Thiede, Carsten Peter / D’Ancona, Matthew – Jesus-Fragment, Das. Kaiserin Helena und die Suche nach dem Kreuz

Jerusalem, 326 n. Chr.: In der Hauptstadt der römischen Provinz Palästina trifft hoher Besuch ein. Trotz ihrer beinahe 80 Jahre hat sich die Kaiserin Helena, Mutter und Mitregentin des Imperators Konstantin, auf eine Reise gemacht, die zwei Jahre dauern und sie 2000 Kilometer weit zu den zentralen Stätten des christlichen Glaubens führen wird. Helena befindet sich auf einer wichtigen Mission; keine anderthalb Jahrzehnte ist es her, dass ihr Sohn das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat, nachdem die Christen in den drei Jahrhunderten zuvor immer wieder grausamen Verfolgungen durch die römischen Herrscher ausgesetzt waren. Konstantins und besonders Helenas Gläubigkeit ist echt. Dennoch ist die Grenze zwischen Religion und Politik in dieser Zeit fließend: Konstantins Ruf als von Gott auserwähltes Haupt des Römischen Reiches würde wachsen, wenn es ihm gelänge, das in der Bibel überlieferte Geschehen durch handfeste Beweise zu untermauern. In seinem Namen sollen an solchen geschichtsträchtigen Orten Palästinas Gedenkstätten und Kirchen entstehen.

Helena bereist fast das ganze Heilige Land. Dabei entwickelt sie sich zu Vorfahrin der späteren Archäologen. Mit staunenswerter Energie betreibt sie ihre Nachforschungen – und sie hat Erfolg! Besonders in Jerusalem wird sie fündig: Auf dem Areal des Felsens von Golgatha, der alten Hinrichtungsstätte, wird bei von der Kaiserin durchgeführten Ausgrabungen ein gut erhaltenes Kreuz gefunden, das ein Kopfbrett trägt, auf dem nach römischer Sitte der Name des Verurteilten und sein Verbrechen eingraviert wurde: Jesus von Nazareth, König der Juden …

Die Kaiserin lässt das Kreuz bergen. Es bleibt in Jerusalem und entwickelt sich dort naturgemäß zu einem Objekt der Verehrung für die christlichen Pilger, die in die Stadt kommen, bis es siebeneinhalb Jahrhunderte später in den Wirren der Kreuzzüge verloren geht.

Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch Kaiserin Helena war nicht nur eine entschlossene, sondern eine vorausschauende Frau. Deshalb beschloss sie, zumindest einen Teil des Kreuzes in ihre Heimatstadt Rom zu schicken. Dieses Fragment – ein Teil des Kopfbrettes – bewahrte sie in ihrem privaten Palast auf, der nach ihrem Tode zur Kirche Santa Croce in Gerusalemme umbaut wurde. Dort trotzte es allen Schicksalsschlägen der wechselvollen römischen Geschichte bis auf den heutigen Tag – ein Objekt, das den Historikern Verdruss und der Kirche Verlegenheit bereitet.

Reliquien – das sind Gegenstände aus dem Besitz oder dem Umfeld „heiliger“ Menschen, aber auch die Überreste solcher Personen selbst, denen Wunderwirkung zugeschrieben wird. Darüber hinaus besitzen sie für die Gläubigen eine besondere Anziehungskraft. Obwohl man meinen sollte, dass die Bibel sich mit der Geschichte vom ungläubigen Thomas zu diesem Thema recht deutlich – und ablehnend – geäußert hat, fällt es den Menschen leichter zu glauben, wenn sie etwas sehen, das sie daran erinnert, wieso sie glauben. So ist es kein Wunder, dass besonders während des Mittelalters, als die Religion ein fester Bestandteil des Alltagslebens wurde, Reliquien eine ganz besondere Bedeutung erlangten.

Jede neu errichtete Kirche benötigte eine Reliquie, die Gläubigen wünschten sich Reliquien – und zwei oder drei oder noch mehr Reliquien waren besser als eine Reliquie; kein Wunder, dass der Kult außer Kontrolle geriet, absurde Blüten trieb und ins Zwielicht geriet. Mit den mirakulösen Artikeln wurde bald ein schwunghafter und einträglicher Handel getrieben. Die Grabstätten bekannter Heiliger wurden förmlich durchpflügt, ihre Überreste buchstäblich in kleine Stücke gerissen und dorthin transportiert, wo schon die Empfänger voller Sehnsucht und mit gezückter Börse darauf warteten. Die Frage der Authentizität stand dabei – weil geschäftsschädigend – nicht unbedingt im Vordergrund; auf diese Weise dürfte so mancher arme Wicht, der den Reliquienjägern zufällig in die Finger fiel, nach seinem oder ihrem Tode zu unverhoffter Verehrung gelangt sein.

Noch besser gelang das Reliquienfälschen natürlich bei Objekten, die zwar in der Bibel oder den Heiligenlegenden erwähnt, aber nicht weiter beschrieben wurden. Da Glaube bekanntlich Berge versetzt, fanden sich nach und nach und auf wundersame Weise wahrhaft „fantastische“ Stücke wie einige Krüge von der Hochzeit zu Kanaan oder ein Brötchen von der Speisung der Fünftausend an. Kein Wunder, dass die Kirche selbst schließlich die Notbremse zog und den Reliquienkult radikal beschnitt. Da war der Schaden freilich bereits geschehen: In einem Wust zweifelhafter Objekte gingen die wenigen womöglich echten Überbleibsel rettungslos unter.

Seither betrachtet auch die Forschung Reliquien mit tiefem Misstrauen. Es gibt sogar eine Art unausgesprochener Übereinkunft, wissenschaftlich lieber einen Bogen um sie zu machen. Wer sich dem nicht fügen mag, setzt leicht seinen Ruf aufs Spiel.

Die Untersuchung einer „Super-Reliquie“, wie es das heilige Kreuz zweifellos darstellt, ist da verständlicherweise ganz besonders heikel. Die Überlieferungssituation ist nach fast 1700 Jahren denkbar schlecht, und auch am Kreuz haben sich die Reliquienmacher des Mittelalters eifrig versucht. So stellt die vorliegende Untersuchung des Autorenteams Carsten Peter Thiede (Professor für die Geschichte des Neuen Testaments) und Matthew D’Ancona (Wissenschaftsjournalist) tatsächlich den ersten Versuch dar, sich des schwierigen Themas sachkundig und sachlich anzunehmen. (Seltsamer- und vielleicht glücklicherweise konnte das Helena-Kreuz nie so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie das Turiner Grabtuch.) Um es kurz zu machen: Sie haben ihre Arbeit gut getan. Dabei geht es weniger um die Frage, ob denn dieses Kreuzfragment der Kaiserin Helena wirklich echt ist. Für Thiede/D’Ancona steht dies inzwischen außer Frage. Diese Ansicht muss man nicht teilen – nicht einmal nach der Lektüre dieses Buches, denn die Autoren sind seriös genug, die möglichen Argumente gegen ihre Theorie gleich selbst zu nennen – und die Liste ist durchaus lang!

Solche Vorsicht ist selten auf dem Gebiet der „spekulativen“ Geschichtsforschung, gilt es hier doch normalerweise, „sensationelle“ Entdeckungen zu machen und diese auf Biegen und Brechen zu „beweisen“, um Spesengeld und Honorare zu kassieren. Mit besonderer Vorsicht sind daneben noch jene fundamentalistisch verblendeten „Forscher“ zu genießen, wie sie z. B. seit Jahren auf der Suche nach Noahs Arche über die Hänge des Berges Ararat schwärmen … Das ist beileibe kein Witz, sondern in gewisser Weise die logische Fortsetzung der Reliquienjagd Kaiserin Helenas …

Echte Wissenschaft muss misstrauisch und vorsichtig sein, denn hier zählen nur Fakten. Die Urzeit des Christentums liegt nun einmal unter einem dichten Schleier von immerhin zwei Jahrtausenden verborgen, und es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser in absehbarer Zeit und dann vollständig lichten wird. So konnte es faktisch nicht möglich sein, einen der zahlreichen Wissenschaftler, die Thiede/D’Ancona zu Rate zogen, zu der Aussage zu bewegen, dass Helenas Kreuzfragment tatsächlich von dem Kreuz stammt, an dem Jesus einst starb. Viele der gewonnenen Erkenntnisse weisen darauf hin – müssen es aber nicht.

Den ersten Teil dieser Aussage belegt das Autorenteam mustergültig; um den zweiten drückt es sich verständlicherweise ein wenig herum. Auf jeden Fall legen sie ihre Karten auf den Tisch, statt sich die historischen Fakten so herauszupicken und zurechtzulegen, bis sie zur Ausgangsthese passen. Manchmal stellen sie die Geduld des Lesers auf eine allzu harte Probe, wenn sie Seite um Seite noch dem kleinsten Kratzer des Helena-Fragments nachspüren. Aber das Argumentationsgerüst steht solide, das muss man den Autoren zugestehen.

Eine (ketzerische?) Frage bleibt übrigens völlig offen: Welche Konsequenzen hätte es eigentlich, sollte das Kreuzfragment tatsächlich echt sein? Da wurde also um das Jahr 30 womöglich ein Mann hingerichtet, der Jesus von Nazareth hieß, sich als „König der Juden“ bezeichnete und sich nach römischem Gesetz des Landesverrats schuldig gemacht hatte. Bedeutet dies denn, dass dadurch das gesamte Neue Testament schlagartig in den Rang einer authentischen historischen Quelle erhoben würde? Wohl kaum, und so läuft es auch dieses Mal letztlich auf eine Frage des Glaubens hinaus.

„Das Jesus-Fragment“ als Sachbuch ist jedenfalls eine spannende Lektüre – „True Fantasy“, wenn man so möchte. Der Laie lernt eine Menge über so unterschiedliche Themen wie die schwierigen frühen Jahre des Christentums, das Römische Imperium auf einem Gipfel seiner Macht, über Mythologie und die Möglichkeiten (und Grenzen) der modernen Wissenschaft oder die erstaunliche Flexibilität der Katholischen Kirche in der Bewertung ihrer eigenen Geschichte.

Fried, Hel – Tinnitus

Der Tinnitus ist ein beständiges, subjektives Geräusch im Ohr, welches man nicht unterdrücken oder abstellen kann. Ähnlich den Menschen mit dieser Krankheit ergeht es den Telepathen in Hel Frieds Roman. Jeder Mensch mit diesem Talent nimmt beständig ein Signal wahr, welches ihn unwiderstehlich zu einem bestimmten Ort zieht. Leider leben die Telepathen nicht in einer modernen Welt, sondern in einem postapokalyptischen Mittelalter und werden dort als Dämonen betrachtet, weswegen sie gnadenlos verfolgt und getötet werden.

200 Jahre nach der großen Katastrophe macht sich der Telepath Kramsky auf, den Ursprung des Geräuschs zu finden, um, wenn möglich, das Geräusch zu beseitigen, damit andere Telepathen nicht mehr von diesem Zwang erfüllt sind und ein freieres Leben führen können. Auf seinem Weg begegnet er anderen Personen, die entweder selbst Telepathen sind oder damit beschäftigt sind, Telepathen zu töten.

Hel Fried nimmt sich viel Zeit, seinen Hauptakteur darzustellen, seine Beweggründe aufzuzeigen und seinen Hintergrund zu erläutern. Ebenso nimmt er sich die Zeit, andere Personen gründlich einzuführen, bevor er sie oft sehr schlagartig wieder sterben lässt. Dass dabei die Akteure streckenweise dennoch flach bleiben, ist etwas schade. Besonders fällt dies bei Lazarus auf, der durch seine reine Übermenschlichkeit uninteressant wird, obwohl seine Geschichte anfänglich doch neugierig macht.

Dem Autor gelingt es dabei, alle Handlungsbögen wieder zu spannen und jeden Akteur, den er eingeführt hat, am Ende ans Ziel oder in den Tod zu führen (selbst bei Charakteren, die man bereits vergessen hatte). Dabei schöpft er aus einer Fülle von Ideen. Und hier liegt eine der größten Stärken und auch gleichzeitig Schwächen des Buches. Man bekommt zum Ende des Buches hin den Eindruck, als hätte Hel Fried versucht, 90 Prozent aller gängigen Themenkomplexe der Science-Fiction-Literatur in einem Buch unterzubringen. Geheimnisvolle Herkünfte und Mutationen sind nicht nur auf eine Art entstanden, sondern auf gleich drei verschiedene. Außerirdische tauchen auf, eine unheilbare Krankheit, Gentechnologie, Strahlung etc. Und am Ende ist der Ursprung des Ganzen doch in einer einzigen Ursache zu finden. Einen Hintergrund, den man als Leser hinnehmen oder woran man sich stören kann. Eine komplexe Hintergrundgeschichte mit vielen Akteuren, Einflüssen und Wendungen, die am Ende doch nur auf einem Umstand basieren. Der Autor läuft in solchen Fällen Gefahr, des Verdachts des |deus ex machina| ausgesetzt zu sein. So ist die Auflösung am Ende auch unbefriedigend und für meinen Geschmack zu plötzlich. Doch über das etwas abrupte Ende wird man schließlich auch mit dem letzten, nur eine halbe Seite langen Kapitel ein wenig hinweggetröstet.

Alles in allem hat die Lektüre von „Tinnitus“ Freude bereitet, nachdem ich über das erste Kapitel hinweg war, welches mich anfänglich befürchten ließ, dass die Vita des Autors interessanter sein könnte als der Roman. Hel Fried könnte vielleicht ein großer SF-Autor werden, wenn er sich ein wenig mehr Zeit für seine Ideen nehmen würde. Für den kleinen |Eldur|-Verlag ist „Tinnitus“ ein Roman, mit dem er sich durchaus nicht hinter den Großen der Branche verstecken muss. Für den Leser bleibt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, einigen interessanten Ideen und Charakteren begegnet zu sein.

[_Kolvar_]http://www.orfinlir.de/
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King, Stephen – Buick, Der

Statler, eine kleine Stadt im Westen des US-Staates Pennsylvania, keine besonderen Attraktionen, einfach ein Ort, an dem Menschen zusammenleben – mal friedlich, mal auch wieder nicht. Dass zumindest auf den Straßen zwischen beiden Polen die Balance gewahrt bleibt, sichert die Pennsylvania State Police. In der kleinen Polizeikaserne von Statler residieren die Männer (und – der Fortschritt findet schließlich auch die Provinz – seit einigen Jahren einige Frauen) des Troop D. Ihr Dienst ist bei aller Routine hart und nicht ungefährlich; erst im Vorjahr hat ein betrunkener Autoraser den allseits beliebten Kollegen Curt Wilcox umgebracht.

Dessen Sohn Ned ist es, der die einzige echte Sehenswürdigkeit der Stadt entdeckt. Der junge Mann, gerade der High School entwachsen, verdient sich in der Telefonzentrale das Geld für sein Studium, als er im Schuppen B hinter der Kaserne eine erstaunliche Entdeckung macht: Dort steht gut versteckt ein fabelhaft erhaltener Oldtimer der Marke |Buick Roadmaster|, Baujahr 1958, genannt „Buick Eight“, denn acht Zylinder verleihen dem mächtigen Motor Schwung.

