Peter Millar – Schwarzer Winter

Das geschieht:

Theresa „Therry“ Moon, pflichtbewusste Nachwuchs-Reporterin der „Oxford Post“, kennt die inoffiziellen Absprachen und Mauscheleien, mit denen die örtliche Prominenz in Politik und Wirtschaft dafür sorgt, dass gutes Geld nicht an schafgleiche Bürger oder gar an das Pack der Armen und Chancenlosen verschwendet wird. Besonderes Augenmerk richtet Therry auf den windigen Bauunternehmer Geoffrey Martindale. Der lässt gerade ein ganzes Stadtviertel neu aus dem Boden stampfen. „Nether Ditchford“ soll die Siedlung heißen, eine Erinnerung an das verschwundene Dorf, das hier im Mittelalter stand. Dieser Auftrag ist lukrativ, Martindale skrupellos und aus seiner Sicht über das kleinliche Gesetz erhaben. Außerdem hat er sich sehr weit aus dem Fenster gelehnt; scheitert das Projekt, ist Martindale erledigt.

Doch Seltsames geht vor in Nether Ditchford. Obdachlose und Landstreicher werden aufgegriffen, die Symptome einer mysteriösen Krankheit zeigen, die sie grässlich verenden lässt. Man könnte meinen, sie seien der Pest zum Opfer gefallen, aber die ist in Europa schon lange ausgerottet. Der junge Assistenzarzt Rajiv Mahendra kennt die Pest aus seiner indischen Heimat, und der US-amerikanische Student Daniel Warren ist bei seinen Archivstudien auf eine Pfarrchronik aus Nether Ditchford gestoßen, in der geschildert wird, wie Anno 1349 praktisch die gesamte Bevölkerung an der Pest starb und in Massengräbern beigesetzt wurde.

Offenbar gibt es eine unheilvolle Verkettung zwischen den Todesfällen von einst und jetzt. Rajiv und Daniel, zu denen rasch Therry stößt, gehen der Frage nach, ob Martindale buchstäblich die Büchse der Pandora geöffnet hat, dies aber nun unterdrückt, um sein Bauprojekt nicht zu gefährden. Angesichts der Intensität, mit der plötzlich Mietmörder unser Trio verfolgen, spricht viel für diese Annahme …

Wir basteln uns einen Bestseller

Im herangereiften 21. Jahrhundert hat auch der Laie begriffen, dass unterhaltende Filme und Literatur wie Presspappe oder Gartenmöbel produziert werden. Die Spaßfabrikanten definieren „Kreativität“ als Versuch, aus dem nur unter Risiken zu befahrenden Meer der populären Unterhaltung die bewährten Elemente erfolgreichen Profitstrebens abzufischen, um diese Beute dann zu einem hoffentlich garantierten Blockbuster zu verleimen.

Was im Kino klappt, ist auch in der Literatur nicht unbekannt. Peter Millar führt es uns geradezu lehrbuchhaft vor. Er bedient sich einerseits aus dem Genre Historien-Roman, dessen Popularität ungebrochen ist. Ebenfalls gut im Trend (und nicht allzu lange in den Buchläden) liegen Wissenschaftsthriller, unter denen diejenigen besonders zahlreich sind, die tapfere Mediziner und neugierige Journalisten im Kampf gegen machtgeil-gierige Großkonzerne, irre Attentäter und scheußlich-gefährliche Weltuntergangs-Epidemien zeigen. Folgerichtig rührt Millar einen Arzt und einen Historiker in sein Romangebräu – vor allem der einst im Archivstaub wühlende Buchwurm hat in den letzten Jahren seine Thriller-Tauglichkeit bei der Aufdeckung zahlloser Vatikan-Verschwörungen unter Beweis gestellt. Hinzu kommt eine hübsche Frau, hier Journalistin, was berufsmäßige Neugier impliziert, die mordlüsterne Dunkelmänner garantiert und spannungsförderlich anzieht.

Was kann jetzt noch schief gehen? Zunächst einmal nichts, wenn man sich mit der Lektüre eines Abenteuers aus zweiter Hand begnügen möchte. Die Ausgangssituation verspricht durchaus einiges. Auch heute erzeugt allein der Klang des Wortes „Pest“ eine Gänsehaut; es scheint da so etwas wie eine kollektive Erinnerung zu geben. Dass es dafür Gründe gibt, lässt Millar erklärend einfließen: Allein zwischen 1347 und 1351 hat die Seuche in Europa schätzungsweise 25 Millionen Menschen getötet. Das war ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung!

Der Autor als Thriller-Killer

Somit hat Millar eine wirkungsvolle Bedrohung aus der Vergangenheit als Aufhänger entdeckt. Jetzt geht er daran, den Pestschrecken in die Gegenwart zu tragen. Das ist gar nicht so einfach, denn das einstige Verderben ist heute heilbar. Kontinentweite Seuchenwellen können verhindert werden. Nur die Pestgruben von Nether Ditchford aufreißen zu lassen, genügt folglich nicht.

Deshalb konstruiert Millar ein Szenario, in dem die Pest erst einmal unbemerkt bleibt, damit sie sich ausbreiten kann. Dafür ist ihm nichts Besseres eingefallen als der Auftritt des weidlich bekannten Schlipsschurken, der Geld & Macht um jeden Preis ergattern will. Um sich schart er die üblichen Verdächtigen, d. h. eiskalte Killer & tumbe Totschläger.

Ihnen in den Weg stellen sich die ‚Guten‘. Sie sind idealistisch, jung, ansehnlich und tragen diese Eigenschaften quasi auf die Stirn tätowiert. Das ist auch wichtig, damit sie wenigstens ein bisschen Profil gewinnen. Denn Daniel, Therry & Rajiv haben als Figuren etwa so viel Substanz wie die Zappelmänner und -frauen deutscher TV-Thrillerserien. Sie denken und reden ausschließlich in Klischees, weil Verfasser Millar offensichtlich fürchtet, dass Originalität das möglichst breite Publikum verschrecken könnte.

Jede Figur ist auf ihre Art eine Zumutung. Daniel, der ‚Historiker‘, muss den schlauen aber versponnenen Träumer mimen, der in der Welt der Vergangenheit aufgeht. Das ist praktisch, da er mit traumwandlerischer Sicherheit jedes für die Handlung bedeutsame Dokument finden, jede Inschrift entziffern & jede mittelalterliche Analogie deuten kann. Der reale Wissenschaftler kann da nur neidisch werden.

Therry ist eine dieser politisch korrekten Überfrauen, die das Kino oder die Unterhaltungsliteratur minderer Güte terrorisieren. Selbstbewusst, ganz im Hier & Jetzt beheimatet, gesellschaftskritisch, selbstverständlich hübsch, aber deshalb erst recht tüchtig, nebenbei auf der Suche nach Mr. Right (Preisfrage: Wem wird in unserer Geschichte diese zweifelhafte Ehre zufallen?) und auch sonst eine schreckliche Nervensäge.

Unfug mit Botschaft

Darüber hinaus zwingt MillarTherry zu nicht endenden Tiraden über die Zersiedlung urbritischer Landschaftsidyllen. Wie besessen lässt er sie über skrupellose Bauunternehmer und Immobilienhaie wettern, die gute englische Wälder und Wiesen mit hässlichen, eigentlich unnötigen Neubausiedlungen überziehen. Mit Zahlen und ‚Beweisen‘ wird der Leser traktiert, den das herzlich wenig interessiert – wozu auch, da es mit der eigentlichen Geschichte überhaupt nichts zu tun hat?

Rajiv tritt auf, weil „Schwarzer Winter“ aus einleuchtenden Gründen einen Mediziner im Team benötigt. Assistent muss er sein, weil er so zwar viel wissen aber wenig ausrichten kann. Außerdem ist Rajiv Inder und taugt deshalb als Proporz-Ausländer, was eine mögliche Verfilmung realistischer werden lässt. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt Millar damit, dass Rajiv ‚zufällig‘ daheim Erfahrungen mit der Pest sammeln konnte.

Bleiben die Schurken in diesem Spiel. Ach, sind Mr. Millars Bösewichte böse! Man zittert vor Angst – oder vor Lachen (Reaktionsvariante 3: Verdruss). Es ist zu putzig, wie uns der Verfasser Geoffrey Martindale als kultivierten Teufel weismachen möchte. Die Welt des Weißkragen-Verbrechens ist nach Millar höchst simpel strukturiert; er bezieht seine Kenntnisse offenbar aus dem Studium diverser John-Grisham-Verfilmungen. Weil das Böse à la Hollywood stets irgendwie übermenschlich daherkommt, reden, handeln und killen Martindale und seine Schergen in einem quasi rechtsfreien Raum. Die Polizei hält sich freundlicherweise zurück, damit Martindales Finsterlinge und unsere drei Musketiere ungestört ihre Klingen kreuzen können, bis endlich das vor allem durch seine papierraschelnden Nicht-Dramatik eindrucksvolle Finale kommt und dem unterhaltungsarmen Spuk endlich ein Ende bereitet.

Autor

Peter Millar gehört zur Gruppe jener Journalisten, die eines Tages beschließen, die Früchte ihres aufregenden Berufsalltags zu ernten bzw. in blanke Münze zu verwandeln. Wer zu den Brennpunkten der Weltgeschichte reist und darüber schreibt, hält sich ebenso oft wie fälschlich dazu prädestiniert, ein spannendes und glaubhaftes Garn zu spinnen.

Millar ist im Auftrag der „Sunday Times“ oder des „Evening Standard“ in der Tat weit herumgekommen: Berlin, Moskau, Paris, Brüssel listet die Kurzvita des Bastei-Verlags als Wirkungsstätten auf. Auch in Osteuropa ist er journalistisch aktiv gewesen. 1992 fasste er seine Erlebnisse während des Mauerfalls in einem Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Tomorrow Belongs to Me: Life in Germany Revealed as Soap Opera“ zusammen. Diesen Erfahrungen verdanken wir außerdem den Histo-Thriller „London Wall“ (2005; dt. „Eiserne Mauer“).

Im Spionagemilieu ließ Millar 2000 seinen ersten Thriller spielen. „Stealing Thunder“ (dt. „Gottes Feuer“) bietet die übliche Holterdipolter-Hetzjagd zu Wasser, zu Lande und in der Luft, während ein historisch brisantes Rätsel – hier im Umfeld der ersten Atombombe – gelöst werden muss.

Mit seiner Familie lebt Millar in London sowie in Oxfordshire. Dort ist er – übrigens ein geborener Nordire – auch aufgewachsen, was das (Zuviel an) Lokalkolorit in „Schwarzer Winter“ erklärt.

Über seine Arbeit informiert (eher nicht) Millars (offenbar irgendwo im Rohbau steckengebliebene) Website.

Taschenbuch: 445 Seiten
Originaltitel: Bleak Midwinter (London : Bloomsbury 2001)
Übersetzung: Ulrike Werner-Richter
http://www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (0.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Felten, Monika – Nebelsängerin, Die (Das Erbe der Runen 1)

Bei Felten nichts Neues, möchte man kalauern, nur wieder Krieg. Hintergrund des Konflikts: Auf einer Welt „irgendwo da draußen“ gelangen vor über 500 Jahren die Überlebenden von fünf menschlichen Stämmen auf der Flucht vor den Horden eines dunklen Gottes nach Nymath. Ein Gebirge, über das nur ein einziger Pass führt, trennt dieses Land vom Rest der Welt. Die Bewohner Nymaths, die menschenähnlichen Uzoma, nehmen die Flüchtlinge gastfreundlich auf, doch im Lauf der Jahrhunderte kommt es zu Streit und Hass. Da strandet ein Elbenschiff an der Küste des Landes, und die Elben helfen den Menschen. Ihre Magierin Gaelithil wirkt einen Täuschungszauber, der die Uzoma aus dem Land lockt, übers Gebirge fort, in die Steppen hinter dem Fluss Arnad hinein. Dann webt sie mittels eines Runenamuletts und eines Liedes mächtige Nebel, die die Uzoma hinter dem Fluss festhalten. Weil „finstere Schatten und Dämonen“ sie aber töten wollen, um die Nebel zu zerstören, flieht sie in unsere Welt, wo es keine Magie mehr gibt. Dort heiratet sie und bekommt Kinder, die wieder Kinder haben … Das Amulett und die Zauberkunst werden in der weiblichen Linie vererbt; wenn eine Nebelsängerin stirbt, tritt die nächste an ihre Stelle, kehrt zurück nach Nymath und erneuert die Kraft der Nebel. Doch zur Zeit der Handlung des Buches ist die schützende Magie erloschen, die Uzoma stehen vor der Festung, die den Pass bewacht, und fliegen mit Lagaren – giftigen Wüstenechsen – Angriffe über das Land. Der finale Angriff steht kurz bevor. Das „letzte Aufgebot von Elben und Menschen“ zieht aus, um dem Feind zu trotzen – aber wenn keine neue Nebelsängerin erscheint, wird alles vergeblich sein. Zum Glück lebt in unserer Welt noch Ajana, Gaelithils letzte Erbin, doch sie weiß von nichts, denn die Linie der Weitergabe der Kunst ist schon seit langem unterbrochen. Zwar erhält Ajana das Amulett und weckt zufällig seine Magie, aber als es sie daraufhin nach Nymath verschlägt, ist sie völlig hilflos.

Man weiß schon nach den ersten 50 Seiten, wie es weitergeht, und so kommt es auch. Der Bastard Keelin entwickelt sich zum tapferen Krieger, ebenso sein gering geschätzter Freund Abbas. Ajana findet einen Weg, die Nebelmagie zu erlernen. Die Uzoma greifen an und erobern fast die Festung – aber nur fast … Monika Felten bemüht dunkle Götter und böse Priesterinnen, brutale Finsterlinge und edle Elben, alte Legenden und Magie, doch das Ganze bleibt vorhersehbar und langweilig. Natürlich: die gängigen Klischee nutz(t)en seit Tolkien viele andere Autoren, so oder so. Man kann die Finde-deinen-Weg-und-rette-die-Welt-Story z. B. durch den Kakao ziehen, dann entstehen originelle, witzige Romane wie „Nebenan“ von Bernhard Hennen oder „Heldenherz“ von Sven Böttcher. Man kann sie auch ernst nehmen und im Rahmen einer spannenden, wendungsreichen Handlung schildern, wie der „tumbe Tor“ des Anfangs sich allmählich zum Helden wandelt; dann heißt man Tad Williams und braucht allein 900 Seiten, um einem Küchenjungen nur die Anfangsgründe des Sich-Bewährens beizubringen (von Heldentum nicht zu reden). Trotzdem kommt beim Lesen des Drachenbeinthron-Zyklus keine Langeweile auf, weder auf Seite 900 noch auf Seite 3000.

Auch Monika Felten hat ihren Küchenjungen. Abbas gehört zu den Wunand, dem Stamm der Amazonen. Männer haben dort nichts zu sagen, fühlen sich Frauen gegenüber unterlegen und dürfen keine Waffen führen. Er aber will mehr als nur Töpfe scheuern, zieht mit dem Heer zur Passfestung – und scheuert dort Töpfe. Also baut er sich (heimlich) eine Feuerpeitsche (die Amazonenwaffe) und folgt der kleinen Gruppe, die Ajana auf ihrem Weg begleitet. Als ein Ajabani, ein tödlich gefährlicher Killer, schon drei erfahrene Krieger der Eskorte ins Jenseits befördert hat, greift Abbas ein – und vertreibt ihn. Das mag Anfängerglück und Überraschungserfolg sein, aber wenig später besiegt er auch die Uzoma im Kampf. Dann kann er mit einem Mal reiten (er hat es mit Keelin heimlich geübt, erfahren wir zur Erklärung). So gelingt es ihm – ganz allein -, der gefangenen Amazone Maylea bis in die Hauptstadt der Uzoma zu folgen. Dort entpuppt er sich als Meister im Messerwerfen (mit Küchenmessern heimlich geübt, versichert uns die Autorin just an der Stelle, an der sie diese Fähigkeit einführt). Abbas schafft es sogar, Maylea aus dem Kerker zu befreien … „Glaubhafte Entwicklung eines Charakters“ kann man das nicht nennen. Und auch die übrigen Figuren sind so: Schablonen. Man kann an ihrem Schicksal keinen Anteil nehmen, weil sie im Grunde kein Schicksal haben, denn meist erzählt Monika Felten nicht, sondern stellt fest.

Auch andere Punkte fordern Kritik heraus.

Geographie: Da ist nur der eine Pass (ohne dieses Detail würde das Buch nicht funktionieren). Doch plötzlich gibt es (für Ajanas Gruppe extra hineingeschrieben) noch einen anderen Weg über das Gebirge, durch eine Schlucht, die von einer kleinen Garnison der Menschen bewacht wird. Aber die wurde von den Uzoma angegriffen, aufgerieben und völlig demoralisiert. Nun läge es für eroberungsgierige Finsterlinge nahe, eine Invasion „durch die Hintertür“ zu versuchen, doch ein solcher Versuch findet nicht statt.

Taktik: Um den Krieg schneller zu gewinnen, könnte der Feind ganze Gruppen von Uzoma auf den Lagaren ins Hinterland der Gegner fliegen. Das geschieht sogar, aber nur, um ein Dorf niederzubrennen und die Vorhut des Heeres zu überfallen; allerdings werden die Flugechsen und die Feuerwerfer, die auf ihnen reiten, so geschildert, dass sie auch das Hauptheer auf dem Marsch zur Festung zumindest dezimieren könnten, zumal ständig betont wird, die Lagaren seien nur mit großen Katapulten vom Himmel zu holen, und davon gibt es nicht einmal in der Festung genug. Warum unterbleiben solche Angriffe? Man darf in der Fantasy alle Parameter und Spielregeln selbst festlegen – aber wenn man das getan hat, sollte man sich nicht mehr in Widersprüche verwickeln.

Logik: Gaelithil lockte die Uzoma erst aus dem Land, über den Pass, durch die Steppe und über den Arnad, ehe sie die Nebel wob. Ajana webt die Nebel, als das Heer der Feinde vor der Passfestung steht, weit entfernt vom Arnad, den es nun nicht mehr überqueren kann. Die Krieger befinden sich also nach wie vor diesseits, die Gefahr für Nymath ist nicht vorüber. Ajana fragt denn auch den Heermeister nach dem Sinn des aktuellen Nebelwebens. Und was antwortet er? Es sei nicht die Aufgabe eines Kriegers, über Befehle nachzudenken. (Jedoch der Leser darf über Handlungskonstrukte räsonieren und tut es auch.)

Sprache: Hier finden sich nahezu auf jeder Seite Mängel; wer es nicht glaubt, schlage blindlings auf und lese genau. Eine willkürlich gewählte Kostprobe: Auf S. 170 steht „ein Spalier Fackeln tragender Krieger in unterschiedlichen Rüstungen“. Unterschiedlichen, hm. Wie sehen die denn aus? Einfach unterschiedlich. Warum es dann erwähnen? Und dieses Spalier weist den Weg zu einem Gebäude, „in dem sich das Quartier des befehlshabenden Kommandanten befand“. Eine völlig unsinnige Tautologie, denn ein Kommandant ist definiert als „Befehlshaber“ und nur als solcher. Auf S. 238 sehen wir „schwarz verkrüppelte Bäume“; als gäbe es rot verkrüppelte, weiß verkrüppelte etc. S. 298: Die Gruppe rastet in einer Höhle. „Man hatte Wachen aufgestellt. Die Krieger standen mit dem Rücken zur Höhle an der Felswand …“ – dass sie nicht die Felswand anstarren, sollte klar sein. – Was diesem Text fehlt, ist Lektorenarbeit à la Tucholsky: „Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.“

Zwei Bemerkungen zum Schluss. Erstens: Dem Buch beigelegt ist eine CD, auf der die Hamburger Sängerin Anna Kristina den Soundtrack zum Werk darbietet, vier Lieder in zwölf Minuten und zehn Sekunden. Die CD gefiel mir. Sie hilft aber nicht über die Mängel des Textes hinweg.

