Bear, Greg – Jäger

Der Biologe Hal Cousins sucht nach einer Methode, Langlebigkeit mit Hilfe genetischer Veränderung herbeizuführen. Doch er muss feststellen, dass diverse Unbekannte ihm ins Handwerk pfuschen und seine Forschungen unterbinden. Da beginnt eine mysteriöse Serie von Anschlägen gegen ihn, und nur zwei zwielichtige Leute helfen ihm: ein als Antisemit diskreditierter Ex-Professor – und Lisa, die Frau von Hals Zwillingsbruder Rob, der kürzlich in New York City ermordet wurde. Hal ist sich absolut nicht sicher, ob er diesen beiden trauen darf.

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren* und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren. Sein zuletzt veröffentlichter Roman „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erschien bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, im Dezember wird der Roman „Stimmen“ bei |Heyne| veröffentlicht.

* Einer der Hauptakteure in „Jäger“ ist Weltkriegsveteran und Marinehistoriker in der Nähe von San Diego.

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science-Fiction):
– Die Thistledown-Trilogie: „Äon“ (HSF 06/4433), „Ewigkeit“ (HSF 06/4916); „Legacy“ (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: „Die Schmiede Gottes“ (HSF 06/4617); „Der Amboss der Sterne“ (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: „Das Lied der Macht“ (06/4382); „Der Schlangenmagier“ (06/4569).
Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

_Handlung_

Hal Cousins, ein ehrgeiziger junger Molekularbiologe, hat sich zum Ziel gesetzt, was schon Generationen von Wissenschaftlern vor ihm gewollt haben: den Alterungsprozess des Menschen zu verlangsamen, und zwar durch genetische Veränderungen. Um das zu erreichen, macht er sich auf die Jagd nach den ältesten Lebensformen, die es gibt, den Mikroben – insbesondere in ihrer Ausprägung als Mitochondrien, die in jeder menschlichen Zelle vorkommen und ihr die Energiequelle ATP liefern. Mitochondrien waren vor Jahrmilliarden bakterielle Invasoren, sind aber nun unentbehrlich geworden. Um alte Zellformen zu finden, die keine Mitochondrien besitzen, muss er in entlegenen Gegenden suchen.

Seine Forschungen führen ihn in die Tiefe des Pazifischen Ozeans, unweit von Vancouver und Seattle, wo primitive Organismen seit Jahrmillionen überleben – in der Nähe unterseeischer Wärmequellen, der „Schlote“. Doch bei diesem Tauchgang läuft etwas schrecklich schief. Sein Pilot Dave Press rastet unvermittelt aus, will ihn umbringen und das Tauchboot zerstören. Zum Glück kann Hal ihn mit einem Kinnhaken ins Reich der Träume und das Boot an die Oberfläche schicken. Dort steigt Press jedoch unvermittelt aus und stürzt sich in die stürmische See.

Doch an Bord des Mutterschiffs ist die Lage keineswegs beruhigend für Hal. Ein gewisser Dr. Mauritz ist ebenfalls ausgerastet und hat mehrere Besatzungsmitglieder erschossen, so dass man nun seltsamerweise auf Hal sauer ist. Als ob er etwas mit den Vorfällen zu tun hätte. Hat er auf indirekte Weise auch, aber anders, als er sich träumen lassen würde.

Nachdem ihn die Polizei als unverdächtig hat laufen lassen, werden Hals Funde und seine Forschungsarbeit von Unbekannten vernichtet. Jemand hat eindeutig etwas gegen ihn. Ist es jemand, vor dem ihn sein Zwillingsbruder Rob Cousins gewarnt hatte? Da bekommt Hal die Nachricht, dass Rob in New York City in einer Seitengasse erschossen aufgefunden worden sei.

Nach einer ruhigen Phase und einem Umzug taucht ein älterer Typ namens Rudy Banning auf, der sich seiner annimmt. Schon bald hat Banning Gelegenheit, Hal vor einem Angriff durch Dobermänner zu retten, doch währenddessen geht Halls neues Domizil – und Labor – in Flammen auf. Anscheinend beginnt nach der Verschnaufpause der Wahnsinn von Neuem.

Als Robs schöne Witwe Lissa mit einer Pistole in der Handtasche auftaucht, ahnt Hal, dass eine erneute Achterbahnfahrt ansteht. Denn Rob war hinter dem gleichen Geheimnis her wie Hal: Wie man Langlebigkeit durch genetische Veränderung an bestimmten Bakterien erzielt. Und wer auch immer Rob ausschaltete, will auch Hal ans Leben. Hatten die Hintermänner lediglich Rob mit Hal verwechselt?

_Mein Eindruck_

So sieht also ein Wissenschaftsthriller der Oberliga aus. Man nehme einen packenden Auftakt, lasse den betreffenden „Helden“ sodann in ein tiefes Loch fallen, aus dem ihn andere wieder herausholen müssen und werfe ihn sodann in einen Strudel aus mehr oder weniger undurchsichtigen Machenschaften, wenn er und seine Gefährten einer Krümelspur zur Lösung des Rätsels folgen. Obligatorischer Showdown sollte möglichst folgen.

|Kein Schema F|

Das wäre natürlich nur das Schema F, doch der Autor ist inzwischen so versiert in seinem Schreiben, dass er dieses abgedroschene Schema nicht mehr für tragfähig hält. Daher schiebt er zwei zeitliche Rückblenden ein, die mindestens ebenso packend sind wie der Anfang des Buches. Das dient zwar sowohl der Lösung des Rätsels und der Unterhaltung des Lesers, kann aber auch unversehens zu mangelndem Überblick und somit Verwirrung führen.

Auf die Handlung übertragen, bedeutet dies konkret, dass auf Seite 229 ein neuer Ich-Erzähler auftritt: Ben Bridger, seines Zeichens Weltkriegs- und Vietnam-Veteran sowie Marinehistoriker, der nach dem Tod seiner Frau Janie kein Land mehr sieht. Da taucht Rob Cousins bei ihm auf und fragt ihn nach russischen Wissenschaftlern von vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals herrschte Stalin mit seinem Geheimdienstchef Berija auf blutigste Weise, doch in der Wissenschaft der Molekularbiologie machte ein gewisser Maxim Golochow beträchtliche Fortschritte, die später zur Verhaltens- und Gedankenkontrolle führten. Dieser Besuch, ein grauenerregendes Russen-Video und ein massiver Überfall der Sicherheitsbehörden auf sein Haus bewegen Bridger dazu, sich Rob Cousins und Rudy Banning anzuschließen.

Natürlich kreuzt Bridgers Weg über kurz oder lang (eher lang) auch den von Hal Cousins, doch da ist es für dessen Bruder Rob bereits zu spät. Ob das Zusammentreffen für Hal noch rechtzeitig kommt, kann man nur hoffen. Doch ich darf nichts weiter verraten. Das verhindert auch, dass ich mich hier mit der Thematik des Schreckensszenarios auseinandersetzen kann, das der Autor vor unserem geistigen Auge erstehen lässt. Eines kann ich aber sagen: Es ist der maximale Horror, denn dann ist die Freiheit des Willens wirklich nur eine Illusion.

|Das Grauen des 20. Jahrhunderts|

Immer wieder hat mich erstaunt, wie kritisch die Figuren das 20. Jahrhundert betrachten. All die Massenvernichtung, die in zwei Weltkriegen und zahllosen Stellvertreterkriegen erfolgt, die so genannten „Säuberungen“ – was für ein Euphemismus! – und Progrome. Gut möglich, dass dabei insgesamt eine halbe Milliarde Menschen umkamen (meine Schätzung).

|Zwei Seiten einer Medaille|

Doch der Autor führt uns vor Augen, dass das vergangene Jahrhundert nicht nur hinsichtlich der Quantität der Vernichtung ein übles Zeitalter war, sondern auch bezüglich der Qualität des Schreckens, den Menschen anderen Menschen zufügen konnten. Eines der abgefahrensten Szenarien, das ich je gelesen habe, breitet der Autor vor uns aus. Dass dabei genau jene primitiven Bakterien eine Rolle spielen, hinter denen Hal Cousins so verzweifelt her ist, zeigt die andere Seite der Medaille. „Prinz Hal“ will den Menschen, die es sich leisten können, die ewige Jugend schenken. Sein Bruder hat die dunkle Seite genau dieses Mittels bereits entdeckt: totale Manipulation. Zwei Hälften eines Rätsels. Allerdings braucht Hal bis zum Showdown auf einem Ozeanriesen, um das alles auf die Reihe zu bekommen. Und dort erwartet ihn ein heilsamer Schock.

|Es ist nicht alles Gold, was glänzt|

Und das gilt auch für diesen Roman. Mal vom Fachjargon der Biologen und Genetiker ganz abgesehen, der das Verständnis erschwert, trägt auch die Darstellung der Beziehung, die sich zwischen dem guten Hal und der zwielichtigen Lissa, Robs Witwe, anbahnt, nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Story bei. Natürlich kommt es dazu, dass die beiden miteinander im Bett landen, was denn sonst. Aber die Sache geht doch ganz anders aus, als sich Prinz Hal das vorgestellt hatte. Er wird nämlich zu Lissas Schoßhündchen. Da er sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes pudel-wohl fühlt, macht ihm das auch gar nichts aus. Die Glückshormone bringen ihn denn auch fast um den Rest seines verbliebenen Verstandes.

Der Leser könnte dies für sehr komisch und sogar originell halten, wäre da nicht der schale Nachgeschmack einer Vergewaltigung. (Zu erklären, wie diese erfolgt, hieße, des Rätsels Lösung zu verraten – sorry!).

_Unterm Strich_

Gehirnwäsche als Thema ist in den amerikanischen Medien wieder in. In den USA ist der Thriller „The Manchurian Candidate“ mit Denzel Washington angelaufen, das Remake des Films „Botschafter der Angst“ mit Sinatra aus dem Kalten Krieg (ca. 1960). Statt der ursprünglichen Nordkoreaner haben nun nationale Großkonzerne einen „Schläfer“ so präpariert, dass er auf einen bestimmten Befehl hin – etwa Zahlen, übers Telefon durchgegeben – eine Aktion ausführt, beispielsweise die Ermordung des Präsidenten. Dass Al-Kaida über Schläfer innerhalb der USA verfügen soll, ist bekannt.

Der Autor führt nun eine neue – möglicherweise völlig abstruse – Methode ein, die zwar schon unter Stalin und Berija entwickelt wurde, aber offenbar auch woanders binnen Sekunden Wirkung zeitigt. Bis diese Verschwörung aufgedeckt und besiegt ist, vergehen durchaus fesselnde 444 Seiten.

Ähnlich wie in Crichtons Thriller „Beute“ sind die kleinsten Lebewesen die Stars – und geben deshalb leider nicht sonderlich viel her. Daher muss das Ergebnis ihres Treibens umso drastischer ausfallen. Die Effekte sind stets filmreif und mitunter sogar komisch. Die Entwicklungsgeschichte dieser „Kleinen Mütter der Welt“, wie Russen die Bakterien nennen, wird als Hintergrund-Story scheibchenweise enthüllt, doch dabei treten zwangsläufig Überlappungen – Redundanzen – auf, die als Wiederholung nicht so wahnsinnig spannend sind.

Bears Roman ist flott zu lesen, wenn man mit dem Biologen- und Genetikerkauderwelsch mithalten kann. Aber die Lektüre bedeutet keinen größeren Durchbruch in Sachen Erkenntnisse über das grauenerfüllte 20. Jahrhundert. Da auch die Figuren nicht übermäßig sympathisch sind, fiebert man nicht unbedingt mit ihrem Schicksal mit. Insofern könnte auch die ganze Welt den „Kleinen Müttern“ in die Hand fallen – es würde uns nicht kümmern.

_Lesetipp_

Deshalb empfehle ich stattdessen lieber die Lektüre von Bears erstem Bestseller „Blutmusik“, der mit Preisen überhäuft wurde. Es erstaunt nicht besonders, dass sich die Grundideen in den beiden Romanen ähneln: Mikroben übernehmen die Weltherrschaft und verwandeln sie nach ihrem Gusto, falls der Mensch ihnen nicht Einhalt gebietet. Nur dass in „Blutmusik“ diese Vision grandios und kosmisch (und somit Science-Fiction) ist, während „Jäger“ ganz auf dem Teppich bleibt und in der Liga von Crichton oder Preston & Child spielt.

Mehr zu Greg Bear unter: http://www.gregbear.com

Henry Rider Haggard – König Salomons Diamanten

haggard-salomon-cover-heyne-1985-kleinEnde des 19. Jahrhunderts gerät eine britische Expedition in ein versunkenes Reich, in dem archaische Krieger über die Diamantenminen des sagenhaften Königs Salomon wachen. Die Rückkehr ist schwierig, denn der grausame Herrscher will seine Besucher nicht mehr ziehen lassen … – Einer der ganz großer Klassiker der Abenteuerliteratur mischt Elemente des Reiseromans mit denen der (späteren) Fantasy. Aus heutiger Sicht sicherlich gemächlich, mit ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, teils angestaubt, teils unbehaglich chauvinistisch im zeitgenössisch selbstverständlichen Dünkel gegenüber den „schwarzen Wilden“ aber immer noch fesselnd.
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Tolkien, J. R. R. – Hobbit, The

J. R. R. Tolkiens drei Hauptwerke sind so unterschiedlich im Ton, im Stil und in ihrer Beschaffenheit, dass man fast nicht glauben mag, dass sie alle aus der Feder eines Autoren stammen. „The Lord of the Rings“ (dt. „Der Herr der Ringe“) ist ein gigantisches, detailverliebtes Epos. [„The Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 (dt. „Das Silmarillion“) ist sowohl Mythos, Epos als auch eine breit angelegte Chronik von Tolkiens imaginärer Welt. „The Hobbit“ (dt. „Der kleine Hobbit“) jedoch, seine erste belletristische Veröffentlichung, ist ein verspieltes und leichtfüßiges Kinderbuch, das auch dem erwachsenen Leser das eine oder andere Lächeln aufs Gesicht zaubern wird. Vergeblich sucht man hier nach dem Faktenreichtum des „Silmarillion“ oder der Handlungsbreite des „Herrn der Ringe“. Stattdessen erzählt Tolkien im „Hobbit“ kurzweilig, gut gelaunt und vor allem mit einem guten Schuss Ironie, der nahelegt, dass der mittlerweile als Genie gefeierte Tolkien seine eigene Geschichte nicht unbedingt bierernst nimmt. Denn der „Hobbit“ soll in erster Linie unterhalten und Spaß machen!

Der Hobbit, das ist Bilbo Baggins, in den besten Jahren, delikatem und reichlichem Essen durchaus zugeneigt und ein Liebhaber guten Tabaks. Abenteuer sind das Letzte, woran er denkt, als Gandalf – seines Zeichens Zauberer – vor seiner Hobbithöhle auftaucht. Gandalf nun, komplett mit spitzem Zaubererhut und dem passenden Stab, sucht für eine Kompanie Zwerge einen vierzehnten Mann und hat sich in den Kopf gesetzt, dass Bilbo die perfekte Wahl wäre. So sieht sich der Arme tags darauf dreizehn hungrigen Zwergen unter der Führung von Thorin gegenüber, die ihn auf eine Reise zum Lonely Mountain mitnehmen wollen, um dem dort ansässigen Drachen Smaug einen ganzen Haufen Gold zu entwenden. Nun hat, wie bereits erwähnt, der sehr respektable Bilbo mit Abenteuern nichts am Hut, doch wäre die Geschichte hier zu Ende, hätte Gandalf es nicht geschafft, Bilbo aus seiner Höhle zu locken. So überstürzt muss er aufbrechen, dass er gar sein Schnupftuch vergisst.

Nun erleben Zwerge, Hobbit und Zauberer allerlei wundersame Abenteuer, bis sie zum Lonely Mountain kommen. So nimmt Bilbo beispielsweise dem geheimnisvollen Gollum einen gewissen Ring ab, der später noch eine prominente Rolle in Tolkiens Schaffen spielen soll. Auf dem Weg nach Rivendell wollen drei hungrige Trolle sie kochen. In den Misty Mountains geraten sie an eine ganze Horde Orks. In Mirkwood müssen sie sich mit Riesenspinnen und scheuen Waldelben rumschlagen. Und schließlich am Lonely Mountain angekommen, gilt es immer noch, einen ziemlich unleidlichen Drachen zu besiegen und einen Krieg zu verhindern, der zwischen Zwergen, Elben und Menschen ob des in greifbare Nähe geratenen Schatzes zu entbrennen droht. Und in all diesen prekären Situationen denkt Bilbo zwar am liebsten an seine gemütliche Hobbithöhle und sein zweites Frühstück; doch alles in allem erweist er sich zumeist als Retter in der Not und durchaus brauchbarer Abenteurer.

Dass „The Hobbit“ als Kinderbuch konzipiert ist, wird ziemlich schnell klar. Ein väterlicher Erzähler nimmt den (jugendlichen) Leser an die Hand, erklärt ihm Hobbits und Zauberer und Mittelerde und hält auch sonst mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Recht amüsant kommentiert er so, was in der Geschichte passiert, spricht den Leser von Zeit zu Zeit auch direkt an. Darüberhinaus ist der Roman in Kapitel eingeteilt, die sich jeweils gemütlich in einer Sitzung lesen lassen und jedes Mal ein abgeschlossenes Abenteuer behandeln. Außerdem ist „The Hobbit“ fast komplett bar aller Hintergrundinformationen, die das „Silmarillion“ und „Lord of the Rings“ zu so reichhaltigen (und schwer verdaulichen) Texten machen. Es wird hier zwar schon auf zukünftige Ereignisse angespielt (die Handlung spielt rund 60 Jahre vor „The Lord of the Rings“) – so begegnet man hier bereits Elrond, Gandalf und auch Sauron wird verschlüsselt erwähnt -, doch im Großen und Ganzen ist der Text viel geradliniger und einfacher als das, was man sonst von Tolkien gewohnt ist. Damit eignet sich „The Hobbit“ auch hervorragend als Einstiegsdroge für jene, die sich Mittelerde langsam und bedächtig nähern wollen.

Die englische Taschenbuchausgabe ist, obwohl preiswert, mit Liebe gestaltet worden. Das elegant schwarze Cover schmücken der Titel in Silber und ein Porträt Smaugs in auffälligem Rot aus der Feder Tolkiens. Und wie es sich gehört, beinhaltet der Roman auch einige Illustrationen, um das Buch für junge Leser ansprechender zu gestalten. Für all jene, die sich in der Geographie Mittelerdes nicht gut auskennen, schmückt die letzte Seite des Romans eine Karte der Route, die Bilbo und die Zwerge genommen haben, sodass man Mirkwood und die Umgebung von Lake Town dort gut nachvollziehen kann.

Zu Recht ist „The Hobbit“ ein Klassiker der modernen Kinderliteratur. Tolkien hat hier mit den Hobbits originäre Kreaturen erschaffen, die Kinder jeden Alters ansprechen dürften. Man erlebt die Geschichte durch Bilbos Augen und mit ihm kann sich der Leser identifizieren. Er ist kein überlebensgroßer Held, sondern ein Persönchen von einem Meter zwanzig, das sein Leben auch gern in der sorglosen Abgeschiedenheit des Auenlandes weitergelebt hätte. Eigentlich vollkommen unneugierig und genügsam, kann er sich doch einer gewissen Begeisterung für die Reise nicht erwehren und dieser Gegensatz des Charakters ist wohl der sympathischste Zug, den Tolkien seinem Bilbo verleihen konnte. Denn ohne es zu wollen, macht das Abenteuer Bilbo zu einem Abenteurer, ohne dass er dadurch ein Held würde. So bleibt er, gerade für Kinder, immer verständlich und begreifbar. Doch auch erwachsene Leser werden sich Bilbos Charme kaum enziehen können!

Hinweis: Unsere Rezension zur deutschen Hörbuchfassung findet ihr [hier.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=130

Taylor, Andrew – verriegelte Fenster, Das

Thomas Penmarsh (Spitzname Rumpy), ein Junge von elf Jahren, ist ein unansehnliches Kind und im Umgang mit Menschen hilflos. Zu seinem Glück steht dem sozial Gehemmten sein Cousin Esmond zur Seite, der das genaue Gegenteil von ihm ist: charmant, gut aussehend, eloquent. Die beiden wachsen gemeinsam in Finisterre auf, nachdem zuerst Esmonds kleine Schwester und wenig später auch seine Mutter versterben. Finisterre – das Ende des Landes – ist der Name des Gutes in Nord-Cornwall, in dem die Penmarshs in der Nähe der Küste residieren. Rumpys verwitwete Mutter hat einen Narren an Esmond gefressen und nimmt ihn quasi als zweiten Sohn an, doch das ist kein Grund für Thomas, eifersüchtig zu werden, denn auch er verehrt Esmond und sieht in ihm einen großen Bruder, für den er alles tun würde. Das neue Familienmitglied, das aus ärmlichen Verhältnissen stammt, profitiert wiederum von der besseren finanziellen Situation der Penmarshs.