Theoretisch jedenfalls, denn tatsächlich ist die Maschine gar keine, wie überhaupt dieser |Buick| kein Auto ist. Statt dessen ist er eine Attrappe in Pkw-Gestalt, das rätselhafte Artefakt einer Intelligenz, die ganz sicher nicht von dieser Welt ist: Obwohl der |Buick| sich aus eigener Kraft überhaupt nicht bewegen kann, öffnet er das Tor in eine andere Dimension, wie sie fremdartiger kaum vorstellbar ist. Troop D ist 1979, vor mehr als zwei Jahrzehnten, in den Besitz des Buick gekommen. Es hatte damals nicht lange gedauert, bis die Polizisten begriffen, dass sie vom Schicksal zu Hütern dieses infernalischen Gefährts bestimmt waren: Der unglückliche Trooper Ennis Rafferty geriet noch am Abend des Fundtages in den Bann des |Buicks|, der eine eigentümliche Anziehungskraft auf Menschen ausübt – und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Seine entsetzten Kollegen beschlossen, die Tragödie zu vertuschen, und das Rätsel selbst zu lüften. Zwanzig Jahre gelingt es erfolgreich, den Wagen vor den vorgesetzten Behörden und der Öffentlichkeit zu verbergen; zwanzig Jahre, in denen besonders Curt Wilcox sich verbissen müht, hinter die Kulissen des |Buicks| zu blicken. Doch dieser bleibt ein Mysterium – ein hochgradig gefährliches dazu, denn obwohl der Buick nicht fahren kann, funktioniert er als Materietransmitter weiterhin hervorragend – und zwar in beide Richtungen! Ohne Vorwarnung sind in diesen beiden Jahrzehnten immer wieder Besucher aus der „Twilight Zone“ im Schuppen B aufgetaucht – unendlich fremde, grässlich anzusehende Kreaturen, die in der für sie giftigen Erdluft rasch zugrunde gingen, aber manchmal lange genug lebten, um ihre unfreiwilligen Gastgeber in Angst und Schrecken zu versetzen.

Das ist die Geschichte, die der faszinierte Ned zu hören bekommt. Es zeigt sich, dass der junge Wilcox von dem |Buick| genauso besessen ist wie der alte: Ned will Gewissheit erzwingen, wo sein Vater scheiterte. Mit vollem Wissen öffnet er die Schleuse zu jener anderen Welt. Darauf hat der |Buick| nur gewartet, und zum ersten Mal spielt er seine Macht voll aus. Die Folgen sind buchstäblich unglaublich …

Schon mit „Duddits – Dreamcatcher“ hatte es sich 2001 angekündigt: Nach seinem schweren Unfall 1999, vor allem aber nach Überwindung seiner langen Alkohol- und Drogenabhängigkeit findet der Schriftsteller Stephen King zu einer Form zurück, die man ihm nach den vielen enttäuschenden Werken der jüngeren Vergangenheit (unter denen das wirr-komplizierte, hohl-geschwätzige Endlos-Epos „Wizard and Glass“, 1997 – dt. „Glas“ – einen traurigen Spitzenplatz einnimmt) gar nicht mehr zugetraut hatte. „From a Buick Eight“ stellt zu „Duddits“ sogar noch einmal eine deutliche Steigerung dar.

Da ist zunächst einmal die wohltuende Kürze des Werkes. Nun sind 500 Seiten nicht gerade wenig, doch im Vergleich zu den immer umfangreicher werdenden King-Geschichten der Jahre bis ca. 2000 eben doch deutlich weniger. (Auch „Duddits“ war bei allen Qualitäten deutlich zu lang.) Nachdem endlich der Profi und Horror-Spezialist Stephen King sein Alter Ego, den Koks-König gleichen Namens, ersetzt hat, wird nun wieder deutlich, was diesen Mann so beliebt und berühmt gemacht hat: Hier ist ein Autor, der das Unheimliche nicht nur in einzelnen Szenen heraufzubeschwören weiß, sondern es in eine Gesamtgeschichte integriert, die kundig die Spannung aufbaut, meisterhaft hält und stetig intensiviert, um in einem furiosen Finale die Fetzen fliegen zu lassen. Da ist es um so erfreulicher, dass es ihm inzwischen gelingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Überhaupt ist „Der Buick“ im Grunde ein Roman ohne Handlung – da sitzen einige Männer und Frauen und erzählen Geschichten, die sich längst ereignet haben. Und der Buick, der doch die Rolle der Chef-Monsters übernimmt, fährt aus eigener Kraft keinen Millimeter. Das ist von King ebenso boshaft wie klug ausgedacht; er nimmt dadurch vor allem auch den Kritikern den Wind aus den Segeln, die sich darüber mokieren, dass der ohnehin von ihnen gern Geschmähte „schon wieder“ ein Geisterauto ins Zentrum stellt. Dabei sind seit „Christine“ knapp zwei Jahrzehnte verstrichen; bezieht eigentlich Anne Rice soviel Prügel wie King, weil sie seit Jahr und Tag Vampirreißer am Fließband produziert? King selbst hat die (rhetorische) Frage gestellt, welcher wirklich neue Plot denn einem Schriftsteller noch einfallen könnte, der fünfzig Romane verfasst hat. Nüchtern kann er sich jedenfalls heute müheloser denn je gegen die schreibende Konkurrenz wie Dean Koontz oder James Herbert (oder ihr klägliches deutsches Surrogat Wolfgang Hohlbein) behaupten!

So begibt sich Profi King zwangsläufig auf bereits beackerte Felder. Der |Buick Roadmaster| ist eindeutig das Transportmittel eines der legendären „Männer in Schwarz“ (oder „Men in Black“ – die klamottige Variante verbreitet von Zeit zu Zeit in Gestalt des Duos Will Smith/Tommy Lee Jones im Kino Ärger und Langeweile), die als tölpelhafte Kundschafter angeblich außerirdischer Besucher untrennbar zur UFO-Hysterie ab 1950 gehören.

Macht man ihm solche „Anleihen“ nicht zum Vorwurf, bietet „Der Buick“ Spaß und Grusel für viele angenehme Lektüre-Stunden. Natürlich ist dies nicht der fein gesponnene, „psychologische“ Horror (möglichst ohne Gespenst), den die Literaturkritik ebenso wehmütig wie scheinheilig einzufordern pflegt. Der ist aber auch gar nicht Kings Metier, wie er selbst nie müde wird zu erwähnen. Trotzdem lässt sein gern zitiertes Bild vom „Hamburger mit einer großen Portion Fritten“ als Pendant zum typischen King-Roman viel Koketterie erkennen: Er weiß sehr gut, was er kann. Auch „Der Buick“ ist nicht einfach „nur“ spannend. Das Drumherum stimmt: Wieder hat King mit den Männern und Frauen des Troop D nicht nur Pappkameraden geschaffen, sondern echte Menschen, keine Helden oder Schurken, sondern Durchschnittsamerikaner, wie sie so authentisch (und sympathisch) wenigen anderen Autoren gelingen würden.

Apropos Kritik: Ja, es trifft zu, dass King (wieder) zu viel des Guten tut, wenn er seinem Publikum die aus dem Kofferraum des Buicks schlüpfenden Ungetüme in allen Details vor Augen führt. H. P. Lovecraft wurde derselbe Vorwurf gemacht. Seltsamerweise liest man seine Geschichten deshalb heute nicht wenig gern und oft. Es kommt auch hier darauf an, dass man es richtig macht – und der alte Mann aus Maine zieht noch manchen Trumpf aus dem Ärmel; die Episode mit dem im eigenen Saft kochenden Polizeihund Mr. Dillon ist in ihrer Mischung aus Tragödie, Grauen und schwarzer Komik King at his best: Volldampf im Kessel, wenn’s sein muss, und zum Teufel mit den Nörglern!

Bernuth, Christa von – Damals warst du still

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung

David A. Stern – Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr

Die Suche nach einer legendären Hexe endet übel, als diese quicklebendig die Gelegenheit nutzt, in einen neuen Körper zu schlüpfen … – Der künstlich ins Leben gerufene „Blair-Witch“-Mythos erfährt eine spannende Ausschmückung, die wie im Film als „Mockumentary“ präsentiert wird: geschickt gemacht und unterhaltsam.
David A. Stern – Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr weiterlesen

Aldiss, Brian W. / Penrose, Roger – Weißer Mars – Eine Utopie des 21. Jahrhunderts

Mitte unseres 21. Jahrhunderts beschließen die Staaten der Erde, den Mars zu erkunden. Terra-Forming ist explizit ausgeschlossen, die Expedition soll ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dienen. Diese Vorgehensweise wird in Analogie zur Erforschung der Antarktis auf der Erde „Weißer Mars“ genannt.

Schwerpunkt der Wissenschaftsarbeit ist die Elementarteilchenforschung, da auf dem Mars keine Störungen der sensiblen Messapparaturen durch elektromagnetische Felder, Erschütterungen durch Verkehr und Bauwesen etc. erwartet werden. Durch den endgültigen Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf der Erde entsteht eine neue Situation für die Wissenschaftler auf dem Mars: Sie sind zwar noch kommunikationstechnisch mit der Erde verbunden, können jedoch von dort keinerlei Hilfe mehr erwarten. Um ihr Leben für eine nicht planbare Zeit auf dem Mars zu sichern und zu organisieren, beginnen sie mit dem Aufbau und der Neuorganisation ihres Zusammenlebens. Damit sind wir beim eigentlichen Inhalt des Romans: Aufbau einer utopischen Gesellschaft.

Der Roman ist beileibe keine Unterhaltungsliteratur, es ist vielmehr ein utopischer Roman mit SF-Elementen. Die beiden Autoren verstehen es sehr gut, die spärlichen Handlungselemente mit den eigentlichen Themen des Romans zu verweben. Die Geschichte der Mars-Wissenschaftler wird aus der Perspektive zweier Ich-Erzähler, die Expeditionsteilnehmer sind, geschildert. Der vorliegende Roman ist in Form eines Berichts verfasst, wobei die Schilderungen von Tom Jeffries, dem geistigen Vater der utopischen Gesellschaft, und von Cang Hais, seiner Adoptivtochter, abwechseln. Diese Arbeitsteilung scheint auch vom Autorenteam Aldiss/Penrose praktiziert worden zu sein. Während Aldiss dem SF-Leser ein Begriff sein dürfte, ist die Zusammenarbeit mit einem bedeutenden Physiker unserer Zeit für einen SF-Roman eine eher seltene und daher auch interessante Angelegenheit. Sir Roger Penrose ist eine Autorität auf dem Gebiet der Quantenphysik, lehrt in Großbritannien und den USA und ist u. a. auch für seine Zusammenarbeit mit dem berühmten Physiker Stephen W. Hawking bekannt. Ein zweites Gebiet dieses Wissenschaftlers und Autors ist das der Bewusstseinsforschung. Beide Wissenschaftszweige werden vortrefflich in die Handlung des Romans integriert. Die im Roman handelnden Expeditionsteilnehmer vertreten die jeweiligen Disziplinen; Namensähnlichkeiten mit Köpfen der heutigen Wissenschaften fallen auf. Einige wenige äußere Handlungselemente werden von den Expeditionsteilnehmern in vielen öffentlichen Diskussionen, die auch zur Erde übermittelt werden, behandelt. So nährt zum Beispiel die Entdeckung von Wasserreservoirs das Wiederaufkommen der Terraforming-Befürworter. Die Entdeckung einer völlig fremdartigen Lebensform auf dem Mars veranlasst die Wissenschaftler, Theorien über den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Materie zu überdenken und strittig zu diskutieren. Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Grundlagenforschung. Hier werden immer wieder nach bestem demokratischen Vorbild Wissenschaftler ins Rennen geschickt, die in öffentlicher Rede vor den 6000 Mars-Gestrandeten erklären müssen, warum weiterhin Ressourcen in die Fertigstellung eines Elementarteilchenbeschleunigers gesteckt werden müssen, anstatt sich um den Ausbau der medizinischen Versorgung oder kulturelle Dinge zu kümmern. Eine Diskussion, die Sir Roger Penrose mit Sicherheit nicht erst für den Roman erfinden musste.

Diese und andere strittige Themen sind eng verwoben mit der gesellschaftlichen bzw. politischen Handlungsebene des Romans. Der geistige Vater der Utopisten hat das erklärte Ziel, „uns selbst und unsere Gesellschaft neu zu erschaffen.“ In den Wortbeiträgen der diskutierenden „Robinsons“, wie sich die Mars-Gestrandeten selbst manchmal nennen, werden immer wieder bedeutende Philosophen, Religionsführer und Sozialwissenschaftler zitiert. Häufig werden diese Bezüge auch in einer Fußnote näher erläutert. Eine Kernthese dieser Handlungsebene stellt Tom Jeffries in den Raum: Die Ursachen der gesellschaftlichen Misere auf der Erde teilt er in fünf Kategorien auf. Stellvertretend für die Entwicklung seiner Thesen beispielhaft einige der dort behandelten Stichworte: Verbrechen, Erziehung, Abtreibung, Sex, Fortschrittsglaube, Ernährung, Ausbeutung der Natur, Konsumdenken, Hunger. An dieser Stelle sei an den treffenden Titel der Originalausgabe „White Mars or: The Mind Set Free“ erinnert, der dem Roman eher gerecht wird als die Wahl des Verlags oder Übersetzers.

Im Anhang des Buches findet sich ein 15-seitiges Interview des Übersetzers mit dem Autor Brian W. Aldiss. Sehr interessant zu lesen, nicht zuletzt wegen der Gegenüberstellung Wissenschaft und SF (siehe hierzu auch Stephen W. Hawking in „The Physics of Star Trek“, Lawrence M. Krauss).

Die Elemente und Handlungsebenen des Romans sind in ihrer Zusammenstellung mit Sicherheit einmalig. Allein das macht das Buch lesenswert. Der Hardcore-SF-Fan wird sich vielleicht durch einige Längen der Marke „Elementarteilchenphysik“ durchkämpfen oder auch bestimmte vordergründige Ungereimtheiten übersehen müssen. (Wie versorgen sich 6000 Menschen ohne jede Lieferung von der Erde über Jahre hinweg?) Dennoch: In den Kapiteln, wo SF anstelle des utopischen Romans in den Vordergrund tritt, kann man ohne Übertreibung von Science-Fiction in der ureigensten Bedeutung des Worts sprechen.

_Christel Scheja_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Buchwurminfos III/2004

Entgegen kompetenter Kritik an der neuen Rechtschreibung (60 Rechtswissenschaftler hatten sich an die Ministerpräsidenten gewandt) wurde diese nun doch auf der Kultusministerkonferenz rechtsverbindlich zum 1. August 2005 beschlossen. Ab dann muss die alte Schreibweise an Schulen von den Lehrern als Fehler gewertet werden. Die Kultusminister gründen einen „_Rat für deutsche Rechtschreibung_“, der alle fünf Jahre den Ministern einen Bericht über Fortgang der Reform und nötige Anpassungen erstattet. Der |Klett|-Verlag gab zuvor noch bekannt, dass sich die Schulbuchverlage keineswegs gegen eine Rückkehr zu den bewährten Regeln der alten Rechtschreibung sperren. Verleger Michael Klett findet die sogenannte Reform unnötig und unsinnig und bedauert, dass er – als die Reform durchgesetzt wurde – nicht protestierte. |Klett-Cotta| produziert, wo immer es geht, grundsätzlich in der alten Rechtschreibung. Auch der |Stolz|-Verlag zum Beispiel publiziert seine – nicht genehmigungspflichtigen – Lernhilfen weiterhin in alter Rechtschreibung. Ohnehin stehen nur 13 Prozent der Bevölkerung hinter der Reform. Nun fordert aber auch der niedersächsische Ministerpräsident _Christian Wulff_, erklärter Reformgegner, die Ministerpräsidentenkonferenz auf, sich mit der Rechtschreibreform zu befassen und die Zuständigkeit der Kulturministerkonferenz darüber zu beenden. Vom saarländischen Ministerpräsidenten _Peter Müller_ wird er bereits unterstützt, ebenso noch hochkarätiger von _Edmund Stoiber_. Mit der Kulturstaatsministerin _Christina Weiss_ hat inzwischen auch erstmals ein Mitglied der Bundesregierung sich dafür ausgesprochen, die Rechtschreibreform zu modifizieren, da die meisten der Deutschen die neuen Regeln nicht anwenden. Mehrere unionsregierte Länder fordern mittlerweile die Rücknahme der Reform. Der Verband |VdS Bildungsmedien| kritisiert diese neueste Entwicklung. Er rechnet vor, dass auf die Schulbuchverlage bei Rückkehr zur alten Rechtschreibung mehr als 250 Millionen Euro Kosten kämen. Die Umstellung der tausend wichtigsten Lehrwerke würde rund 60 Millionen Euro kosten. Die im Fall einer Rückkehr wertlosen Lagerbestände der Verlage beziffert der Verband auf 200 Millionen Euro. Die Präsidentin der Kulturministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin _Doris Ahnen_ (SPD) teilt diese Ansicht. Dieser Darstellung hat dagegen das |VdS|-Mitglied |Scholz|-Verlag widersprochen. Ungeachtet der jüngst aufgeflammten Diskussionen hält die Bundesregierung an der Rechtschreibreform fest.

