E.-E., Marc-Alastor – Kriecher (De Joco Suae Moechae 1)

„Kriecher“ ist der Auftakt des Dark-Fantasy-Zyklus „De Joco Suae Moechae“ um den gleichnamigen Antihelden des Autoren Marc-Alastor E.-E. Die 236 Seiten des Buches bringen dem Leser die Hintergründe der komplexen Welt Praegaia näher, wobei das Augenmerk auf der Geschichte Kriechers liegt, die in fünf zusammenhängenden, düsteren Kurzgeschichten erzählt wird.

Der Autor greift auf eine in langen Jahren gewachsene mittelalterliche Fantasywelt zurück, in der klassische Wesen wie Orks, Elfen und Drachen existieren. Die Religion dieser Welt verdient allerdings besondere Beachtung: Der Geisterdrache M’Zaarox und die dämonische Göttin Medoreigtulb liegen im ständigen Widerstreit in einer Welt, die am Rand eines Kataklysmus steht: Medoreigtulb arbeitet auf das Ende der bekannten Welt und die Schöpfung einer neuen hin. Neben ihrer aus albtraumhaften Wesen bestehenden Armee sind ihre gefürchtetsten Schergen die sogenannten „Pechstrenger“, schattenartige Lebensformen, deren Körper wie schwarzes Pech zerfließen können, die über unheimliche Fähigkeiten und übermenschliche Stärke verfügen – perfekte Attentäter und Spione der Göttin.

Auch Kriecher ist ein Pechstrenger – doch zuvor war er ein charakterschwacher Mensch, der Schuld auf sich geladen hat. Seine Geliebte Menona betrog ihn mit einem Söldner, der zutiefst gekränkte Mann rächte sich an beiden und ermordete sie. Medoreigtulb nahm sich seiner an, verführte den Gebrochenen, machte ihn zu ihrem Diener und gab ihm den Namen „Kriecher“.

Er erweist sich jedoch als Versager, sein erster Mordauftrag schlägt fehl, Kriecher wird von der Erinnerung an seine Schuld gequält und ermordet die Falschen. Die Göttin bestraft und verstößt ihn, lässt das in ein Monster verwandelte Wesen hilflos zurück. Kriecher lebt weiter – gequält von der Erinnerung, auf das Vergessen hoffend, ohne konkretes Ziel und Lebenssinn.

Es folgen weitere Episoden, welche die Tragik Kriechers verdeutlichen. So wird in einer Waldhütte die Reisegesellschaft eines Barons von einem Pechstrenger niedergemetzelt, nur der junge Fylan entkommt, weil Kriecher sich ihm entgegenstellt. Doch ein Pechstrenger sieht aus wie der andere… Die Schuld wird Kriecher gegeben. Man hegt Hoffnung, dass er Erlösung findet, als er bei einer alten Frau Unterschlupf erhält, die ihn wie ein scheues Tier pflegt und ihm Nahrung gibt, sie hält ihn nicht für den gesuchten Mörder, als den man ihn darstellt. Doch sie und der Leser hoffen vergeblich…

Die interessanteste, beste und für den Zyklus relevanteste Kurzgeschichte ist die letzte – sie legt den Grundstein für die Handlung im Folgeband „Adulator“: Kriecher wird von zwei Zyklopen gefangen und in die Armee der Hexe Llalizh eingegliedert – die in Kürze zum Kampf gegen Medoreigtulb antreten wird! Auf wessen Seite werden Kriechers Loyalitäten sein? Llalizh hilft Kriecher, das ganze Potenzial seiner Fähigkeiten zu erkennen und versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

Kriecher überlebt das Gefecht – und sammelt die Reste der Armee um sich, gründet Innocenz, eine Stadt der Verfemten und Asylsuchenden. Hier trifft die Elfenkönigin Gvynlane Keridwen, die mit den Resten des geschlagenen Elfenvolkes auf der Flucht vor Medoreigtulb ist, auf Kriecher, der von Innocenz‘ Bewohnern als der ungekrönte „Fürst“ der Stadt angesehen wird. Doch Innocenz ist nicht die Zufluchtsstätte, die es zu sein scheint…

Marc-Alastor E.-E. gelingt es, seinem gescheiterten Antihelden eine sympathische Note zu geben. Man leidet mit Kriecher, hofft für ihn, wird enttäuscht und verfolgt mit Spannung seinen Werdegang. Man erahnt die epische Breite, die hinter dem Buch steht, das Lust auf mehr macht. Anfangs etwas holprig und verwirrend ist der Sprachstil: Kriechers Gefühle werden zwar differenziert und wortgewandt dargestellt, zwingen aber zu genauem Lesen und machten nicht sofort Eindruck auf mich. Danach steigert sich die Qualität der Geschichten immer mehr, ebenso die Atmosphäre, sie lassen sich auch flüssiger lesen. Eine gewisse Vorliebe für das Lateinische merkt man den Untertiteln der Kapitel an, kein Wunder, ist der Zyklus doch von einem lateinischen Versband, dem „Liber Incendium Veritas“, inspiriert worden. Die okkulten Interessen des Autoren mögen auch ihren Teil dazu beigetragen haben, es tut der Stimmung des Buches sehr gut, die von den wirklich perfekt dazu passenden SW-Illustrationen hervorragend unterstrichen wird – man bemerkt deutlich den positiven Einfluss, den der Autor auf den Künstler ausübte, sie befinden sich zudem am richtigen Ort und sind inhaltlich stimmig. Etwas unglücklich ist das breite und hohe Format des Buches, der Text ist deshalb etwas breit formatiert und etwas gewöhungsbedürftig zu lesen, dafür schön groß und gut lesbar.

Neben Kriecher fasziniert vor allem die dämonische Göttin Medoreigtulb (den Namen bitte einmal rückwärts lesen…) mit ihrer dunklen Erotik und Verruchtheit; da „Kriecher“ eine Sammlung von Kurzgeschichten ist, haben auch nur wenige andere Charaktere Platz, aber viele davon werden bereits im Folgeband Adulator zum Zuge kommen.

Mein persönlicher Favorit ist die Geschichte um Innocenz, die mich stark an eine Geschichte um den Helden Kane von Karl Edward Wagner erinnert (Bloodstone). Hatte Kane feuerrote Haare und stechend blaue Augen, bietet Kriecher seinen pechschwarzen Körper mit bernsteingelben, verrauchten Augen auf. Die Entwicklung der beiden Antihelden ist zwar unterschiedlich, aber so wie Kane der verfluchte Mörder seines Bruders ist, so ist Kriechers Mord an seiner Geliebten sein Fluch. Ich halte Kriechers Metamorphose und Weiterentwicklung allerdings für spannender und interessanter, stimmungsmäßig kann er Wagners Kane gelegentlich Paroli bieten und ihn in der Innocenz-Geschichte sogar übertreffen. Brutal geht es zu, teilweise sexuell explizit und freizügig – keine weichgespülte deutsche Standard-Fantasy à la „Das Schwarze Auge“, sondern das, was man von Dark Fantasy erwartet: Emotional intensiv und mitreißend, nachdenklich machend.

Die einführenden 37 Seiten gefielen mir zwar nicht so gut, aber ab der Geschichte „Kummerstrang“ entwickelt sich das Buch immer mehr zum Highlight – bedauerlich ist nur, dass es relativ kurz ist. Mein Interesse an der Welt Praegaia und Kriechers weiterem Werdegang hat das Buch jedenfalls geweckt, von ihm und Medoreigtulb möchte man einfach mehr lesen – dabei ist der Geisterdrache M’Zaarox noch gar nicht in Aktion getreten, man darf also gespannt sein!

„Kriecher“ kann (auf 999 Exemplare limitierte Auflage) über den Blitz-Verlag bezogen werden:
http://www.blitz-verlag.de.

Wer mehr über die Welt Praegaia, den Autoren Marc-Alastor E.-E., sowie die Dark-Fantasy-Serie „Geisterdrache“ und ihren Zyklen wissen möchte, wird hier fündig:

http://www.geisterdrache.de/
http://www.marc-alastor.de/
http://www.praegaia.de/

Bitte beachtet auch mein [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=22 mit dem Autor Marc-Alastor.

McDevitt, Jack – Sanduhr Gottes, Die

Der Verlag hat dem Beginn der Geschichte eine Eloge anglo-amerikanischer Rezensionen vorangestellt, welche belegen sollen, dass das vorliegende Buch ein Meisterwerk ist. Wie immer sind die Lobeshymnen mehr oder weniger zutreffend. Vor allem Stephen King liegt wieder einmal völlig daneben, wenn er McDevitt als „wahren Erben von Isaac Asimov und Arthur C. Clarke“ anpreist, denn die von McDevitt erschaffenen Charaktere sind weder holzschnittartig noch flach wie Briefmarken, wie man dies von Asimov und (vor allem) von Clarke kennt. Richtig ist aber zweifellos, dass McDevitts neues Buch ein Meisterwerk ist, welches trotz der erschreckenden Länge von fast 700 Seiten auf nahezu allen Gebieten überzeugt.

So ist die Geschichte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hervorragend erdacht und wird vom Autor souverän und glaubwürdig umgesetzt. Bezüglich Spannungsgehalt, kreativer Ideen und packender Momente lässt sich „Deepsix“ wohl kaum noch übertreffen. Hinzu kommt die hinreißend abenteuerliche Atmosphäre, jener besondere |sense of wonder|, der manchmal und nur im günstigsten Fall der phantastischen Literatur innewohnt. |Last but not least| sind zudem die Protagonisten glaubwürdig, lebendig und überzeugend geraten, sodass der Leser keinerlei Mühe hat, sich mit ihnen zu identifizieren oder zumindest ihre Emotionen und Beweggründe nachzuvollziehen. Vor allem Letzteres versteht der Autor blendend. Die Schilderung des Charakters des berühmten Essayisten und Besserwissers Gregory MacAllister ist einfach superb. Schon nach wenigen sehr prägnanten Zeilen erschließt sich dem Leser ein kohärentes Bild eines zwar intelligenten, aber wenig mitfühlenden oder gar sozial engagierten Karrieristen, der sich durch freche (und teilweise ungerechte) Angriffe auf andere Menschen seine Berühmtheit erschrieben hat. Polarisieren gehört zu seinem Handwerk, welches er meisterhaft beherrscht. Doch dann findet sich dieser Mann unvermittelt und teilweise durch eigenes Verschulden auf einem dem Tode geweihten Planeten wieder und muss um sein eigenes und das Leben seiner Kameraden kämpfen, von denen einer ausgerechnet eines seiner ehemaligen Opfer ist.

Hier vielleicht kurz zur Handlung: Im Jahre 2204 besucht eine wissenschaftliche Expedition den erdähnlichen, allerdings zur Zeit unter einer Eiszeit leidenden Planeten Maleiva III. Die Mission scheitert und endet im Desaster. Nachdem einige Expeditionsmitglieder gestorben sind, flüchtet man, ohne die Welt näher erforscht zu haben und gibt dem ehemaligen Expeditionsleiter die Schuld am Scheitern. Erst knapp zwanzig Jahre später kehrt eine weitere Expedition zurück, denn Maleiva III wird in Kürze mit einem planetaren Gasriesen kollidieren und völlig zerstört werden. Fast zu spät wird man darauf aufmerksam, dass auf Maleiva einst eine intelligente Rasse gelebt haben muss, die aber durch die derzeitige Eiszeit wohl untergegangen zu sein scheint. Eilig fordert man eine Landefähre an, um noch einige Artefakte bergen zu können.

Ausgerechnet Priscilla Hutchins, genannt Hutch, ereilt der eilige Ruf, ist sie doch eigentlich Shuttlepilotin mit archäologischer Erfahrung und dem aufmerksamen Leser aus McDevitts tollem Roman „The Engines of God“ (dt. „Gottes Maschinen“, 1996) noch bestens in Erinnerung.

So landen Hutch und einige Helfer auf Maleiva III und merken bald, dass der Planet eine wahre Fundgrube ist. Kurz nach ihrer Ankunft erscheint noch eine zweite Landefähre, die zu einem großen Luxusraumschiff gehört, welches reiche Passagiere an Bord hat, die sich den Untergang des Planeten anschauen wollen. An Bord der Fähre befindet sich auch Gregory MacAllister, während an Bord von Hutchs Fähre der ehemalige Expeditionsleiter Randall Nightingale ist, der nun nach Jahren ausgerechnet und völlig zufällig auf jenen Planeten zurückkehrt, der dereinst seinen beruflichen und persönlichen Ruin verursachte.

Als bei einem Erdbeben beide Landefähren zerstört werden, sind Hutch, MacAllister, Nightingale und die anderen Überlebenden auf Maleiva III gefangen. Der Versuch, eine andere Landefähre zu organisieren, scheitert und so bleibt den Menschen nur eine letzte Chance: Eine Wanderung im Angesicht des Todes über den fremden und gefährlichen Planeten zu einer Landefähre, welche die erste Expedition vor 20 Jahren zurücklassen musste, und von der keiner weiß, ob sie überhaupt noch funktionsfähig ist…

So weit die überaus prickelnde Ausgangssituation von „Die Sanduhr Gottes“. Dem Autor gelingt es bis zum Ende hin fast mühelos, die Spannung aufrecht zu erhalten. Lediglich der letzte Rettungsversuch zieht sich gegen Ende der Geschichte etwas hin.

Neben den faszinierend lebendigen und glaubwürdigen Charakteren besticht vor allem die abenteuerliche Atmosphäre des Romans. Die vielfältigen Überraschungen, die Maleiva III zu bieten hat, machen dem Buch alle Ehre. Es spricht für den Autor, dass der Leser bis zum Ende daran zweifelt, ob die Rettung gelingt, denn ein Happy End scheint alles andere als selbstverständlich.

Während die Havarierten auf Maleiva III weilen, entdeckt man im Orbit ein künstliches Objekt, welches bald deutlich macht, dass es auf dem erdähnlichen Planeten eine Art Fahrstuhl in den Weltraum gegeben haben muss. Doch wie passt dies zu den ersten Funden Hutchs und ihrer Kollegen, die anzudeuten schienen, dass die einstigen intelligenten Bewohner des Planeten eine Kultur auf mittelalterlichem Niveau gehabt haben dürften?

Während die vielfältige und bunte Natur des Planeten rund um den nicht vereisten Äquator den Havarierten die Reise zur zurückgelassenen Landefähre zu einem gefährlichen Spießrutenlauf macht, werden immer neue Mysterien auf und rund um Maleiva II entdeckt.

