Mankell, Henning – Mittsommermord

Drei junge Leute werden im Wald von einem Unbekannten erschossen. Sie hatten es gewagt, die Mittsommernacht am 22. Juni in Rokoko-Kleidern zu feiern. Merke: Only try this at home!

_Der Autor_

Henning Mankell, 1948 in Härjedalen geboren und jetzt in Mosambique lebend, sieht sich selbst weniger als Krimiautor denn als Gesellschaftskritiker. Bereits mit 20 arbeitete er in Stockholm als Autor und Regisseur an einem Theater. In den siebziger Jahren veröffentlichte er mehrere Werke, die sich den Klassenkampf und die Arbeiterbewegung zum Thema machten.

Seit 1990 widmet er sich seinem Hauptwerk: den neun Fällen des Kommissars Wallander. Sie wurden Weltbestseller und alle im |Hörverlag| in Hörspielfassungen veröffentlicht. „Mittsommermord“ wurde 2001 von Wolfgang Butt ins Deutsche übersetzt.

Deutsche Verlagshomepage von Henning Mankell: http://www.henning-mankell.de/ (|dtv|)

|Henning Mankell bei Buchwurm.info|:

[Die Brandmauer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=704
[Hunde von Riga]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=95
[Mörder ohne Gesicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=143
[Die Pyramide]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (Hörspielfassung)
[Die Rückkehr des Tanzlehrers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1058

_Die Sprecher_

Ulrich Pleitgen spricht diesmal den Kommissar. Pleitgen kann auf eine lange, erfolgreiche Sprecher- und Schauspielerkarriere zurückblicken. Geboren 1946 in Hannover, erhielt er seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Am Mittsommerabend, dem 22. Juni, feiern drei junge Leute im Wald von Ystad ein feuchtfröhliches Fest. Sie sind in Rokoko-Kostüme gekleidet und gepudert. Ein Mann tritt zwischen den Bäumen hervor und jagt jedem eine Kugel durch die Stirn. Er ist zufrieden: Ihnen ist das Lachen vergangen. Eine von ihnen war Astrid Hillström.

Etwa sechs Wochen später wird Wallanders Kollege Kalle Svedberg ermordet in seiner durchwühlten Wohnung aufgefunden. Nun endlich erfahren die Kollegen mehr über ihren zurückhaltenden Kollegen. Wie sein bester Freund Bror Sundelius verrät, hatte Svedberg eine Freundin namens Louise. Die ist nicht aufzutreiben, lediglich ihr Foto fällt dem Kommissar in die Hände. Und das Foto von vier jungen Leuten in Kostümen des 18. Jahrhunderts. Eine der abgebildeten Frauen ist Astrid Hillström, die ihrer Mutter noch nach dem 22.6. eine Postkarte schrieb, die die Mutter als Fälschung bezeichnet.

Wallander und seine (nicht mehr ganz so neue) Kollegin Ann Britt Höglund ahnen einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Svedberg und den verschwundenen jungen Leuten, als Astrids Mutter erzählt, Svedberg habe schon im Juli und August nach ihrer Tochter gesucht und Fragen gestellt. Er hatte ihr offenbar geglaubt, im Gegensatz zu seinen Kollegen.

Als das vierte Mädchen auf dem Foto stellt sich Isa Edengren heraus, eine junge, von ihren reichen Eltern seelisch misshandelte Frau, die versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wallander ist verblüfft: Das Mittsommerfest war völlig geheim, und Isa überlebte, weil sie krank geworden war. Woher kannte der Mörder Ort und Zeitpunkt des Treffens?

Als er nach dem Verhör in Isas Versteck auf einer Insel schläft, weckt ihn ein Schrei. Er kommt zu spät, um Isa vor dem unsichtbaren Killer zu retten. Doch woher konnte dieser Mann oder diese Frau wissen, wo sich Isa befand?

Schon bald hat sich der Mörder neue Opfer ausgesucht, denen das Lachen vergehen soll. Ob Wallander noch rechtzeitig erkennt, wie der Killer seine Opfer findet?

_Mein Eindruck_

Die Dramaturgin Valerie Stiegele hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk bearbeitet. Sie achtete dabei auf die Herausarbeitung eines logischen roten Fadens, den Aufbau von Spannung und einen Action-Höhepunkt. Das gelingt auch ganz gut.

Allerdings gibt es auch Brüche oder Lücken, die dem schnellen Fluss der Handlung geopfert werden: So besitzt Isa Edengren zu Wallanders größtem Erstaunen eine Tonbandaufnahme von dem Verhör, dem Svedberg auch sie unterzog. Wir bekommen diese Aufnahme allerdings nicht zu hören. Das wäre auch überflüssig gewesen, denn auch Wallander verhört sie ja, so dass wir das Wesentliche erfahren, was mit den Morden zu tun hat.

Die Kriminalisten von Ystad sind ja auch nur Menschen. Ann-Britt Höglund steht kurz vor der Scheidung, und der Kommissar macht sich Sorgen wegen Diabetes. Na, vielleicht ergibt sich noch etwas zwischen den beiden. Denn Ann-Britt heißt in den bekannten ZDF-Verfilmungen Maja …

Angesichts von Wallanders physischer Schwäche überrascht den Zuhörer dann doch ziemlich, welche Energie er bei der Verfolgung des Mörders, der ihm an der Wohnung aufgelauert hat, entwickelt. Ja, eine veritable Verfolgungsjagd schließt sich an, die dort endet, wo alles begann: im Wald von Ystad. Dort zeigt sich auch, wozu ein Brett vor dem Kopf alles gut ist.

Was das gesellschaftliche Engagement Mankells in diesem Roman angeht, so macht es sich an dem Grund fest, aus dem der Mörder seine Verbrechen begeht: Er will seinen Opfern das Lachen austreiben. Dies hat etwas mit seiner Rache an dem zu tun, was man ihm als Kind angetan hat.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher sind Profis, wie deutlich zu hören ist. Am wichtigsten ist natürlich die Figur des Kurt Wallander: Ulrich Pleitgen verleiht dem ebenso beliebten wie beleibten Kommissar eine imposante Statur: einmal voller Energie, dann wieder lethargisch, denn er hat offenbar Diabetes. Dieser Energiemangel wird Wallander fast zum Verhängnis. Im Vergleich zu Heinz Kloss in „Der Mann, der lächelte“ wirkt Ulrich Pleitgen allerdings zu nervös, beinah schon aggressiv.

Von den übrigen Sprechern ist mir kaum einer im Gedächtnis geblieben. Sie folgen in rascher Abfolge aufeinander. Nur Anne Weber als Ann-Britt und Kathrin Bühring als Isa Edengren ragen heraus: Sie haben längere Parts und beindrucken durch ihre Modulationsfähigkeit, die besonders im rein akustischen Medium wichtig ist.

|Die Musik|

Auch diesmal ist die Musik eine Geschmacksfrage. Sie wird nur von Saiteninstrumenten gestaltet, also Violinen und Celli etc. Es handelt sich laut Booklet um drei verschiedene Urheber, was aber nicht von Belang ist. Die Musik erzeugt eine angespannte Atmosphäre durch dissonante Harmonien. Dann aber, wenn Action in die Handlung kommt, kippt das Dahinplätschern in recht rhythmische Kadenzen, so dass man fast meinen könnte, in einem James-Bond-Film zu sitzen.

Geräusche gibt es diesmal nur sehr wenige, so etwa Babygeschrei oder klingelnde Telefone. Daher treten auch keine Fehler wie etwa beim erwähnten „Der Mann, der lächelte“ auf.

_Unterm Strich_

Insgesamt würde ich das Hörspiel „Mittsommermord“ im oberen Mittelfeld einordnen: Hier wird nichts falsch gemacht, es werden aber auch keine künstlerischen Gipfel erklommen. Das Hörspiel eignet sich also recht gut für den Einstieg in Mankells Werk, zumal es nicht mal zwei Stunden lang ist. Dafür wiederum ist es mit 20 Euro recht teuer.

|ca. 110 Minuten auf 2 CDs
Originaltitel: Steget efter, 1997
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt|

Markolf Hoffmann – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1)

Das Zeitalter der Wandlung:
Band 1: Nebelriss
Band 2: Flammenbucht
Band 3: Schattenbruch
Band 4: Splitternest

Wem beim Stichwort „Fantasy“ eine bunte Truppe aus Bäcker- oder Magierlehrling, rotnasigem Zwerg sowie ähnlichen Rollenbildern und Stereotypen vorschwebt, die verständlicherweise für Brechreiz und gepflegte Langweile sorgt, den kann man verstehen.

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Köhler, Werner – Mädchen vom Wehr, Das

Jerry Crinelli, Hauptkommissar bei der Mordkommission in Köln, zieht mit seiner Frau ins Bergische Land. Kurz nach seinem Umzug findet man am Wehr die Leiche eines Mädchens. Crinelli entdeckt bald, dass sich dahinter mehr verbirgt: Menschenhandel, Schleuserbanden und korrupte Polizisten.

Je mehr er alles durchschaut, je näher er dem Mörder kommt, desto mehr vermischt sich das Schicksal seiner Familie mit dem Mordfall. Der Preis, den er am Ende zahlen wird, um den Mörder zu finden, ist hoch. (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Werner Köhler, geboren 1956, lebt und arbeitet als selbständiger Verleger in Köln. Außerdem ist er Mitbegründer und Geschäftsführer des internationalen Literaturfestivals lit.COLOGNE. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Kochbücher. Im Frühjahr 2004 erschien bei |Kiepenheuer & Witsch| sein erster Roman „Cookys“.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-Tatort-Serie den Deutschen Fernsehpreis. Er hat mehrere Romane von Håkan Nesser vorgetragen.

Die Bearbeitung des Romans besorgte Sabine Bode, Regie führte Kerstin Kaiser.

_Handlung_

Jerry Crinelli ist Kommissar bei der Kölner Mordkommission und ein glücklicher Mensch: Seine geliebte Frau Maria ist im vierten Monat schwanger. Er hofft, dass es ein Mädchen wird. Um ihrer Tochter ein schönes Zuhause geben zu können, sind die beiden gerade in das Dorf Niederkirchen gezogen, das im Bergischen hinter einer Hügelkette verborgen in einem Talkessel schlummert, umgeben von tiefen Wäldern.

Dass hier auch ganz normale Menschen wohnen, wird Jerry schon auf dem ersten Nachbarschaftsfest bei Bauer Neumann deutlich. Beim Pinkeln beobachtet er einen polnischen Knecht dabei, wie er einem Huhn den Kopf abschneidet und das heiße Blut trinkt. Etwas später am Abend erspäht Maria einen Blick auf den Metzger, der es mit der Frau des Bäckers treibt. Sind Maria und Jerry in Sodom und Gomorrha gelandet?

Der Dorfpolizist ruft Crinelli zum Wehr des Baches, der durch das Dorf fließt. Im Wald hat ein Jäger die nackte Leiche eines etwa achtjährigen Mädchens gefunden. Jerry ist erschüttert vom Anblick des ausgehungerten Körpers mit der Drahtschlinge und dem Goldkettchen um den Hals. Sie wurde stranguliert. Was noch alles mit dem Mädchen angestellt wurde, erfährt Jerry erst vom Pathologen der Kripo. Er rennt sofort zum nächsten Waschbecken und kotzt sich die Seele aus dem Leib.

Nicht nur Jerry ist beunruhigt bei der Vorstellung, dass ein Kindermörder in seiner Dorfidylle sein Unwesen treibt. Maria hat noch viel mehr Angst, denn sie hat ein neues Leben zu beschützen. Sie drängt Jerry zunehmend stärker, wieder nach Köln zurückzuziehen, und nach einer Weile der Anfeindungen willigt er ein, in der Stadt eine Wohnung zu suchen.

In Köln erfährt von Schleuserbanden, die Pädophile mit jährlich zwei Millionen kindlichen und weiblichen Opfern versorgen, und diese Kinderliebhaber sind keineswegs irgendwelche Niemande, sondern offenbar auch Promis. Aber das ist nicht Crinellis Baustelle, sondern die der Sitte. Deshalb konzentriert er sich auf Niederkirchen. Zu seinem Erstaunen gibt es dort einen Puff und sogar einen verschworenen Kreis von Sexbesessen. Der Metzger, der Bäcker/Bürgermeister und sogar Crinellis eigener Nachbar gehören dazu. In ihrer gemeinsamen Jagdhütte wird er fündig. Gomorrha ist ein Kindergarten dagegen.

Doch die Aushebung dieses Sündenpfuhls kommt zu spät. Gerade als er glaubt, den Serienmörder enttarnt zu haben, kommt es zu einer Katastrophe, die sein Leben auf den Kopf stellt. Denn Maria hat ihm nicht zu erzählen gewagt, welchen Anfeindungen sie selbst ausgesetzt ist.

_Mein Eindruck_

Mit wachsender Beklemmung folgte ich der unheilvollen Entfaltung der Geschichte Jerome Crinellis. In seinem pflichtbewussten Eifer, dem Recht zu Geltung verhelfen, überschreitet er eine verhängnisvolle Grenze: die zwischen beruflicher Pflicht und der persönlicher Verwicklung. Gerade weil er in seinem eigenen Lebensraum ermittelt, erzeugt er Hass und Abwehrreaktionen, die sich nicht nur gegen ihn selbst wenden, sondern auch gegen seine Frau.

Er wird von seinem Vorgesetzten gewarnt, so weiterzumachen, doch als typischer Einzelkämpfer hat er den Rat in den Wind geschlagen. Der Preis, den er bezahlen muss, ist äußerst hoch. An dieser Stelle wird die Erzählung wirklich bewegend. Und man bezweifelt, ob Crinelli in der Lage sein wird, nach seinem Totalabsturz den wahren Kindermörder zur Strecke zu bringen. Ihm steht ein weiterer Schock bevor.

|Menschenhandel|

Crinelli ist im Buch nicht der Erste, der in Sachen organisierter Menschenhandel recherchiert. Da ist ein früherer Journalist, der jetzt als Metallskulpteur arbeitet und sein Freund wird. Liebermann stieg aus dem Journalismus aus, nachdem ihn die gefundenen Ergebnisse so deprimiert hatten, dass sie den Sinn seiner Arbeit und seines Lebens infrage stellten. Er warnt Crinelli ebenfalls, die Grenze zu überschreiten; natürlich hört der nicht auf ihn.

Die Kinder und Frauen, die die Schleuser importieren, kommen aus allen Ländern des ehemaligen Ostblocks, sprechen meist kein Wort Deutsch und können sich nicht wehren. Zwangsprostitution ist ein schreckliches Los, das sie erleiden müssen. Und zwar überall, auch in der vermeintlichen Idylle des ländlichen Niederkirchen. Denn auch dort hat Kindesmissbrauch eine Tradition, wie der Autor aufzeigt. Und dessen Opfer suchen sich ihrerseits wieder Opfer und so weiter ad nauseam.

|Korrupte Polizei?|

Was Crinelli zunehmend empört, ist die Gleichgültigkeit der Polizei in diesen Dingen. In der Stadt wird wenigstens ein V-Mann auf die Drahtzieher eingesetzt, doch auf dem Land werden selbst die auffälligsten Hinweise übersehen. Nur durch Zufall stößt Crinelli auf einen Andenkenverkäufer, der vom Leichenbestatter die verräterischen Details kennt. Vor zwei Jahren kam in Taufheim, Niederkirchens Nachbargemeinde, kein Zigeunermädchen um, sondern eines mit Lackschuhen, das eine Christin war – kenntlich an dem Kreuz an einem Goldkettchen. Das gleiche Goldkettchen wie beim Mädchen am Wehr. Und welche christliche Familie ließe ein Familienmitglied nach einem Unfall im Wald liegen? Keine, soweit der Andenkenverkäufer weiß. Aber die Zeiten ändern sich offenbar dahin, dass das nicht einmal mehr Polizisten wissen. Oder nicht wissen wollen.

Was ein aufrechter Polizist wie Crinelli bei den Ermittlungen in diesem Milieu riskiert, wird ebenso deutlich. Dieser Sumpf weiß sich durchaus zu wehren und die Widersacher unschädlich zu machen. Denn je mehr Geld damit zu machen ist, desto mehr Bullen und Richter lassen sich damit bestechen, und desto mehr „Helfer“ aller Art lassen sich damit anheuern. Auch Auftragskiller.

|Humor ist, wenn man trotzdem lacht|

Es gibt nur sehr wenig zu lachen bei diesem bitterernsten Thema, und doch gibt es eine Episode, die zum Schmunzeln reizt – wäre der Täter nicht ein so erbärmlicher Wicht. Der alte Optiker Gnaas, ein alleinstehender Witwer im Niederkirchner Zentrum, ist stolzer Besitzer eines Teleskops, diverser Ferngläser und Kameras, mit denen sich vorzügliche Bilder einschlägiger Aktivitäten machen – und verkaufen – lassen. Niemand ist vor seiner Linse sicher, weder Liebespaare noch Säuglinge und stillende Mütter, von den Sexbesessenen ganz zu schweigen. Wenn ihr also einen Kamerabewehrten durch den Wald schleichen seht, denkt daran, welche Motive dieser Voyeur wohl jagen könnte. Kitze oder Kinder?

_Der Sprecher_

Dietmar Bär ist uns als Tatort-Kommissar vertraut, auch stimmlich. Er verfügt über die Gabe, trotz einer tiefen, zur Ernsthaftigkeit neigenden Stimme auch warmherzige Freundlichkeit ausdrücken zu können. Diesmal muss er seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Der alte Gnaas beginnt zu wimmern und sogar zu fiepen, weil ihm die Stimme versagt. Und an einer Stelle muss Crinelli schreien, was das Zeug hält – ich bangte um meine Lautsprecherboxen. Beide Herausforderungen bewältigt Bär mit beachtlicher Kompetenz. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

_Unterm Strich_

„Das Mädchen am Wehr“ ist starker Tobak, ein Buch, das betroffen und wütend macht, keinen kalt lässt. Das ist auch gut so, denn wenn alle wegsehen, können die Menschenhändler und ihre Kunden immer so weitermachen. Der weltweite Handel mit Menschen hat den mit Drogen inzwischen überrundet: 15 Milliarden Dollar werden damit jährlich umgesetzt. Davon könnte man eine Menge Schulen und Kindergärten bauen. Ganz davon abgesehen, könnten auch eine Menge mehr Kinder und Frauen überleben. Siehe Levke und Adelina.

