Deaver, Jeffery – Insektensammler, Der

_Menschenjagd mit Hindernissen_

Dies ist in der Tat ein „komplexer psychologischer Thriller“, wie es der Klappentext verspricht: Nichts ist wirklich so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Die unscheinbare Kleinstadt im Hinterland der amerikanischen Ostküste ist ein wahres Hornissennest. Überraschungen tauchen dann auf, wenn man sie am wenigsten erwartet oder gebrauchen kann – bis zur letzten Seite.

_Der Autor_

Jeffery Deaver war nach nur zwei Romanen bereits einer der bekanntesten Krimiautoren der USA. Denn einer dieser zwei Romane wurde von Hollywood verfilmt: Unter dem Titel „Der Knochenjäger“ zeigte der Streifen Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen. Vorlage war Deavers Thriller „Die Assistentin“, in dem ebenfalls der Kriminalist Lincoln Rhyme die Hauptfigur darstellte.

_Handlung_

Amerikanische Ostküste, Bundesstaat North Carolina. Im ausgedehnten Sumpfgebiet am Paquenoke-Fluss wurde die junge Archäologin Mary Beth O’Connnell entführt. Dringend verdächtig ist der 16-jährige Darrett Hanlon, der schon einiges auf dem Kerbholz zu haben scheint und in der Gegend nur „Der Insektensammler“ genannt wird. Er ist ein sonderbarer Einzelgänger, der im Sumpf lebt und sich obsessiv mit „Ungeziefer“ beschäftigt. Selbst vor Hornissen hat er keine Angst, denn er setzt ihre Nester manchmal als Waffe ein.

Hornissenstiche haben einen Deputy Sheriff von Tanner’s Corner so vergiftet, dass er ins Koma fiel. Er konnte die junge schwarze Krankenschwester Lynda Johanson daher nicht mehr beschützen, als sie von dem Insektensammler entführt wurde. Merkwürdig ist es schon ein wenig, dass eine Krankenschwester sich an die Stätte eines Mordes begibt, um Blumen niederzulegen. Nun ist die Polizei unter Sheriff Jim Bell reichlich verzweifelt. Und sie greift daher zum letzten Strohhalm.

Lincoln Rhyme aus New York City und seine Assistentin Amelia Sachs sind nach North Carolina gekommen, damit er sich dort in einer Spezialklinik (wo auch Lynda Johanson arbeitet) an der Wirbelsäule operieren lassen kann. Rhyme ist seit einem Dienstunfall in New York City fast vollständig gelähmt. Seinen Spezial-Rollstuhl fährt er mit Hilfe einer „Strohhalmsteuerung“, die er mit dem Mund bedient. Nur den beredsamen Kopf und den linken Ringfinger kann er noch bewegen.

Sheriff Bell, der von seiner Anwesenheit erfahren hat, tritt an ihn heran und bittet Rhyme um Hilfe bei der Lösung des Hanlon-Falles. Rhyme sieht eine Chance, sich die Langeweile vor der Operation zu vertreiben und willigt ein, unter der Bedingung, die Untersuchung kriminalistisch leiten zu können.

Mit Rhymes‘ analytischem Verstand und seiner akribischen Spurensuche gelingt es ihm schon nach kurzer Zeit, mit Amelias Suchtrupp den Jungen in den Sümpfen aufzustöbern, ihn in die Enge zu treiben und schließlich in einer dramatischen Aktion zu verhaften. Lynda Johanson wird fast unversehrt befreit. So weit, so gut. Doch wo ist die Geisel des Jungen versteckt: Mary Beth McConnell? Muss sie etwa verdursten? Der Junge weigert sich im Gefängnis, dazu eine Aussage zu machen. Er sagt, er wolle Mary Beth nur beschützen. Und Amelia, die Muttergefühle in sich spürt, merkt, dass der Junge Angst hat.

Unvermittelt erhält der Fall eine unerwartete Wendung: Amelia Sachs wechselt die Seiten. Sie flieht mit dem befreiten Jungen zurück in die Sümpfe, wobei sie clever ihre Verfolger in die Irre führt (gelernt ist gelernt: Amelias Vater war Streifenpolizist). Plötzlich sieht sich Mr. Rhyme einem äußerst intelligenten Gegner gegenüber. Wird es ihm gelingen, Amelia und den Jungen zu finden und die verschwundene Mary Beth zu retten?

Doch retten muss er sie alle, wie er zu seinem Entsetzen herausfindet: Er ist von Anfang benutzt worden, um Zeugen großer Verbrechen in Tanner’s Corner zu finden, die von den Schergen eines mächtigen Hintermannes unschädlich gemacht werden sollen. Eine Wettlauf gegen die Zeit beginnt, als nicht weniger als drei Trupps Jagd auf Amelia und Garrett machen. Die Menschenjagd führt zu einem bleihaltigen Showdown im Sumpf.

Das ist natürlich noch nicht das Ende, denn der Leser fragt sich ja, ob Amelia Sachs für ihre Untat in die Gaskammer geschickt wird. In den Südstaaten sollte man offenbar damit rechnen, legt der Autor nahe.

_Mein Eindruck_

Am Anfang hatte ich meine Mühe, mit der leicht überheblich wirkenden Art des Chefermittlers Lincoln Rhyme zurecht zu kommen. Doch der Junge hat wirklich was auf dem Kasten, wie das Fortschreiten der Untersuchung zeigt. Seine Kompetenz bei der Spureninterpretation wird allgemein akzeptiert, doch Amelias Verhalten zeigt auch Rhyme, dass Spuren alleine nicht ausreichen: Sie können so und so gedeutet werden. Psychologie muss hinzukommen, damit aus den Hinweisen eine Geschichte wird. Und nicht einmal das muss zunächst die ganze Wahrheit sein – die Wirklichkeit hat Falltüren, wie Rhyme erkennen muss.

Mit dem Insektensammler Garrett Hanlon hat der Autor eine interessante Figur geschaffen. Der einsam lebende Waisenjunge selbst würde einem Schnüffler wie Rhyme kein Paroli bieten könne. Doch mit dem Wissen, das er sich aus Fachbüchern über Insekten angelesen hat, und der praktischen Erfahrung, die er sich erworben hat, schafft er es, Taktiken aus dem Insektenreich in sein Verhalten zu integrieren – so entkommen er und Amelia dem Zugriff der gesammelten Verfolgertrupps. Amelia staunt, wie viel sie selbst von Garrett lernen kann, um zu überleben.

Vertrauen zwischen ihr und dem Jungen entsteht vor allem durch eine Szene. Sie fordert ihn auf, sich einen leeren Stuhl (siehe Originaltitel!) mit jemandem darin vorzustellen, dem er gerne etwas sagen möchte. Dieser Akt der Vorstellungskraft ist Teil der Gestalttherapie und dient dazu, einen „Patienten“ zum Aussprechen seiner Sorgen und Anliegen zu bringen. Es funktioniert hervorragend, denn nun weiß Amelia, wer am Tod von Garretts leiblichen Eltern schuld ist. Vielleicht lebt sie lange genug, um es Rhyme sagen zu können.

Hornissennester sind nicht nur Waffen in diesem Buch, sondern auch ein Symbol. Rhyme und Amelia sehen die Mitglieder der sie umgebenden Verschwörung erst, als sie angegriffen werden – sogar noch auf dem Operationstisch! Ich finde es wenig glaubhaft, wenn Deaver eine gesamte Kleinstadt und somit die Südstaaten als amoralisch, korrupt und selbstmörderisch hinstellt. Logisch, dass dann die rettende Kavallerie aus dem Norden kommen muss. – Tennessee Williams und John Grisham haben weiter an diesem Bild gestrickt. Und Patricia Cornwell hat sogar einen Roman mit dem Titel „Die Hornisse“ veröffentlicht. Ihre Geschichten spielen bekanntlich in der alten Hauptstadt des Südens: nein, nicht in Atlanta, sondern in Richmond, Virginia.

_Unterm Strich_

Es wäre sicherlich unfair zu sagen, dass die Romanhandlung im Grunde aus lediglich zwei Menschenjagden (jedesmal auf den Titelhelden) bestünde. Das hieße, die Psychologie und die Kriminalistik unter den Tisch zu kehren.

Aber andererseits bezieht der Roman seine Spannung hauptsächlich aus dieser Action. Und zwar in solchem Maße, dass man die entsprechenden Seiten nur so durchrast, um herauszufinden, wie Amelias Flucht mit dem Jungen endet. Wie gesagt: Deaver hält danach noch einige Überraschungen bereit.

Jeffery Deaver: Diesen Namen sollte man sich merken.

|Originaltitel: The empty Chair, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans-Peter Kraft|

Gebhardt, Harald / Ludwig, Maria – Von Drachen, Yetis und Vampiren. Fabeltieren auf der Spur

Fabelwesen – seltsame Tiere oder Tiermenschen, die stets genau dort zu finden sind, wohin sich der Mensch normalerweise nicht zu gehen traut. Man „kennt“ sie nur vom Hörensagen, findet seltsame Spuren, stellt sich fantasiereich ihre Erzeuger vor. Manchmal ruft man sie sogar durch die Kraft der eigenen Vorstellung ins Leben. Vor allem im Alltag unserer eher von Mythen als von der Wissenschaft geprägten Vorfahren waren Fabelwesen wichtig: Ihr Wirken half unverstandene und gefürchtete, scheinbar übernatürliche Vorgänge zu „erklären“. Schiffe gehen auf dem Meer verloren? Da müssen Seeschlangen und Riesenkraken ihr Unwesen treiben! Auf einem Berg raucht, brennt und zischt es? Hier wohnt gewiss ein Drache! Im Dorf tobt eine Seuche, während auf dem Friedhof feist & rosig die Toten in ihren Särgen dösen? Holzpflock her, denn Vampire gehen um!

Sie halten sich zäh, die „Fabeltiere im Leben der Menschen“ (S. 9-36); noch in der Gegenwart begleiten sie uns, wobei sich natürlich ein gravierender Bedeutungswandel feststellen lässt, den uns die beiden Verfasser des hier vorgestellten Buches verdeutlichen. Die ältesten Fabelwesen stehen seit Ewigkeiten über uns: Starrt man lange genug in den Nachthimmel, lassen sich Sterne zu Bildern fügen, die in Beziehung zu Legenden und Sagen gesetzt wurden. Da gibt es Sternbilder wie Pegasus, benannt nach dem geflügelten Pferd, den Drachen, das Einhorn und viele andere. Sie alle besaßen große Symbolkraft, was ihnen feste Plätze in der Heilkunst, der Magie und in der Religion sicherte. Auch das Christentum ist keineswegs frei von solchen Wesen. Fabeltiere fanden ihren Platz auf Adels- und Stadtwappen, wo sie von der Stärke der auf diese Weise Ausgezeichneten kündeten. Recht prosaisch schlug man ihr Abbild in Münzen, würdigte sie freilich auch in der Kunst. Malerei und Architektur, Musik, Lyrik und Prosa, später Film und Werbung: Fabeltiere erwiesen sich erstaunlich lebensfähig, auch nachdem ihre rein mythische Natur enthüllt war.

Zu den wichtigsten Fabelwesen überhaupt gehören die „Drachen und ihre Vettern“ (S. 37-61). Sie existieren in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten, im Abendland und im Fernen Osten. Immer sehen sie erstaunlich ähnlich aus. Die Verfasser gehen der Frage nach, ob es reale Vorbilder für den Drachen gibt. Ausführlich stellen sie anschließend die fernöstlichen Drachen vor, die als Weltenschützer, Beschützer und Glücksbringer hoch in Ehren gehalten wurden, während um die Lind- und Tatzelwürmer und Basilisken des Abendlandes besser ein großer Bogen zu schlagen war.

„Klassische Fabelwesen“ (S. 62-114): Die meisten „Prototypen“ bekannter Fabelwesen finden sich in den Sagen des klassischen Altertums. Ob Sphinx, Hydra, Chimära und Zerberus, Phönix, Vogel Rock, Greif, Harpyien, Pegasus, Zentauren und Gorgonen: Sie plagten nach Homer oder Vergil die Menschen des Mittelmeerraums und standen zudem meist im Bunde mit den Göttern, welche keineswegs für ihren Gerechtigkeitssinn bekannt waren. Die Autoren stellen den „Werdegang“ dieser Wesen dar. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die Naturwissenschaftler der Neuzeit die alten Fabelwesen „weiterleben“ ließen, indem sie realen, meist bizarr wirkenden Tiere oder Pflanzen ihre Namen gaben. So gibt es die Hydra, den Greif, die Harpyie oder Gorgonen tatsächlich, auch wenn sich dahinter meist harmlose Kreaturen verbergen.

Fabelwesen eher jüngeren Datums sind der Vampir, diverse Affenmenschen wie der Yeti, Bigfoot oder Almasty, der „Neandertaler aus dem Kaukasus“. Hier mischen sich Mystik und „wissenschaftlich“ begründeter Glaube (bzw. die Hoffnung), unbekannten Wesen aus der Urzeit sei es gelungen, sich auf der fast gänzlich erforschten Erde gewisse Nischen zu besetzen und auf diese Weise zu überleben.

Von dieser Theorie profitieren verständlicherweise vor allem die „Fabeltiere der Meere“ (S. 115-156). Sie existieren (vielleicht) dort, wo es in der Tat schwer ist, sie festzunageln. Zwar wurden das Meerpferd oder der Leviathan inzwischen als reines Seegarn entlarvt. Mindestens ebenso seltsame, zum Teil sehr reale Kreaturen sind an ihre Stellen gerückt. Die Verfasser berichten Neues über Haie, Seeschlangen (unter Berücksichtigung des Ungeheuers von Loch Ness), den Riesenkalmar, den Pottwal und über Sirenen (bzw. Seekühe). Jedem Kapitel folgt der Versuch einer Interpretation, wobei sich Fabel und Fakt oft erstaunlich gut trennen lassen, ohne dabei das Mysterium selbst zu beschädigen: Die Wahrheit, die bekanntlich immer irgendwo da draußen ist, wirkt mindestens ebenso faszinierend wie das Mutmaßliche.

„Reale Fabeltiere“ (S. 157-192): Der Kreis schließt sich, wenn wir zu den „echten“ Fabeltieren kommen. Jawohl, es gibt oder gab sie: den Quastenflosser, die neuseeländische Brückenechse, den Komodo-Waran, den Dodo, den riesigen Moa, das Okapi, das vietnamesische Dschungelrind Sao-La oder das Riesenfaultier Mapinguari. (Wobei Letzteres eher die Hoffnung auf eine mögliche Entdeckung symbolisiert: Der Mensch liebt es, Tiere neu zu entdecken, die er früher ausgerottet hat; es entlastet ihn ökologisch und moralisch.)

„Fabelwesen falsch gedeutet“ (S. 193-214): Das abschließende Kapitel macht deutlich, dass im Zusammenhang mit Fabeltieren Glauben oft Wissen bedeutet(e). Zwar verlangt der skeptische Mensch Beweise, aber die lassen sich (erschreckend) leicht finden. Um ein Narwal- oder Panzernashorn lässt sich problemlos ein Einhorn konstruieren, wenn man die eigentlichen Hornträger nicht kennt. Die massiven Schenkelknochen eines Mammuts geben vortreffliche Überreste böser Riesen ab, welche – noch besser! – in der biblischen Sintflut umgekommen sind und sich so zusätzlich als lehrreiche Kirchenpropaganda nutzen lassen. Für den Menschen der Gegenwart einfacher nachvollziehbar ist dagegen ein Irrtum, der den Glauben an vorzeitliche Zyklopen schürte: Wer hätte gedacht, dass es auf den Inseln des Mittelmeers vor gar nicht so langer Zeit Zwergelefanten lebten, deren Schädel sich wunderbar als Zyklopenköpfe deuten ließen?

Der reichhaltige Anhang (S. 215-223) umfasst die verwendete bzw. weiterführende Literatur sowie ein ausführliches Stichwort- und Quellenverzeichnis, mit deren Hilfe man sich sehr gut innerhalb des Buches orientieren kann.

Die „Geheimnisse der Natur“-Reihe des |BLV|-Verlags stellt ihren Lesern bekannte oder weniger bekannte Mythen vor, die auf ihren realen Kern abgeklopft werden. So gibt es Bände über „den Vogel“, „das Meer“, „das Pferd“ oder „den Baum“, die das breite Bedeutungsspektrum belegen, welches scheinbare Alltagsphänomene in der Menschheitsgeschichte einnehmen.

Die einzelnen Themen können aus Platzgründen einerseits überblicksartig und andererseits exemplarisch behandelt werden. Das vorliegende Buch stellt keine Ausnahme dar. Die Inhaltsangabe macht deutlich, welche Rolle Fabelwesen für den Menschen spielten und spielen. Dem Literaturverzeichnis ist zu entnehmen, dass über Kreaturen wie Riesenkraken, Drachen oder Riesen dickleibige Bücher geschrieben wurden. Mit solcher Informationstiefe können Gebhard & Ludwig nicht dienen; es liegt auch gar nicht in ihrer Absicht.

Ihnen ist es wie gesagt wichtig, das Thema in seiner Vielfältigkeit abzuhandeln. Das ist, wie immer, wenn Mythisches ins Spiel kommt, recht kompliziert. Leicht können Nachforschungen darüber, woher die Einhörner wirklich stammen, sehr fachspezifisch und – seien wir ehrlich – trocken ausfallen. Hier seien die Verfasser ausdrücklich für die Allgemeinverständlichkeit gelobt, mit der sie ihre Erkenntnisse unter steter Wahrung der Fakten einem möglichst breiten Publikum nahe bringen. Schließlich galt es zahlreiche, durchaus kontroverse Fachbereiche (Geschichte, Biologie, Archäologie, Psychologie u. a.) unter einen Hut zu bringen. Lobend hervorzuheben ist weiterhin die Gegenüberstellung des einzelnen Fabelmythos‘ mit der Realität. Hilfreich sind auch die zahlreichen, meist farbigen und sehr qualitätvollen Abbildungen, welche die Allgegenwärtigkeit der Fabelwesen nachdrücklich unterstreichen.

Eine gewisse themenspezifische Einseitigkeit sei dem Autorenduo verziehen. Auf sicherem Forschergrund bewegen sie sich, solange sie mythologische Fabelwesen präsentieren. Schwammiger wird es, wenn es um jene Wesen geht, von denen primär in der Folklore ethnisch-geografischer Randgruppen die Rede ist, während handfeste Existenzbeweise fehlen. Hier geraten wir in die Untiefen der Kryptozoologie. Sie ist keine anerkannte Wissenschaft. Ihre Anhänger bedienen sich der Methoden „richtiger“ Forscher, doch es gibt eine Grenze: Die Sehnsucht, diese Welt mit Fabelwesen zu bevölkern, lässt sie die strikte Beweispflicht, die aus Theorien Fakten werden lässt, gern vergessen. Dieser Vorwurf wird mit dem Argument gekontert, die Schulwissenschaft wisse auch nicht alles bzw. urteile zu streng oder sei verbohrt in ihren Ansichten. Das mag im Einzelfall zutreffen. Dennoch bleibt die (nicht immer vermerkte) Tatsache, dass die Argumente wider den Yeti, das Ungeheuer von Loch Ness oder wundersam überlebende Saurier in lauschigen Urwaldseen überzeugender sind als die kryptozoologischen Gegenbeweise: Die Autoren halten es bei aller Objektivität offenkundig mit Fox Mulder selig. („I want to believe!“)

Behält man dies im Hinterkopf, wird – und das zu einem heutzutage fairen Kaufpreis – ein wunderbarer Einstieg in ein (buchstäblich) bezauberndes Thema geboten. Wer sich ihm intensiver widmen möchte, findet in der Literaturliste manche Anregung.

Mann, Phillip – brennende Wald, Der (Ein Land für Helden 4)

_Eindrucksvoll: die Apokalypse des Imperiums_

Mit diesem Band findet der Science-Fantasy-Zyklus „Ein Land für Helden“ seinen Abschluss. Es kommt zu einem actionreichen Finale, das apokalyptische Dimensionen erreicht.

