Pratchett, Terry – Ab die Post

Ein Buch, das mit einer Hinrichtung beginnt, hat schon etwas Eigenartiges an sich. Stammt das Werk auch noch aus der Feder von Terry Pratchett, kann man sicher sein, dass es mit den Merkwürdigkeiten nicht allein dabei bleibt. „Ab die Post“ heißt der neue Roman des humorvollen Briten, der im |Manhattan|-Subverlag bei |Goldmann| erschienen ist und als ein 444 Seiten starkes, gebundenes Hardcover daherkommt. Das sehr hübsche Titelbild von Paul Kidby zeigt den Helden des Romans und seine Mistreiter auf einem riesigen Haufen Briefe.

Feucht von Lipwig heißt der junge Mann, der zu Beginn der Ereignisse von „Ab die Post“ den Kopf von einem freundlichen Henker durch die Schlinge gelegt bekommt. Doch das Schicksal meint es gut mit dem Kleinkriminellen, denn anstatt dem Sensenmann entgegenzutreten, wird die Hinrichtung nur vorgetäuscht und er landet beim Patrizier, der ihm die freie Stelle des Postministers von Ankh-Morpork anbietet. Bei der Auswahl zwischen Erhängen und einem Job bei der Post fällt es dem versierten Betrüger nicht schwer, sich für die gesündere der beiden Alternativen zu entscheiden. Wobei er aber schon einen Fluchtplan schmiedet, der jedoch jäh durch Herrn Pumpe, einen stattlichen Golem, gestoppt wird, der vom Patrizier engagiert wurde, um Feucht von Lipwig von nun an zu begleiten/bewachen.

Als der sympathische Gauner dann seine zukünftige Arbeitsstätte und sein Personal begutachtet, fällt er aus allen Wolken: Das Postamt ist bis unters Dach gefüllt mit Briefen, die seit zwanzig Jahren auf ihre Zustellung warten, und bei den beiden übrig gebliebenen Angestellten handelt es sich um einen uralten Mann, Herrn Grütze, und einem Nadeln sammelnden und leicht einfältigen Jungen, der sich Stanley nennt.

Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten beginnt Feucht von Lipwig Gefallen an der Sache zu finden, denn seine Fähigkeiten im Umgang mit Menschen (oder besser gesagt in der Manipulation der Menschen) machen aus ihm einen ganz ordentlichen und sogar beliebten Postminister. Als er sich auch noch in die „Golemrechtlerin“ Fräulein Liebherz verguckt, legt er sich richtig ins Zeug, um den Postladen wieder auf Vordermann zu bringen.

Doch es gibt da eine Partei, die ganz und gar nicht mit den Bemühungen des neuen Postministers glücklich ist, nämlich die Betreiber des Großen Strangs, der Semaphorengesellschaft, die bisher mit ihren Klackertürmen das Monopol der Nachrichtenübermittlung in Ankh-Morpork und der weiteren Umgebung besaßen.

Der Kopf dieser Gesellschaft, Reacher Gilt, ist ein machthungriger, skrupelloser Geschäftsmann, dem man nachsagt, dass er ein Auge auf den Thron des Patriziers geworfen haben soll. Seit die Semaphorentürme in seiner Hand sind, kommt es immer wieder zu Ausfällen, die vor allem durch die sehr einschneidenden Einsparungen verursacht werden, die Gilt der Gesellschaft auferlegt hat. Bisher war das allerdings kein Problem, doch nun läuft dem Strang die Kundschaft weg, die nun lieber Briefe verschickt und sogar anfängt, Briefmarken zu sammeln. Als Feucht von Lipwig dann den Großen Strang noch herausfordert – er behauptet, er könne eine Nachricht schneller nach Gennua bringen als der Strang –, sieht Gilt die Chance, den Postminister endlich loszuwerden. Doch dieser bekommt von unerwarteter Seite Hilfe.

Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte des jungen Gauners, der einen Laden wieder auf Vordermann bringt, sich dabei verliebt und letztendlich dabei seine gute Seite entdeckt, sehr hollywoodesk – und ja, sie ist es auch. Doch wer Pratchett kennt, der weiß, dass es auch zwischen den Zeilen viel zu entdecken gibt, und so auch in seinem neuesten Werk, das nur so von Andeutungen und Anspielungen auf die wirtschaftlichen Zusammenhängen unserer schönen globalen Welt strotzt. In den humoristischen Schafspelz der Scheibenwelt verpackt, erzählt er von Vorständen, die sich auf dem Rücken eines Unternehmens bereichern, von egoistischen Geschäftsgebaren, von feindlichen Übernahmen und ausgebeuteten Belegschaften. Also alles Themen, denen es weder an Aktualität noch an Brisanz mangelt. Es ist auch immer wieder faszinierend, wie Pratchett Dinge aus ‚unserem modernen und zivilisierten Leben‘ nimmt und sie in seine Fantasywelt einflechtet; wer sich bei den Jungs des „Rauchenden Gnus“ an die „einsamen Schützen“ aus der Akte-X-Serie erinnert fühlt, dürfte da gar nicht so verkehrt liegen. Die beliebten Darsteller der Scheibenwelt-Serie (Rincewind, die Wache, die Hexen) kommen in „Ab die Post“ gar nicht oder nur am Rande vor, was vielleicht den einen oder anderen Fan nach „Kleine freie Männer“ und dem „Weiberregiment“, in denen sie auch nicht vorkamen, ein wenig enttäuscht. Diese können sich aber freuen, denn der nächste Scheibenweltroman wird ein waschechter Stadtwachen-Krimi.

Was Pratchett in „Ab die Post“ abgeliefert hat, ist ein sehr netter Roman, der die Vielseitigkeit der Scheibenwelt um eine weitere Facette ergänzt. Es gelingt ihm in gewohnt gekonnter Manier, Sachverhalte aus der realen Welt in die Scheibenwelt einzubauen, ohne dabei lächerlich oder gar albern zu wirken. Obwohl das Buch einige Längen hat, ist es für jeden Terry-Pratchett-Fan ein Muss.

© _David Grashoff_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.X-Zine.de/ veröffentlicht.|

Barber, Malcolm – Templer, Die. Geschichte und Mythos

|“Die Anfänge“| (S. 8-48): Der einst mächtige und von zahlreichen Sagen umwitterte Orden der Templer entsteht bescheiden im Rahmen der Kreuzzugsbewegung, deren Beginn ins Jahr 1095 fällt: Papst Urban II. ruft die Christen auf, ihre Brüder und Schwestern in Palästina und Syrien, den biblischen „Kernlanden“ des christlichen Glaubens, vor den Attacken der heidnischen Sarazenen (Türken), Ägypter und Äthiopier zu schützen. Im Verlauf eines ersten Kreuzzugs werden die „heiligen“ Lande befreit, doch die lateinischen Eroberer müssen sich in den Städten verschanzen oder Burgen errichten, denn niemals erkennen die einheimischen Machthaber die neuen Herrscher an. So bleibt der christliche Traum vom Pilgerzug ins gelobte Land ein gefährlicher, oft tödlicher, denn die Straßen der stets im Kampf befindlichen Kreuzfahrerstaaten sind nicht sicher. Es entsteht der Plan zur Gründung einer Gemeinschaft zum Schutz besagter Pilger. Fromm sollen diese Männer sein aber auch gut bewaffnet und kriegstauglich. 1119 ist es so weit: Der Templerorden wird gegründet.

|“Das Konzept“| (S. 49-79): Die Vereinigung der Templer unterscheidet sich von Anfang an von rein monastischen Orden. Zwar sollen seine Mitglieder fromm und gehorsam, aber sie dürfen nicht arm sein, denn Ausbildung und Unterhalt einer schlagkräftigen Truppe sind kostspielig. Die Angehörigen des Ordens sind meist von Adel und vermögend, sie spenden reichlich, der Orden selbst treibt lukrative Geschäfte, er wird von päpstlicher Seite mit einträglichen Schenkungen bedacht – Grundlagen für einen unerhörten Aufstieg aber auch Ursachen für den späteren Untergang, denn der Orden wird rasch finanziell unabhängig und militärisch von entscheidender Bedeutung im Heiligen Land, was ihn selbstbewusst und nach Meinung seiner zahlreich werdender Feinde hochmütig werden lässt.

|“Der Aufstieg der Templer im Osten“| (S. 80-129): Die historische Realität gibt jedoch den Templern viele Jahre Recht – ohne ihre Schwerter, ihr Geld und ihre Kontakte geht gar nichts im Heiligen Land. Was der Papst und gläubige Herrscher in Europa zur „Befreiung“ Palästinas und Syriens beschließen, ist vor Ort nur mit den Templern zu verwirklichen. Sie haben sich Burgen und Stützpunkte geschaffen und harren aus, während die Lateiner nur „Gastspiele“ im Rahmen von Kreuzzügen geben und oft nicht einmal dann die türkischen und später die mongolischen Kräfte im Osten in Schach halten können.

|“Von Hattin bis La Forbie“| (S. 130-166): Aber die Templer sind nicht unfehlbar. Ihre bekannte Präsenz im Osten macht sie zudem angreifbar. Verlieren die Lateiner eine Schlacht gegen die Türken, beginnt rasch die Suche nach einem Sündenbock, denn Verrat muss im Spiel sein, endet ein von Gott befohlener Kreuzzug als Desaster – und das kommt zwischen den Schlachten von Hattin 1187 und La Forbie 1244 immer wieder vor, denn jeder Waffenstillstand mit den Sarazenen ist brüchig. Zu schaffen machen den Kreuzzüglern auch innere Uneinigkeit und äußere Schwäche, so dass der Christenheit Region um Region im Osten verloren geht.

|“Die letzten Jahre der Templer in Syrien und Palästina“| (S. 167-202): Dennoch bleiben die Christen auch nach 1244 dank der Templer noch fast ein halbes Jahrhundert im Osten präsent. Der Orden verschanzt sich in gewaltigen Burganlagen und trotzt den unablässig anstürmenden Türken. Aus dem Westen ist Hilfe nicht mehr zu erwarten, mehrere Kreuzzüge finden ihr fatales Ende. Es kommt der Tag, da herrschen im Heiligen Land nur noch die Templer und auch sie nur noch in ihren Burgen, bis auch diese eine nach der anderen erobert werden. Mit dem Fall von Akkon endet 1291 faktisch die christliche Herrschaft in Palästina und Syrien. Die Templer ziehen sich auf die Insel Zypern zurück.

|“Templerleben“| (S. 203-223): Viele Legenden ranken sich um den Templeralltag. Von geheimen Riten und verschwörerischen Ränken gegen Papst und Könige wird gemunkelt, sogar dem Teufel huldigt man angeblich. Außerdem sollen die Templer gewaltige Reichtümer angehäuft und so gut versteckt haben, dass ihnen bis heute niemand auf die Spur gekommen ist. Tatsächlich sind die Regeln des Ordens niemals geheim gewesen. Ihr Wortlaut ist bekannt; er spiegelt das Bild einer mönchsähnlich lebenden Gemeinschaft wider, die zumindest in ihren frühen Jahren im Dienste Gottes handelten. Ein Hüter mythologischer Mysterien ist der Templerorden niemals gewesen; dies sind Interpretationen aus späteren Jahren und Jahrhunderten.

|“Das Imperium der Templer“| (S. 224-238): Im 13. Jahrhundert bilden die Templer einen der mächtigsten geistlichen Ritterorden der mittelalterlichen Welt. 7000 Ritter, „Sergeanten“, dienende Brüder gehören ihm an. Hinzu kommt eine ungleich größere Zahl angeschlossener Mitglieder: Amtleute, Hilfskräfte, Rentenempfänger. Mindestens 870 Burgen, Komtureien und Filialen stehen in fast allen Ländern der westlichen Christenheit. Der Orden unterhält eigene Kampftruppen für die „heiligen“ Kriege in Palästina und Syrien und auf Zypern, es existiert eine eigene Mittelmeerflotte. Präsent ist der Orden außer im Osten auch in Frankreich und auf der iberischen Halbinsel, die zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend arabisch besetzt ist. Wie im Heiligen Land sollen die Ritter die Heiden bekämpfen und sie womöglich auf den afrikanischen Kontinent zurückwerfen. Ihre „Internationalität“ und das daraus erwachsende Wissen lässt die Templer zu einem ökonomischen Machtfaktor werden. Der Orden ist bemerkenswert reich und amtiert als Bank für zahlreiche Päpste, Könige und Adlige.

|“Der Untergang des Ordens“| (S. 239-277): Angeblich völlig überraschend kommt 1312 das Ende für den Templerorden: Papst Clemens V. erklärt ihn für aufgelöst, Philipp der Schöne, König von Frankreich, sorgt für die Umsetzung dieser Anordnung. Das Verhängnis hat sich indes schon lange abgezeichnet. Der Templerorden wird für den Verlust des Heiligen Landes verantwortlich gemacht. Kritik an der Selbstherrlichkeit und Verderbtheit der Templer hat es zudem immer gegeben – nun findet sie Gehör. Einige Versuche, nach 1291 im Heiligen Land wieder Fuß zu fassen, scheitern. Dem Orden, der seine eigentliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann, misslingt es, seine immensen Unterhaltskosten oder seine enormen Einkünfte aus Schenkungen und Stiftungen zu rechtfertigen. Ihm wird außerdem sein Reichtum zum Verhängnis. Der in Finanznöten gefangene französische König bemächtigt sich des Templervermögens, um seine zahlreichen Gläubiger zu befriedigen. Philipp ist womöglich außerdem davon überzeugt, dass die Templer tatsächlich zu einem Ketzerorden degeneriert sind. So fallen die einst so mächtigen Ritter den drastisch veränderten Zeitläufen zum Opfer.

|“Von Molays Fluch zum ‚Foucaultschen Pendel'“| (S. 278-292): Von einem „Fluch“ der untergegangenen Templer ist im Mittelalter selbst keine Rede. Erst in der Neuzeit wird dieser als reizvolles literarisches Thema eher spielerisch in die Welt gesetzt. Die Freimaurer berufen sich auf die Templer als glanzvolle „Vorgänger“, andere moderne „Orden“ und Vereinigungen eifern ihnen nach. Verschwörungsfetischisten komplettieren im 20. Jahrhundert die Fraktion derer, die in den Templern eine vom zeitgenössischen Establishment systematisch ausgerottete Geheimorganisation im Besitz „übernatürlichen“ Wissens sehen möchte.

Eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Templerordens gehört zu den fachlichen Herausforderungen, der sich nur wirklich fähige Historiker mit Erfolg stellen: Wie schaffe ich es, eine unerhört komplexe Materie möglichst knapp und trotzdem verständlich, ohne entstellende Verkürzungen oder Auslassungen darzustellen? Schon über Einzelaspekte der Templerhistorie wie das genaue Gründungsdatum des Ordens sind eigene Bücher verfasst worden. Unter solchen Umständen ist die wissenschaftliche und literarische Leistung von Malcolm Barber noch höher einzuschätzen: Um zu wissen, wo er kürzen und zusammenfassen durfte, musste er den Gesamtstoff gesichtet & gewichtet haben – eine Arbeit, die ihn mehrere Jahre in Anspruch nahm und in die Archive vieler Länder führte. Das Ergebnis kann sich sehen bzw. lesen lassen: Sachlich, manchmal trocken in Worte gefasste Realität kommt mit der Intensität eines Tatsachenthrillers daher.

Gut tut die sachliche Abrechnung mit dem unerträglichen Esoterik-Quatsch, welcher der Templergeschichte vor allem seit dem 20. Jahrhundert übergestülpt wird. Die Ritter des Ordens bzw. ihrer Nachfolger sollen an einem streng geheimen Ort den heiligen Gral hüten und auch sonst diverse Mysterien im Auge behalten. Von vergrabenen Schätzen und genialen Todesfallen ist die Rede, über vom Vatikan unterdrückte Bibelsequenzen und die mögliche Einmischung von Außerirdischen wird gemunkelt – Dummgefasel der übelsten Sorte, mit dem sich indes viel Geld verdienen lässt. Mit der historischen Realität hat das nicht das Geringste zu tun und Barber lässt den Befürwortern solchen Bockmistes keine Schlupflöcher.

Dass „Die Templer“ dem Fachbuch näher stehen als dem Sachbuch, verrät u. a. der eindrucksvolle Anmerkungsapparat: Auf den Seiten 293-327 geben 754 Endnoten Auskunft über die Vielzahl der Quellen, die Verfasser Barber in jahrelanger Archivarbeit zu Rate zog. Die Liste der verwendeten Titel umfasst weitere 19 eng bedruckte Seiten (S. 328-347). Ein Personenregister unterstützt die Suche nach zentralen und Randfiguren der Templergeschichte (S. 348-354). Ebenfalls hilfreich sind eine knapp gefasste Zeittafel (S. 355/56), ein Verzeichnis der Großmeister des Templerordens (S. 356) sowie vier Karten, welche die Templerhäuser und -burgen im Westen des Abendlandes, die wichtigsten Burgen in Syrien und Palästina, die Niederlassungen des Ordens in der französischen Provence sowie seine Besitzungen im Languedoc verzeichnen (S. 357-360).

Dem Handbuchcharakter des Werks sind mögliche Abbildungsstrecken zum Opfer gefallen. Das ist verständlich, denn diese hätten den Seitenumfang vergrößert, ist aber schade, denn selbstverständlich haben die Templer bereits ihre Zeitgenossen fasziniert, die uns eine Vielzahl bemerkenswerter und wissenschaftlich aussagekräftiger Bild- und Schriftquellen hinterlassen haben (was wichtig ist, da die Unterlagen der Templer selbst nach ihrem Sturz und fast vollständig vernichtet wurden). Hinzu kommen Templerburgen, Gewandungen, Ausrüstungsgegenstände und andere Zeitzeugen des mittelalterlichen Alltags, die ihrerseits anschaulich Aufschluss geben über das Templerleben. Doch Barber hat sich entschieden und stützt sich primär auf das geschriebene Wort, was ihm andererseits dabei hilft, sein Werk geschlossen zu halten.

Malcolm Barber lehrt als Mittelalterhistoriker an der englischen Universität Reading. Er hat sich auf die Geschichte der geistlichen Orden zur Zeit der Kreuzzüge spezialisiert und viele Artikel in diversen Fachzeitschriften als auch (populär-)wissenschaftliche Bücher über damit verbundene Themen verfasst. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ihm dabei der Wind manchmal kräftig ins Gesicht bläst; Kritik erhebt sich u. a. an Barbers Interpretation der Katharerhistorie. Das vorliegende Werk wurde deutlich weniger gezaust. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass es erst mit mehr als zehnjähriger Verspätung in Deutschland erschien und sich das Geschichtsbild auch in Sachen Templer und auf der Grundlage neuer Erkenntnisse seither entwickelt hat. Barber selbst hat seinen Beitrag dazu geleistet, was freilich in erster Linie den Historiker zur Beachtung der neueren Literatur verpflichtet; der Laie kann weiterhin bedenkenlos zu diesem Werk greifen.

Erskine, Barbara – Fluch von Belheddon Hall, Der

_Historikerin mit einem Bein in der Grusel-Gruft_

Barabara Erskine hat mittelalterliche Geschichte studiert und diese Passion in Geschichten verwandelt: [„Die Herrin von Hay“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=151 (1986), „Die Tochter des Phönix“ (1992) und „Mitternacht ist eine einsame Stunde“ (1994) haben ihr den Welterfolg eingebracht. Neben zwei Bänden mit Kurzgeschichten kann man noch „Königreich der Schatten“ (1988) von ihr erstehen, „Am Rande der Dunkelheit“ (1998), und „Das Lied der alten Steine“ (2001). Sie hat den Ruf, dass sie auf außergewöhnliche Weise in der Lage ist, Spannung, Romantik und Übernatürliches unter zwei Buchdeckeln zusammenfassen zu können. „Der Fluch von Belheddon Hall“ (1996) soll diesen Ruf bestätigen:

_Die Sehnsucht einer Waise_

Jocelyn Grant ist auf der Suche nach ihrer Mutter; Laura Duncan ist nirgendwo aufzutreiben, nur ihr alter, verlassener Wohnsitz. Belheddon Hall ist ein altes Landhaus, für das die Einheimischen nur Misstrauen und Angst übrig haben: Joss solle doch wieder nach Hause fahren, sie soll das Haus links liegen lassen und mit ihrer Familie ein gewöhnliches Leben führen. Eine Mutter, die keinen Kontakt mit ihrer Tochter aufnimmt, hat es nicht verdient, dass man ihr hinterherläuft, sagen sie, noch dazu, wenn das Ziel ihrer Forschungen Belheddon Hall ist …

Jocelyn gibt natürlich nicht auf. Bei ihren Nachforschungen erfährt sie, dass im ehemaligen Wohnsitz ihrer Mutter so mancher kleine Junge ums Leben gekommen ist, unter ziemlich mysteriösen Umständen, und dass ihre Mutter mit einem geheimnisvollen Fremden nach Frankreich ausgewandert ist. Nicht, ohne Belheddon Hall an Jocelyn zu vererben.

Zwar darf Jocelyn das Haus nicht verkaufen, aber das macht ihr nichts aus. Sie verliebt sich sofort in den Gedanken, Ahnenforschung vor Ort betreiben zu können, und die Warnungen von Pfarrern, Nachbarn und Einheimischen schlägt sie in den Wind. Da just zu dem Zeitpunkt auch noch das Geschäft ihres Mannes den Bach runtergeht, ist auch Luke Grant Feuer und Flamme bei dem Gedanken, ein Haus beziehen zu können, ohne Miete zahlen zu müssen. Lyn Davies, Jocelyns Adoptivschwester, zieht mit ein, und kümmert sich um Tom, den kleinen Sohn der Grants.

