Funke, Cornelia – Tintenherz

_Die Magie des Schreibens und Lesens_

In einer stürmischen Nacht taucht ein unheimlicher Gast bei Meggie und ihrem Vater Mo auf. Am nächsten Morgen reist Mo überstürzt mit Meggie zu ihrer Tante Elinor, die eine wertvolle Bibliothek besitzt. Dort macht Meggie eine überraschende Entdeckung. Und schon bald begreift sie, dass ihr Vater in großer Gefahr schwebt … (Verlagsinfo)

Dieses Hörbuch war in zwei Kategorien für den |Deutschen Hörbuch Preis| 2004 nominiert und platzierte sich auf der hr2-Bestenliste. Die Filmrechte an „Tintenherz“ hat das Warner-Studio New Line Cinema erworben.

_Die Aufmachung des Hörbuchs_

Im Gegensatz zur preisgünstigeren Sonderedition vom Juli 2005 (rund 40 Euro) weist die ältere Komplettausgabe (rund 70 Euro) eine bessere Ausstattung auf. Die 16 CDs stecken in vier Alben, welche sich wiederum in einem Schmuckschuber zusammenfassen lassen.

Sowohl die Steckalben als auch der Schuber sind mit Motiven aus der Buchkunst illustriert, so etwa mit zahlreichen Initialen. Diese ergeben wieder Erwarten kein Wort, doch die Initialen C. F. für Cornelia Funke sind allgegenwärtig.

Besonders schön ist jedoch die Gestaltung der vier Alben. Nicht nur hat jedes seine eigene durchgehende CD-Farbe – rot, grün, gold, schwarz – sondern ist auch an jedem CD-Steckplatz mit einer Schwarzweißzeichnung illustriert. Solche Zeichnungen zeigen Motive, die aus dem Inhalt der jeweiligen CD stammen, beispielsweise eine Steinhütte, Capricorns Dorf, eine Eidechse usw.

In jedem Album sind die Kapitelüberschriften ebenso verzeichnet wie die Titel der Musikstücke von Ulrich Maske, dem Komponisten und Produzenten. So behält man jederzeit den Überblick. Da jeder Musikclip einen eigenen Track besitzt, lässt er sich bei Nichtgefallen problemlos überspringen, sofern der CD-Player diese Funktion aufweist. Und nicht zu vergessen: Jedes Album bietet eine Kurzzusammenfassung an, quasi als Appetithäppchen.

Die Gesamtspielzeit des Hörbuchs beträgt rund 18 Stunden, denn Rainer Strecker trägt die ungekürzte Fassung vor. Damit man vom Text nicht erschlagen wird, gibt es die musikalischen Intermezzi, so dass man ein Päuschen einlegen kann.

_Die Autorin_

Cornelia Funke, geboren 1958 in Dorsten/Westfalen, ist ausgebildete Diplom-Pädagogin und hat drei Jahre als Erzieherin in Hamburg gearbeitet. Parallel dazu studierte sie an der Kunstfachhochschule für Buchillustration. Heute ist sie freischaffende Illustratorin und Autorin. Für ihre Bücher erhielt sie 2003 den Internationalen Buchpreis |CORINE| 2003 und den |Book Sense Book of the Year Award| 2003. Ihr Roman „Tintenherz“ war für den |Deutschen Jugendbuchpreis| 2004 nominiert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Die „deutsche J. K. Rowling“? Mal sehn.

_Der Sprecher_

Rainer Strecker, geboren 1965, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Er arbeitet als Schauspieler bei Film und Fernsehen sowie auf der Theaterbühne. Er stand unter anderem in Margarete von Trottas Kinofilm „Rosenstraße“ vor der Kamera. Für den |JUMBO|-Hörbuchverlag hat er zahlreiche Hörbücher gesprochen. Er lebt in Berlin.

_Handlung_

Die zwölfjährige Meggie, die allein mit ihrem Vater Mortimer „Mo“ Forchert lebt, kann wegen des Regens nicht schlafen, der an ihr Fenster trommelt. Auch eines ihrer vielen Bücher beruhigt sie nicht. Da hört sie jemanden vor dem Haus: ein Fremder. Er schaut zu ihr herein. Ihr alarmierter Vater schaut sich den Fremden an und sagt nur: „Staubfinger!“ Es ist immerhin schon neun Jahre her, seit er den Mann zuletzt sah. Das war in dem Jahr, als Meggies Mutter verschwand …

Staubfinger ist ein Gaukler, trägt drei Narben im Gesicht und stets einen Marder auf seinen Schultern. Meggie kommt es ein wenig seltsam vor, dass der Marder – er heißt Gwin – zwei winzige Hörner auf dem Kopf hat. So ein Tier hat sie in keinem ihren Lexika jemals gesehen. Aber Gwin stinkt sehr real. Ganz gegen seine Gewohnheit schickt ihr Vater Meggie wieder ins Bett, um sich mit dem Besucher ungestört unterhalten zu können. Dieser nennt Mo „Zauberzunge“, Meggie hat keine Ahnung, wieso. Aber natürlich belauscht sie die beiden. Der wichtigste Satz: „Capricorn wird kommen und das BUCH holen – er oder seine Leute.“ Von diesem Capricorn – dem lateinischen Wort für Steinbock – hat Meggie noch nie etwas gehört. Als Staubfinger zuletzt hier war, war sie ja erst drei Jahre alt.

Nachdem sich Staubfinger verabschiedet hat, wirkt Mo sehr nervös. Auf ihre vielen Fragen gibt er keine Antworten. Am Morgen fährt er mit ihr los, doch am Tor steht Staubfinger, der darauf besteht, mitzukommen. Sie fahren nach Oberitalien zu Tante Elinor. Warum laufen wir vor diesem Capricorn weg?, will Meggie wissen. Staubfinger antwortet, dass dieser Mann grausam und gierig sei und seine vielen Helfer ebenso. Und überall in Europa habe er nach dem BUCH gesucht und es entweder geraubt oder gekauft, zum Beispiel aus Ausstellungen, Antiquariaten und Privatbibliotheken. Staubfinger sagt (noch) nicht, was so besonders an dem BUCH ist, außer das es sehr schön gemacht ist. Mo hat ihr nie daraus vorgelesen. Mo liest ihr seit neun Jahren nie mehr vor …

Tante Elinors Haus ist vom Keller bis unters Dach mit Büchern voll gestellt, ähnlich wie bei Mo. Und sie hat ihre Bücher, darunter sehr wertvolle aus dem Mittelalter, mit einer Alarmanlage geschützt. So sehr sie sich mit Büchern auch auskennt – mit Kindern weiß sie rein gar nichts anzufangen. Sie lebt schon lange allein, zusammen mit den Phantasiewelten der Bücher. Aber auch sie hat, wie Meggie herausfindet, kein einziges Werk über gehörnte Marder. Mo gibt ihr sein Exemplar des BUCHes und sie versteckt es gut.

Mit einem Trick bringt Staubfinger Elinor dazu, die Alarmanlage bis spät in die Nacht auszuschalten. Prompt dringen schwarz gekleidete Männer in das Haus ein, die die Herausgabe des BUCHes verlangen. Mo, den sie in die Mangel nehmen, gibt ihnen ein Exemplar, das so aussieht. Meggie muss aus einem Versteck entsetzt mit ansehen, wie sie Mo trotzdem mitnehmen. Auch sie nennen ihn „Zauberzunge“, weiß der Kuckuck, wieso. Und was soll er für Capricorn tun? Erst als die Männer mit ihrem Vater verschwunden sind, lässt Tante Elinor Meggie aus ihrem Versteck heraus. Zu spät!

Von Elinor erfährt sie, dass sie das echte BUCH immer noch hat – sie hatte es ausgetauscht. Obwohl auf dem Einband kein Titel steht, weiß Elinor, dass es vor 38 Jahren von einem Italiener namens Fenoglio geschrieben wurde und „Tintenherz“ heißt. Darin kommen Fabelwesen wie etwa Glasmännchen, Zwerge und Feen vor. Was soll daran so besonders sein?, fragt sich Meggie. Aber um ihren Vater zurückzubekommen, will sie Capricorn das Buch anbieten. Ob der sich wohl auf den Handel einlässt?

Weil sie nicht weiß, wo sie Capricorn suchen soll, erweist es sich als hilfreich, dass Staubfinger wieder auftaucht. Elinor hat ihn schon als Verräter durchschaut, aber er hilft ihnen, das Verbotene Dorf zu finden, das an der ligurischen Küste liegen soll. Dort werden sich alle Geheimnisse und Rätsel lösen, hofft Meggie. Und sie wird hoffentlich ihren Vater zurückbekommen. Dass sie dort auch ihre Mutter finden könnte, hätte sie nie erwartet.

_Mein Eindruck_

Im Herzen der umfangreichen Abenteuergeschichte geht es um etwas ganz Elementares: die Macht, die dem Menschen mit den Fertigkeiten des Lesens und Schreibens gegeben ist. Unter „Macht“ ist im Kontext des Buches „kreative Magie“ zu verstehen, also im Grunde nichts Negatives. Doch wie jede Fertigkeit kann auch Lesen und Schreiben zu egoistischen Zwecken missbraucht werden.

|Magie des Vor-Lesens|

Mo „Zauberzunge“ – der nicht umsonst so heißt – hat bereits Magie gewirkt, als er einmal begeistert aus „Tintenherz“ vorgelesen hat, so wie nur er es kann. (Ich darf hier nicht zu viel verraten.) Und seitdem hat er die Finger vom Vorlesen gelassen. Nun soll er für Capricorn noch einmal seinen Zauber ausüben, aber zu den Bedingungen und Zielen des Schurken. Dieser braucht für seine Welteroberungspläne massenhaft Gold und Juwelen. Und wo gibt es die? In den Büchern, so etwa in „Die Schatzinsel“ oder in „Ali Baba und die vierzig Räuber“. Mos Magie soll sie „herauslesen“ aus den Büchern. Ob das wohl funktioniert? Wir sind gespannt.

|Magie des Schreibens|

Doch nicht nur Lesen bzw. Vor-Lesen ist eine Art Magie, sondern auch Schreiben. Kreatives, einfallsreiches, Welten schaffendes Schreiben. Das hat der Autor von „Tintenherz“ getan, als er seine Fantasywelt schuf. Fenoglio macht große Augen, als er seine Schöpfungen nun nicht mehr auf den Seiten spazieren gehen sieht, sondern in der Straße vor seinem Haus – um ihn und Meggie zu entführen! Dann ist natürlich Schluss mit lustig, aber Fenoglio braucht eine ganze Weile, bis ihm der blutige Ernst der ganzen Angelegenheit aufgeht. Und wieder muss er sich etwas einfallen lassen. Schnell, bevor noch mehr Schaden angerichtet wird.

|Der „Schatten“|

Denn Capricorn sehnt sich nach einem alten „Freund“: nach dem „Schatten“. Das ist eine höchst interessante Schöpfung der Autorin, und in ihrer Geschichte spielt der Schatten eine entscheidende Rolle. Denn dieses Wesen ist ein Killermonster. So wurde es geschaffen, und so will Capricorn einsetzen. Das aschgraue Wesen soll seine Opfer zu Asche verbrennen. Die Getöteten werden zu einem untoten, geisterhaften Teil des Schattens. Es ist loyal zu seinem Dienstherrn, unverletzlich, unsterblich und mitleidlos. Mithin kann nichts die Vernichtung, die der Schatten verbreitet, aufhalten. Oder doch?

|Meggies Magie|

Die Heldin der Geschichte, aus deren Blickwinkel wir die meisten Szenen sehen, ist die junge Meggie. Sie ist keineswegs der Spielball der entfesselten Kräfte von Capricorn, Mo und Staubfinger und bleibt sehr ungern in ihrem Zimmer eingesperrt. Da die Bücher schon immer ihre besten Freunde waren, liest sie daraus vor, nur um Fenoglio zu unterhalten, doch wie sich zeigt, hat auch sie die Magie einer Zauberzunge. Von nun an ist ihr Anteil am Geschehen ein ziemlich aktiver. Leider wird ihr Talent bald entdeckt und soll missbraucht werden. Ihr fällt jedoch ein ausgetüftelter Plan ein, den sie mit Hilfe ihrer Freunde in die Tat umsetzen will. Daumen drücken!

|Staubfinger|

Dieser Gaukler ist sicherlich die schillerndste Gestalt in der Geschichte, und auch diejenige, die am meisten Unbehagen bereitet. Man weiß nie, auf welcher Seite er gerade steht. Er lässt sich nicht einfach in eine Schublade schieben: „Wenn er Mo und Meggie verraten hat, muss er schlecht sein.“ So funktioniert aber die Morallehre nicht, wenn man sie auf Staubfinger anwenden will. Er hat seine eigenen Ziele und Werte, von denen die anderen nur wenig erfahren. Außerdem ist er im engeren Sinne kein Mensch, sondern ein Fremder auf dem Planeten Erde. Wie könnte man also menschliche Maßstäbe auf ihn anwenden?

Diese und eine Reihe anderer Figuren – allen voran Capricorns Scherge Basta – führen die Handlung zu einem entscheidenden Finale. Bringt es Erlösung, Frieden und Liebe? Das soll hier nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Rainer Strecker versucht jeder Figur ihre charakteristische Stimme und Klangfarbe zu geben, und bei allen Hauptfiguren ist ihm dies gelungen. Zwei Handlanger des Oberschurken Capricorn weisen beispielsweise Sprachfehler auf. Basta ist ständig heiser, aber wovon, wird nicht klar. Und Flachnase hat, wie sein Name sagt, eine plattgehauene Nase, so dass er stets etwas näselnd klingt. Wie Strecker diese Übergänge mühelos schafft, ist mir ein Rätsel und immer wieder verblüffend. Andere Sprecher bedienen sich tontechnischer Hilfsmittel, doch Strecker scheint dies nicht nötig zu haben.

Nach einer Weile kennt der Hörer auch die Stimmen von Mo, Staubfinger und Meggie mühelos heraus, denn sie weisen alle eine eigene Sprechweise auf: Mo langsam und nachdenklich, Staubfinger, ebenfalls langsam, aber etwas heiser, und Meggie klingt immer wie ein zwölfjähriges Mädchen (nur nicht so hoch). Etwas nervig klingt „Tante Elinor“, die doch allzuleicht auch mal die Nerven verliert, besonders wenn die Schwarzen Männer Capricorns etwas Kriminelles von ihr wollen.

|Die Musik|

Ulrich Maskes Musik, die mal meditativ, mal dramatisch erklingt, bietet dem Hörer, wie gesagt, zwischen den Kapiteln Verschnaufpausen zum Nachdenken. Zu hören sind Maultrommeln, mittelalterliche Weisen, orientalische Impressionen, klassische Motive. Selbst ligurische Zikaden, Kirchenglocken und mysteriöse Geräusche werden in die Kompositionen eingeflochten.

Diese Motive sind eng mit den Figuren und der Handlung von „Tintenherz“ verknüpft, wenngleich der Komponist auf Unterlegungen (Hintergrundmusik) und Blenden zur Pausenmusik aus dramaturgischen Gründen verzichtet, wie der Verlag mitteilt. Musik und Text sind klar voneinander getrennt, aber die musikalischen Motive basieren auf Motiven des Textes. Ein ganzheitliches Klangerlebnis durch eine orchestrale Unterlegung des Vortrags gibt es also nicht. Das würde auch besser zu einem Hörspiel passen.

Mir hat die Musik wenig gefallen, denn ihr Grundprinzip ist relativ mechanisch: Es ist meist ein 4/4-Takt, wie mir scheint, was nicht gerade für Abwechslung sorgt. Die Kadenz mit dem Akkordwechsel wird über die Tonika, Subdominante und Dominante ausgeführt und variiert. Sehr simpel. Klingt wie auf dem Computer komponiert. Über der einfachen Basis liegen jedoch sehr einfallsreich arrangierte Instrumente und Samples aus der Natur – siehe oben. Ohne Variation, das wussten schon die Römer, kommt eben keine Freude auf.

_Unterm Strich_

„Tintenherz“ ist eine spannende Entdeckungsreise in die Reiche der Phantasie, wenn diese unsere Welt heimsuchen. Das Buch entpuppt sich als Allegorie auf die entfesselten „Zauberkräfte“ des Vor-Lesens und Schreibens. (Das hätte Professor Tolkien allerdings überhaupt nicht gefallen, wage ich zu vermuten, denn er lehnte alles Allegorische ab.)

Der Schlüssel zum Miterleben des Buches liegt im Mitfühlen von Meggies Erlebnissen. Junge Menschen können dies wahrscheinlich besser als erwachsene, aber auch für Letztere bietet das Buch etwas: die Einsicht, dass die Verantwortung für alles, was man mit Sprache oder Schrift erschafft, nicht mit der Veröffentlichung – sei es privat oder publik – endet, sondern dort erst beginnt.

|Das Hörbuch …|

… ist eine künstlerische Umsetzung, mit der so mancher seine Mühe haben wird. Einerseits wurde hier das Wort der Autorin bis zum Maximum respektiert, andererseits fordert die resultierende Textfassung Sitzfleisch: 18 Stunden wollen erst einmal bewältigt werden. Die schöne Ausstattung des substanziellen Pakets entschädigt allerdings für diese Mühe. Es ist ganz klar ein Sammlerobjekt.

Auch die Musik fordert Gewöhnung und Annäherung, auch wenn sie beim ersten Hören recht angenehm klingt. Die Kompositionen sind eigenwillig, im Sinne von originell. Aber dass der Rhythmus und der Aufbau der über 50 kurzen Stücke (= 16 mal drei bis vier) selten variiert wird, führte bei mir aus Überdruss zu einer Abwehrreaktion. Diese Reaktion ist sicherlich nicht im Sinne des Erfinders und dürfte, so steht zu hoffen, nur bei den wenigsten Zuhörern auftreten.

|Die Fortsetzung|

… ist bereits unter dem Titel „Tintenblut“ erschienen, und zwar sowohl in Buch- als auch in Hörbuchform. Ich wünsche Letzterem eine ebenso sorgfältige Produktionsweise, wie sie an „Tintenherz“ festzustellen ist.

|ca. 18 Stunden auf 16 CDs
auch als Einzelpakete à 4 CDs|

Lawrence, David – Kreis der Toten, Der

|“Vier Menschen sitzen im Kreis –
Zwei Frauen und zwei Männer.
Alle blicken nach innen, alle sind leicht vorgebeugt,
als starrten sie etwas an, das in der Mitte des Kreises liegt.
Alle vier sind tot.“|

Detective Stella Mooney ermittelt in einem der seltsamsten Fälle ihrer Laufbahn. Was hat die vier älteren Menschen dazu getrieben, sich selbst umzubringen? War es etwa ein ritueler Selbstmord, der von einer geheimen Sekte befehligt wurde? War es überhaupt ein groß angelegter Suizid? Und wer waren diese vier Menschen überhaupt?