Die beiden Jungen gehen gemeinsam durch Dick und Dünn, doch als junger Erwachsener will der lebenshungrige und ehrgeizige Esmond der provinziellen Langeweile und Perspektivenlosigkeit entfliehen und zieht nach London, wo er dubiose Geschäftsideen verfolgt. Der Kontakt zu Finisterre bleibt dennoch aufrecht, und Esmonds Machenschaften in der fernen Großstadt zeitigen letztlich auch hier Auswirkungen.

Mehr als zwei Jahrzehnte später hat der mittellose Esmond mit seiner Freundin in Rumpys Haus Quartier genommen und fühlt sich als eigentlicher Hausherr. Nun, als Alice – die bei entfernten Verwandten aufgewachsene Tochter von Thomas – ihren Besuch ankündigt, sieht er seine Machtposition bedroht. Rumpy sitzt zwischen den Stühlen und hat außerdem Angst vor seinem Kind, das ihm fremd ist. Und Esmond ist kein Mensch, der tatenlos zusieht, wie sich die Dinge zu seinem Nachteil entwickeln …

Mit Sicherheit ist „Das verriegelte Fenster“ kein Roman für jene, die ein Faible für rasante Entwicklungen und plakative Spannungsmomente haben. Deshalb mutet es etwas merkwürdig an, dass das Buch im Klappentext als Psychothriller bezeichnet wird und von Taylor als einem Spannungsautor die Rede ist – so richtig „thrillt“ es hier nicht. Über lange Strecken scheint die Geschichte kaum mehr als eine in gemächlichem Tempo erzählte Biographie zu sein, die sich durch ihre Begeisterung für die Figuren und eine genaue Beobachtungsgabe auszeichnet. Erst kurz vor dem Ende kommt dann das Krimi-Element zum Vorschein. Dennoch wird es wegen der guten Schilderung der Charaktere und des Geschehens nie wirklich langweilig. Auch der Wechsel zwischen vergangener und gegenwärtiger Erzählebene sowie die gekonnt subtile Vermittlung des Eindrucks, dass da etwas unter dem oberflächlichen Schein lauert, entschädigen für die fehlende Geschwindigkeit.

Fazit: Empfehlenswert für alle, die sich für das Ausloten psychologischer Untiefen begeistern können.

_MW_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Thomas Thiemeyer – Medusa

Wie kam das Leben auf die Erde, wie die menschliche Kultur ins Dasein? Und sind wir die Ausnahme in den Weiten des Kosmos? Welche Spuren lassen sich zur Beantwortung dieser brennenden Fragen in Geologie, Anthropologie, Weltraumforschung und Geschichte finden? Welche sprunghaften Ungereimtheiten stellen sich dabei den Forschern in den Weg?

Diese Fragen spielen für Dr. Hannah Peters und ihren Assistenten Abdu Kader zunächst noch keine Rolle, während sie in der algerischen Sahara auf der Suche nach Felsbildkunst sind, wozu Ritzungen oder Malereien zählen, die bis zu 13.000 Jahren alt sein können. Mit einer ausgewachsenen Skulptur in abstrakter und unheimlicher Medusengestalt, die zudem noch älter als diese anerkannten Datierungen ist, aus einem unbekannten Material besteht und mehr neue Fragen aufwirft, als ihre Entdeckung zu beantworten scheint, hätten die beiden allerdings nicht gerechnet. Und wie wichtig die eingänglichen Überlegungen dabei tatsächlich sind, wird sich erst noch herausstellen.

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Cornwell, John – Forschen für den Führer. Deutsche Naturwissenschaftler und der Zweite Weltkrieg

Eine unendliche (und traurige) Geschichte, erzählt in sieben lehrreichen Kapiteln: Wie konnte es geschehen, dass sich ausgerechnet Naturforscher, die für sich selbst in Anspruch nehmen, nur den reinen Fakten verpflichtet zu sein, bis auf wenige Ausnahmen so bereitwillig in den Dienst der Nazis und ihrer absurden, Menschen verachtenden, auf Pseudo-Wissenschaft basierenden Ideologie stellten?

Unter dem Kapiteltitel „Das wissenschaftliche Erbe der Weimarer Republik“ zeichnet Cornwell die Vorgeschichte der „Führer“-Forschung nach. Vor dem I. Weltkrieg war Deutschland ein Mekka der Naturwissenschaften, dessen Vertreter jeden zweiten Nobelpreis gewannen. Schon jetzt gab es hässliche Züge in der insgesamt erfolgreichen Forschergemeinde, war beispielsweise der Antisemitismus eine existente Größe. Doch im Vordergrund stand die Arbeit im Labor und am Zeichenbrett, echte Spinner und Fanatiker wurden erkannt und fachlich ausgehebelt.

Im Kapitel „Die neue Physik (1918-1933)“ greift Cornwell einen naturwissenschaftlichen Teilbereich heraus, um exemplarisch darzulegen, wie der „nationalsozialistischen“ Forschung das Fundament bereitet wurde. Der I. Weltkrieg und seine von der ersten deutschen Republik nie in den Griff bekommenen Folgen – Staatsbankrott, Inflation, politische und wirtschaftliche Dauerkrise, Massenarbeitslosigkeit – verschonte auch die akademische Elite nicht, schürte Konkurrenzneid, Zukunftsangst, Ellenbogeneinsatz. Die Sehnsucht nach der „guten, alten Zeit“ mit ihren klar gegliederten Autoritäts- und Kompetenzebenen ging gefährlich nahtlos in die Bereitschaft über, einen „Führer“ zu unterstützen, der hier Abhilfe versprach.

Damit waren „Nazi-Fanatismus, Willfährigkeit und Unterdrückung (1933-1939)“ freilich Tür und Tor geöffnet. Wissenschaftler sind keine Politiker und in dieser Beziehung tatsächlich oft weltfremd, deutsche Wissenschaftler um 1933 dazu autoritätsgläubig oder gar -hörig. Hinzu kamen die bei der Vergabe begehrter Stellen zu kurz gekommenen oder fachlich unfähigen Vertreter ihres Standes, die unter den Nazis Morgenluft witterten und sich bedingungslos in ein System integrierten, das ihnen den ersehnten Aufstieg ermöglichte. Unerfreuliche Begleiterscheinungen wie den erzwungenen Exodus jüdischer Kollegen blendete man deshalb aus oder begrüßte ihn sogar. Ebenso reagierte man auf den Aufstieg obskurer Nazi-Pseudo-Wissenschaften, die der echten Forschung schadeten und ihrem Ruf ernsten Schaden zufügten.

Nun brach sich „Die Wissenschaft der Vernichtung und Verteidigung (1939-1943)“ Bahn. Nach 1933 wurde allmählich deutlich, dass Hitler zielstrebig für einen neuen Krieg plante und die Wissenschaft als ein Instrument von vielen betrachtete, die ihm die dafür notwendigen militärischen Mittel entwickeln sollten. Die erzwungene Verklammerung von Ideologie und Forschung sorgte dafür, dass dies in Deutschland nur bedingt gelang.

Im Ausland klappte die Zusammenarbeit dagegen besser. „Die nationalsozialistische Atombombe (1941-1945)“ drohte und führte zur Entwicklung eines Gegen-Projekts, an dem sich – Treppenwitz der Geschichte – viele der von Hitler aus dem Land gejagten Physiker beteiligten. Cornwell schildert die eigentlich unlösbare moralische Zwickmühle, in der sich die Beteiligten sahen, als sie die gefährlichste Waffe aller Zeiten schufen, um einem skrupellosen Gegner zuvorzukommen.

Dieser gab unter dem Druck der feindlichen Übermacht in der zweiten Hälfte des Krieges jegliche Rücksicht und moralische Integrität auf. „Wissenschaft in der Hölle (1942-1945)“ zeigt deutsche Naturwissenschaftler als Kriminelle, die Sklavenarbeiter beim Bau wahnwitziger „Wunderwaffen“ einsetzten, grausame medizinische Menschenversuche durchführten und Methoden ersannen, die „Feinde“ des Regimes in Millionenzahl umzubringen.

1945 war dann der Tag der Abrechnung gekommen – scheinbar, denn tatsächlich gediehen nicht nur die Trittbrettfahrer, sondern auch die echten Verbrecher unter den deutschen Forschern „In Hitlers Schatten“ prächtig. Sie wurden gebraucht, um dem neuen Feind – den „Weltsozialismus“ – zu bekämpfen, waren auch sonst eine wertvolle Ressource und mussten daher bei Laune gehalten werden, um sie zur Mitarbeit zu bewegen.

So gibt es zum „Forschen für den Führer“ nicht nur eine Vorgeschichte, sondern auch eine ziemlich ungebrochene Fortsetzung: „Vom Kalten Krieg bis zum Krieg gegen den Terror“ zeigt die Naturwissenschaft auch nach 1945 permanent auf dem Kriegspfad. Die Erfahrungen der Nazi-Ära sowie die Neubeschäftigung vieler ihrer Repräsentanten mag dies mehr gefördert haben als es bisher klar war oder diskutiert werden wollte. Von Vergangenheitsbewältigung kaum eine Spur, so Cornwells Resümee, stattdessen wurde und wird verdrängt und nach altem Muster weitergemacht – mit den zu erwartenden Folgen für die Zukunft.

Adolf Hitler und seine Paladine waren an der Wissenschaft als Instrument für ihre wahnwitzigen Welteroberungspläne interessiert, aber zu dumm, ihre Möglichkeiten und Beschränkungen zu begreifen. Auf diesen kurzen Nenner lässt sich eine grundsätzliche These dieses faszinierenden Sachbuchs bringen. Tatsächlich klafft eine Lücke zwischen dem Selbstverständnis der Nazis als Repräsentanten des modernen Technik-Staates und der traurigen Realität, dass sie die wahren Genies des Landes längst in die Flucht geschlagen, aus ihren Stellen gedrängt oder gar eingesperrt und umgebracht hatten. Übrig blieben die mehr oder weniger fanatischen Mitläufer und Opportunisten, die um ihrer (oft obskuren) Forschungen und ihrer Karrieren willen bereit waren, die Prinzipien der Menschlichkeit aufzugeben.

Was den Verfasser zur einer echten Binsenweisheit bringt: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Intelligenz ist nicht identisch mit Weitsicht oder charakterlichen Qualitäten. So sollte es eigentlich sein, so war es manchmal. Vor allem ist sich in der Krise freilich jede/r selbst der/die Nächste.

Das Regime der Nazis bündelte unheilvoll diverse unschöne bis kriminelle Strömungen in Deutschland, die für sich allein genommen nur eine eingeschränkte Gefahr darstellten. Die Elemente, aus denen sich die Nazi-Wissenschaft zusammensetzte, waren schon lange da, wie uns John Cornwell überzeugend belegt. Sie wären ohne Hitler weiterhin präsent geblieben, aber sehr wahrscheinlich dort, wo sie hingehören: im politisch-gesellschaftlichen Abseits.

So aber wurde Nazi-Deutschland zum Schauplatz eines grausamen Planspiels: Was geschieht, wenn sowohl das Gesetz als auch die Moral außer Kraft gesetzt werden? Nicht nur die Forschung war davon betroffen. Sie fügt sich nur besser ins Gesamtbild, als dies womöglich bisher erkannt wurde.

John Cornwell legt seine Darstellung als Sachbuch mit Romanqualitäten an. Dies fördert zweifellos die Lesbarkeit, was angesichts des zunächst abschreckend wirkenden, weil „trockenen“ Themas wohl auch ratsam ist. Schon nach kurzer Lektüre bestätigt sich einmal mehr die alte Weisheit, dass es im Grunde kaum langweilige Geschichte/n gibt: Sie müssen nur interessant erzählt werden!

Das gelingt Cornwell, indem er die referierenden Passagen immer wieder mit biografischen Fallbeispielen durchsetzt und zusätzlich durch Anekdotisches auflockert. Das manchmal schwer verständliche Geschehen gewinnt auf diese Weise „Gesichter“. Dem Puristen mag dieses Vorgehen zu populistisch sein, aber es erfüllt seinen Zweck.

Ein informatives und gleichzeitig spannendes Sachbuch also. Der positive Eindruck wird allerdings durch die Tatsache verdunkelt, dass der Verfasser praktisch ausschließlich auf Sekundärliteratur zurückgreift und Quellen „aus zweiter Hand“ zitiert – eine aus der Sicht des Historikers zweifelhafte Methode, das „Forschen für den Führer“ eher als Zusammenfassung des Forschungsstandes denn als eigenständige Forschungsarbeit klassifiziert.

Tatsächlich ist John Cornwell als Historiker kein „Grundlagenforscher“, sondern in erster Linie Journalist mit dem Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte. Als solcher darf er sich in der Tat darauf beschränken, die Ergebnisse von Kolleginnen und Kollegen zu raffen bzw. ein konzentriertes Gesamtbild aus ihnen zu destillieren. Unter dieser Prämisse erfüllt das Buch seine Aufgabe, zu informieren und zu unterhalten, allerdings vorbildlich.

Herbie Brennan – Das Elfenportal (Faerie Wars 1)

Henry glaubt nicht an Elfen. Er ist schließlich schon vierzehn! Früher, vor unendlich langer Zeit, als er noch ein Kind war – damals glaubte er die Geschichten über kleine, geflügelte Wesen, die guten Menschen drei Wünsche gewährten. Heute glaubt er nicht mehr an sie. Doch was, wenn ihm ein Elf begegnet?

Der Autor

Herbie Brennan hat zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Nebenbei entwickelt er Spiele und Software und arbeitet fürs Radio. Er lebt in County Carlow in Irland.

Der Inhalt

Der Purpurkaiser herrscht gerecht über das Volk der Elfen. Die Lichtelfen sind zufriedene Untertanen, doch die Nachtelfen scheinen Übles zu planen. Das allein bereitet dem Kaiser schon genug Kopfschmerzen, doch zu allem Überfluss ist sein Sohn Pyrgus, der Kronprinz, verschwunden.

Pyrgus ist ein Tiernarr. Er kann es nicht ausstehen, wenn Tiere gequält werden. So entwendete er den Phönix aus dem Haus Lord Hairstreaks, wobei er unglücklicherweise ertappt wurde. Auf seiner Flucht gelangt er in die Leimfabrik Chalkhill & Brimstone, wo er das nächste erschütternde Erlebnis hat: Die Zauber-Klebe-Formel besteht in einem lebenden Kätzchen, das täglich dem Leim geopfert werden muss! Hier ist also wieder eine Rettungsaktion gefragt – doch diesmal wird Pyrgus prompt von den Wächtern der Fabrik festgenommen, fast zu Tode geprügelt und dem Geschäftsführer – Brimstone – vorgeführt, der gerade einen teuflischen Pakt mit Beleth, dem Fürsten der Dämonen, abgeschlossen hat. Zufälligerweise ist es Pyrgus, den der Dämon als Opfer verlangt, und so kommt Brimstone die Gefangennahme sehr gelegen.

Kurz vor dem Opfergang kommt es zu einem Zwischenfall, der Pyrgus aus dem Dämonenkreis befreit. Bevor Brimstone eingreifen kann, erscheint die Palastwache des Purpurkaisers und eskortiert Pyrgus zum Palast.

Politische Verwicklungen zwischen Licht- und Nachtelfen verlangen höchste Sicherheit für den Kronprinzen, und so soll Pyrgus durch das Elfenportal, das sich im Besitz der Kaiserfamilie befindet, in die Gegenwelt transportiert werden, um dort das Ende der Streitigkeiten zu erwarten. Eine einsame Insel in der Karibik ist das Ziel, doch als man nach gelungenem Transfer überprüfen möchte, ob es dem Prinzen gut geht, ist er nicht auffindbar. Offensichtlich wurde er durch Sabotage an einen anderen Ort befördert …

In der Gegenwelt: Henrys Eltern liegen im Streit. Die Mutter hat eine Affäre mit der Sekretärin ihres Mannes (!), und der soll darum aus dem Familienleben treten. Ob all dieser Ungerechtigkeiten bleibt dem vierzehnjährigen Jungen nur die zeitweilige Flucht. Er geht zu Mr. Fogarty, um dem alten Mann beim Aufräumen seines Hauses oder Gartens zu helfen. Kaum steht er vor dem bruchfälligen Schuppen, als Fogartys Kater einen Schmetterling einfängt. Henry, der sehr tierlieb ist, verbietet dem Kater seine Beute und fördert – keinen Schmetterling zu Tage, sondern ein geflügeltes kleines Menschlein, offenbar ein Elf! Henry glaubt nicht an Elfen, aber er weiß, dass Mr. Fogarty an sie wie auch an Außerirdische und dergleichen glaubt. Also bringt er seinen Fund in die Küche, und mit Hilfe des alten Mannes bringen sie ein Verstärkergerät zustande, das die Stimme des kleinen Wesens hörbar macht.

Henrys Weltanschauung ist über den Haufen geworfen. Es ist tatsächlich ein Elf, und zwar Pyrgus, der Sohn vom Purpurkaiser des Elfenreichs! Ärgerlich für Pyrgus ist, dass der Filter des Portals versagt haben muss und er nun in der lächerlichen Gestalt eines kleinen fliegenden Würmchens in der Gegenwelt ist. Auf jeden Fall ist allen klar, dass Pyrgus so schnell wie möglich in seine Welt zurückkehren muss. Dort steht mittlerweile eine große Konfrontation zwischen Nacht- und Lichtelfen bevor, und auch die Dämonen scheinen einen Plan zu haben …

Kritik

„Das Elfenportal“ mutet erstmal wie ein Jugendroman an – Vierzehnjährige, die in Abenteuer verstrickt werden und das Schicksal der Welt in den Händen halten. Doch Brennan verstrickt in dieser Geschichte Abenteuer gekonnt mit Fantasy, Ironie und Humor, zeigt auf diese Art nicht nur Ausschnitte aus dem – unheimlich vertrauten – Elfenreich, sondern auch Aspekte unserer Gesellschaft, des Familienlebens und des Klischees, dass scheinbar immer die Ehemänner Affären mit ihren Sekretärinnen haben, wenn eine Ehe zu Bruch geht.

Interessant ist auch die Verknüpfung der Elfengeschichte – klein, geflügelt, drei Wünsche – mit dem Außerirdischen-Mythos – dürre, graue, großköpfige Wesen mit riesigen Augen, die Unmengen Amerikaner entführen. Nach diesem Buch wissen wir, woher diese Außerirdischen kommen und was es mit unseren kleinen, niedlichen Elfchen auf sich hat. Und wir haben einen spannenden Einblick in das Leben der echten Elfen bekommen, das sich von dem unsrigen gar nicht so sehr zu unterscheiden scheint. Natürlich gibt es im Elfenreich andere Technik – dort als Magie bezeichnet – und andere Mythen, aber die Wesen scheinen zu fühlen wie Menschen, unabhängig davon, dass sie sich Elfen nennen.

Es hat auf jeden Fall nichts mit den Elben aus Tolkiens „Herrn der Ringe“ zu tun und steht also Abseits der Diskussion, ob die weit verbreiteten Fantasy-Elfen mit Tolkiens Elben identisch sind. Hier handelt es sich tatsächlich um diese kleinen, geflügelten Geschöpfe unserer Märchen, die – wie wir nun wissen – eigentlich gar nicht so klein und schon gar nicht geflügelt sind.

Der Konflikt zwischen Lichtelfen und Nachtelfen sowie den Dämonen ist facettenreich geschildert, und ein Lösungsansatz führt genauso in die Irre wie der nächste. Jede Partei ist überzeugt, die anderen zu durchschauen und hintergehen zu können oder ihnen überlegen zu sein, bis es im Finale zu einer überraschenden Wendung kommt, bei der auch der mysteriöse Mr. Fogarty eine Rolle spielt. Die Geheimnisse, die dieser Mann mit sich herumträgt, tragen allerdings nur noch zu Henrys Verwirrung bei. Ist ihm irgendwann aber auch egal, denn er trifft ja auf Holly Blue, die Schwester von Pyrgus.

Wo wir grad bei den Geschwistern sind: Comma, der Dritte im Bunde, steht nach Pyrgus in der Thronfolge. Und hier sieht man wieder einen Aspekt, der – da nicht eindeutig erwähnt – eventuell aus diesem Buch mehr macht als nur ein Jugendbuch. Mit Ironie wird deutlich, dass Comma zwar auch hintergangen wird, aber als einer der wenigen vom Verschwinden Pyrgus‘ profitiert hätte.