So weit, so gut. Joss vertieft sich während ihres Aufenthaltes in Belheddon Hall in die Erforschung ihrer Vergangenheit, und entdeckt dabei, dass ihre Mutter vor irgendetwas schreckliche Angst gehabt hatte. Sie zieht den Historiker David zu Rate, ein alter Freund und Kollege, der so manche unheimliche Geschichte über das Haus herauskramt: Kein Junge, der in dem Haus gelebt hat, ist älter als elf Jahre geworden, und alle sind sie unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Ein Fluch, behaupten die einen, der Teufel gar, behauptet manch anderer.

Jocelyn nimmt das nicht wirklich ernst, aber die Saat des Zweifels ist gesät. Sie nimmt die Atmosphäre in Belheddon Hall als bedrohlich wahr, spürt seltsame Anwesenheiten, Stille, die sich verdichtet, und sie hört Kinderstimmen. Besonders auf ihren Sohn hat sie ein ängstliches Auge. Dann, eines nachts, beginnt Tom zu schreien und zu weinen, ein Blechmann hätte ihn angegriffen, behauptet er. „Albträume“ erklärt Jocelyns Mann, „Albträume“ versichert ihr Lyn.

Aber die Albträume werden schlimmer, bald hat Tom die ersten Blutergüsse. Jocelyn ist sich sicher, dass etwas in dem Haus umgeht, aber niemand glaubt ihr. Als sie dann noch einen Sohn zur Welt bringt, laufen die Dinge aus dem Ruder: Jocelyn fürchtet um das Leben ihrer Kinder, aber niemand hört ihr zu. Als die ersten Verletzungen bei Tom zu sehen sind, beschuldigt man sie gar der Misshandlung …

_Im Landhaus nichts Neues_

Da gibt es nichts drumherum zu reden, die Zutaten, die Barbara Erskine in ihrem Roman verrührt, sind auf diese Weise schon oft verrührt worden. Zwar muss das nichts über die Qualität des Ergebnisses aussagen, aber im Falle „Belheddon Hall“ ist das eine zwiespältige Geschichte.

Zum einen haben wir da einen ziemlich mickrigen Gruselfaktor. Die Erscheinungen in Belheddon Hall spitzen sich nur sehr langsam zu, und ein Gefühl von echter Bedrohung will sich nie einstellen. Zu gewöhnlich sind die Stilmittel: Temperaturen, die plötzlich fallen, Katzen, die ohne Grund das Weite suchen, und natürlich die unaufhörliche Warnungslitanei aller Einheimischen.

Aber das ist auch nicht der Punkt, an dem Erskine den Spannungshebel ansetzt, der entfaltet sein volles Potenzial nämlich zwischen den Figuren: Jocelyn wird von niemandem ernst genommen, man unterstellt ihr, sie sei überreizt und überfordert mit der Tatsache, so viel über ihre Vergangenheit zu erfahren; Luke, ihr Mann, ist eifersüchtig auf David, den Historiker, und unterstellt ihm, Jocelyn verrückt zu machen, damit sie sich in seine rettenden Arme flüchtet; und Lyn suhlt sich darin, einmal nicht im Schatten ihrer Adoptivschwester zu stehen, genüsslich stichelt sie gegen Jocelyn Grant, behauptet gar, dass sie nicht fähig sei, ihre eigenen Kinder großzuziehen….

Zwischendrin gibt´s da ja noch die Frage nach Jocelyns Vergangenheit: Was ist denn nun mit ihrer Mutter geschehen? Wer war der mysteriöse Franzose, mit dem sie nach Frankreich geflohen ist? Warum hat sie mit ihrer Tochter nie Kontakt aufgenommen? Und vor allem: Wer steckt hinter den Erscheinungen und den nächtlichen Kinderstimmen?

_Metschlürfer vs. Weintrinker_

Im „Fluch von Belheddon Hall“ vermengen sich also tatsächlich Romantik, Familiendrama und Übernatürliches zu einem ganz eigenen Cocktail, der dem einen oder anderen Leser sicher munden wird.

Mir nicht, aber das ist nur die subjektive Seite meines Urteils. Objektiv kann man nämlich nicht meckern: Die Story ist schlüssig, die Figuren sind lebensecht und facettenreich, zum Schluss gibt es sogar noch ein paar nette Wendepunkte, und Erskine hat es zu wahrer Meisterschaft gebracht, wenn es darum geht, die Liebe zwischen Mutter und Kind spürbar werden zu lassen.

Wo liegt dann das Problem? Beim Tempo. Die Story entwickelt sich quälend langsam, es gibt Spekulationen über historische Figuren, die mit Belheddon zu tun haben könnten, es werden Familienangelegenheiten diskutiert, während immer wieder kleine Grusel-Happen das Blut in Wallung bringen sollen. Oh, stellenweise gelingt das ausgezeichnet, aber zu oft fällt mir „Der Fluch von Belheddon Hall“ in atmosphärische Beschaulichkeit.

Vergleichen kann man es vielleicht mit einem guten Wein: Geöffnet werden möchte er, und in eine Karaffe gegossen, da er unbedingt nach ein paar Augenblicken des Atmens verlangt. Und dann, nachdem das Kaminfeuer entfacht und Vivaldi auf den Plattenteller gelegt wurde, nachdem die Glühbirnen verlöscht und die Kerzen entzündet wurden, dann gönnt man sich sein Glas, erfreut an den bunten Aromen, mit denen das Bouquet die Geruchsknospen belebt, ehe man seiner Zungenspitze erlaubt, vom ersten Tropfen benetzt zu werden …

Um es kurz zu machen: Was den einen vor Ungeduld in den Wahnsinn treibt, ist für den anderen der Inbegriff des Genusses. Vor dem Kauf dieses Buches sollte man sich also eines überlegen: Bin ich ein lesetechnischer Weintrinker mit einem Faible für detailierte Langsamkeit? Fein! Rein in den Buchladen und antesten, hier warten ein paar vergnügliche Lesestunden. Bin ich allerdings ein methornschwingender Wikinger, der seine Storys am liebsten in einem Zug herunterstürzt, der es kochend heiß mag oder eiskalt, dem es nicht stark genug sein kann, und der es auch mal verträgt, wenn es ihm nach einem Gelage schwindelig und speiübel wird, dann könnte der Bogen um Erskines „Der Fluch von Belheddon Hall“ nicht groß genug sein. Man möge selbst entscheiden.

Ortese, Anna Maria – Iguana

_Die Echsen des Paradieses – ein Märchen?_

Der Roman der Italienerin Ortense ist als „Romantisches Märchen“ untertitelt, doch wer nun an Elfenzauber denkt, liegt falsch. Vielmehr ist dieses schmale Buch von 200 Seiten eine aktuelle Parabel über die Unmenschlich- und Unnatürlichkeit unserer modernen Welt, der kein Retter mehr helfen kann – die Welt nach der Vertreibung aus dem Paradies.

_Handlung_

Den jungen Mailänder Grafen Aleardo verschlägt es bei seiner Suche nach Ländereien, die zum Verkauf stehen, auf eine gottverlassene Insel im Atlantischen Ozean, die nicht einmal in den Karten verzeichnet ist: eine Insel des Bösen, wie sein braver Matrose meint. Tatsächlich tragen sich seltsame Dinge auf Ocana zu: Drei Brüder, Sprösslinge eines heruntergekommenen portugiesischen Adelsgeschlechts, halten sich als Dienstmädchen ein Geschöpf, das halb Echse, halb Mensch ist, halb geduckte Kreatur, halb verwunschene Prinzessin. Und der jüngste der Brüder, ein junger Mann von engelhaftem Aussehen, umschattet vom Wahnsinn, verändert seine Physiognomie je nach Tageszeit.

Aleardo versucht, das Geheimnis der Insel zu ergründen, und verfällt doch immer mehr in einen Zustand, bei dem das Wachsein dem Traum gleicht und der Traum der Wirklichkeit. Er halluziniert sogar Gerichtsszenen, in denen sich Iguana, das Dienstmädchen, und er verantworten müssen. Er verliebt sich in das unglückliche Tierwesen, will es retten und damit das Böse, die Finsternis erlösen. Aleardo scheitert in seinem Bemühen, die Erfüllung seiner Zuneigung zu erreichen, doch wird diese durch die dazwischentretenden Mitglieder der menschlichen Gesellschaft vereitelt. Er stirbt im Wahn. Denn es kann keine Erlösung für die Iguana geben, die Verbannung von Mensch und Tier aus dem Paradies ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und die unmenschliche Welt geht ihren alten Gang.

_Fazit_

Natürlich erinnert Ocana, die einsame, unbekannte Insel, an Shakespeares „Sturm“, aber auch an die Schatzinsel Stevensons – der Ort, an dem wir aus der Realität hinausgetragen werden. Einst war es der Garten Eden, war die Trennung zwischen Mensch und Tier noch nicht vollzogen, und die kleine Echse liebte und wurde wiedergeliebt. Gewiss ist die Iguana, das Kompositum aus Mensch und Tier, ein Sinnbild der unterdrückten Kreatur, der Natur an sich, die vom Menschen aufgegeben und der die Seele abgesprochen wurde.

Die Erzählung beeindruckt vor allem durch die Schönheit ihrer Sprache und die Tiefe der Einsichten, die die Autorin vermittelt.

|Ein Zitat|

„Er [Aleardo] fühlte außerdem, dass diese Reisen Träume und die Echsen Mahnungen sind. Dass es keine Echsen gibt, sondern nur Verkleidungen, die der Mensch ersinnt, um seinesgleichen zu unterdrücken, und die von einer schrecklichen Gesellschaft aufrechterhalten werden. Diese Gesellschaft hatte er verkörpert, aber jetzt trat er aus ihr heraus. Und darüber war er froh.“

|Die Autorin|

Anna Maria Ortese, geboren 1914 in Rom, lebte in Libyen, Neapel, Venedig, Mailand, Genua und Rom und ist seit 1978 in Rapallo ansässig. Ihr erstes Buch erschien 1937, zahlreiche Romane und Erzählungsbände folgten. „Iguana“ wurde in Italien erstmals 1965 publiziert.

Bradby, Tom – Herr des Regens, Der

Tom Bradby scheint ein Autor mit einer Vorliebe für exotische Handlungsorte zu sein. Spielt sein aktueller Roman „Der Gott der Dunkelheit“ in Ägypten, so zieht es die Hauptfigur seines Debütromans „Der Herr des Regens“ nach Shanghai. Und noch eine Vorliebe Tom Bradbys lässt sich mit einem Blick ausmachen: der historische Kontext. Beide Romane verbinden exotische Schauplätze, Krimiplot und ein historisches Setting zu einer fesselnden und vielschichtigen Lektüre.

„Der Herr des Regens“ spielt im Shanghai der 20er Jahre. Über Zeit und Ort erfährt man im Geschichtsunterricht nicht unbedingt viel, so dass es sich empfiehlt, parallel zur Lektüre einmal die historischen Hintergründe von Shanghai nachzuschlagen. Bradby hat seinen Roman in einer äußerst bewegten Epoche der Geschichte der Stadt angesiedelt.

Viele Nationen mischen in der Stadtgeschichte mit. Vor allem die Briten beherrschen das Bild. Shanghai erlangt im Laufe der 20er Jahre Ruhm als Weltmetropole und bedeutender Handelsstandort. Chinesen, Briten, Franzosen und Russen leben in den unterschiedlichen Stadtteilen Tür an Tür. Mit dem Aufkommen des Kommunismus werden die Zeiten unruhiger und „Der Herr des Regens“ spielt genau ein Jahr, nachdem die britischen Truppen Studentenproteste blutig niedergeschlagen haben.

1926 kommt der Protagonist Richard Field in die pulsierende fernöstliche Metropole Shanghai. Er ist jung und unerfahren und flieht vor der beengenden Familie in England und der eigenen Vergangenheit ins ferne China. Hier tritt er seinen Posten im Sonderdezernat der Polizei von Shanghai an, in der Hoffnung, sich in den nächsten Jahren der ehrenvollen Aufgabe polizeilicher Ermittlungsarbeit widmen zu dürfen.

Doch schon bald muss Field einsehen, dass die Realität nicht ganz dem entspricht, was er sich erhofft hat. Shanghai entpuppt sich als Hort der Sünden, Gewalt und Korruption. Sein erster Fall erweist sich gleich als heikel. Eine junge Russin wurde brutal ermordet. Bei den ersten Nachforschungen stößt Field schon bald auf einen Namen, dem er in der nächsten Zeit immer wieder begegnen wird: Lu Huang. Lu Huang ist ein sagenumwobener chinesischer Gangster, der in Shanghai viele Fäden in der Hand hält. Field ahnt noch nicht, worauf er sich einlässt, als er mit den Ermittlungen beginnt, doch schon bald blickt er in die dunklen Abgründe der Stadt und muss erkennen, dass es äußerst gefährlich ist, unbequem zu werden, wenn man nicht weiß, wem man trauen kann …

Tom Bradby ist mit „Der Herr des Regens“ ein interessanter und spannender Roman geglückt. Er skizziert ein lebendiges Bild der 20er Jahre in der Stadt und vermittelt dem Leser dadurch ganz nebenbei den Anreiz, sein geschichtliches Wissen der Zeit zu vertiefen. Die Epoche bietet für sich genommen schon ein spannendes Szenario für einen Kriminalroman. Shanghai eignet sich hierfür im Besonderen. Die Stadt galt als Sinnbild des Abenteurertums der Zeit, als Ort, an dem man reich werden konnte. In Shanghai schien alles zum Greifen nah. Jeder Wunsch konnte erfüllt, jedes Bedürfnis gestillt werden.

Auf den Punkt bringen kann man die Stimmung von Zeit und Ort in einem Satz, den Aldous Huxley im gleichen Jahr ausgesprochen hat, in dem auch der Roman spielt. Huxley hat nach eigener Aussage |“in keiner Stadt je einen solchen Eindruck von einem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens“| wie in Shanghai bekommen. Genau diese Stimmung beschwört Tom Bradby in seinem Roman herauf.

In diese Szenerie versetzt er den jungen, idealistischen Polizisten Richard Field, der schon bald erkennen muss, dass polizeiliche Ermittlungsarbeit nicht immer die Suche nach der Wahrheit zum Ziel hat. Field bewegt sich in einem Umfeld, das permanentes Misstrauen verdient, weil man nie weiß, wer mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung steht und wer nicht, und in dem jeder ausgesprochene Satz schon einer zu viel sein könnte. Besonders verzwickt ist Fields Lage auch dadurch, dass er durch seinen Onkel Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen der Stadt pflegt. Für einen naiven Frischling wie Field kommt das einem Bad in einem Haifischbecken gleich.

Man spürt als Leser die allgegenwärtige unterschwellige Bedrohung, eine Atmosphäre, die bei aller Exotik immer wieder düster und beklemmend wirkt. In mancher Hinsicht erinnert „Der Herr des Regens“ an opulente und verworrene Krimi-Noir-Geschichten wie [„L.A. Confidential“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1187 von James Ellroy. Desillusioniert und bedrückend, atmosphärisch dicht und irgendwie undurchdringlich. Wer Kriminalromane von diesem Schlag mag, für den ist auch „Der Herr des Regens“ vortreffliche Lektüre.

„Der Herr des Regens“ ist ein Roman, den man sich bildlich ausgesprochen gut vorstellen kann. Bradby lässt sich zum Einstieg Zeit, Atmosphäre aufzubauen, gibt seinem Protagonisten Field Gelegenheit, in seine neue Rolle hineinzuwachsen und baut die Spannung gemächlich auf, um den Leser dann zum Ende hin nägelkauend weiterlesen zu lassen. Besonders das letzte Viertel ist derart spannungsgeladen, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag.

Wahres Kopfkino inszeniert Bradby und so kann man sich problemlos vorstellen, dass auch Hollywood an der Entwicklung der Figur Richard Fields und seinen heldenhaften Anwandlungen zum Ende hin Gefallen haben könnte. Andererseits fällt das Ende der Geschichte in Anbetracht der ansonsten so düsteren und dichten Stimmung des Romans auch ein wenig zu glatt und gefällig aus. Ein bisschen weniger Happyend hätte nicht geschadet und der Geschichte zusätzliche Glaubwürdigkeit verliehen.

Was die Verteilung der Rollen zwischen Gut und Böse angeht, so hätte Bradby sich meiner Meinung nach ruhig noch etwas mehr Mühe geben können, die Fährten ein wenig mehr zu verwischen. Die Andeutungen und Hinweise, die er ausstreut, sind manchmal einfach zu offensichtlich, so dass man als Leser mit etwas Krimierfahrung sicherlich nicht sonderlich überrascht ist, wenn enthüllt wird, wer richtig und wer falsch spielt, wer wirklich verdächtig ist und wer nicht. Und so erscheint zum Ende hin dann auch so mancher „Sinneswandel“ nicht unbedingt bis ins Mark glaubwürdig.

Ähnlich blass bleibt die Enthüllung des Mörders. Die Motive werden kaum deutlich und bleiben einfach zu schwammig und fragwürdig, um den Täter wirklich überzeugend erscheinen zu lassen, und so ist die Auflösung des Krimiplots sicherlich nicht zu den Highlights des Romans zu zählen. Atmosphäre und Spannungsbogen können aber durchaus dagegenhalten, um zumindest teilweise über diese Mängel hinwegzutrösten.

Bradby fährt eine lesenswerte und spannungsgeladene Mischung auf, die einerseits geschichtliche Hintergründe eines interessanten und exotischen Schauplatzes einbezieht und andererseits einen spannenden Plot mit interessanten Figuren entwickelt, der nebenbei gar noch eine verzwickte Liebesgeschichte auffährt. Die Mischung geht in jedem Fall auf, und so ist das Resultat ein unterhaltsamer und spannender Krimi, dem man die eine oder andere kleinere Schwäche aufgrund der dichten Atmosphäre und der Exotik des Schauplatzes gerne mal verzeiht.

Klönne, Gisa – Wald ist Schweigen, Der

_Deutschkrimi: realistisch und beängstigend_

Es könnte so idyllisch sein: ein entlegenes Tal, ein einsames Forsthaus, sympathische Aussteiger und viel, viel Wald. Doch dann liegt die Leiche eines Mannes in einem Hochsitz, und Kommissarin Judith Krieger, kettenrauchend und chronisch müde, beginnt zu ermitteln. Nach einer Reihe von Fehlern wird sie beurlaubt, aber ihr Kampfgeist erwacht, als eine zweite Leiche im Wald gefunden wird – in einem Bombenkrater. (abgewandelte Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Gisa Klönne, geboren 1964 an einem unbekannten Ort. Studium der Germanistik und Anglistik sowie Politologie, außerdem Theater-, Film und Fernsehwissenschaften an in- und ausländischen Universitäten.

Nach erfolgreichem Abschluss Festanstellungen in verschiedenen Zeitschriftenredaktionen. Außerdem umweltpolitisch korrekt beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland) in verschiendenen Bereichen tätig. Seit 1999 ist Gisa Klönne selbständig und beschäftigt sich neben der Mitarbeit in zahlreichen Verbänden mit dem Schreiben von Romanen und Herausgeben von Anthologien.

Sie hält Seminare zu Themen wie „Reportage und Porträt, Schreiben fürs Internet, Pressearbeit und Kreatives Schreiben“ und ist nicht zuletzt als Reisereporterin unterwegs. Zurzeit lebt Gisa Klönne in Köln und der zweite Krimi ist in Arbeit. (Alle Angaben stammen von der Webseite http://www.koeln-krimi.de und lassen sich unter der Autorenhomepage http://www.gisa-kloenne.de nachprüfen.)

|Die Sprecherin|

Edda Fischer hat sich einen Namen gemacht als Theater- und Kino-Schauspielerin sowie als Sprecherin (Literatur, Lesung). Sie trat in Serien wie „Praxis Bülowbogen“, „SOKO Köln“, „Tatort – Willkommen in Köln“, in „Ohrenweide“ (WDR) und sogar in „Manta – der Film“ auf. Sie wirkte an Perry-Rhodan-Hörspielen mit, trat zudem in Literatursendungen auf. Sie wohnt in Düsseldorf. (Verlagsinfo)

|Der Regisseur|

Stefan Hackenberg studierte Jura, Anglistik und Germanistik in Köln. Ab 1986 war er Literaturdozent und Autor, ab 2000 arbeitete redaktionell und journalistisch für Fachmagazine, Hörfunksendungen wie die „Ohrenweide“ (WDR) und wurde Regisseur für Computerspiele (!) und bei künstlerischen Hör-Produktionen. Er bearbeitet Drehbücher, Hörbücher und Hörspiele. Lebt seit Jahren „bewusst“ in der Eifel. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Es hätte wohl ein idyllischer Sonntag im Wald des Bergischen Landes zwischen Rhein und Sieg werden sollen, aber was Egbert Wiehl außer Pilzen noch findet, schlägt ihm schwer auf den Magen. Erst liegt da eine junge Frau in Joggerhosen am Boden, die sich die Seele aus dem Leib kotzt. Dann erst bemerkt er die Scharen von Krähen, die sich um einen Hochsitz versammeln und offenbar ein Festmal feiern. Es stinkt nach Verwesung …

|Ein Albtraum|

Kommissarin Judith Krieger, 38, hat wieder einen ihrer Albträume von ihrem verstorbenen Kollegen und Freund Patrick. Sie reitet auf einem Schimmel, der sie aus dem Wald auf offenes Feld hinausträgt. Sie kann nicht anhalten, wird mitgetragen … Judith hat schwere Schuldgefühle, dass sie Patrick hat für sich einspringen lassen und dass er bei diesem Kripo-Einsatz erschossen wurde. Das Telefon reißt sie aus dem Schlaf: Ein Toter wurde im Wald bei Unterbach gefunden. Ihr Boss Axel Millstedt sagt, sie muss für andere Kollegen einspringen, denn es ist Sonntag, der 26. Oktober. Bald ist Halloween.

