Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Anuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi, halb Mensch, halb Tier, weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote Krieger sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern im Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

|Die Freunde|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und von zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden Wales‘, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste Unwahrheit erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen furchteinflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Als Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit, revanchiert sich der Gerettete.

Selbst die Zwerge dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangen nimmt, heißt Achren und ähnelt eine weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander, und ihre Konfrontation Gwydions wird nur indirekt berichtet. Daher fehlt dieser Episode etwas der Pfiff. Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. Das ändert sich in den Folgebänden. Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann. Die Übersetzung von „Märchenonkel“ Otfried Preußler („Krabat“) ist sehr gelungen.

Die Taschenbuch-Ausgabe bei |Bastei Lübbe| löst die ältere deutsche Ausgabe ab. Mittlerweile liegt der Zyklus komplett bei |Lübbe| vor. Die Illustrationen von Johann Peterka stimmen am Anfang jedes Kapitels stilecht auf die Geschichte ein. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“. Das könnte etwas verwirren. (Auf Mail-Anforderung hin schicke ich euch eine Übersicht.)

Man darf auf die vier weiteren Romane des |Prydain|-Zyklus gespannt sein. Am Schluss folgt dann noch eine Erzählungensammlung, die zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint: „Der Findling und andere Geschichten aus Tarans Welt“. Dort wird dann auch erzählt, wie der Schmied Coll überhaupt zu seinem Orakelschwein Hen Wen kam. (Schweine spielten für die walisische Landwirtschaft eine wichtige Rolle, weil sie leicht zu halten waren – etwa im Wald – und nicht so viel Futter erforderten wie Rinder. Sie sind die Kühe des kleinen Mannes. Dementsprechend tauchen sie häufig in Waliser Legenden auf, wie etwa im „Mabinogion“.)

Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“.

Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel

Obwohl der Autor Vernor Vinge (* 10. Oktober 1944) der modernen Space-Opera entscheidende Impulse geben konnte, ist er doch eher unbekannt, zumindest in Deutschland. Unverdient, aber aus einleuchtendem Grund, ist er doch nicht gerade ein Vielschreiber, seine beiden bekanntesten Werke sind „Ein Feuer auf der Tiefe“ (1992) und „Eine Tiefe am Himmel“ (1999), diese beiden leicht merkwürdig betitelten Romane bürgen jedoch für Qualität: Beide gewannen jeweils einen |Hugo Award| und wurden für den |Nebula| nominiert, hierzulande gewann „Eine Tiefe am Himmel“ zudem den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis.

Der Mathematiker und Computerwissenschaftler Vinge dozierte bis zum Jahr 2002 an der |San Diego State University|, seitdem konzentriert er sich ganz auf seine schriftstellerische Tätigkeit. Man kann also für die Zukunft viel von ihm erwarten.

Seine Konzeptionen eines möglichen Cyberspace, sowie seine Theorien zu technologischer Singularität (d.h. Fortschritt maschineller Intelligenz zu einem Grad, den der erschaffende Mensch geistig nicht mehr erfassen kann), Nanotechnologie und lernfähigen Netzwerken, bis hin zur künstlichen Intelligenz, aber auch menschlicher Evolution und gesellschaftlicher Entwicklung bis hin zur Transzendenz stellen den Kern seines Werkes dar.

Dabei mischt Vinge bekannte Elemente, zum Beispiel die Newsgroups des Usenet, mit phantastischen Elementen seiner Erzählung und schafft so eine oft lehrreiche Verbindung von Bekanntem mit neuen Konzepten.

_Die Entdeckung neuer Welten und Zivilisationen_

„Eine Tiefe am Himmel“ spielt 20.000 Jahre vor dem Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“, den man |nicht| kennen muss, beide Romane sind vollständig unabhängig voneinander lesbar.

Die Menschheit hat noch nicht die notwendigen Voraussetzungen für überlichtschnelles Reisen entwickelt, und so fliegen Raumschiffe und ihre im Kälteschlaf liegenden Besatzungen Jahrhunderte zwischen den Sternen. Zahlreiche menschliche Zivilisationen sind während vieler Jahrtausende entstanden und untergegangen, zurückgefallen in die Barbarei und wieder aufgestiegen zur Raumfahrt. Doch eine Zivilisation ist etwas Besonderes, die Händlerzivilisation der |Dschöng Ho|. Gegründet von einer Händlerin und einem ehemaligen Barbarenprinzen des Mittelalters, dem legendären Pham Nuwen, stellt diese eine Ausnahmeerscheinung dar: Die Flotte der Dschöng Ho, benannt nach einem chinesischen Entdecker, sendet Wissen in einer Art galaktischen Wikipedia aus, überall wo Dschöng-Ho-Schiffe den Weltraum durchkreuzen.

So erreichen Zivilisationen, sobald sie den Funk entwickelt haben, schneller ein raumfahrendes Niveau, raumfahrende Zivilisationen erfahren Nachrichten aus der ganzen Galaxis und gewisse Standardtechnologien werden so weiterverbreitet und bewahrt – gemäß dem Traum Pham Nuwens, dessen Meinung nach eine intergalaktische Zivilisation nur auf lange Frist bestehen kann, wenn sie Hilfe von „außen“ erhält, genauso wie gestrandete Raumfahrer nur mithilfe einer Zivilisation und deren Industrie den Keim der Technik bewahren können.

Bis auf Spuren einer untergegangenen Rasse, und eine in frühen Entwicklungsstadien befindliche, hat die Menschheit aber noch keinen Kontakt mit extraterrestrischer Intelligenz gehabt. So ist es eine Sensation, als man vom fernen „EinAus-Stern“ fremdartige, nichtmenschliche Funksignale empfängt. Ein Familienclan der Dschöng Ho macht sich sofort auf den Flug zum fernen Stern, der schon vorher Beachtung fand, da er regelmäßig für Jahrzehnte hell erstrahlt, um dann für eine fixe Periode zu erlöschen.

Bei der Ankunft erwartet die Dschöng Ho jedoch eine nicht ganz so freudige Überraschung: Eine in Nähe zum EinAus-Stern, zwischenzeitlich in die Barbarei zurückgefallene Zivilisation ist ebenfalls nahezu zeitgleich eingetroffen – auf einem niedrigeren technologischen Stand, aber mit viel mehr Ausrüstung und Personal. Ironischerweise haben die sogenannten „Aufsteiger“ sich das überall im Menschenraum verbreitete Wissen der Dschöng Ho angeeignet, ebenso die menschliche |lingua franca|.

Kommunikation ist somit kein Problem, nur traut man einander kein bisschen: Die Aufsteiger und ihr Anführer Tomas Nau gehören vermutlich, so kann man den bekannten Daten über sie entnehmen, einer faschistisch orientierten Sklavenhaltergesellschaft an. Höchste Vorsicht ist geboten, doch die Aufsteiger haben einen Trumpf in der Hinterhand, mit dem die Dschöng Ho nicht rechnen können …

Der Coup der Aufsteiger gelingt, auch wenn in einer Raumschlacht beide Flotten sich schwersten Schaden zufügen und die überlebenden Dschöng Ho in den Dienst der Aufsteiger gepresst werden müssen. Sie sabotieren die Pläne des „Hülsenmeisters“ Tomas Nau, doch dieser spielt mit ihnen und kann schließlich sogar Nutzen aus den Anschlägen ziehen: Gezielte Fälschung von Tatsachen und Fakten und seine „Geheimwaffe“ machen es möglich.

„Fokus“ ist es, was die Aufsteiger zu einer Sklavenhaltergesellschaft gemacht hat. Eine im Heimatsystem der Aufsteiger wütende Krankheit, Geistesfäule genannt, wurde bezwungen und ihre einzigartigen Möglichkeiten entdeckt: Entsprechend konditionierte Menschen werden auf dem jeweiligen Fachgebiet zu Spezialisten, die ihre ganze Kapazität nur noch auf einen Bereich konzentrieren. Ein normaler Mensch wird zum Spezialisten, ein begabter Mensch oder gar ein Genie wird durch „Fokus“ zu übermenschlichen Leistungen befähigt, bedarf aber der Koordination durch normale Menschen.

So wurde die Gesellschaft der Aufsteiger geboren, die Hülsenmeister wurden Herren und Meister effizienter und stets gehorsamer Sklaven.

Aufsteiger und Dschöng Ho haben sich gegenseitig so schwer geschädigt, dass man auf Hilfe der Spinnenwesen angewiesen ist, die in Kürze erwachen werden: Gemäß den Theorien Pham Nuwens können sie sich ohne die technische Unterstützung einer Zivilisation nicht mehr selbst helfen.

Während überlebende Dschöng Ho in einer Atmosphäre der perfekten Überwachung und nahezu totalen Kontrolle verzweifelt einen Aufstand planen, ist Hülsenmeister Tomas Nau schon am überlegen, wie er die Spinnenwesen täuschen, unterwerfen und seinen Zwecken dienlich machen kann …

_Die Spinnen in ihren Tiefen_

Während sich im Weltraum ein Drama abspielt, erwacht die Spinnheit und macht dank ihres Universalgenies Scherkaner Unterberg gewaltige Fortschritte: Er ist ein Mix aus Armstrong, Oppenheimer, Einstein, Hawking und Hannibal. Als erster Spinn bezwang er das „Dunkel“ und bewegte sich an der Oberfläche der Welt während der „Aus“-Phase der Sonne voran, sabotierte Versorgungsdepots hinter der Front und entschied so einen Krieg.

Die Entdeckung der Kernkraft ermöglicht es zukünftigen Generationen, auch während des Dunkels zu leben und nicht in Winterschlaf verfallen zu müssen, was eine ganze Reihe sozialer und religiöser Probleme auslöst: So kommt es zum Eklat, als Scherkaners zur „Unzeit“ geborene Kinder in seiner populären Radiosendung „Die Kinderstunde der Wissenschaft“ auftreten – diese Kindersendung gibt den Menschen übrigens am meisten Aufschluss über Sprache und Technologie der Spinnen. Kinder während der Ein-Phase des Sterns zu zeugen, ist moralisch nur bei deren Beginn angebracht, damit die Kinder fertig ausgebildet sind und den Kälteschlaf der kommenden Dunkelphase überstehen können. Doch nicht nur Gutes geht mit der Kerntechnik einher: Viele Nationen können Grundlagen erbeuten, aber nicht genug, um ebenfalls Kernreaktoren zu bauen, doch für Atombomben reicht das Wissen bereits aus …

Konflikte zwischen fundamentalistischen Staaten und Unterbergs Nation werden gezielt von den Aufsteigern geschürt. Unterberg ist mittlerweile alt und senil geworden, seine Freunde haben keine Ahnung von der Gefahr, Wissenschaftler und Personen, die außerirdischen Einfluss vermuten, werden für verrückt erklärt …

Derweil tut sich auch bei den Menschen einiges: Tomas Nau würde es wohl nicht glauben, aber sein großes Vorbild, der legendäre Pham Nuwen, ist einer der versklavten Dschöng Ho. Nuwen erkennt den Nutzen des Fokus, würde ihn gerne für seine Zwecke gebrauchen, er hat einige Trümpfe in der Hinterhand, um das perfekte System auszuschalten, die er raffiniert zu nutzen weiß …

_Liebenswerte Spinnen und faszinierende Ideen_

Vinge beweist viel Phantasie – seine Ideen einer kosmischen Zivilisation und sein Held Pham Nuwen konnten mich begeistern. Phams Geschichte ist nur eine von vielen, aber mit Abstand die interessanteste: Als Barbar auf dem mittelalterlichen Planeten Canberra geboren, wurde er Liebhaber der älteren raumreisenden Händlerin Sura Vinh und gründete mit ihr das Handelsimperium der DschöngHo, Familienclans, die von einer gemeinsamen Idee zusammengehalten werden. Diese Ideen werden bestätigt: Ohne die Hilfe einer Zivilisation würden Aufsteiger und Dschöng Ho im EinAus-System nicht überdauern können, geschweige denn jemals wieder starten können.

Aber auch andere Schicksale werden beleuchtet: So das des Anwärters Ezr Vinh; nachdem Nau alle Führungsoffiziere umgebracht hat, ist er der überforderte neue Anführer der zur Kooperation genötigten Dschöng Ho. Seine Freundin Trixia Bonsol ist fokussiert, ihr Talent als Übersetzerin der völlig fremdartigen Spinnensprache unerreicht – Nau wird sie wohl niemals vom „Fokus“ befreien. Die Aufsteigerin Anne Reynolt ist ein besonderer Fall: Sie ist eine der wenigen Personen, die man auf Menschenführung fokussieren konnte. Sie kontrolliert die „Blitzköpfe“ genannten Fokussierten, welche Überwachung und Abwehr von Rebellionen sowie die Automatik der Aufsteigerschiffe koordinieren. Das Besondere, geradezu Zynische an ihrem Schicksal: Sie war eine der erbittertsten Gegnerinnen der Aufsteiger … bis man sie fokussiert hat. Eine weitere tragische Figur ist Qiwi Lisolet, die Tochter der ehemaligen Kommandatin, die von Nau als Geliebte missbraucht wird – sobald sie ahnt, dass er sie über gewisse Fakten der Vergangenheitbelügt und betrügt, wird sie neu „konditioniert“ und einer Gehirnwäsche unterzogen, ihre Erinnerung teilweise gelöscht.

Wenn man „Ein Feuer auf der Tiefe“ und die dort vorgestellten Ideen kennt, weiß man, dass Vinge den Menschen als limitierenden Faktor der Entwicklung ansieht – die Technologie ist ihm weit voraus, der Mensch ist kaum imstande, sie voll auszunützen. „Fokus“ kann das zum Teil beheben – etwas, das auch der geheim eine Revolution planende Pham Nuwen ahnt. „Fokus“ würde seinen Traum einer effizienter operierenden Dschöng Ho ermöglichen, die Welten vor dem Rückfall in die Barbarei rettet, was ihm selbst nur ein einziges Mal gelang, aber zu seinem legendären Ruf beitrug. Aber ist der Preis des „Fokus“ es wirklich wert? Wie wird Nuwen sich entscheiden?

Interessanter als die Probleme der Menschen sind jedoch die Spinnenwesen: Feldwebel Hrunkner Unnerbei, der geniale Scherkaner Unterberg und seine Frau Generalin Viktoria Schmid sowie ihre Familie und die gesamte Spinnenzivilisation wachsen dem Leser ans Herz. Die menschlichen Namen erklärt Vinge auf gerissene Weise: Die wahren kann kein Mensch aussprechen, aber sie entsprechen dem Wesen der Spinnen am ehesten und wurden ihnen von der Übersetzerin Trixia Bonsol verliehen. Diese muss auch für die „Vermenschlichung“ der spinnischen Verhaltensweisen herhalten.

Hier macht es Vinge sich allerdings ziemlich leicht; Spinnen, die sich in ihren Tiefen während des Dunkels durch während dieser Zeit gegrabene Tunnel gegenseitig „vergasen“ und ähnliches, all das erinnert an die Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg, ebenso die Entdeckung und Nutzung der Atomenergie als Waffe. Der technische Stand und die Entwicklung der Spinnen, Fernsehen und Radio zum Beispiel, sind eine exakte Kopie menschlicher Entwicklungsgeschichte. Religiöse Moralvorstellungen, Terroranschläge, revolutionäre soziale Neuerungen – all das ist ein Spiegel der Menschheit, keine wahrhaft fremdartige Rasse/Zivilisation.

Dies ist auch einer der wesentlichen Kritikpunkte an der „Tiefe“: Faszinierende Analogien bei größerer Fremdartigkeit bot bereits der Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“ (wobei hier eine andere „Tiefe“ gemeint ist). Ebenfalls fehlt mir ein wenig der |sense of wonder|, den transzendente Superintelligenzen und überlichtschneller Raumflug sowie Vinges Gliederungen der Galaxis in gewisse Zonen der Entwicklung boten.

Dafür menschelt es wesentlich mehr in der „Tiefe“, auch hat Vinge schriftstellerisch noch einmal deutlich zugelegt, seine Charaktere sind deutlich feiner ausgearbeitet und die Konzepte, die er vorbringt, sind einfacher und werden klarer verständlich, wobei er viel mit Analogien arbeitet, zum Beispiel der Bestätigung von Nuwens Theorien im Fall der gestrandeten Flotte und der der Menschheitsentwicklung analog verlaufenden der Spinnen.

Ob der Nachfolger nun besser oder schlechter ist, ist Geschmackssache. Meine Empfehlung ist, zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ zu lesen, da es leichter verständlich ist und chronologisch 20.000 Jahre vor dem zuerst veröffentlichen „Ein Feuer auf der Tiefe“ liegt – zusätzlich gibt die „Tiefe“ dem Charakter Pham Nuwen auf angenehme Weise die Vorgeschichte, die man im „Feuer“ nur in Bruchstücken erfährt. Zudem versteht man die Probleme von Zivilisationen ohne überlichtschnelle Raumfahrt besser, wenn man dieses Buch davor liest.

Wer beide Romane kennt, ist im Urteil gespalten: Handwerklich ist die „Tiefe“ besser, die faszinierenderen Ideen hat meiner Ansicht nach aber das „Feuer“.

Eines ist jedoch sicher: Beide Romane haben ihre |Hugos| zu Recht erhalten, beide haben mich fasziniert und sind eine Empfehlung wert und behandeln zahlreiche hochinteressante Aspekte, bessere und fundiertere Science-Fiction findet man nur selten. Die anspruchsvolle Übersetzung ist Erik Simon wirklich hervorragend gelungen, getrübt nur durch kleinere Fehlerchen des Korrektorats (Buchstabendreher etc.).

Mein Tipp: Zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ lesen und bei Gefallen „Ein Feuer auf der Tiefe“ sofort nachschieben!

