Simmons, Dan – A Winter Haunting

Dieser spannende Geisterthriller führt den Leser zurück in die Welt von „Sommer der Nacht“. Doch diesmal ist die Landschaft winterlich und unsicher. Nicht alle Wesen, denen Dale Stewart, Professor an der Universität von Montana, begegnet, sind menschlich, auch wenn ihm das nicht sofort auffällt. Und es ist auch nicht immer eindeutig klar, ob Dale Stewart selbst ein Mensch ist. Möglicherweise ist er nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch beides: ein Mensch |und| ein Geist. Das würde zumindest einiges erklären …

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter Haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 (deutsch im Sommer 2004) mit seinem Roman „Ilium“ fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ und „Hard Freeze“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons lebt in Colorado.

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_Handlung_

Der vormals geachtete Uniprofessor und Romancier Dale Stewart, 52, zieht weg von Montana, zurück an den Ort, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, in den kleinen Ort Elm Haven, mitten in Illinois. Er hat seine Familie ebenso verlassen wie seine Karriere als Dozent für englische Literatur, um hier einen „richtigen“ Roman zu schreiben. Er will die Geschehnisse wieder lebendig werden lassen, die zum Tod seines Freundes Duane McBride führten, der elfjährig angeblich von einem Mähdrescher getötet wurde.

Und so mietet Dale das alte Farmanwesen, das Duanes Tante gehört hatte: „The Jolly Corner“, benannt nach einer Geistergeschichte von Henry James. Während der Keller und das Erdgeschoss gemütlich eingerichtet sind, trifft dies für das Obergeschoss keineswegs zu: Es ist versiegelt, zwar nur notdürftig mit Plastikplanen zugenagelt, aber immerhin. Und hier oben spukt es eindeutig: Geräusche, Lichter, ein leerer Raum, der von einem einzigen Gefühl erfüllt ist: Geilheit. Als sich Dale mal hierher wagt, ist der Aufenthalt lediglich peinlich.

Doch Dale kommt zunächst weder zum Schreiben noch zum Geisterjagen, denn die Außenwelt verlangt seine ganze Aufmerksamkeit. Fünf Skinheads haben es auf ihn abgesehen, weil er mal im Internet ein paarmal gegen die antisemitischen Kreise in Montana gewettert hat. Zweimal jagen sie ihn, und immer entkommt er ihnen, allerdings etwas lädiert.

Außerdem gibt es ein paar Gestalten, die direkt Dales Vergangenheit entstiegen zu sein scheinen. Sheriff C.J. Congden beispielsweise hatte dem jugendlichen Dale mal die Kanone an den Kopf gesetzt und gedroht, ihn in den Fluss werfen zu lassen. Seitdem ist Congden das Schreckgespenst, vor dem Dale jedes Mal Schiss bekommt.

Und da ist Michelle Staffney, die Dale in der Schule angehimmelt hatte und der Traum seiner schlaflosen Nächte war. Nun ist sie mit ihrer lesbischen Freundin Diane aus heiterem Himmel wieder in Elm Haven aufgetaucht, um das Haus ihrer Eltern wieder so instandzusetzen, dass es sich verkaufen lässt. Sagt sie jedenfalls. Aber die 51-jährige TV-Schauspielerin mit dem aufgemotzten Silikonbusen hat es eindeutig auf Dale abgesehen.

Schon wenige Tage nach seinem Einzug im Oktober beobachtet Dale einen kleinen schwarzen Hund auf seinem Grundstück. Keiner kann ihm sagen, wem der gehört. Doch merkwürdig: Der Hund scheint im Laufe der Zeit zu wachsen und Artgenossen zu bekommen. Nach vier Wochen sind aus dem kleinen schwarzen Hund fünf ausgewachsene Wolfshunde geworden. Dale bekommt es mit der Angst zu tun, denn das sind garantiert keine gewöhnlichen Hunde.

Auf seinem Laptop-Computer will er seinen Roman über das Jahr 1960 schreiben, das Jahr, in dem Duane McBride starb. Doch jemand oder etwas schreibt auch auf seinem PC! Jedoch nicht unter |Windows|, sondern auf der Zeile der |DOS|-Eingabeaufforderung. Und die Sprachen, die der Unsichtbare benutzt, stammen nicht aus Elm Haven, Illinois: Alt-Englisch, Alt-Ägyptisch, sogar Latein und Hethitisch. Aber Dale wäre kein Englischprofessor, wenn ihm nicht sofort die Zitate aus dem altenglischen Heldengedicht „Beowulf“, der altisländischen „Edda“ und dem ägyptischen „Buch der Toten“ auffallen würden. Hätte Duane diese Sprachen kennen können, fragt sich Dale? Durchaus, denn Duane war gelehrt und selbst Schriftsteller, allerdings ein ganz anderer als Dale.

Der Geist, mit dem Dale zu kommunizieren lernt, bezieht sich auf die schwarzen Hunde draußen, die er bei ihren ägyptischen Namen nennt, und auf Anubis, den hundeköpfigen Wächter der Totenwelt und Geleiter der toten Seelen, der die Höllenhunde befehligt. Und der Geist warnt Dale vor dem, was er werden wird: ein „warg“. Anders als bei Tolkien ist damit ein Mensch gemeint, der – wie ein einsamer Wolf – von der Gemeinschaft (wegen eines Verbrechens) ausgestoßen wurde und nun als Vogelfreier von jedermann ungestraft getötet werden darf. Wenn Dale an die Neo-Nazis in seiner Heimatstadt denkt, dann kommt ihm dieser Gedanke nicht ganz unwahrscheinlich vor.

Doch welches Verbrechen hat Dale begangen, dass ihm solches Schicksal droht? Er hat (vergeblich) versucht, sich mit einem Gewehrschuss umzubringen. Das war zwei Monate, nachdem sich seine Geliebte, die Halbindianerin Clare Two-Hearts, von ihm getrennt hatte. (Hat er sie aus Eifersucht umgebracht? Wir erfahren es nicht, aber er hat sie und ihren Lover verfolgt.) Und seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, er verlor seine beiden geliebten Töchter Mab und Katie.

Schon damals, im Sommer 1999, vor diesem verhängnisvollen Winter, war Clare mit Dale in die Blackfeet-Reservation zu einem alten Begräbnisort gefahren, um ihn in der Gemeinschaft der dortigen Geister zu lieben. Wenig später hatte sie ihm offenbart, dass sie ihn als Liebhaber ausgewählt hatte, weil er aussah, als sei er von einem Geist besessen. Und dieser Geist wachse: Etwas sei kurz davor, geboren zu werden.

Als Michelle Staffney, C.J. Congden und die fünf Skinheads auftauchen, um mit Dale zum Jahresende (dem Anbruch des neuen Jahrtausends) abzurechnen, wird es eng für Professor Dale Stewart. Wird er ein zweites Mal versuchen, sich umzubringen oder wird er diesmal kämpfen?

_Mein Eindruck_

Man könnte befürchten, dass ein Großteil dieses Romans aus nostalgisch-melancholischen Reminiszenzen bestünde. Aber auch wenn Dale sich an das Jahr 1960 erinnert, um mit Duane McBride und allem anderen klarzukommen – diese Geschichte wurde bereits in „Sommer der Nacht“ verarbeitet und auf großartige Weise erzählt. Es handelt sich um den Roman, den Dale in „The Jolly Corner“ angefangen hat. Jemand anderes hat ihn fertiggestellt, jemand, dessen Identität hier nicht verraten werden darf.

Daher kann sich der Autor in „A Winter Haunting“ – „haunting“ bedeutet sowohl Heimstatt als auch geisterhafte Heimsuchung – auf die Action konzentrieren. Und er macht das einfach so unterhaltsam, dass man an keiner Stelle mit dem Lesen aufhören möchte. Ständig ist was los, tauchen neue Figuren auf, zum Teil aus Dales Vergangenheit, teils aus der Gegenwart. Und es ist nicht sicher, ob die aus der Vergangenheit real sind oder Geister. Und wenn es Geister wären, so sähen sie doch verdammt real aus. Mindestens so real wie die großen schwarzen Höllenhunde …

In einer Schicht darunter kommuniziert Dale nicht nur mit dem Unsichtbaren via Computer, sondern erinnert sich auch an seine kürzlich zurückliegende Affäre mit Clare Two-Hearts, die sich ebenfalls mit Geistern auskennt. Nicht nur mit indianischen, sondern auch mit italienischen. Selbst im mondänen Paris kennt sie die gruseligsten Orte: die Katakomben, wo die Gebeine von sechs Millionen Menschen aufgestapelt liegen. Clare mit den zwei Herzen: Sie hat Dales Herz gebrochen.

Die Konfrontation mit Vergangenheit und Gegenwart verändert Dale. Er wird zu einem „warg“. Das liegt nicht nur an seiner Schlaflosigkeit, seinen Depressionen, seiner Kommunikation mit einem Geist, der Altenglisch beherrscht. Es liegt auch daran, dass er selbst besessen ist und es nicht bemerkt. Der Geist, der uns von Dale bis in alle intimen Details berichtet (so etwa die Affäre mit Clare), geleitet Dale ins Reich der Toten. Schließlich ist Anubis der Gott, den er verehrt. Wird Dale ein Wolf, ein „Höllenhund“ werden? Wer oder was wird ihn retten? Und wird es ihn danach noch geben?

|Ein ungewöhnlicher Geisterthriller|

„A Winter Haunting“ ist einer der ungewöhnlichsten Geisterthriller, die ich je gelesen habe. Unmerklich verändert nämlich der Autor durch die Perspektive der zwei „Erzähler“ die Sichtweise des Lesers auf die Dinge, von denen er erfährt. Viele Dinge entpuppen sich als etwas ganz anderes als das, wie man sie wahrgenommen und interpretiert hat.

Dennoch ist die Sympathie des Lesers stets auf Seiten Dale Stewarts, der nach Hause gekommen ist – angeblich um zu schreiben und sich zu retten, aber in Wahrheit, um endlich zu sterben. Dale tut all die richtigen Dinge, wie es scheint, und doch läuft alles irgendwie schief. Ganz einfach deswegen, weil ihm die richtige, flexible Perspektive fehlt, um das, was ihm an Unglaublichem widerfährt, richtig zu deuten und seine Handlungs- und Denkweise entsprechend anzupassen. Wir bangen um ihn, aber wir können ihn auch aus anderem Licht sehen, aus dem desjenigen, mit dem Dale per Computer kommuniziert (nicht per Internet oder Mobilfunk). Daher ist Dales Figur relativiert: ein schwacher Mann, der nach den gleichen Dingen strebt wie du und ich: Sex, Komfort, Reichtum, Macht. Am Schluss weiß er, dass all dies nicht wichtig ist, aber er weiß, wohin er zu gehen hat. Und das ist eine Menge mehr wert.

|Ein literarischer Thriller|

Dan Simmons ist schon so lange im Horrorgeschäft, dass er sie alle kennt. Natürlich auch Stephen King und Dean Koontz. Aber er weiß auch, woher diese Erfolgsautoren kommen, auf welcher Tradition sie aufbauen. Einer der wichtigsten Autoren ist der Amerikaner Henry James, der sich mit Herbert George Wells, dem Autor von „Die Zeitmaschine“, ein paar Jahre einen berühmten literarischen Streit lieferte.

James schrieb die klassiche Gruselgeschichte „The Turn of the Screw/Die Drehung der Schraube“, aber auch „The Jolly Corner“, die Geschichte über ein Haus, in dem ein Amerikaner, der sein Leben in Europa verbracht hat, sein alternatives Ich trifft, das sich so entwickelt hätte, wenn er im Lande geblieben wäre. Für James – wie für Simmons – ist diese Story sehr symbolisch. Dale Stewart kehrt aus der Fremde (Montana) zurück, und in seinem Heimatort begegnet er Gestalten aus seiner Kindheit. Nicht nur lebendigen Menschen, auch Geistern. Und Michelle Staffney liefert ihm eine überraschend andersartige Interpretation der James-Geschichte …

Der Totengott Anubis, die schwarzen Höllenhunde, schließlich Beowulfs Ungeheuer, das um die große Halle des Königs schleicht. Alle diese literarischen Figuren zeugen von großer Belesenheit, erschlagen aber die Dale-Story nicht, sondern sind ihr integraler Bestandteil und wichtig für ihre Weiterentwicklung. Sie bilden das mystische Unterfutter, die psychologisch relevante zweite Schicht für Dales Existenz in Elm Haven.

Anubis‘ Funktion als Seelengeleiter entspricht Stephen Kings Sperlingen in dessen Roman „Stark – The Dark Half“, in dem es ja auch ums Schreiben geht, allerdings auch um einen gewälttätigen Widersacher, ein alternatives Ego. Dale Stewart hingegen hat keine Perspektive mehr, geschweige denn eine Alternative: Er ist gescheitert, und er weiß es, zumindest ganz tief drinnen.

_Unterm Strich_

Was hätte ein deutscher Autor aus diesem tiefgründigen Geister-Stoff gemacht? Ich wage gar nicht, mir das auszumalen. Wahrscheinlich wäre ein zäher melancholischer Mist dabei herausgekommen.

Dan Simmons hingegen weiß die Geschichte von Dale Stewart actiongeladen, sexy, temporeich, spannend und verdammt unheimlich zu erzählen. Die Relativität, die durch zwei Erzähler erzeugt wird (der zweite wird hier nicht verraten, aber man kann es sich denken), führt zu zahlreichen ironischen Effekten. Die Ironie macht uns aber Dale Stewart umso sympathischer, und wir sorgen uns um sein Schicksal, so unwahrscheinlich es auch sein mag.

Dies ist allerdings kein Roman, in dem dem Leser alles haarklein erklärt wird. Man muss schon gehörig mitdenken, möglicherweise zweimal lesen. Und die Sexszene mit Michelle Staffney ist sicherlich nicht unbedingt für Leser unter 16 geeignet.

|Ergänzend dazu: Dr. Michael Drewnioks [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2956 der deutschen Ausgabe bei Heyne.|

Eschbach, Andreas – seltene Gabe, Die

Marie staunt nicht schlecht: Armand, der bei ihr eingebrochene Junge aus Frankreich, kann einen Zug mit der Kraft seines Geistes anhalten. Dumm nur, dass er wegen dieser Fähigkeit von den Militärs seines Landes ebenso verfolgt wird wie von den Geheimdienstlern Deutschlands. Warum musste er sich ausgerechnet ihr Haus als Unterschlupf aussuchen? Und soll sie ihm, dem seltsamen Überwesen, überhaupt helfen?

_Der Autor_

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von |Lübbe| vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning), „Die seltene Gabe“ (über Telekinese) und „Das Mars-Projekt“ (Trilogie) veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein Roman „Der Letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

|Andreas Eschbach bei Buchwurm.info:|
[Eine Billion Dollar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=653
[Exponentialdrift]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=187
[Das Jesus-Video]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=267
[Der Letzte seiner Art]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=317
[Das Marsprojekt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1102

_Handlung_

Marie ist eine durchschnittliche Schülerin, die in einer durchschnittlichen Familie ein durchschnittliches Leben führt. Bis zu einen bestimmten Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellt. Ihre Eltern haben eine Karibikreise gewonnen und sind seit einer Woche weg. Marie führt den Haushalt und merkt sofort, dass etwas nicht stimmt, als sie von der Schule nach Hause kommt.