Der Tote ist etwa 1,80 m groß, hat blondes Haar und trägt – soweit sie das anhand dessen, was die Krähen übrig gelassen haben, feststellen kann – blondes Haar. Er war muskulös, vielleicht ein Sportler. Daher findet Judith die selbstgedrehten Zigaretten auf dem Boden des Hochsitzes merkwürdig: Sportler können es sich kaum leisten, ihre Lunge mit Rauch und Teer zu belasten. War jemand bei ihm? Sie stellt einen Plastiksplitter sicher. Der Rechtsmediziner stellt fest, dass der Mann etwa sieben bis zehn Tage tot ist und zweimal von Schrotladungen durchlöchert wurde. Da wollte jemand sicher gehen, dass er auch wirklich stirbt.

|Die Försterin|

Die junge Frau am Tatort, die Egbert Wiehl gefunden hat, ist die lokale Försterin. Sie lebt in der Nähe im alten Forsthaus Unterbach. Und selbstverständlich besitzt Diana Westermann, 28, kraft ihres Amtes auch Schusswaffen, darunter auch Schrotflinten. Aber was sie der Kommissarin und ihrem hinterlistigen Kollegen Manfred Korzilius verschweigt: Sie hat immer eine Flinte unterm Bett versteckt, quasi als Reserve. Als man sie endlich in Ruhe lässt, bemerkt sie, dass die Waffe kürzlich benutzt wurde. Aber nicht von ihr …

|Der Ashram|

In der Nähe von Unterbach liegt das Gut Sonnenhof. Es ist mittlerweile in einen „Ashram“ umgewandelt worden, der hinduistische und buddhistische Ideale verbreiten will – ganz praktisch aber auch Yoga-Übungen anbietet. Die Nacht kostet stolze 65 Euro. Judith Krieger will den Leiter sprechen. Es sind zwei: Heiner von Stetten, der wie ein Buddha aussieht, und seine Frau Beate, die Judith misstrauisch beäugt. Keiner von ihnen weiß etwas über den Toten. Judith bemerkt eine junge nervöse Frau mit Rastalöckchen, die dem Anschein nach von einem rothaarigen Mann mit Froschaugen bewacht wird. Sie tauft ihn insgeheim Kermit. Sein Ashram-Name lautet Vidanya.

Die junge Frau heißt Laura und ist Diana Westermann bestens bekannt, denn Laura passt tagsüber auf die Försterhündin Ronja auf. Laura vermisst ihren Geliebten Andi, den sie schon am Gymnasium in Bonn kennen und lieben gelernt hatte. Nun vertreibt sie sich die nächtliche Einsamkeit mit Sex, den sie mit dem besitzergreifenden Jay hat. Sie wundert sich über seine häufige nächtliche Abwesenheit, die er nicht erklären will.

|Die Villa|

Der Tote wird als Andreas Wengert identifiziert, Sportlehrer am Schiller-Gymnasium in Bonn. Judith fährt mit Manfred Korzilius hin. Juliane Wengert ist eine schöne elegante Villenbesitzerin mit einem porzellanhaften Teint. Manni gibt ihr den Spitznamen „Miss Marmor“. Und als genauso weiß und hart erweist sie sich auch. Die vielreisende Dolmetscherin gibt vor, ihren Mann nicht zu vermissen, obwohl er schon zehn Tage auf einer Motorradtour unterwegs sein muss. Manni hat dessen BMW-Motorrad in einer Scheune bei Unterbach entdeckt: Der Zündschlüssel steckte noch. Würde das ein vernünftiger Mann tun?

Als er Frau Wengert eröffnet, man habe sein Motorrad verlassen im Wald gefunden, springt sie unvermittelt auf und rennt nach oben. Nachdem sich Manni und Judith von ihrer Überraschung erholt haben, springen sie auf und eilen ihr nach. Wo ist sie in diesem riesigen Haus? Judith hat den richtigen Riecher und findet das Badezimmer. Sie packt Frau Wengert und schreit sie an, was sie genommen hat, denn sie glaubt, die wolle sich vergiften, um sich der Gerechtigkeit zu entziehen. Manni taucht mit gezückter Pistole auf, weil er Schreie hört. Da endlich merken sie, dass die Wengert sich bloß erbrochen hat. Judith hat, traumatisiert von den Patrick-Albträumen, völlig überreagiert.

|Die Rote Karte|

Manni ist genervt und Chef Millstedt peinlich berüht. Er legt Judith nahe, sich beurlauben zu lassen und lässt sich von ihr sowohl Marke als auch Dienstwaffe aushändigen. Judith weint und geht nach Hause. Dort findet sie einen Abschiedsbrief von ihrem Freund Martin vor, der ihr die Wohnungsschlüssel zurückschickt. Heute geht auch alles den Bach runter, denkt sie und fängt an, sich zu besaufen.

Nun hat Manni Blut gerochen und schießt sich auf Juliane Wengert ein. Obwohl diese ihren Anwalt Albrecht Tornow hinzuzieht, ergeben sich laufend neue Verdachtsmomente gegen sie. Sie verschweigt zum Beispiel, dass ihr Mann eine Affäre mit einer – igitt! – minderjährigen Schülerin (obige Laura) hatte. Und sie verschweigt, dass sie eine Auslandsreise nach Jamaika gebucht hat. Manni schafft es, sie in U-Haft nehmen zu lassen. Schluss mit lustig. Die Villa wird durchsucht.

|Leiche Nummer zwei|

Aber Judiths „Instinkt“ sagt ihr, dass im Ashram etwas oberfaul ist, denn die beiden Leiter kommen ihr nicht koscher vor. Sie lässt sich dort aufnehmen, angeblich um sich vom Psychologen Heiner ihre Depression kurieren zu lassen, in Wahrheit, um seine Unterlagen nach Verschwundenen zu durchforsten, z. B. nach einer gewissen Darshan Maria Klein, die Manni sucht und deren Handy Diana Westermann inzwischen im Wald gefunden hat. Aber Darshan ist nie im indischen Ashram, wohin sie wollte, angekommen …

Hat nun Manni Recht mit seiner Theorie, dass die Wengert ihren Mann aus Eifersucht tötete, oder Judith, die glaubt, dass die Lösung im Ashram liege? Es steht eins zu null für Manni, doch dann finden Dianas Waldarbeiter eine weitere Leiche im Wald – in einem Bombenkrater aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn Judith offiziell beurlaubt ist und sich dennoch an Tatorten herumtreibt, wie soll sie dann diesen wichtigen Fund ihrem Kollegen und ihrem Chef gegenüber rechtfertigen? Ihre Karriere, nein, ihre Zukunft liegt in Mannis Händen. Ist er ein Freund – oder ein Schwein?

_Mein Eindruck_

Dieser Krimi aus deutschen Landen ist ein sauberes Stück Arbeit. Endlich macht jemand mal klar, was der Kripoalltag an persönlichen Opfern von den Beamten fordert. Die Hauptfigur, Judith Krieger, leidet an einem Schuldtrauma und schafft es nur mit äußerster Mühe, ihren Job richtig zu machen. Schon wieder eine Leiche im Wald. Und dann noch eine weitere im Bombenkrater. Junge Frauen auf Abwegen. Sind Krieger und Diana Westermann die nächsten Opfer? Krieger begibt sich jedenfalls in die Schusslinie. So viel Pflichtbewusstsein (oder ist es ihr Trauma?) finden wir natürlich cool.

|Jenseits der Grenze|

Dass ihr Vorgehen keinesfalls vom Gesetz abgedeckt ist, ist ihrem Kollegen Manni natürlich ein Dorn im Auge, und wenn ihr Chef davon erführe, flöge sie achtkantig aus der Kripo. Man darf sich als Leser bzw. Hörer durchaus fragen, wie verbreitet ein solches riskantes Vorgehen ist. Andererseits kann es uns nur recht sein, denn offenbar gelangt die Ermittlerin nur auf diesem Weg zu den nötigen Informationen.

|Geliebte Heldin|

Im beginnenden Finale erstaunt es dann aber schon ziemlich, dass Krieger, die „Schwertkönigin“, wie „eine Amazone“ oder „Jägerin“ – die Autorin verliebt sich offensichtlich in ihre eigene Hauptfigur – das Kommando über die Kripostaffel übernimmt und auf diese Weise das Schlimmste verhindern kann. In dieser Stilisierung der Heldin verraten sich die Sehnsüchte und Wünsche der Autorin. Aber mal ehrlich: Jeder männliche Held, der zu Action taugt, wird mit den gleichen – natürlich maskulinisierten – Prädikaten versehen. Weicheier sind für den Müllberg der Geschichte.

|Ashram-Klischees|

Auch hinsichtlich der Darstellung des Ashrams schrammt die Autorin haarscharf an einem Sumpf von Klischees entlang: Meditierende Erleuchtungssucher, die von ihrem Guru hinters Licht geführt und ausgebeutet werden, kennt man schon, seit die Beatles 1968 von Maharishi Mahesh Yogi verarscht wurden und sich mit einem bissigen Lied („Sexy Sadie“) dafür revanchierten.

Und sexuelle Promiskuität? Herrje, die gibt’s wahrscheinlich in jedem Klüngel, der sich Orden oder Sekte oder Seminar nennt. Und außerdem wäre es auch furchtbar langweilig, wenn sich Männlein und Weiblein mal nicht außerhalb von Zucht und Ordnung zu „sportlichen Übungen“ träfen, denn sonst könnten ja gleich die Faschisten den Laden übernehmen. Ein solcher Überwachungsfanatiker scheint Vidanya zu sein, aber seine Gründe stellen sich als allzu menschlich und obendrein altruistisch heraus.

Die Autorin macht es daher ziemlich deutlich, dass es sich beim Ashram in Gut Sonnenhof nicht um das Domizil einer Sekte handelt, sondern um ein Seminarzentrum, das nicht von einem Guru, sondern von einem Psychologen (mit Buddhamerkmalen) und einer Frau (mit „Hexen“-Merkmalen wie rotem Haar) geführt wird. Die Macht liegt also nicht mehr alleine in den Händen von Männern. Daher fällt aber auch ein Teil des Verdachts auf die Ko-Leiterin des Ashrams. Eifersucht ist schließlich ein altbekanntes Motiv.

|Das Dunkel des Waldes|

Aber vor welcher Gefahr will der Roman eigentlich warnen? Dass junge Frauen zu Aussteigern werden und/oder einem Mann verfallen, der sie dann als seinen Besitz betrachtet, ist ja auch nicht gerade neu. Nein, so einfach ist es nicht. Lauras Spiel mit dem Feuer bezieht sich vielmehr darauf, dass sie gleich mit zwei Männern angebandelt hat: mit Andi Wengert und mit dem mysteriösen Jay aus dem Ashram. Sie traf sich mit beiden im nahen Wald zum Liebesspiel, mit der bekannten Folge, dass der eine den anderen kaltgemacht hat.

Dadurch verkehrt sich das Rückzugsgebiet Wald in sein Gegenteil. Es ist nun eine bedrohliche Wildnis, wo frau lieber Schutz suchen sollte als Abenteuer. Diana joggt hier zunächst ganz fröhlich, doch je mehr die Störung ihrer Privatsphäre zunimmt, desto unheimlicher wird ihr die ihr als Försterin anvertraute Umgebung. Ganz besonders auch deshalb, weil es hier nirgends Funkempfang per Handy gibt. Dieses kleine Detail zeigt, wie abhängig auch die Polizei von den kleinen Technikwundern geworden ist.

Dieses poetische Motiv des zwiespältig betrachteten Waldes ist für mich besonders interessant, denn ich lebe fast mein ganzes Leben am Rande eines Waldes, der den Städtern als Naherholungsgebiet dient. Fünfzig Metern von meinem Haus entfernt führt ein Bundeswanderweg durch die Botanik, und auf der Wiese hinterm Haus zeigen sich Eichelhäher und Grünspechte – typische Waldbewohner.

Wahrscheinlich hat mich der Roman mit seinen intensiven Waldbeschreibungen deswegen so stark beeindruckt. Wer sich allerdings keinen Wald vorstellen kann, dem dürfte der Zugang zur besonderen Eigenart dieses Krimis fehlen, die einen Großteil seiner Wirkung ausmacht. Lautet also die Botschaft, den Wald zu meiden? Nein, keineswegs. Vielmehr sollten sich Mädchen wie Laura (gerade mal 17) vorher überlegen, mit wie vielen und mit welchen Männern sie sich einlassen. Bevor es zu spät ist, so oder so.

|Ältere Damen|

Andererseits fällt es offenbar auch älteren Damen schwer, ihr Urteilsvermögen zu bewahren, wenn es um einen tollen Mann geht. Juliane Wengert ist offenbar eine Frau „aus gutem Hause“, wie man so schön sagt. Und ein Sportlehrer, da sind sich ihre villenbesitzenden Nachbarinnen einig, ist unter ihrem Niveau. Doch ihre Trauer um Andreas ist echt, als sie entsetzt und häppchenweise von seinem Ableben erfährt. Als sie jedoch mit zunehmendem Druck darüber informiert wird, dass er ja mindestens ein Verhältnis hatte, was das Eifersuchtsmotiv begründen würde, da muss sie erkennen, dass sie nicht mehr um ihren verlorenen Mann trauern kann. Diese Möglichkeit haben ihr die Polizisten, allen voran Manni, genommen. Ich bewundere die scharfsichtige Analyse von Julianes Gefühlen, die die Autorin in nur wenigen Sätzen vornimmt. Hier wird die zuerst hochnäsig erscheinende Lady auf eine ganz normale Frau reduziert, mit der wir Mitgefühl empfinden können.

|Die Sprecherin|

Juliane Wengert wird von der Sprecherin zunächst als eine sich stets distinguiert und beherrscht ausdrückende Dame präsentiert, doch Juliane verändert sich unter dem Druck der Polizeiermittlung: Ihre Marmoroberfläche zerbricht schrittweise, bis sie ein halbwegs menschliches Format erreicht hat. Sie herrscht ihren unfähigen Anwalt an, sie weint in der Zelle (es gibt jede Menge weinende Frauen in diesem Roman), bekommt aber schließlich ihre Freiheit zurück, doch das Leben, das sie früher hatte, hat sich in Rauch aufgelöst.

Da alle Hauptfiguren mit Ausnahme von Manni und Millstedt weiblichen Geschlechts sind, fällt es der Sprecherin Edda Fischer nicht schwer, sie mit ihrer Stimme zu charakterisieren und sie voneinander zu unterscheiden. Am markantesten ist da sicherlich Juliane Wengert. Aber auch Laura ist leicht auszumachen: Sie spricht fast immer einen inneren Monolog. Dadurch wird deutlich, dass sie in ihrer eigenen Welt lebt. Aber diese begrenzte Sichtweise verhindert auch, dass wir erkennen, um wen es sich bei Jay handelt.

Judith Krieger und Diana Westermann sind da schon schwerer auseinander zu halten. Doch da Krieger zehn Jahre älter ist und mehr Autorität besitzt, macht sich (meine ich gehört zu haben) ein härterer Tonfall bemerkbar. Außerdem ist immer sie es, die hier die Fragen stellt, ganz einfach.

Es gibt weder Musik noch Geräusche, also brauche ich keine Worte dazu verschwenden.

_Unterm Strich_

Gisa Klönne ist mit ihrem ersten Krimi eine eindrucksvolle Leistung gelungen: Er ist spannend bis zum Schluss, enthält realistische Schilderungen, hält beide Tattheorien im Gleichgewicht und wartet mit einigermaßen wahrscheinlichen Figuren auf. Natürlich sind einige Klischeeklippen zu umschiffen, so etwa der gesamte Komplex mit dem Ashram, aber auch Judith Krieger selbst, die Hauptfigur. Das gelingt nicht immer, hält sich aber in Grenzen.

Am eindrucksvollsten ist die Beschreibung des entscheidenden Schauplatzes: der Wald. Hier regiert das Gesetz des Dschungels, und das Hilfsmittel des allzeit verfügbaren Handys fällt hier komplett aus (ständig wird darüber geflucht), so dass die Akteure auf ihren eigenen Grips und ihre Initiative angewiesen sind, um zu überleben.

Edda Fischer macht mit ihrem Vortrag die spannende Handlung sehr anschaulich und hält in äußerst brenzligen Situationen oder wenn es auf feine Nuancen im Tonfall ankommt, stets das hohe Niveau, das ihre Lesung auszeichnet. Da kann man das Fehlen von Musik und Geräuschen durchaus verschmerzen.

|Keine Autoreninfos|

Dass man auf der Verpackung überhaupt keine Informationen zur Autorin bekommt, wohl aber ausführlichst zum Regisseur informiert wird, ist ein Anfängerfehler, der hoffentlich bald behoben wird. Stefan Hackenberg in Ehren, aber er interessiert den Zuhörer wirklich am allerwenigsten von allen Mitwirkenden. Leute, die im Tonstudio wirklich gut ihre Arbeit machen, brauchen solche Werbung nicht. Schlimm wäre es hingegen, wenn man sie wegen irgendwelcher Fehler bemerken würde.

|Hinweis|

… auf Judith Kriegers zweiten Fall. Das schreibt die Autorin auf ihrer Homepage (s.o.): „Ja, es gibt einen zweiten Fall für Judith Krieger und ihren Kollegen Manfred Korzilius. Ich arbeite gerade daran. Erscheinungstermin: Aller Voraussicht nach Herbst 2006. Arbeitstitel: ‚Die Eistaucher‘. Mehr verrate ich im Moment noch nicht.“ Wir freuen uns schon drauf.

|ca. 450 Minuten auf 6 CDs
Siehe auch unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1879 zur Buchfassung.|

Algernon Blackwood – Der Griff aus dem Dunkel. Gespenstergeschichten

Blackwood Griff aus dem Dunkel kleinInhalt:

In einer Novelle und fünf Kurzgeschichten gewinnt Algernon Blackwood (1869-1951), Meister der angelsächsischen Gruselliteratur, ihm wichtigen Themen (Naturmystik, Mehrdimensionalität, Tod als Übergang) neue, spannende Seite ab:

Das Haus der Verdammten (The Damned, 1914), S. 7-110: William und seine Schwester Frances werden von der reichen Witwe Mabel auf deren Landsitz in der Grafschaft Sussex eingeladen. Aus dem erhofften Urlaub auf dem Lande wird nichts, denn in „The Towers“ spukt es mächtig. Mabels verstorbener Gatte, der Bankier Samuel Franklyn, war ein Laienprediger übelster Sorte: ein bigotter, fanatischer Eiferer, der mit Inbrunst die ewige Verdammnis auf alle Sünder herab beschwor. Selbst der Tod konnte Samuel und seinen Missionseifer nicht stoppen; sein niederträchtiger Geist beherrscht „Two Towers“, die willenlose Mabel und tausend körperlose Seelen, Samuels Opfer, die ihr Gehorsam nicht ins Paradies, sondern in eine düstere Zwischenwelt fehlgeleitet hat, der sie nun verzweifelt und zornig endlich entkommen wollen. In einem letzten Aufflackern ihres Widerstandes hat Mabel Frances und William zu sich gerufen, doch die Geschwister können dem Ansturm der Verdammten ebenso wenig standhalten wie sie. Algernon Blackwood – Der Griff aus dem Dunkel. Gespenstergeschichten weiterlesen

Brown, Dan – Meteor

_Konkurrenz für James Bond und Michael Crichton_

Ein neuer NASA-Satellit hat unter dem Eis der Arktis ein großes Objekt entdeckt. Rachel Sexton und andere Zivilisten werden auf Bitten des US-Präsidenten eingeflogen, um die Echtheit des Fundes zu bestätigen. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Felsbrocken a) um einen Meteoriten handelt und b) dass darin außerirdische Lebensformen als Fossilien eingeschlossen wurden. Die Begeisterung der Wissenschaftler ist ebenso so groß wie bei den NASA-Mitarbeitern. Der Präsident wird mit dieser Sensation sowohl die NASA retten als auch seinen Wahlkampf gewinnen.

Doch als der riesige Felsen gehoben ist und die Sektkorken knallen, macht einer der Wissnschaftler in dem nun offenen Schacht im Gletscher eine sehr beunruhigende Entdeckung. Doch keine Sorge, Mister President – der Mann befindet sich bereits im Visier einer gut bewaffneten Truppe, die dafür sorgt, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt derzeit an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

_Die Sprecherin_

Anne Moll studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin/Rostock. Sie machte sich auf den verschiedensten Theaterbühnen, als Sprecherin beim Rundfunk sowie als Synchronsprecherin einen Namen. Sie hat bisher eine Vielzahl unterschiedlicher Texte für |Lübbe Audio| interpretiert. (abgewandelte Verlagsinfo)

Der Text wurde von Dr. Arno Hoven bearbeitet und gekürzt. Die Regie führte Kerstin Kaiser, und die akustischen Motive trug Michael Marianetti bei.

_Handlung_

PROLOG.

Der kanadische Geologe Charles Brophy hätte sich nicht träumen lassen, dass ihn in der endlosen Leere der arktischen Eiswüste bewaffnete Männer gefangen nehmen, an Bord eines Flugzeugs entführen und ihn dann mitsamt seines Hundegespanns aus ebendiesem Flieger stoßen würden …

HAUPTHANDLUNG.

Rachel Sexton ist die Tochter des wichtigsten Wettbewerbers bei den US-Präsidentschaftswahlen. Senator Sedgewick Sexton (er liebt die Alliteration) jedoch ist ein egoistischer Rabenvater, der bei seinem Rennen um die Präsidentschaft über Leichen geht. Er ist der schärfste Gegner der NASA, die seiner Ansicht nur Steuergelder verschleudert, die man dringend für Schulen benötigt. Seine Tochter geht ihm vorsichtshalber lieber aus dem Weg.