Ein interessantes Urteil zur _Preisbindung_ hat es durch das Oberlandesgericht Frankfurt gegeben. Ein Journalist hatte neuwertige Rezensionsbücher, die er von den Pressestellen der Verlage erhält, über _eBay_ angeboten. Nach dem erfolgten Urteil gilt die Preisbindung auch für Privatpersonen, selbst wenn deren Angebote ohne Gewinnerzielungsabsicht – dafür aber wiederholt – getätigt werden. Das Internet ist beim Verkauf von Büchern kein rechtsfreier Raum. Auch der Begriff des Letztabnehmers wurde dabei definiert. Letztabnehmer ist nur, wer Bücher zu anderen Zwecken als dem Weiterverkauf erwirbt. Offen gelassen wurde dabei allerdings, ob eine Privatperson, die ein neues Buch für den eigenen Gebrauch erwirbt oder als Geschenk erhält, anschließend aber ungenutzt verkauft, als Letztabnehmer anzusehen ist.
Ein anderes Urteil zur Preisbindung, betreffend den 5-Euro-Startgutscheinen bei _Amazon_, wurde in erster Instanz gegen |Amazon| erwirkt, diese waren aber in Berufung gegangen. Das Oberlandesgericht Frankfurt bestätigte aber die Entscheidung des Landgerichts Wiesbaden. Auch bei Kundenbindungssystemen im Internet ist die Preisbindung zu beachten und die Startgutscheine stellen einen Verstoß gegen die Preisbindung dar.
Die einstweiligen Verfügungen von Preisbindungsvertretern gegen den _Bertelsmann Club_ hören ebenfalls nicht auf. Der Club verstößt mit seinen zeitgleich zu Originalausgaben erscheinenden preisgünstigeren Büchern ständig gegen das „Potsdamer Abkommen“. Die Gerichte plädierten auf außergerichtliche Einigung und diese ist mit Abstrichen für die Verlage auf Kompromissbasis zugunsten des Clubs ausgegangen. Der Mindestabstand zwischen Originalausgabe und Erstankündigung des Clubs kann vier statt bislang sechs Monate betragen (wobei es keine Rolle spielt, ob die Clubausgabe als Hardcover oder Broschur erscheint), die Preisdifferenz darf in diesem Falle im Gegenzug dafür 15 Prozent nicht überschreiten. Für den Weihnachtskatalog kann der Abstand auf drei Monate verkürzt werden, die Preisdifferenz darf dann nur bei fünf Prozent liegen. Erst sechs Monate nach Originalausgabe darf die Clubausgabe – wie bereits häufig praktiziert – bis zu 40 Prozent vom Originalpreis abweichen. Für Bücher, die sich auf kurzfristig anstehende, öffentliche Termine wie Sportereignisse oder politische Wahlen beziehen, gelten die Einschränkungen nicht. Nicht mehr zeitgleich dürfen dagegen Bücher zu aktuellen Kinofilmen und Fernsehserien erscheinen. Das _modifizierte Potsdamer Protokoll_ soll zehn Jahre gelten. Die Bestimmungen sind vereinfacht und dadurch verständlicher geworden. Alle Beteiligten mussten Zugeständnisse machen, konnten jedoch auch das für sie Notwendige erreichen. |Bertelsmann| hat sich auch verpflichtet, aggressive vergleichende Werbung zu unterlassen. Dies aber mit Kündigungsvorbehalt, wenn andere Wettbewerber in dieser Weise werben sollten. |Weltbild| zum Beispiel wird dahingehend von |Bertelsmann| nun sehr genau beobachtet.

Die deutsche _Bonnier Holding_ hat sich beim Bundeskartellamt über _Random House_ beschwert. Im Zuge der Aufteilung von _Ullstein Heyne List_ sind |Bonnier| die Taschenbuch-Reihen _Heyne Fantasy_ und _Heyne Esoterik_ zugesprochen worden. |Bonnier| wirft |Random House| nun vor, aus diesen Reihen erfolgreiche Titel herausgepickt und in der hauseigenen |Allgemeinen Reihe| des |Heyne|-Taschenbuchs platziert zu haben. Das |Heyne Fantasy|-Programm erscheint regulär eigentlich nun bei _Piper Taschenbuch_, das damit sein schon recht umfangreich gewordenes Fantasyprogramm noch mal kräftig aufstockt. Viele klangvolle Namen wie Robert Jordan, Terry Pratchett und Ursula K. Le Guin sowie sehr gut eingeführte Reihen gehören jetzt zu |Piper|. Diese Erfolgstitel erscheinen nun in neuer Ausstattung. Auf die kommende Fantasy-Vorschau des |Piper|-Verlages kann man zu Recht sehr gespannt sein.

2001 war auch der _Luchterhand Literatur Verlag_ von _Random House_ aufgekauft worden und obwohl er anfangs nicht wollte, blieb der ehemalige Verlagschef _Gerald J. Trageiser_ auch als Leiter im Konzern. Aus alters- und gesundheitsbedingten Gründen hört er aber Ende dieses Jahres auf. Nur durch ihn gelang die gute Integration von |Luchterhand| in |Random House| und seinetwegen sind auch die wichtigen Schriftsteller wie Christa Wolf, Antonio Lobo Antunes oder Hanns-Josef Ortheil geblieben. Ob sie ohne Trageiser aber die Treue halten werden, bleibt abzuwarten. Dies ist auch |Random House| bewusst, die Probleme hatten, einen wirklich „angemessenen“ Nachfolge-Kandidaten für die Verlagsleitung zu finden.
Hausintern wurde ab Januar 2005 _Georg Reuchlin_, Verleger von |Goldmann|, |Manhattan| und |btb|, die Leitung übertragen. Klaus Eck, verlegerischer Geschäftsführer von |Random House|, erklärt dazu, dass die Eigenständigkeit von |Luchterhand| nicht in Frage steht und dass die drei literarischen „Abteilungen“ |Luchterhand|, |Knaus| und |btb| noch ausgebaut werden. Die Gerüchte, dass das Taschenbuchlabel |Sammlung Luchterhand| eingestellt würde, stimmen nicht, „es soll so etwa in Richtung |KiWi| gehen“. Ganz gegen den Trend der Konzernbildungen erlebt die Branche in jüngster Zeit aber eine überraschend große Welle neuer autonomer Verlagsgründungen.

Angesichts solch politischer Weltlagen wie den Konflikten in der gegenwärtigen Zeit haben Religionen – selbst im Niedergang – auch immer wieder Auftrieb. Selbst das Christentum, dessen Bücher längst nicht mehr so gefragt sind wie in früheren Zeiten, machen mit den „Psalmen“ ein ganz gutes Geschäft. Aber auch im esoterischen New-Age-Bereich steigt die Anzahl der Titel, die sich auf unkonventionelle nicht-kirchliche Weise dem Christentum annähern. Der Zeitgeist weht überraschenderweise für das Christliche. Das ist vor allem auch an der eigentlich „christlichen Opposition“ abzulesen: In der okkulten Logenwelt wird Christentum mehr denn je ernsthaft diskutiert, die naturreligiösen Gruppen beginnen (trotz der Hexenverbrennungen des Mittelalters) sich im interreligiösen Dialog zu engagieren und die Gothic-Szene – die im öffentlichen Ansehen oftmals noch als satanistisch gilt und der man unterstellend eher Aufrufe zu Kirchenverbrennungen zutraut – überrascht in jüngster Zeit mit christlicher Toleranz (Beispiel: in der aktuellen Szenen-Zeitung _Zinnober_ sprechen in erstaunlicher Anzahl führende Szene-Ikonen über ihre Sympathie zur christlichen Kultur).
Auffallend dagegen ist dann die Position des Leiters des esoterischen Verlags _NEUE ERDE_, _Andreas Lentz_. In der aktuellen gemeinsamen Branchenzeitung _“Sichtung“_ der esoterischen Verlage, die an die Buchhändler geht, grenzt er sich radikal vom Christentum ab. Er weist auf den grausamen Gott der Christen hin und führt dabei die inhumanen Stellen sowohl im Alten Testament wie auch im Neuen Testament auf. Er stellt die Bibel nicht nur als inhuman, sondern auch äußerst gefährlich dar, denn sie legitimiert Völkermord und härtere blutige Strafen. Natürlich steht hinter solcher Position ein schwererer innerer Konflikt, denn im Bündnis mit anderen spirituellen Verlagen – die solche Art Literatur publizieren – bedeutet dies einen täglichen „Eiertanz“. Aber auch in anderer Angelegenheit zeigte Andreas Lentz schon seinen Mut und sein Engagement für Herausforderungen. Mit einer großen Anzeigeaktion hatte er sich vor wenigen Jahren von der Zusammenarbeit mit den Barsortimenten (Auslieferungen für Buchhandlungen) verabschiedet und war einer der wenigen, der sich deren kommerzielle Politik gegenüber Verlagen mit zu ungünstigen Konditionen nicht gefallen ließ.

_Zensur_ greift weltweit immer mehr um sich, nicht nur in den diktatorischen Ländern bzw. hauptsächlich der islamischen Welt. Leider vor allem in den _USA_ ist sie auf dem Vormarsch. Amerikanische Verleger müssen die Regierung um Erlaubnis fragen, was sie veröffentlichen dürfen. Das Verlegen von Literatur aus den Embargoländern, den so genannten „Schurkenstaaten“, ist genehmigungspflichtig. Auch in _Deutschland_ gibt es interessante Gepflogenheiten. Die Bundesbehörden sind berechtigt, bei Buchhandlungen und Bibliotheken Auskunft darüber einzuholen, für welche Bücher sich verdächtige Kunden interessieren und welche Werke sie kaufen. Nach der _internationalen Verlegerunion (PEN)_ wurden im vergangenen Jahr weltweit mehr als 1000 Autoren, Publizisten, Verleger und Journalisten verfolgt, davon 230 vor Gericht gestellt.
(Siehe dazu auch den Essay [„Die Geheimnisse der Zensur“]http://www.telos-verlag.de/seiten/kasrede.htm von Dr. Roland Seim M.A.)

Die _neoliberale Wirtschaftspolitik_ der 90er Jahre hat auch in den Verlagen deutliche Spuren hinterlassen. Die Tendenz zu immer größerer Konsolidierung und Kommerzialisierung hat mächtige Oligopole entstehen lassen und das Geschäft des Verlegens radikal verändert. Nicht mehr das Produkt, sondern dessen Vermarktung stehen im Vordergrund. |“Dabei sind für viele Nationen Bücher noch immer die einzigen Waffen im Ringen um die Freiheit und um das geistige Überleben“| (Hans Küng).

Das Gastland der _Frankfurter Buchmesse 2004_ – 17 Länder aus der _arabischen Welt_ – hat schon jetzt einen neuen Rekord aufgestellt. Mit 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist dies bislang die größte Gastland-Ausstellung seit Einführung dieser Einrichtung auf der Messe. Nicht beteiligt sind Algerien, Marokko, Libyen, Kuwait und Irak, die allerdings mit eigenen Beiträgen vertreten sind. Zur _Frankfurter Buchmesse 2005_ wird erstmals auch _Nordkorea_ teilnehmen. Zuvor nimmt Deutschland ebenso erstmals an der nordkoreanischen Buchmesse teil.
Realistisch betrachtet, gibt es allerdings keine wirkliche Verlagswirtschaft in Nordkorea, nicht zuletzt wegen der Papierknappheit, wodurch gar keine Bücher gedruckt werden können. Wenn ein neues Werk herauskommt, stammt es vom Großen Führer. Der Novitätenausschuss liegt in guten Zeiten bei 700 Titeln jährlich. 50 Prozent der literarischen Bücher rühmen die Revolutionsgeschichte, die anderen 50 Prozent den revolutionären Aufbau. Geschrieben wird nach Plan, die Autoren sind namenlose Kollektive. Untergrundliteratur wie im früheren Ostblock gibt es nicht. Kataloge und ein Verzeichnis lieferbarer Bücher gibt es nicht. Der Buchmarkt ist staatlich gelenkt. Oberste Behörde ist das Amt für Publikation. Selbst der Minister für auswärtige kulturelle Angelegenheiten beantwortet keine Fragen, sondern verweist auf dieses mysteriöse Amt. Die kulturelle Öffnung läuft derzeit recht breit – so ging auch beispielsweise die Eröffnung eines Lesesaals mit deutscher Literatur durch die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang durch die Hauptnachrichtensendungen des deutschen Fernsehens. Denn dies ist die erste westliche Kultureinrichtung auf nordkoreanischem Boden.
Ob dort für koreanische Interessenten freier Zutritt möglich sein wird, muss kritisch beobachtet werden. Denn bisher werden selbst im germanistischen Institut der Kim-Il-Sung-Universtität Lexika und Gegenwartsliteratur vor den Studenten weggeschlossen. Die Leselisten für die ca. 50 Studenten stammen noch aus DDR-Zeiten, ebenso die Lehrmaterialien. Übersetzt wurden vor allem Goethe, Schiller, Heine, Remarque, Thomas Mann, Heinrich Böll und Anna Seghers. Harry Potter ist in Nordkorea unbekannt geblieben.
Vorsichtig öffnet sich Nordkorea für Kontakte nach Deutschland, die nach dem Zusammenbruch der DDR vollkommen eingestellt worden waren. Auf der Buchmesse 2005 wird Korea also Gastland sein und wiederum stellt sich dabei die riskante friedenspolitische Arbeit der Messe klar heraus. Denn Nordkorea wird dabei in die Gastlandpräsentation Korea integriert und für kurze Zeit sind dann beide Länder tatsächlich erstmals kulturell vereint. Südkorea stimmt dieser Politik zu, beide Hälften des Landes träumen von einer Vereinigung.
Mit der japanischen Kolonialherrschaft (1910 – 1945) begann für Korea ein von Kriegen und Konflikten geprägtes Jahrhundert, das Traumata und Zerstörungen zurückließ. Der Koreakrieg endete 1953 mit der Teilung des verwüsteten Landes. Norden und Süden sind militärisch gegeneinander abgeschottet und dazwischen verläuft ein vier Kilometer breiter, verminter Streifen Niemandsland. An der Grenze stehen sich waffenklirrende Truppenverbände gegenüber; allein im Norden sollen eine Million Soldaten stationiert sein. Telefonate, Briefverkehr oder Besuche sind von beiden Seiten streng untersagt.
Dennoch gibt es Versuche, sich einander anzunähern. Bereits in der sogenannten Berliner Erklärung hat der damalige südkoreanische Präsident Kim Dae-jung das kommunistische Nordkorea zu einer Politik der Versöhnung und Kooperation aufgefordert. Der nordkoreanische Kim Jong II. reagiert verhalten und nur aufgrund der wirtschaftlichen Not, aus der heraus es bereits zu einer Reihe von innerkoreanischen Projekten gekommen ist (z.B. die Sonderwirtschaftszone Kaesong). Das Interesse an einer Vereinigung ist bei den Großmächten Amerika, China und Russland sehr gering. Kulturell und politisch ist das für westliche Demokraten aber auch eine schwierige Annäherung. In Nordkorea gilt die Zeitrechnung nach der Geburt ihres Ewigen Präsidenten Kim Il Sung, zugleich Geburtsjahr der Staatslehre Juche, Werk des Großen Führers. 2004 ist in Nordkorea das Jahr 93. Aufgrund der Erfahrungen mit der japanischen Okkupation (1910 – 1945) und dem Koreakrieg setzte Nordkorea auf absolute Unabhängigkeit, mit dem Preis der Abschottung gegenüber dem Rest der Welt. Nun öffnet man sich, der wirtschaftlichen Not gehorchend. Eine Vorreiterrolle spielt dabei Deutschland, das seit 2001 diplomatische Beziehungen unterhält. Seit dem Ausbleiben von Wirtschaftshilfen aus dem ehemaligen Ostblock kann sich Nordkorea nicht mehr selbst versorgen. Die großen Hungersnöte 1994 – 1998 haben die deutsche Welthungerhilfe aktiv werden lassen.