Fazit

Ein schnelllesiges Buch, wenn ich diesen Ausdruck mal kreieren darf. Und wirklich kurzweilig. Wie Mr. Colfer auf dem Umschlag bemerkt, ist dieser Plot durchaus der einen oder anderen Erweiterung fähig. Ein schönes Lesevergnügen, bei dem man nicht selten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Empfehlenswert – mal wieder für jedermann!

Ein wenig Kritik am Einband: Es prangt das Symbol „dtv premium“ darauf. Aber bezieht sich das nur auf den Inhalt und nicht auf die Verarbeitung? Die Verklebung der Seiten lässt – zumindest bei meiner Ausgabe – doch sehr zu wünschen übrig.

Carter, Lin – Tolkiens Universum

Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist an sich schon ein Mammutwerk (meine Ausgabe beispielsweise hat nicht weniger als 1300 eng bedruckte Seiten) und auch (literatur)wissenschaftlich hat man sich immer wieder mit dem Roman auseinandergesetzt. Doch seit der Verfilmung durch Peter Jackson ist nochmal ein ganzer Stoß begleitender Bücher auf den Markt geschwemmt worden, die dem alten und neuen Fan Mittelerde, Elben und böse Zauberringe erklären sollen. Was da Wunder, dass sich auch der |List|-Verlag eine Scheibe vom Kuchen abschneiden wollte. Anders lässt es sich kaum erklären, dass der Verlag ein Buch aus dem Jahre 1969 ausgrub, es mit einem Cover versah, das frappant an das Design der Verfilmungen erinnert, und das Ganze kurzerhand 2002 in deutscher Erstfassung auf den Markt warf. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe weist das Buch als „authentisches Dokument der allgemeinen Faszination aus, die Tolkiens mythisches Universum bereits vor Jahrzehnten ausübte.“ Damit ist bereits in blumigen Worten umschrieben, um was es sich bei Lin Carters „Tolkiens Universum“ eigentlich handelt – nämlich ein Buch, das höchstens noch literaturhistorisch von Interesse ist, ansonsten aber komplett veraltet daherkommt. Einsichten in die Grundlagen von Tolkiens Mythologie und die Fundamente seines Weltenentwurfs finden sich höchstens im letzten Teil von Carters Ausführungen.

Lin Carter war selbst Autor von Fantasyromanen; ein Mann vom Fach also. Er editierte für |Ballatine Books| die „Adult Fantasy“-Reihe und interessierte sich augenscheinlich für den Werdegang der Fantasy in der Weltliteratur. Dass ihn Tolkiens Werk, das bei vielen alten Mythen Anleihen nimmt, dabei besonders faszinierte, überrascht kaum. In „Tolkiens Universum“ versucht er nun, anderen Lesern diese Welt nahe zu bringen, schließlich war „Der Herr der Ringe“ zu diesem Zeitpunkt erst gute zehn Jahre auf dem Markt und begann erst langsam, seinen Kultstatus zu entwickeln. Carter betrat zu seiner Zeit also relatives Neuland und tastete sich dementsprechend vorsichtig an sein Studienobjekt heran.

Zunächst bringt er einige biographische Fakten zu Tolkien, seine universitäre Laufbahn als Professor, sein Interesse für alte Mythen und Legenden (hier nennt er besonders den „Beowulf“ und die [„Edda“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=62 und seine Beschäftigung mit der Form des Märchens.
Von da kommt er auf die Entstehungsgeschichte vom „Herrn der Ringe“ und eine erste kleine Rezeptionsgeschichte, die illustriert, dass ein so unhandliches Buch unmöglich einen einfachen Start haben kann. Dieser Teil von „Tolkiens Universum“ ist mäßig interessant, besonders unterhaltsam muten Carters Spekulationen über den Inhalt des [„Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 an, das zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war.

Um seine Studie über den „Herrn der Ringe“ ordentlich vorzubereiten, bietet Carter dann eine Zusammenfassung sowohl des [„Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22 als auch des „Herrn der Ringe“. Auf nicht weniger als 60 Seiten erläuert er, worum es in den Büchern geht und man fragt sich zwangläufig, an welchen Leser diese Zeilen wohl gerichtet sein mögen. Carters Buch werden sicherlich nur zwei Arten Leser in die Hand nehmen: Diejenigen, die den „Herrn der Ringe“ kennen und tiefer in die Materie einsteigen wollen und diejenigen, die noch vorhaben, das Buch zu lesen. Beide Gruppen werden keine 60-seitige Inhaltsangabe benötigen. Für die einen ist sie überflüssig und für die anderen der ultimative Spoiler. Was Carter also mit diesem Teil seines Buches erreichen wollte, bleibt ungeklärt.

Im Anschluss daran nimmt er den Leser mit auf eine Tour durch die Weltliteratur und erklärt ihm, dass die Form des Epos eine Art Urformel der heutigen Fantasy ist und führt als Beweis unzählige bekannte und unbekannte Epen mitsamt Inhaltsangaben auf. Dies mag lesenswert sein, wenn man sich ohnehin für diese Form interessiert und mehr über „Edda“, „Nibelungenlied“, „Beowulf“ etc. erfahren will. Doch auch für diesen Leser ist Carters Buch nicht unbedingt zu empfehlen. Für einen Überblick bringt er einfach zu viel Material auf zu kleinem Raum und büßt dafür die Tiefe seiner Analyse ein. Seine Betrachtungen bleiben oberflächlich und polulärwissenschaftlich, höchstens ein kleiner Appetitmacher auf Texte wie die „Ilias“. Den Hunger muss man jedoch mit anderen Publikationen stillen. Auch bleibt er den Zusammenhang zwischen den genannten Epen und Tolkiens Schaffen schuldig. Vergleiche werden niemals gezogen und somit stehen Carters Betrachtungen zum Epos frei im Raum ohne direkt für die Tolkien-Analyse herangezogen zu werden.

Im letzten Teil kommt Carter dann endlich zur Sache und gräbt einige Primärtexte aus, die Tolkien beeinflusst und inspiriert haben. Der Mehrwert dieser Entdeckungen ist unterschiedlich. So ist es nicht gerade eine Erleuchtung, herauszufinden, dass „theoden“ (bei Tolkien der König Rohans) das angelsächsische Wort für „Fürst einen Stammes“ ist oder dass „myrkwid“ (engl. „Mirkwood“, dt. „Düsterwald“ – Legolas‘ Heimat) 17-mal in der „Alten Edda“ erwähnt wird. Schon erstaunlicher sind die inhaltlichen Zusammenhänge, wenn er beispielsweise den Sternenfahrer Earendil bis zur „Prosa-Edda“ zurückverfolgt und feststellt, dass die Figur (die ebenfalls Earendil bzw. Orvandel heißt) auch dort mit einem Stern in Verbindung gebracht wird. (Bei Tolkien wird Earendil mit seinem Schiff an den Himmel gesetzt und der Silmaril an seiner Stirn leuchtet den Bewohnern Mittelerdes als Stern der Hoffnung – entspricht dem Morgen- und Abendstern.)

Große Erleuchtungen bleiben bei der Lektüre also aus, was sicherlich dem frühen Entstehungsdatum von „Tolkiens Universum“ geschuldet ist. Wer sich für die Rezeptionsgeschichte Tolkiens interessiert, wird hier sicherlich fündig und kann an Carters Ausführungen ablesen, wie „Der Herr der Ringe“ damals aufgenommen wurde. Wer jedoch wirklich etwas über die Hintergründe des Romans erfahren will, der wird in diesem Buch hauptsächlich im Kreis herumgeführt. Eine Publikation neueren Datums ist da empfehlenswerter und materialreicher.

Michael Marrak – Imagon

Aus H. P. Lovecrafts Elder Gods-Mythos entstand eine Geschichte, die eindrucksvoller nicht sein könnte. Nichts könnte die unheimlichen Großen Alten deutlicher, glaubhafter schildern, nichts vor der Gefahr eindringlicher warnen, die dem Cthulhu-Mythos innewohnt.

Der Autor

Michael Marrak wurde 1965 in Weikersheim geboren, ist gelernter Großhandelskaufmann und besuchte das Berufskolleg für angewandte Grafik in Stuttgart. Mittlerweile lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller und Illustrator in Hildesheim.

Inhalt

Der dänische Geophysiker Poul Silis hasst Schnee. Eines Tages wird er von seinem Institut auf eine merkwürdige Sache angesetzt: In Grönland wurde ein Krater im ewigen Eis entdeckt, dessen Ausmaße nur von einem gigantischen Meteoriten herrühren können – doch keine Station auf der Erde hat seinen Einschlag beobachtet. Es gibt weder die typischen Aufwerfungen des verdrängten Substrats, noch die charakteristische Impaktwolke über dem Gebiet.

Man behandelt den Vorfall mit strengster Geheimhaltung. Silis wird nach Grönland verschifft und trifft auf das Team seines ehemaligen Mentors, Professor DeFries. Es stellt sich heraus, dass der Krater die Spitze eines uralten Tempels in der Front eines Berges freigelegt hat – älter als das intelligente Leben auf der Erde! Unheimliche Symbole zieren den einzig erreichbaren Eingang. Und ebenso unheimlich ist: Silis wird von Alpträumen geplagt, in denen er den Tempel (in seiner Gänze) sieht – mit seinen Bewohnern, grauenhaften Wesen, die das Tageslicht scheuen …

In der Mitte des Kraters findet man ein mehrere Meter durchmessendes Schluckloch, durch welches das Schmelzwasser von den Freilegungsarbeiten am Tempel zurück unter das Eis fließt. Wieder beobachtet Silis unheimliche Phänomene: Das Wasser fließt in der arktischen Kälte kilometerweit und schert sich dabei um keinerlei physikalische Gesetze. So fließt es in einem breiten, flachen Rinnsal schnurgerade zum Schluckloch und überwindet dabei sogar meterhohe Hindernisse.

Ein Experiment am Schluckloch zeigt, dass es seinen Namen zu Recht trägt. Es verschluckt sowohl Rauch (der sich in Spiralen abwärts dreht) als auch Schall! Zwei sich gegenüberstehende Menschen mit dem Loch zwischen sich vermögen sich nicht mehr zu hören. Als eine Magnesiumfackel von Silis in das Loch geworfen wird, bebt der Boden und eine gewaltige Fontäne befördert die Fackel zurück ans Licht. Silis‘ Begleiter wird von einem geleeartigen Klumpen der Masse berührt, die in seinen Körper eindringt. Er verliert das Bewusstsein und Silis erfährt von DeFries merkwürdige Geschichten über die Großen Alten, die Älteren Götter und unheilige Wesen.

Silis‘ Begleiter ist dem Tode geweiht, Silis selbst zweifelt an seinem wissenschaftlichen Verstand wie auch an dem seines ehemaligen Mentors DeFries. Ein Inuit-Schamane verhilft ihm zu einer Traumbegegnung mit Sedmeluq – danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Silis steigt in den Tempel hinab, auf der Suche nach Antworten. Er betritt eine gigantische Halle, die er aus seinen Träumen zu kennen glaubt. In ihrer Mitte befindet sich eine Mulde, in der sich eine tiefschwarze Masse bewegt, die Silis sofort als Qur identifiziert: Das unheilige Medium, dem die Älteren Götter entstiegen. Hier ist das Tor zur anderen Seite, das nicht geöffnet werden darf. Doch keiner der Wissenschaftler zieht Silis endgültig ins Vertrauen, denn sie wissen, dass er ein Imagone ist, der als Schlüssel zu dieser Welt von Sedmeluq ausersehen wurde …

Kritik

Man rätselt mit dem Protagonisten. Es gibt Bücher, in denen man stets mehr weiß als die Handlungsträger und allzu oft denkt: Oh Mann, dies und das ist doch so und so, siehst du das nicht?
In „Imagon“ ist das anders. Man weiß immer nur so viel wie Poul Silis, und das ist deutlich weniger als die meisten anderen in der Geschichte wissen. Es scheint, als würde das Wissen vor ihm verborgen werden, und so erfährt man nur Schritt um Schritt die erklärenden Verhältnisse, Erzählungen aus dem von DeFries zusammengetragenen ‚Taaloq‘ und eigenen Gedanken aus den Erlebnissen des Ich-Erzählers, eben Poul Silis.

Man wird ebenso wie er vor den Kopf gestoßen von Dingen, die in unserem Verständnis der Welt unmöglich sind. Aber man rutscht auch ebenso wie er in die Finsternis hinein und beginnt, an diese Dinge zu glauben, zweifelnd erst, dann mit wachsender Überzeugung. Es ist unheimlich, wie Marrak es schafft, uns Lesern über unwirkliche, aber äußerst plastische Erlebnisse des Erzählers einen Pseudomythos als wirklichen, uralten Mythos vorzulegen und uns schließlich glauben zu machen, dass die wichtigen Details des Mythos wahr sein könnten …

Was schließlich wirklich mit Poul Silis geschieht, will ich hier nicht verraten, denn das würde eine Menge der Spannung nehmen, die dem Buch innewohnt. Wer Marraks „Lord Gamma“ gelesen hat, kann eine Ahnung von der Vielfalt und Abstrusität haben, die zu dem mitreißenden und ebenso kalten, unheimlichen Roman werden, der mich nicht mehr losgelassen hat, bis ich mit den letzten Seiten an einem Ende angekommen war, das mich für einige Minuten hilflos zurückließ, ehe es mit seiner ganzen Aussagekraft durchdrang und als Ende bedeutungsschwer stehen blieb.

Vor einigen Jahren schrieb Michael Marrak eine Novelle mit dem Namen „Der Eistempel“, deren Plot wohl nach Größerem rief. Auf ihr basiert der vorliegende Roman, wobei die Novelle wiederum von Lovecrafts Elder Gods- oder Cthulhu-Mythos inspiriert wurde. Wenn man sich jetzt an Lovecrafts Roman „Berge des Wahnsinns“ erinnert (so man ihn kennt), wird man in „Imagon“ kein simples Remake finden, sondern eine echte, hervorragende, eigenständige Geschichte zu einem gemeinsamen Thema, dem Mythos um die Älteren Götter.

Fazit

„Imagon“ ist kalt, hart, unheimlich, bizarr und spannend, aber in keinem einzigen Moment wirkt er unglaubwürdig, zäh oder plakativ. Man glaubt dem Erzähler, dass er seine Geschichte erlebt hat und von ihr geprägt wurde; man glaubt auch dem Autor jegliche Details, als wäre er gar nicht vorhanden, sondern als handle es sich um Fachwissen des Geophysikers Poul Silis. Man ist geneigt, einen Punkt für das Ende abzuziehen, bis man noch einmal darüber nachgedacht und die Geschichte sich hat setzen lassen. Ich zumindest bin der Überzeugung, dass es kein anderes Ende hätte geben können. Darum Hut ab vor Michael Marraks Leistung – und volle Empfehlung!

Wer es gern solider mag, findet das Buch übrigens auch noch in der Originalausgabe von Festa (2002) als Hardcover unter der ISBN 3-935822-12-X.

Das Titelbild stammt übrigens von Marrak selbst, und der Roman wurde ausgezeichnet mit dem Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschen SF-Roman des Jahres 2002!

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

Michael Capuzzo – Der Hai

1916 attackiert und tötet ein Hai an der US-Ostküste mehrere Menschen. Eine landesweite Hysterie bricht aus, denn die Natur meint man längst im Griff zu haben; ein Irrtum, dessen kollektive Wirkung die realen Ereignisse weit übertrifft … – Was zunächst übertrieben klingt, weiß Autor Capuzzo, ein Journalist, ebenso faktenkundig wie spannend zu begründen. Das Ergebnis ist ein Sachbuch mit Romanqualitäten und überaus lesenswert.
Michael Capuzzo – Der Hai weiterlesen

Salvatore, R. A. – Invasion der Orks, Die (Die Rückkehr des Dunkelelf 1)

Die von dem in die USA emigrierten Schweizer Gary Gygax erfundene |Dungeons & Dragons|-Reihe („Verliese und Drachen“) – kurz D&D oder AD&D („advanced“) – darf sich rühmen, das populärste Fantasy-Rollenspiel der Welt und Urvater von Systemen wie dem in Deutschland bekannten DSA („Das Schwarze Auge“) oder Midgard zu sein.

Ein Welterfolg, der wie nicht anders zu erwarten auch auf jede erdenkliche Weise vermarktet wird. Vom ursprünglichen „Pen & Paper“-Rollenspiel wurden neben Zinnfiguren (Ral Partha), Kartenspielen und sonstigen Fanartikeln und Spielideen auch etliche Computerspiele („Pool of Radiance“, „Eye of the Beholder“, „Baldur’s Gate“) mehr oder minder inspiriert.

Auch auf dem Buchmarkt ist die Reihe erfolgreich, die der „Forgotten Realms“ oder deutsch „Die Vergessenen Reiche“ dürfte neben „Dragonlance“ die wohl bekannteste AD&D-Fantasywelt sein.

_Sympathieträger mit Burnout-Syndrom_

Maßgeblichen Anteil an der Popularität dieser Welt und eines ihrer schillerndsten Charaktere, dem Dunkelelfen Drizzt Do’Urden, hatte ihr Autor und Schöpfer, der 1959 geborene Amerikaner R. A. Salvatore. Salvatore hatte mit dem ersten Band der Vergessenen Reiche „The Crystal Shard“ / „Der gesprungene Kristall“ so großen Erfolg, dass er der wohl schillerndsten Figur, dem ganz entgegen der sonst bösartigen Natur seines Volkes „guten“ Drow Drizzt, eine eigene Trilogie, die |Saga vom Dunkelelf|, gewidmet hat.

Der krummsäbelschwingende Dunkelelf und seine Freunde, der Zwerg Bruenor, der Barbar Wulfgar, der Halbling Regis und Catti-brie (eine Menschenfrau – der so genannte Quotenmensch) kämpften sich fortan durch unzählige Abenteuer, bis hin zu dem Punkt, an dem Salvatore ein wenig die Ideen ausgingen. Die kurzweilige Action und Faszination einer gewaltigen, langsam auf gigantische Ausmaße gewachsenen Fantasywelt reichte nicht mehr – was nun?

Nach dem Ende des bösen Pendants von Drizzt, Artemis Entreri, und einigen faszinierenden Ausflügen in das legendäre Unterreich der Dunkelelfen, hatte Salvatore einige fatale Ideen: Ein bisschen viel Seifenoper, Wulfgar wurde zum Alkoholiker, von Dämonen gefoltert, er verliebte sich in Catti-brie, behandelte sie schlecht, musste über satte vier Bände von seinen Freunden vor sich und der Welt gerettet werden. Nachdem am Ende Drizzt selbst seine Zuneigung zu Catti-brie entdeckte und Wulfgar mit einer neuen Freundin und Familie versorgt und ein Intermezzo auf den Meeren Faerûns beendet worden war, konnte ich nicht anders als den Niedergang der einstmals so geliebten |Swords & Sorcery|-Reihe zu bedauern. Das war es wohl nicht, was die Fans lesen wollten. An die alten Klassiker kamen diese Romane bei weitem nicht mehr heran.

_Ein Neuanfang?_

Während Salvatore über einer Fortsetzung brütete, erschien mit dem „Krieg der Spinnenkönigin“ eine Reihe von Romanen von Jungautoren, die sich so in den Vergessenen Reichen ihre ersten Sporen verdienen durften, wie Richard Lee Byers mit dem ersten Band [„Zersetzung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=183 in der Dunkelelfen-Metropole Menzoberranzan.

Der Altmeister selbst legt eine neue Trilogie vor, die bezeichnenderweise „Die Rückkehr des Dunkelelf“ (US: „The Hunter’s Blades“) heißt und mit den dank der Verfilmung des |Herrn der Ringe| derzeit sehr populären Orks aufwarten kann… sogar gleich mit tausenden davon:

_“Die Invasion der Orks“ / „The Thousand Orcs“_

Drizzt zieht mit seinen Freunden und Bruenor Heldenhammers Zwergensippe heim, nach Mithrilhalle. Alle sind froh über Wulfgar, der sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hat. König Bruenor plant, auf dem Heimweg die Konkurrenz von Mithrilhalle, die Stadt Mirabar, aufzusuchen und den dort zusammen mit Menschen lebenden Zwergensippen einen Besuch abzustatten, Kontakte zu knüpfen und ein wenig Spionage zu betreiben – denn der Markgraf Elastul ist wegen der wirtschaftlichen Einbußen, die Mirabars Bergwerke und Schmieden wegen der überlegenen Qualität der Waffen und Erze aus Mithrilhalle erleiden, ausgesprochen feindselig gestimmt.

Der Besuch verläuft friedlich, jedoch verursacht er einen Bruch zwischen den seit Jahrhunderten mit den Menschen Mirabars zusammenlebenden Zwergen und dem Markgrafen, der ihnen auf unkluge Weise vorwirft, mehr auf ihre Verwandten aus Mithrilhalle zu achten denn auf die Interessen Mirabars.