Rachels Ersatzvater ist William Pickering, der Direktor des National Reconnaissance Office (NRO), einer weltweit tätigen Regierungsbehörde, die sich der Sicherung der nationalen Sicherheit durch Informationsbeschaffung und -auswertung widmet. Rachel ist eine seiner intelligentesten Mitarbeiterinnen, und er ist ein aufrechter Streiter für die Gerechtigkeit und das Wohl der Nation. Denkt sie.

Während Rachel an Bord eines militärischen Düsenjets Richtung Nordpol jagt, fragt sie sich ernsthaft, warum sie sich nur vom US-Präsident Zach Herney hat breitschlagen lassen, auf diese Wahnsinnsmission zu gehen. Die F-16 landet mitten auf einem Gletscher bei Ellesmere Island, und – hol’s der Teufel! – der leibhaftige Administrator der Raumfahrtbehörde NASA holt sie ab. Nicht ganz freiwillig: Der Präsident hat ihn dazu gezwungen. Schließlich ist Rachel die Tochter seines schärfsten Kritikers.

Nach einem Spießrutenlaufen der Begrüßungen darf Rachel endlich einen Blick auf das werfen, worum es ihr am Ende der Welt eigentlich geht. Unter 65 Metern Gletschereis liegt ein Felsblock, der angeblich vor rund 300 Jahren als Meterorit aus den Weiten des Alls und hier auf die Erde stürzte. Was ihr die anderen zivilen Wissenschaftler – Eis-, Stein-, Ozean- und Erdgeschichtsforscher – berichten, ist ziemlich unglaublich. In dem Meteoriten sind Fossilien einer außeridischen Spezies eingeschlossen. E.T. ist eine Laus.

Die Eisforscherin Norah leitet die Hebung des Felsens aus dem Eis, denn sie ist auf eine geniale Idee gekommen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Man erhitzt den Brocken per Laserstrahl, bis das Eis darüber schmilzt und zieht dann kräftig nach oben. Dauert zwar ein Weilchen, aber es funktioniert. Schon bald kann der Ozeanforscher Michael Tolland, durch seine Dokuserie ein Fernsehstar, seine Kameras darauf richten.

Jetzt schlägt Rachels Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die Beweise zusammenzufügen und der versammelten Belegschaft des Weißen Hauses klarzumachen, dass es sich tatsächlich um einen Stein von den Sternen mit einer fremden Lebensform handelt. Tollands Doku dient nur als Illustration. Gesagt, getan. Und wenige Stunden später wird der Präsident der Nation diesen enormen Fund verkünden. Die NASA hat ihre Existenzberechtigung: Ihr neuer Polarbeobachtungssatellit war es, der den Felsen gefunden hat. Senator Sexton hätte ausgespielt. Herneys Wiederwahl wäre gesichert.

Was aber Rachel und ihre zivilen Kollegen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie alle werden scharf von jener Truppe bewaffneter Männer beobachtet, die auch den kanadischen Geologen eliminiert hat. Und als sich der Paläontologe über das Leuchten von Plankton in dem freigelegten Eisschacht wundert (was hat Salzwasserplankton in Süßwasser zu suchen?), ist es an der Zeit, dass das Spezialkommando dafür sorgt, dass die kommende Botschaft des Präsidenten in keiner Weise gefährdet wird.

Aber damit fangen die Probleme für Rachel natürlich erst an.

_Mein Eindruck_

Dieser Thriller ist schon ein verdammt clever erzähltes Stück Spannungsliteratur, und die kurzen Kapitelchen lassen den Leser durch deren reichlich eingesetzten Cliffhanger-Schluss rasch weiterblättern. Vordergründig geht es in der Story darum, wer der nächste US-Präsident wird: der Amtsinhaber Herney oder sein Herausforderer Sexton. Und in der Tat spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Organisationen eine abwechslungsreiche Hälfte der Handlung ab. Gabrielle Ashe, die junge engagierte Wahlhelferin Sextons, sieht sich bald mitten in einem Minenfeld, das zur Kampfzone geworden ist. Hier wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Willkommen in Washington, D.C.!

Aber das ist, wie gesagt, eben nur die eine Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte fokussiert sich auf das Geschehen um Rachel und ihre Wissenschaftskollegen. Sie decken die ungeheuerliche Täuschung auf, die der Meteorit darstellt – und werden doch selbst laufend hinters Licht geführt. Und selbst dann, wenn der Leser meint, er habe den richtigen Drahtzieher schon lange vor Rachel identifiziert, versetzt ihm der Autor einen regelrechten Schock, indem er jemand anderen als Marionettenspieler enthüllt.

Die Story im Hintergrund dreht sich um die Existenzberechtigung der NASA und die Frage, warum sie und die Regierung es nicht zulassen, dass die private Industrie sich am Raumfahrtprogramm der USA beteiligt. Angesichts fast leerer Kassen, zahlreicher Misserfolge und eines andauernden Sicherheitsproblems der Behörde (brisante Luftaufnahmen werden von Hackern gestohlen und an fremde Geheimdienste verscherbelt) gehört die marode Behörde nach Ansicht Senator Sextons schon längst liquidiert – oder zumindest den anderen militärischen Sicherheitsbehörden wie der NRO gleichgestellt, wie William Pickering meint.

|Die Figuren|

Die Figuren sind nur sehr spärlich mit einer Charakterisierung und Psychologie ausgestattet, schließlich soll sich der Leser mit ihnen halbwegs identifizieren können und nicht zu sehr von ihnen provoziert werden. Die Intelligenzbestie Rachel, Mitte 30, hatte beispielsweise als Kind ein traumatisches Erlebnis, als sie im Eis eines Flusses einbrach. Seitdem fürchtet sie sich vor Wasser und Eis – und beides gibt es in der Aktis im Überfluss. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was sie im dramatischen Finale erleben wird. Hier gibt es Ironie am laufenden Meter.

Sie knüpft zarte Bande zum Ozeanforscher Mike Tolland, dem gutaussehenden Naturburschen, der aber auch Köpfchen hat. Er trauert seit rund einem Jahrzehnt seiner großen Liebe Celia nach, die durch eine tödliche Krankheit aus seinen liebenden Armen gerissen wurde. Seitdem lebt er wie ein Mönch, der sich nur seiner Arbeit widmet. Eine Beziehung zu Rachel könnte ihm quasi seelisch das Leben retten. Daumen drücken!

Astrophysiker Corky Marlinson ist das junge Genie, das nie erwachsen geworden ist. Er hat keine Manieren, redet wie ein Student mit losem Mundwerk und hat keinen Schlag bei den Frauen. Armer Corky – er wird immer die komische Figur abgeben, neben der das Traumpaar Rachel und Michael wie die Verkörperung der Zukunft aussieht.

Die Nebenfiguren verfügen zwar auch über eine Charakterisierung, doch ihre Psychologie ist noch holzschnittartiger als die der Hauptfiguren. Und wenn man es genau betrachtet, dienen sie hauptsächlich dazu, Informationen auszutauschen, aufzufinden, zu verhökern, damit zu drohen oder sonstwas damit zu machen. Denn in in der Hauptstadt der USA ist Information Macht, denn die Medien kreisen hier wie die Aasgeier auf der Suche nach neuen Opfern und Storys.

Und im Hintergrund zieht unerkannt der „Controller“ die Fäden. Seine Spezialtruppe ist sein verlängerter Arm, und so hat er praktisch stets den Finger am Abzug einer Waffe. Natürlich wird erst kurz vor Schluss seine wahre Identität enthüllt – ein echter Knalleffekt.

|Schwächen|

Diese Überraschung stellt sich aber im Nachhinein als ein großes Problem heraus, denn die Plausibilität des Verhaltens dieser Figur ist durch die 180°-Kehrtwendung schwer beeinträchtigt. Wenn diese Figur die NASA aus persönlichen Gründen hasst, warum soll die NASA dann mit Hilfe der Meteor-Täuschung davor bewahrt werden, durch einen Präsidenten namens Sexton demontiert zu werden? Irgendwie ist das nicht ganz schlüssig. Kein Wunder, dass diese Figur am Schluss nichts mehr zu sagen hat und lediglich als Zuschauer fungiert.

Auch die anderen Figuren dienen nicht dazu, die Bedingungen der menschlichen Existenz auszuloten, sondern ein Machtspiel zu enthüllen, das ziemlich fies eingefädelt ist. Dabei steht der US-Präsident stets mit weißer Weste da – so viel Patriotismus muss der Autor schon beweisen, sonst gibt’s Haue von der Leserschaft. Kein Gedanke an das, was Nixon getan hat. Nein, der Präsi ist das unschuldige Opfer seiner Berater und Behördendirektoren. Die kloppen sich denn auch ständig wie kleine Kinder, bis Papi ein Machtwort spricht.

Dass Tolland im Finale versucht, eine Maschinenpistole abzufeuern, von der er ganz genau weiß, dass ihr Magazin kurz zuvor leer geschossen wurde, ist natürlich eine ziemliche dämliche Sache. Sein unplausibles Verhalten dient lediglich dazu, auch dem dümmsten Leser klarzumachen, dass die Maschinenpistole wirklich nutzlos und der Held folglich wehrlos ist. Es sei denn, ihm fallen noch ein paar Tricks ein. Was dann ja auch erfolgt. James Bond, bitte abdanken!

Auch Michael Crichton sollte abdanken, denn in Browns Thriller steht die Wissenschaft als Beschaffer kritischer Informationen, die die Wahlen entscheiden können, im Vordergrund. Und dies ist ja bekanntlich Crichtons Spielweise. Sie war es zumindest bis vor wenigen Jahren. Und so ziehen sich die Diskussionen zwischen Rachel, Tolland und Marlinson über Seiten auf ermüdende Weise hin.

Immerhin ergibt sich aus dem Gelaber die Notwendigkeit, Tollands Schiff anzusteuern statt blindlings in die Falle des Controllers zu laufen. Das Schiff erweist sich in seiner eigentümlichen Struktur und Platzierung als idealer Schauplatz für das dramatische Finale.

_Die Sprecherin_

Anne Moll ist in der Lage, ihre Stimme und Sprechweise so anzupassen, dass fast jede der zahlreichen Figuren eine charakteristische Ausdrucksweise erhält, die ihrem inneren Wesen entspricht. Ein paar Beispiel mögen das belegen.

Im Prolog (s.o.) erteilt der Commander der Delta-Force-Gruppe mit harter, militärischer Befehle, die Moll auch genauso präsentieren kann. In krassem Kontrast dazu steht die Erzählerstimme und die Stimme der Hauptfigur Rachel Sexton. Doch um Rachel von Gabrielle Ash, Senator Sextons Wahlkampfstrategin, zu unterscheiden, ist noch ein wenig mehr nötig. Während die NRO-Beamtin Sexton energisch und selbstbeherrscht klingt, hat die Stimme der gebildeten Gabrielle einen beflissenen, beinahe schon unterwürfigen Ton gegenüber ihrem Arbeitgeber und One-night-stand-Lover Sexton.

Sexton ist sofort an seinem öligen, berechnenden und stets überheblichen Tonfall auszumachen. Dagegen wirkt William Pickering in seiner überdeutlichen Aussprache (jedes T und P ist deutlich zu hören) wie die militärische Korrektheit in Person. Das soll uns natürlich täuschen.

Die tiefste Männerstimme gehört dem hochgewachsenen NASA-Chef Ekstrom, mit dem Rachel am Nordpol unangenehme Bekanntschaft macht, glaubt er doch, sie stecke mit ihrem die NASA angreifenden Vater unter einer Decke. Die höchste Männerstimme nennt hingegen Astrophysiker Corky Marlinson sein Eigen, und es ist mit Abstand die unmännlichste Stimme im ganzen Text: quäkend, voller Obertöne, clownesk.

Wohltuend heben sich die selbstbewussten und humorvollen Stimmen von Mike Tolland und US-Präsident Herney davon ab. Diese beiden wären leicht zu verwechseln, doch zum Glück begegnen sich die beiden Figuren fast nie. Kurzum: Es ist erstaunlich, was sich mit einer einzigen geübten Stimme alles ausdrücken lässt. Aussprachefehler habe ich keine festgestellt, und das ist an sich schon ein großes Lob des sprachlichen Könnens Molls.

Jeweils ein kurzes musikalisches Motiv leitet das Hörbuch und bildet seinen Abschluss. Diese Musik trug Michael Marianetti bei. Geräusche gibt es hingegen keine.

_Unterm Strich_

Der Angelsachse nennt solche spannenden Romane halb ironisch „unputdownable“. Und so erging es auch mir im letzten Drittel: Ich konnte das Hörbuch einfach nicht unterbrechen, sondern musste unbedingt erfahren, wie die Sache für Rachel & Co. ausgeht. Trotz der vor überraschenden Wendungen strotzenden Handlung fielen mir die oben aufgeführten Schwächen allzu oft auf. Der Sinngehalt des Buches ist denkbar gering, und was der Leser an Erkenntnissen mit nach Hause nimmt, lässt sich in einem Fingerhut sammeln. Aber wenigstens hat man sich gut dabei unterhalten. Genauso gut könnte man aber auch in einen Bond-Krimi oder einen Star-Wars-Film gehen. Der Eintrittspreis ist ungefähr der gleiche.

Dem Hörbuch lässt sich leicht folgen: kurze Sätze, nicht allzu anstrengendes Vokabular, übersichtliche Handlungszusammenhänge. Die einzige Sache, die das Zuhören anspruchsvoll macht, ist der wissenschaftlich-technische Jargon. Der Autor selbst beleuchtet dieses wissenschaftliche Kauderwelsch mehrmals auf komisch-ironische Weise, so etwa dann, wenn Corky, der Clown im Buch, solche Bildungstrümmer benutzt. Doch wenn es um neuartige Waffen geht, kennt Browns ernst gemeinte Begeisterung leider keine Grenzen.

Anne Moll hebt mit ihrer stimmlichen und sprachlichen Befähigung dieses Hörbuch aus der Masse der Produktionen heraus. Die Flexibilität, die sie unter Beweis stellt, erlaubt es dem Zuhörer, jede Figur sofort wiederzuerkennen und von anderen zu unterscheiden. Auch die Deutlichkeit der Aussprache und die Korrektheit der englischen Aussprache lässt nichts zu wünschen übrig. Allerdings spricht die Erzählerstimme ganz schön schnell, und da heißt es aufpassen. Nicht jedem Zuhörer wird die relativ tiefe Stimme Molls zusagen, aber diese eignet sich sehr gut für die Artikulation männlicher Stimmen, und davon gibt es ja in diesem Roman mehr als genug.

|Originaltitel: Deception Point, 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Peter A. Schmidt
435 Minuten auf 6 CDs|

Schami, Rafik – dunkle Seite der Liebe, Die (Lesung)

_Der Autor_

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus/Syrien geboren. 1965 bis 1970 Gründung und Leitung der Wandzeitung „Al-Muntalek“ im alten Stadtviertel von Damaskus. 1971 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus, bis 1979 arbeitete Rafik Schami in Fabriken und als Aushilfskraft in Kaufhäusern, Restaurants und Baustellen und studierte Chemie. 1971 bis 1977 Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien in arabischer und deutscher Sprache; seit 1982 freier Schriftsteller.

_Die große Geduldsprobe_

21 CDs, 1590 Minuten – niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich die Geduld aufbringen würde, ein so langes Hörbuch in relativ kurzer Zeit durchzuhören, wahrscheinlich auch, weil ich die Audio-Fassungen besonders dann liebe, wenn sie schnell auf den Punkt kommen. Nun, also beginne ich kurze Zeit nach Erhalt der schmucken Box zu „Die dunkle Seite der Liebe“ damit, tagtäglich variierend zwischen ein und vier Stunden, dieses Hörbuch in mich aufzunehmen und mich immer tiefer in die Heimatwelt des Autors zu versetzen. Es sollte nicht lange dauern, da wurde aus der anfänglich befürchteten Geduldsprobe eine der tollsten Traumreisen, die man sich überhaupt vorstellen kann, und von der man sich wünscht, dass sie niemals ein Ende findet. 21 CDs, 1590 Minuten – niemals hätte ich gedacht, dass diese Zeit wie im Flug vergeht …

_Story_

Die Clans der Muschtaks und der Schahins leben in einem kleinen syrischen Bergdorf, in dem die Mehrzahl der Einwohner sich dem christlichen Glauben verschrieben hat. Jedoch wird hier zwischen der orthodoxen und der katholischen Form unterschieden, und dies ist auch ein wichtiger Aspekt, der die beiden Clans voneinander entfremdet und das Dorf in zwei Fraktionen teilt.

Die Feindschaft zwischen den Muschtaks und den Schahins wird vom alten Georg Muschtak verursacht, der eines Tages in diesem Dorf aufkreuzt, sich sehr schnell Ansehen verschafft und wegen seines damit einhergehenden Reichtums manchen Leuten ein Dorn im Auge ist. So zum Beispiel Jusuf Schahin, einem Pferdezüchter, der ebenfalls vom Erfolg verwöhnt ist. Aus einer anfägnlichen Rivalität entsteht im Laufe der Zeit ein immer tieferer Hass, der sogar so weit geht, dass die beiden Parteien Attentate gegeneinander begehen. Was mit verbalen Anfeindungen beginnt, artet immer mehr aus; Brandanschläge sind die Folge und Mord eines der Resultate.

Der Hass der Clans wird auch auf die nächste Generation übertragen. Georgs Sohn Elias ist ebenfalls davon betroffen, vertritt aber nicht alle Meinungen seines Vaters und setzt sich eines Tages mit seiner Frau in die syrische Hauptstadt Damaskus ab, um sich dort ein neues Standbein aufzubauen. Dort wächst auch der gemeinsame Sohn Farid auf, der eines Tages auf Geheiß seines Vaters in ein Kloster gesteckt wird, um dort eine religiöse Ausbildung zu genießen. Dort geht Farid jedoch mental zugrunde; überall schlägt ihm Hass entgegen, und nachdem sich die geliebte Mutter zu seinen Gunsten eingesetzt hat, entkommt Farid der harten Erziehung in der kirchlichen Einrichtung.

Kurze Zeit später findet der junge Farid dann sein Glück; er lernt die gleichaltrige Rana kennen und verliebt sich prompt in das hübsche Mädchen. Die Voraussetzungen scheinen perfekt; beide sind Christen und müssen deshalb auch keine Probleme befürchten, die auf ihrer Religionszugehörigkeit beruhen. Doch Rana gehört dem Schahin-Clan an, und ihre Eltern haben nicht vergessen, welche Greueltaten zwischen dem eigenen Clan und den Muschtaks geschehen sind. Auch Elias ist der neuen Liebe seines Sohnes nicht wohl gesonnen und spricht sich deutlich gegen den Clan der Schahins aus.

Farid und Rana erfahren die nach wie vor existierende Feindseligkeit der beiden Familien und fürchten, ihre verbotene Liebe aufgeben zu müssen. Ihr Plan, vor der Vergangenheit und dem familiären Ursprung zu flüchten, scheitert und artet in einem Eklat aus. Und von nun an bekommen sie den Hass der beiden Familien erst richtig zu spüren …

_Meine Meinung_

„Die dunkle Seite der Liebe“ beleuchtet das Thema Liebe in vielen miteinander verbundenen Kurzgeschichten in all seinen Facetten. Die hingebungsvolle Liebe zum anderen Geschlecht, die Verbundenheit zum Clan und der Familie, die Unterwürfigkeit zugunsten der Sippe und die von der Religion auferlegte Liebe zu einer höheren Macht. Rafik Schami beleuchtet das prickelnde Thema am brisanten Schauplatz seiner eigentlichen Heimat Syrien im Jahre 1953 und verknüpft die verschiedenen Handlungsabläufe mit vielen sozialen, hier völlig fremden kulturellen Problemen und Begebenheiten, die einerseits menschlicher gar nicht sein könnten, andererseits dann aber wieder so grob gegen die Menschlichkeit verstoßen, dass man nur mit Entsetzen reagieren kann. Schami beschreibt vor allem den Hass sehr ausführlich und löst dabei eine beklemmende Atmosphäre aus, der man sich während der gesamten Spielzeit nicht mehr entziehen kann. Die Darstellung der mentalen und psychischen Gewalt mag im Beispiel so simpel klingen, ist aber im Gesamtzusammenhang überaus erschreckend, weil all das so authentisch wirkt. Dem Autor gelingt es wirklich fabelhaft, uns in die scheinbar so ferne Kultur zu entführen, uns die sozialen Bräuche näher zu bringen, die Einstellungen der beteiligten Personen deutlich zu machen und trotzdem nie die Handlung aus den Augen zu verlieren.

Der Aufbau der Geschichte erinnert dabei teilweise an die typischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Schami, und im Falle des Hörbuches auch noch die beiden Kollegen Markus Hoffmann und Andrea Hörnke-Trieß, erzählen von der verbotenen Liebe in vielen kurzen, aber immerzu bewegenden Episoden, schweifen zwischendurch immer mal wieder etwas ab, um so die negative Stimmung ein wenig aufzuheben, verfehlen aber in keiner der abgeschlossenen Kurzgeschichten das Thema, sprich die Handlung, an der sich die einzelnen Teile (mehr als 300 an der Zahl) ausnahmslos orientieren.