Der diesjährige _Friedenspreis des Deutschen Buchhandels_ geht an den ungarischen Autor Péter Esterházy.

Im Juli verstarben gleich zwei der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Zeichnerszene. _Chlodwig Poth_ (im Alter von 74 Jahren) galt als einer der wichtigsten deutschen satirischen Zeichner und erhielt noch im letzten Jahr die Goetheplakette der Stadt Frankfurt. Er hatte die Zeitschriften |Pardon| und |Titanic| mitbegründet.
Ebenfalls verstorben ist mit 45 Jahren der Karikaturist _Bernd Pfarr_, Vertreter der |Neuen Frankfurter Schule| und ebenfalls für |Titanic| tätig, aber auch für den |Stern| und das |Zeit-Magazin|. Außerdem illustrierte er Kinderbücher. Für sein Werk hatte er 1998 den Max-und-Moritz-Preis erhalten.

Ebenfalls im Juli verstarb _Joachim Radner_, Geschäftsführer der Verlagsgruppe |Beltz|, mit 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Radner hatte 2001 die Führung der |Beltz|-Verlagsgruppe vom Senior-Verleger Manfred Beltz Rübelmann übernommen und den Verlag durch Ankauf mehrerer Fachbuch- und Kinder/Jugendprogramme ausgebaut.

|Das _Börsenblatt_, das die hauptsächlichen Quellen für diesen Essay liefert, ist selbst auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net |

Jeff Long – Im Abgrund

Long Abgrund Cover kleinDas geschieht:

Auf einem der vielen Schlachtfelder des ehemaligen Jugoslawiens untersuchen 1996 NATO-Ärzte ein Massengrab. Die Leichenberge werden aufgewühlt – und zwar von unten! Als Blauhelm-Major Elias Branch dem nachgeht, wird seine Gruppe ausgelöscht. Nur Branch überlebt. Seine Geschichte von gehörnten Leichenfressern mag ihm niemand glauben. Doch Branch kehrt zurück nach Bosnien und findet einen alten Minenschacht. Er öffnet sich in tiefe Höhlen und Gängen, die sich über Kilometer hinziehen – und das ist nicht das Ende: Die Basaltsockel, auf denen die Kontinente ruhen, sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse! Weltweit werden unter der Erde unglaubliche Entdeckungen gemacht, von denen die Öffentlichkeit wenig erfährt. Die Armeen der Welt schicken Truppen in den unterirdischen Kosmos.

Branch, der Entdecker, warnt vor den unheimlichen Bewohnern, die er in der Tiefe vermutet. In der Tat ist die Unterwelt bewohnt. Die „Hadal“ üben seit Jahrtausenden ihr Schreckensregiment aus. Immer wieder kommen sie an die Oberfläche kommen, wo sie rauben und Menschensklaven verschleppen. Auch jetzt wollen sie sich ihre Herrschaft nicht streitig machen lassen.

Die Existenz der Hadal lässt sich nicht mehr geheim halten. Im Untergrund bricht ein erbitterter Krieg aus, denn der Mensch will sich nicht vertreiben lassen. Bodenschätze und Ölfelder locken große Konzerne. Im Zusammenspiel mit den örtlichen Regierungen und dem Militär pumpen sie Geld in die Erschließung der Unterwelt. C. C. Cooper. Eigentümer des „Helios“-Konzerns, träumt gar von einem eigenen Reich im Inneren der Erde. Er rüstet eine Expedition aus. Sie soll die Grenzen ‚seines‘ Landes abstecken – und die Hadal durch eine neu entwickelte Virenwaffe ausrotten. Wissenschaftlich beschäftigt sich die „Beowulf-Gruppe“ mit den Hadal. Sie geht der Frage nach, ob sich hinter den Bewohnern der Unterwelt womöglich der biblische Satan verbirgt. Dabei kommt man der tragischen Geschichte einer „zweiten Menschheit“ auf die Spur.

An der Oberfläche eskaliert der Konflikt. Kranke Hadal suchen Asyl und werden umgebracht. Andere Hadal tragen den Krieg unter die Menschen und offenbaren dabei die erschreckende Fähigkeit der „bewussten Wiedergeburt“ im Körper des Feindes. Der Countdown läuft – „Helios“ kann die biologische Zeitbombe im Inneren der Erde jederzeit zünden, während die Hadal eigene, weiterhin völlig undurchschaubare aber für ihren menschlichen Gegner lebensbedrohliche Kriegspläne verfolgen …

Fantasie schlägt Routine

Der Liebhaber phantastisch-unheimlicher Romane ist wird in der heutigen Buchwelt theoretisch gut versorgt. Deutlich mehr Titel, als der Leser verkraften kann, werden Jahr für Jahr auf den Buchmarkt geworfen. Allerdings entstehen dabei vor allem Monokulturen. Das Publikum wird mit immer denselben pseudo-erotischen Vampiren, dem schleimigen Bösen aus der Urzeit oder telepathischen Serienmördern gelangweilt; dies schon seit Jahren und gern in Serie. Die Stars des handfesten, das Grauen nicht ausschließlich in den Abgründen der menschlichen Psyche ortenden Horrors spulen routiniert ihr Standardprogramm ab und vermeiden es sorgfältig, ihr Publikum durch neue Ideen zu verschrecken.

Jeff Long unternimmt den Versuch, die ausgetretenen Pfade wenigstens ansatzweise zu verlassen. Zwar hat „Im Abgrund“ kaum die Chance, als Meilenstein der phantastischen Literatur in die Geschichte einzugehen, da der Plot weist noch tiefere Löcher aufweist als die bodenlosen Katakomben, in denen die Hadal hausen. Jeff Longs Reise zum Mittelpunkt der Erde ist ebenso ‚realistisch‘ wie die klassische Vorlage von Jules Verne, auf die der Autor immer wieder anspielt. Aber das macht nichts, denn Long erzählt seine Geschichte so rasant, dass man sich gern von ihm manipulieren lässt. Besonders die ersten 160 Seiten – Elias Branchs bizarre Erlebnisse auf einem bosnischen Gräberfeld – gehören zum Besten, was das Genre in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat.

Die Kunst, eine Geschichte richtig zu erzählen, ist eine offensichtlich seltene Gabe, die man deshalb gar nicht hoch genug wertschätzen kann. Wenn dieser Rezensent – der viele gewollt (und noch mehr unfreiwillig) unheimliche Romane gelesen hat – sich an Titel erinnern möchte, die das gerade Gesagte beherzigen, sieht die Bilanz düster aus. Die Kombination von High Tech und Grusel ist an sich nichts Neues; man denke beispielsweise an Douglas Preston und Lincoln Child, die eine ganze Schriftstellerkarriere mit dieser Formel bestreiten.

Bewährtes und Neues in gelungener Mischung

Jeff Long kann sich mit „Im Abgrund“ nicht nur sehen lassen. Dabei war er als Autor ein Neuling und sein erster (in Deutschland erschienener) Roman „The Ascent“ („Tödliches Eis“) ein konventioneller Polit- und Abenteuer-Thriller, der den furiosen Nachfolger an keiner Stelle ahnen ließ. Ohnehin sorgte der Lebenslauf des Autors zunächst für Misstrauen: Hier schrieb ein ehemaliger Extrem-Bergsteiger, der offensichtlich allmählich zu alt für seinen seltsamen Job wurde und nun versuchte, seine Erfahrungen auf anderem Gebiet zu Geld zu machen.

Aber Long verfügt über echtes erzählerisches Talent, und er hat seine Hausaufgaben gemacht. Das phantastische, oft geradezu irreale Ambiente wirkt dank sorgfältiger Recherchen durchweg überzeugend. Natürlich bleiben gewisse inhaltliche und formale Schwächen bei einem Roman dieses Seitenumfangs nicht aus. Abgesehen von der Schwierigkeit, vor die Longs Konzept einer ‚hohlen‘ und von allerlei Getümen bevölkerten Unterwelt jeden Leser stellt, der sich in der Geologie unseres Heimatplaneten nur ein bisschen auskennt, überzieht der Autor immer dort, wo er vom roten Faden seiner Geschichte abweicht.

Da trifft die Menschheit nicht nur ihr (in jeder Beziehung) dunkles Gegenstück; nein, die unheimlichen Hadal praktizieren auch noch aktive Seelenwanderung und werden womöglich vom Teufel höchstpersönlich regiert! Hier manifestiert sich wohl die für schriftstellernde Bergsteiger typische Mischung aus epiphanischer Naturmystik und höhenbedingtem Sauerstoffmangel.

Die (nicht ganz) üblichen Verdächtigen

Im Rahmen eines reinen Unterhaltungs-Thrillers ist Long die Figurenzeichnung gut gelungen. Natürlich sind Militärs beschränkt, Konzerne böse, Wissenschaftler weltfremd und Politiker immer verdächtig. Aber dennoch entgleist Long eigentlich nur ein einziger Charakter wirklich: Ali, die aufsässige Nonne – ein Zugeständnis an die politisch korrekte Feministinnen-Front oder die im Hinblick auf einem mögliche Verfilmung unbedingt notwendige ‚starke‘ Frauenrolle? Ansonsten glaubt man Long aufs Wort, wenn er den dämonischen Hadal die nur scheinbar ‚normalen‘ Menschen gegenüberstellt, die rücksichtslos in das profitable Innere der Erde vordringen und sich bald von ihren Gegnern kaum mehr unterscheiden lassen.

Vom einem grundsätzlichen Problem unheimlicher Geschichten (und Filme) musste Long ebenfalls kapitulieren: Seine Hadal sind nur solange wirklich geheimnisvoll und furchterregend, wie sich ihr Schöpfer auf Andeutungen beschränkt. Sobald sie persönlich auftreten, kommen sie rasch zum „Monster der Woche“ diverser TV-Serien herunter. Doch an diesem Punkt sind schon weitaus größere literarische Geister als Jeff Long gescheitert!

„Im Abgrund“ ist trotz dieser kleinen Einschränkungen ein rundum gelungenes Stück Unterhaltungsliteratur, das einem möglichst breiten Publikum als Lesetipp ans Herz gelegt werden kann. Deshalb ist es doppelt schade, dass „Deeper“, die 2007 veröffentlichte Fortsetzung von „Im Abgrund“, hierzulande bisher nicht erschienen ist.

Autor

Jeffrey B. Long wurde am 24. November 1951 in Bay City, US-Staat Texas, geboren. Dank eines ausgeprägten publizistischen Talents wurde er schon vor in den 1970er Jahren bekannt – als Reisender und Bergsteiger, der Tibet und den Himalaja erforschte und einige der höchsten Gipfel erklomm. 1976 verbrachte Long drei Monate in einem nepalesischen Gefängnis. Man bezichtigte ihn des Schmuggels – und weckte dadurch sein Interesse am der unterdrückten und verfolgten politischen Opposition des Landes, mit dem er sich seitdem oft und ausführlich als kritischer Journalist beschäftigt hat.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann Long Romane zu schreiben. „Angels of Light“ (1987) und „The Ascent“ (1992, dt. „Tödliches Eis“) spielten im vertrauten Bergsteiger-Milieu. „The Descent“ (1999, dt. „Im Abgrund“) entstand nach einem ausgedehnten Aufenthalt in Bosnien, wo Long 1996 im Auftrag der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) die ersten demokratischen Wahlen beobachtete.

1986 entstand nach Longs „True-Crime”-Biographie „Outlaw” der TV-Spielfilm „Manhunt for Claude Dallas”. Für Furore sorgte in den USA der Tatsachen-Roman „Duel of Eagles: The Mexican and U.S. Fight for the Alamo“, der viele, oft rassistisch gefärbte Fakten und Schuldzuweisungen korrigierte.

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: The Descent (New York : Crown Publishers/Random House 1999)
Übersetzung: Gerald Jung
http://www.randomhouse.de/blanvalet

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr

Das geschieht:

Wer ist Ulick Norman Owen? Diese Frage stellen sich zehn Männer und Frauen, die von Herkunft und Lebensart verschiedener nicht sein könnten. Besagter Mr. Owen hat sie auf ein Wochenende am Meer eingeladen. Vor einiger Zeit erwarb er „Nigger Island“, eine Insel vor der Küste der englischen Grafschaft Devon, die von einem feudalen Landsitz gekrönt wird. Sehr schön und luxuriös ist es hier, aber leider auch recht abgeschieden. Es gibt keine Fährverbindung zum Festland. Das wird fatal für unsere zehn Gäste, die eben doch eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie alle hüten ein düsteres Geheimnis. In ihrer Vergangenheit haben sie sich diverser Verfehlungen und Verbrechen schuldig gemacht, die unentdeckt und folglich unbestraft blieben. Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr weiterlesen

Brown, Dan – Illuminati

Robert Langdon, Professor an der Universität von Harvard, wollte es sich gerade mit einem Glas Wein und einem guten Buch gemütlich machen, als das Telefon klingelt und ein wenig später eintreffendes Fax ankündigt, auf dem ein verstümmeltes Mordopfer zu sehen ist. Langdon wird aufmerksam, weil das Mordopfer ein Brandzeichen trägt, dessen okkulte Bedeutung ihm als Symbolologen überaus bekannt ist: ILLUMINATI.

Der Direktor der Schweizer Forschungseinrichtung CERN, Maximilian Kohler, lässt ihn zum Ort des Geschehens einfliegen. Als die Tochter des Ermordeten, Vittoria Vettra, eintrifft, weiht sie Kohler und Langdon in ein unglaubliches Geheimnis ein: Ohne irgendjemandes Wissen hatte sie zusammen mit ihrem Vater an der Erforschung der Urknall-Theorie gearbeitet und es war ihnen gelungen, sie zu beweisen und dabei neben der eigentlichen Materie auch „Antimaterie“ zu erschaffen. Diese ist höchst instabil und hochexplosiv – und eine Probe mit der Sprengkraft mehrerer Atombomben wurde aus dem Labor gestohlen.

Ein Anruf aus dem Vatikan bringt die drei auf die richtige Spur: Die Illuminati, als wissenschaftlicher Geheimbund traditionell auf Kriegsfuß mit dem Vatikan, scheinen sowohl den Wissenschaftler Vettra ermordet als auch die Antimaterie gestohlen und irgendwo im Vatikan platziert zu haben, um diesen in die Luft zu sprengen. Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können, denn zwei Wochen vorher ist der alte Papst verstorben und 165 Kardinale befinden sich an diesem Tag zur Wahl eines neuen Papstes, einem „Konklave“ genannten Ritual, im Vatikan.

Vittoria Vettra und Robert Langdon machen sich sofort auf in die Vatikanstadt und müssen dort erfahren, dass die vier |prefereti|, die vier aussichtsreichsten Kandidaten für die Papstnachfolge, entführt wurden und bis Mitternacht ermordet werden sollen. Gemeinsam versuchen sie, den alten „Pfad der Wissenschaft“ der Illuminati durch Rom zu verfolgen, denn an den vier „Altären der Wissenschaft“, die als Wegweiser zur „Kirche der Wissenschaft“ dienen sollen, sollen die vier Kardinäle ermordet werden.

Brown hat offensichtlich einige Zeit darauf verwendet, für das Buch zu recherchieren, denn sowohl Schauplätze als auch Sehenswürdigkeiten sind detailliert genau beschrieben. Bei der Verfolgungsjagd durch Rom fühlt man sich beinahe wie auf einer Städtetour und bekommt richtig Lust, sich an die entsprechenden Örtlichkeiten zu begeben.
Dank der beiden „Reiseführer“ Langdon und Vettra ist es zudem nicht einmal notwendig, selbst mit der Materie oder den Örtlichkeiten vertraut zu sein. Durch Dialoge zwischen den beiden oder gedankliche Monologe wird der Leser mit allem vertraut gemacht.