Zweitens: Ich hoffe, dass dieses Buch keinen Phantastik-Preis gewinnt. Es gibt bessere Bücher deutscher Fantasy-Autoren, etwa Dieter Winklers Enwor-Fortsetzung, auch bei |Piper| erschienen. Monika Felten aber ist ein trauriges Beispiel dafür, dass jemand, der einen Preis bekommen und eine Stammleserschaft erworben hat, künftig alles verlegen kann, was er schreibt. Und wer hofft, Verlage würden wenigstens bei offenkundigem Versagen so genannter „Starautoren“ Qualitätsansprüche über Umsatz stellen, der ist ein reiner Tor.

_Peter Schünemann_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Sharon Shinn – Im Zeichen der Weide

Ein Zauberlehrling tritt in die Dienste eines neuen Meisters ein – wir kennen die Geschichte zur Genüge. Oder doch nicht? Nein, denn hier verliebt sich der Lehrling in die rätselhafte Frau seines Meisters und muss erkennen, welches schreckliche Verbrechen an ihr begangen wurde.

Doch wie kann er die Untat beenden und die durch Magie Verwandelte befreien, wenn mit dem Tod eines Zauberers auch dessen Magie verschwindet? Muss dann nicht auch die Geliebte sterben? Diesmal muss der Zauberlehrling weit über sich hinaus wachsen.

Die Autorin

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Palliser, Charles – schwarze Kathedrale, Die

In letzter Zeit habe ich es offensichtlich mit Romanen, die im kirchlichen Umfeld stattfinden, schon wieder fand ein solcher den Weg in meine Hände. Dank des anstachelnden Klappentexts machte „Die schwarze Kathedrale“ einen überaus interessanten Eindruck. Im Original heißt der Roman übrigens wesentlich treffender |“The Unburied“| nämlich: „Der (oder Die) Unbegrabene(n)“, was der Handlung auch eher gerecht wird. Über misslungene deutsche Titelverballhornungen rege ich mich aber schon lange nicht mehr auf. Solange der Inhalt mich zu fesseln vermag, ist das eher zweitrangig, doch frage ich mich schon gelegentlich, welch Geistes Kinder sich die teils beknackten Eindeutschungen einfallen lassen.

_Zur Story_
Dr. Edward „Ned“ Courtine, seines Zeichens Referent und Lehrer für anglikanische Historie in Cambridge schlägt in der Vorweihnachtszeit 1881 gleich drei Fliegen mit einer Klappe. Er hat schon lange seinem Ex-Studienkollegen und altem Freund Austin Fickling versprochen, ihn in dessen Wahlheimat Thurchester zu besuchen. In der englischen Kleinstadt befindet sich zudem eine berühmte Kathedrale, in deren Bibliothek er ein bestimmtes Manuskript zu finden hofft, das seine Theorie über den mittelalterlichen König Alfred stützt. Wenn er das Manuskript tatsächlich findet, kann er das von einigen seiner Kollegen gehegte Bild der anglikanischen Geschichte ändern und ihm sogar einen Lehrstuhl einbringen.

Außerdem will Courtine sowieso über Weihnachten zu seiner Nichte und Thurchester liegt genau auf dem Weg, was liegt also näher, als all das miteinander zu verquicken und einen einwöchigen Zwischenstopp dort einzulegen? Er und Fickling haben sich nach einem Streit vor 20 Jahren nicht mehr gesehen und das Wiedersehen verläuft sehr seltsam, Courtine wirft seinem ehemaligen Kumpel (wenngleich er das nicht zeigt) insgeheim immer noch vor, ihn und seine Frau damals auseinander gebracht zu haben.

Das Warum und Wieso bleibt zunächst im Dunkeln, Courtines Wunden reißen schon allein wegen Ficklings sehr komischem und widersprüchlichem Verhalten alsbald wieder auf. Jeder in dieser provinziellen und kleinbürgerlichen Stadt scheint irgendwas zu verbergen zu haben, des Weiteren sind sich die Bewohner untereinander alle nicht wirklich grün. Gerüchte, Getuschel und teils offene Anfeindungen sind quasi an der Tagesordnung – da gönnt der eine dem anderen nicht die Wurst auf dem Brot.

Courtine hat als Außenstehender einen erhabenen Blick auf diese Leute, doch muss er sich mit allen gut stehen, schließlich möchte er ja freien Zugang zur Bibliothek haben. Gleichzeitig will er herausfinden, welches Geheimnis seinen alten Freund Austin umgibt, der sich mal aufgekratzt, mal wortkarg schroff gibt und öfters des Nächtens wer-weiß-wohin verschwindet. Bald geht es rund um die geschichtsträchtige Kathedrale aber nicht mehr um persönliche Animositäten, nicht um alte historische Folianten, nicht um rätselhafte Schauergeschichten aus der Geschichte des Bauwerks, sondern um handfesten Mord an einem Banker und das Auftauchen des Leichnams eines verschwunden geglaubten Mörders direkt aus der Vergangenheit in der Kathedrale selbst …

_Meinung_
Was sich schön düster und mysteriös-spannend anhört, ist in Wahrheit sehr dröge präsentiert, dabei fängt der eigentliche Roman mit einem guten Flair an. Ein verwunschenes Kleinstädtchen auf dem Land mit schrulligen Bewohnern und einer gespenstischen Kirche, die von Nebel umwabert ein schreckliches Geheimnis trägt, sogar eine ominöse Kapuzengestalt (angeblich ein ruheloser Geist) lustwandelt über den Kathedralenvorplatz. Das klingt ganz verlockend nach Altmeister Edgar Wallace.

Leider verliert sich Palliser alsbald in seitenlangem Geschwafel von Courtines Theorie über König Alfred, sein Verhältnis zu Austin Fickling und den Begebenheiten, die sich rund um das alte Gemäuer ranken – immer wenn ich dachte, jetzt käme der Clou oder es würde endlich der entscheidene Hinweis geliefert, wurde ich enttäuscht. Denn kaum etwas von dem überflüssigen Geschreibsel ist später von Bedeutung. Der Lesespass wird dadurch ganz erheblich gebremst und ich konnte mir ein zähneknirschendes: „Komm endlich zur Sache, Kerl!“ kaum verkneifen.

Schlicht gesagt, es passiert nichts Weltbewegendes, bis fast gegen Ende und dann muss sich der Autor Mühe geben, die unnötig verworrenen Stränge zu einem Abschluss zu bringen. Selbst der Mord an dem sonderlichen Bankier und das Auffinden einer eingemauerten Leiche in der Kathedrale finden erst im letzten Drittel statt und können diese Provinz-Posse auch nicht mehr retten. Das Bild der Stadt und seiner Bewohner porträtiert Palliser sehr genau – |zu| genau, um ehrlich zu sein, denn im Endeffekt ist es für den Mordfall ziemlich irrelevant, der (ich bin mal so frei und spoiler hier ein wenig) nach dem Hauptteil der Geschichte ungesühnt und (fast) ungeklärt bleibt. Stattdessen werden Courtines persönliche Probleme mit Austin breit getreten und die viktorianische Gesellschaft um diese Zeit aufs Korn genommen (das allerdings sehr trefflich) … Gesellschaftliche Zwänge, wer mit wem und wer nicht und immer wieder Verweise auf die ollen Kamellen der Vergangenheit.

Zum besseren Verständnis muss ich aber die Gliederung heranziehen: Der Anfang des Buches findet um 1920 herum statt (nach dem virtuellen Tod von Dr. Courtine), es ist ein kurzer Vorgriff auf die eigentliche Handlung, die erst nach dieser Einlage kommen wird. Der „Bericht“ über die Vorfälle ist in der Ich-Form geschrieben und stellt die Geschehnisse aus der Sicht von Courtine dar, wie er sie fiktiv „erlebt“ hat. Nach dem Augenzeugenbericht folgt dann der Epilog, in welchem dann die letzten Puzzle-Teile an ihren Platz kommen, gefolgt von einem ausführlich geschilderten (visionären) Traum, den die Hauptfigur hatte (wie überaus ergreifend) und einem bitter nötigen Namensregister aller beteiligten Figuren.

Ich mag solche Geschichten ohnehin nicht sonderlich, bei denen schon von vornherein feststeht, dass mittendrin alles nur Geplänkel ist und der Kracher erst im Epilog aus dem Hut gezogen wird. Leider gibt es – oops! – aber gar keinen wirklichen Kracher und die endgültige Auflösung des lieblos inszenierten Rätsels (Welches Rätsel, die Auflösung war so was von offensichtlich!?) ist reine Makulatur. Was habe ich aus dem Roman gelernt? Briten sind spießbürgerlich von einer geradezu perfiden Höflichkeit beseelt, leben bevorzugt im Nebel (auch und gerade dem der Vergangenheit), lieben Gespenster und ungenießbares Essen. Na toll, auch |das| wusste man schon vorher.

_Fazit_
Mal Butter bei die Fische: Streckenweise ist des Buch ganz interessant und hat einige gute Ansätze, die Palliser – als regelrechte Spaßbremse – aber gleich wieder ruiniert, da hätte man wesentlich mehr draus machen können, um den anfänglichen Spannungsbogen auch konstant aufrecht zu erhalten. Die wirklich guten und akribischen Charakterisierungen der viktorianischen Kleinstadt-Gesellschaft und ihres (Un-)Rechtssystems können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Plot massig an |pace| fehlt.

Zudem ist die Sache ziemlich leicht zu durchschauen, ich hatte mir nach nicht mal der Hälfte schon meine Theorie zurechtgelegt, die bedauerlicherweise erwartungsgemäß in beinahe allen Punkten zutraf – kein Ruhmesblatt für einen ausgewiesenen Thriller. Erschwerend kommt die akademisch-schwülstige „Von-Oben-Herab“-Schreibweise hinzu, die wohl Absicht ist, doch einem mit der Zeit ordentlich auf den Senkel geht, da sie die ohnehin schon langatmige Geschichte weiter unnötig verkompliziert und in die Länge zieht. Das dürfte vor allem Gelegenheitsleser sicher abschrecken. Eine (bedingte) Empfehlung spreche ich trotzdem aus, der Unterhaltungswert war mir trotz einiger guter Ansätze im Gesamtbild aber doch zu lau.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Original-Titel: „The Unburied“
Genre: Viktorianischer Krimi
Ersterscheinungsjahr: 1999 (Phoenix House / London)
Deutsche Übersetzung: Sigrid Langhaeuser
Erschienen: 2000 (Droemer / München)
Format: Hardcover / 480 Seiten
oder Taschenbuch (Neuauflage 2002)
ISBN: 3-426-19496-1 (HC)
ISBN: 3-426-61995-4 (TB)

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Im Wettlauf mit der Zeit

In einer Welt voller Mäuse entwickelt sich ein friedliebender Uhrmacher namens Hermux Tantamoq zu einem Amateurschnüffler. Diesmal hat es ihm die fesche Fliegerin Linka Perflinger angetan, doch sie ist seit Tagen verschwunden. Seltsame Dinge ereignen sich in Pinchester, auch mysteriöse Todesfälle. Da hilft ihm ein Expeditionstagebuch endlich zu verstehen, was eigentlich los ist: die Jagd nach dem Jungbrunnen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um Linka zu retten.

Für kleine und große Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |Omnibus| – jetzt |cbj| bei Random House/Bertelsmann – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band einer Trilogie, deren letzter Band in diesem Herbst erschien.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

_Handlung_

Hermux Tantamoq ist ein ebenso brillanter wie friedliebender Uhrmacher in der friedliebenden Stadt Pinchester. Eines Tages kommt zu ihm eine bildhübsche Mäusin, die ihm sowohl ihre Visitenkarte als auch eine Uhr zum Reparieren gibt. Auf der Karte steht: „Miss Linka Perflinger, Abenteurerin, Draufgängerin und Fliegerin – Halsbrecherische Bravourstücke – Nervenkitzel garantiert – Zu Lande und in der Luft – Faire Preise“. Er verliebt sich sofort in sie.

Die Uhr ist zwar am nächsten Vormittag repariert, doch von der Abholerin fehlt jede Spur. Immerhin hat er ja ihre Adresse. Vor ihrem Haus wird er Zeuge, wie Linka in einen Luxusschlitten geführt wird, in dem zwielichtig aussehende Ratten sitzen. Am nächsten Tag folgt er einer verdächtigen Ratte, die sich nach der Uhr erkundigt hat, auf deren Wegen in der Stadt: Sie führen zum Forschungsinstitut eines gewissen Dr. Hiril Mennus, seines Zeichens Schönheitschirurg.

Er sieht sich in Linkas Haus ein wenig um und wird fündig: eine ungewöhnliche Pflanze, deren Blätter ihm ungeahnte neue Energie zuführen. Er bekommt heraus, dass Linka im Auftrag eines gewissen Dr. Jervutz vom Perriflot-Forschungsinstitut unterwegs gewesen war, und zwar im tropischen Teulabonarien. Doch um welchen Auftrag handelte es sich? Am Perriflot-Institut angekommen, bemerkt er einen Menschenauflauf: Dr. Jervutz ist tot. Ermordet?

Vor seinem Tod hat Jervutz einen Dr. Dandiffer erwähnt, der im tropischen Urwald als Ethnobotaniker nach bestimmten Pflanzen suchte. Dabei handelt es sich um genau jene Mondpflanzen, von deren Blättern Hermux selbst gegessen hat. Sie haben eine verjüngende Wirkung. Dann erhält Hermux das Expeditionstagebuch des unglücklichen Dr. Dandiffer, der verschollen ist.

Aus diesem Tagebuch wird ihm klar, warum Hiril Mennus hinter Linka Perflinger her ist: Er will das, was Linka von Dr. Dandiffer zurückgebracht hat – die Formel für die ewige Jugend. Und mit dieser will er Tucka Mertslins Kosmetikimperium mit verjüngenden Produkten versorgen: das „Millennium-Projekt“.

Jetzt weiß Hermux, wo er Linka suchen muss. Leider hat er die Rechnung weder mit Tucka noch mit Dr. Mennus gemacht.

_Mein Eindruck_

Der teuflische Dr. Mennus hat mich stark an seine Film-Vorbilder Dr. Mabuse, Fantomas und andere verrückte Wissenschaftler erinnert, ja, an einer Stelle sogar an Dr. Mengele, den Auschwitz-Arzt … Mehr darf nicht verraten werden, aber sie wollen die Welt mal wieder mit den irrsinnigsten Apparaturen beglücken.

Die schönste bzw. verrückteste davon ist „U-Babe 2000“. Sie verwandelt das Opfer in wenigen Minuten in den körperlichen Idealzustand. Von der mentalen Verfassung des „Versuchsobjektes“ schweigen wir lieber, sofern es die Prozedur überhaupt überlebt. Das ist überhaupt nicht lustig, und im Finale gibt es durchaus spannende Horrormomente, in die sich makabre Komik mischt. Die Zeit bzw. Zeitmesser spielen dabei eine zentrale Rolle, weshalb Hermux‘ Anwesenheit durchaus passend ist.

Mich hat am meisten dieses widerliche Frauenzimmer namens Tucka Mertslin gestört. Mir will gar kein Gegenstück in unserer Welt einfallen, obwohl es etliche Gründerinnen von Kosmetikimperien gegeben hat, so etwa Ellen Astor und andere. Tucka ist die Egozentrikerin par excellence: Wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, ist ihr Feind. Und die Bevölkerung dient ihr lediglich als Absatzmarkt ihrer minderwertigen Produkte. Hermux rümpft regelmäßig die Nase, wenn ihm eines ihrer Erzeugnisse in die Nase steigt. Sie schikaniert ihre Sekretärin – und dreimal darf man raten, mit wem sie sich für das Millennium-Projekt zusammengetan hat und wer ihr Lieblingsdesigner ist.

Da haben es redliche Uhrmacher und Amateurdetektive wie Hermux Tantamoq wahrlich nicht leicht. Der Leser darf sich auf etliche haarsträubende Abenteuer freuen. Er darf sich aber nicht von den falschen Fährten verwirren lassen. Nicht jeder ist, was er vorgibt zu sein.

|Keine Disney-World|

So mancher erwachsene Leser ist vielleicht an gewisse Abenteuer in Entenhausen erinnert, die ja oft auch mit Expeditionen zu tun hatten. Doch Hermux Tantamoq in Pinchester hat sehr wenig mit dem Disney-Imperium aus Kalifornien zu tun. Vielmehr scheinen er und seine mal mehr, mal weniger braven Mitbürgermäuse direkt einem viktorianischen Nimmerland entstiegen zu sein, das dem von Harry Potter in mancher Hinsicht ähnelt. Allerdings gibt es hier weit und breit keine Magie. (Außer der der Liebe.)

Viktorianisch ist das beschauliche, noch kaum von Autos und Telefonen beschleunigte Leben in Pinchester, wo selbst die Postbotin noch eine strategisch wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen vermag. Viktorianisch sind die gediegenen Einladungen, die Hermux erhält, und die uralten Uhren in seinem Laden – allesamt mechanisch, versteht sich. Ganz und gar 20. Jahrhundert sind hingegen Wirtschaftsspionage und durchgeknallte, skrupellose Wissenschaftler. Selbst die Kunst ist nicht mehr das, was sie mal war: Rink Firsheen stellt eine Straßensszene nach einem Raubüberfall nach – im Foyer von Hermux‘ einst so wohnlichem Mietshaus.

|Grafik-Design|

Ein Element, das jedes Hermux-Buch zu einem visuellen Erlebnis macht, sind die zahlreichen Wiedergaben von Dokumenten. Die Visitenkarte von Linka Perflinger habe ich ja bereits erwähnt. Aber es gibt auch seitenlang abgedruckte Zeitungsartikel, insbesondere von einem zwielichtigen Journalisten namens Pup Schoonagliffen, dem Hermux leider nur zu sehr vertraut.

Ganz am Schluss des Buches findet sich eine gezeichnete Landkarte, deren Studium sich lohnt. Hier finden sich Hinweise darauf, wohin Dr. Dandiffers Expedition in Teulabonarien wirklich führte. Wer also aus der Beschreibung im Expeditionstagebuch nicht schlau geworden ist, findet hier anschaulich Aufschluss.

_Unterm Strich_

Ich habe auch dieses, mein zweites „Hermux Tantamoq“-Abenteuer mit großem Spaß gelesen. Die Lektüre ist völlig entspannt zu bewältigen, wartet stets mit netten Überraschungen auf und wird zum Finale hin zunehmend spannender. Etliche Seitenhiebe auf menschlich-allzumenschliche Phänomene gibt es zu belächeln, vielleicht sogar zu bedenken: verrückte Wissenschaftler, durchgeknallte Schönheitschirurgen, eine „diskrete“ Postbotin, Kosmetikimperialistinnen, romantische Liebespaare. Ach ja, nicht zu vergessen: Terfle, Hermux‘ lieben Marienkäfer. Nach ihm ist die Agentur des Autors benannt: Terfle House Limited.

Ich habe das Buch in wenigen Tagen ausgelesen und kann es Freunden von Tierabenteuern nur wärmstens ans Herz legen. Kleine und große Kinder ab 10 oder 12 Jahren dürften damit keinerlei Schwierigkeiten haben – Mütter seien gewarnt, dass ihr Schützlinge die komplette Trilogie werden haben wollen.