Ich habe nun alle vier Bände gelesen und komme zu dem Schluss, dass es sich um einen einzigen Roman handelt, den man in einem Rutsch lesen sollte. Damit ist dieses vierbändige Werk das gleiche Phänomen wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“: mit Einleitung, Epilog und dazwischen einer Handlung, die – irgendwie künstlich – in vier Bände aufgespalten wurde. Der absolute Höhepunkt ist natürlich wie zu erwarten der 4. Band, und der besteht zu fünfzig Prozent aus Action (man glaubt es kaum) und einer Art Apokalypse: sehr schön, sehr spannend und ein ganz klein wenig auch beklemmend.

_Der Hintergrund von „Ein Land für Helden“_

Die Welt von „Ein Land für Helden“ ist nur „zwölf Sekunden“ von unserer eigenen entfernt, hat sich daher im entscheidenden Augenblick in eine andere Richtung entwickelt. Die Römer haben nach der Eroberung Britanniens das Land nie mehr verlassen, auch die Germanen haben Rom nicht erobert, sondern vielmehr haben die römischen Legionen sich die restliche Welt völlig untertan gemacht.

Der Stand der römischen Technik ist erstaunlich modern – man schreibt schließlich das Jahr 1994: Radio, Dampfkraft, Magnetronik, Flugschiffe, Feuerwaffen: Es ist alles da, um einen verheerenden Krieg zu führen. Im 1. Band wurde die Technik jedoch mehr zur Belustigung der Menge eingesetzt: Im Kampfdom (Arena) von Eburacum (York) finden Kampfspiele statt, die im multilateralen Wettstreit von elektrisch betriebenen Ungeheuern gipfeln, etwa von Drachen und dergleichen.

Inzwischen haben sich die unterworfenen Völker wie die Briten an das Joch der römischen Herrschaft und die bequemen Lebensbedingungen in den befestigten Städten gewöhnt. Die adeligen Landbesitzer in ihren Villen herrschen absolut und mit skrupelloser Gewaltausübung über ihre Besitzungen. Doch ihre Flugschiffe und Gleisbahnen schweben über endlose britannische Waldbestände, die sich von Küste zu Küste erstrecken und in denen keltische Stämme wie in der Frühzeit leben. (Diese endlosen Wälder basieren auf einer Beschreibung in Plutarchs „Marius“, wie ich kürzlich las.) Allerdings müssen diese Flugschiffe auf festen „Himmelsstraßen“ verkehren. So entgeht ihnen, was wirklich in den Wäldern vorgeht.

_Der Autor_

Phillip Mann wurde 1942 geboren und wuchs im englischen Yorkshire auf, was, wie er sagt, großen Einfluss auf sein Werk hatte. Ein Großteil des 2. Bandes spielt in dieser Gegend, den so genannten „Wolds“. Inzwischen lehrt er Englische Literatur und Drama in der Uni von Wellington, Neuseeland.

Sein erster Roman „Das Auge der Königin“ (1982, dt. 1985) ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse. 1986 und ’87 erschien die Paxwax-Duologie: Sie schildern die Gefährlichkeit des Menschen, der seinen Herrschaftsbereich ausweitet, bis die Aliens merken, wo seine Achillesferse liegt: in seiner Gier nach Macht.

_Handlung_

In diesem Abschlussband nun überschlagen sich schließlich die Ereignisse. Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Kapitel noch kürzer ist als schon im dritten Band.

Zunächst findet die entscheidende Begegnung Colls mit dem Sänger und Schamanen Cormac statt, der ihn als Lehrling aufnimmt. Hatte Coll bereits zuvor ungewöhnliche intuitive Fähigkeiten, so gelingt es ihm nun, mühelos in die Geisterwelt überzuwechseln. Dabei ist die Leier von ausschlaggebender Bedeutung, deren Beherrschung er mühsam erlernen muss. In der Geisterwelt macht ihn Cormac mit einem Jäger aus der Steinzeit bekannt, der sich „Dunkler Adler“ nennt. Dunkler Adler führt Coll, den angehenden Schamanen, nach Cormacs Tod auf eine gewagte Reise, auf der Coll in die Essenz der Welt eindringen kann.

Er stellt eine spirituelle Verbindung mit den Bäumen, dem Wald her. Da der Wald praktisch das nichtrömische, unbesiegte Britannien darstellt, in dem die römischen Soldaten regelmäßig Feenerscheinungen sehen und wahnsinnig werden, kommt dem Wald eine Schlüsselrolle in der Identität Britanniens zu. Das hat nicht nur der Kaiser erkannt: Vernichtet er den Wald, zerstört er die Lebensgrundlage der Kelten. Dass das Abfackeln des Waldes auch eine gravierende Störung im Muster der Welt bedeutet, wird nur Coll klar, und so fasst er einen kühnen Plan: Nachdem er die Bewohner des Waldes gewarnt hat, begibt er sich zum Kaiser, um die Römer zu bitten, von ihrem Plan abzulassen.

Denn der Kaiser Lucius Prometheus Petronius hat auf der neuen Brücke den Ärmelkanal überquert und ist nach Eburacum (York) gekommen, um dabei zu sein, wenn mit der Zerstörung des Waldes begonnen wird. Was sein Statthalter nicht ahnt: Die mitgebrachte Legion kaiserlicher Sturmtruppen soll nicht nur Britannien, sondern auch Hibernia entvölkern und alle Adeligen ihres Besitzes berauben.

Auch Angus und Miranda tragen ihren Teil dazu bei, dass es im Moment der Zündung der Brandgeschütze zu einigen dramatischen Ereignissen kommt. Angus hat seinen Drachen wieder einmal ausgepackt und greift die Himmelsstraße selbst an. Und Miranda ist ein Wesen geworden, das sich in seiner Schrecklichkeit schwer beschreiben lässt: Sie hat Macht über die Energieebene mehrerer Dimensionen und setzt ihre Macht auf zerstörerische Weise ein: Sie ist Kalí, Moira, die Medusa. Die Folgen sind apokalyptisch.

_Mein Eindruck_

Nachdem der Beginn noch etwas gemächlich die Ausbildung Colls zu einem mächtigen Schamanen schildert, nehmen die Aktivitäten auf beiden Seiten an Umfang und Tempo zu: Die Römer haben alles für die Zerstörung Britanniens in Stellung gebracht, die Briten sind von einer konzentrierten Verteidigung meilenweit entfernt. Zwar werden nur Andeutungen über die Entwicklung Mirandas gemacht, doch der Leser ahnt bereits, dass sie ziemlich furchteinflößend und bedeutsam sein muss, um die römische Vernichtungsmaschinerei aufhalten zu können. Angus‘ Truppe jedenfalls spielte nur eine Nebenrolle, zumal er keine Vision davon hat, wie es nach dem Zusammenbruch der Römerherrschaft in Britannien weitergehen soll.

Aber auch nach dem beeindruckenden Showdown, so lang er auch sein mag, lässt sich der Autor nicht über utopische Gesellschaftsmodelle aus. Wozu auch? Er hat ja gerade demonstriert, dass das menschliche Maß, eingebunden in Naturzusammenhänge, das richtige und angemessene ist. Die Römer hingegen, repräsentiert durch den Nihilisten auf dem Thron, kennen kein solches Maß. Da ein Nihilist an nichts glaubt, am allerwenigsten an sich selbst, ist ihm auch nichts heilig oder wert, bewahrt zu werden. Wenn dieser Kaiser, der seinem Namen Prometheus auf perverse Weise alle Ehre machen will, ein Arsenal von Atombomben hätte, so würde er die Raketen lieber heute als morgen abfeuern.

Dass dieser Science-Fantasy-Zyklus nicht von Marion Zimmer Bradley und ihren zahlreichen Mitautorinnen geschrieben wurde, mag man bedauern oder auch nicht. Der Unterschied ist zumindest augenfällig: Die wichtigste Frauenfigur, Miranda, wird außer in Band 2 vor allem in ihren Äußerlichkeiten geschildert, so dass wir kaum einmal erfahren, wie sie sich fühlt und worüber sie nachdenkt, während sie sich zu etwas Schrecklichem verwandelt. (Würde vielleicht auch ein wenig zu viel über den Schluss verrateren.) MZB hätte daraus wahrscheinlich seitenweise Kapital geschlagen und uns keine herzerweichende Einzelheit von Mirandas Seelenleben erspart. Sei’s drum.

_Unterm Strich_

Der abschließende Band des großen Romans „Ein Land für Helden“ ist für meinen Geschmack der gelungenste, und daher habe ich ihn an nur zwei Tagen gelesen. Die Geschichte ist leicht verständlich, hat man einmal die Vorgängerbände gelesen und verstanden.

Natürlich muss man diesen Riesenroman nicht gelesen haben, um mitreden zu können. Der Roman ist zwar dem „Herr der Ringe“ in Aufbau und Thema ähnlich (der Kaiser entspricht Sauron!), doch in Sachen Medienbedeutung und Massenerfolg kann es „Ein Land für Helden“ in keiner Weise mit dem Tolkien-Epos aufnehmen. Vielleicht sollte man Peter Jackson mal auf seinen Landsmann Phillip Mann hinweisen? (Sobald Jackson seinen „King Kong“ im Kasten hat.)

Insgesamt ist dies kein übler Roman, sowohl nach seinem Ideengehalt als auch seinem Unterhaltungspotenzial. Der Autor hat zahlreiche Kenntnisse über die keltischen und römischen Kulturen hineingepackt, hat eine Fülle interessanter Figuren gestaltet sowie eine Handlung auf die Beine gestellt, die vier Bände trägt. Bis zum Showdown in Band 4 weiß man über die Bedeutung mancher Figuren wie Coll, den Ex-Römer, und Miranda, die Ex-Studentin, nicht Bescheid: Die Spannung auf ihr Eingreifen löst sich mit verblüfftem Vergnügen über die gelungene Überraschung auf. Dieser Höhepunkt ist sorgfältig in zahllosen Details gestaltet, wobei auch Komik und Ironie nicht zu kurz kommen. Ich habe schon lahmere Romanschlüsse gelesen.

Hinweis: Keltische und römische Namen und Begriffe werden in Fußnoten von der Übersetzerin erklärt. Ein sehr willkommener Service.

|Originaltitel: A land fit for heroes vol. 4: The burning forest, 1996
Aus dem neuseeländischen Englischen übersetzt von Usch Kiausch|

Gablé, Rebecca – Lächeln der Fortuna, Das

_Ein farbenprächtiger Gobelin des Mittelalters_

Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earl, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft. Aber Robin geht seinen Weg, der ihn zurück in die Welt von Hof und Adel – an die Seite des charismatischen Duke of Lancaster – führt.

Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber … (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Die Autorin Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Übersetzerin. Sie lebt mit ihrem Mann in einer ländlichen Kleinstadt am Niederrhein. Die begrüßt den Hörer zu Beginn des Hörbuchs.

_Der Sprecher_

Martin May, 1961 geboren, wurde bereits mit 18 Jahren von Rudolf Noelte als Schauspieler entdeckt. Es folgten über hundert weitere Rollen bei Film, Fernsehen und Theater, unter anderem in Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“.

Die Textfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt. Dass es sich um eine so genannte „inszenierte Lesung“ handelt, merkt man lediglich daran, dass verschiedene musikalische Motive eingeschoben und unterlegt sind, natürlich auch am Anfang und Schluss. Diese Musik stammt von Marcel Schweder. Sie erklingt besonders während dramatischer und romantischer Szenen.

_Handlung_

Die Lebensgeschichte von Robin of Waringham umfasst rund 50 Jahre. Er wurde 1348 geboren, doch als wir ihn kennen lernen, ist er schon 12 und man schreibt das Jahr 1360. Seit 22 Jahren herrscht Krieg mit Frankreich, und die Auseinandersetzungen scheinen kein Ende zu nehmen. Fünf Jahre im Kloster von Abt Jerome of Berkeley reichen Robin dicke, so dass er lieber ausbüxt, als noch mehr Askese zu ertragen. Doch Robin ist der Sohn eines Ritters, der wegen Hochverrats angeklagt wurde und sich in seiner Zelle erhängt hat, bevor man ihn hinrichten konnte. Folglich verlor er ebenso wie Robin Titel und Land, die beide vom König verliehen waren. Aber Robin glaubt an die Unschuld seines Vaters. Seine Mutter ist an der Pest gestorben (1348 ging in ganz Europa der Schwarze Tod um), und seine Schwester Agnes lebt im Kloster.

|Neue Freunde, alte Feinde|

Auf der Burg von Waringham gibt ihm der rechtschaffene, aber strenge Stallmeister Conrad eine Stellung als Pferdeknecht, und Robin legt ein ungewöhnliches Talent im Umgang mit diesen Tieren an den Tag. Doch er macht sich nicht nur Freunde wie Isaac, sondern auch Feinde. Der Vorarbeiter Stephen glaubt, Robins Vater habe ihm die Frau ausgespannt und maträtiert ihn bis aufs Blut. Doch als Robin das edle Schlachtross Argos heilt, darf er auf jeden Fall bleiben.

|Die Wahrheit ist gefährlich|

Als er 17 ist, kommt der neue Earl auf die Burg. Geoffrey, an die 40 Jahre alt, ist mit der ängstlichen Lady Matilda verheiratet und hat einen verzogenen Sohn namens Mortimer, dem er alles durchgehen lässt. Doch Mortimer liebt Macht und Grausamkeit; Conrad lässt er beispielsweise Isaac wegen einer Nichtigkeit bis aufs Blut auspeitschen. Immerhin erfährt Robin von den neuen Herren die Wahrheit über seinen Vater: Der verriet nicht den König, sondern seinen Feldherrn, den Schwarzen Prinzen Edward, und fiel einer üblen Intrige zum Opfer. Er erhängte sich nicht selbst, sondern da half jemand nach. Der Brief, der seinen Verrat belegen sollte, war eine Fälschung. Jetzt hat Robin allen Grund, sich an den Drahtziehern dieser Intrige zu rächen und so den guten Ruf seiner Familie wiederherzustellen. Doch genau dies fürchtet die neuen Burgherren: dass ihnen Robin ihren Anspruch streitig macht.

Am 23. Dezember passieren zwei wichtige Dinge: Mortimer verwundet seinen Rivalen Robin in einem unfair geführten Schwertkampf, doch als sich Robin verbinden lassen will, findet er statt Conrad nur dessen Frau Maria ohnmächtig vor: Sie liegt in den Wehen. Zum Glück trifft Robins elfjährige Schwester Agnes ein, die bei den Nonnen die Heilkunst gelernt hat und nun Hebamme werden will. Sie kann Maria helfen, doch Agnes‘ antiklerikale Ansichten sollen sich noch als sehr gefährlich für Robin of Waringham erweisen. Denn allerlei Rebellen klerikaler (Bischof Wyclif und John Ball) und bäuerlicher Herkunft (Wat Tyler) machen von sich reden, und das 14. Jahrhundert erweist sich als eine der unruhigsten und gefährlichsten Epochen Englands überhaupt.

|Die Liebe der Teenager|

Als im Sommer 1366 Mortimers Kusine Alice Parras auf die Burg zu Besuch kommt, verliebt sich Robin sofort in die kluge, schöne junge Frau. Obwohl sie erst 15 ist, lädt sie ihn bereits selbstbewusst zu einem Schäferstündchen ein. Als sie von sich erzählt, legt sie einen Willen zur Macht an den Tag, der Robin beeindruckt. Als Hofdame der Königin ist sie bereits im Dunstkreis der höchsten Macht und weiß sich viele, ähem, „Freunde“ – darunter den König – zu machen, von denen Robin, wie er enttäuscht erfährt, nur einer ist. Sie schenkt ihm als Andenken ein schönes Amulett. Jahre später hat Alice Robins Leben und Zukunft in der Hand …

|Schreckensherrschaft und Flucht|

Sir Geoffrey ist bei einem Turnier gestorben, und Mortimer tritt seine Nachfolge mit grausamen Taten an. Doch Robin und Agnes erben nun die Schmuckstücke und die Familienbibel, die ihnen ihr Vater hinterlassen hat. Als sich Lady Matilda vergiftet, zieht Mortimer endlich an den Hof des Königs, um sodann in den Krieg nach Frankreich zu ziehen.

Um Mortimers Schergen zu entgehen, macht sich Robin mit seinem taubstummen Freund Leofric und seines Vaters Schwert auf den Weg nach Canterbury, eine große Stadt östlich von London. Dort geraten sie in einen hitzigen Schwertkampf mit Earl Mortimer, der gerade wichtige Depeschen des Herzogs von Lancaster an den Schwarzen Prinzen überbringen soll. Robin verletzt Mortimer, doch will er ihn nicht töten. Vielmehr betäubt er ihn mit Opium und raubt ihm seine Rüstung.

Als er nach Frankreich reist (beziehungsweise flieht), gibt er sich fortan selbst als Earl Mortimer of Waringham aus. Eine äußerst riskante Sache, wie sich herausstellt, als Robin im Feldlager seines Erzfeindes eintrifft: beim Schwarzen Prinzen Edward …

_Mein Eindruck_

Das Lächeln der Fortuna, das dem historischen Roman seinen Titel gibt, ist von Natur aus eine recht trügerische Sache. Denn Frau Fortuna, wie sie in Carl Orffs „Carmina Burana“ genannt wird, ist ein recht wankelmütiges Frauenzimmer, das nicht immer dem Tüchtigen und Rechtschaffenen seine Gunst erweist, sondern leider allzu häufig auch dem machthungrigen Intriganten und der rachsüchtigen Lady.

Das muss schon in jungen Jahren auch Robin of Waringham feststellen, wie ich oben skizziert habe. Doch selbst noch in dem für seine Zeit hohen Alter von 50 Jahren ist er nicht davor gefeit, sich plötzlich an einem Baum mit einem Strick um den Hals aufgeknüpft zu sehen. Und nur Fortunas flatterhaftes Händchen hilft ihm in letzter Sekunde aus dieser misslichen Lage, in die er während Wat Tylers Plünderung Londons geraten ist.

|Die große Bühne|

Robin würde ja gerne ein großer Spieler auf der historischen Bühne sein, doch warum haben wir nirgends in den Chroniken von ihm gelesen? Nein, Robin, falls es ihn je gab, lebte und wirkte im Schatten der Mächtigen, die auf der Bühne der Welt zu sehen waren. Und wie das Beispiel von Wat Tylers Bauernaufstand deutlich macht, war diese geringere Bedeutung vielleicht ganz gut für Robin. Er ist zwar nicht gerade ein Nobody, aber als treuer Gefolgsmann des königskritischen Duke of Lancaster spiegelt Robins Schicksal und das seiner Familienangehörigen ziemlich genau zahlreiche Konflikte wider, die sich in der englischen Gesellschaft auf allen möglichen Ebenen entwickelten. Robins Mikrokosmos reflektiert den Makrokosmos der verbürgten Historie.

Wie schon aus den Historienstücken Shakespeares bekannt, bestand laufend der Konflikt zwischen den drei Königen, mit denen Robin zu tun hat, und dem Adel, dem auch Robin schließlich angehört. Dieses Thema wird in der Handlung selbstredend nicht umgangen, sondern in alle seine Verzweigungen hinein verfolgt.

|Nebenkonflikte|

Doch dieser Konflikt hat zwei angrenzende Aspekte, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen: a) der Hundertjährige Krieg in Frankreich, von dem Robin lediglich die erste Hälfte miterlebt, und b) die rebellierende Geistlichkeit, deren Wortführer, Bischof Wyclif und John Ball, das Ohr des einfachen Bauern haben. Führt der Krieg zur Einführung einer neuen Steuer, so ist es John Ball, der die Bauern zum Aufstand aufruft. Die Szenen, in denen sich König und Kronrat vor einfachen Bauern verstecken müssen, sind schon sehr ironisch – wenn sie nicht so bedrohlich wären.

|Progessiv vs. rückständig|

Robin ist ein für die Verhältnisse seiner Zeit unglaublich aufgeklärter Herrscher auf seinem Lehen. Nicht nur schützt er mit seinem Leben dasjenige selbst einfachster Arbeiter und Leibeigener, sondern er unternimmt auch alles, um seine Getreuen in Wohlstand zu setzen. Obendrein schützt er eine Hexe – oder zumindest würde die katholische Kirche, die im Land eine beträchtliche Macht darstellt, seine Schwester Agnes am liebsten auf dem Scheiterhaufen verbrennen, weil sie mit ihren Hebammen- und Arztkünsten während der Pest mehr als einmal den Urteilen der Pfaffen zuwidergehandelt und diese als Idioten bloßgestellt hat.

