Pierre Assouline – Dessous. Roman

Wider den Eros: das Verschwinden der Intimsphäre

Rémi hat seit zwei Jahren ein Verhältnis mit Victoria, von der seine Frau, eine Scheidungsanwältin, offenbar nichts ahnt. Doch eines Tages ist Victoria ohne ersichtlichen Grund verschwunden. Er ahnt lange Zeit nicht, dass er bei seiner Suche nach der Geliebten auf Schritt und Tritt überwacht wird. Aufgrund dieser erschütternden Entdeckung dreht er den Spieß jedoch kurzerhand um.

„Ein fulminanter Auftakt, gefolgt von Bravourstücken. Amüsant und unbarmherzig. Assouline liebt die spöttische Unverblümtheit. Er nimmt en passant alles aufs Korn, was sich bewegt, eine Konstante des Buchs, das sehr pikante Szenen liefert und damit entfernt an Philip Roth erinnert.“ Quelle: Le Figaro Magazine

Der Autor

Pierre Assouline, in Casablanca geboren, studierte orientalische Sprachen, bevor er sich dem Journalismus zuwandte. Der Redaktionschef der französischen Literaturzeitschrift „Lire“ (= Lesen) und Moderator der Kultursendung „Première Edition“ (= Erstausgabe) bei France Culture ist der Autor zahlreicher Bücher.

In dem Roman „Dessous“ (O-Titel „Double vie“ = Doppelleben), für den er mit dem „Prix des Libraires“ ausgezeichnet wurde, behandelt er eines der ältesten Themen der Literatur, den Ehebruch, und weiß dennoch zu überraschen. (Verlagsinfo)

Handlung

Der Paläontologe und Höhlenforscher Rémi Laredo ist mit der Anwältin Marie verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Doch seit zwei Jahren liebt er eine andere. Mit der Psychotherapeutin Victoria, der Frau des Arztes Robert Klein, trifft er sich zu leidenschaftlichen Rendezvous. Die Schauplätze entsprechen Victorias Vorliebe für halb öffentlichen, halb verborgenen Sex.

Doch eines Tages erleidet Rémi ein übles Missgeschick, als die beiden in seinem Auto in der Tiefgarage eines Hotels im Auto Liebe machen. Irgendwie wird der Airbag ausgelöst, und durch die Explosion wird Victoria so erschreckt, dass sie ihm beinahe sein bestes Stück abbeißt, statt es zärtlich zu liebkosen wie sonst.

Nun, mit solchen Bisswunden kann er sich jedenfalls bei seiner Frau nicht im Bett sehen lassen. Erst einmal sind sieben Tage Abstinenz im Ehebett angesagt, damit Marie ihm nicht auf die Schliche kommt. Für sie ist ein Seitensprung ein eklatanter Bruch des Ehevertrags und wird mit sofortigem Rausschmiss geahndet. Marie ist nämlich Scheidungsanwältin. Mit untreuen Ehefrauen hat sie kein Erbarmen. Momentan studiert sie das erotische Tagebuch einer solchen „Schlampe“, der einzige Beleg ihres „Verbrechens“. Rémi, ganz anders eingestellt, verteidigt die arme Seele von Tagebuchschreiberin. Nicht nur Marie, sondern auch sein Schwiegervater, halten Rémi für sehr verschroben, wenn nicht sogar für geistig derangiert.

Doch Rémi hat eine andere Sorge, die ihm zunehmend zusetzt: Victoria ist verschwunden. Die Geliebte kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt, sie hinterlässt keine Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter, er ruft sie sogar auf dem Handy und in der Praxis ihres Mannes Robert an – nichts. Da hilft nur eins: Er muss selbst Nachforschungen anstellen und vereinbart als erstes einen Behandlungstermin mit Dr. Robert Klein, einem Proktologen.

Mein Eindruck

Der Roman beginnt standardmäßig wie ein erotischer Roman mit einer Liebesszene. Etwas ungewöhnlicher ist schon mal der Schauplatz: halb öffentlich in einer Tiefgarage, wo doch beanntlich alle Tiefgaragen mit Videokameras überwacht werden. Und der Wächter kann das erspähte Motiv mit der Zoomfunktion vergrößern… Von solchen Feinheiten der Überwachung hat unser Höhlenforscher Rémi offenbar keine Ahnung, als er von Victoria versehentlich gebissen wird. Wie ein Airbag von zwei Liebenden ausgelöst werden kann, ist mir ebenfalls nicht ersichtlich. Der Autor setzt ein wenig viel Gutgläubigkeit voraus. Bei einem deutschen Fahrzeugingenieur käme er damit jedenfalls nicht durch den TÜV.

