Pascal Engman – Der Patriot. Schweden-Thriller

Gute und böse Patrioten

In Stockholms Zeitungsredaktionen regiert die Angst. Drohungen gehören zum Alltag, populistische Meinungsmacher verschärfen die aufgeheizte Stimmung noch. Als eine junge Journalistin, die strikt für Meinungsfreiheit eingetreten ist, kaltblütig ermordet wird, werden die schlimmsten Befürchtungen plötzlich real. Nur Madeleine Winther, eine junge aufstrebende Nachrichtenredakteurin, bleibt davon merkwürdig unberührt und plant stattdessen ihre nächsten Schritte auf der Karriereleiter. Doch auch sie muss sich der Realität stellen, denn es bleibt nicht bei diesem einen Opfer.

Der Täter, Carl Cederhielm, will Rache nehmen an allen, die dazu beitragen, dass seine Heimat Tag für Tag von Flüchtlingen überschwemmt wird. Sein Ziel sind die Medien, und gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten eröffnet er die Jagd auf Journalisten. Es scheint, dass niemand die schwedischen Terroristen aufhalten kann. Doch dann taucht ein neuer Akteur auf der Bildfläche auf, der zum Äußersten entschlossen ist. (Verlagsinfo)

Der Autor

Pascal Engman, geboren 1986, war Journalist des schwedischen »Expressen«. Sein 2019 bei Tropen erschienener Thriller »Der Patriot« wurde in Schweden ein Bestseller. »Feuerland« war der erste Band in der Krimi-Reihe um Kriminalinspektorin Vanessa Frank. Pascal Engman lebt in Stockholm.

1) Der Patriot (2019)
2) Feuerland (2020)
3) Rattenkönig (2021)
4) Mörderische Witwen(2022)

Handlung

Hannah Löwenström hat einen Artikel für die größte Morgenzeitung Schwedens verfasst und bekommt es nun mit der Angst zu tun. Auf Twitter und anderen Kanälen erhält sie nicht nur fiese Unterstellungen, sondern auch ernstgemeinte Morddrohungen von rechtsextremen Typen. Nur weil sie nach dem Jahr 2015 für Toleranz mit Asylanten und Einwanderern geworben hat. Sie traut sich kaum noch aus ihrer Wohnung, aber die Luft scheint rein zu sein. Erst als sie vom Laden um die Ecke zurückkehrt, folgt ihr ein Unbekannter bis auf ihr Stockwerk. Vor ihrer Tür ersticht er sie von hinten, so dass sie elend verblutet.

Der Patriot

Carl Cederhielm ist stolz auf seine Tat, denn er findet, dass der Invasion von Arabern Einhalt geboten werden müsse. Zusammen mit seinen Teammitgliedern Fredrik Nord und Lars Nilsson, einem Stockholmer Polizisten, hat er alle Journalisten, die für Asyl und Toleranz werben, zum Freiwild erklärt. Die Löwenström sei nur der Anfang. Aber es gebe eben auch brave Lehrer, Richter und viele andere, die solche Weicheier sind. Der Kodex der Gruppe erlaubt deren „Liquidierung“ jedoch – noch – nicht. Aber die Todesliste ergänzt er schon mal prophylaktisch um den Namen des laschen Lehrers. Hinter Löwenström setzt er ein X. Es ist eine lange Liste…

Chile

August Novak ist Schwede, aber das darf keiner aus seinen engsten Vertrauten wissen. Denn der ehemalige Fremdenlegionär und Afghanistan-Veteran arbeitet mittlerweile als Leibwächter für einen russischen Waffen- und Drogenhändler namens Vladimir Ivanov, der ein Bordell als Treffpunkt nutzt. Ivanov kann ungehindert in der Region agieren, denn er hat alle Politiker, Cops und Amtspersonen geschmiert. Vor Andrej, dem anderen Leibwächter, muss sich August allerdings in Acht nehmen, denn der möchte den unliebsamen Rivalen um Ivanovs Gunst am liebsten verschwinden sehen.