Die Darstellung der Charaktere ist sehr gelungen. Mit Robert Langdon hat Brown eine Beinahe-Entsprechung zu Indiana Jones geschaffen, einen offensichtlich durchaus „realitätstauglichen“, überaus gebildeten Wissenschaftler, der sich nicht nur auf dem Feld der Wissenschaft sondern auch körperlich durchsetzen kann. Gleichzeitig gelingt es dem Autoren, einige erst auf den zweiten Blick handlungsrelevante Charaktere so undurchsichtig wirken zu lassen, dass bis zum Schluss unklar bleibt, wer auf welche Art an der Verschwörung beteiligt ist.

Der Schluss der Nacht und damit beinahe auch des Buches schließlich toppt alles vorher Dagewesene noch einmal. Innerhalb von etwa 100 Seiten werden fast alle vorher quasi als bestätigt geltenden Eindrücke über den Haufen geworfen und das Ganze erhält kurzzeitig sogar einen interessanten Touch Spiritualität.

Ich konnte dieses Buch wirklich kaum mehr aus der Hand legen. Bereits auf den ersten 100 Seiten erzeugt Dan Brown eine Atmosphäre, die einen förmlich an das Buch fesselt. Die Idee selbst ist schon überaus reizvoll, die Geschichte perfekt konstruiert und packend erzählt und die Charaktere liebevoll detalliert gezeichnet. Mit „Illuminati“ hat Dan Brown einen neuen Maßstab im Thriller-Bereich gesetzt, der selbst Kollegen wie Tom Clancy oder John Grisham auf die Plätze verweist.

Dringende Empfehlung für alle Thrillerfans.

Elrod, Patricia N. – Vampirdetektiv Jack Fleming

Obwohl in diesem Jahr 1936 der große Al Capone hinter Gittern sitzt, ist Chicago weiterhin eine Stadt fest im Griff des organisierten Verbrechens. Die Frank-Paco-Bande treibt ihr besonderes Unwesen. Für die Presse ein gefundenes Fressen, das dem Reporter Jack Fleming aus seiner derzeitigen Verlegenheit helfen könnte. In New York hat ihn die Wirtschaftskrise der Arbeit beraubt. Daher versucht er in Chicago einen Neuanfang. Ein echter Knüller würde ihm den Weg ebnen.

Tatsächlich kommt er Paco auf die Schliche und entdeckt sogar eine Liste hochrangiger Persönlichkeiten aus Politik und Justiz, die von den Gangstern geschmiert werden. Dann verlässt Fleming das Glück, er wird von Pacos Schergen gefasst und grausam gefoltert. Als er sich weigert, die Liste herauszugeben, bringt man ihn um.

Doch Fleming hütet ein Geheimnis: Vor Jahren hat er eine Vampirfrau kennengelernt. Das mit ihr getauschte Blut beschert ihm nun eine Wiederaufstehung. Fleming erwacht am Ufer des Michigan-Sees ohne Gedächtnis an seinen Tod, aber mit mächtigem Blutdurst. Die neue Existenz stellt ihn vor große Anfangsschwierigkeiten, die jedoch mit beachtlichen neuen Fähigkeiten und übermenschlichen Kräften einhergehen.

Fleming beschließt seinen eigenen Mord aufzuklären. Unverhofft bekommt er Schützenhilfe: Der exzentrische Privatermittler und ehemalige Schauspieler Charles Escott, der ebenfalls gegen die Paco-Bande kämpft, schließt sich ihm an. Aus dem Hintergrund hilft der schwarze Nachtclub-Besitzer „Shoe“ Coldfield.

Gemeinsam machen Vampir und Mensch nun Frank Paco das Leben zur Hölle. Dieser hat freilich mächtige Hintermänner, so dass sich auch ein untoter Gast aus dem Jenseits Gedanken um sein „Überleben“ machen muss …

(Endlich) wieder einmal etwas Neues: Mit einer Mischung aus (historischem) Krimi und Horror, dargeboten im Gewand der zeitgenössischen „Pulp“-Magazine, versucht Patricia N. Elrod erfolgreich den Start einer neuen Reihe. Eigentlich geschah dies bereits 1990, aber erst jetzt haben die „Vampire Files“ ihren Weg über den Großen Teich in dieses unser Land gefunden.

Endlich, denn hier findet der Freund des Phantastischen lesenswerte Unterhaltung. Elrods Rechnung geht auf: In der stimmungsvollen Kulisse des Jahres 1936 spielt sich eine turbulente und spannungsreiche Handlung ab.

Dabei füllt die Autorin im Grunde nur alten Wein in neue Schläuche. Der Mann ohne Gedächtnis, der von denen gejagt wird, die ihn fürchten, und nun gleichzeitig versuchen muss zu flüchten und sich zu erinnern, ist ein uraltes Klischee, das freilich noch immer seinen Zweck erfüllt.

Hier ersetzt es weitgehend den Plot, denn seien wir ehrlich: Eine verschwundene und wieder auftauchende Liste ist ein bisschen wenig Anlass für das blutige Geschehen. Eigentlich geht es – auch das wieder ganz klassisch – um Gerechtigkeit und Rache, wobei die Grenzen nach US-Ansicht wie immer fließend sind.

Auch Chicago als Gangsterstadt ist uns aus Literatur und Film längst bekannt. Sie muss für Elrods Zwecke daher nicht bis ins Detail rekonstruiert werden oder gar mit der historischen Realität übereinstimmen, wie z. B. Max Allan Collins es mit seiner Nathan-Heller-Reihe versucht hat.

„Vampirdetektiv Jack Fleming“ – der deutsche Titel ist ausgesprochen dümmlich und lässt das Werk wie einen billigen Heftroman wirken – profitiert von seinem sympathischen Helden, der – so gehört es sich – eigentlich gar keiner ist, sondern ein ganz normaler Mann, der in der Krise über sich hinauswächst und das Böse in seine Schranken weist.

Mindestens ebenso interessant wie Jacks Auseinandersetzungen mit diversen Gangstern sind seine „Lehr- und Wanderjahre“ als Vampir. Zwar ist er theoretisch mit den Bedürfnissen und Fähigkeiten dieser Spezies vertraut („Dracula“, der berühmte Film mit Bela Lugosi, wurde 1930 uraufgeführt, und Jack hat ihn gesehen), aber die Realität sieht doch anders aus.

Geschickt modifiziert Elrod den Vampir-Mythos, um ihn für ihre Geschichte tauglicher zu machen. Als „guter“ Blutsauger darf Jack Fleming natürlich keine Menschen überfallen, sondern begnügt sich mit Ochsenblut. Schwierigkeiten erwachsen ihm aus der Notwendigkeit, sich für den Tag eine lichtdichte Bleibe zu verschaffen. In einer Großstadt sollte das kein Sarg sein. Aus Gründen der Unauffälligkeit entscheidet sich Jack für einen Schrankkoffer.

Mit trockenem Humor werden diese und viele andere Besonderheiten und Misslichkeiten eines modernen Vampirlebens geschildert. Notgedrungen müssen die übrigen Figuren demgegenüber abfallen. Charles Escott vertritt die „menschliche“ Komponente, die Fleming freundlicher wirken lässt. Bobbie Smythe existiert hauptsächlich deshalb, weil ein Nosferatu nur ein halber Vampir ist, wenn er seinen Liebeszauber nicht einsetzen kann.

Elrods Gangster sind tumb und hässlich; man wundert sich, wie sie eine ganze Stadt unter ihre Knute zwingen konnten. Übertrieben politisch korrekt ist der schwarze Engel Coldfield, der offenbar nur deshalb einen Nachtclub leitet, um mit dem Erlös guten Freunden und armen Straßenkindern zu helfen.

Patricia N. Elrod (die um ihr Geburtsdatum ein großes Geheimnis macht) vervollständigt neben Anne Rice und Chelsea Quinn Yabro das Trio der erfolgreichsten Repräsentantinnen des „historischen“ Vampirromans. Die in Texas lebende Autorin legt nicht nur regelmäßig weitere „Vampire Files“ um Jack Fleming (s. u.) vor, sondern setzt auch die Reihe um den „Gentleman-Vampir“ Jonathan Barrett aus dem späten 18. Jahrhundert fort.

Weitere Informationen vermittelt die „offizielle“ Website http://www.vampwriter.com , die zwar ein wenig lobhudlerisch ausfällt, aber immerhin stets auf dem aktuellen Stand ist.

Die Jack Fleming-Reihe („The Vampire Files“) von J. P. Elrod:

01. Bloodlist (1990, dt. „Vampirdetektiv Jack Fleming“)
02. Lifeblood (1990, dt. „Blutjagd“) – Festa Verlag Nr. 1406/Nosferatu Bd. 2
03. Bloodcircle (1990)
04. Art In The Blood (1991)
05. Fire In The Blood (1991)
06. Blood On The Water (1992)
07. A Chill In The Blood (1998)
08. The Dark Sleep (1999)
09. Lady Crymsyn (2000)
10. Cold Streets (2003)
11. Song in the Dark (2004)

Der Konflikt zwischen Israel & den Palästinensern

Norman G. Finkelstein, Nachkomme jüdischer KZ- und Holocaust-Überlebender, kritisiert aufs schärfste die derzeitige Politik Israels und es ist brisant und mutig, was er zur Vertreibungspolitik gegenüber den Palästinensern aufzeigt. Er setzt sich vehement für einen palästinensischen Staat ein, wie es auch die gesamte UNO eigentlich schon immer tut.

Es ist dabei erbärmlich zu sehen, dass eine Großmacht wie die Vereinigten Staaten ein alleiniges Vetorecht hat, mit dem sie alle Politik innerhalb der UNO bestimmen kann. Bei der Zwei-Staaten-Regelung wurde dieser z.B. in der UNO-Vollversammlung ohne Enthaltungen mit 151 zu 3 Stimmen zugestimmt. Die ablehnenden Stimmen kamen von Israel, der kleinen Insel Domenica und den USA, mit deren Stimme die Mehrheit der Nationen dieses Planeten immer gekippt werden kann. Die Konsequenz der Palästinenser, die 2000 eine zweite Intifada begannen, führte zu dem gegenwärtigen Konflikt, der so brisant ist, dass er die gesamte Welt in Aufruhr bringen kann.

Den 11. September und die Reaktionen Nordamerikas als Legitimation ausnutzend, um den letzten Rest des arabischen Widerstands gegen die Vorherrschaft Amerikas zu brechen, zieht Sharon am gleichen Strang mit dem Ziel, die Palästinenser endgültig vernichten zu können. Der Terror kommt Sharon gelegen, denn wenn die Terroranschläge nachlassen, geht Israel dazu über, führende Palästinenser zu ermorden, um den Kreislauf der Gewalt aufrecht zu erhalten. Palästinensische Gebiete wurden so lange systematisch zerstört, bis die palästinensische Reaktion die erwünschte Schwelle überschritten hatte, um den Krieg zu erklären und mit der Vernichtung der wehrlosen palästinensischen Zivilbevölkerung fortzufahren. Die ganze Gewaltspirale ist von Beginn an von den Israelis inszeniert. (Siehe dazu auch Noam Chomskys Buch „Offene Wunde Nahost“, eine weitere wesentliche Stimme der Kritik von jüdischstämmiger Seite.)

Es ist wichtig, dass diese Kritik von einem Juden kommt, denn in Deutschland ist es, wie aktuelle Ereignisse zeigen, ein Tabu Israel zu kritisieren. Jede Kritik hier wird als antisemitisch gewertet und für manche seiner Aussagen könnte ein deutscher Staatsangehöriger unter Umständen sogar Gefängnisstrafen bekommen. Kritik an dieser Politik zu üben, ist aber nichts Antisemitisches. Denn zahlreiche Juden fahren mit anderen internationalen Freiwilligen in die besetzten Gebiete, um palästinensische Zivilisten vor den Angriffen zu schützen und die israelischen Gräueltaten publik zu machen. Unter Juden in den amerikanischen Universitäten entsteht eine Anti-Apartheid-Bewegung großen Ausmaßes und führende jüdische Parlamentarier in „demokratischeren“ Ländern sprechen davon, dass die israelische Politik den Davidstern mit Blut beflecke. Davon ist hierzulande allerdings in den Medien wenig zu vernehmen.

Das sind auch keine jüdischen Ausnahmen. Die großen Persönlichkeiten, die wir in Deutschland mit dem Judentum identifizieren, wie z.B. der Philosoph Martin Buber oder Gershom Scholem, kritisierten schon immer die zionistische Bewegung und setzten sich für ein Zwei-Staaten-Modell Israel und Palästina ein. Scholem prophezeite schon damals, dass die zionistische Bewegung entweder zusammen mit den imperialistischen Nationen hinweggefegt würde oder aber im revolutionären Feuer des wieder geborenen Ostens verbrennen würde. Er mahnte, mit den Kräften der Revolution zu gehen und notfalls auf der richtigen Seite der Barrikaden zu fallen.
Für die Zionisten dagegen wohnen die Palästinenser nur zufällig in Palästina. Für sie gibt es kein palästinensisches Volk; genau wie in den Anfängen der amerikanischen Besiedlung sogar behauptet wurde, es gäbe gar keine Indianer, wurde das Land als unbewohnt dargestellt. Dieser Mythos vom „unbewohnten Land“ hat historische Vorbilder. Dasselbe wurde von den Briten in Nordamerika, von den Holländern in Südafrika wie auch von den Nazis in Osteuropa so dargestellt. Hitler verglich seinen europäischen Eroberungskrieg selbst schon mit der nordamerikanischen Eroberung. In Wirklichkeit hatte das Land eine arabische Mehrheit und eine jüdische Minderheit. Als Heimat des jüdischen Volkes beanspruchen die Zionisten sogar noch Transjordanien, die Golanhöhen, den Süden Syriens und das südliche Libanon. Der jüdische Staat, der ihnen nach dem Holocaust angeboten wurde, entsprach noch nie dem zionistischen Ziel. Der historische Anspruch der Juden auf das Land ist aber in Wirklichkeit völlig fantasiert.

Der Zionismus ist aus der romantisch-ausschließlichen deutschen, völkischen Form des Nationalsozialismus hervorgegangen. Der Nationalismus dieser Spielart besagt, dass die Blutsbande, der gemeinsame ethnische Ursprung, und nicht die Staatsbürgerschaft oder Vereinbarungen angemessene Grundlagen für Gemeinschaft sind. Auch das Eigentumsrecht der Juden auf Palästina ist von dieser deutschen Romantik gefärbt, die besagt, dass nur Juden eine echte organische Beziehung zu dem Boden Palästinas aufnehmen könnten, weil die Vorväter des jüdischen Volkes dort ihren Ursprung gehabt hätten und dort begraben seien. Dieses immer wiederkehrende Motiv im Zionismus ist deutschen Ursprungs: die mystische Beziehung zwischen Blut und Boden, die Verehrung der Helden, der Toten und der Gräber, der Glaube, dass Gräber die Quelle lebendiger Verbundenheit mit einem Land sind und dass sie die Loyalität des Menschen zu dieser Erde bezeugen, dass Blut den Boden buchstäblich befruchtet.