Zu allem Überfluss gewährt sie dem Rebellenführer John Ball Unterschlupf. Obwohl Robin davon erfährt, ist Blut dicker als Wasser – Agnes darf leben. Robins Tochter Anne, die von ihrer Mutter ins Kloster gesteckt worden war, hat das Zweite Gesicht. Robin beschützt sie trotzdem. Diese Figuren seien nur als weitere Beispiele für die Konflikte zwischen rückständigen und progressiven Ansichten genannt.

|Die Söhne|

Doch die Sünden der Väter sollen sich vererben bis in 15. Glied – oder so, prophezeit die Bibel. Deshalb können auch die beiden Söhne Robins und seines Widersachers Mortimer keineswegs dem Schatten, den die Vergangenheit auf ihr Leben legt, entgehen. Obwohl Raymond und Mortimer junior gemeinsam auf eine Mission nach Nordfrankreich ziehen und eine grauenhafte Entdeckung von nationaler Bedeutung machen, so scheint ihnen doch allzeit Wasser zum Verhängnis zu werden. Doch wenn sich Raymond und Mortimer junior miteinander versöhnen können, dann können dies vielleicht auch ihre beiden Väter?

Womit ich laufend meine Schwierigkeiten hatte, ist natürlich der riesige Umfang des auftretenden Personals. Die Kerntruppe mag vielleicht nur ein Dutzend Figuren umfassen, doch selbst diese zu überblicken, kostet bereits Anstrengung.

|Humor|

Es gibt nicht allzuviel Humor in diesem gewaltigen Roman, aber Isaac, Robins erster wichtiger Freund, ist ein Garant für ironische Seitenhiebe. Diese leichtere Gangart ist ein wahrer Lichtblick inmitten des andauernden Dramas, das in vielfältigen und unerwarteten Formen über Robin und seine Angehörigen hereinbricht. Dass auch Robin mal unverhofft an einem Strick baumeln kann, ist einer jener grotesken Streiche von Frau Fortuna, die einen sehr schrägen Humor der Dame verraten.

|Amor omnia vincit|

Natürlich gehören auch Erotik und Sex zu den unverzichtbaren Zutaten eines historischen Romans. Schließlich gilt seit Adam und Eva der Satz „Love conquers all (amor omnia vincit)“. Mit einer von amerikanischen und englischen Romanen ungewohnten Unverblümtheit schildert die Autorin die mal mehr, mal weniger befriedigenden sexuellen Begegnungen zwischen Fünfzehnjährigen, zwischen jungen Eheleuten, zwischen untreuen Verheirateten und vielen Leuten mehr.

Ja, sogar das Thema Homosexualität wird nicht ausgespart. Denn der Thronprätendent Henry, der spätere König Heinrich IV. (ab 1399), wird wegen seiner Ehelosigkeit ständig der Schwulität geziehen, und das ist für eine politische Karriere selten günstig. Dass es jedoch in ganz Britannien keinen einzigen Homosexuellen gegeben haben soll, darf wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden.

_Der Sprecher_

Martin May ist offensichtlicher Routinier in Sachen Sprechen und Vortrag. Seine Lesung, die im Überfluss mit Musik oder Sound unterlegt ist, überzeugt durch eine deutliche Aussprache, hervorhebende Pausen und eine sympathische Satzmelodie. Es gibt Sprecher, die ihren Text einfach herunternudeln, ohne auf Betonung und Pausen zu achten. May gehört zum Glück nicht dazu. Die knapp 750 Minuten (12,5 Stunden) sind daher durchaus zu ertragen, und mit Spannung legt man die nächste CD ein.

May hat nur ein Handicap, und das ist die begrenzte Tonhöhe seiner Stimme. Deshalb musste ich stets die Ohren spitzen, um herauszufinden, wem denn nun eine Stimme zuzuordnen sei. Das war nicht immer einfach und mehrmals verlor ich den Faden, weil nicht klar war, wer gerade sprach. Ganz besonders bei den häufigen Dialogen zwischen Robin und seinem Dienstherrn, dem Herzog von Lancaster, war das der Fall. Frauen- und Kinderstimmen sind leichter herauszuhören, denn Mays Stimme hebt sich dann oder wird sanfter.

Die bei so manchem Synchronsprecher üblichen Aussprachefehler halten sich bei May sehr in Grenzen. Die einzigen erwähnenswerten Male, dass er völlig daneben liegt, sind die Aussprachen der Städte Reading (korrekt ist ä statt i in der ersten Silbe) und Salisbury (korrekt ist å statt ej in der ersten Silbe).

_Unterm Strich_

„Das Lächeln der Fortuna“ ist ein farbenprächtiger und actionreicher Gobelin von miteinander verwobenen Geschichten, der das Westeuropa des 14. Jahrhundert für den heutigen Leser zum Leben erweckt. Mit Vergnügen folgt man dem Werdegang des enteigneten und entehrten Robin of Waringham bis an die Spitze des Hofstaates, erlebt seine Liebesabenteuer ebenso mit wie seine Kriegsteilnahme in Frankreich.

Das England des 14. Jahrhunderts befand sich in einem gigantischen Umbruch, der vom Hundertjährigen Krieg mittenmang in den Erbfolgestreit der Rosenkriege führte, aus denen dann schließlich die Tudors siegreich hervorgingen: Heinrich VIII. und Elisabeth die Große waren das glorreiche Ergebnis.

Doch der Roman erzählt nicht aus der Vogel-, sondern quasi aus der Froschperspektive. In diesem Mikrokosmos spiegelt sich der Makrokosmos der Staatshändel. Dass sich dieser Mikrokosmos weitaus interessanter, unterhaltsamer und lehrreicher erweist, ist das unleugbare Verdienst der Autorin und ihrer peniblen Recherche über jene Zeit. Das Einzige, was mich wunderte, ist die Tatsache, dass das Buch nicht mit dem Tod der Hauptfigur endet.

|Das Hörbuch|

… ist möglicherweise viel actionreicher und erotischer als die Buchvorlage. Kein Wunder, denn der Zuhörer soll ja nicht einschlafen, sondern unterhalten werden. An menschlichem Drama mangelt es jedenfalls nicht, und auch der Überblick über die Gesamtentwicklung geht nicht verloren. Allerdings ist es für den Hörer, der keine Notizen macht, ziemlich schwierig, den Überblick über die Vielzahl der Figuren zu behalten.

Der Sprecher Martin May erledigt seine Aufgabe ausgezeichnet, auch wenn ihm dabei ein oder zwei Aussprachefehler unterlaufen. Aber angesichts eines Umfangs von fast zwölfeinhalb Stunden ist dies eine erfreulich geringe Fehlerquote, geradezu ein Nichts. Mit seinem Vortragsstil ermöglicht May ein unterhaltsames Vergnügen am Hörbuch. Die Musik ist passend zur Epoche ausgewählt. Die guten Wünsche der Autorin, die am Anfang zu hören sind, erfüllen sich – der Hörer ist es zufrieden.

|Just like Follett?|

Es fällt nicht schwer, das Hörbuch mit Ken Folletts überragendem Werk „Die Säulen der Erde“ zu vergleichen. Doch eine zweiter Blick überzeugt uns davon, dass Folletts Werk ein weitaus stärkeren Willen zu Struktur und zu innerer Spannung verrät. Follett hat auf professionelle Weise mehrere Spannungsbögen eingebaut, von denen der erste sich schließlich als der längste erweist – die Lösung eines Kriminalfalls von staatlicher Bedeutung.

Solche Spannungsbögen sind in „Das Lächeln der Fortuna“ nicht so einfach zu finden, aber es gibt sie durchaus, vor allem im Konflikt zwischen Robin und Mortimer. Mich aber hat „Das Lächeln der Fortuna“, als eine Verkettung von Episoden, nicht so befriedigt zurückgelassen, wie das der stringente Aufbau von [„Die Säulen der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1227 vermochte. Folletts Buch (und Hörbuch) ist immer noch mein Favorit, was Mittelalterromane anbelangt.

|748 Minuten auf 10 CDs|

Isau, Ralf – weiße Wanderer, Der (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)

Der Kreis der Dämmerung:

Band 1: „Das Jahrhundertkind“
Band 2: „Der Wahrheitsfinder“
Band 3: „Der weiße Wanderer“

Die Wunden, die der Nationalsozialismus David geschlagen hat, haben ihn zu einem verschlossenen Einzelkämpfer gemacht. Entschlossen, nie mehr das Leben anderer Menschen zu gefährden, lehnt er jegliche Mithilfe, die über das Zutragen von Informationen hinausgeht, strickt ab. Doch die Menschlichkeit lässt sich dadurch nicht abschrecken, immer wieder erreicht ihn, fast gegen seinen Willen, die Hilfe anderer. So ist sein alter Freund und Leibwächter aus Jugendtagen, der Inder Balu, gerade rechtzeitig zur Stelle, um David das Leben zu retten, und in New York steht eines Tages unerwartet ein Mann mit Baskenmütze vor seiner Tür, den er aus Berlin kennt, und dem Rebekka ein Bild abgekauft hat. Binnen kurzem ist der Maler Ruben Rubinstein nicht nur ein „Bruder“ in Davids Sinne, sondern auch sein Geldbeschaffer und Vermögensverwalter.

Das Gros seiner Unternehmungen führt David jedoch immer noch allein aus. In Indien entdeckt er neue Spuren, die ihn auf dem Umweg über Pakistan und Korea nach Südamerika führen. Tatsächlich gelingt es David, zwei weitere Logenbrüder unschädlich zu machen. Doch seine Suche nach von Papen, den er eigentlich fassen will, bleibt vergebens. Da erhält er völlig überraschend eine Nachricht, die ihn veranlasst, nach Rom zu reisen. Noch weit überraschender ist die Entdeckung, die ihn dort erwartet …

Im Vergleich zu seinen Vorgängerbänden umfasst „Der weiße Wanderer“ nur einen relativ kurzen Zeitraum von rund zehn Jahren.
Bereits im „Wahrheitsfinder“ war David unglaublich viel unterwegs, im Vergleich zum Folgeband wirkte dieser durch die räumliche und thematische Begrenzung auf hauptsächlich Europa beziehungsweise Deutschland jedoch wesentlich kompakter und in sich geschlossener als der dritte Teil des Zyklus. Bei Letzterem bedingen natürlich die verschiedenen Etappen einander, da sie jeweils die Hinweise für das nächste Ziel liefern, die Ziele selbst jedoch haben, anders als in Band zwei, nicht unmittelbar miteinander zu tun und wirken daher ein wenig hintereinander aufgereiht.

Abgesehen davon hat David durch heimliches Üben seine Fähigkeiten vervollkommnet. Eine Bemerkung Albert Einsteins während eines Interviews hat ihn auf den Gedanken gebracht, diese auf ein bisher unerprobtes Gebiet auszuweiten, mit erstaunlichem Erfolg. Diese erweiterten Fähigkeiten zusammen mit seiner neu erworbenen Ruhe und Gefasstheit angesichts der Gefahr machen ihn für den Kreis zu einem weit ernster zu nehmenden Gegner als bisher. Seinen Gegenspielern merkt man das deutlich an. Sie sind nervös geworden!

All das verschiebt die Gewichtung innerhalb des Buches beträchtlich: von einer übermächtigen, alles überrollenden Bedrohung, der David fast völlig hilflos gegenübersteht, zu einem Duell mit einem eher ebenbürtigen Gegner, gegen den zu gewinnen nicht mehr unbedingt eine Frage der Fähigkeiten ist, sondern vor allem auch eine Frage der Zeit. Die Grundstimmung ist daher weniger von Finsternis und Verzweiflung geprägt als von gelegentlichem Frust und erbittertem Trotz.

Was mich in diesem Zusammenhang ein wenig wunderte, war, warum die Mitglieder des Kreises Davids Verfolgung plötzlich so schleifen lassen, nachdem sie ihm in den Dreißigerjahren mit solcher Zähigkeit durch sämtliche Identitätswechsel hinterhergejagt sind! Niemand versucht mehr, ihn umzubringen, niemand versucht mehr, ihm den Fürstenring abzunehmen! Stattdessen verschanzen sich die Männer in ihren Verstecken, und als David bei ihnen auftaucht, lassen sie ihn trotz ihres Verdachtes, dass er das Jahrhundertkind sein könnte, an sich heran, verplappern sich mit geheimen Informationen und versagen dann bei seiner Beseitigung!

Das gilt besonders für Ben Nedal, der ja offenbar bereits vor Davids Ankunft in seinem Haus den Verdacht hatte, dieser könnte das Jahrhundertkind sein. Natürlich wollte er die Perle, aber um diese zu erlangen, hätte er den Verdächtigen auch einfach umbringen lassen können, noch bevor dieser sein Haus betrat. Im Zweifelsfall hätte er einen Unschuldigen auf dem Gewissen gehabt, was für einen solchen Mann wohl kaum ein Problem dargestellt hätte. Aufgrund von Davids Fähigkeiten mag es nicht gerade einfach sein, das Jahrhundertkind umzubringen. Zumindest aber hätte Ben Nedal sich im Falle eines Misserfolgs nicht verplappert! Und David hätte den Ring nicht erbeutet!

Davids Jagd nach einzelnen Logenbrüdern, insbesondere von Papen, sowie genaueren Informationen über den Kreis lässt die historischen Ereignisse ein gutes Stück in den Hintergrund treten. Als zwangsläufige Folge dieser veränderten Vorgehensweise ist der Korea-Krieg ebenso wie die Entmachtung Guzmáns in Guatemala eher eine Randerscheinung, die Davids Ermittlungen erschwert, als Zentrum der Handlung. Das gilt auch für das Rätsel um die Ringe, dessen Lösung David diesmal ungewöhnlich wenig Zeit widmet, obwohl die Frage, wie der Fürstenring zerstört werden kann, den eigentlichen Knackpunkt im Kampf gegen den Kreis bedeutet. Nur die Vernichtung Lord Belials kann das Ende von dessen Weltuntergangsverschwörungen garantieren!

„Der weiße Wanderer“ ist vom logischen Ablauf her und der Entwicklung von Davids Charakter nach in jedem Fall nachvollziehbar und passt zur Gesamtentwicklung. Dennoch bleibt er im Hinblick auf die Intensität des erzählten Geschehens ein Stück hinter seinen Vorgängern zurück. Auch der Spannungsbogen ist nicht ganz so straff gespannt wie bisher. Das Herumgezipfel mit der Suche nach von Papen in Südamerika hinterließ bei mir trotz der Ausschaltung Barrios‘ eine gewisse Unzufriedenheit, vielleicht, weil ich Davids verbissenen Wunsch, gerade diesen Mann unbedingt zur Rechenschaft zu ziehen, nicht ganz verstehen konnte, vielleicht auch, weil ich bis fast zum Ende des Buches das Gefühl hatte, der eigentlichen Lösung des Problems, nämlich der Zerstörung des Rings, kein Deut näher gekommen zu sein.
Trotzdem war auch dieses Buch immer noch interessant zu lesen, und der Schluss macht noch einmal gehörig Neugier auf den letzten Band, der außer dem Showdown auch noch einige Antworten und Lösungen enthalten dürfte. Wer jetzt aufhört zu lesen, ist selber schuld.

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing. Aus seiner Feder stammen außer der Neschan-Trilogie und dem Kreis der Dämmerung unter anderem „Der Herr der Unruhe“, „Der silberne Sinn“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Das Museum der gestohlenen Erinnerungen“. In der Reihe Die Legenden von Phantásien ist von ihm „Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erschienen. Im Juli dieses Jahres kam der erste Band der Chroniken von Mirad unter dem Titel „Das gespiegelte Herz“ heraus, im September wird „Die Galerie der Lügen“ herausgegeben. In der Zwischenzeit arbeitet der Autor an den Folgebänden der Chroniken von Mirad.

Taschenbuch 506 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-15320-6

http://www.luebbe.de/
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Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


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Scott, Manda – Im kalten Morgenlicht

Es ist eine kalte, dunkle Nacht in Glasgow, Schottland, in der Dr. Kellen Stewart, Therapeutin, erfahren muss, dass ihre jetzige Freundin und einstige Geliebte Bridget Donnelly tot aufgefunden wurde. Auf ihrem Bauern- und Reiterhof, den sie gemeinsam mit Kellen besitzt, hat sie offenbar mit starken Beruhigungsmitteln Selbstmord begangen; so denkt jedenfalls die Polizei, die natürlich gleichgültig und voller Vorurteile ob solcher moralisch verworfener Kundschaft an den Fall herangeht, wie Kellen und ihre Freundinnen Caroline und Lee sogleich im kollektiven lesbischen Verfolgungswahn konstatieren. (Stopp: „gleichgeschlechtlich“ ist die politisch korrekte Bezeichnung.) Nein, eine solche starke, lebenslustige Frau, eine wahre Heilige – viele (sehr viele) Rückblenden auf entsprechende Episoden des Donellyschen Lebens stellen dies eindrucksvoll unter Beweis -, kann sich niemals selbst gemeuchelt haben. Das wissen Kellen & Co. genau und beginnen folglich mit eigenen Ermittlungen.

Siehe da, Bridget Donnelly ist nicht das einzige Opfer in der Familie: Ihren Bruder Malcolm hat es schon einige Wochen zuvor niedergestreckt. Ein Herzanfall soll die vielversprechende Karriere des Biologen und Genforschers beendet haben, aber bei näherer Betrachtung fallen unseren Hobby-Detektivinnen einige Unstimmigkeiten auf. Der hochbegabte, idealistische und seiner Wissenschaft ergebene Malcolm hatte die Universität verlassen und sich in die Krakenarme eines pharmazeutischen Konzerns geworfen, der ihm seine Forschungen finanzierte, die offenbar weiter gediehen waren als es der Menschheit zuträglich ist – jedenfalls nach Auffassung des plötzlich von Skrupeln befallenen Entdeckers. (Man könnte dies die „Lex Frankenstein“ nennen.) Dabei spielen zwei harmlos aussehende Hühner eine Hauptrolle, die es indes in sich haben. Malcolm hatte sie gentechnisch aufgerüstet und dann, als ihm der Schrecken ob seines sündhaften Tuns (seltsam, dass er nie vor begangener Tat einen Gedanken daran verschwendete …) ins Gebein gefahren war, nicht etwa gebraten und auf solche Weise seinen finsteren Geldgebern entzogen, sondern auf dem Hof der Schwester unter vielen Artgenossen versteckt. Klug ausgedacht, aber in der Realität nicht schlau genug, wie beide Donnellys zu ihrem Nachteil erfahren mussten.