Viel zu spät wird den Menschen klar, wie tragisch die Zerstörung des Planeten wirklich ist, welches Wissen verloren gehen wird. Dies ist die eigentliche Tragödie der vorliegenden Erzählung.

Während die Havarierten um ihr Überleben und um die Rückkehr in den Orbit kämpfen, gibt glücklicherweise das eine oder andere Mysterium sein Geheimnis preis. Dies hält den Leser nicht nur bei Laune, sondern macht das Buch definitiv zu einem wahrlich unvergleichlichen Lesegenuss.

Bezüglich Spannung und schmissigem Stil ist Jack McDevitt sowieso ein absoluter Meister seines Fachs, wie seine anderen, bisher alle bei Bastei Lübbe erschienenen Romane unter Beweis gestellt haben, auch wenn manchmal die Themenwahl des Autors eher unglücklich bzw. überraschungsarm erscheint. Nach drei ganz hervorragenden Romanen („Erstkontakt“, „Die Legende von Christopher Sim“ und „Gottes Maschinen“) schienen sich erste kreative Ermüdungserscheinungen beim Autor breit zu machen, war jedes folgende Buch etwas schlechter als das vorangegangene. Tiefpunkt war hier sicherlich „Mondsplitter“, ein eher langweiliger „Ziegelstein“ von Buch über den drohenden Aufschlag eines großen Kometen auf dem Mond. Erst mit „Spuren im Nichts“ zeigte die Niveaukurve des Autors wieder eindeutig nach oben.

Deshalb ist es um so erfreulicher, dass „Die Sanduhr Gottes“ diesen Trend fortsetzt und bestätigt, dass der Autor einer der genialsten zeitgenössischen SF-Abenteuer-Schriftsteller ist.

Betrachtet man die aktuellen Veröffentlichungen deutscher Verlage der letzten Jahre, so ist dieses Buch für alle Liebhaber abenteuerlicher Science-Fiction sogar so etwas wie eine wunderbare Oase in einer riesigen Wüste, denn seit dem Erscheinen von Mary Doria Russells hervorragenden (zusammengehörigen) Romanen „Sperling“ und „Gottes Kinder“ ist sicherlich kein dermaßen spannendes, abenteuerliches und rundum gelungenes Buch mehr im deutschen Sprachraum auf dem Gebiet der SF erschienen.

Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Autor keine Schwächen zu haben scheint (nimmt man einmal die eine oder andere Seite zu viel aus).

Stilistisch ist McDevitt nahezu perfekt, was sicherlich dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Frauke Meier und einem guten Lektorat voll zur Geltung kommt, welches sich diesmal bemüht zu haben scheint, gravierende grammatische Fehler auszumerzen, nicht so wie dies z.B. im kürzlich erschienen „Die Narbe“ von China Miéville der Fall war.

Die Protagonisten des Autors sind ausgefeilt und es gelingt ihm, diese sich psychisch weiterentwickeln zu lassen. Selbst die geschilderten Nebenfiguren sind bestechend. Bestes Beispiel dafür ist der Kotzbrocken von Wissenschaftler, nach dem man den Gasriesen benannt hat und der vom Autor kurz eingeführt wird, obwohl dieser Protagonist zu Beginn der Haupthandlung bereits verstorben ist. Trotzdem nimmt sich McDevitt knapp eine Seite Zeit, um den Namenspatron des gewaltigen Planeten vorzustellen, und schüttelt dabei ein erschreckendes Psychoprofil aus dem Ärmel, welches über alle Maßen beeindruckend gerät. Wäre das vorliegende Buch ein Film, so könnte man mit Fug und Recht behaupten, es sei „bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt“.

Dies ist jedoch nur eine von unzähligen Stärken des Autors, die hier gar nicht alle detailliert gewürdigt werden können.

Egal ob die abenteuerliche Atmosphäre, die feine Idee des letzten Rettungsversuchs (hierfür wird sich der naturwissenschaftlich interessierte Leser begeistern können), die spannende Handlung, die eine Unmenge Höhepunkte hervorbringt (egal ob es eine Flutwelle, ein Erdbeben, angreifende Tiere oder ein abstürzender Fahrstuhl ist) oder die faszinierenden Entdeckungen über die Zivilisation auf Maleiva III, für jeden Leser hält der Autor etwas bereit, was ihn ansprechen könnte. McDevitt beherrscht jedes dieser Gebiete souverän und ist damit sicherlich eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Dies wird auch deutlich, wenn man die positiven Rezensionen des Buches im anglo-amerikanischen Sprachraum betrachtet, die zu Beginn der Taschenbuchausgabe angeführt werden. Die Ausführungen des talentierten SF-Autor Robert J. Sawyer sprechen hier für sich.

„Deepsix“ / „Die Sanduhr Gottes“ darf sicherlich als Meilenstein der Unterhaltungs-SF angesehen werden und ist vielleicht der bisher in dieser Hinsicht beste SF-Roman des neuen Jahrtausends.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Autor dieses Niveau konservieren kann.

Für Juli 2004 hat der Bastei-Lübbe-Verlag einen neuen Roman des Autors unter dem Titel „Chindi“ angekündigt, in dem erneut Priscilla „Hutch“ Hutchins die Protagonistin sein soll.

_Gunther Barnewald_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

King, Stephen – Atlantis

Wenn es etwas gibt, das man Stephen King, dem Meister des Alltag-Horrors, nicht vorwerfen kann, dann ist es ein Mangel an Abwechslung in seinen Geschichten.
Dass ein Stoff mehrmals aufgewärmt wird, wie etwa bei den Genrekollegen Koontz oder Herbert, kommt bei King eher selten vor, was wohl einfach an dem schier unerschöpflichen Ideenpotenzial dieses Mannes liegt. Ausnahmen, wie der unsägliche „Rose Madder“-Roman, der mehr als nur eine Parallele zum „Feind in meinem Bett“ aufwies, sollen vorkommen; allerdings ist dieser Roman auch in der wohl schwächsten Phase Kings erschienen, welche 1992 mit „Geralds Game“ („Das Spiel“) begann und mit dem spannenden Doppelpack „Regulator“ und „Desperation“ zum Glück wieder vorbei war.
Dass King auch noch richtige Meisterwerke abliefern kann, hat er spätestens mit „The Green Mile“ ziemlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dabei kam der Fortsetzungsroman, ebenso wie bereits die geniale Novelle „The Shawshenk Redemption“ oder „Dolores“, ganz ohne Horror-Elemente aus, zumindest beinahe. Auch in seinem aktuellen Werk spielt das Übersinnliche nur eine eher untergeordnete Rolle.

Mit „Atlantis“ wird Stephen King so manchen Leser überraschen, denn der Roman stellt die bislang wohl ungewöhnlichste, gleichwohl aber auch ohne Zweifel die anspruchsvollste Arbeit des Amerikaners dar. Wobei die Bezeichnung „Roman“ eigentlich nur bedingt zutrifft, da die vier Abschnitte, aus denen das Buch besteht, nur in einem losen Zusammenhang stehen, der sich weniger auf die Handlung, sondern eher auf die Personen bezieht. Diese bilden aber ohnehin das Hauptelement des Buches und bestechen – wie so oft bei King – durch eine unglaublich lebendige, farbige Charakterzeichnung.

Was die Handlung anbelangt, so ist hier eigentlich nur der erste Teil in der typisch Kingschen Erzählform verfasst. King spannt einen chronologischen Bogen, der in den frühen 60ern seinen Anfang nimmt und bis ins Jahr 1999 reicht, wobei die 60er jedoch das tragende Element des Buches bilden.

So dreht sich im ersten Teil alles um den 11-jährigen Bobby Garfield, der zusammen mit seiner jähzornigen und vom Leben enttäuschten Mutter in einer Kleinstadt lebt und dort im Jahr 1960 die Bekanntschaft mit Ted Brautigan macht, einem älteren Herrn, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht und sich in Bobbys Haus zur Untermiete einquartiert. Sehr zum Leidwesen von Bobbys Mutter (von King hervorragend dargestellt), schließen die beiden schnell Freundschaft. Ted vertraut Bobby an, dass er auf der Flucht vor ominösen Männern in gelben Mänteln ist, die in grellbunten Wagen unterwegs sind und die trotz oder gerade aufgrund ihrer Auffälligkeit von den Erwachsenen nicht bemerkt werden. Nur Kinder können sie sehen. Anfangs glaubt Bobby, dass es sich bei den Männern in Gelb nur um Phantasiegeschöpfe handelt, doch als Ted ihm anbietet, sich ein paar Dollar zu verdienen, indem er nach merkwürdigen Zeichen Ausschau hält, mit denen sich die Männer untereinander verständigen, muss er seine Meinung recht bald ändern.

Spätestens an dieser Stelle wird der eine oder andere Leser ein Déja-Vu-Erlebnis haben. Dass Stephen King gern mal dazu neigt, Verknüpfungen zwischen seinen einzelnen Werken zu schaffen, ist dem aufmerksamen Fan vor allem bei den neueren Werken sicher nicht entgangen. In diesem Fall musste die Saga vom „Dunklen Turm“ für eine Verbindung herhalten {und auch Anleihen bei „Schlaflos“ sind erkennbar, Anm. d. Lekt.}, was jedoch durchaus geglückt ist, auch wenn die beiden Werke rein handlungstechnisch eigentlich nicht so recht zusammenpassen wollen.
Dieser erste und umfangreichste Teil ist eindeutig der beste – und das nicht nur, weil es der einzige ist, der eine komplexe Handlung und wirkliche Spannungsmomente aufweist. Vielmehr ist King mit diesem Abschnitt auch stilistisch wieder mal ein kleines Meisterwerk gelungen, was nicht zuletzt auch der wirklich guten Übersetzung zu verdanken ist. (Vielleicht hat dem sonst üblichen King-Übersetzer Joachim Körber die Pause auch mal gut getan.)

Doch auch was den Rahmen für die weitere Handlung anbelangt, ist der erste der wichtigste Teil. Indem King die Kindheit seiner Protagonisten beschreibt, leistet er hier nämlich die Vorarbeit für seine späteren Kapitel, deren einziger Bezug zum Hauptteil eben diese Erinnerungen der handelnden Personen an ihre Kindheit und die Beziehungen der Charaktere untereinander darstellen. So wird das Geschehen im zweiten Teil aus der Sicht einer Person geschildert, die zwar im ersten nicht vorkommt, die aber wiederum eine Beziehung zu einer anderen Person aus Teil 1 unterhält, so dass sich der Kreis hier wieder schließt.
Schauplatz dieses zweiten Abschnitts ist eine Universität, an der es Mitte der 60er Jahre zu Auseinandersetzungen der Studenten mit der Vietnamproblematik kommt, während sich langsam so etwas wie eine Friedensbewegung zu entwickeln beginnt.

Mit beängstigender Nüchternheit beschreibt King das Los der Studenten, für die ein guter Notendurchschnitt nichts anderes bedeutet, als überleben zu dürfen – denn wer die Uni verlässt, muss damit rechnen, sofort eingezogen zu werden.
Ahnungslos, wie schrecklich der Vietnamkrieg tatsächlich ist, spielen die Studenten aber lieber Karten, was für einige zu einer regelrechten Besessenheit wird, die sie direkt in den Dschungel führt. King ist mit diesem Teil der Kunstgriff gelungen, das Thema Vietnam mal von einer ganz anderen Seite her zu beleuchten. Selten konnte man sich so gut in die Lage der jungen Menschen versetzen, die in der grünen Hölle ihr Leben verloren, selbst wenn sie nicht den Tod fanden.

Nach einem kurzen Ausflug in die Achtzigerjahre, welcher den Alltag eines schizophrenen Vietnam-Veteranen beschreibt (wiederum eine Figur aus Teil 1), widmet sich King im letzten Teil wieder einer dem Leser vertrauten Figur, nämlich Sully (dem ehemaligen Freund von Bobby Garfield), der nun ebenfalls ein Vietnam-Veteran ist und – wie sollte es anders sein – von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird.

Anhand dieser kurzen Handlungsübersicht wird wohl bereits deutlich, wie vielschichtig dieses Werk ist. Der Autor versteht es ebenso meisterhaft, den Leser auf der einen Seite das Flair der 60er Jahre nachempfinden zu lassen, wie er ihm auf der anderen Seite die Grausamkeiten des Krieges vor Augen führt. King zeichnet hier vor allem im dritten Abschnitt ein überaus reales, plastisches Bild und beschreibt das Chaos in den Köpfen der Überlebenden so, als hätte er dieses traurige Kapitel der amerikanischen Geschichte selbst miterlebt.

Was diese Schilderungen aber erst wirklich interessant macht, was ihre Authentizität ausmacht, das ist zweifellos die mit dem ersten Teil geschaffene Basis, der Kontrast der unschuldigen Kindheitsjahre zum traurigen Erwachsenendasein. Es ist schlichtweg genial, wie es King hier gelingt, diesem ersten Teil im Nachhinein somit eine ganz andere Bedeutung zukommen zu lassen, als es zunächst der Fall zu sein scheint.
King schlägt immer wieder eine Brücke zwischen den Zeiten und zwischen seinen Protagonisten und lässt diese dadurch so lebendig erscheinen wie in kaum einem anderen Werk.

Was dem Leser allerdings wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird, nachdem er dieses Buch gelesen hat, ist der erste Teil; hier insbesondere die Beziehung zwischen dem jungen Bobby Garfield und seinem großväterlichen Freund. Dieser lässt ihn den „Herr der Fliegen“ lesen, was King zum Anlass nimmt, sich mit diesem Buch und seiner Aussage auseinanderzusetzen und es dem Leser so ganz nebenbei ans Herz zu legen.
Doch auch andere Werke vergangener Tage finden Erwähnung, nicht zu vergessen natürlich die Musik der 60er. Alles in allem darf dieser erste Teil wohl auch als Aufbereitung von Kings eigener Jugend betrachtet werden.

Somit hat der Klappentext, welcher den Roman als Kings persönliches Meisterwerk titulierte, ausnahmsweise einmal nicht zuviel versprochen. Schade ist nur, dass der geniale erste Teil doch ziemlich abrupt endet und leider einfach viel zu kurz geraten ist (wenn er auch immerhin die Hälfte des Buches ausmacht).
Aber ganz genauso verhält es sich ja auch mit der Kindheit…

_Stefan Robijn_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

Peter James / Nick Thorpe – Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit

Inhalt:

Ein sechsteiliger Schlag gegen (allzu) lieb gewonnene Rätsel der (Erd-) Geschichte, unterteilt in diverse Unterkapitel, die sich auf bestimmte Favoriten (= Dauerbrenner der Boulevard-Medien in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit) konzentrieren. Sie dienen als repräsentative Beispiele für die jeweiligen Gesamtphänomene, die da wären:

„Versunkene Kontinente und Katastrophen“: Hier lesen wir u. a. über Atlantis, das ‚historische‘ Vermächtnis des Griechen Plato, der sich auf Wolke Nr. Sieben vermutlich totlacht über die monströse Lawine haltloser Spekulationen, die den ‚verlorenen‘ Kontinent der Urzeit völlig ‚logisch‘ an praktisch jedem Ort unseres Globus‘ orten. Dabei ist nie (und für die Atlantis-Jünger glücklicherweise) ein handfester, wirklich glaubhafter Hinweis auf seine Existenz aufgetaucht wäre. James und Thorpe legen sachlich und plausibel dar, wieso dies so ist – so sein muss.