Stella arbeitet in einem der zwielichtigsten Viertel von London, nämlich in Notting Hill, einerseits ein bekanntes Mode-Viertel, in dem sich die extravagantesten Menschen herumtreiben, andererseits aber auch ein sozialer Brennpunkt mit einer großen Drogenszene und der wohl stadtintern höchsten Prostitutionsrate. Und in die letztgenannte Szene ist Mooney, so stellt sich alsbald heraus, anscheinend hineingeraten. Die erste Spur führt sie nämlich in die Welt eines der entdeckten Opfer, eines gewissen Jimmy Stone, der sich sein täglich Brot mit dem Verkauf von Erinnerungsstücken blutiger Mordanschläge verdiente. Er ist auch der Einzige in der Gruppe, der offensichtlich durch einen Fremdeingriff ermordet wurde, so dass sein Umfeld als Erstes überprüft wird. Monney findet heraus, dass Stone nicht nur mit obskuren Gegenständen handelte, sondern auch für die Gangsterfamilie Tanner arbeitete. Offensichtlich hat er sich deren Unmut zugezogen und wurde so zum gefährdeten Spielball der Mafiosi.

Die Vermutung eines rituellen Selbstmords hat Stella Mooney derweil völlig abgelegt, denn immer tiefer führt sie die Spur in die Londoner Unterwelt und schließlich auch bis zu besagter Gangsterfamilie. Doch die Polizei scheint machtlos gegen das organisierte Kriminalunternehmen, das scheinbar überall seine Finger im Spiel hat. Einen Mord konnte man den offensichtlichen Verbrechern jedoch noch nicht nachweisen, bis nun die Leiche von Stone aufgetaucht ist. Mooney und ihr neuer Gehilfe John Delany, der eigentlich nur als Journalist an dem seltsamen Fall interessiert war, suchen nun nach Beweisen, um die kompromisslose Familie wegen ihres neuesten Opfers endlich hinter Gitter zu bringen und den Machenschaften des Tanner-Konzerns endgültig ein Ende zu setzen – aber ihre Gegner kennen keine Gnade …

Der Titel und auch die Beschreibung auf dem Backcover von „Der Kreis der Toten“ sind sehr kryptisch. Vermutet man nämlich hier einen zeitgemäßen Psychothriller mit scheinbar religiösem Hintergrund, stellt sich bereits nach wenigen Seiten heraus, dass es sich bei dem Fall um einen ‚ganz normalen‘ Mord handelt, bei dem lediglich die Hintergründe ein wenig verzwickter sind. Das soll nun nicht falsch verstanden werden, denn dies mindert die Qualität des Inhalts keineswegs. Einigen wir uns also darauf, dass das von David Lawrence bereits 2002 veröffentlichte Buch eher eine Mischung aus Mafia-Thriller und Kriminalroman ist.

Vom Inhalt her ist die Geschichte aber wirklich sehr intensiv und auch vielschichtig dargestellt. David Lawrence hat nämlich ganz nebenher auch noch ein detailliertes Bild über die gesellschaftlichen Unterschiede und die dadurch entstehenden Randgruppen, die auch das moderne London bevölkern, gezeichnet, bei dem er vor allem dem organisierten Verbrechen sein Hauptaugenmerk schenkt. Lawrence erzählt von Menschenhandel, Prostitution, Mord und dem nackten Kampf ums Überleben und untermalt seinen fiktiven Text hierbei mit einem durchaus authentischen Rahmen, der einerseits erschreckend wirkt, der düsteren, beklemmenden Atmosphäre des Buches aber sehr zugute kommt. Besonders dramatisch ist diesbezüglich die Darstellung der bosnischen Nutte Zuhra Hadžic, die bei ihrer Flucht aus dem heimischen Kriegsgebiet, in dem ihre Eltern vor ihren Augen brutal ermordet wurden, Menschenhändlern auf den Leim geht und schließlich auch im Netz des Tanner-Clans landet.

Die zunächst erhoffte Sicherheit in einem fremden Land entpuppt sich für das Mädchen als Schein, und bevor es sich versieht, hat es sie in London noch schlimmer angetroffen als im Land des Bürgerkriegs. Unter Aufsicht der Handlanger der Tanners führt sie als Prostituierte ein menschenunwürdiges Leben, das sie wahrscheinlich nur noch durch ihren Tod mit Stolz erfüllen kann. Doch mit dem jüngsten Mord ergibt sich für sie eine unerwartete – und sicherlich die einzige – Chance, ihrem brutalen Schicksal zu entkommen und trotz ihrer grausamen Geschichte endlich Frieden zu finden. Doch Zuhra ist ängstlich, weil sie weiß, dass ein falscher Schritt von den Tanners sofort mit ihrem letzten verbliebenen Gut, dem Leben, bezahlt wird. Und genau diese Angst beschreibt Lawrence wirklich sehr schön, wenngleich er sich nie zu konzentriert diesem Thema widmet. Stattdessen meistert er dies über die teils sehr emotionslose Darstellung der Londoner Unterwelt und ihrer Gefangenen, die ihm schließlich im Falle des bosnischen Mädchens am besten gelungen ist.

Die Kriminalgeschichte profitiert somit auch ständig von diesen gelungenen Portraits und schreitet in ziemlich flottem Tempo voran. Gleichzeitig fällt es auch nicht schwer, in die Geschichte hineinzufinden, denn der Autor steigt sofort beim Mordszenario und dem Totenkreis ein und kommt auch mit der Vorstellung der Hauptcharaktere zügig auf den Punkt. Insgesamt hat Lawrence so eine nahezu perfekte Mischung aus gehörigem Erzähltempo, bedrohlich-authentischer Atmosphäre, starken Charakterzeichnungen und toller Story gefunden, die zwischendurch mit zahlreichen Höhepunkten aufwarten kann und darüber hinaus auch bis zum Ende spannend bleibt.

Unterm Strich ergibt das einen fabelhaften Kriminalroman, der mittendrin teilweise sehr hart ist (Lawrence beschreibt die Gewaltexzesse ziemlich ausführlich), sprachlich sehr eigenwillig erscheint und nicht selten zutiefst unter die Haut geht. Mit diesem Debütwerk hat sich der Autor direkt in die Liste der besten seines Faches eingereiht, daher auch eine ganz klare Empfehlung für „Der Kreis der Toten“.

Hohlbein, Wolfgang – Verfluchten, Die (Die Chronik der Unsterblichen, Band 8)

Seit einer Ewigkeit – und das ist hier wörtlich zu verstehen – reisen die Gefährten Andrej Delany und der Nubier Abu Dun nun bereits durch die Weltgeschichte. Das Rätsel um den Ursprung und die Geheimnisse ihrer Existenz als Vampyre treibt sie unermüdlich voran. Mehr als einmal haben sie auf ihrer gemeinsamen Reise Kopf und Kragen riskiert, nur um einer noch so vagen Spur nachzugehen. Mehr als einmal musste ihre Freundschaft einer Zerreißprobe standhalten und mehr als einmal war das Angebot aufzugeben allzu verführerisch. Und doch haben sie ihren Weg nie aus den Augen verloren.

Länger als ein Menschenleben währt nun schon ihre Freundschaft, die im fernen Transsylvanien des 13. Jahrhunderts unter einem unglücklichen Stern begonnen hat. Als Feinde standen sich die beiden ungleichen Charaktere auf dem Sklavenschiff des Nubiers gegenüber und kämpften erbarmungslos auf Leben und Tod.

Nun stehen sie Seite an Seite im Sand der lybischen Wüste und haben Jahrhunderte ins Land gehen sehen, Kriege ausgefochten und nur in wenigen Momenten gespürt, wie sich Frieden im Herzen anfühlt. Beide haben sie auf dem langen Weg Geliebte und Freunde verloren und einzig die Erkenntnis gewonnen, dass Vertrauen und Aufrichtigkeit zu den rarsten Eigenschaften der Menschen gehören. Geblieben ist ihnen ihre Freundschaft, die unter der Fassade von sarkastischen Sticheleien tiefer geht, als sie sich jemals eingestehen würden. Bis jetzt.

Nachdem sie gemeinsam Himmel und Hölle erlebt haben, droht nun das Band zwischen ihnen zu zerreißen. Der Grund – wie könnte es anders sein – sind eine Frau und unangenehme Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.

Seit Tagen sind die beiden Helden von einem Meer aus Sand und Fels umgeben und fernab jeglicher Zivilisation – so scheint es. Doch ehe sie sich der Gefahr bewusst werden, tritt ihnen eine Horde Sklavenhändler entgegen. Zwar bedarf es nur weniger Schwerthiebe und Faustschläge um der Situation Herr zu werden, doch insbesondere bei Abu Dun hinterlässt diese Begegnung Spuren.

Er vermutet hinter diesen Sklavenhändlern jene Organisation, die auch ihn einst versklavte und, als Folge dieser Gefangenschaft, auf den Weg brachte, selbst Sklavenhändler zu werden. Nach unablässiger Suche scheint der Nubier nun dem Versteck dieser Bande auf die Schliche gekommen zu sein. Doch der einzige Weg, Zugang zu ihrer Festung zu bekommen, scheint, sich freiwillig in die Hände seiner Todfeinde zu begeben. Andrej, der nur wenig Begeisterung für dieses selbstmörderische Vorhaben aufbringen kann, bringt es dennoch nicht über das Herz, seinen Freund im Stich zu lassen.

Doch als sie dem Oberhaupt Ali Jhin und seiner Räuberhorde unbewaffnet gegenübertreten, kommen ihnen berechtigte Zweifel am Sinn ihres Plans. Etwas voreilig scheinen sie sich in dieses Abenteuer gestürzt zu haben.

Als wäre diese Erkenntnis nicht Strafe genug, muss Abu Dun zusehen, wie sein bester Freund dem Zauber einer mysteriösen und unheimlichen Frau verfällt – Meruhe, Gefangene und im selben Moment Herrin der Sklaven mit uneingeschränkten Befugnissen.

Nicht das erste Mal bedroht eine Frau das Schicksal ihres gemeinsamen Weges, aber nie stand ihre Freundschaft derart auf Messers Schneide. Zu allem Überfluss in einem Moment größter Bedeutsamkeit für die beiden Vampyre, denn sie treffen auf Wesen ihrer Art, die so alt wie die Erde selbst sind. Noch nie waren sie so nahe daran, das Geheimnis um ihre Unsterblichkeit zu lüften.

An dieser Stelle wäre es fatal, auch nur ein weiteres Wort zum Inhalt zu verlieren, denn Wolfgang Hohlbein schafft es über die gesamten 530 Seiten, die Spannung auf einem abscheulich hohen Niveau zu halten. Abscheulich, weil der Leser des Gefühls der inneren Anspannung und nervenzerreißenden Erwartung auf die folgenden Seiten einfach nicht abkömmlich wird. Um nicht vollständig das Nervengerüst zum Einsturz zu bringen, spickt Hohlbein den Text mit feinsten Spitzen schwarzen Humors und einem guten Maß an Action. Für Liebhaber der Buchreihe sind diese Kriterien wohl aber eher sekundär. Was zählt, ist schließlich der Inhalt. In diesem Punkt lässt es sich leider nicht ohne kritische Worte auskommen.

Ein Manko, das auch in den Vorgängerbüchern schon zum Tragen kam, ist die Wiederholung einiger Handlungsschemata. Die schöne Unbekannte mit dem dunklen Geheimnis, die Freundschaft der Protagonisten auf dem Prüfstand, .. alles schon gehabt. Was in Band sieben noch ungeheuer gestört hat, kompensiert Hohlbein hier durch die Dynamik seiner Erzählung und gleicht es durch Fortschritte in der Gesamthandlung aus. Explizit soll das heißen, dass der rote Faden, die Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit, endlich weitergesponnen wird. Während die vorangegangenen Episoden eher schmückendes Beiwerk waren (man hätte sicherlich inhaltlich auf Band 3 und 7 gut verzichten können), wird hier wieder fokussiert und der Blick auf das Wesentliche gerichtet. Zumindest in dem Rahmen, den ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt des vorliegenden Bandes ihm lässt. Denn bedeutsam ist selbstredend auch der längst überfällige Einblick in die Vergangenheit des Nubiers. Während Andrejs Geschichte bereits mit den ersten Bänden wesentlich abgedeckt ist, bleibt Abu Dun über lange Strecken zweidimensional. Allein aus diesem Grund ist das Buch bereits ein Gewinn für die Serie.

Summa summarum lässt sich festhalten: Nichts Neues, aber viel Gutes. Der achte Band der |Chronik der Unsterblichen| macht endlich wieder Lust auf mehr.

© _Stefanie Borgmann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Baxter, Rob / Fitch, Bob / Johnson, Luke u. a. – World of Warcraft – The Roleplaying Game (Grundregelwerk)

|Nach dem bahnbrechenden Erfolg des Online-Rollenspiels war es nur eine Frage der Zeit, bis die D20-Ausgabe eine Neuauflage erfahren würde.|

_von Dominik Cenia
mit freundlicher Unterstützung unseres Partnermagazins http://www.ringbote.de/ _

Das alte „Warcraft“-D20-Buch war nicht mehr als ein Setting, ohne wirklichen Regelanteil. Man benötigte also die entsprechenden D20-Regelbücher, um in die Welt von Azeroth einzutauchen. Die übrigen Informationen waren über weitere Quellenbücher verteilt. Eine Reihe von weniger gelungenen Illustrationen und die manchmal etwas merkwürdige Verteilung des Quellenmaterials machten aus „Warcraft“-D20 einen Exoten, der irgendwie nicht so richtig ankommen wollte.

Diese Fehler hat man sich zu Herzen genommen und dem Regelwerk eine komplette Frischzellenkur verpasst. Auf fast 400 vollfarbigen Seiten im Hardcover präsentieren sich die neuen Regeln für „World of Warcraft“. Das Besondere: Das Buch enthält alle Grundregeln, die für D20 notwendig sind. Damit hat man mit dem Buch quasi ein komplettes, eigenes D20-Rollenspiel und nicht einfach nur eines von vielen Settings.

Die neuen Regeln sind jedoch trotz einiger Änderungen weiterhin mit den alten Quellenbücher kompatibel. Gerade das alte „Manual of Monsters“ oder das „Alliance & Horde Compendium“ sind zum Beispiel weiterhin zu gebrauchen (wobei |Blizzard| hier bereits zwei neue Bücher angekündigt hat). Inhaltlich orientiert sich das Buch aber stärker an dem MMORPG von |Blizzard|. Namen, Skills, Feats und Charakterklassen lehnen sich vom Begriff her eher an das Computerspiel als an den üblichen D20-Terminologien an.

Die alten Regeln des „Warcraft“-Rollenspiels hatten das Problem, dass die Rassen von der Stärke her unausgeglichen waren. Ein Taure mit Lvl. 10 war einfach stärker als ein Mensch auf dem gleichen Level. Unabhäng von der Klassen waren einfach die allgemeinen Startbedingen und Grundboni zu unausgeglichen verteilt. Das neue Regelwerk hat genau dieses Problem in Angriff genommen. Ab sofort ist es möglich, so genannte „Racial Levels“ aufzusteigen, also quasi Stufen innerhalb einer Rasse. Dies stellt die innere Stärke und Einigkeit dar, die ein Charakter gegenüber seines Volk hat. Ein Taure taucht damit tiefer in die spirituelle Welt seiner Ahnen ein, während ein Mensch mehr und mehr anfängt, sich mit den Werten der Allianz zu identifizieren. Dies bringt weitere Vorteile mit sich und sorgt dafür, dass die einzelnen Rassen deutlich ausgeglichener sind.

Der „Arcanist“ und der „Healer“ sind zwei neue Charakterklassen, die sich wiederum in die bekannten Schulen wie etwa „Mage“, „Warlock“, „Necromancer“ respektive „Druid“, „Shaman“ und „Priest“ unterteilen. Wer jetzt jedoch Bedenken hat, dass es nur die Charakterklassen aus dem Online-Spiel gibt, kann beruhigt sein. Auch andere Klassen wie der „Barbarian“, „Scout“ und „Tinker“ haben es in das Buch geschafft – nicht zu vergessen eine ganze Reihe von Prestige-Klassen.

Es gibt Regeln für den Einsatz von Hero Points, und die Regeln für Verwundungen und das Ableben von Charakteren wurden ein wenig überarbeitet. Da die WoW-Welt eher für ein heroisches Spiel gedacht ist, starten die Spieler schon zu Beginn mit recht mächtigen Charakteren. Auch bei der Magie wurde Hand angelegt. Durch das neue „Slot-System“ können die Spieler nun wesentlich flexibler ihre Zauber aussuchen und für jeden Tag neu festlegen.

Das wären auch schon alle Änderungen. Der Rest besteht aus einzelnen Verfeinerungen und Umformulierungen. Das etwas komplizierte Kapitel über „Technological Devices“ wurde jedoch nicht überarbeitet.

Man kann so ziemlich alle Rassen übernehmen, die für das Schicksal der Welt von Azeroth eine Rolle spielen. Nacht- und Hochelfen, Menschen, Goblins, Gnome, Zwerge, Tauren, Orks, Trolle und die „verlassenen“ Untoten stehen zur Auswahl. Natürlich bietet es sich an, vor dem Spiel festzulegen, ob man lieber auf der Seite der Horde oder der Allianz spielt. Gerade der Konflikt zwischen den beiden Gruppen macht einen Großteil des Spiels aus. Gemischte Gruppe sind zwar auch möglich, doch stellt sich dann immer die Frage, was beispielsweise ein Mensch und ein Verlassener zusammen mit einem Gnom und einem Ork vor den Toren von Stormwind machen wollen.

Neben den Regeln zur Charaktererschaffung, zur Magie, zum Kampf, zu den Skills, zur Ausrüstung und zu den Feats, bietet das Buch einen umfangreichen Regionalteil, der sich mit der Geschichte von Azeroth und den Reichen Kalimdor, Lordaeron, Khaz Modan und Azeroth beschäftigt. Kenner des Online-Rollenspiels werden sich sofort wie zu Hause fühlen, denn die Beschreibungen der einzelnen Länder decken sich 1:1 mit denen aus dem Computerspiel. Leider hat man bei der Karte und den Beschreibungen auf einen Maßstab verzichtet. Schade, denn dadurch hat man nur den relativ kleinen Maßstab aus dem MMORPG im Kopf. Nur leider passt das überhaupt nicht zu einem Pen&Paper-Rollenspiel. Denn wie soll man eine ausführliche Reise etwa durch Schnee, Eis und Kälte ausspielen, wenn man auch einfach mit dem Greif von Stormwind nach Ironforge in nur wenigen Minuten fliegen kann? Hier müssen die Macher noch ein paar Dinge ausbessern, weil das Rollenspiel sonst leicht zu einer Karrikatur des MMORPGs von |Blizzard| verkommen kann.