Der Vortrag Dietmar Bärs ist über weite Strecken ernst und lebhaft. Er lässt Crinelli auch mal aufbrausend werden, dann wieder zärtlich oder zweifelnd. Sein stärkster Moment ist wohl der lange Schrei der Verzweiflung und des Entsetzens, den Crinelli ausstößt, als er entdeckt, was mit Maria passiert ist. Genau wie das Buch lässt auch der Vortrag keinen kalt. Und das ist gut so.

Ich hoffe, der Kölner Schriftsteller Werner Köhler schreibt noch mehr solche engagierten Kriminalromane. Dass er sich damit in guter Gesellschaft befindet, zeigen die Namen, die mir dazu einfallen: Jacques Berndorf (für die Eifel), Christa von Bernuth (Kommissarin Mona Seiler) und vor allem Liza Marklund (Schweden).

|Die Buchfassung erschien im März 2005 bei Kiepenheuer & Witsch, Köln.
266 Minuten auf 4 CDs|

Kureishi, Hanif – Midnight all Day

_Vier blaue Stühle und ein emanzipierter Penis_

|Frage: Was haben blaue Stühle und ein Penis gemeinsam? Antwort: Sie erscheinen in Hanif Kureishis letzter Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“, die dem Leser die bekannte Mischung aus Humor, Liebe, Sex, Drogen, Musik und Desillusion bietet, sowie ein kafkaeskes Schmankerl beinhaltet, das mir die Tränen in die Augen getrieben hat – vor Lachen.|

Hanif Kureishi wurde 1954 als Sohn einer weißen englischen Mutter und eines pakistanischen Vaters in London geboren. Solchermaßen prägten die Auseinandersetzung mit rassischen Vorurteilen und die Suche nach der Zugehörigkeit zu einer Nation seine Jugend. Und die frühen Werke (Theaterstücke wie „Outskirts“, 1989; Film-Skripts wie „My Beautiful Laundrette“, 1984; Romane wie „The Buddha of Suburbia“, 1990) zeigen den Autor als anglophone Stimme der asiatischen Erfahrungen in England.

In neuerer Zeit, insbesondere ab „Intimacy“ (1998), tritt die Auseinandersetzung mit Rassismus weiter in den Hintergrund seiner Werke. Seine Hauptfiguren sind zwar häufig Engländer pakistanischer/indischer Abstammung, aber sie werden nicht vordergründig in rassischen Konflikten gezeigt. Stattdessen rücken allgemein-menschliche Themen in den Vordergrund, die sich auch in „Midnight all Day“ wiederfinden lassen. „Ich glaube, es gibt Phasen im Leben eines Autors, wo er sich auf ein Thema konzentriert. Zurzeit interessiert mich die Leidenschaft zwischen Mann und Frau. Die Anziehung, die manchmal so groß ist, dass es wehtut. In festen Beziehungen ist alles gefährlich nah beieinander: Gefühle wie Liebe und Hass, Verbundenheit und Abhängigkeit, Begehren und Wut.“ meint der Autor zu seiner Abkehr vom literarischen Rebellentum der frühen Jahre, die ihm so mancher Kritiker vorwirft.

Die zehn Geschichten in diesem Buch drehen sich somit vordergründig um Liebe in ihren verschiedenen Ausprägungen. Die abgeklärte Haltung des fast 50-jährigen Autors ist dabei nicht zu übersehen. So handelt die Geschichte „Four Blue Chairs“ (dt. „Vier blaue Stühle“) von ebenjenen Stühlen, die sich ein Pärchen kauft, das kürzlich zusammengezogen ist. Beide Partner haben bereits andere Beziehungen hinter sich und sind sich nicht sicher, ob sich der neuerliche Versuch, das Leben mit einem anderen Menschen zu teilen, wirklich lohnt. Die Entscheidung für den Kauf der Stühle für die gemeinsame Wohnung fällt leicht, die Kaufhandlung ebenso. Erst der Transport der schweren unhandlichen Möbelstücke zeigt, dass dem Entscheiden und dem Tragen von Konsequenzen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade beizumessen sind. Solchermaßen wird der Stuhlkauf zu einer Metapher für das Führen von Beziehungen in unseren Tagen.

Erfreulich an dieser und anderen Geschichten des Bandes ist auch, dass Kureishis Helden fernab von idyllischer Romantik konstruiert sind: körperliche Unzulänglichkeiten paaren sich mit Hilflosigkeit, Unter- oder Überlegenheitsgefühlen und mit Angst vor Konflikten, die zum Ende der Beziehung führen könnten. Viele Protagonisten finden Erfüllung nur noch im Drogenrausch und stehen vor den Scherben ihres Lebens, wenn sie vom Trip zurück sind. Für andere wird Musik zur Ersatzreligion und zur Möglichkeit der Realitätsflucht in rauschhafte Zustände (vgl. „That was Then“, dt. „Das war früher“).

Und immer wieder – so z. B. in der Geschichte „Girl“ (dt. „Mädchen“) – werden Themen angeschnitten wie Gewalt in Familien sowie soziale Unterschiede zwischen den Menschen in der City Londons und den Vororten. Literarisch verpackt wird auch die Dekonstruktion von Mythen über die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und die theoretische Auseinandersetzung mit der Schriftstellerei.

Die Protagonisten sind jedoch trotz ihrer komplizierten Vergangenheiten, von denen sie immer wieder eingeholt werden, gezwungen, ihrer Leben vorwärtsgewandt auszurichten. „Sucking Stones“ – nennt Marcia in der gleichnamigen Geschichte den sinnlosen Zustand der Stagnation, der sonst eintritt: „We look to the old things and to the old places. […] Even when there’s nothing there we go on. But we have to find new things, otherwise we are sucking stones.“ (dt. etwa: „Wir halten an den alten Plätzen und Dingen fest. […] Selbst wenn dort nichts mehr zu holen ist, machen wir damit weiter. Aber wir müssen neue Dinge finden, sonst sind wir verdammte Steine.“)

Die Geschichte „The Penis“ (dt. „Der Penis“) sticht ähnlich wie im ersten Kurzgeschichtenband „Love in a Blue Time“ (1997) die Geschichte „The Flies“ (dt. „Die Fliegen“) durch ihre Absurdität heraus. Der Einstieg dürfte manchem Zeitgenossen aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen: Ein Mann kehrt eines Abends sturzbetrunken von einer Party nach Hause zurück und kann sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Grotesk wird es erst, als seine Ehefrau ihn mit einem „penis – complete with balls and pubic hair“ („ein Penis – komplett mit Hoden und Schamhaar“) konfrontiert, den sie in seiner Manteltasche gefunden haben will. Einer Erklärung nicht mächtig, ist der Mann nur bestrebt, diesen Penis so schnell wie möglich loszuwerden; was ihm erst gelingt, als er ihn in mehrere Lagen Papier eingewickelt von einer Brücke wirft, wo er statt im Wasser auf einem Ausflugsdampfer landet.

Unweit von dieser Brücke entfernt wacht an ebenjenem Morgen Pornostar Doug auf und muss erschrocken feststellen, dass ihm sein bestes Stück abhanden gekommen ist. Somit seiner Erwerbsgrundlage entzogen, begibt er sich verzweifelt auf eine Kneipentour; teils um sich vollaufen zu lassen, teils um zu schauen, ob irgendwo (s)ein Penis abgegeben wurde. Schließlich entdeckt er den Flüchtigen „tall, erected and wearing dark glasses and a fine black jacket“ („groß, erigiert und mit Sonnenbrille und einer schicken schwarzen Jacke bekleidet“) in Begleitung einer Frau auf der Straße. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, an dessen Ende Doug seinen Penis stellen kann. Wie die anschließende Diskussion über Ausbeutung und darüber, wer ohne wen ein Nichts ist, ausgeht und, ob Doug seinen Penis zur Rückkehr bewegen kann, erfährt man in Kureishis Kurzgeschichtensammlung „Midnight all Day“.

_Corinna Hein_
http://www.corinnahein.net

|Eine [deutsche Fassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499231247/powermetalde-21 ist als „Dunkel wie der Tag“ bei Rowohlt erhältlich.|

Andreas Eschbach – Der letzte seiner Art

In einem verschlafenen irischen Fischerdorf erwacht Duane Fitzgerald – blind und bewegungsunfähig bis auf seinen Arm. Obwohl er mit einem Kantholz auf sich einprügelt – eine bisher oft erfolgreiche Methode – bleibt er hilflos. Glücklicherweise berührt er zufällig ein bisher unbekanntes Implantat unter seiner Bauchdecke und ein Zucken lässt seinen Körper erbeben. Dieses ihm neue Implantat (obwohl er doch eigentlich seinen Bauplan auswendig kennt) scheint den Stromausfall zu bewirken, also greift Duane nach dem erreichbaren Taschenmesser, klappt die Ahle heraus (was sich in seinem Zustand als besonders kompliziert erweist) und durchstößt die Bauchdecke. Normalerweise würde ein internes System Enzyme ausschütten, die für Schmerzunempfindlichkeit gesorgt hätten, aber leider ist dieses ja derzeit inaktiv. Duane bleibt nichts anderes übrig, als sich unter Schmerzen mit der Ahle in den Eingeweiden herumzuwühlen, um den Wackelkontakt am Implantat zu beseitigen.

Andreas Eschbach
Geboren am 15.9.1959 in Ulm. Verheiratet, ein Sohn.
Studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte aber noch vor dem Abschluss in die EDV-Branche, arbeitete zunächst als Softwareentwickler und war von 1993 bis 1996 geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma. Nach fast genau 25 Jahren in Stuttgart lebt er seit September 2003 mit seiner Frau in der Bretagne. Quelle: http://www.andreaseschbach.de/

Klar ist Duane Fitzgerald, der Ich-Erzähler des Romans, ein Cyborg – eine kybernetisch-organische Mixtur, fabriziert und entwickelt von amerikanischen Militärs, um als unbesiegbarer Steel-Man mit einigen Gleichartigen eine Sondereingreiftruppe zu bilden. Eschbach verknüpft intelligent die Zeitgeschehnisse mit seiner Geschichte. So wurde der erste Golfkrieg durch die USA nur so in die Länge gezogen, um die Steelmen rechtzeitig einsatzbereit zu machen – bis dato waren sie lediglich gut ausgebildete Marines mit einem künstlichen Arm. Erst als offensichtlich wurde, dass das Projekt nicht mit der nötigen Geschwindigkeit voranschritt, ging die Army zu der bekannten letzten Phase des Krieges über – ohne Steelmen.

Es ist ein absolut geheimes Projekt, über Jahre und mehrere Präsidentenlegislaturen hinweg in der Entwicklung. Ist es vorstellbar, dass sich so etwas – als Projekt, unabhängig vom Detail – durchführen lassen könnte bei den kleinlichen Differenzen verschiedener Machthaber? Eschbach stellt es dar, als habe das Militär seine eigene Forschung betrieben, bis schließlich Clinton die Einstellung anordnete.

Aus der Ich-Perspektive des Cyborgs, der mit Verschleißerscheinungen zu kämpfen hat, erhält die Geschichte trotz der typischen Verschwörung und der Horrorvision von unbesiegbaren Übermenschen einen humorvollen Schlag, denn seine Gedanken sind manchmal so natürlich und sprunghaft, dass man über seine Menschlichkeit lächelt und seinen Charakter sofort akzeptiert.

[…] stand da, wippte auf den Fersen und sah straßauf, straßab. Ich wurde unruhig, je länger es dauerte. Wie lange kann man schon an seinen Schuhen herumfummeln, ehe die Umwelt anfängt, das merkwürdig zu finden? […] Die Frau kam näher. […] Mit etwas Glück waren ihre Augen schlecht genug, dass ihr entging, dass ich Slipper trug […]
-Auszug aus „Der Letzte seiner Art“, S. 58

Es ist auch eine Art von Galgenhumor, die zwischen den Zeilen von Duanes Erzählung durchklingt. Eigentlich ist er natürlich völlig unzufrieden mit seinem Leben, andererseits fühlt er sich an seine Eide gebunden. Er sieht sich als menschliches Wrack, und durch den Verschleiß seines Systems erhält dieser Blickwinkel eine ganz neue, erschreckend reale Bedeutung. Die Geschichte nimmt eine Wendung, die für ihn entweder das endgültige Ende oder einen Neuanfang bedeuten könnte, doch damit einher gehen plötzlich auftretende Gefahren, die selbst für einen Steelman tödlich sein können – sind die Attentäter jetzt von den eigenen Leuten angeheuert oder vom Feind, der in den Besitz der Cyborgtechnik kommen will? Auf jeden Fall ist er gut über das Innenleben und die Möglichkeiten der Cyborgs informiert, so dass Duane nach und nach erfährt, wie seine Gleichartigen unauffällig ausgeschaltet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt wird ihm klar, was wir schon länger befürchten: dass es um sein Leben geht, nicht nur um gewisse Annehmlichkeiten wie den frei gewählten Wohnort. Trotzdem wirken seine Gedanken (die eigentlich eine aufgeschriebene Erzählung darstellen, aber das erfahren wir erst später) manchmal in ihrer Analyse wie von einer außenstehenden Person, um dann wieder in das Innerste vorzudringen. Eschbach beginnt jedes Kapitel mit einem Zitat von Seneca, dessen Philosophie für Fitzgerald die einzige Möglichkeit darstellt, sein Schicksal zu ertragen. Er versucht, nach dieser Philosophie zu handeln und betrachtet dabei sein Bemühen skeptisch. Vor allem die Totalität des Endes fasziniert ihn, und so ist nicht verwunderlich, dass sich daraus eine Lösung für ihn selbst entwickelt.

„Der Letzte seiner Art“ ist eine Charakterstudie, die sich mit der ausweglosen Tragik eines Übermenschen befasst und in diesem Gewand ein heikles, gleichwohl sehr oft behandeltes Thema aufgreift. Was kann der Bürger schon von den Machenschaften und Projekten solcher Regierungen oder Militärs wissen? Auf der anderen Seite: Schürt man mit diesen Spekulationen nicht eine gewisse Furcht? In diesen Tagen vielleicht gar nicht so unsinnig.

Der Roman fließt ruhig dahin, unter einer stetigen Spannungssteigerung. Aber Eschbach zeigt trotzdem seine vielfältigen Künste, denn das Tempo erhöht sich schlagartig um ein Vielfaches, als der Cyborg sein System voll aktiviert (und damit schneller als jede menschliche Reaktion agieren kann). Danach fällt es wieder ab und lässt uns unseren Herzschlag beruhigen, um weiter dem Finale entgegenzustreben. Ein düsterer, philosophischer, sehr unterhaltsamer und eindringlicher Roman.

Bennett, Arnold – Hotel Grand Babylon

London Ende des 19. Jahrhunderts: Der Amerikaner Theodore Racksole ist einer der Reichsten – und ein Freund schneller Entschlüsse. Weil ihm das Benehmen eines Oberkellners missfällt, kauft er während seines London-Urlaubs gleich das ganze Hotel. Als Racksole allerdings den Küchenchef beim Einbalsamieren einer Leiche überrascht, beginnen er und seine Tochter Nella zu ahnen, dass seine neuen Angestellten einiges auf dem Kerbholz haben. Ein turbulentes Verwirrspiel um einen geheimnisvollen Mord beginnt.

_Der Autor_

Enoch Arnold Bennett wurde 1867 in Hanley in der Grafschaft Staffordshire geboren. Er brachte es zwar nicht zum Advokaten, aber zum Herausgeber des „Woman“-Magazins (ab 1893), bis ihm endlich die Honorare für seine über 50 Werke – Romane, Erzählungen, Dramen, Essays und Autobiografisches – das Leben eines freien Schriftstellers ermöglichten. Er starb 1931 an Typhus. Zu seinen Freunden zählten die Schriftsteller Joseph Conrad, H. G. Wells, John Galsworthy und Arthur Conan Doyle. Er ist in Großbritannien immer noch recht bekannt, hierzulande aber längst vergessen.

„Hotel Grand Babylon“ erschien in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Golden Penny“, bevor der Roman im Jahr 1902 als Buch veröffentlicht wurde. Als wäre es eine Fingerübung, hat Bennett das gleiche Thema 1930 noch einmal aufgegriffen und zu einem riesigen Roman mit dem Titel „Hotel Imperial“ ausgebaut. Laut Armin Eidner hat das so geehrte Hotel Savoy seitdem ein „Omelette Arnold Bennett“ auf seiner Speisekarte.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Handlung_

Das titelgebende Hotel Grand Babylon ist ein perfekt geführtes Londoner Etablissement, in dem sich die gekrönten Häupter Europas die Klinke in die Hand geben. Geleitet wird es von einem Schweizer namens Felix Babylon. Zumindest so lange, bis sich eines Tages ein neureicher Amerikaner hierher verirrt: Theodore Racksole.

Der Tag seines Besuches ist unseligerweise auch der Geburtstag seiner Tochter Nella (kurz für Helen). Und als der schnöselige Oberkellner Jules seinen stinkreichen Gast auf freundlichste Weise brüskiert, platzt dem Ami quasi die Hutschnur. Ein kurzes Gespräch unter Bossen genügt, und Racksole hat das Hotel mit allem Drum und Dran gekauft – schlappe 400.000 Pfund genügen. Der Oberkellner kündigt von sich aus. Racksole und Nella bekommen ihre Steaks mit Bier.

Noch am gleichen Abend kommt Racksole merkwürdigen Vorgängen in seinem Hotel auf die Spur. Beim Essen hat Nella ihm einen Herrn Reginald Dimmock vorgestellt, seines Zeichens Kammerdiener eines deutschen Prinzen namens Aribert von Posen. Eigentlich sollte in Zimmer 111 Nella logieren, doch als er Einlass verlangt, öffnet eben jener Dimmock. Und was hatte der Kerl mit dem zwielichtigen Jules zu bereden? Der vorgehaltene Revolver Racksoles verlangt Auskunft: Nella war so nett, das Zimmer mit Dimmock zu tauschen, denn ein Stein hatte das Fenster zertrümmert – verständlich, oder? Jules wird gefeuert.