Weiterhin scheuen sie sich nicht, den Kopf in den Rachen gewisser ‚Forscher‘ zu legen, welche die Bibel in den Rang eines Geschichtsbuchs erheben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und haarsträubenden Verbiegungen historischer Tatsachen belegen sie am Beispiel der Suche nach Sodom und Gomorrha. Auch Noahs Arche wurde inzwischen mehrfach erspäht … Wer’s lieber ein wenig sachlicher mag, wird durch die Vorstellung der Polverschiebungstheorie eines Schlechteren belehrt.

„Himmelsbeobachtungen“: Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher herausstellt, dass die Menschen der Vorzeit keine grunzenden, in Höhlen hausenden Wilde waren, sondern sich bereits die Köpfe über erstaunlich transzendente Themen zerbrachen, sammeln sich die Anhänger jener Theorie, nach der es überall auf dieser Erde ‚Priestergelehrte‘ prähistorischer, hoch zivilisierter, leider fundlos verschwundener Kulturen gab, die ihre Schäfchen schwere Steine zu komplizierten Mustern wuchten ließen, um auf diese Weise den Sternen- und Planetenhimmel abzubilden. Diese Steinzeit und Bibel Astronomie ist geradezu ein Steckenpferd für ‚Historiker‘ geworden, die an eine Vergangenheit glauben möchten, in der die Magie der Natur noch stark war in der Welt.

„Architektonische Wunderwerke“: Hier treffen wir u. a. krypto-historische Dauerbrenner wie Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden oder die Steinfiguren der Osterinseln – und jene selbst ernannten Bilderstürmer, die frischen Wind in die etablierte und damit zwangsläufig verkrustete und langweilige Wissenschaft – wozu studieren, wenn man auch spinnen & Fakten klittern kann? – bringen möchten, indem sie beispielsweise „Götter aus dem All“ den Urzeit-Menschen hilfreich zur Hand gehen und prähistorische „Computer aus Stein“ errichten lassen.

„Erdmuster“: Aber ganz ohne eigene seltsame Kraft waren unsere Vorfahren auch nicht. Ohne böse Zivilisation (oder Wissenschaft) hatten sie noch Mutter Naturs Ohr. Ihre prähistorischen Sternwarten, Raumschiffhäfen und Kultstätten (Glastonbury, Somerset, Nazca) vernetzten sie durch „Erdmuster“ (Ley Linien), durch die nicht selten eine Art ätherische Erdstrahlung floss – gleichzeitig eine Art Telefonleitung, über die Geistwesen und/oder Außerirdische den weiter oben genannten Priestergelehrten ihre Anweisungen durchgaben. („Heute nur fünf Jungfrauen opfern.“)

„Original oder Fälschung“ erzählt vom Hang des Menschen, der Wahrheit manchmal etwas nachzuhelfen bzw. sie in eine Gestalt zu zwingen, die der erwünschten Realität (König Artus‘ Grab – endlich gefunden!) oder wenigstens dem eigenen Ruhm zu Gute kommt (Heinrich Schliemann und ‚sein‘ Troja Schatz). Dieses Kapitel verdeutlicht aber auch, dass die Vergangenheit echte Überraschungen birgt (Ötzi, die Mumie, die aus der Steinzeit kam, oder die Schriftrollen vom Toten Meer), die als solche zunächst nicht erkannt werden oder die als ‚unmöglich‘ abgelehnt werden: Die etablierte Forschung kann irren, aber im Gegensatz zur „Voodoo Science“ verfügt sie über Mechanismen der Korrektur, auch wenn‘s manchmal ein wenig dauert.

„Übersinnliches und Archäologie“: Hier wird es endgültig wundersam und wunderlich. Tutanchamuns Fluch kennt sicherlich jede/r, den Fall Omm Seti weniger. Faszinierend auch die Story des „Bundes von Avalon“, der einen Geschichtsforscher quasi exklusiv aus dem Jenseits beriet.

Wie es sich gehört, stehen am Ende unseres Werkes eine Bibliografie (die notgedrungen mit den Jahren an Wert verliert) sowie ein Namens und Sachregister – immer ein Qualitätsmerkmal für ein Sachbuch, mit dem man arbeiten kann. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass „Halley, Hünen, Hinkelsteine“ das im Text Gesagte durch zahlreiche Grafiken und (schwarz weiße) Fotos verdeutlicht.

Der Mensch will (Unsinn) glauben

Die einen mögen sie Spielverderber und/oder Knechte der weltumspannenden Verschwörung skrupelloser Politiker, Großkonzerne & Wissenschaftler schimpfen, die uns Bürger dumm und ahnungslos und dadurch leicht regierbar halten sollen, die anderen begrüßen sie als Stimme der Vernunft. Auf jeden Fall gleiten Peter James und Nick Thorpe aufrecht über das Glatteis, auf das sie sich freiwillig begeben haben. In der (guten, alten) gar nicht so lange verstrichenen Zeit nannte man das „Aufklärung“: die sachliche Beschäftigung mit strittigen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaft, das Abwägen von Für- und Wider-Argumenten, die Formulierung einer (vorläufigen) Schlussfolgerung auf der Basis der gesammelten und ausgewerteten Fakten.

Dass solche Aufklärung alles andere als langweilig oder gar überholt ist, beweist unser Autorenduo eindrucksvoll. (Vor und frühgeschichtliche) Rätsel verlieren keineswegs ihre Faszination, nur weil keine Besucher aus dem All, Geister oder sonstige esoterische Lichtgestalten hinter ihnen stecken. James und Thorpe beeindrucken durch eine gar nicht selbstverständliche Gabe: Sie können komplexe, oft recht schwer verständliche Themenkomplexe allgemeinverständlich präsentieren.

So reagieren sie auf den oft und mit Recht der Wissenschaft gemachten Vorwurf, bei der Vermittlung des Entdeckten zu knausern bzw. sich in einen Nebel hochgeistiger Formulierungen zu hüllen, der vor allem den Kollegen Wissen und Seriosität suggerieren soll. Gute Sachbücher vermitteln erfolgreich zwischen dem Forscher-Olymp und den akademischen Bergtälern, in denen durchaus interessierte Laien hausen – und sie leuchten in die düsteren Höhlen, welche die Scharlatane beherbergen.

Manchmal verloren auf einem Meer der Dummheit

Dabei trennen James und Thorpe Fakten und Spekulationen voneinander. Ganz so streng geht es trotzdem nicht zu. Zwar behaupten die Autoren u. a., sie wollen in Sachen Rätsel einen Schlussstrich im Jahre 1492 ziehen – Columbus segelt nach Amerika und läutet dadurch quasi die Neuzeit ein -, halten sich aber nicht durchweg daran. Andererseits gehört die Diskussion um das berühmte „Marsgesicht“ durchaus zum Thema, denn gibt es ein besseres Beispiel für die Kapriolen der Selbsttäuschung, die dem menschlichen Geist manchmal unterlaufen?

Die Fülle des vorgestellten Materials bedingt manche Vereinfachung oder Verkürzung – davor warnen die Autoren einleitend selbst -, die hier und da Fehlinterpretationen durch den Leser begünstigt. Troja und seine Geschichte ist ein komplexes Thema, das gerade in den letzten Jahren auf der Basis neuer bzw. neu bewerteter Funde in der wissenschaftlichen Diskussion steht. Diese Autoren legen das Schwergewicht ein wenig zu stark auf den ‚Kriminalfall‘ Schliemann und den mysteriösen, womöglich frisierten Schatz des Priamos.

Den eigenen Prinzipien eindeutig untreu werden James und Thorpe, wenn sie ihrer Begeisterung für Kometen & Meteoriten als Katalysatoren aller möglichen (und unmöglichen) irdischen Umwälzungen ein wenig zu blauäugig nachgehen. Das ist aber der einzige gravierende Vorwurf, den man den Verfassern machen kann, deren Ausführungen man ansonsten mit Vergnügen und Gewinn folgt.

Autoren

Peter James studierte in Birmingham und London Alte Geschichte und Archäologie. Dabei spezialisierte er sich auf den Nahen Osten und den Mittelmeerraum und hier wiederum auf die Bereiche Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Nick Thorpe studierte Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Reading und London. Er lehrt am King Alfred’s College in Winchester. Darüber hinaus leitete er mehrere Forschungsprojekte in Großbritannien und Dänemark und verfasste Aufsätze und Bücher über Landwirtschaft, Handwerk, frühgeschichtliche Gesellschaftsformen und Astronomie.

Taschenbuch: 492 Seiten
Originaltitel: Ancient Mysteries (New York : Ballantine Books, a division of Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Annette von Heinz u. Susanne Hornfeck
http://www.dtv.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Camilleri, Andrea – Stimme der Violine, Die

Mit Michela Licalzi wurde nahe Vigata eine schöne, reiche Frau ermordet. Leider verdächtigt der zuständige Mordkommissar Panzacchi den Falschen, der von der Polizei, obwohl unbewaffnet, erschossen wird. Dumm nur, dass die Mafia die ganze Sache auf Video aufgenommen hat. Und der richtige Mörder läuft frei herum. Dann verhilft Montalbano eine wertvolle Violine zu einem Hinweis auf den Täter.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten neun Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch dreizehn weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge

_Handlung_

Auf dem Weg zu einer Beerdigung rammt Gallo, der Fahrer Salvo Montalbanos, aus purer Selbstüberschätzung in einer Kurve einen flaschengrünen Twingo. Doch obwohl der Commissario seine Nummer hinterlässt, meldet sich niemand. Da ihm die Sache keinen ruhigen Schlaf erlaubt, bricht er kurzerhand in die kürzlich erbaute Villa hinter dem Twingo ein. Und stößt dort im Schlafzimmer auf die Leiche einer nackten schönen Frau. Sie würde erwürgt. Sofort macht sich Salvo aus dem Staub. Denn wie sollte erklären, auf welche Weise es ihm möglich gewesen war, die Tote aufzufinden?

Wie sich herausstellt, lebte Michela Licalzi in einer Scheinehe mit dem Arzt Dr. Emanuele Licalzi, 60, aus Bologna. Sie hatte offenbar Lover und Freundinnen. Eine der Letzteren, die ledige lehrerin Anna Tropeano, erzählt Salvo, der sich von ihrer Schönheit angezogen fühlt, dass Michela einen Bewunderer hatte: Maurizio di Blasi war allerdings geistig zurückgeblieben und war nur von Michelas Schönheit besessen. Er konnte sie nicht umgebracht haben, denn er spielte lieber den Voyeur.

Weil der neue Questore in Montelusa, Signore Bonetti-Alderighi, der aus dem Norden stammt und daher extrem unbeliebt ist, Montalbano den Fall entzieht, kommt nun Ernesto Panzacchivon von der Mordkommission zum Zuge. Ein schwerer Fehler, wie Salvo findet und sich bald herausstellt. Denn Panzacchi ist ein karrieregeiler Spieler. Seine ebenso begierigen Polizisten spüren Maurizio in einer Höhle auf, der ruft: „Bestraft mich!“ Sie erschießen ihn, weil sie den Schuh, den er hochhält, für eine Pistole halten.

Es kommt noch besser: In einer Pressekonferenz behauptet Panzacchi, dieser Schuh sei einer Handgranate aus dem 2. Weltkrieg gewesen. Tatsächlich haben seine Männer sogar Maurizios Fingerabdrücke drauf angebracht – stümperhaft allerdings.

Doch wie könnte es in Sizilien anders sein, schaltet sich nun die Mafia ein – in Gestalt von Avvocato Guttadauro, den wir bereits aus „Das Spiel des Patriarchen“ als aalglatten Mafiaanwalt kennen. Er habe beobachtet und sogar auf Video aufgenommen, wie Panzacchis Männer den unbewaffneten Maurizio erschossen und ihm die Handgranate untergeschoben hatten. Er werde gerne gegen Montalbanos Konkurrenten aussagen…

Nun hat Montalbano alle Trümpfe in der Hand. Soll er diese Bombe hochgehen lassen und all diejenigen, die Panzacchi gedeckt haben, aus ihren Ämtern fegen? Aber wer bringt dann den richtigen Mörder vor Gericht? Da kommt ihm Kommissar Zufall in Gestalt eines Geigenvirtuosen zu Hilfe.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal ist Camilleri eine enorm spannende Geschichte gelungen, die den Zuhörer bis zur letzten Minute fesselt, wenn der Commissario dem wahren Täter eine recht seltsam klingende Geschichte auftischt und auch prompt eine heftige Reaktion erhält. Allerdings nicht ganz die erwartete.

Wieder einmal hat der weise, verschmitzte Autor die Kriminalstory mit Erotik und Witz gewürzt. Anna Tropeano ist für Salvo eine Verlockung, doch seine Treue zu seiner Genueser Freundin Livia ist stärker. Mit dieser will Salvo einen Jungen namens Francois adoptieren, doch diese Sache scheitert. Nun weiß Salvo, wo seine Pflichten liegen.

Der drastische Witz aus „Die Form des Wassers“ ist hier zurückgenommen, obwohl der Commissario jederzeit bereit ist, in einen Wutanfall auszubrechen – und angesichts von Gallos überschätzten Fahrkünsten hätte er allen Grund dazu.

_Das Hörspiel_

Wie stets ist die SWR-Produktion makellos; die Sprecher sind ebenso ausgezeichnet eingesetzt wie die zahllosen Geräusche. Wie immer jagen sich die Dialoge und Telefonate, so dass es kaum einmal eine Verschnaufpause gibt und die jeweils etwa 55 Minuten wie im Fluge vorüber sind.

Die Musik ist ja sonst ein heikler Punkt, doch diesmal wurde das Jazz-Gedudel durch sizilianische Caféhausmusik abgelöst – mit stimmungsvollen Geigen und Klavieren an den richtigen Stellen und drängenden Rhythmen, wenn’s spannend wird.