Während Drizzt und Bruenor weiterziehen, wird dessen Wunsch, die geheimnisvolle Zwergenfeste Gauntlgrym zu suchen und so der Langweile des Herrschens in Mithrilhalle zu entgehen, auf ihm nicht unliebe Weise von Orks vereitelt:

Eine Schar Orks und Frostriesen hat einen Trupp Zwerge überfallen, und das Menschendorf, in dem die Überlebenden gepflegt wurden, niedergebrannt. Bruenor persönlich zieht mit einer kleinen Truppe Zwerge und seinen kampferprobten Gefährten den Orks entgegen, während er die anderen Zwerge nach Mithrilhalle schickt.

Doch alle haben die Gefahr unterschätzt: Der Ork Obould und die Frostriesin Gerti haben dank der Hilfe abtrünniger Dunkelelfen eine unheilige Allianz gebildet, die ein gewaltiges Heer in Richtung Mirabar entsendet hat. Die Orks überrennen das Dorf, in dem Bruenor sich verschanzt; der alleine hinter den feindlichen Reihen kämpfende Drizzt kommt zu spät und findet nur noch Leichen unter von den Frostriesen geschleuderten Steinen und eingestürzten Gebäuden, hält seine Freunde fälschlicherweise für tot. Während Bruenor verschüttet und abgeschnitten von seinen Zwergen ist und Drizzt ihren Tod betrauert, schickt Markgraf Elastul seine fähige Beraterin Shoudra Sternenglanz zwecks Sabotage nach Mithrilhalle …

_Ein Schritt in die richtige Richtung …_

Besondere Überraschungen und Finessen bietet die Handlung nicht gerade, andererseits zeichnet sich „Die Invasion der Orks“ durch viele der alten Stärken Salvatores aus, die vorhergehenden Bänden leider völlig abgingen.

So hat Salvatore angenehm vielfältige Handlungsebenen miteinander verknüpft, von dem Ork Obould und seinem dümmlichen Sohn Urlgen und ihrem Bündnis mit den Frostriesen bis hin zu den vier Dunkelelfen, die aus verschiedenen Gründen das Unterreich verlassen und Asyl an der Oberfläche suchen mussten, wo es vor allem den in ihrer Heimat von den Drow-Frauen unterdrückten Männern ausgesprochen gut gefällt. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, schon der Prolog, der Überfall auf die kleine Zwergenschar, liest sich sehr angenehm, wie auch spätere Dialoge der Orks recht kurzweilig sind.

|“‚Warum kämpfen wir überhaupt gegen die verdammten Zwerge?‘ wagte ein anderer aus der Gruppe zu fragen. Obould drehte sich um und versetze ihm einen Hieb, der ihn zu Boden warf. So viel zu diesem Diskussionspunkt.“|

Angenehm auch die differenzierte Darstellung des Zusammenlebens der Zwerge und Menschen in Mirabar, bei der mir besonders die gelungene und glaubhafte Darstellung der schönen und klugen Sceptrana Shoudra Sternenglanz, der menschlichen Beraterin Elastuls, gefallen hat. Die Handlung ist kurzweilig, humorvoll und in gewissem Sinne sogar originell, die Dialoge des Markgrafen mit seinem überschätzten Alchemisten, dem Gnom Nanfoodle, sind gut durchdacht und eine gelungene Umsetzung des Klischees des chaotischen Gnomen-Alchemisten, der bei seinen Versuchen, die Qualität des Erzes zu verbessern, vermeintlich große Erfolge erzielt, die sich bei genauerer Betrachtung aber als ganz gewöhnliche Legierungen mit höherwertigen Metallen erweisen …

Salvatore packt aus, was die Vergessenen Reiche an Kulturen, Abenteuern und Rassen zu bieten haben, was mir sehr gut gefallen hat, leider hat sich meine Begeisterung im letzten Drittel merklich gelegt.

Neben zwei Mondelfen und ihren Pegasi konnte er es sich nicht verkneifen, Dick und Doof, pardon, Pikel und Ivan, die lustigen Kameraden des Zwergenklerikers Cadderly, ebenfalls in das Kampfgebiet zu schicken. An beiden scheiden sich die Geister, jedoch hätte ich es begrüßt, wenn stattdessen den bereits vorgestellten neuen Figuren mehr Raum eingeräumt worden wäre, als dieser das Buch unnötig in die Länge ziehende Episode mit den Elfen und den beiden Zwergen. Diesen Platz hätte man auf den Charakter des Markgrafen verwenden können, der nur selten glänzt und oft inkonsistent als dümmlich die Zwerge vergrätzender Tyrann dargestellt wird, was nicht zu der nachvollziehbareren Darstellung seiner klugen Berater wie Agrathan und Shoudra passt, denen Salvatore wohl einen Maulkorb verpassen musste, um ihren Herren unberaten ins Verderben rennen zu lassen.

Unpassend zu dem derben, einfachen Humor ist auch der leidige Versuch, Drizzt und seinen Gefährten tiefere Gefühle verleihen zu wollen. Bei diesem kampflustigen Haufen wirken tiefenpsychologische Erklärungsversuche einfach nur lächerlich, zum Beispiel rettet Wulfgar seine ehemalige Liebe Catti-brie, die nun die Gefährtin von Drizzt ist, wofür Drizzt ihm dankt, was ihn aber beleidigt, weil es unter Gefährten ja selbstverständlich ist und es so wirkt, als wäre das, was er getan hat, mehr, als er von ihm erwarten könne. Inklusive der Befürchtung, Wulfgar könne wieder ein Auge auf Catti-brie werfen … Mit diesen Liebesgeschichten und Wulfgars Alkoholproblemen hat Salvatore einige seiner schlechtesten Romane verbrochen, warum wärmt er diesen alten Käse also noch einmal auf, er stinkt zum Himmel.

_Unterm Strich …_

Nach dem überzeugenden, humorvollen und gelungenen Auftakt enttäuscht das Ende leider sehr, ein Rückfall in bekannte Unarten. So leuchtet es nicht ein, wie fünf Frostriesen Drizzt weit vom Kampfgebiet wegjagen können, hat er doch schon ganz andere Monster mit dem Dönermesser zu Konfetti verarbeitet. Leichtgläubig scheint der Elf auf seine alten Tage auch zu werden – stammt nicht von ihm auch der Spruch, er glaube nicht an den Tod einer Person, solange er nicht ihre Leiche mit eigenen Augen gesehen habe, und selbst dann gäbe es unter Umständen noch Zweifel? Bruenors Helm und ein Haufen Steine überzeugen ihn jedenfalls, dass alle mausetot und erschlagen sind.

Schade, einige hundert Seiten weniger, ein überzeugenderes Ende und der Roman hätte fast wieder an alte Ruhmeszeiten anschließen können. So ist er zwar empfehlenswert, aber auch nur für Fans der Vergessenen Reiche, als Einstieg ist er schon wieder viel zu komplex, trotz der verlockenden „Orks“ im Titel. Auf ganzer Linie überzeugen können jedoch Lektorat und Übersetzung, Regina Winter hat sich bis auf einen kleinen Lapsus (Aegis-fang statt Aegisfang für Wulfgars Hammer) keinerlei Fehler geleistet und den Roman sehr flüssig und gut zu lesen übersetzt, was besonders bei den lebendigen Diskussionen der Orks und des Alchemisten mit Elastul angenehm auffällt.

Trotz der Wermutstropfen ist „Die Invasion der Orks“ ein kurzweiliger, unterhaltsamer Fantasyroman für Rollenspieler. Zwar, wie nicht anders zu erwarten, kein anspruchsvolles Meisterwerk, aber ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beweis dafür, das Salvatore nicht umsonst der Altmeister der Vergessenen Reiche ist.

Neue Welt-Kriegs-Ordnung

Der Autor des Buches, auf das nachfolgend Bezug genommen wird, ist Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und seine Arbeit ist die wohl erste wirkliche politische Analyse der neuen Weltlage nach den Attentaten auf das World Trade Center, das als Standard- und Nachschlagewerk bezeichnet werden kann.

Die neue Weltordnung beginnt nicht mit den Anschlägen, sondern lange zuvor. Erstes Zeichen ihrer Effektivität war allerdings der Jugoslawienkrieg, wo die völkerrechtswidrige Komplizenschaft anderer Staaten von den USA erfolgreich eingefordert wurde und auch das heute noch funktionierende personifizierte antiserbische Feindbild vom „Diktator Milosevic“ aufgebaut wurde. Mit dem Verfahren gegen ihn ging es der USA vor allem darum, nachträglich eine Legitimation für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien zu erhalten. Zum anderen wird eine Verurteilung von Milosevic und anderen jugoslawischen Repräsentanten als Kriegsverbrecher ein Zeichen für die Zukunft setzen: Den Repräsentanten aller Staaten, die sich den USA in irgendeiner Weise entgegenstellen, wird damit vor Augen geführt, auf wessen Seite in jedem dieser Fälle das Recht ist, wer im Rahmen der „Neuen Weltordnung“ über das Völkerrecht bestimmt und mit welchen Nachdruck dieses „Recht“ gefunden und vollstreckt wird. Dass Milosevic und seine Staatsorgane die ihm von der NATO und der Bundesregierung angehängten Verbrechen größtenteils gar nicht verübt haben, will bis heute niemand wirklich wissen.

Auch nach dem Inferno vom 11. September standen die Täter innerhalb von Minuten fest. Und obwohl die US-Regierung bis heute der Öffentlichkeit jeden Beweis für ihre Behauptung, Bin Laden sei es gewesen, schuldig geblieben ist, bestreitet die Friedensbewegung auch dieses Mal die Schuldzuweisung nicht, sondern ruft wieder nur nach anderen als militärischen Waffen zum gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Nachhilfeunterricht für die westlichen Bevölkerungen wäre dringend angeraten.

Nach dem Scheitern des Kommunismus sind natürlich die Ideologien des Islam die einzigen nennenswerten Kräfte, die sich der neuen Ordnung der globalisierten Welt – mit Amerika an der Spitze – entgegenstellen. Verschärft wird das Ganze von Ideen wie denen Huntingtons, der die Nachfolge von Oswald Spengler angetreten ist. Dieser war zwar kein Nationalsozialist, gehörte aber zu den geistigen Wegbereitern des Nationalsozialismus. In seinem „Untergang des Abendlandes“ ging er von acht Hochkulturen mit eigenen Zivilisationen aus, zwischen denen keine Verständigung oder Übergänge möglich seien. Deswegen sah er nur die Möglichkeit des Krieges als ewige Form höheren menschlichen Daseins und Deutschland wurde damals die Rolle zugewiesen, die letzte Entscheidungsschlacht für das Abendland zu führen.

Huntington setzt bei solchen Kulturmodelle an und befindet, dass der Westen kein heutiges Problem mit gewalttätigen islamistischen Minderheiten hat, sondern dass das Christentum und der Islam bereits seit 1400 Jahren im Krieg miteinander stünden. Der Konflikt liegt aber in der Ähnlichkeit der monotheistischen, missionarischen gemeinsamen Merkmale, in denen kein anderer Glaube gestattet ist. Die analogen Konzepte des „Dschihad“ und des „Kreuzzugs“ unterscheiden diese beiden Religionen zusammen mit dem Judentum von allen anderen Kulturen.

Die seit der Kolonialisierung Arabiens sich immer mehr zuspitzende Lage eskalierte endgültig mit der Einmischung des Westens in den afghanischen Bürgerkrieg durch die Sowjetunion und das militärische Engagement der USA im ersten Golfkrieg 1990/91, wo diese in einem inner-islamischen Konflikt intervenierte. In Huntingtons „Kampf der Kulturen“ geht es allerdings dennoch auch um machtpolitische und ökonomische Interessen. Der Golfkrieg war der erste um Ressourcen geführte Krieg zwischen Kulturen nach dem Kalten Krieg. Es ging darum, ob der Großteil der Erdölreserven der Welt von der saudi-arabischen und von Emirats-Regierungen kontrolliert würde, deren Sicherheit von der westlichen Militärmacht abhing, oder von unabhängigen antiwestlichen Regierungen.

Der im Kampf der Kulturen erscheinende islamische Fundamentalismus muss natürlich als Ergebnis der Begegnung mit dem Kolonialismus und Neo-Kolonialismus gesehen werden. Er steht am Ende der geschichtlichen Wirkung der ehemaligen Kolonialmächte und des Westens der letzten rund 150 Jahre, in denen das „islamische Haus“ gründlich umgeräumt wurde. Das Feindbild vom „Islamischen Fundamentalismus“ ist nur möglich, da der Islam als statische Religion und Kultur im Sinne von Rückständigkeit und Barbarei gesehen wird und die Einwirkung des „Westens“ als Vermittlung der „Moderne“. Das ist aber nicht tatsächlich so, denn es gibt in der arabischen Welt auch Marxisten, revolutionäre Demokraten, linke Liberale usw., und diese sind immer der eigentliche Feind der USA gewesen. Gegen diese Kräfte wurde der islamische Fundamentalismus durch die USA mobilisiert und aufgerüstet.

Die Militarisierung des islamischen Fundamentalismus ist eine besondere Leistung der Führung der USA in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewesen. Auch die israelische Führung hatte den Islamismus, speziell die |Hamas|-Bewegung, zunächst begünstigt, weil sie die Hauptgefahr in den nationalistischen Kräften der PLO sah. Der israelische Geheimdienst Mossad hat in diese Richtung eine Reihe verdeckter Operationen durchgeführt und islamische Gruppen in einem solchen Ausmaß durchsetzt und unterwandert, dass – gerade auch in der Gegenwart – schwer auszumachen ist, wer die eigentlichen Drahtzieher terroristischer Aktionen von Palästinensern sind. Hier muss die gleiche Frage gestellt werden wie beim Anschlag vom 11. September, wer die eigentlichen Nutznießer sind. Die Rolle von Mossad und CIA bleibt immer verschwiegen.

Die alten Kolonialstaaten verteidigten – trotz UNO und Völkerrecht – das „Besitzrecht“ an ihren Kolonien, und die Länder der „Dritten Welt“ konnten ihr von der Weltgemeinschaft formal verbürgtes nationale Existenzrecht nur durch entschlossenen Widerstand durchsetzen. Die Rechtfertigung für barbarische Bombenkriege mit völkerrechtlich geächteten Splitterbomben gegen eine elendes und zerstörtes Land wie Afghanistan, das keinen Krieg erklärt hatte und überhaupt keinen Krieg führen wollte und sich auch kaum wehren kann, ist eine schwierige Aufgabe. Deswegen wird solch ein Land dann zum Hort von etwas außergewöhnlich Bösem gemacht, das die ganze Welt in tödlicher Weise gefährdet. Dieses Böse macht man in einer Person fest: Osama Bin Laden. Dieser wird von den |Taliban| beschützt und diese wiederum regieren über das afghanische Land. Also wird mit allen Mitteln das Land zerbombt, um die Taliban zu vernichten und damit wird auch Bin Laden getötet. Und dann hat man sein weltweites Netzwerk vernichtet. Ziemlich simpel, solche absurden Rechnungen.

In der Realität hatte Bin Laden nur eine geringe Rolle bei den Taliban gespielt und wurde von den USA zur Hauptfigur aufgewertet. Pervers ist natürlich, dass die Taliban in heutiger Form von den USA gegründet wurden, die mit CIA und Pakistans ISI den afghanischen Dschihad in einen globalen Krieg aller islamischen Staaten gegen die Sowjetunion verwandeln wollten. Der islamische Dschihad wurde von den USA und Saudi-Arabien zu einem bedeutenden Teil mit den Fonds finanziert, die der Drogenhandel im Goldenen Halbmond abwarf. Die US-Waffenlieferung an die Mudschaheddin wurden kontinuierlich erhöht und die CIA spielte bei der militärischen Ausbildung die Schlüsselrolle.

Es geht nicht nur ums Öl, sondern auch um den internationalen Drogenhandel, zwei Drittel des Opiums im Wert von mehreren Milliarden Dollar werden dort produziert. Mit diesem Drogenhandel wurden auch die Bosnische Moslemische Armee und die Kosovo-Befreiungsfront UCK finanziert und ausgerüstet. Auch in Tschetschenien wurden die Hauptführer der Rebellen, Schamil Basajew und Al Khattap, in CIA-geförderten Lagern in Afghanistan und Pakistan ausgebildet und indoktriniert. In grausamer Ironie wird aber der islamische Dschihad von der Regierung Bush als eine Bedrohung Amerikas dargestellt und für die terroristischen Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich gemacht. In der Realität sind dieselben Organisationen aber das Schlüsselinstrument der militärisch-geheimdienstlichen Operationen der USA auf dem Balkan und in der früheren Sowjetunion.

Der islamische Fundamentalismus in Gestalt der Taliban ist natürlich zu verurteilen. Er war das strengste islamische System in unserer Welt. Vor allem Frauen wurden unterdrückt wie nirgends. Sie durften ihre Häuser nicht verlassen, weswegen 25.000 Familien von Kriegerwitwen den Hungertod starben. 80 Prozent der Afghanen gehören allerdings der sunnitischen |Hanafi|-Sekte an, der liberalsten aller vier sunnitischen Schulen. Das Glaubenssystem ist dezentral organisiert. Seit Jahrhunderten wollte der traditionelle afghanische Islam deswegen ein Minimum an Staat. Auch sind die Sufi-Orden recht bedeutend, die sich schon seit dem Mittelalter in Reaktion auf Autorität und Gesetz bildeten. Die afghanischen Mullahs waren nicht dafür bekannt, dem Volk den Islam aufzuzwingen und haben sich 1979 auch nicht den radikalen Mudschaheddin-Parteien angeschlossen. Der Durchbruch des islamischen Fundamentalismus Afghanistans kam nicht aus der Historie des Landes, sondern vornehmlich aufgrund der US-Tätigkeiten.

In den Kämpfen gegen eine vom CIA militarisierte Taliban hatte die traditionelle islamische Führerschaft allerdings keine Chance und verlor die zahlreichen Bürgerkriegskämpfe innerhalb des Landes. Es war wie überall in der arabischen Welt. Der Genius der frühen muslimischen-arabischen Zivilisation – die multikulturelle und multireligiöse Vielfalt, die Vielvölkerei – wurde durch eine brutale Diktatur mit engstirniger Theologie, gegründet durch den Westen, ersetzt. Damit die USA dann diese Stellung ins Gegenteil verkehren und zum Beginn eines weltumspannenden Krieges zu machen konnten, mussten sie alle Elemente der Wahrheit herausfiltern, entfernen und ins Gegenteil umformen.

Wenn man jeden anklagte, der Bin Laden gefördert hat, dann würden die USA in enger Verbundenheit mit Saudi-Arabien und Pakistan auf der Anklagebank ganz vorne sitzen und die Taliban nur am Rande. Bin Laden zu finden – tot oder lebendig – war der größte und kostspieligste Misserfolg in der bekannten Militärgeschichte, geprägt von ungewöhnlicher Dummheit, Peinlichkeit und Lächerlichkeit und – angesichts der sinnlosen Vernichtung unschuldiger Menschen und ihrer Existenzgrundlagen – von äußerster Gewissenlosigkeit und Brutalität. Wenn es aber wirklich darum gegangen wäre, die entscheidende Brutstätte von Bin Laden zu treffen, dann hätten die USA Pakistan bombardieren müssen.

Tatsächlich schien der ehemalige CIA-Mann Bin Laden 1998 umgekippt zu sein, indem der den Dschihad gegen Amerika ausrief und versuchte, einen Dachverband „Internationale islamische Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter“ zu organisieren. Deren Manifest orientierte sich allerdings auf Aktionen im arabischen Raum, dessen islamische heilige Orte seit Jahren von den USA besetzt sind und dessen Reichtum geplündert wird. Auf diese Organisation aber bezieht sich interessanterweise das Feindbild der USA gar nicht, sondern sie wählten stattdessen ein ominöses Netzwerk „Al Quida“. Irgendwie scheint das bedrohlicher zu klingen, obwohl die Übersetzung einfach „die Datenbank“ bedeutet (wörtlich: die Basis von Daten). Hinter einer solchen Datei verbirgt sich für die Amerikaner eine streng geheime Terroristenorganisation. Sachlich ist das völlig abwegig, denn in dieser Datei sind lediglich alle Dschihadisten erfasst, die im Auftrag der USA gegen die Sowjetunion gekämpft hatten.

Unter Fachleuten ist auch die Einflussnahme einer Al Quida wie auch einer „Islamischen Front“ auf die begangenen Anschläge – speziell auch die des 11. September – mehr als umstritten. Vor allem gehört die weltweit funktionierende Kommandozentrale, die in Afghanistan gesessen habe, der Welt der Märchen an. Unsinnig ist es auch, eine Beteiligung der Taliban an internationalen Aktionen zu behaupten. Die Taliban hätten Bin Laden auch ausgeliefert, aber ihre Bedingung, dass ihr Regime dafür anerkannt würde, wurde nicht erfüllt. Der unbedeutende Bin Laden war längst zur Belastung für sie geworden.