So rekonstruieren Kellen und ihre Verbündeten nach und nach Malcolms und Bridgets letzte Lebenswochen, was es im Dienste der Wahrheit erforderlich macht, des Nachts in zwielichtige Laboratorien einzubrechen, Computernetze zu knacken oder diverse Körperteile auf die Seite zu schaffen, bis endlich die mordlüsternen Hintermänner aufmerksam werden und beschließen, sich der neugierigen und lästigen Schnüfflerinnen zu entledigen …

„Im kalten Morgenlicht“ (dessen Titel im Original wesentlich treffender „Hühnerzähne“ lautet, was aber nicht übernommen wurde, weil es für den geistig schlichten und als Buchkäufer lieber nicht zu verwirrenden Krimi-Michel offenbar zu angelsächsisch, d. h. originell war) ist ein medizinischer Thriller mit ausgeprägten belletristischen Elementen. Die Genre-Leser werden mit den üblichen, aber immer wieder gern gesehenen Szenen (Untat, Ermittlung, Präventivschlag des Täters, großes Finale mit Auflösung und Verfolgungsjagd und/oder Schießerei) bedient, die Anhänger „richtiger“ Literatur massiv mit einer vorgeblich sozialrelevanten Nebenhandlung umworben. Hier bildet das Milieu der gleichgeschlechtlichen Frauenliebe die Kulisse, was völlig legitim und auch interessant ist, wäre die Verfasserin nicht gar zu eifrig damit beschäftigt, eine Art lesbische Parallelwelt zu gestalten, deren Bewohnerinnen geradezu aufdringlich deutlich von denselben großen und kleinen Dingen bewegt werden wie ihre „normalen“ Zeitgenossen. Davon ist der Leser schon bald oder ohnehin überzeugt und beginnt sich zu langweilen, wenn er (oder eher sie, wie man wohl das primäre Zielpublikum einschätzen darf) nicht gar zu sehr an den Irrungen & Wirrungen aus dem zwischenmenschlichen Bereich interessiert ist. Solche Kritik ist subjektiv, das weiß Ihr Rezensent; sie lässt sich hier aber mit objektiven Argumenten bestätigen. Hier sind vor allem die zahlreichen, oft willkürlich eingeschoben wirkenden Rückblenden auf prägende Erlebnisse aus der Vergangenheit unserer Heldinnen zu nennen, welche die ohnehin nicht gerade vor Leben sprühende Handlung unterbrechen und sich arg in die Länge ziehen. Denkt man sich zu all dem Seufzen, den seelenvollen Blicken ins Leere und bedeutungsschwangeren Sprüchen noch die passende Musik dazu, hat man quasi das kommende TV-Highlight der Woche („Genteufel im Moor – Rettet meine Geliebte!“) schon vor dem geistigen Auge.

Unter kriminalistischem Gesichtspunkt stellt „Im kalten Morgenlicht“ ebenfalls Schmalkost dar. Entkleidet man den Plot aller künstl(er)ischen Verwicklungen, kommt er recht bescheiden daher, was immerhin gewährleistet, dass er funktioniert. Dass Manda Scott für ihren Debütroman 1997 für den britischen „Orange Prize for Fiction“ nominiert wurde, erstaunt aber trotzdem. Nur: Solche Auszeichnungen gibt es inzwischen wie Sand am Meer, und sie werden (unter typisch pompösen Namen) heute anscheinend hauptsächlich ins Leben gerufen, um für die Institutionen zu werben, die sie verteilen. Daher sagt so ein Preis zunächst einmal gar nichts über die Qualität des ausgezeichneten Buches aus, was man besonders deshalb im Hinterkopf behalten sollte, da „Im kalten Morgenlicht“ besagten „Orange Prize“ letztlich gar nicht gewonnen hat, was im Klappentext übrigens keine weitere Erwähnung findet … (Ja, ja, der Rezensent prüft so etwas nach!)

Schwer leiden die Darsteller unseres Spiels unter dem Ehrgeiz ihrer geistigen Mutter. Trotzdem verdienen sie es nicht, von der Werbung als schlaue Girls mit flotten Sprüchen in die düstere Kiste zu den unsäglichen „Frauen-Krimis“ verbannt zu werden. Stattdessen sind Scott durchaus dreidimensionale, nicht gar zu dreist angepilcherte Frauengestalten gelungen, die aus ihrem glaubhaft geschilderten Alltag gerissen werden. Freilich ist Scott vorzuwerfen, dass sie den Alibi-Mann Inspektor Stewart MacDonald als typische Klischeefigur auftreten lässt. Recht unbeholfen muss er nach dem Willen der Verfasserin belegen, dass es unter den männlichen Bewohnern dieses Planeten auch ganz Gute gibt. Also ist er betont verständnisvoll, höflich, gebildet, stellt keine chauvinistischen Ansprüche & verschenkt Hundebabys – Herz, was willst du mehr? Ansonsten teilt sich die Welt der Männer in echte Schurken, impertinente Ignoranten und Dummköpfe; sie spielen hier nur die zweite Geige, was im gewählten Rahmen in Ordnung geht, in seiner naiven Schwarz-Weiß-Zeichnung aber dennoch irritiert und verärgert.

Manda Scott ist Tierärztin, passionierte Bergsteigerin und Schriftstellerin. Sie ist in Schottland geboren und lebt heute im ländlichen Suffolk mit einem Jagdhund und allen möglichen anderen tierischen Bewohnern. Kein Werbetexter vergisst, dieses idyllische Bild vom kleinen Schriftsteller-Glück zu malen; wer trotzdem noch Näheres wissen möchte, werfe einen Blick auf die Website der Verfasserin: http://www.mandascott.co.uk.

Als Autorin ließ Scott Kellen Stewart inzwischen in zwei weiteren Kriminalromanen auftreten. Darüber hinaus schrieb (oder besser verbrach) sie ein grauenvolles Historien-Garn namens „Die Herrin der Kelten“ (im |Goldmann|-Verlag erschienen) um Breaca, die Keltenprinzessin und „listige Kriegerin“, die sich (und den Leser) auf der schmerzvollen Suche nach Recht, Weltfrieden & Mr. Right durch das vorzeitliche Britannien quält.

Donaldson, Stephen R. – wahre Geschichte, Die (Amnion 1)

_Cliffhanger par excellence – Suchtgefahr_

Stephen Donaldson ist einer der berühmten, aber merkwürdigen Autoren, merkwürdig in dem Sinne, dass alle seine Werke, die nur in großen Abständen erscheinen, von Charakteren erfüllt sind, die irgendeine Art von seelischem Defekt besitzen: sei es ein Leprakranker wie Thomas Covenant der Zweifler, sei es eine depressive einsame Frau wie Terisa Morgan in „Der Spiegel ihrer Träume“ und ihr Freund, Prinz Geraden – oder wie die Weltraumpolizistin Morn Hyland im neueren Amnion-Zyklus.

Unfreiwillig löst diese neueste „Heldin“ eine Katastrophe aus, in der ihre Familie stirbt, als sie ein Opfer des Hyperspatium-Syndroms wird, das darin besteht, dass sie bei Hochschwerkraft von dem unstillbaren Verlangen erfüllt wird, den Selbstzerstörungsmechanismus ihres Raumschiffs zu aktivieren.

Alle diese Romangestalten wirft Donaldson in eine kritische Situation, so etwa in einer andersartigen Realität, um sie dort einem Verhaltensexperiment auszusetzen – das bis zur Zerstörung ihrer bislang bekannten Realität führen kann. Donaldson ist bekannt für seine extremen Personenkonstellationen und Gefühlslagen – genau das macht den Reiz der meisten seiner Bücher aus. Im Amnion-Zyklus führt er seine Kunst – und die Leser – zu einem neuen Extrem.

_Band I von 5: „Die wahre Geschichte“_

„Die wahre Geschichte“ ist, obwohl in ihrer Kürze untypisch für den Zyklus, ein vielversprechender Auftakt. In einer
Dreiecksgeschichte um Morn Hyland, die junge Raumpiratenpolizistin, wechseln die Figuren ihre Rollen: vom Opfer zum Retter, vom Retter zum Bösewicht zum Opfer usw. In diesem „Kammerspiel“ im Weltraum sucht der Außenstehende vergeblich, die „wahre Geschichte“ zu ergründen – diese Spannung bleibt bis Band 5 erhalten!

Der Erzähler/Autor enthüllt sie in Teilen dem gespannten Leser, als würde er die Schichten einer Zwiebel abschälen, um von der Sensationsstory, die den Voyeur anmacht, über die Geschichte der flüchtigen Bekannten des Trios zur eigentlichen Wahrheit vorzudringen, die in keiner Weise zur Befriedigung von Sensationslust geeignet ist: Hier warten Grauen, Leiden und Schmerz, wie man sie in dieser Häufung und Intensität selten in der Literatur findet, allenfalls in einem Thriller von Andrew Vachss. Zartfühlende Gemüter sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen.

Angus Thermopyle ist als skrupelloser Raumpirat im Humankosmos gefürchtet. Bei seiner Verfolgung zerstört Morn Hyland unter dem Einfluss des Hyperspatium-Syndroms, das bei hoher Beschleunigung auftritt, ihr eigenes Schiff, wobei sie vor der völligen Vernichtung nur durch ihren Vater bewahrt wird. Thermopyle betritt das Schiffswrack, erschießt Morns Vater und nimmt Morn, die einzige Überlebende, gefangen. Als er von ihrer Krankheit erfährt, setzt er ihr eine verbotene Gehirnelektrode – das sog. Zonenimplantat – ein, mit der er sie komplett fernsteuern kann – teils um sich zu schützen, teils um seine sadistischen Gelüste zu befriedigen. Morn ist ihm willenlos ausgeliefert.

Als sie zu einer Raumstation des Bergwerkkonzerns VMK zurückkehren, dessen Polizei VMKP Morn angehört, erregt ihre Schönheit die Aufmerksamkeit eines anderen Raumpiraten, Nick Succorso (vielleicht von ital. soccorso: Hilfe, Rettung), der als Doppelagent für die VMK und für die Amnion-Aliens arbeitet. Ihr Schicksal hängt davon ab, ob sie die beiden Rivalen gegeneinander ausspielen kann. In einem furiosen Finale besiegt Succorso Thermopyle, und mit Hilfe eines Komplotts zwischen Succorso und einem korrupten Mitarbeiter der Stationssicherheit gelingt es, Thermopyle zu verhaften.

Zum Erstaunen der Polizisten hat er allerdings zu diesem Zeitpunkt das Kontrollgerät für Morns Implantat nicht mehr bei sich. Dadurch, dass sie das Gerät an sich nimmt, versteckt und eisern schweigt, rettet Morn ihrem Peiniger das Leben – und verrät ihren Ehrenkodex als Polizistin. Angus aber wird der VMK übergeben.

_Fazit_

Donaldsons Amnion-Zyklus (im Original heißt die Serie der Gap-Zyklus, weil „das Gap“ das Hyperspatium ist, das Morn in die Katastrophe geführt hat) ist zweifelsohne ein weiterer Höhepunkt in seinem Schaffen, aber auch für das Genre – darin sind sich fast alle Kritiker einig. Hier hat der Autor nicht nur hohes Drama verwirklicht, sondern auch die niedrigsten wie auch besten Kräfte im Menschen in Extremsituationen sichtbar und erlebbar gemacht. Dieser Stoff macht süchtig!

Richard Morgan – Gefallene Engel

„Gefallene Engel“ ist der direkte Nachfolger von Richard Morgans Bestseller „Das Unsterblichkeitsprogramm“ , der unter anderem mit dem |Philip K. Dick Award| ausgezeichnet wurde. Wieder berichtet er aus der Perspektive des „Envoys“ Takeshi Kovacs aus einer düsteren Zukunft, in der körperlicher Tod kein Problem mehr darstellt: Denn das in einem kleinen, schwarzen Kästchen (der sogenannte kortikale „Stack“) im Nacken oder extern gespeicherte Bewusstsein eines Menschen ist potenziell unsterblich. Der Körper hingegen kann geklont werden, man wechselt seinen „Sleeve“, sobald er zerstört wird, und erhält einen Körper von der Stange oder mit besonderen Eigenschaften für Spezialaufgaben – oder eben auch nicht, alles eine Frage des Geldes und ob man gebraucht wird …

Richard Morgan – Gefallene Engel weiterlesen

Douglas Adams – Per Anhalter ins All

_Die Antwort lautet „42“_

Dieses Hörbuch bietet die Handlung der ersten zwei Romane [„Per Anhalter durch die Galaxis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1491 und „Das Restaurant am Ende des Universums“. Das sind nach allgemeiner Ansicht sowieso die besten Teile der fünfteiligen Trilogie.

_Der Autor_

„Douglas Adams hasste das Schreiben“, wie uns sein Freund Ken Follett verriet. Dennoch wurde er ausgerechnet mit den fünf Romanen seiner Anhalter-Trilogie weltbekannter Kultautor. Aus der Trilogie wurden nicht nur die anfänglichen BBC-Hörspiele von anno 1978, sondern auch Schallplatten, Filme und Handtücher (die Kausalität ist wie immer arbiträr und rein zufällig).

Er starb viel zu früh im Jahr 2001 vor der Fertigstellung eines neuen Romans, der posthum in dem Sammelband „Lachs im Zweifel“ (|Heyne|) abgedruckt wurde.

_Die Sprecher & die Produktion_

Das Hörspiel wurde 1981/82 von mehreren Rundfunksendern produziert, darunter BR, SDR und WDR. Die Musik und Geräusche steuerte Frank Duval bei.

Wenigstens die Sprecher sind vom Feinsten: Dieter Borsche und Bernhard Minetti traten schon in den 40ern und 50ern vor die Kamera und natürlich auf der Bühne auf. Minetti spricht den Wal, der auf Magrathea abstürzt. Borsche spricht die Rolle des Planetendesigners Slartibartfass, der besonders auf die Fjorde Norwegens stolz ist. Denn natürlich hat er auch die Erde entworfen.

Als Erzähler fungiert Rolf Boysen, der am bekanntesten in seiner TV-Rolle als General Wallenstein wurde. Den obercoolen Playboy Zaphod Beeblebrox mit den zwei Köpfen und drei Armen spricht Klaus Löwitsch, der im TV stets entweder Kriminaler und Kriminelle spielen musste.

Am Anfang wunderte ich mich darüber, dass der Sound so leise ist. Diese Lautstärke ist leider durchgehend festzustellen. Abhilfe: Bässe aufddrehen und pump up the volume!

_Handlung_

Arthur Dent, bis dato unbescholtener Erdenbürger, hat einen echt miesen Tag, der damit beginnt, dass ein besessener Bulldozerführer sein Haus abreißen will. Es soll im Auftrag der Stadt und der Baufirma, die einer Adligen gehört, einer lukrativen Umgehungsstraße weichen. Arthur entschließt sich zur Liegeblockade.

Bis sein beinahe bester Freund mit dem seltsamen Namen Ford Prefect (ein prefect ist an einer englischen Schule so etwas wie ein Klassensprecher) vorbeischaut, der in Wahrheit von einem Planeten in der Nähe des Sterns Beteigeuze stammt. Ford lädt Arthur zu einem Bierchen ein, solange noch Zeit sei, denn schließlich gehe in 10 Minuten und 25 Sekunden die Welt unter. Das passiert dann auch: Eine Vogon-Bauflotte sprengt die Erde, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu schaffen.

Zum Glück werden sie per Anhalter mitgenommen. Die Bauarbeiter der Vogonen, die Dentrassi, haben sie in ihr Schlafquartier eingelassen. Hier outet sich Ford als Redakteur eines intergalaktischen Reiseführers, dessen Vorderseite die Buchstaben „KEINE PANIK“ schmücken. Ein so genannter „Babelfisch“ versetzt die beiden in die Lage, mit anderen Wesen zu kommunizieren.

Natürlich will der Käptn der Vogonen sie sofort wieder über Bord werfen lassen, doch zuvor lässt er sie noch die schrecklichen Gedichte, die er zu schreiben beliebt, hören (sie sind im 2. Booklet abgedruckt). Arthur und Ford winden sich in Qualen. Dabei ist die Vogon-Lyrik nur die drittschlechteste im Universum.

Kaum aus der Luftschleuse hinausgestoßen, tritt der unwahrscheinlichste aller Fälle ein: Sie werden von einem anderen Raumschiff aufgegabelt, das gerade des Weges fliegt: Die „Herz aus Gold“ ist mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeits-Drive ausgestattet, was die Rettung ermöglichte. Sie wurde von Zaphod Beeblebrox geklaut, einem zweiköpfigen Playboy, dessen Stimme fast stests von einem Echo begleitet ist, was recht sonderbar klingt.

In seiner Begleitung befinden sich Eddie der föhliche Computer, Marvin der paranoide Androide bzw. melancholische Roboter sowie die Londoner Astrophysikerin Trillian. Trillian heißt eigentlich Tricia Macmillan und ist ein Mädchen, das Arthur mal auf einer Party im Londoner Stadtteil Islington kennen gelernt hatte. Sie mag weiße Mäuse lieber als Spinnen, ist aber ansonsten sehr intelligent.

Zaphod ist ein Tunichtgut – er erfand den Pangalaktischen Donnergurgler – und Schatzjäger. Daher landen alle auf der seit fünf Millionen Jahren verlassenen Welt Magrathea, die einst die Heimat von Planetendesignern war, als noch Bedarf an Luxusplaneten bestand. Die Erde ist einer davon. Allerdings erweist sich auch, dass man Anrufbeantworter-Botschaften, selbst wenn sie aus dem Subäther kommen, nicht ignorieren sollte, wenn sie auf eine mögliche Gefahr hindeuten: Die „Herz aus Gold“ wird von Atomraketen anvisiert …

_Mein Eindruck_

Douglas Adams spielte gerne Theater und mit der Sprache. Da gab es schon mal den einen oder anderen Berührungspunkt mit der Truppe von „Monty Python“. Die Vorliebe für Absurditäten und satirisch-bissigen Humor teilt er mit Cleese & Co., tendierte aber mehr Richtung Hörspiel und Buch statt Film & Fernsehen.

In seiner fünfteiligen Anhalter-Trilogie nahm er eine ganze Menge Dinge auf die Schippe, wobei der Produktionsprozess ziemlich chaotisch gewesen sein muss, denn alles fand unter höchstem Zeitdruck statt (wie fast alles bei Adams, wie die Romanschlüsse belegen). In der frei beweglichen Form einer Science-Fiction-Satire jedenfalls fand Adams die optimal geeignete Literaturform, um alle möglichen lieb gewonnenen Philosophien, Moralvorstellungen, Theorien usw. zu hinterfragen. Er konnte seine Figuren kreuz und quer durch Raum und Zeit schicken, ohne dass man ihn wegen mangelnden (oder übermäßigen) Realismus‘ verklagen konnte.

Was mir immer am besten an den Büchern gefallen hat, ist einerseits die Umkehrung vermeintlich fest gefügter Vorstellungen, dann wieder umwerfende Vergleiche, schließlich dann die überbordende Fülle an erfundenen Wesen. Philosophierende Wale, experimentierende Mäuse, lebendig werdende Pilotensessel, qietschvergnügte Computer (Eddie), melancholische Androiden (Marvin) – und natürlich Miliways, das Restaurant am (räumlichen? zeitlichen?) Ende des Universums.

Kein Wunder, dass die Romane die Vorlagen für Unmengen noch heute gebräuchlicher Redensarten lieferten: „Die Antwort ist 42.“ Wenn das die Antwort [auf das Leben, das Universum und alles andere] ist, wie lautet dann die Frage? „Deep Thought“ stammt zwar von Adams, gibt’s aber auch von IBM („Deep Blue“).

Die Wirkung der Bücher geht daher weniger von der mangelnden Spannung aus (es gibt kaum Spannungsbögen), sondern vielmehr von der Faszination durch die Überraschungen und Wendungen aus – etwa so, als ob man ein großes Geschenkpaket mit Ideen öffnen würde.

|Sprecher & Inszenierung|

Laserschüsse hallen durch den Korridor, wo ein Computer, hinter dem sich unsere Helden verschanzt haben, unheimliche Töne von sich gibt. Sie deuten an, dass er gleich in die Luft fliegen wird. Das alles ist natürlich nicht ganz einfach akustisch umzusetzen, aber der Soundlieferant – Duval? Der Sender? – schafft das durchaus zufrieden stellend. Allerdings klingt das noch wie die erste Kinoversion von „Krieg der Sterne“ aus dem Jahr 1977. Will heißen: für uns Heutige doch schon recht altbacken und spielzeugmäßig. Nur selten passen Soundkulisse und Ambiente gut zusammen, so etwa die Zigeunergeigen im „Milliways“. Aber mit dieser Meinung stehe ich möglicherweise allein auf weiter Flur. Über die „Musik“ von Frank Duval schweige ich lieber: ein Produkt ihrer Zeit, klingt sie absolut veraltet.

Bei den Sprechern erfreut die Professionalität der jungen Garde – die der alten sowieso, aber es fällt doch auf, wie viele alte Sprecher aufgeboten werden: Borsche, Boysen, Minetti (der Nestor des deutschsprachigen Theaters). Am besten gefiel mir noch der ultracoole Klaus Löwitsch, besonders dann, wenn er schon ein wenig angesäuselt klingt (was ihm nicht schwer gefallen sein kann, Friede seiner Asche).