Girard, René – Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums

Die großen Weltreligionen sind im Niedergang, auch wenn derzeit noch einmal suggeriert wird, ein mächtiger Islam sei die große Bedrohung. Aber die fundamentalistische Gefahr geht in Wirklichkeit von kleinen Minderheiten aus und in den christianisierten Ländern kann kaum noch von einem Einfluss der Religionen auf die Gesellschaft gesprochen werden. René Girard übt mit seinen Werken einen großen Einfluss auf die Religionsgeschichte und Kulturanthropologie aus und im jüngsten Buch vergleicht er die jüdisch-christliche Religion mit ihr vorausgegangenen Mythen und stellt Ähnlichkeiten fest, die spektakulärer sind als die frühen Ethnologen erwarteten. Girard macht aus nichtreligiöser Beurteilung das Christentum zu einer neuen Religion.

Seine Sichtweise hat vor ihm noch niemand vertreten. In der Spirale der Gewalt sieht er das eigentliche Wesen des Satans: der Zerfall der Gesellschaft, der Krieg aller gegen alle. Aber Satan bietet auch die Wahl für einen Sündenbock und dessen einmütige Ermordung. Die Kreuzigung Christi als solche notwendige Tat zu erkennen, zielt auf eine Radikalisierung des christlichen Glaubens. Girard hält es für unausweichlich, dass eine Verwandlung des „Alle-gegen-alle“, das die Gemeinschaft fragmentiert, nur durch ein „Alle-gegen-einen“ ermöglicht wird. Nur so könne die Einheit der Gemeinschaft wieder hergestellt werden. Aufgrund solcher Gedankengänge wird Satan zum wahren Herrscher der Welt erhoben, dessen grandioser Machtanspruch darauf beruht, dass nur Satan fähig ist, den Satan auszutreiben. Damit ist er unentbehrlich und hat sich die Macht gesichert.

Lynchmord wird zu einer heroischen Tat, da sie wieder Frieden einkehren lässt, und das Opfer wird dabei göttlich und unsterblich. Kollektive Gewalt habe eine läuternde Wirkung. Um das eigene Gegengift zu erzeugen, muss sich die Gewalt erst mal übersteigern. Der Körper des Opfers wird mit dem Samen verglichen, der vergehen muss, um zu keimen. Dies wurde bereits in der biblischen Genesis mit der Ermordung Abels durch Kain festgelegt, welche der Autor als biblische Interpretation sämtlich vorhergehender Gründungsmythen ansieht. Gott schützt Kain und stellt sich hinter dessen Tat, da dieser Mord die Zivilisation begründet. Jedes Mal, wenn eine Kultur aufkommt, beginnt sie mit demselben Typus von Mord. Folglich steht Satan am Ursprung aller menschlichen Kulturkreise. Opferung ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

Um sein radikales Christentum von den alten heidnischen Mythologien abzugrenzen und über sie zu erheben, behauptet Girard, in den alten Opfergeschichten sei das Opfer immer schuldig und seine Verfolger im Recht. Das Verdienst am Christentum sei nun aber, dass das Opfer unschuldig sei und die Täter Sünder. Dies belegt er zwar auch ständig mit Beispielen sowohl im Alten wie im Neuen Testament, aber die Behauptung, dass das in den heidnischen Mythen anders gewesen sei, wird nirgends belegt und bleibt einfach postuliert. Dies ist der grundlegende Fehler und dahin richtet sich auch meine Kritik an den ansonsten durchaus interessanten Theorien. Meines Wissens nach ist es nämlich völlig anders, denn die frühen Opfer beruhten auf Freiwilligkeit und nicht auf Mord, wie er in der jüdisch-christlichen Mythologie stattfindet. Von daher beruhen die Thesen Girards auf einer infamen Lüge und glorifizieren eine verabscheuungswürdige Perversion, die tatsächlich Tradition hat, allerdings die der kriminellen monotheistischen Glaubensvorstellungen.

Girard entpuppt sich als Rattenfänger, der die Wahrheit verdreht. In seiner Rehabilitation des Christentums als einzigartige und bessere Religion führt er an, dass bis vor kurzem der Begriff Mythos in der Gesellschaft ein Synonym für Lüge war und im Volksmund bedeute er immer noch Lüge. Girard meint, der Volksmund habe Recht. Nein, der Volksmund hat nicht Recht, denn im Altgriechischen bedeutet Mythos „wahre Sprache“. Die Umkehrung des Verhältnisses von Unschuld und Schuld zwischen Opfern und Henkern sei der Eckstein der biblischen Inspiration. Auch dies ist falsch, denn es gab im Heidentum keine Henker.

Sowohl das Judentum wie der Islam sehen im Christentum den Rückfall in den Polytheismus, denn mit der Kreuzigung wird ja im Grunde ein heidnischer Tod- und Auferstehungsmythos eines Gottes zelebriert. Auch hier entgegnet Girard mit der angeblichen Einzigartigkeit der Struktur des Christentums. Im Gegensatz zu früheren Mythen seien die Christen eine kleine Gemeinschaft einer Minderheit gewesen, die in Jesus keine Schuld sahen, an dessen Ermordung nicht teilnahmen und deswegen keine Entsprechung zu den Mythen haben. In diesem Bruch zum angeblich Bisherigen glaubt er die eigentliche Offenbarung zu erkennen. Im Glauben an die Unschuld liegt für ihn der Sieg über den Prozess der satanischen Selbsttäuschung der Massen. Mit diesem Resultat zieht Girard dann auch seinen Kopf aus der Schlinge des „Hexenjägers“ und bekennt sich zur Unschuld und Nächstenliebe.

Jesus‘ Auferstehung als wahrer und einziger Gott sei die erste und einzige Auferstehung gewesen, im Gegensatz zu den vielen „falschen“ Auferstehungen der heidnischen Mythen. Der Triumph des Kreuzes läge darin, dass gleichzeitig Satan und das Spiel seiner Macht ans Kreuz geschlagen wurden. Satan habe die Offenbarungsmacht unterschätzt. Das Licht des Kreuzes beraubt Satan seiner Macht, den Satan auszutreiben und er kann sich nur noch selbst vernichten. Die Natur der Mythen sei es gewesen, Gewalt zu verbergen, die Natur Christus sei, sie offen zu legen.

Girards Christentum ist revolutionär und schwierig zu verstehen. Seiner Meinung nach aber so einfach, dass Satan es selbst nicht verstanden habe. Oder besser gesagt, zu spät verstanden, um sein eigenes Reich noch schützen zu können. Das Kreuz war eine göttliche Falle, stärker als die Listen Satans. Christus war der Köder, den Gott auf den Angelhaken steckt, um Satan in die Falle zu locken. Schon die griechischen Kirchenväter vertraten die Auffassung, im Kreuz sei Satan der auf den eigenen Schwindel hereingefallene Schwindler.

Sehr ins Abseits stellt sich Girard nach dieser überraschenden Wende am Ende seines Buches aber dennoch erneut. Der Versuch der systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes durch den Nationalsozialismus sei ebenfalls etwas anderes gewesen als vorherige Völkermorde. Das „geistige“ Ziel des Hitlertums lag seiner Auffassung nach darin, zuerst Deutschland und dann ganz Europa der ihm aus der religiösen Tradition zugewachsenen Berufung, der Sorge um das Opfer, zu entreißen. Hätte Hitler gesiegt, hätte er belegen können, dass dank seiner die Sorge um das Opfer nicht mehr der unwiderrufliche Sinn unserer Geschichte ist. Hitler habe sich aber als unfähig erwiesen, diese Sorge auszurotten. Weit entfernt davon, die Sorge um die Opfer zu ersticken, habe er die Ausweitung dieser Sorge beschleunigt. Heutzutage würde durch ständige Überbietung die Sorge um die Opfer zu einer Dauerinquisition. Die Sorge um die Opfer würde antichristlich „radikalisiert“. Aber eigentlich hätten die Nazis versucht, um das Christentum abzuschütteln, die Welt zu veranlassen, die Sorge um die Opfer konsequent aufzugeben.

Heidegger z. B. habe die Hoffnung auf eine vollständige Auslöschung des christlichen Einflusses und auf einen vollkommenen Neubeginn, auf einen neuen mythischen Zyklus, nicht aufgegeben. Vom Triumph der Sorge um die Opfer profitiere jedoch nicht das Christentum, sondern diejenigen, die sich diese zu Eigen machen und sie radikalisieren, um sie zu paganisieren. Diese Kräfte würden dem Christentum Verfolgung, Unterdrückung und Inquisition unterstellen. Das sei der Versuch Satans, seine Stellung wieder zu festigen, indem er sich der Sprache der Opfer bedient. Satan ahme Christus immer perfekter nach und scheine ihn sogar zu übertreffen. Der Neopaganismus wolle die Zehn Gebote und die gesamte jüdisch-christliche Moral als inakzeptable Gewalt erscheinen lassen, und deren Abschaffung sei sein erstes Ziel.

Die christliche Kirche sei aus Schuldgefühlen ihrer Taten (Inquisition etc.) heutzutage besonders anfällig für die ständige Erpressung durch diesen zeitgenössischen Neopaganismus. Für diesen läge das Glück in der grenzenlosen Erfüllung der Begehren (vor dem das zehnte Gebot warnt) und folglich in der Aufhebung aller Verbote. Da die Tage Satans gezählt seien, nütze er sie nun maximal aus und entfessle sich im wortwörtlichen Sinn. Christus könne aber den Menschen den wahren göttlichen Frieden nicht bringen, ohne uns zuvor den einzigen Frieden zu nehmen, den wir haben. Diesen zwangsläufig gefährlichen historischen Prozess würden wir derzeit erleben. Die Verzögerung der Apokalypse, die auf fehlendem Verständnis der Offenbarung beruhe, käme aufgrund der Individuen, die sich bemühen auf Gewalt zu verzichten und Vergeltung zu entwerten. Darin sieht Girard eine unerträgliche Ungerechtigkeit in einer Epoche der Pluralismen und Multikulturalismen. Er behauptet, wir opferten die Wahrheit dem Weltfrieden.

Erstaunlich am Buch ist, dass diesen kranken Gedanken Girards sein deutscher Verleger ein Nachwort von Peter Sloterdijk angefügt hat, das auf den ersten Seiten rein thematisch verfehlt scheint, denn Sloterdijk schreibt über Eros und Eifersucht und darüber, dass die Engel unsere Welt verlassen müssen, damit die Erzengel kommen können. Aber dann kritisiert er Girard schonungslos. Dessen Ambitionen für eine Neustiftung des Christentums hält er für lächerlich und er entlarvt ihn als Vertreter einer falsch verstandenen Gnosis im Gewande des Kulturtheoretikers. Auch belächelt er, dass Girard keine Notiz davon nahm, dass viele der nichtchristlichen Kulturen in ihrer Therapie des Begehrens um einiges fortgeschrittener waren als die christliche Religion. Als Nietzsche-Kenner wehrt er sich gegen die Behauptungen, die Girard über diesen anführt, und auch die Aussagen über den „Neopaganismus“ weist er als theologisch-kulturkämpferisch zurück.

Ein Werk wie das von Girard darf nicht verboten, sondern muss diskutiert werden. Ein Lob an den Verlag, dies aber nicht kommentarlos veröffentlicht zu haben.

Über den Autor:
http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9__Girard

Reiner Boller & Christina Böhme – Lex Barker. Die Biographie

In sieben Groß- und 25 Unterkapiteln wird das Leben und Schaffen des Alexander Crichlow „Lex“ Barker jr. vor dem überwältigten Leser ausgebreitet: Diese Biografie umfasst 550 großformatige, auf bestes Kunstdruckpapier gebannte Seiten – kein Buch, das man auf dem Rücken liegend & mit dem Bauch stützend lesen sollte …

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R. A. Salvatore – Kampf der Kreaturen (Die Rückkehr des Dunkelelf 2)

„Kampf der Kreaturen“ ist der zweite Band der Reihe „Die Rückkehr des Dunkelelf“, die einem altgedienten AD&D-Haudegen, dem beliebten Dunkelelf Drizzt Do’Urden, neuen Schwung verleihen soll: Hatten sich doch dessen Krummsäbel ein wenig an Routine und eher missglückten neuen Ideen abgestumpft.

Zurück zu den Wurzeln – mit einer gehörigen Prise Humor und altbewährtem und beliebtem Schneid. So das Motto des ersten Bandes [„Die Invasion der Orks“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=476. Klassischere – und dank der Tolkien-Verfilmung nur noch mehr populäre – Unholde kann es kaum geben. Eine riesige Armee aus Orks, Frostriesen und abtrünnigen Dunkelelfen rottet sich zusammen und stürmt die Länder der Menschen, Elfen und Zwerge. Drizzt und seine Freunde Bruenor, Wulfgar, Catti-brie und Regis stellen sich den Invasoren entgegen.

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Erbe, Günter – Dandys – Virtuosen der Lebenskunst

Günter Erbe, Dozent für Kultur- und Literatursoziologie an der FU Berlin und der Universität Zielona Gora in Polen, legt mit „Dandys – Virtuosen der Lebenskunst“ die erste umfassende kultur- und sozialgeschichtliche Darstellung des Dandytums im europäischen Maßstab vor. Erbe bedient sich hierbei aus einem reichhaltigen Fundus – als Quelle seiner Untersuchungen dienen ihm u. a. Memoiren, Briefe, Tagebücher von Zeitzeugen, Biographien, Traktate, Artikel der Modepublizistik, Karikaturen sowie die so genannte „schöne“ Literatur“.

Dieses breite Spektrum dürfte bereits andeuten, weshalb eine vergleichbare Untersuchung bisher nicht realisiert wurde: Das Dandytum ist ein äußerst vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen, welches einen fließenden Übergang zwischen Ideal und praktischer Verwirklichung, zwischen Fiktion und Realität aufweist. Erbes Darstellung kann in diesem Kontext als Genealogie des Dandytums betrachtet werden. Indem wir rückwirkend das erstmalige Auftauchen und den anschließenden Werdegang des Typus „Dandy“ nachvollziehen, können wir nach und nach einen Eindruck davon gewinnen, was einen Dandy generell ausmacht, und was für mögliche Ausformungen dieses Typus es bisher gegeben hat. Ich werde daher kurz skizzieren, was sich der geneigte Leser überhaupt unter dem Begriff des Dandytums vorzustellen hat:

Das Dandytum – als Kunst der ästhetischen Selbstinszenierung – ist der Vorbote einer neuen sozialen Mobilität, welche die Grenze zwischen viktorianischer Aristokratie und dem reichen Bürgertum des modernem Liberalismus verwischen lässt. Jeder Dandy ist einem permanenten Spannungsverhältnis zwischen seinen individualistischen Bestrebungen einerseits und den Rollenerwartungen der mondänen Gesellschaft andererseits ausgesetzt. Er will die bestehenden Verhältnisse nicht umstürzen, sondern sich innerhalb der bestehenden Vorstellungen von Schicklichkeit Originalität verschaffen, um die modisch-kulturelle Entwicklung indirekt voranzutreiben. Die Vervollkommnung des bereits Bestehenden hat dabei absoluten Vorrang vor modischer Neuschöpfung. Gezielte Provokationen dieser „Modehelden“ finden immer innerhalb eines bestimmten Rahmens statt, welcher durch den jeweils amtierenden |arbiter elegantarium| („Schiedsrichter der Eleganz“) vorgegeben wird. Die wirkliche, „moderne“ Provokation zeigt sich primär im Habitus des einzelnen Dandys, nicht in seiner Kleidung.

George Brummel (1778 – 1840) – in vielerlei Hinsicht der erste Dandy – war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein aus einfachen Verhältnissen stammender Vater brachte es zu einigem Wohlstand und schickte George auf die Eliteschule Eton sowie anschließend das Oriel-College in Oxford. Bereits dort suchte Brummel den Kontakt zu gesellschaftlich höher gestellten Studenten, und während seines anschließenden Militärdienstes im Zehnten Husarenregiment machte er die Bekanntschaft des Prinzen von Wales. Als er 1799 eine Erbschaft von 30.000 Pfund antrat, verfügte er über alle wichtigen Ressourcen für einen gesellschaftlichen Aufstieg zum |arbiter elegantarium|: Die richtigen Kontakte, ein ausreichendes Startkapital, um sorgenfrei leben zu können, und – vielleicht das Entscheidendste – ein untrügliches Gespür für modische Eleganz und geistreiche Konversation. Auf dem Höhepunkt seiner Macht (1798 – 1816) kam keine exklusive Party ohne ihn aus – Brummel war selbst zum Statussymbol avanciert.

Das Dandytum, wie es durch Brummel konstituiert wurde (der Begriff setzte sich allerdings erst ab ca. 1815 durch), ist eine Synthese aus der Ästhetik des modebewussten „Beaus“ und den traditionellen Rollenvorstellungen des britischen Adels von Anstand und kultiviertem Benehmen. Brummel übernahm die damals verbindliche Kleidungsnorm des „Gentleman“ – lange Beinkleider, Frack, Weste, gestärkte Krawatte und Zylinderhut – und ergänzte sie durch gewitztes und schlagfertiges Auftreten. Er war in der Literatur und den schönen Künsten bewandert, übte sich im Zeichnen und in der Poesie und war ein Kenner seltener Antiquitäten.

Letztlich wurde Brummel zum Verhängnis, dass sich der soziale Status eines Dandys nicht an seinem realen Vermögen, sondern an seiner Kreditwürdigkeit misst. Sein kostspieliger Lebensstil und seine Wettleidenschaft führten ihn in den finanziellen Bankrott (ein Schicksal, das er mit vielen Dandys teilte), so dass er 1816 aus London nach Frankreich fliehen musste. Dort ließ er sich von den ihm verbliebenen Gönnern aushalten. Er lebte jedoch weiterhin über seine Verhältnisse, bis er im Alter von 62 Jahren völlig verarmt und geistig verwirrt aus dem Leben schied. Sein wohl inszenierter Abgang aus der Londoner High Society war jedoch rechtzeitig erfolgt, so dass sein Ruhm über seinen Tod hinaus andauern sollte.

Die Souveränität des Dandys, wie sie durch Brummel definiert wurde, äußert sich primär in der Verschwendung materieller Ressourcen und einer demonstrativen Zurschaustellung der persönlichen Distanziertheit. Es handelt sich hier mithin um eine soziale Rolle, die niemals zur Gänze verinnerlicht werden kann.

Der Aufstieg der Dandykultur geht einher mit dem Aufstieg der britischen Herrenklubs, welche aus den Kaffeehäusern des 17. Jahrhunderts hervorgegangen waren. Diese exklusiven Klubs waren zugleich eine Schnittstelle zwischen Adel und Bürgertum, so dass hier ein Übergang zwischen den sozialen Hierarchien entstand. Der Bewegungsraum der meisten Dandys beschränkte sich dementsprechend im Wesentlichen auf einzelne Klubs, Opernhäuser und bestimmte Geschäfte. Die gelangweilte britische High Society nahm das Phänomen des Dandytums dankbar auf und entwickelte auch die modische Raffinesse weiter. Die Nachfolger Brummels provozierten nun auch in modischer Hinsicht; sein Kriterium der Schlichtheit war fortan nicht mehr verbindlich.

Erbe konzentriert sich im Laufe seiner Untersuchungen primär auf bestimmte Individuen, welche als entscheidende Charaktere des britischen Dandytums hervorgehoben werden können: Lord Byron, Benjamin Disraeli, Thomas Carlyle, Alfred d`Orsay, Oscar Wilde, Max Beerbohm und Aubrey Beardsley. Zusätzlich untersucht er die Entwicklung des Dandytums innerhalb der französischen Kultur, nebst Persönlichkeiten wie Barbey d`Aurevilly, Charles Baudelaire, Robert de Montesqiou und Boni de Castellane. Das Spektrum der kulturellen Zusammenhänge reicht dabei von Verschwendung bis zur Askese, von satanischer Literatur bis zum Katholizismus, von sexueller Abstinenz bis zur mehr oder weniger offenen Homosexualität. Eine gesonderte Wiedergabe dieser Sachverhalte würde hier den thematischen Rahmen sprengen.