Gut gelungen ist das Kapitel über Alignment, Affiliation und Faiths. In der „World of Warcraft“ gibt es weder Gut noch Böse. Beide Seiten, sowohl die Horde als auch die Allianz, haben ihre Gründe, einen ständigen Kampf ums Überleben zu führen, sehen ihren Gegner aber jeweils als „Böse“ an. So können also „gute“ Charaktere von beiden Seiten sich gegenseitig bekämpfen, in dem Glauben, dass ihr Gegner das absolut Böse darstellt. Ein Paladin kann also sein äquivalentes Gegenstück, zum Beispiel einen Ork-Schamanen, ruhigen Gewissens angreifen, obwohl eigentlich beide den fast gleichen moralischen Kodex haben.

In der „World of Warcraft“ gibt es nur wenige Götter. Die so genannten „Alten“, das heilige Licht, Naturgeister und die Mondgöttin „Elune“ bilden die wenigen spirituellen Kräfte der Welt. Gerade die Orks oder die Nachtelfen ziehen ihre Religion vor allem aus der Verehrung ihrer Urahnen oder Vorfahren. Die Menschen haben eine weit philosophischere Sicht der Dinge, und die Tauren glauben daran, dass alle Elemente und Dinge der Welt einen eigenen Geist besitzen (woran die Verlassen jetzt so glauben, ist nicht genauer erklärt). Auch die „brennende Legion“ kommt nicht zu kurz, darf die meiste Zeit aber als nur als „der böse Feind“ herhalten, auf den sowohl die Horde als auch die Allianz mit Freuden einschlagen dürfen.

Das phantastische neue Layout und die Tatsache, dass es sich bei dem Buch um ein komplett spielbares Regelwerk und nicht nur ein Setting handelt, täuschen nicht über die Tatsache hinweg, dass es sich trotzdem nur um eine „verbesserte“ Neuauflage des Spiels handelt. Besitzer des alten Rollenspiels sind also nicht wirklich genötigt, das neue Regelwerk zu kaufen. Die meisten Änderungen sind natürlich sinnvoll und ausgereifter. Wer jedoch mit den bisherigen Regeln gut zurechtgekommen ist, wird auf die neuen Ideen auch nicht unbedingt angewiesen sein. Hinzu kommen ein paar versteckte Fehler im Layout. So wurden etwa einige Überschriften in der falschen Schrift platziert, was einfach unschön aussieht.

_Fazit:_ Das Buch stellt einen guten Einstieg in die Welt der Rollenspiele dar. Die Illustrationen stammen beispielsweise direkt aus dem Online-Rollenspiel, sodass vor allem Quereinsteiger, die Azeroth bisher nur vom Monitor her kennen, schnell einen Zugang zu dem System finden können. Bleibt nur die Frage, ob wir in Zukunft die gleichen „spannenden“ Quests des Computerspiels erleben dürfen. Mir persönlich graut es schon vor solchen Abenteuern wie „Fliegt mit dem Greif von Ironforge in den Wald von Elwyn und bringt mir zehn Defias-Kopftücher“. Um „World of Warcraft“-D20 richtig spielen zu können, muss man also die Abläufe des Computerspiels aus seinem Hirn verbannen. Für alte Hasen kein Problem, doch für Neueinsteiger wohl schwer zu vollziehen. Vielleicht fördert das Spiel dadurch in den falschen Händen ein wenig zu sehr das sogenannte „Powergaming“. Wobei ich das natürlich nicht hoffen will …

http://www.warcraftrpg.com/

Paul Stewart – Twig bei den Himmelspiraten (Die Klippenland-Chroniken II)

Band 1: „Twig im Dunkelwald“

Nachdem Twig im ersten Teil der „Klippenland-Chroniken“ auf der langen Reise durch den Dunkelwald seinen Vater bei den Himmelspiraten entdeckt hat, geht die Geschichte um den nun etwas reiferen Jungen weiter. Gemeinsam mit seinem legendären Vater und dessen Mannschaft zieht er hier auf eine weitere spannende Reise, die wieder einmal von Hörbuch-Genius Volker Niederfahrenhorst erzählt wird. War die erste Geschichte schon sehr gut, kann sich das Ganze in der Fortsetzung sogar noch einmal steigern, denn die Action und die Spannung nehmen bei „Twig bei den Himmelspiraten“ nochmals zu – leider aber auch die Zahl der Todesopfer, die im Verlaufe der Produktion anfallen …

Paul Stewart – Twig bei den Himmelspiraten (Die Klippenland-Chroniken II) weiterlesen

Dickens, Charles / Gruppe, Marc – Fröhliche Weihnachten, Mr. Scrooge!

_Bewegend: Die Bekehrung des Geizhalses_

1843 am Heiligen Abend im weihnachtlichen London: Für den grimmigen Geldverleiher Ebenezer Scrooge ist Weihnachten nicht mehr als verabscheuungswürdiger „Humbug“. Erst die Besuche seines verstorbenen Teilhabers Jacob Marley sowie der Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht bewirken eine Wandlung. Aus dem stadtbekannten Geizhals wird ein liebenswerter Menschenfreund. Scrooge beginnt, den wahren Wert des Weihnachtsfestes zu erkennen.

_Der Autor_

Charles Dickens (1817-70) ist mit ziemlicher Sicherheit der bedeutendste Romanschriftsteller in der englischen Sprache (mit der Betonung auf „Roman“). Zu seinen bedeutendsten Werken zählen die verfilmten Romane „Oliver Twist“, „David Copperfield“, „A Tale of Two Cities“, „Nicholas Nickleby“ und das düstere „Bleak House“ (1853). Er veröffentlichte praktisch alle seine Romane vorab in Zeitschriften und Magazinen und machte sie so extrem populär. Dickens letzter Roman „Das Geheimnis des Edwin Droodge“ blieb unvollendet, was zu mehreren Versuchen Anlass gab, ihn zu vollenden, u. a. vom Autorenpaar Fruttero/Lucentini.

Von „A Christmas Carol“ gibt es zahllose Versionen, natürlich auch für die Bühne. Ich selbst habe einmal das gesamte Stück von nur einem Mann aufgeführt gesehen: phänomenal!

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Erzähler und Geist 1: Friedrich Schoenfelder (dt. Stimme von Vincent Price, David Niven u.a.)
Ebenezer Scrooge: Christian Rode (dt. Stimme von Sean Connery und Christopher Lee)
Geist 2: Peer Augustinski (dt. Stimme von Robin Williams u.a.)
Geist 3 und William Fezziwig: Heinz Ostermann
Mrs. Dilber: Arianne Borbach (dt. Stimme von Uma Thurman, Catherine Zeta-Jones u.a.)
Mrs. Fezziwig: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates, Whoopi Goldberg)
Annie Cratchit: Daniela Hoffmann (dt. Stimme von Julia Roberts)
Bob Cratchit: Herbert Schäfer
Martha Cratchit / Fanny Scrooge: Theresa Mertens
Tiny Tim Cratchit / Straßenjunge / Scrooge als Junge: Lucas Mertens
Belle / Julie: Manja Doering
Fred: Alexander Doering
Außerdem sind die deutschen Stimmen von Reese Witherspoon, Natalie Portman, Telly „Kojak“ Savalas, Ally McBeal und anderen zu hören.

Das Hörspiel wurde von Marc Gruppe geschrieben, der auch Regie führte. Er produzierte es zusammen mit Stephan Bosenius. Die schöne, filmische Musik trug Manuel Rösler bei, sie wurde von |Bionic Beats| aufgenommen und gemischt.

_Handlung_

London 1843. Es ist Heiligabend, der 24. Dezember, und der Geldverleiher Ebenezer Scrooge, Londons stadtbekannter Geizhals, ist ohne jeden Zweifel überzeugt davon, dass sein Teilhaber Jacob Marley seit vier Jahren unter der Erde ist. Dennoch erscheint ihm Marleys Geist an diesem Abend – mit einer besonderen Botschaft.

Alle Menschen wünschen einander „Fröhliche Weihnachten!“. Alle? Nein, Ebenezer Scrooge, 55, hält das Fest und alles, was damit zusammenhängt, für reine Geschäftemacherei und den allergrößten Humbug, den man sich vorstellen kann. Er ist eben eine Krämerseele. Seinem Buchhalter Bob Cratchit zahlt er einen Hungerlohn und der Mieterin Mrs. Wilkins droht er mit dem Rauswurf, sollte sie ihre Hypothekenrate nicht bezahlen können. Nicht nur dem Spendensammler und einem singenden Jungen weist er die Tür, sondern auch seinem eigenen Neffen Fred, der ihm einen Weihnachtsbaum bringen will. Scrooge hat gute Verwendung dafür: als Feuerholz.

Bob Cratchit erbittet von Scrooge, früher gehen zu dürfen, da es ja schließlich Weihnachten sei und er nach seinem kranken Sohn Tiny Tim und seiner Familie sehen müsse. Erst will Scrooge nichts davon hören, gibt dann aber nach. Aber Cratchit muss nacharbeiten: am 25.12., komme, was da wolle!

Nachdem alle gegangen sind, stößt Scrooge einen tiefen Seufzer aus und stöhnt erleichtert: „Endlich Ruhe!“

Zu früh gefreut. In diesem Moment taucht Jacob Marleys Geist auf. Er rasselt mit Ketten, die ihn zu einem Schreckgespenst machen. Die habe er für seine schlechten Taten verpasst bekommen. Aber er warnt Scrooge, seinen ehemaligen Teilhaber, eindringlich vor weiteren schlechten Taten, wie Scrooge sie heute begangen habe. „Bessere dich!“ Und er kündigt das Kommen dreier Geister an: um Mitternacht, um drei und um sechs Uhr morgens. Scrooge lacht ihn aus, und Marley verschwindet.

Schlag zwölfe erscheint im Wandschrank der Geist der vergangenen Weihnacht. Denn wir fragen uns natürlich, was für ein Kind Scrooge früher einmal war. Nach dem frühen Tod seiner Mutter lebte er vor allem im Internat und strengte sich an, um den Ansprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Sogar an Heiligabend. Da holt ihn seine Schwester Fanny ab, damit er bei seiner Familie feiern kann. Jetzt kommen Scrooge erste Gewissensbisse wegen des Jungen, den er weggeschickt hat. Fanny starb als verheiratete Frau und hinterließ nur ein Kind: seinen Neffen Fred.

1811 lernte er bei dem lebenslustigen Kaufmann William Fezziwig in London. Sie feiern zusammen mit Mrs. Fezziwig und der Nichte Belle einen schönen familiären Heiligabend. Unterm Mistelzweig dürfen sich, wie es alte englische Sitte ist, Jungs und Mädels küssen – und das tun Ebenezer und Belle auch. Sie werden ein Paar, denn Mr. Fezziwig macht ihn zum Teilhaber und Partner in der Firma. Am 24.12.1817 jedoch beging Scrooge eine Riesendummheit: Er hatte seine Verlobte Belle schon fünf Jahre auf die Hochzeit warten lassen, und jetzt stellt sie ihn vor die Wahl. Er hört gar nicht richtig zu, sondern brütet über der Kasse. Ja, er fordert sogar Geld von ihrem Vater zurück, der bei ihm Schulden hat. Mit Schmerzen erinnert sich der gegenwärtige Scrooge an Belles Fortgehen.

Aber es soll für ihn noch viel schmerzhafter werden, als die Geister der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht bei ihm erscheinen und ihn mit auf die Geisterreise nehmen …

_Mein Eindruck_

Die Geschichte vom bekehrten Geizhals ist schon in ihrem Ursprung an Familien und Kinder gerichtet gewesen. Dickens schrieb sie, um die lesende, d.h. gebildete und besitzende Klasse auf die Misere der besitzlosen und ausgebeuteten Menschen in London und allgemein in ganz England aufmerksam zu machen. Zerbrochene oder unvollständige Familien, kranke oder verkrüppelte Kinder wie Tiny Tim gehören zu seinem Standardpersonal. Selbst der Straßenjunge, der Weihnachtslieder trällert, tut dies nicht aus Spaß oder Übermut, sondern um einen Penny oder zwei zusammenzukratzen – vielleicht ist das genug, um im Armenhaus zu überleben.

Dies ist das Lumpenproletariat, das die Industrielle Revolution erzeugt hat, als sie ihnen die traditionelle Landarbeit oder ihr Handwerk wegnahm, die entwurzelten Menschen in die Städte zog und dort in Elendsquartieren vegetieren ließ. Dieser Zustand dauerte nicht etwa nur fünf Jahre an, wie mancher heutige Zeitgenosse hoffen mag, sondern mindestens hundert Jahre. Überträgt man die ökonomischen Bedingungen auf Länder der Dritten Welt, so findet man sie heute in Lagos, Rio de Janeiro und Mexiko City. Und zunehmend wohl auch bei uns, denn der Bevölkerungsanteil unter der Armutsgrenze steigt nicht erst seit Hartz IV unaufhaltsam an.

|Das Patentrezept?|

Gibt es Hoffnung auf Besserung, hat sich Dickens sicherlich gefragt. Die Antwort ist sein „Christmas Carol“. Wenn sich nur ein schlechter Mensch zum Guten bekehrt, so ist das Leben und Glück von mindestens fünf oder sechs Familien gerettet. Dies ist die Wirkung, die Scrooges nächtliche Bekehrung auf seine unmittelbare Umgebung ausübt. Natürlich wird er von denkenden Menschen wie seinem Neffen Fred zunächst misstrauisch beäugt, was zu der recht lustigen Vermutung führt, dass Scrooge nun völlig durchgeknallt sein müsse.

Aber was ist es denn nun eigentlich, das Scrooges rasante Bekehrung herbeiführt? Er hat drei Grundsätze mit Marley geteilt, so etwa „Zeit ist Geld“ und „Weihnachten etc. ist Humbug“. Seine direkten und indirekt betroffenen Opfer halten ihm christliche Grundsätze entgegen, an die er zunächst nicht glaubt: „Man soll die Hoffnung nie aufgeben“, sagt Tiny Tim Cratchit, und „Es ist nie zu spät, sich zu ändern“. Denn erst Hoffnung und Liebe im Familienkreis scheinen das Glück zu garantieren. Aber was ist, wenn man nicht an sie glaubt – so wie Scrooge? Dann sind sie nämlich bedeutungslos.

|Wohl doch nicht!|

Es ist letzten Endes wohl der Schrecken, der ihm in die Glieder fährt, als er durch den Geist der künftigen Weihnacht sieht, dass er erstens selbst unbetrauert diese Welt verlassen wird und zwar schon bald – und zweitens, dass er ganz direkt am Tod von Tiny Tim, also einem unschuldigen Kind, schuld sein wird. Scrooge ist noch Christenmensch genug, um sich an einen Kern erinnern zu können, der Nächstenliebe kannte, und diesen zu reaktivieren.

Die spendablen Gesten, die er jedoch auf einmal an den Tag legt, verblüffen nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch uns. Dieser Wandel kommt ganz schön abrupt. Aber weil die ganze Geschichte sowieso das Wesen eines Wunders und den Anstrich einer Parabel hat, kann man auch diesen plötzlichen Wandel hinnehmen, ohne sich gleich am Kopf zu kratzen.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Macher dieser Hörspiele suchen ihren Vorteil im zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb der Hörbuchproduktionen offensichtlich darin, dass sie dem Zuhörer nicht nur spannende Gruselunterhaltung bieten, sondern ihm dabei auch noch das Gefühl geben, in einem Film voller Hollywoodstars zu sitzen. Allerdings darf sich niemand auf vergangenen Lorbeeren ausruhen: bloßes Namedropping zieht nicht, und So-tun-als-ob ebenfalls nicht.

Die Sprecher, die vom Starruhm der synchronisierten Vorbilder zehren, müssen selbst ebenfalls ihre erworbenen Sprechfähigkeiten in die Waagschale werfen. Zum Glück machen sie dies in hervorragender und glaubwürdiger Weise. Statt gewisse Anfänger zu engagieren, die mangels Erfahrung bei den zahlreichen emotionalen Szenen unter- oder übertreiben könnten, beruht der Erfolg dieses Hörspielverlags ganz wesentlich darauf, dass hier zumeist langjährige Profis mit schlafwandlerischer Sicherheit ihre Sätze vorzutragen wissen. (Wir wissen allerdings nicht, welche Pannen ihnen dabei unterlaufen sind. Fest steht aber, dass keine Pannen oder Fehler zu hören sind.)

|Musik und Geräusche|

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde. Da heult und seufzt der Wind durch die Ritzen der Fenster, kratzt der Gänsekiel von Bob Cratchit, klirren Ketten und klingen Gläser, läuten die Kirchenglocken.

Aber gewisse Sounds werden auch effektvoll überhöht. Da heult nämlich ständig der Wintersturm auf der Straße vor dem Haus von Scrooge. Und wenn der Furcht erregende Geist der künftigen Weihnacht auftritt wie der leibhaftige Tod, so besitzt er keine natürliche Stimme, sondern eine elektronisch verfremdete, die dem Zuhörer Schauder verursacht. Auch die Stimmen aus Scrooges Erinnerung erlangen durch Halleffekte eine ganz andere Qualität, die viel eindringlicher wirkt als normale Sprechakte.