Das letzte Ziel des Zionismus ist es, die Juden von der Last zu befreien, mit Angehörigen eines anderen Volkes zusammenleben zu müssen. Die Lehre, dass Staaten nach ethnischer Einheitlichkeit streben sollten, wurde direkt von Hitler übernommen. Der zionistische Anspruch auf Palästina bezieht sich auf göttliches Recht, historisches Recht und zwingenden Bedarf. Keine dieser Begründungen hält einer näheren Prüfung stand. Vor allem der Glaube an das auserwählte Volk in göttlichem Auftrag ist pathologisch krank, aber die Juden waren schon früher biblisch überzeugt, dass Gott sie beauftragt hätte, die Kanaanäer auszurotten. Auch die Vereinigten Staaten unter Thomas Jefferson glaubten damals daran, dass die Amerikaner das neue auserwählte Gottesvolk seien und auf dem damaligen neuen Nationalsiegel sollten die Kinder Israels abgebildet werden, geleitet von einer himmlischen Lichtsäule. Sogar die Einführung der hebräischen Sprache als amerikanische Amtssprache war ernsthaft in Erwägung gezogen worden (Deutsch übrigens ebenfalls). Das historische Recht wurde genauso zuvor von den Nazis vertreten, um die Eroberung des Ostens zu rechtfertigen. Das ganze slawische Territorium – nicht nur Polen – wurde als ursprünglich deutsch angesehen und sei von edelstem deutschem Blut getränkt und schon germanisch gewesen, bevor irgendein Slawe seinen Fuß darauf gesetzt hätte. Die slawischen Einwanderer galten als Eindringlinge auf teutonisch-deutschem Volksboden. Genauso wenig wie im Falle dieser Nazipolitik gibt es aber ein historisches Recht des Zionismus auf Palästina. Es übergeht schlicht die zwei Jahrtausende nicht-jüdischer Besiedlung Palästinas.

Bereits die ersten zionistischen Siedler 1882 verhielten sich so, als seien sie die rechtmäßigen Herren des Landes. Die arabische Bevölkerung wurde mit der Peitsche geschlagen und der Umgang der Kolonisten mit ihnen ähnelte sehr stark dem Umgang mit Tieren. Die Araber wurden in Anspielung auf die talmudische Beschreibung der kanaanitischen Sklaven als „Volk von Eseln“ beschrieben. Sie galten als verschmutztes, verseuchtes Pack. (Einiges mehr an aktuellen derartigen Äußerungen und Ansichten kann man ebenfalls in „Offene Wunde Nahost“ nachlesen.)

Auch mit der Errichtung des heutigen Israel 1948 – der eigentliche Entwurf der UNO sieht von jeher eine Teilungsresolution in zwei Nationen vor – blieb das Vorgehen gegen das palästinensische Volk eine Ansammlung von Gräueltaten, die noch heute in ihrem vollem Umfang durch die Israelis geheim gehalten und den Historikern nicht zur Verfügung gestellt werden. Dem ehemaligen Direktor des israelischen Militärarchivs zufolge wurden in „jedem von uns während des Unabhängigkeitskrieges besetzten arabischen Dorf Handlungen verübt, die als Kriegsverbrechen gelten, wie etwa Morde, Massaker und Vergewaltigungen“. Die ursprüngliche Bevölkerung war völlig machtlos und floh in Panik vor dem Schrecken und der Gewalt. Angegriffen wurde um zu erobern, alles – Männer, Frauen wie Kinder – getötet und die Dörfer zerstört und niedergebrannt. Gnadenlos wurden Bombenflugzeuge, Kampfbomber, Artillerie-, Mörser- und Panzerbataillone zum Einsatz gebracht. Das Land lag in Schutt und Asche. „In Blut und Feuer sollte Juda auferstehen“. Diejenigen, die blieben und überlebten, wurden in Ghettos zusammengedrängt. Sehr detailliert werden von Finkelstein die Vernichtungsaktionen beschrieben, die Vergewaltigungen von minderjährigen Mädchen, das Totschlagen von Kindern, Schwangeren, Säuglingen und alten Frauen mit Stöcken. Die Täter kamen aus den Konzentrationslagern der Nazis und sie hatten von diesen gelernt – die Grausamkeiten unterschieden sich nicht. Es ging noch nie um eine Duldung der palästinensischen Bevölkerung, auch nicht um ein Zwei-Klassen- und Apartheidssystem, sondern von Anfang an um die völlige Vertreibung aller Araber aus dem Land. Selbst wenn es zur vorgesehenen Teilung des Landes durch die UNO in zwei Staaten gekommen wäre, hatte Israel bei genügender Macht vor, diese aufzuheben und sich auf ganz Palästina auszudehnen.

1955 versuchte Israel, sein Territorium auszudehnen und überfiel den Gaza an der ägyptisch-israelischen Grenze. Dieser Schlag steckte die Zündschnur in Brand, die das Pulverfass Naher Osten zum Explodieren brachte. Bis dahin zeigten die Ägypter nur wenig Interesse an den üblichen arabischen Hasstiraden gegen Israel. Nun waren aber auch ägyptische Soldaten und Zivilisten ums Leben gekommen. 1956 marschierte Israel im Sinai ein. Die nächste große Militäraktion Israels geschah 1966, als Israel in die Westbank einzog und Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Werkstätten zerstörte und auch jordanische Soldaten tötete. Israel wollte damit den jordanischen König Hussein dafür bestrafen, dass er palästinensische Flüchtlinge in seinem Land aufgenommen hatte.

Obwohl diese Vergeltungspolitik gegen internationales Recht verstieß, ließ Jordanien sich einschüchtern und tat alles in der Macht Stehende, um Israel nachzugeben. In der Tat wurden bis zum Junikrieg 1967 mehr Palästinenser bei dem Versuch, nach Israel einzudringen, von jordanischen Soldaten getötet als von den Israelis selbst. König Hussein ließ den Großteil der PLO verhaften und deren jordanische Büros schließen. Damit vergifteten sich die Beziehungen der arabischen Staaten untereinander. Gegenseitig beschuldigte man sich der Tatenlosigkeit. Jordanien beklagte sich bitter über Ägypten, weil es dem Königreich gegen die israelische Allmacht nicht zur Hilfe kam.

Im April 1967 schoss Israel sechs syrische Flugzeuge ab und im Mai drohte es mit einem Angriff auf Syrien. Syrien hatte allerdings einen Militärpakt mit Ägypten, weswegen ägyptische Truppen sich im Sinai formierten. Der dortige Präsident Nasser konnte es sich nicht mehr leisten, erneut seine Hilfe einem arabischen Land zu verweigern, wenn er seinen Ruf in der arabischen Welt wahren wollte. Aber er wollte dennoch eine diplomatische Beilegung des Konflikts und schickte seinen Stellvertreter nach Washington. Bevor dieses Treffen zustande kam, schlug Israel allerdings mit einem Überraschungsangriff zu.

Ab nun war klar, dass Israel alle Araber aus dem Weg räumen will und das mit jedem Mittel. Die UNO war nicht in der Lage, sich den aggressiven und bewaffneten Besetzungen Israels entgegenzustellen. Vereinzelt kam es zu syrischer Verteidigung auf Siedlungen und militärische Stellungen in Israel, was aber vom UNO-Sicherheitsrat nicht kritisiert wurde. Die UNO sah die Hauptverantwortung für die Feindseligkeiten völlig klar von Israel ausgehend. Es wurde sowieso beklagt, dass die Israelis unverändert die wiederholten Aufforderungen der Resolution der UNO-Vollversammlung vom Dezember 1948 ignorieren, die besagt, dass die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren dürfen oder sie für ihren verlorenen Besitz zu entschädigen sind. UNO-Generalsekretär U Thant zeigte völliges Verständnis dafür, dass die Palästinenser sich entschieden hatten, unabhängige Guerillaorganisationen zum Kampf gegen Israel zu gründen. Die Vereinigten Staaten aber signalisierten den Israelis, dass sie deren militärische Aktionen willkommen heißen.

Jordanische und ägyptische Gebiete wurden erobert. Beide arabische Länder versuchten nach diesem Krieg verzweifelt, die Israelis durch Friedensverhandlungen zum Rückzug zu bewegen. Auch alle UNO-Vermittlungsversuche erbrachten keine Lösung. Israel erklärte, dass es die eroberten Gebiete niemals mehr verlassen werde. Da alle diplomatischen Friedensversuche scheiterten, stand Ägypten 1972 vor der Entscheidung: bedingungslose Kapitulation oder Krieg. Ägypten entschied sich für Krieg und begann 1972 zusammen mit Syrien mit den Vorbereitungen eines konventionellen Angriffs mit dem einzigen Ziel, sich die besetzten Gebiete zurückzuholen. Wohl für keinen Krieg in der Geschichte wurde vorab soviel Reklame gemacht wie für diesen „Überraschungs“-Angriff Ende 1973. Eineinhalb Jahre lang wurde gedroht, ohne dass dies ernst genommen wurde und ein Einlenken erbrachte.

Israel war letztlich in der Tat überrascht und zuerst sah es sogar so aus, als würde der Krieg für Israel fatale Folgen haben. Der Durchbruch der ägyptischen Truppen machte möglich, dass der ägyptische Präsident 1977 in Israel vor der Knesset sprechen konnte. Er forderte die Zurückgabe des Sinai und auch die Grundrechte des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung, einschließlich des Rechts auf Gründung eines eigenen Staates. In den folgenden Verhandlungen wurden die anderen arabischen Staaten nicht mehr einbezogen. Ein Friede zwischen Ägypten und Israel stärkte die Macht Israels. Ägypten verfügt über die einzigen Invasionstruppen, die eine militärische Bedrohung darstellen.

Nach dem Friedensvertrag mit Ägypten begann Israel mit seinen weiteren Kriegsplänen zur Kontrolle der Westbank und des Gazastreifens. Die von Jordanien in den Libanon abgewanderte PLO war das nächste Ziel. 1982 bombardierte Israel den Libanon und es kamen zweihundert Menschen ums Leben, davon allein 60 Kinder in einem palästinensischen Kinderhaus. Daraufhin schlug die PLO zurück , tötete |einen| Israeli und lieferte damit den erwünschten Vorwand, um ins Land einzumarschieren und unter der wehrlosen Bevölkerung ein Massaker zu veranstalten, dem 20.000 Palästinenser und Libanesen zum Opfer fielen. Ein kleiner Zahlenvergleich: Bis Mai 2002 belief sich die Gesamtzahl der jüdischen Opfer seit Beginn der zionistischen Bewegung vor 120 Jahren auf etwa diese Anzahl. Nach Vorbild der Nazis werden gezielt palästinensische Rettungswagen und medizinisches Personal sowie Journalisten beschossen und palästinensische Kinder werden so ganz nebenbei getötet. Wahllos erfolgen Luftangriffe auf Wohngebiete, Häuser werden mitsamt den sich darin zusammendrängenden Menschen mit Bulldozern eingerissen.

Bei dem aktuellen Vorgehen gegen Palästinenser ist es wie eh und je. Es kommt zu ernsten Verstößen der israelischen Streitkräfte gegen das humanitäre Völkerrecht, juristisch gesehen handelt es sich um Kriegsverbrechen. Das Vorbild USA legitimiert Israel umso mehr, denn seit dem 11. September respektieren auch die USA nicht mehr das Völkerrecht und haben es als nichtig erklärt. Amerika bombardiert erstmals auch ohne das offizielle Einverständnis der Vereinten Nationen andere Staaten. Früher wurden noch durch geheime Operationen unbequeme Regierungen anderer Länder gestürzt. Israel hat von der derzeitigen Bush-Regierung völlige Rückendeckung und erhebliche finanzielle und militärische Unterstützung, nur dadurch konnte sich über internationale Konventionen hinweggesetzt und die UNO daran gehindert werden, im Frühjahr 2002 die Ereignisse in den Flüchtlingslagern – auf so demütigende Weise für die UNO-Mission – zu untersuchen. Die Amerikaner berufen sich in ihrer Unterstützung der israelischen Kriegsverbrechen auf die Bibel, Genesis 13 – 17. Die Vertreibung der Palästinenser hat für sie nach außen dargestellt keine politischen Gründe, sondern ist gottgewollt. Mit dieser Ausrichtung braut sich aber ein Feuersturm zusammen, der in der arabischen Welt eine Kettenreaktion auslösen wird, gegen die sich der 11. September wie ein Kaffeekränzchen ausmacht. Die Vertreibung der Palästinenser darf nicht unbekümmert ignoriert bleiben.

_Literatur:_

Norman G. Finkelstein
[Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3720523683/powermetalde-21 – Mythos und Realität
400 Seiten, gebunden
|Diederichs| 2002
ISBN 3-7205-2368-3

ergänzend:

Noam Chomsky
[Offene Wunde Nahost]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3203760177/powermetalde-21 – Israel, die Palästinenser und die US-Politik
360 Seiten, Paperback
|Europa| 2003
ISBN 3-203-76017-7
[Onlinefassung]http://www.chomsky-forum.de/cf__book__toc.php?ISBN=3-203-76014-2 von 2002

_Weiterführende Informationen:_

siehe [„Geschichte Palästinas“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=15 – Historisches & Politisches zum Nahostkonflikt

Jean-Patrick Manchette – Blutprinzessin

Einige einleitende Informationen über den Autor und sein Werk findet ihr in der Rezension zu „Volles Leichenhaus“.

Dieser posthum erschienene Roman von Jean-Patrick Manchette ist wie seine anderen Werke von einem rasanten Tempo geprägt. Schon nach drei Seiten geht das Gemetzel los. Eine missglückte Entführung, bei der sich die Verbrecher gegenseitig abknallen, bildet den Beginn der Story. Das Anfangstempo wird eine Weile beibehalten, es werden in Zeitsprüngen und Ortswechseln viele Figuren in die Geschichte eingebracht. Der Roman umfasst die Zeitspanne von kurz nach dem 2. Weltkrieg bis zur Mitte der 50er Jahre und verknüpft die Handlung mit Zeitgeschichte, wie etwa den Aufstand in Ungarn oder die Algerienkrise. Der Stil ist einem Spionageroman nachempfunden, denn die Handlung ist international, die Figuren spielen ein doppeltes Spiel und viele Statisten tauchen auf. Manchette spielt mit diesem Genre, wenn er etwa den Tagesablauf der Protagonistin Ivory Pearl in ihrem einsamen Unterschlupf auf Kuba mit genauen Uhrzeitangaben verbindet, was fern jeglicher Zivilisation absolut irrelevant scheint.

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Kendall, Paul / Lewis, Dave – Led Zeppelin – Talking

Dieses Buch besteht ausschließlich aus Zitaten und Fotos. Zu wenig? Kommt darauf an, für wen.

Der Titel kommt einem schon wie ein Widerspruch in sich vor: |Led Zeppelin| redet? Auf einmal? Wer die diversen Biografien der Band gelesen hat, weiß ja schließlich, dass die Band, die Jimmy Page 1967/68 auf die Beine stellte, zunächst Hohn und Spott, dann Unverständnis, schließlich blanke Ablehnung erntete, und zwar nicht nur bei den gestrengen Herren Kritikern – etwa beim Branchenfachblatt |Rolling Stone| -, sondern sogar bei Kollegen. (Ab Seite 101 setzen sich die Bandmitglieder mit der Presse auseinander.)

Und wer die fabelhafte Doppel-DVD von 2003 gesehen hat, der weiß auch, dass sich die Fernsehauftritte der Band sehr in Grenzen hielten – und zwar nicht nur wegen des zuweilen seltsamen Ambientes, sondern vor allem wegen des äußerst mangelhaften Sounds, den die Fernsehtechniker zustande brachten und den Page regelmäßig kritisierte (vgl. Booklet zur DVD). Infolgedessen verlegten sich die führenden Köpfe der Band – Page, Plant und Manager Grant – auf Live-Auftritte in den USA, wo man sie bereits frühzeitig feierte, als sie die beiden Fillmore-Klubs an Ost- und Westküste mit ihrer Musik begeisterten.

Die USA-Tourneen waren denn auch die größten kommerziellen Erfolge der Band in ihrer rund 13-jährigen Geschichte. Dokumentiert sind ihre Auftritte am besten auf den beiden einzigen Live-Alben „The Song remains the same“ (Filmsoundtrack, 1976) und „How the West was won“ (2003). Die zweite Doppel-DVD weiß einen exzellenten Sound vorzuweisen. Die Fernsehmedien verglichen sie mit den |Beatles| – und lagen damit um Lichtjahre hinter der Entwicklung zurück.

Die Bandmitglieder, so weiß auch Autor Dave Lewis zu erzählen, redeten praktisch nur mit Fans, über die sie Bescheid wussten. Das ist auch auf der DVD dokumentiert. Dort erzählt Plant sogar etwas über ihr kommendes Mega-Album „Physical Graffiti“ (1975), das unter der Musikkritik als eines der besten, wenn nicht sogar als das beste Rockalbum der Siebziger gilt. |Led Zep| redete – okay, aber nur mit den richtigen Leuten.