Mehr über Vernor Vinge und sein Werk:
http://en.wikipedia.org/wiki/Vernor_Vinge

Graham Masterton – Der Ausgestossene

Das geschieht:

John Trenton trauert: Vor einem Monat kam seine junge Gattin bei einem Autounfall ums Leben. Der Antiquitätenhändler bleibt allein zurück im Quaker Lane Cottage, gelegen auf der Halbinsel Granitehead des US Staats Massachusetts und muss psychologisch betreut werden. Er glaubt daher an eine Halluzination, als sich des Nachts etwas zu manifestieren beginnt, das man für den Geist seiner Ehefrau halten könnte. Allerdings stellte Trenton, dass Nachbarn und Freunde ihm dies ein wenig zu eifrig einreden wollen. Eigene Recherchen ergeben Merkwürdiges: Granitehead stand Ende des 17. Jahrhunderts im Brennpunkt der berüchtigten Hexenprozesse von Salem. Esau Haskett, ein ebenso reicher wie undurchsichtiger Reeder und Händler, der dem Satanismus anhing, konnte sich 1692 nach Granitehead in Sicherheit bringen.

Er kam nicht allein: An Bord der „David Dark“ wwar der aztekische Dämon Mictantecutli. Das Schiff erreichte seinen Hafen freilich nicht, sondern versank, und Haskett tilgte alle Spuren seiner Existenz. Seine Nachfahren folgten diesem Beispiel. Trotzdem ist es auf Granitehead seither nie geheuer gewesen. Graham Masterton – Der Ausgestossene weiterlesen

Eric Larson – Der Teufel von Chicago

Im Chicago der 1890er Jahre verwirklicht der Architekt Daniel H. Burnham eine Weltausstellung, deren Glanz und Größe jedes bekannte Maß sprengt. Gleichzeitig wird der ‚Arzt‘ H. H. Holmes als einer der ersten und schlimmsten Serienmörder aktiv … – Mit immensem Rechercheaufwand und in wunderbarer Sprache lässt Eric Larson das späte 19. Jahrhundert auferstehen. Sein Werk kann ohne Einschränkungen empfohlen werden; dies ist ein „Geschichtsbuch“, das auch den Laien nicht abschrecken, sondern fesseln wird!
Eric Larson – Der Teufel von Chicago weiterlesen

Dooling, Richard – Tagebuch der Eleanor Druse, Das

Eleanor Druse ist eine 75-jährige emeritierte Professorin für Esoterische Psychologie und stammt aus Maine. Sie schickt im Jahre 2003 eine Art Tagebuch an den Schriftsteller Stephen King, der ja auch aus Maine stammt, weil sie glaubt, dass der berühmte Phantastikschriftsteller ihrer Erzählung Glauben schenken wird.

So erzählt sie vom Tod einer alten Bekannten, die nach einem missglückten Selbstmordversuch ins alte |Kingdom Hospital| in Lewiston, Maine, eingeliefert wird. Als Eleanor Druse die alte Frau besuchen will, begegnet sie einem merkwürdigen alten Mann, der ihr seltsam bekannt vorkommt. Als sie dann zusammen mit einer Schwester das Krankenzimmer betritt, ist ihre alte Bekannte tot und Ameisen krabbeln aus ihrem Körper.

Eleanor fällt in Ohnmacht und wacht erst Tage später in einer Klinik in Boston wieder auf, wo sie den arroganten Chefarzt Dr. Stegman kennen und hassen lernt. Dieser möchte Eleanor am liebsten gleich operieren, hält ihre Beobachtungen für einen epileptischen Anfall.
Indem Eleanor brav bei einer medikamentösen Therapie mitwirkt, erreicht sie ihre Rückverlegung nach Lewiston, wo sie den rätselhaften Geschehnissen auf den Grund gehen will, was nicht ganz ungefährlich zu sein scheint, denn die Schwester, die sie ins Krankenzimmer der alten Bekannten begleitet hatte, ist inzwischen durch äußerst merkwürdige Umstände ums Leben gekommen …

Stephen Kings neueste Schöpfung ist das Begleitbuch zu einer amerikanischen TV-Serie, in dem der Autor zwar einerseits einige nette Seitenhiebe und Anspielungen eingebaut hat, welches aber andererseits auch phasenweise sehr nervig wirkt und vor allem zu Beginn (in den Sequenzen, die leider ziemlich ausgedehnt in der Bostoner Klinik spielen) den Leser auf eine harte Probe stellt.

So wird die Geisterjagd im alten Kingdom Hospital erst einmal zurückgestellt zugunsten der intensiven Vorstellung zweier Protagonisten, wie sie enervierender kaum sein könnten.

Da ist zum einen der überaus arrogante, völlig von sich selbst überzeugte Chefarzt der Klinik in Boston. Dr. Stegman, seines Zeichens Gott in Weiß, dabei dermaßen überheblich, dass er reihenweise Patienten zu Tode operiert, weil er aus Selbstüberschätzung mehrere Operationen quasi gleichzeitig durchführt, hat schon viele Gehirntote auf dem Gewissen, ist jedoch jedweder Selbstzweifel abhold. Die hier eingeführte Figur ist dermaßen überzogen bösartig und arrogant, dass sie sogar in einem Comic lächerlich wirken würde.

Dabei wird nicht klar, wer eigentlich widerwärtiger ist, der arrogante Chefarzt oder die spleenige Protagonistin, die weitaus mehr als nur einen Sprung in der Schüssel hat. Denn Eleanor Druse ist überzeugte Esoterikerin, spricht regelmäßig in Gebeten und Meditationen mit dem kosmischen Strom, hat sich selbst vom Krebs geheilt und formuliert angesichts einer gehirntoten Mutter von drei Kindern auf der Intensivstation der Krankenschwester gegenüber Sätze wie: |“Wissen Sie, meine Liebe, mit solchen Tragödien können wir nicht alleine fertig werden, die müssen wir in die Hand Gottes legen. Sie glauben doch an Gott, nicht wahr?“| (Seite 100).

Den arroganten Dr. Stegman erkennt sie in ihrer unendlichen religiösen Weisheit schnell als das, was er ist, nämlich: |“… dass der physische Leib dieses Mannes nichts anderes als eine Hülle für einen abgrundtief bösen Geist darstellt“| (Seite 106). Da kann man ja wohl nur von einer „Achse des Bösen“ reden oder doch vielleicht eher von der „Achse der Blöden“? Wie gut, dass die Protagonistin nicht zu Dämonisierungen und Schwarz-Weißer-Weltsicht neigt!

Während Frau Druse noch ihre Chakren sortiert und alles Böse an die Wand betet, begeht Dr. Stegman eine Schurkerei nach der anderen und der verzweifelte Leser fragt sich händeringend, wann die Handlung endlich wieder ins gespenstische Kingdom Hospital zurückkehrt. Erst auf Seite 129 wird der Leser erlöst, und hätte es King nicht geschafft, zu Anfang der Geschichte ein gerüttelt Maß Spannung aufzubauen, der Rezipient hätte das Werk wahrscheinlich längst frustriert in die nächste Flohmarktkiste gedroschen.

Andererseits muss festgestellt werden, dass es King meisterhaft gelingt, die primitive Sichtweise der Welt durch seine Protagonistin darzustellen. Die religiöse Beschränktheit der Weltsicht vieler Menschen in den USA (vor allem im sogenannten „Bible Belt“) ist auch bei uns mittlerweile bekannt und Stephen King selbst hat z. B. in seinen Werken „Carrie“ und „Children of the Corn“ diesen Hintergrund immer wieder in genialer Weise als Nährboden für unendliches Grauen genutzt. So weiß man als Leser nicht, ob man Kings Ausarbeitung bewundern soll, oder der enervierenden Charaktere wegen die Lektüre sofort beenden sollte.

Dass es dem Autor in der zweiten Hälfte der Geschichte gelingt, die Spannungsschraube wieder anzuziehen, spricht ebenso für ihn wie die eine oder andere köstliche Anspielung. So heißt eine der Schwestern im bespukten Kingdom Hospital z. B. Carrie von Trier (wobei „Carrie“ Kings erster verkaufter Roman war, Lars von Trier wiederum jener Regisseur ist, der bereits eine Fernsehserie über ein gruseliges Krankenhaus gedreht hat, in dem übernatürliche Dinge vor sich gehen).

Vollends bizarr wird es dann auf Seite 187, wo folgendes steht: |“Später erfuhr ich, dass Brick und Liz gerade in die Notaufnahme beordert worden waren, wo höchste Alarmstufe herrschte. Ein berühmter Künstler – einer der bedeutendsten Bürger Maines – war beim Joggen auf der Route 7 bei Warrington’s Inn von einem Kleinbus erfasst und schwer verletzt ins Kingdom Hospital eingeliefert worden, wo sich, mochte es nun Zufall oder eine Fügung des Schicksals sein, bereits die Hauptakteure eines bevorstehenden Dramas sammelten wie von einem Magneten angezogene Eisenspäne.“|

Wer von Stephen Kings schwerem Unfall weiß, der wird unschwer erkennen, wer da gerade eingeliefert worden ist. Während diese Stelle einerseits eine makabere Art von Humor darstellt und zeigt, dass die vorliegende Geschichte wohl auch eine Art Traumabewältigung für den Autor darstellt, so sprechen die hier gewählten aufgesetzten und klischeehaften Metaphern ebenfalls für sich. Sie machen das vorliegende Buch ebenfalls eher schwer zugänglich, wobei andererseits der schlechte Stil der Erzählung eine gewisse Authentizität verleiht, so als habe tatsächlich eine alte Dame mit erheblichem Dachschaden den ganzen Unsinn verzapft und dabei sprachlich immer wieder ganz tief in die Klischeekiste gegriffen.

Genau dies macht die Beurteilung des vorliegenden Werkes so schwer: Ist es nun einfach genial oder einfach nur genial daneben? Wie dem auch sei, das unbefriedigende offene Ende lässt befürchten, dass Fortsetzungen geplant sind. Wie auch nicht anders zu erwarten bei einem Roman von Stephen King mit nur 287 Seiten, sind wir doch vom Meister sicherlich ganz andere Seitenzahlen gewöhnt.

_Gunther Barnewald_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Interview mit Marc-Alastor E.-E.

Dark Fantasy mit episch breitem Hintergrund stellt eine Ausnahme im Fantasybereich dar, insbesondere in Deutschland. Der Autor Marc-Alastor E.-E. hat mit „Kriecher“ und „Adulator“ im |BLITZ|-Verlag eine Serie namens |GEISTERDRACHE| ins Leben gerufen, die in der Welt |Praegaia| spielt, zu der Marc-Alastor E.-E. bereits seit zwanzig Jahren Kurzgeschichten, Liedtexte und Gedichte schreibt. Seine Romane stellen eine Mischung aus klassischer High-Fantasy und maliziösem Horror dar, in der Einzelschicksale düsterer Helden in einer faszinierenden Urwelt im Vordergrund stehen.

_Michael Birke:_
Marc, du bist nicht nur Autor, sondern auch Mitglied einer geheimen, okkulten Loge, Zeichner, Dichter und warst früher sogar einmal Musiker. Ein vielseitiger und bemerkenswerter Lebenslauf. Könntest du dich selbst ein wenig näher vorstellen? Ist Marc überhaupt die richtige Anrede – dein Künstlername „Marc-Alastor E.-E.“ verleitet geradezu zu dem kürzeren „Marc-Alastor“.

_Marc-Alastor E.-E.:_
Das Pseudonym wurde mir schon früh von Seiten der okkulten Loge als eine Art Ehrentitel verliehen und lautet vollständig Marc-Alastor Elawar-Eosphoros. Wie Du ja schon selbst bemerkt hast, macht sich ein solch langer Name schwierig bei Veröffentlichungen und er klingt für viele auch arg überspannt. Andererseits hat dieser Name viel mit meinem Glauben zu tun und es wäre mir schwer gefallen, ihn nicht zu benutzen, daher auch die Abkürzung der beiden letzten Namen. Gebräuchlich ist im Umgang daher Marc oder Marc-Alastor.

Zu meiner Person: Ich blicke auf 33 bewegte, dunkle Lebensjahre zurück, bin gelernter Lithograph/Multimedia-Designer und lebe sehr zurückgezogen nahe des Teutoburger Walds.

_Michael Birke:_
Welche Quellen bzw. Autoren beeinflussten dein Werk am meisten? Was inspirierte dich zu deinem Antihelden „Kriecher“?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Als ich vor über 20 Jahren zu schreiben begann, bewogen mich vor allen Dingen zwei Anliegen zum Schreiben: Ich wollte die Qualität der vorherrschenden Fantasy- und Horrorliteratur heben (was zweifelsohne als durchaus kühner Anspruch angesehen werden kann) und ich trachtete, okkulte Erlebnisse zu verarbeiten, die mir auf der Seele lasteten. Hinzu kam, dass ich durch meine Studien in den umfangreichen, okkulten Bibliotheken der |Ushanas Minne Lodge| viele Einblicke gewann, die mir viele Anregungen für Storys gaben, unter anderem auch für mein Lebenswerk, ein Okkultepos.

Von Autoren halte ich meine Werke eigentlich weniger beeinflusst, da ich während meiner Entwicklung nicht bewusst verglichen habe und konzentriert danach trachtete, das besser zu machen, was mir an den modernen „Kollegen“ missfiel. Aber natürlich schätze ich die Arbeit einiger Autoren, doch dies sind in erster Linie klassische, allen voran Hermann Hesse, aber auch Cervantes, Dickens oder Cline und Hodgson.

Was „Kriecher“ angeht – er war einfach da, als es um die Entdeckung eines Antihelden ging, für die ich ohnehin eine Vorliebe habe. Er hatte also keinen Paten und kein Vorbild, er wurde wie die meisten meiner Charakteren aus meinem Anspruch heraus einfach geboren.
Die Einflüsse der Serie |GEISTERDRACHE| wiederum sind recht unterschiedlich. Am Anfang stand ganz klar der lateinische Versband – das |Liber Incendium Veritas|. Es diente jedoch nur zur Entwicklung der Hauptprotagonisten, zumal sich seinerzeit schon abzeichnete, dass es im Ganzen wenig authentisch war. Inhaltlich sind die Einflüsse zum Teil in der klassischen Heroic und High Fantasy und im modernen Horror zu finden, stilistisch – wenn überhaupt – bei den Klassikern.

_Michael Birke:_
Was bietet deine Fantasywelt, was unterscheidet sie von gängiger deutscher (Das Schwarze Auge: Aventurien) und amerikanischer (AD&D-Multiversum z.B.) Fantasy?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Also viel deutsche, epische Fantasy gibt es nicht gerade, und was es gibt, hat mich, wenn ich es denn gelesen habe, nicht gerade überzeugt. Es sind sowohl die abgegriffenen Plots als auch der schluderige Sprachstil, die mich dabei häufig schnell entmutigen. Auf dem amerikanischen Sektor gibt es zwar sehr viel, jedoch vermisse ich auch dort zuweilen den nötigen |suspense|, und die „guten“, geradlinigen Übersetzungen zeigen dann noch, wie es um den Sprachstil bestellt ist. Nur wenige amerikanische Autoren bedienen sich eines wirklich wortgewandten Sprachschatzes. Die Plotlines der Amerikaner sind zumeist sehr episch angelegt, einige folgen sogar Tolkien, indem sie Historien und Stammbäume einbringen, und am Ende leiden die Story selbst und die Spannung, die an erster Stelle stehen sollte. Also mir passiert es nur allzu oft, dass ich die Bücher nach dem ersten Drittel aus der Hand lege und nicht wieder ins Auge fasse. Ich kenne unzählige Leser, die lieber Horror als Fantasy lesen, was aber zumeist in der Erzählweise begründet liegt und weniger im Inhalt. Und wenn wir am Ende über den Erfolg einzelner Serien sprechen würden, bewegten wir uns unweigerlich in die ewige und auch leidige Diskussion des Maßstabs, den niemand genau festzulegen vermag. Allein an Verkaufszahlen zu messen, sagt nämlich nichts über den Erfolg einer Serie aus, da es ganz unterschiedliche Märkte mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen gibt.

_Michael Birke:_
Und was genau machst du in deinen Romanen anders?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Was nun meine Fantasywelt und den Epos angeht, so versuche ich natürlich seine Stärken dort aufzubauen, wo ich die Schwächen der anderen sehe. Das bedeutet, ich lege sehr viel Wert auf Spannung und ein hohes sprachliches Niveau. Inhaltlich halte ich mich dabei schon an Bekanntes, denn ich mag ja all die Geschichten um Zwerge, Elfen und Drachen, füge dem Ganzen jedoch wissenschaftliche Informationen über Urwelten und Untergangstheorien hinzu, über frühzeitliche Hochzivilisationen und belegte Mythen, und versuche abschließend durch andere Gewichtungen bei der Erzählweise meinen Maßstab zu finden. Ich betone dabei, dass ich nicht behaupte, das einzig wahre Rezept gefunden zu haben, zumal es ein solches auch nicht gibt. Es gibt keinen Stein der Weisen für Fantasyautoren.

Aber es gibt den Anspruch, seinem eigenen hohen Qualitätsbild gerecht zu werden, wenn es auch, und das muß ich an dieser Stelle betonen, zu Konflikten führt. Natürlich würden die Verleger viel lieber leichtere, zugänglichere Kost liefern und ich habe in meiner Vergangenheit oft erlebt, dass gerade von dieser Seite immer wieder der Wunsch geäußert wurde, dass ich es etwas leichter angehen lassen möge. Doch den eigenen Anspruch zu verbiegen, geht nur bedingt, und daher versuche ich mich langsam auf das hinzubewegen, was mir als Endqualität im Kopf herumspukt. BLITZ lässt mir dabei freie Hand, unterstützt mich dabei, und es freut mich sehr, dass man dort erkennt, wohin meine „Reise“ gehen soll. Es gehört ganz eindeutig Mut dazu, auf einem immer schwieriger werdenden Markt ein solches Epos zu präsentieren, aber ich weiß dennoch, dass es sich für alle Leser lohnen wird.