Die Musik gibt sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder; so ist sie zunächst melancholisch, als vom Tode Marleys erzählt wird, wird aber sofort fröhlich und festlich, als Heiligabend gefeiert wird – außer natürlich von Scrooge. Sie wird wehmütig, als der Geizkragen sich selbst als zehnjährigen Jungen am 24.12.1798 sehen kann. Der stimmungsmäßige Tiefpunkt wird mit der Enthüllung von Scrooges potenziellem Sterbedatum auf seinem Grabstein erreicht: 24.12.1844. Zum Glück lässt sich Scrooges durch diesen Schrecken bekehren, so dass am Schluss nicht die Trauerglocken läuten, sondern eine fröhliche und zuversichtliche Hymne das Finale bestreitet.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel zu dem bekannten Weihnachtsklassiker von Charles Dickens, sehr aufwendig produziert, unterhält den Zuhörer wie ein schöner Spielfilm, der das Anliegen, das Gute im Zuschauer zu wecken, zu transportieren weiß. Die moralische Botschaft, die schon im Original steckt, wird auch im Hörspiel recht dick aufgetragen. Und da mögen die Schauspieler noch so gekonnt sprechen, die Geräusche noch so echt erscheinen und die Musik noch so emotional sein – dieses Werk spricht in erster Linie Familien und Kinder an, nicht aber eingefleischte Singles und Weihnachtsboykottierer. Diese dürften sich wie Scrooge wehmütig daran erinnern, wie schön es einstmals war, als sie noch Teil einer Familie waren. Vielleicht trägt das Hörspiel dazu bei, sie wieder in die menschliche Gemeinschaft zurückzuführen. Denn: „zu zweit ist man weniger allein“.

|Originaltitel: A christmas carol in prose, 1843
120 Minuten auf 2 CDs|

Carroll, Jonathan – Schlaf in den Flammen

_Rumpelstilzchens Enkel_

Schon mal vor dem eigenen Grab gestanden? Schon mal wiederauferstanden? Hieß Ihr Vater vielleicht Rumpelstilzchen? Fahren Sie nach Wien und/oder lesen Sie diesen Roman – ein außergewöhnliches Erlebnis ist Ihnen in jedem Fall gewiss.

_Handlung_

Der Roman beginnt wie ein Traum, der zu schön ist, um wahr zu sein. Den amerikanischen Schauspieler und Drehbuchautoren Walker – Carroll kennt sich im Filmgeschäft aus – verbindet eine enge Freundschaft mit dem extravaganten, aber durchaus genial zu nennenden Regisseur Nicholas. Auf einer gemeinsamen Reise lernt Walker eine Freundin von Nicholas kennen, die in seinen Augen wunderschöne Maris.

Maris kann er Wien zeigen, eine uralte Stadt, die bei Carroll, der hier an der American International School lehrt, so viel Magie und Rätsel enthält wie etwa „Alice im Wunderland“. Mit Maris kann Walker frei von der Leber weg reden und seine ganz persönlichen Beobachtungen besprechen, die er im Lauf des Tages so sammelt. Mit ihr kann er aber auch über Probleme sprechen, und das trifft sich gut, denn in nächster Zeit beutelt ihn das Schicksal doch ein wenig: Nicht nur sein Leben, auch ihres scheint bedroht zu sein.

Schließlich ist es zunächst einmal kein so wahnsinnig angenehmes Erlebnis, sein eigenes Grab zu entdecken, samt lebensechtem Konterfei auf dem Grabstein. Merkwürdig nur, dass der Mann, der nur einen Meter unter Walker liegt, bereits seit 30 Jahren tot ist.

Ein irrsinnige Achterbahnfahrt beginnt, in deren Verlauf Walker erkennen muss, dass er schon viele Male gelebt hat und immer wieder von seinem eigenen Vater umgebracht worden ist – bis jetzt. Und der Vater heißt – ach, wie gut, dass niemand weiß! – Rumpelstilzchen. Carroll hat den Leser schnurstracks ins Grimm’sche Wonderland entführt. Walker fragt sich, warum ausgerechnet er jenes Kind war, das sein „Vater“ der Königin stahl. Er verfällt auf die Lösung, die er in Hollywood gelernt hat: Er versucht, das Grimm’sche Drehbuch zu ändern! Doch die Brüder Grimm haben noch andere Pfeile im Köcher …

_Fazit_

Es ist eine wahre Lust, sich in das Labyrinth zu stürzen, das der Vollbluterzähler Carroll in diesem Roman bereithält. Es gibt reichlich Verwicklungen, und unter anderem tauchen wieder Figuren aus dem Roman „Laute Träume“ (Bones of the Moon) auf. Diese Verwicklungen sorgen nicht nur für eine hakenschlagende Handlung, sondern auch für eine Empfindungsskala, die von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt reicht.

Wer nicht auf Mord und Totschlag schielt, sondern auch mal wieder ein niveauvoll erzähltes Werk genießen möchte, der wird mit „Schlaf in den Flammen“ bestens bedient. In den letzten Jahren hat sich Carroll mehr der Krimiseite der Literatur zugewandt. Ich kann aus dieser Zeit zum Beispiel sein Buch [„Pauline, umschwärmt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1306 sehr empfehlen.

Nachbemerkung: Ein Freund erzählte Carroll einmal, er habe in Russland an einem Grab gestanden, auf dessen Grabstein ein Foto eingelassen war, das Carroll zum Verwechseln ähnlich sah … Das könnte also auch Ihnen passieren.

|Originaltitel: Sleeping in flame, 1988
Aus dem Englischen übertragen von Peter Bartelheimer|

Marillier, Juliet – Königskinder, Die (Unter dem Nordstern 1)

In den letzten Jahren haben die australischen Autorinnen unaufhaltsam den deutschen Markt erobert. Nach Sara Douglass und Elisabeth Haydon erscheinen nun auch von Juliet Marillier verstärkt Romane. Schon bei |Knaur| ist eine Trilogie um „Die Tochter der Wälder“ erschienen, in der sie die Zeit des 9 Jh. lebendig werden lässt und ihre keltischen Wurzeln heraufbeschwört.

In ihren neuen Zyklus „Unter dem Nordstern“ entführt sie den Leser in eine frühere Zeit. Im Schottland des 6. Jahrhunderts ringen mehrere gälische und piktische Königreiche um die Macht. In dieser Zeit wird Bridei in Wales geboren, doch seine Eltern geben ihn schon früh in die Obhut des Druiden Broachan, der ihn mit in den fernen Norden nimmt. Von nun an ist das Leben des Kindes von Lernen bestimmt. Dazu gehören nicht nur Lesen, Schreiben und Lehren über die Natur und das Recht, sondern auch handfestere Tugenden wie die Kriegskunst.

Unter den zufriedenen Blicken des alten Druiden und seines Haushaltes entwickelt sich Bridei prächtig. Nur in einem wehrt er sich gegen das Machtwort seines Ziehvaters und der anderen. Er will das zur Wintersonnenwende gefundene Mädchen nicht seinem Schicksal überlassen. Obwohl es kein Mensch zu sein scheint, möchte er die Kleine immer in seiner Nähe wissen und sich um sie kümmern.

So bleibt die kleine Tuala auch im Haushalt des Druiden und widersteht mehreren Versuchen, sie loszuwerden, wenn Bridei nicht da ist und über sie wachen kann. Mit zunehmendem Alter lässt sie sich weniger gefallen, erfährt aber auch von ihrer Herkunft durch zwei geheimnisvolle geflügelte Wesen. Diese machen ihr klar, dass sie ein Kind des Waldes ist – ein Feenmädchen, das den Göttern näher steht als den Menschen.

Als sie fast fünfzehn Jahre alt ist, gibt es jedoch kein Ausweichen mehr. Menschen, die sie früher gemocht haben – so wie ihre Amme, ziehen sich von Tuala zurück, und der Druide verlangt von ihr, dass sie sich nun entweder entschließt, einen Mann zu heiraten, oder aber in die Schule der Weisen Frauen zu gehen.

Das Mädchen hat keine andere Wahl, denn Bridei weilt mittlerweile in einem anderen Haushalt, um dort seine Studien zu vertiefen und eine erste Bewährungsprobe in der Schlacht hinter sich zu bringen. Denn mittlerweile ist er ein Mann und man darf ihm nicht länger vorenthalten, welches Schicksal man ihm zugedacht hat …

Magische Waldwesen, ein Kind, das zwischen den Welten steht und ein auserwählter Junge, der erst noch seine Lehrzeit hinter sich bringen muss – das sind genau genommen die Zutaten fast aller Fantasy-Romane, in denen die mythische Vergangenheit Englands mitsamt den keltischen Wurzeln heraufbeschworen wird.

Da macht auch „Die Königskinder“ keine Ausnahme. Zwar sind Bridei und einige andere Figuren historisch belegte Personen, aber da hört es auch schon auf. Da man im Grunde sehr wenig über die Pikten, ihre Kultur und den Kontrakt/die Vermischung mit anderen Völkern – gerade zu dieser Zeit – weiß, nimmt sich Juliet Marillier die Freiheit, eine Ausbildung zu schildern, die sich überhaupt nicht von denen anderer keltischer Helden unterscheidet.

Da gibt es den weisen Lehrmeister, der seinen Schüler manchmal auch recht despotisch in die Schranken weist, den jungen und allzu klugen Helden, der zu viel zu oft hinterfragt, und das geheimnisvolle Mädchen, das seinen mystischen Weg erst noch entdecken muss und irgendwie doch zu seiner Gefährtin bestimmt ist.

Etwa die Hälfte des Buches wendet Juliet Marillier für die Kindheit von Bridei und Tuala auf, erst dann wird es spannender, als beide ihre eigentlichen Wurzeln entdecken und feststellen müssen, dass sie auch Feinde haben, die ihnen ans Leben oder sie grob voneinander trennen wollen. Es geht dabei sehr gefühlvoll zu – Bridei kommt lange nicht darüber hinweg, dass ein väterlicher Freund den für ihn bestimmten Becher mit Gift getrunken hat.

„Die Königskinder“ dürfte vor allem Lesern gefallen, die von gefühlvollen keltischen Helden und einer scheinbar magischen Liebesgeschichte nicht genug bekommen können und denen es auch nicht wichtig ist, dass die eigentliche Handlung kaum Geheimnisse birgt und eher flach dahinplätschert.

Alle anderen Leser dürften sich mehr oder weniger durch den zähen Roman mit seinen erheblichen Längen, altvertrauten Klischees und flachen Charakteren quälen und ihn vielleicht noch vor dem Ende genervt beiseite legen.

© _Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Schwekendiek, Margret – Gefrorene Zeit (Titan-Sternenabenteuer 21)

Band 18: [Spur ins Parakon]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1951
Band 19: [Tabu-Planet]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1966
Band 20: [Die Anachronisten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1967

Nach dem letzten Band hat sich die Spannung des |Parakon|-Zyklus immer näher zu einem Höhepunkt bewegt, der nun mit „Gefrorene Zeit“ wieder langsam abklingt. Im vierten und finalen Buch dieser Serie innerhalb der „Titan“-Reihe wird die gesamte Geschichte aufgelöst, jedoch weitaus schneller, als das so manchem Leser lieb sein mag. Margret Schwekendiek, die hier alleine verantwortlich zeichnet, lässt die Erzählung zum Schluss hin in sich zuammenbrechen und klärt die wichtigsten Ereignisse innerhalb von wenigen Seiten auf. Die gesamte Spannung, die man über immerhin drei Bücher aufgebaut hat, wird mit einem Schlag weggefegt, und irgendwie ärgert man sich darüber auch ein wenig, denn schließlich haben die Autoren auch vorher nie mit genauen Beschreibungen gegeizt und die Geschichte durchgehend schön ausgeschmückt. Dies ist hier allerdings nicht der Fall; im Gegenteil, ständig werden Szenarien aus der Vergangenheit neu zitiert, was für diejenigen, die erst mit diesem Band einsteigen, sicherlich auch willkommen ist. Aber man darf insgeheim ja schon erwarten, dass alle Leser sich dem Zyklus von Anfang an widmen, und genau diese müssen jetzt nicht erneut vorgekaut bekommen, was sich auf dem Planeten T’earr zugetragen hat, oder warum Eleni Demetrios nun in der Krankenstation der Asteroidenwerft liegt. Und das sind nur einige der Fakten, die man hier neu aufgesetzt bekommt …

_Story_

Die Besatzung der TITAN hat sämtliche Systeme auf dem Planeten T’earr mit Hilfe der Antitronik lahmgelegt, um so auch sicherzustellen, dass man auf der Flucht von diesem seltsamen Ort nicht erneut verfolgt und angegriffen wird. Für die T’earron hat dies entsetzliche Folgen: Die gesamte Kontrolle über den Planeten geht verloren und in Windeseile bricht in der sonst so geordneten Welt die Anarchie aus. Weil die stellaren Impulse nun auch nicht mehr empfangen werden können, besteht für die Rasse der T’earron die Gefahr, völlig ausgelöscht zu werden. Doch ein Regierungsmitglied hat für den Ernstfall vorgesorgt und entsendet als letzten Rettungsanker ein verstecktes Schiff, das nicht in den Sog der Antitronik geraten ist, um die Menschen an Bord der |TITAN| um Hilfe zu bitten. Doch die trauen dem Braten nicht ganz, zumal die Besatzung des entsandten Schiffes sich bei der Kontaktaufnahme nicht besonders klug anstellt und versehentlich auf das Schiff der Menschen schießt …

Währenddessen sucht die Spezialeinsatztruppe der Space Police, die Pioneers, weiterhin nach einer Spur der Entführer von Amos Carter. Man hat mittlerweile herausgefunden, wer genau hinter den Anschlägen steckt, und so weiß man auch, dass die Entführer absolut keine Skrupel haben und nicht davor zurückschrecken würden, den Vorsitzenden der CRC auf der Stelle zu töten. Schließlich entdeckt man das feindliche Schiff in den Ringen des Saturn, verliert es aber ständig wieder aus den Augen und plant deshalb, den Entführern bei ihrer Rückkehr zur Asteroidenwerft eine Falle zu stellen. Als Sicherheitschef Thomas Chiavelli dann aber über Funk ein Bild des bereits furchtbar entstellten Carter gesendet bekommt, überschlagen sich die Ereignisse, und die Vorbereitungen für einen Hinterhalt laufen auf Hochtouren …

_Meine Meinung_

Bewegt man sich in der ersten Hälfte des Buches noch vornehmlich auf dem bekannt hohen Niveau – selbst wenn die mehrfachen Rückblenden irgendwann zu stören beginnen – kann es der Autorin später gar nicht schnell genug gehen. Zwischenzeitlich wird man den Eindruck nicht los, als wollte Margret Schwekendiek die Sache endlich zu Ende bringen und keine neuen Gedanken mehr spinnen und verfolgen. Ein sehr gutes Beispiel ist der Zwist zwischen der Besatzung der |TITAN| und den T’earron. Enorm ausschweifend wurde im Voraus die Geschichte dieses Volkes mit all ihren Besonderheiten erzählt, und auch die anarchischen Zustände, die auf dem Planeten T’earr vorherrschen, kommen in „Gefrorene Zeit“ noch sehr gut herüber. Doch dann wird in der Kürze der noch verbleibenden Zeit zügig heruntergerasselt, dass das Volk Hilfe braucht, die |TITAN| trotz aller Bedenken zur Rettung eilt und das war’s dann.

Ein anderes Beispiel ist die Entführung von Amos Carter: So zügig, wie dieser Teil der Handlung auf den letzten Seiten aufgelöst wird, kann die Spannung kaum abflachen. Den Leser hätten hier sicherlich noch einige Einzelheiten mehr interessiert, doch die kann Schwekendiek nicht liefern. Im Grunde genommen wäre hier vorher noch genügend Potenzial für zwei Bände dagewesen, aber man hat sich dann schließlich entschieden, alles in einem zu bündeln. Das hätte ganz bestimmt auch noch irgendwie anständig funktionieren können, jedoch hätte man dann von den vielen Rückblicken auf die vergangene Geschichte absehen sollen, denn die davon betroffenen Tatsachen sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon allesamt bekannt gewesen.

„Gefrorene Zeit“ ist deswegen zwar immer noch kein schlechtes Buch, aber als Abschluss eines so guten Zyklus hätte man sich eine etwas umfassendere Darstellung und eine breiter gefächerte Auflösung der Story gewünscht. Ich kann meine Enttäuschung jedenfalls nicht verbergen und finde es irgendwie schade, dass man zum Ende die Lektüre nicht in gebührendem Maße abschließen kann. Wer die Serie aber bis hierhin verfolgt hat, muss natürlich auch dieses Buch lesen – trotz aller Kritik.

Und trotz aller Kritik freue ich mich jetzt auch schon auf den neuen Zyklus, bei dem sich die „Titan-Sternenabenteur“ in den Bereich Social-Fiction bewegen werden. Mehr dazu demnächst in der Rezension zu „Todesanzeigen“, dem Folgeband.

http://www.blitz-verlag.de/

Gaiman, Neil – Coraline – Gefangen hinter dem Spiegel

|Wenn es draußen regnet, rückt die Welt in die Ferne. Wirklichkeit und Phantasie verlieren sich fast aus den Augen. Wer im Spätherbst Geburtstag hat, weiß, was gemeint ist. Während Schulkameraden Grillfeste veranstalteten, saß man bei schlechtem Wetter drinnen und war mit sich selber beschäftigt. Nach innen gekehrt. Die Hauptfigur in dem neuen Buch von Neil Gaiman ist ein Mädchen namens Coraline Jones. Auch sie wüsste, was gemeint ist.|

Coraline liebt es, sich nach Innen zurückzuziehen, in ihre Phantasie. Wenn es draußen regnet, wenn sämtliche Videos schon angeguckt und wenn alle Bücher schon gelesen sind, dann wird es langweilig. Ihr Vater sitzt den ganzen Tag am Schreibtisch und arbeitet. Ihre Mutter ist entweder unterwegs oder hat etwas Wichtiges zu tun. Missmutig sitzt sie am Fenster und beobachtet, wie die Regentropfen am Glas hinunterlaufen. In ihrer Phantasie ist es besser. Dort ist irgendwie alles aufregend.

Für Coraline hat die Realität schon nach wenigen Tagen an Glanz verloren. Obwohl sie und ihre Eltern erst vor kurzem in das alte Haus eingezogen sind, gibt es hier nicht mehr viel Neues zu entdecken. Den alten Tennisplatz hinterm Haus, den verwilderten Garten und das Brunnenloch kennt sie schon. Die beiden alten Schauspielerinnen Miss Spink und Miss Forcible und ihre weißen Terrier kennt sie schon. Den verrückten Herrn, der angeblich einen Mäusezirkus trainiert, kennt sie schon. Und die Sommerferien dauern sechs Wochen, das ist verdammt lange für ein kleines, aufgewecktes Mädchen.

Das einzige Ding, was Coralines Interesse noch weckt, ist die Tür in der guten Stube. In der Küche hängt ein alter, schwerer Schlüssel, mit dem sie sich öffnen lässt. Dahinter ist eine Mauer, hinter der eine andere, leer stehende Wohnung liegt. Angeblich jedenfalls. So recht mag Coraline den Erklärungen ihrer Mutter nicht glauben. Für das Mädchen wird die Tür zur Grenze, die sich in jeder Aliceonade verbirgt, zum Kaninchenbau, zum Schrank nach Narnia oder zur Unendlichen Geschichte auf den Knien von Bastian Balthasar Bux. Ihre Vorstellungskraft hat endlich ein Loch in der Wirklichkeit entdeckt, durch das sie schlüpfen kann. Was Coraline hinter der Tür findet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur so viel: Es wird unheimlich.

