzel. „Die Geisterseherin“ erweist sich in jeder Hinsicht als kleines Juwel einer stark realitätsbezogenen Phantastik.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Patterson, James – Vor aller Augen

Moderner Sklavenhandel in den respektabelsten Kreisen der US-Gesellschaft? Der „russische Wolf“ macht es möglich in Pattersons neuestem Thriller mit dem frischgebackenen FBI-Agenten Dr. Alex Cross.

„Vor aller Augen“ ist wesentlich spannender als etwa „Mauer des Schweigens“ und besticht durch seine gesellschaftliche Aktualität und Relevanz. Denkt man ein kleines Weilchen über die verschiedenen Ebenen des Buches nach, so läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Denn Menschenhandel gibt es überall, nur wird er nicht so bezeichnet.

_Der Autor_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der „tearjerker“ [„Briefe an Nicholas“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=428 Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf / Vor aller Augen“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

_Handlung_

Am Schluss von „Mauer des Schweigens („Four blind Mice“) hatte Alex Cross das Angebot angenommen, von der Washingtoner Polizei zum FBI im nahen Quantico überzuwechseln. Doch anders als Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ sind die modernen FBI-Agenten vor allem Bürokraten und Computerjockeys, findet Cross, nachdem er seinen Einführungskurs besucht hat. Auch die Art und Weise, wie man „draußen im Feld“ bei Festnahmen vorgeht, findet er ziemlich befremdlich: Eine Menge Neulinge scheinen dabei eingesetzt zu werden – riskant.

Doch auch er selbst befindet sich in keiner beneidenswerten Position. Er ist der FNG: der Fucking New Guy, und obendrein auch noch das Schoßhündchen des neuen FBI-Direktors Burns, der Cross angeheuert hat. Schon bald macht sich Cross den Trainingsleiter Nooney zum Feind und sich selbst zum Opfer der Innenpolitik: Man übergeht ihn schlichtweg.

All diese Interna sind zwar Nebensache in der Erzählung, aber im Endeffekt nicht unwichtig in ihrer Auswirkung darauf, wie sich der neueste, schreckliche Fall entwickelt, nämlich ungünstig.

|Der Fall „White Girl“|

Elizabeth Connelly, eine liebende Mutter von drei Kindern, die aussieht wie Claudia Schiffer, wird am hellichten Tag in der Tiefgarage des Einkaufszentrums von Atlanta gekidnappt. Zwei russisch sprechende Typen betäuben sie, werfen sie in einen Van und brausen mit ihr weg. Sie wird nie wieder gesehen. Das Gleiche passiert mit Audrey Meeks, im Einkaufszentrum King of Prussia außerhalb Philadelphias (ich war schon mal dort: Es ist riesig, vor allem deshalb, weil es in Pennsylvania keine Textilsteuer gibt). Das dritte Opfer ist jedoch ein Mann: Er sieht aus wie Brad Pitt und wird aus einer Bar an der Ostküste entführt.

Allerdings ist das Vorgehen der Kidnapper zunehmend schlampiger geworden: Man hat sie erkannt, denn sie gaben sich keine Mühe, ihre Gesichter zu verbergen. Cross fragt sich nach dem Grund der Entführungen und kommt zum Schluss, dass sie keineswegs aus Leidenschaft erfolgten, sondern mit Geld zu tun hatten. Die Entführten waren bestellt worden, die Kidnapper lieferten sie: Manchmal sogar nach Saudi-Arabien oder Japan. Doch wer verdient an diesem modernen Menschenhandel, der schon seit Jahren zu laufen scheint? Wer ist der Kopf dahinter?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal haben es die Schurken auf unschuldige Menschen abgesehen. Aber nicht etwa, um ihnen das Blut auszusaugen wie in „Violets are blue“ oder ihnen das Lebenslicht auszublasen wie in „Mauer des Schweigens“. Nein, sie werden schlicht und einfach bestellt, eingefangen und als Sklaven verkauft. Mit modernem Menschenhandel, so deutet der Autor an, haben besonders die Russen Erfahrung. Die Rote Mafiya hat ein weltumspannendes Verbrechensnetz aufgebaut, in dem Menschenhandel globalen Ausmaßes nur einen geringen Teil der lukrativen Geschäfte ausmacht.

Das Einschleusen von russischen, ukrainischen und weißrussischen Frauen nach Westeuropa ist uns in Deutschland vertraut, wenn man die nationalen Zeitungen liest – im Fernsehen tauchen diese beunruhigenden Nachrichten fast nie auf. Wenn man aber als Mann ins Innere Thailands reist, wird einem schon mal ganz nebenbei eine Tochter des Hauses angeboten – natürlich nur zum Heiraten (und wahrscheinlich auch in Pattaya und Phuket). Eine der Figuren in Pattersons Roman zitiert aber aus der Tageszeitung, dass selbst der thailändische Premierminister nichts dabei findet, wenn selbst Zehnjährige den Weg in die Prostitution finden.

Wie Elizabeth Connellys Sklavenschicksal aussieht, möchte ich mit Rücksicht auf jüngere Leser hier nicht beschreiben: Es ist einfach schrecklich und zwingt die gut aussehende junge Frau dazu, sich in eine Traumwelt der Erinnerungen zurückzuziehen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Weitere Details sind überflüssig.

Umso beunruhigender ist die Analogie, die sich in Alex Cross‘ privatem Leben zu diesem Menschenhandel ereignet. Natürlich wird dies nie ausdrücklich so gesagt, aber die Art und Weise, wie Christine Johnson Anspruch auf ihren seit zwei Jahren bei Cross lebenden Sohn Alex junior erhebt, grenzt an Erpressung und Handel. Christine zog sich nach den schrecklichen Ereignissen in „Wer hat Angst vor dem Schattenmann“, in denen sie selbst als Sklavin gehalten wurde, mehrere tausend Meilen weit von Alex zurück: nach Seattle.

Nun kehrt sie zurück, um ihm auch ihren Sohn wegzunehmen. Begründung: Er sei als Polizist und FBI-Agent eine ständige Gefahr für das Kind. Das ist schon verdammt ironisch, findet Cross: Er versucht die Menschen vor Verbrechern zu schützern und als Dank dafür wird er als „Blitzableiter für Gefahr“ bezeichnet, als Bedrohung für seinen Sohn. Am Ende der Verhandlungen wird ihm das Sorgerecht für Alex entzogen, was ihm schier das Herz bricht. Wir erhalten keine nähere Erklärung dafür: der unergründliche Lauf der Justiz. Cross hat den Eindruck, man könnte ihn fast für einen Kinderschänder halten, so besorgt sind Christines Anwälte und andere Behördenvertreter um den kleinen Alex.

Die Parallelen zum modernen Menschenhandel des „Wolfes“ sind unübersehbar, die Schlussfolgerungen daraus nicht gerade angenehm. Menschen als Objekte, die man hin und her schiebt, wie es einem gefällt. Ein weiteres Indiz in dieser Richtung: der Auftraggeber für Elizabeth Connellys „Verkauf“ lebt in ihrem engsten Umfeld.

_Unterm Strich_

Nachdem ich „Stunde der Rache“ und „Mauer des Schweigens“ nicht so begeisternd gefunden habe, hat mich „Vor aller Augen“ – so benannt nach dem Wolf im Märchen von den drei kleinen Schweinchen – wieder ausgezeichnet unterhalten. Die Story ist sehr detailreich und zudem sorgfältig konstruiert. Zunächst hat Patterson ein paar Startprobleme und verfällt wieder in zusammenfassendes, nachrichtliches Erzählen. Das dient dazu, den Leser möglichst schnell über die Hauptfiguren zu informieren, ist aber leider nicht spannend.

Erst als die Szenen beginnen, richtig ausgespielt zu werden, kommt die Geschichte in Fluss und Spannung baut sich auf. Praktisch jedes Kapitel hat eine Pointe, die zum Weiterlesen zwingt, und die Geschichte wird aus Cross‘ Blickwinkel so verdichtet vorgetragen, dass sich der Leser häufig seinen eigenen Reim darauf machen muss: Nichts mehr wird ihm auf dem Silbertablett serviert wie am Anfang.

Es ist, als würde sich Cross immer weiter auf vermintes Gelände vorwagen, auf dem er jederzeit in Lebensgefahr schwebt. Die Ebene, auf der er operiert, wird immer höher, bis in schwindelerregende Kreise auf politischer Ebene: Hier arbeitet er sogar mit dem Secret Service (stellt die Leibwächter der Präsidentenfamilien) zusammen, der ja dem Finanzministerium unterstellt war und nun der Heimatschutzbehörde untersteht. Prekär wird Cross‘ Lage dadurch, dass „der Wolf“ einen Informanten im FBI-Hauptquartier hat.

|Bitte, bitte eine Fortsetzung!|

Das Beste zum Schluss: Dieses Buch muss unbedingt eine Fortsetzung haben. Den Grund kann man sich an den zehn Fingern ausrechnen. Hiermit verfolgt Patterson die gleiche Taktik, die auch bei [„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429 und „Stunde der Rache“ so erfolgreich war: Warum nur ein einziges Buch schreiben, wenn sich zwei auf der gleichen Grundlage verkaufen lassen? Mit dem „Wolf“ hat der Autor einen Schurken geschaffen, der gleichermaßen furchteinflößend und ungreifbar ist, um eine Fortsetzung zu gewährleisten, ja, notwendig zu machen. Wir können nur hoffen, dass die Fortsetzung einen ebenso starken Eindruck hinterlässt wie „Vor aller Augen“.

|Originaltitel: The Big Bad Wolf
Originalverlag: Little, Brown & Co. 2003
Aus dem Amerikanischen von Edda Petri|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Haines, Tim / Riley, Christopher – Weltraum-Odyssee. Eine Reise zu den Planeten

Die fünfköpfige Besatzung des Raumschiffs „Pegasus“ begibt sich auf eine mehr als sechs Jahre währende Reise durch das Sonnensystem. Planeten, Monde, die Sonne und ein Komet werden be- und untersucht, unzählige Experimente durchgeführt, gefährliche Unfälle gemeistert, bis man, das zerbeulte Schiff bis unters Dach mit Daten und Proben vollgepackt, im Triumph zur Erde zurückkehrt.
Wobei eine imaginäre Reise ins Weltall nicht gerade ein taufrischer Plot ist. Auch im Sachbuch hat es das schon gegeben. Das eigentlich Neue ist die verblüffend gut gelungene Verklammerung, welche die Grenze zwischen Fiktion und Fakten praktisch aufhebt. Die Reise der „Pegasus“ wurde von der BBC in Zusammenarbeit mit echten Wissenschaftlern so ‚realistisch‘ wie möglich geplant und ‚durchgeführt‘. So intensiv wie es eben im Rahmen einer TV-Show machbar und praktikabel ist, orientierte man sich an den Raumflügen der Vergangenheit, deren Realität man unter Berücksichtigung dessen, was in mehr als drei Jahrzehnten unbemannte Raumfahrt erkundet wurde, auf das „Pegasus“-Unternehmen projizierte.

Auf eine Expedition zu sämtlichen Planeten unseres Sonnensystems wird deshalb verzichtet: Die Physik verbietet es, da ein direktes Ansteuern derselben gar nicht möglich ist. Sonden und potenzielle Raumschiffe müssen die Gravitation anderer Planeten oder großer Monde nutzen, um zu beschleunigen oder abzubremsen, sonst reicht der Treibstoff nicht. Also wurde die Reiseroute gemäß der zum Zeitpunkt der „Pegasus“-Reise aktuellen Planetenkonstellation festgelegt. Sie lautet wie folgt: Venus (Landung) – Mars (Landung) – Sonne (Umkreisung in geringer Entfernung) – Planetoidengürtel – Jupiter (Vorbeiflug) – Jupitermond Io (Landung) – Saturn (Vorbeiflug und Ring-Untersuchung) – Pluto (Landung) – Komet Yano-Moore (Rendezvous).

„Weltraum-Odyssee“ ist das angebliche Protokoll dieser Reise. ‚Authentische‘ Einsatzbeschreibungen (in welche aktuelles Forschungswissen mehr oder weniger unauffällig einfließt) und persönliche Kommentare der Planetenforscher wechseln sich mit Artikeln zur realen Weltraumforschung in Vergangenheit und Gegenwart ab. Diese sind an den astronomischen Laien gerichtet, der sich anschließend tatsächlich informiert vorkommt, woran klare, einleuchtende Grafiken und vor allem eine verschwenderische Fülle großformatiger, meist farbiger ‚Fotos‘ (= tatsächliche Aufnahmen, die oft farbbereinigt, nachgeschärft oder sonst wie bearbeitet oder gleich vollständig digital geschaffen wurden) großen Anteil haben.

Doch nicht Information oder informative Unterhaltung allein lockt die Leser. Es geht auch um einen Traum: Was wäre, wenn … die Menschen endlich wieder selbst Raketen & Raumschiffe besteigen würden, um persönlich die Rätsel und Wunder des Alls in Augenschein zu nehmen, statt dies Raumsonden & Robotern zu überlassen? Natürlich können es die Maschinen besser und billiger. Eine Flut bemerkenswerter Daten und Bilder wurde gerade in den letzten Jahren vom Mars oder vom Jupitermond Europa gefunkt. Astronauten müssen sich nicht ewig in winzige Blechbüchsen quetschen, von kosmischer Strahlung rösten lassen, sich in permanente Lebensgefahr bringen.

Ein echter Fortschritt also – und doch … Der Mensch ist ein seltsames Tier: Ihm genügt der Eindruck aus zweiter Hand nicht. Er will die Welt be-greifen. Ohne diesen Drang säße er wohl immer noch in einer Höhle und würde einen Stock anbeten, wie es einst in einer klassischen TV-Comedy hieß. Allen berechtigten Einwänden zum Trotz will er selbst hinauf ins All, was natürlich gar nicht so dumm ist, weil sich ferngesteuerte Forschungsdrohnen trotz Hightech stets sehr beschränkt geben, was vor allem die Suche nach außerirdischem Leben frustrierend gestaltet. Diesen Zwiespalt zwischen Vernunft und Vision versucht das Team Tim Haines und Christopher Riley mit seinem aktuellen Filmprojekt zu schließen. Bisher ließ der britische Sender diverse Donnerechsen („Dinosaurier – Im Reich der Giganten“) und deren säugetierischen Nachfolger („Die Erben der Saurier – Im Reich der Urzeit“) digital wiederbeleben und außerordentlich quotenträchtig über die Bildschirme stapfen. Weil sich der daraus resultierende Aha-Effekt inzwischen abgenutzt hat, brach man buchstäblich zu neuen Ufern auf. Schon in früheren Serien hatte man sich unauffällig vom Konzept der strikt wissenschaftlichen Rekonstruktion verabschiedet und immer neue Gimmicks einfließen lassen; so konnte es beispielsweise durchaus geschehen, dass einem interviewten Forscher während seines Referats ein Digitaldino über die Schulter schaute oder ein Kollege eine Zeitreise in die Urzeit unternahm („Monster der Tiefe“).

Das Prinzip Brot & Spiele bzw. Infotainment, wie man diese Mischung aus Science und Fiction heute nennt, prägt auch und noch viel mehr als zuvor die „Weltraum-Odyssee“. Dieses Mal schlagen die Fakten die Fiktion indes um Längen. Selten zuvor ist eine Reise durch das Sonnensystem so faszinierend und langweilig zugleich gewesen. Der Spagat ist insofern misslungen, als der gut gemeinte und kluge Versuch, den ‚Faktor Mensch‘ in die fiktive Weltraumfahrt zu integrieren, auf TV-Format und mit politisch geradezu aggressiv korrekten Mustermensch-Schauspielern realisiert wurde, während die Bilder Kinoformat besitzen. An Bord eines Raumschiffs setzt sich trotz der permanenten Krisensituation, in der man sich eigentlich befindet, eine gewisse Routine durch, denn der Mensch ist anpassungsfähig. Routine fesselt freilich keine Fernsehzuschauer. Also werden diverse dramatische Zwischenfälle konstruiert. Diese sehen am Bildschirm spannend aus, lesen sich aber denkbar unspektakulär, weil sie in demselben pseudo-offiziellen, um Sachlichkeit bemühten Stil wie die Tagesberichte beschrieben werden. ‚Private‘ Aufzeichnungen der Raumfahrer sollen dagegen deren Einsamkeit, innere Ängste, Trauer etc. deutlich machen. Leider wurde auch hier jeglicher Funken echter Emotion getilgt – sei es absichtlich, um ein unpassendes Star-Trek-Feeling zu vermeiden, oder sei es, weil die Autoren mit der Niederschrift einer echten Rahmenstory schlicht überfordert waren.

Bleiben die eingeschobenen Sachartikel mit ‚echten‘ Bildern von Planeten und Monden und den dazu geleisteten Erläuterungen. Hier klappt die Vermittlung von Weltraumforschung ohne Schwierigkeiten, hier spielt das Team von „BBC Worldwide“ seine langjährige Erfahrung bei der Herausgabe inhaltlich auf den Punkt gebrachter, perfekt layouteter Sachbücher voll aus. „Weltraum-Odyssee“, der Film, ließ sich am besten genießen, wenn man (auch wegen der kriminell zu nennenden deutschen Synchronisation) den Ton abdrehte und sich auf die Bilder konzentrierte. Die sind einfach unglaublich. Der modernen Tricktechnik sind offensichtlich keine Grenzen mehr gesetzt – die Schauspieler stehen überzeugend auf fremden Planeten, deren Eigenheiten im Rahmen der bekannten Fakten jederzeit glaubhaft inszeniert werden. Für die Zukunft bzw. die weiteren Projekte der BBC in Sachen (Re-)Konstruktion des Unmöglichen wünscht man sich deshalb – egal ob Film oder Buch – ein Zurück zum Dokumentarischen & den Verzicht aufs allzu Zirzensische.

Erwin, Birgit – Lichtscheu

Pater Matteo, direkt aus dem Vatikan angereist, soll den Wissenschaftler Victor Westcamp in einer unheimlichen Nachtaktion im Londoner Tower taufen. Wer wusste schon, dass der Tower seinem Zweck als Verlies noch immer nachkam? Matteo findet Victor in einem stockfinsteren Keller, mit Silberketten gefesselt, abgemagert, aber von einer charismatischen Aura umgeben, die ihn sofort sympathisch erscheinen lässt. Matteo verspritzt sein Weihwasser über dem Gesicht des anscheinend Verrückten, der sich für einen Vampir hält. Die Haut schlägt Blasen, der Mann schreit, Matteo ist schockiert. Welche Krankheit ist das, die Menschen wie den mythischen Vampir empfindlich gegen Weihwasser macht? Bevor er Hals über Kopf aus dem Tower flieht, gewährt er Victor eine Bitte: Seiner Tochter Silver von diesem Treffen erzählen, mit der Aufforderung, seinen Weg zu vollenden. Er würde in dieser Nacht sterben.

Matteo findet Silver, und damit gerät er in einen Strudel der Ereignisse, der ihn zu verschlingen droht. Mord und Intrigen, grausame Foltern – er findet den Vatikan in der Mitte des Geschehens, und wie soll er seine brennende Liebe zu Silver mit den silbernen Augen bewältigen?

Wir sehen, wie Matteo immer weiter abrutscht und sich in einem Netz aus Geheimnissen und Mythen verstrickt, die gegen seine tiefste Überzeugung stehen. Die aktuellen Geschehnisse verbinden sich mit dunklen Punkten in der Vergangenheit seiner Familie, eine große Verwirrung verzerrt sein Wirklichkeitsbild und bringt ihn schließlich zu einer Auflistung der Toten, die er zu beklagen hat. Dass „Gott“ einer dieser für Matteo Toten ist, entwickelt sich vor allem in der zweiten Hälfte der Geschichte zur Offensichtlichkeit – für Matteo widersprechen sich die Lehren der Kirche und die nahezu offensichtliche Existenz von Vampiren, die fast mit allen mythologischen Schwächen und Stärken behaftet sind. Er fragt sich nur nicht, wie ein Vampir von Weihwasser angegriffen werden kann, wenn es keinen Gott gibt.

Selbstironisch lässt Birgit Erwin ihren Protagonisten fragen, ob er sich in einem Roman von Dan Brown befinde, bei all den dunklen Machenschaften, in die der Vatikan verwickelt ist – wovon der normale Priester im Allgemeinen nichts weiß. Nach der letzten Stellungnahme der Kirche, die Dan Browns „Sakrileg“ ächtete, lassen sich diesbezüglich tatsächlich Verbindungen knüpfen (ich kann aufgrund der offenen Ironie nur vermuten, dass sich die Autorin davon nicht beeinflussen ließ).

Obwohl „Lichtscheu“ der erste Roman der Autorin ist, fesselt sie den Leser mit großem Geschick ab der ersten Seite. Sowohl theoretisch als auch kreativ überzeugt Erwin ohne Einschränkung, ja begeistert sogar und kann sich problemlos mit Meistern der Belletristik messen lassen.

[…]|
»Mach, dass es nur ein Traum war! Oh. Mein. Gott!«
Ohne die Augen zu öffnen, tastete er nach der Wolldecke, die sich auf Höhe seiner Kniekehlen zu einem harten Klumpen zusammengeballt hatte, und zerrte sie über seinen schutzlosen, sündigen Körper.
»Vergib mir, Vater, vergib mir, vergib mir …«, flüsterte er.
»Soll ich rausgehen, während du dich kasteist, oder ist es dir lieber, wenn ich zusehe. Macht dich das scharf?«|
[…]
Auszug aus „Lichtscheu“, Seite 107.