Schamis Geschichte hat neben den dramatischen Schilderungen aber vor allem eines: eine sehr poetische, teils romantische, teils verführerische Ausstrahlung, die den Hörer kaum noch loslässt. Es geht unter die Haut, wenn der Autor sich langsam an die Unterdrückung der Anziehung und Leidenschaft zwischen Farid und Rana herantastet und dabei sehr behutsam auf die dabei mitspielenden Emotionen eingeht. Dass Schami dabei nicht ein einziges Mal in die Richtung einer schwülstigen Love-Story abdriftet, versteht sich fast von selbst. Es ist auch nicht dringend die Liebe zwischen den beiden Protagonisten, die im Mittelpunkt des Geschehens steht, denn stellenweise dient sie nur als Aufhänger für das, was der Autor in seinem Titel anspricht: die dunkle Seite dessen, was in der europäischen Kultur meist sehr oberflächlich abgehandelt wird, im nahen Osten aber nach wie vor kein Standard ist, den man mal eben so in die Tat umsetzen kann – damals in der Zeit der Handlung genauso wenig wie heute!

Was genau ist „Die dunkle Seite der Liebe“ nun wirklich? Nun, es ist eine Geschichte voller kontrastreicher Emotionen und Gefühle, die Charakterisierung einer problembehafteten, noch immer von ihren Ursprüngen zehrenden Kultur, eine detaillierte Beschreibung der Weigerung von Akzeptanz und Toleranz, ein Stück vergangene und dennoch aktuelle Zeitgeschichte, ein Gleichnis mitsamt der Wechselwirkung von Hass und Verbundenheit und letztendlich die Geschichte zweier Personen, die in ihre aussichtslose Situation hineingeboren werden, und denen von Anfang an nicht erlaubt ist, als freie Menschen zu leben.

Schamis Monumentalwerk hat mich sehr tief bewegt, und gerade zum Schluss hat es mir auch gezeigt, wie man mit einer Geschichte verwachsen und sich mit ihr verbunden fühlen kann. „Die dunkle Seite der Liebe“ ist in der Tat eine Traumreise, die einen aus der Realität entfernt und in eine fremde Realität zurückholt. Was ich aber noch viel erstaunlicher finde: Während der gesamten Spielzeit verspürt man den Drang, immer und immer weiter zu hören, und am Ende tut es weh, wenn die Erzählung endet. Das hätte ich bei einer solch enormen Spieldauer nie und nimmer erwartet, denn schließlich befürchtet man bei mehr als 26 Stunden Spielzeit ja einzelne Längen. Doch es gibt sie nicht. Sehr, sehr bemerkenswert! „Die dunkle Seite der Liebe“ ist ein echter Goldschatz, ein mitreißendes Meisterwerk, eine grandiose Darstellung der Gepflogenheiten einer fremden Kultur und schließlich ein Stück Liebe, wie man sie garantiert noch nie erfahren hat.

http://www.sprechendebuecher.de

Burgwächter, Till – Sorry, aber so isses! – Böse Texte für den Rest der Welt

Das Lieblingslexikon für Onliner namens Wikipedia lehrt uns über den Witz, dass dieses Wörtchen vom Althochdeutschen stammt, wo wizzi gleich Wissen hieß. Gemeint ist mit dem Witz als solchem ein kurz formulierter Sachverhalt, der in der „Pointe“ die plötzliche Option eröffnet, der angebotenen Information nicht mehr mit dem gebotenen Ernst zu begegnen – wobei die Betonung auf „plötzlich“ liegt.

Warum Heavy-Metal-Humorist Till Burgwächter diese Definition des Witzes einmal lesen sollte? Seine Satiren in „Sorry, aber so isses! – Böse Texte für den Rest der Welt“ sind zwar annehmbar für Leute, die sich ein wenig lustig machen wollen über das Treiben auf der Erde und dabei einfach einmal ihre eigenen Vorurteile bestätigt wissen möchten – aber im eigentlichen Sinne komisch schreibt er nicht. Burgwächters Texte sind zu vorhersehbar. Die Pointen lächeln schon Zeilen vorher um die Ecke und basieren ausschließlich auf Klischees. Da geht es gegen Rentner in ihren langsamen Autos. Gegen Beamte. Gegen Gospelchöre. Gegen Polizisten. Gegen alte Damen in Cafés. Eben gegen Menschen, die sich sowieso nicht wehren können und wunderbare Opfer für jeden Stammtisch sind – die alle zieht Burgwächter mal mehr, mal weniger gelungen durch den Kakao. Auch Sportler oder Schauspieler bekommen bei so einem Rundumschlag ihr Fett weg, keine Frage. Doch wirkt Burgwächter in seinen Texten nie souverän, sondern eher wie jemand, der sonst keinen Spaß in seinem Leben hat und deshalb möglichst sarkastisch, mitunter sogar zynisch gegen das wettert, was ihm an seinem Dasein nicht passt.

Damit ist er weit entfernt von den Qualitätsstandards, die einst etwa ein Dieter Hildebrandt in seinem unvergessenen „Scheibenwischer“ setzte, aber auch noch lange nicht an dem genialen Punkt, den heute etwa die Satirezeitschrift „Titanic“ durch ihre absolute Überhöhung des Sarkasmus mit jeder Ausgabe erreicht. Ein Vergleich tut da Not: Ein „Titanic“-Redakteur etwa raucht locker einen Joint und schreibt dabei über das neue Projekt von „DIE PARTEI“ – die Partei, die es auch wirklich gibt und die laut ihrem Programm die Mauer zwischen Ost und West wieder mit den Steinen der niederzureißenden Dresdner Frauenkirche aufbauen will. So etwas ist cool, das hat provokativen Stil. Burgwächter dagegen schreibt von der Bundeswehr, wie blöde alle sind, die dort arbeiten – das mag für ein Klischee stimmen und wohl auch in Wirklichkeit so sein. Aber was ist an dieser Erkenntnis witzig oder neu?

Das ist denn auch das Hauptproblem an „Sorry, aber so isses!“ – die meisten Themen sind zu oft schon durch den Kakao gezogen worden, Burgwächter überrascht kaum mit neuen Sichten auf die Welt. Freilich, an sich sind seine Texte recht anschaulich beschrieben, seine Sprache abwechslungsreich und ausdrucksstark. Dennoch langweilt Burgwächters Buch auf Dauer; manchmal, wenn die Weltsicht des Autoren zu sehr von der eigenen Meinung abweicht, ist es sogar regelrecht ärgerlich – und manches Gesabbel wie „Nur die Liebe zählt …“ oder „Die Dritten“ ist schlicht so an den Haaren herbeigezogen, dass es nicht mehr glaubwürdig klingt. Burgwächter ist damit wie sein satirelnder Gothic-Autoren-Kollege Christian von Aster bei dem Versuch gescheitert, gelungene Glossen eben nicht nur über die eigene Musik zu schreiben – schade eigentlich.

Andreas Gruber – Der Judas-Schrein

Der Wiener Kripobeamte Alex Körner steckt in Schwierigkeiten. Sein erster Fall als Chefinspektor endete durch seine Fahrlässigkeit in einem Desaster mit mehreren Verletzten. Zur Rehabilitierung wird er auf den Mordfall eines Mädchens in einer Dorfdisko angesetzt. Beim abgelegenen Grein am Gebirge handelt es sich um Körners einstige Heimatstadt, in der er die ersten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte. Nach dem Tod seiner Eltern bei einem Hausbrand zog er nach Wien und brach jede Verbindung zu seinem alten Leben ab. Wider Willen muss Körner jetzt nach fast dreißig Jahren in seine Heimat zurückkehren. Als Unterstützung steht ihm die Polizeipsychologin Dr. Sonja Berger zur Seite. Den Rest des Ermittlerteams bilden seine Ex-Freundin Jana Sabriski als Gerichtsmedizinerin, der zurückhaltende Polizeifotograph Kralicz, von den anderen nur liebevoll „Basedov“ genannt, und der sarkastische Spurensicherer Rolf Philipp.

Andreas Gruber – Der Judas-Schrein weiterlesen

Stewart, Paul – Twig im Auge des Sturms (Die Klippenland-Chroniken III)

Band 1: [Twig im Dunkelwald]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1936
Band 2: [Twig bei den Himmelspiraten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1999

Die „Klippenland-Chroniken“ gehen in die dritte Runde und kommen dieses Mal auch um einiges actiongeladener und effektreicher daher, als dies noch bei den beiden direkten Vorgängern der Fall war. Hierfür ist vor allem der weitaus mehr in den Vordergrund gerückte Sound von Olaf Normann verantwortlich, der einem schon in den ersten Szenen entgegenschießt. Doch auch sonst hat die Geschichte des jungen Himmelspiraten Twig wieder so einiges zu bieten. „Twig im Auge des Sturms“ verspricht jedenfalls wieder mehr als fünf Stunden tolle Atmosphäre, eine superbe Erzählstimme und Spannung pur.

_Story_

Noch immer ist Twigs Vater, der legendäre Himmelspirat Wolkenwolf, nach dem Unglück auf seinem Himmelsschiff verschwunden. Nachdem Sanktaphrax in letzter Minute gerettet werden konnte, macht sich Twig daher auch wieder auf die Suche nach dem bereits totgeglaubten Captain und findet ihn schließlich auch wenige Augenblicke vor dessen Dahinscheiden. Fernab von Twigs neuer Heimat kann dieser ihn gerade noch vor dem gewaltigen Muttersturm warnen, der schon sehr bald wieder das Klippenland aufsuchen soll, um so wieder die berüchtigten weißen Sümpfe zum Leben zu erwecken.

Auf dem Weg dahin soll der fürchterliche Wind auch über Sanktaphrax hinwegfegen und die Stadt vom Erdboden tilgen. Twig hat gar keine Zeit mehr, sich von seinem Erzeuger und Lehrmeister zu verabschieden und begibt sich mit dem |Klippentänzer| auf dem direkten Weg zurück in die Stadt der Akademiker, gerät aber dabei direkt in einen unheimlichen Wirbelsturm, der die gesamte Besatzung des Schiffes in alle Winde verstreut.

Twig wacht kurze Zeit später in Unterstadt auf und kann sich nur bruchstückhaft an die Geschehnisse erinnern. Sein Schiff ist anscheinend endgültig vernichtet, und von seinen Kameraden gibt es keine Spur. Statt mit dem berühmten Himmelsschiff nach Sanktaphrax zu fliegen und die dort lebenden Menschen vor dem drohenden Unglück zu warnen, muss sich Twig nun zunächst auf die Suche nach seiner alten Crew machen, doch dies gestaltet sich weitaus schwerer, als er sich das vorgestellt hatte …

_Meine Meinung_

Bei „Twig im Auge des Sturms“ geht es wirklich ordentlich zur Sache. Wie schon oben angedeutet, spielt die Action im dritten Teil der Saga eine gewichtige Rolle und kommt auch in keinem Abschnitt der Handlung zu kurz. Dafür verzichtet Autor Paul Stewart auch fast gänzlich auf eine Einleitung und setzt das vorab Geschehene bereits als bekannt voraus, was er aber prinzipiell auch darf. So gerät man sofort mit Twig in den großen Muttersturm hinein, den Soundmann Olaf Normann hier auch sehr opulent in Szene gesetzt hat. Als das Schiff der Himmelspiraten getroffen wird, kommt das schon einem richtigen Donnerschlag gleich, und auch später nutzt Normann sämtliche Gelegenheiten aus, um Musik und Effekte flächendeckend unterzubringen.

Die Geschichte selbst glänzt ebenfalls durch ein leicht gesteigertes Erzähltempo, das nach dem rasanten Beginn auch beibehalten werden soll. Das eigentliche Abenteuer beginnt allerdings erst nach dem Absturz des |Klippentänzers|, denn von dort an werden auch wieder neue Charaktere vorgestellt, es müssen neue Hürden in unbekannten Regionen bewältigt werden und anders als sonst ist Twig dieses Mal komplett auf sich alleine gestellt. Die Hauptfigur der Geschichte wächst immer weiter in ihre von Anfang an erdachte Heldenrolle hinein und kommt mit dieser auch immer besser zurecht. Aus dem hilflosen kleinen Kerl ist eine echte Persönlichkeit geworden, und auch dies macht einen Unterschied zu den ersten beiden Erzählungen aus, bei denen Twig noch recht jugendlich wirkte.

Von der überraschenden Härte des letzten Hörbuchs ist man bei „Twig im Auge des Sturms“ jedoch wieder ein wenig abgewichen. In erster Linie ist die Geschichte nämlich auch hier wieder auf ein etwas jüngeres Publikum zugeschnitten, und auch wenn es mitunter manchmal (im übertragenen Sinne) etwas heftiger zur Sache geht, ist die Erzählung dennoch recht leichtfüßig und kommt ohne jegliche zweifelhafte Szene aus. Vorbildlich wie immer!

Über den Erzähler möchte ich an dieser stelle indes nicht mehr viele Worte verlieren. Volker Niederfahrenhorst verstellt seine Stimme auch hier wieder in den unterschiedlichsten Tonlagen und hat spürbar Spaß an seiner Arbeit – Spaß, der sich auch auf den Hörer überträgt. Die Atmosphäre ist erneut prächtig, die Handlung sehr fließend gestaltet und die Charaktere nach wie vor einzigartig in ihrer Erscheinungsweise. Hier lohnt sich auch ein Blick ins Booklet, das neben einigen kurzen Hintergrundinformationen noch einen Mini-Almanach mit Erklärungen zu den Wesen aus dem Klippenland mitliefert und dazu auch noch einige ausgewählte Illustrationen seitens Chris Riddells enthält, der ja auch die Buchfassung der „Klippenland-Chroniken“ mit seinen hübschen, humorvollen Skizzen bereichert.

Alles in allem ist dieser dritte Teil also eine sehr gelungene und spannende Fortsetzung, für die man dieser Tage gerne noch sein überschüssiges Weihnachtsgeld ausgeben kann.

Hayder, Mo – Behandlung, Die

_Nichts für schwache Mägen oder Nerven_

Spannung, Horror und Action verbindet Mo Hayder in ihrem zweiten Thriller, der quasi die Geschichte von „Der Vogelmann“ fortsetzt. Angesichts der Detailkenntnisse, die sie über die Polizeiarbeit und die Verbrecherszene im Londoner Stadtteil Brixton an den Tag legt, kann man ihr unbedenklich vertrauen, wenn sie uns hier eine Geschichte erzählt, in der es um Kindesmissbrauch in allen Spielarten geht.

_Die Autorin_

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Dabei lebte sie u. a. in Japan, wo sie als Hostess in einem Tokioter Nachtclub arbeitete. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller „Der Vogelmann“, wurde sie zur Bestsellerautorin. Diesem Buch folgte „Die Behandlung“, ebenfalls ein Psychothriller mit Detective Inspector Jack Caffery. Zuletzt erschien der historisch angelehnte Psychothriller „Tokio“.

Sie hat Creative Writing studiert und unterrichtet gelegentlich auch an ihrer alten Uni, der Bath Spa University. Hayder lebt als freie Schriftstellerin mit Lebensgefährte und Tochter in London. Sie arbeite gegenwärtig an ihrem vierten Roman, schreibt der Verlag |Random House|.

_Der Sprecher_

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

_Handlung_

Der ungefähr 30-jährige Detective Jack Caffery hat in seinen Jahren bei der Londoner Mordkommission schon viel gesehen. Er war an der Aufklärung der „Vogelmann“-Morde beteiligt – darauf weist die Erzählerin des Öfteren hin, und es kann nicht schaden, diesen exzellenten Thriller gelesen oder gehört zu haben, bevor man „Die Behandlung“ anfängt.

Aber was er über das erfährt, was sich im Haus der Familie Peach im Stadtteil Brixton abgespielt hat, schockt selbst Caffery: Ein offenbar wahnsinniger Fremder hat die Peachs und ihren achtjährigen Sohn Rory überfallen, misshandelt und so lange gefangen gehalten, dass sie fast verdurstet wären. Und was man dabei unter „Misshandlung“ zu verstehen hat, übersteigt alle Vorstellungskraft.

Als der Täter nach drei Tagen des Terrors wieder verschwand, nahm er den kleinen Rory mit. Doch die schwer verletzten Eltern können keine genauen Angaben machen, oder sie wollen nicht über die Einzelheiten reden. Jedenfalls wird Rory im nahen Park zu spät gefunden, um ihn zu retten, und das auch nur, weil Caffery einem Kindergerücht Glauben schenkt: Ein Troll mache die Gegend unsicher, der zu Kindern ins Zimmer steigt, auch wenn dieses im ersten oder zweiten Stock liegt. Wie sich zeigt, ist das kein Gerücht sondern die reine Wahrheit. Die Polizei will es bloß nicht glauben.

Schon hat der „Troll“ – es gibt sogar einen Datenbankvermerk aus dem Jahr 1989 über ihn – seine nächsten Opfer ausgesucht: die Churches. Hal und Benedictine und ihr kleiner Goldschatz Josh wollen nach Cornwall fahren – niemand wird sie vorerst vermissen …

Doch Jack Caffery ist ganz und gar nicht objektiv, was diese Verbrechen angeht. Der Fall Rory ruft Erinnerungen an seinen Bruder Ewan wach, der eines Tages als Kind verschwand und wahrscheinlich einem Verbrechen zum Opfer fiel. Seit seiner Kindheit verdächtigt Jack seinen Nachbarn, den Polen Penderecki, schuld an Ewans Verschwinden zu sein.

Visionen voll Hass und Angst suchen Jack heim, bringen ihn zum Trinken und belasten seine Beziehung zu Rebecca, seiner Lebensgefährtin, erheblich. Die hat als Opfer des „Vogelmannes“ auch so ihre psychischen Probleme und bekommt zunehmend Angst vor Jacks Annäherungsversuchen.

Jack stößt im Laufe seiner Ermittlungen auf mehr und mehr Verbindungen zwischen der Vergangenheit und dem aktuellen Geschehen. Weitere Opfer des „Trolls“ tauchen auf und werden vernommen. Als Penderecki stirbt, „vererbt“ er Jack seine sämtlichen Kinderpornos. Auf einem der ekelhaften Videos sieht Jack eine Frau mit einem auffälligen Tattoo – und ein Autokennzeichen. Wie sich herausstellt, hat diese Tracey Lamb sehr viel mit Kinderpornos zu tun. Und was Jack nicht ahnt (wir aber mitgeteilt bekommen): Sie hält Jacks Bruder immer noch gefangen.

Wird es dem Detective gelingen, seinen Bruder zu finden und zugleich den neuesten Überfall des „Trolls“ zu stoppen, der die Familie Church in seiner Gewalt hat?

_Mein Eindruck_

Wie in „Das Schweigen der Lämmer“ geht es vordergründig um die Verbrechen eines geisteskranken Serienkillers (der Troll ist schizophren). Wie in Harris‘ Roman richtet sich das Augenmerk auf die Aufklärung eines Verbrechens und die Verhinderung weiterer Untaten. Doch bei Hayder ist der Detective ganz auf sich allein gestellt, er hat keinen Mentor – allenfalls seine lesbische Chefin Souness, die aber keine Tipps zur Psyche des Täters gibt, sondern Caffery den Rücken frei- und die Presse vom Leib hält.

Cafferys Hartnäckigkeit, die aufgrund der Ewan-Geschichte an Obsession grenzt, ist es schließlich, die die entscheidenden Hinweise liefert. Schon glaubt er, Mr. Peach als Täter dingfest gemacht zu haben, da stellt sich dieser als Opfer heraus. Zu früh gefreut: Der Täter ist weitaus gewiefter und verrückter, als Jack ahnt. So wundert er sich zwar, warum sich dessen Opfer vor der Tat über merkwürdige Gerüche in ihrer jeweiligen Wohnung beschwerten, doch ging er diesem Phänomen nicht nach. Erst als er das – am Schluss des Buches abgedruckte – Notizbuch des Trolls findet, wird ihm alles klar: Der Troll empfindet weibliche Hormone, Prolaktine, als Gefahr für seine sexuelle Potenz und neutralisiert diese durch seinen eigenen Urin. Dies führt zu einigen grotesken Verdächtigungen von Hunden und Kindern in den betroffenen Haushalten. Eigentlich ist es aber reichlich ekelerregend.

Mo Hayder hat ihr Buch hervorragend konstruiert. Wir bekommen daher nicht nur die Perspektive von Jack Caffery zu sehen, sondern auch die vieler weiterer Nebenfiguren, nicht zuletzt der Opfer. Was aber wirklich perfide ist, ist die Perspektive des Täters. Das habe ich erst nachträglich verstanden: Da der Täter schizophren ist, wundert er sich im „Normalzustand“ über gewisse Fundstücke.

Der ständige Wechsel der Perspektive führt dazu, dass das Hörbuch sehr abwechslungsreich gerät. Der sorgfältige Erzählungsaufbau lässt keine Langeweile aufkommen und führt schließlich zu atemloser Spannung.

|Der Sprecher|

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

_Unterm Strich_

Nichts für schwache Nerven oder gar schwache Mägen, aber sonst ein vorzüglicher Thriller, der Spannung, Horror und Action verbindet. Natürlich kann Hayder noch nicht Jeffery Deaver das Wasser reichen – dafür ist ihre Story zu vorhersehbar, aber sie ist auf dem besten Weg in den Krimi-Olymp. Und das ist erst ihr zweites Buch!

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten.

|Originaltitel: The Treatment, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Christian Quatmann
450 Minuten auf 6 CDs|

Feige, Marcel – Inferno – Ruf der Toten

Der Berliner Autor Marcel Feige wagt sich mit seinem vierten Roman „Inferno – Ruf der Toten“ an eine Trilogie, die – soweit man dies nach dem vorliegenden ersten Band beurteilen kann – nichts Geringeres als das Ende der Menschheit heraufzubeschwören scheint. Eine Menschheit, die mit großen Schritten auf die Apokalypse zusteuert, auf einen Zusammenstoß von Imagination und Wirklichkeit, von Vergangenem und Gegenwärtigem, von Leben und Tod. Und eines möchte ich gleich vorwegschicken: Nach den letzten Sätzen von „Inferno – Ruf der Toten“ möchtet ihr am liebsten sofort wissen, wie die Geschichte weitergeht und alles zusammenhängt. Garantiert! Kein Zweifel!

