Paxson, Diana L. – Herrin von Camelot, Die (Artor 3)

_Zerrissen zwischen zwei Königinnen_

Dies ist die direkte Fortsetzung von „Die Herrin der Raben“, dem spannenden zweiten Band von Diana L. Paxsons Artor-Zyklus. Paxson erzählt historisch annähernd zutreffend, mit Tempo und dennoch einem mystischen Hintergrund, der auch Fantasyfreunde anspricht. In den Romanen um die geheiligte Insel geht es einerseits um die Insel Britannien nach dem Abzug der Römer, andererseits um die „Insel der Maiden“, eine Schule von Priesterinnen der alten Religion, also ein zweites Avalon.

_Hintergrund: Vier heilige Objekte_

Die vier Bücher des Artor-Zyklus von Diana Paxson orientieren sich an den vier heiligen Gegenständen der irisch-keltischen Sagenwelt. Nach dem Speer und dem Schwert ist nun der Kessel dran, der Stein* wird den Zyklus abschließen. Der Kessel ist der Göttin Ceridwen gewidmet, die für Fruchtbarkeit und alles, was damit zusammenhängt, zuständig ist. (Daher beginnt das Buch mit der Geburt Mordreds, Artus‘ Schwestersohn. Er wird im Buch Medrod genannt.)

Mit Ceridwens Kessel hat es eine besondere Bewandtnis: Während er natürlich alle im Überfluss ernährt, so unterscheidet er doch laut Sage zwischen tapferen und treuen Männern und Feiglingen. Über diese Erkenntnis hinaus kann er weitere Fähigkeiten verleihen, wie etwa das Zweite Gesicht. Wie alle Geschenke, die die Götter den Menschen machen, ist auch dieses zweischneidig und sollte klug verwendet werden.

Natürlich verbirgt sich hinter den Legenden um den Kessel die Sage um den Heiligen Gral, die fast 700 Jahre später von christlichen Hofdichtern zu einer Art ritterlichem Kreuzzug umgedichtet wurden. Diesen Hintergrund erhellt Herausgeber Helmut Peschs gelehrtes Nachwort optimal.

_Handlung_

Die Fürsten Britanniens haben die eingedrungenen Sachsen unter Artors Führung zurückgeschlagen (Buch 2: „Die Herrin der Raben“) und träumen von einer Wiederkehr vergangener glorreicher Zeiten im Zeichen des Friedens. Doch auch das Gedeihen will erst verdient sein.

Aber in den Herzen und Erinnerungen der klugen und stolzen Frauen der alten britischen Stämme, etwa in Igraine und ihrer Tochter Morgause, lebt die Macht der einen Göttin weiter, die einst Britannien beherrschte. Igraine lebt nun auf der Insel der Maiden im nordenglischen Lake District, eine Art Avalon. Morgause ist Königin in Edinburgh und bekommt an Beltene (1. Mai) ihr fünftes Kind: Medrod ist von ihrem Bruder Artor, empfangen während des letzten Lugus-Festes.

Nun verkündet König Artor, dass die Waffen des Krieges schweigen sollen, und ruft seine Mutter Igraine, die [Herrin vom See,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=213 auf, den Kessel der Göttin zu beschwören, um dem Land Frieden und Fruchtbarkeit zu bringen, d. h. in erster Linie natürlich auch einen Erben für den Thron.

Igraine hat mittlerweile für ihn eine Braut auserkoren: Gwendivar, die Tochter König Leodegranus‘ von Südwales. (In anderen Legenden stammt sie aus Irland und ist Christin.) Die Elfen haben ihr das Zweite Gesicht verliehen. Fortan hat Gwendivar eine Vorliebe für Quellen und Teiche, wo die Elfen zu finden sind (und auch die Göttin).

Die Hohepriesterin Igraine hat erkannt, dass ihre Tochter Morgause, Artors Schwester, ein tödliches Geheimnis verbirgt: Die Königin wird von Machthunger verzehrt. Als Igraine ihr aufgrund ihrer sittlichen Unreife die Nachfolge als Priesterin der Göttin verweigert, auf das Morgause von Geburts wegen Anspruch erhebt, wendet diese sich der verbotenen Magie der Pikten in den schottischen Highlands zu. Diese soll ihr dazu dienen, eine Waffe zu schmieden, die Artor und sein Reich vernichten wird: Ihr Werkzeug ist Medrod, ihr jüngster Sohn.

Die einzige Hoffnung für das Land Britannien liegt in der jungen Prinzessin Gwendivar (= Guinevere, der „weiße Geist“). Aufgewachsen auf einem heiligen Hügel in Somerset, der „Insel aus Glas“, wird sie zur entfernten Schülerin Igraines, der Herrin vom See, obwohl sie selbst nie auf der ‚Insel der Maiden‘ wohnt. Sie wurde von ihr dazu bestimmt, Artors Frau zu werden. Doch kann sie auch rechtzeitig lernen, ihre eigenen Kräfte nutzbringend einzusetzen? Denn die Männer betrachten die Hochkönigin als Verkörperung der Göttin.