Im Zuge der Neuen Weltordnung gilt es aber auch ebenso, den Blick von diesen Krisengebieten auf die Innenpolitik der westlichen Ländern zu werfen. Bush hat mit einem Ministerium für Heimatschutz und Staatssicherheit (Jahresbudget 38 Milliarden Dollar, über 170.000 Mitarbeiter) ein perfektioniertes Spitzel- und Denunziantensystem geschaffen, wo schätzungsweise 12 Millionen „Heimatschützer“ bei der Überwachung ihrer Nachbarn und Kollegen tätig sind. Nach dem Anschlag 2001 wurden neue Militärgerichte gegen terrorismusverdächtige Ausländer geschaffen. Solche Sondergerichte hat es bisher nur für die Aburteilung von Nazi-Saboteuren im Zweiten Weltkrieg gegeben. Die Öffentlichkeit wird völlig ausgeschaltet. Sie erfährt nicht, wer verhaftet wird (mittlerweile einige tausend in den USA lebende Araber und Angehörige anderer Volksgruppen), und das Strafmaß, der Ort und die Zeit der Verurteilung bleiben verborgen. Die Urteile gehen bis zur Todesstrafe. Während ansonsten bei Militärtribunalen Einstimmigkeit gefordert wird, reicht hier eine Mehrheitsentscheidung zur Verurteilung aus. Mit dieser Verordnung ist ein Standard eingeführt worden, der nur in Militärdiktaturen üblich ist. Die Sondergerichte können weltweit abgehalten werden. Weder Senatoren noch Mitglieder des Repräsentantenhauses wurden vor der Einführung von Bush zu diesen Gesetzen in irgendeiner Weise überhaupt konsultiert.

Eigentlich ist die imperiale Strategie der USA auch darin deutlich zu sehen, dass selbst nach dem Ende des Kalten Krieges amerikanische Truppen im Ausland stationiert bleiben. Nach dem Wegfall des Erzfeindes aus dem Kalten Krieg sind die Amerikaner auf ein monsterhaft konstruiertes Feindbild angewiesen, um die Strukturen zur endgültigen Durchsetzung der Weltvorherrschaft auszubauen. Jedem, der sich bemüht, die Hintergründe zu durchschauen, müsste das alles eigentlich ersichtlich sein. Aber die Manipulierung und Gedankenkontrolle funktionieren, die Masse fällt auf die ihren eigenen Interessen entgegenstehende Politik herein und glaubt an die konstruierten Lügengespinste. Von einem Krieg gegen den Terrorismus zu sprechen ist einfach nur Propaganda, solange der Krieg nicht wirklich gegen den Terrorismus zielt.

Unter Terrorismus versteht man neuerdings auch nur Handlungen, die gegen die USA und ihre Verbündeten begangen werden, die zahlreichen eigenen Terrorakte bleiben ausgeklammert. Diese eigenen Programme basieren auf nationalsozialistischen Vorbildern: Offiziere der deutschen Wehrmacht wurden um Rat gefragt und deren Handbücher benutzt, um weltweit aufständische und rebellierende Gruppen mittels counter-insurgency zu bekämpfen. Diese Aktionen aufzuzählen wäre zu mühsam. Es reicht von Kuba über Nicaragua – wo die illegale Gewalt der USA vom Weltgerichtshof erfolglos verurteilt wurde – bis hin zur Zerstörung der pharmazeutischen Fabrik im Sudan. So grausam der Anschlag aufs World Trade Center auch war, ist er kaum vergleichbar mit viel weiter reichenden Aktionen der USA zuvor.

Nur als Beispiel soll nochmals die Fabrik im Sudan dienen, die 90 Prozent der pharmazeutischen Medikamente im Sudan herstellte und aufgrund deren Fehlen dann nach vorsichtigen Schätzungen bereits innerhalb eines Jahres Zehntausende an den Folgen sterben mussten. Als unmittelbare weitere Folge dieser Bombardierung mussten die Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter evakuieren, weswegen nach Schätzungen der UNO zweieinhalb Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Solche Aktionen sind genauso terroristisch und verheerender wie der World-Trade-Anschlag. Der Unterschied ist allerdings, dass die Täter bekannt sind.

Wenn sich die Bürgerrechtsbewegungen angesichts der 11.-September-Attentate mit Kritik und Aktionen weiterhin so zurückhalten, verstärkt sich nur mehr der Kreislauf der Gewalt und sie helfen zudem den reaktionärsten Gruppen im politisch-ökonomischen Machtsystem, deren Pläne durchzusetzen, die der amerikanischen Bevölkerung und dem Ausland großen Schaden zufügen und sogar das Überleben der Menschheit bedrohen. Die in den USA herrschenden Gruppen haben den Kräften der „Anti-Kriegspartei“ ohnehin ebenso den Krieg erklärt, da diese der Verwirklichung ihrer aggressiven Ziele weit hinderlicher sind als irgendwelche „Terroristen“. Diese Machthaber haben der Vernunft und dem Gewissen den Krieg erklärt. Alle demokratischen und friedliebenden Gruppen, denen bisher noch nicht offen dieser Krieg erklärt wurde, müssen diese Situation begreifen und dürfen nicht abwarten, bis sie auch unmittelbar betroffen sind.

Die Chance des weltumspannenden Kriegsabenteuers der USA liegt darin, dass sie übertrieben haben könnten. Die Familie Bush hat, wie Mathias Bröckers es aufzeigt, eine sehr merkwürdige Geschichte. Großvater Prescott Bush war Vermögensverwalter von Fitz Thyssen, einem der Hauptfinanziers von Hitler. Prescot wurde 1942 in den USA verurteilt. Georg Bush sen. hat als Chef der CIA in den 70er Jahren Saddam Hussein als starken Mann gegen den Iran aufgebaut. Als US-Präsident zog er gegen ihn in den Golfkrieg. Bush jr. hat das Geld für seine erste Ölfirma in den 70er Jahren von einem Vermögensverwalter der Bin-Laden-Familie erhalten. Im Januar 2001 hatte die frisch installierte Bush-Regierung FBI und CIA angewiesen, alle Untersuchungen in Sachen Bin Laden einzustellen. John O`Neill, Top-Bin-Laden-Fahnder, schmiss daher im Juli 2001 frustriert seinen Job. Er starb als Sicherheitschef im WTC. Dies nur als eines der unzähligen Verschwörungspuzzles.

Jedem ist klar, dass es in den Konflikten vornehmlich ums Öl geht. Die USA sind entschlossen, diese Ressourcen unter ihre Kontrolle zu bringen, potenzielle Konkurrenten auszuschalten, die Region politisch und militärisch für sich zu sichern und Transporte von den Ölfeldern zu den in Frage kommenden Häfen bereitzustellen. Die derzeitige Kampagne wird von einer Fraktion aus der Energiewirtschaft angeführt, zu der die Bush-Familie gehört. Zusammen mit den Rüstungsfirmen hat es diese Gruppierung geschafft, sowohl Bush sen. als auch seinen Sohn an die Spitze wählen zu lassen. Die Leute hinter Bush jun. sind diejenigen, die die amerikanische Administration führen.

Gedeckt durch den Krieg in Afghanistan, haben die USA inzwischen die weitreichende Kontrolle über jene drei islamischen Nationen bekommen, die in der Nähe der kaspischen Ölfelder liegen: Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien. Die ganze Region ist jetzt unter amerikanischer Herrschaft, sowohl politisch als auch militärisch. Alle potenziellen Konkurrenten, Russland und China eingeschlossen, sind beiseite gedrängt. Damit ist es nunmehr auch möglich, die lange geplante Erdöltrasse durch Afghanistan zu realisieren. Das reicht den USA aber längst nicht. Sie sind es gewohnt, mit militärischer Gewalt und Geld überall abhängige Regierungen zu installieren. Eine Pipeline um den Iran herum ist lang, eine mitten hindurch wäre viel kürzer. Dazu muss nur das Ayatollah-Regime beseitigt und durch eine pro-amerikanische Regierung ersetzt werden. Dies ist ebenso geplant wie es der jetzige Krieg gegen den Irak seit langer Zeit war, für den es keine schlüssigen Argumente gibt. Die Neue Weltordnung steht vor ihrem finalen Durchbruch mit dem Preis des unglaublichen Zivilisationsbruchs. Die „Achse des Bösen“-Liste ist lang und verspricht einen langen Krieg (und auch Atomerstschläge sind kein Tabu mehr, selbst nicht gegen Länder, die selbst nicht über Nuklearwaffen verfügen). Genannt werden als Angriffsziele neben Russland und China auch der Irak (inzwischen geschehen), Iran, Libyen, Syrien und Nordkorea. Pakistan natürlich ebenso, wenn es unsicher würde.

Mit dem Anschlag auf das World Trade Center und der dann verlangten „Antiterror-Allianz“ verschafften sich die USA den Freibrief, den sie benötigten. Mit dieser überraschend aus der Taufe gehobenen „Koalition“ ist ein Modell für die künftige Form der Weltbeherrschung geschaffen worden: uneingeschränkte Dominanz der USA, ohne bestimmte, gemeinsam festgelegte Prinzipien und Regeln – eine Art weltumspannender Absolutismus, wie er in religiösen Phantasien oder reaktionären Utopien beschrieben wird. Der faschistische Staatsrechtler Carl Schmitt hat 1922 in seiner „Politischen Theorie“ definiert: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. George W. Bush hat diesen über die gesamte Weltgesellschaft verhängt.

Die Souveränität einzelner Staaten wurde prinzipiell aufgehoben, insofern militärische Operationen gegen „Terroristen“ dies erforderlich erscheinen lassen. Die Kampagne gegen den internationalen Terrorismus stellt einen Eroberungskrieg mit vernichtenden Konsequenzen für die Zukunft der Menschheit dar. Dieser von den USA und Großbritannien geführte Kreuzzug verstößt gegen das Völkerrecht und stellt eine Verletzung des Wortlauts der Charta der Vereinten Nationen dar. Er ist nicht nur illegal, sondern kriminell. Er erfüllt den Tatbestand dessen, was bei den Nürnberger Prozessen als schwerstes Verbrechen galt: Verschwörung gegen den Weltfrieden. Die politischen und militärischen Machthaber der USA vergehen sich nicht nur am eigenen Volk und den vom Krieg unmittelbar betroffenen Völkern, sondern auch an jenen, deren Regierungen sie als Komplizen in ihre Kriegsverbrechen einspannen und zu Mitschuldigen werden lassen. Sie vergehen sich an der Weltgemeinschaft, an der Menschheit.

So weit mein Versuch, die politische Faktenlage aufzulisten. Hinsichtlich der Gegenentwürfe zur neoliberalisierten und globalisierten Welt setzt sich der Autor Professor Sauermann aber auch ausführlich mit Kritikern wie Noam Chomsky und Chalmers Johnson sowie mit Bassam Tibi, Samuel Huntington und Hardt/Negri auseinander. Eine mehr als wichtige Studie, gerichtet an alle Menschen auf der Welt, die noch den Mut und die Kraft haben, sich den destruktiven Kräften entgegenzustellen.

_Ekkehard Sauermann
[Neue Welt-Kriegs-Ordnung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3926529431/powermetalde-21
Die Polarisierung nach dem 11. September 2001
579 Seiten, Paperback, |Atlantik| 2002
ISBN 3-926529-43-1 _

Clive Barker – Hellraiser

Frank Cotton hat auf der Jagd nach dem ultimativen Vergnügen das Tor zur Hölle der Zenobiten aufgestoßen. Sie setzen Lust mit Schmerzen gleich und verschaffen Frank einen unvergleichlichen Abgang. Aber aus dem Jenseits begehrt er die Rückkehr in seine Welt. Seine ihm hörige Schwägerin Julia lockt ihm Menschenopfer in seine Höhle, von denen er sich nährt, bis die Zenobiten bemerken, dass ihnen ein Opfer entkommen ist … Horror-Novelle von bemerkenswerter Intensität, düster, böse, blutig, konsequent auf ein Happy-End verzichtend – eines der besten Werke des sonst gern allzu wortgewaltigen Clive Barker.
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Mace, Stephen – Dem Himmel das Feuer stehlen

„Dem Himmel das Feuer stehlen“ – ein solcher Titel lässt vor meinem inneren Auge Prometheus erscheinen, wie er – dem Verbot des „Allvaters“ Zeus zuwiderhandelnd – das Feuer der Erkenntnis vom Sonnenwagen des Helios stiehlt, um es den von ihm geschaffenen Menschen zu schenken. Der Untertitel „Eine Technik zur Erschaffung individueller Zaubersysteme“ scheint ebenfalls Großes zu verheißen: Hat der amerikanische Magier Stephen Mace hier tatsächlich eine Art richtungsweisendes Modell entwickelt, welches es dem willigen Adepten ermöglicht, ein individuelles, auf ihn persönlich ausgerichtetes Zaubersystem maßzuschneidern? Und falls ja, läuft dies gar auf einen prometheischen Akt hinaus, welcher die schöpferische Kraft den „göttlichen“ Entitäten entreißt, um sie wieder in die Hände des Menschen zurückzulegen?

Um die Antwort gleich vorweg zu geben: Nein, Mace tut etwas ganz anderes. Wer mit dem Titel dieses dünnen Buches aus dem |Bohmeier|-Verlag ähnliche Dinge assoziiert hat wie ich, braucht ab hier eigentlich gar nicht mehr weiterzulesen. Andererseits sind persönliche Erwartungen immer eine recht subjektive Angelegenheit. Lassen wir den Titel also mal außen vor und schauen, was das Buch inhaltlich zu bieten hat.

„Dem Himmel das Feuer stehlen“ ist laut Auskunft des Autors eine Synthese aus den magischen Lehren von Abramelin, Aleister Crowley, Austin Osman Spare sowie der persönlichen Erfahrungen von Stephen Mace selbst. Das Resultat dieser Verschmelzungsarbeit beruht, wie bereits zu Beginn des Buches deutlich wird, auf einem einzigen magischen Paradigma: Dem so genannten „Geistermodell“. Dieses Modell ist bezeichnend für den traditionellen Schamanismus, aber auch (zumindest teilweise) für Magier wie Franz Bardon oder Gregor A. Gregorius, sowie die Magie des |Golden Dawn| und des O.T.O. (vgl. etwa „Schule der hohen Magie“ von Frater V.D.). Es basiert auf der Grundannahme, der Magier interagiere mit real existierenden, externen Wesenheiten. Mace fügt hier noch ergänzend hinzu, dass wir „Geister“, „Götter“ und „Dämonen“ auch als Aspekte unserer Psyche interpretieren könnten. Der inhaltliche Rahmen ist jedoch festgesteckt – daran kann angesichts der im Buch vorgestellten Techniken überhaupt kein Zweifel bestehen. Paradigmenwechsel werden hier gar nicht erst in Betracht gezogen.

Ich werde im Folgenden nicht die praktische Effizienz der einzelnen beschriebenen Techniken bewerten. Ob und inwiefern Magie im Einzelnen funktioniert, ist eine Frage der persönlichen Überzeugung und Erfahrung. Zur Debatte steht allerdings sehr wohl, was Mace verspricht, und was er davon einhalten kann. (Es ist ein beliebter Trick in der Okkultbranche, sich auf vage Andeutungen zu beschränken, um auf kritische Nachfrage hin zu verkünden, der „wahre“ Adept würde sich das Nötige schon von selbst zusammenreimen.) In erster Linie geht es hier also um folgende Leitfragen:

* Ist das von Mace beschriebene Modell in sich schlüssig und kohärent?

* Vermittelt es Inhalte und Techniken, welche in dieser Form neu sind?

* Kann der Leser anhand dieses Modells ein vollständiges Zaubersystem erschaffen, oder benötigt er darüber hinausgehend noch weitere Informationen?

Was mir gleich zu Beginn negativ auffällt: Viele Kapitel sind nur ein oder zwei Absätze lang. Dies führt unter anderem dazu, dass dieses Buch es bei gerade einmal 78 Seiten auf stolze 23 Kapitel bringt. Ich zitiere mal das vollständige (!) Kapitel Nr. 3, „Das Feuer vom Himmel stehlen“:

|“In diesem Essay bieten wir eine Technik an, welche Individuen dazu benützen können, um exakt auf ihre eigenen unbewußten Realitäten zugeschnittene Zaubersysteme zu erschaffen. Indem er unseren Anweisungen folgt, kann der Leser (oder die Leserin) sein unter der Bewußtseinsschwelle liegendes Selbst dazu anregen, seine eigenen Symbole zu entwerfen, um die Kräfte, die er darin findet, darzustellen. Sein Resultat wird in der Essenz eine persönliche Sprache der Kraft sein, eine, die nur für ihn selbst von Bedeutung ist, doch voll Potential, da es seine eigene Seele ist, die sich auf diese Art und Weise ausdrückt.“|

Es geht also um die Erschaffung persönlicher Symbolismen innerhalb des Paradigmas „Geistermodell“, nicht etwa um die „Erschaffung persönlicher Zaubersysteme“. Letzteres würde nämlich implizit voraussetzen, dass jeder Magier mit dem Geistermodell arbeitet. Wenn man davon einmal absieht, besteht aber immerhin noch die Möglichkeit, dass Mace ein paar interessante Anregungen zur Erschaffung persönlicher Riten vermittelt.

Zunächst erläutert Mace, dass Magie a) das Führen eines magischen Tagebuchs und b) hartes Training erfordert. Soweit nichts Neues. Sodann stellt Mace ein Bannungsritual vor, welches ihm vorgeblich durch seinen Lehrer Frater O.T.L. übermittelt wurde. Bei diesem vorgefertigtem Ritual fallen mir spontan zwei Kritikpunkte auf: Zum einen ist es keineswegs erwiesen, dass Bannungsrituale überhaupt notwendig sind (vgl. etwa Frank Lerch). Zum anderen mag es tatsächlich einen bestimmten Glaubenssatz im Unterbewusstsein verankern, wenn man sich regelmäßig vorstellt, man sei von einer Hülle aus weißem Licht umgeben. Weshalb dies aber nun dazu führen soll, „viele der gewohnten Abwehrhaltungen aufzugeben“, ist mir auch nach wiederholter Lektüre nicht ganz klar.

Im nächsten Kapitel, „Beschwörungen“, erläutert Mace, wie ein Magier seine psychische Energie kanalisieren soll, um Veränderungen gemäß seines Willens zu bewirken. Die zu beschwörenden „Geister“ stehen innerhalb dieses Paradigmas für die einzelnen Aspekte der eigenen Psyche. Mace geht hier von einem dualistischen Prinzip aus: Stärke, was gut für dich ist, und schwäche, was schlecht für dich ist. Gerade aus psychologischer Sicht ist diese Strategie jedoch äußerst zweifelhaft. Unsre „schlechten Angewohnheiten“ resultieren nämlich oftmals aus unbewussten Ängsten, Wünschen und Sehnsüchten, welche eigentlich etwas Positives für uns bedeuten. Das Problem ist also eher kommunikativer Natur, weil wir uns in diesen Fällen nicht bewusst machen, was wir |eigentlich| wollen. Anstatt den „inneren Schweinehund“ (wer will schon so genannt werden?) zu exorzieren, sollte man sich also lieber mit ihm symbolisch in Verbindung setzen, um ihn zu befragen, weshalb er sich so verhält, wie er es tut.

Leider stellt sich an dieser Stelle auch heraus, dass Mace sein magisches Modell auf Moralvorstellungen aus der judäochristlichen Mystik stützt:

|“Wenn du Magie benutzt, um ‚zu bekommen‘ (ob Reichtum, deinen Fick oder deine Rache), statt ‚zu erkennen‘ oder ‚einzutauschen‘ oder ‚zu machen‘, wirst du eine Mauer zwischen dir und dem Rest des Universums errichten – zwischen dem Empfänger und dem Empfangenen – und dich auf diese Weise von der Quelle deiner Kraft ausschließen.“|

Auf die Idee, dass auch das individuelle Selbst eine Quelle der Kraft sein kann, scheint Mace noch nicht gekommen zu sein. Da ist es natürlich um so verständlicher, dass er noch kurz zuvor behauptet hat, in der magischen Theorie verschmelze „unser unbewußtes Gemüt letztendlich mit jenem Gottes“.

Die traditionellen Magiesysteme (Mace nennt hier Kabbala, Voodoo und Rosenkreuzertum) haben bei ihren Beschwörungen mit der Technik ritueller Identifikation gearbeitet. Mace stellt als Alternative das Prinzip von Austin Osman Spares „aktivem Vergessen“ vor. Im anschließenden Kapitel folgt dazu noch eine Anleitung zur Sigillenerschaffung gemäß Spares Ideen. Diese Technik wurde bereits in etlichen anderen Büchern |en detail| beschrieben, weshalb ich hier auf eine erneute Wiederholung verzichte.