Intrigen werden gesponnen, Matteo verliert den Glauben an die Menschen und an Gott, und obwohl er von jedem nur benutzt zu werden scheint, macht er weiter, und auch wenn es ihn abstößt, sucht er weiter. Seine Tage als „Laufbursche, der keine Fragen stellt“ sollen für ihn vorbei sein, und außerdem ist da noch seine brennende Liebe zu Silver. Mit dem unerwarteten Faustschlag (Erwin vertieft sich mit uns in Matteos Gedanken und überrascht uns ebenso wie ihn) beginnt der phantastische Teil der Geschichte, die trotzdem nicht an Realismus verliert. In einem Strudel jagen sich nun die Erkenntnisse, die sich teils widersprechen und neue Rätsel aufgeben, bis Matteo in einem letzten Aufbäumen die Wahrheit erkennt, und im gleichen Moment, in dem er die Fesseln des Benutzten abwirft, neuerdings Opfer einer Beeinflussung wird.

Es bleiben einige wenige Fragen offen, zum Beispiel konnte ich mir die Bestandsaufnahme ganz zum Schluss nicht völlig erschließen, denn wenn ich Matteos Mutter einbeziehe, erhält die Liste einen Sinn, der eine andere gelistete Person ausschließt. Insgesamt macht „Lichtscheu“ Lust auf mehr, es entreißt uns der Wirklichkeit und lässt erst wieder los, wenn das letzte Wort gelesen ist. Und genau das ist für mich das wichtigste Kriterium für einen guten Roman.

_Birgit Erwin_ wurde in Aachen geboren und studierte Anglistik und Germanistik. Seit September 2003 ist sie Studienreferendarin an einem Gymnasium, nebenbei schreibt sie Rezensionen und Geschichten. 2003 und 2004 belegte sie jeweils den zweiten Platz beim Jahreswettbewerb der [Storyolympiade.]http://www.storyolympiade.de Ihr Preis: Die Möglichkeit, einen Roman zu schreiben.
Mit „Lichtscheu“ erschien ihr Erstling, ein weiterer Thriller ist für 2006 geplant und soll unter dem Titel „Neun Leben“ ebenfalls im [Wurdack-Verlag]http://www.wurdackverlag.de erscheinen.

Volker Dehs – Jules Verne. Biographie

Zum 100. Todesjahr erschien diese Biografie des Schriftstellers Jules Verne (1828-1905) Volker Dehs stellt Verne nie als isoliertes Individuum, sondern als Bürger Frankreichs dar, das während des 19. Jahrhunderts gewaltigen Veränderungen und Entwicklungen unterworfen war. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich Vernes Leben und Werk wirklich deuten. Das geschieht in diesem Buch überzeugend; es darf daher mit Fug und Recht als Standardwerk bezeichnet werden (das sich manchmal ein wenig anstrengend liest, weil der Verfasser auf kein biografisches Detail verzichten mag). Mehr als 35 s/w-Abbildungen und umfangreiche Anhänge runden das Werk ab.
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Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?

|Die Autorin|

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen.

|Die Sprecherin|

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

_Handlung_

Sara Linton, Mitte dreißig, ist nebenberuflich Gerichtsmedizinerin in Grant County. Vor dreizehn Jahren ist sie von Atlanta hierher aufs Land gezogen, um an der Kinderklinik zu arbeiten. Als Gerichtsmedizinerin wird sie von Sheriff Jeffrey Tolliver, ihrem Ex-Mann, zu einem Tatort gerufen. Entgegen ihren Gepflogenheiten nimmt sie ihre hochschwangere Schwester Tessa, 34, im Auto mit, weil das auf dem Weg zu Tessas Haus liegt.

Ein junger Mann liegt tot unter einer Brücke, die zu einem beliebten Jogging-Parcours der Studenten des nahen Grant College gehört. Daher wurde er von einer Studentin gefunden, die hier joggte, Ellen Shaeffer. Während Tessa in den nahen Wald geht, um ihre Blase zu erleichtern, untersucht Sara die Leiche. Der Mann weist eine Menge Tattoos und Piercings auf. Auffällig ist für Sara vor allem ein Kratzer auf dem Rücken des Mannes. Wurde er etwa gestoßen? Am Brückenpfeiler stehen rassistische Parolen und ein Hakenkreuz. Wie sich zeigt, war Andy Rosen Jude …

Mit einem Mal wundert sich Sara, wo ihre Schwester abgeblieben ist. Sie geht ihr mit ein paar Polizisten nach und findet sie auf einem Waldpfad in schwerverletztem Zustand. Sie wurde mehrmals mit einem Messer gestochen, unter anderem in den Bauch … In der Hand hält Tessa ein Stück weißes Plastik von einer Tüte. Hat sie etwas eingesammelt?

Da kommt eine College-Sicherheitsbeamtin namens Lena Adams aus dem Wald zurück. Sie hat einen Mann gesehen, der aber sofort geflüchtet ist. Lena war bis vor sieben Monaten bei der Polizei, doch Sheriff Tolliver feuerte sie wegen Unzuverlässigkeit. Lena trägt schwer an einem Vergewaltigungstrauma, das sie zur Alkoholikerin gemacht hat.

Sobald Tessa vom Helikopter in das nahe Krankenhaus geflogen worden ist, machen sich Sara und der Sheriff Gedanken über diesen seltsamen Tag, der beinahe zwei Opfer gefordert hätte. Am nächsten Tag ist auch Ellen Shaeffer tot. Es sieht zwar wie ein weiterer Selbstmord aus, doch die geübte Sportschützin hat die falsche Munition verwendet – sehr verdächtig.

Etwas Bedrohliches geht an diesem College vor sich, denkt Sara, und dies könnten nicht die letzten Opfer gewesen sein. Sie soll leider Recht behalten.

_Mein Eindruck_

Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Linton bildet ein klassisches Ermittlerpaar à la Sherlock Holmes und Dr. Watson, so dass sie sich gut ergänzen. So gelangen beide unabhängig und in regelmäßigem Informationsaustausch zu hilfreichen Erkenntnissen. Aber ob das schon reicht?

|Living on the edge|

Außerdem ist die akribische Kleinarbeit längst nicht so aufregend wie das, was Lena Adams unternimmt und erlebt. Lena ist eine faszinierende Figur, die ebenso vollständig realisiert worden ist wie Tolliver und Linton. Schon allein deshalb gebührt ihr unsere volle Aufmerksamkeit.

Lena war jahrelang bei der Polizei, bis sie eines schlimmen Tages von einem Unbekannten entführt, eingesperrt, unter Drogen gesetzt, an Händen und Füßen an den Holzboden einer Hütte genagelt (!) und 48 Stunden lang vergewaltigt wurde. Welches seelisches Trauma dies zur Folge hatte, mag (und kann) man sich kaum vorstellen. Ihre Wundmale sehen aus wie die eines gewissen Zimmermanns aus Nazareth. Sie erhält zwar psychotherapeutische Betreuung von Dr. Jill Rosen, der Mutter von Andy Rosen, doch das hilft nichts. Nur Medikamente scheinen zu helfen – und Alkohol. Sie hat bereits eine Entziehungskur hinter sich.

Doch die Versuchung ist permanent, rückfällig zu werden. Und als ein interessanter junger Mann namens Ethan Green sie einlädt, zu einer Party zu gehen, gibt sie der Versuchung nach. Sofort geht es ihr besser. Im Hinterzimmer erzählt ihr ein Drogenpanscher und Dealer von Andy Rosen, dem „Selbstmörder“. Wenig später gerät sie wegen des Todes dieses Dealers in massive Schwierigkeiten. Und es hilft ihr keineswegs, dass Ethan Green den Sheriff angreift, um ihr beizustehen. Klar, dass Ethan, der von Kopf bis Fuß mit Nazisymbolen bedeckt ist, nicht nur an Lenas süßem Händchen interessiert ist, sondern mehr will. Doch Lena ist Halbjüdin …

Aber sie ist zumindest auf die Spur eines Drogenringes gekommen, der am College tätig ist. Ob in diesen gefährlichen Kreisen der oder die Täter zu finden ist/sind? Lena erkundet den Abgrund, und ihre Ermittlungen sind wesentlich handfester und gefahrvoller als die von Tolliver und Linton zusammen. Aber gehen sie auch in die richtige Richtung?

|Jagdgründe|

Nicht nur Drogenhändler und Vergewaltiger scheinen das College als ihre Jagdgründe ausgesucht zu haben. Auch in der biologischen Forschungsabteilung, in der Jill Rosens Mann Brian Keller seit 20 Jahren arbeitet, geht es nicht gerade fein zu. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, und wer weiß, wer Lenas getötete Zwillingsschwester Sybil, eine Biologin, auf dem Gewissen hat? Aber mehr darf dazu nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Die Frauen an diesem College und in seiner Nähe hätten also allen Grund, in Deckung zu gehen. Doch vieles ist vertuscht und so manches nicht aufgeklärt worden. Die Autorin stellt aber ziemlich klar, dass sich die Frauen zwar fürchten, aber dennoch tapfer um ihr berufliches und menschliches Überleben kämpfen. Bei dem ihre jeweiligen männlichen Partner nicht immer hilfreich sind. Brian Keller, so erfährt Sara Linton, schlägt seine Frau seit Jahren. Und Ethan Green, Lenas neuer Freund, sieht mit den Nazi-Tattoos, die seinen Körper bedecken, auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Er wird mit Dr. Jekyll und Mister Hyde verglichen, Na, Prost Mahlzeit!

_Die Sprecherin_

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um beispielsweise auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

_Unterm Strich_

Karin Slaughter zeichnet in ihrem Thriller ein wüstes Bild vom universitären Amerika. Drogensüchtige, Rassisten, korrupte Sicherheitsbeamte, Homosexuelle beiderlei Geschlechts (offenbar auch ein Feindbild), Vergewaltigungsopfer, Gewalt in der Ehe, Angriffe auf Schwangere – das volle Programm. Da bleibt man doch am besten Jungfrau, und deshalb haben sich die amerikanischen Jungfrauen auch organisiert und bilden bereits eine lautstarke Gruppe. Sara Linton ist leider nicht dafür qualifiziert: Sie kann keine Kinder mehr bekommen, erfahren wir nebenher.

Fast alle haben entweder etwas auf dem Kerbholz oder sind ein Opfer geworden. Selbst der Sheriff ist auch nur ein Mensch: Er hat Sara Linton betrogen, als die noch seine Frau war. Wie also soll in diesem Sumpf irgendetwas zu retten sein? Es gibt weit und breit keinen Retter. Vielleicht sollte man sich an Präsident Bush und seine Neo-Cons (Neo-Konservative) wenden? Allenfalls Sara Linton könnte die Retterin spielen, denn sie verfügt als Einzige über die nötige Integrität und Erfahrung, um den Fall zu lösen. Tolliver und Lena Adams helfen ihr dabei. Nur im Teamwork ist der Fall zu lösen. Es geht also auch ohne Neo-Cons.

„Dreh dich nicht um“ weist ein ausreichendes Quantum von Spannung auf, um als Thriller gut zu unterhalten – das Quantum an Leichen ist sowieso übererfüllt. Besonders Frauen dürften sich für das Buch interessieren, denn nicht nur die meisten Figuren sind weiblich, sondern auch die meisten Opfer. Allerdings haben mich das Hin und Her der Handlung sowie die hohe Zahl an Figuren mehrmals verwirrt. Dass die kurz zuvor eingeführten Figuren mitunter wenig später den Löffel abgeben, trägt nur unwesentlich zur Übersichtlichkeit bei: Die Liste bleibt dennoch lang.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr emotional nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin.

|374 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A faint cold fear, 2003
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz|

Rößler, Armin (Hrsg.) – Überschuss

Bereits in die dritte Runde geht die Anthologiereihe des |Wurdack|-Verlages. Leider sind „Deus Ex Machina“ und [„Walfred Goreng“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=844 die Vorgänger dieser Anthologie, an mir vorüber gegangen, aber wenn „Überschuss“ eine konsequente Fortsetzung in Auswahl und Präsentation darstellt, sind auch die ersten beiden SF-Kurzgeschichten-Sammlungen eine nähere Betrachtung wert.
Der Herausgeber Armin Rößler spricht im Vorwort von einer Bewegung im Kurzgeschichtenbereich, von einer „positiven Entwicklung“. Diese ist an eine kreative Schicht von Autoren gebunden, die sich aktiv um eine Veröffentlichung ihrer Werke bemühen und dabei zunächst nicht mit den großen Serien an die Öffentlichkeit treten, sondern ihre Ideen in kurzen Geschichten ausformulieren und dabei ein in Deutschland wenig genutztes Sprungbrett für sich entdecken, das besonders durch den fehlenden Markt für Pulp- und SF-Magazine wenig Aussicht auf Erfolg verspricht.
Aber vielleicht ist auch nur die Zeit der großen Verlage vorbei, die neben |Star Trek| ab und zu ein Erstlingswerk wagen.
Also her mit den Autoren der neuen deutschen Literatur!

Die Titelgeschichte von Torben Kneesch präsentiert eine Methode zur Entsorgung menschlichen Überschusses, die die Motive von Zeitreise und Kälteschlaf mischt. Nicht wirklich neu, aber in seiner logischen Konsequenz sehr gut vorstellbar. Eigentlich fehlt nur die Technik, sonst könnte Kneeschs sarkastische Vision Realität sein.

Ähnlich dicht an die bekannte Welt lehnt sich auch Lutz Herrmanns „Der Irrtum“ an. Kaltes Managergehabe in einer gefühlsarmen Welt. Der Sieg des kleinen Mannes hinterlässt einen fahlen Geschmack, die Story bleibt im Grunde pessimistisch. Solide, wenn auch wenig inspirierend.

„Barrieren“ von Armin Rößler hat es schwer. Der Stoff ist für eine Kurzgeschichte eigentlich zu umfangreich. So bleiben zu viele Fragen übrig. Die Hauptfigur, die hier eine kolossale Weiterentwicklung der Evolution symbolisiert, bleibt ungewohnt blutarm.

Fritten ins Weltall schießt Birgit Erwin mit ihrer Groteske „Nur ein Gedanke“. Witzig, überraschend und kurz. Definitiv eine Glanzleistung der spacigen Frittierkunst.

„Der Spaziergang“ von Markus K. Korb überzeugt in der präzisen und detailgetreuen Beschreibung eines „Lost in Space“-Erlebnisses. Allerdings hinterlässt diese kurze Skizze keine bleibenden Eindrücke, es fehlt ihr die Idee für eine Geschichte.

Die Mediensatire „Der Untergang der Titan“ von Bernhard Weißbecker verhilft den öffentlich-rechtlichen Sendern zu unverhoffter Unterstützung. Das unmenschliche Gerangel um die Übertragungsrechte der letzten Stunden einer vom Untergang bedrohten Raumschiffbesatzung ist pointiert und absolut realistisch in Szene gesetzt.

Andrea Tillmanns begleitet in „Nicht ganz Atlantis“ ein junges Mädchen, das die Grenzen ihrer Welt kennen lernt. Eine unaufdringliche Erzählung, die besonders durch die einfühlsame Sprache auffällt und dabei dennoch ein gewichtiges Thema angeht: Die menschliche Zivilisation ist nur eine hauchdünne Schicht über den Trieben des Tieres Mensch.

Eine rabiate Art zukünftiger Bestrafungen präsentiert Peter Hohmann in „Strafvollzug“: Den Delinquenten wird das aufgebrummte Strafmaß in Form von Lebenskraft entzogen. Leider ist der Plot selbst zu vorhersehbar und wenig fesselnd.

In „Wider Willen“ werden Tradition und Familienehre einer Kolonialwelt in Frage gestellt. Mit drastischen Mitteln versucht ein Vater, seinen Sohn zu einer Vernunftehe zu zwingen, allerdings gibt es genau gegen diese Ehen ein Gesetz; man soll nur aus Liebe heiraten. Die Geschichte lässt den Leser irritiert zurück, handelt es sich doch um eine unübliche Science-Fiction-Story, die am ehesten noch mit einer „Darkover“-Erzählung zu vergleichen ist.

Der Horror geht um im „Festtagsprogramm“ von Thorsten Küper. Die Raumstation Lowell ist Schauplatz einer grausigen Auseinandersetzung, die actionreich, mit Sarkasmus und einer gehörigen Menge Blut unter die Haut geht. Die Darstellung ist dabei sehr plastisch, was der Atmosphäre zugute kommt.

Nina Horvaths „Spirale“ ist ein kurzer philosophischer Moment. Wenn auch wenig passiert, enthält die Kurzgeschichte genau jene Nachdenklichkeit, die nach dem gruseligen „Festtagsprogramm“ angebracht scheint. Die Frage, inwieweit das Leben in vorgefertigten Abläufen stagniert, und wie man diese durchbrechen kann, ist eindringlich bearbeitet worden.

„Der Besucher“ ist ein Alien vom Planeten Xeracox, der die Erde bereist und dort so seine Erfahrungen macht. Die leichtfüßige Geschichte von Uwe Herrmann macht Spaß, ohne dabei mehr zu wollen.

Da hat es der Besucher in „Albas bestes Spiel“ von V. Groß schon schwerer. Um sein Leben wird gespielt. Die Geschichte ist solide, beschränkt sich aber mehr auf die Personen als auf eine tatsächliche Story.

Edgar Güttge bleibt seinem Ruf als Meister der Groteske treu. „Flasken“ ist eine großartige Parodie mit bösen Seitenhieben, neckischen Einfällen und einer temporeichen Erzählweise, die begeistert. Für mich ist Güttke eines der großen erzählerischen Talente unter den unentdeckten Autoren.

Nicht minder hochwertig geht es mit Ilka Sehnerts „Das Buch“ weiter. Im Autorenkästchen, deren Präsenz zu Beginn jeder Geschichte zunächst irritiert, aber zunehmend interessanter wird, stellt man die Schauspielerei der Autorin als Ursache für ihren knappen und rhythmischen Sprachstil dar. Tatsächlich fällt er aus den Rahmen der übrigen Texte; von graziler Schönheit, ist die Wiederfindung einer natürlichen Fortpflanzung auch inhaltlich ein Glanzstück dieser Sammlung.

Die Realität in Frage stellt Bernhard Schneider in „Der Bewohner“. Die Geschichte zielt auf die Pointe ab und ist trotz des bereits arg strapazierten Themas lesenswert.

Die dritte herausragende Geschichte der Anthologie ist Antje Ippensens „Alles wandelt sich“. Die grüne Evolution wird in treffsicheren Bildern und Wortspielen ausgeführt, sie wächst quasi zur vollen Blüte. Es ist bewundernswert, wie leicht der Autorin der Umgang mit dem pflanzlichen Sujet fällt, wie einleuchtend ihr die GRASWURZELDIMENSION (welch Wort!) gelingt.

Uwe Sauerbrei beschreibt eine etwas andere Art der Verwandlung in „Allmacht“. Aus einer sehr genau und detailliert dargestellten Alltagszenerie heraus entwickelt er eine Mutation über den menschlichen Status Quo hinaus, bis die Grenzen der Schöpfung erreicht werden. Nach dem außergewöhnlichen Besuch der GRASWURZELDIMENSION erscheint die Erzählung etwas bieder.

Die Anthologie endet abrupt mit der „Fallstudie: Terroristin Jenny S.“ von Heidrun Jänchen. Hier wird recht gefühlvoll die Auswirkung einer rigiden Einsetzung der Klontechnologie beschrieben. Jenny Seidel gerät in die Zerhacker einer genmanipulierten Gesellschaft, in der es normal ist, Klone als Ersatzteillager zu halten. Mit dieser bedrückenden Geschichte verschiebt sich die Waage der besonders guten Geschichten in dieser Anthologie noch weiter hin zur weiblichen Seite.

„Überschuss“ ist besonders im zweiten Teil eine Sammlung überaus interessanter und beeindruckender Erzählungen und Shortstorys. Armin Rößler und der |Wurdack|-Verlag sorgen dafür, dass der deutsche SF-Markt eine kreative Unterfütterung mit dem Nährboden guter Phantastik erhält: Brillante Kurzgeschichten.

© _Ralf Steinberg_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Stoker, Bram – Draculas Gast

Diese Horror-Erzählungen können sich sehen (und hören!) lassen. In „Draculas Gast“ erlebt Jonathan Harker eine unheimliche Begegnung in der bayerischen Provinz, in „Das Haus des Richters“ wird der jugendliche Held zur Zielscheibe des Hasses einer Riesenratte, und in „Die Squaw“ vollzieht eine schwarze Katze, deren Junges mutwillig getötet wurde, blutige Rache am Übeltäter.

_Der Autor_

Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des berühmten Theaterschauspielers Henry Irving (der zwecks PR auch in „Die Squaw“ erwähnt wird!) verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.