_Die Autoren_

Das Buch enthält keinerlei Angaben darüber, wer denn die Autoren sind und mit welcher Glaubwürdigkeit sie die gesammelten Zitate publizieren. Das finde ich ziemlich suspekt. Nicht einmal im „Vorwort“, das Dave Lewis im September 2003 schrieb, finden sich entsprechende Information. Es werden eine Menge Behauptungen über die Band aufgestellt, aber mit welcher Berechtigung? Wenigstens wird nicht aus der Pseudo-Biografie „Hammer of the Gods“ von Richard Cole zitiert. Das ist ja schon mal ein Fortschritt.

_Die Band_

Vocals and harmonica: Robert Plant
Acoustic and electric guitars: Jimmy Page
Bass guitar, keyboards, mandolin: John Paul Jones
Drums and percussion: John Bonham (gest. 1980)
Der 5. Zeppelin: Manager Peter Grant

_Die Inhalte_

Die folgenden ausgewählten Kapitelüberschriften verraten eine zunächst chronologische Ordnung des Materials, das wie gesagt ausschließlich aus Zitaten und Fotos besteht.

„Die frühen Jahre“ – „The Yardbirds“ – „Wie Led Zeppelin entstand“ – „Die Alben“ – „Die Solo-Jahre“- „Led Zeppelin Remastered“ – “ Led Zeppelin Reunited“ – „Coda“.

Man sieht also, dass der Schwerpunkt ziemlich eindeutig auf den Anfängen und den späten Jahren der Band-Mitglieder liegt. Rein an der Masse gemessen, sind die Zitate aus der Anfangszeit in der Überzahl, verdientermaßen, denn hier kann selbst der eingefleischte Fan noch etwas Neues finden. Jedes der Mitglieder – also auch Grant – erzählt, wie er jeweils zur Musik, zum Blues & Rock sowie schließlich zu |Led Zeppelin| gestoßen war. Mit Ausnahme von Jones hatten ja schließlich alle bereits Engagements in einer eigenen Band. Als Page die Band gründete, wurde sie auf ihrer ersten Tournee sogar als „The New Yardbirds“ angekündigt, sozusagen als Fortsetzung einer bekannten Band. Diese verwickelten Anfänge sind sehr interessant – aber wohl nur für den Fan.

Über die Alben wissen die Mitglieder nur wenig zu sagen, was doch ein wenig erstaunt. Immerhin erfährt man, unter welchen kuriosen oder stressigen Umständen die Platten zustande kamen. Singles wollte Page nicht, und er weigerte sich sogar strikt, den Megahit „Stairway to Heaven“ als Single zu veröffentlichen. Diese Strategie zahlte sich in hohen Albumverkaufszahlen aus. Außerdem fiel der ganze Promo-Zirkus bei den Radiosendern weg und man konnte sich auf Tourneen konzentrieren. Zitate zu „In through the Outdoor“ fehlen leider. Worte zu „Coda“, einem Aufräum-Album, fallen nur ein- oder zweimal.

Dass Plant eine wachsende Abneigung, ja sogar Aversion gegen den Song „Stairway to Heaven“ entwickelte, dürfte wohl bekannt sein. Hier erklärt er auch – ein wenig – wie es dazu kam. Insgesamt war ich etwas enttäuscht, nicht mehr über die einzelnen Songs zu erfahren. Immerhin gibt es ein aufschlussreiches Plant-Zitat (Plant schrieb die meisten Original-Lyrics) zu „Ten Years gone“ (1975). Er beschrieb eine Frau, in die er zehn Jahre zuvor verschossen war, doch sie stellte ihn vor die Wahl zwischen ihr und seinen Fans. „Dabei hatte ich überhaupt keine Fans.“

Das Kapitel Groupies wird sehr kurz unter den Überschriften „Lifestyle“ und „Ansichten“ abgehandelt. „In Texas gibt es die reichsten Groupies der Welt. Einige Groupies sind unserem Privatjet [einer umgebauten Boeing 727] in ihrem eigenen Privatjet gefolgt“, weiß Jimmy Page.

Auf diesen Tourneen kam es bekanntlich zu einigen Eskapaden, für die |Led Zep| schon bald berüchtigt wurde. Aber wenn man den Herrschaften glaubt, sind daran vor allem die Roadies schuld. Wie auch immer: Aus dem Fenster fliegendes Mobiliar und demolierte Hotelzimmer waren offenbar harmlose Begleiterscheinungen. Etwas verschärfter waren wohl die Streiche, die sie den Stubenmädchen (|room service|) spielten. Dazu gehörte offenbar auch ein Kleiderschrank voll kleiner Haifische… Nix Genaues wird hier nicht verraten.

Und so sieht sich der Leser – mal wieder – auf die vorhandenen Biografien verwiesen. Hier stößt man aber unweigerlich auf den Namen des von |Led Zep| geächteten Tournee-Managers Richard Cole. Seine zusammen mit R. Trubo verfasste Biografie „Led Zeppelin – Stairway to Heaven“ ist 1995 bei |Heyne| (01/9433) erschienen; das Original erschien 1993. Die Storys, die Cole dort zum Besten gibt (neben zahlreichen Privatfotos), sind sehr unterhaltsam. Auch die Story vom Raub im |Madison Square Garden| findet sich dort (S. 278): Der Band wurden sämtliche Einnahmen des Auftrittes in New York City gestohlen, rund 203.000 Dollar.

Die Versuche, die Band, die sich nach dem Tode des Schlagzeugers aufgelöst hatte, wiederzuvereinigen, waren zahlreich. Eine Menge Zitate in den Abschlusskapiteln beschäftigen sich damit. Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass zwar Page und Jones der Idee sehr aufgeschlossen gegenüberstanden (von den Fans ganz zu schweigen), aber Plant hier der große Spielverderber war. Nach einer Episode „Page & Plant“, die gerade mal für zwei Alben und einige Tournee-Auftritte gut war (immerhin), gingen die beiden führenden Köpfe wieder getrennte Wege. Zukunft ungewiss, so lautet das Fazit. Wahrscheinlich will Plant nie wieder in die Verlegenheit kommen, „Stairway to Heaven“ singen zu müssen.

|Die Fotos|

Alle Fotos sind von exzellenter Qualität. Das verdient eine besondere Erwähnung, denn wie oft hat man schon Amateurfotos wie die von Herrn Cole gesehen, die mal nebenher bei einem Konzert vom Bühnenrand geschossen worden waren? Und die sind immerhin schon locker dreißig Jahre alt.

Wenn es also definitiv einen Pluspunkt in diesem Buch gibt, dann sind es diese Fotos. Und sie zeigen auch nicht irgendwelche Nebenfiguren, sondern ausschließlich die fünf Bandmitglieder. Einen Abstrich muss man dabei in Kauf nehmen: Sie liegen fast alle in Schwarzweiß vor. Nur im hinteren Drittel findet sich eine kurze Strecke mit sieben (darunter einem doppelseitigen) Farbfotos, die sich ebenfalls durch hohe Qualität auszeichnen. Mehrere Motive dürften dabei die Band bei ihrem legendären Auftritt im |Madison Square Garden| in New York City (1973) zeigen. Zwei Motive zeigen Plant, als er noch „Percy“, der Mann mit dem ritterlichen Schnurr- und Kinnbart, war. Das dürfte vor 1972 gewesen sein.

_Unterm Strich_

„Led Zeppelin Talking“ ist eine wertvolle Ergänzung im Dokumentenarchiv eines eingefleischten Fans. Denn dies muss man bereits sein, um die Zitate einordnen und bewerten zu können. Jemand, der die Band und ihre Umgebung nicht kennt, kann damit wohl herzlich wenig anfangen.

Ein Beispiel: Jimmy Page wurde in der englischen Presse mit okkulten Machenschaften (sprich: Satanismus) in Zusammenhang gebracht, denn nicht nur hatte er ein Anwesen gekauft, das dem Okkultisten Aleister Crowley gehört hatte, sondern er hatte das vierte Album der Band mit mystischen Zeichen verzieren lassen. Sein ausführliches Zitat zu diesen Vorgängen, das immerhin fast eine ganze Seite einnimmt, ist deshalb für einen Insider von hoher Signifikanz, wenn nicht sogar Brisanz. Einem Uneingeweihten dürfte es sich dabei lediglich um eine lokal aufgehängte Anekdote handeln. So unterschiedlich können also die Bewertungen ausfallen.

|Tipps:|

Dem Einsteiger helfen weder eine Chronologie noch eine Diskografie, die sich im Buch sehr gut gemacht hätten. Offenbar werden diese Kenntnisse vorausgesetzt. Dazu gibt es exzellente Bücher, auf die ich hinweisen möchte.

Chris Welch: „Led Zeppelin. Dazed and confused – The stories behind every song“ (ISBN [3-283-00359-9)]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3283003599/powermetalde-21
Cross/Flannigan/Preston: „Led Zeppelin. Heaven and hell – an illustrated history“ (ISBN 0-517-58308-9)

Die beiden (teuren) Bücher bieten auch dem Einsteiger zahlreiche wertvolle Informationen zur Geschichte der Band und vor allem ihrer Musik, die weiterhin lebendig nachwirkt und auf neue Musikergenerationen Einfluss ausübt (darauf gehen das Unterkapitel „New Wave“ ab S. 99 sowie Zitate ab S. 118 ein).

_Fazit_

Das vorliegende Buch bildet offenkundig den ernsthaft und ästhetisch gut gestalteten Versuch, die Band gebührend zu würdigen. Dabei bildet es aber von seinem Inhalt her das Sahnehäubchen im Archiv des bereits eingefleischten Led-Zep-Fans. Und das zu einem vertretbaren Preis.

Earl Derr Biggers – Der chinesische Papagei

biggers-papagei-cover-kleinWo wertvolles Geschmeide zum Verkauf steht, sind Gangster niemals fern: Die Phillmore-Perlen erregen die Gier eines mysteriösen Einsiedler-Millionärs, der sich in einem einsamen Haus tief in der Wüste verborgen hält. Der chinesische Detektiv Charlie Chan verschafft sich verkleidet dort Einlass, wo nur ein Papagei ihm von Verrat und Mord erzählen könnte … – Krimi-Klassiker der aus heutiger Sicht eher zweifelhaften Art, da weder der Plot noch dessen Entwicklung überzeugen können.
Earl Derr Biggers – Der chinesische Papagei weiterlesen

Hambly, Barbara – Drachentöter, Der

Der deutsche Titel ist Quatsch.

Im Original heißt das Buch „Dragonstar“, und das trifft es – erstens wird in dem Buch kein Drache getötet (im Gegenteil!), und zweitens spielt der |Drachenstern|, ein Komet, der alle tausend Jahre erscheint, eine wichtige Rolle. Er verstärkt nämlich die Kräfte der Dämonen, die sich seit drei Bänden im Königreich von Bel mit Ihresgleichen, aber auch mit Menschen und Gnomen um die Macht schlagen. Wenn man also partout zwecks Reklame titelmäßig etwas metzeln musste, hätte das Werk „Dämonentöter“ heißen sollen – gegen die geht es nämlich. Dass der Text auf dem Backcover auch nicht in allen Punkten stimmt, wird keinen wundern; und wen kümmert’s, wenn das Buch nur gut ist.

Aber ist es gut? – Hm. Schon meine Kollegen Martin und Wilko bemerkten in ihren Rezensionen, dass sich Hamblys Fantasy-Bücher streckenweise etwas langatmig lesen, was hier auch zutrifft. Das eigentliche Problem jedoch: „Drachentöter“ bildet den Abschluss eines vierbändigen Zyklus, und man sollte mindestens die zwei vorangegangenen Teile intus haben, um in diesen hier gut einsteigen zu können. Bastei gibt zu Anfang zwar eine Zusammenfassung von „Der schwarze Drache“, „Die dunkle Brut“ und „Der Sternendrache“, aber es haut einem da so die Namen von Menschen, Dämonen, Drachen und Dingen um die Ohren, dass man öfter mal „Wie jetzt??“ fragt.

Es geht, wie schon gesagt, um eine Invasion dieser Irgendwowelt durch Dämonen, die in Teil Zwei begann und immer noch andauert. Menschen werden zuhauf von ihnen „übernommen“, aber ihre bevorzugte Beute sind Drachen und Magier; etliche Figuren des vorliegenden Buches hatten bereits das Vergnügen, für die Höllensprösslinge den Wirt zu machen. Im Zuge solcher und anderer Katastrophen wurden die Magierin Jenny Waynest, ihr Mann John Aversin (Drachentöter, Dämonenüberlister, Than der Winterlande) und ihr Sohn Ian (auch ein Magier) voneinander getrennt; Jenny und Ian haben immer noch an den Folgen der dämonischen Symbiose zu tragen. Abgesehen davon wurde Jenny im Reich der Gnome durch einen Giftpfeil verwundet und John soll wegen Paktierens mit Dämonen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Genügend Ansätze für eine spannende Handlung also, aber die ständigen Rückblicke der Figuren machen das Buch zähflüssig, zumal der unkundige Leser immer wieder ins Vorwort blättert, um zu erfahren, wer zum Geier nun schon wieder dieser Dämon ist und welcher gegen welchen kämpft. Die Höllengeschöpfe stehen untereinander im Verbündeten- und Lehnsverhältnis, wollen sich aber gleichzeitig permanent übers Ohr hauen – das macht die Sache nicht einfacher. Irritierend wirkt anfangs auch die Bezeichnung von Johns Verbündeten-Feindin Aohila als „Dämonenkönigin“; man denkt glatt, sie herrscht über alle anderen ihrer Spezies, was aber falsch ist – sie beherrscht nur ihre eigene Hölle (es gibt deren unzählige) und ist durch die wahren Bösen auch gefährdet.

Ungefähr ab Seite 160 entwickelt sich eine leidlich durchschaubare und spannende Handlung, denn man hat sich jetzt eingelesen und kennt die meisten Zusammenhänge, außerdem schildert Hambly den Kampf der Menschen gegen die Dämonen flüssig und zielstrebig. Endlich sind die Fronten klar; später werden sie wieder unklarer. Gelegentlich fragt man sich, wieso das übermächtige Böse so (relativ) einfach besiegt werden kann; und die finale Kampfszene musste ich zweimal lesen, um Johns genialen Plan zu begreifen – aber auch dann überzeugte er mich nicht so ganz.

Interessant ist das Konzept der Parallelwelten, das Hambly entwickelt. Eine davon erinnert sehr an die dystopische Erde eines nicht allzu fernen Jahrhunderts, leider lernt man sie nur in Rückblenden kennen. Wer darüber mehr wissen möchte, muss „Der Sternendrache“ lesen. Ungeklärt bleibt das Rätsel der Drachenschatten (Morkeleb, der schwarze Drache, der Helfer der Menschen, ist zu einem geworden; angeblich hat er dazu auf den Großteil seiner Magie verzichtet, aber dafür kennt er noch recht viele Zauber). Jedenfalls bieten diese offene Frage und das magische Potenzial, das in Ian schlummert, genügend Ansätze für eine Fortsetzung; ob sie allerdings sein muss, wage ich in Frage zu stellen – so brillant ist dieses Buch hier nun auch wieder nicht.

_Peter Schünemann_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Richard Ellis – Riesenkraken der Tiefsee

Feuerrote Fremdlinge der Tiefsee

Die Aliens sind tatsächlich unter uns! Zehn Arme und zwei Herzen haben sie, aber weder Bug noch Heck; Ammoniak fließt durch ihre Adern, und sie ändern ihre Farbe mit einer Meisterschaft, die jeden Predator vor Neid erblassen ließe. Man muss allerdings wissen, wo man nach ihnen Ausschau zu halten hat. Kontraproduktiv ist es, den Blick ausschließlich zum Himmel zu erheben, denn nicht „Watch the Skies!“ lautet hier die Devise, sondern „The Kraken Wakes“, wie es der britische Science- Fiction-Autor John Wyndham schon 1953 besser wusste.