_Unterm Strich_

„Die Stimme der Violine“ ist mindestens so gut wie „Das Spiel des Patriarchen“. Allerdings mischen sich in die Spannung viele tragische, besinnliche wie auch sinnliche Töne. Eine Mischung, wie man sie sich von einem weisen alten Mann wie Camilleri nicht besser wünschen kann. Dabei bleibt der politische Biss keineswegs außen vor.

Fazit: 100 Punkte.

_Michael Matzer­_ © 2003ff

Wolfgang Hohlbein – Das Druidentor

Wolfgang Hohlbein ist einer der erfolgreichsten deutschen Phantastikautoren überhaupt. Seine Werke werden von vielen Lesern mit Begeisterung verschlungen, während die Kritiker ob des dürftigen Niveaus der meisten Bücher, ihrer endlosen Klischees und der unsäglichen Aneinanderreihung von Cliffhangern meistens schmerzvoll aufheulen oder zumindest vor Wut schäumen. Hohlbeins Ausstoß von Prosa ist mittlerweile dermaßen hoch, dass böse Zungen bereits vom „wöchentlichen“ oder „täglichen“ Hohlbein sprechen, andere wiederum zweifeln daran, ob der Autor überhaupt noch selbst schreibt und nur noch seinen Namen diversen Zuarbeitern leiht.

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Hans Werner Kettenbach – Sterbetage

Heinz Kamp ist Buchhalter. Oder war Buchhalter, denn jetzt, mit sechzig Jahren, ist er arbeitslos. Seine Frau ist gestorben und sein Lebensalltag besteht aus regelmäßigen Besuchen der Stadtbibliothek, einmal in der Woche Schwimmen und selteneren Stelldicheins bei Hertha Klose, die praktischerweise sechs Etagen unter ihm wohnt.

Er wacht mitten in der Nacht auf, lauscht den Güterzügen, die über die Brücke in Nähe seiner Wohnung fahren, steht auf und geht spazieren. Er hofft, keine anderen Hausbewohner zu treffen, sie könnten ihn als unnormal ansehen, weil er mitten in der Nacht seine Wohnung verlässt.

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Eschbach, Andreas – Letzte seiner Art, Der

Es gibt eine ganze Reihe von Standardmotiven in der spekulativen Literatur, und eines davon ist der Kyborg. Die Abkürzung ist aus dem 1960 geprägten Begriff „kybernetischer Organismus“ abgeleitet. James Camerons „Terminator“ ist wohl der bekannteste Cyborg, aber vorher gab es schon den „Six Million Dollar Man“ in einer TV-Serie.

Regelmäßig finden die Kyborgs einen gewaltsamen Tod, ganz gleich, ob sie gut sind oder böse. Dass das Ende eines Terminators auch ganz anders aussehen kann, belegt Andreas Eschbach in seinem Roman „Der Letzte seiner Art“, der nun auch im Hörbuch vorliegt.

_Der Autor_

Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.

Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“, die Komödie „Kelwitts Stern“ und der Megaseller „Das Jesus-Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet wurde. Mit „Eine Billion Dollar“ machte der Autor die FAZ auf sich aufmerksam, für deren Sonntagsausgabe er den Fortsetzungsroman „Exponentialdrift“ schrieb.

Im September 2003 erschien der Roman „Der Letzte seiner Art“ bei Lübbe. Den gibt es seit März 2004 als Hörbuch. Zuletzt veröffentlichte der Arena-Verlag, Würzburg, den Jugendroman „Die seltene Gabe“. Ein weiterer Jugendroman, „Das Marsprojekt“, soll verfilmt werden, und der Ausbau zur Trilogie ist schon in Arbeit.

_Der Sprecher_

Martin May, 1961 in Coburg geboren, wurde bereits mit 18 Jahren von Rudolf Noelte als Schauspieler entdeckt. Es folgten über hundert weitere Rollen bei Film, Fernsehen und Theater, unter anderem in Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“. May lebt mit seiner Familie bei Hamburg.

_Handlung_

Duane Fitzgerald lebt zurückgezogen in einem Häuschen vor den Toren des irischen Hafenstädtchens Dingle. Hier an der Westküste sprechen die Leute sogar noch Gälisch, die alte Sprache der keltischen Ureinwohner. Er hat sich gut eingerichtet, liest fleißig Bücher, philosophiert mit Seneca, dem antiken Römer. Jede Woche geht er zur Post, um ein Paket mit Nahrungskonzentrat, das aus den USA geschickt wurde, beim Postbeamten Billy Trant abzuholen. Und dann ist da noch Bridget Keane, auf die er ein Auge geworfen hat. Sie führt das Hotel Brennan, das alle Fremden beherbergt, die nach Dingle kommen. In letzter Zeit werden es immer mehr…

Duane ist ein Mann in den besten Jahren, wie man so sagt, und bezieht eine Pension, die wie sein Nahrungskonzentrat auch aus den USA geschickt wird. Doch er kann sie nicht so recht genießen. Da er ist, was er ist, weiß er, dass er nie wieder normales Essen zu sich nehmen und nie mehr eine Frau lieben kann. Doch es gibt einen Ausgleich. Er besitzt Fähigkeiten, um die ihn manche Menschen beneiden würden. Er ist das Ergebnis eines geheimen Projekts der amerikanischen Regierung, eines Projekts, das fehlgeschlagen ist.

Man wollte den Supersoldaten erschaffen, eine Verbindung aus Mensch und Maschine, so etwas wie einen Terminator. Und tatsächlich hatte sich Duane freiwillig vom Marine Corps für das Projekt „Steel Man“ gemeldet, um seinem Idol, dem „Terminator“, nachzueifern. Die USA hatten auch Verwendung für ihn und die kleine Gruppe von Seinesgleichen: im Golfkrieg 1990/91. Sie sollten eine autonom agierende spezielle Einsatztruppe bilden, um Punktziele hinter den feindlichen Linien anzugreifen.

Allerdings wurden die Experimente und Organersetzungen an den „Steel Men“, wie die kybernetischen Organismen, die Cyborgs, genannt wurden, überhastet durchgeführt. Viele Cyborgs starben an den Komplikationen. Der erste Projektleiter Prof. Nathan Stewart trat 1988 zurück, und weniger Befähigte folgten ihm. Das Projekt wurde gestoppt, die Supermänner in den Ruhestand geschickt, ehe sie zum Einsatz kamen. Für ihren Einsatz erhielten sie die Freiheit, dort zu leben, wo sie wollten. Dafür mussten sie versprechen zu schweigen. Duane wählte die Heimat seiner Vorfahren: Irland.

|Alles wird anders – und gefährlich|

Aber nun hat das Schweigen ein Ende: Ein amerikanischer Bürgerrechtsanwalt, Harold Itsumi aus San Francisco, sucht fieberhaft nach Duane. Als er ihn findet, bietet er ihm an, ihn in einem Schadensersatzprozess gegen die US-Regierung zu vertreten. Es geht um Millionen, wenn nicht sogar mehr. Wenig später besucht Duane im Hotel Brennan Itsumi, um sich dessen angeblich geheime Unterlagen über „Steel Man“ zeigen zu lassen. Ein Schuss fällt, Duane wechselt in den Kampfmodus, jagt seine 150 Kilo die Treppen hoch und in Itsumis Zimmer: zu spät. Der Mörder kann entkommen.

Die Unterlagen sind verschwunden, die Duane mehr über sich hätten verraten können. Und mit ihnen die junge Wirtin, Bridget Keane, über die er erfährt, dass sie Verbindungen zur IRA habe. Die örtliche Polizei befragt Duane als einzigen Zeugen, und die unbekannten Fremden, die mit Handys herumlaufen und ihn beobachten, nehmen an Zahl zu. Da wird sein Arzt, Dr. O’Shea ermordet. Und wenige Tage später fischt man einen toten Amerikaner aus dem Hafenbecken.

Die Lage wird brenzlig für Duane, als seine Nahrungslieferungen ausbleiben. Und selbst ein Cyborg kann es nicht mit den Geheimdiensten der Amerikaner und Iren aufnehmen. Außerdem weiß er nicht alles über sich: Er findet einen Mikrochip, den ihm Dr. O’Shea entfernt hat: Es ist ein Abschaltmechanismus für einen Cyborg. Er ahnt, dass in ihm auch ein Peilempfänger installiert sein könnte, mit dem sie ihn überall auf der Welt aufspüren können.

Nach einem Geheimtreffen mit Bridget Keane muss sich Duane entscheiden: Was ist ihm der Eid noch wert, den er auf die US-Fahne geschworen hat? Und was die Freiheit, wenn er damit doch nur zum Spielball der Geheimdienste wird und alle in tödliche Gefahr bringt, die ihm nahe stehen?

_Mein Eindruck_

Wie leicht hätte Eschbach aus diesem Plot einen technizistischen Actionthriller machen können! All die Super-Gadgets, die in Duanes Eine-Milliarde-Dollar-Körper eingebaut sind! Doch dieser Techno-Thriller hätte nur wie ein Abklatsch von Camerons „Terminator“-Filmen gewirkt. Und wir wissen ja, wie ein gealterter Terminator aussieht und wirkt – siehe den dritten Teil.

Auch die Parallen zum Plot von „Rambo“ boten sich an und sind auch zum Teil realisiert: Lt. Colonel George Reilly spielt die Rolle des Übervaters der „Steel Men“ genau so, wie Richard McCrenna sie für Stallones „Rambo“ spielte. Doch mit dem Ende des Projekts „Steel Man“ ist auch Reilly überflüssig geworden. Und genauso wie die Cyborgs werden „sie“ wohl auch ihn beseitigen, auf dass es keine weiteren Anwälte à la Harold Itsumi mehr geben kann.

Eine Kampfmaschine also auf dem Abstellgleis: Duane wähnt sich sicher, doch der Schein trügt, als das Gleichgewicht seiner Welt durch einen einzigen Mann zerstört wird. Die Zwielichtwelt der Geheimdienste und Top-Secret-Projekte kann Publicity nicht gebrauchen. Bridget bietet Duane an, ihn zu einem Ärztekongress nach Dublin, bei dem es um Biotechnik geht, zu bringen. Sein Auftritt dort wäre der Todesstoß für alle Mitarbeiter am Projekt „Steel Man“ und sein Nachfolgeprojekt „Dragon Blood“.

Aber wie Duane erkennt, wäre das auch der Tod für alle, die sich in seiner Begleitung befinden. Er ist der „Letzte seiner Art“ – James Fenimoore Coopers Roman „Der letzte Mohikaner“ lässt grüßen – und will der Letzte bleiben, der getötet wird.

Daher liegt über der Story ein Hauch von Melancholie, die sich auch nicht durch das sich steigernde existenzielle Drama verdrängen lässt, in das Duane gerät, als ihm die Nahrung und die Optionen ausgehen. Nicht einmal die Liebe zu Bridget Keane ist mehr eine Option – siehe oben – doch er kann ihr noch ein letztes Geschenk machen. Da hilft Seneca mit seinen tröstlichen Gedanken doch sehr.

Sehr schön fand ich, dass es Eschbach gelingt, den Schauplatz des Geschehens genau und stimmig einzufangen und darzustellen. Ich war selbst 1980 in der Gegend von Dingle, genauer: im größeren Städtchen Tralee, und denke, dass sowohl die Landschaft als auch die Bewohner der Dingle-Halbinsel gut getroffen sind. Ob allerdings in jedem Bewohner ein verkappter IRA-Sympathisant steckt, wage ich eher zu bezweifeln. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

|Unterschiede zum Buch|

Ich habe beim Anhören des Audiobooks das Buch auf den Knien gehabt und konnte so die gedruckte mit der gesprochenen Fassung vergleichen. Kürzungen sind vor allem in der zweiten Hälfte festzustellen. Eine erotische Szene über Duanes „erstes Mal“ wurde gestrichen. Ebenso aber auch große Teile der sogenannten Backstory, in denen viele seiner Kameraden auftauchen und geschildert wird, wie Duane ihren Tod erlebt und damit umgeht. Dadurch wird klar, dass das Ende des Lebens nichts Fremdes für ihn ist, sondern ein Bestandteil seiner Existenz als Cyborg.

Diese Einstellung wird durch seine Lektüre Senecas noch untermauert: Alle Seneca-Zitate, die den Kapiteln vorangestellt sind, fehlen jedoch. Nur die wichtigsten, die im Text auftauchen und eine Funktion haben, blieben stehen. Dadurch konzentriert sich der Text mehr auf die tatsächliche Handlung, die „Action“, doch die Figur des Cyborg wird dadurch nicht unbedingt verständlicher. Er ist nun eine Figur wie Rambo oder der Terminator, doch im Buch ist er eine runde Persönlichkeit, deren finale Entscheidung verständlich und akzeptabel wird. Der Zuhörer muss entscheiden, was er vorzieht.

|Der Sprecher & die Inszenierung|

Martin May ist offensichtlicher Routinier in Sachen Sprechen und Vortrag. Seine Lesung, die nicht mit Musik oder Sound unterlegt ist (außer am Schluss), überzeugt durch eine deutliche Aussprache, hervorhebende Pausen und eine sympathische Satzmelodie. Es gibt Sprecher, die ihren Text einfach herunternudeln, ohne auf Betonung und Pausen zu achten. May gehört zum Glück nicht dazu.

Allerdings hat sich May nicht über die Aussprache irischer Namen informiert. Daher wundert sich der Kenner doch ein wenig über die englisch geprägte Aussprache von irischen Namen wie O’Shea und Seamus. Statt [scheijm(a)s] hören wir nun [si:m(a)s], und statt [o’shej] sagt May [o’shi(a)]. Das (a) ist ein abgeschwächtes A, ähnlich wie in (Britney) Spears.

_Unterm Strich_

So könnte man sich das Ende eines echten Terminators vorstellen. Irgendwo in Irland, in einem sonst verschlafenen Nest, endet seine Idylle als Pensionär jäh und verwandelt sich in eine Treibjagd, die zu einer Mordserie führt. Nicht nur der Cyborg selbst fasziniert durch seine eingebauten Superfähigkeiten, sondern auch seine Aktionen, wenn er versucht, die Mordserie aufzuklären. Dabei gerät er aber vom Regen in die Traufe, und er sieht seine ultimative Abschaltung kommen. Doch es gibt immer eine letzte Möglichkeit, auch für einen Terminator: Seine Geschichte an die Welt weiterzugeben und diese Welt vor sich zu schützen.