Alle hier vertretenen Erzählungen erschienen posthum im Jahr 1914 in London. „Das Haus des Richters“ und „Die Squaw“ erschienen zuerst 1893 in „Holly Leaves“. Später wurde „Die Squaw“ in „The Black Cat“ umbenannt – keine glückliche Wahl, denn diesen Titel trägt bereits eine bekannte Erzählung von E. A. Poe.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimmbandvertretung von „James Bond“ Timothy Dalton. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie. Ich schätze besonders seine Interpretation von H. P. Lovecrafts Schauergeschichten wie etwa [„Das Ding auf der Schwelle“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=589

Die Texte wurden nicht gekürzt, was doch bemerkenswert ist.

_Die Erzählung „Draculas Gast“_

Diese Story war ursprünglich ein Teil des Bestsellers „Dracula“. Daher kommen hier die Hauptfiguren vor, besonders Jonathan Harker.

Jonathan Harker macht sich per Kutsche von München aus auf den Weg nach Transsylvanien, um Graf Dracula zu besuchen, der ihn eingeladen hat. Der Hotelbesitzer Delbrück warnt Jonathan, denn heute Nacht sei Walpurgisnacht, und man wisse ja, dass dabei der Teufel umgehe. Den vernünftigen Engländer kümmert das wenig. Er glaubt nicht an Teufel und Hexen. Wir sind ja nicht mehr im Mittelalter, oder?

Als Harker ein merkwürdig abgelegenes Tal erspäht, befiehlt er dem Kutscher Johann, abzubiegen und dort hinunter zu fahren. Doch Johann weigert sich. Mal von der Tatsache abgesehen, dass an dieser Kreuzung ein Selbstmörder begraben liegt, sollen unten im verlassenen Dorf lauter Vampire gelebt haben, weshalb es ja auch schon seit hundert Jahren verlassen sei. Was der Herr wohl dort wolle?

Wölfe heulen, und ein Schneesturm ist im Anzug. Allmählich wird es ungemütlich. Trotzdem schickt Harker in seinem jugendlichen Hochmut Johann zurück nach München. Als in diesem Moment ein Fremder auf dem Hügelkamm auftaucht, gehen die Pferde durch. Gleich darauf ist der Fremde verschwunden. Wohl oder übel muss Harker allein und zu Fuß ins Tal hinabgehen.

Er beeilt sich, denn der Schneesturm kann gleich losbrechen. Nachdem er im Dunkeln einen düsteren Zypressenhain durchquert hat, landet er auf einem Friedhof und zwar direkt vor einem weißen Grabmal aus Marmor. Doch es wurde seltsamerweise einer Selbstmörderin errichtet. In Kyrillisch ist der Satz eingemeißelt: „Die Toten reisen schnell.“ Sehr lustig. Als er im Grabmal vor dem Hagelsturm Zuflucht sucht, erblickt er im Schein eines Blitzes die Gestalt einer schönen Frau auf dem Grab. Sie scheint sich aufzurichten und ihn anzulächeln.

Während der Sturm heult, wird Harker ganz schwummrig. Als er für einen Moment erwacht, liegt ein riesiger Wolf auf ihm und, äh, leckt ihm die Kehle! Harker wird gleich wieder ohnmächtig. Seine Konstitution ist eben nicht die allerbeste …

_Die Erzählung „Das Haus des Richters“_

Der junge Malcolm Malcolmson ist ein englischer Student der Mathematik, der sich für das Büffeln auf sein Abschlussexamen in einen ruhigen Ort zurückziehen möchte, statt sich wie seine Kommilitonen zwecks Ablenkung ins Vergnügen zu stürzen. Sehr löblich! Der erste Ort im Zugfahrplan ist Benchurch, also steigt er dort aus und fragt die Gastwirtin am Ort nach Quartier. Er hat am Ort ein stattliches Herrenhaus erspäht, das aber leer zu stehen scheint. Ob man sich da wohl einmieten könne, fragt er.

Die gute Mrs. Witham ist ein Frauenzimmer, das das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sie ist etwas entsetzt über Malcolms Plan, im „Haus des Richters“ gleich drei Monate zu verbringen. Dort wohnte vor mindestens hundert Jahren ein strenger und grausamer Richter. Immerhin hat das Haus eine Alarmglocke, falls dem armen Herrn Malcolmson irgendetwas, äh, nicht ganz in Ordnung vorkommen sollte. Tagsüber sorgt die gute Mrs. Dempster als Haushälterin für Essen und Sauberkeit. Sie hat kein Problem mit dem Haus.

Das liegt wohl daran, wie Malcolm feststellt, dass das Haus erst nachts zum Leben erwacht. Die Ratten veranstalten hinter der Wandvertäfelung einen Radau sondergleichen. Das stört den fleißig büffelnden Malcolm aber erst, als der Lärm abrupt aufhört. Er wundert sich und schaut sich um. Da sitzt doch tatsächlich eine riesige schwarze Ratte auf dem Stuhl neben dem Kamin und starrt ihn, Malcolm persönlich, mit bösen Augen an!

Doch bevor er sie mit dem Schürhaken erschlagen kann, rast sie schon das Seil der Alarmglocke, das neben dem Kamin baumelt, hinauf und verschwindet – ja, wo eigentlich? Nach der zweiten Nacht mit dem gleichen Erlebnis lässt Malcolm Licht darauf werfen: Es ist das Gemälde eines grausam und unerbittlich dreinblickenden Mannes, der genau auf jenem Stuhl sitzt, wo die Ratte saß: Es ist der Richter, dem das Haus gehörte. Und in dem Gemälde befindet sich das Loch, durch das die Ratte verschwindet und hartnäckig wieder erscheint.

Die brave Mrs. Witham ist vor Entsetzen schier einer Ohnmacht nahe, als Malcolm ihr minuziös von seinen nächtlichen Erlebnissen berichtet. Sie hat den guten Doktor Thornhill herbeigerufen, der Malcolm warnt. Jenes Glockenseil pflegte der Richter dazu zu verwenden, die Unglücklichen, die er verurteilte, daran aufzuhängen.

Die Nacht der Entscheidung ist gekommen. Zum dritten Mal dürfte die Riesenratte erscheinen, ahnt Malcom und trifft Vorbereitungen. In der letzten Nacht konnte nur die Bibel, die er nach ihr geworfen hatten, sie vertreiben. Doch was, wenn dies heute Nacht nicht ausreichen sollte?

_Die Erzählung „Die Squaw“_

Nürnberg, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, vor dem Touristenboom. Der Ich-Erzähler, ein Amerikaner, ist mit seiner jungen Frau Amelia auf seiner Hochzeitsreise in die mittelalterlich anmutende, nie eroberte oder zerstörte Stadt gekommen, um ihre pittoresken Schönheiten zu besichtigen. Begleitet werden sie von Elias P. Hutchison, einem wagemutigen Westmann, der von Karl May geschaffen sein könnte und sich ihnen einfach angeschlossen hat. Er unterhält sie mit Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen.

Die imposante und beherrschende Burg besuchen sie zuletzt, quasi als Höhepunkt ihres Aufenthalts. Sie verfügt über einen tiefen Burggraben, der nun mit Baumhainen und Cafés bedeckt ist. Herabblickend erspäht Hutchison mit seinem Adlerblick eine schwarze Katze, die mit ihrem Jungen spielt. Er will einen Stein hinabfallen lassen, um mit ihr zu spielen, natürlich nicht, um sie zu verletzen. Leider hat sich das Schicksal gegen ihn verschworen. Der Stein zerschmettert den Kopf des Kätzchens. Die empfindsame Amelia ist zutiefst entsetzt und fällt fast in Ohnmacht (was vielleicht auch an ihrem engen Korsett liegen mag).

Wütend springt die Katze an der Burgmauer hoch, doch sie schafft es nie bis zur Mauerkrone. In ihren Augen erblickt Amelia pure Mordlust. Der abgebrühte Hutchison lacht bloß darüber. Die Katze erinnere ihn an jene Squaw, deren Kind von einem Weißen getötet worden war und die dessen Mörder drei Jahre lang verfolgt und schließlich zur Strecke gebracht habe – nachdem sie ihn schrecklich gefoltert hatte. Hutchison erschoss die Frau. Als sich die Katze zu beruhigen scheint, hält er das für die Demut einer Squaw und vergisst die Katze.

Nicht so Amelia und ihr Mann. Sie bemerken bei ihrem Rundgang, wie die Katze ihnen nachschleicht, und gelangen schließlich zum Höhepunkt ihrer Tour: in den Folterturm. Alles ist noch genauso, wie es die Folterknechte und Scharfrichter vor Jahrhunderten zurückließen. Amelia kann einen zaghaften Schauder angesichts der blanken Richtschwerter, den Richtblocks und der unzähligen Marterinstrumente, mit denen man die Unglücklichen zum Geständnis bewegte, nicht unterdrücken.

Hutchison aber stürzt sich begierig auf das Herzstück der grotesken Sammlung: die berühmte Eiserne Jungfrau. Dieses sargähnliche Gebilde sieht keineswegs aus wie eine Frau, sondern eher so plump wie der Sarkophag eines Pharao. Nur das eine Ende trägt das Antlitz einer Frau, daher der Name. In diesen aufklappbaren Behälter wurde der gefesselte Delinquent gesteckt. Dann ließ man ganz langsam und schmerzhaft den an einem Halteseil und einem Flaschenzug befestigten Deckel hinab. Dessen Innenseite ist mit eisernen Stacheln versehen, die in die Augen, das Herz und in lebenswichtige Organe des Opfers eindringen …

Als der übermütige Hutchison sich vom Wächter fesseln und in die Eiserne Jungfrau stecken lässt, um die Top-Sensation seiner Reise zu erleben, taucht die rachedurstige Katze wieder auf …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch geht vom Bekannten und doch Neuen aus und steigert sich dann über eine interessante Zwischenstufe zu einem höchst blutigen Finale und Höhepunkt, das es mit dem Besten von Poe aufnehmen kann. Doch der Reihe nach.

|“Draculas Gast“|

Jeder, der schon mal eine möglichst werkgetreue Verfilmung von Stokers „Dracula“ gesehen hat – am besten jene von Francis Ford Coppola -, wird sich sofort in die Lage von Jonathan Harker versetzen können, wird ihm vielleicht sogar das schmale, bleiche Gesicht von Keanu Reeves zuweisen. Harker hat ein morbides Interesse an allem Unheimlichen und verlangt daher sofort, in das Dorf der Vampire gefahren zu werden. Schließlich muss er doch laufen, begleitet von sämtlichen Vorboten des Unheils: ein am Kreuzweg begrabener Selbstmörder (in ungeweihter Erde bestattet), Sturm, Dunkelheit, Wolfsgeheul, Zypressen (typisch für südliche Gottesacker) und natürlich Gräber.

Natürlich bleibt das Unheil nicht aus. Blöd nur, dass Harker ständig das Bewusstsein verliert, was seiner Erzählung eine gewisse stroboskopartige Beleuchtung der laufenden Ereignisse verleiht. Ist aber vielleicht besser so, denn angesichts dessen, was Harker noch in Transsylvanien bei seinem Gastgeber erleben soll, darf der Autor nicht allzu viel vorwegnehmen, um die Spannung nicht zu verderben. Wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass Harker nicht doch von jenem Geisterwolf auf dem Friedhof gebissen wurde. Die Pointe kommt natürlich erst ganz am Schluss, als Harker ein seltsames Telegramm erhält …

|“Das Haus des Richters“|

In dem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert trifft die moderne Kultur auf die alte. Im 17. Jahrhundert wurde Irland, die Heimat des Autors, von Oliver Cromwell quasi ein zweites Mal unterworfen, mit verheerenden Folgen für die einheimische Bevölkerung. Der Richter, der sich in eine Riesenratte verwandelt, verkörpert dieses grausame Regime, das bis heute geisterhaft nachwirkt – und somit auch den neuesten Bewohner jenes verfluchten Gebäudes nicht verschont, in dem die Verurteilten gleich an Ort und Stelle gehängt wurden.

Das Seil, das vermaledeite Seil! Es spielt eine zentrale und umkämpfte Rolle im Zweikampf zwischen dem jungen Malcolm und der Riesenratte. Allzu leicht lässt sich daraus nämlich eine Henkersschlinge knüpfen. Symbolisch verbindet es die Last der Vergangenheit, und ganz buchstäblich wird dem jungen vorwitzigen Bewohner „ein Strick daraus gedreht“. Dieser wehrt sich zunächst, lächerlich genug, mit dem Werfen von Matheüchern. Doch erst das fünfte trifft und vertreibt die Ratte: Es ist die Familienbibel. Das bedeutet zweierlei: Die Kraft des Glaubens schützt den jungen Mann ebenso wie die Verankerung in die Familie, die Tradition. Als er dies – warum auch immer – nicht tut, ist er verloren.

Es hat mich aber schon ein wenig misstrauisch gemacht, dass Malcolm alles mit sich anstellen lässt, sobald ihn der hypnotische Blick des leibhaftig auferstandenen Richters gebannt hat. Er ist quasi wie gelähmt – das ideale Opfer, wie das Kaninchen vor der Schlange. Es ist übrigens erwähnenswert, dass es keiner der braven Bürger des fiktiven Ortes Benchurch – von der namengebenden Kirche wird absolut nichts erwähnt – es für notwendig erachtet, Malcolm beizustehen. Über entsetztes Händezusammenschlagen und eine ernsthafte Warnung geht die „Hilfe“ aber leider nicht hinaus. Die Zugehfrau Mrs. Dempster darf ihr Armenhaus nächtens nicht verlassen – ein Hinweis auf die üblen Zustände an diesem Ort. Malcolm wird nicht nur ein Opfer der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart: kein gutes Omen für die Zukunft.

|“Die Squaw“|

Die Vergangenheit schlägt mit voller Härte zu, als den Missetäter in „Die Squaw“ im mittelalterlichen Nürnberg die gerechte Strafe dafür ereilt, dass er das Kätzchen getötet hat. So wie er dessen Köpfchen zerschmettert hat, so wird auch ihm der Schädel traktiert – von jener teuflischen Foltervorrichtung, der einige weibliche Attribute gegeben werden. Dazu gehört zunächst der Name: „Eiserne Jungfrau“, dann das eingravierte Gesicht, zudem die Aufnahme in den Apparat wie in einen Mutterschoß.

Auffällig ist die durch den Titel hervorgehobene Parallele zu Hutchisons Ermordung der Squaw, die sich an einem Weißen für die Ermordung ihres Kindes gerächt hatte. Sein grausiger Tod ist also nicht nur die Strafe für das tote Kätzchen, sondern auch für die tote Indianerin. In beiden Fällen spielt der Aspekt verachteter Mutterliebe eine große Rolle. Wie ironisch und passend dann Hutchisons Tod im Mutterschoß der Eisernen Jungfrau! Der Mann glaubte sich dort sicher, weil er bereits einmal Ähnliches mit einem Pferd praktiziert hatte. Er versteckte sich in dessen Bauchhöhle, um sich vor anrückenden Indianern zu verstecken.

Hutchison verkörpert das lebensfeindliche Prinzip, das bei der Eroberung der Neuen Welt waltet. Die junge Frau des Erzählers, Amelia, ist wohl auch deshalb so angeekelt und entsetzt von Hutchisons Verhalten, weil ihre natürliche Rolle in der gerade erst eingegangenen Ehe die der Mutter ist. Man darf sogar mit Fug und Recht annehmen, dass sie bereits schwanger ist – die häufigen Ohnmachtsanfälle legen dies nahe. Wie abstoßend muss ihr daher Hutchisons Verhalten vorkommen, das sich unter anderem darin manifestiert, dass er eine Brieftasche aus Menschenhaut bei sich trägt.

Von allen drei Geschichten endet „Die Squaw“ am blutigsten und brutalsten. Das ist ein echter Tiefschlag für das Nervenkostüm des unvorbereiten Zuhörers, daher ist an dieser Stelle eine ernstgemeinte Warnung angebracht.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Die drei Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, wie bereits erwähnt. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szenen lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. Sehr witzig und gelungen fand ich auch, wie Riedel Frauen intoniert: Seine Stimme klettert in ungeahnte Höhen, ohne dabei jedoch irgendwie tuntenhaft zu klingen.

Die Musik von Andy Matern erklingt jeweils am Anfang und Ende einer CD sowie zwischen den Texten, passend in düsteren Klängen. Die Musik und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 oder „Necrophobia“.

_Unterm Strich_

|LPL records|, |Festa|-Verlag und |Lübbe Audio| produzieren ausgezeichnete Horror-Hörbücher, so auch das vorliegende. Passende Musik und ein jeweils hervorragender Sprecher gehen eine wirkungsvolle Verbindung ein, die das Grauen langsam vorbereitet, um schließlich im Finale vollen Schrecken zu entfalten. So muss solider Horror sein. Die sich steigernden drei Geschichten in „Draculas Gast“ liefern den schlagenden Beweis dafür.

Dennoch ist dies keine Kost für jedermann. Sie ist meines Erachtens erst für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet. Das gilt besonders für „Die Squaw“. Katzenfreunde kommen hier keineswegs auf ihre Kosten, sondern seien besonders davor gewarnt, was ihren Lieblingen hier angetan wird.

|132 Minuten auf 2 CDs|

Charlotte Link – Der fremde Gast

„Mach Fremden nicht die Tür auf“, so schärft man es kleinen Kindern immer wieder ein, Charlotte Links aktueller Thriller macht aufs Schärfste deutlich, was einem blühen kann, wenn man sich nicht an diesen Leitsatz hält. Hatte ich bislang nur vier von Links historischen Gesellschaftsromanen gelesen, so bekam ich durch ihr neu erschienenes Taschenbuch nun endlich die Möglichkeit, auch einen ihrer Thriller zu lesen. Wieder einmal beweist Link eindrucksvoll, dass sie Leser an ihre Bücher fesseln kann und zu unterhalten weiß. Einmal angefangen, kann man ihre Werke nicht mehr aus den Händen legen, „Der fremde Gast“ stellt hier keine Ausnahme dar …

Wenn der Mörder zweimal klingelt

Charlotte Link – Der fremde Gast weiterlesen

Drvenkar, Zoran – Du bist zu schnell

_Die Hintertür im Hirn_

Eines Nachts wacht Marek davon auf, dass seine Freundin Val ihn wachschüttelt. Sie erkennt ihn nicht und schreit ihn an: „Was hast du hier verloren? Was tust du in meinem Bett, du Penner? Los, verschwinde!“

Diese nächtliche Episode, verschieden farbige Pillen in ihrer Kosmetiktasche, die Tatsache, dass er fast nichts über ihre Vergangenheit weiß, all das macht Marek schon länger misstrauisch.
Eines Abends findet er Val völlig aufgelöst in ihrer Wohnung. Im Bad liegt zusammengekrümmt die Leiche ihrer Sandkastenfreundin Jenni. Am Spiegel steht mit ihrem Blut der Satz: „Wo bist du gewesen?“

Val leidet seit Jahren unter einer Psychose, die sie durch Medikamente im Griff zu haben scheint. Sie führt ein ganz normales Leben, doch wenn die Tür zur Psychose geöffnet ist, sieht Val die Welt in Zeitlupe, träge und schleichend. Daneben sieht sie einige wenige Menschen, die sich in normalem Tempo fortbewegen: die Schnellen. Von ihnen geht die Bedrohung aus. Doch sind sie bloß ein Hirngespinst oder gibt es sie wirklich? Val ist überzeugt, dass sie etwas gesehen hat, was sie nicht hätte sehen dürfen und nun dafür bestraft wird.

Val, Marek und Jennis Freund Theo erzählen ihre Version der Geschichte abwechselnd, in atemlosen Rückblenden. Der Wechsel der Erzählperspektiven macht einen Großteil der Spannung aus: Was ist wahr? Was ist Wahn? Und was ist eigentlich wirklich geschehen?

Trotz des blutigen Auftakts: Reißerische Szenen stehen in diesem psychologischen Thriller nicht im Mittelpunkt. Es geht vielmehr um Gefühle, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen, um seelische Grausamkeit sich selbst und anderen gegenüber. Die Grenzen zwischen „Verrücktsein“ und so genannter Normalität sind hier fließend. Das ist das wirklich Schockierende daran.

Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann. Und wenn man es schließlich fassungslos zuklappt, geht es einem noch lange nicht aus dem Kopf.

Zoran Drvenkar ist als Sohn kroatischer Einwanderer in Deutschland aufgewachsen und hat sich hierzulande schon als Kinder- und Jugendbuchautor einen Namen gemacht. „Du bist zu schnell“ ist seine erste Veröffentlichung, die sich ausschließlich an Erwachsene richtet.

Marzi, Christoph – Lycidas

Ein zeitloses Stück London hat Christoph Marzi mit seinem Roman „Lycidas“ auf Papier gebannt. Eine Geschichte, die zwischen den Zeiten zu spielen scheint – mal in unserer ganz normalen Gegenwart, mal in längst vergangenen Tagen. Es lässt sich viel herauslesen aus diesem Roman, mit seinen unzähligen Querverweisen auf alte Legenden und bekannte Autoren. Marzi hat sich reichlich in der Literaturgeschichte bedient, um aus den verschiedensten Versatzstücken eine ganz eigene Geschichte zu zaubern, die einerseits viel Licht enthält, aber auch einige Schatten wirft.

Die Geschichte beginnt in einem Waisenhaus in Rotherhithe, in dem der grausame Reverend Dombey ein strenges Regiment führt. Dort erhält die kleine Emily Laing den rätselhaften Besuch einer Ratte, die wundersamerweise auch noch zu ihr spricht und sich als Lord Hironymus Brewster vorstellt. Die Ratte trägt ihr auf, ein Auge auf den Neuzugang, die kleine Mara, zu halten und schon bald kreuzen weitere wundersame Wesen Emilys Weg, als die kleine Mara von einem Werwolf entführt wird.