Das britische Dandytum breitete sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas aus. Erbe beschränkt sich hier auf eine Darstellung des französischen Dandytums – eigentlich schade, denn auch im deutschsprachigen Raum hätte es sicherlich viel Interessantes zu Entdecken gegeben. Analog zu den britischen Klubs etablierte sich in Paris eine neue Salonkultur, in welcher die französischen Dandys verkehren konnten. Insbesondere die nach der französischen Revolution weitgehend entmachteten jungen Adeligen fanden hier eine willkommene Möglichkeit der Ablenkung und Zerstreuung. Exklusive Herrenklubs waren jedoch auch hier bald im Entstehen begriffen. Eine interessante Entwicklung ist insbesondere bei Dandys wie Charles Baudelaire zu vermerken, welche finanziell zu einem bescheidenen Lebensstil gezwungen waren und als Ausgleich das Ideal des Dandytums literarisch überhöhten, indem sie es mit asketischen Motiven verbanden.

Erbe schließt seine Betrachtungen mit einem Ausblick auf die Zukunft des Dandytums im Zeitalter der Massenkultur. Was ist von der Eleganz des Dandys geblieben? Wer widmet sein Leben noch ausschließlich dem Vergnügen und der stilistischen Vervollkommnung? An Menschen, die prinzipiell über ein entsprechendes Budget verfügen, mangelt es nicht. Sicher: Das Bild eines Menschen, welcher den Großteil seiner Lebensspanne für sein modisches Image aufwendet, mag aus heutiger Sicht reichlich absurd erscheinen. Es steckt jedoch mehr dahinter. In unserer hektischen Zeit, in welcher Markenfetischismus und wirtschaftszentriertes Denken dominieren, ist der Dandy im Großen und Ganzen schlichtweg in Vergessenheit geraten.

Eleganz ist eine Frage der individuellen Präferenzen geworden, und doch scheint es, dass es nur mehr Wiederholungen des bereits Bestehenden gibt. Wo alles möglich ist, geschieht oftmals gar nichts – auch die Mode hat sich dem kulturellen Egalitarismus untergeordnet. Es gibt für potenzielle Dandys einfach kein Terrain, keine vollen Entfaltungsmöglichkeiten mehr.

Tatsächlich scheint sich jedoch der kulturelle Anspruch des Dandytums zumindest symbolisch erhalten zu haben. Der französische Modemacher Christian Lacroix etwa hat kürzlich ein neues Design für den „Striding Man“, das berühmte Markenzeiche des Whisky-Herstellers Johnnie Walker, entworfen. Lacroix:

„Der Dandy ist nicht nur ein Synonym für Raffinesse und Extravaganz. Er steht über der Mode und formt seinen eigenen Stil.“

In diesem Sinne kann auch der heutige Individualist von der Extravaganz des Dandytums profitieren. Er kann sich Anregungen für seine persönliche Definition von Stil und Eleganz verschaffen, ohne sich in der (modischen) Beliebigkeit der heutigen Massenkultur zu verlieren. Und er kann neue persönliche Ausdrucksformen für sich selbst in Literatur, Kunst und Mode entdecken.

Fazit: Erbes Untersuchungen genügen den Standards wissenschaftlicher Forschung, lassen aber auch erkennen, dass der Autor von der Thematik selbst begeistert ist. Das einzige, was mir persönlich noch gefehlt hat, ist eine konkrete bildliche Darstellung der einzelnen Modestile in den verschiedenen Epochen des Dandytums. Wer sich umfassend über Grundlagen und Geschichte des Dandytums informieren möchte, kommt an diesem Buch jedoch nicht vorbei. Der Geist der Exklusivität, welcher jederzeit in „Dandys – Virtuosen der Lebenskunst“ präsent ist, offenbart eine positive Reduktion, welche die Lektüre dieses Buches zu einem außergewöhnlichen Genuss werden lässt.

Buttler, Monika – Herzraub

In „Herzraub“ befasst Monika Buttler sich mit der Thematik der Organspende. Durch sorgfältige Recherche und einer gehörigen Portion Sachverstand versteht es die Medizinredakteurin, die Problematik der Explantation (Organspende) beängstigend und eindrücklich zu schildern, ohne dabei in einen reißerischen Erzählstil zu verfallen. Dabei wäre ihr fast ein erstklassiger Wissenschaftsthriller gelungen, hätte sie nicht versucht, das Ganze in einem altmodischem Krimi zu verpacken. Der Versuch, knallharte medizinische Fakten und Schicksale mit den üblichen Zutaten eines Krimis zu vermischen, verursacht in „Herzraub“ am Ende des Romans ein eher schales als befriedigendes Gefühl im Leser.

Zunächst geht es um den Mord an der bekannten Schauspielerin Celia Oswald, die vor zwei Jahren ein Spenderherz und damit ein zweites Leben erhielt. Nun wurde ihr dieses Herz gestohlen. Ein Spaziergänger findet ihre Leiche im Klövensteener Forst, dem Hamburger Stadtwald. Hauptkommissar Werner Danzig und sein Partner Torsten Tügel fangen an, in diesem bizarren Mordfall zu ermitteln. Verdächtig sind natürlich zunächst die engsten Angehörigen: ihr Lebensgefährte Marco Steinmann, ihr Exmann Claus Saalbach und ihr Sohn Alexander. Vorstellbar wäre aber auch, das der Täter aus dem Umfeld der Organspende zu finden ist: ein enger Angehöriger eines Organspenders oder ein Herzkranker, der zu Gunsten von Celia Oswald bei der Organspende übergangen wurde. Motive gibt es viele, doch zunächst tappen die Ermittler trotz der Hilfe der Wissenschaftsjournalistin Laura Fleming, die an einem Buch über Organspende arbeitet, im Dunkeln, auch ein anonymer Tipp führt ins Leere.

In einem zweiten Handlungsstrang geht es um den Regisseur Alexander Oswald, Celia Oswalds Sohn. Kurz nach dem Tod seiner Mutter verliert er bei einer rasanten Fahrt die Kontrolle über sein Motorrad und erleidet ein schweres Schädelhirntrauma. Von den Ärzten wird er als potenzieller Organspender trotz Hirntodes künstlich am Leben gehalten, nun muss sein Vater Claus Saalbach die schwere Entscheidung treffen, ob er die Organe seines Sohnes anderen Menschen spenden will. Dabei versuchen die Mitarbeiter des Organspendedienstes alles, um ihn zu einer Zusage zu bewegen. Schweren Herzens entschließt er sich letztlich, das Herz, und nur das Herz, seines Sohnes zu spenden. Das Transplantationsteam nimmt jedoch gegen seinen ausdrücklichen Wunsch eine Vollspende vor, d. h. dass sämtliche spendbaren Organe entnommen werden, Lunge, Leber, Herz, Bauchspeicheldrüse, Darm, Niere, Augenhornhaut und Knorpel.

Als Claus Saalbach seinen Sohn schließlich beim Bestattungsunternehmer ein letztes Mal sieht, ist er entsetzt, dass Alexander im wahrsten Sinne des Wortes ausgeweidet wurde. Als er beim verantwortlichen Arzt eine Rechtfertigung dafür verlangt, wird er von diesem nur lakonisch abgefertigt: „… Wer ein Organ aus Liebe gibt, der gibt doch auch alles, meinen Sie nicht?“ … „Sind Sie sicher, dass Sie noch zurechnungsfähig sind?“ In seiner Hilflosigkeit wendet sich Claus Saalbach schließlich an eine Selbsthilfe-Gruppe, die NZO (Nein zur Organspende), deren Mitglieder ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben. Dabei trifft er Brigitte Lasbeck, deren Sohn ebenfalls bei einem Motorrad-Unfall ums Leben kam und aufgrund ihrer Einwilligung explantiert wurde. Hier schließt Monika Buttler nun wieder den Bogen zum Mord an Celia Oswald. Denn ausgerechnet die Schauspielerin hat das Herz des fünfundzwanzigjährigen Holger Lasbecks bekommen.

So weit äußerst packend und authentisch geschrieben, doch plötzlich rückt die ganze Thematik der Organspende völlig in den Hintergrund, als die Ermittler beginnen, den Fall zu lösen. Der Herzraub wird zur Nebensache, denn Celia Oswald ist mit Rattengift getötet worden und zwar von dem wahrscheinlichsten Verdächtigen. Im letzten Drittel von „Herzraub“ schafft es Monika Buttler durch das klassische und langweilige Krimifinale, die im ersten Teil aufgebaute Dramatik auf den absoluten Nullpunkt fallen zu lassen.

Ein weiterer Minuspunkt sind eingeführte Handlungstränge, die komplett im Nichts verschwinden. Keine Auflösung, keine Erklärung, nicht einmal Hinweise auf eine Weiterführung der Geschichte in einer Fortsetzung. Wer bedroht die Wissenschaftsjournalistin Laura Flemming? Werden die verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft gezogen und gibt es eine größere Organisation hinter den Organspendediensten, denn die Ärzte und das Krankenhauspersonal bekommen ja offensichtlich ein Kopfgeld für jeden gemeldeten Organspender?

„Herzraub“ ist trotz der Mängel lesenswert, gerade wegen der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der die Problematik der Organspende behandelt wird. Ein Thema, das immer noch in der Gesellschaft totgeschwiegen wird, obwohl seit fast 40 Jahren Transplantationen aus der Medizin nicht mehr wegzudenken sind. Wenn über Organspenden berichtet wird, dann immer nur einseitig aus der Sicht des glücklichen Empfängers, nur allzu oft wird vergessen, dass für das neue Leben ein Mensch erst sterben musste.

Scholl-Latour, Peter – Fluch des neuen Jahrtausends, Der

Und immer noch lässt uns alle die weltpolitische Lage nicht los. Während sich Michael Moore mit der transatlantischen Gemengelage auf humorige Weise beschäftigt, gehört Scholl-Latour zu der ernsthaften Literatur, die sich mit dem globalen Dilemma befasst, in welchem auch wir Europäer zwangsläufig mit drinstecken. Der mittlerweile zweite Irak-Krieg kam alles andere als unvorhergesehen und kann bei weitem noch nicht als beendet angesehen werden, trotz alle Beteuerungen aus Übersee und seines nunmehr für eine Amtszeit wiedergewählten Kriegs-Präsidenten Bush. Wenigstens ein Kenner der weltpolitischen Bühne hat schon lange darauf hingewiesen, dass es dazu kommen würde. Peter Scholl-Latour, seines Zeichens deutsches Journalismus-Urgestein und Globetrotter in Sachen Recherche, der Hardy Krüger der deutschen Presse sozusagen, hat es vorausgesehen und wurde nicht müde, das kundzutun.

In diesem vorliegenden Werk, welches Ende 2001 abgeschlossen wurde, zieht er bereits Bilanz über das noch recht junge Jahrtausend. Wiewohl eines, das aber bereits sehr kriegerisch beginnt. Die Brandherde sind mannigfaltig und scheinen nur auf den ersten Blick grundverschieden, doch einen sie mehrere Parallelen: Immer wieder sind die letzte Supermacht USA, der angebliche fundamentalistische Islam und natürlich auch die NATO und die UNO darin verwickelt. Selbst Deutschland steckt trotz der ehemals ach-so-pazifistischen Koalition aus Rot-Grün bis über beide Ohren im Schlamassel des vorgeblichen „Human Rights“-Wahns.

Dass dieses bigotte Streben nach wirtschaftlicher und politischer Macht nicht erst seit der Bush-Regentschaft gepflegt wird und dass so manche UN-Resolution aus ethnischer Sicht gefährlicher Nonsens ist, versucht Scholl-Latour mit „Fluch des neuen Jahrtausemds – Eine Bilanz“ zu verdeutlichen. Er begibt sich auf Spurensuche vom Balkan über den Kaukasus bis zum Hindukusch und der immer noch heißumkämpften Zone am persischen Golf. Überall dort befinden sich die vermeintlichen „Schurkenstaaten“, wobei die einen verdammt, die anderen hingegen beinahe hofiert werden vom großen Weltsheriff. Mit wechselnder Sympathie der USA mal für den einen, dann wieder für den anderen.

_Der Autor_
Peter Scholl-Latour stammt aus Bochum, wurde im Jahre 1924 geboren und kann heute somit auf ein 80-jähriges, äußerst erlebnisreiches Leben zurückblicken. Heute wird die Ikone der deutschen Presse gerne in diversen Talkshows und anderen Sendungen zu seiner Expertise über die derzeit herrschende Politik zwischen der westlichen und der islamischen Welt befragt. Vor allem |n-tv| wird in den letzten Wochen nicht müde, ihn zu diversen Sendeformaten einzuladen. Doch wer ist Peter Scholl-Latour eigentlich? Nun, nicht immer war er Publizist bzw. Reporter – neben seinem Studium an der Sorbonne in Paris, wo er in Politikwissenschaften promovierte, legte er noch einen nach und erwarb in Beirut das Diplom für Islam-Studien. Bevor seine journalistische Zeit 1950 anbrach, diente er in Indochina sogar für die französische Fremdenlegion. Bekannt wurde er jedoch in den Siebzigern, als er damals zusammen mit einer US-Marines-Einheit durch den Dschungel Vietnams krauchte, in der Funktion eines Kriegsberichterstatters (Heute würde man „embedded reporter“ sagen) für das ZDF.

Sein weiterer Werdegang ließ ihn Programmdirektor beim WDR und auch Herausgebers des „Stern“ werden. Sein Fachgebiet ist jedoch stets die Politik respektive der Orient/Islam geblieben, dessen Länder er auch heute noch regelmäßig bereist. Kein Wunder, dass seine fundierte Meinung zum tagesaktuellen Geschehen gerade im Irak-Krieg derzeit so hoch im Kurs steht. Kaum ein westlicher Berichterstatter ist in seinem Leben so weit herumgekommen oder hat eine solche Nähe auch zu den so genannten „Schurkenstaaten“ wie Scholl-Latour – der dort wegen seiner kritischen, aber ehrlichen Sichtweise ebenfalls hoch geschätzt wird und Interviews erhält, wo anderen Journalisten die Türen vielleicht verschlossen bleiben.

_Zum Inhalt_
Scholl-Latour stellt von 1997 bis 2001 beinahe monatlich, manchmal sogar täglich (je nachdem, ob seiner Meinung nach irgendetwas Berichtenswertes vorfiel) seine Gedanken und Reportagen zusammen und präsentiert sie uns Lesern in chronologischer Reihenfolge. Lediglich das Vorwort und das erste Kapitel tanzen aus dieser Zeitlinie, sie sind etwas wie ein Vorgriff auf die folgenden Beiträge, welche er jedoch allesamt seit ihrer Niederschrift unverändert gelassen hat. Zum Teil sind dies wirklich Berichte und Reportagen, die veröffentlicht wurden, andere wiederum basieren auf persönlichen Notizen, die er zu exakt dieser Zeit niederschrieb, als bestimmte Ereignisse ihm ins Auge sprangen. Diese Abschnitte „Kapitel“ zu nennen wäre übertrieben, meist beschränken sich die einzelnen Segmente (versehen mit Überschrift und Datum) auf zwei Seiten pro entsprechendem Datum, selten überschreiten sie sechs oder mehr Seiten.

Die Ausnahme bilden die Abschnitte über das Kosovo bzw. den Balkan-Konflikt, diese gehören grundsätzlich zu den längeren Passagen. Dem Balkan und seiner speziellen Problematik wird ohnedies sehr viel Raum gewidmet, offenbar liegt ihm dieser Krisenherd – den er gerne als „Eiterblase“ bezeichnet – im Kernland Europas sehr am Herzen. Stück für Stück ergibt sich aus vielen kleinen Mosaiksteinchen ein grausiges Gesamtbild unseres Planeten, in welchem es eigentlich nur noch um Machterhalt durch große Konzerne und ihren „Wildwest“-Kapitalismus geht, den fast alle Staaten mit Hurra-Geschrei als Globalisierung bejubeln. Jedenfalls solange man kräftig mitverdient und das Deckmäntelchen der „Human Rights“ gewahrt bleibt – da man bei Nordkorea auf Seiten der Amerikaner generös von Drohgebärden absieht (die haben schließlich Atomwaffen), wird stattdessen kräftig auf die kleinen „Schurkenstaaten“ eingeprügelt. Von Afrika und dem immer wieder entflammenden Kriegen und schweren Menschenrechtsverletzungen dort schweigt des Dichters Höflichkeit (und auch das Gros der Presse) geflissentlich.

Der Wettlauf in Übersee und Russland um die globalen Ressourcen wird anderswo unerbittlich ausgefochten, doch deutlich zeigt sich die Unfähigkeit Europas und der UNO, dem Moloch USA und seinem Hunger nach Allmacht entgegenzutreten. Der schwächelnde, aber unter Wladimir Putin – welchen er gern mit Zar Peter dem Großen vergleicht – wieder erstarkende russische Bär ist als „Evil Empire“, sprich: als Feindbild im Westen weggebrochen und daher müssen jetzt „fundamentalistische“ Islam-Staaten herhalten. Russland kann nicht mehr mithalten und holt sich derweil im Kaukasus eine blutige Nase, beim Geschacher um die Öl- und Gaspipelines, während die Clinton- und später die Bush-Administrationen intrigant und geschickt den Nahen und Mittleren Osten manipulieren, um sich die Ressourcen zu sichern.

Dabei wird die Türkei ebenso geködert wie zunächst der Irak gefördert, beide Staaten wären (und sind geopolitisch) ein exzellenter Brückenkopf und zudem ein Garant dafür, dass die angrenzenden arabischen Staaten es sich zweimal überlegen, das US-Protektorat Israel weiter zu bekämpfen, wenn „Big Brother“ direkt vor ihrer Haustüre campiert. Doch wenngleich man sich den Irak und somit auch den Iran gefügig machen will – auf der anderen Seite der Welt gibt es noch weitere Staaten mit Großmacht-Gelüsten: China, Nordkorea und die so genannten „Tigerstaaten“ in denen es auch brodelt und die endlich auch ein Stück vom Wohlstands-Kuchen haben wollen. China und Nordkorea haben zur Durchsetzung ihrer Ansprüche sogar Nuklear-Potenzial zur Verfügung. Wo wir grade bei Nuklear-Technik sind: Auch Indien, Pakistan und vermutlich der Iran sind im Besitz von Kernwaffen. Armut und religiös angestrichene Machthaber – ein extrem explosives Gemisch: Die Lunte brennt bereits …

_ Meinung_
Hilflos muss die Staatengemeinschaft, allen voran die Institutionen der UNO, immer häufiger zusehen, wie die US-Administration den Ton angibt und fast alle anderen blind – sei es aus wirtschaftlichen Überlegungen oder vor Konformismus – folgen bzw. zwangsläufig folgen müssen. Dies ist seit langen Politik in Washington, doch kaum jemand kann sich gegen diese Vormachtstellung der letzten großen Weltmacht behaupten, Europa schon gar nicht, wie wir in den zurückliegenden Monaten eindrucksvoll miterleben durften.

Schon die Begebenheiten rund um den geschilderten Kosovo-Konflikt ließen laut Scholl-Latour auf die heutige Entwicklung schließen und viele seiner Bedenken, die er damals bereits in sein Tagebuch schrieb, geben ihm heute Recht. Hierbei beweist er aber sein Gespür für ethnische Zusammenhänge, die selbst der UN und auch all den anderen staatlichen Regierungen entgehen oder geflissentlich ignoriert werden. Zu behaupten, dass die derzeitige Weltlage ein „Kampf der Kulturen“ oder gar ein verkappter Glaubenskrieg ist, trifft nur bedingt zu, im Hintergrund stehen – wie meistens – vorrangig wirtschaftliche Interessen.