Doch Ungemach kommt von zwei Seiten auf August zu. Er hat sich mit einem politischen Unruhestifter angelegt, und nun will sich Paredes für die Verletzung seiner Hand, die ihm August mit einer Harpune beigebracht hat, rächen. August weiß seine Lebensgefährtin Valeria, die kürzlich schwanger geworden ist, jedoch auf seiner Farm in Sicherheit. Stärkeres Kopfzerbrechen bereitet ihm eine Bande Kolumbianer, die im Anmarsch ist: Deren Kokainladung wurde im Hafen von New York City an die Drogenbehörde verraten: Koks und Geld sind futsch. Und wer ist schuld? August hat das Versteck auf dem Segelschiff angelegt. In Ivanovs Bande muss es einen Maulwurf geben.

Ivanov und Andrej verdächtigen zuerst August, weil der sein Handy unbeobachtet benutzt hat. Ist August womöglich ein Spitzel der chilenischen Spezialpolizei? August kann sich entlasten, denn er wollte bloß mit seiner Mutter in Stockholm telefonieren. Doch dann muss ein anderer ins Gras beißen. Als schließlich auch seine Freundin Valeria mitsamt ihrem Aufpasser „Onkel Luis“ getötet wird, ist August entschlossen, den oder die Mörder zu finden. Er hätte nie gedacht, dass sein einziger Freund Ilja etwas mit der Sache zu tun hätte…

Am Ende muss er sich vor den Kolumbianern in Sicherheit bringen und das Land verlassen. In seiner Heimat Schweden liegt noch fünf Jahre lang ein Haftbefehl gegen ihn vor. Wenn er die gesamten 15 Jahre durchhält, ist das Verbrechen, ein Raubüberfall, verjährt und er ein freier Mann. Sein Kontakt in Stockholm ist seine Exfreundin Amanda Lilja, welche wiederum die Freundin und Branchenkollegin der Zeitungsreporterin Madeleine Winther sein.

Die Journalistin

Madeleine hatte was mit dem verheirateten Chefredakteur Markus Rahde, doch der hat sie inzwischen abserviert und auf einen Dummejungeposten gesetzt: Twitter checken. Er hat sie in der Hand, denn es gibt offenbar ein unbemerktes Ü-Video, das sie beim Sex mit einem Sozialdemokraten zeigt, den sie gleich darauf auffliegen ließ und bloßstellte. Zu dumm, dass dieser Typ so misstrauisch war. Und jetzt ist Madeleine auch noch von Markus schwanger. Als Amanda ihr eines Tages von diesem August Novak erzählt, den sie nach zehn Jahren (!) wiedergesehen hat, sieht Madeleine eine Story mit Potential…

Der Araber

Carl Cederhielm und seine zwei Kumpane planen einen weiteren Anschlag, denn ihr letztes Opfer hat dummerweise überlebt. Nun hängt eine Phantomzeichnung von Carl auf dem Fahndungsplakat der Polizei in ganz Stockholm. Saublöd gelaufen! Inzwischen meidet er Ü-Kameras und hat sein Aussehen verändert. Für den nächsten Anschlag, den sie den „Zecken“ aus Syrien in die Schuhe schieben wollen, entführen sie Mitra, die intelligente Jurastudentin, die nicht ganz zufällig die innigst geliebte Tochter des Taxifahrers Ibrahim Chamsai ist.

Wenn er sie lebend wiedersehen wolle, müsse er einen Bombenanschlag für sie, Mitras Entführer, erledigen. Ibrahim, der schon seit Jahren in Schweden lebt und dessen Volk sehr dankbar ist, sieht keinen anderen Weg, als den Erpressern zu gehorchen, will er sein einziges Kind wiedersehen. Er stellt sein Taxi direkt vor dem Eingang des Grand Hotel ab und flüchtet durch die Lobby zum Hinterausgang.