_Michael Birke:_
Das |Liber Incendium Veritas| – inwiefern hat es dich inspiriert? Welche Ideen hast du – außer denen zu Medoreigtulb und M’Zaarox – daraus gewonnen?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Außer den Grundzügen der Göttin und des Drachen gibt es keine weiteren Übernahmen, denn erstens war bis noch vor kurzem nur ein Teil davon übersetzt und somit mir überhaupt bekannt geworden, und zweitens erschien mir darüber hinaus nichts auch nur annähernd interessant genug, um daraus neue Ideen schöpfen zu können. Das mag sich möglicherweise noch ändern, wenn ich mich einmal an die Überarbeitung der Übersetzung mache und mich somit auch inhaltlicher mehr damit auseinandersetzen werde, doch im Augenblick habe ich gar keine Zeit, um das ins Auge fassen zu können, und es ist auch nicht von allzu großer Wichtigkeit für den Zyklus. Das |Liber Incendium Veritas| besitzt keinen essenziellen Charakter.

_Michael Birke:_
Die Hauptcharaktere Medoreigtulb und M’Zaarox sind, wie erwähnt, vom |Liber Incendium Veritas| inspiriert worden. Von einem Kampf zwischen den beiden ist nach „Kriecher“ und „Adulator“ aber noch nicht viel zu bemerken – was haben wir von M’Zaarox, seinen Dienern und Helfern in Zukunft zu erwarten? Welche Ideale verkörpern die beiden Gottheiten?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Der Kampf zwischen Medoreigtulb und M’Zaarox erstreckt sich über viele Epochen, unterschiedliche Zeit- und Existenzebenen und läuft zumeist im Hintergrund ab oder wird nur fragmentarisch wiedergegeben. Meine Geschichten konzentrieren sich immer auf die Geschicke einzelner, zunächst einmal unbedeutender Charaktere, die jedoch auf irgendeine Weise mit dem Götterdisput in Berührung kommen, was ihnen die Bedeutsamkeit gibt. Das kann nur am Rande geschehen oder durchaus in die Tiefe gehen. Der Leser bekommt auf diese Weise erst langsam ein klareres Bild über die göttlichen Geschehnisse. Außerdem ist Medoreigtulb eher ein aktives und offensives Wesen, während M’Zaarox – ganz Geisterwesen und seiner Rolle als Beschützer entsprechend – eher passiv und defensiv auftritt, sein Wirken und das seines Gefolges ist zumeist kaum wahrnehmbar und erst wenn alles vorüber ist, erkennt man, dass er eine Schlacht für sich entscheiden konnte… Seine Zeit ist aber auch noch nicht gekommen, doch das wird sie…

_Michael Birke:_
Der |Bastei|-Verlag veröffentlichte 1988/89 deine Kurzgeschichten „Eine Spur Mitleid“ und „Schwungrad des Bösen“. Haben diese einen Zusammenhang mit dem von dir selbst als dein Lebenswerk bezeichneten Zyklus „Die Offenbarung eines Dämons“? Um was handelt es sich überhaupt dabei, welchen Platz hat „Kriecher“ in diesem Werk?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Also wir müssen hier zwischen den beiden Epen unterscheiden. „Die Offenbarung eines Dämons“ ist ein okkultes Monumentalwerk, das bislang aufgrund seiner Extreme und seines Umfangs keine annehmbare Veröffentlichungsform gefunden hat. Es ist ein komplexer Romanepos, der aus der Sicht eines Dämons geschrieben ist und ausschließlich fundiertes, okkultes Material nutzt.

„Kriecher“ ist Bestandteil des Fantasy-Epos |GEISTERDRACHE|, das jetzt beim |BLITZ|-Verlag erscheint. Beide haben nichts miteinander zu tun. Und die beim |Bastei|-Verlag veröffentlichten Kurzgeschichten gehörten seinerzeit zum |GEISTERDRACHE|-Epos, wurden aber von mir damals auf die Gegenwart umgeschrieben.

_Michael Birke:_
Die am Rande eines Kataklysmus stehende Welt Praegaia ist der Schauplatz deiner Geschichten. Du unterhältst zu deinem Zyklus |GEISTERDRACHE| einige Webseiten, wie www.geisterdrache.de, www.praegaia.de, www.valusia.de. Leser deiner Romane können sich über ein Schlüsselwort einloggen, um im |GEISTERDRACHE|-Archiv zu stöbern, welches Erzählungen, Gedichte, Liedertexte und später die Übersetzung des |Liber Incendium Veritas| enthalten soll. Was brachte dich auf die Idee, diese Inhalte kostenlos im Netz anzubieten?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Kurz nachdem sich die von mir mitbegründete Dark-Metal-Band |SPECTRE DRAGON| von mir getrennt hatte, eröffneten eine Bekannte und ich das Spectre-Dragon-Archiv im Netz. Hier sollten alle Kurzgeschichten, Liedertexte und Gedichte um den Zyklus veröffentlicht werden, damit sie nach meiner musikalischen Laufbahn nicht einfach verloren waren.

Das weckte das Interesse des |Schattenwelt|-Verlags und daraus resultierte die erste Auflage von „Kriecher“. Seitdem arbeiten wir an unterschiedlichen Seiten zum Ausbau des Kosmos, der ja nun – nachdem es Schattenwelt nicht mehr gibt – bei |BLITZ| unter dem Label |GEISTERDRACHE| in Serie gegangen ist. Geisterdrache.de ist, wenn man so will, das Spectre-Dragon-Archiv, das allerdings im Augenblick noch in einer Umbauphase steckt, denn wir haben die Inhalte des Archivs hinter ein Passwortportal stellen müssen, da es zu immer mehr Urheberrechtsverstößen gekommen war und es einfach unproduktiv ist, ständig seine Rechte einklagen zu müssen. Wir wollen aber vor dem Portal nicht nur die Bücher präsentieren, an denen gearbeitet wird und die schon veröffentlicht sind, sondern es soll wieder weitere Inhalte geben. So zum Beispiel Hintergrundberichte, Leseproben und Ähnliches. Einiges davon wird noch in diesem, unserem 20. Jubiläumsjahr umgesetzt werden.

_Michael Birke:_
Was unterscheidet diese Webseiten von einander, was werden Praegaia.de und Valusia.de bieten, was nicht bereits in diesem Archiv ist?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Auf Praegaia.de wird der Kosmos des Epos präsentiert, Flora, Fauna, Götter, Kalender, Kartenmaterial, Stadtbeschreibungen, halt alles, was dazu gehört. Natürlich ist auch diese Seite noch im Aufbau und wird es wohl auch immer bleiben, denn es gibt unzählige Inhalte, die dort erscheinen werden.

Valusia.de gehört eigentlich nicht direkt dazu. Diese Seite sollte eigentlich meinem neuen Musikprojekt gewidmet sein, doch leider wurde daraus bislang nichts. Vor einem Jahr habe ich noch mit einem talentierten Musiker an den ersten Songs gearbeitet und alles war sehr viel versprechend, doch war er durch private Probleme dann gezwungen, das Musikbiz an den Nagel zu hängen. Seitdem hat sich nichts mehr getan und ich habe auch noch keine anderen musikalischen Möglichkeiten gefunden, was ich natürlich bedauere.

_Michael Birke:_
Du arbeitest bei der Umschlaggestaltung mit dem |Atelier Bonzai| zusammen, die Innenillustrationen des |De Joco Suae Moechae|-Zyklus sind von dem Künstler Aran. Wie kam die sichtbar positiv bemerkbare und scheinbar enge Bindung und Zusammenarbeit zwischen dir und den Künstlern zustande?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Aran, Musiker bei der Black-Metal-Ikone |LUNAR AURORA|, kenne ich aus der Zeit, als ich für die Band die CD-Booklets layoutet habe. Daher war mir auch bekannt, dass er sehr gut zeichnen und malen konnte. Ich fragte ihn seinerzeit, ob er Lust hätte, „Kriecher“ zu illustrieren. Hatte er, und wie zu erwarten war, zeigten die Ergebnisse genau das, was mir vorschwebte. Dunkle Zeichnungen, die genau das Flair wiedergaben, welches ich in den Büchern beschreibe. Er hat es phantastisch verstanden, die Inhalte einzufangen und ich freue mich sehr, dass er auch für den dritten Teil wieder die Feder zücken wird.

_Michael Birke:_
Ist Aran ein Mitglied von |Atelier Bonzai|?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Nein, Aran ist freischaffend und für mich ein Gefährte, der wie der Rest von |LUNAR AURORA| einfach ein ähnliches Gedankengut besitzt. Man braucht sich nicht sehr viel auszutauschen, weil sich die Ansichten in vielen Punkten gleichen, und so ist auch die künstlerische Zusammenarbeit einfach gewesen. Das Atelier wiederum ist im Prinzip eine Kooperative von Leuten, die sich um |PRAEGAIA| und |GEISTERDRACHE| verdient machen. Und leider im Augenblick unterbesetzt.

_Michael Birke:_
Der dritte Band um Kriecher, „Tetelestai!“, wird auf deiner Webseite mit einem ungewöhnlichen Appetizer als ein „Karmadrama in drei Aufzügen“ angepriesen. Was wird sich verglichen mit „Kriecher“ und „Adulator“ ändern und was ist ein „Karmadrama“ überhaupt?

_Marc-Alastor E.-E.:_
„Tetelestai!“ ist eine eigenartige Mischung aus Bühnenstück und Roman und vereinigt auch die daraus resultierenden Textkonventionen auf sich. Und da es dabei um das endgültige Schicksal Kriechers geht, nannte ich es ein Karmadrama. Während „Kriecher“ ja aus sechs beziehungsweise fünf Nachtschattennovellen zusammengesetzt war und durch die Perspektive eines Erzählers unnahbar und nüchtern erzählt wurde, wird in „Adulator“ – dem Schauerspiel – auf die Ich-Perspektive zurückgegriffen.

Erst am Ende wird klar, dass der Erzähler im Prinzip ein Teil von Kriechers noch menschlicher Seele gewesen ist, der sich absonderte und sein eigenes Wesen von außen betrachtete. Im dritten Teil nun wird die Erzählweise zwischen Erzähler und Kriechers Seelenpart wechseln. Grundidee war dabei, den dunklen Mörder aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Als objektiver Erzähler erscheint Kriecher dunkel, morbide und bösartig (Kriecher), als Bestandteil seiner Selbst (Adulator) erscheint er neutraler, besonnener und erreichbarer, fast schon milde, und im dritten Teil wird sich der Leser entscheiden müssen, denn er erfährt eben von den ganzen Wahrheiten und Lügen, die hinter allem abgelaufen sind.

_Michael Birke:_
Wird der Wechsel der Erzählperspektive zu einem Markenzeichen deiner Zyklen werden?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Das kann ich jetzt noch nicht sagen, sicher ist jedoch, dass ich immer für außergewöhnliche Textformate sorgen möchte. Dabei werde ich aber letzten Endes immer zu Gunsten des Textes entscheiden, und wenn jener denn etwas Konventionelles erfordert, dann werde ich mich auch darauf einlassen.

_Michael Birke:_
Kriecher erlebt im Verlauf des Zyklus eine Metamorphose – kannst du dazu etwas mehr verraten? Wird Kriecher in zukünftigen Zyklen eine Rolle spielen?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Die augenscheinliche Metamorphose hat mit besagten Sichtweisen zu tun und soll dem Leser im Endeffekt zeigen, dass viele Zustände abhängig sind von der Art und Weise, wie sie für den Einzelnen zu erkennen sind. Wenn wir in Adulator sehen, wie milde der Seelenteil Kriechers quasi über sich selbst richtet und wie neutral tatsächlich die Fragen, die er dabei aufwirft, beantwortet werden müssten, erscheint mit einem Male alles so verkehrt. Es mildert nicht die Vergehen, offenbart aber mit einem Male Motive, die nicht einmal ihm selbst gehörten, sondern denen er nur gefolgt ist.

Ob Kriecher in zukünftigen Zyklen eine Rolle spielen wird, kann ich an dieser Stelle noch nicht verraten, denn es würde das Ende von „Tetelestai!“ vorwegnehmen. Ich kann aber sagen: Durch Kriechers Verbindung zur Göttin ist zumindest bei ihm alles möglich. Zu jeder Zeit.

_Michael Birke:_
Zu Caracalla, dem Prinz der Pestilenz: Er ist offensichtlich der nächste Antiheld nach Kriecher. Ein Epileptiker und Söldner, der mit zahlreichen Seuchen und Krankheiten geschlagen ist, aber nicht stirbt. Ist Caracalla eine Art Anti-Caesar, kannst du schon einige interessante Details über den kommenden Zyklus |DE MORBIS SANGUINIS| preisgeben?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Caracalla entstammt ja einigen Kurzgeschichten, in denen zum Teil sowohl seine Vorgeschichte als auch seine Entwicklung dargestellt wurde, zudem hatte er einen kurzen Gastauftritt in „Adulator“.

Aber nein, Caracalla ist kein Anti-Caesar, er ist ein Verfluchter, dadurch ein psychisch angeschlagener Charakter und, wenn man so will, ein Halbgott der Krankheit, der aus diesem Fluch, die Krankheiten zu übertragen, ein grausames Geschäft macht. Er ist eine schillernde Persönlichkeit und in seinen Geschichten wird das Thema philosophisch aufgearbeitet, das uns allen am ehesten das Fürchten lehrt – Krankheit, Schmerz und Siechtum. Seine Vorgeschichte, wie er zum Verfluchten wurde, kann man online im Archiv oder im Winter in der Anthologie „Die Chroniken – Widerparte & Gefolge“ lesen. Sie heißt: „Die letzte Zisterne des Königs Awarkadnondur“.

Sein Zyklus wird aus zwei voneinander unabhängigen Romanen bestehen, die wichtige Bestandteile seiner Entwicklung wiedergeben; so den Versuch, seinen Fluch zu brechen, indem er die Urheberin zu finden trachtet. Dabei spielt auch ein anderer bekannter Charakter eine tragende Rolle – der Drache Nodranthatax. Und schließlich wird es um Caracallas ureigenen Aufstieg im weltlichen Gefüge gehen.

_Michael Birke:_
|Praegaia| ist eine große Welt, eine Weltkarte existiert bereits auf deiner Webseite. Führst du Buch über die Handlungsorte, zeichnest du sie vielleicht auf einer Karte ein, wie behältst du den Überblick? Werden künftige Bücher vielleicht Landkarten der Welt |Praegaia| enthalten?

_Marc-Alastor E.-E.:_
In den Chroniken, die im Winter erscheinen werden, sollen Landkartenausschnitte jeder Erzählung vorangehen. Sie entstammen dem Kartenmaterial, das zum Teil auf Praegaia.de bereits veröffentlicht ist und in den nächsten Monaten noch veröffentlicht werden wird. Heute führe ich natürlich akribisch Buch über die vielen Handlungsstränge und die damit verbundenen Bewegungen der unterschiedlichen Charaktere, die sich ja auch stets weiter entwickeln und bewegen.

Leider war ich nicht immer so umsichtig, und im ersten Jahrzehnt wurde kein Buch geführt, so dass ich heute versuche nachzuvollziehen, wo die Bewegungen stattgefunden haben. Und wir arbeiten zudem für alle Gegenden in der Welt Karten und Beschreibungen aus, aber da wartet noch viel Arbeit auf uns und es wird uns noch viele Jahre dauern, bis wir die meisten Bereiche abgedeckt haben.

_Michael Birke:_
Werden wir von Marc-Alastor in nächster Zeit – oder jemals – mit einem Helden oder einer wichtigen Figur rechnen können, die eher dem Typus „strahlender Held“ entspricht?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Das käme darauf an, wie man den definieren würde. Aus dem Bauch heraus würde ich „NEIN!“ sagen, denn ich finde strahlende Helden langweilig und eindimensional. Würde ich einen solchen entwickeln, wäre er bei mir derart überzogen, dass er schon wieder eher eine Verspottung seiner Selbst wäre.

_Michael Birke:_
Der Hintergrund zu |GEISTERDRACHE| geht, wie man auf deiner Webseite nachlesen kann, von einem zyklischen Weltbild aus, also von Untergang und neuer Schöpfung. Praegaia ist eine junge Welt, voller Barbarei und Gefahr, am Rande eines Kataklysmus – und Medoreigtulb trachtet danach, ihr den letzten Schubser zu geben. Planst du tatsächlich den Untergang deiner Welt oder werden wir noch lange Geschichten aus dem vertrauten |Praegaia| lesen dürfen? Oder wird es sich drastisch verändern?

_Marc-Alastor E.-E.:_
|Praegaia| wird sich drastisch verändern, jedoch ist dieser vernichtende Impuls der Göttin eher von schleichendem Charakter, der absolute Untergang steht noch aus. Aus irgendeinem Grund – den ich natürlich noch nicht vorwegnehmen möchte – scheint sie mit einigen Völkern zu spielen, sie gegeneinander aufzuhetzen, während sie andere gleich samt ihrer Kultur vernichtet. Ähnlich verfährt sie mit der Welt und ihrer Landschaft an sich. Es mutet an, als unterziehe sie alles und jeden erst eingehender Studien und Belastungsproben.

|Praegaia| selbst ist wie das uressenzielle Leben; quasi die Urmasse – |materia prima| oder wie bei den Alchemisten |massa confusa| benamt -, die sich zu formen beginnt. Die Schöpfungen und Zerstörungen wirken wie ein Spiel und die Welt scheint nur ein Ergebnis einer Kette von Zufällen und eines Zusatzes von Regeln. Mit etwas besserer Kenntnis über |Praegaia| und einige ihrer Geschichten wird man aber zu erkennen imstande sein, dass meine Welt im Grunde wissenschaftlichen Arbeiten über das deterministische Chaos und die Neuordnung komplexer Zusammenhänge Rechnung trägt, weil alles wie ein Glücksspiel anmutet, indem Gewinne und Verluste zwar gleichermaßen hervorgebracht werden, sich aber die Gewinne als Prinzipe durchsetzen.