Obwohl der (Unter-)Titel eindeutig von einer „Bilanz“ spricht, ist dieses Buch eher eine „Never Ending Story“ aneinander gereihter Streiflichter und Gedanken, die Peter Scholl-Latour in die richtige zeitliche Reihenfolge gebracht hat, sich aber beliebig mit aktuellen Geschehnissen fortführen lässt. Da das Buch Ende 2001 / Anfang 2002 herauskam, erscheinen heute viele der Prognosen (auch laut Covertext) „visionär“, dem möchte ich widersprechen, denn eine Vision als solche kommt aus heiterem Himmel und davon kann bei Scholl-Latour wirklich nicht die Rede sein. Vielmehr hat er über viele Jahre – ja, Jahrzehnte – hinweg die weltpolitische Lage und speziell die Lage in den islamischen Staaten unter Beobachtung gehabt und „nur“ die richtigen Schlüsse gezogen: Konsequent, schonungslos und überaus kritisch.

Das Buch dürfte für manchen schwer zu lesen sein, es strotzt vor Fremdworten und Phrasen, die – jedenfalls bei den Kiddies heute – kaum mehr in Gebrauch sind, darunter auch einige geflügelte Worte und Aphorismen in anderen Sprachen, welche manchmal nicht gesondert übersetzt sind. Das gilt im Besonderen für das Französische, welchem sich der Autor immer wieder gerne bedient und zuwendet. Diese leicht archaische Art des Sprachgebrauchs ist sicher nicht jedermanns Sache, passt aber zu seinem Stil und verdeutlicht seinen Standpunkt durch Wortspiele und -wahl.

Es wirkt nicht so, dass Scholl-Latour damit „von oben“ herab missionieren oder belehren will – es ist ganz einfach die Sprache seiner Generation. Als Kenner gerade der islamischen Welt, dem meist sogar bei Diktatoren die Türen für Interviews offen stehen, berichtet er quasi direkt von der „Front“ und das überaus kritisch und mit großer Sachkenntnis der tieferen Zusammenhänge – wenngleich nicht immer sehr distanziert, man merkt, dass ihm die besuchten Länder ans Herz gewachsen sind.

Was mich anbelangt, so kann ich mir förmlich vorstellen, wie Scholl-Latour mit seiner markanten, leicht nasalen Stimme diese Reportagen vorträgt, wie er es seinerzeit im ZDF beim „Länderspiegel“ immer tat und auch heute zum Teil noch in diversen Beiträgen auf verschiedenen Sendern tut. Dadurch, dass es sich streng genommen um Einzelbeiträge handelt, die nicht für ein Buchprojekt wie dieses angepasst wurden, wiederholen sich manche Sätze zwischendrin immer wieder mal fast wortwörtlich. Gerade diese Passagen fallen dem aufmerksamen Leser sehr ins Auge und beweisen rückblickend, dass eben jene Punkte und Einschätzungen, die ihm augenscheinlich so wichtig erschienen, von der Realität heute tatsächlich beinahe Wort für Wort eingeholt wurden.

_Fazit_
Es gibt leider nicht mehr viele Journalisten wie ihn, was teilweise an seinem Alter liegen mag; er hat während seiner langjährigen Karriere die ganze Welt bereist und kann dadurch auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, der vielen der heutigen Reporter abgeht. Das Buch ist sicher kein leichter Lesestoff (nicht nur wegen der streckenweise archaischen Sprache) und richtet sich eindeutig an Leute, die sich auf der weltpolitischen Bühne, im Bereich der Allgemeinbildung und mit den handelnden Personen auskennen.

Bedauernswerterweise sind für Einsteiger in die Materie keinerlei Karten enthalten, so bleibt dem ambitionierten Nichtkenner der geopolitischen Lage nur der eventuelle Griff zum hoffentlich vorhandenen Atlas. Schade, ein wenig Kartenmaterial hätte dem lesenswerten Werk noch den allerletzten Schliff gegeben, wer allerdings ein wenig im Feuilleton der Presse heimisch ist, kommt auch ohne aus. Die Gliederung und die häppchenweise Präsentation machen es leicht, mal zwischendrin abzusetzen, man findet selbst dann problemlos wieder hinein. Am Stück gelesen, brauchen geübte Bücherwürmer etwa sechs bis sieben Stunden Lesezeit. Insgesamt betrachtet ein Exkurs internationaler Zusammenhänge und ethnisch-politischer Bildung, den man gelesen haben sollte, um die heute vorherrschende Lage auf der Weltbühne besser verstehen zu können.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Titel: „Der Fluch des neuen Jahrtausends – Eine Bilanz“
Erscheinungsjahr: 2002 (Bertelsmann)
Format: Hardcover m. Schutzumschlag / 320 Seiten
oder: Taschenbuch / 352 Seiten (Goldmann / Mai 2004)
ISBN: 3-570-00537-2 (HC)
ISBN: 3-442-15272-0 (TB)
Preis: ab 9,95 (TB), 22 Euro (HC)

Bass, Bill / Jefferson, Jon – Knochenleser, Der

Knoxville im US-Staat Tennessee gehört zu jenen unglücklichen Städten, die nur über eine echte Sehenswürdigkeit verfügen, mit der indessen rein gar kein touristischer Staat zu machen ist: Hier hat die University of Tennessee in den 1970er Jahren die „Body Farm“ eingerichtet. Dr. Bill Bass, ein forensischer Pathologe, der von kriminalistischen Einrichtungen aller Art immer wieder als Berater bei rätselhaften Leichenfunden zu Rate gezogen wurde, war lange Zeit mit der ärgerlichen Tatsache konfrontiert, dass bei der Bestimmung der Zeit, die so ein „Kunde“ in einem Wald, einem Fluss oder unter dem Fundament eines Hauses gelegen hatte, der Zeitpunkt des Todes einfach nicht präzise festgestellt werden konnte: Niemand wusste wirklich, wie der Prozess der Verwesung ablief.

Aus Gründen, die auf der Hand liegen, waren selbst Wissenschaftler vor grundsätzlichen Forschungen auf diesem Gebiet zurückgeschreckt. Es bedarf einer besonderen Sorte Mensch, um sich planmäßig dem Grauen zu stellen, das Zeit, Feuchtigkeit und vor allem Insekten aus einer Leiche modellieren. Bill Bass ist ein solcher Mensch; zwar nicht immun gegen die unerfreulichen Seiten seiner Wissenschaft, aber mit Leidenschaft dabei, das Notwendige anzugehen. Den letzten Anstoß gab ihm die in ihrer grausigen Komik äußerst unterhaltsame Episode mit einer kopflosen Leiche, die er in einer bizarren Verkettung unglücklicher Zufälle um mehr als ein Jahrhundert falsch datierte.

Anschließend richtete Bass jene Institution ein, die von den dankbaren Medien später „Body Farm“ getauft wurde: Auf einem Stück Land wurden (und werden) Leichen auf den Waldboden oder in Pkw-Kofferräume gelegt, in Wasserbecken getaucht, flach oder tief eingegraben – und dann in Ruhe gelassen; in Ruhe der Fäulnis überlassen, um es beim Wort zu nennen, wobei dieser Vorgang detailliert in Wort und Bild festgehalten wird. Damit gewinnt man Vergleichsdaten, die es möglich machen, Leichen zu „entschlüsseln“, um so Todesursachen und –zeitpunkte zu fixieren.

Dass dies nicht nur Voyeure be- und Igittisten entgeistert, sondern von Wert für die kriminalistische Alltagsarbeit ist, weiß Bass an vielen Beispielen anschaulich zu belegen. So manchem Mörder konnte er ins Handwerk pfuschen, bevor dieser allzu sehr in Serie ging. Auch in der Archäologie sowie in allen Wissenschaften, die an den Überresten von Menschen über Menschen forschen, weiß man die Erkenntnisse zu schätzen, die Bass und seine magenstarken Kolleginnen und Kollegen ihren stinkenden Versuchspersonen entlocken.

Mit den Schilderungen berühmter oder „nur“ interessanter Fälle, an denen er forensisch beteiligt war, verknüpft Bass seine Lebensgeschichte. Beide Bereiche erklären einander, so dass Bass es nie nötig hat, in regelmäßigen Abständen einen neuen Gruselkadaver ins Geschehen zu bringen, um den gelangweilten Leser zu fesseln: „Der Knochenleser“ ist eine Biografie mit rotem Faden, keine kunterbunte Sammlung aberwitziger Anekdoten. An denen spart der Verfasser nicht, aber er stellt sie in den Dienst seiner Geschichte. Diese wird dadurch auch zur Historie der (US-)Forensik in den vergangenen fünfzig Jahren.

Weil Bass dabei das Persönliche nicht scheut, stellt er sich auch der verständlichen Frage, wie ein Mensch nur solche Arbeit tun kann. Unausgesprochen steht sie während der Lektüre immer im Raum. Die Labor- und Feldgeschichten sind spannend, sogar faszinierend, dazu witzig, aber dennoch … Wie schafft der Mann es, Tag für Tag mit faulenden, grässlich anzusehenden Leichen umzugehen, ohne darüber verrückt zu werden?

Die Antwort ist einfach – oder typisch amerikanisch, wenn man so möchte: Es liegt halt ein höheres Ziel und damit ein Sinn in dieser Tätigkeit. Bass sieht sich einerseits als Wissenschaftler, d. h. als Kopf-Mensch, der den Verstand an- und den Bauch (und die Nase) abschaltet, sobald ein „Job“ – die Identifizierung und Untersuchung eines Kadavers – ansteht. Andererseits gibt dies besagter Leiche, die einst ein Mensch war, der unter ungeklärten Umständen das Leben verlor, seine Identität, seine „Stimme“ zurück: Wenn er, Bill Bass, nicht klärt, was zum Zeitpunkt des Todes geschah, kommt ein Mörder davon und kann seine Tat womöglich wiederholen.

Starke Argumente, keine Frage, aber Mr. Bass gehört dennoch eindeutig einem ganz besonderen Menschenschlag an! Möglicherweise ist es ja auch sein Sinn für Humor bzw. die Absurditäten des Lebens & des Todes, die ihn zu seiner Arbeit befähigen. Negativ-Kritiker werden es ihm ankreiden, dass er es manchmal am gebotenen „heiligen“ Ernst mangeln lässt. Sie werden freilich überhaupt wie viele Bürger von Knoxville urteilen: Macht es, wenn es denn sein muss, aber schweigt darüber! Doch Bass ist stolz darauf, was er mit seinem Team geschafft hat. Außerdem will er der Mythenbildung vorbeugen.
Denn die „Body Farm“ ist spätestens seit Anfang der 1990er Jahre in aller Munde, als sie ganz besonderen Besuch bekam: Die ehemalige Forensikerin und spätere Schriftstellerin Patricia Cornwell besuchte Knoxville und ließ sich von Bass in die Geheimnisse der „Farm“ einweihen, die sie anschließend reichlich in einen ihrer enorm erfolgreichen Kay-Scarpetta-Romane („The Body Farm“; dt. „Das geheime ABC der Toten“) einfließen ließ. Seitdem genießt der seltsame Ort fast schon zu viel Publicity; sogar Pfadfindergruppen fragten schon Führungen nach … Faszination und Abscheu liegen beim Thema Tod sehr nahe beieinander!

„Der Knochenleser“ beinhaltet zwei Fotostrecken, die sich glücklicherweise nur in Andeutungen dessen ergehen, was der Verfasser im Text überaus drastisch beim Namen nennt. Der optische Eindruck davon, was den Alltag des Dr. Bass ausmacht, steigert allerdings die Bewunderung für das, was dieser Mann leistet. Seien wir ehrlich: Möchten wir wirklich die Fotos vom Hinterhof jenes pflichtvergessenen Bestatters sehen, der „seine“ Leichen nicht urnengerecht verbrannte, sondern sie zwischen Waldbäumen stapelte, in Schrottautos stopfte oder sonstwie „entsorgte“ – 339 Stück? Da kam es bei der anschließenden Identifizierung zu unerfreulichen Wiedersehensszenen zwischen Familienangehörigen, von denen die Lebenden die Toten längst in der Urne auf dem Kaminsims wähnten … Nein, wir sind Dr. Bass dankbar, dass er uns in klaren Worten, aber nicht gar zu krass über seine Arbeit informiert; darüber hinaus müssen und wollen wir nicht alles wissen! Das überlassen wir den Spezialisten, die es wissen müssen, um es anwenden zu können. Dank Bill Bass (wohltuend unterstützt vom wortgewandten Journalisten Jon Jefferson) ist uns nun klar, dass dieser Job keine Horde ghulischer Frankensteine erfordert, sondern Menschen mit Köpfchen, Herz & stählernen Nasen!

Birbaek, Michael – Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr

_Leben im Hyperdrive: Von Augenmagneten und Texthuren_

Vik ist ein vielbeschäftiger Drehbuchautor im deutschen Filmgeschäft. Sein Leben verläuft sozusagen im Hyperdrive, er sehnt sich nach Urlaub. Doch die Erwartungen seiner beruflichen Umgebung und die Wünsche seines privaten Umfelds halten ihn ständig davon ab.

Schluss mit dem Aufwachen im falschen Bett! Eines Tags fährt er zum Airport und schnappt sich einen Last-Minute-Flug („Sie müssen aber einen Monat zuvor buchen!“) auf eine Insel und sucht das Meer – und das verlorene Gefühl. Um dann SIE zu finden, doch ist sie die „Richtige“? Wie erkennt man „Miss Right“, wenn man sie trifft?

|Der Autor|

Michel Birbaek wurde zwar in Kopenhagen geboren, lebt aber in Köln und spricht perfekt Deutsch. Dass er sich in der deutschen Medienszene sehr gut auskennt, merkt man nicht nur seinem Buch an, auch seine Mitarbeit als Gagschreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab ist ein wichtiger Indikator für seine Beherrschung des Sprachwitzes.

Wie sein Held Viktor ist er Drehbuchautor. Im Buch „Wenn das Leben …“ wird hin und wieder ein Film mit dem ellenlangen Titel „Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen“ erwähnt. Davon habe ich noch nie gehört, aber Birbaek hat jedenfalls die literarische Vorlage dafür geschrieben und ebenfalls bei |Lübbe| veröffentlicht.

Der Autor liest sein Buch selbst und macht, wie ich finde, einen sehr guten Job dabei (keine Lacher und Versprecher!). Die Regie führte Kerstin Kaiser. Die poppige Intro- und Abspannmusik stammt von Michael Marianetti.

_Handlung_

Die Geschichte beginnt, als unser Held Viktor aufwacht und eine hübsche Frau namens Body bewundert, die sich im Badezimmer begutachtet. Das Besondere daran: Dies ist nicht Viktors Ehefrau und natürlich auch nicht Viktors Wohnung. Bodys Mann Steffen ist Stuntman beim Film und des Öfteren zu Dreharbeiten außer Haus. Immerhin: Zur Zeit ist Body Viks einzige Freundin, mit der er schläft. Außerdem überarbeitet sie seine Manuskripte für Drehbücher. Als Arbeitseinheit betrachtet, ist er das Hirn und sie die ruhige Hand.

Das erweist sich mal wieder als Vorteil, als sie mit ihrem Auto namens „Monster“ zum nächsten Meeting mit der Filmgesellschaft fahren. Dort warten die Produzentin Selma, ihre Assistentin Schulz-äh und eine Regisseurin namens Pechvögel (mit der Betonung auf „vögel“) auf sie, und wenn sie Pech haben, wird noch ein Skriptdoktor dabei sein, der ihr Elaborat „verbessern“ soll. Solche Leute – allesamt „Schwachmaten“ – bringen Vik regelmäßig auf 180, und er verarscht Pechvögel mit zweideutigen Bemerkungen, doch Body beruhigt ihn ebenso regelmäßig und rettet die Besprechung.

Body ist nur eine der vielen Frauen, die Viks Leben bestimmen. Seine große Liebe Grace ist mittlerweile schon drei Monate weg, doch inzwischen zum Star avanciert. Ob sie ihn anruft, weiß er nur anhand der Rufnummernunterdrückung auf seiner Handy-Mailbox und der fehlenden Message. Body fragt ihn: „Wozu ihr nachtrauern? Selbstmitleid ist was für Weicheier.“ Recht hat die Frau. – Zum Handyterror gehören vor allem Viks Agentin Diana, eine ehemalige Pornodarstellerin, die keinen Mann halten kann („wenn sie meinen Exberuf erfahren, verachten sie mich oder es erregt sie oder erst das eine, dann das andere“).

Diesmal ist Vik auf 180 wegen Diana. Sie hat an ein gewisses Hollywoodstudio mit dem Namen Paramount eine Option auf eines seiner Drehbücher verkauft. Für lau! Und ohne ihn zuerst zu fragen! Zur Beruhigung geht Vik ins nächstbeste Kino. „Kino ist Gruppentherapie. Hier gibt es feste Regeln für das Verhalten, die niemals gebrochen werden.“ Sogar in seinem absoluten Lieblingsfilm „Notting Hill“ mit Julia Roberts und Hugh Grant (und dem verrückten Waliser).

Seit einiger Zeit lebt Vik im Hyperdrive: auf Partys, mit koksenden Promis, seinen Regisseurfreund Nils sieht er auch nur noch selten, seit der es nach Hollywood geschafft hat, und jede Nacht verbringt er in anderen Wohnungen. Der Grund ist ganz einfach: Zu Hause warten Graces Geister auf ihn. Er hat sich vorgenommen, baldmöglichst Urlaub zu machen. Wenn ihn die Frauen mal lassen würden. Anrufe nimmt nur noch sein AB entgegen.

Auch in dieser Nacht schleppt er sich in eine fremde Wohnung und legt sich neben eine Frau, die nicht seine eigene ist. Es ist die achtjährige Jasna, die Tochter seiner WG-Mitbewohnerin Patrizia, ihres Zeichens DJ und Marihuana-Dealerin. Jasna liebt Vik als einzige Frau heiß, innig und bedingungslos. Alle anderen stellen Bedingungen, besonders Patrizia – die will, dass er für Jasna das Sorgerecht übernimmt, obwohl – oder gerade weil – sie nicht seine Tochter ist.

|Die Wende?|

Nach der Ablieferung eines alten Exposées, das er als „neue“ Drehbuchidee verkauft, düst Vik doch tatsächlich in den Urlaub. Aber was heißt hier Urlaub? Eine Woche Halbpension auf irgendeiner Last-Minute-Insel, die er noch von früher her kennt und wo sich die frischgebackenen Pärchen am zweiten Tag mit verschlafenen Augen in die „Schweinebucht“ auf den Teutonengrill legen. Darauf hat Vik absolut keinen Bock, leiht ein Auto und erkundet Küste und Landesinneres. Leider hat sich auch einen Tag vor Abreise noch immer keine Rückkehr des alten Gefühls eingestellt: In seiner Brust herrscht quasi gähnende Leere. Die Tiefe des Meeres klang noch nie so verlockend …

Da lernt er Lena kennen, die er schon am ersten Tag bemerkt hatte, aber wegen emotionaler Lähmung nicht ansprach. Schon bald tauschen die beiden ihre jeweiligen Erfahrungen mit abgehauenen Lieben aus, und um Mitternacht gehen sie gemeinsam an den Strand zum Schmusen.

Ob Lena wohl die Wende in Viks Leben bringen kann? Aber wie erkennt mann „die Richtige fürs Leben“, wenn man ihr begegnet?