Totale Überwachung

Aber darum geht’s ja auch gar nicht. Es geht auch nicht um Sex, ob nun öffentlich oder nicht. Sondern es geht um die Überreste dessen, was bis vor wenigen Jahren noch als Privat- oder Intimsphäre bekannt war. Paradigmatisch dafür steht das fotografierte Pärchen auf der Umschlaginnenseite – siehe meine Beschreibung oben („Illustrationen“). Man braucht lediglich den Fotoapparat durch die Videokamera zu ersetzen. Rémi fällt aus allen Wolken, als ihm sein Chef eröffnet, er möge doch bitte mit dem Abruf bestimmter Internetseiten mit Infos über beschädigte Penisse aufhören. Auch seine Anrufe bei bestimmten Nummern (natürlich Victorias Nummern) scheine es an Motivation für seine Tätigkeit zu mangeln.

Rémi wird klar, dass alle seine Kommunikationsmäglichkeiten überwacht werden, daher ruft er nur noch von öffentlichen Fernsprechern an, aber ohne Kreditkarte, sondern mit Prepaid-Card. Allesamt neue Erfahrungen für den Höhlenforscher, der am liebsten die glorreiche Vergangenheit vor dem Fortschritt – etwa einem Staudammprojekt – bewahren würde.

Doch er ahnt lange nicht, dass selbst seine Gastgeber aus dem Großbürgertum die optische und akustische Überwachung zu ihrem Hobby erkoren haben, das ihnen strategische Vorteile in der Geschäftswelt verschaffen soll. Bei einem Aufenthalt im Haus seiner Schwiereltern und dreht den Spieß um, indem er die Telefonanlage benutzt, um seine Frau und deren Vater abzuhören. Sie sagen wenig Schmeichelhaftes über den Lauscher. Aber das war ja zu erwarten.

Rémi ist so ein armer, ehrenhafter Trottel, dass er nicht einmal seine Frau fragt, warum sie ihren Wagen laut Parkschein in einer bestimmten Innenstadtstraße geparkt hatte, während sie doch angeblich auf einem Termin in Südfrankreich weilte. Das hätte vielleicht ein Hinweis sein können, dass seine Frau etwas mit Victorias Verschwinden zu tun haben könnte. Statt dessen ist es Rémi, dessen Knie zittern, als die Polizei wegen einer Madame Klein (Victoria) bei ihm in der Wohnung auftaucht…

The good, the bad, and the …?

Der Autor stellt uns vor die Wahl: Wer sind die Bösen und wer die Guten in diesem Stück? Rémi ist im Grunde ein feiner Kerl, der nur leider völlig den Anschluss an die modernen Zeiten verpennt hat. Sein Fetisch sind schöne Frauenhälse, nicht Handy-Klingeltöne. Aber leider funktioniert Rémi nicht besonders gut unter den veränderten Bedingungen. Das macht ihn angreifbar. Er verteidigt intime Tagebücher und deren Autorinnen als sakrosankt. Seine Frau hingegen prangert – vor Gericht und in aller Öffentlichkeit – die intimen Geständnisse als Indizien für das Verbrechen des Ehebruchs an. So etwa wie Intimsphäre gebe es einfach nicht.

Gesellschaftskritik

Wunderbar gelungen sind hingegen Rémis scharfsichtige Charakterisierungen der Gäste bei einem abendlichen Essen. Warum wohl hat ihn die gastgeberin neben eine potthässliche neureiche Ärztin gesetzt, die unausgesetzt mit ihrem Handy Patientenanfragen beantwortet? Und auf seiner anderen Seite streicht ihm ein Homosexueller wie unabsichtlich über die Hand – schauder! Dann sind da noch „die Kreatur“ – frisch aus Siliconbusen-Valley -, der „Aristokrat“, „die Geschiedene“, „der Prinzgemahl“ und viele weitere Karikaturen.

Als Rémis ostentativer Boykott der Unterhaltung allmählich auffällt, wird er subtil angegriffen, mit einem antisemitischen Beiwort. Die ach so hervorragende Abendgesellschaft der oberen Zehntausend erweist sich als Hühnerhof, in der jeder sich in die Hierarchie fügen muss, auch um den Preis der Demütigung und des Rassismus, wie Rémi erkennt.

Doch unser Held gibt keineswegs klein bei. Zur Belohnung wird ihm die Enthüllung der totalen Überwachung teil. Es wird ihm heiß und kalt bei dem Gedanken, dass eventuell sein leidenschaftliches Liebesspiel mit Victoria in der Garderobe auf Band aufgenommen wurde. Der Gastgeber versichert ihm jovial, dass wirklich jeder Ort – mit Ausnahme der Toilette – überwacht werde.