Manchmal beginnt man sich dann zu fragen: Ist Medoreigtulb wirklich der Motor und Katalysator des Ganzen oder steht sie einfach nur für den gezähmten Zufall und die universellen Gesetze, nach denen sich die Welt, wie in unzähligen unserer Mythen überliefert, selbst vom Chaos zur Ordnung ausbildet?

Und genau darin fußt auch die Theorie, der ich persönlich zudem sehr zugetan bin, dass es vor unserer bekannten Zivilisation bereits andere gegeben haben muss. Lange vor unserer Zeitrechnung hat es bereits fortschrittliche Hochkulturen gegeben. Zum Einen gibt es viele unabhängig voneinander entwickelten Mythen, die trotzdem darin übereinstimmen, dass es frühe Kulturen gegeben hat, an die heute nicht mehr viel erinnert. So überlieferten beispielsweise die Azteken fünf solcher Hochkulturen in recht detaillierten Beschreibungen, und während die erste vom Wasser verschlungen wurde, was stark an den Untergang von Platos Atlantis erinnert, so wurde auch die fünfte beschrieben, in der wir noch heute leben. Man findet aber auch überall auf der Welt eindrucksvolle Hinweise für mögliche Frühkulturen, die bei genauerer Betrachtung keinen anderen Schluss mehr zulassen, als dass es solche gegeben haben muss und dass es sich auch bei diesen Kulturen um Entwicklungsprozesse und Endstadien gehandelt hat, die sich neu ordneten, aber scheinbar schlichtweg verschwanden. Belege und Zeugnisse finden wir in nahezu allen Kulturerbmassen; sie im Einzelnen hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Aber jedem kritischen Denker sei als Denkanstoß der Name Professor Charles H. Hapgood in Verbindung mit der Weltkarte von Admiral Piri Reis gegeben, alles andere fügt sich dann.

Hinzu kommen für mein Gesamtbild dann die ersten wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, dass unser Universum periodisch untergeht und neu entsteht. Paul Steinhardt, Professor der Astronomie an der |Princeton University New Jersey| und Neil Turok von der |University of Cambridge|, der auch ein früherer Mitarbeiter von Stephen Hawking war, gelangten zu einer neuen Sicht mit dem zyklischen Entstehen und Vergehen eines Universums und belegen somit ein Weltbild, das wiederum den Mythen vieler Völker zugrunde liegt.

Daher, um zu deiner Frage zurückzukehren, wird |Praegaia| untergehen, wenn Medoreigtulb alles getan hat, was getan werden musste, doch bis dahin wird noch Zeit vergehen und noch einiges geschehen – und erst dann sind wir in der nächsten Epoche…

_Michael Birke:_
Du hattest in der Vergangenheit einige Probleme mit deinen Verlegern, mit dem |BLITZ|-Verlag sind jedoch bereits zwei weitere Zyklen geplant. Werden diese bereits vorhandenen Stoff aus der |GEISTERDRACHE|-Welt aufarbeiten oder entwickelst du gerade völlig neue Ideen?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Der |Schattenwelt|-Verlag löste sich wenige Monate nach Erscheinen der ersten Auflage von „Kriecher“ auf, weil sich die beiden Teilhaber nicht länger grün gewesen sind. Für mich war das tödlich, denn die meisten Verleger wollten keinen angefangenen Zyklus fortführen und hätten lieber etwas Neues gehabt. Kriecher hatte sich jedoch sehr gut verkauft, die Resonanz war groß und jeder wollte den zweiten Teil. Ich gab also alles, um möglichst schnell neue Verträge einzustielen, doch es zog sich alles unglaublich hin.

|BLITZ| verwaltete damals Kriechers Restbestände, denn |BLITZ| hatte auch den Druck und Vertrieb für |Schattenwelt| übernommen und auf diese Weise blieb „Kriecher“ wenigstens lieferbar. Schließlich konnte ich mich mit Joerg Kaegelmann auf einen Vertrag für den zweiten Teil einigen, so dass ich wenigstens diesen gewährleisten konnte. Da war „Kriecher“ jedoch nahezu ausverkauft und wir kamen ins Gespräch über eine Neuveröffentlichung. Als ich ihm den Zyklus als Ganzes und meine Pläne für den Epos vorstellte, gewann für ihn alles ein Gesamtbild und wir machten daraufhin einen Serienvertrag.

Was die geplanten Zyklen angeht, so arbeiten sie natürlich vorhandenes Material auf. Es gab einige Kurzgeschichten zu Caracalla, dem Prinzen der Pestilenz, die sehr gut angekommen sind, so dass ich einen Romanzyklus um ihn schuf. Er wird als nächstes angegangen werden. Mit einem Buch über die Göttin entspreche ich dem Wunsch vieler Leser, die gerade über sie mehr erfahren möchten, und ich kann nur versprechen: Sie werden mehr erfahren, mehr als ihnen lieb sein wird.

Natürlich entwickle ich immer neue Ideen, die können und werden jedoch Eingang in die jeweils laufenden Projekte finden, seien diese nun zu |GEISTERDRACHE| oder einem anderen Romankonzept.

_Michael Birke:_
Wie ist die bisherige Resonanz, besteht die Chance, dass deine Bücher einmal im normalen Buchhandel auftauchen werden oder werden sie weiterhin ausschließlich als limitierte Fassungen angeboten?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Bis vor kurzem wurden alle |BLITZ|-Titel auch über den Buchhandel vertrieben, jedoch ist die wirtschaftliche Lage für den Buchhandel genauso schwierig wie für viele andere Wirtschaftszweige.

Selbst große Verlage wie |Heyne| stoßen ihr komplettes Phantastikprogramm ab. Die Entscheidung, sich vom Vertrieb des Buchhandels zu trennen, war ein rein wirtschaftlicher und ist Joerg Kaegelmann sicherlich nicht leicht gefallen, auf der anderen Seite werden die Gewinnspannen der Verlage immer kleiner, die Produktionskosten nicht billiger und der Absatz selten wesentlich größer, so dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Natürlich ist es für einen jungen Autoren immens wichtig, überall erhältlich zu sein, und ich habe lange gehadert, was ich von dieser Entscheidung halten soll.

Aber mir ist im Endeffekt für |GEISTERDRACHE| die Sicherheit, auch weiter dort veröffentlichen zu können, wichtiger, denn es nutzt niemandem etwas, wenn ein Verlag die Tore schließen muss. Und andere Titel von mir werden den Weg in den normalen Buchhandel finden, so dass sich in Zukunft auch eine andere Perspektive für |GEISTERDRACHE| bieten mag. Die exklusive Erstausgabe verbleibt einstweilen bei |BLITZ|.

_Michael Birke:_
Zum Abschluss: Was liest du persönlich zur Zeit, kannst du deinen Lesern einige Bücher anderer Autoren empfehlen?

_Marc-Alastor E.-E.:_
Im Augenblick muss ich mich auf zwei weitere Romanprojekte vorbereiten, so dass ich ausschließlich Sachbücher und Artikel lese. Was ich danach lesen werde, weiß ich noch nicht. Und Buchempfehlungen spreche ich generell ungern aus, weil sie im Grunde für jeden anderen wenig aussagen. Aber ich freue mich über jeden Menschen, der zu einem Buch greift und darin etwas zu finden imstande ist.

Marc-Alastor E.-E. bei Buchwurm.info:

[„Kriecher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=319
[„Adulator“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=468

Leon, Donna – Verschwiegene Kanäle

In Commissario Brunettis zwölftem Fall steht eine zwielichtige Militärakademie im Mittelpunkt des Geschehens. Eines Morgens findet man dort im Duschraum den Kadetten Ernesto Moro erhängt auf. Ein Skandal, der unbedingt vertuscht werden muss. Also war es Selbstmord. Doch Brunetti ist anderer Ansicht. Und beißt auf Granit.

_Die Autorin_

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin in an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

_Die Produktion_

Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) u. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Corinne Frottier
Musik: Mario Schneider
Produktion: WDR Köln, 2004

_Handlung_

In der exklusiven venezianischen Militärakademie San Martino finden die Kadetten eines Morgens einen ihrer Kameraden erhängt im Duschraum auf. War es Selbstmord? Ernesto Moro hat den Hals in einer Seilschlinge, auf dem Boden liegt umgekippt ein Stuhl – ziemlich eindeutige Hinweise. Wenn da nicht die Kratzspuren an den Wänden der Duschkabine wären.

Die geben auch Commissario Guido Brunetti (Brückner) zu denken. Aber davon will Commandante Bempo, der Leiter der Militärschule nichts wissen. Und da die meisten Kadetten noch minderjährig sind, soll Brunetti bloß nicht versuchen, sie ohne Zustimmung ihrer Eltern zu verhören.

Ernesto Moro war 17, als er zu Tode kam, auf welche Weise auch immer. Er war der Sohn des ehemaligen Abgeordneten Dottor‘ Fernando Moro, der sich, in untröstlicher Trauer, überhaupt nicht vernehmen lassen will. Bleiben also nur noch andere Informations-Kanäle, möglichst verschwiegene. Prompt wird Brunettis Sekretärin Signorina Elettra (Sawatzki) fündig, wie auch immer. Anno 2002 hatte die Signora Moro eine Art Jagdunfall.

Eine „Art Unfall“?? Elettra und Brunettis Frau stöbern über weitere Kanäle die getrennt lebende Gattin Moros auf: Der „Jagdunfall“ war natürlich keiner, denn der Schütze hatte sich weder gemeldet noch entschuldigt. Seitdem braucht die Signora einen Rollstuhl. Sie ist sicher, dass sich ihr Sohn nicht umgebracht hat. Sein Tod war ebenso wie der Anschlag auf sie eine Warnung. Wovor?

Vor ein paar Jahren saß Moro einem Parlamentsausschuss vor, der die Korruption im Gesundheitswesen untersuchte. Er förderte eklatante Veruntreuungen zutage, und ebenso deckte Moro später auch im Bereich der militärischen Versorgung Interessenskonflikte auf. Zwei der Ausschussmitglieder hatten Aktien der liefernden Firmen.

Ist es nur ein böser Zufall, dass genau diese zwei Ausschussmitglieder, Colonel Toscano und Major Filippi, selbst oder über ihre Kinder an der Militärschule von San Martino vertreten sind – und dort auf Ernesto Moro stießen?

Brunetti mag ja ein Schlaukopf sein und über exzellente Informationskanäle verfügen, doch er hat noch einige harte Nüsse zu knacken, bis ihm das Ausmaß der Gefahr für die Familie Moro völlig klar wird …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal versetzt uns Donna Leon in die Lagunenstadt und umhüllt uns mit dem speziellen Zauber der „serenissima“. Wir folgen Brunetti und der Erzählerin über die diversen Piazzas, über kleine und große Kanäle, an Palazzi und Kirchen vorüber, bis wir ins mysteriöse Viertel der Giudecca gelangen, wo die Militärakademie San Martino die Umgebung beherrscht – und ihre sämtlichen Insassen, so kommt es Brunetti vor.

Doch wer nicht über das Hauptportal hineingelangt, nimmt – über „verschwiegene Kanäle“ – den Hintereingang, um herauszufinden, was hier eigentlich vor sich geht. Nicht nur der Commandante Bempo ist Brunetti gegenüber ein Geheimniskrämer und der Dottor‘ Moro sowieso, nein, auch Brunettis eigener Chef, Vicequestore Patta, würde den Fall am liebsten schon gestern zu den Akten legen. Bloß kein Aufsehen, bloß keinen Skandal! Es muss ein Selbstmord gewesen sein, nicht wahr, Commissario?

Wenn es nicht die Frauen gäbe, wäre Brunetti wohl wirklich ziemlich aufgeschmissen. Doch ihre Solidarität, wenn es um die Unterstützung der Gerechtigkeit geht, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur Signorina Elettra lässt ihre Verbindungen spielen, auch Paola, Brunettis Gattin mit den wahrhaft magischen Kochkünsten, kennt die eine oder andere Freundin aus der venezianischen Gesellschaft. Nicht nur Signora Moro selbst erteilt bereitwillig Auskünfte (zumindest bis sie untertauchen muss), sondern auch ihre malende Nachbarin mit dem klangvollen Namen Beatrice (Dante lässt grüßen!) Della Vedova. Q.e.d.: Wenn es diese Kanäle nicht gäbe, könnte der Herr Ermittler einpacken.

Aber auch Signora Brunetti Großmut kennt Grenzen: Was sie wohl täte, wenn er, der Commissario, sich von ihr trennen würde? Nun, bevor sie zum Brotmesser greift, erkennt sie noch rechtzeitig, dass das wohl eine hypothetische Frage sein muss. Sonst wäre es wohl um des Commissarios körperliche Unversehrtheit – und die seiner weltlichen Besitztümer! – schlecht bestellt.

Doch Scherz beiseite: Brunettis zwölfter Fall ist eine Anklage der „italienischen Krankheit“: nämlich die Korruption, die den Steuerzahler jährlich Unsummen kostet, einfach achselzuckend als Fatum hinzunehmen und einen – selten genug – aufgedeckten Skandal schon nach drei Tagen (spätestens) wieder zu vergessen. Dass auch das Militär nicht vor der Krankheit nicht gefeit ist, wagt nur selten jemand anzudeuten, geschweige denn mit tödlichen Folgen zu verknüpfen. Hier lehnt sich die Autorin ganz schön weit aus dem Fenster.

|Die Sprecher, die Inszenierung|

Mit Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) und Leuten wie Matthias Koeberlin („Das Jesus-Video“) oder Esther Hausmann (Paola Brunetti) verfügt die Regie von Corinne Frottier über erstklassige Könner ihres Fachs.

Brückner, geboren 1943 in Berlin, verleiht seinem Commissario die deutsche Stimme von Robert de Niro. Man kann ihn sich also gut als erfahrenen Ermittler vorstellen. Er verfügt inzwischen bei |Hoffmann & Campe| über seine eigene Hörbuchreihe. Der Reigen der oben erwähnten Damen umrahmt und, ähem, reguliert sein etwas autoritäres Auftreten.

Einziger Streitpunkt könnte – wieder einmal – die musikalische Untermalung des Hörspiels darstellen. Zwar ist es diesmal keine Kaffeehausmusik, die meine Nerven strapazierte, aber auch mit Mario Schneiders Streichern und Tasteninstrumenten wollte ich mich nicht so recht anfreunden. Aber das ist sicherlich von Hörer zu Hörer verschieden. John Williams oder Howard Shore zu engagieren, hätte wahrscheinlich das Budget gesprengt.

_Unterm Strich_

Es wird demnächst eine weitere Audio-Ausgabe dieses bei |Diogenes| erschienenen Buches geben: Auf sieben CDs sind dann die Ermittlungen Brunettis zu verfolgen. Ich muss sagen: Mir reichen die zwei CDs des |Hörverlags| vollständig aus, um der Handlung ein gehöriges Maß an Spannung und Vergnügen abzugewinnen.

Es ist für den Bearbeiter (diesmal die Regisseurin) immer eine Gratwanderung, den roten Faden der Ermittlungen herauszuarbeiten, doch diesmal ist es ihr ausgezeichnet gelungen. Die Handlungsführung ist derart ökonomisch, dass dem Erzähler sogar Zeit bleibt, den Commissario stehenbleiben zu lassen, um den Touristinnen nachzuschauen. Auch dies gehört dazu, um den Zauber des Mikrokosmos Venedig zu erwecken. Am Schluss bleibt nicht der Eindruck, einem Brachialkrimi gefolgt zu sein, sondern vielmehr der, ein rundes Bild gewonnen zu haben.

Während Sprecher und Musik eine künstlerische Einheit bilden, die das Werk adäquat vermittelt, so sollte doch nicht übersehen werden, dass sich die Autorin zu einer engagierten Aussage über die leidige „italienische Krankheit“ vorgewagt hat. Aber vermutlich juckt es keinen Italiener, wenn die Welt über die Krankheit Bescheid weiß, denn er liest es ja jeden Tag in der Zeitung, sei es nun |Il tempo| oder |Il gazzetto|.

Haldeman, Joe – ewige Krieg, Der

Es herrscht Krieg. Aufgrund eines Missverständnisses zwischen den Menschen und den außerirdischen |Tauren| ist ein erbitterter, brutaler Kampf zwischen diesen beiden Rassen ausgebrochen. Geführt wird der Krieg auf hohem technologischem Niveau im Weltraum und auf fremden Planeten – der einfache Soldat Will Mandella ist der Protagonist dieses Romans. Nach einer brutalen Ausbildung befindet er sich auf einem Raumschiff und wird von Gefecht zu Gefecht gebracht. Trotz modernster Ausrüstung und psychischer Konditionierung lässt ihn nur der ausgiebige Konsum von Drogen die Gräuel des Krieges ertragen. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten der Raumschiffe und der damit verbundenen Zeitdilatation vergehen auf der Erde Jahrzehnte und Jahrhunderte, während die Einsätze für die Soldaten von relativ kurzer Dauer sind. Zurück auf der Erde, kann sich Mandella nicht wieder eingliedern. Wichtige Bezugspersonen sind verstorben und die gesellschaftlichen Systeme wirken fremdartig auf ihn. Die Bevölkerung der Erde arbeitet nur noch für den Krieg, der sich verselbständigt hat. Mandella verpflichtet sich erneut und fliegt zum nächsten Kriegsschauplatz dieses ewigen Krieges …

Joe Haldeman wurde 1943 in Oklahoma City geboren und studierte Physik und Astronomie. In den Jahren 1968–1969 kämpfte er als Soldat in Vietnam und wurde schwer verwundet (Auszeichnung |Purple Heart|). Seit 1970 arbeitet Haldeman als Schriftsteller und ist seit 1983 am Massachussets Institute of Technology (MIT) tätig. Er ist verheiratet und lebt heute zeitweise in Florida und in Massachussets.