Als Gwendivars Nachwuchs aufgrund Artus‘ Impotenz aubleibt, wendet sich das Blatt: Seuchen, Stürme und Hunger bringen Unheil übers Land. Nur der Kessel der Fruchtbarkeit und des Heils kann helfen, der „Gral“. Doch schon nach seinem ersten Einsatz wird er von Morgause geraubt: Was wird die boshafte Zauberin mit dem heiligen Gefäß anstellen?

_Mein Eindruck_

Wen diese Handlung nun schwer an „Die Nebel von Avalon“ erinnert, der liegt keineswegs falsch. Der einzige Unterschied liegt im Fehlen von dessen Hauptfigur Morgaine. Diese geht zum Teil in Morgause auf, etwa als Artors Kindsmutter und Schwester. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass Guineveres Kinderlosigkeit nicht auf auf einem Fluch beruht, sondern auf Artus‘ Impotenz – diese wiederum wurde von Morgause psychologisch ‚geschickt‘ herbeigeführt. Doch seltsamerweise kann Guinevere auch durch andere Männer nicht geschwängert werden, und das wird eben nicht erklärt. Das Gleiche gilt für Morgauses unerklärliche Unfruchtbarkeit, nachdem sie immerhin fünf Söhne geboren hat.

Der Action-Fan hat es schon gemerkt: Dieser Band der Tetralogie dreht sich fast nur um Frauen, um die Fortpflanzung, um Sex. Entsprechend erotische Szenen schildert Paxson, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wer also nicht an Bett-Action interessiert ist, der kommt diesmal nicht auf seine Kosten. Es gibt nur ganz kurz eine gute Szene, als Artor seine entführte Gwendivar wieder zurückerobert und die Iren Mores lehrt.

|Schwächen|

Mich beschlich bei der oder anderen Szene ein ungutes Gefühl. Das häufte sich, je mehr sich die Handlung dem Schluss des Bandes näherte. Zunehmend fehlen, wie erwähnt, Erklärungen, zumindest rationale, die auf Ursache-Wirkung-Ketten basieren. Vielmehr treten an deren Stelle mystische, um nicht zu sagen metaphysische Kräfte, die auf das Geschehen Einfluss nehmen, auch wenn sie nicht einmal erwähnt werden. Auch die Versöhnung zwischen Morgause und ihrer Mutter Igraine kommt etwas unerklärt. Hier setzt die Autorin ein wenig viel Gutgläubigkeit im Leser voraus.

Auch Medrod taucht am Schluss überhaupt nicht mehr auf. Okay, er ist erst dreizehn Jahre alt, da wird er nicht gleich als Raubritter durch die Lande ziehen. Unter der Fuchtel seiner Mutter sowieso nicht. Offenbar hat die Autorin die Medrod-Szenen für den letzten Band aufgespart. Dann hätte sie aber wenigstens einen Cliffhanger-Schluss anfügen können. Davon findet sich in diesem Buch jedoch keine Spur. Es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

_Die Autorin_

Diana L. Paxson war zu Lebzeiten Marion Zimmer Bradleys deren engste Mitarbeiterin sowie die Co-Autorin der „Avalon“-Romane. In ihren eigenen Büchern verbindet Paxson genaue historische Recherche mit Elementen aus Mythos und Sage. Als eine der führenden Vertreterinnen der neo-heidnischen Bewegung in den USA zeigt sie dabei ein besonderes Interesse für die paganen Religionen der Spätantike (so etwa das 5. Jahrhundert) und des Mittelalters: Sie kennt die alten Göttinnen und Götter nicht nur aus Büchern, sondern möglicherweise auch aus eigenem Erleben, etwa von Besuchen an deren Tempeln und Altären. Mehrere genaue Beschreíbungen solcher Orte in ihrem Artor-Zyklus sprechen dafür.

* Der historisch Interessierte sollte in seiner Enzyklopädie (oder bei wissen.de und wikipedia.org) mal unter dem Stichwort „Stone of Scone“ oder „Jakobssitz/-stein“ nachschlagen. Es handelt sich hierbei um den uralten heiligen Steinthron, auf dem Schottlands Könige und Königinnen gesalbt wurden. Die Engländer raubten den Stein nach Schottlands Unterwerfung und verbargen ihn in der Westminster-Kathedrale. Heute befindet sich der Stein, so Helmut Pesch im Nachwort, wird in Schottland. Theoretisch könnte Schottland wieder ein Königreich werden …

|Originaltitel: The Hallowed Isle: Book Three: The Book of the Cauldron, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Krug
Nachwort von Helmut Pesch|