_Mein Eindruck_

Natürlich erzählt Birbaek die Geschichte von Vik und seinen Frauen lange nicht so geradlinig, wie ich das in meinem Handlungsabriss tun muss. Zu Anfang rätselt man daher noch, wer dieser Vik eigentlich ist, was er für einen Beruf hat und wo all diese Frauen – große wie kleine – herkommen, sogar die Geister. Stattdessen sieht man sich überspitzt formulierten Betrachtungen über Promis, die Medien, die so genannten „Medienmacher“ und das Kino im Allgemeinen und Besonderen gegenüber. Da gibt es ein paar herrliche One-liner und Aperçus. Diese Kunst hat der Autor ja für Schmidt (leicht erkennbar als „Mr. Late Night“) und Raab („die unvermeidlichen Viva-Moderatoren“) perfektioniert.

|Keine Jammerorgie|

Aber keine Bange! „Wenn das Leben …“ ist keineswegs eine nörgelige Jammerorgie, wie stressig und frustrierend doch das Medienleben sei, sondern ein Reihe sehr anschaulich beschriebener und besonders beim zweiten Anhören bewegender Begegnungen mit – Frauen, was sonst? Dieser Vik kann zuhören, schon klar, ein richtiger Frauenversteher, womöglich sogar ein Weichei, aber doch kein Schwuler. Schön erotische Sexszenen sind hier durchaus zu finden, und nicht zu knapp.

Wer ist denn nun „die Richtige“? Muss sich Vik wie Schillers klassische Helden (Piccolomini in „Wallenstein“) zwischen der erfrischenden Liebe zu Lena (= Neigung) und seiner Pflicht gegenüber Jasna und deren Mutter entscheiden? Herrje, wird man sich nun sagen, die kulturelle Entwicklung bietet doch inzwischen sicher auch ein paar andere Entscheidungsmodelle an, oder? Da hilft nur eines: selber lesen bzw. hören!

|Nicht nur Ladys |

Doch nicht alles dreht sich in der Story um junge Frauen im gebärfähigen Alter. Auf der Insel macht Vik beim „Handtuch-Roulette“ die Bekanntschaft einer über sechzigjährigen „Mumie“, die den jungen, hoffnungslos abgeschlafften Helden so richtig auf Trab bringt, mit etlichen Alkoholrationen, einem „losen Mundwerk“ und entsprechend robustem Humor. Und dann ist da noch Nils, der hoffnungsvolle Regisseur, der nach zwei Filmen (und etlichen Linien Koks) so ausgebrannt ist, dass er auf jeder Party in Tiefschlaf fällt. Witzig, dass ausgerechnet Nils sich weigert, Anglizismen zu übernehmen, die ja gerade im Filmbiz so häufig vorkommen. Nils ist Viks ältester Freund, doch selbst jetzt reden sie nur noch über Filme, Regisseure usw. Bis zu dem Tag, als Vik von Diana zwei Erster-Klasse-Tickets nach Los Angeles (zu Paramount) überreicht bekommt: Nils will seinen Kumpel endlich flennen sehen …

|Still crazy … (Sprache)|

Es ist schon merkwürdig, aber die Geschichte hat mich an mehreren Stellen an Benjamin Leberts Roman „Crazy“ erinnert. Das Buch wurde verfilmt, mit Robert Stadlober, wenn ich mich recht erinnere. Auch hier geht es um die Entdeckung der „Richtigen“ beziehungsweise der Erotik an sich, Quickie-Sex und Münchner Sex-Show inklusive. Wichtiger noch ist aber die Kommentierung des Lebensgefühls einer Generation und zwar in einer Sprache, die dieser angemessen ist.

Birbaek erfindet zahlreiche sprachliche Ausdrücke oder bringt entlehnte Ausdrücke so an, dass sie wie neu funkeln. Ein Wort wie „Lovesound“ ist ebenso wunderschön wie passend, um die nonverbalen Äußerungen von Liebenden während des Aktes zu bezeichnen, besonders aus weiblichem Munde. Ebenso schön ist der Ausdruck „Augenmagneten“, die für Patrizias Augen, und „Minimagneten“, die für Jasnas junge Augen gelten. Jeder weiß, was damit gemeint ist.

Etwas weniger schön ist Nils‘ Ausdruck „meine Texthuren“. Damit meint der Regisseur – hoffentlich ironisch – die Autoren, die ihm das Drehbuch erstellen und je nach Bedarf umschreiben (müssen). Ich schätze mal, auch Gagschreiber könnte man mit diesem ironischen Ausdruck belegen. Ebenso ironisch ist der Fachausdruck „Helfersyndrom“ zu werten. Fast jede von Viks Frauen appelliert an seinen Instinkt, der Lady zu helfen, und zwar selbst dann noch, wenn er emotional erpresst wird. Und dabei wollen sie meistens sein Geld: egal ob es um Steuerschulden geht oder um das Sorgerecht für Jasna. Vik erkennt den Vorgang genau als das, was er ist. Er hilft dennoch. Denn wenn’s um Freunde und Kinder geht, kennt Not kein Gebot.

Diese sprachliche Frische und Lebendigkeit in Verbindung mit der anschaulichen Schilderung hielt mich die ganze Zeit von vier Stunden über bei der Stange. Hey man, schon lange keine so spannende und anrührende Lovestory mehr gehört. Am liebsten würde ich jetzt noch das Buch lesen.

|Der Autor als Sprecher|

Dass Autoren ihre eigenen Texte lesen, ist zwar keineswegs unbekannt, aber immer noch eher die Ausnahme. Das liegt an zwei Gründen. Zum einen stammen die meisten als Hörbücher produzierten Texte von angelsächsischen AutorInnen, die leider kein Deutsch können (und es auch gar nicht nötig haben).

Zweitens ist die Erfahrung, einen deutschsprachigen Autor seinen eigenen Text vorlesen zu hören, nicht immer das Goldene vom Ei. Der Autor neigt eben dazu, selbst zu werten oder auf seinen Text bereits zu reagieren, statt die Reaktion ausschließlich dem Hörer zu überlassen.

Auch Birbaek schrammt haarscharf an dieser Grenze entlang. Besonders im letzten Drittel liest er die lustigen Jasna-Szenen mit einem kaum unterdrückten Lachen in der Kehle. Das kann man ihm als Mensch keineswegs verdenken, doch der Hörer sollte dieses Lachbedürfnis selbst in sich entdecken, indem der Text es in ihm weckt. Zum Glück gelingt Birbaek auch dies. Wenn Vik seine komatös pennende Jasna wieder einmal mit dem Satz „Brad Pitt putzt sich dreimal täglich die Zähne“ weckt (etwas anderes funktioniert nicht), so ist dies ein Verweis auf die erste Jasna-Szene, die genau damit begann. Das zaubert ein Lächeln des Wiedererkennens ins Gesicht des Hörers.

_Unterm Strich_

Die vier Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. Es war nett und interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, besonders die Frauen – und dazu zählt ganz besonders auch die achtjährige Jasna. Das Buch ist gleichermaßen ein Generationenporträt und die Abrechnung mit dem aktuellen Stand des deutschen Filmgeschäfts. Dabei benutzt der Autor nicht ausgelutschte Sprachklischees, sondern ganz bewusst auch neue Prägungen wie etwa „Lovesounds“ (oder habe ich da was verpasst?), setzt viel Ironie ein („Helfersyndrom“, „Handtuch-Roulette“ und „Texthuren“), respektiert aber die Wünsche und Erwartungen von Kindern und ihren Müttern.

Dabei geht der „Held“ Viktor keineswegs leer aus, sondern kriegt die Kurve mit neuem Schwung, neuen Erkenntnissen und neuem Glück. Der Schluss der Story lässt den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Genau im Sinne des Autors: Der ist Lachfaltenfan.

Welche nun Miss Right ist und wie man sie erkennt? Das müsst ihr schon selbst lesen oder hören!

|Umfang: 242 Minuten auf 4 CDs|

Homepage des Autors: http://www.Birbaek.de/

Kris Kershaw – Odin. Der einäugige Gott und die indogermanischen Männerbünde

Es ist sehr interessant zu sehen, wie hier ursprünglich deutsche Ansätze zur germanischen bzw. indogermanischen (oder indoeuropäischen) Religionsgeschichte von Übersee in die teutonischen Lande zurückstrahlen. Ist doch die Beschäftigung mit den kultischen Männerbünden eine der Hauptdomänen deutscher Germanisten, Nordisten, Religionswissenschaftler und Psychologen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen. Das begann 1902 mit dem Buch „Altersklassen und Männerbünde“ von Heinrich Schurtz und setzte sich über Lily Weiser, Hans Blüher (einen der Nestoren der deutschen Jugendbewegung), Karl Meuli bis zum berühmtesten Gelehrten, dem Wiener Germanisten Otto Höfler fort. Höflers Bücher „Kultische Geheimbünde der Germanen“ und „Germanisches Sakralkönigtum“ waren einer der wichtigsten Einflüsse für die amerikanische Religionswissenschaftlerin Kris Kershaw. Da Höfler – wie so viele Intellektuelle – im Nationalsozialismus eine Möglichkeit sah, seine eigenen Vorstellungen eines „katholisch-germanischen Reiches“ zu verwirklichen, die SS zudem starkes Interesse an seinem Buch über die Geheimbünde zeigte, gerieten die Person Höflers und damit seine Forschungsergebnisse nach dem Zweiten Weltkrieg in Misskredit. Trotzdem ging eine ganze Forschungsgeneration (z. B. Helmut Birkhan, Heinrich Beck, Mohammed Rassem) durch die Schule der von Studenten als außergewöhnlich charismatisch geschilderte Persönlichkeit Höflers und wurde von ihr geprägt. Aber seine Thesen sind in Deutschland nur noch selten rezipiert oder gar weiterentwickelt worden. Das blieb dann eher nicht-deutschen Innovatoren wie beispielsweise dem berühmten rumänischen Religionswissenschaftler Mircea Eliade vorbehalten, der in seinem Versuch über einige Initiationstypen „Das Mysterium der Wiedergeburt“ die Ergebnisse Höflers mit einflocht.

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Margolin, Phillip M. – Hand des Dr. Cardoni, Die

Er ist ein echter Widerling, dieser Dr. Vincent Cardoni. Als Chirurg am St. Francis Medical Center in Portland, Oregon, schurigelt er seine Untergebenen. Die Kunstfehlerchen häufen sich, denn der Chirurg hat ein Kokainproblem. Seine schöne Frau, die Assistenzärztin Justine Castle, hat die Scheidung eingereicht, die schmutzig und teuer zu werden verspricht. Außerdem gibt es da womöglich Kontakte zum Drogengangster Martin Breach, dessen Gegner spurlos zu verschwinden pflegen.

Besagter Breach steigt gerade in den illegalen Organhandel ein. Er kauft und verkauft Herzen, Nieren und andere Innereien, deren ursprüngliche Besitzer sich womöglich nicht freiwillig davon trennen wollten. Gerade ist so ein Geschäft geplatzt, wofür Breach Cardoni verantwortlich macht. Der Arzt ahnt nichts von der Gefahr, die ihm durch den rachsüchtigen Gangster entsteht, denn ihn plagen ganz andere Sorgen: Auf dem Grundstück einer abgelegenen Waldhütte, die angeblich ihm gehört, wurden neun verstümmelte Leichen gefunden – offenbar mit Hilfe chirurgischer Instrumente teils zu Tode gefoltert, teils ausgeweidet.

Cardoni beteuert seine Unschuld und heuert als Anwalt den berühmten Frank Jaffe an. Diesem wird seit kurzem von seiner jungen, schönen (etc.) und ehrgeizigen Tochter Amanda assistiert. Mit der schleimigen Trickfertigkeit vorzüglich entlohnter US-Rechtsverdreher gelingt es dem Vater-Tochter-Team tatsächlich, der Polizei gravierende Verfahrensfehler nachzuweisen. Cardoni kommt frei – und vom Regen in die Traufe.

Ist er tatsächlich der Mörder, der jetzt womöglich weitermacht? Besonders Amanda macht dies zu schaffen. Ihre Ermittlungen deuten eine mögliche Schuld der gar nicht so redlichen Ex-Gattin Cardonis an. Amanda und ihr neuer Freund, der junge Arzt Tony Fiori – ein Kollege Dr. Castles – beschatten die Verdächtige und behalten auch Cardoni im Auge. Doch dieser verschwindet – nicht ganz spurlos, denn Amanda findet seine abgetrennte Hand …

Die Zusammenfassung macht es bereits deutlich: Originalität ist nicht gerade das Pfund, mit dem diese Story wuchern könnte. Stattdessen haben wir es mit einem durchschnittlichen Thriller zu tun, der seine grundsätzlich solide Geschichte ziemlich ungeschickt verkauft (und mit einem abstoßenden, die Selbstjustiz feiernden, zudem bei Quentin Tarantino „entliehenen“ Schlussgag ausklingt).

Denn Margolin ist durchaus in der Lage, Spannung und Atmosphäre zu erzeugen. Auch ein zu langsames Tempo kann man ihm nicht vorwerfen. Deshalb verzeihen wir ihm, dass er uns eigentlich nur alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen möchte. Sadist killt in Serie, dieses Mal als Arzt, was stets funktioniert, weil uns alle kalte Schauder erfassen, wenn wir uns OP-Tisch und Skalpell vorstellen. Um auf Nummer Sicher zu gehen, konstruiert Margolin einen zweiten Handlungsstrang um einen brutalen Gangster, der zwar „nur“ geschäftsmäßig, aber mindestens genauso eklig mordet.

Vordergründigkeiten à la Kopf im Kühlschrank verfehlen auch nie ihre Wirkung, das laute Gekreisch soll verbergen, dass die Story mächtig über tief ausgefahrene Geleise rattert. Manchmal wird sie allerdings unvermittelt umgeleitet – und dann ist man unwillkürlich gefesselt. Margolin rüttelt gern an den Grundfesten des Plots. Verdächtige werden zu Opfern, Opfer zu Mördern, Mörder zu Marsmenschen … Es ist alles möglich, und manchmal schafft es Margolin sogar, auf dem schmalen Grat zwischen Überraschung und Übertreibung zu balancieren. Bemerkenswert ist es beispielsweise, dass es nach US-Gesetz offenbar möglich ist, als Serienmörder vor Gericht freizukommen, wenn die Beweise für das blutige Tun nicht vorschriftsmäßig erbracht wurden; sie werden dann höchstrichterlich für nichtig erklärt. Kann (oder will) man das glauben? Immerhin fällt uns dies leichter als sich vorgaukeln zu lassen, der untergetauchte Verbrecher könne sich chirurgisch so „umbauen“ lassen, dass sich seine schändlichen Spiele am Schauplatz früherer Übeltaten und unter den Augen ehemaliger Kollegen und Freunde ungestört fortsetzen lassen … (Dies wird nicht der letzte Sturz ins logisch Leere bleiben.)

Eindeutig der Schwachpunkt dieses Romans – die Figurenzeichnung. Was heißt Schwachpunkt: Margolin versetzt seiner gar nicht unflotten Geschichte fast den Todesstoß, indem er sie ausschließlich mit oberflächlichen Pappkameraden besetzt. Man fasst sich bei der Lektüre an den Kopf, weil man es gar nicht glauben kann, dass sich der Autor eine Dreistigkeit dieses Ausmaßes tatsächlich traut. Da treten also alle Hoffungsträger des modernen Thrillers in einem Buch versammelt auf: der taffe Anwalt, der rettungswütige Arzt, die schöne Unschuld, die verdächtige Schöne, der hartnäckige Cop, der degenerierte Gangster, der psychopathische Serienmetzler … Es gibt für sie kein Entrinnen, sie sind an ihre Rollen gebunden, die sie bis zum allerletzten Klischee durchspielen müssen.

Für den europäischen Leser kommt erschwerend hinzu, dass er (und sie) sich nicht recht am Bild des US-Anwalts als Helden erfreuen kann. Viele Seiten füllt Margolin (der selbst Anwalt war) mit salbungsvollen Vorträgen Frank Jaffes, dass es schließlich der Job eines Strafverteidigers sei, seine Klientin freizubekommen. Die Frage der Unschuld ist für ihn sekundär; er hofft aber immerhin, nicht den einen oder anderen Serienmörder oder Kinderschänder wieder auf die Welt losgelassen zu haben …

Töchterchen Amanda, die weibliche Hauptrolle, agiert so naiv, dass man schreien möchte. Sie schlägt sich mit diversen Reiches-Mädchen-will-selbstständig-werden-Problemchen herum, will ein noch schärferer Justiz-Hund als Papi werden und sucht natürlich nebenbei nach Mr. Right. Dass sich genau der scheinbar gefundene Prinz als der wahre Täter erweist, vermag nur Amanda zu verblüffen; selbst der nicht besonders aufmerksame Leser hat das schon circa auf Seite 100 herausgefunden, so auffällig bemüht sich Margolin, ihn unverdächtig wirken zu lassen.

Es wird besser nach dem Zeitsprung über vier Jahre, der den zweiten Teil des Romans einleitet. Möglicherweise wollte Margolin seine Amanda einem Reifeprozess unterziehen. Weil sein schriftstellerisches Talent nun einmal beschränkt ist, muss er dabei halt mit dem Quast und nicht mit der Feder arbeiten. Das betrifft, wie weiter oben skizziert, ebenso das übrige Personal. Der Mörder ist übrigens fast nur Gaststar in seiner Geschichte. Von seinen grausigen Taten hören wir nur indirekt. Ein kluger Schachzug, der die Vorstellungskraft unheilvoll stimuliert – wäre da nicht der Verdacht, dass Margolin auch hier kühl kalkuliert: Offene Folter- und Metzelszenen könnten nämlich die Mainstream-Leserschaft verstören und vom Kauf abhalten. Das gilt auch für Hollywood, das sich womöglich für „Die Hand des Dr. Cardoni“ interessieren könnte, denn Margolin hat sein Bestes getan, alle Elemente eines Drehbuchs für einen potenziellen Blockbuster zusammenzutragen …

Phillip M. Margolin wurde 1944 in New York geboren. Nach dem College studierte er Jura in Washington und New York. Zwischenzeitlich ging er für zwei Jahre mit dem Friedenscorps der Vereinigten Staaten nach Monrovia. Der studentischen Puppenhülle entschlüpft, zog Margolin nach Oregon und eröffnete eine Anwaltskanzlei. Hier spezialisierte er sich als Strafverteidiger auf Mordfälle und war damit (nach US-Maßstäben) anscheinend recht erfolgreich.

Seit den späten 1970er Jahren verfolgte Margolin seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Jahren zeichneten sich solche Erfolge ab, dass er sich ab 1996 ganz dem Schreiben widmete. Margolins Romane haben Stammplätze auf den US-Bestsellerlisten. Sein unbedingter Wille, es allen Recht zu machen, wird dabei keine geringe Rolle spielen.

Phillip M. Margolin lebt mit Frau und zwei Kindern in Portland, Oregon.

Homepage des Autors: http://www.phillipmargolin.com/

Jonathan Stroud – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Der Dschinn Bartimäus, ein uralter orientalischer Geist, bekommt eines Tages den Auftrag, dem hochnäsigen Zauberschüler Nathanael zur Seite zu stehen: ein Auftrag, der Bartimäus zunächst alles andere als glücklich macht. Dann aber beginnt ein Abenteuer, das die zwei aneinander schweißt. Nathanael versucht, sich für den Tod seines Ziehvaters am mächtigen Zauberer Simon Lovelace zu rächen und ihm das berühmte Amulett von Samarkand zu stehlen. Mit Bartimäus‘ Hilfe gelingt das auch – aber es löst eine ganze Reihe von Problemen aus … (Verlagsinfo)

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Mankell, Henning – Brandmauer, Die

Kriminalromane sind in Deutschland so populär wie nie zuvor, und besonders schwedische Krimis stehen auf der Beliebtheitsskala dank Henning Mankell ganz weit oben. Der größtenteils in Afrika lebende Autor hat mit Kurt Wallander einen Kommissar geschaffen, der an Authentizität möglicherweise unübertroffen ist. Bei der „Brandmauer“ („Brandvägg“, 1998) handelt es sich leider um den letzten Fall, den Kurt Wallander in Ystad zu lösen hat.