Es liegt keineswegs daran, dass auf den Straßen der Stadt Streifenwagen mit Blaulicht herumdüsen und per Lautsprecher Durchsagen machen, die sie nicht versteht. Nein, es liegt daran, dass in ihrem Haushalt Dinge fehlen: Lebensmittel hauptsächlich. Marie durchsucht das ganze Haus, und im Schrank wird sie fündig. Ein junger Mann springt heraus, der es sich darin gemütlich gemacht hat, komplett mit Decke und allem.

Armand, 17, ist Franzose und auf der Flucht vor der Polizei. Allerdings ist er kein bewaffneter Schwerverbrecher, wie die Polizei behauptet. Dennoch ist er immerhin in Maries Haus eingebrochen – bloß wie? Als sie ihm auf die Schliche kommt, demonstriert er sein spezielles Talent: Er kann Materie mit der Kraft seines Geistes bewegen – oder auch zerstören, so wie die schöne Lampe im Wohnzimmer.

Er zwingt sie, ihn zu begleiten, indem er ihr Gewalt androht. Keine sonderlich Vertrauen erweckende Methode, findet Marie. Sie packen das Nötigste zusammen, Marie schreibt eine letzte Nachricht an ihre Eltern, dann machen sie sich „vom Acker“. Allmählich geht ihr auf, dass Armand überhaupt keinen Plan hat. Wieso will er ausgerechnet in den ICE nach Dresden? Weil das der erste Fernzug ist, der ihn aus Stuttgart wegbringt. Na, und wie soll’s dann weitergehen?

In den Gesprächen, die sie zu führen beginnen, erklärt er ihr, dass er vor den militärischen Leitern jenes französischen Instituts wegläuft, in dem er sieben Jahre seines Lebens verbracht hat. Dort wurde seine Gabe weiterentwickelt. Doch der Anlass seiner Flucht war der Auftrag, einen anderen Menschen zu töten. Einen Mann namens Levroux, der über die Machenschaften von Geheimdienstlern aussagen würde, falls man ihn nicht ausschaltete – etwa durch einen telekinetischen Angriff auf sein Herz oder ein anderes lebenswichtiges Organ. Armand wollte das nicht, und als sein Aufpasser Pierre, ein Telepath, zu einer Beerdigung wegfuhr, nutzte Armand die Fluchtgelegenheit, die sich ihm erstmals bot.

Pierre ist hier, in Stuttgart! Und er hält nach Armand Ausschau. Selbst wenn Armand seine Gedanken abschirmen könnte, so würde doch Marie seine Anwesenheit und sogar seine Pläne verraten. So oder so – Marie hängt in der Sache tiefer drin, als ihr lieb und zunächst bewusst ist. Und viel später merkt sie, dass sie nicht mehr von Armands Seite weichen möchte. Denn sie erkennt, dass ihr Entführer kein „Monstrum“ ist, sondern ein menschliches Wesen. Sie trifft eine weitreichende Entscheidung.

_Mein Eindruck_

Die Story ist eine dichte und realistische Erzählung über ein außergewöhnliches menschliches Wesen und wie man es missbraucht hat. Anders als in Eschbachs Jugendroman „Perfect Copy. Die zweite Schöpfung“ findet die Hauptfigur nicht nachträglich heraus, was ihr angetan wurde (er wurde geklont), sondern Armand ist schon ziemlich mit zehn Jahren klar, dass er eine ungewöhnliche Gabe hat. Allerdings nicht viel ungewöhnlicher als die von Altersgenossen, die immer bei Mensch-ärgere-dich-nicht gewinnen. Armand hätte sich für immer und ewig in dem Institut verwöhnen und testen lassen, wenn man nicht von ihm verlangt hätte, einen anderen Menschen zu töten. Behauptet er jedenfalls.

Die Geheimdienstler, die ihn und Armand schließlich fangen, behaupten natürlich das Gegenteil. Und an diesem Punkt wird es spannend. Wird es diesen Leuten, die sehr deutlich beschrieben werden, gelingen, Armand und Marie auseinanderzubringen? Wird sie ihn wieder als „Monstrum“ ansehen und ihre Hilfe verweigern – oder ihn als Menschen betrachten und ihm zur Flucht verhelfen? Diese moralische Entscheidung ist eine der schwierigsten überhaupt, denn sie verlangt vom Entscheider, sich selbst neu zu definieren: als menschliches Wesen, das einen Andersartigen als gleichwertig einstufen muss.

Diese Relativität aus der Selbsterkenntnis (und aus Liebe) heraus ist die eigentliche Leistung, etwas, was man meist erst als Erwachsener zu tun hat. Sobald Marie eine solche Entscheidung getroffen hat, kann sie ihr Leben nicht mehr wie zuvor fortsetzen – unselbständig, unbewusst, frei von Verantwortung, kindlich eben. Dass die Geschichte gut ausgeht, ist nicht selbstverständlich, denn die beiden, Entführte und Entführer, streiten sich von Anfang an. Eigentlich müssten sich ihre Wege schon sehr bald trennen, doch dazu kommt es zum Glück nicht.

|Stil und Sprache|

Sprache und Darstellungsstil sind so einfach, aktuell und realistisch gestaltet, dass sich jedes Kind ab 12 Jahren damit leicht tun dürfte (das gilt natürlich nicht für Leute mit Leseschwäche). Weil aber die Hauptfiguren handeln wie Siebzehnjährige, wage ich zu bezweifeln, dass schon jeder Zwölfjährige diese Handlungsweise auf Anhieb versteht. Immerhin werden die Entscheidungen Maries somit schon vorstellbar – Akte der Toleranz, die dem jungen Leser hoffentlich auch in seiner Realität helfen, sie auszuüben.

|Humor|

In keinem Jugendbuch sollte eigentlich Humor fehlen, sonst macht das Lesen einfach keinen Spaß. Menschenskind – mit Telekinese könnte man ja die Welt aus den Angeln heben! Dass es nicht ganz so einfach ist, aber dennoch Spaß macht, zeigt der Autor an den Handlungen Armands. Er stibitzt einem jungen Mann, der nachts eine teure Sonnenbrille trägt, eben dieses absurde Accessoire, indem er es zum Himmel fliegen lässt. Die Reaktion des Bestohlenen ist schon recht lustig zu verfolgen: Er kichert wie ein Irrer.

|Schwächen|

Etwas unplausibel fand ich Armands Verhalten in Stuttgart aber doch. Der Junge, der seit sieben Jahren, aus der Provinz kommend, in einer Anstalt weggesperrt war, kennt sich hervorragend damit aus, wie der öffentliche Nahverkehr einer Großstadt funktioniert. Er studiert Fahrpläne wie ein alter Hase und kalkuliert mit Umsteigestationen, als wäre er Hartmut Mehdorn himself.

Als Entschuldigung kann man nur anführen, dass Armand ohne diese spezielle „Gabe“ noch nerviger geworden wäre, als er es für Marie eh schon ist. Wenigstens ist er auch nicht perfekt: Dass es in Stuttgart schon lange keinen „Westbahnhof“ mehr gibt, merkt er leider etwas zu spät. In diesem Gebäude könnte er höchstens einen heben gehen. Prost!

_Unterm Strich_

Der kurzweilige Jugendroman über einen Telekineten lässt sich locker in sechs Stunden lesen und bereitet keinerlei Verständnisschwierigkeiten. Dabei stellt der Autor seinen Helden keineswegs als Superman vor, sondern als einen Verfolgten, den die Militärs – wieder einmal – missbrauchen wollen.

Doch darauf kommt es dem Autor nicht an: Es geht um eine viel schwierigere Entscheidung, eine, die wir alle früher oder später in einer globalisierten Weltkultur fällen müssen: Lehnen wir den Andersartigen ab – oder können wir ihn als menschliches Wesen, das nur eben anders ist, akzeptieren? Wenn der Leser eine Antwort auf diese Frage in seinem eigenen Leben findet, ist schon viel gewonnen – und sicherlich genau das, was sich der Autor erhofft hat.

Müller, Raimund – Ritter der Euterpe, Die

Historische Romane üben schon seit langem eine große Faszination auf mich aus, stellen sie doch die Möglichkeit dar, beim Lesen in eine fremde Zeit einzutauchen, Figuren der Geschichte zu treffen und eine ganz andere Lebensart kennenzulernen. Auch geschichtlich kann man in gut recherchierten Romanen oftmals ganz nebenbei noch etwas hinzulernen. Darüber hinaus spielt ein Teil des vorliegenden Romans in meiner Heimat, dem Harz, sodass ich nicht umhin kam, mir Raimund Müllers Erstlingsroman zu Gemüte zu führen. Dem Buch zugrunde liegt eine dreijährige Recherchearbeit des Autors in zahlreichen Museen und Archiven, sogar die erwähnten Orte des Harzes hat Müller alle bereist, um die Schilderung der Szenerie möglichst wahrheitsgetreu klingen zu lassen.

_Ein Ritter der Euterpe_

Wir schreiben das Jahr 1757 und in Deutschland herrscht der Siebenjährige Krieg. Das Herz des jungen Northeimer Kantors Matthäus Müller ist für die Ziehtochter der Pastorenfamilie Völger entbrannt, doch Nanni soll dem Stadtphysikus versprochen werden. Angesichts dieses Liebeskummers kommt Matthäus ein geheimer Auftrag des Majors von Dethmer äußerst gelegen. In einem Schnellverfahren wird Matthäus aufgenommen in den Geheimbund „Ritter der Euterpe“, in dessen Mission er einen Kurierdienst ausführen soll, der ihn nach Blankenburg führen wird. Zuvor will Matthäus seinen Bruder Heinrich in Braunschweig besuchen. In Clausthal schließlich soll er einen Kurier treffen, der ihn nach Blankenburg begleiten wird, um dort dem geheimen Rat von Schlierstett eine Botschaft zu überbringen.

Doch schon nahe dem Städtchen Seesen trifft Matthäus auf feindliche Soldaten und muss seine geliebte Geige einbüßen, um sein Leben zu retten. In Clausthal eingetroffen, begibt Matthäus sich sogleich in ein Etablissement, um dort seinen Kurier zu treffen. Als ihn aber eine schöne Nymphe anspricht und ihm ihren Preis für eine Nacht nennt, beschließt Matthäus spontan, der schönen Frau, die sich als Sophia vorstellt, den Vorzug zu geben. Nach ihrer gemeinsamen Liebesnacht gibt sich Sophia als der besagte Kurier zu erkennen. Ohne weitere Vorkommnisse können die beiden ihre Nachricht in Blankenburg überbringen und anschließend noch drei Tage lang ihre Liebe genießen, bevor Matthäus wieder nach Northeim in sein altes Leben zurückkehrt. Gleichzeitig erlebt Matthäus‘ jüngerer Bruder Johann als Musketier in der Armee den Schrecken des Krieges aus erster Hand mit.

Nach Matthäus‘ Rückkehr wird Northeim von einer Kavallerie Franzosen überfallen. Während Matthäus nach eigener Erkundung der Lage für die Verteidigung der Stadt mit Waffen plädiert, ermöglichen Brandschatzverhandlungen den Feinden schließlich den Einlass in die Stadt. Die Frauen und Kinder suchen Schutz in der Kirche, doch sucht Matthäus dort vergeblich nach Nanni. Als er sie schließlich aus dem Pastorenhaus abholen will, wird er Zeuge, wie drei Soldaten Nanni vergewaltigen. Matthäus kann die fremden Soldaten zwar überwältigen, doch ist Nanni hinterher völlig apathisch. Aus lauter Verzweiflung beschließt Matthäus schlussendlich, Nanni zu Sophia und ihrer Freundin Maria zu bringen, damit diese mit ihren ganz eigenen Heilkünsten zur Gesundung seiner heimlichen Liebe beitragen können. Doch damit gerät nun auch Nanni in die Verwicklungen der Ritter der Euterpe …

_Von den Rittern zum Kriegsgeschehen_

Raimund Müller erzählt seine Geschichte in zwei verschiedenen Handlungssträngen. Neben der Handlung rund um Matthäus Müller, der in den Orden der Ritter der Euterpe aufgenommen wird, verwendet der Autor auch viel Zeit darauf, um über die aktiven Kriegsgeschehen zu berichten, die Matthäus‘ jüngerer Bruder Johann erleben muss. Die Wechsel zwischen beiden Schauplätzen geschehen jeweils am Kapitelanfang. Allerdings ist das Buch insgesamt nur in sieben umfangreiche Kapitel eingeteilt, sodass immer sehr lange Passagen zu lesen sind, bevor es zu einem erneuten Sprung in der Erzählung kommt. Als Nanni schließlich zu Sophia geschickt wird, nimmt auch die Schilderung ihrer Erlebnisse bei Sophia und ihrer Freundin Maria viel Platz ein, hier taucht Matthäus über weite Strecken gar nicht mehr auf.

Wünschenswert wären schnellere Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen gewesen, die eine straffere Erzählweise ermöglicht und vielleicht eine Verbindung über die Verwandtschaft der beiden Hauptfiguren hinaus geschaffen hätten. So bleiben beide Geschichten nebeneinander stehen, ohne viel miteinander zu tun zu haben, und die Zusammenführung am Ende kann auch nur als äußerst unbefriedigend bezeichnet werden. Müller legt dermaßen viel Wert aufs Detail, dass er sich oftmals in langatmigen und überaus detaillierten Schilderungen der Kriegsgefechte verliert und darüber seine eigentliche Handlung zu vergessen scheint. Besonders die Kapitel, die über Johanns Leben berichten, erfordern daher einen langen Leseatem und viel Wissen über die damalige Kriegsführung und das dazu notwendige Material. Raimund Müller verwendet bei seinen Schilderungen über die Kriegsführung viel Fachvokabular, das sich dem Laien manchmal leider auch nicht aus dem Zusammenhang erschließt; so setzt der Autor die Kenntnis von Begriffen wie Protze, Avancierriemen oder auch Kartätschen voraus. Ein Glossar wäre hier zum Verständnis wirklich hilfreich gewesen.

Einen Spannungsbogen habe ich im Buch gar nicht erkennen können. So gut wie nie weiß das Geschehen dermaßen mitzureißen, dass uns die Erzählung an das Buch fesselt. Eher wird dem Leser viel Durchhaltevermögen abverlangt, um sich durch die Kapitel rund um Johann Müller zu kämpfen. Inhaltlich berichtet der Autor hier viel über den Siebenjährigen Krieg, sodass diese Passagen passionierten Historikern sehr zusagen dürften. Doch sind es immer wieder die gleichen Kriegsgräuel samt Vergewaltigung und Abschlachtung der gefangen genommenen Frauen, von denen der Autor uns berichtet. Es passiert leider nicht viel Neues, das mitreißen könnte.