„Der ewige Krieg“ ist ein Anti-Kriegsroman, wie er schonungsloser kaum sein kann. Das Werk, das sowohl den |Hugo| als auch den |Nebula Award| gewonnen hat, reflektiert Haldemans Kriegserlebnisse in Vietnam. Der Mensch als Werkzeug – brutal instrumentalisiert für einen Krieg, den er nicht verstehen kann. Haldeman benutzt dabei die Mittel der Science-Fiction, um die Sinnlosigkeit des Krieges in aller Härte aufzuzeigen. Kommunikation zwischen Tauren und Menschen ist nicht möglich, Auslöser des Konflikts war ein Missverständnis, auf der Erde vergehen Jahrhunderte und der Krieg dauert an. Es ist eine albtraumhafte Welt und für den Protagonisten gibt es kein Entrinnen aus diesem Hades, wo jeder Tag dein letzter sein kann. Nachdem man überlebt hat, wird man mit einer Welt und Menschen konfrontiert, die man nicht mehr versteht. Eine Integration in diese Systeme ist nicht möglich – die Parallele zu den Vietnamheimkehrern in den USA ist überdeutlich. Der einzig mögliche Ausweg sind die weitere Verpflichtung als Soldat und die Rückkehr in ein hoffnungsloses Inferno. Während der Lektüre des Buches fiebert man förmlich mit dem Protagonisten mit – genau wie er frustriert und resigniert der Leser. Das Thema ist vor den derzeitigen Hintergründen unserer Welt aktueller denn je – immer wieder werden einem die Sinnlosigkeit und vor allem die menschenverachtende Schrecklichkeit eines Krieges vor Augen geführt. Dabei tut Haldeman dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf eine sehr intelligente Art und Weise. Das Buch ernüchtert und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack – es ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Ein Meisterwerk der Science-Fiction, dss das Thema „Krieg“ in einer nachhaltigen Art und Weise variiert – dazu ist es enorm spannend. Dieser Anti-Kriegsroman ist ein Klassiker – indes jedoch nicht nur für Fans des Genres geeignet, da die Botschaft dieses harten und schonungslosen Werks von 1972 gegenwärtiger und wichtiger ist denn je.

Bear, Greg – Jäger

Der Biologe Hal Cousins sucht nach einer Methode, Langlebigkeit mit Hilfe genetischer Veränderung herbeizuführen. Doch er muss feststellen, dass diverse Unbekannte ihm ins Handwerk pfuschen und seine Forschungen unterbinden. Da beginnt eine mysteriöse Serie von Anschlägen gegen ihn, und nur zwei zwielichtige Leute helfen ihm: ein als Antisemit diskreditierter Ex-Professor – und Lisa, die Frau von Hals Zwillingsbruder Rob, der kürzlich in New York City ermordet wurde. Hal ist sich absolut nicht sicher, ob er diesen beiden trauen darf.

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren* und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren. Sein zuletzt veröffentlichter Roman „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erschien bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, im Dezember wird der Roman „Stimmen“ bei |Heyne| veröffentlicht.

* Einer der Hauptakteure in „Jäger“ ist Weltkriegsveteran und Marinehistoriker in der Nähe von San Diego.

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science-Fiction):
– Die Thistledown-Trilogie: „Äon“ (HSF 06/4433), „Ewigkeit“ (HSF 06/4916); „Legacy“ (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: „Die Schmiede Gottes“ (HSF 06/4617); „Der Amboss der Sterne“ (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: „Das Lied der Macht“ (06/4382); „Der Schlangenmagier“ (06/4569).
Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

_Handlung_

Hal Cousins, ein ehrgeiziger junger Molekularbiologe, hat sich zum Ziel gesetzt, was schon Generationen von Wissenschaftlern vor ihm gewollt haben: den Alterungsprozess des Menschen zu verlangsamen, und zwar durch genetische Veränderungen. Um das zu erreichen, macht er sich auf die Jagd nach den ältesten Lebensformen, die es gibt, den Mikroben – insbesondere in ihrer Ausprägung als Mitochondrien, die in jeder menschlichen Zelle vorkommen und ihr die Energiequelle ATP liefern. Mitochondrien waren vor Jahrmilliarden bakterielle Invasoren, sind aber nun unentbehrlich geworden. Um alte Zellformen zu finden, die keine Mitochondrien besitzen, muss er in entlegenen Gegenden suchen.

Seine Forschungen führen ihn in die Tiefe des Pazifischen Ozeans, unweit von Vancouver und Seattle, wo primitive Organismen seit Jahrmillionen überleben – in der Nähe unterseeischer Wärmequellen, der „Schlote“. Doch bei diesem Tauchgang läuft etwas schrecklich schief. Sein Pilot Dave Press rastet unvermittelt aus, will ihn umbringen und das Tauchboot zerstören. Zum Glück kann Hal ihn mit einem Kinnhaken ins Reich der Träume und das Boot an die Oberfläche schicken. Dort steigt Press jedoch unvermittelt aus und stürzt sich in die stürmische See.

Doch an Bord des Mutterschiffs ist die Lage keineswegs beruhigend für Hal. Ein gewisser Dr. Mauritz ist ebenfalls ausgerastet und hat mehrere Besatzungsmitglieder erschossen, so dass man nun seltsamerweise auf Hal sauer ist. Als ob er etwas mit den Vorfällen zu tun hätte. Hat er auf indirekte Weise auch, aber anders, als er sich träumen lassen würde.

Nachdem ihn die Polizei als unverdächtig hat laufen lassen, werden Hals Funde und seine Forschungsarbeit von Unbekannten vernichtet. Jemand hat eindeutig etwas gegen ihn. Ist es jemand, vor dem ihn sein Zwillingsbruder Rob Cousins gewarnt hatte? Da bekommt Hal die Nachricht, dass Rob in New York City in einer Seitengasse erschossen aufgefunden worden sei.

Nach einer ruhigen Phase und einem Umzug taucht ein älterer Typ namens Rudy Banning auf, der sich seiner annimmt. Schon bald hat Banning Gelegenheit, Hal vor einem Angriff durch Dobermänner zu retten, doch währenddessen geht Halls neues Domizil – und Labor – in Flammen auf. Anscheinend beginnt nach der Verschnaufpause der Wahnsinn von Neuem.

Als Robs schöne Witwe Lissa mit einer Pistole in der Handtasche auftaucht, ahnt Hal, dass eine erneute Achterbahnfahrt ansteht. Denn Rob war hinter dem gleichen Geheimnis her wie Hal: Wie man Langlebigkeit durch genetische Veränderung an bestimmten Bakterien erzielt. Und wer auch immer Rob ausschaltete, will auch Hal ans Leben. Hatten die Hintermänner lediglich Rob mit Hal verwechselt?

_Mein Eindruck_

So sieht also ein Wissenschaftsthriller der Oberliga aus. Man nehme einen packenden Auftakt, lasse den betreffenden „Helden“ sodann in ein tiefes Loch fallen, aus dem ihn andere wieder herausholen müssen und werfe ihn sodann in einen Strudel aus mehr oder weniger undurchsichtigen Machenschaften, wenn er und seine Gefährten einer Krümelspur zur Lösung des Rätsels folgen. Obligatorischer Showdown sollte möglichst folgen.

|Kein Schema F|

Das wäre natürlich nur das Schema F, doch der Autor ist inzwischen so versiert in seinem Schreiben, dass er dieses abgedroschene Schema nicht mehr für tragfähig hält. Daher schiebt er zwei zeitliche Rückblenden ein, die mindestens ebenso packend sind wie der Anfang des Buches. Das dient zwar sowohl der Lösung des Rätsels und der Unterhaltung des Lesers, kann aber auch unversehens zu mangelndem Überblick und somit Verwirrung führen.

Auf die Handlung übertragen, bedeutet dies konkret, dass auf Seite 229 ein neuer Ich-Erzähler auftritt: Ben Bridger, seines Zeichens Weltkriegs- und Vietnam-Veteran sowie Marinehistoriker, der nach dem Tod seiner Frau Janie kein Land mehr sieht. Da taucht Rob Cousins bei ihm auf und fragt ihn nach russischen Wissenschaftlern von vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals herrschte Stalin mit seinem Geheimdienstchef Berija auf blutigste Weise, doch in der Wissenschaft der Molekularbiologie machte ein gewisser Maxim Golochow beträchtliche Fortschritte, die später zur Verhaltens- und Gedankenkontrolle führten. Dieser Besuch, ein grauenerregendes Russen-Video und ein massiver Überfall der Sicherheitsbehörden auf sein Haus bewegen Bridger dazu, sich Rob Cousins und Rudy Banning anzuschließen.

Natürlich kreuzt Bridgers Weg über kurz oder lang (eher lang) auch den von Hal Cousins, doch da ist es für dessen Bruder Rob bereits zu spät. Ob das Zusammentreffen für Hal noch rechtzeitig kommt, kann man nur hoffen. Doch ich darf nichts weiter verraten. Das verhindert auch, dass ich mich hier mit der Thematik des Schreckensszenarios auseinandersetzen kann, das der Autor vor unserem geistigen Auge erstehen lässt. Eines kann ich aber sagen: Es ist der maximale Horror, denn dann ist die Freiheit des Willens wirklich nur eine Illusion.

|Das Grauen des 20. Jahrhunderts|

Immer wieder hat mich erstaunt, wie kritisch die Figuren das 20. Jahrhundert betrachten. All die Massenvernichtung, die in zwei Weltkriegen und zahllosen Stellvertreterkriegen erfolgt, die so genannten „Säuberungen“ – was für ein Euphemismus! – und Progrome. Gut möglich, dass dabei insgesamt eine halbe Milliarde Menschen umkamen (meine Schätzung).

|Zwei Seiten einer Medaille|

Doch der Autor führt uns vor Augen, dass das vergangene Jahrhundert nicht nur hinsichtlich der Quantität der Vernichtung ein übles Zeitalter war, sondern auch bezüglich der Qualität des Schreckens, den Menschen anderen Menschen zufügen konnten. Eines der abgefahrensten Szenarien, das ich je gelesen habe, breitet der Autor vor uns aus. Dass dabei genau jene primitiven Bakterien eine Rolle spielen, hinter denen Hal Cousins so verzweifelt her ist, zeigt die andere Seite der Medaille. „Prinz Hal“ will den Menschen, die es sich leisten können, die ewige Jugend schenken. Sein Bruder hat die dunkle Seite genau dieses Mittels bereits entdeckt: totale Manipulation. Zwei Hälften eines Rätsels. Allerdings braucht Hal bis zum Showdown auf einem Ozeanriesen, um das alles auf die Reihe zu bekommen. Und dort erwartet ihn ein heilsamer Schock.

|Es ist nicht alles Gold, was glänzt|

Und das gilt auch für diesen Roman. Mal vom Fachjargon der Biologen und Genetiker ganz abgesehen, der das Verständnis erschwert, trägt auch die Darstellung der Beziehung, die sich zwischen dem guten Hal und der zwielichtigen Lissa, Robs Witwe, anbahnt, nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Story bei. Natürlich kommt es dazu, dass die beiden miteinander im Bett landen, was denn sonst. Aber die Sache geht doch ganz anders aus, als sich Prinz Hal das vorgestellt hatte. Er wird nämlich zu Lissas Schoßhündchen. Da er sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes pudel-wohl fühlt, macht ihm das auch gar nichts aus. Die Glückshormone bringen ihn denn auch fast um den Rest seines verbliebenen Verstandes.

Der Leser könnte dies für sehr komisch und sogar originell halten, wäre da nicht der schale Nachgeschmack einer Vergewaltigung. (Zu erklären, wie diese erfolgt, hieße, des Rätsels Lösung zu verraten – sorry!).

_Unterm Strich_

Gehirnwäsche als Thema ist in den amerikanischen Medien wieder in. In den USA ist der Thriller „The Manchurian Candidate“ mit Denzel Washington angelaufen, das Remake des Films „Botschafter der Angst“ mit Sinatra aus dem Kalten Krieg (ca. 1960). Statt der ursprünglichen Nordkoreaner haben nun nationale Großkonzerne einen „Schläfer“ so präpariert, dass er auf einen bestimmten Befehl hin – etwa Zahlen, übers Telefon durchgegeben – eine Aktion ausführt, beispielsweise die Ermordung des Präsidenten. Dass Al-Kaida über Schläfer innerhalb der USA verfügen soll, ist bekannt.

Der Autor führt nun eine neue – möglicherweise völlig abstruse – Methode ein, die zwar schon unter Stalin und Berija entwickelt wurde, aber offenbar auch woanders binnen Sekunden Wirkung zeitigt. Bis diese Verschwörung aufgedeckt und besiegt ist, vergehen durchaus fesselnde 444 Seiten.

Ähnlich wie in Crichtons Thriller „Beute“ sind die kleinsten Lebewesen die Stars – und geben deshalb leider nicht sonderlich viel her. Daher muss das Ergebnis ihres Treibens umso drastischer ausfallen. Die Effekte sind stets filmreif und mitunter sogar komisch. Die Entwicklungsgeschichte dieser „Kleinen Mütter der Welt“, wie Russen die Bakterien nennen, wird als Hintergrund-Story scheibchenweise enthüllt, doch dabei treten zwangsläufig Überlappungen – Redundanzen – auf, die als Wiederholung nicht so wahnsinnig spannend sind.

Bears Roman ist flott zu lesen, wenn man mit dem Biologen- und Genetikerkauderwelsch mithalten kann. Aber die Lektüre bedeutet keinen größeren Durchbruch in Sachen Erkenntnisse über das grauenerfüllte 20. Jahrhundert. Da auch die Figuren nicht übermäßig sympathisch sind, fiebert man nicht unbedingt mit ihrem Schicksal mit. Insofern könnte auch die ganze Welt den „Kleinen Müttern“ in die Hand fallen – es würde uns nicht kümmern.

_Lesetipp_

Deshalb empfehle ich stattdessen lieber die Lektüre von Bears erstem Bestseller „Blutmusik“, der mit Preisen überhäuft wurde. Es erstaunt nicht besonders, dass sich die Grundideen in den beiden Romanen ähneln: Mikroben übernehmen die Weltherrschaft und verwandeln sie nach ihrem Gusto, falls der Mensch ihnen nicht Einhalt gebietet. Nur dass in „Blutmusik“ diese Vision grandios und kosmisch (und somit Science-Fiction) ist, während „Jäger“ ganz auf dem Teppich bleibt und in der Liga von Crichton oder Preston & Child spielt.

Mehr zu Greg Bear unter: http://www.gregbear.com

Henry Rider Haggard – König Salomons Diamanten

haggard-salomon-cover-heyne-1985-kleinEnde des 19. Jahrhunderts gerät eine britische Expedition in ein versunkenes Reich, in dem archaische Krieger über die Diamantenminen des sagenhaften Königs Salomon wachen. Die Rückkehr ist schwierig, denn der grausame Herrscher will seine Besucher nicht mehr ziehen lassen … – Einer der ganz großer Klassiker der Abenteuerliteratur mischt Elemente des Reiseromans mit denen der (späteren) Fantasy. Aus heutiger Sicht sicherlich gemächlich, mit ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, teils angestaubt, teils unbehaglich chauvinistisch im zeitgenössisch selbstverständlichen Dünkel gegenüber den „schwarzen Wilden“ aber immer noch fesselnd.
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Tolkien, J. R. R. – Hobbit, The

J. R. R. Tolkiens drei Hauptwerke sind so unterschiedlich im Ton, im Stil und in ihrer Beschaffenheit, dass man fast nicht glauben mag, dass sie alle aus der Feder eines Autoren stammen. „The Lord of the Rings“ (dt. „Der Herr der Ringe“) ist ein gigantisches, detailverliebtes Epos. [„The Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 (dt. „Das Silmarillion“) ist sowohl Mythos, Epos als auch eine breit angelegte Chronik von Tolkiens imaginärer Welt. „The Hobbit“ (dt. „Der kleine Hobbit“) jedoch, seine erste belletristische Veröffentlichung, ist ein verspieltes und leichtfüßiges Kinderbuch, das auch dem erwachsenen Leser das eine oder andere Lächeln aufs Gesicht zaubern wird. Vergeblich sucht man hier nach dem Faktenreichtum des „Silmarillion“ oder der Handlungsbreite des „Herrn der Ringe“. Stattdessen erzählt Tolkien im „Hobbit“ kurzweilig, gut gelaunt und vor allem mit einem guten Schuss Ironie, der nahelegt, dass der mittlerweile als Genie gefeierte Tolkien seine eigene Geschichte nicht unbedingt bierernst nimmt. Denn der „Hobbit“ soll in erster Linie unterhalten und Spaß machen!

Der Hobbit, das ist Bilbo Baggins, in den besten Jahren, delikatem und reichlichem Essen durchaus zugeneigt und ein Liebhaber guten Tabaks. Abenteuer sind das Letzte, woran er denkt, als Gandalf – seines Zeichens Zauberer – vor seiner Hobbithöhle auftaucht. Gandalf nun, komplett mit spitzem Zaubererhut und dem passenden Stab, sucht für eine Kompanie Zwerge einen vierzehnten Mann und hat sich in den Kopf gesetzt, dass Bilbo die perfekte Wahl wäre. So sieht sich der Arme tags darauf dreizehn hungrigen Zwergen unter der Führung von Thorin gegenüber, die ihn auf eine Reise zum Lonely Mountain mitnehmen wollen, um dem dort ansässigen Drachen Smaug einen ganzen Haufen Gold zu entwenden. Nun hat, wie bereits erwähnt, der sehr respektable Bilbo mit Abenteuern nichts am Hut, doch wäre die Geschichte hier zu Ende, hätte Gandalf es nicht geschafft, Bilbo aus seiner Höhle zu locken. So überstürzt muss er aufbrechen, dass er gar sein Schnupftuch vergisst.