Schwächen

Nach dem aufregenden Auftakt schiebt der Autor eine lange Passage ein, in der er uns mit der Ehe und Familie von Rémi bekanntmacht. Obwohl Marie das dritte Eck des Dreiecks darstellt, das für den Ehebetrug nötig ist, konnte ich mich für ihre Figur keineswegs erwärmen. Möglicherweise entspricht sie zu sehr den Klischeevorstellungen, die ich mir von sittenstrengen Scheidungsanwältinnen mache. Aber der Autor tut auch nichts, um diese Vorurteile zu unterlaufen oder zu widerlegen.

Statt dass nun Victoria in irgendeiner Gestalt auftaucht, irrt Rémi durch die Stadt, „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit der Geliebten. Auch Polizisten oder andere Ermittler tauchen nicht auf, denn Rémi hat natürlich Angst vor der Entdeckung seiner Affäre. Erst im letzten Drittel fand ich die Wendung der Dinge wieder richtig interessant und die Ironie von Rémis Situation tritt immer deutlicher zutage. Der Schluss kam dann doch ziemlich überraschend – für den Leser wie für Rémi. Er ist offenbar ein unzuverlässiger Chronist.

Die Übersetzung
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Warum schreibt die Übersetzerin auf Seite 110 „Fingerbeeren“? Sie meint vermutlich „Fingerkuppen“. Das ist aber der einzige Ausrutscher, den ich in einem ansonsten tadellos übersetzten Text finden konnte.

Die Illustrationen

Das Titelbild zeigt einen Spitzen-BH auf einem Lampenschirm. Die Stehlampe befindet sich neben einem Tischchen, auf dem ein verräterischer Gegenstand liegt: die schnurlose tastatur für einen Internetzugang, der über den Fernseher erfolgt. Dieses TV-gerät steht offensichtlich in einem Hotelzimmer. Und welche Frau zieht sich schon in einem Hotelzimmer aus? Na, eben: entweder eine Flitterwöchnerin oder eine, die nicht mit jemandem zusammen gesehen werden will – ihrem Liebhaber.

Die Umschlaginnenseitenzeigen ein Liebespaar, das in einem Auto sitzt, das am Meeresufer steht. Unser Blick fällt aber keineswegs direkt auf die zärtlich lachende Frau mit dem Ohhring und den Mann mit der Krawatte, sondern vielmehr auf den Rückspiegel des Autos, in dem sich ihr Bild reflektiert. Das Bild spielt eine Rolle in der Geschichte. Es handelt sich um Elliott Erwitts Bild „Kalifornien“ aus dem Jahr 1955. Im Roman setzt die Hauptfigur Rémi das Bild als Puzzle zusammen.

Der Fotograf des Motivs ist ein Späher, der nicht gesehen werden will. Der Verdacht liegt nahe, dass er heimlich fotografiert. Er ist entweder ein Spanner oder ein Detektiv. Und in letzterem Fall liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Pärchen um Menschen handelt, die zwar verheiratet sind, aber nicht miteinander. Und genau darum geht es in „Dessous“: um Betrug.

Unterm Strich

Der Roman heißt im Original „Doppelleben“, und das ist auch sein Thema. Wer hier eine heißen erotischen Schmöker sucht, wie sich schon nach der ersten deftigen Sexszene im Niemandsland wiederfinden. Denn es geht um die Folgen für den Mann und seine Ehe bzw. Familie. Insofern handelt es sich bei „Doppelleben“ eher um eine gesellschaftliche Untersuchung mit begrenztem Unterhaltungswert.

Als bissige Kritik des sogenannten Großbürgertums von Paris taugt das Buch schon eher und wurde von den französischen Kritikern auch entsprechend gewürdigt. Das Verschwinden bzw. die Vernichtung der Privat- und Intimsphäre, das die Realisierung der Liebe unmöglich macht, ist ein angemessen ernsthaftes Thema, über das sich auch Leser Gedanken machen sollten, die keine akademische Ausbildung haben wie die Figuren des Romans. Sie sind nämlich ebenfalls unmittelbar von dieser Entwicklung betroffen.

Wer deftige erotische Unterhaltung sucht, wird bei Autorinnen wie Pauline Réage, Laura Reese oder den Vielschreiberinnen der Black-Lace-Reihe, die bei Bastei-Lübbe erscheint, wohl eher fündig.

Michael Matzer (c) 2004/2018ff

Hardcover: 251 Seiten
Originaltitel: Double vie, 2001
Aus dem Französischen übersetzt von Christiane und Hartmut Brühl
ISBN-13: 9783785715536

www.luebbe.de

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