Tief unter der Oberfläche der Weltmeere verbirgt es sich, das (wahrscheinlich) einzige echte Seeungeheuer, ein Wesen, wie es fremdartiger und seltsamer kaum sein könnte, das letzte und wohl größte Tier, das sich dem Menschen bisher entziehen konnte und dadurch sein Fahndungsinteresse umso heftiger anstachelt: Architeuthis dux, der Riesenkalmar der Tiefsee, wahrlich der Herrscher seines vielarmigen Stammes. Dort, wohin wir gern unliebsame Zeitgenossen zu wünschen pflegen, weil hier die Sonne nie scheint, lebt und jagt er (oder vielleicht treibt er auch wie ein alter Socken schlapp im Wasser), rauft mit gefräßigen Pottwalen (oder lässt sich ohne Gegenwehr fressen), vertilgt schnelle Fische und lahme Artgenossen (oder umgekehrt), ist schlau wie ein Fuchs (oder dumm wie eine Auster), so groß wie ein Eisenbahnwaggon (oder doch nur wie ein Wohnwagen) und bevölkert die Meere dieser Welt so zahlreich wie landwärts die Karnickel (oder ist so selten wie ein Sechser im Lotto). Richard Ellis – Riesenkraken der Tiefsee weiterlesen

Jonathan Nasaw – Angstspiel

Ein psychopathischer Mörder sucht sich seit Jahren für seine „Angstspiele“ Opfer unter den von zwanghaften Ängsten geplagten Landsleuten, um sich die „blinde Ratte“ der Langeweile für eine Weile vom Leib zu halten. Dass er sich ständig mit Drogen und Medikamenten zuknallt, hilft ihm auch nicht gerade, wieder zu Verstand zu kommen. Als ihm das FBI in Gestalt zweier Agenten auf die Schliche kommt, sieht er die Gelegenheit für zwei letzte Ruhmestaten gekommen.

Jonathan Nasaw – Angstspiel weiterlesen

Jones, Diana Wynne – Krone von Dalemark, Die (Dalemark 4)

Band 1: [„Die Spielleute von Dalemark“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=410
Band 2: [„Die heiligen Inseln“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=411
Band 3: [„Der Fluss der Seelen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=412

Im vierten Band des Dalemark-Zyklus „Die Krone von Dalemark“ geht es um die dritte Hauptperson, ein Mädchen namens Maewen. Aber auch die anderen Charaktere, die uns bisher begegnet sind, tauchen hier wieder auf, sodass alle Vorgeschichten jetzt am selben Punkt zusammengeführt sind.

Mitt ist im Norden angekommen. Aber entgegen seiner Hoffnungen hat er den Ärger mit den Grafen nicht hinter sich. Er soll für die Gräfin von Aberath und den Graf von Hannart ein junges Mädchen beseitigen. Sie heißt Noreth und glaubt, dass der Eine ihr Vater und sie selbst dazu bestimmt ist, Königin von ganz Dalemark zu werden. Mitt ist von diesem Auftrag gar nicht begeistert, doch der Graf und die Gräfin haben Hildy und Ynen in der Hand. Also macht Mitt sich schweren Herzens auf den Weg. Kaum hat er Noreth kennengelernt, da weiß er erst recht, dass er sie weder umbringen will noch kann…

Maewen ist bei ihrem Vater zu Besuch in Karnsburg. Ihr Vater arbeitet im Tannoreth-Palast, einem riesigen Museum. Maewen darf sich dort alles ansehen. Eines Tages trifft sie einen der Museumsangestellten, der gerade ein kostbares Stück aus einer Vitrine nimmt. Weil gleichzeitig sein Funkgerät piepst, bittet er Maewen, es zu ihrem Vater zu bringen. Kaum hat Maewen die Figur berührt, als Nebel sie einhüllt. Maewen findet sich in einer völlig fremden Welt wieder und unter völlig fremden Menschen. Es dauert lange, bis sie merkt, dass sie in der Vergangenheit gelandet ist, und nicht nur das. Unter ihren Begleitern befinden sich ein junger Barde, der eine ganz außergewöhnliche Quidder trägt, ein Mann namens Wend, der genau wie der Museumsangestellte aussieht, und ein junger Bursche, der sie offenbar kennt, und sie weiß nicht woher. Außerdem ist sie auch noch die Anführerin, dabei weiß sie gar nicht, worum es geht. Und zu allem Übel hört sie auch noch eine körperlose Stimme. Maewen fühlt sich gar nicht wohl in ihrer Haut, weiß aber, daß sie nicht umkehren kann, bevor sie – was auch immer – durchgestanden hat…

Diesmal herrschen wieder zwei Erzählstränge vor, der eine aus Sicht von Mitt, der andere aus Sicht von Maewen. Charakterliche Entwicklung tritt bei diesem letzten Band jedoch eher in den Hintergrund. Mitt und Moril sind da schon durch, und Maewen wächst ziemlich schnell in ihre Rolle hinein. So verschiebt sich die Gewichtung ein wenig mehr Richtung Handlung, die zum einen von Politik, zum anderen vom Kampf gegen Kankredin beherrscht wird.

Die Grafen wollen ihre Selbstständigkeit natürlich nur ungern aufgeben. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Graf von Hannart und die Gräfin von Aberath Mitt auf Noreth angesetzt haben. Und sie sind ja auch nicht die einzigen Grafen.
Die politischen Zwistigkeiten setzen sich bis in die Gruppe um Maewen fort, die aus Nord- und Südländern besteht. Streit scheint vorprogrammiert. Selbst Wend, der von politischen Angelegenheiten großteils unberührt zu bleiben scheint, hat ganz offensichtlich eine Aversion gegen Mitt. Das macht Maewen zusätzliche Schwierigkeiten.

Die körperlose Stimme, die Maewen zunächst an ihrem Verstand zweifeln lässt, ist eindeutig die eines Unvergänglichen. Obwohl sie Maewen Ratschläge erteilt, fühlt diese sich von ihr eher verunsichert. Sie versucht, so wenig wie möglich allein zu sein, denn die Stimme spricht nur, wenn sie allein ist. Zumindest scheint es so…

Zusätzlich zur bereits bekannten Magie der Quidder und der Unvergänglichen kommen hier noch einige magische Artefakte hinzu, die die Abstammung vom Adon, dem letzten König Dalemarks, anzeigen. Diese sind über ganz Norddalemark verstreut, sodass die Gruppe ständig von einem Ende zum anderen unterwegs ist. Diesmal hätte ich mir zum ersten Mal eine Karte gewünscht, denn hier häufen sich die Ortsnamen und Richtungen doch ziemlich. Leider gibt es keine.

Das Erzähltempo nimmt zum Ende hin etwas zu, erreicht aber nicht den Schwung und die Spannung, die der dritte Band bietet. Auch hier zeigt sich wieder, dass Action zugunsten von Köpfchen eher im Hintergrund steht. Der eigentliche Kampf gegen Kankredin nimmt überraschend wenig Raum ein.
Das letzte Kapitel des Buches ist sehr kurz – man könnte es fast als Epilog bezeichnen – und lässt das Ende letztlich offen. Für eine weitere Fortsetzung? Der vierte Band kam 1993 heraus. Schon eine ganze Weile her. Andererseits lagen zwischen den ersten drei Bänden, die im Abstand von je zwei Jahren entstanden, und dem vierten Band auch vierzehn Jahre Pause.

Insgesamt betrachtet, fand ich den Zyklus durchaus gelungen, auch wenn der vierte Band nicht ganz hielt, was ich mir nach dem dritten erhofft hatte. Von kleinen Logikfehlern abgesehen, hat Diana Wynne Jones eine interessante Welt erschaffen; mit Charakteren, die echt und glaubwürdig wirken, und einem Rahmen, der durch den von der Vergangenheit bis in die Zukunft reichenden Bogen fast epische Ausmaße annimmt. Für Jugendliche mit einem Faible für Fantasy auf jeden Fall zu empfehlen, aber auch für Erwachsene, die es nicht immer hochgradig kompliziert und vielschichtig brauchen.

Diana Wynne Jones lebt mit ihrer Familie in Bristol und gilt als die bedeutendste Jugendbuchautorin Großbritanniens. Viele ihrer Bücher erhielten angesehene Preise, u. a. den |World Fantasy Award| und den |Guardian Award|, wurden aber nicht alle ins Deutsche übersetzt. Unter anderem schrieb sie „Eine Frage der Balance“, „Einmal Zaubern – Touristenklasse“, und den Kinderbuch-Zyklus |Die Welt des Crestomanci|, zu dem nächstes Jahr unter dem Titel „Conrad’s Fate“ ein weiterer Band erscheinen soll.

Patterson, James – Rosenrot Mausetot

Eine Reihe von Banküberfällen und Geiselnahmen hält den Washingtoner Polizei-Psychologen Dr. Alex Cross und das FBI in Atem. Doch jeder, den sie als Verantwortlichen fangen und festnehmen, sagt ihnen: „Sie haben den Falschen erwischt!“ Denn der Drahtzieher befindet sich unsichtbar in nächster Nähe der Ermittler.

_Der Autor_

James Patterson, Jahrgang 1949, ist einer der am effektvollsten erzählenden Krimiautoren der Welt. Seine Romane wurden mittlerweile in 30 Millionen Exemplaren gelesen (besser: verschlungen). Am besten gefallen mir seine Romane um den Washingtoner Polizei-Psychologen Dr. Alex Cross.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Eine Reihe von Banküberfällen hält Dr. Alex Cross und das FBI in Atem. Bei den Überfällen finden regelmäßig unschuldige Menschen den Tod, offenbar mit voller Absicht. Die Skrupellosigkeit, Präzision und Brutalität der Ausführung schreiben sie einem „Superhirn“ genannten Planer und Leiter zu. Die eigentlichen Ausführenden, die Handlanger, leben meist nicht allzu lange nach ihrer Tat. Das Superhirn ist darauf bedacht, keine Risiken einzugehen. Will es sich nur an den Banken für ungerechte Behandlung rächen? Die Ermittler tappen im Dunkeln.

Bis das Superhirn eines Tages seinen größten Coup landet. Mitten in Washington, D.C., lässt es von seinen Handlangern einen Touristenbus entführen. Im Bus befinden sich die Kinder und Gattinnen der Manager einer Versicherung aus Hartford, Connecticut. Das Superhirn fordert 30 Millionen Dollar Lösegeld, zum Teil in Diamanten. Die Übergabe des Geldes artet zu einem demütigenden Katz-und-Maus-Spiel für die FBI-Agenten und Alex Cross aus. Doch sie haben Glück: Wenig später wird der Touristenbus in Virginia gesichtet, die Geiseln können – oh Wunder! – unverletzt geborgen werden und wenig später sind sogar die Täter in New York City ausgemacht. Was sollte das alles?

Das Superhirn ist leider nicht darunter, doch die geschnappten Täter geben Hinweise auf sein Aussehen und sogar auf seinen Aufenthaltsort. Und so kommt es, dass Alex Cross und seine Polizisten in einer psychiatrischen Anstalt Dienst tun. Nach mehreren Verfolgungsjagden haben sie zwei Verdächtige ausgemacht: Der eine hat die Banken auf dem Kieker, und der andere hat möglicherweise das Ding in Washington, D.C., durchgezogen. Doch sind sie auch das Superhirn? Denn beide behaupten: „Sie haben den Falschen erwischt.“

Alex Cross gerät heftig ins Schwitzen, als jemand beginnt, seine Kollegen vom FBI umzubringen, einen nach dem anderen, und alle waren an der Jagd auf das Superhirn beteiligt. Und dies berührt ihn ganz persönlich.

Denn wie stets in Pattersons Romanen um den Polizeipsychologen Dr. Alex Cross spielt auch dessen Privatleben eine bedeutende Rolle. Seine Familie bewahrt Cross praktisch davor durchzudrehen. In dem Vorgänger-Roman hat Cross‘ Freundin Christine Johnson schwere seelische Schäden davongetragen. Dies führt dazu, dass sie nach ihrer Befreiung und Wiedereingliederung in Job und Familie ihre Beziehung zu Cross nicht aufrechterhalten kann. Die Belastung, die Furcht durch seine Arbeit ist ihr zu viel. Lediglich ihr Sohn Alex junior darf bei ihm bleiben, doch sie selbst verschwindet.

Beim FBI lernt Cross die fähige Agentin Betsey Buccieri kennen, die die Jagd auf das Superhirn leitet, eine ebenso taffe wie humorvolle Frau. Die beiden verlieben sich ineinander, und es ist bewegend mitzuerleben, wie die beiden ihre Beziehung vertiefen. Doch die Serie der Morde an Betseys Kollegen reißt nicht ab, und so kommt, was kommen muss: Alex Cross‘ schwerste Stunde.

_Mein Eindruck_

Dieser von der ersten Szene an mit Schockeffekten gespickte Roman endet mit einer Szene, die man sich nur aus Thomas Harris‘ Hannibal-Romanen vorstellen könnte. Die Sätze kommen daher wie Hammerschläge. Und so bleibt der Leser voll Begierde zu erfahren, wie es weitergeht (in „Violets are blue“) – ein echter Cliffhanger-Schluss.

Patterson hat seine patentierte Methode, pro Minikapitel nur eine Aussage oder eine Handlung zu schildern, vervollkommnet. In wenigen Minuten erzählt er das, worauf es ankommt. Sicher entsteht dadurch zuweilen der Eindruck, dem Leser würde etwas Wichtiges vorenthalten. Doch dieser Eindruck beruht lediglich auf der Weigerung, die eigene Vorstellungs- und Einfühlungskraft zu aktivieren. Es wäre schon sehr auffällig, wenn Patterson bzw. der von sich selbst berichtende Dr. Cross auf einmal anfangen würde, seine Gefühlswelt zu sezieren und vor unserem gelangweilten Auge auszubreiten.

Dennoch bewirkt diese Erzählmethode eine Art blinden Fleck im Informationsstand des Lesers bzw. der Protagonisten. Ich habe mich mehrmals gefragt: Wenn Cross oder Betsey nur einmal für fünf Minuten nachdenken würden, dann kämen sie bestimmt endlich auf die zündende Idee. Denn an Hinweisen besteht ja kein Mangel. Man kann Cross & Co. lediglich zugutehalten, dass Superhirns Aktionen sie ständig auf Trab und derart unter Stress halten, dass sie nicht zum Nachdenken innehalten können. Auch Cross‘ Privatleben ist ja nicht ganz stressfrei. Signifikanterweise hat er seinen rettenden Geistesblitz, als er und Betsey eine Art Auszeit nehmen und es sich gut gehen lassen.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht nuancenreich, mit feiner Betonung der wichtigen Satzelemente (etwa Namen) und mit einem Gespür für das richtige Tempo und den nötigen Rhythmus einer Szene. Familien- und Liebesszenen, die Alex Cross selbst erzählt, sind in einem meist heiteren oder gar zärtlichen Ton vorgetragen. Seine Ermittlungen tragen die Handschrift des unbarmherzigen Alltags. Die Verfolgungsjagd nach der Washingtoner Entführung ist atemlos, hastend. Dem steht wieder der überhebliche Monolog des Superhirns gegenüber, das Cross‘ Aktionen spöttisch verfolgt und so für ahnungsvolle Schauder sorgt. Pleitgens flexibler Vortrag zwingt zum Zuhören. Ich habe die 356 Minuten auf fünf CDs an einem Stück angehört, weil ich einfach nicht warten konnte. Klasse.

_Unterm Strich_

Ich kann nur sagen, dass mich kaum einer der anderen Cross-Romane derartig bewegt und erschüttert hat wie „Rosenrot Mausetot“. Die Szenen aus dem Familien- und Liebesleben sind emotional und humorvoll, der Oberschurke unglaublich zynisch, das Finale hingegen packend und hammerhart – genau deshalb wohl, weil man es nicht erwartet.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
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[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
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[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915