Nun erleben Zwerge, Hobbit und Zauberer allerlei wundersame Abenteuer, bis sie zum Lonely Mountain kommen. So nimmt Bilbo beispielsweise dem geheimnisvollen Gollum einen gewissen Ring ab, der später noch eine prominente Rolle in Tolkiens Schaffen spielen soll. Auf dem Weg nach Rivendell wollen drei hungrige Trolle sie kochen. In den Misty Mountains geraten sie an eine ganze Horde Orks. In Mirkwood müssen sie sich mit Riesenspinnen und scheuen Waldelben rumschlagen. Und schließlich am Lonely Mountain angekommen, gilt es immer noch, einen ziemlich unleidlichen Drachen zu besiegen und einen Krieg zu verhindern, der zwischen Zwergen, Elben und Menschen ob des in greifbare Nähe geratenen Schatzes zu entbrennen droht. Und in all diesen prekären Situationen denkt Bilbo zwar am liebsten an seine gemütliche Hobbithöhle und sein zweites Frühstück; doch alles in allem erweist er sich zumeist als Retter in der Not und durchaus brauchbarer Abenteurer.

Dass „The Hobbit“ als Kinderbuch konzipiert ist, wird ziemlich schnell klar. Ein väterlicher Erzähler nimmt den (jugendlichen) Leser an die Hand, erklärt ihm Hobbits und Zauberer und Mittelerde und hält auch sonst mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Recht amüsant kommentiert er so, was in der Geschichte passiert, spricht den Leser von Zeit zu Zeit auch direkt an. Darüberhinaus ist der Roman in Kapitel eingeteilt, die sich jeweils gemütlich in einer Sitzung lesen lassen und jedes Mal ein abgeschlossenes Abenteuer behandeln. Außerdem ist „The Hobbit“ fast komplett bar aller Hintergrundinformationen, die das „Silmarillion“ und „Lord of the Rings“ zu so reichhaltigen (und schwer verdaulichen) Texten machen. Es wird hier zwar schon auf zukünftige Ereignisse angespielt (die Handlung spielt rund 60 Jahre vor „The Lord of the Rings“) – so begegnet man hier bereits Elrond, Gandalf und auch Sauron wird verschlüsselt erwähnt -, doch im Großen und Ganzen ist der Text viel geradliniger und einfacher als das, was man sonst von Tolkien gewohnt ist. Damit eignet sich „The Hobbit“ auch hervorragend als Einstiegsdroge für jene, die sich Mittelerde langsam und bedächtig nähern wollen.

Die englische Taschenbuchausgabe ist, obwohl preiswert, mit Liebe gestaltet worden. Das elegant schwarze Cover schmücken der Titel in Silber und ein Porträt Smaugs in auffälligem Rot aus der Feder Tolkiens. Und wie es sich gehört, beinhaltet der Roman auch einige Illustrationen, um das Buch für junge Leser ansprechender zu gestalten. Für all jene, die sich in der Geographie Mittelerdes nicht gut auskennen, schmückt die letzte Seite des Romans eine Karte der Route, die Bilbo und die Zwerge genommen haben, sodass man Mirkwood und die Umgebung von Lake Town dort gut nachvollziehen kann.

Zu Recht ist „The Hobbit“ ein Klassiker der modernen Kinderliteratur. Tolkien hat hier mit den Hobbits originäre Kreaturen erschaffen, die Kinder jeden Alters ansprechen dürften. Man erlebt die Geschichte durch Bilbos Augen und mit ihm kann sich der Leser identifizieren. Er ist kein überlebensgroßer Held, sondern ein Persönchen von einem Meter zwanzig, das sein Leben auch gern in der sorglosen Abgeschiedenheit des Auenlandes weitergelebt hätte. Eigentlich vollkommen unneugierig und genügsam, kann er sich doch einer gewissen Begeisterung für die Reise nicht erwehren und dieser Gegensatz des Charakters ist wohl der sympathischste Zug, den Tolkien seinem Bilbo verleihen konnte. Denn ohne es zu wollen, macht das Abenteuer Bilbo zu einem Abenteurer, ohne dass er dadurch ein Held würde. So bleibt er, gerade für Kinder, immer verständlich und begreifbar. Doch auch erwachsene Leser werden sich Bilbos Charme kaum enziehen können!

Hinweis: Unsere Rezension zur deutschen Hörbuchfassung findet ihr [hier.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=130

Taylor, Andrew – verriegelte Fenster, Das

Thomas Penmarsh (Spitzname Rumpy), ein Junge von elf Jahren, ist ein unansehnliches Kind und im Umgang mit Menschen hilflos. Zu seinem Glück steht dem sozial Gehemmten sein Cousin Esmond zur Seite, der das genaue Gegenteil von ihm ist: charmant, gut aussehend, eloquent. Die beiden wachsen gemeinsam in Finisterre auf, nachdem zuerst Esmonds kleine Schwester und wenig später auch seine Mutter versterben. Finisterre – das Ende des Landes – ist der Name des Gutes in Nord-Cornwall, in dem die Penmarshs in der Nähe der Küste residieren. Rumpys verwitwete Mutter hat einen Narren an Esmond gefressen und nimmt ihn quasi als zweiten Sohn an, doch das ist kein Grund für Thomas, eifersüchtig zu werden, denn auch er verehrt Esmond und sieht in ihm einen großen Bruder, für den er alles tun würde. Das neue Familienmitglied, das aus ärmlichen Verhältnissen stammt, profitiert wiederum von der besseren finanziellen Situation der Penmarshs.

Die beiden Jungen gehen gemeinsam durch Dick und Dünn, doch als junger Erwachsener will der lebenshungrige und ehrgeizige Esmond der provinziellen Langeweile und Perspektivenlosigkeit entfliehen und zieht nach London, wo er dubiose Geschäftsideen verfolgt. Der Kontakt zu Finisterre bleibt dennoch aufrecht, und Esmonds Machenschaften in der fernen Großstadt zeitigen letztlich auch hier Auswirkungen.

Mehr als zwei Jahrzehnte später hat der mittellose Esmond mit seiner Freundin in Rumpys Haus Quartier genommen und fühlt sich als eigentlicher Hausherr. Nun, als Alice – die bei entfernten Verwandten aufgewachsene Tochter von Thomas – ihren Besuch ankündigt, sieht er seine Machtposition bedroht. Rumpy sitzt zwischen den Stühlen und hat außerdem Angst vor seinem Kind, das ihm fremd ist. Und Esmond ist kein Mensch, der tatenlos zusieht, wie sich die Dinge zu seinem Nachteil entwickeln …

Mit Sicherheit ist „Das verriegelte Fenster“ kein Roman für jene, die ein Faible für rasante Entwicklungen und plakative Spannungsmomente haben. Deshalb mutet es etwas merkwürdig an, dass das Buch im Klappentext als Psychothriller bezeichnet wird und von Taylor als einem Spannungsautor die Rede ist – so richtig „thrillt“ es hier nicht. Über lange Strecken scheint die Geschichte kaum mehr als eine in gemächlichem Tempo erzählte Biographie zu sein, die sich durch ihre Begeisterung für die Figuren und eine genaue Beobachtungsgabe auszeichnet. Erst kurz vor dem Ende kommt dann das Krimi-Element zum Vorschein. Dennoch wird es wegen der guten Schilderung der Charaktere und des Geschehens nie wirklich langweilig. Auch der Wechsel zwischen vergangener und gegenwärtiger Erzählebene sowie die gekonnt subtile Vermittlung des Eindrucks, dass da etwas unter dem oberflächlichen Schein lauert, entschädigen für die fehlende Geschwindigkeit.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die sich für das Ausloten psychologischer Untiefen begeistern können.

_MW_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Thomas Thiemeyer – Medusa

Wie kam das Leben auf die Erde, wie die menschliche Kultur ins Dasein? Und sind wir die Ausnahme in den Weiten des Kosmos? Welche Spuren lassen sich zur Beantwortung dieser brennenden Fragen in Geologie, Anthropologie, Weltraumforschung und Geschichte finden? Welche sprunghaften Ungereimtheiten stellen sich dabei den Forschern in den Weg?

Diese Fragen spielen für Dr. Hannah Peters und ihren Assistenten Abdu Kader zunächst noch keine Rolle, während sie in der algerischen Sahara auf der Suche nach Felsbildkunst sind, wozu Ritzungen oder Malereien zählen, die bis zu 13.000 Jahren alt sein können. Mit einer ausgewachsenen Skulptur in abstrakter und unheimlicher Medusengestalt, die zudem noch älter als diese anerkannten Datierungen ist, aus einem unbekannten Material besteht und mehr neue Fragen aufwirft, als ihre Entdeckung zu beantworten scheint, hätten die beiden allerdings nicht gerechnet. Und wie wichtig die eingänglichen Überlegungen dabei tatsächlich sind, wird sich erst noch herausstellen.

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Cornwell, John – Forschen für den Führer. Deutsche Naturwissenschaftler und der Zweite Weltkrieg

Eine unendliche (und traurige) Geschichte, erzählt in sieben lehrreichen Kapiteln: Wie konnte es geschehen, dass sich ausgerechnet Naturforscher, die für sich selbst in Anspruch nehmen, nur den reinen Fakten verpflichtet zu sein, bis auf wenige Ausnahmen so bereitwillig in den Dienst der Nazis und ihrer absurden, Menschen verachtenden, auf Pseudo-Wissenschaft basierenden Ideologie stellten?

Unter dem Kapiteltitel „Das wissenschaftliche Erbe der Weimarer Republik“ zeichnet Cornwell die Vorgeschichte der „Führer“-Forschung nach. Vor dem I. Weltkrieg war Deutschland ein Mekka der Naturwissenschaften, dessen Vertreter jeden zweiten Nobelpreis gewannen. Schon jetzt gab es hässliche Züge in der insgesamt erfolgreichen Forschergemeinde, war beispielsweise der Antisemitismus eine existente Größe. Doch im Vordergrund stand die Arbeit im Labor und am Zeichenbrett, echte Spinner und Fanatiker wurden erkannt und fachlich ausgehebelt.

Im Kapitel „Die neue Physik (1918-1933)“ greift Cornwell einen naturwissenschaftlichen Teilbereich heraus, um exemplarisch darzulegen, wie der „nationalsozialistischen“ Forschung das Fundament bereitet wurde. Der I. Weltkrieg und seine von der ersten deutschen Republik nie in den Griff bekommenen Folgen – Staatsbankrott, Inflation, politische und wirtschaftliche Dauerkrise, Massenarbeitslosigkeit – verschonte auch die akademische Elite nicht, schürte Konkurrenzneid, Zukunftsangst, Ellenbogeneinsatz. Die Sehnsucht nach der „guten, alten Zeit“ mit ihren klar gegliederten Autoritäts- und Kompetenzebenen ging gefährlich nahtlos in die Bereitschaft über, einen „Führer“ zu unterstützen, der hier Abhilfe versprach.

Damit waren „Nazi-Fanatismus, Willfährigkeit und Unterdrückung (1933-1939)“ freilich Tür und Tor geöffnet. Wissenschaftler sind keine Politiker und in dieser Beziehung tatsächlich oft weltfremd, deutsche Wissenschaftler um 1933 dazu autoritätsgläubig oder gar -hörig. Hinzu kamen die bei der Vergabe begehrter Stellen zu kurz gekommenen oder fachlich unfähigen Vertreter ihres Standes, die unter den Nazis Morgenluft witterten und sich bedingungslos in ein System integrierten, das ihnen den ersehnten Aufstieg ermöglichte. Unerfreuliche Begleiterscheinungen wie den erzwungenen Exodus jüdischer Kollegen blendete man deshalb aus oder begrüßte ihn sogar. Ebenso reagierte man auf den Aufstieg obskurer Nazi-Pseudo-Wissenschaften, die der echten Forschung schadeten und ihrem Ruf ernsten Schaden zufügten.

Nun brach sich „Die Wissenschaft der Vernichtung und Verteidigung (1939-1943)“ Bahn. Nach 1933 wurde allmählich deutlich, dass Hitler zielstrebig für einen neuen Krieg plante und die Wissenschaft als ein Instrument von vielen betrachtete, die ihm die dafür notwendigen militärischen Mittel entwickeln sollten. Die erzwungene Verklammerung von Ideologie und Forschung sorgte dafür, dass dies in Deutschland nur bedingt gelang.

Im Ausland klappte die Zusammenarbeit dagegen besser. „Die nationalsozialistische Atombombe (1941-1945)“ drohte und führte zur Entwicklung eines Gegen-Projekts, an dem sich – Treppenwitz der Geschichte – viele der von Hitler aus dem Land gejagten Physiker beteiligten. Cornwell schildert die eigentlich unlösbare moralische Zwickmühle, in der sich die Beteiligten sahen, als sie die gefährlichste Waffe aller Zeiten schufen, um einem skrupellosen Gegner zuvorzukommen.

Dieser gab unter dem Druck der feindlichen Übermacht in der zweiten Hälfte des Krieges jegliche Rücksicht und moralische Integrität auf. „Wissenschaft in der Hölle (1942-1945)“ zeigt deutsche Naturwissenschaftler als Kriminelle, die Sklavenarbeiter beim Bau wahnwitziger „Wunderwaffen“ einsetzten, grausame medizinische Menschenversuche durchführten und Methoden ersannen, die „Feinde“ des Regimes in Millionenzahl umzubringen.

1945 war dann der Tag der Abrechnung gekommen – scheinbar, denn tatsächlich gediehen nicht nur die Trittbrettfahrer, sondern auch die echten Verbrecher unter den deutschen Forschern „In Hitlers Schatten“ prächtig. Sie wurden gebraucht, um dem neuen Feind – den „Weltsozialismus“ – zu bekämpfen, waren auch sonst eine wertvolle Ressource und mussten daher bei Laune gehalten werden, um sie zur Mitarbeit zu bewegen.

So gibt es zum „Forschen für den Führer“ nicht nur eine Vorgeschichte, sondern auch eine ziemlich ungebrochene Fortsetzung: „Vom Kalten Krieg bis zum Krieg gegen den Terror“ zeigt die Naturwissenschaft auch nach 1945 permanent auf dem Kriegspfad. Die Erfahrungen der Nazi-Ära sowie die Neubeschäftigung vieler ihrer Repräsentanten mag dies mehr gefördert haben als es bisher klar war oder diskutiert werden wollte. Von Vergangenheitsbewältigung kaum eine Spur, so Cornwells Resümee, stattdessen wurde und wird verdrängt und nach altem Muster weitergemacht – mit den zu erwartenden Folgen für die Zukunft.

Adolf Hitler und seine Paladine waren an der Wissenschaft als Instrument für ihre wahnwitzigen Welteroberungspläne interessiert, aber zu dumm, ihre Möglichkeiten und Beschränkungen zu begreifen. Auf diesen kurzen Nenner lässt sich eine grundsätzliche These dieses faszinierenden Sachbuchs bringen. Tatsächlich klafft eine Lücke zwischen dem Selbstverständnis der Nazis als Repräsentanten des modernen Technik-Staates und der traurigen Realität, dass sie die wahren Genies des Landes längst in die Flucht geschlagen, aus ihren Stellen gedrängt oder gar eingesperrt und umgebracht hatten. Übrig blieben die mehr oder weniger fanatischen Mitläufer und Opportunisten, die um ihrer (oft obskuren) Forschungen und ihrer Karrieren willen bereit waren, die Prinzipien der Menschlichkeit aufzugeben.

Was den Verfasser zur einer echten Binsenweisheit bringt: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Intelligenz ist nicht identisch mit Weitsicht oder charakterlichen Qualitäten. So sollte es eigentlich sein, so war es manchmal. Vor allem ist sich in der Krise freilich jede/r selbst der/die Nächste.

Das Regime der Nazis bündelte unheilvoll diverse unschöne bis kriminelle Strömungen in Deutschland, die für sich allein genommen nur eine eingeschränkte Gefahr darstellten. Die Elemente, aus denen sich die Nazi-Wissenschaft zusammensetzte, waren schon lange da, wie uns John Cornwell überzeugend belegt. Sie wären ohne Hitler weiterhin präsent geblieben, aber sehr wahrscheinlich dort, wo sie hingehören: im politisch-gesellschaftlichen Abseits.

So aber wurde Nazi-Deutschland zum Schauplatz eines grausamen Planspiels: Was geschieht, wenn sowohl das Gesetz als auch die Moral außer Kraft gesetzt werden? Nicht nur die Forschung war davon betroffen. Sie fügt sich nur besser ins Gesamtbild, als dies womöglich bisher erkannt wurde.

John Cornwell legt seine Darstellung als Sachbuch mit Romanqualitäten an. Dies fördert zweifellos die Lesbarkeit, was angesichts des zunächst abschreckend wirkenden, weil „trockenen“ Themas wohl auch ratsam ist. Schon nach kurzer Lektüre bestätigt sich einmal mehr die alte Weisheit, dass es im Grunde kaum langweilige Geschichte/n gibt: Sie müssen nur interessant erzählt werden!

Das gelingt Cornwell, indem er die referierenden Passagen immer wieder mit biografischen Fallbeispielen durchsetzt und zusätzlich durch Anekdotisches auflockert. Das manchmal schwer verständliche Geschehen gewinnt auf diese Weise „Gesichter“. Dem Puristen mag dieses Vorgehen zu populistisch sein, aber es erfüllt seinen Zweck.

Ein informatives und gleichzeitig spannendes Sachbuch also. Der positive Eindruck wird allerdings durch die Tatsache verdunkelt, dass der Verfasser praktisch ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgreift und Quellen „aus zweiter Hand“ zitiert – eine aus der Sicht des Historikers zweifelhafte Methode, das „Forschen für den Führer“ eher als Zusammenfassung des Forschungsstandes denn als eigenständige Forschungsarbeit klassifiziert.

Tatsächlich ist John Cornwell als Historiker kein „Grundlagenforscher“, sondern in erster Linie Journalist mit dem Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte. Als solcher darf er sich in der Tat darauf beschränken, die Ergebnisse von Kolleginnen und Kollegen zu raffen bzw. ein konzentriertes Gesamtbild aus ihnen zu destillieren. Unter dieser Prämisse erfüllt das Buch seine Aufgabe, zu informieren und zu unterhalten, allerdings vorbildlich.