Gleich darauf erschüttert ein gewaltiger Donnerschlag die bis dahin so ruhige Stockholmer Innenstadt…

Mein Eindruck

Die Handlung des Schweden-Thrillers ist clever und folgerichtig konstruiert, doch muss sich der Leser, der eher US-amerikanische Kost kennt, etwas umgewöhnen. Denn die Perspektive der Ermittler fehlt vollständig. Das lässt das verunsichernde Gefühl aufkommen, dass erstens eine Identifikationsfigur fehlt – am ehesten eignet sich dafür noch August Novak. Und zweitens gibt es keinen, der einen Durchblick entwickelt.

Auf eine Weise, die mancher Leser als hinterlistig empfinden dürfte, macht der Autor den Leser zum Komplizen des „Patrioten“ Carl Cederhjelm, indem er jede Aktion dieses nationalistischen Rassisten minutiös schildert. Jeden Fehler bedauern wir mit, so etwa, als eines der Opfer überlebt. Diese Erzählweise bewegt oder lockt den Leser in eine Position, in der Gewalttaten entschuldbar erscheinen und Fehler zu Bedauern verleiten. Das kann von einigen Lesern als höchst fragwürdige Darstellungsweise aufgefasst werden.

Umso willkommener wird daher ab etwa Seite 300 der Auftritt des kampferprobten, aber seelisch lädierten Exsoldaten August Novak empfunden. Und diese Hoffnung wird nicht enttäuscht. Er ist zwar alles andere als ein Ermittler- welche, wie gesagt, durch Abwesenheit glänzen – aber wenn es hart auf hart kommt, kann sich seine rückgewonnenen Freundin Amanda Lilja auf ihn verlassen. Die entsprechende Kampfszene ist mit Schwung erzählt und mit überzeugender Sachkenntnis untermauert. Hier hat der Autor wohl eigene Erfahrung im Messerkampf eingebracht.

SPOILER!

Doch Amanda ist verraten worden. Und zwar von Madeleine Winther, der Informationsquelle von Carls Killertrio. Wenn der Leser dies realisiert, fühlt er einen gelinden Schock, wenn nicht sogar von Empörung und Wut auf ein Mitglied der Presse, die eigentlich für unparteiische Berichterstattung sorgen sollte. Doch die Sensationspresse, der sich Madeleines Revolverblatt zuzählt, steht in einem harten Konkurrenzkampf untereinander und kämpft mit unsauberen Methoden.

Der Autor war ja selbst Mitglied dieser Branche und schildert die besagten Methoden und menschlichen Verhaltensweisen detailliert und glaubwürdig. Hochschlafen ist dabei noch die harmloseste Methode. Madeleine lässt auch ihren Boss Markus Rahde von den Extremisten aus dem Weg räumen. Sie betrachtet sich als eine der Patrioten.

Showdown

Was ist besser als ein toter Chefredakteur? Drei tote Chefredakteure. Diese simple Mengenlehre hat sich Carl zueigen gemacht. Madeleine gibt ihm den Tipp für die perfekte Gelegenheit: eine Fährenfahrt nach Helsinki. Ein – mehr als – glücklicher Zufall will es, dass August seiner Amanda und deren Tochter Andrea eine ebensolche Schiffsreise nach Helsinki spendiert.

Doch was als vielversprechende Vergnügungsreise beginnt, verwandelt sich alsbald in einen höllischen Alptraum, in dem Augusts Soldatenfähigkeiten gefragt sind. Die letzten hundert Seiten kann man nicht mehr aus der Hand legen. Große Actionklasse!

Die Übersetzung

Die Übersetzung stammt von Nike Karen Müller.

S. 122: „Er befühlte sein Gesicht, es schrinnte und schmerzte.“ Mit dem Verb „schrinnen“ bin ich nicht vertraut.

S. 125: „Sie will Zivilökonomin werden.“ Das kann entweder „Betriebs-“ oder Volkswirtschaftslehre“ heißen. Lieber wäre mir als Leser Eindeutigkeit.

