Peters, Elizabeth – Im Schatten des Todes

_Mumien, Mythen, Mitgiftjäger: Action in Ägypten_

Zwei britische Damen schippern Ende des 19. Jahrhunderts den Nil hinauf, um die Königsgräber von Amarna im Tal der Könige zu besuchen. Zu ihrem nicht geringen Schrecken ist eine wandelnden Mumie hinter der schwächeren der beiden Damen her, um sie zu entführen. Oder möchte ihnen jemand nur einen üblen Streich spielen?

_Die Autorin_

Dr. Elizabeth Peters promovierte in Ägyptologie. Das hat sie als Autorin auch umgesetzt, so etwa in diesem Buch. 1986 wurde sie mit dem Anthony Grand Master Award und 1989 mit dem Agatha [Christie] Award ausgezeichnet. In ihrer Amelia-Peabody-Reihe, zu der dieses Buch gehört (tatsächlich ist es der Auftaktroman der Serie), liegen siebzehn Bände vor, fünfzehn davon auf Deutsch. Auch als „Ellis Peters“ war sie mit ihren Bruder-Cadfael-Krimis erfolgreich, die u. a. mit Shakespeare-Schauspieler Derek Jacobi verfilmt wurden. Insgesamt soll die Verkaufszahl aller Peters-Titel laut Verlag bei rund zwei Mio. Exemplaren liegen. Sie schreibt auch unter den Pseudonymen Barbara Michaels und Barbara Mertz (ihr bürgerlicher Name ist Barbara Louise Gross Mertz).

_Handlung_

Miss Amelia Peabody, 32, unverheiratet, ist nicht gerade die durchschnittliche englische Lady: Sie hat eine halbe Million Pfund Sterling geerbt, hasst Röcke und lehnt es ab zu heiraten. Da braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie Ende des 19. Jahrhunderts (ca. 1887, zur Zeit des Mahdi-Aufstands im Sudan) eine Menge hochgezogener Augenbrauen hervorruft und ihr alle möglichen Abenteuer mit den Herren der Schöpfung zustoßen.

Als Tochter eines (soeben verstorbenen) Ägyptologen macht sie sich natürlich irgendwann auf den Weg zu den Stätten ihrer Sehnsucht, den Pyramiden und Pharaonengräbern am Nil. Doch vorab rettet sie eine junge mittellose Engländerin auf dem Forum Romanum aus einer der Ohnmachten, zu denen dieses unterernährte Geschöpf neigt. Der Name: Evelyn Barton Forbes. Das Schicksal: Opfer eines italienischen Mitgiftjägers namens Alberto, der sie um ihre Erbschaft bringen wollte. Als es mit der Erbschaft nichts wurde, weil Evelyns Cousin Lucas der Haupterbe von Lord Ellesmere wurde, ließ Alberto Evelyn sie sang- und klanglos sitzen. Die patente Amelia nimmt sich des armen Dings an und macht es zu ihrer Freundin. Zusammen fahren sie nach Kairo.

Beim Besuch der Pyramiden von Gizeh (al-Dschīza) wagt es nur Amelia, in das Innere des Grabmals von Pharao Chufu (= Cheops) vorzudringen; Evelyn schlottern vor Angst die Knie. In einem der Museen begegnen die beiden Ladys erstmals den beiden ungleichen Brüdern Emerson. Sie sind leicht zu unterscheiden: Radcliffe ist der hünenhafte Rüpel und Walter der feinsinnige Romantiker, der sich unsterblich in Evelyn verliebt – allerdings kennen sich die beiden bereits. Evelyn mag ihn wesentlich lieber als ihren Cousin Lucas, der ihr ebenfalls nachstellt und einen Antrag macht.

Nachdem der Museumsdirektor die Damen aus dem reichen Fundus seiner geraubten Schätze beschenkt hat, reist man ab an den oberen Nil, nach Amarna, wo etliche Königsgräber der Ausgrabung harren. Bevor es losgeht, finden merkwürdige Begegnungen statt: Der treulose Alberto ist abzuwehren, und an Amelias Bett erscheint eine mumienhafte Gestalt, die sofort wieder verschwindet …

In Amarna herrschen schlimme Zustände, die die Ägyptologin entsetzen: Landbevölkerung und Touristen gleichermaßen nehmen sich einfach die Funde, die sie in den Gräbern machen, verkaufen sie oder nehmen sie als Souvenir mit nach Hause. Von Wissenschaft keine Spur!

Radcliffe Emerson hat Echnatons Grab entdeckt, ist aber danach schwer fieberkrank geworden. Amelia heilt ihn und restauriert die Friese, während Evelyn die Wandmalereien zeichnet. Nachdem ein neues Grab mit einer Mumie darin entdeckt wurde, erregt das Verschwinden der Mumie einiges Aufsehen. Erst recht dann, als die Mumie zurückkommt und sich an Evelyn heranmacht. Das „Ding“ schlägt auch die Arbeiter in die Flucht, die den Fluch eines Priesterzauberers fürchten. Wer verbirgt sich hinter der Maske der wandelnden „Mumie“?