Neil Gaiman beschäftigt seit Jahren nur ein Thema: das Verhältnis von Wirklichkeit und Phantasie. Seine berühmte Comic-Serie „The Sandman“ kündet ebenso davon wie die Romane „Sternwanderer“ und „Niemalsland“. Für Gaiman ist die Phanatsie ein essenzieller Teil der menschlichen Existenz. Er ist ein Träumer, der sich mit seinem Werk trotzig in den rauen Wind von Rationalität und Sachlichkeit stellt. Als Autor sind Träume sein Metier, und es ist ein wahres Glück, dass er immer wieder zauberhafte, sehr persönliche Lesejuwelen ersinnt. Coraline ist ein gutes Beispiel dafür. Als wolle er uns zwischen den Zeilen zuflüstern: Hört nicht auf zu träumen.

http://www.neilgaiman.com

Interview mit Andreas Brandhorst

Tobias Schäfer:
Hallo Andreas, ich bin hocherfreut, dich in unserem Magazin begrüßen zu dürfen! Für alle, die Andreas Brandhorst etwas näher kennen lernen wollen: Wer bist du und was treibst du so?

Andreas Brandhorst:
Ich bin 1956 in Norddeutschland geboren und schreibe, seit ich schreiben gelernt habe. Inzwischen lebe ich seit über zwanzig Jahren in meiner Wahlheimat Italien, wo ich nach dem Ende meiner zweiten Ehe (mit einer Italienerin) geblieben bin, weil ich dieses Land, seine Leute und Kultur sehr liebe. Lange Zeit habe ich vor allem übersetzt, aber seit einigen Jahren schreibe ich auch wieder selbst.

Tobias Schäfer:
Was sagst du zu dem »Vorwurf«, neuer Shooting-Star der deutschen Science-Fiction zu sein?

Andreas Brandhorst:
Zum Glück bezeichnet man mich nicht als Nachwuchsautor, denn immerhin werde ich nächstes Jahr 50! 🙂 Shooting-Star … Na ja, ich mag diesen Ausdruck nicht sehr, denn immerhin bin ich seit fast dreißig Jahren als Profi in der deutschen SF tätig und habe schon damals Romane geschrieben und an den legendären Terranauten mitgewirkt. Aber: In gewisser Weise hat er durchaus seine Berechtigung, denn ich sehe einen klaren Unterschied zwischen meinem heutigen Werk und der damaligen Arbeit. Heute bin ich einfach reifer, viel reicher an Lebenserfahrung, und ich gehe mit einem ganz anderen Anspruch an die Schriftstellerei heran. Der Andreas Brandhorst von heute ist ein anderer als der von damals. Als »Star« sehe ich mich allerdings nicht. 🙂

Tobias Schäfer:
Durch das Kantaki-Universum hast du die deutschen Science-Fiction-Leser auf dich aufmerksam gemacht. Seit »Diamant« im Mai ’04 auf den Markt kam, kann man dich zu den produktivsten Schriftstellern des Genres rechnen. In den Jahren reiner Übersetzertätigkeit hat sich deine Kreativität anscheinend stark gestaut?

Andreas Brandhorst:
»Diamant« im Mai ’04, es folgte »Der Metamorph« im Januar ’05 und »Der Zeitkrieg« im Oktober ’05. Wenn man berücksichtigt, dass ich vor dem Erscheinen von »Diamant« ca. ein Jahr an dem Roman gearbeitet habe, so sind das drei Romane in 29 Monaten (ohne »Exodus der Generationen«). Das ist eigentlich nicht übermäßig produktiv, oder? An Kreativität hat es mir nie gemangelt (die braucht man auch fürs Übersetzen), aber ich schreibe heute sehr langsam und sehr, sehr sorgfältig, etwa drei Seiten pro Tag, aber jeden Tag – das sind etwa tausend Seiten im Jahr, also anderthalb dicke Romane. Es geht mir heute vor allem um die Qualität und nicht um die Quantität. Ich hoffe, das merkt man den Romanen an.

Tobias Schäfer:
Da kann ich dich beruhigen 😉 Der umfassend ausgearbeitete Hintergrund zu den Romanen um Valdorian und Lidia bietet Raum für unzählige noch unerzählte Geschichten. Die fremden Völker des Universums üben einen besonders großen Reiz aus. Jedes von ihnen hat eine spannende Geschichte, die anfangs ziemlich schwarz-weiße Weltsicht hat sich schließlich im »Zeitkrieg« verwischt. Was passiert nun mit den Temporalen, Kantaki, Feyn? Und vor allem: Was ist mit den Xurr? In dieser Hinsicht lässt du den Leser sehr erwartungsvoll zurück.

Andreas Brandhorst:
Ich habe sehr viel Zeit und Mühe in die Ausarbeitung des Hintergrunds für das Kantaki-Universum investiert, denn so etwas lohnt sich: Als Autor bekommt man dadurch eine große Bühne mit vielen Kulissen, um Geschichten zu erzählen. Natürlich kann ich hier nicht verraten, was aus den bisher geschilderten Völkern wird, obwohl mein Computer viele entsprechende historische und chronologische Daten enthält. (Hoffentlich fordere ich mit diesem Hinweis keine Hacker-Angriffe heraus …) Es ist wie mit einem Eisberg: Nur ein kleiner Teil zeigt sich über Wasser, der Rest bleibt darunter verborgen. Bisher kennen die Leser nur einen winzig kleinen Teil des Kantaki-Universums. In den nächsten Büchern wird es bestimmt die eine oder andere Überraschung geben …

Tobias Schäfer:
Vor allem im letzten Band »Der Zeitkrieg« drängen sich die hintergründigen Informationen. Hättest du die Geschichte lieber noch ein wenig ausgedehnt?

Andreas Brandhorst:
Nein, eigentlich nicht. »Der Zeitkrieg« beantwortet viele Fragen, die in »Diamant« und »Der Metamorph« offen blieben. Der große Kreis schließt sich zu Recht in diesem Band; ein vierter Roman hätte alles nur gedehnt und langatmig gemacht. Aber es bleibt auch das eine oder andere offen, was mir Gelegenheit gibt, vielleicht noch einmal darauf zurückzukommen: auf Olkin und das Flix, oder auf die Xurr … 🙂

Tobias Schäfer:
Rückblickend kann man sagen, dass dir der Charakter »Valdorian« am stärksten am Herzen lag. Über ihn hast du die Suche nach dem ewigen Leben neu erzählt. Was macht für dich die Faszination dieser Figur und/oder dieses Themas aus?

Andreas Brandhorst:
Ich glaube, dass in jedem Bösen etwas Gutes steckt, und dass jeder Gute auch einmal böse werden kann. Die Komplexität des menschlichen Wesens fasziniert mich, und ich glaube, die kommt im Valdorian gut zum Ausdruck, wenn man seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus über die drei Romane hinweg verfolgt. Außerdem beschäftige ich mich immer mehr mit dem Leben an sich und dem Tod, einem Thema, dem sich keiner von uns entziehen kann. Der Tod, welch eine Verschwendung: Man verbringt das ganze Leben damit, Wissen zu sammeln und Erfahrungen zu machen, klüger zu werden, und dann, in einem Augenblick, geht das alles verloren. Und die verschiedenen Straßen des Lebens, die Diamant und Valdorian beschreiten: Oftmals gibt es nach einer getroffenen Entscheidung kein Zurück mehr. Wir alle müssen versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen, und genau dieser Gedanke hat ja zunächst die verschiedenen Lebensentscheidungen von Diamant und Valdorian bestimmt.

Tobias Schäfer:
Für manche Leser mag die Wandlung Valdorians zu plötzlich erfolgen. Wie antwortest du auf Vorwürfe der Unglaubwürdigkeit? Kommt so was überhaupt vor?

Andreas Brandhorst:
Nein, bisher sind solche Vorwürfe noch nicht aufgetaucht, oder mir zumindest nicht bekannt. Valdorian ist, wenn man genau hinsieht und aufmerksam liest, eine sehr komplexe Person, zuerst mit einem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, der dann aber sogar zu seinem Idol wird. Es gibt in allen drei Romanen Stellen, die seinen inneren Zwist zeigen, seine Zerrissenheit – er ist nie schwarz oder weiß, sondern grau. Die Konfrontation mit Diamants Einstellungen zum Leben verändert ihn nach und nach, und ein wichtiges Schlüsselerlebnis in diesem Zusammenhang ist die Begegnung mit seiner Mutter in »Der Zeitkrieg«. Er beginnt zu verstehen, dass Dinge, die er für unwichtig gehalten hat, tiefe Bedeutung haben, und er denkt darüber nach. Er fängt an, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und auch die Welt (das Universum), in der er lebt. All diese subtilen Veränderungen schlagen schließlich als Quantität in Qualität um. Ein neuer Valdorian wird geboren, und damit schließt sich für ihn ein eigener Kreis: Er, der am Ende seines Lebens nach neuer Jugend strebte, erneuert sich im Tod.

Tobias Schäfer:
Wo wir gerade bei den Lesern waren: Wir leben ja im Zeitalter der ungehemmten Kommunikation. Stehst du in engem Kontakt mit Menschen, die erst durch deine Geschichten an dich herangetreten sind? Kannst du dich vor Leserpost kaum retten oder traut sich niemand an dich heran?

Andreas Brandhorst:
Es ist nicht so, dass ich jeden Tag zwei Säcke Post bekäme … 🙂 Für die Leser gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Da wäre zum Beispiel das Forum der Kantaki-Site [down, Anm. d. R.] wo ich mich bemühe, jeden Beitrag zu beantworten. Abgesehen davon bekomme ich erstaunlich viele E-Mails und frage mich manchmal, woher die Schreiber meine E-Mail-Adresse kennen. Auch in diesem Fall versuche ich, jede Mail zu beantworten.

Tobias Schäfer:
In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Anekdote aus dem Perry-Rhodan-Werkstattband, wo William Voltz ständig unangemeldeten Besuch seiner Leser bekommt. Wirst du manchmal persönlich behelligt oder beschränkt sich diese Art Kontakt auf Cons?

Andreas Brandhorst:
Da ich in Italien wohne, kommt es (fast) gar nicht zu solchen Überraschungsbesuchen. Es gab nur eine Ausnahme, vor zwei Jahren … 🙂 Vor etwa 25 Jahren, als ich noch in Deutschland wohnte und Romane für die Terranauten schrieb, kam es öfter vor, dass plötzlich Leute vor meiner Wohnungstür standen, in einem Fall eine Gruppe von sieben oder acht Jugendlichen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und gemütlich miteinander geplaudert …

Tobias Schäfer:
Dein erster Beitrag zum sogenannten »Perryversum« war erstens eine Überraschung und stellt zweitens einen unbestrittenen Höhepunkt der Serie dar. Wie bist du dazu gekommen? Ist nach deinem Roman »Die Trümmersphäre« weiteres Engagement in der Serie geplant?

Andreas Brandhorst:
Dazu gekommen ist es durch ein Gespräch im Heyne Verlag, im Oktober 2003, glaube ich, wo Sascha Mamczak, der mit Klaus Frick in Verbindung stand, das Lemuria-Projekt ansprach. Ich hatte gerade »Diamant« fertig gestellt, und mich reizte die Vorstellung, einen Beitrag für das Perryversum zu schreiben, das für mich als 12/13-Jähriger praktisch der Einstieg in die SF war – ich habe die Romane damals regelrecht verschlungen. »Die Trümmersphäre« habe ich nach dem »Zeitkrieg« geschrieben, und dieser zweite Beitrag für das Perryversum war aus mehreren Gründen extrem harte Arbeit. Nach der Fertigstellung dieses Romans dachte ich mir: Jetzt nimmst du dir erst einmal eine Auszeit und widmest dich ganz deinen eigenen Projekten. Damit ist die Frage praktisch schon beantwortet: Eine weitere Mitarbeit meinerseits bei PR ist derzeit nicht konkret geplant, was sie aber mittel- oder gar langfristig nicht ausschließt.

Tobias Schäfer:
Was erwartet die Leser in deinen nächsten eigenständigen Romanen? Kannst du dazu zu diesem Zeitpunkt schon etwas verraten?

Andreas Brandhorst:
Ja, ich denke, ich kann hier ein kleines Geheimnis lüften. Derzeit arbeite ich an »Feuervögel«, einem Roman, der im Oktober 2006 bei Heyne erscheinen wird, aller Voraussicht nach als erster Band einer neuen Trilogie; die Arbeitstitel für den zweiten und dritten Band lauten »Feuerstürme« und »Feuerträume«. Und: Diese neuen Romane sind im Kantaki-Universum angesiedelt, allerdings in einer aus Valdorians und Diamants Sicht fernen Zukunft. Vom Umfang her werden die neuen Romane den ersten drei Kantaki-Romanen ähneln. Was den Inhalt betrifft … (Schnitt)

Tobias Schäfer:
Als Schriftsteller scheinst du ziemlich ausgebucht zu sein. Da wirkt es erstaunlich, deinen Namen noch regelmäßig bei Übersetzungen vorzufinden, derzeit vor allem bei Terry-Pratchet-Romanen – und ganz aktuell bei David Brins »Copy«. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Andreas Brandhorst:
Indem ich knallhart arbeite. Der Brin zum Beispiel hat wirklich meine ganze Kreativität gefordert; ich glaube, es war eine der schwierigsten Übersetzungen, die ich jemals gemacht habe. Mit Pratchett bin ich nach circa 30 Romanen gut »synchronisiert« … Eigentlich gefällt mir die Mischung aus eigenem Schreiben und Übersetzen. Ich möchte sie nur noch etwas mehr zugunsten der eigenen Werke verändern.

Tobias Schäfer:
Was ist das für ein Stoff, den Pratchet schreibt? Seine Romane sind ja regalfüllend in diversen Buchhandlungen zu finden. Was macht den Reiz dieser Geschichten aus?

Der besondere Reiz von Pratchetts Geschichten besteht aus der genialen Mischung von Intelligenz und Humor. Ich halte Terry Pratchett für einen der besten Schriftsteller überhaupt. Ihm gelingt es, Personen mit ein oder zwei Sätzen zu charakterisieren, und seine Schilderungen zeichnen sich immer durch große Tiefe aus. Man kann seine Romane auf zwei Arten lesen: als lustige, leicht verdauliche Unterhaltung, und als tiefsinnige Romane, bei denen einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Tobias Schäfer:
Wir haben jetzt viel über den offiziellen Brandhorst gesprochen. Danke sehr für die interessanten Antworten! Aber was macht der Mensch Andreas, wenn er ein bisschen Zeit für sich findet?

Andreas Brandhorst:
Nach all der Zeit am Computer lege ich großen Wert darauf, mich körperlich fit zu halten. Ich laufe fast jeden Tag mindestens eine Stunde, egal ob es stürmt, regnet oder schneit. Wenn ich nicht laufe, stemme ich Gewichte. Manchmal schnappe ich mir Notebook und Auto, reise durch Italien – ich liebe dieses Land! –, und bleibe eine Zeit lang, wo es mir gefällt. Ich bin nach zwei Ehen wieder Single, Sohn und Tochter sind erwachsen … Ich genieße meine Freiheit, laufe im Winter an menschenleeren Stränden, schreibe an einem warmen Kaminfeuer, denke über das Leben nach … 🙂

Tobias Schäfer:
Dann wünsche ich dir, dass diese Zeit nicht zu kurz kommt – obwohl ich natürlich vor allem auf viele spannende Romane von dir hoffe. 🙂 Alles Gute weiterhin!

 

Kostova, Elizabeth – Historiker, Der

Totgesagte leben länger. Das gilt ganz besonders für den Vampir der Vampire, den Über-Blutsauger, den Grafen unter den Untoten – nämlich Dracula. Sein Name evoziert sofort eine ganze Reihe Stereotypen. Da wären die zarten Frauenhälse, die spitzen Pflöcke, Christopher Lees blutunterlaufene Augen, Fledermäuse, das rollende „R“ des rumänischen Grafen und noch etliches mehr. Der Ire Bram Stoker hat 1897 mit seinem Roman [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=210 nicht nur einen Meilenstein in der Entwicklung des literarischen Vampirs geschaffen, sondern gleich ein ganzes Genre. Zahlreiche Autoren nach ihm (von den Filmemachern ganz zu schweigen) haben die Dracula-Legende wieder aufgegriffen und literarisch weiterentwickelt. Elizabeth Kostova schlägt mit ihrem über 800 Seiten starken Debüroman „Der Historiker“ in dieselbe Kerbe und fragt sich, was schon viele Autoren vor ihr debattiert haben: Was wäre, wenn der historische Dracula tatsächlich ein Vampir wäre?

Auf mehreren Erzählebenen, quer durch Europa und zu verschiedenen Zeiten im 20. Jahrhundert inszeniert sie die Jagd nach dem Untoten. Ihre anonyme Ich-Erzählerin macht sich auf die Suche nach ihrem Vater, der plötzlich verschwunden ist. Dabei hatte der Diplomat auf ihren vergangenen Reisen gerade angefangen, ihr von den mysteriösen Ereignissen seiner Jugendzeit zu erzählen: Wie er ein seltsam leeres Buch mit einem Drachen in der Mitte findet, wie sein Doktorvater Professor Rossi auf geheimnisvolle Weise aus seinem Büro an der Universität verschwindet und wie er sich, von der Tochter Rossis begleitet, auf die Suche nach seinem Mentor und Freund macht. Die Reise führt die beiden quer durch Europa, nach Istanbul, Sofia, Budapest und in zahlreiche Klöster, Bibliotheken, Archive und sonstige staubverhangene Orte. Was dabei zunehmend klarer wird: Dracula ist keine Legende und nicht nur eine historische Figur. Er scheint tatsächlich die Jahrhunderte überdauert zu haben und verfolgt nun seinerseits seine Verfolger. Werden die Ich-Erzählerin und ihr Vater Paul das Rätsel um Dracula lösen oder werden sie vorher seinem Despotentum zum Opfer fallen, wie so viele vor ihnen? Können sie das Grab des Vampirs finden und ihn vernichten? Wird Rossi gefunden? All diese Fragen kann wohl nur die Lektüre selbst beantworten.

„Der Historiker“ ist ein Mammutwerk, und so wundert es kaum, dass Kostova zehn Jahre an dem Roman arbeitete um die historische und geographische Tiefe zu erreichen, die hauptsächlich den Reiz der Geschichte ausmachen. Ihre Charaktere reisen kreuz und quer durch Europa, sie durchforsten die Bibliothek von Oxford genauso wie ein vergessenes Archiv in Istanbul. Sie nehmen an einem wissenschaftlichen Kongress in Ungarn teil und an einem religiösen Festtag in der Provinz von Bulgarien. Schade, dass die Autorin nur selten wirkliche Begeisterung für die Orte ihrer Handlung zu vermitteln vermag und gerade am Anfang die Reisebeschreibungen die Handlung eher unterbrechen und hinauszögern, als sie zu unterstützen.