_Wallander wird alt_
Inzwischen hat Kurt Wallander das stolze Alter von 50 Jahren erreicht, sodass ihm nur noch etwa zehn Jahre bis zur lang ersehnten Pensionierung bleiben. Einst war er mit Mona verheiratet, doch bereits vor „Mörder ohne Gesicht“ hatten die beiden sich getrennt. Aus der Ehe geblieben ist Wallander seine Tochter Linda, zu der er ein sehr wechselhaftes Verhältnis hat; mal verstehen die beiden sich blendend, mal scheint Linda ihrem Vater völlig entrückt zu sein. Wallander ist kein großer Held, er wird eher von vielen Zweifeln geplagt, ob sein Beruf wirklich noch das Richtige für ihn und er den immer schwierigeren Belastungen noch gewachsen ist. Bei Wallander wurde unlängst Diabetes diagnostiziert, sodass er inzwischen seinen Lebenswandel umstellen musste. Mittlerweile hat er etwas abgenommen und sich tägliche Spaziergänge zur Gewohnheit gemacht, aber auch das macht ihn nicht viel glücklicher, Wallander fühlt sich einsam, denn auch seine Beziehung zu Baiba Liepa, die in Riga lebt, ist in die Brüche gegangen, sein ehemals bester Freund Sten Widen will auswandern und auch sein exzentrischer Vater ist inzwischen gestorben. Was bleibt ihm noch?

_Mord oder Selbstmord – das ist hier die Frage_
Zu Beginn lernt der Leser kurz Tynnes Falk kennen, der sorgfältig seinen Tagesablauf notiert und eines Abends noch einmal spazieren gehen will. Er holt am Bankautomaten einen Kontoauszug und denkt, dass alles in Ordnung ist. Doch danach kann er sich an nichts mehr erinnern. Kurz darauf wird seine Leiche vor dem Bankautomaten aufgefunden.

Fast zur gleichen Zeit wird ein Anschlag auf den Taxifahrer Lundberg verübt. Zwei junge Mädchen, nämlich die neunzehnjährige Sonja Hökberg und die erst vierzehnjährige Eva Persson, überfallen den Taxifahrer, schlagen ihm mehrmals mit einem Hammer auf den Kopf und stechen ihm ein Messer in die Brust. Kurze Zeit später erliegt Lundberg seinen schweren Verletzungen und Wallander ist entsetzt angesichts der brutalen Gewalt, mit der die beiden jungen Mädchen vorgegangen sind. Schnell gestehen die beiden ihre Tat, zeigen allerdings keine Reue. Warum bloß haben sie den unschuldigen Taxifahrer angegriffen?

Wallander versteht die Welt nicht mehr, was ist passiert, dass junge Frauen so eiskalt sein können? Bald darauf kann Sonja Hökberg aus ihrer Haft fliehen, gleichzeitig zieht Eva Persson ihr Geständnis zurück. Dann fällt in Ystad der Strom aus und eine verkohlte Leiche wird in der Transformatorstation gefunden. War es Selbstmord oder Mord? Wie konnte die Tür zum Häuschen aufgeschlossen werden, obwohl die Schlüssel nur wenigen Menschen zugänglich sind? Wie hängen all diese mysteriösen Todesfälle zusammen? Wallander und seine Kollegen tappen im Dunkeln. Gleichzeitig gibt Wallander eine Kontaktanzeige auf, um vielleicht eine Frau kennen zu lernen. Zunächst ist er skeptisch, aber vielleicht wird ihm doch eine Frau antworten …

_Mankell-Wallandersche Betrachtungen_
Für mich ist und bleibt Henning Mankell ein echtes Phänomen. Seine Krimis sind absolute Weltspitze und reißen den Leser von Beginn an mit, selten habe ich spannendere Bücher gelesen. Auch hier steigen wir mitten in die Geschichte ein und schon im ersten Kapitel kommt Tynnes Falk ums Leben. Die Polizei steht vor einem Rätsel, denn Falks Todesursache bleibt lange Zeit im Dunkeln. Gleich am Anfang überschlagen sich die Ereignisse, denn sowohl zum Thema Tynnes Falk gibt es schnell neue Erkenntnisse, wie auch im Fall um Sonja Hökberg. Um den Leser und seine Aufmerksamkeit an keiner Stelle zu verlieren, baut Mankell regelmäßig Cliffhanger ein. Oftmals hängt Wallander seinen Gedanken nach:

|“Er konnte seinen Gedankengang nicht klar zu Ende denken. Aber er wusste, dass er wichtig war.“|

Als Leser könnte man Wallander dann nur zu gern am Kragen packen und schütteln, um seinen Denkprozess voranzutreiben, denn diese Ungewissheit ist kaum auszuhalten.

Einmal streut Mankell die Information ein, dass Wallander einen so schwerwiegenden Fehler begeht, dass er später immer wieder daran zurückdenken muss. Wallander befürchtet, an einem weiteren Todesfall schuldig zu sein und man fiebert der Auflösung dieses Fehlers entgegen, auf die man allerdings fast bis zum Schluss des Buches warten muss.

|“Später sollte Wallander stets denken, dass er an jenem Nachmittag, als er in seinem Büro saß und Ann-Britt zuhörte, einen der größten Fehler seines Lebens begangen hatte. Als sie von ihrer Entdeckung berichtete, dass Sonja Hökberg sehr wohl einen Freund gehabt hatte, hätte er sogleich begreifen müssen, dass an der Geschichte etwas faul war. Ann-Britt hatte nicht die ganze Wahrheit ausgegraben, sondern nur die halbe. Und halbe Wahrheiten haben, wie er wusste, die Tendenz, sich in ganze Lügen zu verwandeln. Er sah nicht, was er hätte sehen müssen. Sein Fehler musste teuer bezahlt werden. In finsteren Stunden dachte Wallander, dass sein Versagen zum Tod eines Menschen beigetragen hatte. Und es hätte dazu führen können, dass eine andere Katastrophe tatsächlich eingetreten wäre.“|

Der Spannungsbogen ist wieder nahezu perfekt gelungen, die letzten 350 Seiten habe ich praktisch an einem Stück gelesen, weil ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Mankell bräuchte meiner Meinung nach gar keine Cliffhanger, um seine Leser bei Laune zu halten, seine Geschichten wären auch ohne sie spannender als die meisten anderen Kriminalfälle. Interessant ist bei der „Brandmauer“ darüber hinaus, dass scheinbar gar nicht zusammenhängende Fälle doch miteinander verwoben sind. Mal gibt es neue Erkenntnisse zum einen Fall, dann wieder welche zum anderen Fall, doch erfährt man bis kurz vor Schluss nicht die wahren Zusammenhänge und ist dadurch ständig am Miträtseln. Sehr verwirrend war auch, dass Wallander zwischendurch ab und an Spuren verfolgt, die logisch klingen und Wallanders berühmter Intuition entspringen, die aber dennoch in eine falsche Richtung weisen. Als Leser kann man also nie sicher sein, ob man sich auf der richtigen Spur befindet. Mankell spielt gerne mit den Informationen über die Täter und ihre Motive, so ist der Leser oftmals der Kriminalpolizei einen Schritt voraus. An einer Stelle erfahren wir einige Kleinigkeiten über den Drahtzieher hinter den Morden und lernen einen Komplizen kennen. Wallander dagegen ist ahnungslos und weiß nicht, wem er trauen kann und wem nicht. Das führt dazu, dass man Wallander in sein Verderben rennen sieht und immer weiter hoffen muss, dass er noch rechtzeitig bemerken wird, wer die Komplizen des Drahtziehers sind.

_Faszination Wallander_
Wieder einmal steht Kurt Wallander im Mittelpunkt des Geschehens. Mankell legt stets viel Wert auf die Charakterzeichnung seines nicht-perfekten Krimihelden. In diesem Fall hadert Wallander mit sich und seiner Einsamkeit. Am liebsten würde er ausbrechen aus seinem Alltag und seine Arbeit hinschmeißen, wie es auch andere seiner Bekannten getan haben. Zudem fühlt er sich einsam, da ihm die Frau an seiner Seite fehlt. Als Linda ihm dann eine Kontaktanzeige vorschlägt, ist Wallander zunächst skeptisch, gibt dann aber schweren Herzens doch eine auf. Ein wenig Bergauf geht es mit seiner Gesundheit, denn Wallander hat etwas abgenommen und mit dem Rauchen aufgehört. Gewann man in anderen Fällen noch den Eindruck, dass Wallander auch ein kleines Problem mit dem Alkohol hat, scheint er dieses inzwischen in den Griff bekommen zu haben. In jedem Wallanderkrimi kommen neue Mosaiksteinchen hinzu, die das Bild unseres Krimihelden immer weiter vervollständigen, sodass dieses im Laufe der Reihe immer detaillierter wird. Dadurch wächst einem Wallander richtig ans Herz, man leidet mit ihm mit, wenn er sich einmal mehr einsam und verlassen fühlt oder er es wieder nicht schafft, seine Wäsche zu waschen (dieses Mal bringt er das allerdings einmal zustande!). Wallander wird einem zunehmend sympathischer, je mehr man über ihn liest, zumindest ging das mir so und auch allen, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe.

Mankell schafft es sogar im Laufe der gesamten Krimireihe, auch seine anderen Figuren immer weiter auszubauen, so werden darüber hinaus Wallanders Kollegen besser vorgestellt, besonders über Martinsson wird man in der „Brandmauer“ einige interessante Dinge erfahren. Ann-Britt Höglund erlebt in diesem Roman ähnlich wie Wallander zuvor persönliche Schicksalsschläge und wird immer mehr zu seiner Lieblingskollegin.

Neben der ausführlichen Charakterzeichnung der handelnden Personen ist eine weitere Besonderheit der Mankell-Krimis die meist enthaltene „Botschaft fürs Leben“; so wird auch hier wieder ein Problem behandelt, das die heutige Gesellschaft kritisieren soll. In seinem Nachwort schreibt Mankell dann auch, dass er sich vorstellen könne, dass dies durchaus so geschehen könnte, wie er es für seinen Krimi erfunden hat. Im Mittelpunkt stehen dieses Mal nicht politische Missstände, sondern die Verwundbarkeit der heutigen Gesellschaft. Was man darunter genau zu verstehen hat, wird ausführlich im Buch beschrieben, würde hier aber zu viel verraten. Ich persönlich fand die Idee nicht schlecht, dieses Problem aufzugreifen, auch wenn „Die Brandmauer“ dadurch vielleicht nicht ganz das Gewicht erhält wie zum Beispiel „Die weiße Löwin“. Am Ende war ich dann doch ein ganz klein wenig enttäuscht, dass nicht mehr hinter den Ereignissen steckte, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Obwohl in jedem der Wallander-Krimis ein neuer Fall aufgeklärt werden muss, ist es doch wichtig, dass man die Bücher in chronologischer Reihenfolge liest, denn Mankell spielt in allen seinen Büchern auf bereits vergangene Ereignisse an. Dieses Mal geht er sogar ein Stück weiter und deutet diese nicht nur an, sondern beschreibt recht ausführlich den Täter aus „Die falsche Fährte“. Unfreiwillig werden dem Leser neben dem Mörder auch einige seiner Opfer und sein Motiv verraten, hier verrät Mankell so viel wie nie zuvor über einen vergangenen Krimi.

_Was am Ende übrig bleibt_
Insgesamt ist Henning Mankell mit der „Brandmauer“ ein mehr als solider Krimi gelungen, der spannender ist als die Romane seiner skandinavischen Kollegen, allerdings nicht ganz heranreichen kann an „Die weiße Löwin“ oder auch „Mittsommermord“, dennoch ist der Fall wieder hochspannend und brisant. Das Buch unterhält gut und man kann es praktisch kaum noch aus der Hand legen, wenn man erst einmal damit angefangen hat.

Deutsche Wallanderseite: http://www.wallander-web.de/

Weis, René – Welt ist des Teufels, Die. Die Geschichte der letzten Katharer 1290 – 1329

Über die Katharer, eine gnostische Bewegung, und deren gnadenlose Ausrottung durch die christliche Kirche wurde viel geschrieben, veröffentlicht und spekuliert. Konsens dabei ist, dass die Katharer (die „Reinen“) in ihrer Glaubensvorstellung tatsächlich nicht denjenigen gnostischen Strömungen zuzuordnen sind, welche Sexualität als Mittel zur Erleuchtung benutzten. Die Katharer sahen die materielle Welt als sündhaftes Werk des Teufels und versuchten, die Seelen aus dem Kreislauf der Wiedergeburt zu befreien. Im Extremfall wählten sie die |Endura|, den heiligen Märtyrerweg des Verhungerns durch vollkommene Entsagung. Sexualität fand offiziell bei den Katharern nicht statt.

Dennoch wurden den Katharern aber von der Inquisition die perversesten Sexualdelikte zum Vorwurf gemacht. Der Autor untersuchte jahrelang alle Berichte der Inquisition, besuchte die heutigen Stätten und versuchte, Historisches zu rekonstruieren. Herausgekommen ist eine detaillierte Beschreibung einzelner verfolgter Familien; ganze Dorfgeschichten mit den Verhältnissen der Bewohner untereinander werden akribisch vorgelegt. Anhand der Aufzählung dieser Quellen stellt das Buch wirklich keine leichte, sondern vielmehr eine sehr anstrengende Lektüre dar. Aber wer sich die Mühe macht, sich durch den Text zu kämpfen, erhält einen wirklichen Einblick in die Gepflogenheiten der Katharer.

Und Sexualität lässt sich nun mal gesellschaftlich nicht unterdrücken. Da der Geschlechtsverkehr nach katharischer Lehre unter Eheleuten noch sündhafter sei als mit Fremden wurde tatsächlich gebuhlt, was nur geht. Gerade die katharischen Priester nutzten ihre Autorität und Macht dafür aus, viele Frauen aus den Dörfern als Konkubinen zu haben. Die Arten der sexuellen Begegnungen werden offen in allen Details vorgelegt; wie und auf welche Weise der Geschlechtsverkehr stattfand, welche oralen Praktiken betrieben wurden und so weiter und so fort. Alle sexuellen Verhältnisse werden mit Namen, Zeit und Ort rekonstruiert. Eine historische Sittengeschichte der Kultur der Katharer zwischen religiösem Ideal und sozialer Wirklichkeit, wie sie zuvor noch nicht vorgelegt wurde.

Die Entscheidung des |Lübbe|-Verlages, solch ein anstrengendes Buch zu publizieren, ist mutig, aber aufgrund des gegenwärtigen Interesses an vielleicht „sensationellen“ Neuigkeiten über die Geheimnisse der Katharer findet das Werk sicherlich auch seine Käufer.

Mehr Informationen unter http://de.wikipedia.org/wiki/Katharer.

Barry, Dave – Achse des Blöden, Die. Eine politische Evolutionstheorie der USA

Dave Barry erklärt die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika sowie deren politischen Systems, als wäre das alles eine nette, aber völlig aus dem Ruder gelaufene Abenteuerreise. Ich fühlte mich stellenweise in den Zeichentrickfilm à la „South Park“ zurückversetzt, den Michael Moore in der Mitte seines genialen Dokufilms „Bowling for Columbine“ platziert hat. Und genau wie dieser erhebt er auch keinerlei Anspruch auf – politische oder sonstige – Korrektheit. Wie der O-Titel „Dave Barry Hits Below the Beltway“ schon besagt, zielt der Autor (angeblich) unter die Gürtellinie. (Der „Beltway“ ist Washingtons Ringautobahn.)

|Der Autor|

Verlagsinfo: Dave Barry, Pulitzer-Preisträger und in den USA einer der bekanntesten Zeitungs-Kolumnisten [beim „Miami Herald“] und Satiriker, hat zahlreiche völlig unsachliche Sachbücher veröffentlicht. „Die Achse des Blöden“, erschienen im |Eichborn|-Verlag, stand im Sommer 2003 mehrere Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.“ (Komisch, habe nichts davon bemerkt.)

Der ebenfalls bei |Bastei-Lübbe| veröffentlichte Roman „Jede Menge Ärger “ („Big Trouble“) wurde von Barry Sonnenfeld, dem wir solche „Meisterwerke“ wie „Men in Black“ verdanken, verfilmt.

_Inhalte_

Eigentlich geht es nur um ein einziges Thema: das politische System der Vereinigten Staaten. Dessen wilde Auswüchse waren kürzlich im TV zu besichtigen, mal mehr, mal weniger komisch. Dabei macht sich der Autor anheischig, eine „politische Evolutionstheorie der USA“ aufzustellen. Nun denn, es gibt vermutlich schlechteren Zeitvertreib.

Das Titelbild ist bereits Programm: Die Köpfe der Präsidenten am Mount Rushmore sind die Konterfeis von Ronald Reagan, George Bush, George W. Bush und, äh, ja, doch, Mickey Mouse. George W. schaut zu seinem Daddy hoch. Aber anscheinend hat er diesmal alles richtig gemacht: Er wurde verewigt. Die Frage ist noch, ob die Einbeziehung von Mickey Mouse die restlichen Präsidenten ehrt – oder verspottet.

Was wäre für eine „politischen Evolutionstheorie“ besser als Anfang geeignet als der Anfang? Der Anfang der Evolution ebenso wie der Anfang der Politik. Denn noch heute fragen sich gewisse Leute, wozu man überhaupt Regierungen erfunden hat, wenn sie doch bloß Unsummen an Steuergeldern verschlingen, es mit der Wirtschaft aber trotzdem bergab geht. (Gute Frage, nächste Frage.) Barrys Antwort lautet – um mehrere Ecken herum interpretiert – so: „Um uns vor den wilden Zucchini zu schützen!“

Wildgewordene Zucchini sind in der Tat eine permanente Bedrohung, nicht nur der westlichen Demokratie, der Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit, sondern des gesamten menschlichen Lebens. Ist das vorstellbar? Nein, allein schon der Gedanke tut weh, und deshalb kommen Zucchini bei Barry als „running gag“ nur in Bildform vor, aber das ständig (bei Nichtgefallen bitte die Augen verbinden).

Nun ist klar, dass jede Regierung ein geringeres Übel als wildgewordene Zucchini darstellt. Man kann also beruhigt über Regierungsformen reden, in Sonderheit natürlich über die US-amerikanische. Im zweiten Kapitel geht es dann schon ums Eingemachte (nicht was ihr denkt!): die Gründung der USA zwecks Verwaltung der Jungkühe. Ähnlich erhellend ist auch die „Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten“ in der unvergleichlichen Prosa eines gewissen Francis „Scott“ Key, der alle Ideale aufzählt, auf die diese stolze Nation gegründet ist:

„Während es uns, dem Volke, im Jammertal des menschlichen Daseins nicht geziemt zu fragen: ‚Was tut dieses Scheißland eigentlich für mich?‘, sondern ganz im Gegenteil, obzwar wir nichts zu fürchten haben als die Furcht selbst, auf dass die Regierung des Volkes, vom Volke und für das Volk, möge eine einig Nation sein, vor Gott, der da wohnt im Himmel, da auch wir vergeben den Unbefugten, und schwören, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, bis dass der Tod uns scheide, auf Lebenszeit oder nach 75 000 Meilen, je nachdem welcher Schadensfall zuerst eintritt, Amen.“ (S. 42)

Im Folgenden musste natürlich nicht nur die Unabhängigkeit in zwei Kriegen gegen die bösen, bösen Briten erkämpft werden, sondern es war auch eine Nation zu gründen und eine – jawohl, ihr habt es erraten! – Regierung mitsamt komplettem System gebildet werden. Leider ist der „ideelle Gesamtentwurf“ dafür nur unter dem Titel „Moby Dick“ bekannt, weshalb die meisten davon nur die Filmversionen kennen. „Wie erst kürzlich durch eine Gallup-Umfrage herauskam, kennen nur die allerwenigsten der Amerikaner das, was als die ‚Konstitution‘ bezeichnet wird, also die Verfassung. Die meisten haben sie nie gelesen, und 54 % der Befragten meinten, es könne sich um ein Hockeyteam handeln.“ (S. 44)

Doch in genau dieser Konstitution steht Grundlegendes für den Fortbestand der Regierung, so etwa in Abschnitt 7 des Artikels II: „Der Präsident wird Praktikanten beschäftigen, für den Fall, dass er mal eine Pizza oder dergleichen braucht.“ Die bekannteste dieser Praktikantinnen ist unter dem Namen ‚Monica Lewinsky‘ bekannt geworden. Wie gesagt, geht es um grundlegende Bedürfnisse. Artikel VI ist daher der Gigantischen Zucchini gewidmet.