Prinz Aribert von Posen trifft ein und vermisst seinen Kammerdiener, der alles für ihn und seinen Regenten vorbereiten sollte. Ach, da ist Reginald ja schon! Nur, dass er mausetot ist, als man ihn findet. Die Polizei stellt Racksole unangenehme Fragen, kann aber noch wesentlich unangenehmer werden, als wenig später Dimmocks Leiche verschwunden ist. Keiner kann sich das Wie erklären.

Unterdessen lässt die aufgeweckte Nella ihren weiblichen Charme spielen und bringt den Prinzen zum Reden, der ihr alsbald sein Leid klagt (obwohl sie nur eine Amerikanerin ist). Sein Regent, der in wenigen Tagen heiraten soll, ist zwischen Brüssel und dem Kanalhafen Oostende spurlos verschwunden, möglicherweise entführt. Ob wohl Jules dahintersteckt?

Wie Racksole von einem Börsenmakler erfährt, wollte der Fürst in London eine Million Pfund leihen, um heiraten zu können. Da er den Zahlungstermin nicht einhalten kann, darf er auf Geheiß des deutschen Kaisers auch nicht heiraten. Wodurch wiederum die Auserkorene für den Heiratsantrag eines Anderen frei wird.

Nella und ihrem Vater wird klar, dass hier eine fein gesponnene Verschwörung am Werke ist. Doch was könnte sie dagegen tun? Nella hat schon eine Idee und reist nach Oostende ab, ohne ihre Vater um Erlaubnis zu fragen. Ein Abenteuer beginnt, das bis zum Schluss noch recht turbulent wird.

_Mein Eindruck_

Armin Eidherr bringt den Gehalt dieses Comedy-Thrillers und ausgewachsenen Kriminalromans auf den Punkt, wenn er im Booklet schreibt, dass im Hotel Grand Babylon – hinter dem sich das Londoner Savoy Hotel verbirgt – alte und neue Welt, überlebte Tradition und Moderne des 20. Jahrhunderts aufeinandertreffen. Die zwei schrulligen Amerikaner Racksole und Nella mischen die eingefahrenen europäischen Verhältnisse im Hotel auf. Diese Verhältnisse entpuppen sich schon recht bald als korrupt und doppelbödig, mit dem so genannten „Jules“, einem waschechten Briten, als Drahtzieher politischer Machenschaften.

Dass der Euro-Adel nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich am Ende ist, belegen die Ereignisse um Fürst Eugen von Posen, einem mit 50 Millionen Pfund verschuldeten Ministaat, der mit dem echten Posen nichts zu tun hat. Der Fürst muss zwecks Entschuldung einen Börsenmakler und inoffiziellen Pfandleiher bitten, ihm aus der Patsche zu helfen – wahrscheinlich zu horrenden Zinsen. Dass Eugens Widersacher in Sachen Heiratspolitik dies zu verhindern wissen, gehört zum üblichen Ränkespiel, mit dem sich die Alte Welt zugrunde richtet.

Aber auch die Amerikaner haben nicht viel Besseres vorzuweisen. Racksole, dem „drittreichsten Mann Amerikas“ (und damit der Welt), mangelt es an kultivierter Lebensart, die durch seine Millionen keineswegs wettgemacht wird. Er löst seine Probleme vorzugsweise mit dem Revolver, egal ob auf den Korridoren und in den Kellern des Hotels oder auf den Wellen der Themse. Für solche Probleme hat man in Europa die Polizei und die Diplomatie erfunden.

Nella ist eine interessante Figur, denn sie ist die Verkörperung der modernen Frau, die sich nicht mehr hinter einem Mann versteckt, sondern die Dinge selbst in die Hand nimmt. Das viktorianische Ideal der heimgebundenen Gebärmaschine ist ihr schnuppe, doch den Zeitgenossen Bennetts dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, als auch Nella unter die Haube kommt und ihrem adeligen Männe ewige Treue schwört.

Hierin liegt auch der Grund, warum das letzte Viertel des Romans mir so sauer aufgestoßen ist, nachdem ich mich bei der Krimihandlung so gut amüsiert hatte. Um jeden Preis versuchen die beiden Amis die Angelegenheiten des ach so armen Fürsten Eugen und seines Onkels Aribert ins Lot zu bringen: ein schmieriges Melodram, das umso süßlicher wird, als auch Nella sich in Aribert verliebt hat und nun Möglichkeiten sucht, die Misere des Hauses Posen zu beenden.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbachs Stimme hat schon einige Anstrengungen hinter sich, und das hört man. Es ist ein gut trainiertes Organ, das sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen kann. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn sie eine ausgefallene Sprechweise bemüht, um eine Figur zu charakterisieren. Und davon gibt es im Stück doch einige. Felix Babylon klingt schon superfreundlich, wenn er mit Racksole redet, so dass er geradezu zwielichtig wirkt. Doch wie sich zeigt, ist Babylon eine ehrliche Haut.

Das Gleiche trifft auf die Seeleute zu, mit denen Racksole den Hafen und die Docks von London nach Jules durchsucht. Jeder von ihnen hat eine subtil andere Klangfarbe in seiner Stimme. Auf diese Weise wird der Vortrag nicht langweilig.

Woran es Thalbach ein wenig mangelt, ist die Fähigkeit, die an vielen Stellen angebrachte Ironie so zum Ausdruck zu bringen, dass man sie auch sofort wahrnimmt. Dadurch wird ihr Vortrag weniger amüsant und und die Aussagen weniger bissig, sondern glatter.

_Unterm Strich_

Von der Titelillustration sollte man sich nicht täuschen lassen. Im Roman geht es weniger um stilechtes und kultiviertes Auftreten, als vielmehr um verschwundene Leichen, wütende Amerikaner, abstürzende Verbrecher, Liebeshändel, Entführung, eine Verfolgungsjagd auf der Themse, eine einbalsamierte Leiche und natürlich um edlen Wein (leider vergiftet). Doch statt einen der sensationsgierigen Kolportageromane der Jahrhundertwende zu fabrizieren, gelingt Bennett durchaus über weite Strecken ein genaues Porträt seiner Zeit, fokussiert im edelsten Hotel Europas.

Ich sage „über weite Strecken“, weil das letzte Viertel versucht, die Konventionen einer glücklichen persönlichen Verbindung – vulgo: Liebe – zu bedienen und dabei die Klischees des Melodrams für meinen Geschmack zu sehr strapaziert. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann dinieren sie noch heute im Hotel Savoy.

Die Sprecherin Katharina Thalbach vermag den Vortrag lebendig zu gestalten, selbst wenn ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit eingeschränkt erscheint, vergleicht man sie etwa mit der von Franziska Pigulla oder Rufus Beck. Thalbach hat ein unfehlbares Gespür für Stil und Intonation, was ja für die Sprecher jener uns bereits fernen Zeit doch ganz wesentlich war. Das umfangreiche Booklet ist eine willkommene Hilfe für die Einsicht in den Hintergrund des Autors, seines Werkes und seiner Zeit. Betrachtet man das Hörbuch mit unverstelltem Blick, kann man einen ironischen und spannungsreichen Kriminalroman genießen. Aber eben nur über weite Strecken.

|264 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Hotel Grand Babylon, 1902
Aus dem Englischen übersetzt von Renate Orth-Guthmann|

Connelly, Michael – Dunkler als die Nacht

Die bizarre Bilderwelt des Hieronymus Bosch gibt die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung eines Mordes in Los Angeles. Diesmal arbeiten Michael Connellys zwei Oberschnüffler Harry Bosch und Terry McCaleb zusammen an einem Fall, der ihnen beiden das Genick brechen könnte.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Harry Bosch, den Connelly-Leser schon aus mehreren Romanen kennen, soll diesmal als Hauptfigur der Anklage in einem Gerichtsverfahren gegen den allseits bekannten Hollywood-Regisseur David Storey aussagen, der sich für unantastbar hält. Das Medieninteresse ist entsprechend groß. Storey soll im Sexrausch eine junge Schauspielerin umgebracht und ihren Tod anschließend als Selbstmord inszeniert haben. Storeys wichtigster Helfer ist ein bulliger Ex-Polizist namens Rudy Tafero, der im Hintergrund gegen Bosch und McCaleb agiert.

Terry McCaleb, der Experte für Serienmorde und ehemaliger FBI-Angehöriger, lebt nun mit seiner Familie auf der friedlichen Insel Catalina vor L.A., als eines Tages die Polizistin Jaye Winston bei ihm auftaucht, um ihn um beratenden Beistand bei einem ganz anderen Mord zu bitten. Der saufende Tunichtgut Edward Gunn wurde in einem Ritualmord getötet, bei dem Symbole und Bildinschriften von Hieronymus Bosch eine entscheidende Rolle spielten. Doch warum musste Gunn überhaupt sterben?

Ganz einfach: Harry Bosch trägt den gleichen Namen wie der flämische Maler, der eigentlich Jerome (= Hieronymus) van Aiken hieß, sich aber nach seiner Heimatstadt t’Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte. Wie es der Täter geplant hat, fällt McCalebs Verdacht nach einer Weile auf Harry Bosch selbst, seinen Kollegen. Und sobald an die Medien durchsickern sollte, dass Bosch unter Mordverdacht steht, ist seine Aussage gegen David Storey keinen Pfifferling mehr wert.

Zum Glück kann Bosch McCaleb von seiner Unschuld überzeugen – was wäre auch das Motiv gewesen? Gemeinsam bemühen sie sich, die Verbindungen zwischen den zwei Mordfällen aufzudecken. Und als McCaleb jemandem bei seinen Ermittlungen zu heftig auf die Zehen tritt, ist Bosch gefragt, um ihm in letzter Sekunde das Leben zu retten.

_Beobachtungen_

Das wichtigste Bild von Bosch im Roman ist „Der Garten der Lüste“, das heute im Madrider Prado hängt – ein riesiges Triptychon, das den Garten Eden, die Welt und die Hölle zeigt. Darauf sind mehrere Symbole für das Böse zu sehen, Eulen beispielsweise. Connelly zieht eine deutliche Parallele zwischen den Zuständen im Moloch L.A. und der Darstellung der Welt durch Hieronymus Bosch.

Diese Korrespondenz mag zunächst etwas platt erscheinen, aber es ist für einen amerikanischen Thriller doch recht ungewöhnlich, Kunstwerke als Indiziengeber einzusetzen, zumal europäische. Übrigens heißt Connellys eigene Firma Hieronymus Incorporated.

Der Titel bezieht sich auf die Dunkelheit, mit der die Hölle gemalt ist: „a darkness more than night“, sagt einer der Restauratoren in L.A., der an einem Bosch arbeitet. Es ist die Dunkelheit der Verzweiflung und Verdammnis, darf man annehmen.

Übrigens ist von dem deutschen Autor Peter Dempf ein kunsthistorischer Krimi zu eben dem Bild „Garten der Lüste“ erschienen (bei |Goldmann|): [„Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“.]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442448700/powermetalde-21 Das Taschenbuch enthält eine gute Reproduktion des Gemäldes im Prado. Für Details allerdings benötigt man eine Lupe.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden und kunstvoll konstruierten Thriller durchweg an, dass Connelly jahrelang als Polizeireporter in L.A. gearbeitet hat. Nicht nur vermag der Autor Schauplätze und Menschen genau zu charakterisieren, kennt die Methoden der Schnüffler wie auch der Verbrecher.

Er kann auch das zentrale Gerichtsverfahren, das den roten Faden liefert, minuziös nachzeichnen und als politischen Schauplatz verständlich machen. Allerdings vermittelt er in der Mitte des Buches dabei den Eindruck, ein Gerichtsdrama zu liefern. Das legt sich zum Glück wieder, so dass der Showdown den Leser wirklich fesseln kann.

Mit Bosch und McCaleb tauchen zwei Figuren Connellys auf, deren Innenleben laufend erklärt wird. Leser, die schon die vorzüglichen Romane „Schwarze Engel“, „Der Poet“ und „Das zweite Herz“ gelesen haben, werden die beiden Figuren, besonders McCaleb, weitaus besser verstehen, als es der Autor in „Dunkler als die Nacht“ ermöglicht. „Dunkler …“ kam mir auch ein wenig kürzer vor als etwa „Das zweite Herz“.

„Dunkler …“ bedient nicht so stark voyeuristische Instinkte wie etwa Thomas Harris mit seinen Hannibal-Romanen. Wir werfen dennoch einen Blick auf grausige Szenen, die aus dem Serienkillerfilm „Sieben“ stammen könnten – nichts für zarte Nerven. Vielmehr richtet Connelly aber unser Augenmerk auf ganz normale Schnüffelarbeit bei Dutzenden von Zeugen an zahlreichen Orten. Erst hierdurch wird die Stadt L.A. als Organismus lebendig und erlebbar, manchmal auch mit komischen Untertönen. Der Autor zeigt wie schon zuvor ein feines Gespür für Rhythmus: Solche heiteren Momente wechseln sich stets mit Hochspannung ab.

|Originaltitel: A Darkness more than Night, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Sepp Leeb|

Brennan, Herbie – Purpurkaiser, Der (Faerie Wars 2)

Natürlich ist die Geschichte nach den Geschehnissen um [„Das Elfenportal“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=313 noch nicht vorbei: Zwar sind die Portale zur Hölle (nach |Hael|) geschlossen, der Staatsstreich der Nachtelfen unter Lord Hairstreak abgewehrt und die wichtigsten Personen (bis auf Hairstreak selbst) gefangen oder untergetaucht, aber es ist klar, dass der Lord diese Niederlage nicht akzeptieren wird.

So ist die Krönung Pyrgus‘ ein besonderer Grund zur Vorsicht, denn in den zu erwartenden Massenaufläufen kann schnell mal dies oder jenes unbemerkt geschehen. Außerdem scheint alles an Holly Blue zu hängen, Pyrgus scheint sich nicht für den bevorstehenden Staatsakt zu interessieren. Henry als menschlischer Freund des designierten Purpurkaisers soll auch erscheinen und natürlich wird der neue Torhüter dabei sein: Mr Forgarty.

Aber dann entsteht ein Gerücht, das alles ändert: Der alte Kaiser ist nicht tot! Hairstreak macht sich die Lage zunutze; sein Neffe Comma, jüngster Sohn des alten Purpurkaisers, spielt ihm in die Hände und schickt Pyrgus, Blue und Forgarty ins Exil.

_Herbie Brennan_ schrieb seinen ersten Roman mit Mitte zwanzig. Seitdem hat er unzählige Bücher für Kinder und Erwachsene veröffentlicht, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Neben dem Schreiben entwickelt er Spiele und Computer-Software und arbeitet für das Radio. Er lebt in County Carlow, Irland. |(Verlagsinfo)|

Mittlerweile dürfte klar sein, dass diese Geschichte keine Erzählung für Jugendliche ist – zumindest nicht hauptsächlich. Eher ein Jugendroman für Erwachsene. Eigentlich merkt man kaum noch, dass von Jugendlichen die Rede ist – Pläne und ihre Ausführung stammen meist von ihnen, die Erwachsenen sind, bis auf die Bösewichte und wenige Ausnahmen, Nebenfiguren.

Brennan gelingt es wunderbar, an den Vorgänger anzuschließen, so dass erneut eine farbenprächtige und facettenreiche Welt entsteht, in der es von lustigen Geschöpfen wie dem „fliegenden Teppich“ – Entschuldigung: |Endolg| Flapwazzle oder dem enddarmbewohnenden Wangaramas-Wurm Cyril nur so wimmelt. Er verpasst Henry sogar eine regenbogenfarbene Ersatzhaut aus Spinnenseide, so dass davon ausgegangen werden kann, dass es zwischen ihm und den anderen Menschen der „Gegenwelt“ (also unserer Welt), vorzugsweise seiner Schwester Aisling, zu interessanten Begegnungen kommen wird – denn Brennan bastelt weiter an dieser Geschichte! Übrigens hat Aisling die tragbare Portalfernbedienung an sich gebracht und dürfte wohl auch über kurz oder lang ihren Besuch im Elfenreich machen.

Faszinierend ist die Betrachtung der elfischen Magie und ihrer Beziehung zur irdischen (hier auch als „Technik“ bekannt): Während dort ein Zauber normalerweise am Geruch zu erkennen ist und Beschwörungsformeln in der Luft sichtbar sind, bedarf es bei uns manchmal nur einer Kreditkarte oder eines Scheins Bargeld, um die elfischen Wesen zu verwirren. Das mächtigste Zauberbuch dunkler Magie hierzulande wurde schließlich von Papst Honorius III. geschrieben; mit seiner Hilfe lässt sich sogar ein Portal nach Hael öffnen.

Mit Blick auf die Charaktere wird deutlich, dass sich die Interessen der pubertierenden Jugendlichen zwischendurch regelmäßig dem anderen Geschlecht widmen, glücklicherweise beruht das Interesse jeweils auf Gegenseitigkeit. Henry hat seit seiner Begegnung mit Blue im Elfenportal eigentlich nichts anderes mehr im Kopf, Blue ihrerseits ist ihr Interesse an Henry auch deutlich anzumerken; Pyrgus trifft zufällig auf Nymph, die Tochter der Waldelfenkönigin |Kleopatra|, und ist sofort verschossen, während Nymph natürlich auch ein Lächeln für ihn übrig hat. Eine rückläufige Entwicklung macht quasi der alte Forgarty bewusst durch, als er heftiges Herzklopfen beim Anblick der ebenso alten Madame Cardui bekommt und plötzlich darauf brennt, sich persönlich an den Kämpfen zu beteiligen – anders als in seiner Jugend, wo er Kämpfen möglichst fern blieb. Außen vor steht nur Comma, der ja auch noch etwas jung ist (obwohl: der Oberkörper seiner nachthemdlichen Halbschwester Blue schien ihn durchaus zu interessieren). Er verbirgt aber noch ein paar Geheimnisse, die auch seinen Geschwistern zu schaffen machen.