Emily trifft kurz darauf auf den etwas mürrischen Alchemisten Wittgenstein und den steinalten Elfen Maurice Micklewhite. Zusammen mit der Ratte und dem Irrlicht Dinsdale machen sich die Drei auf die Suche nach der entführten Mara, denn zwischen Mara und Emily scheint es einen Zusammenhang zu geben. Die Spur führt in die uralte Metropole unterhalb Londons. Für Emily wird es die erste Bekanntschaft mit einer völlig neuen Welt, in der sprechende Ratten schon zu den am wenigsten verwunderlichen Wesen zu zählen sind. Sie trifft gefallene Engel, antike Gottheiten, sonderbare Fabelwesen, obskure Monstrositäten der Unterwelt und erfährt so allerhand über den Lauf der Welt.

Auf der Suche nach Mara macht die Gruppe schon bald die höllisch aufregende Bekanntschaft von Lycidas, dem mysteriösen Herrscher, der unterhalb des Towers von London sein Reich hat. Eine folgenschwere Begegnung, die dafür sorgt, dass Emilys Leben sich von Grund auf ändert …

Ziemlich viel positive Kritik hat Christoph Marzi für „Lycidas“ einheimsen können und das, obwohl man (ganz böswillig natürlich) behaupten könnte, er habe sich sein Werk nur munter kreuz und quer durch die Literaturgeschichte zusammengeklaut. Das Waisenhaus in Rotherhithe könnte direkt einem Dickens-Roman entsprungen sein, denn zeitlich muss es irgendwo auf Höhe der beginnenden Industrialisierung stehen geblieben sein.

Mr. Dickens (mittlerweile steinalt) taucht dann obendrein noch höchstpersönlich auf, natürlich als Besitzer eines Raritätenladens (in Anspielung auf Dickens gleichnamiges Werk). Dort arbeitet auch der Junge Little Neil Trent (in Anspielung auf die Dickens-Figur Little Nell Trent). Und wer denkt nicht an China Mièville, wenn Emily und Wittgenstein erstmals in der Londoner Unterwelt dem Tunnelstreicher Mièville gegenüberstehen? Derlei Querverweise gibt es in rauen Mengen und sie hier alle aufzulisten, würde den Rahmen sprengen, so sehr die Suche noch Marzis Vorbildern auch Spaß macht. Marzis Vorbilder liegen allesamt im angelsächsischen Raum, bei größtenteils viktorianischen Autoren: Dickens, Doyle oder auch Poe und Wilde.

Überschneidungen gibt es (schon aufgrund des Titels) auch mit John Milton. Marzi verweist mehrfach auf Miltons „Das verlorene Paradies“. Miltons Variante der biblischen Schöpfungsgeschichte spielt im Geschehen um „Lycidas“ eine maßgebliche Rolle. Erwähnt werden muss auch die auffällige Parallele zu Neil Gaiman, der mit seinem Roman „Niemalsland“ bereits eine Welt beschrieben hat, von der Marzis Werk leicht abgekupfert wirken kann. Gaiman erzählt die Geschichte eines „Unter-London“, einer Welt unterhalb der Stadt, in der allerlei phantastische Gestalten hausen und Gefahren lauern.

Mit dem Wissen um diese Vielzahl an Inspirationsquellen, die sich vor allem in Handlungsorten und Storyline niederschlägt, scheint seine Welt ein kleines bisschen von ihrer Faszination einzubüßen. Marzi fügt die unterschiedlichen Elemente zwar gerade anfangs und zum Ende hin sehr schön zusammen, aber ein wenig vermisst man dabei auch die Eigenständigkeit. Zu wissen, dass das teilweise schon mal irgendwie dagewesen ist, hinterlässt eben doch einen dezenten faden Beigeschmack, auch wenn Marzi keinen Hehl daraus macht, wer seine Vorbilder sind und man seinen Roman eben nicht einfach als „zusammengeklaut“ ansehen kann, sondern eben auch als Hommage an eine Reihe wichtiger und großartiger Autoren würdigen muss.

Dabei enthält der Roman einige Komponenten, die zunächst einmal auf ein spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen hoffen lassen. Marzi baut die Atmosphäre sehr gut auf, findet die passenden Worte, um das düstere Waisenhaus in Rotherhithe fast schon in Dickens-Tradition zum Leben zu erwecken und führt die Figuren mit dem Abstieg in den Untergrund gut in die Handlung ein. Die Ideen, die er dabei in die Geschichte einspinnt, sind teilweise wirklich bemerkenswert: ein steinerner Ritter, der erst nach dem Rezitieren diverser Gedichtverse die Passage über eine Brücke freigibt, ein Irrlicht mit Manchester-Akzent, zwei Werwölfe, die aussehen wie Rowan Atkinson. Marzis Geschichte sprudelt über vor Ideen.

Was auch zu überzeugen weiß, sind die Handlungsorte. Marzi zeichnet eine kontrastreiche Welt mit vielen Facetten. Oberirdisch skizziert er das London von heute, während sich unterirdisch eine Phantasiewelt offenbart, in der die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Der Abstieg in den Untergrund und das Wandeln durch die unterirdische Welt der uralten Metropole entsteht lebhaft vor dem Auge des Lesers. Die Bilder, die Marzi erzeugt, sind beeindruckend und ausdrucksstark. Der Leser trifft auf Figuren, die den unterschiedlichsten Mythologien und Legenden entsprungen sind: Anubis, Lilith und Uriel, um nur einige zu nennen. Marzi fügt diese Legenden größtenteils ganz stimmig in die Geschichte ein. Das Auftauchen bekannter mythologischer Figuren wie Anubis an einem Handlungsort wie London mag im ersten Moment befremdlich erscheinen, wird aber überzeugend erklärt.

Was dabei besonders überzeugend ausfällt, ist Marzis Umgang mit Gut und Böse. In vielen Romanen sind Gut und Böse klar umrissen und von einander getrennt, aber bei „Lycidas“ sind die Übergänge fließend. Manche Figuren sind nicht eindeutig gut oder böse und Marzi polarisiert nicht mit diesen Begrifflichkeiten. Die Figurenzeichnung ist nicht ganz simpel auf Schwarz/Weiß-Malerei ausgelegt. Das lässt die Verteilung realistischer und glaubwürdiger erscheinen, macht einen Teil des Reizes der Geschichte aus und gibt vor allem mit Blick auf die Figur des Lycidas Stoff für Gedankenspielereien.

Sprachlich garniert Marzi seine Geschichte immer wieder mit einem recht eigenwilligen, feinsinnigen, staubtrockenen Humor, der sich besonders in der Figur des Alchemisten Wittgenstein äußert. Als Running Gag (der aber im Verlauf der 860 Seiten schon mal nervt) streut Marzi immer wieder Floskeln ein, die Wittgenstein bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Besten gibt („Fragen Sie nicht!“).

Das klingt alles zunächst sehr vielversprechend. Eine phantasievolle Geschichte in einer kontrastreichen Welt und mit einer passenden Figurenzeichnung. Dennoch gibt es ein paar Schwächen, vor allem handwerklicher Natur, die sich nicht wegdiskutieren lassen und die hier und da ein wenig die Freude an der Lektüre trüben. Da wäre zunächst einmal die Erzählperspektive. Die Geschichte wird von Wittgenstein erzählt, der als Ich-Erzähler auftritt. Grundsätzlich ist gegen einen Ich-Erzähler nichts einzuwenden, aber wenn die Geschichte immer wieder in unterschiedliche Handlungsstränge aufgesplittet wird und unterschiedliche Figuren begleitet, deren Erlebnisse in Abwesenheit von Wittgenstein geschildert werden, dann mag das nicht zur gewählten Perspektive des Ich-Erzählers passen. Der Erzähler schildert Gedanken und Erlebnisse anderer Figuren und auch wenn Wittgenstein übernatürliche Fähigkeiten besitzt, so wird eine Fähigkeit zum Gedankenlesen nie erwähnt. Somit wirkt die Erzählperspektive irgendwie falsch gewählt.

Zweiter Makel der Geschichte ist der Spannungsbogen. Marzi teilt die Geschichte in drei Bücher auf. Am Ende des ersten Buches scheint der Bösewicht zunächst besiegt. Der Spannungsbogen nimmt sofort einen sehr steilen Verlauf, woraufhin die Spannung mit Beginn des zweiten Buches wieder rapide abfällt und erst einmal komplett neu aufgebaut werden muss. Mir erscheint der Spannungsbogen im ersten Romandrittel daher etwas überreizt, denn dadurch entsteht mit Beginn des zweiten Buches zunächst einmal eine kleine Durststrecke, die auch noch dadurch genährt wird, dass man über die ersten fast einhundert Seiten von Buch zwei fortwährend überlegt, ob die Geschichte fortgesetzt wird oder ein komplett neuer Handlungsfaden geknüpft wird. Buch eins ist fast schon ein in sich abgeschlossener Roman, und das mag nicht so ganz in die Gesamtkomposition hineinpassen.

Ein drittes Problem, das die Lesefreude ein wenig trübt, sind die häufigen Wiederholungen. Oft werden Sachverhalte mehrfach, teils von verschiedenen Personen erklärt. Oft blickt Marzi zurück auf frühere Ereignisse und fasst diese noch einmal zusammen. „Die Hölle ist die Wiederholung“, wie Marzi im Laufe des Romans mehrfach seine Figuren betonen lässt. Aber selbst beherzigt er das leider nicht. So erklärt Wittgenstein Emily auch schon mal Dinge, die er ihr fünf Seiten vorher bereits erklärt hat. Das wirkt in einem 860-Seiten-Roman auf die Dauer etwas ermüdend und dadurch bremst Marzi die Handlung immer wieder ein bisschen aus. Hier und da scheint es nicht so recht voranzugehen und gerade im Mittelteil des Buches hat man immer mal wieder das Gefühl, dass eigentlich gar nicht viel passiert. Erst mit Buch drei kommt wieder eine richtig dichte und spannende Atmosphäre auf, die dann bis ins dramatische Finale zu überzeugen weiß.

Fazit: „Lycidas“ ist ein Ideenfeuerwerk, das kontrastreiche Bilder erzeugt. So faszinierend der Roman in seinen Einzelkomponenten ist, so fehlt Marzi hier und da offensichtlich noch ein wenig der Blick fürs große Ganze, fürs stimmige, kontinuierliche Fortführen der Geschichte. Dass das Werk sich vieler Quellen bedient, mag man nicht so recht als Abkupfern schelten, denn immerhin setzt Marzi die verschiedenen Einflüsse sprachlich und atmosphärisch geschickt zusammen, so dass daraus eine recht facettenreiche Hommage wird und nicht einfach ein billiger Abklatsch berühmter Werke.

Der Autor arbeitet übrigens zurzeit am zweiten Band zur uralten Metropole, in der der Leser Emily und Wittgenstein wiedertreffen kann. Geplanter Erscheinungstermin ist Ende November 2005. Und wem das immer noch nicht genug ist, der kann sich auch noch auf einen dritten Band freuen. Bleibt nur zu hoffen, dass Marzi die handwerklichen Schwächen, die die Freude an „Lycidas“ ein wenig trüben, in den Folgewerken noch ausmerzt.

Hardwick, Michael – Fluch von Baskerville, Der (Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek Band 1)

Es ist gar nicht so einfach, über Michael Hardwick etwas mehr zu erfahren, als der knappe Verlagstext hergibt, zumal die Notiz 1:1 von einer englischen Site übernommen wurde, die einem dann laufend von der Suchmaschine präsentiert wird. Der Vermerk, Hardwick sei der Erste, „dem seit Christopher Morley das ‚Sign of the Four‘ der |Baker Street Irregulars of America| verliehen wurde“, klingt beeindruckend, obwohl es dem Normalleser wenig sagen mag. Über das „Sign of the Four“ wenigstens liest man, es sei „eine der denkbar höchsten Auszeichnungen für einen Verehrer von Sherlock Holmes, der sich um ihn verdient gemacht hat“; nun gut. – Hardwick, so die Notiz weiter, war Leiter des Bereichs Drama bei der BBC und deren führender Drehbuchautor. Sein Roman „Prisoner of the Devil“ „wird von vielen als das beste Sherlock-Holmes-Abenteuer angesehen, das nach dem Tod Conan Doyles geschrieben wurde“ (wer auch immer diese ominösen „Vielen“ sein mögen). Einiges schrieb Hardwick zusammen mit seiner Frau Molly. Und er ist mittlerweile verstorben. Lebensdaten werden nicht genannt. Genau so fehlen Originaltitel, Erscheinungsjahr und Copyright des vorliegenden Buches. Daher von mir ein paar Ergänzungen: John Michael Drinkrow Hardwick (1924 – 1991) verfasste insgesamt 14 Sherlock-Holmes-Pastiches, darunter Theaterstücke, Romane und 1985 die besagte Autobiographie. „Prisoner of the Devil“ kam 1979 heraus, und das hier zu besprechende Buch erschien 1987 unter dem Titel „The Revenge of the Hound“ (also „Die Rache des Hundes“ – nix mit „Fluch“ und „Baskerville“).

In diesem Abenteuer schreiben wir das Jahr 1902. Queen Victoria ist tot, Edward VII. hat den Thron bestiegen. Das „Viktorianische Zeitalter“ ist dahin, Europa und die Welt stehen vor großen Veränderungen. Der deutsche Kaiser W Zwo macht durch militärische Umtriebe besorgt. Und was halten eigentlich Russland und Frankreich von der Macht des British Empire?

Doch auch für den Meisterdetektiv wird sich einiges ändern. Zum einen steht Dr. Watson zum dritten Mal auf Freiersfüßen, eine junge Amerikanerin ist die Glückliche. Zum anderen meint Holmes, seine Zeit sei abgelaufen: Die moderne Gesellschaft mache die Menschen dermaßen gleich, dass seine Methode, aus individuellen Einzelheiten zu deduzieren, sich bald erledigt haben werde. Dabei ist er kein Fortschrittsfeind, er nutzt eifrig das Telefon und sagt diesem für die Polizeiarbeit eine große Zukunft voraus. Ansonsten aber hat sich in der Baker Street 221B nicht viel verändert. Die gute Mrs. Hudson sorgt immer noch fürs leibliche Wohl, und immer noch führt man bei Drinks und einer Pfeife Rededuelle am Kamin – wie die Fans des Meisterdetektivs es lieben. Hardwick kennt seinen Holmes ausgezeichnet, das Buch ist voll von Bezügen zu anderen Fällen und von genau nachempfundenen Figuren. Und es gelingt ihm, selbst einen guten Holmes-Fall zu konstruieren, mit genug Verwirrung, Spannung und Flair.

Zuerst kommen Gerüchte auf, der Hund von Baskerville treibe nun in Hampstead Heath sein Unwesen – jedenfalls wurde ein Landstreicher von einer mysteriösen Bestie angefallen. Dann stößt man bei Straßenbauarbeiten in Tyburn auf die Gebeine gehenkter Verbrecher – und mit Watsons Hilfe werden Oliver Cromwells Knochen samt seines Schwertes identifiziert (Cromwell wurde nach Wiedererrichtung der Monarchie aus seiner Gruft geholt und nachträglich „hingerichtet“). Bald darauf stiehlt jemand Knochen und Schwert, was Holmes nicht freut, denn er meint, in diesen unruhigen Zeiten könnten solche „Reliquien“ benutzt werden, um einen Umsturz herbeizuführen. Außerdem verschwindet in Lausanne Lady Frances Carfax. Diesen Fall kennen wir von Doyle selbst; Hardwick parodiert die Eingangsszene der Geschichte recht witzig. Ebenfalls entnimmt er der Vorlage, dass Watson an Holmes’ Stelle auf den Kontinent reisen muss und dort unverhofft auf den Meister trifft, der undercover operiert. Dann folgt wieder Hardwick pur: Als die beiden mit der Fähre nach England zurückkehren, wird an Bord ein chinesischer Steward ermordet. Außerdem sucht Mycroft Holmes seinen Bruder auf und lädt ihn zum König ein, der Holmes bittet, von der Frau eines Industriellen einen Brief zurückzuerlangen, den Edward dieser Dame geschrieben hat, als er noch Prince of Wales war (Irene Adler lässt grüßen, worauf Hardwick selbst hinweist). Was noch? Das Denkmal für Cromwells „Henker“ Charles II. vor Victoria Station wird enthauptet, und der vom Hund angefallene Landstreicher verschwindet spurlos: so viele Puzzleteile. Man hofft und wünscht nur, es möge Hardwick gelingen, sie zu einem stimmigen Ganzen zu fügen – alles muss schlüssig miteinander zu tun haben, oder der Autor hat versagt.

Hardwick schafft es. Am Ende ergibt alles einen Sinn, haben wir einen Fall mit brisantem politischen Hintergrund, in dem sogar Karl Marx eine kleine Rolle spielt, und das nicht nur, weil das Geschehen auf Highgate Cemetery kulminiert. Hat sich der Leser streckenweise gefragt, was das alles soll, wird er nun reichlich entschädigt – die Schluss-Szenen sind exzellent gelungen. Ansonsten bilden rätselhafte Morde, ein undurchsichtiger Lord, Bestien, Verkleidungen, Verfolgungen, Grüfte, Geheimbünde und ein wie immer ratloser Inspektor Lestrade genau die Mischung, auf die man hofft. Gewiss fragt man sich, ob Watsons Heiratspläne im Buch noch eine andere Funktion haben als die, den Meister anfangs abzulenken, oder ob nicht ein etwas zu großer Zufall die beiden gerade an Bord des Schiffes führt, auf dem der Steward ermordet wird, was wiederum mit allem anderen in Verbindung steht. Ich fand die Anhäufung immer neuer Fälle bis zur Hälfte des Buches mitunter ein wenig zu verwirrend und manche Anspielung auf „Der Hund von Baskerville“ allzu raffiniert … doch hilft die Sympathie für den großen fiktiven Briten, solche Dinge wegzustecken und einfach weiterzulesen. Was Hardwick jedenfalls sehr gut beherrscht, ist das Sherlock-Holmes-Milieu mit all seinen Facetten, mit den Eigenheiten der beiden Hauptfiguren und ihren immer interessanten Wortgefechten. Dies ist also eindeutig ein gutes Abenteuer des unsterblichen Detektivs.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Wolfsmehl – Königshaut

Das musikreiche Hörspiel „Königshaut“ ist ein Gegenstück zum „Jedermann“, in dem die Zeit, und nicht der Tod, die Hauptrolle spielt. Es ist aber auch eine phantastische Zeitreise in die umgekehrte Richtung – ein Märchen für Erwachsene.

|Der Autor|

Wolfsmehl, geboren 1960, wuchs auf Schloss Fronberg im Oberpfälzischen auf und schrieb Lyrik, Romane, Satire und Theaterstücke. 2004 wurde ihm der Nordgaupreis des Oberpfälzer Kulturbundes für Dichtung zuerkannt. Zusammen mit Sabine Goller führte er auch Regie bei diesem Hörspiel.

|Die Sprecher und ihre Rollen|

Walter Schmidinger: König, Königshaut
Klaus Maria Brandauer: Die ZEIT
Isabella Grothe: die Königin
Konrad Halver: Erzähler
Rolf Jülich: Bauer, Vater von Allegra
Uli Krohm: Hauptmann
Miriam Maertens: Allegra
Helmut Markwort: Räuber
Dietmar Mues: Narr
Ursula Pages: Wahrsagerin
Jan Hendrik Richter: Prinz, Allegras & Königshauts Sohn

Hier sind also einige namhafte Schauspieler versammelt. Etwas erstaunlich ist der Auftritt von Helmut Markwort, einem Journalisten.

|Musik und Lieder|

Die Musik sowie die zahlreichen Songs komponierte Hans Kraus-Hübner. Sechs Musiker setzten sie um. Den Gesang zu dem Lied „Ein Stern“ steuerte Bhawani Moennsad bei.

_Handlung_

Die ZEIT tritt auf: „Im Osten bin ich losgegangen. Nach Westen treibt mich mein Verlagen. Norden und Süden durchquerte ich, verpasse der Welt ein zeitliches Gerüst. Und niemals bleib‘ ich dabei stehn, doch ist es hier und heut‘ geschehn.“

Die ZEIT besucht den jungen König, der sich zu einem Despoten entwickelt hat. Der ZEIT hält er Macht und Stärke entgegen, doch die ZEIT zeigt ihm, dass Alter und Gram Furcht erregende Gegner sein können. Ein Blick über die Mauer zeigt dem König lediglich Gräber. Um ihre Macht zu demonstrieren, belegt die ZEIT den König mit einem Bann. Worin dieser besteht, wird erst allmählich klar.

Seine Gattin, die noch ziemlich knackig sein muss, zeigt sich besorgt über den körperlichen Zustand ihres Mannes, der plötzlich zum Greis geworden ist, und will ihm die Ärzte schicken. Doch ihm steht der Sinn nach handfesteren Dingen: Er weiß, dass sie ihn mit dem Narren betrogen hat. Die Königin fürchtet um ihr Leben und das ihres Geliebten und verleumdet ihn bei seinen Männern. Diese verkennen den alt gewordenen König und verhaften den „Thronräuber“. Obwohl er beteuert, dass die Königin lüge, lassen sie ihn ans Kreuz schlagen. Dort hängt er neben seinem Nebenbuhler, dem Narren.