Herbie Brennan – Das Elfenportal (Faerie Wars 1)

Henry glaubt nicht an Elfen. Er ist schließlich schon vierzehn! Früher, vor unendlich langer Zeit, als er noch ein Kind war – damals glaubte er die Geschichten über kleine, geflügelte Wesen, die guten Menschen drei Wünsche gewährten. Heute glaubt er nicht mehr an sie. Doch was, wenn ihm ein Elf begegnet?

Der Autor

Herbie Brennan hat zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Nebenbei entwickelt er Spiele und Software und arbeitet fürs Radio. Er lebt in County Carlow in Irland.

Der Inhalt

Der Purpurkaiser herrscht gerecht über das Volk der Elfen. Die Lichtelfen sind zufriedene Untertanen, doch die Nachtelfen scheinen Übles zu planen. Das allein bereitet dem Kaiser schon genug Kopfschmerzen, doch zu allem Überfluss ist sein Sohn Pyrgus, der Kronprinz, verschwunden.

Pyrgus ist ein Tiernarr. Er kann es nicht ausstehen, wenn Tiere gequält werden. So entwendete er den Phönix aus dem Haus Lord Hairstreaks, wobei er unglücklicherweise ertappt wurde. Auf seiner Flucht gelangt er in die Leimfabrik Chalkhill & Brimstone, wo er das nächste erschütternde Erlebnis hat: Die Zauber-Klebe-Formel besteht in einem lebenden Kätzchen, das täglich dem Leim geopfert werden muss! Hier ist also wieder eine Rettungsaktion gefragt – doch diesmal wird Pyrgus prompt von den Wächtern der Fabrik festgenommen, fast zu Tode geprügelt und dem Geschäftsführer – Brimstone – vorgeführt, der gerade einen teuflischen Pakt mit Beleth, dem Fürsten der Dämonen, abgeschlossen hat. Zufälligerweise ist es Pyrgus, den der Dämon als Opfer verlangt, und so kommt Brimstone die Gefangennahme sehr gelegen.

Kurz vor dem Opfergang kommt es zu einem Zwischenfall, der Pyrgus aus dem Dämonenkreis befreit. Bevor Brimstone eingreifen kann, erscheint die Palastwache des Purpurkaisers und eskortiert Pyrgus zum Palast.

Politische Verwicklungen zwischen Licht- und Nachtelfen verlangen höchste Sicherheit für den Kronprinzen, und so soll Pyrgus durch das Elfenportal, das sich im Besitz der Kaiserfamilie befindet, in die Gegenwelt transportiert werden, um dort das Ende der Streitigkeiten zu erwarten. Eine einsame Insel in der Karibik ist das Ziel, doch als man nach gelungenem Transfer überprüfen möchte, ob es dem Prinzen gut geht, ist er nicht auffindbar. Offensichtlich wurde er durch Sabotage an einen anderen Ort befördert …

In der Gegenwelt: Henrys Eltern liegen im Streit. Die Mutter hat eine Affäre mit der Sekretärin ihres Mannes (!), und der soll darum aus dem Familienleben treten. Ob all dieser Ungerechtigkeiten bleibt dem vierzehnjährigen Jungen nur die zeitweilige Flucht. Er geht zu Mr. Fogarty, um dem alten Mann beim Aufräumen seines Hauses oder Gartens zu helfen. Kaum steht er vor dem bruchfälligen Schuppen, als Fogartys Kater einen Schmetterling einfängt. Henry, der sehr tierlieb ist, verbietet dem Kater seine Beute und fördert – keinen Schmetterling zu Tage, sondern ein geflügeltes kleines Menschlein, offenbar ein Elf! Henry glaubt nicht an Elfen, aber er weiß, dass Mr. Fogarty an sie wie auch an Außerirdische und dergleichen glaubt. Also bringt er seinen Fund in die Küche, und mit Hilfe des alten Mannes bringen sie ein Verstärkergerät zustande, das die Stimme des kleinen Wesens hörbar macht.

Henrys Weltanschauung ist über den Haufen geworfen. Es ist tatsächlich ein Elf, und zwar Pyrgus, der Sohn vom Purpurkaiser des Elfenreichs! Ärgerlich für Pyrgus ist, dass der Filter des Portals versagt haben muss und er nun in der lächerlichen Gestalt eines kleinen fliegenden Würmchens in der Gegenwelt ist. Auf jeden Fall ist allen klar, dass Pyrgus so schnell wie möglich in seine Welt zurückkehren muss. Dort steht mittlerweile eine große Konfrontation zwischen Nacht- und Lichtelfen bevor, und auch die Dämonen scheinen einen Plan zu haben …

Kritik

„Das Elfenportal“ mutet erstmal wie ein Jugendroman an – Vierzehnjährige, die in Abenteuer verstrickt werden und das Schicksal der Welt in den Händen halten. Doch Brennan verstrickt in dieser Geschichte Abenteuer gekonnt mit Fantasy, Ironie und Humor, zeigt auf diese Art nicht nur Ausschnitte aus dem – unheimlich vertrauten – Elfenreich, sondern auch Aspekte unserer Gesellschaft, des Familienlebens und des Klischees, dass scheinbar immer die Ehemänner Affären mit ihren Sekretärinnen haben, wenn eine Ehe zu Bruch geht.

Interessant ist auch die Verknüpfung der Elfengeschichte – klein, geflügelt, drei Wünsche – mit dem Außerirdischen-Mythos – dürre, graue, großköpfige Wesen mit riesigen Augen, die Unmengen Amerikaner entführen. Nach diesem Buch wissen wir, woher diese Außerirdischen kommen und was es mit unseren kleinen, niedlichen Elfchen auf sich hat. Und wir haben einen spannenden Einblick in das Leben der echten Elfen bekommen, das sich von dem unsrigen gar nicht so sehr zu unterscheiden scheint. Natürlich gibt es im Elfenreich andere Technik – dort als Magie bezeichnet – und andere Mythen, aber die Wesen scheinen zu fühlen wie Menschen, unabhängig davon, dass sie sich Elfen nennen.

Es hat auf jeden Fall nichts mit den Elben aus Tolkiens „Herrn der Ringe“ zu tun und steht also Abseits der Diskussion, ob die weit verbreiteten Fantasy-Elfen mit Tolkiens Elben identisch sind. Hier handelt es sich tatsächlich um diese kleinen, geflügelten Geschöpfe unserer Märchen, die – wie wir nun wissen – eigentlich gar nicht so klein und schon gar nicht geflügelt sind.

Der Konflikt zwischen Lichtelfen und Nachtelfen sowie den Dämonen ist facettenreich geschildert, und ein Lösungsansatz führt genauso in die Irre wie der nächste. Jede Partei ist überzeugt, die anderen zu durchschauen und hintergehen zu können oder ihnen überlegen zu sein, bis es im Finale zu einer überraschenden Wendung kommt, bei der auch der mysteriöse Mr. Fogarty eine Rolle spielt. Die Geheimnisse, die dieser Mann mit sich herumträgt, tragen allerdings nur noch zu Henrys Verwirrung bei. Ist ihm irgendwann aber auch egal, denn er trifft ja auf Holly Blue, die Schwester von Pyrgus.

Wo wir grad bei den Geschwistern sind: Comma, der Dritte im Bunde, steht nach Pyrgus in der Thronfolge. Und hier sieht man wieder einen Aspekt, der – da nicht eindeutig erwähnt – eventuell aus diesem Buch mehr macht als nur ein Jugendbuch. Mit Ironie wird deutlich, dass Comma zwar auch hintergangen wird, aber als einer der wenigen vom Verschwinden Pyrgus‘ profitiert hätte.

Fazit

Ein schnelllesiges Buch, wenn ich diesen Ausdruck mal kreieren darf. Und wirklich kurzweilig. Wie Mr. Colfer auf dem Umschlag bemerkt, ist dieser Plot durchaus der einen oder anderen Erweiterung fähig. Ein schönes Lesevergnügen, bei dem man nicht selten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Empfehlenswert – mal wieder für jedermann!

Ein wenig Kritik am Einband: Es prangt das Symbol „dtv premium“ darauf. Aber bezieht sich das nur auf den Inhalt und nicht auf die Verarbeitung? Die Verklebung der Seiten lässt – zumindest bei meiner Ausgabe – doch sehr zu wünschen übrig.

Carter, Lin – Tolkiens Universum

Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist an sich schon ein Mammutwerk (meine Ausgabe beispielsweise hat nicht weniger als 1300 eng bedruckte Seiten) und auch (literatur)wissenschaftlich hat man sich immer wieder mit dem Roman auseinandergesetzt. Doch seit der Verfilmung durch Peter Jackson ist nochmal ein ganzer Stoß begleitender Bücher auf den Markt geschwemmt worden, die dem alten und neuen Fan Mittelerde, Elben und böse Zauberringe erklären sollen. Was da Wunder, dass sich auch der |List|-Verlag eine Scheibe vom Kuchen abschneiden wollte. Anders lässt es sich kaum erklären, dass der Verlag ein Buch aus dem Jahre 1969 ausgrub, es mit einem Cover versah, das frappant an das Design der Verfilmungen erinnert, und das Ganze kurzerhand 2002 in deutscher Erstfassung auf den Markt warf. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe weist das Buch als „authentisches Dokument der allgemeinen Faszination aus, die Tolkiens mythisches Universum bereits vor Jahrzehnten ausübte.“ Damit ist bereits in blumigen Worten umschrieben, um was es sich bei Lin Carters „Tolkiens Universum“ eigentlich handelt – nämlich ein Buch, das höchstens noch literaturhistorisch von Interesse ist, ansonsten aber komplett veraltet daherkommt. Einsichten in die Grundlagen von Tolkiens Mythologie und die Fundamente seines Weltenentwurfs finden sich höchstens im letzten Teil von Carters Ausführungen.

Lin Carter war selbst Autor von Fantasyromanen; ein Mann vom Fach also. Er editierte für |Ballatine Books| die „Adult Fantasy“-Reihe und interessierte sich augenscheinlich für den Werdegang der Fantasy in der Weltliteratur. Dass ihn Tolkiens Werk, das bei vielen alten Mythen Anleihen nimmt, dabei besonders faszinierte, überrascht kaum. In „Tolkiens Universum“ versucht er nun, anderen Lesern diese Welt nahe zu bringen, schließlich war „Der Herr der Ringe“ zu diesem Zeitpunkt erst gute zehn Jahre auf dem Markt und begann erst langsam, seinen Kultstatus zu entwickeln. Carter betrat zu seiner Zeit also relatives Neuland und tastete sich dementsprechend vorsichtig an sein Studienobjekt heran.

Zunächst bringt er einige biographische Fakten zu Tolkien, seine universitäre Laufbahn als Professor, sein Interesse für alte Mythen und Legenden (hier nennt er besonders den „Beowulf“ und die [„Edda“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=62 und seine Beschäftigung mit der Form des Märchens.
Von da kommt er auf die Entstehungsgeschichte vom „Herrn der Ringe“ und eine erste kleine Rezeptionsgeschichte, die illustriert, dass ein so unhandliches Buch unmöglich einen einfachen Start haben kann. Dieser Teil von „Tolkiens Universum“ ist mäßig interessant, besonders unterhaltsam muten Carters Spekulationen über den Inhalt des [„Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 an, das zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war.

Um seine Studie über den „Herrn der Ringe“ ordentlich vorzubereiten, bietet Carter dann eine Zusammenfassung sowohl des [„Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22 als auch des „Herrn der Ringe“. Auf nicht weniger als 60 Seiten erläuert er, worum es in den Büchern geht und man fragt sich zwangläufig, an welchen Leser diese Zeilen wohl gerichtet sein mögen. Carters Buch werden sicherlich nur zwei Arten Leser in die Hand nehmen: Diejenigen, die den „Herrn der Ringe“ kennen und tiefer in die Materie einsteigen wollen und diejenigen, die noch vorhaben, das Buch zu lesen. Beide Gruppen werden keine 60-seitige Inhaltsangabe benötigen. Für die einen ist sie überflüssig und für die anderen der ultimative Spoiler. Was Carter also mit diesem Teil seines Buches erreichen wollte, bleibt ungeklärt.

Im Anschluss daran nimmt er den Leser mit auf eine Tour durch die Weltliteratur und erklärt ihm, dass die Form des Epos eine Art Urformel der heutigen Fantasy ist und führt als Beweis unzählige bekannte und unbekannte Epen mitsamt Inhaltsangaben auf. Dies mag lesenswert sein, wenn man sich ohnehin für diese Form interessiert und mehr über „Edda“, „Nibelungenlied“, „Beowulf“ etc. erfahren will. Doch auch für diesen Leser ist Carters Buch nicht unbedingt zu empfehlen. Für einen Überblick bringt er einfach zu viel Material auf zu kleinem Raum und büßt dafür die Tiefe seiner Analyse ein. Seine Betrachtungen bleiben oberflächlich und polulärwissenschaftlich, höchstens ein kleiner Appetitmacher auf Texte wie die „Ilias“. Den Hunger muss man jedoch mit anderen Publikationen stillen. Auch bleibt er den Zusammenhang zwischen den genannten Epen und Tolkiens Schaffen schuldig. Vergleiche werden niemals gezogen und somit stehen Carters Betrachtungen zum Epos frei im Raum ohne direkt für die Tolkien-Analyse herangezogen zu werden.

Im letzten Teil kommt Carter dann endlich zur Sache und gräbt einige Primärtexte aus, die Tolkien beeinflusst und inspiriert haben. Der Mehrwert dieser Entdeckungen ist unterschiedlich. So ist es nicht gerade eine Erleuchtung, herauszufinden, dass „theoden“ (bei Tolkien der König Rohans) das angelsächsische Wort für „Fürst einen Stammes“ ist oder dass „myrkwid“ (engl. „Mirkwood“, dt. „Düsterwald“ – Legolas‘ Heimat) 17-mal in der „Alten Edda“ erwähnt wird. Schon erstaunlicher sind die inhaltlichen Zusammenhänge, wenn er beispielsweise den Sternenfahrer Earendil bis zur „Prosa-Edda“ zurückverfolgt und feststellt, dass die Figur (die ebenfalls Earendil bzw. Orvandel heißt) auch dort mit einem Stern in Verbindung gebracht wird. (Bei Tolkien wird Earendil mit seinem Schiff an den Himmel gesetzt und der Silmaril an seiner Stirn leuchtet den Bewohnern Mittelerdes als Stern der Hoffnung – entspricht dem Morgen- und Abendstern.)

Große Erleuchtungen bleiben bei der Lektüre also aus, was sicherlich dem frühen Entstehungsdatum von „Tolkiens Universum“ geschuldet ist. Wer sich für die Rezeptionsgeschichte Tolkiens interessiert, wird hier sicherlich fündig und kann an Carters Ausführungen ablesen, wie „Der Herr der Ringe“ damals aufgenommen wurde. Wer jedoch wirklich etwas über die Hintergründe des Romans erfahren will, der wird in diesem Buch hauptsächlich im Kreis herumgeführt. Eine Publikation neueren Datums ist da empfehlenswerter und materialreicher.

Michael Marrak – Imagon

Aus H. P. Lovecrafts Elder Gods-Mythos entstand eine Geschichte, die eindrucksvoller nicht sein könnte. Nichts könnte die unheimlichen Großen Alten deutlicher, glaubhafter schildern, nichts vor der Gefahr eindringlicher warnen, die dem Cthulhu-Mythos innewohnt.

Der Autor

Michael Marrak wurde 1965 in Weikersheim geboren, ist gelernter Großhandelskaufmann und besuchte das Berufskolleg für angewandte Grafik in Stuttgart. Mittlerweile lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller und Illustrator in Hildesheim.

Inhalt

Der dänische Geophysiker Poul Silis hasst Schnee. Eines Tages wird er von seinem Institut auf eine merkwürdige Sache angesetzt: In Grönland wurde ein Krater im ewigen Eis entdeckt, dessen Ausmaße nur von einem gigantischen Meteoriten herrühren können – doch keine Station auf der Erde hat seinen Einschlag beobachtet. Es gibt weder die typischen Aufwerfungen des verdrängten Substrats, noch die charakteristische Impaktwolke über dem Gebiet.

Man behandelt den Vorfall mit strengster Geheimhaltung. Silis wird nach Grönland verschifft und trifft auf das Team seines ehemaligen Mentors, Professor DeFries. Es stellt sich heraus, dass der Krater die Spitze eines uralten Tempels in der Front eines Berges freigelegt hat – älter als das intelligente Leben auf der Erde! Unheimliche Symbole zieren den einzig erreichbaren Eingang. Und ebenso unheimlich ist: Silis wird von Alpträumen geplagt, in denen er den Tempel (in seiner Gänze) sieht – mit seinen Bewohnern, grauenhaften Wesen, die das Tageslicht scheuen …

In der Mitte des Kraters findet man ein mehrere Meter durchmessendes Schluckloch, durch welches das Schmelzwasser von den Freilegungsarbeiten am Tempel zurück unter das Eis fließt. Wieder beobachtet Silis unheimliche Phänomene: Das Wasser fließt in der arktischen Kälte kilometerweit und schert sich dabei um keinerlei physikalische Gesetze. So fließt es in einem breiten, flachen Rinnsal schnurgerade zum Schluckloch und überwindet dabei sogar meterhohe Hindernisse.

Ein Experiment am Schluckloch zeigt, dass es seinen Namen zu Recht trägt. Es verschluckt sowohl Rauch (der sich in Spiralen abwärts dreht) als auch Schall! Zwei sich gegenüberstehende Menschen mit dem Loch zwischen sich vermögen sich nicht mehr zu hören. Als eine Magnesiumfackel von Silis in das Loch geworfen wird, bebt der Boden und eine gewaltige Fontäne befördert die Fackel zurück ans Licht. Silis‘ Begleiter wird von einem geleeartigen Klumpen der Masse berührt, die in seinen Körper eindringt. Er verliert das Bewusstsein und Silis erfährt von DeFries merkwürdige Geschichten über die Großen Alten, die Älteren Götter und unheilige Wesen.