Das Hörbuch kürzt die Hintergrundstory ebenso gnadenlos zusammen, wie alle erotischen Szenen gestrichen wurden. Der Verlust an Persönlichkeitsbeschreibung kommt dem Schwung zugute, mit dem die Handlung voranschreitet. Wer also mehr Tiefgang möchte, sollte unbedingt zum Buch greifen, das es hoffentlich in einem Jahr auch als Taschenbuch geben wird (leider definitiv nicht vor dem Mai 2005).

|Umfang: 345 Minuten auf 5 CDs|

_Michael Matzer_ © 2004ff

Jonathan Neale – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya

Eine Geschichte des Bergsteigens im Himalaya aus der Sicht der nepalesischen Sherpas, die den großen, weißen Forschern jahrzehntelang Arsch & Gepäck auf die höchsten Gipfel dieser Welt hinterher trugen, bis sie sich emanzipierten und für den eigenen Ruhm zu kraxeln begannen … – Sehr gut und vor Ort recherchiertes, durch viele Interviews mit bisher kaum oder gar nicht befragten Zeitzeugen angereichertes Sachbuch, das eine Lücke in der Himalaya-Historie schließt und Licht auf viele bisher unbekannte Kapitel wirft, was nebenbei manchen gefeierten Berghelden plötzlich recht unvorteilhaft beleuchtet. Jonathan Neale – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya weiterlesen

Camilleri, Andrea – Dieb der süßen Dinge, Der

„Commissario Montalbano löst seinen dritten Fall“ – so lautet der Untertitel dieses Kriminalromans, der seine Fortsetzung in „Die Stimme der Violine“ findet. Es gibt also durchaus eine chronologische Reihenfolge in den Montalbano-Romanen, genau wie bei Mankells Kommissar Wallander.

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.) Doch da sie nur 33 und er schon 44 Jahre alt ist, wünscht sie sich dringend ein Kind. Und das ist nicht so einfach, wie sie sich das vorstellt. Aber vielleicht klappt’s ja dieses Mal, Salvo zu überreden, sie zu heiraten.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten elf Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch elf weitere Sprecher in Nebenrollen. Die schöne, dezente Musik stammt von Henrik Albrecht, die Bearbeitung wie immer von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Gleich zwei Morde halten Commissario Montalbano diesmal in Atem, und sie scheinen auf den ersten Blick nicht das Geringste miteinander zu tun zu haben. Signore Lapecora ist ein gut situierter Geschäftsmann, um die 60, verheiratet, mit einem Arzt als Sohn. Aber er ist leider genauso mausetot wie der tunesische Fischer, den ein italienisches Patrouillenboot draußen auf See aufgenommen hat, ein gewisser Ben Dahab (nicht sein richtiger Name). Zwischen den beiden Toten besteht eine ebenso pikante wie kriminelle Verbindung, und diese gilt es aufzudecken.

Signora Lapecora, die während des Fundes ihres toten Mannes mit dem Bus zu Verwandtenbesuch gefahren war, sagt Montalbano, sie sei überzeigt, ihr Mann sei von seiner tunesischen Geliebten erstochen worden, dieser Karima mit dem schrecklichen Parfüm, das nach verbranntem Stroh riecht (Volupté). Und sie, die Signora, habe bereits drei anonyme Briefe erhalten, sie aber sogleich verbrannt. Diese Briefe, so stellt sich heraus, wurden im Büro Signore Lapecoras zusammengeklebt, wobei die Buchstaben aus vorhandenen Magazinen ausgeschnitten worden war. Doch seltsam: Signore Lapecora besuchte sein Büro nur am Montag, Mittwoch und Freitag. Was hatte er also am Donnerstag, seinem letzten Morgen, vor, und noch dazu mit einer Flasche Wein unterm Arm?

Leider ist Karima, seine Geliebte, nicht aufzufinden. Nur ihre alte Haushälterin, Aischa, passt auf ihren fünfjährigen Sohn auf, Francois. Doch woher kommen die 500 Millionen Lire auf Karimas Sparkonto? Doch wohl kaum vom Putzjob, den sie ausübte? Doch da hilft dem Commissario eine Nachbarin weiter: Clementina Cozzo hatte in die Wohnung Signore Lapecoras einen fabelhaften Einblick, und sie berichtet von einem weiteren Mann, der sich dort aufgehalten und einen metallicgrauen BMW gefahren habe. Wie sich herausstellt, war der zweite Lover Karimas Signore Lapecoras Neffe, Farid. Was war er von Beruf? Verdiente er Karimas Sparvermögen?

Salvos langjährige Freundin Livia ist aus Genua zu Besuch gekommen. Sie gibt ihm den entscheidenden Tipp auf Francois. Der Junge streunt in der Stadt herum und stiehlt, vor allem „süße Dinge“. Nachdem Salvo ihn wieder eingefangen hat, erkennt der Junge seinen Onkel im Fernsehen: Ben Dahab, der tote tunesische Fischer, heißt in Wahrheit Ahmed Moussa und ist ein von der tunesischen Geheimpolizei gesuchter Terrorist und Drogenhändler!

Nun schwant Montalbano Übles: Terrorismus, Drogen, Geheimpolizei – und mittendrin Karima und Francois. Er lässt den Jungen sofort in Sicherheit bringen. Aber was hatte Signore Lapecora mit alldem zu tun? Die Antwort liefert der italienische Geheimdienst, in Gestalt eines Zwerges.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Camilleri ein paar heiße Eisen an und lässt die wenigsten der braven Brüger ungeschoren davonkommen. Geheimpolizei, Drogenfahndung, gedungene Killer – sie alle sorgen für ständige Gefahr im Hintergrund. Im Vordergrund verfolgen wir die Ermittlungen Montalbanos, seine Vorgehensweise Schritt für Schritt. Die Vernehmungen und Konversationen scheinen harmlos zu sein, doch die Ergebnisse sind es nicht: Lapecoras Witwe ist eine ebenso geizige Person wie sein Sohn, an den sich Lapecoras vergeblich um Hilfe gewandt hatte.

Doch Karima ist ein Opfer der braven Gesellschaft: Dort, wo sie putzte, verdiente sie damit lumpige 50.000 Lire pro Job (etwa 25 Euro). Doch für ihre Liebesdienste, wie auch immer sie aussahen, erhielt sie 150.000 Lire! Und zwar von alten Knackern, deren Frauen nichts davon wissen durften. Und da sie unverheiratet war, galt sie bei diesen Gattinnen durchweg als Nutte.

Diese Heuchelei und der unterschwellige Rassismus gehen soweit, dass, wie Salvon einmal in der Zeitung liest, 30 Dorfbuben ungestraft ein junges Ausländermädchen (Eritreerin, Tunesierin – das ist unwichtig) vergewaltigen dürfen – „sie war sowieso eine Nutte“, lautet die Entschuldigung der Eltern.

Von den 25 bis 50 Euro pro Tag, die Karima verdiente, musste sie sich und ihre Sohn ernähren und kleiden sowie die Miete zahlen. Wohl deshalb ließ sie sich auf den Drogenhandel mit ihrem Bruder Farid ein. Und wer weiß, wozu sie Signore Laprecora noch gebracht hätte.

Diesen deprimierenden Verhältnissen versucht der Commissario zu entfliehen. Das gute Essen, das ihm seine Haushälterin Adelina bereitet, wird aus diesem Grund detailliert beschrieben, was vielleicht manchen Leser oder Zuhörer verwundern wird. Das andere Gegengewicht stellt seine Freundin Livia dar, die sofort ihr mütterliches Herz für Francois entdeckt. Es wird manche Zuhörerin vor den Kopf stoßen, auf welche Weise Salvon mit ihr umspringt: Er kommandiert sie herum, ohne dass sie nach dem Grund für seine Befehle fragen darf. Nun ja – es geht um das Leben des Jungen. Eine deutsche Frau würde sicherlich nicht so ohne Weiteres gehorchen.

_Das Hörspiel_

Wie stets ist die SWR-Produktion makellos; die Sprecher sind ebenso ausgezeichnet eingesetzt wie die zahllosen Geräusche. Wie immer jagen sich die Dialoge und Telefonate, so dass es kaum einmal eine Verschnaufpause gibt und die jeweils etwa 55 Minuten wie im Fluge vorüber sind.

Diesmal ist auch die Musik von Henrik Albrechts SWR-Orchester dezent und passend an den entsprechenden Stellen eingesetzt. Ruhige Passagen wechseln sich mit schnelleren ab, wenn etwas Fahrt in das Geschehen kommt.

_Unterm Strich_

„Der Dieb der süßen Dinge“ ist etwas vielschichtiger angelegt als die vorherigen Romane (Form des Wassers, Hund aus Terrakotta). Nicht nur, weil es diesmal gleich um zwei Leichen geht, sondern weil Montalbanos Ermittlungen zu Ergebnissen führen, die sich in überraschenden Richtungen ergeben.

Diese dienstliche Seite steht der privaten Situation des Kommissars gegenüber, in der sich mehrere Entwicklungen ergeben: Er soll heiraten, könnte ein Kind (die Waise Francois) adoptieren und soll obendrein befördert werden. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wofür sich der Commissario entscheidet, solltet ihr selbst hören.

_Hinweise_

Die Verfilmung dieses Romans lief am 2003 auf ARTE-TV unter dem Titel „Tödliche Sühne“. Leider mal wieder zu nachtschlafender Zeit gegen Mitternacht. Auch „Der Hund aus Terrakotta“ und „Die Stimme der Violine“, „Die Form des Wassers“ und „Der Kavalier der späten Stunde“ wurden verfilmt. Es gibt ein Montalbano-Spiel und einen Camilleri-Fanclub, der alle Aktivitäten und News im Internet dokumentiert. Kurzum: Montalbano ist auf dem besten Wege, Kommissar Maigret den Rang abzulaufen. Nach der Erklärung Camilleris ist Maigret das Vorbild für Montalbano gewesen, unterscheidet sich aber in wesentlichen Punkten von ihm.

Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871

Parry Männer der Polaris Cover kleinDas große Rennen um (und über) die Welt

Das Jahr ist 1871. Der Große Bürgerkrieg ist vorüber, die Blauen & die Grauen schlagen sich nicht mehr die Köpfe ein; Zeit für die immer noch jungen, jetzt wieder Vereinigten Staaten von Amerika, sich darauf zu besinnen, der Restwelt das Heil zu bringen, was sie bereits zu diesem Zeitpunkt als ihren von Gott (oder Gandalf) erteilten Auftrag erkannt haben.

Damit stehen sie nicht allein. Imperialismus politisch schwer im Kommen. Auf dem gesamten Globus machen sich mächtig aufgerüstete Nationen daran, ihrem Herrschaftsgebiet möglichst viele und lukrative Kolonien einzuverleiben. Die Filetstücke sind schon vergeben, als sich nun auch die USA an diesem Run beteiligen möchten. Wenn‘s nichts mehr zu erobern gibt, dann lässt sich immerhin einiger Ruhm damit ernten, unbekannte Länder zu entdecken (die dann womöglich doch das Ausbeuten lohnen). Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871 weiterlesen

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta

In einem Waffenversteck der sizilianischen Mafia findet Commissario Montalbano eine unheimliche Szene: ein eng umschlungenes Paar Leichen, bewacht von einem Hund aus Terrakotta.

Des Rätsels Lösung war bereits einmal im deutschen Fernsehen zu erfahren. Wer den Film verpasst hat, kann die Lösung in diesem Hörspiel herausfinden.

Der Autor

Andrea Camilleri – Der Hund aus Terracotta weiterlesen

Brennan, Herbie – Elfenportal, Das (Faerie Wars 1)

Man sieht es Pyrgus Malvae zwar nicht an, aber er ist ein Prinz, ein Elfenprinz. Der Kronprinz sogar. Das kümmert ihn allerdings wenig. Seine Tätigkeit als Tierschützer ist ihm wichtiger. Bis jemand versucht, ihn zu ermorden. Sein Vater schickt ihn zu seinem Schutz durch ein magisches Portal in die Gegenwelt, wo er unerreichbar für Attentäter sein sollte. Leider geht etwas schief, und Pyrgus hat Glück, dass Henry Atherton ihn davor bewahrt, von einem Kater gefressen zu werden. Gemeinsam mit Mr. Fagerty, einem etwas verrückten alten Mann, bei dem Henry sich sein Taschengeld verdient, versuchen sie, einen Weg zu finden, wie Pyrgus in seine Welt zurückkehren kann. Tatsächlich gelingt es Mr. Fagerty, ein künstliches Portal zu basteln, das Pyrgus benutzen kann. Doch damit fangen seine Schwierigkeiten erst richtig an. Henry und Mr. Fagerty folgen Pyrgus. Nur um unmittelbar darauf selbst in Schwierigkeiten zu geraten.

In „Das Elfenportal“ kontrastieren Welten. Die eine ist die von Henry: Er lebt irgendwo in einer x-beliebigen englischen Stadt. Sein Vater ist leitender Angestellter, ein überaus pünktlicher und korrekter Mensch in Anzug und Krawatte, seine Mutter ist Schuldirektorin. Außerdem hat er noch eine pferdenärrische kleine Schwester. Henry liebt es, Pappmodelle zu bauen und bessert sein Taschengeld auf, indem er Mr. Fagerty beim Aufräumen seines Gerümpels hilft oder sich einfach nur dessen leicht paranoide Geschichten anhört. Eine graue und leicht langweilige Welt – irgendwo muss sein Interesse für Mr. Fagertys abstruse Geschichten ja seinen Ursprung haben. Diese Welt gerät etwas aus den Fugen, als die Ehe seiner Eltern einen ziemlichen Knacks bekommt. Dass dieser Knacks gleichzeitig mit der Entdeckung einer Elfe auftritt, macht es nicht einfacher.

Die andere ist die der Elfen: Diese Welt ist wesentlich bunter. Hier gibt es Händler und Gaukler, Gauner und gerissene Geschäftsleute, mächtige Adlige und Spione. Und es gibt den Purpurkaiser und seine Familie, die seit mehreren Generationen das Elfenreich regieren. Sie gehören zu den Lichtelfen, und die Nachtelfen sind gar nicht davon begeistert, von Lichtelfen regiert zu werden. Kein Wunder, dass ein mächtiger Nachtelfenfürst Pyrgus‘ Vater das Leben schwer macht. Und dann gibt es noch eine dritte Welt:
die der Dämonen. Eigentlich können diese ihre Welt nicht verlassen, doch es gibt genug Nachtelfen, die einigen von ihnen gelegentlich den Wechsel durch Beschwörungen ermöglichen. Selbstredend ist dies dem Dämonenprinzen bei weitem zu wenig.