_Unheilvolle Vorboten_

Nach einer durchgefeierten Drogen-Nacht kollabiert Philip auf den Straßen Berlins. Das beängstigende Nahtoderlebnis, das er in diesem Moment hat, ist nur der Beginn einer Reihe von merkwürdigen Visionen, die ihn von nun an heimsuchen sollen und ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Irgend etwas scheint mit ihm nicht in Ordnung zu sein …

London: Beatrice, eine völlig normale, 22-jährige junge Frau, erleidet wie aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt. Im Krankenhaus kann ihrem zukünftigen Ehemann Paul wenig später nur noch die Nachricht des Todes seiner Verlobten überbracht werden. Als dieser sich in der Leichenhalle ein letztes Mal von Beatrice verabschieden will, macht er eine schockierende Entdeckung: Seine Freundin ist spurlos verschwunden.

An anderer Stelle Londons: Beatrice erwacht in einer dreckigen Gasse und kann sich nicht mehr an ihre Identität erinnern. Der obdachlose Elonard, der in allerletzter Sekunde verhindern kann, dass sie von ein paar schmierigen Typen vergewaltigt wird, ist ihr behilflich, ihr Leben zu rekonstruieren.

In Rom tritt eine geheime Versammlung von Würdenträgern des Vatikans zusammen, um über Maßnahmen zu beraten, wie eine sich durch verschiedene Zeichen andeutende Katastrophe für die Menschheit abgewendet werden kann …

_Beurteilung_

Marcel Feige lässt von Beginn seines Romans keinen Zweifel daran, dass es ihm mit seiner „Inferno“-Trilogie absolut ernst ist und er vor allem das Talent hat, eine etwas komplexere Geschichte nicht in einem Sumpf aus Überambition und Orientierungslosigkeit versickern zu lassen. Kontinuierlich steigert er die Spannung, so dass der Leser zusammen mit den Figuren in einen Strudel der Ereignisse gesogen wird. Dabei lässt Feige mehrere Handlungsstränge parallel zueinander ablaufen, deren Zusammenhänge in „Inferno – Ruf der Toten“ lediglich angedeutet werden und für die beiden kommenden Bände noch einiges hoffen lassen.

Die Hauptfiguren des Romans sind zudem so angelegt, dass sie dem Leser – wenn man den fantastischen Hintergrund der Geschichte außer Acht lässt – ein leises „Das könnte dir auch passieren“ einflüstern. Denn sowohl der junge Fotograf Philip, der zwischen Verantwortungsbewusstsein im Job und drogengeschwängerten Partys hin- und hergerissen ist, als auch Beatrice, eine 22-jährige Studentin, sind absolute Durchschnittsmenschen, wie sie einem jeden Tag auf der Straße über den Weg laufen. Beide schickt Feige auf einen sehr schmerzvollen Trip, auf dem der Tod ein ständiger Begleiter ist.

Neben diesen zentralen Personen erhoffe ich mir persönlich noch viel von den beiden dubiosen Vatikan-Schergen Lacie und Cato, die für die altehrwürdigen Eminenzen unliebsame Probleme auf eine hässliche, aber konsequente Art und Weise lösen. Da stehen uns für die kommenden Bände sicherlich noch einige Zeugenbeseitigungsaktionen ins Haus.

„Inferno – Ruf der Toten“ ist alles in allem ein wirklich lesenswertes Buch, das locker und sprachlich versiert geschrieben ist – vor allem gelingt es Marcel Feige, mit nur wenigen Worten, die verschiedenen Situationen lebhaft vor dem geistigen Auge des Rezipienten entstehen zu lassen – und einige Vorfreude auf die 2006 erscheinenden Bände zwei und drei weckt.

Temporeich, spannend und ziemlich kickend!

http://www.festa-verlag.de/
http://www.dasinferno.de/

Bolik, Martin – Open Sky

_Besetzung_

Erzählerin LAIKA – Daniela Ziegler
Weltraumhund GO – Reent Reins, Franz Josef Steffens
Computerfloh – Monika Maria Ullemeier
ALOHA – Ulrike Englisch
Jazzmusikerhund Phil – Christian Eitner
In weiteren Rollen: Inga Quistorf und Volker Adam
Übersetzer (hundetelepathisch/deutsch) – Ringo (Hund)

_Inhalt_

Kurz vor der Wende zum fünften Jahrtausend wird LAIKA von einem Notruf geweckt. Die Nachfahrin der ersten Raumfahrtpionierin aus dem Jahre 1957 und Psychologin auf der Hundekolonie Proxima Centauri sieht sich plötzlich mit der Zerstörung ihres Planeten konfrontiert. Und dabei kommt der plötzliche Hilferuf zu einem Zeitpunkt, an dem das Leben für LAIKA völlig harmonisch verlief; erst gestern hatte sie ihren Therapiehund GO in einer weiteren Sitzung behandelt, und nun droht ihr und der gesamten Kolonie das Ende.

Gerade noch rechtzeitig gelingt ihr die Flucht, bevor der Planet komplett vernichtet wird, und sobald sich LAIKA gefangen hat, merkt sie auch, dass ihre Umwelt sich völlig verändert hat. Sie befindet sich nicht mehr im Jahre 3999, und auf der Suche stößt sie auf einen Hilferuf, der direkt vom Weltraumhund GO ausgeht. Als LAIKA dann in einer fremden Zeit und Welt die Dinge auf den Kopf stellt, hat das für die Nachwelt gravierende Auswirkungen. Sie wird von der Zeitpolizei wegen der verbotenen Korrektur der Historie verhaftet, landet in einem Gefängnis, von wo aus sie davon berichtet, dass sie verdächtigt wird, den Präsidenten GO umgebracht zu haben. In dieser beklemmenden Umgebung entspringt schließlich auch die Erzählung als solche …

_Meine Meinung_

Ich habe mich mit diesem Hörspiel unheimlich schwer getan, weil es nun mal alles andere als gewöhnlich ist. Hört man sich „Open Sky“ zum ersten Mal an, wird man gerade zu Beginn nur wenig Sinn in den wirren Schilderungen der Erzählstimme LAIKA erkennen. Was geht hier eigentlich ab? Erst nach und nach ergibt das Ganze einen Sinn, wobei die Geschichte dabei schon so viele spirituelle Nuancen aufweist, dass man schon einmal klar sagen kann, dass „Open Sky“ nur einem limitiertem Publikum vorbehalten und zum nebenher laufenden Zwischenkonsum ganz und gar nicht geeignet ist. Außerdem wirkt die oben beschriebene Geschichte rückblickend auch nur als Aufhänger für weitschweifige Grundsatzdiskussionen auf philosophischer Ebene, die ja ebenfalls nicht jedermanns Fall sein sollen.

Innerhalb der Erzählung tauchen neben vielen obskuren Weisheiten nämlich immer wieder Fragen auf, die sich nach der altbekannten Thematik, worin der Sinn des Lebens eigentlich besteht, richten. Mich persönlich hat „Open Sky“ zum Ende hin verdächtig an „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert, nur eben dass der Humor von Douglas Adams dort im Vordergrund stand und die Geschichte immer dann, wenn es erforderlich war, auflockerte. Solche Passagen vermisst man indes bei diesem Hörspiel, wo man sich lieber gereifter und intellektueller geben möchte. Direkt am Anfang wird so zum Beispiel der Name Goethe ins Rennen geworfen, und statt eines normalen Soundtracks hat sich Regisseur Martin Bolik für klassische Musik von Tschaikowski, Holst und Korsakow entschieden. Der Knackpunkt hierbei ist, dass gerade diese sehr künstlich aufgebauschte Aufmachung der Atmosphäre des Hörspiels den Halt nimmt. Nicht nur, dass die maschinellen Stimmen und die sehr kalte Grundstimmung einem den Einstieg und auch die Konzentration für die Folgezeit erschweren; auch die grundlegende Atmosphäre will über die komplette Spielzeit nicht aufkommen und raubt der Geschichte nicht nur die Spannung, sondern letztendlich auch den ersuchten Tiefsinn.

Dass „Open Sky“ demzufolge wohl auch kaum für die jüngere Generation geeignet ist, sollte klar sein, und überhaupt scheint sich Martin Bolik nicht an das ‚einfache Volk‘ gerichtet zu haben. Hier verschmelzen esoterische Elemente mit spacigem Flair, leider aber eben nicht so atemberaubend, wie man sich das vielleicht gewünscht hätte. Und trotzdem ist das Gesamtunterfangen jetzt nicht wirklich schlecht zu bewerten. Mitunter mag es auch an meiner persönlichen Erwartung im Hinblick auf ein modernes Hörspiel liegen, dass ich mit „Open Sky“ nur wenig anfangen kann. Festzuhalten bleibt für mich daher auch lediglich, dass die Geschichte nur selten spannend ist, die Stimmen einem nach einiger Zeit auf die Nerven gehen und dass „Open Sky“ trotz vieler offensichtlicher Parallelen zum Gesamtwerk von Douglas Adams nicht einmal annähernd an den tollen Stil des britischen Kultautors heranreicht.

Der Grundansatz war dementgegen recht viel versprechend; zwei CDs, bei denen es prinzipiell keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge sie gehört werden (wobei Anfängern die chronologische Abfolge zu empfehlen ist), und eine sehr interessante Background-Geschichte, erzählt aus verschiedenen Perspektiven und basierend auf verschiedenen Einstellungen. Und auch die vielen Ideen und Gesprächsthemen, die auf den Tisch gebracht werden, haben es definitiv in sich. Dritter Weltkrieg, kalter Krieg, religiöse Macht, ganz schön pikant, was hier zur Sprache kommt. Tja, gescheitert ist das Ergebnis lediglich an der Umsetzung, denn ohne eine entsprechende Atmosphäre funktioniert ein solches Hörspiel nicht. Und trotz klassischer Musik und Quertendenzen zu diversen Space-Opern ist diese bei „Open Sky“ nicht ersichtlich bzw. wahrnehmbar.

Hayder, Mo – Vogelmann, Der

_Der sterbende Vogel in der Brust_

Mit diesem Thriller, ihrem ersten Buch, wurde die Britin Mo Hayder mit einem Schlag weltbekannt. Sie verbindet Spannung, Horror und Action miteinander, wenn es um die Aufklärung einer Mordserie an jungen Prostituierten in Ostlondon geht.

_Die Autorin_

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Dabei lebte sie u.a. in Japan, wo sie als Hostess in einem Tokioter Nachtclub arbeitete. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller „Der Vogelmann“, wurde sie zur Bestsellerautorin. Diesem Buch folgte „Die Behandlung“, ebenfalls ein Psychothriller mit Detective Inspector Jack Caffery. Zuletzt erschien der historisch angelehnte Psychothriller „Tokio“.

Sie hat Creative Writing studiert und unterrichtet gelegentlich auch an ihrer alten Uni, der Bath Spa University. Hayder lebt als freie Schriftstellerin mit Lebensgefährte und Tochter in London. Sie arbeite gegenwärtig an ihrem vierten Roman, schreibt der Verlag Random House.

_Der Sprecher_

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

_Handlung_

Detective Inspector Jack Caffery ist ganz frisch bei der Londoner Mordkommission, als Ende Mai auf dem Gelände eines Betonwerks fünf Leichen aufgefunden werden, die aufeinandergestapelt schon seit Wochen dort lagern. Es handelt sich durchweg um junge Prostituierte aus Ostlondon, genauer: aus Greenwich. Alle bis auf eine waren drogenabhängig und bekamen in einem Greenwicher Pub ihren Stoff: im |Dog and Bell|.

Seltsam ist nur, dass alle mit chirurgischen Instrumenten aufgeschnitten wurden, dann pflanzte man ihnen einen lebendigen Singvogel in die Brust und vernähte diese wieder. Und wie es aussieht, wurden die Opfer nach ihrem Tod missbraucht: Nekrophilie. Was soll Jack davon nur halten?

Nun, erst einmal wird er gehörig abgelenkt. Zunächst will seine derzeitige Freundin Veronica sein Leben umkrempeln und ihn auf gut bürgerlich und vorzeigbar trimmen. Da beißt sie aber auf Granit. Zum anderen greift die Mordkommission etwas unüberlegt auf die Hilfe von Vorortpolizisten zurück, die sich durch Rassenvorurteile auszeichnen.

Prompt schießt sich einer dieser Neulinge auf den schwarzen Drogendealer Gemini ein und versucht, ihm den Zusammenhang mit der Mordserie nachzuweisen. Inzwischen stößt Jack mit seinem Kollegen Paul Essex auf zwei junge Frauen, die sich des Öfteren im Dog and Bell blicken lassen: Rebecca (Becky) ist Kunstmalerin, hat früher mal gestrippt; Joni hingegen ist dauernd bekifft oder besoffen und strippt professionell im Pub. Allmählich erhält Jack Hinweise auf einen reichen Industriellen, der Drogenpartys schmeißt. Dort war Rebecca auch mal, erteilte diesem Harteveld aber eine Abfuhr.

Abwechselnd zu Jacks Ermittlungen erfahren wir von Hartevelds psychologischem Werdegang. Subtil führt uns die Autorin auf den Holzweg. Selbst dann noch, als ein neues Opfer in die Fänge von Harteveld gerät und von ihm getötet und anschließend (!) missbraucht wird, glauben wir, es mit dem Vogelmann zu tun zu haben. Ein Irrtum, dem auch Jack unterliegt.

Und dieser Irrtum soll sich für Jack bitter rächen, als der eigentliche „Vogelmann“ zuerst Joni schnappt und vom Leben zum Tode befördert. Anschließend taucht bei ihm auch die nichts ahnende Rebecca auf, die inzwischen Jacks Geliebte ist und ihre verschwundene Freundin Joni sucht. Prompt wird auch sie das Opfer der sadistischen Praktiken des wahnsinnigen „Titelhelden“. Es folgt ein Showdown mit Fotofinish …

_Mein Eindruck_

„Die Behandlung“ ist eindeutig besser erzählt und konstruiert als „Der Vogelmann“, finde ich. Denn zunächst konzentriert sich die Autorin ganz auf eine Figur und deren Erleben: Jack Caffery. Das ist nicht so wahnsinnig spannend, vor allem als auch noch Veronica zu nerven anfängt. Diese Szenen einer Beziehungskiste sind beinahe schon komisch.

Doch sobald sich die Perspektive mit Hartevelds Werdegang und Aktionen abwechselt, kommt Schwung in die Handlung. Nun kommen von allen Seiten Informationen, so dass der Leser bald wesentlich mehr weiß als Jack – dies liefert Anlass zu ironischen Effekten, aber auch dazu, sich über die rassistisch-tumbe Haltung mancher Polizisten zu ärgern, die wichtige Informationen aus Standesdünkel und Eigennutz unterdrücken bzw. nicht weitergeben.

Was nun die Psychopathen im Stück angeht, so hat die Autorin ein heißes Eisen angefasst: einerseits Nekrophilie, die Schändung von Toten, und der verachtungsvolle Umgang mit Prostituierten andererseits. Gerade weil die jungen Nutten keinen Schutz haben und stets auf Drogen aus sind, werden sie für Harteveld, den reichen Nekrophilen, zur leichten Beute. Doch was hat die Frauen in diese Lage gebracht? Die Autorin beleuchtet auch diesen Hintergrund, und man kann sagen, dass sie hier ganz leise den mahnend anklagenden Finger hebt. Es ist schon erschütternd, wie viel Ignoranz und Gefühlskälte auf Seiten der Familien der Opfer herrscht.

Aber auch Jack wird Opfer seiner eigenen Blindheit (und natürlich von Polizeidilettanten). Als seine Rebecca in höchste Gefahr gerät, bemerkt er die Anzeichen beinahe zu spät, so dass es zu einer Aktion kommt, in der nur die letzte Sekunde die Rettung für Becky bringt.

Sehr schön hat Hayder das Vogel-Motiv eingesetzt. Vögel flattern so wie das angstvoll schlagende Herz in der Brust eines Opfers des Vogelmannes. Vögel sind aber auch Seelenbegleiter (siehe etwa auch Stephen Kings Roman „Stark – Die dunkle Hälfte“). Stirbt das Opfer oder schwebt ein potenzielles Opfer in Gefahr, sind oft in der Handlung irgendwelche Vögel zur Stelle. Es ist interessant, dieses wirkungsvoll eingesetzte Motiv zu verfolgen.

|Der Sprecher|

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

_Unterm Strich_

Sicherlich ist dieser kenntnisreiche Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ nichts für Minderjährige und schon gar nichts für schwache Nerven oder Mägen. Aber als Vorstufe zu „Die Behandlung“ sollte man das Buch auf jeden Fall kennen, ja, es ist zum Teil sogar Voraussetzung zu dessen Verständnis.

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten.

|Originaltitel: The Birdman, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Christian Quatmann
300 Minuten auf 4 CDs|

Williams, Tad – Shadowmarch: Die Grenze

Tad Williams gehört definitiv zu den anspruchsvollsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Insbesondere sein Epos um die Welt Osten Ard ist ein Juwel in der Veröffentlichungsflut, welches durch glaubwürdige Figuren und einen stimmigen Plot sowie liebevoll ausgearbeiteten Hintergrund besticht. Während andere Autoren oft nicht über das bloße Aneinanderreihen von Textbausteinen und Stereotypen hinauskommen, scheint Osten Ard vor Leben geradezu zu pulsieren. Mag J.R.R. Tolkien aufgrund seiner Fachkompetenz in Sachen Philologie und nordischer Mythologie auch der tiefere Weltenschöpfer gewesen sein – Williams hat ein besseres Gespür für die Grauschattierungen der menschlichen Seele.

Sein nächster großer Wurf – die „Otherland“-Saga – ist zwar ungleich populärer, hat mich aber persönlich weniger überzeugen können. Das Grundkonzept (ein virtuelles Multiversum aus fantastischen Einzelwelten) hätte an sich bereits völlig ausgereicht, um eine gute und frische Story zu produzieren. Williams hat aber mehr gewollt – und „Otherland“ letztlich mit einer zweistelligen Anzahl von Hauptfiguren und Nebenplots völlig überfrachtet. Da ist von der lesbischen, aus Australien stammenden Polizistin griechischer Herkunft bis zum schwulen schwarzen Butler aus Südafrika alles dabei, und spätestens ab der Mitte der Story hat Williams deutliche Schwierigkeiten, die einzelnen Handlungsfäden zu verknüpfen. Das zeigt sich zum einem an den immer rasanter folgenden Szenenwechseln und zum anderen an den Schlussdialogen, welche alles aufklären müssen, was Williams bis zum Showdown nicht fertig bekommen hat. Unterm Strich weist die Reihe dennoch eine überdurchschnittliche Qualität auf, was erahnen lässt, welches schriftstellerische Potential noch in diesem Autoren schlummert.

Umso mehr freue ich mich, dass Williams mit seinem nächsten Projekt „Shadowmarch“ wieder in die Fantasy-Gefilde zurückgekehrt ist. Ursprünglich hat Williams die Geschichte als TV-Serie konzipiert, was sich narrativ immer noch in der Wahl eines dominierenden Schauplatzes (der „Südmarkfeste“) widerspiegelt. Nachdem das TV-Projekt scheiterte, wollte Williams zunächst Pionierarbeit leisten, indem er den Beginn von „Shadowmarch“ als Fortsetzungsroman im Internet publizierte. Die Leser sollten gegen Bezahlung den Roman abonnieren, d.h. in bestimmten Abständen neue Kapitel übers Netz erhalten. Aber auch dieser zweite Anlauf ist letztlich gescheitert (wiewohl sich aus http://www.shadowmarch.com eine lebendige, bis heute bestehende Online-Community entwickelt hat), weshalb die Geschichte nun als reguläre Buchreihe erscheint.

Auf der ersten Innenseite des Einbandes prangt (wie schon beim „Drachenbeinthron“) eine Karte, welche die neu von Williams ersonnene Welt auszugsweise darstellt. Im Wesentlichen spielt sich die Handlung zunächst auf dem Kontinent „Eion“ ab; vom südlichen Kontinent „Xand“ ist nur die Nordspitze zu sehen. Eion ist erst vor vergleichsweise kurzer Zeit (wenige Jahrhunderte) von Menschen besiedelt worden, während Xand seit Jahrtausenden durch das Imperium von Xis beherrscht wird.

Die fiktive Hochkultur der Xander wurde offensichtlich durch die Reiche der alten Ägypter und südamerikanischen Indianer inspiriert. Von den Eionern erfahren wir leider wenig außer der Tatsache, dass sie Polytheisten sind, sich auf verschiedene Königreiche bzw. „Marken“ verteilen und technologisch irgendwo an der Schwelle zur Renaissance stehen. Die „Südmark“ und die „Markenlande“ scheinen kulturell aber eher „abendländisch“ zu sein, während „Hierosol“ einen leicht maurischen Touch hat.

Zwischen den beiden Kontinenten herrschte lange Zeit Funkstille, aber dieser Zustand ist nun im Wandel begriffen. Der neue Autarch, eine Art Gottkönig der Xander, scheint seine Kräfte für eine mögliche Invasion von Eion zu mobilisieren. Aber auch die geheimnisvollen Ureinwohner von Eion, welche über die Jahrhunderte hinweg systematisch von den Menschen verfolgt wurden, rühren sich wieder. Die so genannten „Qar“ haben sich schließlich in die „Zwielichtlande“ im Norden von Eion zurückgezogen und einen magischen, schattigen Nebel erzeugt, welcher Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Solcherart vor weiteren Angriffen geschützt, haben die Qar eine bislang fixe „Schattengrenze“ gesetzt.