Die Stimmung zu beschreiben ist schwer, am ehesten passt wohl: positiv, lebensfroh, scherzhaft – ohne aber lächerlich zu werden. Brennan überrascht wieder mit kreativen Details, die die Lektüre zu einem echten Genuss werden lassen. Wenn der Mann so gut gelaunt durchs Leben geht, wie er seine Geschichten erzählt, ist er ein glücklicher Mensch.

http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Ambrose, David – Epsilon

Charlie Monk ist ein perfekter Agent: ein gewissenloser Killer. Allerdings verliert er die Loyalität zu seinen Auftraggebern. Und die Neurologin Dr. Susan Flemyng, die ihn für ihre Rachepläne gewinnt, setzt ihn auf eben diese Auftraggeber an. Ein Thriller mit doppeltem Boden, der in der Welt von Wissenschaft und Politik spielt.

_Der Autor_

David Ambrose steht für spannende Wissenschaftsthriller am Rande der Wahrscheinlichkeit. Er begann seine Karriere als Drehbuchautor für den Regisseur Orson Welles, lehrte Recht an der Universität Oxford und hat für Theater, Film und Fernsehen gerarbeitet. In Deutschland ist er mit [„EX“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=135 bekannt geworden, der neben unangenehmen Geistern auch eine interessante Zeitschleife vorzuweisen hat.

Ambroses Thriller waren schon immer ein wenig verwirrend für Leser, die unvorbereitet sind. Im Falle dieses Buches wäre es recht hilfreich, sich schon einmal mit Virtueller Realität (VR) und Gentechnik beschäftigt zu haben.

_Handlung_

Dr. Susan Flemyng hat einen Patienten namens Brian Kay. Kay hat zum Teil sein Erinnerungsvermögen verloren. Er ist schon seit 20 Jahren in Susans Obhut, und immer noch erkennt er seine Frau Dorothy nicht wieder, wenn sie ihn besuchen kommt. Seine Erinnerung reicht nur für etwa zwei bis drei Minuten. Sein Langzeitgedächtnis ist ausgefallen. Immerhin konnte ihm Flemyng die visuellen Eindrücke, das „Bild“ seiner Frau, einpflanzen. Und wer weiß? Vielleicht hat Kay tatsächlich etwas mit dieser Geschichte zu tun …

|A) Susan|

Flemyng bekommt eines Tages eine schlimme Nachricht: Ihr Mann, ein Ingenieur, ist in Sibirien bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Von ihrem Vater Amery Hyde getröstet, wird sie erst durch einen mysteriösen Besucher stutzig, der vorgibt, ein Reporter zu sein: Ihr Mann sei nicht abgestürzt, sondern ermordet worden, weil er etwas Wichtiges herausgefunden hatte. Wenig später ist auch der Reporter tot.

Susan war noch nie der Typ Mensch, der die Dinge auf sich beruhen lässt. Sie fliegt mit einer Führerin nach Ostsibirien in die hinterste Taiga. Dort stößt sie in einem mickrigen Hotel auf geheime Unterlagen des toten Reporters, die sie sofort weiterleitet, aber auch auf ein supergeheimes Forschungsinstitut, das zu ihrer Verblüffung genau jener Organisation gehört, das auch ihre eigene neurologische Forschungsarbeit finanziert: die Pilgrim Foundation. Sie war von ihrem Vater für unbedenklich erklärt worden.

Doch Susan wird zu ihrem Entsetzen nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern auch zur weiteren Kooperation gezwungen: Man hat ihren Sohn Christopher als Geisel genommen. Da er alles ist, was ihr noch geblieben ist, willigt sie ein. Ihr erstes supergeheimes Projekt ist ein menschliches Wesen, das man mit Gentechnik aus einem Schimpansen herangezüchtet hat (ein momentan höchst unwahrscheinliches Szenario, aber wer weiß, was man in 20, 30 Jahren alles kann). Es handelt sich um Charlie Monk. Sie soll ihm „Bilder“ einpflanzen. Sie sieht eine Chance, sich und ihren Mann zu rächen.

|B) Charlie|

Charlie Monk ist der perfekte Agent für geheime US-amerikanische Regierungsstellen: gut aussehend, durchtrainiert, präzise und vor allem absolut gewissenlos und loyal zu seinen Auftraggebern. Er agiert sozusagen auf Knopfdruck, ohne Fragen. Sein „Führungsoffizier“ ist ein Mann, der sich Control nennt. Charlie kennt sein Gesicht.

Nach dem letzten Auftrag hat man Charlie jedoch „stillgelegt“. Er fühlte sich beschattet und entkam seinen Bewachern. Nun erwacht er in einem Affengehege, das sich offenbar in einer Art Zoo befindet und an jeder Stelle von Kameras überwacht wird. Doch an einer Stelle gibt es Fenster, die sein Gehege überwachen. Und zu seiner Überraschung sieht er dort Katie, seine Jugendliebe. Katie sieht genauso aus wie Dr. Susan Flemyng.

Als Charlie wieder einmal erwacht, sieht er Susan vor sich. Er erfährt, dass er das Schimpansengehege als eine perfekte Virtuelle Realität (VR) erlebt habe. Ein spezieller Apparat, den man ihm über den Kopf stülpt, versetzt ihn in eine andere Welt, die sich genauso „real“ anfühlt wie die Realität erster Ordnung, in der er bislang zu leben meinte – auch diese war VR! Wer also ist Charlie Monk „wirklich“?

Susan gelingt es, den immens starken Charlie zu überzeugen, für sie zu arbeiten – sie gewinnt seine Loyalität. Und gemeinsam werden sie ihren Sohn Christopher befreien und sich an den Hintermännern dieser ganzen Sauerei rächen, oder?

Leider hat Susan nicht damit gerechnet, dass zu diesen Hintermännern auch ein Mann gehört, dem sie bisher bedenkenlos ihr Leben anvertraut hätte: Es ist der Mann, der sich Control nennt.

Anmerkung: „Epsilon“ ist der 5. Buchstabe im griechischen Alphabet. Er bezeichnet im Buch die 5. Generation jener aus Schimpansen gezüchteten Menschen wie Charlie Monk.

_Mein Eindruck_

Es gibt manchmal Bücher wie diese, die einem den rationalen Verstand ebenso durcheinanderwirbeln wie das gewohnte Weltverständnis. Diese Wirkung verunsichert den Leser stark und macht ihn entweder frustriert oder wütend oder beides. Als Endergebnis wird die Zumutung einfach beiseite geschoben und verdrängt. Problem vergessen, Problem erledigt.

Diese Reaktion wäre nur zu verständlich auch bei diesem Buch. Erst verlangt der Autor, dass man diesen James-Bond-Verschnitt namens Charlie Monk als eine Inszenierung der Virtuellen Realität akzeptiert, die sich eine höchst illegale Regierungsagentur in ihren Labors ausgedacht hat. Danach soll man auch noch akzeptieren, dass dieser Monk aus einem Schimpansen gezücktet worden sei. Man fragt sich allerdings: Wozu der Aufwand der Gentechnik, wenn doch eh alles virtuell realisierbar ist? Offenbar ist auch die Schimpansensache reine VR.

Und das macht die Geschichte noch frustrierender. Denn nun erhält die Geschichte den Anschein, als seien alle Realitätsebenen darin VR und untereinander austauschbar, also völlig beliebig. Letzten Endes auch die des Lesers. Der Autor führt für die VR-Experimente an Charlie historisch verbürgte Psycho-Forschungen eines gewissen B.F. Skinner an, den Autors des utopischen Romans „Walden Two“. Und dass unsere eigene Realität lediglich von Sinneswahrnehmungen abhängt, wusste schon René Descartes im 17. Jahrhundert („Ich denke, also bin ich.“).

So weit, so verwirrend. Da nun alles ein virtuelles Spiel mit inszenierten Realitäten zu sein scheint, so hat doch der Leser durch den Kauf dieses Buches das Recht erworben, durch ein solches VR-Medium (= Roman) zufriedenstellend unterhalten zu werden.

Immerhin funktioniert das Buch als VR-Maschine recht gut: Die Anfangskapitel, die Charlie Monk als Agent 007 zeigen, sind flott erzählt und entbehren nicht einer gewissen Spannung. Seine Existenz als Schimpanse ist durchaus ironisch auffassbar, denn der ansonsten zur Diplomatie neigende Affe muss sich nun mit brachialer Gewalt gegen die anderen Männchen durchsetzen.

Das Finale zeigt dann wieder Charlie Monk, nun in eigener Regie an Susans Seite, in voller agentenmäßiger Aktion, wobei sich als hilfreich erweist, dass er wegen seiner äffischen Herkunft schneller reagiert, stärker ist und sich rascher bewegt als seine Widersacher, die allesamt Control unterstehen.

Klingt das hanebüchen? Ja, genauso hanebüchen wie jeder James-Bond-Film. Wie das dem Buch vorangestellte Sean-Connery-Zitat verrät, musste auch 007 erst einmal erfunden werden, um auf der Leinwand, einer weiteren VR, halbwegs glaubhaft zu erscheinen: Er hat keinerlei Eltern oder Geschwister und fiel im Alter von 33 Jahren vom Himmel, gewissenlos, wie Fleming (!) ihn schuf.

_Unterm Strich_

Wenn man nicht vor Zorn und Frust gegen die Zumutungen des Autors aufbegehrt und das Buch nach zehn Seiten in die Ecke feuert, kann man ein paar nette Kapitel genießen, in denen man sich an der Seite von Charlie Monk wähnt oder in denen man mit Susan Flemyng einem Komplott auf die Spur kommt. Und dies geht dann nach einem recht verwirrenden Mittelteil in ein actiongeladenes Finale über.

Akzeptiert man diese Zumutungen des Autors, so könnte man diesen Roman als ironische Antwort auf den James-Bond-Kult auffassen. Das geht aber nur, weil damit auch eine Kritik an den Medien verbunden ist, die sich allesamt skruppellos der Ausbeutung dieses selbst geschaffenen Medienkultes befleißigen. Wie lukrativ dies ist, hat man ja wieder am letzten, zwanzigsten JB-Film gesehen, der das 40-jährige „Dienstjubiläum“ des unsterblichen 33-Jährigen markierte.

Die VR-Maschine läuft allen Kanälen auf Hochtouren und heraus kommt – nun was? Dollars und noch mehr Dollars. Dass einigen Leutchen dabei der Sinn für die Realität erster Ordnung abhanden kommt, was macht das schon? Sind wir nicht alle Charlie Monks? Doch wer ist dann Control?

|Originaltitel: The discrete charm of Charlie Monk, 2000
Aus dem Englischen übertragen von Stefan Bauer|

Knaak, Richard A. – Quelle der Ewigkeit, Die (WarCraft: Krieg der Ahnen Buch 1)

Der Drachenmagier Krasus, die „humanoide“ Manifestation des uralten Drachen Korialstrasz, fühlt es als Erster: Etwas Unheilvolles greift nach der Wirklichkeit. Während er seinem Schüler, dem menschlichen Magier Rhonin, eine telepathische Botschaft schickt, um mit ihm gemeinsam der Bedrohung auf den Grund zu gehen, spüren auch die Orks das Nahen einer großen Gefahr und schicken den erfahrenen Veteranen Broxigar auf die Suche.

Als die Helden der Störung nahe kommen, werden sie durch einen dimensionalen Riss in die ferne Vergangenheit Kalimdors geschleudert, in eine Zeit, als die Quelle der Magie noch existierte und die Nachtelfen ein starkes Volk waren, als es weder Menschen noch Orks gab und die fünf machtvollen Aspekt-Drachen wohlwollend und kraftvoll der Schöpfung gegenüberstanden, sie noch nicht versklavt worden waren und „Neltharion, der Wächter der Erde“, noch nicht „Deathwing, der Zerstörer“ genannt wurde, in eine Zeit, kurz bevor die Brennende Legion zum ersten Mal über Kalimdor hereinbrach.

Broxigar gerät in die Gefangenschaft der Nachtelfen, für die der Ork nicht mehr als ein unbekanntes Tier ist, während Krasus und Rhonin unfreiwillige Gäste des weisen Waldgottes Cenarius werden.

Die junge elfische Priesterin Tyrande erkennt in Broxigar ein intelligentes Wesen und befreit ihn mit Hilfe ihres Freundes Malfurion Stormrage, eines Nachtelfen, der – von seinem Volk belächelt und verachtet – den „Weg des Druiden“ einschlug und zum Schüler Cenarius‘ wurde. Unterstützung erfahren die beiden durch Malfurions Zwillingsbruder, den Kriegsmagier Illidian, welcher selbst nach einer Prophezeiung eine wichtige Rolle in der Geschichte der Nachtelfen spielen wird.

Unterdessen weben in der Hauptstadt der Elfen Magier unter Führung Xavius‘, des korrupten, bösen Beraters der eitlen Königin Azshara, an einem Zauber, der ein Portal zur dämonischen Sphäre der Brennenden Legion öffnet, damit der Herr der Legion seine todbringenden Boten nach Kalimdor entsenden kann, auf dass sie sein Kommen der Welt offenbaren. Gleichzeitig werden die in ihrem Wesen magischen Nachtelfen in Folge des Rituals von der Quelle ihrer Macht und Magie abgeschnitten.

Krasus, der in der Vergangenheit nicht in der Lage ist, sich in seine Dracoform zu transformieren, macht sich auf die Suche nach den anderen Drachen, um sie eindringlich vor der Gefahr, die der Welt durch die Verzerrung der Wirklichkeit und die Ankunft der Brennenden Legion droht, zu warnen, während Rhonin, Tyrande und die beiden Brüder ihren Kampf gegen die Vorhut der Dämonen und den verschlagenen Xavius organisieren.

Dass der Autor sein Metier beherrscht, konnte er in zahlreichen Büchern unter Beweis stellen. „Die Quelle der Ewigkeit“ ist ein klassischer Sword-&-Sorcery-Roman. Mächtige Magier, Drachen, Dämonen und starke Krieger liefern sich Schlachten um eine exotische Welt, die sich nicht hinter den „Vergessenen Reichen“ Ed Greenwoods und R. A. Salvatores oder dem „Drachenlanze“-Zyklus von Margaret Weis und Tracy Hickman – zu welchem Knaak übrigens seinen Teil beiträgt – verstecken muss. Zwar fehlt Kalimdor hinsichtlich der politischen und kulturellen Gegebenheiten sowie der Fülle an Wesen, Unwesen und Gegenden noch die Komplexität Faerûns oder Krynns, aber die Welt von WarCraft ist jung und der Anfang vielversprechend.

Allerdings sind die Anlehnungen an die beiden großen Dungeons&Dragons-Settings unverkennbar. Auch wenn sich die Nachtelfen und Drachen im Detail von ihren Vorbildern mehr oder weniger deutlich unterscheiden, so hält sich die Originalität daher insgesamt in Grenzen. Dieses gilt auch für die Konstellationen der Protagonisten: zwei Brüder, die sich im Wettbewerb um die Gunst einer Frau zu entfremden scheinen, oder ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, wie es Krasus und Rhonin bzw. Cenarius und Malfurion repräsentieren, wurden schon zu oft bemüht, um den Leser vollkommen zu überzeugen.

Das actionorientierte Buch gewinnt eher durch die interessanten Charaktere und den epischen Handlungsbogen denn durch die explizite Ausarbeitung eines eigenständigen Rassen-Backgrounds. Die herausragenden Protagonisten sind dabei eindeutig Malfurion, sein Bruder Illidian und der Drachenmagier Krasus: Malfurion wegen seines rebellischen, unangepassten Wesens, Illidian, weil er an einem Scheideweg angekommen scheint, der ihn von seinem Bruder wegführen könnte, und Krasus wegen seiner relativen Machtlosigkeit in Verbindung mit der bevorstehenden Konfrontation mit Neltharion, dem späteren Deathwing. Der Rest des Ensembles – einschließlich Rhonin – spielt zumindest in diesem ersten Band der Trilogie noch keine nennenswerte Rolle bzw. geht über Fantasystereotypen kaum hinaus, wobei insbesondere Tyrande ob ihrer Gut-Elflichkeit sogar ein erhöhtes Nervpotenzial aufweist. Alles in allem kann man konstatieren, dass die Nachtelfen – um ein altes Rollenspiel-Phänomen zu bemühen – mehr wie Menschen mit spitzen Ohren erscheinen, als ein fremdartiges, nichtmenschliches Volk.

Rein stilistisch gibt es an Knaaks Text nichts auszusetzen, so dass die Lesefreude von dieser Seite nicht getrübt wird. Hinsichtlich der Handlung bleibt abzuwarten, ob der Autor in den Folgebänden die Logikprobleme, die Zeitreisegeschichten in der Regel mit sich bringen, umschiffen kann.

Fazit: Ein kurzweiliger, solider „Sword & Sorcery“-Roman, der in guter „Dungeon & Dragons“-Tradition die Welt von WarCraft mit Leben erfüllt. Interessante, vielschichtige Figuren und der Beginn eines Handlungsbogens, der eine wahrhaft epische Story erwarten lässt, machen diesen ersten Teil der „Krieg der Ahnen“-Trilogie zu einem Vergnügen nicht nur für PC-Spiele-Fans.

|Originaltitel: Warcraft: War of the Ancients Trilogy Book 1 – The Well of Eternity
Übersetzung: Claudia Kern|

_Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Benford, Gregory – Cosm

Als die amerikanische Jungphysikerin Alicia den Supercollider nutzte, hätte sich nicht träumen lassen, deswegen einmal als Gotteslästerin angefeindet zu werden.

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkenntnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und „Das Rennen zum Mars“ verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war [„Zeitschaft“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1222 Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar. Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman „Cosm“ hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science-Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

_Handlung_

Alicia ist Experimentalphysikerin in Kalifornien, von schwarzer Hautfarbe und auch noch weiblich – zwei Nachteile im von weißen Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb. Bei einem schief gegangenen Experiment erzeugt sie ein Universum im Basketballformat, entführt es an ihre eigene Uni und beobachtet es dort.

Wie sich herausstellt, gleicht der Cosm, wie sie das Gebilde nennt, unserem eigenen Universum, doch mit dem Unterschied, dass dort die Entwicklung exponentiell schneller voranschreitet – innerhalb von nur 25 Wochen altert es um mehr als vier Milliarden Jahre!

Als die Medien und die Science-Gemeinde Wind von ihrem Cosm-Baby bekommen, gerät die idealistisch-naive „Göttin“ in heftige Medien- und Justiz-Turbulenzen. Hier kommt es zur kontroversen Diskussion der Weiterungen von Alicias Tat: Wenn sie ein Universum schaffen kann, dann kann es jeder! Nun erhebt sich der Mensch also endgültig zum Schöpfergott, lautet der Aufschrei, und an diesem Punkt treten eine Menge religiöser Bedenken auf. Wenn es nur dabei bliebe: Alicia wird von Unbekannten entführt, kann aber entkommen.

