Paul J. McAuley – Ewiges Licht (Alien-Trilogie 3)

Visionäre kosmische Science Fiction

„Ewiges Licht“ ist der letzte Band einer wichtigen Science Fiction-Trilogie, des sogenannten „Alien-Zyklus“. Noch 16 Jahre nach ihrer Veröffentlichung erweist sich die Trilogie als einer der Startpunkte der aktuell blühenden „New Space Opera“, die in erster Linie von britischen Autoren geformt wird: Stephen Baxter, Peter F. Hamilton, Alastair Reynolds, McAuley, Charles Stross, Ken MacLeod – dies sind die englischen Namen, die man sich merken muss. (Natürlich gibt es auch Vertreter auf der anderen Seite des Teiches, wie etwa VernorVinge, G. Benford und D. Brin, um nur die bekanntesten und ältesten Vertreter zu nennen.)

„Ewiges Licht“ setzt die Handlung von „Vierhundert Milliarden Sterne“ direkt fort. Der eingeschobene Band „Verborgene Harmonien“ hat mit der Hauptfigur Dorthy Yoshida nichts zu tun und kann als Einzelroman gelesen werden. Wahrscheinlich deshalb wird die Trilogie als locker verbundener „Zyklus“ bezeichnet.

Das amerikanische Gegenstück zu dieser Trilogie wäre wohl Gregory Benfords CONTACT-Zyklus, eine Space Opera, die immerhin sechs Romane umfasst.

Der Autor

Von Paul McAuley, einem 1955 geborenen Biologen, sind bei uns nur wenige Romane erschienen (alle bei Heyne).

Der ALIEN-Zyklus:

1) Vierhundert Milliarden Sterne (Philip K. Dick Award 1989)

2) Verborgene Harmonien (1989)

3) Ewiges Licht (1991)

sowie:

– Roter Staub (1993)

– Feenland (1995, Arthur C. Clarke Award)

– Die Herren der Erde (Erzählungen)

– Pasquales Florenz (1995)

Handlung

Der interstellare Krieg, der in „Verborgene Harmonien“ tobte, ist endlich vorüber, und die Archäologen finden wieder Arbeit. Kaum besucht Dorthy Yoshida, die Hauptfigur aus „400 Milliarden Sterne“, eine der Ausgrabungsstätten auf dem vor Urzeiten verwüsteten Planeten Nowaja Rossija, da wird sie auch schon gewaltsam und spektakulär entführt.

Der Milliardär Talbeck Barlstilkin von der Welt Elysium, ein sogenannter „Goldener“ aus der Elite, bedarf ihrer Dienste als Telepathin. Sie ist die Einzige im „bekannten Weltraum“ (ein Ausdruck von SF-Autor Larry Niven), die bereits einmal friedlichen Kontakt mit dem FEIND hatte. Sie selbst beliebt die Aliens als „Alea“ zu bezeichnen. Und die Alea haben in ihrem Kopf ein Souvenir zurückgelassen…

Der künstlich verjüngte „Goldene“ Talbeck zeigt Dorthy in einer 3D-Computersimulation, dass sich dem Sonnensystem ein höchst ungewöhnlicher Stern nähert. Er kommt aus dem Kern der Milchstraße und hat einen Affenzahn drauf: sieben Prozent der Lichtgeschwindigkeit, also schlappe 17.000 Kilometer pro Sekunde! Und das Merkwürdigste daran: Obwohl der Stern so schnell ist, dass er unsere Sonne schon in 1200 Jahren erreichen wird, besitzt er einen Planeten, der ihn umkreist. Und wer könnte wohl diese Welt bewohnen?

Für Dorthy Yoshida ist der Fall ziemlich klar: Sie hat von den Alea erfahren, dass vor Jahrmillionen ein abgespaltener Stamm der Alea, die „Marodeure“, sich in der Nähe des Kerns angesiedelt hat, nahe dem Schwarzen Loch, das im Zentrum unserer Galaxis Sterne und Welten verschlingt. Die Alea verfügen über die Antigravitationstechnologie, mit der sie ganze Planeten und Monde in Bewegung versetzen und punktgenau durch die Weiten des Raums schleudern können. Was wollen sie mit ihrem überschnellen Stern bezwecken?

Sobald die Nachricht von der sich nähernden Welt bekannt wird, gerät der labile Friede, auf den man sich im Sonnensystem geeinigt hat, augenblicklich wieder in Gefahr: Politische Gruppierungen wie die von Talbecks „Goldenen“ und religiöse Eiferer wie die „Zeugen“ versuchen, die sich abzeichnende Katastrophe skrupellos für ihre jeweils eigenen Zwecke einzuspannen.