Diese „Schattengrenze“ des geheimnisvollen Nebels bewegt sich nun aber immer weiter auf die Südmarkfeste zu – grob vergleichbar mit dem „Nichts“ aus Michael Endes „Unendliche Geschichte“, welches sich langsam durch Phantásien zum Elfenbeinturm der Kindlichen Kaiserin durchfrisst.

Die politische Ausgangslage ist somit für die Menschen der Südmark und der Markenlande – der Heimat der eionischen Protagonisten – denkbar ungünstig: Vom Norden her droht das „Elbenvolk“ der Qar, welches seinen ursprünglichen Mutterboden (inklusive der Südmarkfeste) wieder zurückerobern will. (Kenner der „Osten Ard“-Saga werden hier Parallelen zum Hochhorst und den ebenfalls vertriebenen Elbenvölkern der Nornen und Sithi sehen.) Vom Südkontinent Xand aus infiltrieren bereits Handlanger des Autarchen die Südmarkfeste. Die Bewohner dieser Burg müssen sich also eventuell auf einen Zweifrontenkrieg gefasst machen – was für sie zugleich der erste große Krieg seit Jahrhunderten wäre.

Als wäre das nicht bereits genug, liegt die Königsfamilie der Südmarkfeste auch noch mit dem benachbartem Königreich Hierosol im Clinch. Der König von Hierosol hat König Olin von der Südmarkfeste entführen und inhaftieren lassen, so dass Südmark und Markenlande nun ohne ihr Staatsoberhaupt auskommen müssen. Die vakante Stelle wird zunächst behelfsmäßig von Kendrick, Olins ältestem Sohn, besetzt. Der Prinz ist dieser Verantwortung jedoch nicht gewachsen und schlittert unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Kendrick wird durch eine unbekannte Person ermordet, aber es gibt bereits einen Hauptverdächtigen: Der persönliche Kampftrainer der Königskinder, welcher sich aber aufgrund eines persönlichen Schwurs nicht selbst entlasten kann. Die Südmarkfeste fungiert nun als begrenzter Schauplatz, und Williams fügt der Handlung ein typisches „Who dunnit?“-Motiv à la Agatha Christie hinzu.

Da die alte Königin tot und Olins aktuelle Gemahlin hochschwanger ist, bleiben nur noch die Zwillinge Barrick und Briony – Kendricks jüngere Geschwister – in der Thronfolge übrig. Der Prinz und die Prinzessin sind grade mal fünfzehn Jahre alt, was nicht unbedingt für eine Steigerung im Vergleich zu Kendricks Politik zu sprechen scheint. Zwar werden die beiden Protagonisten vermutlich dennoch ihren Weg irgendwie meisten (wie man das von Wiliams leidgeprüften Helden eben kennt), aber dafür verhalten sie sich auch nicht glaubhaft wie Fünfzehnjährige.

Die Zwillinge sind permanent mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, weshalb der oben beschriebene Plot dann doch nicht wirklich in die kriminalistische Richtung geht. Zwar finden die beiden nach und nach heraus, dass jeder in der Burg sein eigenes Süppchen kocht, aber sie „ermitteln“ nicht. Briony etwa verbucht die Ermordung ihres älteren Bruders einfach unter „sehr verwirrend“ und wendet sich persönlichen Machtkämpfen am Hof zu. Barrick wiederum kränkelt während des Großteils der Handlung; am Ende führt er als Feldherr die Schlacht gegen die Qar.

Das größte Rätsel der Geschichte besteht vorerst in dem Auftauchen eines kleinen Jungen, welcher aus den Zwielichtlanden „angespült“ worden zu sein scheint – und darüber sein Gedächtnis verloren hat. Wie wir aus dem Prolog erfahren, wurde er wohl vom König der Qar selbst in das Reich der Menschen zurückgeschickt. Er trägt ein geheimnisvolle Artefakt bei sich und soll später bei einem mysteriösen „Spiegelpakt“ eine wichtige Rolle spielen. Zunächst wird er aber von einem alten Funderlings-Pärchen in der Nähe der Südmarkfeste quasi adoptiert.

Das politische Intrigenspiel in der Südmarkfeste ist bei Williams – soweit mir bekannt – etwas Neues. Zwar nimmt es keine Ausmaße wie z.B. in Frank Herberts „Dune“-Zyklus an, aber es fügt der Story auf jeden Fall ein paar interessante Aspekte hinzu. Ansonsten bleiben die meisten Figuren jedoch etwas farblos, weil Williams den Hintergrund diesmal weniger detailverliebt und eher skizzenhaft beschreibt.

Eine schöne Ausnahme ist hier jener Nebenplot, welcher sich in Xand abspielt. Die dekadent-exotische Gesellschaft am Hofe des Autarchen wirkt im Vergleich zu den Schauplätzen von Eion deutlich plastischer. Insbesondere die Beschreibung des riesigen Haremkomplexes (inklusive transsexueller Eunuchen), welchen der Autarch sein eigen nennt, hat mir sehr gut gefallen.

Interessant ist aber auch das Volk der Qar, welches nicht viel mit den traditionellen Fantasy-Elben zu tun hat. Tatsächlich ist „Qar“ nur ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Völkern, welche allerdings alle demselben Königspaar unterstehen. Williams hat sich hier wohl von den keltischen Feen-Geschichten inspirieren lassen. Somit kopiert er im Gegensatz zu vielen anderen Autoren Tolkien nicht, sondern schöpft aus derselben Quelle wie dieser.

Die anderen Völker – u.a. Däumlinge bzw. „Dachlinge“ und kleine Bergarbeiter namens „Funderlinge“ – wirken weniger mystisch, sondern eher blass. Aber vielleicht wird sich das ja in den Folgeromanen noch ändern.

Tad Williams schreibt aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, weshalb im Text Dialoge und innere Monologe dominieren. Leider merkt man Williams an dieser Stelle an, dass er längst mit dem Schreiben seine Brötchen verdient. Das Handwerk beherrscht er aus dem Effeff – gute Unterhaltung ist somit garantiert.

Das Konzept „viele Figuren mit vielen Problemen = viel Handlung“ wird mir aber etwas zu routiniert abgehandelt. Das „gewisse Etwas“ fehlt hier noch, weil die Figuren diesmal zu leicht zu durchschauen sind. Früher hat es bei Williams immer recht lange gedauert, bis überhaupt klar war, wo die einzelnen Figuren bezüglich ihrer wahren Motive und ihrer Bedeutung für die Handlung eigentlich stehen. Abgesehen davon ist auch die Sprache des Romans etwas verflacht, was aber auch an der Übersetzung liegen kann.

Alles in allem kann ich den ersten Teil von „Shadowmarch“ durchaus empfehlen. Williams-Fans sollten aber lieber ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Ich persönlich bin gespannt auf den nächsten Teil, aber ich bin etwas skeptisch, ob Williams hier an die alten Erfolge wirklich anknüpfen kann. Der erste Teil von „Shadowmarch“ ist für sich betrachtet sicherlich immer noch überdurchschnittlich gute Fantasy, aber mit Sicherheit kein Meisterwerk. Ich hoffe, dass Williams sich für die nächsten Romane mehr Zeit nehmen wird.

http://www.tadwilliams.de/

Don-Schauen, Florian / Herz, Britta / Hlawatsch, Ralf / Römer, Thomas – Schwarze Auge, Das (Basis-Box; DSA4)

_Allgemein_

„Das Schwarze Auge“, kurz DSA, ist das wohl erfolgreichste Pen&Paper-Rollenspiel Deutschlands und spielt in einer klassischen Fantasywelt namens Aventurien. Ganz genau gesehen, ist Aventurien nur ein Kontinent, aber das ist hier nicht weiter von Belang (ich spiele jetzt schon einige Jahre DSA und war noch auf keinem anderen Kontinent). In dieser „Das Schwarze Auge 4“-Basisbox sind die Grundregeln enthalten. Daher ist sie für das Spielen unverzichtbar.

Neben verschiedenen Menschenvölkern kann der Spieler sich auch entscheiden, Elfen oder Zwerge und mit der Erweiterungsbox „Schwerter und Helden“ auch Orks, Goblins und Echsenmenschen (Achaz) zu spielen. Natürlich gibt es auch verschiedene Professionen. Neben den klassischen wie Magier, Krieger, Söldner und Hexe warten auch noch eine Reihe anderer Berufe auf die Helden.

Aber Aventurien ist auch eine gefährliche Welt, in der Oger, Drachen, Untote und noch einiges Schlimmeres lauert. In vielen Jahren Arbeit, sowohl von Autoren als auch Fans, wurde Aventurien immer detaillierter beschrieben und genauer ausgearbeitet, was dazu führte, dass es mittlerweile nur noch wenige „weiße Flecken“ auf der Karte gibt.

Dies ist einerseits von Vorteil, da es eine genaue Beschreibung und rollenspielerische Tiefe ermöglicht. Der Nachteil ist natürlich, dass so dem Spielleiter weniger Handlungsspielraum bleibt, wenn er eine erfahrene Rollenspielergruppe vor sich hat.
Dadurch, dass aber alle zwei Monate der „Aventurische Bote“ (eine Zeitschrift über DSA, die sich mit den neuesten Ereignissen in dieser Welt beschäftigt) erscheint, entwickelt sich Aventurien sowohl politisch als auch geographisch immer weiter, was wiederum eine Menge Anreiz auch für alte DSA-Hasen bietet.

So, das war DSA und Aventurien in groben Zügen. Kommen wir zum Boxeninhalt.

_Inhalt_

– „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“
– „Der Weg ins Abenteuer“
– „DSA die Vierte“
– „Archetypen“
– Gebrauchsanleitung
– Poster: „Kulturschaffende Aventuriens“
– Weltkarte „Aventurien“
– Heldendokumente
– Glossar auf vier (gleichen) Karten
– Fünf Würfel (3W20 und 2W6)

Neben einigen Gimiks, wie den Würfeln, dem Glossar, einer Aventurienkarte sowie dem Poster, sind vor allem „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“, „Der Weg ins Abenteuer“ und „DSA die Vierte“ für eine nähere Betrachtung interessant.

|1. „Das Schwarze Auge: Die Basisregeln“|

Hier sind die Grundregeln enthalten. Nach einer grundsätzlichen Einführung in das Thema Rollenspiel, einer knappen Beschreibung Aventuriens und einer Kurzerläuterung der Regeln wird schnell zur Heldengenerierung übergegangen.

Denn anders als beim Vorgänger bekommt der Spieler so genannte Generierungspunkte und muss sich mit diesen seinen Helden zusammenkaufen. Es müssen die Rasse, die Kultur und die Profession bezahlt werden. Diese kosten dann, je nachdem, welche Vorteile und Talente sie bringen, unterschiedlich viele Generierungspunkte. Von den verbleibenden Generierungspunkten können dann noch die Eigenschaften (Attribute), Vorteile und Talentpunkte erworben werden. Schlechte Eigenschaften und Nachteile geben hier aber auch wieder Generierungspunkte zurück.

Leider sind in diesem Grundregelwerk wirklich nur die grundlegendsten Rassen, Kulturen und Professionen enthalten. Wer etwas mehr als einen 08/15-Helden spielen möchte, muss sich auf jeden Fall noch die weiterführenden Boxen wie „Schwerter und Helden“ sowie „Zauberei und Hexenwerk“ anschaffen. Auf die Charaktererschaffung folgen dann noch die ausführlichen Regeln, eine Zusammenfassung der Magie sowie Tipps für Spieler und Spielleiter.

Die Zusammenfassung der Magie ist aber wirklich nur als rudimentär zu bezeichnen. Hier ist Vorsicht geboten, denn für tiefgründigere Magieregeln wird einige Male auf die Box „Götter und Dämonen“ verwiesen. Diese befinden sich aber in „Zauberei und Hexenwerk“.

|2. „Der Weg ins Abenteuer“|

„Der Weg ins Abenteuer“ ist ein Abenteuerband, der sowohl das vierteilige Einsteigerabenteuer „Efferdors Fluch“ als auch ein Soloabenteuer namens „Auf Leben und Tod“ enthält. „Efferdors Fluch“ ist speziell für Einsteiger gedacht und kann dank der Regelerklärung innerhalb des Textes ohne vorheriges Studium des Grundregelwerkes sofort gespielt werden. Dafür sind auch die in der Box enthaltenen „Archetypen“ gedacht. Erfahrene DSA-Spieler müssen halt so gut es geht über die Erklärungen hinweglesen, denn die Story ist herrlich märchenhaft.

|3. „DSA die Vierte“|

In diesem achtseitigen Heftchen sind für Spieler der Vorgängerversionen grob die Regeländerungen zusammengefasst.

So gibt es jetzt als Eigenschaft/Attribut die Konstitution (Ko). Auch der Sozialstatus (So), der den meisten schon aus der Box „Fürsten, Händler, Intriganten“ ein Begriff sein sollte, wurde fest integriert, also nicht mehr nur optional, und ist nun sozusagen zur Pflicht geworden. Die schlechten Eigenschaften gibt es jetzt nicht mehr automatisch, sondern nur noch, wenn man sie als Nachteil erwirbt.

Die Talente haben sich dergestalt verändert, dass man nur noch die Basistalente grundsätzlich beherrscht und die anderen Talente, wie etwa Töpfern oder Zweihänder, von der Profession aus vorgegeben werden oder teuer erkauft werden müssen.

Auch beim Kampf ist einiges geändert worden. Zuallererst hat sich die Regelung der Lebensenergie deutlich verändert. Sie ist von Anfang an viel geringer angesetzt und auch nur noch bis zu einem bestimmten Maximallevel zu erhöhen. Endlich gibt es auch eine richtige Initiativeregel, diese berechnet sich nämlich aus einem Initiative-Grundwert (ähnlich dem Attacke- oder Paradegrundwert), einem Modifikator für die Waffe und einem Würfelwurf. Besonders interessant sind die Sonderfertigkeiten, wie Rüstungsgewöhnung oder Schildkampf, die mit Abenteuerpunkten gekauft werden können. Aber auch hier ist der Boxeninhalt sehr beschränkt und es wird auf „Schwerter und Helden“ verwiesen.

Eine grundlegende Änderung ist die der Steigerung. Die Stufen gibt es zwar immer noch, doch erhält man nicht mehr wie früher beim Erreichen einer Stufe automatisch Lebenspunkte, Attributpunkte etc. hinzu. Diese Dinge muss man sich jetzt mit seinen teuer erkämpften Abenteuerpunkten erkaufen, deren Kosten man in der Steigerungskosten-Tabelle ablesen kann.

Auch eine Konvertierungsanleitung ist enthalten, doch ist diese leider sehr kurz.

_Mein Eindruck_

Mit der Einführung der Generierungspunkte ist DSA deutlich gerechter geworden. Zu viel hing in der Vorgängerversion schon bei der Charaktererschaffung vom (Würfel-)Glück ab. Auch ist die Charaktererschaffung deutlich individueller geworden. Nach den alten Regeln waren sich alle Stufe-1-Helden der gleichen Profession ähnlich. Dadurch, dass man sich zwischen verschiedenen Boni bei der Wahl einer Profession entscheiden kann, und durch die Einführung der Basistalente wurde dem Spieler viel mehr Freiraum bei der Gestaltung seines Helden gewährt.

Die Regelung mit den Basistalenten ist meiner Meinung nach allgemein sehr sinnvoll denn was will mein Krieger mit einem Töpfern-Talent oder mein Zwerg mit einem Talent Zweihänder? Mal ganz davon abgesehen, dass man früher auch die Talentproben mit einem negativen Wert relativ leicht geschafft hat. Nicht so bei DSA 4: Wer ein Talent nicht hat, kann auch keine Probe darauf ablegen.

Auch die Realitätsnähe hat deutlich zugenommen. Wichtigster Faktor ist hier sicherlich die Reduzierung der Lebensenergie sowie deren Begrenzung. Ich meine, jedem sollte doch klar sein, dass ein Held, welcher Stufe er auch sein mag, niemals so viele Lebenspunkte haben wird wie zum Beispiel ein Elefant oder ein Drache (und da sind mir auf Rollenspielconventions schon so einige untergekommen), zumal es auffällig viele Spieler gab, die bei 19 von 20 Steigerungen der Lebensenergie (angeblich) eine sechs gewürfelt haben, so dass sich Laplace eigentlich hätte im Grabe umdrehen müssen.

Es gibt aber auch einige Nachteile an der neuen Edition. Zuerst einmal ist DSA deutlich komplizierter geworden. Alleine die Charakterschaffung dauert jetzt ein Vielfaches länger als vorher, von den Zusatzregeln und Sonderfertigkeiten innerhalb des Spieles ganz zu schweigen. Es kommt mir ebenfalls so vor, als habe DSA ein wenig seinen eigentümlichen Charme eingebüsst. So ist es nicht verwunderlich, dass sich DSA 4 auf Conventions noch nicht richtig gegen die alte Version durchgesetzt hat. Vielen altgedienten Spielern ist DSA zu sehr in die Nähe von „Shadowrun“ gerutscht, was die Attitüde betrifft.

_Fazit_

Für Neueinsteiger ist die „Das Schwarze Auge 4“-Basisbox und damit DSA allgemein wirklich sehr empfehlenswert, jedoch bietet sie, bis auf die unverzichtbaren neuen Grundregeln, wenig bis gar nichts Neues für die Spieler der alten Edition. Für die wird es dann erst in den Boxen „Schwerter und Helden“ sowie „Zauberei und Hexenwerk“ richtig interessant. Alles in allem ist die vierte Edition ein deutlicher Schritt nach vorne und DSA nach wie vor führend unter den deutschen Rollenspielen.

http://www.fanpro.de

Lovecraft, Howard Phillips – Vom Jenseits (Erzählungen)

Wer kennt ihn nicht, den Meister des kosmischen Grauens? Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) ist ganz sicher einer der meistzitierten, wichtigsten und zweifelsohne auch besten Horror-Autoren aller Zeiten und hat zu Lebzeiten eine Vielzahl von Klassikern geschrieben, die auch heute immer wieder bemüht werden, weil sie auch ein knappes Jahrhundert nach ihrer Entstehung nichts von ihrer beklemmenden Ausstrahlung verloren haben. Lovecraft gilt als Erfinder eines Horror-Stils, dessen bedrohliche Grundhaltung direkt dem Kopf des Lesers entspringt. Hierzu möchte ich auch den Buchrücken zitieren, auf dem es heißt, dass dem Meister die ‚Fähigkeit entspringt, in seinen Erzählungen nicht nur Momentaufnahmen, sondern ganze Panoramen des Grauens zu entwerfen‘. Dem gibt es wohl kaum noch etwas hinzuzufügen. Lovecraft ist kein einfacher Geschichtenerzähler; er dringt bis tief ins Innerste des Lesers ein, spielt quasi mit dessen Vorstellungskraft und schafft es manchmal auch, sein Publikum innerhalb einer seiner Kurzgeschichten in den Wahnsinn zu treiben. Ein Klassiker ist eben ein Klassiker, und mal abgesehen von Edgar Allan Poe gibt es in der US-amerikanischen Literatur-Historie wohl auch keinen weiteren Schriftsteller, der ähnlich intensive Dramen zu entwickeln imstande ist oder war.

In „Vom Jenseits“ hat der |area|-Verlag nun die meisten der Lovecraft’schen Kurzgeschichten gesammelt und in einem Band veröffentlicht. Ganze 32 beklemmende Werke sind in diesem Buch enthalten, darunter natürlich auch die bekanntesten Stücke „Cthulhus Ruf“ und „Die Katzen von Ulthar“, „Die Ratten im Gemäuer“ oder „Das Grauen von Dunwich“. Nie zuvor gab es das Lebenswerk des berühmten und speziell in letzter Zeit viel beachteten Autoren in so kompakter und derart umfassender Form, was natürlich ganz klar für dieses Buch spricht – zumal der Preis mit einem Gesamtbetrag von weniger als 10 €uro natürlich mehr als einladend ist. „Vom Jenseits“ enthält zwar nicht alle Stücke, die Lovecraft verfasst hat, aber definitiv die wichtigsten, und auch wenn ich dahin tendiere zu behaupten, dass man wirklich alles von diesem legendären Schriftsteller kennen muss, kann ich nur nachhaltig unterstreichen, dass dieses Sammelwerk vollkommen ausreicht, um die Magie, die von Howard Phillips Lovecraft ausgeht, zu begreifen und sein poetisches Können und seine Ausstrahlung in sich aufzusaugen.

Diesbezüglich möchte ich noch einen kleinen Tipp geben. Die meisten Geschichten sind relativ kurz gehalten, deswegen kann man sie auch immer wieder zwischendurch lesen. Bei mir persönlich hat sich allerdings herausgestellt, dass die 32 Werke vor allem zu später Stunde ihre wohl gruseligste und grausamste Wirkung auf die eigene Stimmung haben. Daher habe ich mir fast einen Monat lang kurz vorm Einschlafen immer wieder ein bis zwei Geschichten aus dem Buch herausgesucht und gelesen und dabei festgestellt, welch großen Unterschied es macht, bei welcher Atmosphäre man sich auf Lovecraft einlässt. Probiert es einfach selber mal aus, ich bin mir sicher, ihr werdet es merken!

Damit gehe ich auch schon davon aus, dass man das Buch zwingend kaufen sollte. Aber mal ganz ehrlich: Wenn man nicht schon im Besitz dieser Kurzgeschichten ist, wäre alles andere ein Frevel wider den Großmeister der düsteren Poesie. Howard Phillips Lovecraft’s Werke sind zeitlos genial, und das ist ein unumstößlicher Fakt.