Zum Glück stehen ihr ein sympathischer Physik-Theoretiker und ihr journalistisch tätiger Vater mit Rat und Tat zur Seite. Doch schließlich rückt das FBI an, um sie zur Herausgabe ihres geraubten Cosm zu zwingen. Alicia bleibt nur die Flucht in die Wüste …

_Unterm Strich_

Benford schildert packend, scharfsinnig und witzig-ironisch den harten Betrieb an einem Physikinstitut, und auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.

„Cosm“ erinnert in seinem Thema an Benfords preisgekrönten Roman „Timescape“ (dt. „Zeitschaft“). War damals die Botschaft eine ökologische Warnung aus der Zukunft, so warnt uns Heutige nun „Cosm“, was die Wissenschaft im gesellschaftlichen Spannungsfeld in Gang setzen könnte, wenn die Ausbeutung zum Beispiel des |Human Genome Project| und anderer Schöpfer-Projekte voranschreitet.

Sehr empfehlenswert, wenn man sich nicht zu sehr an dem Wissenschaftlerjargon stört.

|Bonusmaterial?!|

Der Roman ist durch einen Essay des Religionswissenschaftlers Linus Hauser ergänzt: „Die Erfahrung der radikalen Endlichkeit des Menschen angesichts eines selbstgeschaffenen Universums“. Hauser trägt ein paar nützliche und hilfreiche Aspekte zur Diskussion über das Buch bei. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Hanif Kureishi – My Beautiful Laundrette (Mein wunderbarer Waschsalon)

Wir würden weiße Wäsche waschen …

Hanif Kureishis Script des Films „My Beautiful Laundrette“ (dt. „Mein wunderbarer Waschsalon“) modernisierte in den Achtzigerjahren das englische Kino, indem es beispielsweise soziale Randgruppen in den Mittelpunkt der Handlung und Szenen ohne fließende Übergänge nebeneinander stellt, oder indem es aufzeigt, dass sich die englische und pakistanische Identität neu definieren müssen.

Der Plot

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Arden, Tom – Tanz des Harlekin, Der (Der Kreis des Orokon Band 1)

Dies war Tom Ardens erste deutsche Veröffentlichung. Ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt. „Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy“, urteilte das US-Fachmagazin LOCUS.

_Handlung_

Nachdem der rechtmäßige König von seinem neidischen Bruder durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier.

Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor, möglicherweise der Vater von Jemany, aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator kämpfte. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloss, und dieser bringt dem jungen Mann erst mal das Lesen und dann das Gehen bei. Denn Jemany träumt vom Fliegen – so wie in der Legende der Junge Riel (= Ariel, der Luftgeist), der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Straße, die in die Ferne führt.

Jemany hat Cata nur flüchtig kennen gelernt; sie verspottete den „Krüppel“. Cata ist die Tochter von Silas Wolveron, der einst auch mit dem Schloss zu tun hatte, nun aber als Eremit im Wildwald lebt. Cata nimmt sich in Acht vor der Bande der Fünf, die im Dorf Irion unterhalb des Schlosses ihr Unwesen treiben und auch gern wehrlose Tiere qualvoll umbringen. Sie werden angeführt von Polty, der von seinem Vater, dem bigotten Arzt und Vertrauten von Umbecca, ständig verdroschen wird und so seinen Haß an Schwächeren auslässt. Auch als die zigeunerhaften Vagras mit ihrer Karawane in Irion haltmachen und der Harlekin auftritt, treibt Polty sein Unwesen. Er stiehlt seinem Vater einen wertvollen Ring und macht sich aus dem Staub.

|Die Prophezeiung des Orokon|

Der Autor hat dieser (stark gerafften) Handlung einen langen Prolog vorangesetzt, in dem er das aktuelle Geschehen in einen riesigen zeitlichen Rahmen setzt, der bei der Erschaffung der Welt durch Orok beginnt. Der Gott schuf sich unterschiedliche Kinder, darunter auch ein bösartiges, doch sie sollten Frieden halten, solange sich alle ihre fünf Kristalle im Orokon-Kristall vereint befanden. Wenig später hat der Böse seinen Stein herausgenommen, was auch die anderen nicht zögern lässt, es ihm gleichzutun.

Schreckliche Untaten werden begangen, die Völker der fünf Götter werden zerstreut, und die Zeit des Sühneopfers bricht an. Die Prophezeiung aber besagt, dass sie durch ein neues Zeitalter abgelöst wird, sobald der rote Schlüssel zum Orokon gefunden und alle fünf Kristalle wieder an ihren rechtmäßigen Platz gesetzt werden.

Es sieht ganz so aus, als sei Jemany das geweissagte Kind, das dies vollbringen wird.

_Mein Eindruck_

Tom Arden ist kein Amerikaner – zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen. Erfrischend anders!

|Originaltitel: First Book of The Orokon. The Harlequin’s Dance. Parts 1 +2, 1997
Aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon|

David Gemmell – Eisenhands Tochter (Die Falkenkönigin 1)

Dieser Fantasy-Roman gehört zwar zu einer Dilogie, kann aber auch abgeschlossen für sich bestehen und alleine gelesen werden. Er erzählt die Geschichte von Sigarni, der Falkenkönigin, die den Aufstand des Nordens gegen die Outlander anführt.

Die zwei Romane um die Falkenkönigin folgen einem völlig anderen Strickmuster als die übrigen Bücher Gemmells. Die Fortsetzung erschien unter dem Titel „Die Keltenkriege“  im Oktober 2000 (Taschenbuchausgabe Februar 2003).

Der Autor

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Connelly, Michael – Schwarze Engel

Ein schwarzer Staranwalt wird in L.A. ermordet, und der Verdacht fällt sofort auf einen Polizisten. In der Stadt, in der weiße Cops einen Schwarzen wie Rodney King zusammenschlugen, setzt dieses Verbrechen die Zündschnur in Brand, die das Pulverfass Los Angeles in die Luft fliegen lassen könnte. Detective Harry Bosch muss schnell arbeiten und vor allem fehlerfrei. Dumm nur, dass ihm zahlreiche Aufpasser die Arbeit schwer machen.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Dieser Fall für Detective Hieronymus „Harry“ Bosch ist der politisch und gesellschaftlich brisanteste. Ein falsches Signal, und Los Angeles brennt wieder wie 1992 nach dem Skandal um Rodney King. Schon am frühen Morgen wird Bosch nach Downtown L.A. gerufen. Dort wurde in der historischen Standseilbahn „Angel’s Flight“ (So der O-Titel des Buches) Howard Elias erschossen, zusammen mit einer unbedeutenden Putzfrau. Elias war ein besonders bei Polizisten verhasster schwarzer Staranwalt, der zwar für die Rechte der Black Community eintritt, aber nur um dabei ordentlich abzusahnen. Er prozessierte ausschließlich vor Bundesgerichten gegen Polizisten des LAPD, denen sich Fehler anhängen ließ – nach Rodney King und O.J. Simpson besonders leicht zu bewerkstelligen.

Kein Wunder also, dass als Mörder sofort ein Polizist in Frage kommt – genau wie bei Rodney King. Bosch wird klar, dass dieser Fall mit Leichtigkeit das Ende seiner Zugehörigkeit zum LAPD bedeuten könnte. Also will er erst mal alles richtig machen. Eigentlich ist er ja für Hollywood zuständig und wurde nur wegen seiner Unparteilichkeit mit dem Fall von Deputy Chief Irvin Irving betraut. Das eigentlich zuständige Morddezernat RHD wurde abgezogen. Doch dann wird Irving heimtückisch: Er gibt Bosch die Dienstaufsicht IAD als Mitarbeiter. Und als i-Tüpfelchen, um ganz sicher zu gehen, auch noch den Inspector General: die farbige Anwältin Carla Entrenkin.

Da kann ja nix mehr schief gehen, sollte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall: Entrenkin war die Geliebte des verheirateten Howard Elias. In Windeseile sind die Hinweise auf die Verbindung aus Elias‘ Wohnung verschwunden. Als Bosch sich die letzten Fälle von Elias ansieht, wird ihm klar, dass dieser einen Informanten beim LAPD hatte, der Verbindungen nach ganz oben hatte. Sein Verdacht fällt auf den IAD-Mann Chastain, seinen Intimfeind, und auf Deputy Chief Irvin Irving selbst. Denn kaum hat er diesem Bericht erstattet, verbreiten sich vertraulichen Infos über die Medienkanäle der Stadt, um die politische Stimmung der Black Community zu beeinflussen. Na toll.

Warum aber musste Howard Elias sterben? Er sollte am nächsten Tag einen Prozess eröffnen, bei dem er seinem schwarzen Klienten, einem Ex-Kriminellen namens Harris, einen riesigen Schadensersatz erstreiten wollte. Angehörige des LAPD hätten Harris gefoltert und verletzt, um ein Geständnis zu erzwingen. Wie Bosch herausfindet, war auch sein früherer Partner Frank Sheehan in dieser Gruppe, und was man ihnen vorwirft, ist wahr.

Harris sollte gestehen, dass er ein weißes Mädchen, Stacey Kincaid, missbraucht und umgebracht hatte. Seine Fingerabdrücke wurde auf einem ihrer Bücher gefunden und ihre Leiche zwei Blocks von seiner Wohnung entfernt. Doch als sich Bosch näher mit diesem Mord befasst, helfen ihm anonyme Hinweise, die sich in Elias‘ Unterlagen befanden. Stacey Kincaid, die engelhafte elfjährige Tochter des größten Autohändlers der Autostadt L.A., wurde im Internet von einem Kinderpornoring angeboten. Bosch braucht nicht lange zu suchen, um die entsetzliche Wahrheit herauszufinden: Staceys Mörder befand sich in ihrer nächsten Umgebung.

Nun wird auch klar, von wem und warum der Mordfall Howard Elias ständig manipuliert wird. Bevor jedoch Bosch dies beweisen kann, wird sein Freund Sheehan erschossen. Und er selbst entkommt den ausgebrochenen Straßenunruhen nur mit knapper Not.

_Mein Eindruck_

Wir befinden uns in der Stadt der Engel, in der es jedoch zum Zeitpunkt der Handlung reichlich dämonisch zugeht. Die Handlung funktioniert nicht nur auf drei, sondern auch auf einer vierten, einer metaphysischen bzw. moralischen Ebene.

Die erste Ebene ist die der „normalen“ polizeilichen Ermittlungsarbeit, die von Harry Bosch vorangetrieben wird und die ihm von mehreren Aufpassern bzw. Verrätern nicht gerade erleichtert wird. Die nächste Ebene ist der Bereich der soziopolitischen Folgen, die seine Untersuchungsergebnisse haben – ob sie korrekt dargestellt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Die dritte Ebene liegt im privaten Bereich: Harry Bosch, der hartnäckig versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, als wolle er ein Engel im Nichtraucherhimmel werden, läuft die Frau, Eleanore, weg. Sein Ex-Partner Frankie Sheehan hat seine Familie schon Monate zuvor verloren, und ob die Familie Kincaid überhaupt eine Familie ist, lässt sich doch stark bezweifeln. Wir werden ständig daran erinnert, dass die Polizeiarbeit nicht nur die Cops zerstört, sondern auch für deren Angehörige eine schwere Bürde darstellt: Die Cops sind zu allen Tages- und Nachtstunden aushäusig, um ihre Pflicht zu erfüllen, und ob sie je ausreichend Urlaub bekommen, scheint doch recht zweifelhaft zu sein.

|Stadt der Engel, Stadt der Monster|

Die vierte Dimension wird lediglich durch Metaphern hergestellt, die andeuten, wie sich der Autor – vertreten durch seine Hauptfigur Harry Bosch – zu all dem Erzählten stellt. Ich behaupte, dass sich dadurch der Autor ein moralisches Urteil erlaubt – und das ist natürlich der Grund, warum er dieses Buch überhaupt auf diese Weise erzählt hat. Es hätte ja auch ein durchschnittlicher Copkrimi werden können. Ist es aber nicht. „Schwarze Engel“ ist um einiges besser als der Durchschnitt.

Nun ist es ja nicht so, als würde uns der Autor mit der Nase darauf stoßen, dass es um Engel und Teufel geht. Die Hinweise sind dezent, aber für den Kundigen unübersehbar. Die Standseilbahn, der Tatort, heißt „Angel’s Flight“, also „Flug der Engel“. Und das ist für eine Stadt, die nach der Königin der Engel (genauer: Nuestra Senora de los Angeles) benannt ist, ein sehr passender Name. Hier wird das Verbrechen, das aufzuklären und zu sühnen ist, begangen: der Sündenfall.

Die Hüter des Gesetzes sind jedoch keineswegs selbst Engel, sondern möglicherweise selbst Täter. Diese Sichtweise ist nach Rodney King und O. J. Simpson umso wahrscheinlicher und verständlicher – weitere Sündenfälle. Und der Mann, der gegen sie zu Felde zog, Howard Elias, der Ermordete, trägt nicht umsonst den Namen eines der biblischen Propheten.

Wohin wird der Weg führen, den die Stadt von hier aus nehmen muss? Ein weiterer Sündenfall wird aufgedeckt: der brutale Mord an der „engelhaften“ und mit (wie Flügel) ausgebreiteten Armen aufgefunden Stacey Kincaid, eine gemeuchelte Unschuld. Welches Monster konnte so tief sinken, diese Schönheit zu töten?

|Das Spinnennetz vor der Hölle|

Der Weg führt den Gesetzeshüter über das „Spinnennetz“, das der Kinderpornoring im Internet (das Web) eingerichtet hat, direkt in die Hölle, in der Stacey Kincaid in ihren letzten Tagen gelebt haben muss, nachdem sie missbraucht worden ist und ihre Fotos ins Web gestellt wurden. Keine Hand erhob sich, um sich dem Monster in den Weg zu stellen. Im Gegenteil: Sämtliche Kinderschänder weideten sich an ihrem Anblick.

Doch Hieronymus Bosch, der Ermittler mit dem unbestechlichen Blick (in Nachfolge seines Namensvetters aus dem Mittelalter), wandelt unbeirrbar auf dem Weg der Gerechtigkeit, nicht ungefährdet, versteht sich. Mehrmals fällt er selbst „aus allen Wolken“. Er verhaftet den gefallenen Engel, der Elias‘ Quelle im Polizeihauptquartier war: natürlich einen Cop. Und gerät mit ihm mitten in die Hölle auf Erden, die von den randalierenden jungen Schwarzen inzwischen in der „Stadt der Engel“ entfacht worden ist. Der letzte Blick, den Bosch auf seinen Ex-Gefangenen erhaschen kann, zeigt ihm, wie ihn diese „Teufel“ in die Höhe halten, als wollten sie den gefallenen Engel zurück in den Himmel hieven, bevor sie ihn unter ihren Stiefeln zertreten. |“Ein Heulen, fast zu laut und grauenhaft, um menschlich zu sein“, entringt sich der Kehle des Opfers. „Es war der Laut gefallener Engel auf ihrem Höllensturz.“| (letzter Absatz des Romans)

|Gerechtigkeit? Hier?|

Wenn das der Lauf der Gerechtigkeit in L.A. ist, so teilt uns der Autor indirekt mit, so steht zu bezweifeln, ob es an diesem Ort noch so etwas wie Gerechtigkeit geben kann. Ob nicht alles eine Farce, ein Panoptikum à la Hieronymus Bosch sei. Diese Show ist jedoch keineswegs Selbstzweck. Kalifornien und die Stadt der Engel sind lediglich der extremste Exponent der US-amerikanischen Gesellschaft. Das L.A., das uns der Autor zeigt, mag eine Höllenvision sein, aber diese ist zugleich eine ernst gemeinte Warnung an den Rest Amerikas. Ob’s hilft? Man darf nie aufhören zu hoffen und zu kämpfen, sonst ist man bereits verloren.

_Unterm Strich_

Von der ernst gemeinten moralischen Botschaft, die sich im Roman versteckt, ganz abgesehen, handelt es sich um einen der spannendsten Thriller, die man in den letzten zehn Jahren lesen konnte. Die ersten hundert Seiten lesen sich praktisch von alleine, und der Rest ergibt sich daraus.

Wer Gefallen an „Schwarze Engel“ findet, dem sei auch der Harry-Bosch-Roman „Dunkler als die Nacht“ empfohlen. Hier wird der Verweis auf den niederländischen Maler noch verdichtet.

|Originaltitel: Angel’s Flight, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb|

Paolini, Christopher – Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter

Schon im Alter von nur 15 Jahren schrieb Christopher Paolini seinen ersten Roman, nämlich „Eragon“, der zunächst im Verlag seiner Eltern veröffentlicht wurde. Erst eine lange Tour mit Buchlesungen und Signierstunden machte das Buch allgemein bekannt. Inzwischen ist der Autor, der laut Verlagsangaben nie eine öffentliche Schule besuchte, 21 Jahre jung und schreibt in Montana an seinem zweiten Roman, der im Herbst bei uns auf den Markt kommen und die Geschichte um Eragon und Saphira fortsetzen wird.

_Ein Drachenreiter wird geboren_

Bei einem Streifzug durch den gefürchteten Buckel kann der 15-jährige Eragon zwar keine Beute erlegen, die seine Familie als Nahrung dringend benötigt hätte, doch entdeckt er einen großen blauen Stein, dessen Oberfläche vollkommen eben ist. Eragon hofft, den wundersamen Stein in Carvahall gegen Fleisch eintauschen zu können, aber als der Fleischer erfährt, wo der junge Mann den Stein gefunden hat, will er ihn nicht annehmen. Somit ist Eragon auf ein Almosen angewiesen, damit seine Familie überhaupt Nahrung bekommt.