Einzig die Passagen über Nanni, die zwei Jahre lang bei Sophia lebt, unterhalten recht gut, da sie die handelnden Personen in den Vordergrund stellen. Die Geschichte des Siebenjährigen Krieges fungiert hier lediglich als historischer Hintergrund, vor welchem besonders Maria und Sophia einige gefährliche Situationen überstehen müssen. Der Begriff „Ritter der Euterpe“ fällt im Buch vielleicht ein halbes Dutzend Mal, sodass mir die Titelfindung dieses Romans absolut nicht klar geworden ist, da der Roman leider nur ganz am Rande von diesem Geheimbund berichtet. Der Klappentext lässt hier falsche Erwartungen aufkommen, da er Verstrickungen rund um den Geheimbund verspricht und den Handlungsstrang rund um Johann Müller komplett verschweigt.

_Historische Figuren und Szenarien_

Zunächst stellt Raimund Müller den Kantor Matthäus Müller in das Zentrum seiner Handlung. Der Leser erfährt mehr über Matthäus‘ Vergangenheit und seine musikalischen Begabungen. Gleichzeitig rückt auch Nanni in den Blickpunkt des Geschehens, da bereits im ersten Kapitel die aufkeimende Liebe zwischen den beiden jungen Leuten geschildert wird, auch wenn diese ihnen aussichtslos erscheint, da Nanni einem anderen Mann versprochen werden soll. Zu Beginn seines Romans konzentriert Müller sich auf die detaillierte Zeichnung einiger weniger Figuren, die durchaus gelungen ist. Spätestens wenn die Erzählung zu Johann wechselt, trifft der Leser auf dem Schlachtfeld allerdings auf so viele verschiedene Personen, dass man sich kaum die erwähnten Namen merken kann. Doch schon nach der ersten Schlacht mit vielen Opfern merkt man, dass die meisten Namen und Figuren keine wesentliche Rolle in der Romanerzählung spielen werden. Das macht die Geschichte doch etwas unübersichtlich.

Im Grunde genommen handelt der vorliegende Roman von nur fünf Personen, denn neben Matthäus und Nanni lernt der Leser weiterhin Johann Müller und natürlich Sophia und Maria genauer kennen. Die Vorstellung der Hauptfiguren überzeugt zu großen Teilen, viele Eigenschaften der Charaktere werden uns näher gebracht, doch bleiben einige Handlungsweisen doch äußerst undurchsichtig. Besonders Nannis Verhaltensweise als ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer wirkt wenig glaubwürdig.

Stellenweise lässt der Autor durchblicken, dass er seine Schauplätze bereist hat. So schildert er manche Szenerie dermaßen realistisch, dass man die Orte direkt vor Augen hat; besonders auffällig fand ich die kurze Beschreibung von Goslar, die mich sogleich in Gedanken vor die erwähnte Kaiserpfalz versetzt hat. Auch während der Schlachten nimmt Müller sich stets die Zeit, die Örtlichkeiten und Voraussetzungen für die Schlacht von mehreren Seiten zu beleuchten; in zahlreichen Szenen war ich beim Lesen dadurch mitten im Getümmel, weil die Schilderungen so realistisch waren.

_Sprachliches_

Durch die Verwendung altertümlicher Ausdrücke und umständlicher Sprache lässt Raimund Müller einen authentischen Eindruck der Zeit des Siebenjährigen Krieges entstehen. Die Dialoge könnten dabei tatsächlich der damaligen Zeit entnommen sein. Trotz der ungewohnten Sprache lässt sich das Buch dennoch leicht und flüssig lesen, da zumindest in den Kapiteln über Matthäus und Nanni keine unbekannten Vokabeln auftauchen, die das Verständnis beeinträchtigen könnten.

Auffällig ist außerdem, dass Raimund Müller kein Blatt vor den Mund nimmt. So berichtet er von verschiedenen Kriegsverbrechen und Folterungen, die ein ungutes Gefühl im Magen aufkommen lassen. Hier werden dem Leser ziemlich barbarische Methoden präsentiert, die man in derlei Details vielleicht gar nicht hätte wissen mögen. Nur die sexuellen Aussschweifungen der handelnden Figuren deutet Müller leidiglich knapp an und setzt genau dann eine Zäsur, wenn es gerade interessant zu werden beginnt. Der Phantasie des Lesers sind dadurch kaum Grenzen gesetzt.

_Äußerlichkeiten_

Optisch macht dieses Buch eher den Eindruck eines Fachbuches als den eines Unterhaltungsromans. So springt einem zunächst das ungewohnte Schriftbild ins Auge. Der Text dürfte in Times New Roman gesetzt sein, was ich von Romanen normalerweise nicht gewohnt bin. Auch wird jeder Absatz durch eine Freizeile verdeutlicht, die dem Leser auf den relativ großen Seiten die Orientierung erleichtert.

Aufgewertet wird der Roman durch einige sehr gelungene schwarz-weiß-Zeichnungen, die in vielen Details die Szenerie zeigen. Auch einige handgezeichnete Karten erlauben dem Leser ein schnelles Zurechtfinden, da viele der auftauchenden Ortsnamen nicht unbedingt geläufig sind.

Getrübt wird das Lesevergnügen leider durch zahlreiche Tippfehler, die eine simple automatische Rechtschreibkorrektur sofort hätte aufdecken müssen. In einigen Wörtern fehlen einzelne Buchstaben, manchmal ist ein Buchstabe zu viel und auch die Trennung am Ende einer Zeile ist nicht immer richtig. Für einen Preis von 24,90 €uro erwarte ich allerdings eine ordentliche Korrektur.

_Am Ende angelangt_

Nach knapp 700 Seiten historischer Erzählung, die viele Details über den Siebenjährigen Krieg und die damaligen Geschehnisse offenbart, bleiben zwiespältige Gefühle beim Leser zurück, denn Raimund Müller versucht angestrengt, die Ergebnisse seiner langen Recherchearbeit ebenso in sein Buch zu pressen wie die Geschichte um Matthäus und seine Lieben. Das Resultat ist ein dicker Wälzer, der nur schwer sein Zielpublikum finden wird. Historisch interessierte Leser werden sicherlich aufstöhnen angesichts der liebesdurchtränkten Rahmenhandlung samt sexueller Eskapaden der Hauptfiguren und schnulzigem Happy-End, während Leser auf der Suche nach einem unterhaltsamen Roman die Passagen rund um Johann womöglich komplett überspringen werden, da die detaillierten Kriegsbeschreibungen auf Dauer recht langweilig werden. Insgesamt wäre es der Erzählung sicherlich gut bekommen, sie an vielen Stellen zu straffen, da das Buch eigentlich keine Handlung für 700 Seiten mit sich bringt. Insgesamt war das Buch auszugsweise durchaus interessant und lesenswert, dürfte aber eher historisch ambitionierte Leser ansprechen als die Fans historischer Unterhaltungslektüre, da zu viele Informationen über die damalige Geschichte in die Erzählung einfließen und das Erzähltempo dadurch drastisch ausbremsen.

Volker Gallé & Nibelungenmuseum Worms (Hrsg.) – Siegfried – Schmied und Drachentöter (Nibelungenedition 1)

Die Nibelungen erleben seit einigen Jahren eine große Renaissance und dies spiegelt sich in unzähligen Publikationen zu diesem Thema wider. Selbst in der Fantasy sind sie seit Wolfgang Hohlbeins „Hagen von Tronje“ und „Der Ring der Nibelungen“ populär geworden, nachdem diese früher ausschließlich von angelsächsischen Themen beherrscht war. Vor allem Worms, die Stadt des Nibelungenliedes, setzt in den letzten Jahren ihren touristischen Schwerpunkt auf die Nibelungen und ihr ist es mit den jährlichen Nibelungen-Festspielen im Sommer gelungen, Worms als Theaterfestspielstadt neben Bayreuth mit Wagners „Ring der Nibelungen“ international zu etablieren. An Fachliteratur erscheinen die Wormser Nibelungensymposien, veranstaltet von der Nibelungenlied-Gesellschaft, in jährlichen Bänden. Diese sind jedoch recht wissenschaftlich aufbereitet, und eine populärere Publikation, die auch für die breite Masse interessant ist, fehlte bisher. Dies hat sich nun mit der Gründung des |Worms|-Verlages geändert, welcher in Zusammenarbeit mit der städtischen Verwaltung künftig die vielfältigen Thematiken, die sich aus der Sage ergeben, in Einzelbänden erarbeiten wird. Als Erstes erschienen ist der Band zu Siegfried, was durchaus gegen den Trend in der Gesellschaft zu sehen ist. Denn die Favorisierung von männlichen Heldenfiguren ist trotz der Filmindustrie eher unpopulär. Normalerweise wird das schon fast tabuisiert und speziell im Nibelungenlied richtet sich der Blick heutzutage normalerweise auf Hagen oder neuerdings auch aufgrund der feministischen Sichtweise auf die Frauenfiguren Brunhild und Kriemhild und deren Königinnenstreit.

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Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe

Das geschieht:

Auf einer parallelen Erde des 21. Jahrhunderts haben die Neandertaler* den Homo sapiens abgelöst. Ohne ihre Naturverbundenheit zu verlieren, konnten die einstigen Höhlenmenschen eine auf Wissenschaft und Hightech basierende Zivilisation entwickeln. Ponter Boddit und Adikor Huld gehören zu den führenden Physikern ihrer Welt. In der Stadt Saldak haben sie in einer ehemaligen Mine ein Labor eingerichtet. Hier arbeiten sie intensiv an der Konstruktion eines Quantencomputers.

Während eines Experiments geschieht das Unerwartete: Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum tut sich auf, durch den Ponter Boddit in ein paralleles Universum geschleudert wird. Zeit und Ort blieben unverändert, doch diese Erde wird von den kahlhäutigen „Gliksins“ bevölkert. Neandertaler gibt es nicht mehr. Ponter ist in einem Neutrino-Observatorium gelandet, das in der Tiefe der Creighton-Mine nahe Sudbury in Kanada angelegt wurde. Sein Erscheinen ist eine Sensation. Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe weiterlesen

Nix, Garth – Abhorsen (Das alte Königreich 3)

Mit „Abhorsen“ führt Garth Nix seine Trilogie um „Das alte Königreich“ zum Abschluss. Der Band ist eine direkte Fortsetzung von [„Lirael“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1140 und damit nicht unabhängig von diesem lesbar.

Die junge Clayr Lirael hat ihr ganzes bisheriges Leben darunter gelitten, nicht wie die anderen ihres Volkes eine Seherin zu sein. Nur schwachen Trost hat sie in ihrer Arbeit als Bibliothekarin gefunden, bis zu dem Tag, als ihr befohlen wurde, sich auf eine Reise zu machen, die ihr ihre Bestimmung eröffnen würde.

Tatsächlich hat Lirael ihr Erbe und ihre Bestimmung gefunden. Nicht Prinz Sameth, sondern sie ist die kommende Abhorsen, die in die Fußstapfen Sabriels treten wird. Der Sohn des Königs ist dazu bestimmt, eine andere Aufgabe zu übernehmen. Welche, hat Sameth noch nicht herausgefunden.

Es bleibt auch gar keine Zeit danach zu forschen, denn die untoten Horden des Nekromanten Hedge verwüsten das Land. Er scheint im Dienst einer viel größeren Macht eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, die auch auf das benachbarte Ancelstierre hinüberzugreifen droht. Und Nick, Sameths Freund aus Ancelstierre, ist zu seiner Geisel und seinem Helfer geworden.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Haus der Abhorsen, in dem sie sich neu ausrüsten und wieder Kraft sammeln, machen sich Lirael und Sameth auf die gefahrvolle Reise in den Norden. Hedge hat ihnen Horden von Untoten auf den Hals gehetzt, damit sie ihn nicht aufspüren, doch die beiden jungen Leute lassen sich nicht beirren und entdecken schließlich, was der Nekromant im Schilde führt.

Nicht zuletzt die „fragwürdige Hündin“ ist ihnen in dieser Zeit eine treue Gefährtin und Helferin, denn sie scheint mehr über die Gefahren und die Macht zu wissen, die Hedge aus der Erde holen lässt. Es ist ein düsteres Vermächtnis aus den Anfängen der Zeit, noch bevor die Charter entstanden ist. Nun sind alle Kräfte und Fähigkeiten der beiden jungen Menschen gefordert, um dem Treiben Einhalt zu gebieten. Sie haben nicht mehr viel Zeit, um das drohende Verhängnis aufzuhalten und Nick zu retten.

Und da dürfen sie sich auch nicht von einer bitteren Nachricht entmutigen lassen: König Touchstone und die Abhorsen Sabriel sind offensichtlich bei einem Attentat in Ancelstierre ums Leben gekommen, und damit stehen die beiden jungen Menschen ganz allein auf weiter Flur.

Im Gegensatz zu [„Sabriel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1109 sind die Romane „Lirael“ und „Abhorsen“ nicht unabhängig voneinander lesbar, sondern bilden eine zusammenhängende Geschichte. Nachdem in „Lirael“ die Charaktere der nächsten Generation, ihre veränderte Welt und die neuen Feinde und Gefährten eingeführt wurden, geht es jetzt in „Abhorsen“ richtig zur Sache.

Zielstrebig gehen die junge Clayr und der Prinz ihren Weg und agieren, wie sie es für richtig halten. Die Handlung ist actionreich, rasant und lässt dem Leser bis zum Schluss kaum Zeit, Atem zu holen.

Das ist allerdings auch eine Schwäche dieses Romans; stellenweise überschlagen sich die Ereignisse zu sehr und manche Schilderungen wirken so abgehackt, dass man als Leser einen Bruch oder eine Kürzung im Roman zu entdecken meint. Garth Nix scheint auch kein Freund von langsamen Ausklängen zu sein … das Buch endet ebenso abrupt wie manch ein Kapitel.

Nichtsdestotrotz bietet auch Abhorsen gute Unterhaltung mit faszinierender Magie, die vor allem in diesem Buch eine Hauptrolle spielt und mythische Dimensionen annimmt, einer spannenden actionreichen Handlung mit gruseligen Szenen und einem zufriedenstellenden Ende.

Aber auch hier lässt sich Garth Nix ein Hintertürchen offen, um vielleicht eines Tages aus der Trilogie einen Zyklus zu machen – das Potenzial und die Konflikte für weitere Geschichten aus dem „Alten Königreich“ – ob nun aus der Zukunft oder der Vergangenheit – sind da.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Nevis, Ben – Die drei ???: Poisoned E-Mail (Engl. Ausg.)