Die neue Herrscherin ruft zum Krieg auf. Sie hat ihre Rache dafür vollendet, dass er ihren Geliebten ans Kreuz hat schlagen lassen. Als Gnadenbezeigung lässt sie den Alten in die Gosse werfen, während sie ihren Geliebten zu heiraten gedenkt.

Die ZEIT mahnt den Alten, nicht aufzugeben. Auch eine Wahrsagerin prophezeit ihm eine Zukunft. „Nur Mut! Krieche weiter!“ Ein Räuber singt über das sprichwörtliche letzte Hemd und verflucht den Alten als erbärmlichen Bettler, der doch glatt die Frechheit besitzt zu behaupten, der König zu sein. Offenbar ist er auf einmal jünger geworden! Jahre vergehen, bis er in der Mitte des Lebens angelangt ist.

|Hälfte des Lebens: Sonnenschein|

Das Bauernmädchen Allegra singt von Liebessehnsucht, als ein Mann auftaucht und auf dem Hof ihres Vaters Arbeit als Knecht sucht. Er stellt sich mit einem ellenlangen Namen vor, den sich kein normaler Mensch merken kann, daher nennt ihn Allegra kurzerhand „Königshaut“. Er und Allegra werden zunächst Freunde, dann ein Liebespaar und sie schenkt ihm einen Knaben, den sie einfach „Prinz“ nennen. Man hört, wie ein Kleinkind eine Uhr aufzieht. Jahre vergehen, und die Familie ist glücklich, nachdem Königshaut den Hof geerbt hat.

Doch eines Tages wird ein Spion der grausamen Königin auf die Familie aufmerksam. In einem Streit sterben sowohl der Spion als auch Allegra, und der Bauernhof geht verloren. Er muss mit Prinz auf die Straße und sich dort als Tagelöhner durchschlagen. Während Prinz abenteuerlustiger wird, empört sich Königshaut immer mehr über die Zustände in seinem früheren Königreich, das sie nun betreten haben. Prinz will das Reich der „Großen Spinne“ brennen sehen, sobald er die Wahrheit darüber erfahren hat, wie seine Mutter ermordet wurde. Diese Worte jedoch vernimmt ein weiterer Spion, der die beiden Männer verhaften und in den Kerker werfen lässt.

Ironischerweise trifft Königshaut hier seinen früheren und wirklich alt gewordenen Nebenbuhler wieder, den Narren. Er liegt in Ketten, genau wie seine neuen Gefährten, und beklagt, dass er zwar König geworden war, aber quasi nur für einen Tag. Denn er zeugte der Königin keinen Thronfolger, und so wandte sie sich nach ein paar Jahren einem Jüngeren zu. Sie ließ den Narren blenden und einsperren. Dass Königshaut der frühere König gewesen sei, kann er angesichts der jünglingshaften Stimme nicht glauben.

Da erscheint eines Tages die Königin zu Besuch im Kerker. Da das Volk aufrührerisch geworden sei, seit der sehr beliebte Narr fehle, wolle sie ihn zurückhaben. Dumme Sache: Der besagte Herr hat bereits den Löffel abgegeben. Na schön, kriegt er eben ein Staatsbegräbnis, was soll’s. Sie bietet Königshaut und Prinz die Freiheit, wenn er, Königshaut, bereit sei, die Rolle des Narren zu spielen, um das Volk zu beruhigen. Also macht sie ein „Angebot, das er nicht ablehnen kann“: Sie droht, Prinz zu kreuzigen. Okay, überredet.

Später bittet sie Königshaut, ihr Gemahl zu werden und bereitet die Krönung vor. Prinz, der Thronfolger werden soll, wünscht jedoch etwas ganz anderes: die Freiheit nämlich. Sein Vater zeigt ihm einen Geheimgang, durch den er entkommt. Danach zählt Königshaut die Stunden, bis die Königin ihn holen kommt, um ihn zu krönen. Wird er den Fluch von Hass und Verrat durchbrechen?

Da tritt die ZEIT wieder auf. Diesmal nennt sie sich anders: TOD.

_Mein Eindruck_

Bei diesem besonders musikorientierten Hörspiel möchte ich mich vor allem auf die Sprecher und die Musik konzentrieren. Deshalb wird dieser Abschnitt hier vergleichsweise kurz ausfallen.

|Instant Karma|

Der Aufbau der Handlung gleicht einem Kreis, ist aber in Wahrheit eine Spirale. Denn wenn der König wieder in seinen Palast, aus dem er verstoßen worden war, zurückkehrt, dann nicht in den Thronsaal, sondern in den Kerker. Und es handelt sich keineswegs um den gleichen König, was seine Weisheit anbelangt. Anfangs war er ein unwissender Despot, nun ist er ein weiser alter Mann in einem jungen Körper. Würde die ZEIT ihm einen weiteren Zyklus, ein weiteres Karma sozusagen, gönnen, so würde dabei wieder nur eine Spirale daraus. Doch all dies gehört zum „Rad der Zeit“, das des Öfteren beschworen wird.

|Leben im Rückwärtsgang|

Der Fluch der ZEIT, mit dem sie des Königs Schicksal aus sämtlichen Bahnen wirft, erweist sich nicht als so deprimierend, wie der Zuhörer anfangs befürchtet. Es sieht zwar lange so aus, als ob dieser zweite King Lear alsbald den Löffel abgeben würde, doch so wie der rückwärts in der Zeit lebende Zauberer Merlin (bei T. H. White) auch eine Geliebte (je nach Legende heißt sie Viviane oder Nimue) findet, so wird auch dem jung gewordenen Königshaut die Gnade der Liebe zuteil, in Gestalt der Allegra.

|Gnade der Liebe|

Sie ist keineswegs eine „Buhle“ wie im „Jedermann“, sondern eine reine Seele, die sich gerne mit Königshaut zusammentut. Allerdings wird nicht thematisiert, wenn ich mich recht entsinne, dass sie sich über seine fortschreitende Verjüngung wundert. Immerhin sind sie ein paar Jährchen zusammen, bis der junge „Prinz“ groß genug ist, um mit seinem Vater auf Wanderschaft zu gehen. Auch der Tod Allegras wird viel zu kurz zur Sprache gebracht, finde ich, gerade so, als ob eine lästige Wendung der Handlung schnell bewältigt werden müsse. Dabei hatte Allegra doch mit ihrem hoffnungsvollen Stern-Lied sämtliche Sympathien des Hörers auf sich ziehen können. Ein ziemlich schnödes Abservieren seitens des Autors.

|Die Rache des Narren|

Sehr ironisch ist dann jedoch wieder die Begegnung mit seinem Nebenbuhler, dem Narren. Dieser abgelegte Lover der Queen fristet nun im Kerker seine letzten Tage, und da er von ihr buchstäblich und metaphorisch geblendet wurde, kann er auch nicht erkennen, wen ihm nun das Schicksal wieder in seine Zelle geworfen hat: seinen einstigen Rivalen nämlich. Sie haben einander einiges zu sagen über die Gunst von Königinnen und die Vergänglichkeit der Liebe.

Geradezu zynisch wird die Angelegenheit, als der einstige Lover im Interesse der Macht noch einmal wiederauferstehen soll, um das Volk zu beruhigen, das unter den Kriegen der Königin Hunger leidet. Das erinnert an das Finale von „El Cid“, als die Spanier dessen Leiche aufs Pferd binden, damit er die Truppen gegen die Mauren anführe. Allerdings macht der Narr eben keine heroische Figur dabei, sondern eben eine närrische – wie könnte es anders sein. Aber dazu kommt es ja nicht, denn der Narr hat seine Schuldigkeit getan und gibt den Löffel vorzeitig ab, sicher zum Verdruss der Königin – seine letzte posthume Rache sozusagen für die Behandlung, die sie ihm zuteil werden ließ. Es gibt also poetische Gerechtigkeit.

|Märchen oder Fantasy?|

Warum wird eigentlich nicht die Königin eines Besseren belehrt? Nun ja, das wäre doch etwas abgedroschen gewesen. Schließlich haben das ja schon die alten Griechen zur Genüge besorgt. Arachne wurde in eine Spinne verwandelt, Niobe wurde mitsamt ihren Kindern gestraft und viele weitere Frauen bekamen von diversen Göttinen (meistens von Jupiters Göttergattin Hera/Juno) eins aufs Haupt. Diese Variante wäre also gezwungen, eine der alten Sagen zu wiederholen, was doch etwas witzlos wäre.

Stattdessen bekommen wir mit „Königshaut“ die Story von Shakespeares King Lear und T. H. Whites Merlin im Doppelpack, angereichert mit einem ganz eigenen Schluss. Dies ist übrigens keine Fantasy, denn in der Fantasy – jedenfalls nach Tolkien – treten keine Allegorien auf: Verkörperungen abstrakter Begriffe wie Zeit. Eine Ausnahme bildet jedoch TOD. Er hat eine wichtige und nicht mehr wegzudenkende Hauptrolle in vielen der parodistischen Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett – und spricht stets in GROSSBUCHSTABEN. Außer Pratchett traut sich niemand, Allegorien auftreten zu lassen. Das macht „Königshaut“ zu einem modernen Kunstmärchen.

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Ich muss zugeben, dass ich große Probleme hatte, Walter Schmidingers tiefe, alte, raue Stimme zunächst mit einem jungen König zu verbinden. Das hat mich völlig aus dem Konzept gebracht und ich musste diese Passage noch einmal hören, um schlau daraus zu werden. Aber auch die Königin ist keine junge Hüpferin, sondern klingt schon etwas reifer, sagen wir mal, um die vierzig. Das haut aber ebenfalls nicht hin, denn vom Konzept her ist ihre Figur zwischen 20 und 25 Jahren alt. Das passt auch besser zum Rest der Entwicklung ihrer Figur.

Die ZEIT wird von Klaus Maria Brandauer gewohnt ironisch gesprochen und fand bei mir sehr viel Anklang, selbst dann, wenn Brandauer mal singt. Dann wieder tiefste Verwirrung, als Helmut Markwort, der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins FOCUS, anfängt, ein Lied zu schmettern und ich ihn deshalb für einen Bänkelsänger halte. Ist er aber mitnichten, sondern er stellt einen Räuber dar.

Alle anderen Darsteller passen gut zu den jeweiligen Figuren, sei es nun die junge Allegra, der junge Prinz oder der alte Bauer Sepp, Allegras Vater. Gewöhnungsbedürftig dann wieder die Figur des Narren: Wenn er (am Anfang) jung ist und neben dem König am Kreuz hängt, hat er dieselbe Stimme wie im Kerker, an seinem Lebensende nach etlichen Jahren. Natürlich wäre es etwas schwierig gewesen, seinen Sprecher Dietmar Mues mal ruckzuck auszutauschen, denn das hätte den Hörer vielleicht noch mehr verwirrt.

_Musik und Songs_

Sehr gut fand ich hingegen, dass zumindest eine Figur eine Erkennungsmelodie vorweisen kann: Das ist die Königin. Stets verblüffte mich das Tempo ihrer Erkennungsmelodie, die mindestens aus Achtel- und Sechzehntelnoten besteht und ganz schön flott daherkommt.

Der Großteil der Songs beschäftigt sich auf nachdenkliche oder auch ironische Weise mit aktuellen Themen, wie etwa den verschiedenen Aspekten der Zeit. Bei den Songs handelt es sich nicht um Moritaten, denn diese würden jeweils eine moralisch lehrreiche Erzählung beinhalten. Doch hier sind es einfach sehr schön komponierte Lieder, deren Herkunft man eher aus der Ecke Brecht/Weill („Dreigroschenoper“) vermuten würde.

Einzige Ausnahme davon ist die sehnsüchtige Liebesballade der Allegra. Sie singt von „einem Stern“, dem all ihre Träume und Wünsche gelten. Diese Ballade würde in jedes Musical passen.

Apropos Musical: Für ein modernes Musical fehlt „Königshaut“ erstens die richtige Thematik und zweitens der Glamour. Zeit / Lebenszeit – das ist eine wohl zu abstrakte Materie, um sie in ein Musical zu packen. Und der Glamour stellt sich schon deswegen nicht ein, weil Story und Musik dem entgegenstehen. Brecht/Weill haben ja auch kein Liebeslied für Mäckie Messer geschrieben, sondern stattdessen von einem „Haifisch“ erzählt. Dennoch fehlt am Schluss auch der obligatorische Rausschmeißer nicht, ein fetziger Song für das gesamte Ensemble, bei dem jeder Zuhörer mitsingen darf.

Will also „Königshaut“ unterhalten oder belehren? Es will beides: unterhaltende Belehrung – oder zumindest Erkenntnis. Schließlich handelt es sich um ein Märchen, und der Zweck von Märchen ist, so unterhaltsam sie auch daherkommen mögen, stets auch etwas belehrend. Mal warnen sie, mal loben sie Tugenden. Und Königshaut zeigt, was passieren könnte, wenn …

_Unterm Strich_

Die Vorlage für das Hörspiel ist eine durchdachte Kombination verschiedener Vorbilder, die eine große Wirkung auf den Leser/Hörer auszuüben vermag. Die Umsetzung im Hörspiel jedoch weist mehrere Ecken und Kanten auf, die das Stück nicht einfach aufzunehmen machen. In erster Linie sind dafür die Stimmen der Sprecher verantwortlich. Ich finde, hier hätte man subtiler und verständnisorientiert besetzen müssen.

Die Songs haben mir gut gefallen, obwohl sie zur Handlung nichts beitragen, sondern lediglich eine Metaebene des Verständnisses bilden: Was eben die Figuren über das Thema Zeit usw. denken und empfinden. Es gibt mehrere Motive wie die Erkennungsmelodie der Königin, und Songs wie den von Allegra, die mir sehr gut gefallen haben. Die meisten Lieder stehen in der Tradition von Brecht/Weill und vielleicht Georg Kreisler („Gehma Tauben vergiften im Park“). Auf einer Bühne dürften sie ihre volle Wirkung entfalten.

„Königshaut“ ist ein Märchen für Erwachsene. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder und Jugendliche mit den harten Realitäten, die hier verhandelt werden (Ehebruch, Krieg, Kreuzigung, Raub und Mord) etwas anfangen können. Spaß bereitet das Zuhören wohl erst nach mehrmaligem Anhören.

|84 Minuten auf 2 CDs|

Kui, Alexandra – Nebelfelsen, Der

Die 32-jährige Autorin Alexandra Kui(tkowski) legt nach ihrem erfolgreichen Jugendroman „Ausgedeutscht“ aus dem Jahre 1998 ihr erstes Erwachsenenbuch vor, nämlich den Kriminalroman „Nebelfelsen“, der im fiktiven Harzort Grauen spielt. Alexandra Kui lebt als Songwriterin und freie Autorin auf dem platten Land bei Hamburg.

_Grauenvolles aus dem Harz_

Schon in ihrem Urlaub in Pompeji denkt Antonia Czechy darüber nach, einfach alles aufzugeben und davonzulaufen, um ein neues Leben zu beginnen. Spontan will sie ihren überaus korrekten Freund Kai, der als Werbetexter arbeitet, vorwarnen, doch dieser reagiert nur genervt und will Antonia nicht ernst nehmen. Zurück in Hamburg, legt Antonia sich dermaßen mit ihrem Chef an, dass dieser ihr den Job kündigt. Nachdem sie ihre Arbeit als Fotografin in Hamburg los ist, reist Antonia ohne Verabschiedung und ohne Gepäck in das Harzer Städtchen Grauen, in welchem ihre beste Freundin Cleo sich das Leben genommen hat.

Genau zur Walpurgisnacht trifft Antonia in Grauen ein und läuft auf der Suche nach geeigneten Fotomotiven durch die Straßen. Dort sieht sie auch einen kleinen Mann im offensichtlich selbstgestrickten Ringelpulli, der mitten im Harz Flamencogitarre spielt. Als Antonia genug hat von dem Hexentreiben in Grauen, stellt der Gitarrenspieler sich ihr als Tom Sturm vor und bittet sie um die Fotos von der Walpurgisnacht. Bei dieser Gelegenheit lernt die junge Hamburgerin den Chefredakteur des Lokalblattes „Harzer Kurier“ kennen, der ihr eine Stelle als Fotografin bei der kleinen Zeitung anbietet.

Nach einer mit Tom Sturm durchzechten Walpurgisnacht erwacht Antonia in einer kleinen Pension bei der beleibten Kneipenwirtin Ulli, die sie am vergangenen Abend mit Bier versorgt hat. Antonia nimmt den Job beim Harzer Kurier an, da sie der Faszination der geheimnisvollen Nebelfelsen und ihrer eigenen verkorksten Vergangenheit nicht entkommen kann. Als sie oben auf den Felsen steht und in die nebelverhangene Tiefe blickt, ist sie nahe davor, sich selbst in die Tiefe zu stürzen. Der kleine Ort Grauen lebt vom Sensationstourismus rund um die Klippenspringer, die für ihren Selbstmord in den Harz reisen.

Auch Cleos Selbstmord lässt Antonia nicht los, hinzu kommt die aufkeimende Liebe zwischen ihr und Tom Sturm, der sie sich bald nicht mehr entziehen kann. Doch irgendetwas scheint Tom zu verbergen, auch die ansonsten so gutmütige Ulli möchte Antonia vor Tom warnen, doch die ist auf diesem Ohr taub und zieht bald zu ihrem neuen Freund und dessen zwei Töchtern in das „Muschelhaus“. Aber auch bei Antonia wachsen mit der Zeit Skepsis und Angst, denn mit den Nebelfelsen und Toms Familie scheint etwas nicht zu stimmen …

_Kuis Bild vom Harz_

Alexandra Kui, die selbst als Volontärin bei der Goslarschen Zeitung im Harz gearbeitet hat, zeichnet in ihrem Roman ihr persönliches Bild von der Harzer Landschaft und besonders dem erdachten Ort Grauen, der durch die Todesspringer an den Nebelfelsen zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Die Beschreibung der Szenerie des Harzes ist dabei sehr gelungen, der Ort Grauen wird dem Leser eindrucksvoll präsentiert und steht einem direkt vor Augen, auch die Nebelbänke an den Schläferklippen kann man sich bildlich vorstellen. Für mich hatte dieses Buch daher einen besonderen Reiz, da ich nicht nur die erwähnten Orte wie Goslar, Braunschweig und Wernigerode kenne, sondern auch die berühmten Walpurgisfeste im Harz; so konnte ich beim Lesen mein eigenes Bild vom Harz mit dem der Autorin vergleichen, was das Buch zu einem interessanten Leseereignis für den Harzer Ortskundigen macht. Ganz entgegen zu meinen sonstigen Lesevorlieben hätte ich mir in diesem Buch noch mehr Lokalkolorit gewünscht, da ich im Harz aufgewachsen bin und noch mehr über Alexandra Kuis Bild vom Harz hätte erfahren wollen.

_Personelle Schwächen_

Obwohl das Buch auf der Titelseite mit der Bezeichnung „Kriminalroman“ wirbt, stehen die Charaktere im Mittelpunkt des Buches, vor allem die 27-jährige Antonia Czechy aus Hamburg und der 52-jährige Chefredakteur Tom Sturm sind hier zu nennen. Alexandra Kui räumt den beiden in ihrem Roman viel Platz ein, lässt eine Liebesgeschichte entstehen, die allerdings von vielen Streitereien und Problemen gekennzeichnet ist. Beide Menschen erscheinen kompliziert und schwer durchschaubar, leider bleibt selbst die Vergangenheit der Ich-Erzählerin Antonia hierbei größtenteils unklar. Ihre Verhaltensweisen waren mir daher oftmals unverständlich, in vielen Situationen reagiert sie völlig unangemessen und geht an die Decke, ohne dass dem Leser klar wird, was die Gründe für diesen Ausbruch sind. Am Rande wird erwähnt, dass Antonia vor ihrer eigenen Vergangenheit davonlaufen will, vor den Erlebnissen in Kalifornien mit ihrem Exfreund Cire und vor dem Selbstmord ihrer besten Freundin, den Antonia immer noch nicht verarbeitet oder verstanden hat. Aus ihrer Vergangenheit erfahren wir einiges, dennoch werden uns zu viele Informationen vorenthalten, beispielsweise, was aus Cire geworden ist, der nebenbei häufiger erwähnt wird, aber ansonsten völlig im Dunkeln bleibt, oder auch, was hinter der Verbindung zwischen Cleo und Tom steckt, von der Antonia erfahren musste. Dennoch ist genau diese Vergangenheitsbewältigung verbunden mit einer ehrlichen Selbstkritik der Ich-Erzählerin das Thema des Buches. Schade, dass Alexandra Kui uns nicht mehr Facetten ihrer Romanfigur präsentiert hat, die ihre Eigenarten erklärbar gemacht hätten, denn so wirkt Antonia unecht und manchmal auch unreif, sie reagiert zu häufig zu übertrieben, um Sympathien für sie entwickeln zu können oder sich gar mit ihr identifizieren zu können. Dabei gefiel Antonia zunächst gut und wirkte interessant, erst später summierten sich ihre komischen Anwandlungen zu sehr und ihre Liebschaft zu ihrem Chef machte sie leider nicht sympathischer.