Um den Zweck des Besuchs der sich nähernden Welt herauszufinden, weist man einer Gruppe von Spitzenwissenschaftlern die Aufgabe zu, das Rätsel zu lösen. An Bord des Talbeck-Forschungsschiff befindet sich auch Dorthy Yoshida, die telepathisch begabte Astronomin, des weiteren auch Talbeck selbst, dessen Organismus so weit verändert wurde, dass er über fast unendliche Lebenserwartung verfügt – das Gegenstück zu einem Tolkienschen Elbenlord also. Talbeck, der gegen die „Weltpolizei“ opponiert, ist natürlich an der überragenden Alea-Technologie interessiert. Wer weiß, was man damit alles anstellen könnte – weit weg von Terra…

Als Talbecks Schiff in der Nähe des überschnellen Sterns und seines abnormalen Mondes Havarie leidet, müssen er und Dorthy an Bord eines großen Forschungsschiffs, der „Vinganca“, die allerdings schon bald von den religiösen Eiferern der „Zeugen“ gekapert wird. Im Mond befinden sich Wurmlöcher, die es erlauben, direkt zum Kern vorzustoßen, als wären sie Dimensionstore.

Doch hier, am Schnittpunkt der Interessen, taucht noch ein Einzelschiff auf. An Bord ist Suzy Falcon, die Pilotin, die Talbeck angefordert hatte. Sie hat jedoch auf dem Saturnmond Titan ein Wesen mitgenommen, das sich als Kyborg erweist, als Kombination aus Mensch und Maschine. „Robot“, so nennt er sich, ist ein „revolutionärer“ Künstler mit einem kyborgmäßig aufgerüsteten Gehirn.

Nach ihrem Durchgang durch eines der Wurmlöcher landen Suzy und Robot jedoch nicht wie geplant am Kern der Milchstraße, sondern auf einem tropischen Strand, komplett mit Palmen und glasklarem Wasser in einer Lagune. Dies ist die „Interzone“, eine Region zwischen Universen. Sie wurde von einer Spezies erschaffen, die weder Mensch noch Alea ist: die „Engel“. Und da sie nicht gut auf die Marodeure der Alea zu sprechen sind, geben sie Suzy eine gewaltige Waffe in die Hand.

Ab geht’s zum Showdown am Schwarzen Loch!

Mein Eindruck

Vor 13 Jahren erschien dieser sehr gehaltvolle Roman. Damals schwappten die Errungenschaften der Cyberpunk-Science Fiction auch nach Europa. Sie lieferten auch MacAuley Ideen: Gentechnologie, Kyborgwesen, virtuelle Realität, künstliche Lebensverlängerung, aber keine Computerviren, sondern Gedächtnisviren – in Dorthy Yoshidas Kopf beispielsweise. Außerdem gibt es diese putzigen Krabben, die aber Maschinen sind, die sich vermehren können, sogenannte Von-Neumann-Maschinen. (Sie kommen bei John Sladek vor.)

Hier kommen H.G. Wells und Larry Niven zusammen, findet die „Encyclopedia of Science Fiction“. Von Larry Niven („Ringwelt“) stammen Konzepte wie die theoretischen Wurmlöcher, die sich als Dimensionstore benutzen lassen (bislang nicht realisierbar).

Von H. G. Wells stammt die Vorstellung, dass sich mehrere interstellar raumfahrende Spezies wie die Menschen, Alea und Engel einen Krieg liefern könnten. Außerdem findet sich hier die Einsteinsche Theorie von der Zeitdehnung (Dilatation) wieder: Als die Hauptfiguren zurück zur Erde finden, sind dort 50 Jahre vergangen, und erhebliche Veränderungen sind passiert.

Das Interesse des Autors für seine von ihm ausgetüftelte Geschichte der galaktischen Zivilisationen beeinträchtigt jedoch hin und wieder die plausible, wenn schon nicht unterhaltsame Vermittlung des Schicksals der Figuren, die er in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut hat, damit wir an ihrem Schicksal eine gewisse Teilnahme fühlen können. Und so kommt einem manche Szenen derartig abgehoben vor, dass man nicht sicher ist, ob man wissen möchte, wie sie ausgehen. Und das ist eigentlich eine Tödsünde, die ein Autor begehen kann.