Die altbekannte Jugendserie macht sich auf zu neuen Ufern. Schon komisch; nicht nur, dass die Gestaltung der Bücher seit Anfang 2005 ohne Konterfei und Namen des mit ihnen assoziierten Gönners Alfred Hitchcock auskommen muss, da die Lizenz ausgelaufen ist. Das eigentlich viel Bemerkenswertere ist vielmehr, dass die Serie nun zum Teil ins Englische übersetzt wird. Früher war es ja genau umgekehrt, doch seit geraumer Zeit führen ausschließlich deutschsprachige Autoren die Geschichten weiter, was am anhaltenden und ungebrochenen Beliebtheitsgrad der drei Detektive hierzulande liegt, während sie in ihrem Ursprungsland wohl schon lange wieder verschwunden sind. Der Grund für die Übertragung ins Englische liegt aber weniger darin, den dortigen Markt zurückzuerobern, sondern vielmehr soll damit den deutschen Jugendlichen ein besseres englisches Sprachgefühl vermittelt werden.

Amerikanisches Englisch, um es präzise zu formulieren. Inklusive einer „Vokabelhilfe“. Anfang April 2005 sind zwei Fälle der drei Junior-Schnüffler in angloamerikanischer Fassung bei FRANCKH-KOSMOS als Hardcover erschienen: „Das Hexen-Handy“ und „Gift per E-Mail“. Deutlich zu erkennen an der „Stars and Stripes“ Flagge auf Buchrücken und Frontcover, nebst dem Hinweis „American English“. Ob noch weitere Geschichten diesen Weg (und vielleicht in andere Sprachen) gehen werden, war bislang nicht zu ermitteln, dies ist aber zu erwarten, wenn das Konzept sich (durch entsprechende Verkaufszahlen gestützt) als erfolgreich erweist. Die beiden Fälle dürfen somit vorerst als Versuchsballons dafür angesehen werden, ob diese Idee auch bei den Lesern ankommt und gewürdigt wird.

_Zur Story_

Meg Baker ist passionierte Taucherin und insbesondere Wracks haben es ihr angetan. Erst kürzlich ist ein kleiner Kutter bei einem Unwetter in den seichten Gewässern vor Rocky Beach abgesoffen. Als sie zusammen mit einer Bekannten einen Tauchgang dorthin unternimmt und versucht, durch ein Leck ins Innere zu gelangen, hat sie eine äußerst unangenehme Begegnung mit einer Riesengruppe ziemlich giftiger Quallen. Eine renitente Spezies mit potenten Nesselkapseln – blöderweise reagiert sie auch noch allergisch auf die Viecher. Ihre Tauchpartnerin kann sie bergen und bewusstlos ans Ufer schaffen. Verständlich, dass Mrs Baker auf die schwabbeligen Tierchen fürderhin nicht gut zu sprechen ist. Das für sich genommen, kann man als unglücklichen aber halbwegs normalen Tauchunfall apostrophieren. Wo ist nun der Fall für die drei Detektive?

Erstens gehören diese Quallen nicht in das Innere eines Wracks und schon gar nicht in dieser Konzentration. Zudem hat Mrs Baker kurz nach dem Zwischenfall eine wenig erbauliche E-Mail erhalten, in deren Anhang sich ein niedlicher, aber nickeliger Virus befindet. Der Payload des elektronischen Plagegeists äußert sich als Ansammlung von virtuellen Quallen, welche sich überall im System bis Oberkante Unterlippe breit machen. Zufällige Ironie des Schicksals, Wahnvorstellung oder doch böse Absicht eines Finsterlings? Letzteres liegt nahe. Das ist auch der Grund, weshalb die angenervte Mrs Baker bei Justus, Peter und Bob in der Zentrale eine dringende Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlässt und um Hilfe bittet. Ein ehemaliger Klient der drei Fragezeichen hat ihr die Jugendschnüffler wärmstens empfohlen. Leider ist die gute Frau nicht grade mit einem dicken Geduldsfaden gesegnet, was ihr Quallen-Problem angeht.

Als Justus etwas später zurückruft, ist Mrs Baker grade im Begriff, sich einem anderen Privatdetektiv zuzuwenden – einem professionellen Erwachsenen aus dem angrenzenden Santa Monica. Der sei schon auf dem Weg. Tief in seiner detektivischen Ehre erschüttert und gekränkt, schafft er es jedoch, es so zu drehen, dass wer als erstes bei ihr erscheint, den Job bekommt. Natürlich rasseln die drei Jungs vor dem Haus der potenziellen Neu-Klientin in ihren Konkurrenten: Dick Perry. Und ebenso natürlich ist der Typ ein widerlicher Schleimbeutel. Ohne sich auf etwaiges Fairplay einzulassen, schnappt er ihnen den Auftrag mit krummen Methoden vor der Nase weg. Unnötig zu erwähnen, dass die Jungs nicht locker lassen und ihrerseits an dem Fall dranbleiben. Inoffiziell. Die Lage spitzt sich zu, als ein Schulkollege der drei im unmittelbaren Zusammenhang mit den Ermittlungen gekidnappt wird.

_Meinung_

„Gift per E-Mail“ stammt aus der Feder von Ben Nevis (Erstveröffentlichung 2002 in deutscher Sprache) und zählt auch bei den Hörspielen zu den besseren Storys. Und zu den moderneren. Die drei Fragezeichen gebieten zu diesem Zeitpunkt der Serie bereits über Computer und eigene Autos. Trotzdem sind die Fahrräder der Jungs nicht vollständig vom Tisch und die Autos von Bob und Peter werden nur dosiert eingesetzt. Nevis besinnt sich auf traditionelle Elemente, welche die Serie groß gemacht haben. Zum Beispiel ein Rätselreim oder die berühmte Telefon-Lawine kommen zum Einsatz. Jetzt ist es allerdings die E-Mail-Lawine. Man geht mit der Zeit. Realistisch daran ist, dass diese Art der Informationsbeschaffung auf Basis der stillen Post auch ein Bumerang sein kann. Dann nämlich, wenn die E-Mail-Anfrage die falschen Kreise erreicht. Merke: Auch der PC der pfiffigen Schnüffelnasen ist vor Viren nicht gefeit.

Vor allem aber der Aspekt, einen mindestens ebenbürtigen Gegner in Gestalt von Dick Perry vor sich zu haben, macht den Fall sehr interessant. Konkurrenz belebt eben das Geschäft, zudem wurde die ewig alte Leier, die Ermittlungen ohne große Rückschläge ablaufen zu lassen, auch irgendwann mal langweilig. Diesmal müssen die Junioren ein paar Kröten (respektive Quallen) schlucken und sich ganz schön strecken, bis sie beim finalen Showdown dann doch wie gewohnt (und erhofft) triumphieren dürfen. Bis dahin ist es aber ein steiniger und verschlungener Weg, der buchstäblich erst auf den letzten beiden Seiten des Buches die Wendung zum Guten erfährt. Vorher sieht es tatsächlich so aus, als müssten Justus, Peter und Bob zum allerersten Mal eine deftige Niederlage einstecken. Perry ist ihnen stets eine Nasenlänge voraus.

Der ins US-Englische übersetzte Text ist für Leser mit mittleren bis guten Kenntnissen flüssig zu lesen und gut zu verstehen. Amerikanisches Englisch unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom britischen. Das hierzulande in der Schule großteils vermittelte Oxford-Englisch ist dagegen vergleichsweise steif, bildet aber die Basis, über die man verfügen sollte. Das verwendete Amerikanisch ist lockerer, flotter und irgendwie lebendiger. Damit man sich nicht verheddert, sind besonders interessante und/oder ungewöhnliche Vokabeln sowie typische Redewendungen in Fettdruck mitten im Text hervorgehoben. In der Fußnote jeder Seite stehen direkt die Übersetzungen der auf der Seite hervorgehobenen Begriffe und Formulierungen. Dies sind zwischen drei und sechs pro Buchseite. Am Anfang ist dies für den Lesefluss recht störend oder sagen wir besser: ungewohnt, da der permanente Fettdruck einzelner Textelemente doch etwas irritiert.

Man gewöhnt sich aber daran und bemerkt, dass diese Lösung gegenüber einer stupiden Auflistung der betreffenden Vokabeln und Phrasen in einem Appendix durchaus Vorteile hat. Man muss nicht blättern, sondern ein kurzer Blick nach unten genügt. Sofort ist man wieder mitten im Geschehen. Bekannte Ausdrücke überspringt man nach einer Zeit automatisch und pickt sich bei Bedarf nur die wirklich Interessanten heraus. Aufschlussreich sind insbesondere Slang-Ausdrücke, Aphorismen und Metaphern, etwa die amerikanischen Äquivalente für „Leichen im Keller haben“, „Feierabend machen“ oder „Die Hosen voll haben“, um mal ein paar umgangssprachliche Beispiele zu nennen, die vielleicht nicht jedem geläufig sind, sich aber im Alltagsgebrauch als nützlich erweisen können. Manche erläuterten Begriffe kommen leider doppelt vor, wobei sich mir der Sinn dahinter nicht ganz erschließt – ich vermute ein Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung und Auswahl.

_Fazit_

In erster Linie dürften mit einer Veröffentlichung wie dieser Schulen angepeilt sein, die ihren Englisch-Unterricht damit aufwerten können, dass – statt des normalen Stoffs des Lehrplans – bekanntermaßen beliebte Jugendliteratur in einer anderen Sprache gelesen wird. Doch auch für gestandene Fans und alle sprachinteressierten Leseratten bietet sich hier Gelegenheit, eventuell verschüttete Kenntnisse aufzufrischen bzw. -bessern. Das macht schon aufgrund der gut ausgewählten Story von „Poisoned E-Mail“ Spaß. Die Übersetzung ist modern, unkompliziert und recht leicht zu bewältigen, jedoch nicht anspruchslos geraten. Das Konzept mit dem Transfer ins Englische inklusive der Vokabelhilfe ist eine nette Idee. Es wäre wünschenswert, dass das auf mehr der Fälle der drei Fragezeichen (zumindest diejenigen aus „deutscher Produktion“) ausgedehnt wird. Bislang sind es zwei davon, verdient hätten es noch einige andere.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Originaltitel: „Die drei ??? – Gift per E-Mail“
Erzählt von Ben Nevis
basierend auf den Charakteren von Robert Arthur
Erstveröffentlichung: 2005 / Franckh-Kosmos, Stuttgart
Übersetzung ins Amerikanische: Andreas Zantop
Seiten: 144 / Hardcover
ISBN: 3-440-10065-0
ISBN: 3-440-10353-6 (Deutsche Sprachfassung, 2002; aktuelle Auflage Februar 2005)

Gaiman, Neil – Messerkönigin, Die

Dieser erste bei uns veröffentliche Storyband von Neil Gaiman ist eine Fundgrube von Ideen für Fantasy- und Krimileser. Die Geschichten sind vielgestaltig wie ihre Themen: Legenden, realistische Storys, Fabeln, Gleichnisse, Märchen, Balladen – die berühmten langzeiligen Erzählgedichten Gaimans ebenso wie kunstvoll gedrechselte Sestinen.

Zu jedem Beitrag der Sammlung hat Gaiman einen Begleittext zur Entstehung und dem Ort des ersten Erscheinens verfasst. Diese Texte hat er in einem langen Einleitungskapitel zusammengefasst. Wer also darauf keinen Wert legt, kann gleich mit dem zweiten Kapitel loslegen.

_Der Autor_

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der gruseligen und einfallsreichen „Sandman“-Comicbooks bekannt. Er hat mit „Die Messerkönigin“ ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei |Heyne| verlegt). Gaiman erzielte mit seinem Real-Fantasy-Roman „Niemalsland“ auch hierzulande einen Bestseller.

_Die Storys_

Welcher Idiot hat eigentlich die Liebe erfunden? Schon kurz nachdem sie im himmlischen Design-Center der Engel entworfen und getestet worden ist, fordert sie bereits das erste Todesopfer: der verlassene Engel bringt den Geliebten um – ein klarer Fall für den Racheengel des Herrn. Hierzulande wäre die jedenfalls so nicht durch den TÜV gekommen. Aber zu der Zeit, als Er das Universum in die Phase des Prototyps gehen ließ, hatte Er völlig freie Hand. Er erfand sogar ziemlich neumodische Sachen wie etwa auch den Begriff des Todes (und später sogar, noch schlimmer, erfand Er Geschlechter!). Kein Wunder, dass über solch bedenklichen Vorfällen wie gemeuchelten Engeln sein Oberengel Luzifer, der Feldherr der Heerscharen, ins Grübeln kam und sich fragte, ob es nicht besser sei, zur Abwechslung mal auf die Stimmen aus der Finsternis zu hören …

Überhaupt bekommen Neil Gaimans Hauptfiguren, die in unseren Legenden und Sagen schon so lange als Bösewichte und Übeltäter verleumdet worden sind, in seinen in „Die Messerkönigin“ gesammelten Geschichten und Gedichten endlich ihre Chance, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

So entspricht es offensichtlich auch nicht den Tatsachen, dass Schneewittchen als Unschuld vom Lande von ihrer Stiefmutter aus reiner Eifersucht getötet wurde. Nicht doch! Vielmehr ist das Mädchen, das durch spätere Propaganda als „Schneewitchen“ bekannt wurde, eindeutig ein Vampir, der seinen Liebesopfern das Blut aussaugte. In der Geschichte „Schnee, Glas, Äpfel“ lässt ihr die Gemahlin des von diesem Vampir zu Tode gebrachten Königs denn auch als Vergeltung das kalte Herz herausschneiden und die Leiche in den Wald bringen. Sie hätte es besser wissen müssen!

Vampire wie das untote Mädchen treiben weiterhin ihr Unwesen. Erst als die verantwortungsbewusste Königin die kleine Vampirin per Apfel vergiftet, kehrt Frieden im Land ein. Doch leider nicht für lange: Denn ein ausländischer Prinz hat sich in das in Glas und Kristall eingesargte Mädchen verguckt und befreit es. Nun schlägt der Königin die letzte Stunde: Denn selbstverständlich heischt die Vampirin Rache, die ihr der von Liebe umnebelte Prinz allzu gerne verschafft. Die Königin landet wie eine gewöhnliche Hexe im Ofen.

Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen, wie Gaiman, der Autor der „Sandman“-Comicbooks, die bekannten Geschichten gegen den Strich bürstet und ihre Schurken endlich zu Wort kommen lässt. Vampire, Grendel-Ungeheuer („Baywolf“ ist eine drollige Verbindung aus „Beowulf“ und „Baywatch“) , Trolle, Vogelmädchen und Werwölfe finden sich hier, aber auch H. P. Lovecrafts Große Alte (in „Old Shoggoths Peculiar“) feiern ein Wiedersehen mit der ahnungslosen Welt. Mehrmals, wen wundert’s, geht dabei die Welt unter.

|Liebe, Begehren und Tod|

Viele der Geschichten enthalten erotische Elemente. Doch Gaiman, man ahnt es bereits, hat seine besondere Sicht auf das, was man gemeinhin für erotisch hält. Sex, Liebe, Begehren und Tod sind für ihn eng verwoben. Daraus ergibt sich ein in der Regel tragischer Verlauf aus der erotischen Begegnung.
Am zugänglichsten sind für Krimileser zwei Geschichten um die Traumfabrik Hollywood, die in diesem Band enthalten sind. Die erste, „Mordmysterien“, habe ich bereits eingangs gerafft wiedergegeben. Sie trägt diesen merkwürdigen Titel, weil sie sowohl ein Rätsel – mystery – als auch ein Mysterienspiel enthält. Ein Besucher aus England, der kurz mal seine amerikanische Ex-Freundin besucht, hat nach einem frustrierenden Liebesspiel einen Gedächtnis-Aussetzer. Schlaflos begibt er sich auf die Straße vor seinem Hotel und trifft einen Streuner, der sich eine Zigarette borgt und sich mit der erwähnten Geschichte revanchiert. Es könnte sich um Luzifer handeln. Am nächsten Tag liest der Engländer vom Tod seiner Ex-Freundin. Sie und ihre Tochter wurden Opfer eines brutalen Mordes …

|Star-Ruhm|

„Der Goldfischteich und andere Geschichten“ erzählt eine unheimliche Geschichte à la „Barton Fink“. Ein englischer Autor landet einen Bestseller über Charles Mansons Nachkommen und soll für ein Hollywood-Studio das Drehbuch schreiben. Natürlich in L. A. und zwar in keinem anderen Hotel als in dem, in dem John Belushi starb (ich glaube, das war das Chateau Marmont, aber der Hotelname wird nie erwähnt). Genau wie Barton Fink kann es der Engländer niemandem recht machen, doch bekommt er von einem der Gärtner, selbst schon über 90, eine recht merkwürdige Story erzählt. Eine junge Filmgöttin, June Lincoln, stirbt im Jahr 1926 kurze Zeit nach einem Filmerfolg. Auf ihrer Premierenparty küsste sie einen der drei Goldfische im Teich des Hotels. Diesen Fisch nannte der Gärtner daher Princess. Die anderen beiden hießen Ghost und Buster. Merkwürdig findet unser englischer Freund, dass die Goldfische ein genauso langes Gedächtnis haben wie die Fahrten von Punkt A nach B in L. A. dauern: dreißig Minuten. Und auch die Studiogewaltigen haben eine entspechend kurzes Gedächtnis. L. A. ist ein mit Geistern gefüllter Teich, in dem die Goldfische (auch die Stars!) einander schon nach kurzer Zeit vergessen haben und sich begrüßen, als hätten sie den anderen nie zuvor gesehen.—Es gibt nur wenige Geschichten wie diese, die ein reales Geschehen mit einem surreal und ominös aufgeladenen Symbol (dem Teich) so gut erklären.

|Humor|

Auch der Humor kommt nicht zu kurz: So etwa wird der heilige Gral nicht vom edlen Ritter Sir Galahad auf seiner ewigen Suche gefunden, sondern von einer schrulligen alten Witwe bei einer Wohltätigkeitsorganisation. Und die lässt sich den Gral, als Galahad ihn kaufen will, schon gut entgelten. So ist wenigstens der Stein der Weisen doch noch zu etwas nutze.

_Unterm Strich_

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort eine interessante Idee, eine gewagte Beschreibung oder verblüffend-provokante Aussage finde. Ein Buch, das mit keinem Beitrag langweilig ist. In mancher Hinsicht erinnerte es mich an Clive Barkers [„Bücher des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Opfer der Zeitdiebe lesen die Storys oder Langzeilenpoeme von zwei bis vier Seiten. Leute mit mehr Zeit auf ihrem Konto können ihr Vergnügen auf bis zu 40 Seiten auskosten.

Warnung: Manche Geschichten sind für Leser erst ab 16 Jahren geeignet, da die erotische Schilderung doch mitunter etwas drastisch ausfallen kann!

Die Übersetzung ist brauchbar, hat aber durchaus Fehler. So hat sich die Übersetzerin nicht die Mühe gemacht, mal einen falsch geschriebenen Buchtitel von C.S. Lewis nachzuschlagen: „Dawntrader“ statt richtig „Dawntreader“. Daher kommt natürlich im Deutschen eine völlig falsche Bedeutung heraus.

Gegenüber der Originalausgabe wurde ein Beitrag gestrichen: „Eaten“, eine Art Drehbuch.

|Originaltitel: Smoke and mirrors, 1998
Aus dem Englischen übertragen von Ingrid Krane-Müschen|

Anne Eliot Crompton – Merlins Tochter

Der wievielte Artus/Merlin/Morgaine/…-Roman ist das eigentlich? An die zehn habe ich rezensiert, gelesen weit mehr. Die Highlights waren Mary Stewarts Merlin-Zyklus und natürlich MZBs „Die Nebel von Avalon“; den Tiefpunkt markierte Susan Shwartz’ „Der Wald von Broliande“. Und alle mischten die Karten neu, besetzen Rollen um, rückten Verhältnisse in ein anderes Licht…

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Ed McBain – Der anonyme Brief (auch: Nackt ist die beste Maske)

Das geschieht:

„Ich will die Lady heute Abend um 8 Uhr umbringen. Tun Sie was dagegen, wenn Sie können!“

Hochsommer in Isola, der 8-Millionen-Stadt, die irgendwie an New York erinnert. Es ist heiß, Abkühlung nicht in Sicht. Sogar die braven Bürger drehen allmählich durch, fallen tot um oder übereinander her. Im 87. Polizeirevier schmachten die chronisch überlasteten Beamten. Bei diesem Wetter gesellen sich zu den üblichen Strolchen die gefürchteten Spinner mit ihren seltsamen, oft genug mörderischen Einfällen. Einer ließ der Polizei die eingangs zitierte Nachricht zukommen. Oder handelt es sich gar nicht um einen Spinner? Cotton Hawes und Steve Carella sind skeptisch. Sie halten es für durchaus möglich, dass ein irrer Mörder die Polizei zu einem Wettbewerb herausfordert. Oder will er etwa erwischt werden? Lieber auf Nummer Sicher gehen, so die Beamten, bloß: Welche Konsequenzen hat das für diesen Fall?

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Brown, Dan – Meteor

Mit seinem hochspannenden und rasanten Verschwörungsthriller [„Illuminati“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110 gelang Dan Brown der Durchbruch, seitdem verkaufen sich seine Bücher blendend und werden gerade erst aktuell durch die Werke des neuen Papstes von den Spitzenplätzen der Bestsellerlisten verdrängt. Sein mitreißender Schreibstil ist es, der Browns Bücher zu einem besonderen Leseerlebnis macht, und auch die meist faszinierende Thematik, derer sich Brown bedient. In „Meteor“ rankt sich die gesamte Geschichte um einen Meteoriten, der mehr zu enthalten scheint, als auf den ersten Blick offenkundig wird …

_Schmutziger Wahlkampf_

In den USA herrscht Wahlkampf: Der karrierebesessene Senator Sexton tritt als Gegenkandidat gegen den amtierenden Präsidenten an, der durch seine kompromisslose Unterstützung für die NASA, die schon seit langer Zeit keine Früchte mehr getragen hat, langsam aber sicher ins Hintertreffen gerät. Genau an diesem Punkt setzt Sexton an, der die Verschwendung von Steuergeldern zu seinem heißesten Wahlkampfthema gemacht hat. Seine Tochter Rachel arbeitet im Weißen Haus für den amtierenden Präsidenten und weigert sich, auf Bitten ihres Vaters hin ihren Job aufzugeben. Das Vater-Tochter-Verhältnis ist ohnehin angespannt, da Sexton sogar den Tod seiner Frau für seine eigene Publicity genutzt hat und vehement die Affäre zu seiner Wahlkampfhelferin Gabrielle Ashe abstreitet. Mit seiner Kampagne gegen die NASA zieht er mehr und mehr die Wählerstimmen auf seine Seite, da die meisten amerikanischen Bürger kein Vertrauen mehr in die NASA haben und daher ihre Steuergelder nicht mehr in deren Händen wissen wollen. Doch Sexton hat einiges zu verbergen, denn wie finanziert er eigentlich seinen kostspieligen Wahlkampf?

Kurz nach einem Treffen mit ihrem Vater wird Rachel überraschenderweise zum Präsidenten bestellt, der sie in die Arktis fliegen lässt, um dort eine sensationelle Entdeckung für ihn zu bestätigen. Die in die Kritik geratene NASA konnte dort nämlich durch ein neuartiges Satellitensystem einen großen Meteoriten aufspüren, der bereits seit fast 300 Jahren im ewigen Eis steckt und mit einer kleinen Überraschung in seinem Inneren aufwartet. Um diese sensationelle Entdeckung für die ganze Welt zu verifizieren, hat der Präsident der USA nun einige unabhängige Wissenschaftler auf das Milne-Eisschelf geschickt. Mike Tolland, der sich mit einem Wissenschaftsmagazin im Fernsehen und seinen Filmen über die Unterwasserwelt einen Namen gemacht hat, ist einer dieser Wissenschaftler. Er ist auch derjenige, der die Fernsehdokumentation über den Meteoriten für die weitweite Publikation zusammengestellt hat. Schließlich tritt der Präsident mit der Neuigkeit über den Meteoriten, der noch eine weitere Überraschung in sich birgt, vor die Weltpresse.

Doch in der Arktis schweben Rachel und die anderen Wissenschaftler plötzlich in Lebensgefahr, weil eine Delta-Force-Einheit gewisse Informationen vertuschen will, die mit dem Meteoriten zusammenhängen. Welches Geheimnis umgibt den Meteoriten? Und wer hat die Delta-Force-Einheit in die Arktis geschickt, um den Meteoriten zu bewachen?

_Rasanter Wissenschaftsthriller mit Schwächen_

Erneut hat Dan Brown einen Pageturner vorgelegt, den man nur schwer aus der Hand legen kann. Sein Schreibstil erinnert mich stark an Michael Crichton, denn auch Brown hält sich nicht lange mit detaillierten Beschreibungen der handelnden Personen oder der Situationen auf, vielmehr konzentriert er sich auf das Wesentliche und verschwendet keine Worte. „Meteor“ ist in mehr als hundert sehr kurze Kapitel eingeteilt, sodass keine langen und langatmigen Szenen zu überwinden sind. Darüber hinaus ist Dan Browns Wortwahl einfach, sein klarer und knapper Schreibstil macht seine Romane immer wieder zu einem kurzweiligen (hier aber auch kurzlebigen) Leseerlebnis.

Dan Brown eröffnet in seinem Thriller verschiedene Handlungsstränge, die sich durch das gesamte Buch ziehen. Größtenteils bleibt der Leser bei Rachel, die sich auf der Flucht befindet, zwischendurch erzählen andere Kapitel aber auch mehr über Senator Sexton, seine Wahlhelferin Gabrielle und über Rachels Chef Pickering, die ihrerseits ebenfalls interessante Entdeckungen machen können. Wie gewohnt findet der Wechsel zwischen zwei verschiedenen Handlungsfäden immer an der spannendsten Stelle statt; Brown weiß natürlich, wie er seine Leser bei der Stange halten kann.

Doch ist der Spannungsaufbau in „Meteor“ nicht so gelungen wie in Browns kirchlichen Verschwörungsthrillern. Zwar bekommt der Leser nach und nach immer mehr Informationen über den gefundenen Meteoriten vorgeworfen und möchte dadurch immer dringender wissen, was genau eigentlich hinter dem Fund steckt, doch zeichnet sich zu schnell ab, dass mit dem Meteoriten etwas nicht stimmen kann, sodass das Überraschungsmoment schließlich ausbleibt.

Trotz des wissenschaftlichen Themas bleibt das Buch auch für Laien gut lesbar, da Fachvokabular im Zusammenhang erklärt wird und keine Fragen offen bleiben. Brown beweist hier erneut, dass er viel Recherchearbeit in seine Romane investiert, in „Meteor“ spart er nicht an Informationen zur Bestimmung nicht-irdischen Gesteins, sodass man auf diesem Gebiet durchaus noch etwas dazulernen kann.

Leider bleibt bei aller Rasanz die Figurenzeichnung auf der Strecke, da sich Brown keine Zeit nimmt, um seine Personen zu entwickeln. Stattdessen bedient er sich oftmals vieler Klischees, um seine leeren Figurhüllen mit Inhalt zu füllen. In „Meteor“ stehen außerdem zu viele Personen im Mittelpunkt des Geschehens, als dass jedem genügend Aufmerksamkeit gewidmet werden könnte. Zu viele Wissenschaftler reisen auf das Eisschelf, zu viele Figuren tauchen in der Rahmenhandlung auf. Auch über Rachel Sexton, die im Zentrum der Handlung steht, erfährt der Leser wenig Neues. Häufig wiederholt Brown sich, immer wieder spielt er auf ihr gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater an und erwähnt mehrfach ihre Angst vor Wasser, doch tragen diese mageren Informationshäppchen kaum dazu bei, sich ein umfassendes Bild von Rachel machen zu können.

Obwohl ich Wissenschaftsthriller sehr gerne lese und die Thematik äußerst interessant finde, kann „Meteor“ meiner Meinung nach nicht die gleiche Faszination entwickeln wie „Illuminati“ oder auch „Sakrileg“. Browns inszenierte Schnitzeljagd durch Rom zur Zeit des Konklaves ist einfach unübertroffen und auch die Rätselsuche im Pariser Louvre, die schließlich in London endet, weiß deutlich mehr zu überzeugen als die Hetzjagd, die Brown in „Meteor“ veranstaltet. Zu unlogisch und unrealistisch sind hier die Wendungen, zu aussichtslos die Situationen, aus denen die guten Helden sich schlussendlich zumindest teilweise doch noch retten können. Der Autor kann kaum überraschen, da er sich lediglich der altbekannten Regeln einer solchen Verfolgungsjagd bedient, bei der nur ganz bestimmte Personen bis zum Ende überleben können.

Selbst vor logischen Fehlern bleibt dieser Roman nicht verschont, denn zwischendurch präsentiert uns Dan Brown wie gewohnt den Bösewicht, der zuvor offensichtlich zu der Gruppe der Guten gezählt wurde. Doch führt dies zu einigen Unstimmigkeiten, da der heimliche Bösewicht eine zeitlang mit den Guten zusammen gearbeitet hat und daher über ihre Pläne aufgeklärt ist, doch später muss er sich eines anderen Tricks bedienen, um seine Opfer ausfindig zu machen. Außerdem weiß ich nicht, wie Brown diese Zusammenarbeit begründen will, da dem Bösewicht kaum daran gelegen sein kann, seinen Gegnern zu helfen. Warum hat er es also doch getan?