Auch die Figur des Tom Sturm wird einem nicht erklärbar, obwohl er neben Antonia den größten Raum im Buch erhält. Die Beziehung zwischen den beiden wird schnell zu einem Hauptthema des Romans und verdrängt die geheimnisvollen Nebelfelsen aus der Erzählung. Allerdings wirkt ihre Annäherung und plötzliche Verliebtheit zu gekünstelt, da Antonia zuvor offen ihre Abneigung Tom gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte. Zu sehr fallen also ihre neu entwickelten Gefühle vom Himmel, ich habe sie nicht nachvollziehen können.

Viel authentischer und natürlicher wirkt dagegen die Kneipenwirtin Ulli, die sich mit mütterlicher Sorge um ihren neuen Pensionsgast Antonia kümmert, ihr neue Kleidung kauft und sie liebevoll bekocht. Auch wenn Ulli an manchen Stellen nichts über ihre frühere Beziehung zu Tom Sturm erzählen mag und sich mit geheimnisvollen Andeutungen begnügt, bleiben ihre Handlungen stets nachvollziehbar.

_Von Krimi keine Spur_

Durch die Ankündigung eines Kriminalromans mit finalem Showdown hatte ich mich auf eine falsche Fährte leiten lassen und vermutet, einen spannungsgeladenen Roman lesen zu können, doch hier wurde ich enttäuscht, denn obwohl die Nebelfelsen an vielen Stellen als mystisch und mit besonderer Anziehungskraft versehen beschrieben werden, bleiben sie schnell hinter Toms und Antonias Beziehung zurück. Der Leser muss sich mit einigen Hinweisen am Rande, bezogen auf die sogenannten Schläferklippen, begnügen, von Krimi ist allerdings keine Spur. Auch Spannung wird nur wenig aufgebaut, da die spärlichen Andeutungen in Bezug auf Tom und seine dubiose Vergangenheit nicht ausreichen, um den Leser an das Buch zu fesseln. Erst spät kommt die Handlung ins Rollen, als Antonia entscheidende Hinweise auf die Mutter von Toms jüngerer Tochter erhält, die sie aufhorchen lassen. Doch ist sofort offensichtlich, was hinter der Geschichte stecken muss und was damals passiert ist, sodass am Ende kaum Überraschungen bleiben.

Mit ihrem Showdown kann Alexandra Kui nicht überzeugen. Zu konstruiert wirkt die Auflösung der Geheimnisse um die Nebelfelsen und um Tom Sturm, hier greift Kui in die Trickkiste, um ihrem Buch etwas Spannung hinzuzufügen, doch vergallopiert sie sich dabei. Das Ende hinterlässt daher einen faden Beigeschmack beim enttäuschten Leser, ein etwas weniger sensationelles Buchende wäre realistischer und auch zufriedenstellender gewesen. Schade, dass die Autorin an dieser Stelle ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist.

_Viel gewollt und wenig geschafft_

Alexandra Kui wollte scheinbar zu viele verschiedene Dinge in ihr nur 300-seitiges Buch packen. So beginnt das Buch zunächst mit Antonias Beziehungs- und Jobproblemen, der Leser wird mit geheimnisvollen Andeutungen zu ihrer Vergangenheit und Cleos Selbstmord gelockt, anschließend reisen wir gemeinsam in das düstere Örtchen Grauen mit den nebelverhangenen Schläferklippen. Gerade in Grauen treffen wir auf skurrile und merkwürdige Personen, die oftmals in ihren Handlungsweisen zu übertrieben agieren, aber offensichtlich einiges zu verbergen haben. Besonders Tom Sturm muss einige Leichen im Keller begraben haben, das wird aus den zarten Andeutungen der Bewohner deutlich. An dieser Stelle entdeckt Antonia plötzlich ihre Gefühle für Tom, die zu einer turbulenten und problematischen Beziehung führen, in der auch noch zwei Töchter des Chefredakteurs auftauchen und eine Rolle spielen. Kui greift zu viele Aspekte in ihrer Erzählung auf und vergisst dabei, ihre Kriminalgeschichte weiterzuentwickeln, Spannung aufzubauen und am Ende allen aufgegriffenen Handlungsfäden ein passendes Ende zu verleihen. Es bleiben zu viele Fragen offen, sodass das Buch keine runde Sache geworden ist, auch in ein Genre ist der Roman schwierig einzuordnen, da von Kriminalgeschichte wenig zu spüren war.

Insgesamt kann das Buch als Kriminalroman nicht überzeugen, da kaum Spannung aufgebaut wird, sondern die handelnden Charaktere im Zentrum des Buches stehen. Insbesondere die beginnende Beziehung zwischen der jungen Hamburgerin Antonia Czechy und dem alternden Lokalchef Tom Sturm steht hier im Vordergrund, dennoch bleiben die Hintergründe etwas im Unklaren. Die aufkeimende Liebe fällt vom Himmel, da Ich-Erzählerin Antonia zuvor zu oft betont hatte, dass sie den kleinen Mann im Ringelpulli nicht ausstehen kann. Alexandra Kui hält sich in ihren Beschreibungen manchmal zu sehr auf, im Grunde genommen nebensächliche Dinge wie Antonias Einstieg in Toms Band werden zu sehr ausgebreitet und bremsen den Spannungsbogen deutlich aus. Auch die Nebelfelsen werden nur am Rande erwähnt und rücken schnell in den Hintergrund. Leider kann auch das Buchende nicht überzeugen, sodass der Roman für Harzer durch die bekannten Orte durchaus lesenswert ist, aber nicht dazu verlocken kann, das Buch weiterzuempfehlen oder gar ein zweites Mal zu lesen.

Catherine Breillat – Pornokratie

Eine junge Frau führt ein Experiment durch: Sie bezahlt einen Schwulen dafür, dass er sie beobachtet, nackt, im Schlaf, rund um die Uhr, um herauszufinden, ob sie ihn mit ihren weiblichen Reizen verführen kann. Wird er sie hassen oder sie lieben?

|Die Autorin|

Catherine Breillat, geboren 1948, ist Regisseurin, Drehbuchautorin (z. B. für Fellini und zu „Bilitis“) und hat mehrere Romane veröffentlicht. Seit ihrem Film „Romance X“/“Romance“ ist sie auch dem deutschen Publikum bekannt. Sie plant die Verfilmung von „Pornokratie“. Die dürfte ebenso für Diskussionen sorgen wie „Romance X“.

Handlung

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Ferreras, Pipín – Tiefenrausch

Francesco „Pipín“ Ferreras ist nach eigener Auskunft schon als Kind mehr Fisch als Mensch gewesen. Im bereits revolutionär angegammelten Kuba der 1960er Jahre bleibt ihm trotz castrogläubiger Eltern der Glanz des realen Sozialismus‘ verborgen. Pipín geht lieber tauchen und entwickelt dabei rasch bemerkenswerte Talente, die indes lange brachliegen müssen: Kuba ist kein Ort, an dem man wassertaugliche Bürger schätzt; Miami, die Höllenstadt des Erzteufels USA, liegt verführerisch nahe am Horizont.

Aber zum Ruhme Kubas lässt Fidel Castro den jungen Mann schließlich doch seine Tauchkunststücke auf der ganzen Welt vorführen. Pipín entwickelt sich rasch zu einem der besten Apnoetaucher der Welt: Mit nur einem Atemzug taucht er möglichst rasch und tief ins Meer, um erst Minuten später wieder aufzutauchen – „No Limits“ nennt sich dieses nutzlose, ja lebensgefährliche Gladiatorenspiel, das die Medien zunehmend fasziniert. Pipín will endlich an die Weltspitze, will viel Geld verdienen. 1993 flieht er aus Kuba und fängt ein neues Leben als professioneller Extremtaucher an.

Nach schwierigen Anfangsjahren kann er an seine früheren Erfolge anknüpfen. Er tritt im Fernsehen auf, wird interviewt, von Sponsoren umworben – und taucht tiefer und tiefer. Privat sieht es eher düster aus. Der junge Mann kann ist bereits zweimal geschieden und gilt als jähzorniger Kotzbrocken. 1996 lernt Pipín die deutlich jüngere Meeresbiologin Audrey Mestre kennen. Eine Liebe epischen Ausmaßes entspinnt sich, zwei Herzen schlagen fürderhin im Einklang & was der Hollywood-Klischees mehr sind. Vor allem aber findet Audrey Geschmack am Apnoetauchen. Sie übertrifft ihren Seelenverwandten, bald Ehemann und Lehrmeister bald deutlich.

Diese Gunst der Stunde will der in die Jahre kommende Pipín nutzen. Statt selbst zu tauchen, vermarktet er seine zunehmend erfolgreiche Frau. Audrey ist jung, hübsch und ertaucht zuverlässig Spitzentiefen. So kommt sie dem Weltrekord für Männer und Frauen immer näher. Eines Oktobertages im Jahre 2002 will sie ihn endgültig brechen und 170 Meter Wassertiefe erreichen. Sie schafft es, aber zurück an die Oberfläche findet sie nicht mehr …

Die Geschichte von Pipín & Audrey adelt ein Buch, für das sich ansonsten wohl nur die kleine Schar der Extremsportler interessieren würde. Aber „Tiefenrausch“ kann mit einer grandiosen Lovestory prunken – mit einer tragischen sogar, was ja den Kaufdrang der Tränendrüserdrücker-Fraktion seit jeher beflügelt. Gut, dieser Pipín Ferreras ist nicht gerade Brad Pitt – er bezeichnet sich selbst treffend als „glatzköpfigen, machohaften Kubaner“. Seine Ungeduld, seinen alle Grenzen der Vernunft sprengenden Ehrgeiz, seinen Neid auf – womöglich erfolgreiche – Konkurrenten spart er in der Aufzählung seiner Unarten lieber aus und lässt sie vorsichtig in seine biografische Rückschau einfließen.

Audrey dagegen muss wohl ein Engel auf Erden (bzw. unter Wasser) gewesen sein. Pipín sagt es uns in jedem Satz und wer’s immer noch nicht glauben mag, für den gibt es unzählige ganzseitige Fotos – farbig und schwarzweiß -, die immer wieder Audrey, Audrey, Audrey zeigen: beim Training, beim Gewinnen, bei Tanz mit einem erstaunten Rochen … Es will kein Ende nehmen, „Tiefenrausch“ ist ein gedruckter Audrey-Schrein.

Da gibt es freilich einige Schönheitsfehler. Vor allem müssen wir uns darauf verlassen, was Pipín Ferreras uns über seine Liebe und seine Tauch-Obsession erzählt. Audrey können wir ja leider nicht mehr fragen. Der Skeptiker weiß: Engel auf Erden gibt es eigentlich nicht. Kein Mensch ist ohne Fehler und Tadel, sonst wäre er ziemlich langweilig. Was Pipín selbst angeht, so spart er (s. o.) nicht mit Schlägen gegen die eigene Stirn. Er übernimmt sogar die Mitschuld für ihren Tod. Offensichtlich ist „Tiefenrausch“ einer von vielen Versuchen Ferreras, den tragischen Tod von Audrey zu verarbeiten.

Zumal dieser einerseits auf ein banales Versehen zurückzuführen ist: Der Luftsack, der Audrey an die Oberfläche tragen sollte, war nur teilweise gefüllt. Niemand hatte das nachgeprüft, stattdessen verließ sich ein Teammitglied auf das andere. Unter Wasser fehlte ein Begleittaucher; der Rekordversuch fand trotzdem statt – bisher war ja stets alles gut gegangen. So ging es weiter; eine Kette von minimalen Versäumnissen führte direkt in die Katastrophe. Man war eingelullt von der spielerischen Eleganz, mit der Audrey immer neue Rekordtiefen erreichte. Das machte leichtsinnig, was kein guter idealer Zustand ist, wenn einem 170 Meter unter Wasser die Luft wegbleibt.

Andererseits ist Pipín Ferreras die treibende Kraft hinter Audrey Mestre – und oft genug wohl ihr Dämon. Sie tauchte nach eigener Auskunft einfach gern, er machte daraus ein Rekordgeschäft. Wieso sie sich dagegen nicht wehrte, muss offen bleiben; Ferreras drückt sich in diesem Punkt recht vage aus und schwadroniert von der Macht der Liebe, die sich für ihn und Audrey vor allem unter Wasser entfaltete und das delfingleiche Paar als kosmische Einheit funktionieren ließ. (Allerdings merkt er sehr richtig an, dass er seiner lungenstarken Gattin keinen Sack mit Steinen um den Hals gebunden und sie dann ins Meer gestoßen hat; Audrey war erwachsen.) Außenstehende, d. h. Nicht-Apnoeisten, könnten das sowieso nicht verstehen. Damit liegt er zweifellos richtig; der boshafte Skeptiker mag zum Beispiel einwenden, man könne sich auch einen Backstein auf den Kopf schlagen, um Gott und viele Sterne zu sehen – und das ohne besondere Lebensgefahr. Genau die ist aber integraler Bestandteil des Extremsports, auch wenn das lieber nicht so deutlich formuliert wird.

Wie jeder Paulus blickt auch Pipín Ferreras mit wehmütigem Stolz auf seine Saulus-Jahre zurück. Natürlich findet er die weltweite Jagd nach immer neuen „No Limits“-Rekorden verwerflich, seit Audrey umkam und er nicht mehr mittun kann und mag. Bis er zu dieser Einsicht gelangte, war Ferreras jedoch die treibende Kraft unter den Apnoe-Extremtauchern dieses Planeten. Endgültig „geheilt“ von seinem Tauchwahn ist er wohl doch nicht; die Grenzen zwischen Sport und Spinnerei sind meist fließend.

Was man nicht Ferreras sondern eher seiner (nur auf dem inneren Titelblatt erwähnten) „Mitautorin“ Linda Robertson (Pipín hat übrigens schon mehrere Bücher „schreiben lassen“, da er sich eigentlich nicht zum Literaten berufen fühlt, aber kein Problem damit hat, seine erzählten Tauch- und Lebensgeschichten in gut honorierte Prosa verwandeln zu lassen) ankreiden muss, das ist sicherlich der schauerliche Auftritt Audreys als glücklicher Geist aus dem Jenseits, der dem gebrochenen Pipín bei dessen Gedächtnis- Rekordtauchgang von 2003 unter Wasser ein letztes Hallo zuwinkt. Solcher Schwachsinn wäre ansonsten nur verzeihlich, wenn der arme Pipín doch ein wenig zu lange die Luft angehalten hätte … Vielleicht ist diese Passage auch nur ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung von James Cameron. Der Regisseur von „Titanic“, der seit 1997 keinen Spielfilm mehr gedreht hat (bis auf zwei Dokumentationen), aber dem Meer treu geblieben ist, plant angeblich, Pipín und Audrey zu Helden eines neuen, nassen Blockbusters zu erheben (worauf man sich lieber nicht verlassen sollte).

Bova, Ben – Asteroidenkrieg, Der

Ben Bova (* 28.11.1932) ist ein Urgestein der amerikanischen Science-Fiction. Das Werk des ehemaligen Präsidenten der |SF Writers of America| und der |National Space Society| zeichnet sich durch die Nähe zum aktuellen Stand der Technik aus. Bovas Romane spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft und basieren auf Technologien und Annahmen, die schon bald Wirklichkeit werden könnten. Bova weiß, wovon er spricht: Während des „Space Race“ zur Zeit des Kalten Krieges war er am Projekt Vanguard beteiligt, dem ersten amerikanischen Satelliten und Antwort auf Sputnik I.

Im Jahre 1992 begann Bova mit „Mars“ eine neue Schaffensphase, die von Fans als seine „Grand Tour“ durch das Sonnensystem bezeichnet wird. Was als abenteuerliche, sehr realitätsnahe Reise durch das Sonnensystem begann und mit dem inoffiziellen Starterband „Mars“ zumindest inhaltlich noch überzeugen konnte, flachte in den Folgebänden „Rückkehr zum Mars“, „Venus“, „Jupiter“ und [„Saturn“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557 leider immer mehr ab.

Noch hat Bova zwar nicht alle Planeten des Sonnensystems beehrt, aber auch vor kleineren Planetoiden macht er nicht Halt: Dem Asteroidengürtel ist sogar ein auf drei Bände angelegter Minizyklus in der „Grand Tour“ gewidmet, dessen Auftakt „Der Asteroidenkrieg“ ist.

_Not macht erfinderisch_

Irgendwann im 21. Jahrhundert geht es der Menschheit an den Kragen: Zusätzlich zur Klimakatastrophe, die sich in Überschwemmungskatastrophen äußert, die bereits weite Teile der uns bekannten Welt unter Wasser gesetzt haben, kommt ein chronischer Mangel an Energie und Rohstoffen. Das Verhältnis zu den Mondkolonien ist gespannt, die Regierungen der Erde stehen modernen Technologien wie der Nanotechnologie ablehnend gegenüber und sind mehr damit beschäftigt, ihre eigenen Pfründe zu sichern, anstatt sich um die Zukunft der Menschheit zu sorgen.

Der Raumfahrtunternehmer Dan Randolph ist ein Visionär und Idealist, der die Lösung dieser Probleme im Erzreichtum des Asteroidengürtels sieht. Nur leider gibt es noch keine Antriebe, die eine effiziente Nutzung der dortigen Ressourcen ermöglichen würden. Randolph ist gezwungen, ein Zweckbündnis mit dem schmierigen Magnaten Martin Humphries zu schließen: Ein neuartiger Fusionsantrieb und geächtete Nanotechnologie würden erstmals die Möglichkeit eröffnen, seinen Plan in die Realität umzusetzen.

Im Gegensatz zu Randolph ist sein Partner jedoch kein Wohltäter, sondern ein Schwein. Randolph möchte persönlich an der Reise zu den Asteroiden teilnehmen – für Humphries die Gelegenheit, ihm eine tödliche Falle zu stellen und sich im Falle seines tragischen Ablebens Randolphs Firma |Astro Manufacturing| einzuverleiben … ohne Macht und Reichtum teilen zu müssen.

_Weltraummüll_

Eine vielversprechende Story – zudem mit einem verkaufskräftigen Titel und einem wirklich sehr schönen, thematisch passenden Titelbild von [Thomas Thiemeyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25 versehen.

Begeisterung kann dennoch nicht aufkommen – dafür Entsetzen. Das kommerzielle Szenario ist für Bova-Kenner nichts Neues, neue Ideen gingen ihm offenkundig bereits schon auf halber Strecke zwischen Mars und Jupiter aus. Der Idealist und Menschenfreund sowie der korrupte Kapitalist, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, sind nur einige der vielen Klischees, die Bova bis zur Neige ausschöpft. So sind die beiden Pilotinnen der Starpower I vermutlich aus einer Trash-SciFi-Parodie entlehnt: Die flachbrüstige Farbige Pancho Lane, eine der Hauptfiguren des Romans, mit dem Charme und der Sturheit eines Terriers, sowie die dumpfbackige Amanda, kurz Mandy, die mit Raumanzug sprengender Oberweite als ihr intellektueller Gegenpol und Lustobjekt nahezu aller männlichen Figuren fungiert.

Derartig abgeschmackte Konstruktionen hätte man nicht einmal im Jahre 1960 als Groschenheft veröffentlichen können, zumal sie sich mit dem sonst eher ernsten und fundierten Hintergründen des Romans beißen; Bova ist als Vertreter realitätsnaher SF bekannt und schreibt auch dementsprechend. Doch um an einigen Stellen die Handlung voranzutreiben, fiel Bova nichts Besseres ein, als Pancho Lane einen Unsichtbarkeitsanzug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie nach Belieben spionieren kann. Zu allem Überfluss wird er ihr von einem guten Kumpel geliehen – wie praktisch. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verliebt sich Fiesling Humphries in Mandys Kurven und entwickelt Heiratsgelüste – doch fatalerweise will sie unbedingt das sabotierte Raumschiff zum Asteroidengürtel steuern. Von der armen Wissenschaftlerin, deren Nanobots von Humphries als Waffe missbraucht werden, obwohl sie doch aller Welt den Nutzen dieser segensbringenden Technologie zeigen will, möchte ich gar nicht erst reden. Nur so viel: Humphries erpresst sie mit dem Leben ihrer Enkel auf der Erde …

Leider stellen diese Plattheiten den Großteil der Handlung dar. Glänzen kann Bova gelegentlich mit seinem Sachverstand und Wissen, zum Beispiel wie das Leben in Mondstädten aussehen könnte. Anstelle hier jedoch zu punkten und zu faszinieren, reduziert Bova diesen Teil auf ein Minimum. Stattdessen nimmt ein notgeiler Zollbeamter, der Mandy gerne ausgiebig kontrolliert und grundsätzlich jede Frau zum Essen einlädt, den größten Teil der Handlung auf dem Mond ein. Das soll vermutlich der sonst ziemlich faden, sich dahinziehenden Handlung ohne jegliche Spannungselemente Würze verleihen. Anstatt ausgeklügelte Konzernintrigen zu bieten, blamiert sich Bova mit erschütternd naiven Konstruktionen. Durch die Ermordung des Mehrheitseigners möchte Humphries eine ganze Firma schlucken. Man sollte keine weiterführenden Erklärungen erwarten, wie das gehen soll, weder Bova noch Humphries scheinen sich darüber weitere Gedanken gemacht zu haben, zumal Bova selbst am Ende des Romans zeigt, wie blauäugig Humphries Plan ist.