Brennan hat diese Welten mit recht originellen Charakteren bevölkert: Henry ist eigentlich ein ganz normaler Teenager, er hat gelegentlich Stress mit seinen Eltern, ist genervt von seiner kleinen Schwester. So wirklich ganz normal ist er aber auch wieder nicht, denn einer Katze einen Schmetterling abzujagen, weil man den Eindruck hat, er sei eine Elfe, setzt schon ein gewisses Maß an Verrücktheit voraus. Mr. Fagerty stellt dieses gewisse Maß an Verrücktheit jedoch mit Leichtigkeit in den Schatten. Nicht nur, dass er immer eine geladene Kanone unter dem Bett hat und generell nicht ans Telephon geht, er ist sich auch absolut sicher, dass SIE ihn irgendwann kriegen werden, wobei nicht ganz klar ist, ob er mit SIE das FBI, die CIA oder die Außerirdischen meint, die nach seiner Überzeugung bereits an die sechs Millionen Amerikaner verschleppt haben. Keine Frage, dass Mr. Fagerty auch an Elfen glaubt. Vor allem aber ist Mr. Fagerty jemand, der nahezu alles bauen kann.

Auch im Elfenreich gibt es ein paar irre Typen. Während der Kaiser und sein Torhüter ernste und vernünftige Männer sind, scheint das auf seine Kinder nicht zuzutreffen. Dass Pyrgus die meiste Zeit damit beschäftigt ist, Tierquälern ihre Tiere zu stehlen und sie freizulassen, anstatt sich um Politik zu kümmern, erwähnte ich bereits. Seine Schwester Holly Blue ist auch nicht gerade pflegeleicht. Die selbstbewusste junge Prinzessin hat ein eigenes Spionagenetz, das dem ihres Vaters beinahe ernstzunehmende Konkurrenz macht, und wenn es sein muss, spielt sie auch selbst mal die Agentin. Comma, der Jüngste, ist etwas seltsam, aber nichts Genaues erfährt man nicht. Ein besonders schräger Vogel ist Jasper Chalkhill, ein Nachtelf. Er ist Teilhaber einer Leimfabrik, aber weder sein Compagnon noch irgendwer sonst nimmt ihn ernst. Stinkreich ist er, ohne Sinn für Stil und Geschmack, aber nicht nur sein Haus und seine Kleidung sind schrill, er benimmt sich auch albern. Wie ein aufgeregt kläffender Terrier. Total abgedreht, fast schon ein bisschen zu sehr …

Sein Compagnon Silas Brimstone, logischerweise ebenfalls ein Nachtelf, ist ein verschlagener, gieriger Betrüger. Er empfindet Chalkhill gelegentlich als sehr lästig, aber er braucht ihn wegen des Geldes für die Firma. Das stört ihn ganz gewaltig, deshalb ist es sein größter Traum, den Fürst der Dämonen persönlich zu beschwören. Von ihm erhofft er sich unendlich viel Gold. Zumindest fürs Erste. Übung in der Dämonenbeschwörung hat er jede Menge, doch ein Fürst ist nicht ganz so einfach zu beherrschen, und natürlich geht prompt etwas schief. Sein Opfer an den Fürsten läuft ihm nämlich davon: Pyrgus! Und abgesehen davon wäre der Fürst der Dämonen nicht der Fürst der Dämonen, wenn er nicht bei allem mitmischen und dabei seine eigenen Ziele verfolgen würde.

So kommt es, dass mehrere Leute das gleiche Ziel haben, nämlich Pergus umzubringen. Allerdings ist es nicht unbedingt ein gemeinsames Ziel, was zu ziemlichen Verwicklungen führt. Dass das Portal Pyrgus nicht dorthin bringt, wohin es sollte, macht die Verwirrung komplett. Jeder will ihn haben, keiner weiß wo er ist, und als sein Vater ihn endlich findet, ist er schon wieder weg, allerdings wieder mal nicht dorthin, wo er hingewollt und hingesollt hätte. Wer letztendlich für welche Sabotage und welchen Hinterhalt verantwortlich ist, erfährt man nicht so schnell, und als Holly Blue und Henry die Fäden endlich entwirrt haben, ist das Komplott eigentlich schon so gut wie am Ziel. Aber nur so gut wie, und natürlich geben die beiden trotzdem nicht auf. Das macht das Buch zum Ende hin zunehmend spannend.

Auch die Kleinigkeiten am Rande zeichnen sich durch Ideenreichtum aus. So sind alle Namen der Elfen Schmetterlingsnamen, und Holly Blue wird auf einem ihrer persönlichen Agenteneinsätze von einem orangen Zwerg begleitet, der einen Kartenleserschlitz am Kopf hat, wo seine Herrin ihre Spionagedaten abrufen kann, dessen Biss giftig ist und der irrsinnig laut pfeifen kann. Brennan beschreibt die Magie der Elfen mit technischen Begriffen, während Mr. Fagertys Bastelergebnissen manchmal ein ziemlicher Hauch von Zauberei anhaftet. Und das Buch Beleth birgt ebenfalls eine Überraschung.

Es gibt also genug zu entdecken. Am Ende des Buches bleibt noch genug Potenzial, das in einer Fortsetzung weiter ausgebaut werden kann, wie zum Beispiel der Nachtelfenfürst Hairstreak, der Gegner des Kaisers, der bisher noch nicht persönlich aufgetaucht ist, oder Comma, an dem einiges sehr, sehr seltsam ist. Und der Krieg ist ja auch noch nicht aus.

Das Buch liest sich flüssig und leicht und ist trotz mehrerer Handlungsstränge mit seinen rund 350 Seiten für einen geübten Leser an einem Tag problemlos zu schaffen. Brennans Zielgruppe sind eigentlich junge Erwachsene, das merkt man natürlich, zum Beispiel an der Ausdrucksweise der Jugendlichen untereinander, vor allem aber an dem Zoff, den die beiden jungen Helden mit ihren Eltern haben, an den Szenen, in denen Henrys Schwester vorkommt und daran, wie er auf Holly Blue reagiert. Das muss aber nicht unbedingt ein Manko sein, wie man an „Harry Potter“ deutlich sieht. Und tatsächlich hat auch Brennans Buch das Potenzial, sich unter den Erwachsenen seine Leser zu sichern, selbst wenn es nicht ganz frei von kleinen Logikfehlern ist. Es ist einfallsreich, humorvoll und auch spannend, und damit wert, gelesen zu werden.

Herbie Brennan lebt und arbeitet in Irland, und das sehr fleißig. Er hat Unmengen von Büchern geschrieben, von Historik über Psychologie und Esoterik bis Fantasy, von Romanen über Kurzgeschichten bis zu Software, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Außerdem arbeitet er fürs Radio. Die Fortsetzung zu „Das Elfenportal“ ist bisher noch in Arbeit. Voraussichtlicher Erscheinungstermin für „The Purple Emperor“ ist der Oktober dieses Jahres.

http://www.herbiebrennan.com
http://www.faeriewars.com
http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

MacKinlay Kantor – Signal 32

Ein erfahrener Streifenpolizist lehrt einen jungen Kollegen Tricks und Kniffe, die im Großstadt-Dschungel von New York überlebenswichtig sind. Wo Brutalität und Widerstand gegen die Staatsgewalt an der Tagesordnung sind, heißt es sonst: „Signal 32“ – Polizeibeamter in Gefahr … – Früher „Police-Procedural“-Krimi, der quasi dokumentarisch unsere Freunde und Helfer bei der Arbeit beobachtet. Die präzise Wiedergabe alltäglicher kriminalistischer Arbeit leidet unter moralinsaurer Verlogenheit und Rassismen: heute eher entlarvend interessant als unterhaltsam. MacKinlay Kantor – Signal 32 weiterlesen

Schwindt, Peter – Justin Time – Zeitsprung

Die Eltern von Justin Time verschwanden vor einigen Jahren bei einem Zeitreiseexperiment spurlos, als Justin noch klein war. Als der Junge in den Sommerferien des Jahres 2385 im Internat die Einladung seines Onkels erhält, ihn zu besuchen, ist Justin sehr froh, denn bis dato hatte sein Onkel ihn nie eingeladen und die Ferien allein im Internat waren immer langweilig gewesen.

Doch bei seinem Onkel angekommen, stellt Justin fest, dass dieser ihn scheinbar gar nicht eingeladen hat. Im Gegenteil ist der Onkel damit beschäftigt, eine eigene Zeitreiseagentur aufzubauen. Gerade hat er den ersten Reisenden in die Vergangenheit geschickt, als alles schief zu gehen scheint. Der Reisende kommt in der falschen Zeit und am falschen Ort an, verursacht dort zudem noch einen verhängnisvollen Unfall, der Charles Darwin, den Entdecker der Evolutionstheorie, töten würde, bevor dieser seine Schriften veröffentlichen konnte.

Leider reicht die Energie nur dazu aus, eine leichtgewichtige und schmächtige Person in die Vergangenheit zu schicken, um den Fehler zu korrigieren. Da Justin als einziger diese Kriterien erfüllt, reist er zurück in die Zeit, um die Abweichung zu beheben …

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das vorliegende Buch ist der größte Schwachsinn, der dem Rezensenten in den letzten Jahren unter die Augen gekommen ist (was bei meinem hohen jährlichen „Leseaufkommen“ wirklich etwas heißen will!).

Die Geschichte wimmelt vor Peinlichkeiten, Löchern und Unmöglichkeiten. Am Ende der Geschichte bedankt sich Autor Peter Schwindt bei allen Leuten, die sich durch die verschiedenen Manuskriptfassungen gekämpft hatten. Leider scheint niemand mit auch nur leidlicher Kompetenz unter den Lektoren gewesen zu sein und der Leser fragt sich händeringend, wie dem renommierten Loewe-Verlag ein dermaßen missratenes Machwerk unterkommen konnte.

Dabei hat der Verlag sich offensichtlich Mühe gegeben, hat dem Buch für die Presse noch ein kleines Extramäppchen beigefügt, in der, zwar wenig umfassend, aber doch leidlich kenntnisreich, über Zeitreisetheorien oder literarische bzw. filmische Vorlagen referiert wird.

Dies verschlimmert die unsägliche Tat der Veröffentlichung eines dermaßen unausgegorenen Werkes aber nur noch, kann man entschuldigend für den Verlag deshalb nicht anführen, man habe von der Zeitreisethematik nie irgendwelche Ahnung gehabt.

„Justin Time – Zeitsprung“ zeigt dagegen auf, dass oberflächlicher Konsum einiger Fernsehserien (der Autor ist Jahrgang 1964 und berichtet, durch „Star Trek“, „The Avengers“ und ähnliche Fernsehserien sozialisiert worden zu sein) nicht reicht, um sich auch nur ansatzweise kompetent zu zeigen bei einem dermaßen komplexen Thema, wie es Zeitparadoxa darstellen.

Der Verdruß beginnt schon mit der Ausgangslage von Justins erstem Zeitabenteuer. Dass der Autor hier eine fadenscheinige Begründung heranzieht, warum ausgerechnet der Junge reisen muss, mag man dem unbedarften Peter Schwindt noch nachsehen. Auch die blödsinnigen Namen der Protagonisten (heißt doch der Held und seine Familie ausgerechnet „Zeit“ mit Nachnamen, der Name selbst ist ein Wortspielchen zu „just in time“ und der Assistent hört auf den sinnreichen Namen Rupert Bontempi!) sind wohl eher Geschmackssache.

Absoluter und eindeutiger Unfug ist dagegen die Entsendung eines grenzdebilen Touristen in die Vergangenheit, ohne die Methode vorher ausreichend getestet zu haben und ohne Absicherungen gegen Manipulationen in der Zeitlinie getroffen zu haben. Zum Schreien dämlich wird es dann jedoch, als der trottelige Tourist Charles Darwin durch eine unbedachte Tat tötet. Dies wird auf völlig unerklärliche Weise in der Zukunft registriert, woraufhin man sofort korrigierend eingreifen kann. Wie soll dies funktionieren, Herr Schwindt? Wenn jemand in der Vergangenheit etwas Gravierendes verändert, würden alle Protagonisten mit dieser veränderten Vergangenheit aufwachsen, ohne diese Abweichung auch nur entfernt registrieren zu können! Genau dies schildert z. B. der SF-Autor R. A. Lafferty in seiner genialen Kurzgeschichte „Thus we frustrate Charlemagne“ (dt. „So frustrieren wir Karl den Großen“), in der mehrfach Änderungen der Zeitlinie vorgenommen werden, die Protagonisten aber immer wieder von Neuem der festen Überzeugung sind, sie seien die ersten, die diesen Versuch unternähmen.

In dem SF-TV-Film „Zeitreise in die Katastrophe“ bedient man sich deshalb eines Zeitabschirmfeldes, welches zumindest scheinbar einige Leute in einem zukünftigen Bunker sich an die ursprüngliche Vergangenheit erinnern lässt, so dass man bei Abweichungen in der Zeitlinie rekorrigierend in der Vergangenheit eingreifen kann. In diesem Film (der inhaltlich verdammt an das vorliegende Buch erinnert, jedoch eindeutig niveauvoller ausfällt!) ist es eine kriminelle Organisation in der Zukunft, die illegal Zeitreisen zu berühmten Katastrophenvorfällen anbietet und die durch ihr Einwirken die Zeitlinie schließlich irreparabel beschädigt.

Doch was hat sich der Autor Peter Schwindt in seiner dürftigen Hervorbringung zurechtgebastelt: Ein unerprobter, aber staatlich genehmigter Zeittourist der völlig unbedarften Art, der in der Vergangenheit wütet wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, ohne dass die Änderungen sofort wirksam werden.

Welch merkwürdige surreale Zeittheorie mag im Kopf des Autors dabei herumspuken? Herr Schwindt, geben Sie es zu, Sie haben keine Ahnung! Denn der frühe Tod Charles Darwins würde alle Protagonisten mit dem Wissen aufwachsen lassen, dass ein anderer zu einem späteren Zeitpunkt die Evolutionstheorie begründet hat! Der Name Charles Darwin wäre einfach aus den Gechichtsbüchern getilgt gewesen, weil er nämlich nie drin war, und niemand würde sich mehr an ihn erinnern, vor allem nicht Ihr schlauer Protagonist und seine Helfer!

Auch über die Eigenschaft der Zeitmaschine, die Zeitreisenden nicht nur zeitlich, sondern offensichtlich auch örtlich zu versetzen (landen der Tourist und Justin doch irgendwo im Atlantik auf einem Expeditionsschiff, der Touri dabei sensationell viele Meter über dem Boden im Krähennest, einfach so!), verliert der Autor weder eine Silbe noch einen einzigen Gedanken.