Als aus dem Ei plötzlich ein kleiner blauer Drache schlüpft, wird Eragons Plan, den Stein zu verkaufen, hinfällig. Drachen gehören in Carvahall allerdings nicht zum üblichen Stadtbild, sodass Eragon den Drachen mühsam verstecken muss. In der Stadt lauscht er dem Geschichtenerzähler Brom, der sich offensichtlich mit Drachen auskennt. Ihn fragt er zu dem Thema aus, um nebenbei einen passenden Namen für seinen neuen Freund zu finden. Eragons Drache aber ist eigen, denn kein Name scheint ihm zu gefallen, erst als Eragon auffällt, dass es sich um eine Drachendame handeln muss und ihm der schöne Name Saphira in den Sinn kommt, ist diese zufrieden. Fortan freunden die beiden sich immer besser miteinander an. Kommunizieren können sie dabei ganz einfach durch ihre Gedanken, wenn sie nicht zu weit voneinander entfernt sind.

Aber bald droht Gefahr, denn böse Wesen, die Ra’zac, erkundigen sich in Carvahall nach dem blauen Stein. Leider verraten einige geschwätzige Menschen den Ra’zac, wer den Stein gefunden hat, sodass ihre Spur zur Hütte von Eragons Onkel Garrow führt. Weil sie dort das Drachenei nicht finden können, brennen sie das Haus nieder und ermorden Eragons Onkel. Dieser kann sich gerade noch vor den Ra’zac retten, indem er Carvahall verlässt. Ihm zur Seite stehen Saphira und Brom, der den jungen Mann nicht alleine ziehen lassen will und der Eragon später in der Magie der Drachenreiter unterweist. Zunächst wollen die Drei Rache an den Ra’zac verüben, doch verändern sich auf der gefahrvollen Verfolgungsjagd ihre Pläne, da sie merken, dass der böse König Galbatorix Jagd auf den neuen Drachenreiter macht. Dunkle Mächte haben sich zusammengeschlossen, um die Herrschaft an sich zu reißen …

_Träume nicht dein Leben …_

… sondern schreibe deinen Traum auf. Christopher Paolini hat dieses Buch im Alter von nur 15 Jahren geschrieben und an zahlreichen Stellen vermutet man als Leser, dass er allerlei eigene Kindheitsträume mit in die Geschichte eingebaut hat, denn der Drache Saphira wird in so prächtigen Farben geschildert, dass Paolini viel Mühe darauf verwendet haben muss, diese Figur zu erschaffen. Die Abenteuer um den gerade 15-jährigen Eragon offenbaren eine lebhafte Phantasie des Autors, aber vielleicht auch den Hang zum Träumen und dazu, diese Träume zu Papier zu bringen. Die Beschreibungen der Szenerie und der handelnden Figuren sind größtenteils so detailreich, dass Paolini ein lebhaftes Bild seiner Romanhandlung vor Augen gehabt haben muss, damit er es uns in so schillernden Farben beschreiben kann. Beachtlich finde ich sein durchblitzendes Talent, denn auch wenn er sich natürlich nicht mit dem großen Literaturprofessor J. R. R. Tolkien messen kann – was besonders an der einen Stelle deutlich wird, als Paolini uns ein Gedicht präsentiert – so wird doch deutlich, dass viel Potenzial ihn ihm steckt. Nur an manchen Stellen erscheint uns seine Sprache ein wenig unausgereift, größtenteils erstaunt er aber durch seine treffenden Formulierungen und liebevollen Szeneriebeschreibungen.

S. 405: |“Eine riesige Dünenlandschaft erstreckte sich bis zum Horizont wie ein wogendes Meer. Windböen wirbelten den rötlich goldenen Sand auf. Knorrige Bäume wuchsen auf vereinzelten Inseln mit festem Untergrund – ein Boden, den jeder Bauer als unfruchtbar bezeichnet hätte. In der Ferne ragten mehrere purpurrote Felsklippen zum Himmel empor. Bis auf einen Vogel, der auf den Südwestwinden dahinglitt, war in der allumfassenden Einöde kein einziges Lebewesen zu sehen.“|

Derlei ausführliche und fast schon poetische Darstellungen der Situation finden sich an vielen Stellen des Buches; Paolini versucht immer wieder, seinem Leser genau zu erklären, wo die Protagonisten sich momentan befinden und wodurch die Landschaft sich auszeichnet. Gerade in einem Buch, in welchem man sich in einer Phantasiewelt bewegt, finde ich solche Beschreibungen äußerst wichtig, denn sie erst sorgen für den gewissen Reiz, den Fantasy mit sich bringt. Ich möchte beim Lesen vollständig in die fremde Welt eintauchen, und genau das gelingt bei „Eragon“, weil uns der Autor an die Hand nimmt und in seine Romanwelt entführt. Dies ist es auch, was den Leser über die gesamte Länge des Buches bei Laune hält, denn Spannung wird nur wenig aufgebaut, aber die Welt, die Paolini uns zeigt, ist so faszinierend und interessant, dass man einfach weiterlesen muss.

Trotz der stimmungsvollen Bilder schafft Paolini es leider nicht, seiner Handlung die nötige Spannung zu verleihen, denn obwohl Eragons Reise sehr gefährlich ist, kommt keine düstere und bedrohliche Atmosphäre auf, wie beispielsweise in Tolkiens „Herr der Ringe“, als die neun Gefährten in Richtung Mordor aufbrechen. Das führt beim Leser auch ein wenig zu einer gleichgültigen Haltung, weil man sich sicher ist, dass alles gut ausgeht.

_Drachendamen haben ihren Stolz_

Auf etwa 600 Seiten entfaltet Christopher Paolini eine farbenfrohe und fantastische Welt, in der der junge Eragon zusammen mit seiner stolzen Drachendame und dem alten Brom viele Gefahren zu überstehen hat. Während der langen Reise lernen wir die drei Hauptprotagonisten in ganz unterschiedlichen Situationen und aus verschiedenen Blickwinkeln kennen. Ganz nebenbei setzt sich dadurch ein detailliertes Bild der handelnden Figuren zusammen. Im Mittelpunkt stehen selbstverständlich Eragon und Saphira, die ganz eng zusammengehören, da Saphira Eragon bewusst als neuen Drachenreiter auserwählt hat. Eragon macht dadurch im Laufe der Geschichte eine unglaubliche Entwicklung durch. Zu Beginn des Buches treffen wir ihn noch als rastlosen kleinen Jungen, der sich zwar unbeschadet durch den sagenumwobenen Buckel bewegen kann, der aber ansonsten ein ganz normaler Junge zu sein scheint. Doch dann fällt ihm das blaue Drachenei in die Hände und Saphira kennzeichnet Eragon mit dem silbernen Drachenmal Gedwey Ignasia. Von nun an muss Eragon viele Gefahren bestehen und wichtige Dinge lernen. Er probiert die ersten magischen Sprüche aus und übernimmt sich dabei sehr schnell, außerdem tritt er im Schwertkampf gegen Brom an. Seine Kindheit findet also ein abruptes Ende, bricht aber später immer wieder durch. So erwachsen, wie Eragon in vielen Situationen gezwungenermaßen agieren muss, so kindlich wirkt er besonders in seinen Gesprächen mit Saphira, in denen er oftmals ihren Rat sucht, weil er selbst Unsicherheit verspürt. Gerade durch diese Sorgen, die ihn plagen, wird er zu einem jugendlichen Helden mit Ecken und Kanten und gewinnt wieder an Glaubwürdigkeit, die er leider auch ein wenig einbüßen muss, wenn es ihm gelingt, in einigen wenigen Tagen das Lesen zu erlernen.

Sehr gut gefällt auch die Vorstellung Saphiras als edle und stolze Drachendame, die sich lediglich per Gedankenaustausch mit Eragon unterhalten kann. Sie ist der starke Drache, der sich bei drohender Gefahr immer wieder ins Getümmel stürzt, um Eragon zu helfen. Oft genug geigt sie ihm aber auch deutlich ihre Meinung, wenn er wieder einmal unüberlegt gehandelt hat. So erscheint uns Saphira als mächtiges und auch intelligentes Wesen, das seine Kraft mit jener Eragons verschmelzen kann, um die Macht gemeinsam zu vergrößern. Die beiden bilden eine Einheit und ergänzen sich dabei hervorragend, da der eine Stärken zeigt, wo der andere Schwächen aufweist. Mit Eragon und Saphira präsentiert uns Paolini wirklich zwei überaus sympathische Figuren, die besonders jugendliche Leser begeistern dürften, da diese sich in Eragons Alltagssorgen im Erwachsenwerden gut einfühlen können.

An dritter Stelle ist der alte Brom zu nennen, hinter dem mehr steckt als nur der Geschichtenerzähler. Seine Weisheit ist es, die Eragon aus einigen Schwierigkeiten retten kann und die er seinem jungen Schüler gern weitergeben möchte. Mit seinem Unterricht formt er Eragon zu einem Drachenreiter, der mächtige Magie einzusetzen weiß. Auch Brom überzeugt in seiner Darstellung sehr gut.

_Fremde Anleihen_

Vergleiche mit anderen bekannten Werken der Literatur zaubern einige Ähnlichkeiten hervor, die dem Leser schnell ins Auge springen dürften. Besonders zwei Werke sind es, die hier offensichtlich Pate für einige Ideen gestanden haben. Eines der beiden Werke ist „Star Wars“, denn gerade die Unterrichtsstunden zwischen Eragon und Brom erinnern an den Unterricht, den Yoda Luke Skywalker erteilt hat. Auch Eragon lernt es, mit seinen Gedanken Gegenstände zu bewegen und scheitert an einem Stein, während sein weiser Lehrer mächtigere Dinge zu vollbringen weiß. Auch das Zitat „Mögen eure Klingen scharf bleiben“, welches Paolini verwendet, erinnert an den berühmten Ausspruch aus Star Wars „Möge die Macht mit euch sein“. Darüber hinaus sind weitere Wortanleihen zu erkennen, denn im Zentrum von „Eragon“ steht ebenfalls ein Kampf gegen das Imperium, in dessen Mitte sich Eragon unverhofft wiederfindet und dabei eine ganz entscheidende Rolle zu spielen hat.

Auch aus dem „Herr der Ringe“ scheint Paolini sich einige Ideen abgeschaut zu haben. Vor allem die Namensähnlichkeit zwischen den Monstern aus „Eragon“, den Urgals, und den Orks bzw. Uruk-Hais aus Tolkiens Trilogie fallen auf. So tauchen in „Eragon“ im Übrigen auch übermannsgroße Urgals auf, die ohne Rast tagsüber wie nachts die Verfolgung ihrer Gegner aufnehmen können und erinnern wiederum an die Uruk-Hai. Die Ra’zac übernehmen in „Eragon“ die Rolle der Nazgul, die ausgeschickt werden, um in diesem Fall den Drachen ausfindig zu machen und dabei Schrecken über Land und Leute verbreiten.

Vielleicht muss man Christopher Paolini diese Anleihen aber auch nachsehen, da sich im Grunde genommen jedes Fantasybuch am „Herr der Ringe“ messen muss und unweigerlich immer damit verglichen wird. Erfreulicherweise baut der Autor genug eigene Elemente ein, sodass „Eragon“ überaus lesenswert wird und sich schließlich deutlich von den beiden oben genannten Büchern abzugrenzen versteht.

_Unterm Strich_

„Eragon“ ist ein gelungenes Debütwerk eines noch sehr jungen Autors, der sicherlich noch weitere Bücher veröffentlichen wird, die von den Erlebnissen und Taten des jungen Drachenreiters berichten werden. Besonders die gelungenen Szeneriebeschreibungen und Figurenzeichnungen tragen zur Unterhaltung bei und sorgen dafür, dass der Leser vollkommen in dieser fremden Welt versinken kann. Hier offenbart Paolini ein großes Talent, das er hoffentlich in den kommenden Jahren noch ausbauen wird. Dann wird er sich vielleicht nicht mehr von anderen Werken inspirieren lassen müssen und vielleicht überrascht er uns dann auch mit gelungeneren Gedichten in seinen Romanen; in dieser Hinsicht bleibt durchaus noch genug Spielraum für eine Weiterentwicklung.

Kleine Unstimmigkeiten trüben ein wenig den Lesegenuss. So erscheint mir der Zeitverlauf nicht vollkommen klar, denn wenn man Eragons Weg auf der gezeichneten Karte im Buch verfolgt, so bemerkt man, dass sein Reisetempo sehr stark variieren muss, für manche Streckenabschnitte braucht er nämlich so gut wie gar keine Zeit, für andere umso länger. Auch dürfte Eragon unter Wasser nicht wirklich meterweit schauen können, da das Wasser für eine starke Fehlsichtigkeit sorgt und dies verhindern müsste. Ebenso würde ich heftige Anzeichen von Höhenkrankheit erwarten, wenn Eragon mit Saphira so weit in die Lüfte aufsteigt, dass er aufgrund von Sauerstoffmangel ohnmächtig wird, aber in einem Fantasybuch mag das vielleicht alles möglich sein.

Insgesamt bleibt ein positiver Gesamteindruck zurück, das Buch war leicht und flüssig zu lesen, unterhielt äußerst gut und animiert durchaus dazu, den zweiten Teil von „Eragon“, der im Herbst erscheinen wird, ebenfalls zu lesen, schließlich wollen wir doch wissen, wie Eragons Abenteuer im Kampf gegen Galbatorix weitergehen.

Näheres zum Buch unter http://www.eragon.de.

[Buchwurm.info-Rezension zu „Eragon – Der Auftrag des Ältesten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1975

Grubb, Jeff – Libertys Kreuzzug (StarCraft #1)

Michael Liberty ist ein guter Reporter der UNN, Universe Network News. Auf dem Planeten Tarsonis ist er bekannt für seine fundierte Berichterstattung, dafür, dass er auch noch nachbohrt, wenn es gefährlich wird. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass er sich den Unmut einiger hochgestellter Familien zugezogen hat. Sein Chef legt ihm nahe, dem Planeten Tarsonis für geraume Zeit den Rücken zu kehren.
Eine gute Gelegenheit dazu wäre eine längere Berichterstattung über die konförderierten Streitkräfte, denn Lobgesang auf die Armee ist in diesen Tagen immer gern gesehen.

Ehe sich Liberty versieht, befindet er sich an Bord der Norad II. Der Schlachtkreuzer befindet sich unter dem Kommando von Colonel Duke und Liberty verlebt eine höchst langweilige Zeit zwischen Soldaten, die zu einem großen Teil aus Schwerkriminellen bestehen, denen per Gehirnwäsche eine neue Konditionierung verpasst wurde. Die Frau, Emily Swallow, die Liberty als Verbindungsoffizier zugewiesen wird, ist gar eine Serienmörderin gewesen und erinnert sich an nichts mehr aus ihrer Vergangenheit. Liberty vermeidet es trotzdem, die Konditionierung auf die Probe zu stellen.

Eigentlich sollte die Norad II überholt werden, doch eine Meldung über eine furchtbare Katastrophe, ruft das Schiff ins Sara-System. Einer der beiden bewohnten Planeten, Chau Sara, wurde komplett ausgelöscht. Da, wo einst eine lebensfreundliche Oberfläche war, ist nur noch eine geschwärzte, glasähnliche Struktur übrig. Alles Leben wurde vernichtet. Seltsamerweise ahnt man bei der Konförderation, dass eine Fremdrasse namens Protoss hinter dieser Zerstörung steckt. Liberty ist sofort misstrauisch. Angeblich hatten die Menschen noch nie zuvor Kontakt zu anderen Völkern und nun kennt man sogar schon den Namen der anderen. Die Norad II wird beauftragt, den anderen Siedlungsplaneten, Mar Sara, zu evakuieren, denn mit der Rückkehr der Protoss wird gerechnet.
Auf Mar Sara angekommen zeigt es sich, dass die Evakuierungspläne eine reine Lüge sind. Die Siedler werden zusammengepfercht. Und sie sind nicht alleine auf dem Planeten. Ein Ekel erregendes Volk namens Zerg hat bereits einige kleine Außenposten übernommen. Liberty muss miterleben, wie Emily Swallow auf furchtbare Art ihr Leben verliert.
Schneller, als ihm lieb ist, überrollen den Nachrichtenmann die Ereignisse. Die Zerg sollten als Biowaffen eingesetzt werden. Doch hat die Konförderation die Rechnung ohne die Protoss gemacht, die ihrerseits die Zerg wie eine Seuche jagen und auslöschen. Liberty schließt sich zwangsweise einer Rebellengruppe unter der Führung von Arcturus Mengsk an, der es schließlich gelingt, die Zerg als Waffe gegen die Konförderation zu benutzen.

Das ist er also, der Roman zum Strategiespiel-Knaller von |Blizzard Entertainment|. Das Grundspiel „StarCraft“ und sein Expansion Set „Broodwar“ beeindruckten nicht nur durch ein gut durchdachtes Spielsystem, sondern auch durch eine spannende Handlung.

All diese aus dem Spiel bekannten Elemente finden sich im ersten Roman der „StarCraft“-Reihe. Allen voran jene Figuren wie Jim Raynor und Sarah Kerrigan, die Ghost, die in zahlreichen Missionen des Spiels eine wichtige Rolle spielen. Besonders Kerrigan, dem später in „Broodwar“ eine besondere Rolle zukommt, wird hier gut vorgestellt.
Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um einen spannenden SF-Abenteuerroman, der zuerst sorgsam die Handlung aufbaut, ehe er in die Missionen einsteigt. Wer das Spiel gezockt hat, wird viele Szenarien wiedererkennen. Rettungs- und Erkundungsmissionen, vom Kriecher verseuchte Stationen und Landstriche, sogar jene Missionen, bei der Emitter in Feindesland platziert werden müssen, um die Zerg anzulocken.
Neben dem Wiedererkennungseffekt ist es erfreulich, dass der Autor nicht auf Leser setzt, die mit dem „StarCraft“-Universum bereits vertraut sind. Alles, was man wissen muss, erfährt man aus der Geschichte. Diese ist solide geschrieben und hält gerade, wenn man das Spiel nicht kennt, so manche Überraschung offen. Liberty schildert die Vorkommnisse aus seiner Sicht, stets mit einem einleitenden Kommentar zu jedem Kapitel und umreißt so den Hintergrund des „StarCraft“-Universums.