Insgesamt schneidet „Meteor“ im Vergleich zu Browns Verschwörungsthrillern schlecht ab. Etwas bedauerlich finde ich, dass er nach seinem starken Kirchenthriller „Illuminati“ ein vergleichsweise schwaches Buch wie „Meteor“ geschrieben hat, da er zuvor bereits bewiesen hatte, dass er es besser kann. Auch fällt negativ auf, dass Dan Brown sich immer wieder des gleichen Strickmusters bedient; kennt man also einen Roman, so überraschen einen die Wendungen in Browns weiteren Werken nicht mehr. Dennoch bleibt „Meteor“ durchaus lesenswert und dürfte Fans von Wissenschaftsthrillern im Allgemeinen und Michael Crichton im Speziellen gut unterhalten. Das Buch ist kurzweilig und gut zu lesen. Mir persönlich fehlte etwas die Faszination, welche von den Geheimgesellschaften und der spannungsgeladenen Szenerie in „Illuminati“ ausging, bei „Meteor“ hat Brown leider nicht ganz so viel aus der an sich interessanten Thematik herausgeholt. Aufgrund der logischen Schwächen und der etwas vorhersehbaren Handlung kann „Meteor“ daher nicht vollkommen überzeugen.

Patterson, James / Gross, Andrew – Rache des Kreuzfahrers, Die

„Die Rache des Kreuzfahrers“ ist ein temporeicher historischer Roman, dessen abenteuerliche Handlung im 11. Jahrhundert in der Zeit der ersten Kreuzzüge spielt. Action, Drama, Lovestory und jede Menge derber Humor sind die Hauptzutaten dieses „pageturners“. Mich hat erstaunt, wie untypisch dieses Buch für Patterson ist.

_Die Autoren_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der |tearjerker| „Tagebuch für Nicholas“. Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Andrew Gross war Pattersons Ko-Autor an „Die 2. Chance“ (Limes-Verlag) und lebt in New York City.

_Der Sprecher_

Tobias Meister, geboren 1957 in Köln, steht seit seinem fünften Lebensjahr auf der Bühne. Er ist Schauspieler und Synchronregisseur. Als Synchronsprecher leiht er Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Tim Robbins, Sean Penn und anderen seine Stimme.

_Handlung_

Frankreich Ende des 11. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Kreuzzüge beginnt, zu denen Papst Urban aufgerufen hat, um das Heilige Land von den „Ungläubigen“ zu befreien.

In einem kleinen Provinzdörfchen hat sich der junge Hugh de Luc mit seiner Frau Sophie als Gastwirt zur Ruhe gesetzt – zuvor hatte er ein unruhiges Leben als umherziehender Gaukler „genossen“. Bis er sich in Sophie verliebte. Das Einzige, was den beiden zum vollkommenen Glück fehlt, ist ein Kind – und Freiheit von ihrem Oberherrn, dem Herzog Baudouin von Treille.

|Ins Heilige Land|

Seine Sehnsucht nach ungebundenem Leben in Freiheit wird Hugh zum Verhängnis: Er zieht mit einer zusammengewürfelten Soldatentruppe Richtung Palästina, um Ruhm und Beute zu erlangen. Sophie bleibt hoffend zurück, doch beim Abschied gibt sie Hugh eine Hälfte eines schönen Kammes mit, der ein Erbstück ist: ein Symbol der Treue, ein Versprechen auf ein Wiedersehen.

Die Katastrophe, in die sich Hugh begibt, hätte er sich nicht vorstellen können. Sterben die Männer nicht auf dem Fußmarsch durch die Gebirge des Balkans und Kleinasiens, dann an den Strapazen bei der Belagerung der wichtigsten moslemischen Festung vor Jerusalem, Antiochia im heutigen Syrien. Die Verteidiger dezimieren die christlichen Reihen von zusammengewürfelten, undisziplinierten Haufen, die nicht mal Sold bekommen.

Nachdem Antiochia durch Verrat gefallen ist, plündern die Christen die Stadt, metzeln die Bevölkerung, moslemische wie auch christliche Einwohner, nieder, und stecken anschließend die Häuser an. In einer winzigen Kirche, die demnächst geplündert wird, hat Hugh sein Damaskus-Erlebnis. Hatte er schon zuvor nicht an einen Christen-Gott geglaubt, so verliert er nun auch den Glauben an Vernunft, Vorsehung, Liebe und andere Werte. Ein Moslem verschont sein Leben, nachdem Hugh ob dieses Irrwitzes in Lachen ausgebrochen ist. Der Moslem verliert sein Leben beim Angriff fränkischer Fanatiker, der Tafur. Sie tragen das Zeichen des Kreuzes eingebrannt am Hals. Da vergeht Hugh das Lachen und er macht sich aus dem Staub – nicht ohne ein goldenes Kreuz aus der Kirche mitzunehmen.

|Wieder in der Heimat|

Ein halbes Jahr später, zwei Jahre nach seinem Abschied, ist Hugh wieder in seinem Heimatdorf angelangt. Seine Vorfreude auf ein Wiedersehen verwandelt sich in Schrecken, als er sieht, dass sein Gasthof bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Sophie ist verschwunden. Sein kleiner Sohn Philippe, von dem er nichts geahnt hatte, liegt begraben auf einem Feld. Dort vergräbt der verzweifelte Hugh auch sein Kreuz.

Wer hat dieses Unglück über sein Dorf gebracht? Es seien Ritter ohne Erkennungszeichen gewesen, heißt es von den versprengten Dörflern. Nun, Hugh kann sich’s denken: Baudouin von Treille muss dahinter stecken, oder? Er hofft, dass die entführte Sophie noch am Leben ist, und wandert durch die Wildnis Richtung Treille. Nach einem Angriff durch einen Eber wird der verwundete Hugh von einem edlen Fräulein namens Emilie in die Burg des Herzogs von Borée gebracht und gesund gepflegt.

Da Emilie durch Hughs Erzählungen zutiefst ergriffen ist (ohne es zu zeigen), will sie ihm helfen, Sophie zurückzugewinnen, sofern sie noch lebt. Dazu aber muss sich Hugh eines Vorwandes bedienen, und welche Verkleidung wäre für einen früheren Gaukler besser geeignet als die eines Hofnarren? Hugh macht sich auf den Weg in die Höhle des Löwen …

Unterdessen suchen Ritter vom Schwarzen Kreuz nächtens Dörfer und Weiler des Herzogtums von Treille heim. Sie sind hinter einer ganz bestimmten Reliquie her, die von Rittern und Händlern aus dem Heiligen Land mitgenommen oder erworben wurde. Was sie am dringendsten haben wollen, ist eine Reliquie von der Kreuzigung Jesu. Und die könnte sich in Hughs Besitz befinden, ohne dass er es ahnt …

_Mein Eindruck_

Ich habe dieses actionreiche und humorvolle Hörbuch in wenigen Tagen verschlungen. Ich fühlte mich hervorragend unterhalten, denn der Roman ist vieles zugleich. Was zunächst nach einem mittelalterlichen Kriegsabenteuer aussieht, verwandelt sich in Hughs Heimat in einen ungewöhnlichen Kriminalthriller, denn es geht darum, zwei Rätsel zu lösen: Wer sind die Ritter vom Schwarzen Kreuz, und in wessen Auftrag handeln sie? Und was wollen sie, das Hugh angeblich in seinem Besitz hat?

|Action, endlich!|

Sind diese Rätsel gelöst, wandelt sich der Roman erneut: zu einem romantischen Actiondrama, das einerseits in einem Bauernaufstand gipfelt und zum anderen in der Erfüllung von Lady Emilies Liebe zu Hugh de Luc. Und auch sie hat ein pikantes Geheimnis zu lüften! Die Action besteht in einem Dreisprung: Zuerst ist Baudouin zu überwältigen, dann der Anführer der Ritter vom Schwarzen Kreuz und zu guter Letzt dessen Auftraggeber.

So gelingt es also den beiden Autoren scheinbar mühelos, aber mit etlichen Tricks und Kniffen, den Hörer bis zur letzten Minute des Finales prächtig zu unterhalten. Kaum ist ein Rätsel gelöst, taucht schon das nächste Geheimnis dahinter auf. Oder eine Aufgabe, die Hugh zu bewältigen hat. Oder Lady Emilie bringt Hugh in Schwierigkeiten…

|Der spezielle Humor des Mittelalters|

Nur ein Narr würde nicht bei so vielen Sorgen durchdrehen und andere die Drecksarbeit machen lassen. Zum Glück ist Hugh eben dieser Narr! Ohne seinen bissigen und mitunter recht derben Humor würde er wohl kaum so viele Herausforderungen bewältigen. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft bewährt sich sein eingeübter Wortwitz ausgezeichnet. Zu diesem Witz gehören eine ganze Menge Wortspiele.

Ich war skeptisch, ob die offenherzig geschilderten erotischen Szenen so stehen gelassen würden, aber in der deutschen Ausgabe wurde offenbar nichts davon der Zensur geopfert – bravo! Die mittelalterlichen Leute hatten offensichtlich ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu körperlichen Angelegenheiten als wir heute.

|Toujours l’amour!|

Die einzige erlösende Kraft auf Erden scheint Hugh die Liebe zu sein, zuerst jene von Sophie, dann jene der Lady Emilie. Für die beiden Frauen verkämpft er sich denn auch bis zum letzten Atemzug und nimmt die größten Risiken auf sich. Als Hugh also Frau und Kind verliert, kündigt er den Lehnseid auf, der ihn als Untertan an seinen Lehnsherrn bindet, den Ritter, der sein Land besitzt und von ihm Dienste fordern kann, beispielsweise im Krieg.

|Rebellion|

Die Aufkündigung dieses seit Jahrtausenden bindenden Verhältnisses ist ein revolutionärer Akt. Seine Mitmenschen können kaum fassen, was Hugh tut. Erst nach langen Verhandlungen und intensiver Überzeugungsarbeit schließen sie sich ihm an. Der einzige Grund: Sie haben selbst nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und das können sie genauso gut für ihre Befreiung einsetzen, oder? Außerdem hat Hugh ja eine gewisse Reliquie, die ihn zu etwas Besonderem macht.

Der nun folgende Bauernaufstand – den die Geschichtsbücher sicher nicht der Erwähnung wert halten – erinnert uns natürlich stark an den Unabhängigkeitskampf der „amerikanischen“ Siedler in den Kolonien Neu-Englands. Diese so genannten „Amerikaner“ waren ja meist ebenfalls nur eingewanderte Engländer, Schotten, Waliser oder Iren. Und viele, viele so genannte „Deutsche“ – meistens Hessen. Wie die „Amerikaner“ erhoben sie sich gegen ihre Landesfürsten. Denn das waren die britischen Lords und Ladies ja letzten Endes, wie man beispielsweise in dem Emmerich-Film „Der Patriot“ mehrmals gesagt bekommt.

|Die Übersetzung|

Axel Merz hat sich in der mittelalterlichen Kultur kundig gemacht, wie an zahlreichen Stellen zu bemerken ist. Zu dieser Kultur gehören nicht nur das Essen oder die feineren Vergnügungen der Edlen, sondern auch die Kriegskunst und die damit verbundenen Gerätschaften.

Übrigens: Kostprobe des hier zu findenden Humors gefällig? „Zwei brave Männer stehen abends nach der Kneipe auf einer Brücke und pissen in den Fluss. Jeder brüstet sich damit, er habe den größeren. Sagt der eine: ‚Das Wasser ist aber ganz schön kalt.‘ Meint der andere trocken: ‚Ja, und ganz schön tief.'“

Zweite Kostprobe, ein Witz aus dem „wilden Languedoc“: Was ist unten drunter haarig, steht hoch aufgerichtet in seinem Bett, besitzt eine rötliche Haut und bringt garantiert jede Nonne zum Weinen? Eine Zwiebel.

_Der Sprecher_

Tobias Meister trägt mit seiner tiefen Stimme die Geschichte mit der erforderlichen Autorität vor. Denn sonst würden die schrecklichen Szenen des Krieges, die romantischen ebenso wie die komischen Szenen nicht angemessen wirken: Das Problem mit sehr emotionalen Szenen liegt darin, dass man sie völlig ernst darstellen muss, sonst wirken sie lächerlich oder übertrieben.

Meister „meistert“ diese Schwierigkeit ohne Mühe. Unzählige Male ruft die Hauptfigur Hugo de Luc ihren Gott an, mit gutem Grund – und dann hebt sich auch Meisters Stimme um einige Intervalle. Andererseits bricht er auch nicht in Lachen aus, wenn Hugo einen Witz erzählt. Er bevormundet den Hörer nicht.

Einen weiteren Pluspunkt sammelt der Sprecher durch seine perfekte Beherrschung des Französischen. Sämtliche Namen, die in Hugos Heimat auftauchen, spricht er korrekt aus. Das gilt aber nicht immer für andere Namen: Nicaea in Kleinasien spricht man eben nicht mit a-e-a aus, sondern wie Nizäa. (Dieser Ort ging im 4. Jahrhundert in die Geschichte des Christentums ein, als die Bischöfe einige abweichende Lehren wie die der Arianer und der Gnostiker als Ketzereien verwarfen und deren Anhänger fortan verfolgen ließen.)

_Unterm Strich_

Selten habe ich ein derart temporeiches Hörbuch gehört, das mich von Anfang gepackt hat und hielt. Und dabei ist es im Grunde ein historischer Roman, sollte man meinen. In Wahrheit ist es aber eine Kombination aus Action, Kriegsdrama, Liebes-Story und ganz viel Humor, wenn auch von der derberen Sorte. In das Buch flossen zahlreiche Infos der Wissenschaft ein. Diese Quellen listet in der Buchfassung ein zwei Seiten langes Quellenverzeichnis auf. Sogar ein deutscher Autor ist darunter.

Wer also ein paar Stunden mit humorvoller und spannender „kurtzweyl“ verbringen will, der greife zu diesem historischen Thriller.

Tobias Meister ist ein kompetenter Sprecher, der sich in seinem Vortrag zurückhält, aber dennoch den Schmerz und den Schrecken der Szenen – etwa auf dem Kreuzzug – zu vermitteln versteht. Bei komischen Szenen überlässt er dem Zuhörer das Lachen. Auch seine Beherrschung des Französischen ist perfekt. Insgesamt überzeugt mich die Qualität des Hörbuchs, doch der Preis ist mit 29,90 Euro ganz schön hoch. Deshalb wird so mancher Interessent auf das Taschenbuch warten wollen.

|407 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: The Jester, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Axel Merz|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Robert Bloch – Amok

bloch-amok-cover-kleinWer die kleine Statue der Hindu-Göttin Kali besitzt, entgeht auch in der amerikanischen Provinz nicht der Mördersekte der Thugs. Ein junger Mann will seine gemeuchelte Tante rächen, doch stets findet er seine Verdächtigen tot vor … – Thriller vom Verfasser des Kult-Reißers „Psycho“, der seine Mittelmäßigkeit hinter dem exotischen Plot gut versteckt und bis auf das nur mühsam überzeugende Ende zu unterhalten weiß.
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Krakauer, Jon – In eisige Höhen

Jon Krakauers Katastrophenbericht ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere Berichte, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.

Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für einen Hollywoodfilm. Aber Buch und Film unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt. In jedem Fall kann der Konsument des Hörbuchs die ungekürzte Fassung des Textes begutachten – ein bemerkenswertes Detail, das nicht selbstverständlich ist.