Wer jedoch Dracula nur als den spitzbezahnten Vampir kennt, der wird hier viel Neues über das Leben des historischen Woiwoden aus der Walachei lernen. In Rumänien heute noch als Volksheld verehrt, verteidigte er im 15. Jahrhundert standhaft das christliche Europa gegen die einfallenden Türken – wenn auch mit grausamen Mitteln. So ließ er tausende Menschen pfählen oder seine eigenen Bojaren ermorden, wenn sie ihm gefährlich zu werden drohten. 1476 wurde er im Kampf enthauptet, vielleicht sogar von seinen eigenen Leuten, und sein Kopf als Trophäe an den Sultan Mehmed II geschickt. Der Einfachheit halber werden wir uns nicht damit aufhalten, wie eine kopflose Leiche als Vampir wiederauferstehen kann (Enthauptung ist – neben dem Pfählen – seit jeher eine sichere Abwehr gegen Vampirismus), Kostova verwendet darauf auch kaum Papier, als ahnte sie, dass sich hier ein echtes Problem auftut, für das sie kaum eine überzeugende Lösung zu bieten hat. Logische Probleme solcherart gibt es häufiger. So wird beispielsweise nicht klar, warum Paul, um seinen Doktorvater Rossi zu finden, unbedingt das Grab Draculas aufspüren muss. Oder, wenn doch bereits am Anfang gesagt wird, dass sich laut Überlieferung eben jenes Grab in Snagov befindet, erst auf Seite 500 einer der Charaktere auf die Idee kommt, diese Überlieferung zu überprüfen (Sie erweist sich als falsch – der Dracula-Kenner weiß das, der normale Leser tappt jedoch im Dunkeln.)

Dracula und die Jagd nach ihm ist jedoch nur ein Mittel zum Zweck, das Thema des Romans könnte mehr oder minder zufällig gewählt sein. Eigentlich nämlich ist der Roman eine Liebeserklärung an die Methode der Recherche. Während Recherche im Normalfall ein meist frustrierendes und langwieriges Stöbern in Stapeln von Büchern und Dokumenten ist, wird sie bei Kostova zum Mittel der Detektivarbeit. Durch methodisches Suchen und Sammeln, durch Lesen und Forschen kommen die Protagonisten des Romans Dracula schließlich auf die Spur. Dass Recherche jedoch nicht alles lösen kann, beweist die Tatsache, dass Kostova von Zeit zu Zeit zu unwahrscheinlichen Zufällen und Handlungssprüngen greifen muss, um ihren Plot voranzutreiben. Ihre Liebe zu Büchern, historischen Dokumenten und Bibliotheken wird in diesen Passagen jedoch besonders deutlich und jeder, der diese Liebe teilt, wird an der Lektüre besondere Freude habe. Alle anderen wird es hoffentlich dazu bekehren, dass die hintersten Ecken einer Bibliothek nicht nur Heimstatt von riesigen Staubflocken sind, sondern unter Umständen auch faszinierende Geheimnisse beherbergen können.

Was unbedingt angesprochen werden sollte, ist die Verbindung von Kostovas „Historiker“ und Stokers „Dracula“. Auf den ersten Blick haben beide, bis auf das Thema, wenig miteinander zu tun. Doch blickt man tiefer, findet man durchaus die ein oder andere Hommage an den Großmeister des Vampirromans. Schon die Form des Romans, mit seinen verschachtelten Erzählebenen, eingefügten Dokumenten und Briefen ist an Stoker angelehnt, dessen „Dracula“ ja bekanntlich als Briefroman konzipiert ist. Und auch die Tatsache, dass Dracula selbst über weite Strecken des Romans keine eigene Stimme hat und erst auf den letzten 100 Seiten auftaucht, erinnert an „Dracula“. Kostova, die mit der Lebendigkeit ihres Personals arge Probleme hat (gerade die eingefügten Liebesgeschichten wirken hölzern und schablonenhaft), blüht mit Draculas Auftauchen geradezu auf. Zwar wird nicht klar, warum er in so archaischem Gewand herumläuft, jedoch verbreitet er sofort seine ganze spezielle Dracula-Aura: eine Mischung aus Angst und Faszination, die dem Grafen seinen ganz besonderen Reiz verleiht. Er ist eindeutig der Star des 800-Seiten Romans, auch wenn er erst spät zur Handlung dazustößt. Durch ihn gewinnt der Plot auf den letzten Seiten deutlich an Fahrt, schon weil der Graf endlich all die Geheimnisse lüftet, die Kostova auf den vorangegangenen Seiten so genüsslich ausgebreitet hat.

Kostovas Debüroman ist ein Buch mit Schwächen. Gerade ihre wenig ausgeleuchteten Charaktere und die logischen Probleme der Handlung seien da genannt. Sie hat sich im „Historiker“ offensichtlich nach Herzenslust ausgetobt (und das, obwohl der Roman sehr streng und organisiert daherkommt), was dazu führt, dass er schlicht zu lang ist. Viele der Landschaftsbeschreibungen sind reines Füllsel und bringen die sich ohnehin nur langsam entfaltende Handlung zu einem plötzlichen Halt. Die wunderbaren Szenen in Bibliotheken und Archiven, das Brüten über mittelalterlichen Schriftrollen und Geheimarchiven kann wohl nur den echten Bücherfanatiker entschädigen. Und obwohl „Der Historiker“ kein unbedingt einfaches Buch ist (bedingt durch die verschachtelte Struktur), ist es doch ein sicherer Griff für alle, die einen Schmöker für die Winterzeit suchen.

http://www.derhistoriker.com/

|Siehe auch unser [Infospezial]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=51 zum Buch.|

Ishiguro, Kazuo – Alles, was wir geben mussten

Kazuo Ishiguro hat mit „Was vom Tage übrigblieb“ einen Weltbestseller abgeliefert, der nicht nur mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt sondern obendrein mit dem |Booker Prize| ausgezeichnet wurde. Erneut auf die Long List für den |Booker Prize| 2005 hat Ishiguro, der in Nagasaki geboren wurde und seit 1960 in London lebt, es mit seinem neuesten Roman geschafft. „Alles, was wir geben mussten“ heißt das Werk und wird nicht umsonst von Kritikern und Presse gleichermaßen vollmundig gelobt.

„Alles, was wir geben mussten“ ist auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Internatsgeschichte. Doch der Schein trügt. Die Kinder sind keine gewöhnlichen Kinder, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Sie spielen Fußball, gehen jeden Tag zum Unterricht und erleben genau wie andere Kinder die Tücken der Pubertät. Und doch ist das Internat Hailsham etwas ganz anderes, als man auf den ersten Blick denken mag. Die Lehrer werden hier Aufseher genannt und den Kindern, die allesamt keine Eltern haben, wird schon von früh auf bewusst gemacht, dass sie etwas Besonderes sind. Sie sollen später „spenden“ und „betreuen“. Darauf soll Hailsham sie vorbereiten, doch was die Kinder sich darunter vorzustellen haben, sagt ihnen keiner so recht.

In Hailsham wachsen auch Kathy, die die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, und ihre besten Freunde Ruth und Tommy auf. Sie wachsen gut behütet auf, bleiben aber nicht nur in Hailsham, sondern auch später von der Außenwelt größtenteils abgeschnitten. Kathy hat eine ebenso ungewöhnliche wie auch erschütternde Lebensgeschichte zu erzählen, als sie mit einunddreißig auf ihre Jugendjahre zurückblickt …

„Alles, was wir geben mussten“ ist ein Roman, der es in sich hat. Auf den ersten Blick noch ein harmloses Stück Jugend- und Internatsgeschichte, entpuppt sich der Roman mit fortschreitender Seitenzahl zunehmend als moralischer Abgrund. Ishiguro greift einen Themenkomplex auf, der gerade in ethischer Hinsicht viele Fragen aufwirft. Man ahnt es schon beim Lesen der Inhaltsbeschreibung. Die Kinder in Hailsham sind keine normalen Waisenkinder. Und schon nach wenigen Kapiteln erlangt man zunehmende Gewissheit. Sie sind Klone, erschaffen, um als lebende Ersatzteillager für die Medizin zu dienen. Die Kinder wissen um ihr Schicksal und wissen es gleichzeitig nicht.

Ihre ganze Jugend dient dazu, sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Das lernen die Kinder schon früh. Ob sie sich aber der Tragweite des Ganzen bewusst sind und ob sie wirklich begreifen, wer und was sie sind, das darf natürlich bezweifelt werden. Sie ahnen es vielleicht, aber damit umzugehen, sich der Konsequenzen bewusst zu werden, das zeigt ihnen niemand. Ihr Leben ist streng vorgezeichnet. Weil sie wertvoll und wichtig sind, werden sie entsprechend sorgsam behütet.

Entsprechend seines Themas ist „Alles, was wir geben mussten“ ein Roman, der den Leser intensiv beschäftigt. Lebhaft skizziert Ishiguro seine Figuren, und gerade weil der Leser anfangs noch genauso ahnungslos ist wie die Kinder, gerade weil die grausame Realität erst dann komplett entblättert wird, wenn man die Protagonisten schon längst in sein Herz geschlossen hat, trifft einen ihr Schicksal besonders hart. Man lernt sie als Kinder kennen, ist nicht in der Lage, sie nicht als vollwertige Menschen zu sehen und ist dann zutiefst getroffen von dem, was ihnen bevorsteht, wenn sie erwachsen sind. Gerade die Ahnungslosigkeit, mit der die Kinder ihrem Schicksal entgegentreiben, lässt die bittere Realität umso härter erscheinen.

„Alles, was wir geben mussten“ ist ein Lehrstück in Sachen Fremdbestimmtheit. Durch die stetige Einflussnahme von Beginn an treten die Kinder schicksalsergeben ihrer Zukunft entgegen. Aufbegehren gibt es nur im Kleinen, im Großen fügen sie sich alle in das ihnen aufgezwungene Schema. Und so wirft der Roman auf sehr vielschichtige Weise moralische Fragen auf. Die ethische Frage nach einer Rechtfertigung des Klonens ist dabei nur ein Aspekt, wenngleich sicherlich der wichtigste. Ishiguro vermag sich dieser Frage aber durch seinen feinfühligen Umgang mit den Figuren von verschiedenen Seiten zu nähern. Vor allem die persönliche Ebene ist dabei wichtig. Er betrachtet die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder vor dem Hintergrund dieser Problematik und zeigt, wie sie um die Unbeschwertheit ihrer Kindertage betrogen werden, um einem höheren Zweck zu dienen.

Die wissenschaftliche und technologische Komponente tritt dabei in den Hintergrund. Ishiguro konzentriert sich voll und ganz auf die Figuren und als Gegenpol dazu auf die Gesellschaft. Was dabei besonders beeindruckt, ist, wie realistisch Ishiguro das Thema angeht. So, wie er es schildert, von der gesellschaftlichen Komponente und von moralischer Seite her, wäre es durchaus vorstellbar. Nichts wirkt überzeichnet. Alles erscheint so, wie man es sich in der Realität tatsächlich vorstellen könnte.

Und so zeichnet sich „Alle, was wir geben mussten“ eben auch dadurch aus, dass das Buch vom moralischen und ethischen Standpunkt aus gerade deswegen so viel Stoff zum Nachdenken liefert, weil Ishiguro es in einen so leicht vorstellbaren gesellschaftlichen Rahmen steckt. Im Kleinen wie im Großen, in den Figuren wie auch in den äußeren Rahmenbedingungen wirkt alles bis ins Mark im Rahmen des theoretisch Möglichen und das macht die Angelegenheit dann auch ein bisschen unheimlich.

So fiebert der Leser mit den Figuren, ohne dass Ishiguro sich irgendwelcher Effekthascherei bedienen müsste. Das Gefühlsleben der Protagonisten, ihre Sicht der Welt und ihr langsames Begreifen dessen, was da vor sich geht, sind für sich genommen fesselnd und aufwühlend genug. „Alles, was wir geben mussten“ ist Lektüre, die zu Herzen geht, zum Nachdenken anregt und ganz hervorragend als Diskussionsgrundlage dient.

Sprachlich ist Ishiguros Werk faszinierend schlicht gestrickt. Er bedient sich einer recht einfachen Sprache und erzählt aus Sicht der Kathy, als würde sie in ihrer Erinnerung kramen, die sie nach und nach vor dem Leser ausbreitet. Den Kern seiner Thematik fasst Ishiguro geradezu mit Samthandschuhen an. Einschlägige Fachbegriffe tauchen kaum auf. Nur selten ist vom Klonen direkt die Rede. Die Sprache, die die Kinder in Hailsham lernen, verschleiert die Dinge und steht damit im harten Kontrast zur Wirklichkeit. Der Leser als derjenige, der die Hintergründe erahnt, weiß auch so genug Bescheid, und der Moment, an dem auch für die Protagonisten die Fassade bröckelt, wirkt dadurch besonders hart.

Zusammenfassend kann man „Alles, was wir geben mussten“ wirklich nur jedem ans Herz legen. Ein Roman ohne unnötige Effekthascherei, der sich ganz auf seine Protagonisten konzentriert und dabei so schwerwiegende moralische und ethische Fragen aufwirft, dass man noch eine ganze Weile daran zu knabbern hat. Ein wenig verstörend, aber auch schön erzählt Ishiguro eine ungewöhnliche Jugendgeschichte. Erschreckend, nachdenklich stimmend und zutiefst berührend. Ein leiser, aber gleichzeitig immens kraftvoller Roman, der im Gedächtnis haften bleibt.

Dickens, Charles / Gruppe, Marc – Fröhliche Weihnachten, Mr. Scrooge!

Mit „Fröhliche Weihnachten, Mr. Scrooge!“ begannen |Titania Medien| im letzten Jahr eine Reihe von ganz besonderen Hörspielen, bei deren Ursprung es sich zwar ebenfalls um Klassiker der britischen Literatur handelt, die aber mit den Kriminal- und Gruselerzählungen des deutschen Hörspiel-Labels nichts gemeinsam haben – außer vielleicht einige Sprecher.

Der erste Teil dieser „Titania Special“-Reihe beruht auf der klassischen Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens, „A Christmas Carrol“, und beschreibt die Geschichte des grimmigen Geldverleihers Ebenezer Scrooge, der am Heiligen Abend eine komplette Persönlichkeitswandlung durchlebt und plötzlich zum nettesten und zuvorkommendsten Menschen in ganz London avanciert. |Titania Medien| wurden für dieses Hörspiel mit dem Kritiker- und Publikums-Hörspiel-Award in Gold als „Bestes Einzelhörspiel 2004“ ausgezeichnet, und wenn man mal ganz abseits von der Erzählung die Leistung der beteiligten Sprecher ins Auge fasst, dann kann man nur unterstreichen, dass dieser Preis völlig verdient eingefahren wurde, denn die prominente Riege hat sich hier erneut sehr gut verkauft, ganz besonders Christian Rode in der Hauptrolle des böswilligen Geizkragens Ebenezer Scrooge!

_Story_

1843 am Heiligen Abend im viktorianischen London: Für den griesgrämigen Geldverleiher Ebenezer Scrooge ist Weihnachten nicht mehr als verabscheuungswürdiger ‚Humbug‘. Daher hält er auch nicht viel von den Gefühlsduseleien seines Mitarbeiters Bob Cratchit und seines Neffen Fred, die ihm trotz seiner gewohnt miesen Stimmung ein schönes Fest wünschen. Scrooge hingegen interessiert auch das recht wenig; ihn bewegen nur Geld, Geschäfte und Macht, und von alldem hat er reichlich, ist aber nicht bereit, es zumindest auch nur ansatzweise mit den Armen der Stadt zu teilen.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erscheint Ebenezer der Geist seines verstorbenen früheren Teilhabers Jacob Marley, der ihm einen Spiegel seines derzeitigen Verhaltens vorhält und drei Geister schickt, die Scrooge davon überzeugen sollen, dass er mit seiner skrupellosen Lebensweise auf Dauer nicht glücklich werden kann. Mitten in der Heiligen Nacht erscheinen ihm die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht und lehren Ebenezer den wahren Sinn des Weihnachtsfestes.

Ich habe „A Christmas Carrol“ nun schon in zwei Sprachen gelesen, als TV-Produktion angeschaut und auch schon damals im Englisch-Unterricht durchgenommen. Die Geschichte ist also bestens vertraut, macht aber immer wieder sehr viel Spaß, gerade nun zum Beginn der besinnlichen Zeit. In einer Welt, in der materielle Inhalte weitaus wichtiger geworden sind als Moral, Mitgefühl und Herzlichkeit, trifft die Erzählung von Charles Dickens uns immer wieder mitten ins Herz und zeigt auf, worauf genau es im Leben eigentlich ankommt.

Dies muss auch der einst so böse und stets mies gelaunte Mr. Scrooge hier erfahren, als er während der Reise vorbei an den verschiedenen Weihnachtsfesten entdeckt, was er mit ein wenig Nächstenliebe alles bewirken kann, aber auch, was andere ihm geben können, wenn er sich auf ihre Gefühle einlässt. Erst die Vorstellung, dass ein kleiner Junge sterben muss, weil das notwendige Kleingeld für die dringend nötige Operation nicht aufgebracht werden kann, bewegt Scrooge schließlich dazu, einiges von einer anderen Seite zu betrachten und sich sowie sein Umfeld restlos glücklich zu machen.

Scrooge entdeckt dabei zunächst seine glückliche Vergangenheit mit seiner Schwester Fanny, die schönen Weihnachtsfeste im Kreise seiner Lehrjahre und letztendlich auch die erste Begegnung mit seiner damaligen Verlobten Belle, stößt aber gleichzeitig auch auf negative Erfahrungen wie etwa die Trennung von seiner Herzdame, die nicht ganz so schöne Familiensituation in jüngster Kindheit und auch den Wandel seines Egos. Hier macht Scrooge den Anfangs seiner aktuellen Entwicklung und hinterfragt zum ersten Mal, warum sich manche Dinge genau so ereignet haben, beharrt aber schließlich darauf, in seinem Leben alles richtig gemacht zu haben.