Daneben treten wahnsinnig viele Nebenfiguren auf, die gar nicht in den Credits aufgeführt werden. So etwa die weißen Mäuse Benny und Frankie, die unsere Helden nach dem Untergang der Erde und mit dem Ende des somit abrupt beendeten 10-Millionen-Jahre-Experiments der Mäuse mit dem Auftrag losschicken, die Frage auf die Antwort „42“ zu finden. Und natürlich „Deep Thought“ und viele andere.

_Unterm Strich_

Mein Eindruck von diesem beinahe bekanntesten aller Hörspiele ist also durchaus gespalten. Die Adams-Komponente ist witzig und einfallsreich, doch die Umsetzung ist je nach Geschmack entweder ein Kuriosum oder eine Katastrophe. Am besten ist derjenige dran, der dieses Hörspiel zum ersten Mal hört und noch nie etwas von Douglas Adams gelesen hat. Aber über die Musik wundert sich derjenige dann doch ein wenig …

|Literatur-Hinweis|

Wer mehr über den echten und wahren (ja, den gab es) Douglas Adams erfahren möchte, sollte unbedingt Neil Gaimans Biografie etc. lesen, die den ungemein beruhigenden Titel [„Keine Panik!“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1363 trägt und ebenfalls wie die Adams-Trilogie im |Heyne|-Verlag erschienen ist.

|291 Minuten auf 6 CDs|

McDermid, Val – Lied der Sirenen, Das

Bradfield, eine kleine Stadt in Nordengland. Ein Serienmörder versetzt die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Die ungewöhnliche Grausamkeit der Taten steigert die Panik, denn die verstümmelten Leichen zeigen deutlich die Spuren bizarrer und grausamster Folterungen. Ein Muster scheint den Morden zugrunde zu liegen: Die Opfer werden immer an Orten und Plätzen abgelegt, die von den homosexuellen Bürgern Bradfields bevorzugt werden. Das ist aber auch die einzige Erkenntnis, zu der die Polizei bisher gelangen konnte, die ansonsten wie üblich im Dunkeln tappt. Bedrängt von diversen Politikern, die auf rasche Aufklärung des Falls pochen, und natürlich von der Presse, muss die Polizei Hilfe von „außen“ in Anspruch nehmen. Assistent Chief Constable John Brandon engagiert den Psychologen Tony Hill, der als „Profiler“ die seltsame Kunst beherrscht, das Wesen eines Serienmörders aus den am Tatort zurückgelassenen Spuren zu rekonstruieren und auf diese Weise einen Steckbrief zu erstellen, mit dessen Hilfe sich der Täter womöglich finden lässt, wenn es keine Fingerabdrücke, Fotos oder andere Indizien gibt, die eine „klassische“ Polizeiarbeit ermöglichen.

Brandons Vorgesetzte, aber auch seine Untergebenen sind wenig begeistert davon, sich von einem „Fremden“ zeigen zu lassen, wie sie ihre Arbeit zu tun haben. Sie heißen Hill daher keineswegs willkommen, sondern geben ihm mehr oder weniger deutlich (meistens mehr) ihre Ablehnung zu verstehen. Hinzu kommt eine eindeutig homophobe Grundstimmung im Revier: Die Ermittlungen werden durch die heimliche oder offen geäußerte Abneigung vieler mit dem Fall beschäftigter Polizisten gegen die homosexuelle Gemeinde ihrer Heimatstadt behindert.

Stone hat also einen schweren Stand. Private Nöte lassen ihn noch angreifbarer werden. Er kämpft mit eigenen sexuellen Problemen, die er sorgfältig zu verbergen trachtet, wäre ihr Bekanntwerden doch der ideale Ansatzpunkt für seine Gegner, sich seiner zu entledigen – und gleichzeitig seine berufliche Reputation zu zerstören.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz fällt dem Profiler bald auf, dass die ermordeten Männer keineswegs zur schwulen Szene Bradfields gehörten, sondern eindeutig heterosexuell waren. Die Möglichkeit, ein schwuler Mörder könne sich an seinen „normalen“ Mitbürgern vergreifen, heizt die ohnehin explosive Situation noch weiter auf. Überhaupt wird die Lage langsam kritisch, da sich der Abstand zwischen den Morden laufend verkürzt.

Der Mörder verfolgt mit dem Interesse eines publicitysüchtigen Künstlers die Berichterstattung über seine Untaten. Seine „Kritiken“ nimmt er sehr ernst und reagiert daher missgelaunt, als das Bild, das sich Tony Hill allmählich von ihm zu machen beginnt, der Presse zugespielt wird und er sich nicht gebührend gewürdigt, sondern als gemeingefährlicher Psychopath gebrandmarkt und herausgefordert sieht. Das fünfte Opfer, so entscheidet der Wahnsinnige, soll daher Tony Stone heißen. Als dieser dann tatsächlich entführt wird und in der Folterkammer des Täters erwacht, weiß er, dass die Zeit des Theoretisierens endgültig vorüber ist. Nun heißt es für den Profiler, sein ganzes Wissen aufzuwenden und mit dem Mörder um sein Leben zu feilschen …

„Das Lied der Sirenen“ gehört zu den größten Erfolgen der seit einigen Jahren ohnehin auf Bestsellerruhm abonnierten Schriftstellerin Val McDermid. Die ehemalige Oxford-Dozentin und Journalistin gehört zu den prominenten Mitgliedern der homosexuellen Gemeinde ihres Heimatortes Manchester. Jahrgang 1955, ist sie gerade noch alt genug, die Zeit der offenen Diskriminierung und Verfolgung persönlich erlebt zu haben. Heute ist es um die Gleichberechtigung besser bestellt, aber die alten Vorurteile haben überlebt und üben ihre unheilvolle Wirkung mehr oder weniger offen weiter aus. McDermid schreibt gegen sie an, aber sie tut es nicht (g)eifernd oder mit erhobenem Zeigefinger, sondern „verpackt“ das, was sie sagen will, in spannende Genregeschichten. Da sie über ein beachtliches schriftstellerisches Talent verfügt, geht die Rechnung auf, zumal McDermid die Frage der sexuellen Gleichberechtigung nicht stets und unbedingt zum Leitmotiv ihrer Bücher erhebt, sondern harmonisch in die Handlung integriert.

Der vorliegende Thriller gehört eindeutig in die Sparte „Starker Tobak“. Kritiker messen den literarischen „Wert“ (was immer das sein mag) eines Buches gern am Grad der Zurückhaltung, mit der sich der Autor (männlich oder weiblich) seinem Thema nähert. Das gilt besonders, sobald Gewalt ins Spiel kommt. Insofern hat Val McDermid schlechte Karten, denn sie bricht die Spielregeln, und zwar rigoros. Ihr psychopathischer Mörder lässt sich bei seinen Folterungen durch die Vorbilder des Mittelalters „inspirieren“. Damals wie heute erleiden die Opfer dieser Tortur nicht „nur“ höllische Schmerzen; darüber hinaus werden ihre Körper langsam zu einem blutigen Fleischfetzen zerschunden – einst zum Wohle der Gerechtigkeit oder im Namen Gottes, jetzt ganz offen zur krankhaften Belustigung des Folterers. McDermid beschreibt das mit drastischen Worten und in allen Einzelheiten. Wohliges Gruseln stellt sich zu keinem Zeitpunkt ein, denn sie lässt den Mörder selbst seine Gräueltaten schildern. Die morbide Sachlichkeit seiner Worte kann den kaum unterdrückten, wahnsinnigen Zorn nur unzureichend kaschieren – dieser Serienkiller ist kein medientauglicher Publikumsliebling vom Schlage Hannibal Lecters, sondern ein kaltblütiger Schlächter, dessen brutale Unmenschlichkeit keine Möglichkeiten bietet, ihn zu „verstehen“ oder sich mit seinen Taten zu arrangieren.

Auch die „Guten“ taugen wenig als Identifikationsfiguren. Persönliche Ängste und Schwierigkeiten, Engstirnigkeit, Intrigen, Mobbing und über allem das Bemühen, die Serienmorde von Bradfield in einen Baustein für die eigene Karriere zu verwandeln, zeichnen ein sehr realistisches Bild von der Arbeit eines modernen Polizeireviers abseits aller Hollywoodthriller-Klischees.

Val McDermids außergewöhnlichen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass dem schon recht ausgelaugtem Genre des Serienmörder-Thrillers ein neues Glanzlicht aufgesetzt wurde. Die |British Crime Writers‘ Association| würdigte dies, indem sie „Das Lied der Sirenen“ 1995 mit dem |Golden Dagger Award| als besten Kriminalroman des Jahres auszeichneten. Auch in Deutschland war McDermid mit den „Sirenen“ sehr erfolgreich – und zu Recht, denn das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und liest sich dazu auch noch flüssig.

Patterson, James / Gross, Andrew – Lifeguard

_Spannender Palm-Beach-Thriller_

In der Nacht, als sich Rettungsschwimmer Ned Kelly eine Million Dollar verdienen will, als er bei einem Kunstraub mithilft, sterben seine Freundin und seine vier besten Freunde einen grausamen Tod. Aus der Hoffnung, endlich auf eine Glückssträhne gestoßen zu sein, wird für Ned im Handumdrehen ein Albtraum. Doch wer sind die Hintermänner, die Ned und Co. hereingelegt haben?

_Die Autoren_

James Patterson, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von zahlreichen Nummer-1-Bestsellern. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Seine letzten Romane vor „Lifeguard“ waren „3rd Degree“, „Sam’s Letters to Jennifer“, „London Bridges“, „Honeymoon“, „Maximum Ride“ und „4th of July“. Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Andrew Gross war Pattersons Ko-Autor an „2nd Chance“, „3rd degree“ sowie „The Jester“ und lebt in New York City.

_Handlung_

Eigentlich stammt der junge Ned Kelly aus der schlechtesten Gegend von Boston, Massachusetts, aber das Schicksal hat ihn an den mondänsten Flecken von ganz Florida verschlagen: Palm Beach. Hier schlägt sich der ehemalige Schullehrer, der nach einer Verleumdung durch eine Schülerin gehen musste, mehr schlecht als recht als Lifeguard und Kellner durch.

Eines Tages beobachtet er eine wunderhübsche junge Frau am Strand, die ihm den Eindruck macht, als wolle sie sich gleich auf Nimmerwiedersehen in die Wellen stürzen. Als Rettungsschwimmer eilt er sofort, um sie an dem zu hindern, was er für die Vorbereitung zum Selbstmord hält. Zum Glück ist Tess McAuliffe nicht derart trübsinnig drauf, als dass sie nicht eine Einladung zum Essen annehmen würde. Die Blondine ist wunderschön und erobert Neds Herz im Nu, so dass er endlich einen Silberstreif am Horizont sieht. Er ahnt nicht, dass sie ein falscher Fuffziger ist.

Um seinem Glück – vor allem im Hinblick auf ein Leben an Tess‘ Seite – ein wenig nachzuhelfen, willigt Ned ein, mit seinen alten Freunden aus Boston ein Ding zu drehen. Das ist ein wenig riskant für ihn, denn bislang ist er nicht vorbestraft, doch reicher Lohn winkt: rund eine Million. Und er hat zum Glück kaum etwas zu tun. Er soll bloß in drei Villen von Palm Beach den Einbruchsalarm auslösen, um die Polizei abzulenken. Der eigentliche Coup wird währenddessen von drei Kumpels in der Villa des Internetmillionärs Dennis Stratton ausgeführt: ein Kunstraub.

Ned weiß nur, dass ein gewisser „Gachet“ die Informationen geliefert hat, welche wertvollen Gemälde zu klauen sind, wo sie genau hängen und mit welchem Code man die Alarmanlage deaktiviert. Alle diese Infos kommen also von einem Insider. Doch als die drei Jungs in Strattons Villa eindringen, ist keines der Bilder an seinem Platz! Jemand hat sie reingelegt.

Ned, per Handy benachrichtigt, taucht sofort unter. Als er am Hotel vorbeikommt, in dem Tess wohnt, wundert er sich über die Ambulanz und die Polizeiautos. Ein Schock fürs Leben trifft ihn: Sanitäter tragen die Leiche von Tess aus dem Gebäude. Nachdem seine Zukunft zerstört ist, sucht Ned natürlich Hilfe bei seinen Freunden. Als er in der Nähe ihres Hauses eintrifft, warten schon wieder Polizei und Ambulanz: Dort wurde offenbar ein Blutbad angerichtet, alle sind tot.

Nachdem – nach der Zukunft – auch seine Gegenwart zerstört ist, sieht Ned überhaupt kein Land mehr. Er bricht alle Zelte in Palm Beach ab und macht sich zum einzigen Ort auf, den er noch kennt: seine Vergangenheit, sprich: sein Elternhaus. Natürlich wird er dort bereits erwartet.

Denn die kleine, drahtige FBI-Agentin Ellie Shurtleff, die sich eigentlich mit Kunstraub und -betrug zu befassen hat, stellt eine Verbindung zwischen den Aktivitäten dieser Katastrophennacht und dem Verschwinden von Ned Kelly her. Als sie ihn gemeinsam mit zwei Kollegen in seinem Elternhaus festnehmen will, kidnappt er sie und macht sich aus dem Staub. Er versucht, sie von seiner völligen Unschuld zu überzeugen, und beinahe glaubt sie ihm auch. Hätte er ihr bloß nicht verschwiegen, dass er die ermordete Tess McAuliffe kannte. Sie muss erneut an seiner Version zweifeln.

Aber das ist erst der Anfang von Neds verzweifeltem Kampf um Freiheit und Überleben. Denn Stratton und seine Handlanger wollen unbedingt die Beute aus dem angeblichen Kunstraub wiederhaben. Von der Ned natürlich keinen Schimmer hat. Aber das stört Stratton nicht, dem es nur um ein bestimmtes Bild geht. Er hat bereits einen Killer auf Ned angesetzt, der ihm das Geheimnis der verschwundenen Bilder schon entlocken wird. Es wird ganz schön eng für Ned Kelly, der genauso heißt wie jener berühmte australische Outlaw. Und genau wie ein Outlaw kommt sich Ned auch vor.

_Mein Eindruck_

Und wieder ein fesselnder „pageturner“ aus der Schreibfabrik von James Patterson. Das Buch habe ich in drei Tagen fertig gelesen – ungewöhnlich lange für die 300 Seiten. Das liegt aber zum Teil auch daran, dass die Story vom hoffnungsvollen jungen Loser schon einmal von Patterson erzählt wurde: in „The Beach House“. Dort musste Peter Rabbit ins Gras beißen, und seine Freunde brauchten lange, bis sie seinen Tod gerächt hatten.

Wieder einmal wird ein junger Mann um seine – nicht ganz ehrlich erworbene – Zukunft betrogen. Doch unbekannte Hintermänner wollen ihm ans Leder, während das FBI eine landesweite Menschenjagd organisiert. Dabei ist Ned keineswegs ein Verbrecher, der um sich schießt, sondern vielmehr ein blutiger Amateur, wenn’s ums Schießen geht.

Es ist schon sehr romantisch, dass ausgerechnet FBI-Agentin Ellie Shurtleff sich als Neds Rettung in der Not erweist – neben einigen anderen Helfern. Da ist zum Beispiel Geoff the Champ, der verrückte Neuseeländer mit der Vorliebe für riskante Motorradfahrten – eine der glorreichen Actionszenen des Romans. Und da ist Sol Roth, Neds rätselhafter Arbeitgeber, der von sich behauptet, er sei Neds „höchster“ Freund. Sol sorgt für eine Menge Überraschungen – bis zum Schluss.

Bei all diesen schrägen Zutaten und einem skrupellosen Schurken wundert es kaum, dass die Handlung Haken schlägt wie ein Hase auf der Flucht. Nach einigem Hin und her gibt es jedoch einen recht ordentlichen Showdown. Und wie sich das im Film gehört, findet er auf einem der höchsten Gebäude von Palm Beach statt. Und wie sich das gehört, tut der Bösewicht einen tiefen Fall. Das hat ja schon bei Altmeister Hitchcock recht gut und eindrucksvoll funktioniert – man denke etwa an den Sturz von der Freiheitsstatue in „Sabotage“ oder vom Mount Rushmore in „Der unsichtbare Dritte“.

|Neds Hintergrund|

Dennoch ist dies kein Thriller nach Schema F geworden. Verantwortlich dafür ist hauptsächlich das – vermutlich von Andrew Gross beigesteuerte – Bostoner Lokalkolorit, welches in krassen Kontrast zu der Welt der Reichen und Schönen in Palm Beach gesetzt wird. Der Bostoner Vorort Brockton ist das Heim von Neds Familie und verantwortlich für seinen Werdegang und seine starken Gefühle der Loyalität gegenüber seinen Freunden und seinen Brüdern.

Einzige Ausnahme: Sein Vater ist ein Krimineller, der sein halbes Leben hinter Gittern verbracht und sich möglicherweise auch diesmal eingemischt hat – woher sonst hatten Neds Freunde den Tipp mit dem Kunst-Coup? Es ist ein langer Weg für Ned zu gehen, bis er sich mit dem todkranken alten Mann ausgesöhnt hat. Es ist eine Station im Erwachsenwerden Neds, die zu bewältigen ist, bevor er seine künftige Frau in die Arme schließen darf. Ellie ist nicht ganz so umfassend geschildert wie Ned, aber doch auch sehr sympathisch. Sie erinnert mich an Detective Jane Rizzoli in Tess Gerritsens Thrillern.

|Insiderwissen oder bloß gut recherchiert?|

Es ist das erste Mal, dass ein Patterson-Roman sich mit der Welt der Kunst befasst. Dennoch vermittelt der Text den Eindruck, als habe hier jemand entweder ziemlich viel Ahnung von Kunst und ihren Preisdimensionen, oder er hat sehr gut bei Fachleuten recherchiert. Außerdem hat hier jemand viel Ahnung von dem, was in Palm Beach los ist. (Da Patterson in Florida lebt, tippe ich mal auf ihn.) Da werden die einzelnen Restaurants, Bars, Clubhäuser, Bootshäfen und Landhäuser sowie Hotels nacheinander ganz genau und auf prägnante Weise charakterisiert, dass man sich gleich vor Ort zurechtfindet, obwohl es sich um eine recht exotische Gegend handelt. Und sie wird nicht zu ernst genommen.

In einer Szene beweist Geoff the Champ eine Menge Kiwi-Humor, als er Rod Stewart im Vorübergehen für dessen neuestes Album lobt. Und natürlich ist Geoff auf die „Aussies“ vom sechsten Kontinent nicht besonders gut zu sprechen. Das sorgt für ironsiche Zwischentöne.

|Die Sprache: alles comprende?|

Eine Sache, über die der ungeübte Leser allerdings öfters stolpern könnte, sind die zahlreichen Abkürzungen, die dem amerikanischen Leser natürlich geläufig sind. Was ein S.O.B. ist, kann man sich ja noch erklären („sonovabitch“), aber was ein A.P.B. sein könnte, ist nicht annähernd so klar: Es ist eine Fahndungsmeldung für Streifenwagen. Dass ein S.U.V. („sports utility vehicle“) mittlerweile auch bei uns die Straßen unsicher macht, hat sich herumgesprochen, doch was ein M.F.A. sein könnte, ergibt sich nur aus dem Kontext: „Master of Fine Arts“, also ein Abschluss im Kunststudium.

_Unterm Strich_

„Lifeguard“ ist die ebenso ironische wie romantische Fabel vom Rettungsschwimmer, der sich selbst retten muss. Von einem Patterson-Thriller muss man keinen großen Tieffgang erwarten, aber man darf Einblicke in die Welt der Schönen und Reichen wie auch in die der Verbrecher und Skrupellosen erwarten. Geschickt stellt Patterson zwei Welten gegenüber und lässt seinem jungen Helden eine ganze Menge Schlupflöcher, die ihn aus seiner schier aussichtlosen Lage entkommen lassen – natürlich erst nach einem Kampf auf Leben und Tod. Wobei es diesmal das Mädchen ist, das den Jungen rettet. Gelobt sei die Gleichberechtigung.

