Peter Verhelst – Das Muskelalphabet. Roman

Anspruchsvolle, erotische Phantastik

Ein junger Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, die kostbaren Bestände einer unterirdischen Bibliothek aus dem 16. Jahrhundert zu ordnen. Allein in dem unheimlichen Gewölbe und umgeben von alten Grabstatuen, verrichtet er seine Arbeit als Archivar – und wird plötzlich mit höchst mysteriösen Ereignissen konfrontiert… (verlagsinfo)

Wie geht mann mit einer jungen rothaarigen Frau um, die sich in einen Engel verwandeln will? Mann verliebt sich Hals über Kopf mit Haut und Haar in sie. So eine Frau ist Lore in Peter Verhelsts Roman „Das Muskelaphabet“. Ein junger Archivar schreibt hier sein Tagebuch über die merkwürdigen und tragischen Ereignisse, die ihm nicht nur mit Lore zustoßen.

Der Autor

Peter Verhelst ist ein 1962 geborener Niederländer mit einem höchst individuellen und innovativen Stil. Hatte bereits sein ausgezeichneter Roman „Der Farbenfänger“ eine amour fou zum zentralen Thema, so ist ihm auch mit „Das Muskelalphabet“ ein an Bedeutungsebenen reicher erotischer Roman gelungen. Ich mag seinen anschaulichen und konzentrierten Stil, der aufgrund seiner zahlreichen Andeutungen und Lücken viel Raum für die Fantasie lässt.

Handlung

Die Buchdiebin

Zusammen mit drei anderen jungen Frauen wollte Lore ihren Körper umformen, wollte ihn asexuell machen: keine Brüste, keine weiblichen Rundungen, Waschbrettbauch, keinerlei Haare usw. – das volle Programm. Leider hat der Abschluss nicht ganz geklappt: zwei stiegen aus dem Programm aus, und als es ans Fliegen ging, stürzte Lores beste Freundin ab. Doch Lore ist ein Überlebenstyp. Sie taucht bei dem jungen Archivar in der öffentlichen Bibliothek auf und lässt ein Buch mitgehen. Abfangen zwecklos. Zudem lebt Lore in der Wohnung auf der anderen Seite der Straße und bietet ihm Tanzvorführungen. Klar, dass er nicht mehr von ihr lassen kann. Mit frisch geschorenem Kopf begleitet sie ihn in nobelste Restaurants.

Das Alphabet

Die Tänze, die sie ihm vorführt, als er ihr etwas von seiner Arbeit in der Krypta einer Kirche erzählt, sind etwas ganz Besonderes und machen sie unwiderstehlich. Sie tanzt im Dunkeln, doch ihre Fingerspitzen sind mit fluoreszierender Farbe bedeckt, so dass er nur ihren Händen folgen kann. Später findet er mit Hilfe eines Computers, der das Video auswertet, heraus, welche Figuren sie getanzt hat. Die Figuren entsprechen bestimmten Buchstaben des Alphabets. Lore ist bereits wieder verschwunden, als er mit wachsendem Entsetzen so ihre letzte Botschaft entziffert: D, E, L, E, T, E. (Löschen!). In seinem Kopf ertönt der Soundgarden-Song „Black Hole Sun“…

Der Job

Dies ist die Schnittstelle zur aktuellen Arbeit des Archivars. In der Krypta erhält er E-Mail-Botschaften unbekannter Herkunft, die sich mit der Sonne und dem Universum befassen. Sie könnten aus Stephen Hawkings Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ stammen. Wie sich herausstellt, stammen sie von René, seinem Vorgänger in der Krypta, der fast völlig gelähmt im Rollstuhl im Krankenhaus sitzt. Diese E-Mails sind die letzten Botschaften eines sterbenden Mannes. Ebenso wie DELETE Lores letzte Botschaft war. Und natürlich enthält die so verhängnisvoll auf René wirkende Krypta ebenfalls eine letzte Botschaft, allerdings in einer Bedeutungsebene, die uns heute unvertraut ist.

Die Gruft

Unter den Grabplatten der Krypta befinden sich die sterblichen Überreste der Familie eines reichen Bankiers aus dem 16. Jahrhundert. Aufgabe des Archivars ist die katalogisierung der umfangreichen Bibliothek in dem reich geschmückten Gewölbe. Riesige steinerne Statuen stellen allegorisch nicht nur die 7 Freien Künste mit ihren Attributen dar, sondern, wie ihn Lore aufzeigt, auch die 7 Todsünden! Und in der zerbrochenen Figur eines schwarzen jungen Mannes finden sich kleine Päckchen an 7 Körperstellen. Die Linien zwischen diesen Stellen zeichnen das Siebengestirn der Plejaden nach. Die Plejaden waren der Sage zufolge die 7 Töchter eines antiken Paares, die vor den Nachstellungen des Jägers Orion ans Firmament versetzt wurden. Und Lores letzter Tanz beschreibt die Figur der Plejaden nach. Der Kreis (der letzten Botschaften) schließt sich.

Mein Eindruck

Ein angemessenerer Titel für diesen bedeutungsreichen erotischen Roman wäre „Black Hole Sun“ statt des prätentiösen „Muskelalphabet“. Dieses Alphabet reicht nämlich nur von A bis C. Und es lenkt die Aufmerksamkeit auf den falschen Aspekt: Auf die Arbeit im Archiv, wo sich Muskeldarstellungen in den Büchern finden – ebenso wie im Text übrigens. Doch dieses Thema lenkt von der erotischen Beziehung, die der Archivar zu Lore (und zu Inez und zu Iris) hat, ab.

Es ist eine hoffnungslose amour fou zu einem Wesen, das keine Schranken akzeptiert, weder in ihrem Menschsein, noch in ihrem Frausein. Doch genau dies macht Lore so anziehend. Mag auch diese Liebe ohne Bestand sein, so liegt doch ihr Wert in ihr selbst: „Verschwende deine Jugend!“ steht als Motto vor dem Roman.

Taschenbuch: 192 Seiten
Originaltitel: Het spierenalfabet, 1995.
Aus dem Niederländischen übertragen von Barbara Heller
ISBN-13: 9783442540617

www.Randomhouse.de

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