Danach erscheint ihm der Geist der gegenwärtigen Weihnacht und zeigt ihm die Familie seines Helfers Bob Cratchit. Bobs Sohn, der kleine Tiny Tim, leidet nicht nur an einer Gehbehinderung, sondern auch an einer Krankheit, für deren Heilung sehr viel Geld notwendig ist. Scrooge erfährt, dass der Junge dringend einen finanziellen Zuschuss benötigt und verspricht dem Geist – gerührt von Tiny Tim – dass er dem Vater des Jungen sofort eine Gehaltserhöhung gewähren wird, damit der Kleine weiter leben kann. Außerdem erfährt Scrooge beim Blick auf das Weihnachtsfest im Heim seines Neffen Fred, wie die Leute wirklich über ihn denken, und dass sie den griesgrämigen alten Mann nicht mehr so ernst nehmen.

Die Zukunftsvision löst aber letztendlich die größten Gefühle in Ebenezer aus. Hier sieht er nur Tod und Schrecken, und von dieser düsteren Aussicht noch weiter angespornt, entschließt er sich letztendlich, sein gesamtes Leben zu ändern und Weihnachten wieder so zu feiern, wie es im ursprünglichen Sinn auch sein sollte – nicht ohne dabei insgeheim eine Träne im Knopfloch zu haben …

Im Hörspiel kommen diese Emotionen – wie eigentlich immer bei |Titania Medien| – sehr gut herüber, dafür sorgt alleine schon die super aufgelegte Besetzung mit ihrem Kopf Christian Rode in der Hauptrolle und dem Erzähler Friedrich Schönfelder. Schon bald hat die Geschichte die erforderliche Atmosphäre inne und versetzt den Zuhörer auch sofort in die Stimmung, die ja jedes Jahr rund ums Fest herrscht. Aber diese geniale Stimmung gibt die Vorlage natürlich auch schon her, weswegen die Sprecher hier leichtes Spiel haben, „Fröhliche Weihnachten, Mr. Scrooge!“ zu einem echten Hörgenuss zu veredeln. Für mich ist dieses Hörspiel definitiv die beste Produktion aus dem Hause |Titania|, und das hat sie fast ganz alleine dem toll agierenden Christian Rode zu verdanken, der seine Rolle hier nicht nur spielt, sondern wirklich auslebt. Doch auch das Restensemble darf sich sehr wohl mit den Lorbeeren des Kritikerpreises schmücken, denn die Riege der Sprecher, bei denen es sich einmal mehr um zahlreiche Hollywood-Synchronsprecher handelt, macht einen astreinen Job und lässt mit sehr viel Hingabe einen der wichtigsten Klassiker der Weltliteratur wieder aufleben.

Daher mein Fazit: Ein toller Beginn für eine sehr viel versprechende Spezialreihe!

Besetzung:
Erzähler – Friedrich Schönfelder
Ebenezer Scrooge – Christian Rode
Bob Cratchit – Herbert Schäfer
Annie Cratchit – Daniela Hoffmann
Tiny Tim Cratchit – Lucas Mertens
Martha Cratchit – Theresa Mertens
Fred – Alexander Doering
Julie – Manja Doering
Caroline Wilkins – Dagmar von Kurmin
Spendensammler – Lothar Didjurgis
Straßnejunge – Lucas Mertens
Geist 1 – Friedrich Schönfelder
Geist 2 – Peer Augustinski
Geist 3 – Heinz Ostermann
Scrooge als Junge – Lucas Mertens
Fanny Scrooge – Therea Mertens
Junger Mr. Scrooge – Alexander Doering
Belle – Manja Doering
Mrs. Fezziwig – Regina Lemnitz
William Fezziwig – Heinz Ostermann
Mrs. Dilber – Arianne Borbach

http://www.titania-medien.de
http://de.wikipedia.org/wiki/A__Christmas__Carol

Huff, Tanya – Auf Teufel komm raus (Die Chroniken der Hüter II)

Band I: [Hotel Elysium]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1481

Die Hüterin Claire Hansen hat die Aufgabe, die strukturelle Integrität der Barriere zwischen der Welt und der metaphysischen Energie, die sie umgibt, zu bewahren. Dazu kann sie hinter diese Barriere greifen und sich der vorhandenen Möglichkeiten bedienen. Kurz gesagt, sie flickt mit Magie die Hülle des Universums, damit nichts Böses eindringen kann. Zunächst bestand das kosmische Reparaturteam nur aus Claire und ihrem etwas älterem Kater Austin, nachdem Claire jedoch bei ihrer letzten Unfallstelle im Hotel Elysium den Zuschauer Dean McIsaac kennen gelernt hat, ziehen sie nun zu dritt durch Kanada und flicken einen Riss nach dem anderen.

Das Leben könnte so schön sein, gäbe es da nicht Claires kleine Schwester Diana, die über zu viel Macht und zu wenig Verantwortungsgefühl verfügt. Die zukünftige Hüterin handelt ständig äußerst unüberlegt und beschwört damit die größten Katastrophen herauf. Nicht zuletzt war es ja auch Diana, die die böse Hüterin im Hotel Elysium aus ihrem Schlaf weckte und dadurch beinahe alle Macht der Hölle auf die Welt losgelassen hätte. So geht ihr auch dieses Mal ein gut gemeinter Zauber gründlich schief. Aus Versehen fängt sie die Kraft der Liebe zwischen Dean und Claire ein, als diese sich nach einem schlimmen Streit versöhnen. Diese manifestiert sich als Engel, leider jedoch ohne Botschaft und ohne Ziel; so kann er nicht wieder zurückkehren und wandert ziellos durchs Land auf der Suche nach einer zu verkündenden Botschaft oder Aufgabe.

An sich wäre ein Engel auf Erden ja nichts Schlechtes, doch leider erlaubt seine verlängerte Anwesenheit den Mächten der Hölle, einen Dämon auf die Erde zu schicken, der durch die alles überstrahlende Gegenwart des Engels von den Hütern nicht bemerkt werden kann. Während der Engel Samuel sich durch die Sehnsüchte eines sechzehnjährigen Mädchens und die Ängste ihres überfürsorglichen Vaters nicht als geschlechtsloser Rauscheengel, sondern als ein mit Genitalien versehener Teenager mit dem Aussehen eines Boybandmitglieds manifestierte, findet sich der Dämon Byleth plötzlich mit dem voll ausgestatteten Körper eines pubertierenden Mädchens auf Erden wieder. Für beide ist dieser Zustand äußerst ungewohnt und mehr als hinderlich bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. So versucht Samuel natürlich, den Menschen zu helfen, wird jedoch durch seine nicht gerade heilige Gestalt ständig missverstanden. Byleth hingegen weiß zwar ganz genau, was ihre Aufgabe ist, nämlich so viel Unheil anzurichten wie nur möglich, wird aber durch ihre menschliche Form daran gehindert, Magie einzusetzen. Natürlich versucht sie so bösartig wie nur menschenmöglich zu sein, verhält sich dabei aber nur wie ein typischer Teenager.

Durch einen Zufall stolpert Claire über den Riss, durch den die Dämonin die Erde betreten hat, und entdeckt dabei Spuren ihrer Anwesenheit. Um sie aufspüren zu können, müssen Claire, Dean und Austin zunächst alles dafür tun, den Engel zu finden und zurückzuschicken. Und zwar schnell, bevor der Dämon zu viel Schaden anrichten kann. Leider hat das Trio die Rechnung ohne Claires vorwitzige Schwester Diana gemacht, die es mal wieder nicht lassen kann, sich einzumischen.

„Auf Teufel komm raus“ ist eine gelungene Fortsetzung der „Chronik der Hüter“, die aber durchaus für sich alleine gelesen werden kann. Erneut findet man sich in einer absurden Welt voller sprechender Katzen, fluchender Gartenzwerge und göttlichen bzw. höllischen Wesen mit pubertären Problemen wieder. Die Handlung spielt anders als im „Hotel Elysium“ nicht mehr nur an einem Ort, sondern führt mit viel Witz und Tempo quer durch Kanada auf der Suche nach dem Engel und dem Dämon. Äußerst amüsant sind vor allem die Begegnungen der beiden „Besucher“ mit den nichts ahnenden Zuschauern. Die Auflösung der spannenden Geschichte kommt überraschend, denn wer hätte gedacht, dass ein Engel wie eine Katze ist – nur eben anders.

Schulze, Ursula (Hrsg. / Übs.) – Nibelungenlied, Das. Nach der Handschrift C der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe

Als ich etwa zehn Jahre alt war, bekam ich eine Hörspielkassette mit der Sagengeschichte über Siegfried und Hagen geschenkt, und seither lässt mich die gewaltige Geschichte von den Nibelungen nicht mehr los. Ich habe das Nibelungenlied immer wieder in verschiedenen Ausgaben gelesen, auf Mittelhochdeutsch, in neuhochdeutschen Übertragungen und als Prosa-Nacherzählungen. Und so habe ich mich besonders gefreut, als die Neuübersetzung der Verlage |Patmos| und |Artemis & Winkler| hereinflatterte.

Zur Geschichte braucht man wohl nichts mehr zu sagen. Für die zwei oder drei Leser, die sie noch nicht kennen, ganz kurz der Inhalt: Der junge König Siegfried von Xanten erwirbt die Freundschaft König Gunthers von Burgund und hilft ihm mit einer List, Brünhild zur Frau zu gewinnen. Dafür darf er Gunthers schöne Schwester Kriemhild heiraten. Eifersüchteleien der Frauen und das Misstrauen von Gunthers Lehnsmann Hagen gegen den reichen und starken Siegfried lassen Gunther und seine Brüder Hagens Plan zustimmen, ihn zu töten und später seinen sagenhaften Goldhort der rachegierigen Witwe Kriemhild zu nehmen. Als Jahre später der mächtige Hunnenkönig Etzel um Kriemhilds Hand anhält, sieht sie ihre Chance zur Vergeltung gekommen. Als Etzels Frau lädt sie den burgundischen Hofstaat nach Etzelburg ein, wo sie gnadenlos Rache nimmt, bis sie zuletzt mit ihrem großen Widersacher Hagen stirbt.

Das um 1200 entstandene, deutsche Nibelungenlied beruht teilweise auf alten germanischen Sagenstoffen sowie Erzählungen aus der Völkerwanderungszeit, deren Motive auch auf Island in einigen eddischen Liedern und in Norwegen in der Thidrekssaga bearbeitet wurden. Hinzu kamen jüngere Motive in einem mittelalterlich-ritterlichen Gewand. Unter den zahlreichen Abschriften des Nibelungenlieds liegen drei mehr oder weniger vollständige vor, von denen die Handschrift C die älteste und umfangreichste ist. Sie ist auch als Hohenems-Laßbergische, als Donaueschinger oder nach ihren heutigen Aufbewahrungsort als Karlsruher Handschrift bekannt.

Die vorliegende Ausgabe enthält die Handschrift C, vermehrt um einige Strophen aus der Handschrift A, im mittelhochdeutschen Original und in der neuhochdeutschen Neuübertragung von Ursula Schulze. Im aufgeschlagenen Buch stehen sich dabei die mittelhochdeutsche Strophe links und die neuhochdeutsche Strophe rechts gegenüber. Frau Schulze hat das Epos strophenweise in Prosa übersetzt. Natürlich geht der Zauber dieses großen Epos etwas verloren, wenn es in Prosa wiedergegeben ist. Doch diese Art der Übertragung erhält ihre Berechtigung in der Zusammenschau mit dem mittelhochdeutschen Originaltext. Strophe für Strophe wird der Inhalt in einer inhaltlich genauen Übersetzung, aber mit heute leichter verständlichen Formulierungen wiedergegeben, wodurch die Lektüre des Originals erleichtert wird. Der Schwerpunkt liegt also auf der genauen Wiedergabe des Erzählten. Ich hatte das Nibelungenlied zwar schon mal auf Mittelhochdeutsch gelesen, aber mir sind durch Frau Schulzes Übersetzung einige mittelhochdeutsche Verbformen klarer geworden.

Ein Beispiel dafür, wie die Übertragung manchmal durch eine Entfernung vom direkten Wortlaut der Bedeutung des Textes näher kommt, soll anhand der Strophe 15 gezeigt werden. Wenn Frau Ute zu Kriemhild sagt: „soltu immer hercenliche // zer werlde werden vro“, so übersetzt Ursula Schulze „solltest du jemals im Leben von Herzen glücklich werden“. „zer werlde“ ist hier mit „im Leben“ anstatt mit dem wörtlichen „in der Welt“ viel treffender wiedergegeben. Teilweise ist die Annäherung an die heutige Sprache auch leicht übertrieben: Jemanden „heimsuchen“ ist heute sicher nicht mehr Alltagssprache, wird aber immer noch verstanden und wäre damit vielleicht die bessere Übertragung von „suochen“ gewesen als das etwas nüchterne „angreifen“ (4. Aventiure). Solche Kleinigkeiten mindern aber nicht den guten Gesamteindruck dieser Begleitübersetzung.

Lobenswert sind die auch Erläuterungen im Anhang zur Textedition des mittelhochdeutschen Originals und zu den Grundsätzen der Übertragung ins Neuhochdeutsche. Hier wird der interessierte Leser wirklich ernst genommen. Der Anhang enthält weiterhin Beiträge zur Entstehung und Rezeption des Nibelungenlieds, ein Sachwortregister und eine Inhaltsangabe, die sowohl Inhalt als auch Formulierung des Textes kommentiert. Dass häufiger auf das germanische und das mittelalterliche deutsche Recht verwiesen wird, beweist die Kenntnis der Herausgeberin, denn das Nibelungenlied ist nicht vollständig ohne einige grundlegende Rechtsbegriffe zu verstehen. Zu erwähnen ist auch die Landkarte des südlichen Deutschland (S. 844f), in welche die wichtigen Orte der Geschichte und insbesondere der Zug von Worms nach Etzelburg eingetragen sind.

Diese Ausgabe ist vor allem denjenigen zu empfehlen, die das Nibelungenlied einmal im Original lesen wollen, aber Verständnisprobleme befürchten. Diese Leser können sich nun an den mittelhochdeutschen Text heranwagen (Tipp: Laut lesen! Die deutsche Sprache hat sich mehr in der geschriebenen als in der gesprochenen Form geändert.), und bei Unklarheiten steht ihnen parallel die Übersetzung in heutigem Deutsch zur Verfügung. Das Buch ist weiterhin für den Schulunterricht geeignet, weil die Übertragung in ihrer einfachen Sprache auch für junge Leser verständlich sein dürfte. Ein Leistungskurs Deutsch könnte damit an eine ältere Sprachstufe des Deutschen herangeführt werden.

Und überhaupt, diese Geschichte mit ihrer großartigen Erzählung, ihrer ständigen Steigerung der Spannung, der genauen Zeichnung der Charaktere mit ihren Entwicklungen und der unterschwelligen Anwesenheit heidnisch-naturwüchsiger Züge, besonders bei Hagen und Brünhild, unter der christlich-mittelalterlichen Oberfläche sollte jeder mal gelesen haben.

Weiterführend:

[wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Nibelungenlied
[Nibelungen-Festspiele Worms 2005]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=50
[Nibelungen-Museum Worms]http://www.nibelungen-museum.de/
[Nibelungen-Edition 1: Siegfried]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1160

Nimmo, Jenny – Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder (Die Kinder des roten Königs 1)

Beim ersten Blick aufs Cover, auch beim zweiten auf den Klappentext, mag Charlie Bone wie ein Abklatsch von Harry Potter anmuten. Der Vergleich drängt sich geradezu auf. Aber auf Äußerlichkeiten kann man sich ja bekanntlich nicht verlassen, also werfen wir einmal einen Blick zwischen die Buchdeckel:

Bis zu dem Moment, als Charlie Bone von der Schule nach Hause kam, schien es ein ganz normaler Tag zu sein. So normal wie Charlie selbst. Die Frage ist nur: Wie normal ist Charlie wirklich? Als er nämlich das Foto eines fremden Mannes mit einem Kind auf dem Schoß aus dem Entwicklungsumschlag zieht, macht er eine verblüffende Entdeckung: Er kann den Mann reden hören! Und nicht nur den Mann, sondern auch die Frau, die offenbar das Foto gemacht hat. Ja, er hört sogar die Katze schnurren, die hinter dem Stuhlbein kauert!
Die Einzige, die darüber erfreut scheint, ist seine Großmutter väterlicherseits. Sofort beraumt sie einen Familienrat an, wobei Familienrat in diesem Fall nur die väterliche Linie berücksichtigt, sprich: Großmutter Bone geborene Darkwood, ihre drei Schwestern, ihren Bruder Paton und Charlie. Das Ergebnis behagt Charlie noch weniger als die Entdeckung vom Nachmittag. Nach den Herbstferien muss er nämlich auf eine andere Schule, die Bloor-Akademie, einen elitären Kasten voller Künstler.
Endgültig turbulent wird es allerdings, als Charlie das fremde Foto dorthin zurückbringt, wohin es eigentlich gehört, in eine Buchhandlung in der Nähe der Kathedrale. Die Eigentümerin ist so erfreut, dass sie Charlie einen Roboter und einen metallenen Kasten schenkt, die ihr verstorbener Bruder ihr hinterlassen hat. Seltsamerweise interessieren sich für diesen Kasten eine ganze Menge Leute, darunter auch … seine Großtanten!

Die Frage, wie normal Charlie wirklich ist, verliert folglich im Laufe des Buches an Bedeutung. Letzten Endes lässt sich sagen: Charlie ist – von seiner besonderen Gabe in Bezug auf Bilder einmal abgesehen – so normal wie jeder andere Junge. Er mag Fußball und Fernsehen, verbringt seine Freizeit mit seinem Freund Benjamin und dessen Hund, und versucht ansonsten, seiner dominanten Darkwood-Verwandtschaft auszuweichen, die in alles ihre Nase steckt. Verglichen mit so manchem anderen, der im Verlauf des Buches noch auftaucht, ist Charlie sogar außerordentlich normal!
Da wären zum Beispiel die Darkwood-Schwestern. Offenbar sind sie ziemlich reich, denn keine von ihnen scheint ernsthaft zu arbeiten. Dennoch ist Tante Lucretia Hausmutter im Bloor, und Tante Eustacia taucht als Kinderbetreuerin bei Charlies Freund Benjamin auf. Was genau die Damen tatsächlich tun, wird nicht verraten. Eines aber ist klar: Ihnen ist nicht zu trauen!
Charlies Großonkel Paton ist noch seltsamer. Er ist ziemlich mürrisch, meidet den Rest der Familie vollkommen, und mit Ausnahme des Stuhls ist jeder Fleck in seinem Zimmer mit Büchern oder losen Blättern voll gestapelt. Paton geht nur bei Dunkelheit auf die Straße, und wenn er sich nicht zusammenreißt, fliegt jede Glühbirne, in deren Nähe er sich zu lange aufhält, in die Luft!
Dann wären da noch der geheimnisvolle Mr. Onimous und seine drei seltsam gefärbten Katzen. So plötzlich er auftaucht – unter den merkwürdigsten Vorwänden -, so plötzlich ist er auch wieder verschwunden, und meistens hat Charlie danach einiges zum Nachdenken.
Am verrücktesten ist Fidelios Familie. Fidelio ist Charlies erster neuer Freund am Bloor und kommt aus einer recht großen Familie. Fidelios Vater hat die Angewohnheit, alles, was er zu sagen hat, in eine Melodie zu kleiden, und in dem Haus, in dem die Familie wohnt, herrscht ununterbrochen ein Heidenlärm, weil ständig irgendwo Musik gemacht wird.
Auf Manfred dagegen könnte Charlie problemlos verzichten. Er ist Oberaufsichtsschüler im Bloor, dazu noch der Sohn des Direktors, und hat ein paar schwarze, hypnotische Augen, die Charlie fürchtet. Außerdem zeichnet er sich durch eine gute Portion Fiesheit aus. Sein steter Schatten Asa ist nicht viel besser. Beide machen Charlie von Anfang an das Leben schwer.