Durchweg bietet „Lifeguard“ Kurzweil nach typischer Patterson-Art: mit superkurzen Kapiteln, die stets mit einer Pointe oder einem Rätsel enden. Man kann nichts falsch machen, wenn man das Buch kauft, sich schnell unterhalten lässt. Aber es bleibt auch nicht viel davon im Gedächtnis hängen (aber vielleicht sollte ich doch eine Laufbahn im Kunsthandel anstreben: die Gewinnspannen sind offenbar enorm). Eine typische Urlaubslektüre für zwischendurch; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Lancaster, Peter – blaue Portal, Das (Die Chroniken der Anderwelten 1)

Eva, fünfzehn Jahre alt und mit ihren Eltern und ihrem Onkel Friedrich in einer Burg in Hessen lebend, hat ein verdammt zukunftsweisendes Aufeinandertreffen im Keller, als sie ihrem dem Alkohol verfallenen Onkel neuen Stoff für die Sinne holen will. Hinter einem Regal kommen kleine, sprechende, menschenähnliche Pferde hervor, die einem Portal in eine andere Welt entsprungen sind. Dort werden sie von den beheimateten Kreaturen als eine Art Sklaven gehalten.
Nach langer Flucht, bei der einige der Pferde ihr Leben lassen mussten, erreichen sie das bläulich schimmernde Portal über eine ellenlange Treppe, die schließlich in den Keller der Burg führt.
Nachdem sich die zwei Parteien zunächst nicht wohlgesonnen sind, kehren nach einiger Zeit Ruhe und Vertrauen im Umgang der ungleichen Schlossbewohner ein. Bis sich das Portal erneut öffnet und zum zweiten Mal Besucher anklopfen. Und die haben nichts Freundliches im Sinn …

Es folgt eine genreübergreifende Story, die jugendtaugliche Literatur über Phantastik bis hin zu Horror umfasst und auch vor geschichtsrecherchierten Fakten nicht zurückschreckt. Leider verzettelt sich der Autor (Peter Lancester; zugleich Chef des |Eldur|-Verlags) manchmal in zu vielen Querverweisen, Zeitsprüngen, Fußnoten und Charakterzeichnungen. Man muss aber sagen, dass es Lancester gelungen ist, liebevolle Typen auf seinen Seiten zu erschaffen, die abseits vom leidigen Heldenstatus als eher kauzige und unbedarfte Charaktere ihrer wahren Größe entgegensteuern.

„Das blaue Portal“ ist ein überwiegend locker zu lesendes Buch, das hier und da mal etwas verwirrend in den Zeiten umherspringt. Man muss aber dazu sagen, dass der Roman der erste Teil von insgesamt fünf Büchern ist. Somit werden noch viele Fragen in den folgenden Bänden aufzulösen sein und Lancester wäre schön blöd, würde er sein komplettes Pulver schon zu Beginn verschießen.

Ein Publikum für diese fremde Welt zu empfehlen, fällt mir etwas schwer, da für jüngere Leute die teilweise explizit derbe Gewalt doch eine Nummer zu heftig sein dürfte. Lassen wir also die Kleinsten mal weg und fangen bei gesetzteren Jugendlichen an, die man aufgrund der medialen Alltagsgewalt sowieso durch nichts mehr schocken kann. Wer sich vom Stress des täglichen Lebens erholen will und seine Gedanken in eine andere Welt transportieren lassen möchte, ist bei Peter Lancester bestens aufgehoben.

Die Aufmachung und der Druck des Buches sind, typisch für den |Eldur|-Verlag, professionell gestaltet und ansprechend. Die Schriftgröße ist für ein Taschenbuch perfekt gewählt und verhilft trotz der Größe des Romans nicht zu blutenden Augen.
Summa summarum freue ich mich bereits auf die restlichen Teile, bleiben doch so viele Fragen offen, die Lust auf ein tieferes Eintauchen ins blaue Portal machen. The show must go on …

|Nachtrag d. Ed.: Der Roman wurde für den Deutschen Phantastik-Preis 2005 nominiert. Es handelt sich um einen Leserpreis, zu dem jeder mit seiner Stimme beitragen kann. Zum Abstimmungsformular geht es hier entlang: http://www.foltom.de/phden05.html.|

Larry Niven – Rainbow Mars

Niven Rainbow Mars Cover kleinDas geschieht:

Die Erde ist im Jahre 3054 ein durch Raubbau und Umweltverschmutzung zerstörter Planet. Da ist es gut, dass die Zeitmaschine inzwischen erfunden wurde. Sie sollte es möglichmachen, das Ausgerottete kurzerhand aus der Vergangenheit zu holen und in der Zukunft neu anzusiedeln. Genauso befiehlt es Waldemar X., der geistig leicht unterbelichtete aber politisch gewiefte Generalsekretär der Vereinten Nationen, die inzwischen das Sagen auf der Erde haben.

In der Realität ist das Abfischen der Vergangenheit allerdings mit zahlreichen schwer kalkulierbaren Risiken behaftet. Waldemar reicht dieses Problem an das „Institut für Zeitforschung“ weiter. Ra Chen, der Direktor, und vor allem Hanville Svetz, seines Zeichens Zeitreisender, müssen viele Zwischenfälle meistern: Die Zeitmaschine kann zudem in parallele Dimensionen abgleiten, was neben der Gefahr auch die Möglichkeit, dem Generalsekretär interessante Beute vorzuweisen, erhöht. Larry Niven – Rainbow Mars weiterlesen

Mann, Phillip – Drache erwacht, Der (Ein Land für Helden 3)

_Action und Spannung: vor dem großen Finale_

In diesem 3. Band des Science-Fantasy-Zyklus „Ein Land für Helden“ kommt es zu zwei entscheidenden Ereignissen: Die britischen Rebellen unter Angus‘ Führung greifen ein Gefangenenlager an, und der römische Kaiser beschließt die totale Zerstörung Britanniens und die Deportation seiner Bevölkerung. Er entpuppt sich gegenüber seinem britannischen Statthalter als ein zweiter Adolf Hitler. Wie soll die Insel dem Rest des römischen Imperiums widerstehen können?

_Vorbemerkung_

Ich habe alle vier Bände gelesen und komme zu dem Schluss, dass es sich um einen einzigen Roman handelt, den man in einem Rutsch lesen sollte. Damit ist dieses vierbändige Werk das gleiche Phänomen wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“: mit Einleitung, Epilog und dazwischen einer Handlung, die – irgendwie künstlich – in vier Bände aufgespalten wurde. Der absolute Höhepunkt ist natürlich wie zu erwarten der 4. Band, und der besteht zu fünfzig Prozent aus Action (man glaubt es kaum) und einer Art Apokalypse: sehr schön, sehr spannend und faszinierend.

_Der Hintergrund von „Ein Land für Helden“_

Die Welt von „Ein Land für Helden“ ist nur „zwölf Sekunden“ von unserer eigenen entfernt, hat sich daher im entscheidenden Augenblick in eine andere Richtung entwickelt. Die Römer haben nach der Eroberung Britanniens das Land nie mehr verlassen, auch die Germanen haben Rom nicht erobert, sondern vielmehr haben die römischen Legionen sich die restliche Welt völlig untertan gemacht.

Der Stand der Technik ist erstaunlich modern – man schreibt schließlich das Jahr 1994: Radio, Dampfkraft, Magnetronik, Flugschiffe, Feuerwaffen: Es ist alles da, um einen verheerenden Krieg zu führen. Im 1. Band wurde die Technik jedoch mehr zur Belustigung der Menge eingesetzt: Im Kampfdom (Arena) von Eburacum (York) finden Kampfspiele statt, die im multilateralen Wettstreit von elektrisch betriebenen Ungeheuern gipfeln, etwa von Drachen und dergleichen.

Inzwischen haben sich die unterworfenen Völker wie die Briten an das Joch der römischen Herrschaft und die bequemen Lebensbedingungen in den befestigten Städten gewöhnt. Die adeligen Landbesitzer in ihren Villen herrschen absolut und mit skrupelloser Gewaltausübung über ihre Besitzungen. Doch ihre Flugschiffe und Gleisbahnen schweben über endlose britannische Waldbestände, die sich von Küste zu Küste erstrecken und in denen keltische Stämme wie in der Frühzeit leben. Allerdings müssen diese Flugschiffe auf festen „Himmelsstraßen“ verkehren. So entgeht ihnen, was wirklich in den Wäldern vorgeht.

_Der Autor_

Phillip Mann wurde 1942 geboren und wuchs im englischen Yorkshire auf, was, wie er sagt, großen Einfluss auf sein Werk hatte. Ein Großteil des 2. Bandes spielt in dieser Gegend, den so genannten „Wolds“. Inzwischen lehrt er Englische Literatur und Drama in der Uni von Wellington, Neuseeland.

Sein erster Roman „Das Auge der Königin“ (1982, dt. 1985) ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse. 1986 und ’87 erschien die Paxwax-Duologie: Sie schildert die Gefährlichkeit des Menschen, der seinen Herrschaftsbereich ausweitet, bis die Aliens merken, wo seine Achillesferse liegt: in seiner Gier nach Macht.

_Handlung_

Die drei Flüchtlinge aus Eburacum nähern sich zunehmend ihrer jeweiligen Bestimmung. Miranda ist Heilerin und Hüterin der britischen Kommune um den Monolithen Stand Alone Stan. Auf ihren Reisen in andere Dimensionen beginnt sie sich zu verwandeln, und zwar auch in der Primärwelt des römischen Imperiums: Sie entfaltet ein Potenzial für zerstörerische Handlungen.

Coll, der in ihrem Dorf lebt, wollte sich umbringen, wurde aber von Mirandas früherem Liebhaber Gwydion gerettet. Gwydion, ein mythischer Held, ist ein Vagabund, der sich mit Zauberern trifft, so etwa mit Cormac. Noch erkunden die beiden nur die Gegend. An der Küste stellen sie fest, dass die Römer Unmengen von feuergefährlichen Chemikalien ins Land schaffen. Sie sollen dazu dienen, den britischen Wald abzufackeln. In mehreren Episoden erweist sich Colls außergewöhnliche Naturverbundenheit.

Angus ist eher der Tatmensch. Dennoch hat er sich in der Akademie des Roscius, eines philosophischen Ketzers, wichtige Ideen über politisches Handeln angeeignet und setzt sie nun Schritt für Schritt in die Tat um. Sein Ziel ist die Zerstörung des Gefangenenlagers Caligula, das eine Art römisches KZ darstellt. Hier wird Mirandas Mutter Eve willkürlich ermordet, während ihr Vater einem leichten Wahnsinn anheimfällt. Angus will die bedauernswerten Insassen, die noch nicht in der Kampfarena getötet wurden, befreien und für seinen Guerillafeldzug rekrutieren.

In einem von Roscius‘ Geheimlagern richtet er eine feste Basis ein und repariert den mechanischen Kampfdrachen, mit dem die drei Flüchtlinge im 1. Band aus dem Kampfdom entkommen waren. Dementsprechend nennt er seine Gruppe die „Drachenkrieger“. Nachdem er die Batterien des Riesenapparates an römischen Stromleitungen von „Himmelsstraßen“ unter großem Risiko aufgeladen hat (die Leitungen haben Alarmvorrichtungen), wagt er den Angriff.

Unterdessen begibt sich Marcus Augustus Ulysses, Colls/Vitis Vater und britannischer Statthalter, in die Höhle des Löwen: zum Kaiser. Lucius Prometheus Petronius hat ihn auf einen Touristentrip nach Ägypten eingeladen. Ulysses ist nämlich immer noch nicht klar, in welchem Ausmaß der Kaiser Britannien verändern will. Der sagt zwar, die Schafseuche auf dem europäischen Kontinent erfordere es, dasss Britannien Schafe züchte, doch wo und an welchen Orten, ist unklar.

Die Pläne des Kaisers übertreffen Ulysses‘ schlimmste Befürchtungen. Bei einer gewagten Übernachtung in der Großen Pyramide (des Pharaos Cheops) von Gizeh haben die beiden Ganoven ein paar haarsträubende Visionen …

_Mein Eindruck_

Der Großteil der Action, zu der es in diesem Band kommt, dreht sich um den Angriff auf das Straflager Caligula. Die Mittel, die Angus einsetzen kann, sind ihm ja nicht gerade in die Wiege gelegt worden: Er muss den alten Kampfdrachen flottkriegen, was seine Zeit dauert und einige gefährliche Vorbereitungen erfordert. Schließlich will man ja nicht vor dem Angriff von römischen Patrouillen oder Alarmsystemen entdeckt werden.

Doch Angus bekommt einen unschätzbaren Helfer: den Trommler, eine Art Waldriese, den er schon auf seine Flucht aus dem ersten keltischen Dorf kennen gelernt hatte. Der Trommler hatte ihm im Kampf gegen die Wölfe geholfen. Dieses Wesen trägt weiter zum Fantasycharakter der Erzählung bei, obwohl es selbst über nur wenige ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Mit Ents hat es jedenfalls nichts zu schaffen. Der Trommler wird ein besonders enger Freund von Sean, dem Iren. In den irischen Sagen hat Sean mal von Wesen wie Riesen gehört, das aber alles als Ammenmärchen abgetan. Nun wird er eines Besseren belehrt.

Natürlich stellt man sich als Leser immer wieder die Frage, ob all diese technischen Geräte, die der Autor hier vorstellt, möglich sind. Oder ist das nur eine typisch männliche Frage? Wie auch immer: Der Autor macht sich nicht einmal in Band 1 die Mühe, uns einen Konstruktionsplan für eines der „Himmelboote“ zu zeichnen. Wahrscheinlich fand er das als erzählerisch ein wenig zu plump und für Nichtingenieure wenig aussagekräftig. Daher konnte er diese Details auch weglassen.

Was aber verwundert, ist das Fehlen von echten Flugzeugen. Diese tauchen als (nicht näher erklärte) Prototypen erst in Band 4 auf – prompt werden auch Stand Alone Stan und die Roscius-Akademie entdeckt und sogleich von Römern überfallen. Allerdings scheinen die Flugzeuge nicht über Radar zu verfügen. Das spricht für die These des Autors, dass der Konservativismus des Imperiums zu geistiger Stagnation und sogar zur Unterdrückung von Ideen geführt hat.

_Unterm Strich_

Dieser dritte Band ist recht flott zu lesen, denn ständig passiert etwas, ob im Guten oder Bösen. Die Kapitel sind mit maximal 30 Seiten relativ kurz, die Szene wechselt ständig zwischen den Aktivitäten der Römer und denen der Britannier. Die Römer testen erstmals ihr Höllenfeuer, das sie auf den Wald loslassen wollen, der Britannien bedeckt. Doch auch die Gegenseite versammelt ihre Kräfte, so unterschiedlich diese auch sein mögen. Alles deutet darauf hin, dass es im nächsten Band zur Entscheidung über das Schicksal Britanniens kommen wird – und auch über das des Imperiums.

Hinweis: Keltische und römische Namen werden in Fußnoten erklärt.

|Originaltitel: A land fit for heroes vol. 3: The dragon wakes, 1995
Aus dem neuseeländischen Englischen übersetzt von Usch Kiausch|

Isau, Ralf – Wahrheitsfinder, Der (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)

Der Kreis der Dämmerung:

Band 1: „Das Jahrhundertkind“
Band 2: „Der Wahrheitsfinder“

Nachdem David aus dem lichterloh brennenden Palast seines vorerst größten Widersachers Toyama geflüchtet ist, reist er sofort in die USA zurück. Sein Freund und Journalistenkollege Briton Hadden, Mitbegründer des |Time Magazine|, ist krank. Als David endlich in New York ankommt, liegt der Mann bereits im Sterben. Dennoch gelingt es ihm, noch ein paar Worte an David zu richten. Eines davon lautete Palatin, und so führt Davids Suche ihn als nächstes nach Europa. Er ahnt nicht, dass diese Reise der Auftakt zu einem Versteckspiel ungeahnten Ausmaßes ist, denn inzwischen wird er nicht nur von Nekromanus, dem Schatten Lord Belials, verfolgt, es beschattet ihn auch ein geheimnisvoller Mönch, ein Jesuit mit einer Narbe über einem Auge.
Während David geradezu nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen sucht und angesichts der gewaltigen Aufgabe dazu übergeht, Bundesgenossen und Helfer zu gewinnen, zieht sich gleichermaßen ein Netz um ihn selbst zusammen. Denn so erfolgreich er im Kleinen auch sein mag, das Große liegt außerhalb seines Einflussbereichs. Und schließlich zieht das Netz sich zu …

Der zweite Band des Kreises der Dämmerung umfasst grob gesagt den Zeitraum von der Weltwirtschaftskrise bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, also nicht ganz ein Vierteljahrhundert. Wie erwartet und kaum zu vermeiden, dominiert der Nationalsozialismus mehr oder weniger den Verlauf der Handlung. Isau begnügt sich jedoch auch diesmal nicht mit allgemein bekanntem Schulwissen. Vielmehr schildert er die Entwicklung so, wie sie einem Mann wie David damals tatsächlich erschienen sein mag: von einer Randerscheinung, die gelegentlich stirnrunzelnd erwähnt, aber zunächst von vordringlicheren Aufgaben verdrängt wird, über eine wachsende und immer ernster zu nehmende Bedrohung bis zum alles bestimmenden Faktor. Und das alles ganz allmählich, angefangen bei den Kontakten mit dem heiligen Stuhl über die Krise der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung und Gleichschaltung.

Politik und Gesellschaft laufen auch hier nahtlos nebeneinander her. In Davids vergeblichem Anrennen gegen Ignoranz und Verbohrtheit wird die ganze Machtlosigkeit des Einzelnen im Angesicht der Massen sichtbar. Während er oder seine Helfer verzweifelt versuchen, den Verantwortlichen die Augen über die Nazis zu öffnen, zeigt sich im täglichen Leben nur allzu deutlich, wie wenig all diese Bemühungen fruchten. Gleichzeitig zeigt sich im Geschehen nach der Machtübernahme ebenso deutlich, dass offenbar nicht einmal David sich wirklich im Klaren darüber war, in welcher Gefahr er selbst schwebt. Die Ereignisse in dem Haus, in dem er wohnt, das ständige Auftauchen der Gestapo, die jedes Mal jemand anderen mitnimmt – erst den Kommunisten, dann den Sozialdemokraten, die Zeugen Jehovas und schließlich die Juden – , hätte ihm eigentlich die Augen öffnen sollen. Es dauert ziemlich lange, bis er erkennt, dass er sich auf seinen britischen Pass nicht mehr verlassen kann.

Wie im ersten Band Toyama, ist diesmal von Papen Davids größter Widersacher. Ein zwar mächtiger, aber doch hauptsächlich im Hintergrund agierender Mann, verantwortlich für die Vorbereitung und die Ebnung von Wegen, zum Beispiel zum Konkordat mit dem Vatikan, zur Einsetzung Hitlers als Reichskanzler oder auch zum Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. An dieser Stelle ist es Zeit, die Recherchen des Autors zum historischen Hintergrund seiner Geschichte einmal lobend herauszustellen! Im ersten Band fällt dies dem europäischen Leser wohl nicht so sehr auf, da ein Großteil der Handlung in Japan spielt. Die Feststellung, wie genau Isau die Entwicklung zwischen 1929 und dem Kriegsbeginn sowie Papens Rolle darin dargestellt hat, ließ mich aber derart aufhorchen, dass ich mir die Mühe gemacht habe, nach Toyama zu suchen. Die Suche hat gezeigt, dass Mitsuru Toyama tatsächlich gelebt und die Geheimgesellschaft des „Schwarzen Drachen“ gegründet hat. Der Leser darf also getrost davon ausgehen, dass Isau seine gründlichen Recherchen nicht nur auf die europäischen Seiten der Weltgeschichte ausgedehnt hat, sondern tatsächlich auf alle. Einer derart akribischen, detaillierten Basisarbeit gebührt Respekt. Schade, dass nicht mehr Autoren sich das zu Eigen machen.