Im nächsten Kapitel geht es um die „errettende Gnade des Fehlschlags“. Hinsichtlich eines Argumentes muss ich Mace hier absolut beipflichten: Anstatt sich seinen Willen passiv von der Welt aufoktroyieren zu lassen, ist es auf jeden Fall besser, zunächst an sich selbst zu arbeiten. Ansonsten besteht stets die Gefahr, dass Wünsche in Erfüllung gehen, die man bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht gehabt hätte. {Anm. d. Lekt.: Willkommen in der Konsumgesellschaft.}

Ansonsten kommen hier wieder die Moralvorstellungen des Weißlicht-Magiers durch: Handle nie selbstsüchtig, attackiere andere nur zu Verteidigungszwecken usw. Als Beispiel führt er Kollegen an, welche diese Grundsätze missachteten, und danach „Schicksalsschläge“ erlitten. Ich bin überzeugt: Wenn diese Kollegen nicht fiktiver Natur sind, dann haben sie zumindest seine moralischen Prinzipien geteilt. Wer davon überzeugt ist, in magischer Weise „gesündigt“ zu haben, muss sich auch nicht wundern, wenn der Schaden dreifach zurückkommt.

Nachdem die theoretische Basis errichtet wurde, geht es nun an die rituelle Praxis. Mace bekräftigt noch einmal, dass sein Modell auf der psychologischen Ebene arbeite. Die dabei nun folgenden Kapitel über das automatische Zeichnen, das Konzipieren persönlicher Buchstaben, die Astralprojektion, den heiligen Schutzengel, die Todesstellung und die Erstellung von Talismanen haben alle eines gemeinsam: Nach der Lektüre ist man zwar informiert, was die einzelnen Techniken bezwecken sollen, und wer dies in der magischen Historie bereits getan hat, aber wie man dies selbst konkret bewerkstelligen soll, bleibt weiterhin offen. Meist bleibt es bei Anmerkungen wie „lade eine Sigille darauf und meditiere über das Ergebnis“. Mich hat beim Lesen öfter das Gefühl beschlichen, dass Mace mit Vorliebe dann ein neues Kapitel beginnt, wenn es eigentlich zum Kern der Sache kommen müsste.

Ich will nicht abstreiten, dass Maces Beschreibungen der einzelnen Themenbereiche durchaus in sich schlüssig sind, aber für Anfänger sind seine Ausführungen aufgrund der geringen Informationsdichte ungeeignet, und wer sich entweder anderweitig oder autodidaktisch das entsprechende Wissen angeeignet hat, braucht „Dem Himmel das Feuer stehlen“ nicht mehr.

Die abschließenden Betrachtungen von Mace zu Thelema sowie sein „Ritual des Ungeborenen“ sind im Grunde am Thema vorbei geschrieben. Um zu meinen obigen Leitfragen zurückzukehren:

Das Buch ist in einer pragmatischen Sprache gehalten, und grobe logische Schnitzer sind mir nicht aufgefallen. Die Übergänge und Abgrenzungen zwischen den Symbolismen des Geistermodells und seinen psychologischen Grundlagen werden jedoch bestenfalls angerissen. Wirklich neu waren für mich nur die Ausführungen zu einigen Techniken von Spare, was aber vermutlich daran liegt, dass ich Spare bisher noch nicht im Original gelesen habe. Zu den moralischen Überzeugungen von Mace habe ich mich ja oben schon geäußert.

Es heißt zwar „Don`t judge a book by its cover“, aber es ist wohl nicht besonders unfair, wenn ich nach der Lektüre von „Dem Himmel das Feuer stehlen“ sage, dass ich gerne mal ein Buch über die Erschaffung individueller Zaubersysteme gelesen hätte.

Jane Stanton Hitchcock – Hexenhammer

Das geschieht:

John O‘Connell, passionierter Sammler alter Bücher und Handschriften, wird in seinem vornehmen New Yorker Stadthaus ermordet. Tochter Beatrice ordnet die verwüstete Bibliothek und stellt dabei fest, dass ein bestimmtes Buch gestohlen wurde: jener Grimoire – eine Sammlung von Zaubersprüchen – aus dem Jahre 1670, den der Vater ihr erst am Vorabend seines Todes stolz gezeigt hatte. Ebenfalls anwesend war der italienische Antiquar Giovanni Antonelli, ein alter Freund der Familie, der sein eindringliches Interesse an dem Grimoire gezeigt und O‘Connell auf einen Verkauf angesprochen hatte, den dieser allerdings ablehnte. Doch Antonelli ist nicht der Mörder, wie die von Beatrice informierte Polizei herausfindet.

Der joviale Pater Morton möchte die Bibliothek ihres Vaters für das Duarte-Institut erwerben. Am dieser privaten Einrichtung werden angeblich philosophische Studien getrieben. Beatrice ist vorsichtig und gewarnt; Simon Lovelock, ein Antiquar aus New York, hält Morton für einen Lügner und das Duarte-Institut für einen gefährlichen Geheimbund. Dass beides zutrifft, bestätigt Stephen Carson, Beatrices Ex-Gatte, der sich als Journalist in Südamerika aufgehalten hat. Dort ist er auf die Spur einer ultrarechten kirchlichen Geheimtruppe gestoßen, die sich „Defensores Fidei“ nennt und von Inigo Duarte, einem fundamentalistischen Ex-Priester aus dem Kreis um Papst Pius XII., gegründet wurde.

Die selbst ernannten „Verteidiger des (wahren) Glaubens“ haben ihr Hauptquartier in Duartes ‚Institut‘ aufgeschlagen. Von dort planen sie, die Welt von der Sünde zu befreien – mit allen Mitteln, was Mord keineswegs ausschließt! Besonders gefährdet sind Frauen, denn die „Defensores“ haben zu ihrer ‚Bibel‘ den „Hexenhammer“ – ein 1487 verfasstes Handbuch für Hexenjäger – erkoren. Sie blasen zur modernen Hexenjagd und jagen Frauen, die sich politisch und kulturell betätigen und dabei liberale Ziele verfolgen. Noch reichen die finanziellen Mittel nicht, um den ‚Kreuzzug‘ auszuweiten. Deshalb ist der Grimoire für die „Defensores“ wichtig: Es stellt den Schlüssel zu einem gewaltigen Vermögen dar, das einst Nazi-Marschall Hermann Göring heimlich auf ein Schweizer Bankkonto schaffen ließ, wo es noch heute liegt!

Als Beatrice den Grimoire in einem geheimen Versteck findet, begibt sie sich auf die Suche nach der Wahrheit und gerät in eine ungeheuerliche Verschwörung, die die durch die verbotenen Archive des Vatikans direkt in die Fänge der „Defensores“ führen soll …

Sie brauchen die Dunkelheit (oder Dummheit)

Uralte Geheimbünde und ihre Verschwörungen haben seit jeher Konjunktur. Templer, Rosenkreuzer, Freimaurer und Illuminaten stellen nur die Spitze dieses schlüpfrigen Eisbergs dar. Selbstverständlich bedient sich auch die moderne Populärkultur der einschlägigen Vorbilder und vor allem Vorurteile. Wie Pilze, die nur im Verborgenen richtig gedeihen, schießen solche Sekten oder Kulte förmlich aus dem Boden. Heute gehören sie meist der katholischen Kirche an und werden aus dem Vatikan ferngesteuert. Das wirkt ‚realistisch‘ und ist außerdem werbetauglich skandalträchtig.

Zu geheimen Organisationen gehören geheimen Machenschaften = Histörchen über finsteres Treiben hinter den Kulissen der ‚offiziellen‘ Weltgeschichte, wo solche Munkel-Orden angeblich seit ewigen Zeiten die Fäden ziehen. Meist startet diese ‚alternative‘ Geschichtsschreibung mit der Suche nach dem Heiligen Gral, bezieht die Merowinger, später die Tempelritter und ganz sicher die dumpf mythentümelnden Nazis ein. Da über viele frühe Kapitel der Menschheitsgeschichte praktischerweise nicht viel bekannt ist, kann man die Fragmente so zusammensetzen, wie man es gern hätte, und die Lücken mit allerlei selbst gebrautem ‚Wissen‘ füllen. ‚Sachbuch‘-Autoren wie Michael Baigent und Richard Leigh sind durch solche Märchen berühmt geworden

Der König der pseudo-historischen Schaumschlägerei heißt heute Dan Brown. Ihm sollte man keinen Vorwurf machen, denn er will sein Publikum als Romanautor unterhalten. Dass ihm manche/r glaubt, was er sich zu diesem Zweck ausgesponnen hat, ist nicht Browns Schuld. Seinen Job erledigt er jedenfalls ordentlich, was sich von Jane Stanton Brown ganz sicher nicht behaupten lässt.

Böse Männer – weise Frauen

Adolf Hitler bekommt seinen obligatorischen Gastauftritt im „Hexenhammer“, mit dem Hitchcock ihre Version der Schauermär von den Schattenmännern präsentiert. Sie hat sich sichtlich Mühe gegeben, ist tief in einen Sumpf unbewiesener Mythen, Halbwahrheiten und Lügen hinabgestiegen und hat aus dem, was sie dort fand, ein wüstes aber zunächst packendes Garn gestrickt, dem die kurze Inhaltsangabe nicht annähernd gerecht werden kann.

Leider mochte sich die Autorin nicht auf den Unterhaltungswert ihrer Komplott-Story verlassen: Eine ‚Botschaft‘ musste her, um das Werk aus den Untiefen schnöder Kolportage hinauf in die lichten Gefilde ‚richtiger‘ Literatur zu ziehen. Hitchcock fand sie nach einem Salto rückwärts in die feministische Steinzeit, indem sie die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit als patriarchalischen Vernichtungskrieg der Männer gegen die Frauen umdeutet, der diese von den Schalthebeln der Macht fernhalten sollte. Den „Hexenhammer“ erhebt sie zum Manifest dieses Hexen-Holocaustes.

Nun hat die „Vernichtung der weisen Frauen“ – so der Titel eines in den frühen 1980er Jahren zum Bestseller avancierten Sachmärchenbuches – als monokausale ‚Erklärung‘ der Hexenjagden längst ausgedient. Doch ein harter Kern verblendeter Brachial-Historiker, die Geschichte nicht deuten, sondern mit subjektiv ausgewählten und interpretierten Fakten nach eigenen Vorstellungen inszenieren, wollen von der lieb gewonnenen Chauvinisten-Verschwörung nicht lassen – und genau diesen ist Hitchcock auf den Leim gekrochen. Sie geht sogar noch weiter und sieht „die Männer“ – aus ihrer Sicht offensichtlich ein isomorpher Haufen, der bei konspirativen Treffen – wohl auf verschwiegenen Fußballplätzen oder vielleicht im Internet – regelmäßig seine Ränken schmiedet und auch heute noch im erbitterten ‚Kampf‘ (sie meint dies buchstäblich!) gegen die Frauen steht.

Triumph des Willens (und der Lächerlichkeit)

Aber Hitchcock weiß Rat, wie frau sich behaupten kann: Sie muss dem Vorbild der Hexen folgen und die urzeitliche Kraft des ewig Weiblichen neu entfachen! Beatrice, die graue Maus, entdeckt denn auch bald „die Wölfin“ in sich – und siehe! Nun ist sie frei – frei, sich einen feurigen Latin Lover von der Straße fürs Bett zu fangen oder einem degenerierten italienischen Adligen mit der Rute den welken Arsch zu gerben: Rollen also, über die sich die „starke Frau“ der Gegenwart nach Hitchcock definiert.

Ein erster Gipfel der Peinlichkeiten wird erklommen, als Beatrice in einem Sado-Maso-Laden ein Lack-und-Leder-Kostüm erwirbt, um so als „Hexe“ (sic!) verkleidet ihrem Ex- und bald-wieder-Ehemann im Schlafzimmer entgegenzutreten. Der Schreck über diesen Anblick fährt Stephen tüchtig ins Gemächt, was sich ungünstig auf die geplante Liebesnacht auswirkt. Beatrice findet Trost in der Vorstellung, dass wohl der Schock, statt des ‚Weibchens‘ plötzlich einer ebenbürtigen oder sogar überlegenen ‚Frau‘ gegenüberzustehen, Stephens Lenden lähmte, ohne dass ihr bzw. ihrer geistigen Mutter auch nur der Gedanke kommt, sie habe sich durch den halloweenesken Auftritt, bzw. die bonsaipsychologische Deutung der Situation doppelt lächerlich gemacht.

Der „Hexenhammer“ fällt im letzten Drittel endgültig vom Stiel. Das große Finale Nr. 1 in den Gewölben der modernen Inquisition – nun in den Vereinigten Staaten beheimatet – ist derartig lächerlich misslungen, dass man sich für die Autorin fremdschämen muss. Schäumende Irre im Taumel sadistischer Frauenmartern, dazwischen die Heldin, die ihren Peinigern zwischen Streckbank und Scheiterhaufen hoch erhobenes Hauptes die Leviten liest, während praktisch jede Person, die bisher im Roman Erwähnung fand, plötzlich unter einer Kapuze (männlich) oder vor dem Tribunal (weiblich) der „Defensores“ zum Vorschein kommt.

Letzte Bausteine zur Vollendung des perfekten Machwerks

Finale 2 – der Schurke wird gestellt – mutet in seiner konsequenten Meidung von Logik und Spannung wie eine Parodie auf die alten James Bond-Film an. Aber Hitchcock meint es offensichtlich durchaus ernst; sie ist ohnehin außerstande, der schon lange in Demenz dahintaumelnden Story noch einmal Leben einzuhauchen.

Die drastischen Schwächen der Handlung werden durch Hitchcocks kümmerliches schriftstellerisches Talent und – in verhängnisvoll logischer Konsequenz – die Figurenzeichnung unterstrichen. Wo die betuliche Umständlichkeit zunächst sehr gut zum Kosmos etwas weltfremder Buchsammler und Antiquare passt, versagt die Autorin sogleich, wo sich der Handlungsbogen über die ganze Welt zu spannen beginnt. Die angeblich so furchtbaren „Defensores“ erheben sich nie über Butzemann-Niveau. Pater Morton gibt schmierenkomödiantisch den feisten, bigotten, hinterlistigen Pfaffen, Graf Borzamo den italienischen (oder besser felliniesken) geilen Grafen, Antiquar Lovelock den tragischen Helden als – sic! – „Ritter“, der jeglichem Sex und sonstigen Schweinereien abhold ist und daher überleben darf. Und die Spinne im Zentrum des Netzes … Nun, so einen dämlichen Bösewicht hat nicht einmal Colin Forbes in seiner unsäglichen „Tweed“-Reihe jemals verbrochen!

In welchem Maße die Unerfreulichkeiten auf das Konto der steifen und unbeholfenen Übersetzung gehen, muss offenbleiben. Wie der „Hexenhammer“ in die noble btb-Reihe geraten ist, bleibt unklar. Die inhaltlichen wie formalen Unzulänglichkeiten dieses Machwerks dürften dort eigentlich nicht unbemerkt geblieben sein. Der offensichtliche Erfolg auch in Deutschland lässt indes noch mehr Unbehagen aufkommen: Es gibt einen Markt für solchen Bockmist!

Autorin

Jane Stanton Hitchcock wurde am 24. November 1946 als Jane Crowley in New York City geboren. Als sie 1992 einen ersten Roman veröffentlichte, hatte sie bereits mehrere Drehbücher und Theaterstücke verfasst. Ein erstes Stück („New Listings“) wurde bereits 1968 aufgeführt; Crowley hatte gerade das College abgeschlossen. Ihr erster Thriller („Trick of the Eye“) wurde für einen Edgar Allan Poe Award und einen Hammett Prize nominiert.

Mit ihren zweiten Ehemann, dem Journalisten Jim Hoagland, lebt Hitchcock heute in Washington, D. C.

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: The Witches Hammer (New York : Dutton 1994)
Übersetzung: Christa Seibicke
http://www.randomhouse.de/btb

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Martin, Jack – Halloween II – Das Grauen kehrt zurück

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind, dort in der kleinen Stadt Haddonfield im US-Staat Illinois? Dr. Sam Loomis ist’s, Psychiater von Beruf und aus Berufung Wächter am Portal der Hölle. Dieses stand bisher hinter den dicken Mauern von Smith’s Grove, der Anstalt für geisteskranke Kriminelle, und dahinter lauerte fünfzehn Jahre geduldig Michael Myers auf seine Stunde. Am 31. Oktober 1963 war er im zarten Alter von sechs Jahren zum Schwestermörder geworden, nachdem ein böser Geist aus keltischer Vorzeit in ihn gefahren war; es musste wohl so kommen, ist doch der Tag vor Allerheiligen, Halloween genannt, nichts als das notdürftig christianisierte, aber uralte, im Kern absolut heidnische und grimmige Samhain-Fest, das die Lebenden mit den Toten und Dämonen feiern, die in dieser Nacht auf die Erde zurückkehren dürfen.

Pünktlich zu Halloween 1978 ist Michael Myers zurück in Haddonfield, wo er dort anknüpft, wo er vor anderthalb Jahrzehnten vom Arm des Gesetzes unterbrochen wurde. Durch eine Maske gut getarnt, mischt er sich unter die feiernde Jugend, massakriert drei allzu lebenslustige Teenager und will sich gerade dem vierten widmen, als Dr. Loomis, der seiner blutigen Spur gefolgt ist, dem mörderischen Treiben mit sechs Pistolenkugeln ein Ende bereitet. Doch er hat sich zu früh gefreut; während die junge Laurie Strode, Michaels letztes Opfer, verletzt ins Haddonfield Memorial Hospital transportiert wird und die überforderte Polizei des Ortes im Bund mit der Presse die Stadt endgültig in ein Tollhaus verwandelt, muss Loomis feststellen, dass Michael sich auch körperlich zum Unmenschen entwickelt hat: Er ist schon wieder auf den Beinen und meuchelt auch durchlöchert unerbittlich weiter.

Die wilde Verfolgungsjagd wird fortgesetzt und endet im Feuer eines explodierenden Benzintanks, nachdem der Flüchtige dem Kühler eines Streifenwagens in die Quere kam. Doch ist die völlig verkohlte Leiche wirklich die des Michael Myers? Das herauszufinden wird Zeit kosten – Zeit, die der natürlich quicklebendige Maskenmann nutzen kann, sich unbemerkt ins weiter oben erwähnte Krankenhaus zu schleichen. Während der stets misstrauische Dr. Loomis die tranige Polizei noch vor dem Ergebnis der Obduktion zu einer neuerlichen Fahndung bewegen will, tappt Michael bereits durch die Gänge. Er sucht Laurie, um sie ihren verblichenen Freunden hinterherzuschicken. Dafür hat er gute Gründe, die er aus unerfindlichen Gründen, aber zur Freude des Lesers sogar bekannt gibt: In seiner alten Schule hat er sich zwischen zwei Morden die Zeit genommen, ein schönes Bild zu malen, das die 1963 so rüde voneinander getrennte Familie Myers zeigt. Seltsamerweise lassen sich darauf nicht zwei, sondern drei Kinder erkennen. Der entsetzte Loomis erfährt erst jetzt, dass Michael noch eine weitere Schwester hat, deren Identität von den Behörden bisher sorgfältig geheim gehalten worden war. Doch Michael erinnert sich ihrer sehr wohl und rüstet zu einem Wiedersehen der unvergesslichen Art …

Tja, ich denke, wir müssen hier nicht dreimal raten, wer denn besagte Schwester sein könnte. Es zu verraten, heißt allerdings auch den einzigen originellen Gedanken zu enthüllen, mit dem diese missratene Fortsetzung des Horror-Klassikers „Halloween“ von 1978 aufwarten kann. Der unerwartete, aber deshalb nicht weniger spektakuläre Erfolg des Erstlings machte die Rückkehr des Michael Myers unvermeidbar; Hollywood ist da unerbittlich. („Halloween IX“ ist in Vorbereitung …) Drei Jahre dauerte es trotzdem; Zeit genug, sich eine plausible Story auszudenken, sollte man meinen, doch in dieser Hinsicht erwartete das Publikum eine schlimme Enttäuschung – es sollte nicht die einzige bleiben. Für „Halloween II“ nahm nicht mehr John Carpenter, sondern der weitgehend unbekannte Rick Rosenthal im Regiestuhl Platz; für ihn sollte dies das fragwürdige Debüt und der Höhepunkt seiner ansonsten bis heute im B-Movie-, Video- und TV-Bereich dahindümpelnden Karriere sein. Carpenter ist von einer Mitschuld am „Halloween II“-Desaster aber nicht freizusprechen, weil er ein „Drehbuch“ verbrach, das nichts als eine Nummernrevue myerscher Metzeleien präsentiert und diesem fragwürdigen Konzept den im ersten Teil so klug und kundig ins Leben gerufenen Mythos opfert.