Die Erfindung der Zerg kann nicht verleugnen, gewisse Anleihen bei den allseits bekannten Aliens gemacht zu haben. Aber die Zerg setzen durch ihre Vielfalt noch eins drauf. Diese Ähnlichkeit zu den Aliens könnte den Roman auch für Alien-Fans interessant machen, vor allem für jene, die von der grottenschlechten Qualität der letzten Alien-Bände enttäuscht waren. Denn „Libertys Kreuzzug“ ist so, wie ein guter Alien-Roman hätte sein können.
Das Einzige, was wirklich schade an diesem Roman ist, ist, dass die Umsetzung für den deutschsprachigen Markt drei Jahre brauchte.

_Michael Nolden_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Bova, Ben – Venus

Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider ein wahres Höllenloch: über 400° Grad heiß. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss.

_Der Autor_

Ben Bova ist ein Veteran – auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science-Fiction-Magazins „Omni“ förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit „Venus“ und „Jupiter“ zog er nach, gefolgt von „Saturn“, dem „Asteroidenkrieg“ und einem „Asteroidensturm“ – vielleicht schafft er ja auch noch „Merkur“ und den ganzen Rest. Im September 2005 wird jedenfalls erstmal die Asteroiden-Trilogie mit „Asteroidenfeuer“ abgeschlossen.

1) [Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1206
2) [Rückkehr zum Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1219
3) Venus;
4) Jupiter;
5) [Der Asteroidenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1075 (The Asteroid Wars 1: The Precipice);
6) Asteroidensturm (The Asteroid Wars 2: The Rock Rats);
7) Asteroidenfeuer (The Asteroid Wars 3: The Silent War; deutsche Fassung im September 2005);
8) [Saturn.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557

_Handlung_

Der Industriemagnat Humphries hat zwei Söhne, in seinen Augen einen „guten“ und einen „schlechten“. Alex, der „gute“, sollte die Firma erben, kam aber bei dem Versuch, den heißen Planeten Venus zu erkunden, um: Er stürzte tödlich ab. Humphries ist entsprechend entsetzt und verbittert. Nun hat er nur noch Van, den „Kümmerling“, einen kranken Schöngeist, der von Papis Geldzuwendungen ebenso abhängig ist wie von den Medikamenten, mit denen er seine Blutarmut bekämpfen muss. Diese Krankheit hat ihm seine Mutter vererbt, die drogenabhängig gewesen war und bei seiner Geburt starb. Eine unbekannte Stimme verrät Van am Telefon, sein Vater habe Alex auf dem Gewissen. Noch pikanter: Alex war ein Mitglied der Internationalen Grünen Partei (IGP), die die Reichen enteignen will. Da der Alte das wusste, hat er vielleicht Alex wirklich abserviert …

Alles in allem also eine hochgradig explosive Situation, als Papa Humphries ankündigt, er setze 10 Milliarden Dollar für denjenigen aus, der ihm die Überreste seines Sohnes von der Venus zurückbringe. Ein weiterer Affront gegen Van, der noch gekrönt wird von Papis Ankündigung, er werde ihm demnächst den Geldhahn zudrehen. Was bleibt Van übrig, als sich zur Venus aufzumachen?

|Aufi, Buam: Pack ma’s!|

Was zunächst als strikt private Mission geplant war, erhält die Segen der Wissenschaft und einer Raumfahrtbehörde. Eine Astrophysikerin, die zusammen mit ihrem alten Professor eine Theorie über venusische Plattentektonik aufgestellt hat, will ihre Theorie nun durch Messdaten untermauert oder widerlegt sehen.

Obendrein setzt „der Alte“ in letzter Sekunde seinem Kümmerling eine kompetente Kommandantin vor die Nase: die resolute Desiree Dupont, die auch gleich ihre hübsche Tochter Marguerite mitbringt. Da hilft es nichts, dass Marguerite logisch denkende Wissenschaftlerin der Biologie ist (Biologie auf der Venus?, fragt sich Van): Vans Hormone spielen trotzdem verrückt bei ihrem Anblick. Natürlich lässt sie ihn abblitzen.

Nichts geht so reibungslos vonstatten, wie es sich Van vorgestellt hat. Der Alte informiert ihn per Funk, dass auch ein Asteroidenmineur namens Lars Fuchs an dem Rennen um die 10 Milliarden teilnehmen werde. Die Situation gemahnt zunehmend an das „Rennen um die Welt“, wie es Hollywood mal in Cinemascope verfilmte: eitle und feindselige Männer in ihren knatternden Kisten, die dem Preis nachjagen. Denn, wie Van erst sehr spät erfährt, ist Fuchs der alte Erzfeind des Alten: Humphries spannte Fuchs die Frau aus, die sechs Jahre später Vans Mutter werden sollte …

|Ein Planet wie die Hölle|

Erst als diese zusammengewürfelte Mannschaft mit ihrem Leichtraumschiff „Hesperos“ (Abendstern) in den stürmischen Luftraum der Venus eintritt, wird es richtig interessant. Nachdem die fragile „Hesperos“ die Stürme der äußersten Atmosphäre überstanden hat, entdeckt Marguerite in der ruhigeren Zone darunter Kleinstlebewesen. Ja, und was machen diese possierlichen Tierchen? Sie haben nichts Besseres zu tun, als die Metalllegierungen der Raumanzüge und der Luftschleuse aufzufressen – von wegen „toter Planet“!

Nun bekommt der unter Anämie dahertorkelnde Held alle Hände voll zu tun. Schon bald heißt es: Bitte aussteigen; diese Fahrt endet hier. Während sich die „Hesperos“ allmählich in ihre Bestandteile auflöst, taucht Käptn Lars Fuchs in seinem wesentlich robusteren Raumschiff „Lucifer“ (Morgenstern) zur Rettung des Sprösslings seines Erzfeindes auf – widerwillig natürlich.

Nachdem einige Besatzungsmitglieder der „Hesperos“ den Sprung auf die „Lucifer“ nicht geschafft haben, findet sich Van in einer bizarren Art von Patsche wieder: An Bord von Fuchs‘ Schiff rackert er als Gefangener und sieht ohne seine Medikamente dem Tod entgegen. Währenddessen scheint sich die geliebte Marguerite außergewöhnlich gut mit Kapitän „Lucifer“ Fuchs zu verstehen. Doch die Höllenqualen der eifersüchtigen Liebe sind nichts gegen das, was Van auf dem kochendheißen Planeten erwartet.

_Mein Eindruck_

„Hormonspektakel“ wäre das passendste Wort, das mir als erstes in den Sinn kommt, um die Handlung zu summieren. Bova hat mit „Venus“ eine erstklassige Herz-Schmerz-Schmonzette um Liebe, Lust und Leidenschaft geschrieben, die in jedem Julia-Roman die Leser zufriedenstellen stellen würde. Dumm nur, dass er sich ausgerechnet die Science-Fiction für diese Art Romanze ausgesucht hat. Die Mischung ist nicht nur unbefriedigend gelungen, sondern wirkt auf wissenschaftlich etwas kühler denkende Leser geradezu unappetitlich und abstoßend, wenn nicht sogar schlichtweg lächerlich.

|Absurdes Drama|

Das Problem besteht ja darin, dass nicht nur die Bedingungen einer fremden Welt wie etwa metallfressende Mikroben die Handlung vorantreiben – das wäre der Standard in der Science-Fiction. Diesmal kommt als tragender Faktor das Familien- und Liebesdrama hinzu. Man könnte es durchaus ertragen, wenn es sich nicht selbst so todernst nähme. So hat man in den 40er und 50er Jahren billige Science-Fiction geschrieben, doch spätestens seit der New Wave der 60er ist dieser Stil ad absurdum geführt – das hat sich in den USA wohl noch nicht herumgesprochen.

Daher dürften die einzigen Leser, die voll auf solches Zeug abfahren, Minderjährige sein, die selbst unter den Auswirkungen diverser Hormonschübe zu leiden haben. (Wie man am Erfolg von Military-SF und etlichen blutrünstigen Serien ablesen kann, gibt es hier immer einen Absatzmarkt: Kampf, Blut und Sex sind einfach „geil“.)

|Das Erzählverfahren|

Auch Bovas Erzählverfahren bereitete mir Bauchschmerzen. Alles wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschildert, also aus der subjektivsten Sichtweise, die zur Verfügung steht. Da aber der Held schwach und krank ist, fällt es dem Leser schwer, sich mit ihm zu identifizieren. Zweitens ist dieser Held schrecklich ahnungslos und naiv (wieder junge Leser?), was Raumschiffe, fremde Planeten und nicht zuletzt Frauen angeht.

Zwar macht er sich keine Illusionen über seine Schmarotzerfreunde auf Erden, doch an Bord der „Lucifer“ fällt er von einer Überraschung in die nächste. Dass er dabei keine sonderlich gute Figur abgibt, ist wohl klar. Und das geht so weiter, bis er auf der Venus landet. Auch dort gilt Dr. Murphys Gesetz: Es wird alles schief gehen, was nur schief gehen kann.

Angesichts des Schlusses hätte Bova genau so gut Military-Science-Fiction schreiben können: Der im Höllenfeuer des fremden Planeten gestählte Jüngling ist erwachsen geworden: Er hat das Mädchen gekriegt und tritt seinem „altem Knacker“-Papi verbal in den Hintern. Kann er ja auch: mit 10 Milliarden in der Hand.

_Unterm Strich_

Wer als pubertierende Leseratte mal so richtig tief in die Science-Fiction der vierziger und fünfziger Jahre (Heinlein und Co. lassen grüßen) eintauchen will, kann sich diese dramatische Romanze gerne reinziehen.

Wer allerdings auf wissenschaftlich fundierte Science-Fiction steht, sollte eher zu Bovas Roman „Jupiter“ oder gleich zu anderen Autoren wie Stephen Baxter greifen. Die machen dabei einen guten Job, auch wenn das nicht immer hundertprozentig hinhaut.

Und dann gibt es da noch ganz andere Science-Fiction wie etwa die von Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin und Ian McDonald, die sowohl moderne gesellschaftliche (etwa die Geschlechterproblematik und Asylanten) als auch geisteswissenschaftliche (Kann ich erkennen, ob etwas echt ist, wenn alles künstlich ist? Kann ich mit dem Geist die Welt verändern?) Themen relevant finden und überzeugend aufgegriffen haben.

|Originaltitel: Venus, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert|

Knopp, Guido – Hitlers Manager

Professor Guido Knopp, seines Zeichens der Haus-Historiker des ZDF, ist durch seine zahlreichen Fernsehdokumentationen zur deutschen NS-Zeit ein feststehender Begriff in der TV-Landschaft geworden. Zu nahezu allen Dokus sind auch aber auch jeweils Printausgaben als Begleitbücher erschienen, und das ist mittlerweile eine erkleckliche Menge. Mit Filmen wie „Der Untergang“ und nicht zuletzt wegen des kürzlich stattgefundenen 60. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs hat der NS-Themenkomplex spürbar wieder Konjunktur in der Öffentlichkeit und den Medien.

Der Fokus liegt bei diesem Buch nicht – nimmt man Speer mal aus – auf den prominenten, immer schon im Rampenlicht stehenden und bekannten Galleonsfiguren, wie etwa Himmler, Goebbels oder Göring, sondern zielt eher in Richtung der zweiten Garnitur, eine subtile Ebene darunter. Nichtsdestoweniger handelt es sich um ebenso wichtige Gestalten und Gestalter hinter den Kulissen des „Dritten Reichs“. Verblendete Mitläufer oder gar willige Werkzeuge? Dieser Frage geht Knopp im vorliegenden Buch nach.

_Albert Speer – Der Architekt_

„Wenn Hitler einen Freund gehabt hätte, dann wäre ich es gewesen“. So lautet eins seiner berühmten Zitate. Sein Architekt Speer sollte sie bauen, seine Vision einer neuen Welt. Der Workaholic ergreift die Chance, die ihm Hitler bietet, seine Träume von monumentalen und gigantomanischen Bauten auszuleben, als sehr junger Mann. Der eifrige Günstling ist die eigentliche unangefochtene Nummer Zwei im Staat und kann bis zum Ende des Regimes – neben seiner Haupttätigkeit als Architekt – auf ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet zurückblicken. Er war Rüstungsminister und später – ab 1942 – auch für das Ressort „Bewaffnung und Munition“ verantwortlich. An dieser Position ist er federführend für die Arbeitseinteilung von KZ- Häftlingen und Zwangsarbeitern aktiv, um den kriegszehrenden Moloch kräftig weiter zu füttern. Dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen konnte, dürfte dem als intelligent bekannten Speer jederzeit bewusst gewesen sein.

Als er 1946 von den Allierten zu 20 Jahren Haft verdonnert wird, ist er grade mal 41 Jahre alt. Er bekennt sich in Nürnberg für schuldig und kommt vergleichsweise billig weg. 1966 wird er wieder auf freien Fuß gesetzt und hat in der Zwischenzeit seine Memoiren geschrieben, worin er zwar von einer „Gesamtschuld“ spricht, seine persönliche Rolle jedoch Zeit seines Lebens relativiert und herunterspielt. Die Mär vom „guten“ Nazi setzt sich fest. Eine Litanei, die Knopp im Gegensatz zur Mehrzahl Speers weiterer Biographen nicht nachbetet. Sein berechtigter Vorwurf: Als zentrale Figur in der Schaltstelle der Macht, und eingedenk der Tatsache, dass Speer alles andere als auf den Kopf gefallen war, wusste er stets genau, was er tat – und nahm alles billigend in Kauf, was seiner und seines „Führers“ Sache nützte. Sein freimütiges Geständnis entsprang wohl vielmehr Kalkül und/oder einem verzerrten Selbstbild. Wirkliche Reue oder gar Verantwortung hat Speer auch später nie gezeigt

_Alfred Jodl – Der Militär_

Hitlers Stabschef war ein Offizier der alten Schule, der noch im kaiserlichen Heer groß geworden ist – eine mögliche Erklärung dafür, warum General Jodl vielleicht aus falsch verstandenem, soldatischem Ehrgefühl heraus dem Diktator die Treue hielt. Auch wenn dieser seine Stabschefs – auch Jodl – immer wieder lautstark entließ, sobald sie seine verschrobenen Taktikeinschätzungen nicht teilten oder sogar wagten, dem „GröFaZ“ zu widersprechen. Nach den Hire-and-Fire-Prinzip wurden die Befehlshaber dann wieder generös reaktiviert, wenn es dem Choleriker erneut in den Kram passte. Jodl, der Mitläufer, machte dieses Spielchen bis zum Showdown im Führerbunker nicht gänzlich kritiklos mit. Doch Befehl ist nun mal Befehl. Sein krampfhaftes Ignorieren der Realität und Festhalten an Hitler hat ihm schlussendlich den Tod gebracht. Er wurde in den Nürnberger Prozessen verurteilt und hingerichtet.

_Wernher von Braun – Der Raketenmann_

Der Koryphäe im Bereich der Strahltriebwerkstechnik wird auch immer ein Saubermann-Image attestiert. Immerhin adelte ihn die USA mit der Einbürgerung, was ja für sich genommen schon einem generellen Persilschein gleichkommt. Zum Dank dafür brachte Professor Braun die Amis auf den Mond und gerne schmückte sich auch Nachkriegsdeutschland mit den Lorbeeren, dass es ein Deutscher war, der den Wettlauf mit den Russen entschied. Braun behauptete immer, höchst unpolitisch gewesen zu sein und nur seine Arbeit gemacht zu haben. Es trifft zu, dass Braun weder ein NS-Parteibuch besaß noch sich von Himmler vor den nationalsozialistischen Karren spannen und als Ehrenmitglied in die SS integrieren lassen wollte (weswegen er vom derart Düppierten sogar zeitweise inhaftiert wurde). Das spricht für ihn und wird gerne als weiterer Beweis herangezogen, dass Braun nichts mit den Nazis zu tun haben wollte. Doch ganz so rein ist seine Weste nicht.

Man darf nicht vergessen, dass der geniale Tüftler für tausendfachen Tod allein durch seine in Peenemünde entwickelten V1- und V2-Raketen verantwortlich ist. Dies ließe sich vielleicht noch mit der obligatorischen „Es war Krieg“-Phrase halbwegs glaubhaft entschuldigen. Übersehen werden dafür die unwürdigen Umstände, unter denen die Raketenanlage errichtet, ausgebaut und betrieben wurde. Hier kamen auch verstärkt Zwangsarbeiter und Häftlinge zum Einsatz, deren kalkulierter Tod durch Arbeit und grausige Hygienezustände niemanden zu stören schien. Alles geschah mit Brauns Wissen und seiner Billigung, wie Knopps Quellen belegen. Braun hat die Zustände demnach nicht nur gekannt, nach Methode Zweck-heiligt-die-Mittel hat er seine Animositäten mit Himmler zurückgestellt und sogar explizite Unterstützung bei diesem angefordert. Und der war der Herr über die Konzentrationslager, sprich: die Quelle für Brauns Arbeitskräfte. Ein Pakt mit dem Teufel.

_Ferdinand Porsche – Der Ingenieur_

So wie Wernher von Braun der Vater des Raketentriebwerks ist, so ist Porsche der Vater des Volkswagen-Konzerns. Die Vision des Autonarren aus Österreich, nämlich nach dem Vorbild von Ford hochqualitative und für die „Volksgenossen“ erschwingliche Autos in Massen herzustellen, war Triebfeder für den Autobahnbau. Doch in dem in Wolfsburg aus dem Boden gestampften Industriekomplex lief der berühmt gewordene „Käfer“ erst nach Kriegsende in nennenswerten Stückzahlen vom Band. Vorher wurden die Produktionsstätten – natürlich, muss man fast sagen – für non-zivile Gimmicks missbraucht. Porsche entwickelte so einige kriegerische Gerätschaften, darunter den berüchtigten „Tiger“-Panzer, aber auch eine ganze Latte Fehlkonstruktionen. Dem Tüftler waren keine Grenzen gesetzt, Hitler unterstützte seinen Landsmann nach Kräften. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier verstärkt Zwangsarbeiter aus KZ und Kriegsgefangenschaft tüchtig verheizt wurden, sowohl beim Ausbau des Werkes als auch beim Flugzeugmotorenbau und der Munitionsherstellung.