Nebenbei führt der Autor zudem die Motivation der Protagonisten aus, sich an Zeitreisen zu beteiligen. Dabei ist dann Folgendes zu lesen (S. 54 unten): „Wenn er ehrlich war, konnte er verstehen, warum seine Eltern an diesem Projekt gearbeitet hatten. Die Welt des Jahres 2385 war alles andere als ein spannender Ort. Die Luft war sauber und roch nach Veilchen. Naturkatastrophen hatte die Wissenschaft seit der Erfindung des Terraforming einfach abgeschafft. Innerhalb weniger Minuten konnte man an jeden Ort der Welt reisen. Die Meere waren restlos erforscht, der Weltraum erobert. (sic!) Kurz: Es gab keine Überraschungen mehr, die die Menschen aus ihrer betulichen Ruhe reißen konnten …“

Wie, Herr Schwindt? Der Weltraum ist erobert? Vollständig? All die Milliarden und Abermilliarden Sonnensysteme, welche alleine in unserer Milchstraße zu finden sind, und zudem alle Abermilliarden von fremden Galaxien auch? Haben Sie überhaupt auch nur annähernd eine Vorstellung davon, wie groß das Universum wirklich ist (was natürlich kein Mensch je wirklich begreifen kann!)? Keine Überraschungen mehr? In welcher hohlen Luftblase seines Kopfes lebt der Autor eigentlich? Peinlicher geht es aber wirklich gar nicht mehr!!!

Abgesehen von diesen gravierenden, völlig irreparablen und katastrophalen formalen Fehlern überzeugt das Buch auch bezüglich der Charakterisierungen nicht. Die Figur des Justin Time ist so flach wie eine Briefmarke, nicht einmal sein Alter teilt der Autor dem Leser einigermaßen nachvollziehbar mit (man erfährt nur, er sei seit sieben Jahren im gymnasialen Internat; ist er damit in der siebten Klasse oder in der elften nach vier Jahren Grundschule?).

Auch sonst bleiben die Protagonisten und deren Umgebung blass.

Justin, obwohl als Sohn zweier berühmter Forscher und als Gymnasiast doch hoffentlich wenigstens durchschnittlich intelligent, entblödet sich zudem nicht, kaum bei Charles Darwin angekommen, mit diesem dessen berühmte Theorie zu diskutieren. Was wenn dieser die Evolutionstheorie noch gar nicht richtig entwickelt gehabt hätte zu dieser Zeit? Oder weiß Justin aus dem Kopf genau, wann dies der Fall war? Was wenn Justins Eingriff erst die berühmte Theorie erschaffen würde? Wer wäre dann deren wahrer Schöpfer gewesen? Wer hätte den genialen Gedanken dann wirklich zuerst gehabt?

Weder Justin noch sein Schöpfer verschwenden auch nur einen Gedanken daran. Kann man da von zumindest durchschnittlicher Intelligenz beim Protagonisten sprechen? Doch sicherlich nicht!

Der Auftakt einer neuen Serie soll das vorliegende Buch sein, doch leider ist nichts als grober Unfug daraus geworden, hanebüchener Quatsch.

Und dies, obwohl gerade der Loewe-Verlag in den letzten Jahren durch hervorragende Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Phantastik auf sich aufmerksam gemacht hat (z. B. zwei tolle Trilogien von Kai Meyer und Nancy Farmers hervorragenden SF-Roman „Das Skorpionenhaus“).

Wie konnte den Lektoren dort nur dieser Lapsus unterlaufen? Man wünscht dem Verlag den Mut, diesen Rohrkrepierer möglichst schnell wieder vom Markt zu nehmen und einzustampfen, die restlichen Folgen der Serie unter beschämtem Schweigen zu begraben, um sich damit nicht vollständig der Lächerlichkeit preiszugeben und sich auf Werke zu konzentrieren, die nicht komplett alogisch, an den Haaren herbeigezogen und unreflektiert sind, wie dies leider bei „Justin Time – Zeitsprung“ der Fall ist.

_Gunther Barnewald_ ©2004
mit freundlicher Unterstützung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

Lothar-Günther Buchheim – Der Abschied

Der Buchumschlag lässt schon erahnen, dass es wohl um tiefsinnige Rekapitulation der Vergangenheit zweier vom Seekrieg gezeichneter und geprägter Männer geht. Auch hier gilt wieder die Devise, dass Buchheim selbst, wie schon bei „Das Boot“ und dem inoffiziellen zweiten Teil „Die Festung“, das Werk als „fiktiv, aber nicht erfunden“ tituliert. Den Leser erwartet ein sehr zäher, fast 600-seitiger Reisebericht einer Fahrt, die irgendwann – so oder so ähnlich – um 1980 stattgefunden haben muss. Buchheim reist mit dem „Alten“ ein letztes Mal auf einem zivilen Schiff nach Südafrika. Es ist seine letzte Fahrt als aktiver Kapitän und Buchheim ist als sein Gast an Bord.

Der Autor

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Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.

Camilleri, Andrea – Spiel des Patriarchen, Das

Der Commissario guckt sich Pornofilme an?! Nicht auszudenken, was aus seinem guten Ruf wird! — Aber alles ist halb so wild, und im Grunde geht es um ein brandheißes Thema: Organhandel. Da stellt sich die Frage: Was soll nur aus Sizilien werden? Und wer will überhaupt in Olivenöl eingelegte Organe?!

_Der Autor_

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Krimialromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Das Hörspiel_

Das 110 Minuten lange Hörspiel wurde beim Südwestdeutschen Rundfunk SWR produziert. Es treten acht Hauptsprecher auf sowie der Erzähler. Daneben hören wir noch neun weitere Sprecher in Nebenrollen. Die Bearbeitung – die ich recht gut gelungen finde, denn sie arbeitet den roten Faden und humoristische Aspekte heraus – stammt von Daniel Grünberg. Regie führte Leonhard Koppelmann – wie bei allen anderen Camilleri-Hörspielen:

– Die Form des Wassers
– Der Hund aus Terrakotta
– Der Dieb der süßen Dinge
– Die Stimme der Violine

_Handlung_

Commissario Montalbano beobachtet mit Skepsis den Einzug von Computer und Internet im Kommissariat und fühlt sich allmählich etwas antiquiert. Da kommt ihm der neue Fall gerade recht, in dem er seine Spürhundqualitäten unter Beweis stellen kann.

In Vigata finden zwei Morde statt, zwischen denen auf den ersten Blick kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Nene San Filippo war zu Lebzeiten ein lediger Nichtstuer, der als 21-Jähriger seinen Hormondrang an etlichen Freundinnen austobte. Signore Grifo hingegen, ein braver Beamter aus Messina, vermisst seine Eltern, die über Nenes Wohnung, also im gleichen Haus, lebten. Das Ehepaar war von einem Busausflug nach Tindari (vgl. O-Titel) nicht zurückgekehrt.

Montalbanos Mitarbeiter machen sich, ausgestattet mit hypermoderner Technik, sofort an die Arbeit, allen voran sein Assi, der rührige Fazio. Montalbano hingegen verlässt sich auf Bewährtes und kommt auch so weiter. Und stößt auf höchst Pikantes. Nene und seine Geliebte schrieben einander gepfefferte Liebesbriefe, in denen sie einander ihre Erfahrung des vorangegegangenen Liebesspiels schilderten. Wozu? Nene schrieb offenbar an einem erotischen Roman. Und deshalb wohl auch seine Vorliebe für scharfe Pornofilme, oder?

Doch Nenes Geliebte ist die Gattin des berühmten Transplantationsexperten Dottore Eugenio Ingrò. Vania Titulescu stammt aus Rumänien. Gab der Arzt den Mord an Nene aus Eifersucht in Auftrag? Aber warum mussten dann die unschuldigen Grifos sterben? Die ausnehmend hübsche Reisebegleiterin mit dem schönen Namen Beatrice weist dem hingerissenen Assistenten Fazio den Weg durch das Dickicht der Hinweise.

Da bekommt Montalbano einen wichtigen Anruf: Avvocato Guttadauro, allseits bestens bekannt als Mafia-Anwalt, lässt dem Commissario schöne Grüße ausrichten von Don Balduccio Sinagra, dem Mafiapaten. Ob er wohl einen kleinen Besuch einrichten könnte? Montalbano kann. Einen Paten lässt man nicht ungestraft links liegen. Nicht in Sizilien und schon gar nicht, wenn man einen so verzwickten Fall lösen möchte. Wie es scheint, war der verblichene Nene eine Art Enkel des alten Don…

Auf die richtige Spur bringen ihn schließlich ein sarazenischer Olivenbaum, ein Buch von Joseph Conrad und der verschlüsselte Hinweis des berüchtigten alten Mafiapaten, der bei einem gefährlichen Spiel im Hintergrund die Fäden in der Hand hält.

_Mein Eindruck: Die Handlung_

Die Schnitzeljagd, aus der Montalbanos Fälle oft bestehen, wird in „Patriarch“ fast schon bis zum Exzess getrieben – und ist umso spannender, je mehr retardierende Momente wie Beatrice und Nenes erotischer Roman die Auflösung des kniffligen Falls hinauszögern. Man fiebert regelrecht mit, bis sich zunehmend erschreckendere Abgründe auftun, in die uns der Autor nichts ahnend gelockt hat. Aber da ist es fürs Aufhören bereits zu spät.

Erotik, Busfahrten und schöne Frauen – darunter des Commissarios Freundin – gehören zu den angenehmen, mitunter komischen Nebenerscheinungen im Verlauf der Handlung. Doch keine Angst: Hier wird nicht „abgeschwiffen“, sondern jedes Details hat seine Funktion im größeren Gewebe der Handlung.

Der Commissario ist ein verschmitzt denkender Bursche, fast wie der selige Father Brown von G.K. Chesterton. Doch Montalbanos sizilianischer Humor ist durchzogen von einer Skepsis gegenüber der Güte des Schicksals (oder Gottes). Allerdings hilft ihm der Humor dabei, in einer Welt zu überleben, die, auch wenn sie eine erfundene Welt ist, sich nicht allzusehr von unserer Wirklichkeit unterscheidet. Vermutlich findet auch in Italien so etwas wie Organhandel statt, auch wenn diese Tatsache gerne unter den Teppich gekehrt wird. Zumindest im Roman passiert eben dies nicht: Die nationale Presse erfährt von der Schweinerei, die der Commissario da aufgedeckt hat.

_Mein Eindruck: Die Produktion_

Wie schon in den anderen Camilleri-Hörspielen machen alle SprecherInnen einen hervorragenden Job aus ihrer Aufgabe. Schließlich arbeitet man hier nicht in der Privatwirtschaft, sondern beim gebührenfinanzierten Rundfunk! Die Musik von Henrik Albrecht ist diesmal ein wahrer Hochgenuss: stilechte, original sizilianisch klingende Cafémusik! Und obendrein nicht aufdringlich, sondern meist schön dezent im Hintergrund.

_Unterm Strich_

„Das Spiel des Patriarchen“ ist ein rundum gelungenes Hörspiel. Es ist keineswegs ein gekürzter Bestseller aus Amiland, sondern stellt vielmehr Ansprüche an die Aufmerksamkeit des Zuhörers und – am Schluss – an dessen moralische Urteilsfähigkeit. Erst wenn der Zuhörer empört ist, hat der Autor sein Ziel erreicht.

Komische und romantische Szenen lockern die Nachforschungen Montalbanos auf und geben Gelegenheit, entweder mal eine Pause zu machen oder auch mal lauthals aufzulachen: Der untadelige Kommissar wird von seinem Assi beim Pornogucken vor einem Stapel Cassetten ertappt: ein Bild für Götter!

Ich hingegen ertappe mich gerade dabei, dass ich Camilleri-süchtig geworden bin. Öha: ein Junkie!

_Michael Matzer_ © 2003ff

Gentle, Mary – blaue Löwe, Der (Die Legende von Ash 1)

Die Söldnerin Ash verteidigt Burgund vor einer karthagischen Invasion Europas durch die Westgoten. Golems und eine tagelange Sonnenfinsternis über Deutschland inklusive. Mittelalter paradox – Dr. Pierce Ratcliff kann es kaum fassen, sein Manuskript, eine Biographie des Lebens von Ash, widerspricht allem, was bisher über diese Zeit bekannt war. Für ihn noch unverständlicher: Was vor wenigen Monaten als wissenschaftlich gesicherte Historie angesehen wurde, findet sich plötzlich als Heldenepos unter Fiktion einsortiert… und vor Tunis werden Reste seiner Golems bei einer Ausgrabung entdeckt.

Mary Gentle’s DIE LEGENDE VON ASH („Ash: A Secret History“) ist im englischen Original ein Buch von 1120 Seiten – die deutsche und amerikanische Ausgabe wurden jeweils auf vier Bände verteilt. Das britische Original muss sehr kleingedruckt sein, denn auch die amerikanische Fassung kommt auf 1728 Seiten – die deutsche Übersetzung hat 2326 Seiten zu bieten, insofern ist die Entscheidung des Lübbe-Verlags, den Roman aufzuteilen, durchaus nachvollziehbar.

Die Autorin hat einen ungewöhnlichen und vielseitigen Werdegang aufzuweisen; die 1956 in Sussex geborene Mary Gentle arbeite unter anderem in Kinos, für Essen-auf-Rädern und begann erst 1981 mit ihren Studien (kombinierter Bachelor-Studiengang Politik/Englisch/Geographie) – zweifellos gekrönt mit ihren Master-Abschlüssen in Kriegsgeschichte und Geschichte des 17. Jahrhunderts im Jahr 1995. Ihren ersten Roman, „A Hawk in Silver“, schrieb sie schon im Alter von fünfzehn Jahren. Gentle’s Lebensgefährte ist passenderweise Lehrer mittelalterlicher Schwertkampftechniken.

Beste Voraussetzungen für einen Roman über diese Zeit, „Ash“ war ungewöhnlicherweise sogar der Grund für ihr Studium der Kriegsgeschichte, nicht umgekehrt. Mary Gentle hat jedoch weit mehr geschaffen als einen historischen oder Fantasy-Roman: Ash ist ein ungewöhnlicher Mix aus beidem, mit einer Prise Science-Fiction und schwerlich einem bestimmten Genre zuzuordnen – ein perfekter Kandidat für Lübbe’s „Bibliothek der Phantastischen Literatur“. Die Legende von Ash ist in Stil und Inhalt innovativ und nahezu einzigartig.

BAND 1: DER BLAUE LÖWE

Das düstere Mittelalter hatte seine Lichtgestalten: Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, ist noch heute eine französische Nationalheldin.