Im Endeffekt ist es vielmehr die Neugier herauszufinden, womit einen der Autor eigentlich noch beeindrucken kann, die einen dazu bringt weiterzulesen. Hier trifft sich dann MacAuley mit Autoren wie Niven, Brin und Benford, die ja auch Space Operas vorgelegt haben. Allerdings tauchen bei ihm nicht die Ingenieure auf, sondern eher unwahrscheinliche Leute: eine telepathische Astronomin, ein schier unsterblicher Magnat (Talbeck), ein Kyborg, ein Kampfpilotin, etliche religiöse Fanatiker und zu guter Letzt ein visionärer Astrophysiker namens Abel Gunasekra, der für fast alles am Schwarzen Loch eine Erklärung hat. Ohne ihn wären wir komplett aufgeschmissen.

Die aktuellen Space Operas aus USA und GB sind wesentlich besser konstruiert, aber auch häufig wesentlich länger. Dass Romane von Vernor Vinge, Stepehn Baxter oder Alastair Reynolds rund 900 Seiten lang sind, ist keine Seltenheit mehr, sondern bereits die Regel. Das sind 50 Prozent mehr Seiten, als MacAuley uns zumutet. Aber diese 50 Prozent lohnen sich. Vor allem dann, wenn sie gut übersetzt worden sind.

Die Übersetzung

Inzwischen hat der Übersetzer gewechselt. Peter Pape hatte seine Probleme mit astronomischen Fachtermini, und Winfried Petri ist auf dem Gebiet der Naturwissenschaften firm. Leider ist dieser Umstand noch keine Garantie für eine einwandfreie Übertragung ins Deutsche. Noch immer in schlechter Erinnerung ist das Desaster, das Petri an Kim Stanley Robinsons wichtigem Mars-Roman „Roter Mars“ und dessen Fortsetzungen angerichtet hat. Ich habe seinerzeit die Fehler aufgedeckt. Spätestens bei „Blauer Mars“, der Nr. 3 der Trilogie, wirkten sich Petris Fehler so katastrophal aus, dass der Verlag den Roman so lange zurückhalten musste, bis Wolfgang Jeschke, der Lektor und Herausgeber der Heyne Science Fiction Reihe himself, die Übersetzung Petris in mühseligster Kleinarbeit korrigiert hatte.

Petris Verbrechen an dem Text von „Ewiges Licht“ aufzuzählen, würde ein Buch füllen. Dabei sind seine Fehler nicht sachlicher Natur, sondern eine Frage des Stils. So kann man heute nicht mehr schreiben. Die Grammatikkonstruktionen stammen ebenso aus den fünfziger Jahren – immerhin des 20. Jahrhunderts – wie so manche Wortwahl. Der Konjunktiv II taucht allenthalben auf, obwohl er längst nur noch in Ausnahmen verwendet wird. Hinzukommen Schreibweisen, die vielleicht in der Schweiz noch Einsatz finden, aber hierzulande schon längst nicht mehr, so etwa „Vacuum“.

Um den Leser weiter zu irritieren, lässt Petri Anführungszeichen stehen, die scheinbar die Sätze zweier verschiedener Sprecher abgrenzen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass es sich immer noch um ein und denselben Sprecher handeln muss, sonst ergäbe der Gesprächsverlauf keinen Sinn. Ich wurde mehrmals von diesem Phänomen ausgetrickst und war nahe dran, das Buch in die Ecke zu feuern.

Als ob das Geschilderte in dieser kosmischen Szenerie nicht schon die Vorstellungskraft des Lesers aufs Äußerste strapazieren würde, muss man sich auch noch mit den unwägbaren Fehlern des Übersetzers herumschlagen. Wer irgend kann, sollte sich also das Original besorgen. Das Thema lohnt sich nämlich.

Unterm Strich

„Ewiges Licht“ erweist sich im Endeffekt als ein befriedigender Roman. In der Mitte wartet der Autor mit zahlreichen Vorstellungen von der Geschichte und den Dimensionen unseres Universums auf, die doch herausfordernd sind. Hier werden die Muskeln der Vorstellungskraft gut trainiert. Der Schluss führt die Handlung wieder zurück in menschlichere Dimensionen und weckt dabei große positive Erwartungen: Dorthy bringt eine Tochter zur Welt, die sehr ungewöhnlich ist.

Punktabzug

Wenn die deutsche Übersetzung nicht eine mittlere Katastrophe wäre, könnte man das Buch sogar genießen. So aber muss man dem Interessenten raten, lieber zur Originalausgabe zu greifen, sofern sie noch nach all den Jahren lieferbar ist. 13 Jahre sind in den Tagen des Internets bereits eine Ewigkeit.

Taschenbuch: 591 Seiten
Originaltitel: Eternal Light, 1991
Aus dem Englischen von Winfried Petri
ISBN-13: 9783453085640

www.heyne.de

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