_Alfried Krupp zu Bohlen und Halbach – Der Industrielle_

Der Millionen schwere Erbe und Gründer des Thyssen-Konzerns leitete die Waffenschmiede des Nazi-Reiches, mitten im deutschen Kernland – dem Ruhrgebiet. Kohle und vor allem Stahl waren sein Geschäft. Bei ihm gewinnt man den Eindruck, als lebte er die ganze Zeit in seiner eigenen schönen Feudalwelt, fernab von den Sorgen und Nöten der damaligen „Normalos“. Er wurde aber spätestens bei Kriegsende in die Realität zurückgeholt, als ihn die GIs straight away vor seiner noblen Essener „Villa Hügel“ verhafteten, um ihn in Nürnberg vors Tribunal zu schleifen. Da fiel er geradezu aus allen Wolken, denn als praktizierenden Nazi hat er sich nicht gesehen. War er auch nicht, wenngleich er aus Profitgründen der NSDAP angehörte und als Förderer der SS auftrat.

Hitlers Avancen, sich mit dem Adligen zu schmücken, wich er jedoch meist geschickt aus und beschränkte Kontakte auf das Nötigste. Dennoch hielt ihn das nicht ab, lukrative Geschäfte mit dem Regime zu machen, denn ohne seinen Stahl und die Produkte, wie Kanonenrohre oder Panzerplatten sowie diverse Maschinenteile, wäre die deutsche Kriegsmaschinerie letztlich nicht sehr erfolgreich gewesen. Seine Maxime, dass Politik vor dem Werkstor ende, erwies sich als sehr blauäugig – spätestens als auch er auf die billigen menschlichen Ressourcen aus KZs und Kriegsgefangenenlagern angewiesen war, um die geforderte Produktion aufrecht erhalten zu können. Krupp kam mit einer geringen Haftstrafe noch verhältnismäßig glimpflich davon.

_Hjalmar Schacht – Der Banker_

Schacht ist der Einzige aus dieser Riege, der den Absprung irgendwie doch schaffte, wenn auch nicht aus ideologischen Gründen. Dabei haben die Finanzkünste des heute wenig bekannten Finanzministers mit dem auffälligen Vornamen (seine Familie stammt aus Skandinavien) den Aufstieg des „Dritten Reiches“ erst möglich gemacht. Hätte er nicht so gekonnt mit den so genannten MEFO-Wechseln jongliert, wäre die Kriegskasse schon weit vor dessen Ausbruch nicht mehr so prall gefüllt gewesen. Der Freimaurer Schacht hat mit allerlei Buchungstricks die schwarzen Konten prächtig gefüllt und das Wiedererstarken des Militärs finanziell auf stabile Beine gestellt – ohne dass die Alliierten davon Wind bekamen, denn eigentlich war es Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg durch horrende Reparationszahlungen theoretisch unmöglich, genug Mittel für solche Eskapaden aufzubringen, selbst wenn man es gewollt hätte.

So hatten es sich die Siegermächte damals jedenfalls gedacht. Ein Irrtum, dank Schachts Finanzgenie. So kam es, dass sich Hitlerdeutschland klammheimlich wieder aufrüsten konnte und sich schließlich über das verhängte Verbot, schwere Waffensysteme zu besitzen, eigenmächtig hinwegsetzte. Als Schacht dann später realisierte, dass Hitler überhaupt nicht vorhatte, die faulen Wechsel rückzuführen, zog er die Konsequenz und trat zurück. Da sich das Regime jedoch keinen so hochrangigen Mitwisser erlauben konnte, landete Schacht unvermittelt dort, wo man unliebsame Zeitgenossen für gewöhnlich entsorgte: im KZ. Dieser Umstand wusch ihn später zwar nicht vollständig rein, erleichterte ihm allerdings die Phase der Entnazifizierung ungemein. Als ehemaliger KZ-Häftling konnte er glaubhaft machen, dass er mit den Machenschaften in dieser Form nichts zu tun haben wollte.

_Zwischenbilanz_

Eher unauffällige Männer, die aber aufgrund ihrer teils willigen Mitarbeit das braune Regime erst möglich machten. Sie sind Hitlers mächtige Manager aus der zweiten Reihe, vielfach ohne aktive nationalsozialistische Vita, zum Teil sogar gänzlich ohne Parteibuch. Und doch waren sie höchst wichtige Rädchen im Getriebe. Sechs ganz unterschiedliche Charaktere mit ebenso unterschiedlichen Hintergründen, Motivationen und Visionen. Mancher glaubte sich nach eigenem Bekunden in den Nürnberger Prozessen (und auch danach) unwissend und unschuldig an den Verbrechen, die im Dritten Reich verübt wurden. Mitgefangen – mitgehangen.

Doch so ahnungslos waren sie alle nicht, spätestens als zum Ausgleich für die schwindenden Arbeitskräfte KZ-Häftlinge unter erbärmlichen Verhältnissen für den „Endsieg“ vor ihren Augen durch Arbeit systematisch vernichtet wurden, hätten die Industriellen wach werden müssen. Für Jodl gilt im übertragenen Sinne das Gleiche, als das militärische Fiasko und Hitlers Wahnsinn immer deutlicher zu Tage traten. Zum Teil regte sich auch halbherziger Widerstand, doch schien es den meisten von ihnen opportun, weiter mitzuschwimmen – der eine mehr, der andere weniger. Das untere Ende der Sechs markiert Hjalmar Schacht, der die Notbremse zog. Das obere Ende der Skala besiedelt Albert Speer als Hitlers bestes Pferd im Stall. Auch wenn dieser seine Rolle zeitlebens gern verharmloste und herunterspielte.

_Das Buch_

Gegliedert ist das knapp 416 Seiten starke Werk aus dem Hause |Bertelsmann| in sechs Kapitel, entsprechend den Hauptakteuren, auf die hier eingegangen wird. Auflockerung erfährt der Leser durch Bilder und eine Vielzahl gesondert ausgeklinkter Originalzitate aus unterschiedlichen Quellen, entweder von den Protagonisten selbst oder ihnen nahe stehenden Personen über sie. Das stört den Lesefluss zuweilen, da es bei dem kompakten Layout des Textes schwer fällt, abzusetzen, die Aufmerksamkeit auf ein Zitat zu richten, das eventuell nicht mal unbedingt etwas mit dem soeben Gelesenen zu tun hat, und hernach wieder den Faden aufzunehmen. Interessant sind die Statements aber, ZU interessant, um sie gegebenenfalls einfach zu ignorieren.

Für den Stoff muss man schon ein wirkliches Interesse mitbringen, und selbst dann handelt es sich großteils um recht trockene Materie. Zum Glück ist das Werk in recht lockerer und verständlicher Sprache – ja beinahe Plauderton – geschrieben und doziert nicht auch noch. Das wäre auch zu viel des Guten gewesen, wo das Thema an sich bereits ziemlich zäh ist. Knopp bereitet die Lebensläufe der Protagonisten auf und versucht zu ergründen, ab welchem Zeitpunkt jeder von ihnen den |point of no return| erreichte und warum die Zivilcourage dann doch nicht ausreichte gegenzusteuern. Natürlich erscheint es von der heutigen Warte aus einfach, ein Urteil zu fällen, doch so leicht macht Knopp es sich nicht. Zu groß ist die Gefahr, in eine gewisse Apologetik abzurutschen oder – dem Gegenteil – sie allesamt in Bausch und Bogen zu verdammen.

Die Mischung aus sachlicher Kritik und Fürsprache ist Knopp gelungen, dabei handelt es sich bei den Kapiteln allenfalls um Streiflichter und nicht um vollständige Biographien, die jeden Aspekt der entsprechenden Charaktere aufs i-Tüpfelchen auszuleuchten vermögen. Das ist auch gar nicht nötig, um eine nüchterne Analyse anzustellen, was genau die Beweggründe jedes Einzelnen gewesen sein könnten. Selbstverständlich eignen sich die Angesprochenen nicht gerade als Sympathieträgern und dennoch haben sie (wie jeder Mensch) nicht nur schlechte Seiten gehabt. Trotzdem verwundert es, diese Menschlichkeit auch tatsächlich so zu lesen zu bekommen – eben differenziert und nicht pauschalisiert. Der Grundton ist verständlicherweise kritisch gefärbt, wenn auch nach menschlichem Ermessen einiges klarer wird über die unterschiedlichen Motivationen, die Hitlers Manager umtrieben haben mögen.

_Fazit_

Lesenswert und weit entfernt vom um Aufmerksamkeit heischenden Boulevard- und Sensationsjournalismus, der dieser Tage ja gern mit allerlei „neuen“ Enthüllungen und ebenso „neuen Farbbildern“ um die Gunst der Leser bzw. Zuschauer buhlt, kommt Guido Knopps Analyse der Männer aus der zweiten Reihe angenehm sachlich daher, so wie wir es aus dem ZDF bereits kennen. Ohne viel Firlefanz, dafür aber für manchen sicherlich noch zu trocken. Kein Buch für Gelegenheitsleser und nur schwach am Thema Interessierte, so viel ist sicher, denn mit einem recht satten Preis von 24,90 Euro überlegt man es sich in diesem Personenkreis sicherlich zweimal, ob sich die Investition tatsächlich lohnt; da sind die TV-Reportagen wesentlich verdaulicher und kosten lediglich die GEZ-Gebühren, die man ohnehin (gezwungenermaßen) entrichten muss.

Deaver, Jeffery – Saat des Bösen, Die

„Die Saat des Bösen“ ist ein effektvoller psychologischer Thriller, der mich mit seiner kritischen Haltung gegenüber Erweckungs- und Fernsehpredigern wie auch Staatsanwälten überrascht hat. Ein früher Roman Deavers, des Meisters der raffinierten Psychologie und der akribischen Gerichtsmediziner.

_Der Autor_

Jeffery Deaver ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Thriller-Autoren. Seine wichtigste Figur ist der querschnittsgelähmte Ermittler Adrian Lyme, so etwa in dem verfilmten Krimi „Der Knochenjäger“ (mit Denzel Washington & Angelina Jolie).

Deaver hat aber auch Polit- und Technik-Thriller geschrieben sowie diverse Pseudonyme benutzt. Zuletzt erschienen von ihm der Thriller [„Der faule Henker“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=602 im August 2004, ein klassisches Locked-Room-Mystery, und „Todesreigen“ im Mai 2005.

_Handlung_

Eine Mordserie ereignet sich im ländlichen Virginia und versetzt eine ganz bestimmte Familie in Angst und Schrecken, die Familie von Tate Collier. Dass er von seiner Frau Bett McCall schon seit Jahren geschieden ist, stört den Killer nicht. Er fängt mit Tates Tochter an.

Die 17-jährige Megan wird immer die „verrückte Megan“ genannt. Sie kommt nämlich nach der Scheidung ihrer Eltern mit ihren Problemen nicht mehr zurecht und hat sich bereits mit mehreren ungewöhnlichen Männern eingelassen. Nach einer besonders turbulenten Nacht lässt sie sich von ihrer Mutter, Bett McCall, dazu überreden, den Psychotherapeuten Dr. James Peters aufzusuchen. Peters gelingt es in der Tat, Megans Vertrauen zu gewinnen. Immer tiefer in ihrer Psyche bohrend, stößt er auf sehr viel Zorn und Frustration und überredet Megan, ihre Wut rauszulassen und aufzuschreiben.

Das Mädchen ahnt nicht, dass Peters keine Approbation hat und ein Mörder ist. Am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden. In Tate Colliers Haus tauchen nur die verhängnisvollen Gesprächsaufzeichnungen Megans auf. Sie lesen sich nun wie wütende Abschiedsbriefe. Darauf fällt auch die Polizei herein: Wer sucht schon nach einer Ausreißerin, die wahrscheinlich schon längst im Zug nach New York City sitzt?

Tate Collier, ein ehemaliger Staatsanwalt und seit fünf Jahren im Ruhestand, bittet seinen alten Freund Konnie von der Polizei, dennoch nach Hinweisen auf Megans Entführung zu suchen. Konnie ist ein hervorragender Schnüffler. Schon bald stößt er auf Ungereimtheiten. So etwa scheint der letzte Megan-Lover, der ältere Englischlehrer Carson, sich selbst verbrannt zu haben, weil er sich Vorwürfe machte, Megan und andere Mädchen verführt zu haben.

Ein weiterer Lover Megans ist der Farbige Joshua LeFevre, ein rebellischer Kunstmaler aus betuchtem Hause. Als er mit Colliers und Konnies Hilfe Megans Spur aufnimmt, stößt er in den Bergen Virginias, den höhlenreichen Appalachen, auf ein unheimliches und abgelegenes Anwesen. Zwei Erweckungsprediger hätten hier ihre Gottesdienste mit feurigen Reden abgehalten, erzählt ihm eine Anwohnerin. Doch hier stößt Joshua nur auf Aaron Matthews. Er ahnt nicht, dass Matthews mit Dr. James Peters identisch ist.

Peters/Matthews setzt wie schon bei Megan seine heimtückische Überredungskunst und seinen psychologischen Scharfblick ein, um Joshua aus dem Konzept zu bringen. Joshua ahnt ja, dass er Megan hier finden könnte. Doch als er sich ablenken lässt, unterliegt er.

Nun schweben nicht nur Megans Eltern in ernster Gefahr, sondern auch der alte Polizist Konnie, der sich auf die Spur des Dr. Peters gesetzt hat. Doch auch Konnie hat einen schwachen Punkt, wie jeder. Es erscheint schier unglaublich, aber auch diesen abgebrühten und zynischen Polizisten „schafft“ Dr. Peters mit seiner Beredsamkeit. Schließlich aber trifft er auf seinen eigentlichen Gegner: Tate Collier war einmal der brillanteste Staatsanwalt Virginias. Seine Beredsamkeit ist mindestens ebenso so groß wie die von Matthews/Peters. Und damit hatte er fünf Jahre zuvor dessen Sohn hinter Gitter gebracht …

In einer der vielen Höhlen findet der folgerichtige Showdown zwischen diesen beiden Meistern der Beredsamkeit statt. Und vielleicht gibt es für die entführte Megan noch eine Überlebenschance.

_Mein Eindruck_

Der Leser ist von Anfang im Bilde, was gespielt wird. Wir folgen den Machenschaften Matthews/Peters‘ ebenso wie den verzweifelten Befreungsversuchen, die Megan in den unheimlichen Kellern auf dessen Anwesen unternimmt. Getreu dem alten Hitchcock-Grundsatz sind wir den Vertretern des Guten stets weit voraus und bangen um ihr Überleben: So wird Suspense aufgebaut. Wir können dem Tod bei der Arbeit zusehen und fragen uns, wer das moralische Recht hat, zu überleben.

Als der Autor immer mehr Einzelheiten über die Geschehnisse fünf Jahre zuvor enthüllt, die zu Peters‘ Rachefeldzug und Colliers Amtsniederlegung führten, gerät Collier zunehmend ins Zwielicht. Der Vertreter von Gesetz und Ordnung scheint ja über Leichen gegangen zu sein, wenn es seiner Sache dienlich war. Vielleicht hat ja am Ende der Mörder Recht? Als es diesem auch noch gelingt, Bett McCall für sich einzunehmen und zwischen sie und ihren Ex-Mann einen Keil zu treiben, scheint Collier auf verlorenem Posten zu stehen. Die Chancen für Megans Überleben schmelzen dahin.

Und so hängt alles von der finalen Konfrontation der beiden männlichen Hauptfiguren ab. Diese Szene ist ebenso hervorragend ausgearbeitet wie jene, in der Konnies Fall und Vernichtung angebahnt wird. Hier spielt Deaver sein ganzes Wissen als Psychologe und sein Können als Rhetoriker aus. Und erst in dieser Szene, kurz vor Schluss, zieht Collier sein größtes Ass aus dem Ärmel (ich werde mich hüten, das hier zu verraten!). Und das haut nicht nur seine Zuhörer um.

|Der Titel: Deavers kritische Haltung|

Der Originaltitel lautet „Speaking in Tongues“, also „in Zungen sprechen“. Das taten bekanntlich die Leute und Jünger Jesu zu Pfingsten, als sie den Geist Gottes em-PFING-en. Davon leitet sich die Erweckungsbewegung ab, die Pentecost-Sekte. Ihr gehörte beispielsweise auch Jeannette Wintersons Mutter an, wie J.W. in ihrem Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ (als Taschenbuch bei BVT) erzählt.

Im Buch zog Aaron Matthews mit seinem Vater von Dorf zu Dorf, um flammende Erweckungsreden, angeblich göttlich inspiriert, abzuhalten und den zuhörenden Lämmern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Natürlich war das Ganze inszeniert.

Doch der Autor zieht von hier aus eine direkte Parallele zu Tate Colliers Tätigkeit als Staatsanwalt von Fairfax County in Virginia. (Die Polizei zählt nicht: Sie ist den Besitzenden hörig.) Und er rückt somit die Rechtssprechung auf eine Stufe mit Scharlatanen wie Matthews & Sohn. Das ist eine extrem kritische Haltung, die Deaver hier andeutet – mindestens so kritisch wie jene des frühen John Grisham, etwa in „Die Firma“.

Die Parallelen gehen noch weiter, wie der Titel des ersten Buchteils andeutet: Es geht um die jeweiligen Erstgeborenen von Matthews und Collier. Nach dem altbiblischen Gesetz von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vergilt Matthews den Tod seines Sohnes an Colliers Tochter, Megan. Aber hat dieses Gesetz heute noch Gültigkeit? Und somit auch die Worte zahlloser Fernsehprediger in den USA und anderswo?

|Die Figuren|

Was mich etwas nervte, war die reichlich naive Haltung von Bett McCall. Sie wird auch als Esoterikfanatikerin etwas lächerlich gemacht. Dennoch ist sie ebenso realistisch gezeichnet und plausibel gezeichnet wie der angeblich so gefühlskalte Tate Collier. So richtig sympathisch ist eigentlich nur der arme alte Polizist Konnie, der ein weitaus besseres Ende seines Lebens und seiner Laufbahn verdient hätte.

_Unterm Strich_

Dieser Thriller ist hundertmal spannender als irgendein Grisham, hat mehr Action und Intelligenz in den entscheidenden Szenen und lässt den Leser nicht mehr los bis zur letzten Seite. Von späteren Deaver-Romanen unterscheidet er sich lediglich dadurch, dass nicht so viele überraschende Wendungen enthalten sind und keine „Knochenjäger“ auftauchen.

|Originaltitel: Speaking in Tongues, 1995
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans-Joachim Maass|