Umso erfreulicher für Dr. Pierce Ratcliff, dass er einen alten Text über einen der seltenen weiblichen Condottiere (Anführer von Söldnerarmeen) entdeckt hat, der im späten 15. Jahrhundert nur unwesentliche Zeit nach der heiligen Johanna seine Schlachten schlug. Ash oder Esche ist jedoch keinesfalls eine Heilige oder Jungfrau: Schon im zarten Alter von acht Jahren ihrer Unschuld beraubt, schlug sie sich in einem Söldnerhaufen durch, bis sie mit Vierzehn selbst das Kommando über eine eigene Truppe übernahm. Dabei war ihr außerordentlich behilflich, dass sie wie Johanna eine „Stimme“ hört, wobei sich Ash’s Heiligenstimme allerdings auf sehr konkrete taktische Ratschläge im Kampf beschränkt. In Kombination mit ihren Führungsqualitäten ist Ash’s Truppe mit der Standarte eines azurblauen Löwen eine der begehrtesten Söldnereinheiten Europas.

Kaiser Friedrich sieht eine hervorragende Gelegenheit, sich die Dienste der nach Land statt Gold dürstenden Hauptfrau zu versichern: Er vermählt sie mit Fernando del Guiz, natürlich mit dem Hintergedanken, dass ihre Kompanie damit in seinen Besitz übergeht – Guiz ist ein Vasall des Kaisers, und damit auch dessen Ehefrau…

Ratcliff will ein Buch darüber veröffentlichen – doch während der Korrespondenz mit seiner Lektorin Anna Longman wird ihm erst das ganze Ausmaß seines Fundes bewusst: Erst hält er es für Dichtung und Übertreibung, als von einem westgotischen Reich in Karthago, einem „Leeren“ statt „Heiligen“ Stuhl in Rom, einer tagelangen Sonnenfinsternis über Deutschland und lebendigen Golems, Maschinen aus Stein, die Kurierdienste zwischen den karthagischen Truppenverbänden übernehmen, die Rede ist.

Spätestens nachdem er von einer karthagischen Invasion Westeuropas liest, zweifelt auch er: Mailand und Venedig wurden niedergebrannt, während westgotische Truppen unaufhaltsam auf ihr Endziel vormarschieren: Burgund, dem reichsten Herzogtum mit dem größten Ritterheer der Christenheit. Aber warum gerade Burgund? Was interessiert die Karthager so sehr in Burgund, dass sie die reichen Handelsstädte Venedig und Mailand ignorant niederbrennen? Reichtum und Macht scheiden aus – das ist kein gewöhnlicher Krieg, eher ein Kreuzzug, dessen Motivation nach wie vor schleierhaft ist.

Mit dichterischer Freiheit, Übertreibung und ungenauen Zeitangaben kann Ratcliff sich solche Diskrepanzen nicht mehr erklären, auch seine Lektorin Anna meint, so etwas kann man nicht veröffentlichen. Bis Dr. Napier-Grant, eine alte Bekannte von Ratcliff, in Tunesien etwas ausgräbt, das exakt seiner Beschreibung der karthagischen Golems entspricht – mehr noch, Abnutzungsspuren an den Metallgelenken und den steinernen Fußsohlen zeigen, dass diese Maschine sich bewegt haben muss.

Ratcliff bricht sofort nach Afrika auf und übersetzt so schnell er kann weiter seine lateinischen Quelltexte. In diesen ist von Ash’s Widerstand gegen die Heirat mit Fernando die Rede, den sie allerdings sehr attraktiv findet. Ihre Flitterwochen sind jedoch kurz – beide werden getrennt, als sie mitten in den Aufmarsch der Westgoten geraten. Der feige Fernando wird gefangengenommen und schwört seinen neuen Herren Treue, während Ash sich in das deutsche Reich zurückziehen kann, das seit Tagen unter einer an das ewige Zwielicht Karthagos erinnernden Dunkelheit leidet, die für Entsetzen unter der Bevölkerung sorgt. Sie nimmt Kontakt zu der „Faris“, dem kommandierenden General der Westgoten, auf, um eine „Condotta“ (Söldnerkontrakt) auszuhandeln. Die Gerüchte über die karthagische Heerführerin sind befremdend, angeblich hört sie die Stimme einer „machina rei militaris“ aus Karthago, die von ihren Soldaten als der „Steingolem“ bezeichnet wird. Das Aufeinandertreffen der beiden Frauen ist für beide ein Schock: Die Faris ist äußerlich eine vollkommene Kopie von Ash, sie könnte ihre Zwillingsschwester sein, und Ash beginnt zu ahnen, dass sie nicht die Stimme eines Heiligen, sondern die des Steingolems hört… und das wird für Ash zum Problem: Die Faris glaubt ihr nicht, dass sie eine Stimme hört – sie selbst ist das Ergebnis jahrhunderterlanger „Zucht“, eine Sklavin des Hauses Leofric, einem der mächtigsten karthagischen Emire, und nur sie sollte den Steingolem hören können.

Man will Ash in Karthago sehen, aber diese ist nicht gewillt – es kommt zum offenen Bruch und zum Gefecht, der azurblaue Löwe schlägt sich nach Burgund durch und erhält von John de Vere, dem Earl of Oxford, einen neuen Kontrakt. Doch anstatt Ash in England im Konflikt zwischen den Häusern Lancaster und York (Rosenkrieg!) einzusetzen, sieht er sich gezwungen, seine europäischen Besitzungen in Flandern, die dem bedrohten Burgund anhängig sind, zu verteidigen. Herzog Karl (der Kühne) von Burgund zögert nicht, Ash für die geplante Feldschlacht bei Auxonne aufzustellen – erst danach soll sie mit de Vere ihren Plan, Karthago anzugreifen und den Steingolem zu vernichten, durchführen.

Ein echter Knüller – aber zu Ratcliffs Entsetzen teilt ihm Anna mit, dass alle seine Quelltexte unter mittelalterlicher Dichtung eingeordnet sind, ähnlich dem Nibelungenlied – Ratcliff kann das nicht verstehen, vor wenigen Wochen waren sie noch unter realer Geschichte katalogisiert. Nur die Golemfunde in Tunesien stützen noch seine These über eine westgotische Siedlung auf dem Gebiet des alten Karthago…

Die Geschichte als phantastisch zu bezeichnen, wäre schmeichelhaft – absurd, schlicht und ergreifend falsch bringt es auf den Punkt. Karthago wurde schon vor knapp tausend Jahren vollständig zerstört, ebenso gab es zwar kurze Zeit ein Reich der Wandalen in Nordafrika, aber keine Westgoten unter einem König-Kalifen Theoderich, ebenso fehlen Hinweise auf Rom und bemerkenswerterweise existiert ein deutsches Reich, das sich weder heilig noch römisch noch reich nennt, auch der Papst glänzt mit Abwesenheit – man kann Dr. Ratcliffs Unglauben nachvollziehen.

Die Geschichte von Ash wird auf zwei Ebenen erzählt: E-Mail-Dialoge zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna Longman sind meist Dispute über die in der Übersetzung von „Fraxinus me fecit“ („Esche/Ash hat mich gemacht“, ihre vermutliche Autobiographie) auftauchenden historischen Ungereimtheiten. Der Leser wird in diesen Dialogen auch auf neue Entwicklungen wie den Golem-Fund und die plötzlich anders klassifizierten Texte hingewiesen.

Die eigentliche Geschichte ist das jeweils anhängende Kapitel, das über die Erlebnisse von Ash berichtet. Interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, obwohl es sich um eine Autobiographie handeln soll – ein kleiner Lapsus, andererseits liest sich meiner Meinung nach der historische Part so wesentlich besser. Da der Text das Mittelalter wie es war vermittelt, hat Mary Gentle einen gelungenen Kunstgriff angewendet: Begriffe und Zusammenhänge werden von Dr. Ratcliff sehr häufig als Fußnote kommentiert, was auch notwendig ist, denn wer kann schon von sich behaupten, einen Gesamtüberblick über das Europa des späten 15. Jahrhunderts zu besitzen? Die zahlreichen Kommentare Ratcliffs sind nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch interessant. Sie vermitteln ein wenig den wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten des Mittelalters.

Die Welt des Mittelalters wird ungeschminkt und humorvoll betrachtet: Lustige Zitate wie „Der Herr schickte uns Fleisch, und der Teufel einen englischen Koch“ sowie der derbe Humor der Söldner sorgen für Unterhaltung. Von Bewaffnung bis hin zu Sitten und Gebräuchen schöpft Mary Gentle aus ihrem großen Fundus des Wissens über diese Zeit. Einen gefallenen Ritter rammte man einen Panzerstecher durch die Lücken der Panzerung, oder einen Dolch durchs Visier in das Auge, einen hollywoodtypischen Ritter, der sich trotz Plattenharnisch von einem Schwertstreich sofort niederstrecken lässt, wird man hier nicht finden. In der Tat kann Mary Gentle für sich beanspruchen, Expertin auf diesem Gebiet zu sein – welch anderer Autor kann das schon in diesem Umfang von sich behaupten?

Da „Der Blaue Löwe“ nur das erste Viertel der Geschichte darstellt, kommt einiges leider zu kurz: Die Fülle an Daten und Handlungen sorgt dafür, dass die Nebencharaktere wie Ash’s Stellvertreter Robert Anselm, Kanonier Angelotti, ihr begabter Schützling Rickard, sowie ihr Kompaniepriester Godfrey oder ihre lesbische Ärztin Floria(n), die zudem auch noch mit ihrem feigen Möchtegern-Ehemann Fernando verwandt ist und mit ihren „Coming Out“ in einer von Intoleranz geprägten Welt erhebliche Probleme hat, einfach zu kurz kommen. Ash selbst wird sich erst im Folgeband profilieren können, dafür fällt unangenehm auf, wie oft sie zu insbesondere zwei Kraftausdrücken greift: Egal ob Stimmungs-, Situations- oder Zustandsbeschreibung, ein dutzendmal „Scheiße“, „ficken“ oder „gefickte Scheiße“ oder als Ausdruck höchster Wut „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ sind für ihr lästerliches Mundwerk Standardrepertoire. Zum Glück legt sich das in den Folgebänden auf ein erträgliches Maß, ich empfand es im „Blauen Löwen“ übertrieben, unnötig und störend.

Die Übersetzung von Rainer Schumacher ist tadellos gelungen, die Gestaltung ist im gehobenen Stil der Bände von Lübbe’s Bibliothek der Phantastischen Literatur. Alle vier Bände haben inhaltlich perfekt passende Titelbilder, die zudem noch sehr schön anzusehen sind. Einzig bei Ash’s Abbildung auf Band 1 hat sich der Künstler Arndt Drechsler eine kleine Freiheit herausgenommen und ihr silberfarbenes Haar in der Farbe ihres Wappentieres, dem azurblauen Löwen, gehalten. Ebenso gelungen ist die Entscheidung, den Einband in einem dazu passenden marmorierten dunklen Blau zu halten – Band 3 „Der steinere Golem“ hat treffenderweise einen steingrauen Einband. Bis auf wenige kleinere Fehler und ein völlig verdrehtes und entstelltes lateinisches Zitat sind Übersetzung und Lektorat von hoher Qualität und nur zu loben.

Die Geschichte ist komplex und durchaus anspruchsvoll, trotzdem für nahezu jedermann geeignet, dank der häufig eingestreuten Kommentare Ratcliffs. Der Beginn ist jedoch relativ holprig und verwirrend, bis man wirklich mit der fantastischen Handlung vertraut ist und diese sich entwickelt. Denn so richtig los geht es trotz aller Schlachten, Belagerungen und Ashs kurioser Hochzeit erst im Folgeband „DER AUFSTIEG KARTHAGOS“. Neben Erkenntnissen über den Schöpfer der Golems, den Rabbi von Prag, und dem heiligen Gundobad wird man mehr über das Zwielicht über Karthago, das sich über Europa ausbreitet, und über die Ziele des karthagischen Kreuzzuges erfahren, ebenso über die Frage, warum „Burgundia est delenda!“ („Burgund muss zerstört werden!“ in Anlehnung an den berühmten Satz des Römers Cato „Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago müsse zerstört werden!“) für den Steingolem in Karthago von so großer Bedeutung ist – und wie es mit der Glaubwürdigkeit von Dr. Ratcliffs Entdeckungen weitergehen wird.

„Der Blaue Löwe“ macht Lust auf mehr – wer ein Faible für das Mittelalter und nichts gegen den ungewöhnlichen Genremix einzuwenden hat, wird mit einem wirklich herausragenden Romanzyklus belohnt. Wer seine Bücher bevorzugt im englischen Original liest, kann übrigens sehr viel sparen: Einmal 16,63 EUR anstelle von viermal 14,90 EUR für die deutschen Bände.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: DER BLAUE LÖWE (ISBN 3404283384)
Band 2: Der Aufstieg Karthagos (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Ein Interview mit Mary Gentle:
http://www.sfsite.com/10b/mg91.htm

Ihre (Mai 2004) noch nicht vollendete Homepage:
http://www.marygentle.org/

Giles Blunt – Gefrorene Seelen

Das geschieht:

Algonquin Bay ist eine Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario. Die Beamten des hiesigen Morddezernats werden von den „Windigo“-Morden in Atem gehalten. Auf einer Insel wurde die Leiche der jungen Katie Pine entdeckt. Seit Monaten galt sie als vermisst. Detective John Cardinal vermutete bereits damals eine Entführung. Als wenig später zwei weitere Teenager verschwanden, sprach er sogar von Serienmord. Seinem Vorgesetzten, dem ehrgeizigen Detective Sergeant Don Dyson, missfiel diese Theorie. Als Cardinal dennoch nicht nachgab, wurde er in die Abteilung für Einbruchsdiebstähle versetzt.

Jetzt holt ihn Dyson zurück. Er stellt Cardinal Detective Lise Delorme zur Seite. Sie ist nicht nur eine Frau ist, sondern war bisher zuständig für interne Ermittlungen gegen möglicherweise korrupte Kollegen. Delorme ist noch unerfahren, vor allem aber hat sie einen geheimen Auftrag: Sie soll John Cardinal ausspionieren. Dieser wird verdächtigt, im Sold eines Gangsterbosses aus Toronto zu stehen, den er angeblich schon mehrfach vor geplanten Razzias gewarnt hat. Tatsächlich hat Cardinal keine reine Weste. Um seiner Tochter das teure Kunststudium an einer Elite-Hochschule zu ermöglichen, hat er vor Jahren Geld unterschlagen. Diese Tat liegt dem eigentlich ehrlichen Mann auf dem Gewissen. Zudem schickt ihm der wütende Drogenhändler aus dem Knast Drohungen: Er will sein Geld zurück!

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