_SciFi oder Trash?_

Was ist nur in Bova gefahren. Derartig altbackene Storys lieferten nicht einmal genrefremde Notbehelfs-Autoren in den zahllosen gefloppten SF-Serien der 60er Jahre. Selbst diese hätten es jedoch nicht geschafft oder gewagt, ein Minimum an Handlung ohne jeglichen Spannungsbogen auf 461 Seiten aufzublasen.

Scheinbar fiel auch Bova auf, wie blutleer und hölzern sich seine Asteroidenexpedition liest. Sie im Jahr 2003/4 mit derart veralteten Klischees „aufzupeppen“, ging jedoch gehörig daneben. Es bleibt die Frage, worüber Bova in den folgenden beiden Bänden des Minizyklus schreiben wird. Bereits in diesem Roman geizte er mit seinen sonstigen Stärken und demonstrierte bei allem Respekt vor den interessanten Thematiken Asteroidenbergbau und der Macht großer Konzerne in der Zukunft eine erschreckende Ideenlosigkeit; man könnte fast meinen, es fehle ihm an Motivation. Für peinlichste Banalitäten ist er sich dagegen nicht zu schade. Die Übersetzung ist gelegentlich sehr holprig, die unterirdische Qualität vieler Dialoge möchte ich jedoch eher dem Autor anlasten.

An diesen Roman wurden leider sowohl ein wunderbares Titelbild als auch eine vielversprechende Thematik vollkommen verschwendet.

Homepage von Ben Bova:
http://www.benbova.com/

Byron, Lord / Polidori, John William – Vampyr, Der – Die Erzählungen

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati, schauriges Wetter bringt auf dumme Gedanken: Der berühmt-berüchtigte englische Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der bekannte Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft-Godwin (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten.

Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und „Der Vampyr“ hervorgehen. Das Besondere am „Vampyr“: Die Story wurde praktisch von Byron begonnen und von Polidori vollendet. Dumm nur, dass sich später niemand mehr an Polidori erinnern wollte.

_Der Autor Lord Byron_

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk »Childe Harold’s Pilgrimage« (deutsch »Ritter Harolds Pilgerfahrt«) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung) Seine Version von „The Vampyre“ erschien 1819 in der Sammlung „Mazeppa“.

_Der Autor John William Polidori_

John William Polidori wurde 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird! (Byron dementierte die Autorenschaft, aber es war allen klar, wer mit Lord Ruthven gemeint ist.)

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren in London Soho, vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift, obwohl neuere Forschung dies widerlegt. Er war der Onkel von zwei bedeutenden Dichtern der viktorianischen Ära: Dante Gabriel Rosetti und Christina Rosetti.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt, Jahrgang 1950, gab sein Fernsehdebüt mit 15 Jahren in der ARD-Serie „Tommi Tulpe“. Später arbeitete er als Mime an den Berliner Kammerspielen, am Hansa- und Renaissance-Theater und wirkte in zahlreichen Fernsehspielen mit. Im Laufe der Jahre verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Arbeit im Synchronstudio. Heute zählt J. Tennstedt zu den gefragtesten Synchronsprechern und -regisseuren des Landes. Man kennt ihn als Stimme von John Malkovich, Billy Crystal, Jeff Bridges und Michael Keaton. (Verlagsinfo)

Andreas Fröhlich wurde 1965 in Berlin geboren und mit sieben Jahren im Kinderchor des SFB als Synchronsprecher entdeckt (einen seiner frühen Einsätze hat er in „Die Herren Dracula“). Von Anfang bis Mitte der 70er sammelte er erste Hörspielerfahrungen und übernahm 1979 den Part des „Bob Andrews“ in der Serie „Die drei Fragezeichen“. Es folgten Arbeiten als Schauspieler für Film und Fernsehen sowie diverse Auftritte auf der Theaterbühne.

Fröhlich ist leidenschaftlicher „Hörspieler“, arbeitet als Drehbuch- und Dialogautor sowie als Synchronregisseur (Jacksons „Herr der Ringe“, Petersens „Troja“). Als Synchronsprecher leiht er seine Stimme u. a. John Cusack, Edward Norton und Ethan Hawke. In der deutschen Fassung von Jacksons „Herr der Ringe“ sprach er die (schizophrene!) Rolle des Gollum. (Verlagsinfo)

Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus

Musik: Stephan Jacobi;

Produktion: Ripper Records (Elmshorn) 2004.

_Handlung von Byrons Erzählung_

Der jugendliche Ich-Erzähler begibt sich während des 18. Jahrhunderts mit dem geheimnisvollen Augustus Darwell auf eine Reise durch Südeuropa, die ihn weiter in die Türkei führt, genauer: nach Smyrna, das heutige Izmir. Mit einem Führer und einem Soldaten reiten sie zu den Ruinen des antiken Ephesus.

Darwell leidet an der so genannten Auszehrung, aber auch an einer seelischen Wunde, deren Ursache er verbirgt. Wegen eines plötzlichen Unwohlseins muss die kleine Gruppe an einem türkischen „Totenacker“ Halt machen, dessen Grabsteine verwittert und halb versunken sind. Der Erzähler bringt Darwell in den Schatten einer düsteren Zypresse und gibt ihm zu trinken.

Im Sterben liegend, ringt Darwell seinem Begleiter ein unheilvolles Versprechen ab, das auch bei Polidori wieder auftaucht: Der Jüngling muss Darwells Tod, wenn er in die Heimat zurückkehrt, unbedingt verheimlichen. Außerdem soll er einen Siegelring in die Salzquellen der Bucht von Eleusis werfen sowie am 9. Tag eines Monats zu den Ruinen des Ceres-Tempels gehen. (Ceres / Demeter war die Mutter von Proserpina / Persephone, der Gattin von Hades, dem Gott der Totenwelt. Eleusis beherbergte in der Antike ein bekanntes Orakel.)

Nachdem sich ein Storch, der eine Schlange im Schnabel gepackt hält, auf dem Friedhof niedergelassen hat, stirbt Darwell, erschüttert wegen dieses symbolhaften Anblicks (Schlange = Satan; Storch = Lebensbringer). Der Chronist ist reichlich beunruhigt über den Umstand, dass sich das Gesicht Darwells fast schwarz färbt. Gift? Die drei Überlebenden begraben seine Leiche. Ob der Vampir wiederkehren wird? Das Fragment wurde nie vollendet.

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist belanglos genug, doch die Grundelemente für Polidoris folgen- und einflussreiche Erzählung sind schon angelegt. Ein Jüngling und ein älterer Mann mit einer Krankheit und einem Geheimnis gehen auf eine Reise, die tragisch endet. An ihrem Ende muss der Jüngling einen Schwur leisten und bestimmte geheimnisvolle Handlungen vollziehen, die wie ein Ritual anmuten.

Byron wurde von seinem Verleger Murray gezwungen, dieses Fragment 1819 in der Sammlung „Mazeppa“ zu veröffentlichen. Die literarische Qualität ist in keiner Weise mit „Manfred“ zu vergleichen, einem Versgedicht, das Byron bereits 1817 veröffentlichte. Darin zeigt er sich in seinem literarischen Ego Manfred als ein besessener Sucher, der keine Erfüllung finden kann. Dieser Charakterzug ist später stets Teil des Byronischen Vampirs, z. B. in den Vampirromanen von Anne Rice. Aber von Blutsaugerei ist bei Byron noch keine Rede.

_Handlung von Polidoris Erzählung_

In den Londoner Kreisen taucht ein seltsamer Edelmann auf, der dadurch auffällt, dass er sich nicht an den Vergnügungen beteiligt. Dieser Außenseiter hat „seelenlose graue Augen“ und ein „totenblasses, aber hübsches Gesicht“. Lady Mercer, eine bekannte Ehebrecherin, macht ihn vergeblich an, obwohl dieser Lord Ruthven keineswegs ein Kostverächter ist, wie sich zeigt.

Der junge Aubrey ist ein reicher Träumer, der noch unter Vormundschaft steht. Er umwirbt den mysteriösen Lord, der ihm wie aus einem Abenteuerroman entstiegen erscheint, dem es aber an Geld mangelt. Davon haben Aubrey ebenso wie seine Schwester mehr als genug. Ruthven revanchiert sich, indem er Aubrey zu einer Reise nach Europa einlädt. Dort verprasst er Aubreys Geld, allerdings scheint auf seinen Gaben ein Fluch zu liegen: Alle lasterhaften Empfänger, aber auch die Unschuldigen ereilt ein übles Schicksal.

In Rom ist Aubrey schon so weit von seinem Begleiter abgestoßen, dass er dem Rückruf seiner Vormünder Folge leisten will. Sie warnen, dass Ruthven Vergnügen darin findet, junge Damen in die Tiefen des Lasters hinabzuziehen (will heißen: sie werden danach Huren, wenn man sie nicht gleich ins Kloster steckt). Da bekommt er mit, dass Ruthven eine junge Gräfin verführen will. Nach Aubreys Intervention wird das verhängnisvolle Rendezvous abgesagt. Denkt er.

In Athen, das er ohne Ruthven erreicht, lernt er in seinem Logis die wunderschöne Ianthe kennen und verliebt sich, wovon sie allerdings nichts mitbekommt. Was er allerdings höchst interessant findet, ist ihr „Ammenmärchen“ von einem Vampir. Was soll das denn sein? Solch ein Mann, erklärt sie, lebe unerkannt unter den Bürgern, sauge aber in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen die Lebenskraft (= Blut) aus. Aubrey fällt auf, dass diese Beschreibung exakt auf seinen unliebsamen Bekannten Lord Ruthven passt. Doch Ianthes Eltern bestätigen ihre Geschichte, und das Mädchen warnt ihn davor, nachts durch den nahen Wald zu reiten. Vampire trieben dort ihr Unwesen.

Wie könnte es anders sein, so schafft es Aubrey in der unvertrauten Umgebung nicht, rechtzeitig aus dem Wald herauszukommen. In einer einsamen Hütte will er nach dem rechten Weg fragen. Da hört er einen grässlichen Schrei, der nur von einer Frau stammen kann! Als er eintritt, packt ihn ein Mann von hinten und stößt ihn nieder. Zum Glück erklingen Stimmen von draußen, und der Mann flüchtet. Entsetzt bemerkt Aubrey im Fackelschein Ianthes totes Gesicht – und in ihrem bleichen Hals die Bissmale des Vampirs.

Als Aubrey sein Fieber auskuriert, taucht Lord Ruthven auf. Nachdem dieser Aubreys Entsetzen und Grauen zerstreut hat und der Patient geheilt ist, machen sie sich gemeinsam auf eine Exkursion in eine Gegend, in der es von Räubern wimmeln soll, weshalb sie eine Schutztruppe mitnehmen. Leider erweisen sich die Räuber als zahlreicher und besser bewaffnet. Während diese auf das Lösegeld warten, verändert sich Ruthven. Im Sterben verlangt er Aubrey einen folgenschweren Schwur ab: Er soll über seinen Tod schweigen und ein Jahr und einen Tag lang nichts über das, was er über Ruthven erfahren habe, verlauten lassen. Blöderweise schwört Aubrey „bei allem, was ihm heilig ist“. Die Räuber haben die Leiche des Lords weggeschafft, doch als Aubrey nachschaut, ist nichts mehr davon zu finden …

London. Der letzte Teil des Dramas hebt an. Als Aubreys – im übrigen namenlose, aber ebenso reiche – Schwester nach ihrem 18. Geburtstag in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden soll, bemerkt Aubrey zu seinem Entsetzen Lord Ruthven, der sich dem Mädchen nähert. Ein erster Fluchtversuch gelingt, doch später hat Aubrey nicht so viel Erfolg. Sein Geisteszustand verwirrt sich und die Vormünder stellen ihn unter ärztliche Aufsicht. Leider darf er wegen seines Schwurs niemandem verraten, was die Ursache seiner seelischen Verzweiflung ist. Ruthven töten zu wollen, wäre sinnlos, denn er hat ja schon bewiesen, dass er unsterblich ist. Aubrey hat auch den Beweis, dass Ruthven Ianthes Mörder ist.

Aubrey wagt bereits wieder zu hoffen, denn die Zeit arbeitet für ihn: Bald werden das Jahr und der eine Tag vorüber und er frei sein, sein Geheimnis zu verraten! Da eröffnet ihm sein Schwesterherz, dass sie am nächsten Tag heiraten werde, und zwar einen Lord Marston. Man stelle sich Aubreys Erschütterung vor, als sich herausstellt, dass der Bräutigam kein anderer als der verfluchte Vampir ist.

Er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Hochzeit zu verhindern, sind es doch nur 24 Stunden, die er noch zum Schweigen verdammt ist …

_Mein Eindruck_

Polidori lieh sich den Namen seines Antihelden aus einem zeitgenössischen Roman namens „Glenarvon“ aus. Den hatte Lady Charlotte Lamb 1816 veröffentlicht, um sich an ihrem Ex-Lover Lord Byron zu rächen. Alle Welt wusste natürlich, wer sich hinter dem Namen des Schurken „Clarence de Ruthven, Lord Glenarvon“ verbarg. Und so fiel es den Zeitgenossen nicht schwer herauszufinden, wen Polidori meinte, als er einen Vampir mit diesem Namen versah. Und so wie Lambs Ruthven ein Zerrbild war, so ist auch Polidoris Byron eine Karikatur des echten Lords: „ein über Leichen gehender Salonlöwe von messerscharfem Verstand – attraktiv, kaltherzig, weltgewandt, grausam, aber auch charmant – Attribute, die allesamt auf Byron zutrafen“, wie das Booklet schreibt.

Aus diesem Grund ist seine Erzählung „The Vampyre“ nicht nur wegen der unübersehbaren literarischen Qualitäten im Gedächtnis geblieben, sondern auch weil sie einen festen Punkt im Zeit-Raum-Kontinuum markiert und alle späteren Vampirfiguren – die erste Oper folgte schon innerhalb der nächsten Dekade, der erste Film hundert Jahre später – beeinflusste.

Der Byronische Vampir ist ein satanischer, ausgebleichter, weltmüder Aristokrat, dessen Blick – besonders auf Frauen – eine hypnotische Wirkung ausübt und in dem Vampirismus und Verführung Teil des gleichen Vorgangs sind. Die Abgezehrtheit und Weltmüdigkeit sind jedoch lediglich eine Pose: Seine Energie stammt nämlich direkt aus der Hölle.

Der unsterbliche Blutsauger ist einer der Verdammten. Jeder, der mit ihm in Berührung kommt oder seinen Weg kreuzt, bekommt einen Teil von dieser Verdammnis ab. Für Aubrey gestaltet sich diese Begegnung unglücklicherweise so, dass er zunächst seine Verlobte Ianthe, dann seine Schwester und schließlich sich selbst an den Vampir verliert.

Aber aus welchem Grund? Zunächst hindert Aubrey ihn daran, sich an seiner Verlobten gütlich zu tun. Dann macht Aubrey seinen entscheidenden Fehler: Er leistet den Schwur, über Ruthven zu schweigen. Dadurch lädt er einen Teil der Verdammnis auf sich – und verurteilt so seine eigene Schwester zu einem grausamen Schicksal. Dieses kann Aubrey umso besser vorhersehen, als er bereits ein Opfer des Vampirs gekannt und geliebt hat: Ianthe.

Eigentlich müsste sich Aubrey die ganze Zeit in Selbstvorwürfen ergehen, doch Polidori traut dem Leser zu, dies sich selbst vorstellen zu können. Sein junger Held schwebt bereits am Rande des Wahnsinns, als er seine Schwester in Gefahr sieht. Uns interessiert in diesem Moment viel mehr, ob es ihm gelingen kann, Ruthven von seiner mörderischen Tat abzuhalten und sein Opfer zu retten.

In dieser Hinsicht funktioniert Polidoris Erzählung ausgezeichnet als klassische Horrorgeschichte. Das Grauen speist sich nicht so sehr aus Bluttaten, die man – außer in Griechenland – nicht zu Gesicht bekommt, als vielmehr aus der Vorstellung, welches Schicksal dem Opfer droht. Am Schluss schwingt sich die Erzählung zu kriminalistischer Spannung auf, als wir Aubreys Bemühungen folgen, seine Schwester zu retten.

|Woher Vampire kommen|

Woher kommt überhaupt Byrons Vorstellung von einem blutsaugenden Mann, der, wiewohl unsterblich, auf Leben spendenden Nachschub an kostbarem Lebenssaft angewiesen ist? Einen Hinweis liefert Bram Stokers zeitloser Klassiker „Dracula“. Auch hier tritt der Blutsauger als einsamer, unsterblicher Adeliger mit unstillbarem Durst auf, der es auf die Hälse junger Damen abgesehen hat. Der Byronische Vampir ist noch lebendig. In Sheridan Le Fanus [„Carmilla“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (1871/72) tritt der Vampir als eine Verkörperung der antiken Sagengestalt Lamia in Erscheinung – noch dazu lesbisch. Dieser sinnliche Lamia-Aspekt wurde von Theophile Gautier in seiner Erzählung „La morte amoureuse“ (1836) ebenfalls hervorgehoben.

Doch die Idee, dass er noch von jenseits des Grabes als reanimierter Leichnam zuschlagen könnte, stammt laut „Encyclopedia of Fantasy“ aus verschiedenen osteuropäischen Volkslegenden, die solchen Leichen kannibalistische Gelüste zuschreiben. Die drei Einflüsse Byron, Lamia und Kannibalismus fanden ihre perfekte Verschmelzung in Stokers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 von 1897.

Erst 1980 begannen sich AutorInnen mit der Physiologie des Vampirs zu befassen, so etwa Suzy McKee Charnas in „Der Vampir-Baldachin“ von 1980: Wird ein Virus übertragen, der das Blut verändert? Doch ungeachtet dessen wird der Vampir stets der Inbegriff des dämonischen bzw. dämonisierten Liebhabers bleiben. Gerade wenn die Liebe am gefährlichsten ist, wird sie am aufregendsten. Und deshalb lieben besonders Frauen solche Storys.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt trägt die Geschichte des Ich-Erzählers wunderbar moduliert und verständlich vor. Es fällt nicht schwer, sich auf jedes Wort, jeden Satz zu konzentrieren – insbesondere dann, wenn man die Geschichte ein zweites Mal anhört. Der Autor hat nämlich etliche hintergründige und geheimnisvolle Verweise hineingepackt, so etwa den, dass Darwell, der Vampir, schon einmal zuvor in der türkischen „Totenstadt“ gewesen ist. Tennstedt spricht Byron in „Gespenstersommer am Genfer See“, daher ist es angemessen, dass er auch Byrons Story vorträgt.

Gleiches gilt für Andreas Fröhlich, der die Rolle des Dr. Polidori so wunderbar lebendig gestaltet hat. Allerdings gibt es hierbei keinen Ich-, sondern einen Er-Erzähler. Das macht aber nichts, denn die meiste Zeit verfolgen wir das Geschehen durch Aubreys Augen. Aber wir sind auch in der Lage, Aubrey selbst kritisch zu mustern. Fröhlich beherrscht die Kunst, durch Verzögern und Beschleunigen bestimmte Satzteile oder Passagen zu betonen, hervorragend.

Übrigens werden uns beide Erzählungen vor einer passenden Geräuschkulisse vorgetragen. An Anfang, Mitte und Schluss kracht der Donner einer Gewitternacht. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer. Wenn’s richtig heimelig wird, schaudert’s uns am liebsten.

_Das Booklet_

Allein schon das Cover-Design ist genau der Epoche angemessen, aus der die Erzählungen stammen: dunkelbraunes Lederimitat mit Leinenrücken. Darauf ein sepiabraunes Etikett mit den Autorennamen, dem Titel, dem Untertitel und den Namen der Sprecher. Einzig der Titel selbst fällt aus dem Rahmen, denn damals war diese Times-Roman-Schrift nur wenig verbreitet, wage ich zu behaupten. Dafür wirkt der handschriftlich in roter Tinte eingetragene Untertitel „Die Erzählungen“ doch ziemlich authentisch.

_Unterm Strich_

Sollte man dieses Hörbuch kaufen, wenn man bereits [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 besitzt? Nicht unbedingt, denn dort findet man die Byron-Story schon in voller Länge (oder besser: Kürze). Das Hörbuch lohnt sich jedoch vor allem wegen der endlich in voller Länge vorgetragenen Polidori-Story, deren literarische Qualitäten ich bereits oben gelobt habe.

Zwei der besten deutschen Sprecher – man könnte auch Sprachkünstler sagen, wenn es nicht so hochtrabend klänge – tragen die beiden Erzählungen nach allen Regeln der Kunst vor. Donner rollt, ein Kaminfeuer prasselt, und wir lassen unsgerne von diesen Schauergeschichten unterhalten. Ich könnte diese Storys immer wieder hören und doch stets etwas Neues entdecken.

|56 Minuten auf 1 CD
The Vampyre – Fragment of a Novel, 1819, aus dem Englischen von Bernd v. Guseck, ca. 1850;
The Vampyre. A Tale, 1819, aus dem Englischen von Helmut Splinter, 2004|

Wer an Ripper Records schreiben möchte, benutzt am besten die schaurig-sinnige Adresse jack@ripperrecords.de!