Der Inhalt von „Vom Jenseits“:

Pickmanns Modell
Die Katzen von Ulthar
Die Musik des Erich Zann
Die Anderen Götter
Cthulhus Ruf
Der boshafte Geistliche
In der Gruft
Die Ratten im Gemäuer
Hypnos
Iranons Suche
Das Weiße Schiff
In den Mauern von Eryx
Kühle Luft
Jenseits der Mauer des Schlafs
Der Alchemist
Das Mond-Moor
Gefangen bei den Pharaonen
Polaris
Vom Jenseits
Der Schreckliche Alte Mann
Das Grab
Der Baum
Das Tier in der Höhle
Das Verderben, das über Sarnath kam
Das Unbeschreibliche
Celephais
Das Grauen von Dunwich
Der Leuchtende Trapezoeder
Die Aussage von Randolph Carter
Der Silberschlüssel
Durch die Tore des Silberschlüssels
Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath

http://www.area-verlag.de/

Meyer, Kai / Thalbach, Katharina – Frostfeuer

_Packend: Hexenkampf und Bewährungsprobe_

Die junge Magierin Tamsin Spellwell hat der Schneekönigin etwas Wertvolles geklaut: einen Splitter von ihrem eisigen Herzen. Fortan schwindet die Macht der Königin – genau dies hat Tamsin bezweckt. Die Königin muss den Herzzapfen schleunigst zurückbekommen. Sie quartiert sich in St. Petersburg im Jahr 1893 ein, und Tamsin folgt ihr, um ihr den Rest zu geben. Doch im Hotel am Newski-Prospekt gerät ihnen ein unscheinbares Mädchen in die Quere, das den Namen „Maus“ trägt. Und wie sich herausstellt, hat es bei diesem Showdown ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.

_Der Autor_

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte u.a. ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller „Die Alchimistin“ begeistert, später folgten unter anderem „Die Fließende Königin“ (Auftakt der Merle-Trilogie) und „Göttin der Wüste“, die Wellenläufer-Trilogie, die Doktor-Faustus-Trilogie und „Das Buch von Eden“. Bei Loewe erschien mit den „Wasserläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus. „Frostfeuer“ aus dem Jahr 2005 ist eigenständiger Jugendroman. Das Buch wurde mit dem internationalen Buchpreis CORINE ausgezeichnet.

|Kai Meyers Werke bei Buchwurm.info:|
[Die Alchimistin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73
[Das Haus des Daedalus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=373
[Die Fließende Königin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=409
[Das Buch von Eden]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=890
[Der Rattenzauber]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=894
[Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1876 – Rollenspiel-Grundregelwerk
[Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Die Figuren_

Die Schneekönigin: Zauberin und Herrscherin des Nordlandes, besteht aus Eis.
Lady Tamsin Spellwell: Zauberin. Kann sich in einen Schneeadler verwandeln. Trägt blaue Haare, einen Koffer voller Worte, einen magischen Zylinderhut und einen seltsamen Regenschirm.
Master Spellwell: Tamsins Vater. Die Schneekönigin hat ihn zu Eis erstarren lassen.
Maus: das Mädchen, das wie ein Junge aussieht, wurde 1881 im St.-Petersburger Grandhotel „Aurora“ geboren und putzt die Schuhe der Hotelgäste. Es ist 12 Jahre alt.
Julia: Maus’ Mutter, Nihilistin, 1881 verhaftet und exekutiert.
Kukuschka: Maus’ einziger Vertrauter; arbeitet als Eintänzer im Hotel.
Nikolai Iwanowitsch: Anführer einer revolutionären Gruppe von Nihilisten, Drahtzieher eines Attentats auf den Zaren Alexander II. im Jahr 1881.
Der Rundenmann: der Wachmann des Hotels, ist hinter Maus her.
Maxim: Liftjunge im Hotel; ärgert gerne Maus.
Erlen: der Junge mit den Rehaugen, der nicht sprechen kann.
Väterchen Frost: Herrscher über den russischen Winter
Rufus und Pallis Spellwell: Tamsins Geschwister. Besitzen ebenfalls magische Fähigkeiten.

_Handlung_

„Wo Nacht und Norden enden, liegt über Nebeln die Feste der Schneekönigin.“ Mit diesem schönen Eingangssatz beginnt eine abenteuerreiche Handlung, die ich möglichst knapp zusammenzufassen versuche.

|Der Beginn|

Die Magierin Tamsin Spellwell hat der Schneekönigin einen Splitter von ihrem Herzen geklaut, welches die Königin nicht in ihrer Brust, sondern anderswo aufbewahrt hat. Wie Tamsin dies gelang, erfahren wir nicht, aber es muss schwierig gewesen sein, denn bei dieser Aktion wurde ihr Vater Master Spellwell vom tödlichen Blick der Königin getroffen und erstarrte zu Eis. Tamsin entkommt in der Gestalt eines Schneeadlers, so dass die Schergen der Königin sie nicht kriegen. Sie fliegt ins Zarenreich, wo sie sich in St. Petersburg wieder zurückverwandelt.

Dort begegnet sie Väterchen Frost, der sich über den strengen Winter beschwert und verlangt, dass Tamsin den Herzzapfen zurückbringt. Er selbst wolle ihn nicht. Der Verlust des Herzzapfens hat nämlich eine verhängnisvolle Entwicklung in Gang gesetzt. Da die Macht der Schneekönigin schwindet, kann sie nicht mehr die „Kälte des Anbeginns“ zurückhalten, so dass diese sich über die ganze Welt ausbreitet. So etwa in Gestalt dieses strengen Winters. Tamsin hat offenbar eigene Pläne, was die Zukunft der Schneekönigin betrifft. Doch eines ist klar: Sie hat dafür nicht viel Zeit.

|Maus im Hotel|

Maus wird von fast jedem Angehörigen des Personal im Grandhotel Aurora nur „Mädchenjunge“ genannt. Sie sieht so unscheinbar aus, und überhaupt nicht wie ein zwölfjähriges Mädchen. Maus putzt die Schuhe der Gäste und klaut ab und zu etwas Schönes. Diesmal ist es eine hübsche Brosche. Doch sie wird vom Rundenmann verfolgt, dem Wachmann des Hotels. Dieser ist riesig und hat es auf sie abgesehen. Bestimmt gehört er dem kaiserlichen Geheimdienst an, denkt Maus. Doch sie kann die Brosche in einem Paar Schuhe vor der Zarensuite verstecken, und so findet der Rundenmann nichts, das er Maus anhängen kann.

|Das schreckliche Draußen|

Sie reißt sich aus seinem Griff los und flieht. Im Fahrstuhl trifft sie auf Maxim, den 16-jährigen Liftboy. Der möchte ihr etwas geben. Einst hat Maus ihn geliebt, aber er ist arrogant und selbstsüchtig. Er lockt sie ins Männerquartier, wo man sie packt und zum Notausgang hinauswirft. Maus war noch nie in ihrem Leben im Draußen. Und nun ist es auch noch so kalt. Der Schock bringt sie beinahe um. Da reicht ihr eine nette Frau die Hand und führt sie durch die zentrale Drehtür zurück ins Hotel. Die Frau hat seltsame blaue Haare.

|Der Eisenstern|

Während Tamsin Spellwell eincheckt, zieht Maus sich alleine in ihr Versteck im Keller zurück. Hinter einem der Fässer des Weinkellers hat sie einen Spalt gefunden, der in einen Tunnel führt. Diesen Tunnel hat sie ausstaffiert und geschmückt, hier ist ihre Bibliothek von Märchenbüchern. Hier hat ihre Mutter Julia sie geboren. In der Mitte des Raumes erhebt sich die schwarze Silhouette des „Eisensterns“. Es handelt sich um eine große Kugel, aus der eiserne Stacheln herausstehen. Nur an einer Seite befindet sich eine kleine zugeschraubte Öffnung. Was könnte dieses ominöse Ding wohl sein? Maus hat es aufgegeben, sich das zu fragen, denn es war schon immer hier. Sie hat noch nie in ihrem kurzen Leben eine Bombe gesehen.

|Die Schneekönigin|

Anderntags schleicht sie zurück zur Zarensuite, um die Brosche wiederzubeschaffen. Sie ist weg, deshalb klopft Maus an der Tür. Ein Junge mit Rehaugen öffnet sie einen Spaltbreit, sagt aber kein Wort. Dann antwortet eine Frau, und es wird schlagartig kälter. Die Dame ist sehr groß, ganz in Weiß gekleidet, mit weißblonden Haaren, und sie trägt überhaupt keinen Schmuck. Wo ist dann die Brosche? Und sie ist derartig schlau, dass sie Maus schon nach wenigen Sätzen bei einer Lüge ertappt hat.

Sie bittet Maus herein und zeigt ihr die Schuhe, die geputzt gehören. Sie weiß, dass Maus eine Diebin ist, was Maus richtig Angst macht. Aber es kommt schlimmer. Wenn Maus ihr nicht sagt, ob sie eine Fremde mit blauen Haaren gesehen hat, werde sie sie an den Wachmann ausliefern. Da gesteht Maus, dass sie so eine Dame gesehen habe. Sie sei im Hotel. Die Schneekönigin ist offenbar zufrieden mit dieser Antwort. Der Junge, der übrigens von der Königin Erlen genannt wird und wirklich nicht sprechen kann, weil er ein verwandeltes Rentier ist, führt Maus zur Tür und gibt ihr dort heimlich die Brosche zurück. Maus verlässt die Suite und lächelt: Sie hat einen Verbündeten.

|Gestatten? Tamsin Spellwell|

Als Maus die fremde Frau mit den blauen Haaren wiedersieht, stellt diese sich als Tamsin Spellwell vor und bittet Maus, ihre Assistentin zu sein. Sie riecht den Geruch der Schneekönigin an Maus. Schnell freunden sich die beiden an, so dass Maus ihre eigene Geschichte erzählt. Ihre Mutter Julia gehörte zu den so genannten Nihilisten. Das waren Dissidenten, die es nicht mehr bei Worten bewenden ließen. Julias Freund Nikolai Iwanowitsch organisierte jene zwei Attentate im Jahr 1881, die den Zaren Alexander II das Leben kosteten. Doch dessen Nachfolger Alexander III sei keinen Deut besser.

Die Geheimpolizei fand Julia im Weinkellerversteck, kaum dass sie Maus zur Welt gebracht hatte, und richtete sie mit ihren Komplizen hin. Seitdem hat Maus schreckliche Angst vor jenem schrecklichen Ort, den man das „Gefängnis der Stille“ nennt. Dort gebe es den ganzen Tag keinen Laut außer dem des klagenden Windes. Da gesteht Tamsin, dass auch sie eine Diebin sei. Sie habe der Schneekönigin, die ja hier im Hotel abgestiegen sei, etwas sehr Wertvolles gestohlen und dabei ihren Vater verloren. Der Junge Erlen sei ein verzaubertes Rentier, dessen Fell die Königin gestohlen hat. Ob Maus ihn wohl gerne erlösen würde? Aber klar doch. Aber Maus heißt nicht umsonst so: Sie hat furchtbare Angst.

|Die Welt steht kopf|

Maus schleicht sich in die Zarensuite, nachdem die Königin sie verlassen hat. Doch kaum ist sie drin, klopft auch schon der Rundemann, der Maus darin vermutet. Sie muss sich schnellstens gut verstecken. Im Schlafzimmer findet sie endlich das Rentierfell, das eigentlich Erlen gehört. Während Erlen den Wächter an der Tür aufhält, nähert sie sich dem Fell, auf dem seltsame Spiegel liegen. Sie ahnt nicht, dass es sich um einen Schutzzauber handelt. Kaum ist sie am Fell angekommen, wird sie herumgewirbelt und findet sich an der Decke sitzend wieder.

Natürlich fällt es dem Wachmann überhaupt nicht ein, ausgerechnet an der Zimmerdecke nach versteckten Gästen zu suchen. Da er Maus nicht findet, trollt er sich wieder. Aber was soll Maus machen, wenn die Schneekönigin zurückkehrt? Nur diese hat den Gegenzauber. Maus versucht, das Fenster zu öffnen. Sie zwängt sich in den Schneesturm hinaus. Doch was jetzt? Nur ein falscher Griff – und Maus fällt auf Nimmerwiedersehen in den bodenlosen Himmel …

_Mein Eindruck_

Es gibt noch eine Reihe weiterer solcher Überraschungen, die auf einen gewissen Einfallsreichtum des Autors schließen lassen. Ich darf nicht mehr verraten, um die Spannung nicht zu verderben. Eine guter Einfall war es auch, die von Andersen und C.S. Lewis bekannte Schneekönigin in das vorrevolutionäre Zarenreich zu verlegen. Dadurch wird auch der erwachsene Leser angesprochen und es ergeben sich mehrere Bedeutungsebenen.

|Bewährungsprobe|

Die Ausgangslage ist klassisch. In der Vergangenheit hat ein Verbrechen stattgefunden, das Maus, die einsame Diebin, ausbaden darf: der Mord am Zaren durch die Komplizen ihrer Mutter Julia. Und wie sich herausstellt, haben die Anarchisten eine todbringende Erbschaft hinterlassen: eine Bombe direkt unter der Prachtstraße des Newski-Prospekts. Die Aufgabe der Heldin wider Willen besteht nun darin, die Last der Vergangenheit abzuschütteln und sich selbst zu erlösen, um schließlich Freiheit und Selbstbestimmung zu erlangen. Der Weg dorthin ist voller Fallen und Stolpersteine.

|Hexenkampf|

Das Hotel Aurora (Aurora [borealis] = Nordlicht) ist der Mikrokosmos, der für Maus die Welt ausmacht. Es gibt allerlei Leute, die es auf sie abgesehen haben, so etwa den finsteren Rundemann, aber auch einen Vertrauten, den Eintänzer (vulgo: Gigolo) Kukuschka, der für Maus ein Vaterersatz ist. Im dritten Akt jedoch, als sich die Hexen zoffen und dabei das Hotel (= Welt) auseinandernehmen, müssen alle ihre Masken fallen lassen und ihre Karten auf den Tisch legen. Dadurch ergeben sich für Maus einige böse Überraschungen. Die Lage spitzt sich zu, als ihr klar wird, dass sich die Geschichte des Jahres 1881 wiederholen soll, als ihre Mutter starb. Das muss sie unbedingt verhindern!

|Die sieben Pforten|

Doch sie ist ja auch nicht auf den Kopf gefallen, sondern entwickelt heroische Kräfte. Beispielsweise läuft sie auf die Seite der Schneekönigin über und raubt Tamsin aus ihrem magischen Zylinder den gestohlenen Herzzapfen. Dazu muss sie durch sieben magische Pforten gehen, in deren Verlauf sie ihres Körpers schichtenweise beraubt wird, sie schließlich auch die Seele verliert und nur noch der pure Wille übrig bleibt. Diese Szene ist packend beschrieben und selbst im Hörbuch hervorragend umgesetzt, denn die Sprecherin legt sich voll ins Zeug. Nun weiß der Leser bzw. Hörer, dass in Maus verborgene Kräfte schlummern, die allmählich freigesetzt werden. (Im Hörbuch wird darüber nicht reflektiert, denn man kapiert es ja auch so.)

Klugerweise verliert der Autor niemals seine Hauptfigur aus dem Blick. Es gibt fast keine Abschweifungen, und der Prolog über das Geschehen am Hof der Schneekönigin etabliert den rahmenden Hintergrund der ganzen Geschichte, in den sich Maus’ Geschichte nahtlos einfügt. Maus ist die Figur, die uns am meisten interessiert und mit der wir uns identifizieren. Deshalb verfügen wir einerseits über wachsende Kräfte, müssen aber ständig erneuten Herausforderungen begegnen. Weil der Leser bzw. Hörer aber nicht sofort über alle Kräfte und Informationen von Maus unterrichtet wird, gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken, so etwa den alten, abgeschlossenen Gebäudetrakt des Hotels …

|Showdown|

Einen Höhepunkt findet die Handlung im verlängerten Showdown, der, wie es sich von jeher gehört, an einem erhöhten Ort stattfindet: mitten in der Luft über St. Petersburg. In diesem Finale muss sich erweisen, ob Maus in der Lage ist, ihre neuen Kräfte nicht nur für sich selbst einzusetzen, sondern auch für andere. In diesem Fall ist das der Rentierjunge Erlen – und vielleicht auch Tamsin, aber Tamsin spielt ja ihr eigenes Spiel. Jedenfalls bleibt es spannend bis zum Schluss, und das ist einfach klasse.

|Die Sprecherin|

Die Vortragsweise der Kino- und Theaterschauspielerin Katharina Thalbach („Die Blechtrommel“ u.a.) erweckt die Szenen und Szenen und Figuren zum Leben, so dass sich der Hörer schnell darin einfühlen kann. Das kommt den Erwartungen und der Aufnahmefähigkeit besonders von Kindern ab zehn oder zwölf Jahren entgegen. Thalbach haucht und flüstert, schreit und brüllt, brummt und knurrt, dass es eine Wonne ist. Kinder haben sicher ihren Spaß daran. Und wenn die Schneekönigin spricht, läuft einem stets ein kalter Schauer über den Rücken. Dabei bleibt ihr Text dennoch jederzeit verständlich, denn sie befleißigt sich einer sehr deutlichen Aussprache. (Und diesmal gibt es auch keine vermaledeiten englischen Wörter, über die sie stolpern könnte.)

|Geräusche|

Musik gibt es zwar keine, aber dafür umso mehr Geräusche, und diese tragen ebenfalls viel zur Faszination dieses Hörbuchs bei. Draußen heult der stürmische Wind, und man weiß sofort, dass der Winter regiert. Für die arme Maus ist dort kein Überleben, weshalb sie ja auch gerne im kuscheligen Keller bleibt. Dort faucht und zischt die Heizung eines Ofens.

Im Schlussdrittel geht es im Hotel Aurora drunter und drüber. Da donnert eine veritable Schneelawine nicht nur durchs Treppenhaus, sondern auch durch die Lautsprecher, dass die Wände wackeln. Ganz am Schluss findet der Showdown in luftiger Höhe auf einer Brücke aus Eis statt. Jetzt hören wir laufend den Schneeadler schreien, in den sich die gute Tamsin Spellwell verwandelt hat. Diese Schreie fuhren mir stets durch Mark und Bein. Man kann also zusammenfassend durchaus von einer dramatisch inszenierten Lesung sprechen.

|Das Booklet|

Das Booklet bietet ein hilfreiches Verzeichnis der Namen und verschafft etwas Überblick über das Personal der Geschichte. Auch Informationen über den Autor und die Sprecherin sind zu finden sowie reichlich Werbung. Einen Fehler musste ich leider feststellen. Wenn die fünf CDs schon jeweils eine Lauflänge von jeweils über 70 Minuten haben, wie kommt dann der Schreiber der Angabe „Gesamtlaufzeit“ auf „5 Stunden 3 Min.“? Vielleicht hat er in Andromeda-Stunden gerechnet, die womöglich etwas länger sind. Jedenfalls komme ich bei einer Gesamtlaufzeit von 377 Minuten auf 6 Stunden und 17 Minuten.

_Unterm Strich_

„Frostfeuer“ – die poetische Bezeichnung für das Nordlicht – ist ein spannender und actionreicher Jugendroman, der reich an phantastischen Elementen und phantasievollen Gestalten ist, wie sie Kinder lieben. Die Geschichte spricht aber dennoch auch den erwachsenen Leser bzw. Hörer an, denn sie ist in einer turbulenten historischen Zeit angesiedelt: im vorrevolutionären Russland des Jahres 1893, als bereits die anarchistischen Attentäter ihr Unwesen in St. Petersburg treiben. Wird es ihnen gelingen, erneut einen Anschlag auf den Zaren auszuführen, wie schon einmal 1881?

Für Maus mag diese Sache über ihren Horizont hinausgehen, aber für die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung ist sie von höchster Wichtigkeit. Und schließlich war ja auch ihre Mutter Opfer der Anarchistenanschläge und somit auch Maus. Was kann sie also tun, um den Anschlag zu verhindern? Wie sich zeigt, sind es ihre im Umgang mit den Zauberinnen erworbenen Fähigkeiten, die sie das Problem lösen lassen. An diesem Maus-Punkt erweist sich die Bombenstory als mit der Märchenstory verknüpft. Wäre das nicht so, müsste man sich fragen, was denn, bitteschön, das Märchen von der Schneekönigin mit der Historie zu tun haben soll.

Wie schon bei Andersen und C.S. Lewis („Der König von Narnia“) muss sich das Mädchen der tödlichen Verlockung der Schneekönigin stellen und die Prüfung bestehen. Edmund in „Der König von Narnia“ bestand die Probe nicht und sein Herz verwandelte sich, bis es für Angelegenheiten der Menschen nicht mehr empfänglich war. Wird es Maus ebenso ergehen? Nein, denn sie will unbedingt den verzauberten Jungen Erlen erlösen – und das kann sie nur im Kampf gegen die Schneekönigin erreichen. Die Liebe steht also der Macht gegenüber – wieder einmal. Daumen drücken!

|Das Hörbuch|

Durch Katharina Thalbach und die vielfältigen Geräusche zieht die inszenierte Lesung den Hörer in ihren Bann – siehe oben. Weniger schön ist es, dass die fünf CDs in schnöden Papierhüllen stecken, die sich nicht mehr zukleben lassen. Andere Verlage wählen als Hülle einen stabilen Karton oder Einstecktaschen. Das funktioniert ausgezeichnet, auch wenn es ein klein wenig teurer ist. Dass man aber auch 6-CD-Hörbücher in Einstecktasche für nur 18 Euro produzieren kann, stellt der Verlag |Delta Music| unter Beweis. Es geht also.

Mir hat das Hörbuch – bis auf die Ausstattung – sehr gut gefallen, und deshalb verdient es die volle Punktwertung.

|377 Minuten auf 5 CDs
Die [Buchfassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3785554419/powermetalde-21 erschien 2005 im |Loewe|-Verlag.|