Dem Roman zum Film gelingt es indes, das Niveau der Vorlage noch weit zu unterbieten. Zunächst gilt es den Autoren zu verteidigen: Welche Funken konnte Jack Martin aus dem Drehbuch-Desaster „Halloween II“ schlagen? Michael Myers stolpert durch die Nacht und killt, wer ihm dabei über den Weg läuft, während er sein kleines Schwesterlein sucht. Dabei legt er sein Messer bald beiseite und arbeitet mit den Instrumenten, die er am jeweiligen Tatort vorfindet. Weil die Handlung schließlich in einem Krankenhaus spielt, bietet sich Michael eine breite Palette hervorragend zweckentfremdbarer Instrumente, deren Einsatz die Kamera liebevoll in den Mittelpunkt rückt. Für den Splatter-Fan hat das einen gewissen Unterhaltungswert, zumal die Spezialeffekte auf diesem Gebiet auch 1981 schon einen hohen Standard besaßen.

(Dem deutschen Grusel-Freund fiel es lange Jahre schwer, dies nachzuvollziehen, da „Halloween II“ zu den Filmen gehört, derer sich die Zensur – hierzulande euphemistisch „Bundesprüfstelle“, „Freiwillige Selbstkontrolle“ usw. genannt – besonders liebevoll annahm.) Das gilt allerdings nur im Kino oder vor dem Bildschirm, während ein Buch schon ein wenig mehr Substanz verlangt. Das hatte sogar Curtis Richards, minderbegabter Zeilenschinder und Autor des Romans zum ersten „Halloween“-Streifen, begriffen (und sich dann zwecks Erweiterung der Story allerlei hanebüchenen Schwachsinn einfallen lassen, der in dieser Fortsetzung natürlich wieder kommentarlos unter den Tisch fällt).

Martin versucht indessen nicht einmal, das Drehbuch zu einer eigenständigen Geschichte aufzubessern, sondern beschränkt sich auf die lieblos-schlampige Nacherzählung der ohnehin schlichten Handlung. Da rächt es sich wohl, dass Filmroman-Autoren in der Regel nicht nur notorisch unfähig, sondern auch unterbezahlt sind, aber mussten denn schon wieder die arglosen Leser die Zeche bezahlen? (Achtung: Das ist eine rhetorische Frage. Natürlich mussten sie, und sie tun es ja freiwillig immer wieder.)

Die groben Schnitzer der Vorlage stechen in diesem trübsinnig stimmenden (und kongenial übersetzten!) Machwerk immerhin nicht so deutlich ins lektüregelähmte Hirn. Mir persönlich gefällt in Sachen unfreiwilliger Komik Michael Myers‘ weiter oben beschriebener Ausflug in seine Schule am besten. Selbstverständlich ist der einzige Zweck dieser hirnrissigen Episode, Dr. Loomis stellvertretend für uns Zuschauer/Leser auf die verlorene Schwester hinzuweisen und die keltischen Wurzeln des Dämons, der Michael steuert, offen zu legen. Loomis selbst ist bis zur Karikatur des besessenen Wissenschaftlers degeneriert, Laurie Strode wirkt wie ein übrig gebliebener Gast in ihrer eigenen Geschichte, und das übrige Personal wird so rasch von Michael Myers abgeschlachtet, dass dem Verfasser keine Zeit mehr für eine auch nur halbwegs überzeugende Figurenzeichnung blieb. Immerhin sorgt Martin im Vergleich zum ersten Teil für Gerechtigkeit: Michael Myers erwischt nicht mehr nur die ungehorsamen, bösen, geilen Jungs und Mädchen – er killt sie nun alle ohne Ansehen von Rasse, Religion oder Leumundszeugnis.

Es soll dem Leser erspart bleiben, auf weitere Defizite dieses Bändchens hingewiesen zu werden – die Liste wäre gar zu lang und ermüdend. Bleibt noch anzumerken, dass Martin unverdrossen wieder angeheuert wurde, als es darum ging, die „Halloween“-Blutwurst im Jahre 1982 zum dritten Mal aufzuwärmen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …

Hornung, Erik – Nachtfahrt der Sonne, Die

Ägypten war, ist und bleibt faszinierend – gerade für uns Europäer! Schließlich betrachteten schon die alten Griechen Ägypten als Ursprungsland der Weisheit und des Mysteriums. Und die alten Griechen stehen mit ihrem Denken am Anfang des Abendlandes. Ausgehend und weggehend (durch die römische Interpretation) vom griechischen Denken hat sich unser für selbstverständlich gehaltenes Begreifen von Wesen und Wahrheit, von Göttern und Menschen, von Dingen und Sachen, kurz von allem herausgebildet. Durch diese Verbindung des alten Griechentums mit Ägypten wird sich Letzteres vielleicht dereinst als eine der dunkel verborgenen Wurzeln Europas erweisen.

Einen Beitrag für die Suche nach dieser ins Geheimnis hinabreichenden Wurzel ist das Buch „Die Nachtfahrt der Sonne“ des bekannten Ägyptologen Erik Hornung. Wie eigentlich all seine Bücher wendet sich auch diese „altägyptische Beschreibung des Jenseits“ – so der Untertitel – an ein größeres Publikum, dem Hornung die Ägyptologie nahe bringen will. Seiner Ansicht nach sollte Ägypten nicht als ein gelehrtes Thema für den Elfenbeinturm, sondern als inspirierend-kontrastrierender Beitrag zur heutigen Kultur und Sinnsuche begriffen werden (siehe meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=238 zu Hornungs „Das geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluss auf das Abendland“). Der Leser darf sich also auf ein Buch freuen, das mit viel Freude an farbiger Schilderung und spannender Erkenntnisvermittlung aufwarten kann.

Das Thema des Buches ist eine erläuternde Reise durch die Welt der beiden frühesten ägyptischen Unterweltbücher des Neuen Reiches – das „Amduat“ und das „Pfortenbuch“. Beide „Bücher“ sind auf Papyrus in Grabkammern und auf Sarkophagen meist königlicher Toter zu finden. Sie wurden dort vor ungefähr dreitausendfünfhundert Jahren aufgezeichnet, wobei das „Amduat“ hundert Jahre älter als das „Pfortenbuch“ ist. Diese Unterweltbücher haben die ägyptischen Vorstellungen vom Jenseits auf eine vorher nie gekannte Weise systematisiert und mit einer Fülle verschiedenster Götter und Wesenheiten ausgestattet, denen wiederum immer komplexere Verbindungen von Attributen zugeschrieben wurden. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der ägyptischen Gottesvorstellung, dass die Götter ständig neue Aspekte anziehen, der Reichtum ihres Wesens also kontinuierlich zunimmt. Die Götter können für den Ägypter nie in ihrer ganzen Fülle erschöpft werden. Er kann beispielsweise im Skarabäus den Sonnengott Re in seiner morgendlichen Gestalt wahrnehmen oder im Ibis den Gott Thot erblicken, der Gott kann im Anblick dieser Tiere anwesend sein und erfahren werden, aber weder Skarabäus noch Ibis sind der ganze Gott Re oder Thot. Die Gottesgestalten sind für diesen Moment in diesen Tieren da, aber die Tiere werden niemals mit der Gottheit selbst verwechselt. Für das Verständnis der oftmals tiergestaltigen ägyptischen Götter sollte der Leser sich diese Tatsache vor Augen halten.

Auch der Held des vorliegenden Buches kann in Tiergestalt erscheinen bzw. mit einem Tierkopf auf menschlichem Körper. Es handelt sich um den Sonnengott, der als Amun-Re mit Widderkopf und der Sonnenscheibe darüber auftritt sowie als Chepri in der schon erwähnten Gestalt des Skarabäus-Käfers mit der Sonnenscheibe in den vorderen Greifarmen (später gibt es auch Darstellungen mit Menschenleib und einem Käfer als Kopf!). Dieser „heilige Pillendreher“ wird mit der Sonne in Verbindung gebracht, weil er seine Mistkugel in der Erde vergräbt und somit an den Untergang der Sonne am Abend erinnert. Außerdem steigen die jungen Käfer – wie von selbst entstanden – aus dem Sand, worin sie für den Ägypter der Morgensonne gleichen.

Untergang und Aufgang der Sonne sind die beiden Eckpunkte, zwischen denen sich die Handlung der kultischen Bücher abspielt. Die Fahrt der Sonnenbarke durch die Unterwelt, das Totenreich, steht in deren Mittelpunkt. Der Begriff „Amduat“ bezeichnet eigentlich alle Totenbücher – er bedeutet: „der in der Unterwelt ist“, wobei eben der Sonnengott gemeint ist. Das „Amduat“ heißt im Original „Buch des verborgenen Raumes“. Alle Sterblichen müssen sich der Erfahrung des verborgenen Raumes nach ihrem Tod stellen. Die Unterweltsbücher sind aber nicht ausschließlich auf das Jenseits orientiert. Hornung schreibt dazu: |“Wer aber die Sonne auf ihrer täglichen Fahrt begleitet, wirft schon als Lebender einen Blick in jene Tiefe, die in uns beginnt. Deshalb die häufigen Vermerke in diesen Büchern, dass alles, was sie vom Reich der Toten berichten, auch für ‚die Lebenden auf Erden nützlich‘ sei“| (S. 7).

Das Buch hält sich an die Gliederung seiner Vorlagen in zwölf Stunden, die auf acht Kapitel aufgeteilt werden, zuzüglich eines Kapitels über die Quellen und die früheren Jenseitsvorstellungen des Alten Reiches. Bei den jeweiligen Stunden beschreibt Hornung an erster Stelle die Vorstellungen des „Amduat“ und später im Kapitel die des „Pfortenbuches“. Diese zwölf Stunden aber sind nicht nur die Zeit, die wir mit Uhren messen können. Denn diese zwölf Stunden dauern eine „Ewigkeit“. Während der Sonnengott auf seiner Barke durch die Unterwelt fährt, wird er von vielen Göttern, Wesenheiten und den seligen Toten begleitet. Vielen dieser Wesenheiten und insbesondere den Verstorbenen verhilft er durch sein Licht zu einem Leben, das eine Stunde, d. h. ein Menschenalter dauert, bevor sie wieder in die Dunkelheit zurücksinken. Der Sonnengott holt die seligen Toten aus der Verborgenheit in die Unvorborgenheit, stellt sie als Seiende in neues Leben hinein. Drei helfende Götter verkörpern seine Macht: Sia, der „Durchblick“, das „Erkennen“, Hu, das „Wort“, der „Ausspruch“ und Heka, der „Zauber“. Wenn Amun-Re weiterzieht, klagen die zurückgelassenen Wesen um den vorübergehenden Verlust ihres jenseitigen Daseins. Daher ist es ein ausdrücklicher Wunsch des verstorbenen Ägypters, im Gefolge der Sonnebarke mitziehen zu dürfen – teils ganz wörtlich, da die Barke von der unterweltlichen Gemeinschaft über die Untiefen mit einem Seil gezogen wird. Zwischen den „eigentlichen“ Göttern und den seligen Toten wird übrigens nie genau unterschieden.

Doch der Sonnengott zieht weiter, denn er fährt seiner Regeneration entgegen. Damit die Welt der Schöpfung Bestand haben kann, muss sie erneuert werden. Diese Schöpfungswelt aber wird von den Gefahren der Unterwelt bedroht, besonders durch die urweltliche Schlange Apophis. Apophis erscheint nicht als eine normale Schlange, sondern als ein riesiger Wurm ohne Sinnesorgane. Sie ist das Nichtsein selbst, sie verkörpert die Nicht-Welt vor der Schöpfung und damit den bedrohlichen Aspekt des Urzustandes. Ein anderer Urgott dagegen – das Urgewässer Nun – zeigt dessen helfendes Gesicht. Bei der Neugeburt der Sonne ist es Nun, der sie mit seinen Armen aus dem Wasser wieder an den Himmel hebt. Das Nichtsein des Urzustandes wird also nicht nur negativ konnotiert, sondern bildet geradezu die Voraussetzung für die Regeneration der Sonne.

Der erschlagene mumiengestaltige Gott Osiris ist natürlicherweise der Herrscher der Unterwelt. Sein Sohn Horus, der falkenköpfige kriegerische Gott, steht am Steuer der Sonnenbarke. Amun-Re und Osiris verschmelzen auf eine eigentümliche Weise miteinander. Osiris erscheint als Körper und Amun-Re als Ba der Sonne. Der Ba ist der aktive Teil der „Seele“ und wird häufig in Vogelgestalt dargestellt. Das Wort „Seele“ muss hier in Anführungszeichen stehen, weil es nicht mit den christlichen und modernen Konzepten von Seele verwechselt werden darf. Die Bas haben durchaus materielle Bedürfnisse, so dass ihnen beispielsweise im Pfortenbuch Kraut gespendet und Brot gegeben wird. Vom Körper unterscheidet ihn vor allem seine Unabhängigkeit von der Erdenschwere: Er kann sich also in die Lüfte erheben und an jeden Ort gelangen. Zur Verschmelzung von Amun-Re und Osiris bemerkt Hornung auf Seite 95: |“(…) in der Tiefe der Unterwelt vereinigen sich Re und Osiris zu e i n e m Körper und sind voneinander nicht mehr zu trennen, auch wenn sich ihre Verbindung spätestens am Morgen, beim Sonnenaufgang, wieder löst. Und da sich auf diese Weise die Vereinigung von Ba und Körper immer wieder vollzieht, kann man in Re den Ba des Osiris, in Osiris den Körper des Re sehen.“| Nur durch diese Vereinigung kann die verjüngte Morgengestalt der Sonne entstehen. Auch die seligen Toten erlangen ihre Wiedergeburt über diesen Prozess der Vereinigung von Ba und Körper.

Eine wichtige Rolle spielen an vielen Stellen des Buches die Bestrafung der Feinde des Sonnengottes und das Totengericht. Mit den Feinden sind diejenigen gemeint, die im Leben gegen die Ordnung der Maat handelten. Wer hingegen im Leben den Göttern die Maat darbrachte, brauchte sich vor diesen Strafen nicht zu fürchten. So stellt die Darbringung der Maat an die Götter durch den Pharao ein häufiges ägyptisches Motiv dar. |“Maat ist die richtige Ordnung der Dinge, die bei der Schöpfung gesetzt wurde, aber durch Tun oder Sprechen der Maat immer neu errungen werden muss. Sie ist Maß, Ausgewogenheit und Gerechtigkeit (…)“| (S. 24) Außerhalb des Umkreises der Maat regiert das Chaos. Wird die Maat verletzt, tritt eine andere heilige Ordnung, die der Rache, an ihre Stelle, um die Schöpfung zu schützen – eine Ordnung, die für den Menschen aber leidvoll ist. In der Unterwelt bedeutet die Anwesenheit der Maat die Garantie des Fortbestandes der Schöpfung auch nach dem Tode.

Erik Hornungs spannender Trip durch die Welten des altägyptischen Jenseits wirft auch den Heutigen betreffende Fragen auf. Wo liegen die Wurzeln unserer abendländischen Kultur? Was sagt es uns, dass wir in Ägypten eine Hochkultur sehen, die den Tod nicht wie die moderne Welt verdrängt und tabuisiert, sondern ihn ins Leben integriert? Können wir eine Bezug zu den Bildern des Mythos und der Götter wiedergewinnen, die dem Ägypter eine Verbindung zu einer höheren Wirklichkeit und einen festlichen Glanz auf seinem Leben schenkten?

Nach dem Willen des Autors soll sein Buch den verschiedensten Lesarten gerecht werden: Die Ideen der alten Ägypter könnten mit dem Verstand erklärt werden, man könne sich an ihrer Poesie erfreuen, sie können als Träume der Psyche, als ein Gang ins Unbewusste oder als esoterische Weisheit verstanden werden. Hornung selbst versucht nachzuvollziehen, was die Ägypter sich bei dieser Bilderfülle dachten. Wie immer versteht er es, den Leser damit zu fesseln. Zahlreiche Illustrationen aus den Unterweltbüchern veranschaulichen auch optisch die erläuterten Zusammenhänge und erleichtern den Zugang zu ihrer Welt. Wer sich nach der Lektüre weitergehend mit diesem Thema beschäftigen will, sei auf die im selben Verlag erschienene Übersetzung der Unterweltbücher („Ägyptische Unterweltsbücher“) von Erik Hornung verwiesen. Vielleicht vermag so mancher Leser den Lauf der Sonne dann mit anderen Augen zu betrachten …

Roberts, A. R. R. R. – kleine Hobbnix, Der

Mit „Der kleine Hobbit“ begann 1937 das erfolgreichste Fantasy-Epos, nämlich „Der Herr der Ringe“. Erstmals ist dort von jenen Ereignissen die Rede, die schließlich zum großen Ringkrieg und dem Sturz des dunklen Herrschers Sauron führten. Doch Tolkien hat uns etliche wesentliche Infos vorenthalten, so etwa die, dass der kleine Hobbit eigentlich Nichtraucher war und der Zauberer fast stocktaub, von der seltsamen Redeweise der Zwerge ganz zu schweigen („Weissu wie isch mein, ey?“). Höchste Zeit also für die richtige Aufklärung, die alle Klarheiten beseitigt (oder so).

_Der Autor_

Der Name Adam Roberts ist angeblich das Pseudonym eines angeblich recht bekannten US-Schriftstellers. Ich tippe mal auf Thomas M. Disch, aber auch Philip José Farmer käme in Frage. Aber nix Genaues weiß man nicht. Und wenn man sich gewisse Feinheiten über die englischen Sitten ansieht, kommt auch ein Brite für den Job in Frage.

_Handlung_

Im idyllischen Aualand leben bekanntlich die freundlichen Hobbnixe. Das Einzige, was sie stört, sind ihre arthritischen Füße, denn sie stapfen tagein tagaus barfüßig durch die Botanik, also auch, wo’s feucht ist. Auch unser „Held“ mit dem klangvollen Namen Bingo Beutlgrabscher stöhnt in seiner heimeligen Höhle über die vermaledeiten Füße, an denen die Gichtknoten schwellen.

Gerade will er sich zum Ausruhen zurücklehnen, als es an der Tür klopft. Es ist der Zauberer Ganzalt nebst einer stattlichen Anzahl Zwerge. Sie sind zwar nicht eingeladen, stapfen aber trotzdem in Bingos Wohnhöhle. Es klopft immer noch an der Tür – Ganzalt kann den eingesetzten Klopfzauber nicht abstellen. Um seinem Sympathiequotienten einen weiteren Dämpfer zu verpassen, fängt er auch noch an, Bingos Höhle mit seiner Tabakspfeife zu verpesten, ungeachtet des gottserbärmlichen Raucherhustens, der ihn schüttelt.

Die Kommunikation mit den Zwergen gestaltet sich ähnlich schwierig wie mit dem fast stocktauben Zauberer: Sie reden nur hessisches Kanakisch [s.u.], weissu wie isch mein, ey Mann, oder? Bingo checkt natürlich null und will alle Uneingeladenen rauswerfen, doch da erklingt das Zauberwort: GOLD! Für solche Wörter sind Beutlgrabscher – und sicher nicht nur diese – immer zu haben. GOLD also bieten sie ihm an, wenn, ja wenn er mit ihnen zum Strebor, dem Einzigen Berg, zieht, um den GOLD-Schatz des Drachen Schmauch zu klauen. Oder so, weissu…

Schon überredet! Bingo hat zwar einen winzigen Verdacht, dass da vielleicht noch was anderes sei, was die Zwerge vorhaben, aber wo GOLD zu holen ist, darf Bingo – nomen est omen! – nicht fehlen.

Natürlich fehlen die üblichen Stationen der Reise zum fernen Strebor nicht: Die Trolle spreschen fürnehmstes Franssösisch, wenn sie sich über das geeignete Rezept für die Zubereitung der Zwerge streiten. Die Elfen aus den Nobelbergen sind allesamt schwul und außerordentlich elegant. Fürst Halbelf – nicht zu verwechseln mit Fürst Halbzwölf und schon gar nicht mit Elfuhr – wird später mit seinem Elfenheer auftauchen.

Unter dem Nobelgebirge kommt es zu jener berühmten und äußerst schicksalschweren Begegnung, in deren Verlauf Bingo und das Wesen namens Schmollum versuchen, ein paar Rätsel zu lösen (oder auch nicht, was Bingo betrifft), denn schließlich will Schmollum sein „Ding™ der Macht“ zurückhaben. Mit diesem Ding™ ist nicht zu spaßen, wurde es doch vor Urzeiten vom bösen Saubua geschmiedet, dessen perverse Denkweise darin Eingang fand, und die geht so: Um sich einen Wunsch damit zu erfüllen, spricht man in die Öffnung des Dings™, aber der Wunsch muss umgekehrt proportional zu dem Gewünschten formuliert sein, checkst du? Wenn es also Nacht werden soll, musst du sagen: Die Sonne scheint. Alles roger?