Silis‘ Begleiter ist dem Tode geweiht, Silis selbst zweifelt an seinem wissenschaftlichen Verstand wie auch an dem seines ehemaligen Mentors DeFries. Ein Inuit-Schamane verhilft ihm zu einer Traumbegegnung mit Sedmeluq – danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Silis steigt in den Tempel hinab, auf der Suche nach Antworten. Er betritt eine gigantische Halle, die er aus seinen Träumen zu kennen glaubt. In ihrer Mitte befindet sich eine Mulde, in der sich eine tiefschwarze Masse bewegt, die Silis sofort als Qur identifiziert: Das unheilige Medium, dem die Älteren Götter entstiegen. Hier ist das Tor zur anderen Seite, das nicht geöffnet werden darf. Doch keiner der Wissenschaftler zieht Silis endgültig ins Vertrauen, denn sie wissen, dass er ein Imagone ist, der als Schlüssel zu dieser Welt von Sedmeluq ausersehen wurde …

Kritik

Man rätselt mit dem Protagonisten. Es gibt Bücher, in denen man stets mehr weiß als die Handlungsträger und allzu oft denkt: Oh Mann, dies und das ist doch so und so, siehst du das nicht?
In „Imagon“ ist das anders. Man weiß immer nur so viel wie Poul Silis, und das ist deutlich weniger als die meisten anderen in der Geschichte wissen. Es scheint, als würde das Wissen vor ihm verborgen werden, und so erfährt man nur Schritt um Schritt die erklärenden Verhältnisse, Erzählungen aus dem von DeFries zusammengetragenen ‚Taaloq‘ und eigenen Gedanken aus den Erlebnissen des Ich-Erzählers, eben Poul Silis.

Man wird ebenso wie er vor den Kopf gestoßen von Dingen, die in unserem Verständnis der Welt unmöglich sind. Aber man rutscht auch ebenso wie er in die Finsternis hinein und beginnt, an diese Dinge zu glauben, zweifelnd erst, dann mit wachsender Überzeugung. Es ist unheimlich, wie Marrak es schafft, uns Lesern über unwirkliche, aber äußerst plastische Erlebnisse des Erzählers einen Pseudomythos als wirklichen, uralten Mythos vorzulegen und uns schließlich glauben zu machen, dass die wichtigen Details des Mythos wahr sein könnten …

Was schließlich wirklich mit Poul Silis geschieht, will ich hier nicht verraten, denn das würde eine Menge der Spannung nehmen, die dem Buch innewohnt. Wer Marraks „Lord Gamma“ gelesen hat, kann eine Ahnung von der Vielfalt und Abstrusität haben, die zu dem mitreißenden und ebenso kalten, unheimlichen Roman werden, der mich nicht mehr losgelassen hat, bis ich mit den letzten Seiten an einem Ende angekommen war, das mich für einige Minuten hilflos zurückließ, ehe es mit seiner ganzen Aussagekraft durchdrang und als Ende bedeutungsschwer stehen blieb.

Vor einigen Jahren schrieb Michael Marrak eine Novelle mit dem Namen „Der Eistempel“, deren Plot wohl nach Größerem rief. Auf ihr basiert der vorliegende Roman, wobei die Novelle wiederum von Lovecrafts Elder Gods- oder Cthulhu-Mythos inspiriert wurde. Wenn man sich jetzt an Lovecrafts Roman „Berge des Wahnsinns“ erinnert (so man ihn kennt), wird man in „Imagon“ kein simples Remake finden, sondern eine echte, hervorragende, eigenständige Geschichte zu einem gemeinsamen Thema, dem Mythos um die Älteren Götter.

Fazit

„Imagon“ ist kalt, hart, unheimlich, bizarr und spannend, aber in keinem einzigen Moment wirkt er unglaubwürdig, zäh oder plakativ. Man glaubt dem Erzähler, dass er seine Geschichte erlebt hat und von ihr geprägt wurde; man glaubt auch dem Autor jegliche Details, als wäre er gar nicht vorhanden, sondern als handle es sich um Fachwissen des Geophysikers Poul Silis. Man ist geneigt, einen Punkt für das Ende abzuziehen, bis man noch einmal darüber nachgedacht und die Geschichte sich hat setzen lassen. Ich zumindest bin der Überzeugung, dass es kein anderes Ende hätte geben können. Darum Hut ab vor Michael Marraks Leistung – und volle Empfehlung!

Wer es gern solider mag, findet das Buch übrigens auch noch in der Originalausgabe von Festa (2002) als Hardcover unter der ISBN 3-935822-12-X.

Das Titelbild stammt übrigens von Marrak selbst, und der Roman wurde ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschen SF-Roman des Jahres 2002!

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

Michael Capuzzo – Der Hai

1916 attackiert und tötet ein Hai an der US-Ostküste mehrere Menschen. Eine landesweite Hysterie bricht aus, denn die Natur meint man längst im Griff zu haben; ein Irrtum, dessen kollektive Wirkung die realen Ereignisse weit übertrifft … – Was zunächst übertrieben klingt, weiß Autor Capuzzo, ein Journalist, ebenso faktenkundig wie spannend zu begründen. Das Ergebnis ist ein Sachbuch mit Romanqualitäten und überaus lesenswert.
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Salvatore, R. A. – Invasion der Orks, Die (Die Rückkehr des Dunkelelf 1)

Die von dem in die USA emigrierten Schweizer Gary Gygax erfundene |Dungeons & Dragons|-Reihe („Verliese und Drachen“) – kurz D&D oder AD&D („advanced“) – darf sich rühmen, das populärste Fantasy-Rollenspiel der Welt und Urvater von Systemen wie dem in Deutschland bekannten DSA („Das Schwarze Auge“) oder Midgard zu sein.

Ein Welterfolg, der wie nicht anders zu erwarten auch auf jede erdenkliche Weise vermarktet wird. Vom ursprünglichen „Pen & Paper“-Rollenspiel wurden neben Zinnfiguren (Ral Partha), Kartenspielen und sonstigen Fanartikeln und Spielideen auch etliche Computerspiele („Pool of Radiance“, „Eye of the Beholder“, „Baldur’s Gate“) mehr oder minder inspiriert.

Auch auf dem Buchmarkt ist die Reihe erfolgreich, die der „Forgotten Realms“ oder deutsch „Die Vergessenen Reiche“ dürfte neben „Dragonlance“ die wohl bekannteste AD&D-Fantasywelt sein.

_Sympathieträger mit Burnout-Syndrom_

Maßgeblichen Anteil an der Popularität dieser Welt und eines ihrer schillerndsten Charaktere, dem Dunkelelfen Drizzt Do’Urden, hatte ihr Autor und Schöpfer, der 1959 geborene Amerikaner R. A. Salvatore. Salvatore hatte mit dem ersten Band der Vergessenen Reiche „The Crystal Shard“ / „Der gesprungene Kristall“ so großen Erfolg, dass er der wohl schillerndsten Figur, dem ganz entgegen der sonst bösartigen Natur seines Volkes „guten“ Drow Drizzt, eine eigene Trilogie, die |Saga vom Dunkelelf|, gewidmet hat.

Der krummsäbelschwingende Dunkelelf und seine Freunde, der Zwerg Bruenor, der Barbar Wulfgar, der Halbling Regis und Catti-brie (eine Menschenfrau – der so genannte Quotenmensch) kämpften sich fortan durch unzählige Abenteuer, bis hin zu dem Punkt, an dem Salvatore ein wenig die Ideen ausgingen. Die kurzweilige Action und Faszination einer gewaltigen, langsam auf gigantische Ausmaße gewachsenen Fantasywelt reichte nicht mehr – was nun?

Nach dem Ende des bösen Pendants von Drizzt, Artemis Entreri, und einigen faszinierenden Ausflügen in das legendäre Unterreich der Dunkelelfen, hatte Salvatore einige fatale Ideen: Ein bisschen viel Seifenoper, Wulfgar wurde zum Alkoholiker, von Dämonen gefoltert, er verliebte sich in Catti-brie, behandelte sie schlecht, musste über satte vier Bände von seinen Freunden vor sich und der Welt gerettet werden. Nachdem am Ende Drizzt selbst seine Zuneigung zu Catti-brie entdeckte und Wulfgar mit einer neuen Freundin und Familie versorgt und ein Intermezzo auf den Meeren Faerûns beendet worden war, konnte ich nicht anders als den Niedergang der einstmals so geliebten |Swords & Sorcery|-Reihe zu bedauern. Das war es wohl nicht, was die Fans lesen wollten. An die alten Klassiker kamen diese Romane bei weitem nicht mehr heran.

_Ein Neuanfang?_

Während Salvatore über einer Fortsetzung brütete, erschien mit dem „Krieg der Spinnenkönigin“ eine Reihe von Romanen von Jungautoren, die sich so in den Vergessenen Reichen ihre ersten Sporen verdienen durften, wie Richard Lee Byers mit dem ersten Band [„Zersetzung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=183 in der Dunkelelfen-Metropole Menzoberranzan.

Der Altmeister selbst legt eine neue Trilogie vor, die bezeichnenderweise „Die Rückkehr des Dunkelelf“ (US: „The Hunter’s Blades“) heißt und mit den dank der Verfilmung des |Herrn der Ringe| derzeit sehr populären Orks aufwarten kann… sogar gleich mit tausenden davon:

_“Die Invasion der Orks“ / „The Thousand Orcs“_

Drizzt zieht mit seinen Freunden und Bruenor Heldenhammers Zwergensippe heim, nach Mithrilhalle. Alle sind froh über Wulfgar, der sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hat. König Bruenor plant, auf dem Heimweg die Konkurrenz von Mithrilhalle, die Stadt Mirabar, aufzusuchen und den dort zusammen mit Menschen lebenden Zwergensippen einen Besuch abzustatten, Kontakte zu knüpfen und ein wenig Spionage zu betreiben – denn der Markgraf Elastul ist wegen der wirtschaftlichen Einbußen, die Mirabars Bergwerke und Schmieden wegen der überlegenen Qualität der Waffen und Erze aus Mithrilhalle erleiden, ausgesprochen feindselig gestimmt.

Der Besuch verläuft friedlich, jedoch verursacht er einen Bruch zwischen den seit Jahrhunderten mit den Menschen Mirabars zusammenlebenden Zwergen und dem Markgrafen, der ihnen auf unkluge Weise vorwirft, mehr auf ihre Verwandten aus Mithrilhalle zu achten denn auf die Interessen Mirabars.

Während Drizzt und Bruenor weiterziehen, wird dessen Wunsch, die geheimnisvolle Zwergenfeste Gauntlgrym zu suchen und so der Langweile des Herrschens in Mithrilhalle zu entgehen, auf ihm nicht unliebe Weise von Orks vereitelt:

Eine Schar Orks und Frostriesen hat einen Trupp Zwerge überfallen, und das Menschendorf, in dem die Überlebenden gepflegt wurden, niedergebrannt. Bruenor persönlich zieht mit einer kleinen Truppe Zwerge und seinen kampferprobten Gefährten den Orks entgegen, während er die anderen Zwerge nach Mithrilhalle schickt.

Doch alle haben die Gefahr unterschätzt: Der Ork Obould und die Frostriesin Gerti haben dank der Hilfe abtrünniger Dunkelelfen eine unheilige Allianz gebildet, die ein gewaltiges Heer in Richtung Mirabar entsendet hat. Die Orks überrennen das Dorf, in dem Bruenor sich verschanzt; der alleine hinter den feindlichen Reihen kämpfende Drizzt kommt zu spät und findet nur noch Leichen unter von den Frostriesen geschleuderten Steinen und eingestürzten Gebäuden, hält seine Freunde fälschlicherweise für tot. Während Bruenor verschüttet und abgeschnitten von seinen Zwergen ist und Drizzt ihren Tod betrauert, schickt Markgraf Elastul seine fähige Beraterin Shoudra Sternenglanz zwecks Sabotage nach Mithrilhalle …

_Ein Schritt in die richtige Richtung …_

Besondere Überraschungen und Finessen bietet die Handlung nicht gerade, andererseits zeichnet sich „Die Invasion der Orks“ durch viele der alten Stärken Salvatores aus, die vorhergehenden Bänden leider völlig abgingen.

So hat Salvatore angenehm vielfältige Handlungsebenen miteinander verknüpft, von dem Ork Obould und seinem dümmlichen Sohn Urlgen und ihrem Bündnis mit den Frostriesen bis hin zu den vier Dunkelelfen, die aus verschiedenen Gründen das Unterreich verlassen und Asyl an der Oberfläche suchen mussten, wo es vor allem den in ihrer Heimat von den Drow-Frauen unterdrückten Männern ausgesprochen gut gefällt. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, schon der Prolog, der Überfall auf die kleine Zwergenschar, liest sich sehr angenehm, wie auch spätere Dialoge der Orks recht kurzweilig sind.

|“‚Warum kämpfen wir überhaupt gegen die verdammten Zwerge?‘ wagte ein anderer aus der Gruppe zu fragen. Obould drehte sich um und versetze ihm einen Hieb, der ihn zu Boden warf. So viel zu diesem Diskussionspunkt.“|

Angenehm auch die differenzierte Darstellung des Zusammenlebens der Zwerge und Menschen in Mirabar, bei der mir besonders die gelungene und glaubhafte Darstellung der schönen und klugen Sceptrana Shoudra Sternenglanz, der menschlichen Beraterin Elastuls, gefallen hat. Die Handlung ist kurzweilig, humorvoll und in gewissem Sinne sogar originell, die Dialoge des Markgrafen mit seinem überschätzten Alchemisten, dem Gnom Nanfoodle, sind gut durchdacht und eine gelungene Umsetzung des Klischees des chaotischen Gnomen-Alchemisten, der bei seinen Versuchen, die Qualität des Erzes zu verbessern, vermeintlich große Erfolge erzielt, die sich bei genauerer Betrachtung aber als ganz gewöhnliche Legierungen mit höherwertigen Metallen erweisen …

Salvatore packt aus, was die Vergessenen Reiche an Kulturen, Abenteuern und Rassen zu bieten haben, was mir sehr gut gefallen hat, leider hat sich meine Begeisterung im letzten Drittel merklich gelegt.

Neben zwei Mondelfen und ihren Pegasi konnte er es sich nicht verkneifen, Dick und Doof, pardon, Pikel und Ivan, die lustigen Kameraden des Zwergenklerikers Cadderly, ebenfalls in das Kampfgebiet zu schicken. An beiden scheiden sich die Geister, jedoch hätte ich es begrüßt, wenn stattdessen den bereits vorgestellten neuen Figuren mehr Raum eingeräumt worden wäre, als dieser das Buch unnötig in die Länge ziehende Episode mit den Elfen und den beiden Zwergen. Diesen Platz hätte man auf den Charakter des Markgrafen verwenden können, der nur selten glänzt und oft inkonsistent als dümmlich die Zwerge vergrätzender Tyrann dargestellt wird, was nicht zu der nachvollziehbareren Darstellung seiner klugen Berater wie Agrathan und Shoudra passt, denen Salvatore wohl einen Maulkorb verpassen musste, um ihren Herren unberaten ins Verderben rennen zu lassen.

Unpassend zu dem derben, einfachen Humor ist auch der leidige Versuch, Drizzt und seinen Gefährten tiefere Gefühle verleihen zu wollen. Bei diesem kampflustigen Haufen wirken tiefenpsychologische Erklärungsversuche einfach nur lächerlich, zum Beispiel rettet Wulfgar seine ehemalige Liebe Catti-brie, die nun die Gefährtin von Drizzt ist, wofür Drizzt ihm dankt, was ihn aber beleidigt, weil es unter Gefährten ja selbstverständlich ist und es so wirkt, als wäre das, was er getan hat, mehr, als er von ihm erwarten könne. Inklusive der Befürchtung, Wulfgar könne wieder ein Auge auf Catti-brie werfen … Mit diesen Liebesgeschichten und Wulfgars Alkoholproblemen hat Salvatore einige seiner schlechtesten Romane verbrochen, warum wärmt er diesen alten Käse also noch einmal auf, er stinkt zum Himmel.

_Unterm Strich …_

Nach dem überzeugenden, humorvollen und gelungenen Auftakt enttäuscht das Ende leider sehr, ein Rückfall in bekannte Unarten. So leuchtet es nicht ein, wie fünf Frostriesen Drizzt weit vom Kampfgebiet wegjagen können, hat er doch schon ganz andere Monster mit dem Dönermesser zu Konfetti verarbeitet. Leichtgläubig scheint der Elf auf seine alten Tage auch zu werden – stammt nicht von ihm auch der Spruch, er glaube nicht an den Tod einer Person, solange er nicht ihre Leiche mit eigenen Augen gesehen habe, und selbst dann gäbe es unter Umständen noch Zweifel? Bruenors Helm und ein Haufen Steine überzeugen ihn jedenfalls, dass alle mausetot und erschlagen sind.

Schade, einige hundert Seiten weniger, ein überzeugenderes Ende und der Roman hätte fast wieder an alte Ruhmeszeiten anschließen können. So ist er zwar empfehlenswert, aber auch nur für Fans der Vergessenen Reiche, als Einstieg ist er schon wieder viel zu komplex, trotz der verlockenden „Orks“ im Titel. Auf ganzer Linie überzeugen können jedoch Lektorat und Übersetzung, Regina Winter hat sich bis auf einen kleinen Lapsus (Aegis-fang statt Aegisfang für Wulfgars Hammer) keinerlei Fehler geleistet und den Roman sehr flüssig und gut zu lesen übersetzt, was besonders bei den lebendigen Diskussionen der Orks und des Alchemisten mit Elastul angenehm auffällt.

Trotz der Wermutstropfen ist „Die Invasion der Orks“ ein kurzweiliger, unterhaltsamer Fantasyroman für Rollenspieler. Zwar, wie nicht anders zu erwarten, kein anspruchsvolles Meisterwerk, aber ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beweis dafür, das Salvatore nicht umsonst der Altmeister der Vergessenen Reiche ist.