_Der Autor_

Jon Krakauer war schon um die vierzig, als er 1996 nach Nepal flog. In seiner Jugend hatte er zahlreiche Bergtouren gemacht, die er in seinen Reportagen unter dem Titel „Auf den Gipfeln der Welt“ („Eiger Dreams“) beschrieben hat. Als Journalist ließ er sich mit seiner Lebensgefährtin Linda in Seattle nieder, wo er als Redakteur des Magazins „Outside“ – nicht zu verwechseln mit „Outside Online“ – arbeitet.

1996 erschien sein erster Bestseller „In die Wildnis“ („Into the Wild“) über einen jungen Aussteiger, der in Alaska umgekommen war. Auch darin ging es um das Scheitern von Träumen und Ambitionen an den harten Bedingungen der Realität, sei es in der Wildnis oder in den Bergen. Krakauer lebt mit seiner Frau in Colorado. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Mord im Auftrag Gottes“.

_Der Sprecher_

Christian Brückner ist einer der beliebtesten Sprecher Deutschlands. Bekannt wurde er als Stimmbandvertretung Robert de Niros. Seit langem setzt er Maßstäbe als Hörbuchsprecher und hat bei einem der Verlage seine eigene Edition.

_Handlung_

Jon Krakauer wollte als Journalist, also als Beobachter, an einer Expedition auf den höchsten Berg der Welt teilnehmen, um für das „Outside“-Magazin darüber zu schreiben: Der ungewöhnlich lange Artikel erschien in der Septemberausgabe 1996 und wirbelte viel Staub auf, enthielt aber einige falsche Darstellungen. Die Reaktionen und notwendigen Korrekturen flossen 1997 in dieses Buch ein.

Es war eine der geschäftigsten Saisons am Everest überhaupt, als Krakauer im April 1996 bereits angeschlagen im Basislager ankam. Es folgten vier Tage Akklimatisierung unter den fast ein Dutzend Expeditionsteams, von denen einige unter höchst dubiosen Umständen zustande gekommen waren. Laut Krakauers Darstellung war das Team des Bergführers Rob Hall eines der am besten geführten. Man fühlte sich sicher. Und doch sollte ausgerechnet Rob Hall auf dem Berg sterben.

Als Jon Krakauer den Gipfel des Berges am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996 erreichte, hatte er bereits 57 Stunden lang nicht geschlafen, kaum etwas essen können und litt unter dem massiven, anhaltenden Sauerstoffmangel – trotz des künstlichen Sauerstoffs, den alle außer den stärksten Bergsteigern atmen mussten. Die Luftdichte in 9000 Metern Höhe entspricht einem Drittel derer auf Meereshöhe.

Als er wieder absteigen wollte, bemerkte er zweierlei: merkwürdige Quellwolken, die das Tal heraufzogen, und mehr als zwanzig Bergsteiger, die seinen Abstieg blockierten. Die resultierende Verzögerung führte fast zu seinem eigenen Tod, denn als sich die heraufziehenden Wolken zu einem tobenden Schneesturm ausgewachsen hatten, sah Krakauer kaum die anderen Bergsteiger auf dem Südsattel oder die Zelte im darunter liegenden Lager IV.

Doch der Sturm wurde noch stärker, während sich noch fast zwanzig Kletterer auf dem Südwestgrat aufhielten. Am Ende des Tages waren fünf Teilnehmer der verschiedenen Expeditionen in Eis und Kälte umgekommen. Am Ende des Tages waren neun Menschen tot, am Ende der Saison zwölf – ein hoher Tribut an Leben, wie ihn der Everest selten erlebt hat.

Der Tod des neuseeländischen Bergführers Andy Harris ließe sich direkt auf Krakauers Mangel an geistiger Präsenz zurückführen, denn Krakauer hätte sonst bemerkt, dass Harris selbst bereits massiv unter der Höhenkrankheit litt, als er ihn zuletzt sah. Krakauer hätte etwas unternehmen können. Doch so muss er heute mit Harris‘ Tod auf dem Berg leben.

Durch den Einsatz des kasachischen Bergführers Anatoli Boukreev (der selbst ein Buch darüber geschrieben hat) gelang die Rettung von mehreren Expeditionsmitgliedern. Leider spielt dies Krakauer einigermaßen herunter, was wohl nicht ganz fair erscheint.

_Mein Eindruck_

Das Buch packt einen schon vom ersten Kapitel an, als der Autor den Moment auf dem Gipfel des Everest beschreibt und sich das Verhängnis bereits anbahnt, das zur Katastrophe führen soll. Immer wieder schiebt der Autor historische Rückblicke ein, um den Leser mit dem Berg und seinen erfolgreichen und erfolglosen Bezwingern bekannt zu machen. Krakauer gibt die Geschichte und die Abenteuer großer Everest-Pioniere wieder, darunter Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die zwei Männer, die den Gipfel 1953 als erste erreicht hatten: genau einen Tag vor der Krönung Königin Elizabeths II.

Einen großen Einschnitt bedeutete 1985 die Besteigung durch einen Amateur namens Dick Bass, der lediglich einen Haufen Geld bezahlt hatte. Nach dem Jahr 1988 setzte eine Art Massentourismus ein, und die nepalesische Teilnahmegebühr pro Tour erhöhte sich von 10.000 auf 65.000 Dollar.

Doch das schreckte etliche Leute nicht ab, die einfach nur ihre „Sieben-Gipfel-Quote“ komplettieren wollten: die Liste der jeweils höchsten Berge auf den Kontinenten. Auch in Krakauers Team befand sich so jemand darunter: In Sandy Pittmans Sammlung fehlte noch der Everest. Er sollte sie beinahe umbringen.

Denn der Everest ist ein unversöhnlicher Berg. Er wird von den Sherpa als „Göttin des Himmels“ (Sagarmatha) kultisch verehrt, ebenso von den Tibetern. Noch bevor es dem ersten Menschen gelang, einen Fuß auf den Gipfel zu setzen, hatte der Everest bereits 24 Menschen aus 15 verschiedenen Expeditionen das Leben gekostet. Mehr als hundert sollten bis 1996 folgen.

Dabei ist es nicht einmal das Terrain selbst, dem die Menschen zum Opfer fallen. Häufig ist einfach die extreme Höhe schuld: Ab 8000 Metern beginnt die „Todeszone“, in der der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren: kein Essen ist mehr möglich, und kein Schlaf. Große Gefahr droht von den durch die Höhe und dünne Luft ausgelösten Krankheiten: Lungen- und Gehirnödem, im Original HAPE und HACE genannt. Bei deren Auftreten hilft nur noch der rasche Abtransport in in tiefere Lagen oder die künstliche Herstellung einer entsprechenden Atmosphäre in einem Spezialzelt (Gamow-Zelt). Manchmal kommt auch diese Maßnahme zu spät.

In Rob Halls Expedition waren es nicht nur bergsteigerische oder gesundheitliche Unzulänglichkeiten, sondern einfach menschliche Fehler, die sich „zu einer kritischen Masse summierten“: falscher Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, übersteigerte Personenverehrung oder einfach Geldgier. Am Ende fehlten Kraft und Zeit. Es kam zu einer kritischen Situation im Schneesturm, die direkt fünf Menschenleben forderte. Weitere kamen als indirekte Folge hinzu.

Krakauers Doku-Roman ist spannend, bewegend und dramatisch. Er macht wütend auf ein System, das die Gefahren des Berges herunterspielt oder gar leugnet. Um nicht nur seiner persönlichen Katharsis (emotionalen Läuterung) zu dienen, wie er sagt, fügte er zahlreiche, abgesicherte Fakten ein und verbrämte diese mit Literaturauszügen.

_Der Sprecher_

Der Sprecher Christian Brückner liest selbstredend wie ein Profi, der das schon ewig und drei Tage macht. Deshalb kommt es auf die Feinheiten an. Stets macht er an geeigneten Stellen eine Pause, die das Verständnis erhöht, erleichtert oder eine Denkpause erlaubt. Das kann nach dem Ende einer komplizierten Satzkonstruktion sein, am Ende eines Satzes, eines Absatzes – und natürlich zwischen den Kapiteln.

Das einzige Verständnisproblem, das daher auftauchen kann, besteht darin, dass der Hörer entscheiden muss, wer nun gerade spricht. Ist es, wie fast immer, der Autor selbst – oder vielmehr der Autor eines Literaturauszuges? Zum Glück lässt der veränderte Tonfall, dessen sich der Sprecher befleißigt, die Unterscheidung zu. Und das ist meist nur am Anfang eines Kapitels nötig.

Etwas anderes ist Brückners Aussprache von Namen und Bezeichnungen. Englische Namen, die wie deutsche aussehen, sind ganz besonders tückisch. Doch Brückner meistert das Problem und spricht die Namen nach englischen Regeln und Gepflogenheiten aus. Er hat sich offensichtlich gut vorbereitet. Dies gilt nicht nur fürs Englische, sondern auch für Nepalesisch. Wieder und wieder erstaunte mich, der ich das Original zur Kontrolle las, seine Aussprache der einheimische Bergnamen. Sie passten so gar nicht zur Vorstellung, die ich mir von Namen wie Makalu („mokalú“) und Kanchenjunga (kantschendschánga“) gemacht habe. Da ich kein Nepalesisch beherrsche, maße ich mir kein Urteil darüber an.

_Unterm Strich_

Krakauer liefert einen packenden, minuziös geschilderten Bericht, der trotz seiner persönlichen Sichtweise zu überzeugen weiß, weil er weder mit Hintergrundinformationen über Berge, Menschen und alpine Technik geizt, noch mit den Konsequenzen der Katastrophe nach seiner Rückkehr hinterm Berg hält.

Der Sprecher Christian Brückner besticht durch eine klare Vortragsweise, die sich an der Vermittlung deutlich erkennbarer Bedeutungseinheiten – Wörter, Sätze, Phrasen, Absätze, Kapitel – und an Verständlichkeit orientiert. Auch berichtsfremde Zitate sind zu unterscheiden, so dass es leichtfällt, ein Zitat als solches zu erkennen. Fußnoten werden weggelassen, wenn sie zu lang sind, kurze Fußnoten werden in den Vortrag unauffällig integriert. Insgesamt hat mir die Lesung sehr gefallen, ich finde sie vorbildlich gelungen. Musik und Geräusche gibt es keine, denn sie würden lediglich stören – ganz besonders bei einem so ernsten Thema.

Der Preis von knapp 30 Euro für neun CDs ist meines Erachtens ungewöhnlich günstig und sollte einen Anreiz bieten, sich das Hörbuch zuzulegen. Hier winken dem einsamen Trucker oder Wochenendpendler fast elf Stunden packende Beschreibungen einer abenteuerlichen Welt, in der dem Menschen gezeigt wird, wo seine Grenzen liegen: nicht zuletzt in ihm selbst.

|Hinweise auf andere Quellen|

Man möchte sich seiner kritischen Sicht über die Auswüchse des modernen Alpinismus im Hochgbirge anschließen. Aber man sollte auch andere Quellen hinzuziehen, um auch andere Aspekte der Wahrheit zu erfahren: Sehr empfehlenswerte Bücher zu dieser Tragödie sind: „Der Gipfel“ von Anatoli Boukreev und „Die letzte Herausforderung“ von Lene Gammelgaard, einer Teilnehmerin an der Mountain Madness Expedition des damals umgekommenen Bergführers Scott Fischer.

Außerdem gibt es bei Amazon.de auch ein Buch des beinahe auf dem Südsattel erfrorenen Kunden Beck Weathers – eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen, von der ich je gehört habe. Das Buch von Boukreev habe ich andrenorts besprochen. Der Film, den David Breashears und Ed Viesturs von der gleichzeitig stattgefundenen IMAX-Epedition gedreht haben, ist ebenfalls informativ – von dem beeindruckenden IMAX-Breitwandfilm ganz zu schweigen. David Breashears geht in seiner Biografie ebenfalls auf das Drama ein, natürlich nur mehr am Rande, denn am tragischen Gipfelsturm war er nicht beteiligt.

|646 Minuten auf 9 CDs
Originaltitel: Into thin air, 1997
Übersetzt von Stephan Steeger|

Koontz, Dean R. – Wächter, Der

Das Leben eines heiß gefragten Hollywood-Schauspielers ist hart. Das bezieht sich nicht alleine darauf, dass ein im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehender Mensch wie Channing Manheim Knochenarbeit verrichten muss, für die er völlig zu Recht mit Abermillionen Dollar entlohnt wird, sondern nimmt auch Bezug auf die Anfechtungen, die zu verkraften sind. Das geht manchmal ans Eingemachte, wenn nicht nur die schauspielerische Leistung zurechtgerückt wird, sondern das persönliche Schicksal bedroht wird. Dann werden auch Lichtgestalten wie Manheim zu winzigkleinen Menschen, mit allen Mitteln darum bemüht, das eigene Dasein vor Widrigkeiten zu beschützen.

Noch drängender wird diese Frage nach dem behütenden Schutz, sobald über die eigene Persönlichkeit hinaus nahe Menschen bedroht sein könnten. Manheim ist allein erziehender Vater (soweit bei der permanenten Abwesenheit von Manheim von einer Erziehung gesprochen werden kann, andererseits könnte es bei seinem Naturell durchaus sein, dass Kinder von der Nicht-Anwesenheit profitieren …), und Fric, sein zehnjähriger Sohn, lebt im Grunde alleine in einer prächtigen, großen, komfortablen Villa. Alleine mit einer ganzen Handvoll Bediensteten und … Sicherheitskräften, zu denen die zweite Hauptperson des Romans zählt, der ehemalige Polizist und jetzige Sicherheitschef Ethan Truman.

Auf diese beiden Personen – Fric und Truman – konzentriert sich Dean Koontz in seinem aktuellen Thriller. Er beleuchtet die Handlungswege von beiden parallel, schildert dabei den Arbeitsalltag von Truman, der gleich zu Beginn ein weiteres ominöses Päckchen mit einem schwer erklärbaren Inhalt erhält, und die grauen Tage von Fric, der mehr oder minder auf sich alleine gestellt ist und für den die Lektüre in der hauseigenen Bibliothek zu den aufregendsten Stunden des Tages zählt.

Beide kennen sich wenig, die Diskrepanz zwischen dem gut lebenden Fric und dem gewissenhaft agierenden Truman ist zu groß, zumal Fric eher misstrauisch und zurückhaltend anderen Menschen gegenüber agiert. Diese Vorbehalte mehren sich noch, als Fric im Einklang mit den seltsamen Päckchen mysteriöse Telefonanrufe erhält, die er aber erst einmal für sich behält. Wer sollte einem versponnenen Jungen wie ihm auch glauben.

Nicht weniger bizarr sind die Erlebnisse Trumans, der plötzlich einen tot geglaubten alten Freund wieder sieht. Schritt für Schritt enthüllt sich vor Trumans Augen eine unglaubliche zweite Daseinsebene, und damit betreten wir als Leser endlich Neuland, durchschreiten gemeinsam mit Truman eine Linie, die unsere reale Welt trennt von dem „danach“. Für Truman ist dies derart albtraumhaft und dermaßen unglaublich, dass auch er diese Informationen fürs Erste verschweigt; erst später öffnet er sich einem ehemaligen Kollegen aus dem Polizeidienst, der ihn in der Folgezeit diensteifrig unterstützt und letztlich auch an der Aufklärung des Falles beteiligt.