Der Handlungsteil, der unmittelbar mit dem Kreis der Dämmerung zu tun hat, zieht sich diesmal etwas in die Länge. Briton Haddens Tipp hat David zu einem Jahrtausende alten Manuskript geführt, das einen Geheimzirkel mit einem Großmeister Belial erwähnt. Es enthält außerdem Hinweise darauf, wie dieser Großmeister gerufen werden kann, und Anspielungen auf die Bedeutung der Siegelringe, die die Geheimbündler tragen. David geht dem nach und stößt schließlich auf eine äußerst bemerkenswerte gläserne Kugel, kann das Rätsel in diesem Band jedoch noch nicht lösen. Irgendwann geht dieser Faden im Versteckspiel mit den Nazis unter und taucht erst am Ende des Bandes wieder auf, als David sich als Kriegsberichterstatter im Pazifik aufhält. Insgesamt gesehen, tritt der Kreis der Dämmerung als solcher in diesem Band eher in den Hintergrund, wenn man von der unmittelbaren Verfolgung Davids und Rebekkas absieht. Im zweiten Band überwiegen die Ereignisse der Geschichte, nicht zuletzt durch ihre pure Ungeheuerlichkeit.

David wirkt in diesem Band ein wenig wie Sysiphus. Er weiß genau, dass er eigentlich keine Chance hat, die Entwicklungen aufzuhalten, und versucht es dennoch. Sein Scheitern sowohl im Hinblick auf seine Bestimmung als auch auf seine Frau lässt ihn beinahe zerbrechen, letztlich jedoch geht er aus dieser extremen Belastung gestählt hervor. Er hat seine Zögerlichkeit verloren, seine Unsicherheit und seine Angst. Sie haben einer grimmigen Entschlossenheit Platz gemacht, unter anderem auch, was die Nutzung seiner außergewöhnlichen Begabungen angeht. Er ist noch immer nicht – oder besser: noch weniger als bisher – bereit zu töten. Ansonsten hat er seine Empfindlichkeiten und Vorbehalte abgelegt. Er hat nichts mehr zu verlieren!

„Der Wahrheitsfinder“ ist schon allein durch die zugrunde liegende Historie, aber auch durch die persönlichen Verluste Davids weit düsterer geraten als „Das Jahrhundertkind“. Viel mehr noch als die Unmenschlichkeit des nationalsozialistischen Systems und die Grauen des Krieges wirkt das unausweichliche Hineinschlittern in die Katastrophe auf den Leser, der all das aus mit den Augen Davids kommen sieht, seine verzweifelten Anstrengungen miterlebt und doch im Gegensatz zu ihm bereits weiß, dass sie vergebens sind. So ähnlich muss sich der Kapitän der Titanic beim Anblick des Eisbergs gefühlt haben: Auge in Auge mit dem unvermeidlichen Untergang!
Unmöglich, sich dem Sog dieses Szenarios zu entziehen. Die vorübergehende Länge im Zusammenhang mit der Glaskugel fällt dagegen kaum ins Gewicht. Auch für dieses Buch gilt: unbedingt lesen!

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing. Aus seiner Feder stammen außer der Neschan-Trilogie und dem Kreis der Dämmerung unter anderem „Der Herr der Unruhe“, „Der silberne Sinn“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Das Museum der gestohlenen Erinnerungen“. In der Reihe Die Legenden von Phantásien ist von ihm „Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erschienen. Im Juli dieses Jahres kam der erste Band der Chroniken von Mirad unter dem Titel „Das gespiegelte Herz“ heraus, im September wird „Die Galerie der Lügen“ herausgegeben. In der Zwischenzeit arbeitet der Autor an den Folgebänden der Chroniken von Mirad.

Taschenbuch: 827 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-15319-0

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Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


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Andreas Eschbach – Perfect Copy – Die zweite Schöpfung

Ein Klon, aber doch kein Spider-Man!

Sind menschliche Klone irgendwelche Monster, die zu Spezialzwecken gezüchtet werden? Dass Klone auch Menschen wie du und ich sein können, macht Eschbach in diesem Jugendroman deutlich. In einer fesselnden, humorvollen und anrührenden Geschichte berührt er Fragen, die nach dem fragen, was uns zu Menschen macht und worin eigentlich das Verbrechen des Klonens bestehen soll.

Der Autor

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Walker, Mary Willis – Laß die Toten ruhn

Austin/Texas: In dem US-amerikanischen Staat, der stolz auf seine Wild-West-Vergangenheit und die Wehrhaftigkeit seiner Bürger ist, soll ein neues Gesetz verabschiedet werden, das den Besitz von Feuerwaffen drastisch einschränkt. Befürworter und Gegner liefern sich vor der Abstimmung einen erbitterten Kampf, dessen Ausgang freilich von einigen fanatischen Waffenfreunden zu ihren Gunsten beeinflusst werden soll: Sie planen allen Ernstes, einen Giftgas-Anschlag auf den texanischen Senat zu verüben, wo über besagte Gesetzes-Vorlage entschieden werden soll.

Die obdachlose Sarah Jane Hurley, genannt „Cow Lady“, hört zufällig mit, als das Attentat geplant wird. Die Verschwörer werden auf sie aufmerksam. Durch ein Versehen halten sie jedoch nicht Sarah für die unerwünschte Zeugin, sondern eine Freundin. Als diese brutal ermordet wird und Sarah erfährt, dass die Täter ihren Irrtum anschließend bemerkt haben, sucht sie Hilfe. Sie wendet sich an die Journalistin Molly Cates, die gerade an einer Reportage über obdachlose Frauen in Austin arbeitet und dabei auch Sarah befragt hat.

Sarah kann Molly zunächst nicht erreichen, denn diese ermittelt in eigener Sache: Vor fast drei Jahrzehnten ist ihr Vater unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Schon damals hat sich Molly bemüht, das Rätsel zu klären; darüber ist sie fast zerbrochen. Nun gibt es plötzlich neue Hinweise. Molly nimmt die Spur auf, und wie in ihrer Jugend ist sie bereit, rücksichtslos sich selbst, ihrer Familie und ihren Freunden gegenüber die Wahrheit herauszufinden.

Daher ist es fast zu spät, als sie der Hilferuf der „Cow Lady“ erreicht. Deren Verfolger haben sie entdeckt und sind ihr hart auf den Fersen. Als Molly, die inzwischen nach Austin zurückgekehrt ist, Sarah endlich findet, schnappt die Falle zu – sie soll zusammen mit Sarah umgebracht werden, um jeden Hinweis auf das geplante Attentat zu verwischen …

Mit dem vorliegenden Werk beschert Mary Willis Walker ihrer Lesergemeinde ein Wiedersehen mit Molly Cates, der engagierten und unbequemen Journalistin aus Texas. Um es vorweg zu nehmen: Nach „Der rote Schrei“ (Goldmann-Verlag, ISBN: 3-442-42984-6) und „Unter des Käfers Keller“ (Goldmann-Verlag, ISBN 3-442-43513-7) ist ihr erneut ein überdurchschnittlicher Thriller gelungen.

Diese erfreuliche Tatsache wurde von der Kritik nicht immer mit der gebührenden Objektivität gewürdigt. Seit „Unter des Käfers Keller“, jenem Buch, das seiner Autorin zu Recht einen überragenden Erfolg bescherte, werden Walkers Romane an diesem außergewöhnlichen Werk gemessen. Doch das ist ungerecht; nicht immer geraten Qualität, aktuelles Zeitgeschehen und Zeitgeschmack so perfekt in einen Gleichklang.

Bei „Laß die Toten ruhen“ war Walker der Wirklichkeit ein paar Jahre voraus. Vor dem Hintergrund des Massakers von Littleton (April 1999), bei dem zwei gestörte Schüler über ein Dutzend ihrer Schulkameradinnen und -kameraden umbrachten, und weiterer Amokläufe gewinnt die Geschichte ganz andere Dimensionen. Hierzulande kann sich vermutlich niemand wirklich vorstellen, mit welcher Inbrunst in den Vereinigten Staaten für und wider den freien Waffenbesitz gestritten wird. Die katastrophalen Folgen der derzeitigen Gesetzgebung werden zwar durchaus erkannt, gleichzeitig jedoch von einer zahlenmäßig etwa gleichwertigen und einflussreichen Gegenbewegung negiert. Freie Waffen für freie Bürger – so lässt sich deren Haltung zu diesem Thema vereinfachend umschreiben. Verfolgt man Berichte über paramilitärische und bis an die Zähne bewaffnete Gruppen, die es überall in den USA zu geben scheint, und ihre oft sonderbaren bis gemeingefährlichen Ansichten, erscheint die Vision eines Giftgas-Attentats auf den texanischen Senat überhaupt nicht mehr unrealistisch.

Walker begnügt sich nicht mit diesem einen Plot. Sie verwebt die eigentliche Kriminal-Handlung mit einem Blick auf das Problem der Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten. Auch hier ist es nicht einfach, die Brisanz des Themas zu erkennen. Zu den Schattenseiten des „Amerikanischen Traums“, nach dem jede/r zu Wohlstand, Erfolg und Glück gelangen kann, wenn er oder sie sich nur tüchtig anstrengt, gehört der unumstößliche Glaube großer Teile der amerikanischen Bevölkerung, dass jene, die auf der Straße leben, sich offenkundig nicht genug ins Zeug gelegt und ihr Unglück selbst verschuldet haben. Ruft man sich dann noch ins Gedächtnis, dass es in den USA, einem der reichsten Länder der Welt, nur ein rudimentäres soziales Netz gibt, das jene auffängt, die das Pech haben, auf dem „American Way of Life“ in eine Sackgasse zu geraten, gewinnt auch der Handlungsstrang um Sarah Jane Hurley, die „Cow Lady“, und ihre unglücklichen Leidensgenossen an Eindringlichkeit.

Als sei dies noch nicht genug für einen einzigen Roman, widmet sich Walker schließlich dem chaotischen Privatleben ihrer Heldin. Molly Cates, die in ihrem Beruf so erfolgreich ist, wurde durch den rätselhaften Tod ihres Vaters nachdrücklich aus der Bahn geworfen. Die fanatische Suche nach den mutmaßlichen Mördern hat sie krank werden, ihre Familie vernachlässigen und ihre Freunde auf Abstand gehen lassen. Dreißig Jahre später hat Molly ihr Leben und ihre Karriere zwar im Griff, doch den Bruch in ihrer Jugend konnte sie niemals wirklich verarbeiten. Schon einige wenige neue Hinweise reichen aus, um sie erneut in den Strudel ihrer Obsession zu ziehen.

Drei Geschichten in einer also, die „Laß die Toten ruhn“ erzählt – ein wenig zu viel für einen simplen Thriller, ließe sich einwenden. Wo steht allerdings geschrieben, dass ein Triller immer einfach sein muss? Mary Willis Walker gelingt es jedenfalls, die von ihr sauber recherchierten Themen zu einem komplexen, dichten und immer spannenden Roman zusammenzufügen. Längen gibt es nicht, und sogar das obligatorische Finale mit Knalleffekten wirkt nicht aufgesetzt, sondern folgerichtig.

Lehane, Dennis – In tiefer Trauer

_Spannender Thriller mit Slapstick-Einlagen_

Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat – Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Boston, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt daher Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag. Kenzie hat bei der Sache gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.

Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons.

Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens ‚Die Botschafter‘ verbunden war. Beide geben vor, ihre „Klienten“ zu therapieren, verfolgen aber nur das Ziel, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.

Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & Trost. Price ließ dabei zwei Millionen Dollar mitgehen. Doch seltsam: Kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er – irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.

Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, so viel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietauto ausgestattet: Klarer Fall – bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul.

In Nullkommanix büchsen sie aus, mieten einen schrottigen Toyota und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand. Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung …

Als sie den „verschwundenen“ Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von der sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, denn Stones Leute killen ihn. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet – Ende des Falls?

Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder zurück nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finale mit zahlreichen Überraschungen kommt.

_Mein Eindruck_

Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die man Kenzie/Gennaro erzählt, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Dies ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker „Rashomon“. Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.

Folglich dreht sich der Fall dreimal: Zuerst glauben die zwei Schnüffler Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: „Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden“ sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.

|Schönheit, Wahrheit, Unschuld – alles Lüge?|

Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?

Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und das wiederum lässt Trevor Stone wie eines von Desirees Opfern aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.

Was Desiree so gefährlich macht, ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.

Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja vielleicht nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, „ein Nichts“, wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm „heilig“ – das drückt der Originaltitel „Sacred“ des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.

_Unterm Strich_

Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seine eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen – die sogar einen Sinn ergibt.

„In tiefer Trauer“ ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer „ewiger Werte“ zum Thema.

|Sehr humorvoll|

Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers – Kenzie überlegt einmal, wie sich Chico, Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage befreit hätten.

Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick. (Den deutschen Titel sollte man also nicht allzu wörtlich nehmen.)

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
[Kein Kinderspiel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1433
[Regenzauber]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1346
[Mystic River]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340
[Shutter Island]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150
[Streng vertraulich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1435

Clarke, Arthur C. / Baxter, Stephen – Zeit-Odyssee, Die

_’LOST‘ reloaded: Gestrandet in der Patchwork-Zeit_

Es ist das Jahr 2037, als das Raum-Zeit-Kontinuum auseinanderbricht und auf bizarre Weise wieder zusammengefügt wird. Man kann vom All aus sogar die Nahtstellen erkennen: grüne Zonen in der Sahara und Gletscher über Paris. Die Erde zerfällt dabei in unterschiedlichste Zeitzonen: Während es in einem Landstrich noch 2037 ist, ist es im benachbarten erst 1885. Diese Zonen reichen zwei Millionen Jahre zurück – so lange, wie es die ersten Menschen gab. Doch welche Macht ist imstande, eine derart gewaltige Veränderung zu bewirken? Und was haben die silbernen Schwebekugeln zu bedeuten, die überall Menschengruppen zu beobachten scheinen?

„Time’s Eye“, so der Originaltitel, ist der Auftakt zu einer Serie, die mit dem Roman „Sonnensturm“ fortgesetzt wird, der im März 2006 bei Heyne erscheinen soll.

_Die Autoren_

Arthur C. Clarke, geboren 1917 in England, lebt seit den fünfziger Jahren in Sri Lanka. Seine besten und bekanntesten Werke sind „Die letzte Generation “ (Childhood’s End) und „2001 – Odyssee im Weltraum“. Ebenfalls empfehlenswert ist der Startband des RAMA-Zyklus: „Rendezvous mit 31/149“ (Rendezvous with Rama), von dem Morgan Freemans Filmproduktionsfirma seit Jahren eine Verfilmung vorbereitet. Übrigens erfand der Ingenieur Clarke schon 1947 das Konzept eines künstlichen Satelliten.

Sein Landsmann Stephen Baxter, geboren 1957, wuchs in Liverpool auf, studierte Mathematik und Astronomie und widmete sich dann ganz dem Schreiben. Mittlerweile zählt er zu den bedeutendsten Autoren naturwissenschaftlich-technisch orientierter Science´-Fiction. Baxter lebt und arbeitet in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.

Seine Bücher werden häufig mit den Pionierwerken von Heinlein und Asimov verglichen. Das ist auch ganz in Ordnung, doch hat er keine Sympathien für Heinleins militaristische und libertäre Tendenzen und dessen Neigung zu dozieren. Ich sehe ihn daher vielmehr in der Nähe zu einem anderen Superstar des Genres: zu eben jenem Arthur C. Clarke. Mit ihm kooperierte Baxter schon mehrmals, so etwa in „Das Licht ferner Tage“. In dieser Tradition popularisiert Baxter Ideen der Science-Fiction und der Naturwissenschaft. Hierzu gehört wohl auch seine Roman-Trilogie über Mammuts und ein Roman mit dem selbsterklärenden Titel [„Evolution“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=282

Aber Baxter war zu Beginn seiner Autorenlaufbahn auch richtig anspruchsvoll. Sein mehrbändiger XEELEE-Zyklus stellt eine eigene Future-History dar, in der eine Galaxien umspannende Alienkultur, die Xeelee, mit den Menschen in Kontakt tritt. Sie treten in „Exultant“ wieder auf, dem zweiten Band seiner neuen Trilogie „Destiny’s Children“.

_Handlung_

|Anno 2037|

Als Bisesa Dutt, geboren in Merry Old England, an diesem Juni-Tag des Jahres 2037 mit dem UN-Helikopter aufstieg, hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie in einer anderen Zeit wieder herunterkommen würde – und niemals wieder zurückkommen könnte. Die Vereinten Nationen überwachen des Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan genau, ganz besonders, seit die indische Stadt Lahore in Kashmir von einem Atomschlag eingeäschert worden ist. Bisesa steigt mit ihren zwei Piloten zu einem Erkundungsflug auf: Casey Othic, ein Yankee, und Abdikadir, ein afghanischer Paschtune.

|Anno 1885|

Im März des Jahres 1885 überwachen noch britische Soldaten ihrer kaiserlichen Majestät Victoria das Grenzgebiet zwischen dem indischen Territorium und Afghanistan, in Erwartung einer russisch-zaristischen Invasion. Aus diesem Spannungsgebiet berichten zwei Journalisten: der junge Amerikaner Josh White vom „Boston Globe“ und der 19-jährige Rudyard „Ruddy“ Kipling für eine lokale Gazette. Zu diesem Zeitpunkt ist Kipling noch weit davon entfernt, den Literaturnobelpreis verliehen zu bekommen.

|Anno 2037|

In einem Hochtal beschießt ein ehrgeiziger Junge des Jahres 2037 Bisesas Helikopter mit einem Raktenewerfer. Wegen einer Störung seiner Instrumente reagiert Casey zu spät, die Rakete beschädigt den Heckrotor, eine Notlandung verläuft glimpflich. Sofort werden die drei UNO-Soldaten von den Briten in Empfang genommen. Die Verwirrung aufgrund dieser Begegnung ist beträchtlich, und Bisesa braucht einige Tage, bevor sie die bizarre Realität ihrer Lage begreift.

|Anno Mir 1|

Doch dies ist keine einfache Verschiebung von einer Zeit in eine andere. Die Anwesenheit eines Affemenschen – eine Mutter mit ihrem Jungen – bestätigt eine andere Theorie. Mehrere Zeitzonen wurden von einer unbekannten Macht wie Tortenstücke auseinandergepflückt und neu zusammengesetzt: eine Patchwork-Welt aus Zeitflicken ist die Folge.

Casey ist froh, als er aus dem Funkgerät Stimmen einfängt, die aus seiner eigenen Zeit stammen: Die Besatzung einer Sojus-Kapsel war gerade dabei, die Rückkehr zur Erde anzutreten, als die Veränderung eintrat. Da ihre Raumstation verschwunden ist und es auf der Erde niemanden sonst gibt, der sie noch empfängt, landen die Kosmonauten im Hindukusch nahe Caseys Standort. Die Bilder, die die Sojus-Leute geschickt haben, lassen Caseys Team, die neugierigen Reporter und den Festungskommandanten einen Blick auf eine radikal veränderte Erde werfen. Die russischen Kosmonauten nennen sie „Mir“: Das bedeutet Welt, aber auch Frieden.

Hauptmann Groves Späher haben im Indus-Tal Gefangene gemacht. Diese fremden Krieger haben noch nie ein Gewehr gesehen und wehrten sich mit Schwert und Speer. Und wer führt ihre Armee an? Ein Mann namens Alexander. Doch nicht etwa der Alexander, der vor rund 2300 Jahren durch diese Region zog, um Indien zu erobern, oder? Wenn das wahr ist, dann haben es Grove und Bisesas Team mit einem übermächtigen Gegner zu tun. Aber können sie den Feldherrn aus Mazedonien nicht auch zu ihrem Verbündeten machen?