Eine wahrhaft erstaunliche Episode bildet der Besuch bei Björn dem Gestaltwandler, der nachts zum Tier wird. Das ist allerdings nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu verstehen, weissu wie isch mein? Ansonsten würde er sich hervorragend als Verkaufsassistent bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus eignen. Auch die Spinnen sind recht merkwürdig drauf: Bekanntlich schnappen sie sich die Zwerge & Co., doch wenn man ein wenig an ihre sozialistischen Ideale appelliert, kommt man auch auf einen grünen Zweig, checkst du?

Nach den allerhärtesten Bewährungsproben, wie etwa dem Wettsaufen mit den Oberbayern in der Bierstube „August & Ina“ (= Augustiner), müssen die seltsamen Gefährten noch die Begegnung mit einer rappenden Krähe und dem pfeilbewehrten Bürgermeister der Seestadt Essmabrot bestehen, dann kann endlich die Konfrontation mit Schmauch erfolgen. Und das ist wohl bestimmt ein ganz fürchterlicher Drache – wenn man den Zwergen glauben darf (aber wer tut das schon?). Merkwürdig, dass der Zauberer Ganzalt ausgerechnet jetzt in einen Tiefschlaf gefallen ist…

_Mein Eindruck_

„Der kleine Hobbnix“ ist eine sehr gelungene Parodie auf Tolkiens Kinderbuch (das hoffentlich niemals verfilmt wird), wie ich finde. Die Story hat sprachlichen Witz, einige Spannung, viele Überraschungen und ein ordentliches Tempo, sobald sich die Gefährten mal auf die Socken gemacht haben. Was an Sprachwitz vorhanden ist, habe ich ja schon angedeutet. Doch im Gegensatz zu so vielen Parodien erschöpft sich „Hobbnix“ nicht im Konterkarieren des Originals, sondern entwickelt selbst einige Kreativität, was die Ursache und den Ausgang des Abenteuers anbelangt – beides darf hier natürlich nicht verraten werden. Aber auch absolute Tolkien-Anhänger werden daher noch etwas Gewinn von der Lektüre haben.

Abgesehen von den witzigen Einfällen der Geschichte ist das Buch aber noch mit vielen weiteren Zutaten gespickt. Die wichtigste besteht sicherlich in den ebenso unüber- wie unvorher-sehbaren FUSSNOTEN. So eine Fußnote kann recht dezent sein, aber auch ziemlich aufdringlich wirken. Hier wendet sich der Autor direkt an den Leser, um ihm etwas zu erklären, oder an Sponsoren, um ihnen eine passende Werbefläche im Text anzubieten (vulgo als „Product Placement“ bekannt).

Wie sehr das vorliegende Werk ein Produkt der Medienindustrie ist, machen nicht nur die Fußnoten, sondern auch die zahlreichen ANHÄNGE deutlich. Was wäre ein solches Kultbuch wie „Der kleine Hobbnix“ nämlich ohne eine oder zwei Fortsetzungen? Ganz recht: ein kleines Garnix! Daher hat, wenn wir Roberts glauben dürfen (und warum auch nicht?), sein Verlag NonWin Books folgende Produkte auf den Markt geworfen:

Der Herr der Sinne Band I: Die Gelehrten
Der Herr der Sinne Band II: Das doppelte Türmchen
Der Herr der Sinne Band III: Die Rückkehr der Fortsetzung des Königlichen Dings™: Der Sohn des Dings™ reitet wieder

Das große Hobbnix-Lexikon: Ein alphabetischer Wegweiser durch ganz Obermittelerde
PlayGameBoxCube 2 präsentiert: Der kleine Hobbnix: Der Zorn von More&More. Mit den Originalstimmen von Sir Ian McEllen und Lady Ellen McIan
Der kleine Knollnix: Die Parodie auf den Kultklassiker „Der kleine Hobbnix“

Außerdem kann jeder, der verrückt nach Hobbnixen ist, Mitglied im Hobbnix-Fanclub werden – für schlappe 149,95 Euro im Jahr, plus Mehrwertsteuer und Traumaversicherung! Na, wenn das kein voll korrektes Angebot ist, ey Mann!

Nun soll’s aber genug der Beispiele sein. Was uns der Parodist damit sagen will, ist wohl recht deutlich geworden: Durch Übertreibung der Marketingparolen führt er den ganzen Medienrummel um das Original, also Tolkien und die Verfilmung des „Herrn der Ringe“, einer Kritik zu. Es würde sich lohnen, mal – etwa im Rahmen eines Seminars – genauer zu untersuchen, welche Aspekte Roberts genau auf die Schippe nimmt. Das Original findet er bestimmt klasse, aber die Auswüchse, die dessen nachgerade kultische Verehrung bzw. industrielle Vermarktung angenommen haben, sind ihm mehr als suspekt.

Daher erfüllt die Parodie mehrere Zwecke. Und wie ich finde, erreicht sie ihre Ziele auch. Und wenn mich nun jemand fragen würde, welche Episode mir am besten gefallen hat, so würde ich ohne zu zögern sagen: die oberbayerischen Säufer, vor denen Bingo & Co. eine „Gaudi“ aufführen müssen. Allerdings sind zum Verständnis fortgeschrittene Kenntnisse des Urbayerischen erforderlich – oder ein Wörterbuch.

Damit möchte ich darauf hindeuten, dass Ute Brammertz eine hervorragende Übersetzung gelungen ist, die richtig Laune macht. Sie stellt nicht nur eine Eins-zu-eins-Übertragung des Originals dar, sondern erfindet eigene zeit- und ortsgemäße Entsprechungen. Dazu gehören nicht nur die Oberbayern oder der schwedische Björn, sondern auch Kulturphänomene wie die Szenesprache (Kanakisch) der Zwerge und der rappenden Krähe „Raveman“. Da dürfte sich auch die jüngere Generation angesprochen fühlen. Voll konkret, Mann! (Wer mit Kanakisch nix anfangen kann, der findet im Programm des |Eichborn|-Verlags von Michael Freidank verfasste entsprechende Wörterbücher und Selbstlernkurse – Kanak it yourself mit „Dem besten Sprakkurs ubernhaupt“!)

_Die Grafiken_

Jetzt hätte ich doch fast die Landkarte und die Illustrationen unterschlagen! Nej, sowas aber auch.

Die Landkarte am Anfang des Buches hilft – mehr oder weniger – bei der Orientierung des planlosen Lesers in den wilden Gefilden von Obermittelerde. Dazu gehören solche Landmarken wie das Nobelgebirge, das Eckmeer und die Bucht von Glucks, das Skigebiet Shifoan, das Verwunschene Bächle und die bekannten Doppeldörfer Katzen und Sprung. Besonderes Augenmerk möge der geneigte Leser der geografischen Kombination Australiensee, Neuseelandsee und Pullisee widmen. Auch der Mount Dumm und der Mount Dümma vermitteln den Eindruck, als ob sich dahinter ein tieferer Sinn verberge (aber was?). Jedenfalls gibt’s hier noch viel zu entdecken, sogar einen Fleck namens „Druckfehler“, wer hätte das gedacht? Ich schon!

Jedem Kapitel ist eine Zeichnung vorangestellt. Sie dient dazu, den Leser auf das Schlimmste gefasst zu machen, so etwa auf „Die Gobblinattacke“ auf (ab?) Seite 277. Jeder, der sich diese Zeichnungen ansieht, ist selber schuld, wenn er weiterliest! Er wurde ja gewarnt.

_Unterm Strich_

Wer einmal das Buch aufgeschlagen und das erste Kapitel ob der Attacken auf sein Zwerchfell überstanden hat, wird das Buch kaum aus der Hand legen können (höchstens auf dem stillen Örtchen, obwohl…). Nicht nur der Sprachwitz weiß zu verblüffen und zu unterhalten, sondern auch die Einfälle, die der aus dem Original bekannten Handlung einen neuen Verlauf geben – und natürlich eine ganz andere Bedeutung. Dann wird’s auch richtig spannend.

Natürlich erfordert das Nachvollziehen der umgekehrt proportionalen Sprachlogik, die das Ding™ der Macht von seinem Träger ebenso wie vom Leser verlangt, eine gewisse Verknotung der Hirnspiralen, aber das macht nix. Denn da ist es bereits zu spät. Die Verknotung hat insgeheim bereits mit der Interpretation des Kanakischen begonnen, dessen sich die Zwerge, besonders ihr Anführer Mori, befleißigen. Ja, servus, Verstand, und bei den Metaphern hört ja sowieso alles auf.

Eine gewisse Ähnlichkeit zu Terry Pratchetts Scheibenweltromanen mag ja vorhanden sein – auf dem Titelbild ist eine verdächtig wirkende Truhe mitsamt Insassen zu sehen -, doch schon nach wenigen Seiten ist klar, dass die Parodie vor allem den Medienrummel um Tolkien und die Herr-der-Ringe-Verfilmung aufs Korn nimmt, und das mit Erfolg, wie ich meine.

Das Buch bildet auch für besonders fanatische Tolkien-Fanatiker (oje, ein weißer Schimmel!) noch eine Bereicherung. Kein Fehlkauf, checkst du, sondern voll korrekt. Küss die Hand.

Hoffmann, Markolf – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1)

Mit seinem Debüt-Werk „Nebelriss“ liefert Markolf Hoffmann den ersten Teil der phantastischen Trilogie |Zeitalter der Wandlung| ab.

Eine ganze Welt steht vor dem Untergang – oder vielleicht doch nur vor dem Aufbruch in ein neues Zeitalter?

|Gharax| heißt diese Welt, sie umfasst vier Königreiche (Arphat, Candacar, Gyr und Kathyga), ein selbsternanntes Kaiserreich (Sithar) und die Ländereien eines zunehmend unberechenbaren Gildenrates (Troublinien).
Nach Jahren des Friedens sehen sich die Völker Gharax mit einer Gefahr konfrontiert, die nur in den fast vergessenen Legenden der magischen Logen und religiösen Orden Erwähnung findet. |Goldéi| heißen die zweibeinigen echsenartigen Eindringlinge, die ein Königreich nach dem anderen im Handstreich erobern. Die Zauberer und Priester schweigen und glauben in ihrer unermesslichen Arroganz, sie könnten dem Feind entgegentreten und ihn in die Schatten der Legenden zurückdrängen. Nachdem Candacar und Gyr von der Übermacht der Angreifer vernichtend geschlagen sind und der Herrscher von Kathyga vor den goldgeschuppten humanoiden Reptilien sein Haupt gebeugt hat, um seinem Volk ein brutales Massaker zu ersparen, marschieren die Goldéi in Richtung der Grenzen der letzten beiden freien Reiche.

Sithar, dessen naiver und ungesitteter Kaiser Akendor seine Macht an |das Gespann|, zwei machthungrige und intrigante Fürsten des Thronrates, abgegeben hat, war einstmals ein Teil des Königreiches Arphat, bevor es sich im Südkrieg vor 348 Jahren von dessen Herrschaft lossagen konnte. Trotz des tief verwurzelten gegenseitigen Hasses dieser beiden Reiche, wagt es Fürst Baniter Geneder, der ewige Gegenspieler |des Gespanns|, eine Gesandtschaft nach Arphat zu führen, um ein Bündnis mit der grausamen Königin Inthara zu schließen …

In der Kirche Tathrils steht ein Machtwechsel kurz bevor und so erreichen auch hier die Intrigen eine kritische Phase, in der es sich entscheiden wird, welchen Kurs die Priesterschaft in der kommenden Zeit einschlägt. Nhordukael, ein junger Priester und der ergebene Diener des Kirchenoberhaupts, trägt inmitten dieses aufkeimenden Tumults einen Glaubenskrieg in seinem Inneren aus …

An einem anderen Ort wird ein junger Eleve, ein Schüler der Magie, aus der Hand der Goldéi befreit. Laghanos weiß um ihre Pläne, die magischen Quellen, die vor über einem Jahrtausend von dem mächtigen Zauberer Durta Slargin gebändigt und unterworfen wurden, zu befreien. Erreichen die Reptilien ihr Ziel, könnten große Teile der Welt im Chaos der Natur vergehen …

Markolf Hoffmann wurde 1975 in Braunschweig geboren und lebt derzeit als Student der Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin. Schon während seiner Schullaufbahn nahm er an einigen Schreibwettbewerben teil und erhielt sogar den ersten Preis im Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg. 1996 absolvierte er sein Abitur und erhielt den Scheffelpreis für hervorragende Leistungen im Fach Deutsch. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Studium engagiert er sich zudem in Kurzfilmprojekten und war 1998 mit dem Film „Schnittfehler“ (Buch und Regie) im Auswahlprogramm des Internationalen Jugendfilmfestivals |up-and-coming| vertreten. 1999 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für ein Jahr nach London. Der Themenschwerpunkt seines Studienaufenthalts war die |Britische Literatur der 90er Jahre|.
Seine ersten Veröffentlichungen erschienen im Jahr 2003 – die Kurzgeschichte „Ein meisterliches Mahl“ in der Anthologie |Tolkiens Geschöpfe| (Heyne) und die Erzählung „In Poseidons Armen“ in der Anthologie |Matrixfeuer| (|Phönix|-Verlag).

Nebelriss – so nennen die Bewohner eine Schlucht am nördlichen Rande des Hochlands, der Grenze zwischen Sithar und Arphat. Alten Legenden zufolge werden in ihr die Wolken geboren, um dann über die Welt zu ziehen und sie mit Regen zu belohnen oder mit Stürmen zu strafen.
Über diese Schlucht führt die alte Brücke von Pryatt Par, die auch Fürst Baniter Geneder beschreiten muss, um seine Gesandtschaft in das verfeindete Königreich Arphat zu führen.

Markolf Hoffmann nimmt den geneigten Leser mit auf eine atemberaubende Reise, in deren Verlauf er mit seiner leidenschaftlich düsteren Erzählweise eine Welt zum Leben erweckt. Viele liebevoll arrangierte Details, die manchmal wie die Requisiten in einer gemütlichen Taverne anmuten, machen den Reiz dieser bis ins Kleinste ausgearbeiteten Welt aus. „Nebelriss“ birgt ein unvergleichliches Erlebnis für alle Freunde phantastischer Literatur. Seine mitreißende Art und die stilistisch eindrucksvolle Sprache bringen ein literarisches Werk zum Vorschein, welches international seinesgleichen sucht.

Dem Autor ist etwas gelungen, was gerade in der phantastischen Literatur leider eine Rarität ist; er hat eine komplexe und vielseitige Geschichte erschaffen, wie sie sonst nur das Leben selbst zu erzählen vermag. Die Protagonisten, wie auch wichtige Nebenfiguren, zeigen auf ihrem Weg neben ihren Stärken ebenso ihre Schattenseiten und der eine oder andere wächst unerwartet über sich selbst hinaus – es gibt keinen schillernden Helden in einer goldenen Rüstung und genauso wenig finden sich schwarze Drachen auf einem Hort aus purem Gold oder menschenfressende Trolle. Hier geht es nicht um den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, vielmehr geht es um eine dem Untergang geweihte Welt, in der die einzelnen Personen ihrer Bestimmung nachgehen, um ihren Platz in der neuen Ordnung zu finden. Bei seinen Figuren hat Markolf Hoffmann großen Wert darauf gelegt, dass sie natürlich erscheinen und eine Konsistenz im Denken und Handeln aufweisen. Aus der Sicht des jeweiligen Charakters erscheint sein Streben gut und richtig, auch wenn es für einen anderen bedeuten mag, dass ihm daraus Unannehmlichkeiten erwachsen oder er gar mit dem Rücken an die Wand gedrückt wird. Selbst die unheilbringenden Goldéi, welche danach trachten, eine längst vergangene Ordnung wieder herzustellen, scheinen ein gerechtes Ziel zu verfolgen – natürlich nur aus ihrer Sicht. Auf Grund dieser menschlichen Züge, der Stärken und Schwächen und der teils eigennützigen Zielen fällt es schwer, einen eindeutigen Sympathieträger auszumachen.

Gestattet mir ein paar Worte zum Buch selbst. Das Cover-Artwork ist wahrlich eine gelungene Arbeit von Christopher Vacher, doch auch wenn es die teils bedrückende Atmosphäre der Geschichte malerisch widerzuspiegeln vermag, so habe ich doch meine Schwierigkeiten, es in einen Kontext zum Roman zu bringen – mag sein, dass es einen Teil des Rochenlandes darstellt oder die |Augen von Talanur| im Yanur-Se-Gebirge in Arphat. Auf jeden Fall macht das Buch allein schon wegen des Einbandes auf sich aufmerksam.
Sollte der geneigte Leser und Liebhaber phantastischer Literatur nun allerdings auf die Idee verfallen, das Buch umzudrehen, um sich mittels des Klappentextes einen Einblick in die Geschichte zu verschaffen, so erfährt er eine herbe Enttäuschung, denn die Art und Weise, wie hier versucht wird, dem potenziellen Leser das Buch schmackhaft zu machen, zielt wohl eher auf die falsche Zielgruppe ab. Ganz oben der unnötige und völlig irreführende Vergleich mit J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, direkt gefolgt von ein paar allgemein gehaltenen Phrasen, die eher zu einer |Sword & Sorcery|-Reihe passen. Warum nur, lieber |Heyne|-Verlag, erachtest du das, und dann in dieser Form, als unbedingt erwähnenswert? Ich möchte noch auf ein weiteres Manko hinweisen; ich finde es ziemlich schade und auch ein wenig irritierend, dass von außen nichts darauf hindeutet, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Auf der Vorderseite finden nur der Verlag, der Autor und der Titel des Romans – nebst einem Verweis darauf, dass es sich eben um einen Roman handelt – Erwähnung und auch auf dem Buchrücken steht nichts von einer Trilogie. In diesem Zuge sei erwähnt, dass wegen des Verkaufs der Fantasy-Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag der zweite Teil dieser Trilogie, „Flammenbucht“, – und hoffentlich auch der abschließende dritte Teil – bei Piper erscheint, und zwar zeitgleich mit der Neuveröffentlichung dieses ersten Bandes im November 2004.

Nun aber wieder zu den erfreulichen Seiten dieses Buches, nämlich den ersten. Dort findet der Leser ein Aufstellung der |dramatis personae|, eine Karte der Welt Gharax und die dazugehörige Legende. Da der Roman ohne ein großartiges Präludium direkt ins Geschehen einsteigt, mag die Erläuterung, wer wohin gehört und welches Amt er dort bekleidet, dem einen oder anderen Leser hilfreich sein; ich persönlich liebe derart komplexe Stories und habe sie, während ich mich von der Welt und den Personen habe entführen lassen, nicht benötigt. Bei der Rezension war sie mir allerdings eine große Hilfe, da ich so ohne größeres Suchen die Schreibweise von Orten und Personen nachschlagen konnte. Meines Erachtens ist diese Idee eine angenehme Bereicherung für das Buch. Die Karte entstammt der Feder von Markolfs Schwester, Hjördis Hoffmann, und erlaubt dem Leser trotz ihrer geringen Größe, den Wegen Baniter Geneders und denen der Goldéi geographisch zu folgen.

Und damit kommen wir auch schon zu einem weiteren, wie ich finde, sehr gelungenen und ungewöhnlichen Leckerbissen, den Markolf Hoffmann seinen Lesern bietet: die [Nebelriss-Homepage,]http://www.nebelriss.de die er eigenhändig pflegt. Neben einem reichhaltigen Angebot an Hintergrundinformationen bietet der Nachwuchsautor seiner Leserschaft eine kostenlose Probe seines Könnens. In der Rubrik „Online-Konzept“ hat er eine kurze Vorgeschichte, „Der Preis des Verrats“, in Form eines Briefwechsels verfasst, mit dem der geneigte Leser einen kleinen Einblick in die Welt Gharax und die Bedrohung durch die Goldéi erlangen kann. Der kathygische König Eshandrom hat seinen Ratgeber Pushindra in das Nachbarreich Candacar entsandt, damit dieser den Gerüchten über eine gesichtete Invasionsflotte goldgeschuppter Echsen auf den Grund gehe. In zehn kurzen Kapiteln, die bereits in den Wochen vor der Veröffentlichung von „Nebelriss“ auf der Homepage präsentiert wurden, wird dieser Briefverkehr wiedergegeben.
Ein ähnliches Konzept ist auch im Vorfeld der Veröffentlichung von „Flammenbucht“ geplant.

Abschließend bleibt mir nur noch, euch einige wunderschöne Leseabende mit „Nebelriss“ bei Kerzenschein und einem guten Glas Wein zu wünschen.