Das zeigt schon, dass einige Ähnlichkeiten zu Harry Potter tatsächlich vorhanden sind. Und es kommen noch mehr dazu. Wie Harry geht Charlie auf eine Art Internat, schläft mit seinen Klassenkameraden in einem gemeinsamen Schlafsaal und trägt einen Umhang als Schuluniform. Zwar gibt es hier keine Häuser wie in Hogwarts, dafür die Fachzüge Musik, Bildende Kunst und Schauspiel, die alle ihre eigene Farbe haben. Jeder Fachzug hat im Speisesaal seinen eigenen Tisch, während an der Stirnseite der Lehrertisch die Tische der Schüler überragt. Das Schulhaus ist ein altes Gemäuer mit vielen unbenutzten Räumen, verschlossenen Türen und verlassenen Gängen. Sogar eine Ruine gibt es.
Im Gegensatz zu Harry Potter jedoch sind hier nicht alle Schüler Zauberer oder Hexen. Tatsächlich gibt es nur eine Hand voll Schüler, die wie Charlie eine besondere Gabe haben. Diese Sonderbegabten machen ihre Hausaufgaben getrennt von den anderen, verteilen sich im Übrigen aber auf die genannten Fachzüge. Jenny Nimmos Entwurf ist näher an der Realität als Rowlings Bücher, wo Harry die „normale“ Welt verlässt und getrennt davon in einer eigenen, magischen Welt lebt. Charlie Bone und seine magisch begabten Mitschüler stehen mit ihren Fähigkeiten mitten im Leben, sodass Normalität und Magie sich miteinander vermischen können.

Die gravierenderen Unterschiede sind weniger inhaltlicher als formeller Natur. Die Charakterzeichnung ist nicht so intensiv, die Umgebung sowohl außerhalb als innerhalb der Schule nicht so detailliert beschrieben wie bei den Potter-Bänden. Jenny Nimmo konzentriert sich mehr auf die Handlung, die so zügig voranschreiten und sich entwickeln kann. Kein Wunder, dass Charlie Bone spürbar schlanker ist. Das soll aber beileibe nicht heißen, dass die Geschichte simpel wäre, im Gegenteil! Die Autorin hat mehrere Ausgangsaspekte angelegt, die sich im Laufe der Geschichte verschieden stark entwickeln. So ist das Rätsel um das Foto und den Metallkasten am Ende zwar aufgeklärt, Charlies Vater jedoch ist noch nicht gefunden, und auch die Frage, was aus Billys Eltern geworden ist, ist noch nicht geklärt. Außerdem versteht Nimmo es, dem Geschehen immer wieder neue Wendungen zu geben, meistens dann, wenn der Leser gerade denkt, jetzt wäre die Sache ausgestanden.
Vor allem aber ist die Geschichte um Charlie Bone bei weitem nicht so unheimlich wie die um Harry Potter. Natürlich gibt es auch hier Bösewichter. Die Bloors sind beileibe nicht sympatisch, Charlies Großtanten auch nicht, und was diese Bagage da eigentlich ausheckt, gehört zu den Dingen, die sich die Autorin für die nächsten Bände aufgehoben hat. Doch im Vergleich zu Voldemort und seinen Todessern sind sie alle recht harmlose Zeitgenossen, zumindest bisher.

Ob Jenny Nimmo nun bei Joannne Rowling abgekupfert hat und deshalb nur eine von vielen Trittbrettfahrern ist oder nicht, auf jeden Fall hat sie das Gerüst ihrer Geschichte mit Leben gefüllt, und das durchaus nicht schlecht. Charlie Bone ist insgesamt einfacher gestrickt und zeigt weniger Liebe zum Detail, dafür fehlt auf der anderen Seite die massive Bedrohung, die die Potter-Bände auszeichnet. Trotz der auffälligen Parallelen zum „großen Bruder“ bietet die Autorin auch interessante, eigene Ideen, die Handlung bleibt übersichtlich, ohne langweilig zu werden. Jüngere Kinder dürften mit dem Buch durchaus ihren Spaß haben.

Jenny Nimmo arbeitete unter anderem als Schauspielerin, Lehrerin und im Kinderprogramm der BBC. Geschichten erzählte sie schon als Kind, Bücher schreibt sie seit Mitte der Siebziger. Unter anderem stammt der Zyklus |Snow Spider| aus ihrer Feder, sowie „Im Garten der Gespenster“, „Der Ring der Rinaldi“ und „Das Gewächshaus des Schreckens“. „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ ist der erste Band des Zyklus |Die Kinder des roten Königs|, und hat sie auch in Deutschland bekannt gemacht. Seither sind zwei weitere Bände von Charlie Bone erschienen, „… die magische Zeitkugel“ und „… das Geheimnis der blauen Schlange“. Den vierten Band gibt es bisher nur auf Englisch unter dem Titel „Charlie Bone and the castle of mirrors“.

Band 2: [„Charlie Bone und die magische Zeitkugel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2448

Clive Staples Lewis – Das Wunder von Narnia (Die Chroniken von Narnia)

Wunderbar: Weltenreise mit Ringticket

Die mehrbändigen „Chroniken von Narnia“ stehen in Großbritannien auf einer Stufe mit dem „Kleinen Hobbit“, „Alice in Wunderland“ und dem „Wind in den Weiden“. Zu Weihnachten 2005 kommt sogar eine 200 Mio. Dollar teure Verfilmung des Stoffes in unsere Kinos. Narnia ist also aktueller denn je!

Dieser Teil der siebenbändigen Saga berichtet von der Entstehung Narnias, woher die böse Zauberin Jadis kam und welche Rolle Adamssöhne und Evastöchter bei der Gestaltung des Landes spielten. Obwohl also viel später als „König von Narnia“ entstanden, spielt die Handlung vor den in diesem Buch geschilderten Ereignissen.

Clive Staples Lewis – Das Wunder von Narnia (Die Chroniken von Narnia) weiterlesen

Remin, Nicolas – Schnee in Venedig

Auf den venezianischen Spuren einer Donna Leon wandelt nun in seinem Erstlingsroman auch der studierte Literaturwissenschaftler und Philosoph Nicolas Remin, der mit „Schnee in Venedig“ einen lesenswerten Roman mit nur einigen kleinen Schönheitsfehlern vorgelegt hat. Manch einer mag ihm vorwerfen, dass er auf etwas zu viele klischeebesetzte Figuren zurückgegriffen hat, doch jede Leserin, die schon jetzt den weihnachtlichen Ausstrahlungen der zuckersüßen Sissi-Filme entgegenfiebert, wird sich über das Wiedersehen mit der Kaiserin von Österreich in diesem Buch sehr freuen und Remin ein paar Fehlgriffe mehr verzeihen als der strenge männliche Leser.

Zunächst startet „Schnee in Venedig“ mit einem Prolog, welcher im Jahre 1849 spielt und sehr lange nicht in den Zusammenhang mit der restlichen Romanhandlung gebracht werden kann und daher vielleicht etwas zu schnell in Vergessenheit gerät. Schon auf Seite 13 springen wir ins Jahr 1862 und begleiten Emilia Farsetti auf ihrem Weg zur Arbeit, der sie zur |Erzherzog Sigmund| – einem Österreichischen Raddampfer – führt. Dort entdeckt sie in Kabine 4 zwei Leichen und lässt unüberlegt einige Dokumente verschwinden, was sie später noch bereuen wird. Hofrat Hummelhauser aus Wien wird mit zwei Schusswunden aufgefunden, eine unbekannte junge Dame neben ihm wurde erwürgt und in den Hals gebissen. Der Fund wirft viele Fragen auf, denn wer ist die unbekannte Dame, die nicht auf der Passagierliste steht, und welche Dokumente hat Emilia Farsetti an sich genommen?

Commissario Tron wird zu dem Fundort hinzugerufen, wo ihm allerdings schnell der Fall von Oberst Pergen wieder entzogen wird, der zu wissen meint, dass diese beiden Morde im Zusammenhang mit einem geplanten Attentat auf die Kaiserin von Österreich stehen. Tron allerdings gibt sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden und forscht auf eigene Faust nach – genau wie Elisabeth von Österreich, die einen Brief ihres Gatten vermisst und nun dem Mord an Hofrat Hummelhauser auf den Grund gehen möchte, da dieser den verloren gegangenen Brief überbringen sollte.

Zeitgleich zu den Vorbereitungen zu einem Maskenball im Palazzo der Trons geschehen weitere Morde, die immer mehr Fragen aufwerfen und Tron in seinem Glauben bestärken, dass Oberst Pergen nicht den wahren Täter gefunden hat.

Nicolas Remin hat sich für seinen Debütroman eine faszinierende Welt ausgesucht, welche den Rahmen zu seiner Kriminalgeschichte bildet. Das verschneite Venedig mit seinen Gondeln und Maskenbällen gepaart mit einer mutigen Elisabeth von Österreich, die uns hier nicht annähernd so zerbrechlich präsentiert wird, wie wir sie aus anderen Erzählungen kennen, ergeben eine interessante Mischung, die zu unterhalten weiß. Als eingefleischter Sissi-Fan muss man sich zunächst an die Wandlung der Elisabeth gewöhnen, doch gewinnt die kaiserliche Figur, die sich nur aufgrund eines fehlenden Briefes ihre eigenen Nachforschungen anstrengt und sich dabei heimlich aus dem Palast stiehlt, schnell an Sympathie.

Es sind die Charaktere in diesem Buch, welche den Reiz ausmachen, denn auch der ärmliche Tron mit seinen berühmten Vorfahren und der exzentrische Polizeichef, der seine Süßigkeiten auf keinen Fall mit anderen teilen und auch beim Mittagessen gefälligst nicht gestört werden möchte, gefallen sehr gut und animieren den Leser zum Schmunzeln. Überhaupt beweist Remin an mancher Stelle einen trefflichen Humor, wenn zum Beispiel eine Leiche ins Wasser geworfen wird und dann festgestellt werden muss, dass sich dummerweise direkt unter der Abwurfstelle ein Boot befindet, welches die Leiche aufgefangen hat. Remin entwirft nicht nur zum Teil skurrile Charaktere, sondern auch manch eine Situation, die mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Zwei Handlungsfäden sind es, die sich durch das gesamte Buch ziehen und die Handlung vorantreiben; so begleiten wir auf der einen Seite Commissario Tron bei seinen Ermittlungen, die er nun als Privatmann fortführen muss, und wir werden Zeuge, wie Elisabeth zur Gräfin Hohenembs wird, die sich unerlaubterweise aus dem Palast stiehlt, um ebenfalls herauszufinden, wer hinter dem Mord an Hofrat Hummelhauser steckt. Das Schema zweier paralleler Handlungsstränge ist altbekannt, verwirrend empfand ich allerdings den Zeitsprung, den wir beim Wechsel von einem Schauplatz zum nächsten durchmachen müssen, denn Tron agiert stets in der Vergangenheit, während die Passagen rund um Elisabeth in der Gegenwart verfasst sind. Eventuell mag dies ein geschickter literarischer Kniff sein, für mich bedeutete dieser Wechsel im Zeitverlauf allerdings immer wieder eine Störung im Lesefluss, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Dafür überzeugt Remin in anderen Belangen auf ganzer Strecke, seine romantischen und vielfarbigen Beschreibungen des winterlichen Venedigs ermöglicht es seinen Lesern, ganz in diese fremde und faszinierende Welt einzutauchen und das ungemütliche Herbstwetter vor dem eigenen Fenster vollends auszublenden. Ganz nebenbei erfährt man sogar ein klein wenig über venezianische Geschichte und Venedigs Verbindungen zu Österreich. Abgesehen von den Zeitsprüngen empfand ich Remins bildhaften und sympathischen Schreibstil als sehr erfrischend und angenehm, seine Zeilen liest man einfach gerne, sie machen Spaß und unterhalten gut. Diese Pluspunkte auf stilistischer Ebene sorgen dafür, dass man Remin inhaltlich dafür ein paar Schnitzer nachsieht, auch das etwas kitschig anmutende Ende passt ja irgendwo in ein Buch, in welchem Sissi eine Hauptrolle spielt.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Nicolas Remin zwar keinen perfekten Debütroman vorgelegt hat, aber ganz sicher einen unterhaltsamen Kriminalroman, der vielleicht nicht ganz so rasant geschrieben ist wie bei Mankell, der uns dafür aber in eine unglaublich interessante und fremdartige Welt entführt, in die man sehr gerne eintaucht. Nur wenige Dinge trüben ein klein wenig den Lesegenuss, die meiste Zeit aber bereitet dieses Buch einfach nur Freude und macht schon jetzt neugierig auf den im Januar erscheinenden Nachfolger „Venezianische Verlobung“, den ich mir sicher nicht entgehen lassen werde.

Riebe, Brigitte – Straße der Sterne

Regensburg, 1245: Die 17-jährige Kaufmannstochter Pilar Weltenburger ist blind, lebt aber wohlbehütet im Hause ihres Vaters Heinrich, der seine Tochter über alles liebt. Die Mutter Rena hatte die Familie zehn Jahre zuvor ohne Erklärungen verlassen – ein Verlust, den sowohl Pilar als auch der Kaufmann nie verkraftet hatten.

Als aufgrund von Intrigen das Familiengrundstück in Flammen aufgeht und Heinrich stirbt, beschließt Pilar, der „Straße der Sterne“ zu folgen – der Straße, die den Pilgern den Weg zum Grab des heiligen Jakobus weist. Zusammen mit ihrem maurischen Diener Tariq, den ihre Mutter aus dem fernen Frankreich mitgebracht hatte, verlässt Pilar Regensburg, um im spanischen Santiago de Compostela den Heiligen zu bitten, ihr das Augenlicht wiederzugeben.

Tariq selbst trägt seit jenem Morgen, an dem seine Herrin die Stadt verließ, Renas Aufzeichnungen mit sich. Die Bitte, ihr Vermächtnis der Tochter zu geben, sobald diese alt genug sein würde, konnte er nicht mehr erfüllen, da Pilars Krankheit ihm zuvor gekommen war. Selbst unfähig, die Erinnerungen zu ertragen, die ihn dann überrollen würden, brachte er es nicht über sich, dem Mädchen die Seiten vorzulesen.

Der Weg der Pilger war seit jeher gefährlich, aber eine blinde junge Frau in Begleitung eines Nicht-Christen stellt eine allzu leichte Beute dar und so beschließen die beiden, die Hauptstraßen zu meiden. Trotzdem treffen sie nach und nach auf andere Pilger, die alle eins gemeinsam haben: dunkle Geheimnisse, die niemand außer dem heiligen Jakobus erfahren soll. Der Tempelritter Camoni, der seiner großen Liebe nachtrauert und Pilar zu kennen scheint; die Reisende Moira, die nie über ihre Familie redet und sich in Camoni verliebt; der Mönch Armando, der den Heiligen Gral sucht und an seiner Berufung zu zweifeln beginnt; und schließlich das Mädchen Estrella, das Tarot-Karten legt, um an Geld zu kommen, und als Einzige dem Heiligen uninteressiert gegenübersteht. Eine mächtigere Hand als der Zufall hat diese Menschen zusammengeführt und ihr Schicksal liegt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Auf dem Weg nach Spanien erfüllt es sich unbarmherzig Stück für Stück.

Brigitte Riebe ist hier ein etwas anderer historischer Roman gelungen, der nichts von dem allseits beliebten „Gut-und-Böse-Schema“ beinhaltet. Die Geschichte lebt von den großartig ausgearbeiteten Charakteren, die ganz natürlich aus ihrem Leben erzählen und den Leser in ihre persönlichen Tragödien einblicken lassen. Hier gibt es keine Superhelden-Action, die den Leser am Wahrheitsgehalt der Geschichte zweifeln lassen, es handelt sich vielmehr um einen faszinierenden Reisebericht.

Jeder Charakter ist nachvollziehbar, verletzlich und ergreifend geschildert, und der Leser wartet ungeduldig auf die Auflösung all dieser Rätsel. Sieben Menschen ergeben sieben einzelne und eine gemeinsame große Geschichte – Brigitte Riebe versteht es, einen vielschichtigen Plot zu entwickeln und diesen dann großartig umzusetzen! Abwechselnd gerät der Leser in die Wirren der Pilgerreise und in die Wirren der Vergangenheit, die die Autorin geschickt Stück für Stück – dem Weg der Reisenden angepasst – aufdeckt. Und auch wenn dem aufmerksamen Leser die Lösungen der kleinen und großen Rätsel schnell klar werden, klingt der Roman nicht langweilig aus. Das Ende passt sich, einer logischen Konsequenz folgend, dem Rhythmus der vorangegangenen Seiten an und lässt im Leser das Gefühl nachhallen, das er von Beginn an hatte: ein ruhiges, aber ergreifendes Buch!

Im Anhang findet der Leser historische Daten über die „Straße der Sterne“ und Pilger, aber auch Anmerkungen zu dem damaligen Stand der Papierherstellung. Sehr interessant!

Brigitte Riebe, vollständig Dr. Brigitte Leierseder-Riebe, wurde 1953 in München geboren, wo sie auch heute noch als freie Schriftstellerin lebt. Sie ist promovierte Historikerin, war zunächst als Museumspädagogin tätig und hat später lange Jahre als Verlagslektorin gearbeitet, bevor sie selbst begann, Romane zu schreiben. Unter ihrem Pseudonym Lara Stern veröffentliche sie u. a. die Sina-Teufel-Romane, mit denen sie auch bekannt wurde. Seit März 2005 ist der Roman [„Die Hüterin der Quelle“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2190 im Handel erhältlich.

Homepage der Autorin: http://www.brigitteriebe.de