_Mein Eindruck_

Im „Hinweis der Autoren“ steht, das Buch solle weder als Nachfolger noch als Vorgänger der „Odyssee“-Reihe von Arthur C. Clarke verstanden werden. „Es steht vielmehr sozusagen ‚im rechten Winkel‘ zu ihnen – indem es ähnliche Vorgaben in einer anderen Richtung weiterführt.“

Dieser Hinweis ist durchaus notwendig, denn die Vorgaben sind verblüffend ähnlich. Wie in „2001 – Odyssee im Weltraum“ tauchen Alien-Artefakte auf, die sich wie die ominösen Monolithen in die Geschicke der Menschheit einmischen. Auch diesmal geht es wieder um die Intelligenz der Menschenwesen, doch wird sie offenbar nicht „geliftet“ wie beim Übergang vom Menschenaffen zum Affenmenschen (oder wie bei David Brin), sondern vielmehr analysiert und getestet.

|Die Arena|

Der Test ist äußerst brutal und tiefgreifend: Die Aliens nehmen mehrere „Kuchenstücke“ aus den Erdzeitaltern der Erde und setzen sie neu zusammen. Die neue Patchwork-Erde nennen die „Modernen“ um Bisesa einfach russisch „Mir“. Das bedeutet sowohl Welt als auch Friede. Mir jedenfalls scheint ironischerweise aber nur zu einem Zweck geschaffen worden zu sein: um die Heere von Alexander dem Großen und jenem unter Dschingis Khan aufeinandertreffen zu lassen.

Nach dem Motto „Einer wird gewinnen“ scheint eine gigantische Show abzulaufen, bei der die Alien-Augen in ihrer Allgegenwart den Spielstand beobachten. Die Menschen um Bisesa werden sich bewusst, dass Mir eine keineswegs friedliche Menschheit beherbergt. Die Entscheidungsschlacht ist gigantisch und wird en detail geschildert.

Aber sie ist nicht Bisesas „Ding“. Die in der Zeit Gestrandete ist auf Erkenntnis aus. Im Marduktempel zu Babylon, wo Alexander sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, findet sie das größte aller Augen vor: Es hat drei Meter Durchmesser. Hieran kann sie nach Herzenslust Untersuchungen anstellen und kommt zu einem verblüffenden Ergebnis: Das Auge ist ein Tor in eine andere Dimension. Es keimt neue Hoffnung in ihr auf.

|Zeitnomaden?|

Bisesa und Co., so könnte man meinen, sind Nachfahren von Michael Moorcocks „Zeitnomaden“, als da wären Colonel Oswald Bastable aus dem späten 19. Jahrhundert sowie diverse Agenten wie etwa Una Persson. Doch während diese Figuren einfach als Gäste durch die Zeiten hüpfen, verhält es sich bei Bisesa auf Mir umgekehrt: Verschiedene Zeiten sind zusammengelegt worden, so dass sich eine Reise über die Erde ebenfalls wie eine Zeitreise anfühlt, doch nirgends ist man Gast, sondern lediglich Gestrandeter, Fremder.

Das ist natürlich Teil des Alien-Experiments: Wie richtet sich eine dezimierte Menschheit unter radikal geänderten Bedingungen neu ein? Nun erweist sich, dass die „Modernen“ trotz all ihrer Technik kein Deut besser dastehen als die Mazedonier aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Im Gegenteil: Mit ihren demokratischen Ideen können sie überhaupt nichts bewegen, Alexander, der Gottkönig, aber schon. Er errichtet ein neues Imperium – so gut es eben geht.

|Die Patchwork-Erde|

Dass mit Clarke und Baxter zwei naturwissenschaftlich bewanderte Autoren an diesem Buch geschrieben haben (Clarke lieferte die Gliederung und Grundideen, Baxter besorgte das Fleisch auf den Knochen des Gerüsts), ist ein Glücksfall. Denn das verhindert, dass sich Mir als eine Wunscherfüllungsmaschine präsentiert, die nur den Zweck hat, als Bühne zu dienen, die keinen erschreckt.

Das realistisch geschilderte Gegenteil trifft jedoch zu. Mir hat sich so tiefgreifend geändert, dass sich der Erdkern ebenso gewandelt hat wie der Erdmantel und die -kruste. Folglich hat Mir das Magnetfeld verloren, und alle möglichen negativen Auswirkungen treten auf: Die Vögel verlieren die Orientierung, die harte kosmische Strahlung wird nicht mehr zu den Polen abgelenkt, sondern trifft die Erdoberfläche ungehindert und verursacht selbst bei braun gebrannten Mazedoniern eine Art „Sonnenbrand“. Offenbar ist auch die Ozonschicht den Bach runter. Die Wälder verdorren, die Wüste dringt vor.

Man kann es Bisesa wahrlich nicht verübeln, wenn sie sich auf diesem Chaosplaneten nicht wohlfühlt. Sie würde sogar ihren Geliebten Josh (einen der zwei Reporter) zurücklassen, um nach Hause ins Jahr 2037 zurückkehren zu können, zu ihrer Tochter Myra. Weil sie als Hauptfigur sehr deutlich charakterisiert wird, nehmen wir an ihrem Schicksal regen Anteil und können ihre Entscheidung verstehen. Wird sie es schaffen?

|Die Viktorianer|

Dass die Autoren Briten sind und sich somit in einer großen Science-Fiction-Tradition sehen, macht sich immer wieder dezent bemerkbar. [„Krieg der Welten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1475 ist heute in aller Munde, und H. G. Wells hat ein Muster geschaffen, dass sich immer wieder nutzen lässt: die Invasion der Aliens. Doch während Wells Sozialkritiker und darwinistischer Pessimist war, trat Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling als technikbegeisterter Optimist auf. „Ruddy“ (der Rötliche), wie er von seinen Kameraden neckisch genannt wird, macht sich immer wieder durch hoffnungsfrohe Monologe à la „welch tapfere neue Welt“ lächerlich. Doch wider Erwarten geht uns sein Tod sehr nahe, so als ob wir in ihm etwas Wichtiges verlieren würden.

|Die Übersetzung|

Es ist schon ein Kreuz mit deutschen Sprache, vor allem dann, wenn sie von der englischen so verschieden ist. Aber das braucht einen Übersetzer nicht zu verdrießen, denn schließlich gibt es ja viele Fremdwörter im Englischen, die man einfach so übernehmen kann. Zum Beispiel „Pharaoh“ auf Seite 311. Blöd nur, dass das H am Schluss im Deutschen ein wenig stört. Dort lässt man es nämlich weg.

Auch Pay-per-View ist so ein Idealfall. Braucht man nicht zu übersetzen, kennt eh jeder. Oder doch nicht? Dann wären „Bezahlfernsehen“ oder „Abo-TV“ vielleicht die bessere Lösung gewesen. Dann wäre da noch die Sache mit der Passion auf Seite 397. Sicher, „Passion“ könnte man stehen lassen, denn gleich daneben steht ja das hilfreiche Wörtchen „Christus“. Die meisten Leser kapieren dann, dass es sich bei der „Passion“ Christi wohl um seinen Leidensweg handeln dürfte – und nicht um irgendein Hobby, dem er leidenschaftlich frönt. Das bedeutet „Passion“ im Deutschen dummerweise auch.

Ob Schmerzensschreie nicht nur „entsetzlich“, sondern wie auf Seite 321 auch „grässlich“ sein können, darüber streiten sich die Sprachgelehrten und Stilexperten wohl noch in hundert Jahren. Man kann aber auch einen grässlichen Geschmack in Sachen Sprachgefühl haben. Hoffen wir, dass er nicht noch „entsetzlich“ wird.

_Unterm Strich_

Ich habe „Zeit-Odyssee“ wirklich gern und mit Vergnügen gelesen. Nicht nur, dass es eine spannende Entwicklung zu verfolgen gibt, die in einer Entscheidungsschlacht gipfelt. Es gibt auch jede Menge Humor und beißende Ironie zu genießen. Wenn sich eine der Kosmonauten an Dschingis Khan zwecks Schäferstündchen heranmacht, muss sie sich erst nach Mongolenart mit diversen stinkenden Materialien (die aufzuzählen sich meine Finger sträuben) einschmieren, bevor sie für den Großkhan „präsentabel“ genug ist.

Es gibt zahllose solche Episoden, aber auch ziemlich grausame Details, die einem zartbesaiteten Zeitgenossen auf den Magen schlagen können. Man schlage mal die Geschichte der Mongolen nach. Und Alexander war kein Deut besser, auch wenn die Geschichtsschreiber etwas anderes behaupten. Wenn der Leser hofft, mit Alexander ein Friedensreich errichten zu können, sollte er sich das nochmal überlegen. Die Autoren führen sehr realistisch klingende Beschreibungen ins Feld, warum man solchen Gottkönigen mit Vorsicht begegnen sollte.

Wie leicht ließe sich nun eine ganze Serie von Patchwork-Welten als Bühne für eine Endlosserie heranziehen. Dazu wird es aber wohl (und zum Glück) nicht kommen. Der nächste Roman aus der Schreibfabrik Baxter/Clarke trägt den Titel „Sonnensturm“ und scheint vom Kaliber Katastrophenroman zu sein.

|Originaltitel: Time’s Eye, 2004
Aus dem Englischen übersetzt von Biggy Winter|

Reed, Kit – Körperkult

Jung, schlank, schön – das Idealbild des Menschen der oberflächlichen, modernen, globalisierten Gesellschaft. In gewisser Weise trifft das schon heute zu, wenngleich mehr im Seifenopern-Leben der TV-Landschaften als in der Realität. In besonderem Maße trifft es auf die Menschen in Kit Reeds visionären Zukunftsroman „Körperkult“ zu.

_Dein Körper ist ein Tempel!_

„Körperkult“ wirft einen Blick auf das Amerika der möglicherweise nicht mehr allzu fernen Zukunft. Die Religionen versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, sondern an Schönheit und Jugend. Der Körper ist der Tempel, in dem dieser neue Glaube zelebriert wird. Oberster Prediger der Glaubensgemeinschaft ist Reverend Earl Sharpnack – ein charismatischer Redner, der mit Fitnessclubs, Diätprodukten und Schlankheitskuren Milliarden scheffelt und sich ein gigantisches Imperium geschaffen hat.

Die Menschen eifern alle denselben Idealen nach: Schlank wollen sie sein, schön, gut gekleidet und auf ewig jung. Wer nicht in dieses Raster passt, wer von der Schönheitsnorm abweicht, bekommt die Folgen bitter zu spüren. Dicke werden in den Untergrund verbannt, Magersüchtige werden in geschlossenen Anstalten wieder auf Normgewicht gebracht, gut betuchte Übergewichtige erkaufen sich einen Platz in Sylphania, einem riesigen Wüstencamp, wo die Menschen gemeinschaftlich abnehmen und sich auf ein „Leben nach dem Fett“ vorbereiten.

Reed stellt in ihrem Roman mehrere Menschen vor, die ihre ganz eigenen Probleme mit dem aufgezwungenen Idealbild haben. Da wäre zum einen die 16-jährige Annie, die ihre Magersucht so lange geheim halten kann, bis ihre Eltern sie eines Tages erwischen. Da ihr Vater diese Schande möglichst schnell beseitigt sehen möchte, ruft er die „Guten Schwestern“ herbei, die Annie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in eines ihrer Klöstern bringen. Die Guten Schwestern sind ein obskurer Nonnenorden und Teil von Reverend Earls Imperium. Übergewichtige und Magersüchtige werden in ihren Einrichtungen weggesperrt, ohne Chance auf ein Entrinnen. Annies Geschwister, die Zwillinge Betz und Danny, sind nicht bereit das hinzunehmen und machen sich zusammen mit Annies Freund Dave auf die Suche nach dem Kloster, in dem Annie festgehalten wird.

Eine gänzlich andere und dennoch sehr ähnliche Geschichte erzählt Jeremy. Der reiche aber übergewichtige Geschäftsmann hat sich für viel Geld einen Platz in Sylphania erkauft, um dort abzuspecken. Als er dort ankommt, stellt er schon bald den erschreckenden Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit fest. Das Leben in dem Camp in der Wüste ist hart. Es gibt kaum etwas zu essen und Jeremy wird harte Arbeit abverlangt. Seine Aussichten auf eine „Erlösung im Leben nach dem Fett“ schmelzen schneller dahin als die Pfunde auf seinen Hüften. Unzufriedenheit macht sich breit. Und er ist nicht der Einzige, der mit der Zeit immer mehr das Bedürfnis hat, den falschen Propheten Earl Sharpnack von seinem Sockel zu reißen. Es formieren sich Kräfte, die einen Aufstand herbeiführen wollen …

_Globalisierte Seifenopernrealität_

Auf den ersten Blick scheint „Körperkult“ sich in eine Reihe mit Globalisierungssatiren wie [„Logoland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=96 von Max Barry stellen zu können. Die Thematik ist ähnlich. Es geht um die globalisierte Gesellschaft von morgen. Während „Logoland“ einen Schwerpunkt auf den Markenterror setzt, geht es bei „Körperkult“ um die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die auf Äußerlichkeiten mehr Wert legt als auf Persönlichkeit und Charakter. Eine gesellschaftliche Tendenz, die sich auch heute schon, geschürt durch die Scheinrealität des Fernsehens, erkennen lässt.

Reed skizziert vor diesem Hintergrund ein Szenario, das von der satirischen Überspitzung lebt. In vielen Aspekten unterscheidet sich die Welt von „Körperkult“ nicht großartig von unserer. Der Grad der Technisierung entspricht in etwa heutigem Standard, so dass Reeds Utopie in Teilbereichen durchaus bodenständig und zeitgemäß wirkt. Alle Dinge, die sich um Schönheit, Essverhalten und Alter drehen, wirken dagegen schon recht schräg.

Es herrscht ein aus heutiger Sicht absolut überzogenes Figur- und Fitnessbewusstsein vor. Fast-Food-Ketten gibt es zwar immer noch, aber dort sündigen kann natürlich nur, wer anschließend im Fitnessstudio Buße tut. Das sind für sich genommen noch die harmloseren Auswüchse von Reeds figurbewusster Gesellschaft und es gibt auch heute schon genug Menschen, deren Denkweise ähnlich (wenngleich weniger radikal als bei Reed) erscheint. Allein der Blick auf die Milchprodukte eines durchschnittlichen Kühlregals im Supermarkt suggeriert auch heutige schon ein Mantra, das ebenso gut von Reverend Earl stammen könnte: Fett ist böse! Selbst wenn es nur die 3,5 Prozent der Vollmilch sind. So unglaublich die Geschichte von „Körperkult“ auch zunächst klingen mag, so ganz unvorstellbar erscheint sie nicht.

Radikaler wird Reeds Utopie, wenn sie ihren Blick auf die Menschen richtet, die es nicht schaffen, die aufgezwungene Norm zu erfüllen. Die Klöster der „Guten Schwestern“, hermetisch abgeriegelt von der Gesellschaft, wirken wie ein Zwischending aus Gefängnis und Krankenhaus. Wer hier fliehen will, hat schlechte Karten und wird obendrein brutal bestraft – das bekommt auch Annie zu spüren.

Sylphania setzt dem noch eins drauf. Ein riesiges Camp mitten in der Wüste. Wer sich hier mit viel Geld einen Platz zum Abspecken sichert, haust in einem verrosteten Wohnwagen, wird wie ein Gefangener behandelt und hat nur geringe Aussichten, jemals davon erlöst zu werden. Wer hier nicht abspeckt, hat weder einen Chance auf Verbesserung seiner Situation noch auf Freiheit. Es gibt eine strengere Hierarchie, die Reverend Earl medienwirksam in seinen wöchentlichen TV-Shows in Szene setzt. Die, die es schaffen, von ihren überflüssigen Pfunden erlöst zu werden, werden zu so genannten Engeln befördert, ziehen in das fürstliche Clubhaus ein, genießen Hummer zum Frühstück und das von Reverend Earl stets propagierte „Leben nach dem Fett“. Sylphania ist in Erscheinungsbild und Organisation noch einen Tick radikaler als die Klöster der „Guten Schwestern“. Das Ganze erinnert an eine Mischung aus Internierungslager und „Big Brother“.

Das wirkt für sich betrachtet schon recht abgedreht, dennoch erschien mir Reeds Roman nicht ganz so bitterböse, wie es beispielsweise Max Barrys „Logoland“ ist. Die Grundidee überzeugt zwar durchaus, dennoch weiß Reed ihre Geschichte nicht ganz so gut zu verkaufen wie Max Barry. Letztendlich gibt es vier verschiedene Erzählstränge: die Suche der Zwillinge nach Annie, Annies Erlebnisse bei den „Guten Schwestern“, Jeremys Erlebnisse in Sylphania und die Suche von Annies Mutter nach ihrer Tochter. Gerade der zuletzt genannte Erzählstrang wirkt wenig überzeugend. Annies Mutter wird für den Leser nicht so recht greifbar. Sie bleibt ein wenig fremd und wie der Erzählstrang am Ende mit den übrigen verknüpft wird, erscheint schon ein wenig holprig.

Auch die eine oder andere Frage, die mehr oder weniger ungeklärt im Raum zurückbleibt, trübt am Ende ein wenig die Freude. Der bereits im Klappentext versprochene Aufstand tritt erst auf den letzten 50 der insgesamt 381 Seiten ein und verläuft weniger radikal als man von einer „bitterbösen Satire“ (Zitat Klappentext) eigentlich gerne erwarten möchte. Insgesamt bleibt das Ende, das Reed mit einigen offen in den Raum gestellten Fragen dem Leser allein überlässt, ein wenig schwammig und unbefriedigend.

Auch mit Blick auf die Erzähltechnik bleibt ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Reed wechselt nicht nur immer wieder die Handlungsebenen, sie wirkt auch in ihrem Erzählstil teils etwas sprunghaft. So tauchen unvermittelt immer wieder Passagen auf, die direkt an den Leser gerichtet sind und sich auch in der Anrede direkt an ihn wenden. So ganz stimmig mit dem übrigen Text wirkt das leider nicht immer. Auch der eingebaute Wechsel der Erzählperspektive im Jeremy-Erzählstrang überzeugt nicht wirklich. Alles, was der Leser über Jeremy erfährt, wird in Form seiner eigentlich in Sylphania verbotenen Tagebuchaufzeichnungen dokumentiert. Die sonst neutrale Erzählperspektive wechselt hier immer zu einem Ich-Erzähler. Als es dann allerdings auf den Showdown zugeht, wechselt auch dieser Erzählstrang in die neutrale Erzählperspektive, was etwas unglücklich wirkt.

Die Figurenzeichnung überzeugt mal mehr, mal weniger. Manche Figuren laden zum Mitfiebern ein, andere lassen einen weitestgehend kalt. Jeremy und Annie werden am eindringlichsten geschildert und hinterlassen auch den meisten Eindruck, während die Zwillinge und Dave schon etwas blasser bleiben. Annies Mutter dagegen wirkt etwas deplaziert und der ganze Erzählstrang um sie herum wie Füllwerk.

Der Spannungsbogen wird durch ständige Perspektivenwechsel bestimmt. Der Leser begleitet mal die eine Figur, dann wieder eine andere. Dabei schafft Reed es oft, den Leser neugierig darauf zu machen, wie es in den anderen Teilen der Handlung weitergeht. An manchen Stellen nutzt Reed aber auch die Perspektivenwechsel mit ihrem Potenzial zur Spannungssteigerung nicht aus. Die spannendsten Erzählstränge sind logischerweise die, die von ständigen Fluchtgedanken geprägt sind, wie es bei Jeremy und Annie der Fall ist. Besonders diese beiden Erzählstränge tragen im Wesentlichen die Spannung weiter, während die übrigen Handlungsteile nicht immer durchgängig spannend sind.

Alles in allem bleibt am Ende ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Die Grundidee der Geschichte, das Gesellschaftsbild, das Reed in ihrem Roman skizziert, wirkt absolut überzeugend und macht den Roman durchaus lesenswert. Die Art, wie Reed mit ihrem Bild des vom Schönheitswahn getriebenen Amerika auf satirische Art Denkanstöße zur heutigen Gesellschaft liefert, weiß durchaus zu überzeugen. Über ein paar Schönheitsfehler der Erzählung kann diese Tatsache allerdings nicht ganz hinwegtäuschen. Die Erzähltechnik wirkt manchmal ein erzwungen und auch die Balance zwischen den einzelnen Erzählebenen wirkt nicht immer solide. Eine Reihe unbeantworteter Fragen aus dem Handlungsverlauf geben ebenso zu denken wie das offene, unbefriedigende Ende.

Fazit: Nicht immer hundertprozentig schlüssig und erzählerisch souverän, aber schon aufgrund des entworfenen Szenarios dennoch lesenswert.