Thieme, Anja – Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney

_Fantasy in Leinen_

„Orkneys Söhne. Die Lebenserinnerungen des Mordred of Orkney“ gibt es bislang nur in einer gebundenen Ausgabe des Verlags |Neue Erde| mit einem Volumen von 634 Seiten inklusive Anhang. Ich kann an dieser Stelle dem Buch zugute halten, dass es sich um eine wirklich schön gemachte Ausgabe handelt, gebunden in dunkelblaues Leinen mit einem gewebten Lesebändchen und einem sogar ganz nett aussehenden Schutzumschlag. Das Schriftbild ist absolut in Ordnung und sehr schön finde ich sogar die ungewöhnlich gestalteten Teilüberschriften. Dazu bietet das Buch einen reichhaltigen Anhang aus Stammbäumen, Fußnoten, Karten, Personenregister und einer Danksagung der Autorin. So viel Stil hat allerdings seinen Preis. 25,80 Euro müsst ihr derzeit für dieses Werk auf den Tresen legen.

_Anja Thieme – nie gehört?_

Nicht viel ist über Anja Thieme herauszufinden. Die Tochter einer Buchhändlerin und eines Verlagskaufmanns arbeitete bereits früh als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung und verfasste Kurzgeschichten, hat anschließend sympathischerweise ein Germanistik-Studium hingeworfen, schrieb weiterhin Kurzgeschichten und Gedichte und interessiert sich für Historik. Soweit ich feststellen kann, ist „Orkneys Söhne“ ihr bisher einziger veröffentlichter Roman.

_Sex and Crime an König Artus‘ Hofe_

Artus-Geschichten gibt es in allen Varianten. Unter der Vielzahl der zu diesem Thema veröffentlichten Romane findet man diese Legende aus sehr verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Und auch die Handlung variiert sehr stark. Nun war ich ja sehr gespannt, was eine deutsche Autorin aus diesem Garn für einen Stoff weben würde.

Gwyddion ist ein junger Mann, der bei seiner Mutter Ninian, der Hohepriesterin von Avalion, ausgebildet wird. Als seine Mutter erkrankt, sendet sie ihren Sohn zu Guennera, der ehemaligen Königin, die ebenfalls eine ausgebildete Hohepriesterin sein soll, um diese als „Krankheitsvertretung“ nach Avalion zu bringen. Diese Ereignisse sieht Raven, der König der Orkneys und zugleich der Mann, den Gwyddion als seinen leiblichen Vater kennt, mit seiner Sehergabe. Und Raven sieht die Zeit gekommen, Gwyddion seine Lebensgeschichte zu erzählen. Denn sein Name ist nicht nur Raven, sondern …
Mordred.

Mordred wächst als dritter von fünf Söhnen Königs Lot der Orkneys und seiner Frau Morgause auf. Doch Lot ist – mehr als zu seinen anderen Söhnen – unmenschlich hart und streng mit Mordred und nennt ihn einen Bastard. Mordreds Halt im Leben, seine Stütze und sein bester Freund zugleich ist sein Bruder Gawain (Gawalchmain, Gaven). Da beide Brüder eine seherische Gabe besitzen, werden sie gemeinsam zum Tempel von Avalion zur Ausbildung unter dem Hohepriester Taliesin, dem derzeitigen Merlin gesendet. Doch während Mordred im Glauben des Tempels aufgeht und bald selbst zum Druiden der dunklen Göttin Morrigan und später zum Hohepriester Avalions geweiht wird, fürchtet sich Gawain vor der dunklen Seite der Götter und verlässt den Tempel vor seiner Initiiation, um sich gemeinsam mit dem ältesten Bruder Agravain der Tafelrunde König Artus’ anzuschließen.

Mordred folgt seinen Brüdern dorthin, um als Merlin und Ratgeber an Artus’ Hof zu dienen und erkennt sehr schnell, dass er der Sohn des Königs ist. Das wäre ja schon arg genug, dass Lot mit seinen Bastard-Unkenrufen recht gehabt hätte, doch die Situation ist zusätzlich verzwickt, da Artus und Morgause Stiefgeschwister sind – zwar nicht blutsverwandt, doch das Volk sieht sie als Bruder und Schwester und das macht eine jede heiße Liebesnacht der beiden zu Inzest und bringt zudem Mordred in die Zwickmühle, mit Artus einen Onkel und Vater in der gleichen Person zu haben. Doch Artus ist gar nicht unerfreut, und einen Sohn zu haben, kommt ihm ganz gelegen, denn seine Frau Guennera kann keine Kinder bekommen und Lancelots Sohn Galahad, der für den Fall, dass Artus ohne leiblichen Sohn sterben sollte, als Erbe bestimmt ist, taugt eher zum Priester als zum König.

Guennera, eine Frau von überragender Schönheit und natürlich viel jünger als Artus, der mit ihr lediglich eine politische Heirat geschlossen hat, ist eine nicht nur überzeugte, sondern geradezu fanatische Christin und zofft sich mit dem heidnischen Hohepriester Mordred und auch dessen Geliebter, der Hohepriesterin Ninian, wo sie nur kann. Als sie zu weit geht und die Götter beleidigt, beschwören Mordred und Ninian einen Fluch auf die Königin herab, der ihr wahres Wesen zeigen soll. Und dieser Fluch bewirkt, dass Guennera, die schon immer etwas für Lancelot übrig hatte, komplett den Verstand verliert und sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit dem Oberst und besten Freund ihres Mannes des Königs unter lautem Stöhnen und lustvollem Gequietsche ins Heu verzieht. So geht das eine Weile. Mordred verhandelt indessen im Namen seines königlichen Vaters mit den ehemals feindlichen Sachsen um ein Bündnis gegen die einfallenden Römer. Und als er zurück am Hof ist, erscheint einigen dort das Bild des Grals, mit dem bekannten Ergebnis der Gralssuche, der sich auch Lancelot anschließt. Guennera ist indessen durch ihren Fluch komplett von der Existenz der Götter überzeugt, doch Mordred zögert, den Fluch von ihr zu nehmen und lässt sie aus persönlicher Rachsucht noch ein bisschen länger schmoren. Dadurch zieht er selbst sich den Zorn der Göttin zu, die ihn damit bestraft, dass er mit der Auflösung des Fluchs erkennt, dass er selbst in Guennera, seine Königin und Stiefmutter verliebt ist. Das kann natürlich nicht gut ausgehen …

_Mordred und Artus in der Legende_

Mordred (auch Medraut, Modred, Medrawd) ist in den Varianten der Artus-Legende, die wir heute kennen, zumeist der klassische Bösewicht. Die älteste historische Quelle zur Artus-Sage jedoch, die „Annales Cambriae“ gibt keinen Grund, das von ihm anzunehmen. Zwar ist darin die Rede davon, dass sowohl Artus als auch Mordred bei der Schlacht von Camlann im Jahre 537 fallen, doch gibt es darin keinen Anhaltspunkt, der besagt, ob sie auf der gleichen oder auf unterschiedlicher Seite gekämpft haben. Auch auf eine bestehende Verwandtschaft zwischen den beiden gibt es darin keinen Anhaltspunkt.

Eine weitere walisische Quelle, der „Traum von Rhonabwy“ nennt Mordred schlicht als Neffen Artus’, was er ja auch als Sohn Morgauses wäre.
Erst in Geoffrey of Monmouth’s „Historia Regnum Brittonum“ aus dem Jahre 1136, also fast 600 Jahre „Stille Post“ und eifriges Rätselraten später, erscheint Mordred (immer noch als Artus’ Neffe) das erste Mal als Verräter, der den Untergang Camelots und den Zerfall des Artus-Reiches herbeiführt, Artus’ Frau Guinevere heiratet und ihm den Thron streitig macht.

Und erst im Vulgate-Zyklus schließlich, einer französischen Sammlung von Texten über Artus, wird erstmals behauptet, Mordred sei Artus’ Sohn aus einer inzestuösen Beziehung mit seiner Schwester Morgause, der Königin von Orkney. Dabei sind sich auch diese schon nicht mehr ganz so frühen Quellen nicht über die Schuldzuweisung des Inzests einig; wird in einigen behauptet, beide hätten sich ohne über ihre Verwandtschaft zu wissen, einander hingegeben, so wird in einer anderen Quelle behauptet, Morgause habe ihren Bruder absichtlich getäuscht und ihren gemeinsamen Sohn Mordred als Erpressungsmittel gegen ihn genutzt. Doch eine wieder andere Variante gibt auch Artus die Schuld und behauptet, er habe sich als Morgauses Ehemann Lot verkleidet.

_Fantasy oder Historischer Roman?_

Schon schön, wenn sich die historischen Quellen – sofern überhaupt vorhanden – derart uneinig sind wie im Fall der Artus-Legende. Dann kann man sich als Autor von jeder Variante sein Lieblingshäppchen rauspicken und trotzdem mit der eigenen Recherchearbeit angeben. Das hat Frau Thieme sich wohl auch gedacht und fleißig ausgenutzt. Wo dann noch Lücken in der Geschichte blieben, hat sie diese bunt durchmischt gefüllt mit einem lustigen Potpourri aus historischem Wissen und noch mehr Phantasie und Fantasy.

Man möge mich nicht falsch verstehen, ich finde das nicht verkehrt. Wie soll man auch sonst in einem Fall wie der Artus-Sage vorgehen, wenn niemand nichts Genaues weiß? Aber das bedeutet eben auch unbedingt, dass ich dieses Buch als Fantasy oder meinetwegen als historische Fantasy einordne – ein historischer Roman ist es für mich nicht. Doch Frau Thieme macht hier und da den Eindruck, dass sie mit ihrer Version der Sage ernst genommen werden will. So finden sich im Text zahlreiche Fußnoten, die dann im Buchanhang Hintergründe erläutern, die belegen, dass sich die Autorin durchaus mit der Zeit und der Materie beschäftigt hat, und dem Buch eine gut recherchierte Note wie quasi bei einem historischen Roman verleihen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich letzten Endes nur um eine Themenvariante handelt, eine Spinnerei, wie es hätte gewesen sein können. Einige dieser Fußnoten sind übrigens denn auch für Verständnis und Hintergrund der Geschichte völlig belanglos und merkwürdig aus dem Zusammenhang gerissen, als ob die Autorin ihr Allgemeinwissen unter Beweis stellen wollte.

Die Story selbst ist sowohl von Atmosphäre und Schreibstil her als auch von der Charakterisierung der Hauptpersonen in zwei Hälften gespalten – vor und nach der entstehenden Liebe zwischen Mordred und Guennera.

Der erste Teil zeigt uns einen kecken Mordred; ständig eine dralle Maid auf dem Schoß, ist er ein verlässlicher Freund und Bruder, aber er kann auch boshaft sein und, wenn man ihn zu sehr reizt, auch rachsüchtig. Das stört mich nicht, im Gegenteil, dieser Mordred ist ein sympathischer „Bösewicht“, eine faszinierende, dunkle Persönlichkeit zwischen all den farblosen „guten“ Christen Camelots, sein Charakter ist tief und wirkt auf mich überaus anziehend. Ich bin selbst halb verliebt in diesen Mordred, der links den Becher und rechts die Weiber stemmt, seine böse Zunge nicht zurückhält und doch den Menschen, die er liebt, stets Loyalität beweist. Überhaupt trieft dieser erste Teil des Buches nur so vor Sex. Ganz Camelot scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als sich von einer Orgie in die nächste zu stürzen. Die ganze Pallette der sexuellen Ausschweifungen ist hier vertreten: Untreue Ehefrauen (Ehemänner sowieso), dralle Mägde, flotte Dreier und Vierer und rituelle Liebesakte zur Ehrung der Götter – so viel ist davon vertreten, dass es mir schon wieder etwas zu viel ist. Und auch gebechert wird heftig.

Doch dann kommt der Bruch. Die Strafe der Göttin. Und sie trifft nicht nur Mordred, sondern auch mich. Aus dem Mann, den ich eben noch nicht von der Bettkante gestoßen hätte, wird ein depressiver, von Liebeskummer umnachteter Junge. Aus dem schwarzen Hengst wird ein kolikkranker Wallach. Und in ein spannendes, mitreißendes Buch schiebt sich eine alberne, kitschige Liebesroman-Atmosphäre, begleitet von Unglaubwürdigkeiten. Nun – zumindest stellenweise. Da wäre zunächst einmal Guennera. War sie im ersten Teil noch „der Feind“, von fanatisch christlichem Glauben und erschien wie der Fluch von Camelot, so erlebt sie nun in der zweiten Buchhälfte die völlig unglaubwürdige Verwandlung in eine Hohepriesterin des keltischen Glaubens mit Sehergabe. Und Mordred. Mein Mordred! Eben noch ein sinnenfreudiger Casanova, wird er plötzlich reduziert auf sehnsüchtige, liebeshungrige Blicke. Und nicht nur das. Frau Thieme „rechtfertigt“ die Liebe zwischen Mordred und Guenevera auch noch damit, dass beide bereits in einem früheren Leben vereint waren. Dass ihre Verbindung zum Wohle des „Landes“ von den Göttern geplant ist. Nein, das war zwar auch im ersten Teil schon ein „Fantasy“-Roman, aber jetzt wird es mir einfach zu bunt!

… und zugleich zu trist.
Denn ab dieser verbotenen Liebe zwischen Stiefsohn und Stiefmutter mischt sich denn nun auch die bei diesem Thema natürlich vorprogrammierte Endzeitstimmung in das Buch. Dem Leser schwant nichts Gutes. Aber da der Bruch in zwei Teile bereits ziemlich genau in der Mitte des Werkes passiert, zieht sich diese Depri-Phase denn auch über mehr als 300 Seiten hin. Fortan ist Mordred hin- und hergerissen. Loyalität gegenüber dem Vater oder endlich Kissenschlacht mit Stiefmama? Und um ihn herum sinkt auch der Rest von Camelot so langsam in den Morast.

Lancelot, den wir aus so manch anderer Variante der Artus-Sage als strahlenden Ritter für die gute Sache kennen (wenn natürlich auch mit dem nahezu nichtigen Abstrich, dass er mit der Frau seines Freundes und Königs ins Bett geht) mutiert unter der Feder von Frau Thieme zu unserem neuen Bösewicht. Denn so ganz ohne schwarzes Schaf und Feindfigur schafft es auch diese Autorin nicht. Jemandem muss man ja die Schuld in die Schuhe schieben …. Hier ist es also Lance (nein, das habe ich mir nicht noch halb im Tour-de-France-Fieber ausgedacht, Lancelot wird tatsächlich im Buch so genannt, das wirkt auf mich so überhaupt nicht nach 500 n. Chr., ein echter Stilbruch zwischen so viel mühseliger Recherchearbeit …), der hinterhältig Verrat begeht und es auf Artus’ Thron und Frau abgesehen hat. Dabei sind Vater und Sohn Pendragon ihm gehörigst im Wege.

Mordred erscheint uns hier nicht als Thronräuber. Da er ein geweihter Druide ist, hat er zunächst kein Interesse daran, seinem Vater als Hochkönig auf den Thron zu folgen. Seine Interessenslage ist einfach anders. Dass er letztlich doch seiner Thronfolge zustimmt, erklärt die Autorin damit, dass das Land selbst es so will:
(„Plötzlich flackerten Bilder vor meinen Augen, gegen die ich mich verzweifelt wehrte, doch ohne daß ich es verhindern konnte, wurde ich zum Raben und flog über das Land. Wachend und suchend. Ich flog mit dem goldenen Drachen. Getragen von seinen gewaltigen Schwingen. Gleichzeitig riß der Nebel um Avalion auf und die Wolkendecke auch. Da lag die Insel in strahlendem Glanz vor mir. Ich konnte die blühenden Apfelbäume an ihrem Ufer sehen. VERNIMM DEN RUF, MORDRED OF ORKNEY, RABE, SOHN, PRIESTER. Und es geschah, das Land bat mich, forderte nachdrücklich sein Recht, sang meinen Namen, ein ewiges auf- und abschwellendes Lied, das mein weit geöffnetes Herz erreichte und erhört wurde. Artus wandte sich um und lief langsam in Richtung der Zelte. ‚Halt!‘, rief ich, noch immer in der Sicht. Meine ganze verwundete Seele schrie auf. ‚Ich tue es. Ich nehme den Reif an. Nicht Galahad, er ist zu schwach, es ist falsch. Ich muß, das Land fordert es.‘ …“ S. 194)
Für mich ist das einfach zu dick aufgetragen. Quer durch das Buch zieht sich diese vor Pathos triefende Verbindung zwischen Mordred und „dem Land“ und wenn ich auch Fantasyelemente wie Magie und Götter in „Orkney’s Söhne“ sehr gut dargestellt finde, hier endet die Begeisterung für mich.

Dann haben wir noch Artus, der im ersten Teil ein weiser Hochkönig sein darf, der Britannien geeint hat. Da wirkt er noch, wie ein großer König wirken muss: weise und majestätisch. Im zweiten Teil fragt man sich nur noch, wer dieser Artus eigentlich ist, dass er nicht sieht, dass seine Frau mit seinem Armeeführer fremdgeht. Dass er nicht sieht, dass sein Sohn sich in sie verliebt hat. Dass er nicht sieht, dass Lancelot ihn verrät. Dass er durch ein falsches Urteil zwei von Mordreds Brüdern auf dem Gewissen hat. Und dass überhaupt immer seltener im Buch die Rede von ihm ist und Frau Thieme ihn einfach wegrationalisiert. Von dem weisen König aus der ersten Hälfte finde ich hier keine Spur mehr. Stattdessen verkommt Artus zu einem schwachen Kerl, der dem erstbesten Schwätzer alles für bare Münze abnimmt.

Den wesentlichen Teil der Geschichte machen die Erinnerungen Mordreds aus der Perspektive des Ich-Erzählers aus. An einigen Stellen wird der Text jedoch durch kursiv eingeschobene Passagen durchbrochen, die uns in ein Geschehen blicken lassen, an dem Mordred nicht selbst beteiligt ist. Dabei handelt es sich dann entweder um Erlebnisse der anderen Personen oder auch um Dinge, die Mordred mit seiner Gabe „sieht“. Dadurch umgeht Anja Thieme geschickt die Einschränkungen, die einem Autor durch Verwendung der ersten Person aufgelegt sind, und kostet zugleich die Intimität mit dem Leser aus, die diese Schreibweise dennoch bietet. Der Schreibstil ist relativ ausführlich und gefühlsbetont, an manchen Stellen sogar andeutungsweise poetisch. Im Großen und Ganzen fand ich den Erzählstil zwar dennoch eingängig, an einigen Stellen passiert aber schon mal ein stilistischer Lapsus, gibt es mal eine merkwürdige Formulierung und dazwischen fallen mir immer wieder ein paar Sätze auf, die ganz süß zweideutig oder missverständlich formuliert sind. Ein schönes Beispiel von Seite 565: „Agravain ist schon die ganze Zeit allein auf den Orkneys. (…) Wer weiß, ob er sich nicht schon zu Tode getrunken hat. Wenn nicht, kann ich ihm vielleicht helfen.“ Sehr gut gelungen finde ich hingegen die Einflechtung von Liedern und Gedichten in den Text – etwas, das mich sonst in vielen Büchern langweilt und anödet, hat die Autorin hier wirklich mit Gefühl vollbracht.

_Fazit_

Nun habe ich in meiner Kritik und Meinung so viel über das Buch hergezogen und muss doch letzten Endes zugeben, dass es mir dennoch sehr gut gefallen hat. Wie kommt’s? Nun, es fällt zunächst immer etwas einfacher zu motzen. Mir fallen tausend Kleinigkeiten auf, die mich stören, aber es ändert nichts daran, dass ich dieses Buch mit Begeisterung gelesen habe, mich in die Geschichte katapultiert sah, mit Mordred gelitten habe und von dem Britannien um Fünfhundernochwas nach Christus, so wie Anja Thieme es aufzeigt, sehr angetan bin. Zwar kann ich dieses Buch nicht als historischen Roman durchgehen lassen, aber als historisch oder legendenangehauchte Fantasy ist es wirklich sehr gut gelungen. Für die erste Hälfte würde ich denn auch gerne eine „Unbedingt Lesen“-Empfehlung aussprechen, doch leider fallen Spannung und Lesefreude in der zweiten Hälfte des Buchs merklich ab. Trotzdem würde ich jederzeit wieder ein Buch der Autorin mit dieser oder einer ähnlichen Thematik lesen.

Richard Condon – Der Manchurian Kandidat

Das geschieht:

1951 gerät in Korea ein US-amerikanischer Spähtrupp in einen chinesisch-sowjetischen Hinterhalt. Die Männer werden in die nordostchinesische Mandschurei verschleppt, wo sie der Neurologe Yen Lo einer neuen Form der Gehirnwäsche unterzieht. Aus jungen Patrioten werden kommunistisch programmierte „Schläfer“, die als Kriegshelden in die USA zurückkehren, während sie weiterhin geistig „ferngesteuert“ werden.

Sergeant Raymond Shaw ist ein idealer (mandschurischer) Kandidat für dieses Projekt. Als Sohn einer einflussreichen Familie hat er Kontakte bis ins Weiße Haus. Er sieht gut aus und kommt in den Medien an. Das verschafft ihm die notwendige Bewegungsfreiheit. Richard Condon – Der Manchurian Kandidat weiterlesen