Amelias Misstrauen ist geweckt. Zusammen mit dem mittlerweile eingetroffenen Lucas Hayes, jetziger Lord Ellesmere, stellen sie und die Emersons dem „Ding“ eine Falle. Doch leider verläuft die folgende nächtliche Auseinandersetzung ganz anders, als sich das Amelia vorgestellt hat …

_Mein Eindruck_

Die Autorin versteht es hervorragend, mehrere Themen unter einen Hut zu bringen und den Leser durch Spannung, Romantik und Humor zu unterhalten. Anfangs spielt das romantische Thema eine wichtige Rolle, allerdings aus weiblicher Sicht, und deshalb stets auch mit ein wenig Existenzangst vermischt – Erbschaft ja oder nein, das kann schon den Unterschied zwischen Wohlstand oder Untergang bedeuten, wie der Fall von Evelyn Barton zeigt. Deshalb lautet die Devise, aufs richtige Pferd, pardon: auf den richtigen Mann zu setzen. Das ist auch nicht so einfach. Und bietet eine Menge Überraschungen.

Dass bei den Gräbern nächtens unheimliche Mumien wandeln, heulen und stöhnen, trägt nicht gerade zur Beruhigung der femininen Nerven bei. Evelyn fällt regelmäßig in Ohnmacht, aber das kennen wir schon. Amelia Peabody ist eher der energisch-rationale Typ und würde das „Ding“ sofort angreifen, wenn, ja wenn, die vermaledeiten Röcke nicht immer im Weg wären – die Viktorianerinnen trugen diese unbequemen Dinger Tag und Nacht. Sie fällt regelmäßig auf die Nase, was ihrem Stolz nicht besonders bekommt. Schließlich wird es ihr zu bunt, und sie bindet die Unterröcke an ihren Beinen fest: improvisierte Männerhosen – shocking!

Natürlich ist Amelias kriminalistischer Spürsinn geweckt, und sie setzt alles dran, das Rätsel der wandelnden Mumie zu lösen. Unerwartete Schützenhilfe erhält sie von Radcliffe Emerson, den sie ja gesundgepflegt hatte. Zwischen beiden läuft allmählich etwas, das merkt auch der stumpfsinnigste Leser. Um Evelyns Wohlergehen bemüht, versucht sie sie mit Walter zu verkuppeln. Weil Radcliffe seinen Bruder Walter jedoch keine arme Kirchenmaus heiraten lassen will, muss Amelia erst einmal Radcliffe überreden. Zu ihrem Erstaunen arbeiten die folgenden spannenden Ereignisse zu ihren Gunsten …

„Im Schatten des Todes“ erweist sich nach ein wenig Anlauf als ein nettes, altmodisches Ägypten-Abenteuer, in dem amouröse Nöte und rätselhafte Schurken die Helden und Heldinnen auf Trab halten. Selbstverständlich wartet am Schluss ein rundum beglückendes Happy-End auf den Leser, allerdings mit der einen oder anderen Überraschung.

Die zahlreichen Dialoge, aus denen das Buch überwiegend besteht, lassen die Handlung lebendig wirken. Dass die Äußerungen vor allem Amelias durchaus sarkastisch und ironisch gemeint sind, lässt uns Auer schnell merken. Diese humorvolle Seite des spannenden, romantischen Abenteuers ist sehr wichtig, um uns zu vermitteln, dass sich Amelia sehr wohl ihrer eigenen Position bewusst ist. Sie steht aber nicht hochmütig darüber, vielmehr erweist sie sich beim rechten Mann, wenn er denn mal so weit ist, durchaus als Evastochter.

_Unterm Strich_

„Im Schatten des Todes“ – der Titel klingt dramatischer als das Buch wirklich ist – entpuppt sich als schwungvoll und listig angelegt Spannungsabenteuer mit amourösen Zwischentönen. Der Schauplatz der Pharaonengräber von Amarna (Tal der Könige) trägt viel zur geheimnisvollen Atmosphäre bei, in der sich das Rätsel der wandelnden Mumie, die es auf Frauen abgesehen hat, recht gut entfalten – und schließlich lösen – lässt. Hin und wieder empfiehlt sich eine Pause, um die rasch aufeinanderfolgenden Ereignisse Revue passieren zu lassen. Der Genuss wächst mit der feinen Dosierung. Für Gierhälse ist die fein gestrickte Geschichte zu schade.

Ältere Herrschaften mit Kenntnissen über das alte Ägypten, die Pyramiden und womöglich viktorianische Frauenzimmer werden sicher ihre helle Freude daran haben. Jüngere Herrschaften, die mit Mumien, Mythen und Mitgiftjägern nix am Hut haben, können dieses Buch guten Gewissens übergehen.

|Originaltitel: Crocodile on the sandbank, 1975
Aus dem US-Englischen von Leni Sobez|