Dean Koontz zählt nach vielen Jahren des bedächtigen Aufbaus mittlerweile zur ersten Garde der amerikanischen Thriller-Autoren. Im Gegensatz zu den in einer, nun ja, „realistischen“ Welt handelnden Epigonen der Kollegen knüpft Koontz als alter Horror-Haudegen seine Fäden von dieser unserer Welt hinüber in eine Schattenwelt, in eine Todeswelt, in eine irreale Ebene des Lebens, die bevölkert ist von Toten oder Nicht-Toten oder unerklärlichen Existenzen. Jedenfalls vermischt er Gruselelemente sehr eifrig mit kriminalistischen Geschehnissen und bezieht gerade daraus seine wichtigen Spannungstopoi; das Unerklärliche wirkt auf den Leser bedrohlich, weniger der nicht ungewöhnliche, in seiner Entfaltung tausendmal gelesene Kriminalfall. Der ist alltäglich, seine Aufklärung dagegen nicht.

Darauf muss man sich auf den 740 Seiten einlassen können. Es ist nicht jedermanns Sache, eine solche Art von „Deus ex Machina“ in einem in der Jetztzeit spielenden Roman zu akzeptieren; wenn Truman nicht mehr weiterweiß, dann steht gewissermaßen der Engel bereit. Das mag als ein reflektierendes Element für eigene Handlungen seine Reize haben, aber als tragender Faktor bei der Lösung des Falles mutet es so manches Mal arg an den Haaren herbeigezogen an.

Trotz dieser Vorbehalte: Koontz spielt rücksichtslos seine Trumpfkarten aus, nachdem er so richtig Fahrt aufgenommen hat. Dazu benötigt er eine etwas zu lange Strecke, auf der er in ermüdender Drängelei ein ums andere Mal den Wohlstand Manheims beschreibt; irgendwann weiß auch der letzte unaufmerksame Leser, in welch praller Üppigkeit Fric lebt, wie viele Bücher hier und dort gestapelt sind, wie viele Kandelaber auf wie vielen Tischlein in den zigtausend Zimmer, Räumen und Sälen thronen … ach, das ist wirklich zu viel des Beschreibens, das ödet in diesen überbordenden Dimensionen irgendwann an.

Und hört doch glücklicherweise wieder auf, nachdem Koontz sich so richtig ausgetobt hat. Erst da, nach etwa mehr als einhundert Seiten, kann sich das Interesse des Lesers an den Figuren entfalten. Und erst da wird es spannend und interessant, und Koontz’ Karten stechen ohne Frage: Er verwöhnt mit sehr schönen Metaphern, schreibt sehr gute und unterhaltsame Dialoge und verwendet dazu gut gesetzte Spannungsmomente.

Das passt dann alles und hinterlässt letztlich doch das Gefühl, sich durch einen geschickt konstruierten, von zwei glaubwürdigen Charakteren geprägten Thriller gelesen zu haben. „Der Wächter“ liest sich immerhin so spannend, dass sich die Seiten wie von selbst umblättern …

_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Ben Benson – Alle haben Angst

benson-angst-cover-kleinIn einer amerikanischen Kleinstadt treibt eine jugendliche Autoknacker-Bande ihr Unwesen. Ein Polizist wird eingeschleust, doch misstrauische Ganovengenossen und unglückliche Zufälle lassen ihn auffliegen und in Lebensgefahr geraten … – Mittelmäßig spannende aber als Zeitdokument interessante Geschichte: Im US-Amerika der unmittelbaren Nachkriegszeit führt das Establishment Krieg gegen die aufmüpfige Jugend. Die eigentliche Kriminalhandlung dient als Aufhänger für moralinsaure Horrorvisionen, welche einen gravierenden Generationskonflikt höchst einseitig ‚erklären‘ und unverhohlen autoritäre ‚Hinweise‘ zur Beilegung liefern sollen.
Ben Benson – Alle haben Angst weiterlesen

Dennis Lehane – Shutter Island

Lehane shutter island cover 2015 kleinAus einer abgeschiedenen Anstalt für wahnsinnige Straftäter ist eine Patientin verschwunden. Zwei US-Marshalls ermitteln vor Ort und kommen geheimen Menschenversuchen auf die Spur. Die Verantwortlichen bemühen sich daraufhin, die unerwünschten Zeugen auszuschalten … – Spannender Psycho-Thriller, in dem nichts und niemand ist, wie es und wer er scheint. Die Auflösung ist der Vorgeschichte wie so oft nicht gewachsen, was jedoch das Vergnügen an diesem gut erzählten Garn nur geringfügig schmälert.
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Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe (Neanderthal 1)

Parallelwelt-SF: Besuch vom haarigen Vetter

Neutrinos sind nahezu unendlich kleine atomare Teilchen, die alles durchdringen und sich daher extrem schwer nachweisen lassen. Um sie überhaupt feststellen zu können, muss die superempfindliche Messvorrichtung selbst vor allen möglichen Störfaktoren wie etwa elektromagnetischer Strahlung abgeschirmt werden. Deshalb liegt das Neutrino-Observatorium im kanadischen Sudbury unter zwei Kilometern solidem Fels. Der Zugang zum Neutrino-Detektor, einem Tank mit schwerem Wasser (Deuterium) ist natürlich ebenfalls streng reglementiert.

Deshalb staunt die Wissenschaftlerin Louise Benoit nicht schlecht, als sie eines Tages einen ausgewachsenen Mann in eben diesem Tank vorfindet. Wie um Himmels willen ist er da hineingeraten? Nicht ganz freiwillig, wie sich herausstellt. Liegt ein Verbrechen vor?

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Bram Stoker / Marc Gruppe – Das Amulett der Mumie (Gruselkabinett 2)

Abel Trelawny ist Mumienforscher. Sein gesamter Haushalt ist mit Fundstücken aus dem alten Ägypten vollgestellt und das ganze Haus durchweht der (recht stickige) Dunst der Geschichte. Doch eines Nachts, als er wie immer an seinen Forschungen arbeitet, findet ihn seine Tochter Margaret aus tiefen Schnittwunden an den Handgelenken blutend in seinem Arbeitszimmer vor. Der hinzugezogene Arzt versorgt zwar die Wunden, doch Trelawny will einfach nicht aus seinem unnatürlichen Schlaf erwachen.

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Bear, Greg – Darwin-Virus, Das

_Kein weiteres „Outbreak“, sondern eine Vision_

Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden. Die sensationelle Entdeckung einer mumifizierten prähistorischen Familie, die verwirrende biologische Merkmale aufweist. Eine rätselhafte Epidemie, die ausschließlich werdende Mütter befällt. Und der furchtbare Verdacht, dass sich in der menschlichen Erbsubstanz etwas verbirgt, das nun zum Leben erwacht – und die Welt für immer verändern wird … (Verlagsinfo)

„Das Darwin-Virus“ stellt eine faszinierende und erschreckende Vision von der nächsten Phase der menschlichen Evolution dar. Am Ende konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen und las bis morgens um zwei Uhr weiter. Es hat sich jedoch absolut gelohnt! Dieser Roman war 1999 für den |Hugo Gernsback Award|, den Preis der amerikanischen Science-Fiction-Leser, nominiert und hätte den Preis verdient gehabt. (Das Rennen machte Vernor Vinge’s [„Eine Tiefe am Himmel“.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=364

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande zuerst in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erscheinen bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, sowie der Horrorthriller [„Stimmen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=743

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben. Witzige Einfälle sind u. a. in der Storysammlung „Tangenten“ (Heyne Science Fiction) zu finden.

_Handlung_

Uralte Krankheiten, die im Erbgut der Menschen einkodiert sind, warten nur darauf, wieder geweckt zu werden und auszubrechen – das zumindest glaubt die Molekularbiologin Kaye Lang. Und jetzt, wenige Jahre in der Zukunft, sieht es so aus, als ob ihre in Fachkreisen heftig umstrittene Theorie grausame Realität geworden sei.

Denn Christopher Dicken, quasi ein „Virenjäger“ beim amerikanischen Epidemic Intelligence Service, ist einer grippeähnlichen Infektion auf der Spur, die werdende Mütter ebenso wie ihre Föten befällt und zu Fehlgeburten führt. Sie wird „Herodes‘ Grippe“ genannt, aus naheliegenden Gründen. Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden, verstärkt seine Furcht vor einer Epidemie. Eine der an der Untersuchung dieses Virus beteiligten Gesundheitsbehörden nennt den die Grippe verursachenden Virus SHEVA, nach Shiva, dem hinduistischen Gott der Zerstörung und Wiedererschaffung. Das Virus erscheint ebenso verheerend wie das HIV.

Mitchell Rafelson, ein in Fachkreisen wegen „Leichenraubs“ in Ungnade gefallener Archäologe, entdeckt zur selben Zeit auf einem österreichischen Gletscher in einer tiefen Höhle die mumifizierten Leichen einer prähistorischen Familie, die hier vor rund 15.000 Jahren umkam. Sie wurde ein Opfer der Verfolgung ihres Stammes. Die Geflohenen waren anders als der Rest des Stammes. (Das ist natürlich eine Parallele zum Fund des „Ötzi“ auf einem Gletscher zwischen Österreich und Italien.)

Mitch und Kaye bemerken eine schockierende Verbindung zwischen den zwei Entdeckungen. Das „Virus“ SHEVA, das damals die Neandertaler verändert hatte, ist erwacht und hat inzwischen nicht nur im Kaukasus seine Opfer gefordert, sondern breitet sich nun, geweckt durch Einflüsse der modernen Zivilisation, auch in den USA aus.

Ein Wettlauf mit der Zeit und gegen die Behörden beginnt. Während die Mütter millionenfach Fehlgeburten erleiden und eine ganze Generation ausfällt, versuchen die Gesundheitsbehörden das Richtige zu tun. Und das, was sie tun, sieht sehr nach Faschismus und Diktatur aus. Der Autor lässt durch die eingestreuten Assoziationen keinen Zweifel an seiner ablehnenden Haltung demgegenüber.

Christopher Dicken, Mitch und Kaye sind sich in einer Geheimunterredung über die Lage klar geworden. Doch während Dicken zweifelt und einknickt, verlieben sich Kaye und Mitch ineinander und Kaye wird schwanger – ist ihre Handlungsweise verantwortunglos? Fest steht nur: Es wird ein SHEVA-Baby werden.

Während Mitch und Kaye vor den Polizisten, die sich wie einst Herodes‘ Soldaten aufführen, wie einst Joseph und Maria fliehen, scheint der Ausbruch SHEVAs die ganze Welt zu erfassen. Hat die Menschheit noch eine Chance?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat es einer der großen Autoren in der Science-Fiction geschafft, eine umfassende Veränderung in den Vorgaben für die menschliche Existenz zu skizzieren und bis zur endgültigen Konsequenz durchzudenken. Das Buch scheint zwar vorzeitig zu enden, und mancher Erzählstrang wird nicht weiter – oder erst in der Fortsetzung „Die Darwin-Kinder“ (2004) – verfolgt, doch das, was bereits verraten wird, ist als Idee und Vorstellung wunderbar, weitreichend und für den einen oder anderen Leser sehr positiv.

Bears Figuren sind vielschichtig, sie haben eine plausible Psychologie, ein gemeinsames Schicksal, und sie verändern sich. Ich empfand es als spannend und von größtem Interesse, ihren Werdegang zu verfolgen. Anders als in „Slant“, wo der Leser sechs Schicksale zu verfolgen hat, sind es hier nur vier – im Mittelpunkt nur Mitch und Kaye. Dadurch liest sich das Buch einfacher, weil zusammenhängender und konventioneller.

|Zusatzinformationen|

Mit Hilfe wirklich ausgetüftelter Erzählstrukturen gelingt es Bear, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten und gegen Ende sogar noch zu steigern. Man merkt, dass Bears Verlag, Ballantine, das Feedback der Probeleser ernstgenommen und in die Endfassung aufgenommen hat. Das wäre hierzulande wohl nur schwer denk- und umsetzbar. Sogar ein „Kurzes Glossar biologischer Fachbegriffe“ findet sich, das es dem weniger geschulten Leser erleichtert, sich im wissenschaftlichen Hintergrund zurechtzufinden. Ein kurzes Kapitel über „Biologische Grundlagen“ führt das Glossar ein und unterrichtet den Leser über einfache Molekularbiologie, also über alles, was mit Vererbung und Zellen zu tun hat.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden Roman an, dass sich hier Greg Bear von der Science-Fiction, seiner bisherigen Spielwiese, auf das Territorium Michael Crichtons vorwagt. Doch anders als die Plagiatoren Crichtons wirkt Bear nicht spekulativ um der reißerischen Unterhaltung willen, sondern bleibt der wissenschaftlichen Methode und ihren Vertretern in der Molekularbiologie verpflichtet. Dies ist keine weitere Version von „Outbreak“, sondern geht viel, viel weiter: Es ist eine Evolutionstheorie.

Das bedeutet für den Leser zwar weniger „Menschen, Tiere, Sensationen“, aber dafür kühnere und höhere Höhenflüge, wie es mit der Menschheit weitergehen könnte, als bei zehn Crichton-Plagiatoren zusammen. Daraus ergibt sich allerdings auch, dass der Autor hier – anders als in seinen Romanen „Stimmen“ und [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 – einen hohen Anspruch an das Begriffsvermögen des Lesers stellt. Das habe ich stellenweise durchaus als anstrengend empfunden, und zwar besonders im actionarmen Mittelteil. Wer sich mit Molekularbiologie nicht befassen will, sollte sowieso die Finger von diesem Buch lassen.

|Etwas mehr Realismus bitte!|

Was ist von alldem zu halten, was Bear hier als mögliche künftige Katastrophe ausmalt? In seinem Nachwort und in der Danksagung berichtet der Autor von seinen Besuchen in entsprechenden Instituten, die für solche Epidemien zuständig sind – allen voran das bekannte Center for Disease Control in Atlanta, wo die gefährlichsten Viren und Bakterien der Welt weggeschlossen lagern.

In einschlägigen Fachmagazinen werden entsprechende Viren diskutiert, beispielsweise zu der Frage: Wie kommt es, dass sich das HI-Virus ständig anpassen kann? Welche Mechanismen helfen ihm? Wie kommt es, dass sich Taufliegen an radikale Klimaänderungen binnen weniger Generationen anpassen können? Was hilft ihnen dabei? Bear äußert die Überzeugung, das ein SHEVA-ähnlicher Ausbruch nicht innerhalb von Jahrzehnten erfolgen wird, sondern binnen Jahren. Na, Prost Mahlzeit!

|Originaltitel: Darwin’s Radio, im Hardcover 1999, Taschenbuchausgabe 2000
Deutsch zuerst im Verlag Spektrum der Wissenschaft 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sebastian Vogel|