S. 133: „Der Nachrichtendienst Säpo…“: Die Säpo, der Krimileser weiß es zahlreichen A-Team-Fällen, ist ein Geheimdienst mit polizeilichen Vollmachten, also eine Kombination aus BND und Verfassungsschutz. Mitunter mit sehr zweifelhaften Methoden.

S. 160: Eine Passage über säkulare vs. religiös motivierte Terroristen. Die säkularen sind entweder links- oder rechtsextrem.

Unterm Strich

Meine Lektüre war zunächst von Neugier geprägt, und die Handlung in Chile ließ sich auch ganz spannend an. Sie bildet das Vorspiel, das von den Anschlägen der Patrioten in Stockholm kontrastiert wird. Doch nach Augusts Abreise und vor seiner Ankunft in Stockholm gerät die Spannung in ein Schlagloch, an einen toten Punkt. Hier ist dringend zu empfehlen, weiterzulesen, um die Action nach dem Anschlag auf das Grand Hotel nicht zu verpassen und das Finale auf der Fähren genießen zu können.

Offenbar hatte der Autor in diesem seinem Debüt noch nicht ganz den Kniff gefunden, wie der toten Punkt nach zwei Dritteln zu überwinden ist. Viele andere AutorInnen haben es lernen müssen, diesen Kniff zu finden oder ihn von einem routinierten Lektorat gezeigt bekommen.

Patrioten

Wer ist denn nun der titelgebende Patriot, mag sich der Leser am Schluss fragen. Ist es August Novak, der sich für Amanda opfert? Sicher betrachtet sich Carl Cederhielm als solcher, doch seine Methode des systematischen Mordens von Linken, Journalisten und Weichlingen erinnert derzeit mehr an die blutigen Taten eines Wladimir Putin. Alle gewählten Zielgruppen werden abgemurkst, und wer zur Zielgruppe gehört, bestimmt Carl selbst. Das sind Gestapo-Methoden.

Carl hat nicht wenig Ähnlichkeit mit Adolf Hitler. Das wird spätestens dann klar, als er seine eigene Kampfschrift verfassen will. Sie gleich Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ in der Intention, findet ihre Parallele aber auch in der Streitschrift eines Anders Breivik. Es war Stieg Larsson, der diese rechtsextremen Psychopathen von Anfang an bekämpfte und eine der umfangreichsten Bibliotheken Skandinaviens über sie anlegte. Larssons Kampfzeit – er wurde nur 50 Jahre alt – war voll mit fremdenfeindlichen Attacken.

Die Presse als Komplize

Das Hauptproblem, das der Autor ausmacht, ist der ethisch desolate Zustand der schwedischen Tagespresse. Der Autor ruft den Leser indirekt dazu auf, über die geschilderten Praktiken sein eigenes Urteil zu fällen. Ist es in Ordnung, den Sturz der Regierung nicht nur vorauszuahnen, sondern vorherzusagen und fast schon aktiv daran mitzuwirken? Nun, Madeleine sieht darin nur eine Chance, auf der Karriereleiter aufzusteigen und Ressortchefin zu werden. Nachdem sie ihren Fötus abgetrieben hat, kann ihrem weiteren Aufstieg eigentlich kaum noch was im Wege stehen. Was Frauenfiguren betrifft, stellt Madeleine das genaue Gegenteil von Amanda Lilja vor. Mehr darf nicht verraten werden.

Demokratie in Gefahr

August Novaks Kampf gegen die „Patrioten“ und andere Anhänger der rechtsnationalen „Schwedendemokraten“ – diese Partei gibt es wirklich – ist ein Signal, das der Autor an den Leser sendet. Nur eine Demokratie, die wehrhaft ist und sich zu verteidigen weiß, werde Bestand haben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war das US-Capitol noch nicht gestürmt, aber Breivik hatte schon sein Utöya-Massaker verübt. Und auch der islamistische Anschlag in Stockholms Einkaufsmeile wird mehr erwähnt. Insofern wirkt der Roman wie eine Extrapolation dieser terroristischen Entwicklung. Heute wie damals bildet er einen Anstoß zum Nachdenken.

www.klett-cotta.de

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