In Kapitel 3 (keine Angst, es sind nur 7,5, wegen 7a und 7b) beschäftigt sich der Autor mit dem Widerspruch, der sich stets aus Regierungen ergibt: Wenn doch die Landbevölkerung im Zuge der Verstädterung seit 1800 stetig abgenommen hat, wieso ist dann das Budget des Landwirtschaftsministeriums stetig gewachsen? Bis zur heutigen astronomischen Summe von 50 Milliarden Dollar!? Das Bildungsministerium gibt mit 40 Milliarden nur unwesentlich weniger Geld aus, doch bekanntermaßen ist der Bildungsstandard seit seiner Gründung nicht gerade in den Himmel geschossen. Eher das Gegenteil. (Merke: Die Dummheit der Amerikaner lässt sich in der Menge ihrer Tattoos pro Nase messen. Lassen sich deshalb so viele Briten ihre Tattoos entfernen?) Ähnliches ließe sich für das Verteidigungsministerium sagen, und zwar selbst dann, wenn gerade kein lukrativer Krieg geführt wird.

Der Grund für die ständig steigenden Staatsausgaben sind Barry zufolge die „Bedürfnisse des Volkes“. Oh ja, diese sehen nämlich so aus, dass mächtige Lobbyisten in den Heimatstaaten der Volksvertreter dafür sorgen, dass die Staatsausgaben – sagen wir, für einen Flugzeugträger – dort landen, wo man sie braucht: in den Heimatstaaten, wo das Schiff bzw. seine Bauteile gebaut werden soll. Und solche Lobbys gibt es für alles und jedes, sogar für Zahnseide.

Kapitel 4 beinhaltet einen „Rundgang durch Washington, D.C.“, und seine „wunderbare Welt der Gänge und Korridore“. So wie Mekka und die Ka’aba das obligatorische Reiseziel im Leben eines Muslimen sind, so sollte auch jeder rechtschaffene Ami einmal die Mall, das Kapitol, das Weiße Haus und die Sicherheitscodes für die Atomraketen im Pentagon gesehen haben. Letztere bekommt man als Kopie in die Hand gedrückt. Ein kleines Souvenir.

„Muppets in Maßanzügen“ gibt es im 5. Kapitel zu besichtigen, wenn es um die Wahl des Präsidenten geht. Dabei wird anhand des Beispiels des demokratischen Senators Gary Hart (1984, Colorado) deutlich, dass es nicht um so etwas Nebulöses wie politische „Positionen“ geht. Nein, der Mann muss einfach nur gut aussehen – wie ein Muppet etwa. Doch obwohl Hart supergut aussah, machte nicht er das Rennen, sondern schon wieder Reagan, weiß der Geier, wieso. „Er wirkte einfach wie ein netter Typ“ (S. 118). Genau wie Clinton. Zu Anfang.

„Wenn wir keinen Erfolg haben, riskieren wir einen Misserfolg.“ Diese unsterblichen Worte von George „dem ersten“ Bushs Vizepräsidenten Quayle erinnern an gewisse Fussballspieler in Deutschland, die „nicht nur keinen Erfalg haben, sondern nun auch noch Pech“. Das sind niederschmetternde Erkenntnisse von größter Tragweite, die leider unter der Informationsflut, die die Lewinsky-Affäre lostrat, hoffnungslos untergingen. „Die Bush-Quayle-Administration war ein einziges Schlaraffenland für uns Humoristen“, gesteht der Autor. „Dennoch übertraf keiner der Clowns im Weißen Haus den Lachfaktor, den uns die acht himmlischen Jahre der Clinton-Administration bescherten.“

Ein paar praktische Vorschläge für bessere Wahlkämpfe:

1. Um den verlogenen Wahlkämpfern mehr „Ehrlichkeit zu injizieren“, verabreiche man ihnen Wahrheitsserum (= Natriumpentothal, äh, oder Natriumpentathol – die Übersetzung ist sich da selbst nicht so ganz einig; S. 127-32);

2. Die Kandidaten sollen Sponsorenlogos tragen, wie jeder Formel-1-Rennfahrer;

3. Die TV-Debatte der Kandidaten muss interessanter werden: „Eine sichere Methode, die Einschaltquote dafür zu erhöhen, wäre die Einrichtung einer kostenlosen Telefonnummer, mit der man seinen Favoriten wählt und der Verlierer vor laufender Kamera eliminiert wird.“ (S. 133)

In den letzten drei Kapiteln können wir anhand witziger Beispiele verfolgen, wie ein Wahlkampf abläuft und der Präsident „gemacht“ wird. Der Kandidat könnte beispielsweise versprechen, den Spaniern das ihnen abgekaufte Florida wieder zurückzugeben, oder Louisiana den Franzosen, oder Alaska den Russen (alles ehrlich bezahlte Territorien!).

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Autor sich auf Florida, den Sunshine State, konzentriert: Erstens kennt er sich hier aus, weil er für den „Miami Herald“ schreibt, und zweitens wurde hier die Wahl 2000 entschieden. Theoretisch. Praktisch wurde sie vor Gericht entschieden. Macht aber nix. Die Witze sind trotzdem gut. Besonders die, in denen keine Riesenzucchini vorkommen.

_Mein Eindruck_

Die Riesenzucchini. In einem deutschen Satirebuch hätten sie nichts zu suchen. In einem amerikanischen Satirebuch wie diesem dienen sie als Feigenblatt, nach dem Motto: Seht her, der Hofnarr, er faselt von Riesenzucchini. Also kann seine Kritik ja nicht so ernst gemeint sein, oder?

Wer aber genauer hinsieht, und all die sprachlichen Faxen, Hampeleien und irrwitzigen Vorschläge beiseite schiebt oder durchschaut, findet allerdings eine ziemlich geharnischte Kritik des politischen Systems der USA. Man kann sich darüber streiten, ob es sich überhaupt um ein System handelt und nicht etwa um reine Vetternwirtschaft, die durch eine Oligarchie zementiert wurde. Aber immerhin gibt es noch Gesetze, auf die sich der Bürger berufen kann (auch wenn nach dem Patriot Act die Freiheit, sich auf irgendetwas zu berufen, beträchtlich eingeschränkt wurde – besonders der Kreis derjenigen, die sich berufen dürfen).

Natürlich darf der Vergleich mit Michael Moores „Stupid white men“ nicht fehlen. Und der Vergleich fällt für Barry wenig schmeichelhaft aus. Er erteilt nur wenig Informationen darüber, um welche Summen und Größenordnungen (Riesenzucchini!) es geht, noch irgendwelche Ratschläge, es sei denn, er entwertet sie gleich wieder (durch die Erwähnung von Riesenzucchini).

Am besten gefielen mir diejenigen Abschnitte, in denen Barry am ernstesten ist. So etwa bei der Schilderung der Lobbytätigkeit für einen neuen, völlig unnötigen Flugzeugträger. Da dieses Buch offensichtlich vor dem 11. September geschrieben wurde, durfte Barry seine Kritik auch ohne weiteres anbringen. Danach hätte man ihm wohl vorgeworfen, die Sicherheitsinteressen der Nation im „War against Terror“ zu untergraben. Hier in Europa sehen wir das bekanntlich nicht so eng, und so wurde sein Buch denn auch 2003 im |Eichborn|-Verlag verlegt. Michael Moore hatte schon gute Vorarbeit geleistet.

Auch die drei letzten Kapitel, die um die Wahlvorgänge in Miami und Florida kreisen, sind recht lebendig geschildert: Hier kennt sich der Autor aus und plaudert ab und zu mal aus dem Nähkästchen. Das sind durchaus absurd klingende Anekdoten, die er da kolportiert. Eine nähere Erläuterung würde hier aber zu weit führen.

|Die Übersetzung|

Nur an einer Stelle kam ich etwas ins Schleudern, als ich mich auf Seite 158 fragte, was denn in Florida unter einem „Hirtenhund“ zu verstehen sei. Bekanntlich sind diese Tiere vor allem in ländlichen Gebieten des hohen Nordens anzutreffen. Dann kam mir die Erleuchtung: Es handelt sich um die allzu wörtliche Übersetzung der englischen Entsprechung für „Deutscher Schäferhund“. Und diese lieben Tierchen sind bekanntlich immer und überall anzutreffen.

Es gibt noch weitere Beispiele dafür, dass die Übersetzerin Edith Beleites manchmal haarscharf daneben schießt. Der O-Titel wenigstens, der uns Deutschen völlig witzlos erscheinen würde, wurde angemessen ersetzt. „Achse des Blöden“ ist eine – hoffentlich witzige – Verballhornung der berühmten „Achse des Bösen“, die des Öfteren von Reagan und den Bushs proklamiert wurde. Ein weiteres Schreckgespenst, mit dem sie die Ängste und Ausgabenfreudigkeit der Bevölkerung in die gewünschte Richtung steuern konnten.

_Unterm Strich_

Alles in allem finde ich Barrys Buch viel zu harmlos, um es mit Michael Moores „Stupid White Men“ aufnehmen zu können. Durch die Erwähnung der notorischen Riesenzucchini verniedlicht Barry seine durchaus harte Kritik am System selbst. Eine „politische Evolutionstheorie“ konnte ich nicht entdecken, jedenfalls keine ernstzunehmende. Barry, der Hofnarr? Leider ja, denn zum Till Eulenspiegel reicht es keineswegs.

John S. Marr – Die achte Posaune

Das geschieht:

Zwei Jahre ist es her, dass die Welt (= die Vereinigten Staaten von Amerika) vom irren Reagenzglas-Psychopathen und Bio-Terroristen Theodore Graham Kameron heimgesucht wurde. Die zehn Plagen des Alten Testaments hatte der geniale, unter akutem religiösen Wahnsinn leidende Naturwissenschaftler in seinem Labor heraufbeschworen: dies sehr erfolgreich und mit für seine zahlreichen Opfer unerfreulichen Folgen.

Auf die Schliche gekommen war dem selbst ernannten Engel des Bösen damals Jack Bryce, Spezialist für Infektionskrankheiten. Noch heute leidet er unter den Folgen der Hetzjagd, die ihn das große Finale nur arg ramponiert überleben ließ. Schlimmer: Kameron konnte entkommen. Für die Behörden gilt er als tot, aber Bryce weiß es bald besser. Wie nahe ihm sein Feind ist, ahnt er nicht: Im US-Südstaat Virginia hat Bryce eine Stelle als Universitätsdozent angenommen. Der Zufall (bzw. die von Hollywood geprägte Dramaturgie des modernen Bestseller-Thrillers) hat ihn dorthin verschlagen, wo der Kameron-Clan – dessen Angehörige schon immer verhaltensauffällig waren – seit 150 Jahren Übles treibt.

Theodore wandelt auf den Spuren seiner Vorfahren. Wieder plant er die Welt für allerlei sündhaftes Tun zu strafen. Dieses Mal wählt er eine besonders widerliche Methode: Er malträtiert seine Opfer mit Würmern, Zecken oder Blutegeln, die er zusätzlich mit exotischen Krankheitskeimen auflädt. Im Inneren eines menschlichen Körpers entwickelt sich diese Höllenbrut prächtig, um dann am Tage X hungrig über die Organe ihres Wirtes herzufallen. Das garantiert ein eindrucksvolles Sterben, wie u. a. Shmuel Berger bestätigen kann (Kotztüten bereithalten!), dessen Studienfreund und Zimmergenosse just auf diese Weise zu Tode kam. Shmuel hatte damals geholfen, dem entfesselten Kameron das Handwerk zu legen. Mit im Bunde waren Vicky Wade, Fernsehreporterin, und FBI-Agent Scott Hubbard, die Kameron ebenfalls nicht vergessen hat.

Doch zunächst gilt es die übliche Alltagsarbeit eines gemeingefährlichen Irren zu verrichten. Kameron kontaminiert diverse Pechvögel mit seinen Parasiten, um jene Angst und jenen Schrecken zu säen, nach dem er süchtig ist. Lange dauert es nicht, bis Jack Bryce aufmerksam wird. Glücklicherweise hat er an seinem neuen Wirkungsort einige Verbündete gefunden, die mit den alten Mitstreitern dafür sorgen werden, dass die Posaune des achten Engels vorläufig noch im Schrank bleibt …

Mikro-Wesen säen Makro-Schrecken

Doch bis es soweit ist, gibt es wieder tüchtig Action und Krawall, in die sich dieses Mal mehr als ein ordentliches Quäntchen Splatter mischt. Recht unappetitlich fällt Kamerons zweite Attacke auf die sündige Menschheit aus. Was bleibt einem hart arbeitenden Unterhaltungs-Schriftsteller schon übrig, um auf dem umkämpften Markt des Medizin-Thrillers die leidige Konkurrenz auszustechen? Ekel mit der groben Kelle ist immer gut fürs Geschäft; die Leser lieben ihn, und die Tugendbolde schäumen, was für gern gesehene Gratis-Werbung sorgt.

Natürlich ist „Die achte Posaune“ ein Reißbrett-Roman von der ersten bis zur letzten Zeile. Hier wurde rein gar nichts dem Zufall überlassen. Nur bewährte Thriller-Elemente fanden Verwendung in einem mechanisch geplotteten Werk, das seinen Verfasser an die Spitze der Bestseller-Listen tragen sollte. Das hat recht gut geklappt. So schlecht klingt diese „Posaune“ außerdem nicht. Wenn man Überraschungen hasst und Remmidemmi liebt, kommt man auf seine Kosten.

Noch besser: Die Handlung entwickelt sich geradezu surreal, scheut nie vor dem völlig Absurden zurück und streift sogar den blanken Horror. Theodore Kameron entpuppt sich als letzter Vertreter einer wahrlich verdammten Sippe von Lumpen, Irren, Kannibalen und Serienkillern, die seit Jahrhunderten erst im alten Europa und dann in der Neuen Welt ihr Unwesen treiben. Das ist einfach hirnrissig, wird aber hinreißend erzählt.

Vollgas nach Stotter-Start

Dies sorgt für echte Verblüffung: John Marr gehört zu den seltenen Autoren, die denkbar ungeschickt starten, um sich dann zu echten Geschichtenerzählern zu mausern. „Die achte Posaune“ ist auch mit einer zweiten Eigenschaft etwas Seltenes: der zweite Teil einer Story, die den ersten deutlich übertrifft. Absurd ist dieses Garn zweifellos, aber eben auch vergnüglich und spannend, und wenn der erfahrene Thriller-Leser auch stets im Bilde ist, so geschieht doch ständig etwas, das die Aufmerksamkeit fesseln kann.

Liegt es daran, dass Marr das zweite Bryce/Kameron-Spektakel im Alleingang entfesselt? John Baldwin, Co-Autor von „The Eleventh Plague“ (1998; dt. „Die elfte Plage“) genoss derweil die Freuden der Vaterschaft, wie wir dem Nachwort entnehmen. Eine weitere Fortsetzung wäre möglich, denn der böse Hannibal Frankenstein entkommt schon wieder seinen Häschern!

Das lässt den Leser nicht leise aufstöhnen, sondern kann sogar Erwartungen wecken. Mit „Teddy“ Kameron ist Marr ein wirklich schaurig-schillernder Bösewicht gelungen. Heimlich, still und leise führt er seinen bizarren Ein-Mann-Krieg gegen den Rest der Welt und legt dabei einen ausgeprägten Sinn für schräge Einfälle an den Tag.

Medizinschrank als Gruselkabinett

Sind die beschriebenen Schrecken realistisch? Das bleibt Nebensache. Sie lesen sich jedenfalls spannend. Sein außerordentliches Hintergrundwissen bringt Marr, ein studierter Mediziner und Seuchenspezialist, der viele Jahre das Gesundheitsamt der Stadt New York leitete, dieses Mal deutlich souveräner als noch in „Die elfte Plage“ ins Spiel bzw. in den Dienst seiner Geschichte. Todesviren ziehen in Literatur und Film immer, und Marr weiß, wovon und wie man schreibt.

Leserherz (bzw. -hirn), was willst Du mehr? Manchmal wünscht man sich, Marr in seinem Enthusiasmus bremsen zu können, denn der Kampf gegen den biologischen Terror, der ganz real und auch ohne Dr. Kamerons Nachhilfe über die Menschheit kommen kann, ist dem Verfasser ein echtes Anliegen. Mehrfach unterbricht er seine Geschichte mit ausführlichen Referaten über Seuchen, die per Schiff oder Flugzeug in Windeseile um den Globus reisen, sich mit harmlosen einheimischen Krankheiten mischen und sich in das Unsägliche verwandeln könnten. Stört das den Fluss der Geschichte? Ganz erheblich, obwohl der Leser gern zugibt, dass solche Hintergrundinformationen das furchtsame Schütteln noch steigern!

Dass Marr seine Leser zwar ernst nimmt, um die ironischen Aspekte seiner Schauermär aber sehr wohl weiß, demonstriert er u. a. mit der Figur des Dwight Fry, den die Faszination in den Bann des dämonischen Dr. Kameron zwingt. Der Horrorfan erkennt die Anspielung: Dwight Frye (1899-1943) war der Schauspieler, der im Filmklassiker „Frankenstein“ (1931) die Rolle des „Fritz“ spielt, seinem Herrn hündisch ergeben ist und seinen Teil dazu beiträgt, Frankensteins Monster über die Welt zu bringen. Marrs Fry entspringt darüber hinaus dem legendären Schocker „Freaks“ (1931), den Regisseur Tod Browning mit tatsächlich körperbehinderten Männern und Frauen besetzte, die sich normalerweise ihren Lebensunterhalt als Jahrmarkts-Monstrositäten verdienten. Unter ihnen, die gequält und betrogen werden, bis sie sich gegen ihre Peiniger erheben: Johnny Eck, ein junger Mann ohne Unterleib!

Drama ohne Finale

Für den dümmlichen deutschen Titel, der wieder einmal platt das Alte Testament bemüht, um geradezu apokalyptische Dramatik zu suggerieren, dürfen wir den Verfasser nicht verantwortlich machen. Dem war „Wormwood“, also „Wermut“ eingefallen, aus dem u. a. der berüchtigte, halluzinogene und süchtig machende Absinth hergestellt wurde.

Teddy ist überaus einfallsreich, und der Wahnsinn liegt bei den Kamerons offensichtlich in den Genen. Hinter den Kulissen der Weltgeschichte waren sie schon immer für allerlei Schauerlichkeiten verantwortlich. Möglicherweise ist Theodore nur die Spitze des Eisbergs: Es gibt da einen finsteren, alten, komplexen Plan, der von Jack Bryce und seinen wackeren Gefährten bisher nur in Ansätzen enthüllt wurde. Die wiederum flüchtige Kameron selbst plant jedenfalls noch Großes für die Zukunft.

Wir sind durchaus gespannt. Auf eine Fortsetzung dürfen wir aber offenbar nicht mehr hoffen. John S. Marr, der so schwungvoll vom Arzt zum Unterhaltungsschriftsteller wurde, hat nach „Die achte Posaune“ keinen weiteren Roman geschrieben, sondern kehrte zur ‚reinen‘ Medizin zurück.

Taschenbuch: 477 Seiten
Originaltitel: Wormwood (New York : Frog City Ltd. 2000)
Übersetzung: Axel Merz
http://www.luebbe.de

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